Humani generis redemptionem (Wortlaut)

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Enzyklika
Humani generis redemptionem

von Papst
Benedikt XV.
An alle Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe und Bischöfe und andere Ordinarien,
welche in Gnade und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle stehen
über die Predigt
15. Juni 1917[1]

(Offizieller lateinischer Text: AAS IX [1917] 305-317)

(Quelle: Sacerdotis Imago, Päpstliche Dokumente über das Priestertum von Pius X. bis Johannes XXIII., in deutscher Fassung herausgegeben von Anton Rohrbasser, Paulinusdruckerei Freiburg Schweiz 1962, S.113-130; Imprimatur Friburgi Helv., die 3 Februarii 1962 R. Pittet, v.g. Die Nummerierung folgt der englischen Fassung)

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Gruß und Apostolischen Segen !

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Heilsnotwendigkeit der Glaubensverkündigung

1 Als Jesus Christus durch seinen Tod am Kreuze die Menschheit erlöst hatte und sie dazu bewegen wollte, durch den Gehorsam gegenüber seinen Geboten des ewigen Lebens teilhaftig zu werden, wählte er dazu kein anderes Mittel als das Wort seiner Prediger, die der ganzen Welt verkünden sollten, was zu glauben und zu tun ist, um das ewige Heil zu erlangen. „Es hat Gott gefallen, durch die Torheit der Predigt jene zu retten, die glauben.“[2]

Er berief daher die Apostel, stattete sie durch die Kraft des Heiligen Geistes mit den Gnaden aus, die zu einer so bedeutsamen Sendung erforderlich waren, und gab ihnen den Auftrag: „Geht hinaus in alle Welt und verkündet das Evangelium!“[3] Und diese Predigt hat das Angesicht der Erde erneuert. Wenn nämlich der christliche Glaube es zustande gebracht hat, dass sich der Verstand der Menschen von vielerlei Irrtümern abgewandt und der Wahrheit zugewandt hat, dass ihre Herzen das Laster verabscheuten und sich zum Höhenweg eines tugendhaften Lebens bekehrten, so ist dieser Gesinnungswandel eben durch Vermittlung der Glaubenspredigt verwirklicht worden: „Der Glaube erwacht aus dem Hören, das Hören aber durch das Wort Christi.“[4] Nun aber ist nach Gottes Willen die Erhaltung der Dinge durch dieselben Ursachen bedingt wie deren Erzeugung; folglich ist es klar, dass die Predigt der christlichen Wahrheit das gottgewollte Mittel ist zur Fortführung des übernatürlichen Heilswerkes und dass sie mit Recht zu den wichtigsten und schwerwiegendsten Anliegen gezählt wird. Deswegen muss die Predigt des Gotteswortes Hauptgegenstand Unserer Sorgen und Überlegungen sein, namentlich wenn sie zum Nachteil ihres Erfolges in dieser oder jener Hinsicht ihrer ursprünglichen Bestimmung nicht mehr ganz zu entsprechen scheint.

2 Und das ist es eben, ehrwürdige Brüder, was noch zu den übrigen Missständen unserer Zeit hinzukommt, die Uns mehr als irgend jemandem Kummer bereiten. Vergegenwärtigen Wir Uns nämlich die große Schar der Verkünder des Gotteswortes, so stellen Wir fest, dass sie vielleicht nie zuvor so zahlreich waren. Wenn Wir hingegen bedenken, wie es heute um die öffentliche und private Sittlichkeit sowie um die staatlichen Belange bestellt ist, dann beobachten Wir, dass überall die übernatürlichen Wirklichkeiten mehr und mehr der Verachtung und der Vergessenheit anheimfallen. Allmählich entfernt sich die Welt vom Ernst des Christentums und fällt mit jedem Tag tiefer in ein heidnisches Lasterleben zurück.

