Lux veritatis (Wortlaut)

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Enzyklika
Lux veritatis

(Auszug: Schlussteil)
von Papst
Pius XI.
zur XV. Zentenarfeier des Konzils von Ephesus
25. Dezember 1931

(Offizieller lateinischer Text AAS 23 [1931] 493 [511]-517)

(Quelle: Heilslehre der Kirche, Dokumente von Pius IX. bis Pius XII. Deutsche Ausgabe des französischen Originals von P. Cattin O.P. und H. Th. Conus O.P. besorgt von Anton Rohrbasser, Paulus Verlag Freiburg/Schweiz 1953, S. 279-285; Imprimatur Friburgi Helv., die 22. maii 1953 L. Weber V. G.; dieser Auszug auch in: Rudolf Graber: Die marianischen Weltrundschreiben der Päpste in den letzten hundert Jahren, Echter Verlag Würzburg 1954, S. 141-146 (Zweite erweiterte und überarbeitete Auflage; Mit kirchlicher Druckerlaubnis))

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Inhaltsverzeichnis

I. Maria ist Mutter Gottes

471 ... Aus der katholischen Lehre folgt notwendig jenes Dogma von der göttlichen Mutterschaft, die wir von der seligen Jungfrau Maria aussagen. Und zwar sagen wir dies - wie der heilige Cyrillus uns ermahnt - "nicht deswegen aus, weil die Natur des Logos oder seine Gottheit das Prinzip ihrer Entstehung aus der heiligen Jungfrau nahm, sondern weil aus ihr jener heilige, von einer geistigen Seele vervollkommnete Leib stammt, mit dem hypostatisch der Logos verbunden ist und der gemäß dem Fleische geboren wird" [1].

Wenn nämlich der Sohn der seligsten Jungfrau Gott ist, so verdient sicherlich und mit vollem Recht jene, die ihn gebar, Mutter Gottes genannt zu werden; wenn Jesus Christus nur eine und zwar eine "göttliche Person ist, so muss Maria zweifellos nicht bloß als Mutter des Menschen Christus, sondern als Gottesgebärerin, als Theotokos von allen angesprochen werden. In diesem Sinn wird sie von ihrer Verwandten Elisabeth als "Mutter meines Herrn" [2] begrüßt; so sagt der Märtyrer Ignatius[3] von ihr, dass sie Gott gezeugt habe; Tertullian [4] bezeugt, dass aus ihr Gott geboren sei, und wir alle verehren sie als die erhabene Mutter Gottes, der der ewige Gott die Fülle der Gnaden verlieh und sie zu solcher Würde erhob.

Niemand kann anderseits diese aus der frühesten Zeit der Kirche überlieferte Wahrheit zurückweisen (und diese göttliche Mutterschaft deswegen leugnen), weil die selige Jungfrau zwar für Jesus Christus den Leib bereitet, nicht aber das Wort des himmlischen Vaters gezeugt habe; schon Cyrillus[5] hat damals darauf die richtige und einleuchtende Antwort gegeben: Wenn nämlich alle Frauen, in deren Schoß unser irdisches Sein Gestalt empfängt, in Wahrheit Mütter genannt werden und es auch sind, obwohl die menschliche Seele nicht von ihnen erschaffen wird, so hat auch Maria von der einen Person ihres Sohnes her die göttliche Mutterschaft erlangt.

A) Das Konzil von Ephesus

472 Infolgedessen hat das Konzil von Ephesus die schlimme Irrlehre des Nestorius mit Recht verworfen, wie sie im Jahre zuvor schon der römische Bischof, vom Heiligen Geist geleitet, zurückgewiesen hatte.

Der fromme Sinn der Bevölkerung von Ephesus und ihre glühende Liebe zur jungfräulichen Gottesmutter erreichte ihren Höhepunkt, als sie von dem Urteil der Konzilsväter erfuhr und diese eigens in einer Prozession unter Fackelschein nach Hause begleitete. Wir dürfen sicher sein, dass damals die erhabene Gottesmutter dieses bewunderungswürdige Vorkommnis vom Himmel her liebevoll aufgenommen hat, dass sie ihre Kinder zu Ephesus und alle Christgläubigen auf dem katholischen Erdkreis, die durch die hinterhältige Irrlehre des Nestorius in Verwirrung geraten waren, mütterlich umfangen und sie ihres immerwährenden Schutzes versichert hat.

