Rationalismus

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Rationalismus (vgl. Ratio) bezeichnet eine Geisteshaltung, die das begrifflich-schlussfolgernde Denken des menschlichen Verstandes überbetont und die Rückbezogenheit auf Erfahrung und Vernunft, Wille und Gemüt, Geschichte und Autorität in Gemeinschaft und Religion vernachlässigt.

Inhaltsverzeichnis

Erklärung

Während sich rationalistische Haltungen immer wieder im Lauf der gesamten Geistesgeschichte finden, bezieht sich der Rationalismus als Lehre besonders auf Erkenntnistheorie und Religionsphilosophie. Der erkenntnistheoretische Rationalismus sieht die Gewissheit menschlicher Erkenntnis in der Sichterheit des analytisch-deduktiven Denkens von Logik und Mathematik begründet. Dadurch werden Grundlage und Funktion menschlichen Denkens verzerrt. Das abstrakte Denken gründet nämlich in der von der Vernunft erhellten Erfahrung. Indem der Rationalismus eine andere Grundlage dafür ansetzt (angeborene Ideen), tritt die Rüdcbezogenheit des Erkennens auf die erfahrene Seinsordnung zurück: die Aufmerksamkeit wendet sich nur dem Möglichen als Begreifbaren zu (Seinsvergessenheit). Damit wird aber die Bedeutung der erfahrenen geschichtlichen Wirklichkeit des Menschen vernachlässigt, was den Mangel des Rationalismus an Verständnis für geschichtliche und gesellsdtaftliche Bindungen erklärt und zum religionsphilosophischen Rationalismus überleitet. Aus der Geringschätzung der Erfahrung werden auch Neigungen des Rationalismus zu Ontologismus und Dualismus verständlich.

Friedrich Nietzsche sagt: "Eine Umwandlung des Wesens durch Erkenntnis ist der gemeine Irrtum des Rationalismus mit Sokrates an der Spitze" [1]

Der Rationalismus der Neuzeit

Zu Beginn der Neuzeit entspringt der Rationalismus dem Streben, gegenüber dem zerfallenden überkommenen Weltbild einen Ausgang zu gewinnen, der hinsichtlich Gewißheit und Methode am Vorbild der mathematischen Klarheit und Durchsichtigkeit ausgerichtet ist. An die Stelle der schon im Nominalismus der Spätscholastik zerfallenden Einheit von Erfahrung und Vernunft treten als inhaltliche Grundlage sicherer Erkenntnis die angeborenen Ideen (René Descartes), aus denen dann nach der Weise der Mathematik (Baruch de Spinoza) die Gewißheit begründet wird, so dass die Erkenntnis letztlich nur als Analyse der Ideen aufzufassen ist (Urteilstheorie von Gottfried Wilhelm Leibniz). Dieses Denken fand im Schulsystem Christian Wolffs systematische Ausprägung und wirkte sich stark in der Philosophie, zur Zeit der Aufklärung aus. Dieses Erbe des Rationalismus bestimmt auch noch Immanuel Kants Versuch, Verstand und Erfahrung zu einen, und das Ideal einer apriorischen, absoluten Vernunftwissenschaft im Deutschen Idealismus. Für den reilgionsphilosophischen bzw. theologischen Rationalismus ist die Reflexion des menschlichen Geistes nicht Aufweis der horchenden Verwiesenheit des Menschen an Gott und Mittel zur Aufnahme des Wortes der Offenbarung, sondern kritisch reduzierender Maßstab, der aus diesem Wort alles ausschaltet, was sich nicht vom rein menschlichen Verstand her "begreifen" läßt. Wurzelnd im aufklärerischen Deismus und Autonomismus, wird alles Übernatürliche in Offenbarung, Tradition, Kirche und Glaube umdeutend abgebaut, so dass es zu einer Reduktion des Christentums auf natürliche Religion, der Theologie auf eine Philosophie kommt. Dies äußert sich auch in Formen negativer Bibelkritik (Liberale Theologie). Dieser Rationalismus nahm seinen Ausgang von der englischen rationalistischen Religionsphilosophie (Deismus), von Herbert von Cherbury und John Toland, blühte im 18. und 19. Jahrhundert und spielt als unausgesprochene methodische Voraussetzung in verschiedenen Formen der Exegese und Theologie immer noch eine unheilvolle Rolle.