Unzulänglichkeit der Predigt heute

3 Die Ursachen dieser schlimmen Zustände sind verschieden geartet und zahlreich. Niemand wird jedoch die bedauerliche Tatsache ableugnen können, dass die Bemühungen der Diener des Wortes diesem Elend keine genügende Abhilfe schaffen. Sollte denn das Wort Gottes nicht mehr die Kraft besitzen, die ihm der Apostel nachrühmte, als er sagte, es sei „lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert?“[5] Ist etwa infolge des langen Gebrauches die Schneide dieses Schwertes stumpf geworden? Wenn es sich nicht allenthalben in seiner vollen Kraft bewährt, so ist die Schuld gewiss im Versagen jener zu suchen, die es nicht in der gehörigen Weise handhaben. Man kann ja auch nicht behaupten, das Zeitalter der Apostel sei besser gewesen als das unsrige, als ob damals die Empfänglichkeit für die frohe Botschaft größer oder die Abneigung gegen .das göttliche Gesetz geringer gewesen wäre!

4 Im Bewusstsein Unserer apostolischen Amtspflicht und gemäß dem Beispiel Unserer beiden unmittelbaren Vorgänger erkennen Wir es daher als Unsere Aufgabe, angesichts der Dringlichkeit dieses Anliegens Unsere ganze Energie darauf zu verwenden, dass die Verkündigung des Gotteswortes wieder nach jenen Richtlinien gestaltet werde, die gemäß dem Auftrag Christi und den Verordnungen der Kirche dafür maßgebend sein sollen.

Die Missstände und deren Behebung

Gründe des teilweisen Versagens

Unberufene und unbefugte Prediger

Vorerst gilt es, ehrwürdige Brüder, nach den Gründen zu fragen, die zu dieser abwegigen Entwicklung geführt haben. Offensichtlich lassen sie sich auf drei Hauptgründe zurückführen: entweder wird ein Unberufener zum Predigen zugelassen, oder der Prediger hat von seinem Amt nicht die richtige Auffassung, oder er übt es nicht in der gehörigen Welse aus.

5 Gemäß der Lehre des Konzils von Trient[6] ist nämlich die Predigt vor allem eine Aufgabe der Bischöfe. Die Apostel ihrerseits, deren Nachfolger die Bischöfe sind, betrachteten gerade diese Pflicht als eine ihrer Hauptaufgaben. So beteuert Paulus: „Christus hat mich ja nicht gesandt zu taufen, sondern das Evangelium zu verkünden.“[7] Und die übrigen Apostel äußerten die Ansicht: „Es geht nicht an, dass wir das Gotteswort hintansetzen, um die Tische zu besorgen.“[8] Da aber die Bischöfe durch mannigfache Verwaltungssorgen in Anspruch genommen sind, ist es ihnen nicht möglich, immer und überall persönlich das Predigtamt auszuüben. So ist es denn unumgänglich, dass sie zur Erfüllung dieser Pflicht auch Gehilfen heranziehen. Wer also außer den Bischöfen noch dieses Amtes waltet, versieht es ohne jeden Zweifel als Stellvertreter des Bischofs. Somit gilt als erstes Gesetz: Niemand darf sich eigenmächtig das Predigtamt anmaßen; zu dessen Ausübung benötigt jedermann eine rechtmäßige Sendung, die nur der Bischof erteilen kann. „Wie wollen sie denn predigen, wenn sie nicht gesandt sind?“[9]

Gesandte waren tatsächlich die Apostel, und zwar von Jenem gesandt, der oberster Hirt und Hüter unserer Seelen ist.[10] Gesandte waren auch die zweiundsiebzig Jünger. Und Paulus seinerseits - obwohl ihn Christus bereits als auserwähltes Werkzeug bestellt hatte, um seinen Namen vor Völker und Könige zu tragen[11] - begann mit der Ausübung seines Apostolates erst, als ihn die Ältesten auf Befehl des Heiligen Geistes[12] nach Auflegung ihrer Hände entlassen hatten. Das war ständiger Brauch der Frühkirche. Alle hervorragenden Vertreter des Priesterstandes, wie z. B. Origenes, und alle späteren Bischöfe, wie Cyrillus von Jerusalem, Johannes Chrysostomus, Augustinus und die übrigen Kirchenlehrer der Frühzeit, widmeten sich der Verkündigung als Bevollmächtigte ihres Ortsbischofs.