B) Erhabene Würde Marias

473 Aus diesem Dogma von der Gottesmutterschaft strömt nun wie aus einem verborgenen Brunnquell die einzigartige Gnade Mariens und ihre Würde, die nach Gott die höchste ist. Ja, der Aquinate schreibt sogar die herrlichen Worte: "Weil die selige Jungfrau die Mutter Gottes ist, so hat sie eine gewisse unendliche Würde von dem unendlichen Gut her, das Gott ist."[6] Cornelius a Lapide erklärt und erläutert dies näher hin, wenn er sagt: "Die selige Jungfrau ist die Mutter Gottes; also ist sie bei weitem erhabener als alle Engel, selbst als die Seraphim und Cherubim. Mutter Gottes ist sie, also ist sie ganz rein und heilig, und zwar so sehr, dass man sich, wenn man von Gott absieht, eine größere Reinheit überhaupt nicht denken kann: Mutter Gottes ist sie; alle Privilegien in der Gnadenordnung also, die damals einem Heiligen zuteil wurden, erhielt sie vor allen." [7]

C) Zur Haltung der Nicht-Katholiken

474 Warum machen also viele Glaubensneuerer und Nichtkatholiken unsere Verehrung der jungfräulichen Gottesmutter uns so heftig zum Vorwurf, als ob wir damit Gott eine Verehrung streitig machten, die nur ihm gebühre?

Weiß man denn nicht oder überlegt man es sich denn nicht, dass Jesus Christus, der doch seiner Mutter in heißer Liebe zugetan ist, nichts lieber sein kann, als wenn auch wir sie, wie sie es verdient, verehren, wenn wir sie inniglich wieder lieben und durch die Nachahmung ihres heiligen Beispiels uns ihres wirksamen Schutzes zu versichern bemühen?

Es sei indessen nicht verschwiegen, wie sehr es Uns zum großen Trost gereicht, dass in der Gegenwart sogar einige aus dem Kreis der Glaubensneuerer die Würde der jungfräulichen Gottesmutter immer tiefer erkennen und sich zu ihrer ehrfürchtigen Verehrung mächtig hingezogen fühlen. Wenn dies aus innerster Überzeugung und reiner Absicht geschieht und nicht bloß, wie Uns auch verschiedentlich zu Ohren kam, aus dem Hintergedanken heraus, sich bei uns Katholiken dadurch einzuschmeicheln, so dürfen wir allen Ernstes hoffen, dass sie eines Tages einmal zur einen Herde Jesu Christi und auch zu Uns zurückkehren, die Wir ohne Unser Verdienst mit seiner Stellvertretung hier auf Erden betraut sind; umfängt doch gerade die selige Jungfrau alle irrenden Kinder mit mütterlicher Liebe und unterstützt mit ihrer Bitte, was das Gebets- und Herzensanliegen aller Guten ohnehin ist.

II. Maria ist unsere Mutter

475 Wir müssen indessen, ehrwürdige Brüder, bei dieser Mutterschaft Mariens noch einen anderen Punkt ins Auge fassen, der das Ganze in noch schönerem und herrlicherem Lichte erscheinen lässt. Weil Christus der Herr uns zu Brüdern haben will [8], so folgt aus der Tatsache, dass Maria den Erlöser des menschlichen Geschlechtes geboren hat, dass sie auch für uns alle die gütige Mutter ist. "In diesem Sinn", sagte Unser Vorgänger Leo XIII., "hat Gott sie uns geschenkt, und weil er sie zur Mutter seines eingeborenen Sohnes erkor, darum hat er ihr auch die Gefühle einer Mutter eingeflößt, die ja nichts anderes atmen als Liebe und Nachsicht. So hat auch Jesus Christus durch seine Handlungsweise auf sie hingezeigt, als er Maria untertan und gehorsam sein wollte wie ein Sohn seiner Mutter. So hat er noch vom Kreuze aus auf sie hingewiesen, als er ihr in seinem Jünger Johannes das gesamte Menschengeschlecht zur Obsorge und Pflege anvertraute. Und Maria hat sich endlich selber als eine solche Mutter bewährt, indem sie von ihrem sterbenden Sohn jenes unendlich verantwortungsvolle Erbe hochherzig übernahm und sogleich ihre Mutterpflichten gegen uns alle auszuüben begann." [9]