Der Ursprung des Rationalismus liegt in der falschen Philosophie

Papst Leo XIII. schreibt zum Ursprung: "Auf dem so erschlossenen Weg erschien nun die falsche Philosophie des 18. Jahrhunderts mit ihrem Hochmut und ihrer Spottsucht. Und sie ging noch weiter. Sie verhöhnte die Heilige Schrift und verwarf kurzweg jede göttlich geoffenbarte Wahrheit. Ihr Endziel war es, den Glauben, ja jeden Hauch christlichen Geistes im Herzen der Völker zu ersticken. Dieser Quelle entsprangen die Systeme des Rationalismus und Pantheismus, des Naturalismus und Materialismus mit ihrer verderblichen, zersetzenden Wirkung, übrigens alte in neuem Gewand wiedereingeführte Irrtümer, die von den Vätern und Apologeten der ersten christlichen Zeiten längst siegreich wiederlegt worden waren." (Leo XIII. am 19. März 1902 im Apostolsichen Brief Pervenuti all'anno über den Kampf gegen die Kirche und dem Herd der Antikirchlichen Machenschaften, Nr. 8).

Ziel des Rationalismus

Am 24. April 1870 beschreibt das Erste Vatikanische Konzil in der Dogmatischen Konstitution Dei filius über den katholischen Glauben das Ziel in Nr. 4+5:
4... Sogar die Heilige Schrift die man doch anfangs als die einzige Quelle und Regel der christlichen Lehre hinstellte, will mal jetzt nicht mehr als von Gott gegeben ansehen, sondern man hat sich unterfangen, sie zu den mythischen Dichtungen zu zählen. Dann entstand die bekannte Lehre des Rationalismus und Naturalismus, und fand nur zu weit Verbreitung in der Menschheit. Sie steht in vollem Gegensatz zur christlichen Religion, dieser ganz übernatürlichen Institution. Sie strebt mit aller Macht darnach, Christus, unsern alleinigen Herrn und Erlöser, aus den Herzen der Menschen, aus dem öffentlichen Leben und der Kultur der Völker zu verbannen. Dafür soll das Reich der bloßen Vernunft oder Natur, wie sie es nennen, aufgerichtet werden. Nachdem aber einmal alle christliche Religion preisgegeben und weggeworfen, der wahre Gott und sein Gesalbter weggeleugnet war, stürzten viele Geister in den Abgrund des Pantheismus, Materialismus und Atheismus. Zuletzt ist die Folge, dass man sogar die vernünftige Menschennatur leugnet, keinerlei Regel rechten und sittlichen Tuns gelten lässt, und so auf die Zerstörung auch der tiefsten Grundlagen der menschlichen Gesellschaft hinarbeitet.
5 Bei diesem allgemein um sich greifenden Unglauben irrten leider auch einige Söhne der katholischen Kirche vom Weg der wahren Frömmigkeit ab, und mit dem Verblassen der Glaubenswahrheiten schwand in ihnen allmählich auch die echt katholische Gesinnung. Unter dem Einfluss verschiedengerichteter, fremdartiger Lehrsysteme (Vgl. Hebr 13,9) vermengen und verwischen sie, wie man deutlich sehen kann, die Begriffe von Natur und Gnade, von menschlichem Wissen und göttlichem Glauben. Dadurch aber entstellen sie offensichtlich den wahren, klaren Sinn der Dogmen, wie ihn unsere heilige Mutter, die Kirche, versteht und lehrt, und gefährden so schwer die Unversehrtheit und Reinheit des Glaubens.

Papst Leo XIII. schreibt zum Ziel des Rationalismus: Der reine katholische Glaube kann nicht zusammengehen mit jenen Meinungen, welche dem Naturalismus oder Rationalismus beipflichten, deren Grundgedanke kein anderer ist, als: die christlichen Institutionen vollständig zu stürzen, Gott aus der Gesellschaft zu verbannen und dem Menschen die oberste Gewalt zuzuerkennen. (Leo XIII. am 1. November 1885 in der Enzyklika Immortale dei über die christliche Staatsordnung Immortale dei Nr. 47).