Falsche Auffassungen vom Zweck der Predigt

6 Heute aber, ehrwürdige Brüder, scheint sich ein ganz anderer Brauch durchgesetzt zu haben. Unter den Kanzelrednern sind jene gar nicht so selten, auf die sich die Klage des Herrn bei Jeremias zutreffend anwenden ließe: „Ich sandte keine Propheten, und dennoch haben sie es eilig.[13] Denn beliebt es dem ersten besten, entweder aus natürlicher Begabung oder aus irgendeinem andern Grunde sich dem „Dienst des Wortes“[14] hinzugeben, so sind ihm die Kirchenkanzeln leicht zugänglich, als wären es Übungsplätze, wo jedermann nach Gutdünken seine Probestücke zum besten geben kann! Deshalb obliegt es euch, ehrwürdige Brüder, Vorsorge zu treffen, dass diesem Unfug Einhalt geboten werde. Und da ihr ja Gott und der Kirche Rechenschaft ablegen müsst über die Nahrung, die eurer Herde vorgesetzt wird, lasst nicht zu, dass jemand ohne euren Auftrag in die Schafhürde eindringt und die Schäflein Christi nach eigenem Gutbefinden weidet. Von nun an soll also niemand mehr in euren Bistümern predigen, ohne von euch berufen und bevollmächtigt zu sein.

Unerlässliche Vorbedingungen

Bischöfliche Sendung und Befugnis

Ferner dringen Wir darauf, dass ihr in der Wahl eurer bevollmächtigten Prediger äußerste Vorsicht walten lasst. Das Dekret des Konzils von Trient macht diesbezüglich den Bischöfen ein einziges Zugeständnis: Sie sollen „geeignete Leute“ auswählen, das heißt solche, die befähigt, sind „das Amt eines Predigers heilbringend auszuüben“.[15]

7 Es heißt: heilbringend, achtet wohl auf dieses Wort, das hier maßgebend ist, und nicht etwa „rhetorisch gewandt“, noch „mit dem Beifall der Zuhörer“, sondern zum Vorteil der Seelen, dem eigentlichen Ziel der Verkündigung des Gotteswortes.

Wünscht ihr aber von Uns eine genauere Bestimmung, so fassen Wir sie folgendermaßen: Als wirklich geeignet betrachtet jene, an denen ihr die Zeichen göttlicher Berufung wahrnehmt. Denn die Vorbedingung für die Zulassung zum Priestertum lautet: „Keiner darf sich diese Würde anmaßen, sondern er muss von Gott berufen sein.“[16] Das gilt auch, um zu beurteilen, ob ein Anwärter Eignung und Fähigkeit zum Predigen besitze.

Diese Berufung ist fürwahr nicht schwer zu erkennen. Unser Herr und Meister Jesus Christus hat nämlich vor seiner Himmelfahrt seine Apostel keineswegs angewiesen, augenblicklich nach allen Richtungen aufzubrechen und mit der Predigt zu beginnen. Er sagte vielmehr: „Verweilet in der Stadt, bis ihr mit Kraft von oben ausgerüstet seid.“[17] Ein Zeichen übernatürlicher Berufung zum Predigtamt wird es also sein, wenn der Anwärter mit der Kraft von oben ausgerüstet ist. Worin besteht nun diese Ausrüstung? Das könnt ihr, ehrwürdige Brüder, an den Wirkungen erkennen, die sich bekanntlich an den Aposteln zeigten, sobald sie die Kraft von oben empfangen hatten. Kaum war der Heilige Geist auf sie herabgekommen - und Wir wollen hier nicht von den wunderbaren Geistesgaben sprechen, die ihnen zuteil geworden -, da waren die ungebildeten und schwachen Menschen in gelehrte und vollkommene Männer verwandelt.

Bildung und Tugend

Besitzt also ein Priester zugleich das erforderliche Wissen und die angemessene Tugend - wofern ihm auch die natürlichen Fähigkeiten nicht fehlen, die notwendig sind, um nicht Gott zu versuchen -, so darf man ihn mit Recht als berufenen Prediger betrachten, und dann besteht kein Grund für den Bischof, ihn zu diesem Amt nicht zuzulassen. Genau das verlangt auch das Konzil von Trient, wenn es erklärt, der Bischof solle niemandem die Predigterlaubnis erteilen, der sich nicht „durch Lebenswandel und Wissen bewährt hat.[18] Deshalb obliegt es dem Bischof, jene, die er mit dem Predigtamt zu betrauen gedenkt, einer langen und gründlichen Probezeit zu unterziehen, um Wert und Ausmaß ihres wissenschaftlichen Rüstzeugs und ihrer Tugendhaftigkeit kennen zu lernen. Tut er dies nur oberflächlich und nachlässig, so macht er sich bestimmt eines schweren Vergehens schuldig und trägt dann die Verantwortung sowohl für die Irrtümer, die ein unwissender Prediger verbreitet, wie auch für das Ärgernis und schlechte Beispiel, das ein Unwürdiger gibt.

