Ultramontanismus

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Ultramontanismus oder ultramontan (= die jenseits der Berge, d. h. der Alpen, Wohnenden oder Orientierten) wurde vor allem im Kulturkampf ein Schlagwort zur Bezeichnung der Rom treuen Katholiken, die man verdächtigte, unter dem internationalen, politischen Einfluss des Papsttums unzuverlässige Staatsbürger (vgl. Sapientiae christianae), zu sein. In Wirklichkeit ist der Rom treue Katholik aus Gewissensgründen auch der treueste und zuverlässigste Staatsbürger, solange der Staat ihm nicht etwas zumutet, was mit dem Glauben oder dem Sittengesetz in Widerspruch steht.

Im Mittelalter waren die Ultramontanen von Italien her gesehen vor allem die Deutschen.

Ultramontan kam als negativ geprägte Richtungs-Bezeichnung zuerst zur Zeit von Johann Nikolaus von Hontheim (1763) für die Vertreter der römisch-päpstlichen Ekklesiologie auf und setzte sich im 19. Jahrhundert als Negativbegriff bei liberalen Katholiken besonders in Deutschland. (Johannes Döllinger, Franz Xaver Kraus) durch, seit Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Zeit des Nationalsozialismus auch generell für die Katholiken (im Sinn von undeutsch, national unzuverlässig). Heute wird der Begriff von Historikern und Soziologen zunächst wertneutral für jene geschichtliche Richtung und Sozialform des modemen Katholizismus gebraucht, die sich im 19. Jahrhundert durchsetzte, im I. Vatikanum triumphierte, die Katholische Kirche bis zum II. Vatikanum prägte und durch folgende Elemente gekennzeichnet ist:

a) römisch-päpstliche Orientierung in Lehre und Praxis (Ubi Petrus ibi ecclesia - wo Petrus ist, dort ist die Kirche); Ultramontanes Anliegen war eine Dogmatisierung der päpstlichen Unfehlbarkeit.

b) Fortschritt der Denk - und Frömmigkeitsformen des nachtridentinischen, speziell jesuitischen (gegen Jansenismus und Gallikanismus gerichteten) Katholizismus und der damit zusammenhängenden antiaufklärerischen und antirevolutionären Haltung;

c) theologische neuscholastische Basis seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, vorher manchmal auch traditionalistisch und fideistisch);

d) Kampf gegen Staatskirchentum und für die volle Freiheit der Kirche;

Speziell seit der Mitte des 19. Jahrhunderts populistische Tendenz und Benutzung moderner Mittel (Presse, Vereine, Politischer Katholizismus). Wesentliche Voraussetzungen der Durchsetzung des Ultramontanismus waren der Schock der Französischen Revolution, der Zusammenbruch der alten Kirchenverfassung in Deutschland und Frankreich, der vorübergehende Auftrieb durch die Romantik (Hinwendung zur Geschichte), die Defensivsituation seit der Jahrhunderrt-Mitte und die neuen gesellschaftlich-politischen Möglichkeiten des beginnenden demokratischen Zeitalters. Aus kleinen Zellen, die von römisch-jesuitischen Positionen aus gegen die kirchliche Aufklärung kämpften, entwickelte sich der Ultramontanismus als vordringende Richtung seit 1815. In Frankreich waren seine Hauptverfechter Joseph Marie de Maistre (Papsttum als Garant des Autoritätsprinzips), Louise-Gabriel Bonald, François René de Chateaubriand und Hugo-Félicité de La Mennais, in Deutschland der Wiener Kreis um Klemens Maria Hofbauer, der Kreis um Johann Joseph von Görres in München u. v.a. der Kreis um das Mainzer Seminar und die Zeitschrift. "Der Katholik". Weiteren Auftrieb gaben die Juli-Revolution von 1830, in Deutschland die Kölner Wirren (1837) und die Revolutionen von 1848. Unter Pius IX. gelang nach 1850 seine Breitendurchsetzung, jetzt einerseits durch gezielte römische Aktion (v.a. durch die Nuntien), anderseits (in den nordalpinen Ländern) durch den Aufbau einer katholischen Volksbewegung. Gleichzeitig nahm er immer mehr eine antiliberale und antimoderne Richtung, die auf kirchliche Geschlossenheit im Innern zielte. Gegner waren zunächst v. a. Vertreter der kirchlichen Aufklärung, dann alle Katholiken, die eine Versöhnung von Kirche und Moderne anstrebten, nach der Jahrhundert-Mitte v.a. die liberalen Katholiken. Letztere gehörten z. T. bis um 1850 zum Ultramontanismus, solange dieser (v. a. im Kampf gegen Staatskirchentum) liberale Affinitäten enthielt, gerieten dann aber immer mehr in Opposition (Charles René de Montalembert in Frankreich, Johannes Döllinger in Deutschland). Höhepunkte des Ultramontanismus bildeten der Syllabus errorum von 1864 und das erste Vatikanische Konzil. In den Grundparadigmen blieb der Ultramontanismus bis zum II. Vatikanum vorherrschend, wobei der Antimodernismus (Modernismus) und Integralismus unter Pius X. einen weiteren Gipfel bildeten.

Literatur

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