Das Dogma des Rationalismus, ist die Autonomie der Vernunft

Leo XIII. zeigt am 20. Juni 1888 in der Enzyklika Libertas praestantissimum über die Freiheit und den Irrtum des Liberalismus Nr. 15-16, dass das Dogma des Rationalismus die Autonomie der Vernunft ist. Er schreibt:
15 In der Tat, was die Naturalisten oder Rationalisten in der Philosophie anstreben, das wollen auf dem Gebiete der Moral und des bürgerlichen Lebens die Anhänger des Liberalismus erreichen, indem sie von den Naturalisten aufgestellten Grundsätze in die Moral und das Leben einführen. Die Grundidee des ganzen Rationalismus ist aber die Oberherrlichkeit der menschlichen Vernunft, welche der göttlichen und ewigen Vernunft den Gehorsam verweigert, sich für unabhängig erklärt uns sich selbst zum obersten Prinzip, zur Quelle und zum Richter aller Wahrheit aufwirft.
Er lehrt die unabhängige Moral:
Die genannten Anhänger des Liberalismus erklären also, dass es keine göttliche Gewalt über uns gebe, der wir im Leben zu gehorchen hätten, jeder sei vielmehr sich selbst Gesetz. Daraus ist jene sogenannte unabhängige Lebensanschauung entstanden, welche unter dem Scheine der Freiheit den Willen von der Heilighaltung der Gebote Gottes befreit, dem Menschen aber eine grenzenlose Zügellosigkeit zu gewähren pflegt.
Der Volkswille sei höchstes Gesetz:
Es ist leicht vorauszusehen, wohin dies alles besonders in der menschlichen Gesellschaft führen muss. Steht einmal die Überzeugung fest, dass der Mensch niemanden untersteht, so folgt von selbst, dass die Ursache, durch welche eine bürgerliche oder staatliche Vereinigung zustande kommt, nicht in einer Macht, die außer oder über dem Menschen steht, zu suchen ist, sondern einzig und allein in dem freien Willen der Einzelnen; dann stammt die öffentliche Gewalt ebenfalls in ihrem letzten Ursprung vom Volke; und da die Vernunft des Einzelnen die einzige Führerin und Norm des Privatlebens ist, so muss folgerichtig die Vernunft der Gesamtheit die Norm für das öffentliche Leben bilden. Infolgedessen hat die größere Masse auch die größere Macht und die Majorität des Volkes ist es, welche die öffentliche Rechte und Pflichten bestimmt.
Diese Lehre ist unvernünftig:
Aus dem Gesagten folgt, wie unvernünftig dies ist. Es widerspricht absolut der Natur, nicht bloß des Menschen, sondern auch aller anderen Geschöpfe, wenn man kein Band annehmen will, das den einzelnen Menschen oder die bürgerliche Gesellschaft mit Gott dem Schöpfer und somit mit dem höchsten Gesetzgeber aller verknüpft. Denn alle geschaffenen Dinge müssen notwendigerweise mit der Ursache ihres Daseins in irgend einem Zusammenhange stehen; es gehört zum Wesen der Dinge, ja es gereicht zur Vervollkommnung jedes Wesens, die Stelle und Stufe einzunehmen, welche die natürliche Ordnung verlangt: dass nämlich das Niedere dem Höheren unterworfen sei und ihm gehorche.
Diese Lehre ist gefährlich für den Staat:
16 Außerdem ist jene Lehre für den Einzelnen wie für die Staaten äußerst verhängnisvoll; denn in der Tat, wenn die menschliche Vernunft einzig und allein über Gut und Bös zu entscheiden hat, wird jeder Unterschied zwischen Gut und Bös aufgehoben; es würde das Unsittliche vom Sittlichen sich nicht dem Wesen nach unterscheiden, der Unterschied wäre von der Meinung und dem Urteil des Einzelnen abhängig, was gefiele, wäre auch erlaubt. Diese sittliche Ordnung, die zur Bezähmung und Unterdrückung der stürmischen Leidenschaften fast keine Macht besitzt, würde von selbst zu jeglicher Sittenverderbnis führen. Im öffentlichen Leben löst sich alsdann die obrigkeitliche Gewalt los von ihrem wahren und natürlichen Fundamente, auf dem allein ihre ganze Macht der Förderung des Gemeinwohles beruht. Das Gesetz, das zu bestimmen hat, was zu tun und zu lassen ist der Willkür der Masse überantwortet, was leicht zur Tyrannei führen kann. Ist einmal die Oberherrlichkeit Gottes über den Menschen und über die menschliche Gesellschaft abgeschafft, so folgt von selbst, dass es öffentlich keine Religion mehr gibt und alles, was auf Religion bezug hat, gänzlich vernachlässigt werden wird. Ebenso wird die Menge, gestützt auf ihre vermeintliche Gewalt, leicht zu Empörung und Aufruhr sich erheben, und sind die Bande der Pflicht und des Gewissens zerrissen, so bleibt nichts als die rohe Gewalt mehr übrig, die aber für sich allein nicht stark genug ist, die Volksleidenschaft zu zügeln. Zur Genüge dies bewiesen durch den ständigen Kampf gegen die Sozialisten und andere aufrührerische Sekten, die schon daran sind, die Fundamente der Staaten zu erschüttern.
Es mögen also vorurteilsfreie Männer selbst entscheiden, ob solche Lehren dazu beitragen, dem Menschen die wahre und seiner würdige Freiheit zu erhalten, oder ob sie vielmehr diese verdrehen und ganz zu Grunde richten.