8 Um euch, ehrwürdige Brüder, diese Aufgabe zu erleichtern, verordnen Wir, dass inskünftig eine doppelte und strenge Prüfung stattfinde über Lebenswandel und Kenntnisse der Anwärter auf die Predigtvollmacht, genau wie für die zukünftigen Beichtväter. Wer somit im einen oder andern Fall als mangelhaft und schwach befunden wird, dem soll man ohne irgendwelche Rücksicht eine Vollmacht verweigern, für die ihm erwiesenermaßen die nötige Eignung abgeht. Das fordert eure eigene Würde, sind doch, wie gesagt, die Prediger eure Stellvertreter; das verlangt die Kirche in ihrem Interesse, denn wenn irgend jemand „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“[19] sein muss, so gilt das vor allem vom Verkünder des Gotteswortes.

Ziel und Methode der Predigt

Nach diesen gründlichen Erwägungen könnte es überflüssig scheinen, noch etwas hinzuzufügen, um Zweck und Methode der Predigt näher zu erläutern. Hält man sich nämlich in der Auswahl der Kanzelredner an die oben erwähnte Regel, so werden sie dank ihren moralischen Eigenschaften ohne jeden Zweifel beim Predigen ein würdiges Ziel im Auge haben und die richtige Methode anwenden. Dennoch wird es nützlich sein, auf diese zwei Punkte einzugehen, damit um so klarer zutage trete, was einigen Priestern zum Idealbild eines guten Predigers mitunter fehlt.

Die richtige Absicht des Predigers

Verkündigung der Wahrheit als Stellvertreter Christi

9 Das Ziel, das den Kanzelrednern bei der Ausübung ihres Amtes vorschweben muss, ist in jenem Pauluswort deutlich gekennzeichnet, das jeder von ihnen auch zu seinem eigenen machen kann und muss: „Wir sind Gesandte an Christi Statt.[20] Sind sie aber Gesandte Christi, dann müssen sie bei der Ausübung dieser Sendung von der gleichen Absicht beseelt sein, die auch Christus im Auge hatte, als er sie damit betraute, und die ihm überhaupt zeit seines Erdendaseins als Ziel vorschwebte. Denn die Apostel, und in ihrem Gefolge die Prediger, haben keine andere Sendung als Christus: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“[21] Wir wissen aber, wozu Christus vom Himmel herabgestiegen ist; er hat ja offen erklärt: „Ich bin dazu in die Welt gekommen, um für die Wahrheit Zeugnis abzulegen.[22] Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben.“ [23]

Förderung des Seelenheils zur größeren Ehre Gottes

10 Ein doppeltes Ziel müssen also die christlichen Prediger verfolgen: die von Gott geoffenbarte Wahrheit verbreiten und in ihren Zuhörern das übernatürliche Leben wecken und entfalten, kurz: durch die Sorge für das Heil der Seelen die Ehre Gottes fördern. Zu Unrecht wird jemand als Arzt bezeichnet, wenn er nicht die Heilkunst ausübt, oder als Lehrmeister irgendeiner Kunst, wenn er sie gar nicht lehrt; und wer mit seiner Predigt nicht die vollkommenere Gotteserkenntnis bezweckt noch die Anleitung der Menschen auf dem Weg zum ewigen Heil, darf ebenso höchstens als selbstgefälliger Redekünstler, nicht aber als Verkünder des Evangeliums angesprochen werden. Ach, gäbe es doch keine solchen Redekünstler! Von welcher Absicht lassen sie sich denn vornehmlich leiten? Die einen frönen der eitlen Ruhmsucht und sind auf deren Befriedigung bedacht: „Sie sind mehr auf erstaunliche als auf erbauliche Predigtthemen erpicht und wollen für ihre eigene Person die Bewunderung der einfältigen Zuhörer gewinnen, statt deren Heil zu wirken. Sie schämen sich, einfache und leichtfassliche Dinge zu sagen, um ja nicht den Eindruck zu erwecken, als wüssten sie nur soviel... Sie schämen sich, den Kleinen die Milch zu reichen.[24] Während doch Jesus der Herr an seiner schlichten Zuhörerschaft zu erkennen gab, dass er wirklich der ersehnte Erlöser war - „den Armen wird die Heilsbotschaft verkündet“[25] -, was setzen diese Hochmütigen nicht ins Werk, um in den berühmten Städten und auf den erstrangigen Kanzeln durch ihre Predigten Lob und Anerkennung zu ernten?