A) Unser Vertrauen zu Maria

476 Das ist auch der Grund, warum wir wie von einer übermächtigen Gewalt uns zu Maria hingezogen fühlen, so dass wir ihr vertrauensvoll alles ans Herz legen, unsere Freuden, wenn wir hochgestimmt sind, unsere Bedrängnisse, wenn uns Furcht befällt, unsere Hoffnungen, wenn wir nach Höherem streben. Das gleiche gilt, wenn für die Kirche die Zeitverhältnisse sich schwierig gestalten, wenn der Glaube wankt, wenn die Liebe erkaltet, wenn die private und öffentliche Moral sinkt, wenn Gefahren für Kirche und bürgerliche Gesellschaft heraufziehen; dann flüchten wir zu Maria und suchen Hilfe und Zuflucht bei ihr. Das gilt aber vor allem im Augenblick unseres Hinscheidens: wenn es keine Hoffnung mehr für uns gibt und keine Hilfe mehr möglich ist, dann wollen wir unsere tränenfeuchten Augen und unsere zitternden Arme zu ihr erheben, um durch sie von ihrem Sohn Verzeihung und die ewige Seligkeit im Himmel zu erflehen.

a) Schutzherrin der Kirche

477 So mögen denn gerade in diesen gegenwärtigen Nöten, die uns heimsuchen, alle in heißem Bemühen sich an Maria wenden: Mit inständigen Bitten wollen wir sie bestürmen, "dass durch die Erbarmung ihres Sohnes die in die Irre gegangenen Völker zu den christlichen Grundsätzen und Lebensformen zurückkehren; denn darin allein ruht die Grundlage des öffentlichen Lebens, und nur auf dieser christlichen Grundlage erblüht in Fülle der ersehnte Friede und das wahre Glück. Noch inständiger aber werden wir Maria mit Bitten bestürmen für unsere Mutter, die Kirche, auf dass die Wünsche aller Gutgesinnten sich endlich erfüllen und die Kirche ihre Freiheit zurückgewinne und nicht weiterhin von den Stürmen der Zeit beunruhigt werde. Denn diese Freiheit dient ja der Kirche nur dazu, um die höchsten Anliegen der Menschen zu fördern; niemals nämlich erwächst den einzelnen und den Staaten ein Nachteil von der Kirche, sondern immer nur viele und große Vorteile." [10]

b) Förderin der Einheit

478 Etwas aber, was uns ein besonderes Herzensanliegen ist, sollen alle von der Huld unserer himmlischen Königin erbitten. Sollte Maria, die doch gerade von den getrennten Völkern des Ostens mit überaus glühender Frömmigkeit geliebt und verehrt wird, sollte sie es zulassen, dass diese weiterhin von der Einheit der Kirche getrennt seien, sowie von ihrem Sohn, dessen Stelle Wir auf Erden vertreten? Soll der beklagenswerte Riss noch weiter andauern? Sie mögen zurückkehren zum gemeinsamen Vater, dessen Urteilsspruch die Konzilsväter von Ephesus in freudigem Gehorsam aufnahmen und den sie mit einstimmigem Beifall als « Wächter des Glaubens" grüßten. Sie mögen zu Uns zurückkommen, die Wir von wirklich väterlicher Zuneigung zu ihnen erfüllt sind und gern jene liebevollen Worte Uns zu eigen machen, mit denen Cyrillus inständig Nestorius einst ermahnte, auf dass "der Friede unter den Kirchen gewahrt bleibe und das Band der Liebe und Eintracht unter den Priestern Gottes unlösbar fortbestehe" [11]. Möchte doch so bald wie möglich jener freudenreiche Tag anbrechen, an dem die jungfräuliche Gottesmutter der Liberianischen Basilika die von Uns abgefallenen Kinder wieder zurückkehren sieht, auf dass diese alle mit uns zusammen dann eines Herzens und eines Glaubens der Gottesmutter ihre Verehrung darbringen ... Diese Rückkehr der Getrennten wäre tatsächlich Unser sehnlichster Wunsch.

B) Die heilige Familie als Vorbild

479 Es ist eine besondere Fügung, dass gerade Uns beschieden ist, diese Fünfzehnhundertjahrfeier zu begehen, die Wir die Würde und Heiligkeit einer keuschen Ehe gegen die vielfältigen Irrtümer und Trugbilder in Schutz genommen haben[12], die Wir feierlich für die heiligen Rechte der Katholischen Kirche auf dem Gebiete der Jugenderziehung eingetreten sind und Uns ausführlich über Methode und Grundsätze geäußert haben[13]. Das erhabene Vorbild für diese Vorschriften, die wir über Ehe und Jugenderziehung gegeben haben, liefert uns wiederum die Gnade der Gottesmutterschaft und die Heilige Familie von Nazareth, die ja für alle ein Vorbild sein soll. Schon Unser Vorgänger Leo XIII. wies darauf hin, "wie die Familienväter in Joseph ein leuchtendes Vorbild väterlicher Fürsorge und Wachsamkeit haben, wie die Mütter in der jungfräulichen Gottesmutter ein erhabenes Idealbild der Liebe, der Bescheidenheit, der Unterwürfigkeit und vollendeten Treue, wie anderseits die Kinder in Jesus, der seinen Eltern untertan war, ein göttliches Muster des Gehorsams haben, das sie bewundern, verehren und nachahmen sollen." [14]