Der moralische Rationalismus bezüglich der obersten Sittennorm in der Geschichte

Der sittliche Rationalismus hebt vor allem die entscheidende Wahrheit hervor, dass für den Menschen seine Vernunft die sittliche Richtschnur seines HandeIns sein muss. Freilich ist dabei gefordert, dass diese Vernunft das wahre Bild des ganzen Menschen mit allen seinen wesentlichen Beziehungen erfaßt. Die verschiedenen Richtungen des Rationalismus gehen darin fehl, dass sie vom wahren Menschenbilde wesentliche Züge unberücksichtigt lassen.

Der Stoizismus

Der Stoizismus fordert als höchste Sittennorm ein Leben "nach der Natur" oder ein "vernunftgemäßes" Leben. Das Gefühlsleben wird von ihm als sittlich unzulässig bewertet. Auch sind bei ihm vielfach die göttliche Weltvernunft und das immanente Vernunft- und Naturgesetz ein und dasselbe (pantheistisch), obwohl er anderseits der Unterordnung der menschlichen Vernunft unter den Willen Gottes (Weltvernunft) oft in sehr edler Form Ausdruck gibt.

Dem Stoizismus fehlt:
a) Die wesentliche Beziehung der Sittennorm zum eigentlichen Endziel des Menschen, zu Gott. Darum mangelt ihm eine befriedigende Begründung der Verpflichtung des Sittengesetzes, wie auch eine nachhaltige Sanktion.
b) Der Stoizismus hat auch darin ein falsches Menschenbild, dass er das affektive oder Gemütsleben als vernunftwidrig betrachtet. Nach ihm sind die Regungen des sinnlichen Strebens, die Affekte und Leidenschaften aus dem sittlichen Tugendstreben auszuschalten, nicht bloß zu mäßigen und zu leiten. Der Stoizismus ist deshalb eine kalte, rein formalistische Ethik, ähnlich wie die von Kant. Die stoische Apathia (Leidenschaftslosigkeit) als Ideal des stoischen Weisen widerspricht dem leiblich-geistigen Wesen des Menschen.
c) Der reine Formalismus scheint auch der Grund zu sein, warum der Stoizismus keine Rangordnung und Abstufung in der moralischen Güte oder Schlechtigkeit der menschlichen Handlungen zugibt, sondern alle entweder als gleich gut oder gleich schlecht beurteilt.

Der Rationalismus der Aufklärungszeit

Der Rationalismus der Aufklärungszeit (Naturalismus und Deismus) kennt nur die persönliche menschliche Vernunft als höchste Sittennorm; die Beziehung zu Gott und zur Gemeinschaft ist fast völlig vernachlässigt. Darum ist auch das sogenannte Aufklärungs·Naturrecht ausgesprochen individualistisch; es betont fast nur die Ansprüche und Rechte des Einzelmenschen. Hingegen lassen sie eine gewisse objektive Natur· und·Wesenserkenntnis als Grundlage für die sittliche Ordnung gelten. Hauptvertreter sind die Deisten Locke (1632-1704), Hume (1711-1776), Toland († 1722), die französischen Aufklärer Voltaire (1694-1787) und Rousseau (1712-1778), die. deutschen Aufklärer Reimarus († 1768), Lessing (1729-1781), Herder (1744-1803) und andere.