Nicht eigener Ruhm noch materieller Gewinn

Da aber die göttliche Offenbarung Wahrheiten enthält, vor denen die gefallene Menschennatur in ihrer Schwachheit zurückschreckt, und die infolgedessen kaum geeignet sind, um die große Menge anzulocken, lassen sie diese Dinge wohlweislich beiseite und behandeln Gegenstände, denen, abgesehen vom Kirchenraum, jedes weihevolle Merkmal abgeht. Nicht selten geschieht es sogar, dass sie mitten in der Behandlung ewiger Wahrheiten auf das Gebiet der Politik hinübergleiten, zumal wenn irgendeine Frage aus diesem Bereich die Gemüter ihrer Zuhörer lebhaft beschäftigt. Ihr ganzes Bestreben scheint es einzig und allein zu sein, ihren Zuhörern zu gefallen und jenen zu willfahren, die es - wie Paulus sagt – „nach Ohrenkitzel gelüstet.[26] Daher jene Gebärden, .die weder gesetzt noch würdevoll sind und eher einem Schauspieler oder Volksredner anstehen; daher jener sentimentale Tonfall oder jenes tragische Pathos; daher jener Schwarm von Zitaten aus den Werken ungläubiger und nichtkatholischer Autoren, aber nicht aus der Heiligen Schrift noch aus den Kirchenvätern; daher schließlich jener bei den meisten von ihnen überaus beliebte Wortschwall, womit sie zwar die Ohren betäuben und Staunen erregen, aber ihren Zuhörern keinen guten Gedanken mit nach Hause geben. Es ist geradezu erstaunlich, wie leicht sich diese Prediger durch ihre eigene Meinung täuschen lassen. Mag sein, dass sie den Beifall der Einfältigen gewinnen, den sie mit aller Anstrengung und nicht ohne Entweihung des Heiligtums suchen. Lohnt sich aber diese Mühe, wenn sie sich gleichzeitig den Vorwürfen aller Einsichtigen und, was noch schwerer wiegt, dem gestrengen Urteil Christi aussetzen?

11 Immerhin, ehrwürdige Brüder, ist der Beifall nicht das ausschließliche Ziel aller Prediger, die von der maßgebenden Regel abweichen. Meistens haben jene, die nach derartigen Auszeichnungen haschen, noch etwas anderes im Auge, das sogar noch weniger lobenswert ist. Man vergisst, was der heilige Gregor in die prägnanten Worte gefasst hat: „Der Priester predigt nicht, um zu essen, sondern er muss essen, um zu predigen.[27] Daher sind jene gar nicht so selten, die eingesehen haben, dass sie zu keinem andern Beruf befähigt sind, der sie anständig ernähren könnte, und sich deshalb aufs Predigen verlegten, nicht etwa um ein hochheiliges Seelsorgeramt würdig auszuüben, sondern um des Erwerbes willen. Es ist also augenscheinlich, dass ihre ganze Sorge nicht dahin geht, ein Wirkungsfeld zu suchen, wo größerer Segen für das Heil der Seelen zu erhoffen ist, sondern wo das Predigen mehr Gewinn einträgt.