C) Maria, Vorbild aller Mütter

480 So ist es denn durchaus zeitgemäß, dass besonders in unseren Tagen jene Mütter zu Maria aufblicken, die der Kinder und des ehelichen Bandes überdrüssig geworden sind, sich ihren übernommenen Verpflichtungen entziehen oder sie gar verletzen. Sie mögen allen Ernstes bedenken, zu welcher Würde das verantwortungsvolle Amt einer Mutter erhoben wurde. So dürfen wir wohl hoffen, dass unter dem Segen der himmlischen Königin die Mütter wieder jene heilige Ehrfurcht vor dem großen Sakrament der Ehe lernen, das so sehr entehrt wird, und dass sie sich in heilsamer Weise bewogen fühlen, nach Kräften das herrliche Lob ihrer Tugenden auch für sich zu erwerben.

Wenn das Gesagte zutrifft und wenn besonders die häusliche Gemeinschaft, welche die festeste Grundlage des ganzen menschlichen Zusammenlebens ist, zu diesem erhabensten Vorbild der Heiligkeit zurückgeführt wird, so werden wir zweifellos diese beängstigende Gefahr beschwören und der ganzen Notlage Herr werden können.

III. SchIuss: Das neue Fest der Mutterschaft Marias

481 So möge denn der Friede Gottes, der jeden Begriff übersteigt, alle Herzen und Gedanken beschirmen[15], und die so heiß ersehnte Königsherrschaft Christi möge allüberall auf der ganzen Welt in der Gemeinschaft der Herzen und im Wetteifer der Tat sich verwirklichen!

Wir wollen dieses Rundschreiben aber nicht beenden, ohne euch, ehrwürdige Brüder, etwas mitzuteilen, das sicher euern Beifall findet. Wir wünschen nämlich, dass auch in der Liturgie die Erinnerung an diese Jahrhundertfeier erhalten bleibe und dass auf diese Weise die fromme Gesinnung in Klerus und Volk gegenüber der erhabenen Mutter Gottes zunehme; deshalb haben Wir der Ritenkongregation die Weisung erteilt, ein Offizium und eine Messe von der göttlichen Mutterschaft Mariens für die ganze Kirche herauszugeben.

Inzwischen erteilen Wir euch, ehrwürdige Brüder, eurem Klerus und Volk als Unterpfand der himmlischen Gaben und zum Beweis Unserer väterlichen Gesinnung in aller Liebe im Herrn den Apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom, bei St. Peter, am 25. Dezember,

am Geburtsfest unseres Herrn Jesus Christus, 1931,

im zehnten Jahre Unseres Pontifikates.
Pius XI. PP.

Anmerkungen

  1. Konzil von Ephesus, Cyrilli ad Nestorium. Mansi IV 891.
  2. Lk 1,43 EU.
  3. Vgl. Ignatius Mart., Epist. ad Ephes., VII 18-20. PG V 660.
  4. Vgl. Tertullianus, De carne Chri.<ti, 17. PL II 781.
  5. I. C., Mansi IV 599.
  6. Thomas von Aquin, Sum. theol., I q.25 a. 6.
  7. Cornelius a Lapide, In S. Matth., I 6.
  8. Vgl. Röm 8, 29.
  9. Leo XIII., Enzyklika Octobri mense vom 22. September 1891. ASS XXIV (1891-92) 196.
  10. 1 I. c., ASS XXIV (1891-92) 203.
  11. Konzil von Ephesus, Cy'rilli ad Nestorium. Mansi IV 891.
  12. Vgl. Pius XI., Enzyklika Casti connubii, 31. Dezember 1930. AAS XXII (1930) 539-592.
  13. Vgl. Pius XI., Enzyklika Divini illius magistri, 31. Dezember 1929. AAS XXII (1930) 49-86.
  14. Leo XIII., Apost. Schreiben Neminem fugit, 14. Januar 1892. ASS XXV (1892-93) 8.
  15. Phil 4,7 EU

Weblinks

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