Der deistische Rationalismus und Naturalismus gründet auf einer falschen Auffassung über Gott.
a) Seinem Menschenbild fehlt die wesenhafte Beziehung des Menschen zu Gott als ihrem Schöpfer und Erhalter. Das führt dazu, keine sittlichen Bindungen gegenüber Gott anzuerkennen oder sie doch so einzuschränken, dass der Mensch als autonom erklärt wird. Mit diesem Grundsatz, die menschliche Vernunft gebe sich selber ihre Gesetze und habe über sich keinen Gesetzgeber und Richter anzuerkennen (Autonomie), führt dieser Rationalismus zum extremen Individualismus und Subjektivismus, und damit zur Ablehnung jeder übernatürlichen Offenbarung und Gesetzgebung Gottes.
Da der Mensch wesentlich ein Geschöpf Gottes ist, so muss dieser Versuch, die menschliche Vernunft zur letzten Sittennorm schlechthin zu machen, als der Wirklichkeit zuwider abgelehnt werden.
b) Der Rationalismus mißachtet auch großenteils die soziale Natur des Menschen (Individualismus),

Der Rationalismus Kants

Der Rationalismus Immanuel Kants setzt als höchste und letzte Sittennorm den «kategorischen Imperativ: Handle immer rein um der Pflicht willen, oder wie Kant ihn formuliert: "Handle so, dass die Maxime (d. h. Richtschnur) deines Willens jederzeit als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung dienen könnte." Alles Handeln aus andern Beweggründen sei entweder nicht sittlich oder sittlich schlecht. Kant meint, wenn der Mensch aus Neigung, Lust oder Freude handle, oder eines Nutzens oder des Endzieles wegen oder um den Willen Gottes oder eines andern fremden Gesetzgebers zu erfüllen, sei das alles kein sittliches Handeln. Nicht der Inhalt (Material) oder der Zweck der Handlung darf nach Kant bestimmend sein, sondern nur der reine Beweggrund, weil es Pflicht ist.

Die Einstellung Kants gründet vorwiegend auf seiner Erkenntnislehre, wonach allgemein und notwendig geltende Grundsätze nicht aus der Wirklichkeit, sondern nur aus apriorischen (d. h. in der Vernunft selber liegenden) Formen abgeleitet werden können. Auf die Ethik angewendet bedeutet das, die obersten Grundsätze des sittlichen Handelns können nur in der Vernunft liegen, d. h. die letzte und höchste Norm des sittlichen Handeins ist das Sollen oder der Befehl der Vernunft. Dieser Befehl oder Imperativ ist ahsolut, bedingungslos, darum kategorisch, zum Unterschied der hypothetischen Imperative (Befehle), die aus äußern Zwecken genommen sind.

Der Kantische Rationalismus enthält insofern Wertvolles, als er durch seine Pflichtmoral all jenen Richtungen entgegentritt, die durch ihre wandelbaren und niedrigen Sittennormen (wie Hedonismus, Epikureismus, Eudaimonismus, Utilitarismus) das sittliche Handeln des Menschen entwürdigen.

Aber seiner Auffassung haften doch schwerwiegende Fehler an:
a) Sein kategorischer Imperativ führt zum Subjektivismus. Denn jene Maxime, jenes Eigengesetz, nach dem wir zu handeln haben, ist entweder objektiv verbindlich d. h. unabhängig von unserm Willen, und dann fällt die von Kant gemeinte Autonomie dahin; oder es ist einzig abhängig vom handelnden Subjekt, und dann kann es ebensoviele Maximen geben, als es Köpfe gibt. Der Mensch, der sich selber das Gesetz gibt, braucht auf niemand weder über sich noch neben sich Rücksicht zu nehmen. Die Sittennorm wird bei solcher Autonomie der Willkür des Einzelmenschen ausgeliefert.
b) Der kategorische Imperativ als bloß formales Gesetz ohne Inhalt ist psychologisch unmöglich; denn der Wille kann gar nicht handeln, wenn er nicht durch einen Inhalt, ein Gut zum Handeln bewegt wird, weil das Gute wesenhaft sein Gegenstand ist. Denn alles, was er will, will er unter dem Gesichtspunkt des Guten. Kant hat ein falsches Bild vom Menschen; er sieht nur die Vernunft und diese unabhängig von jeder wesenhaften Beziehung zu Gott und zur Umwelt. Er verkennt die Natur des Strebens.
c) Die Beweggründe nach Glück machen die Handlungen nicht unsittlich, solange die Ausrichtung auf das Gute und auf das letzte Ziel nicht ausgeschlossen wird. Denn wie der Schöpfer bei der Durchführung der Weltordnung mit seiner Verherrlichung zugleich auch das Glück der Geschöpfe beabsichtigt, so ist es auch für den Menschen nicht unsittlich, zugleich beide Beweggründe, aber mit der gehörigen Unterordnung, einfließen zu lassen.
d) Es gibt viele sittlich höchst wertvolle Handlungen, die durch keinen kategorischen Imperativ befohlen werden, sondern gerade dem freien Entscheid anheimgestellt sind, wie z. B., dass jemand, ohne verpflichtet zu sein, mit Einsatz seines Lebens oder Vermögens den Armen, Kranken oder dem Vaterlande dient; ebenso die Befolgung von Ratschlägen.
e) Ferner ist die seit Kant zum Schlagwort gewordene absolute Autonomie ein unbeweisbares Postulat. Absolute Autonomie gibt es für den Menschen nicht, sondern nur für Gott; denn wer in bezug auf Dasein und Natur abhängig ist, der ist es auch im Tätigsein (Agere sequitur esse).
Hingegen besitzt der Mensch eine gewisse Autonomie, sofern er eine freie, sich selbst bestimmende Person ist. Sie ist mit seiner Vernunftnatur gegeben, allerdings begrenzt durch physische, psychische und moralische Gesetze.
Das natürliche Sittengesetz ist für den Menschen kein Fremdgesetz (heteronom); denn es ist das Gesetz seiner Natur, seiner selbst. Und der Mensch vermag es mit dem Lichte seiner Vernunft aus dieser seiner Natur herauszulesen und abzuleiten. (vgl.)
Darum ist es dem natürlichen Sittengesetz eigen, den Weg über die Vernunfterkenntnis und das Gewissen zu gehen, so dass es vor der Ausführung geistiger Eigenbesitz sein muss. Die Bindung an objektive Normen ist darum keine Unterwerfung unter wesensfremde Willkürgesetze, sondern unter das eigene vom Schöpfer in die Natur eingesenkte Gesetz, somit auch keine Entehrung der menschlichen Freiheit und Selbstbestimmung.
Wahre Autonomie übt der Mensch auch innerhalb der menschlichen Gemeinschaft, wenn er gesetzgeberisch tätig ist und so an den Herrschaftsrechten Gottes teilnimmt.
Übrigens ist es bezeichnend, dass die falsche Autonomie des Rationalismus in der staatlichen Ordnung vielfach zu einem brutalen Staatsabsolutismus ausartet.

Gesinnungsethik

Zu dieser Gruppe kann man auch die Gesinnungs·Ethik rechnen. Nach ihr ist für das sittliche Handeln nur der Wille, die Absicht des Handelnden entscheidend, nicht aber der Inhalt oder der Gegenstand der Handlung.
An der Gesinnungsethik ist richtig, dass die lautere Absicht des Handelnden entscheidend ist für die sittliche Beschaffenheit des menschlichen Tuns. Aber der objektive Inhalt (Gegenstand) der Handlung ist grundlegend und muss in erster Linie berücksichtigt werden (vgl. Nr. 71-79). Nur wer in seinem Handeln ehrlich nach den wirklichen Sachverhalten zu richten sich bemüht, bekundet wahrhaft lautere Gesinnung.

Werteethik

Die neuzeitliche Werteethik erblickt die oberste Sittenregel nicht in einem subjektiven Vernunfturteil, sondern in den objektiv geltenden sittlichen Ideen oder Werten; sie gehören einem idealen (transzeridentalen - über oder außer der Wirklichkeit liegenden) Wertbereich an. Vertreter sind u.a. Max Scheler († 1928) und Nicolai Hartmann († 1950).
Bei der Wert·Ethik ist anzuerkennen, dass sie das sittliche Handeln durch objektiv geltende Werte bestimmt sein läßt. Ihr Mangel beruht darin, dass sie diesen Werten ein bloß ideales Sein zuschreibt, statt sie in der wirklichen Vernunftnatur des Menschen und deren wirklichen Beziehungen zur Schöpfung und vor allem zu Gott zu begründen. Das sittliche Sollen ist nur dann gegen alle Willkür gesichert, wenn es im Sein verankert ist. Ferner fehlt der Wertethik eine richtige Rangordnung der Werte und eine hinreichende Begründung für deren Verpflichtung.

Der Zeitgeist der Theologen

Matthias Joseph Scheeben schreibt mit Blick auf Georg Hermes und ähnliche Theologen:

"In der neueren Zeit hat man, wie auf andern Gebieten der Wissenschaft und des Lebens, so auch für die Theologie den Radikalismus resp. den Liberalismus in der einen oder andern Form als das ‘moderne' Prinzip der theologischen Wissenschaft und ihres Fortschrittes proklamiert. Zunächst geschah das vonseiten der unkirchlichen Rationalisten gegen die kirchliche Theologie überhaupt, um sie als Feindin der Wissenschaft und des Fortschritts zu denunzieren; dann aber auch katholischerseits vonseiten einiger vom Rationalismus angesteckten Theologen im vermeintlichen Interesse der kirchlichen Theologie in der Meinung, dass sie eine solche Behandlung vertrage und durch dieselbe mit dem Geiste der neuen Zeit sich versöhnen und ihn für sich gewinnen müsse, während sie in Wirklichkeit dem Geiste der Zeit zum Opfer gebracht wurde (Handbuch der Katholischen Dogmatik I, nr. 1018 f; vgl. Kath-info [1]).

Der aufklärerische Rationalismus bezüglich des Zweiten Vatikanischen Konzils

Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil stand man vor der Tatsache, das das Zweckhafte in die Religion und in die Kirche eingebrochen ist. Es sollte alles "glaubhaft" sein. Damit ist in keiner Weise der übernatürliche Glaube gemeint, sondern "glaubhaft" bedeutet soviel wie einsichtsvoll, vernünftig, durchschaubar. Und dieser Maßstab wurde an alles Religiöse angelegt. Gehorsam wird nur dann geleistet, wenn man vernünftige Gründe dafür hat, wobei es offen bleibt, ob der Todesgehorsam Christi nach Phil 2, 9 diese Forderung erfüllt. Ist aber dieses Rationalistische nicht der Tod des Mysteriums und somit jeder Religion?, fragt Rudolf Graber. [2]

Das Heilmittel gegen die Krankheit des Rationalismus

Um negative Einwirkungen des Protestantismus einzudämmen, ist die Volksfrömmigkeit das wirksame Mittel (Nr. 42). Seit dem 17. Jahrhundert ist die Herz-Jesu-Verehrung ein notwendiges Gegengewicht zum Rationalismus.

Päpstliche Schreiben zum Rationalismus

Gregor XVI.

Pius IX.

Leo XIII.

Quellen

  • Bernard Kälin OSB: Lehrbuch der Philosophie, Einführung in die Ethik, umgearbeitet von Dr. P. Raphael Fäh OSB, Selbstverlag Benediktinerkollegium Sarnen 1954, Nr. 114+120 (Imprimatur Curiae, die 8, Juni 1954 † Christianus Caminada. Episcopus).
  • Lexikon für Theologie und Kirche (2. Auflage; Band 8: Stichwort Rationalimus).

Anmerkungen

  1. aus: Rudolf Graber: Die Wahrheit lehren und leben. Predigten uns Ansprachen zu Schulfragen, Verlag Josef Kral Abensberg 1979, S. 13
  2. vgl. Rudolf Graber: Kirche nach dem Konzil. Veritas Verlag Wien, S. 16 (1967 herausgegeben unter dem Titel: Zur nachkonziliaren Situation der Kirche 1967. Unterteilt ist das 32 Seiten und DIN 5 Heft in drei Kapitel: I. Die zweite Reformation; II. Die zweite Aufklärung; III: Der Neo-Modernismus
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