12 Da nun aber die Kirche von diesen Leuten nichts zu erwarten hat als Schaden und Schande, müsst ihr, ehrwürdige Brüder, strengste Wachsamkeit walten lassen: Stellt ihr fest, dass jemand die Kanzel als Ruhmesleiter oder als Erwerbsquelle missbraucht, entzieht ihm ohne Zaudern die Predigtvollmacht! Wer sich nicht scheut, eine so heilige Sache durch derart niedrige Absichten zu besudeln, wird gewiss vor keiner Entwürdigung zurückschrecken; sein schamloses Verhalten wird nicht nur ihn selber in Verruf bringen, sondern auch das heilige Amt, das er so nichtswürdig verwaltet.

Prediger und Predigt nach dem Vorbild des heiligen Paulus

Erfordernisse für den Prediger

Theologisches Wissen

13 Mit der gleichen Strenge müsst ihr gegen jene verfahren, die nicht in der gehörigen Weise predigen, weil sie den Erfordernissen nicht genügen, die zur richtigen Ausübung dieser Seelsorgsaufgabe unerlässlich sind. Welches diese Bedingungen sind, lehrt uns das Beispiel des Apostels Paulus, den die Kirche „Prediger der Wahrheit“[28] nennt. Möge Gott in seiner barmherzigen Huld uns noch viel mehr Prediger dieses Formates geben!

14 Das erste, was wir von Paulus lernen können, ist eine gute Vorbereitung und Ausrüstung zum Predigen. Und zwar meinen Wir damit nicht das gewissenhafte Studium der Gesetzeslehre, das er unter Gamaliel absolviert hatte. Denn das eingegossene Offenbarungswissen verdunkelte und verschüttete beinahe in ihm die selbsterworbenen Kenntnisse, obwohl aus seinen Briefen hervorgeht, dass auch diese ihm sehr zunutze kamen. Wissen ist, wie gesagt, für den Prediger eine unbedingte Notwendigkeit. Wer dieses Lichtes entbehrt, kommt leicht zu Fall, wie es die Sentenz des IV. Lateran-Konzils sehr richtig ausspricht: „Unwissenheit ist die Mutter aller Irrtümer.“[29] Damit soll jedoch nicht jedes beliebige Wissen gemeint sein, sondern selbstverständlich jenes, das dem Priester eigens zukommt und - kurz gesagt - in der Kenntnis seiner selbst, Gottes und der Gebote besteht. Wir sagen: seiner selbst, damit jeder Priester auf seinen eigenen Vorteil verzichte; Gottes, damit er alle Gläubigen anleite, ihn zu erkennen und zu lieben; der Gebote, damit er sie selber beobachte und die andern dazu anhalte. Fehlt dieses Wissen, dann führt jede andere Wissenschaft zum Hochmut und nützt gar nichts.

Asketische Herzensbildung
Restlose Hingabe an Gottes Willen

15 Sehen wir nunmehr, welches die seelische Vorbereitung des Völkerapostels war. Da sind vornehmlich drei Dinge zu berücksichtigen. Erstens die restlose Hingabe des heiligen Paulus an den Willen Gottes. Kaum hatte ihn auf dem Weg nach Damaskus der Gnadenstrahl Jesu Christi getroffen; da brach er in den eines Apostels würdigen Ruf aus: „Herr, was willst Du, dass ich tue?“[30] Denn sogleich wurden ihm alle Dinge belanglos im Dienste Christi, und auch später kümmerte er sich nie darum, ob er arbeitete oder ruhte, ob er Mangel litt oder Überfluss hatte, ob er Lob oder Verachtung erntete, ob er lebte oder in den Tod ging. Ohne Zweifel war sein apostolisches Wirken deshalb so erfolgreich, weil er sich in voller Unterwürfigkeit dem Willen Gottes anheim stellte. Desgleichen soll jeder Prediger, dem es um das Heil der Seelen geht, vor allem andern Gott gegenüber dienstbeflissen sein, so dass es ihm völlig gleichgültig ist, welches seine Zuhörerschaft, welches sein Erfolg und sein persönlicher Gewinn sein wird; so dass er letzten Endes an Gott allein und nicht an sich selber denkt.

Großmütige Opferbereitschaft

16 Dieser Geist der vorbehaltlosen Hingabe an Gott setzt allerdings ein solches Maß von Opferbereitschaft voraus, dass die Seele vor keiner Müh und Arbeit zurückscheut. Das ist das zweite Merkmal, das den heiligen Paulus charakterisiert. Als der Herr von ihm gesagt hatte: „Ich will ihm zeigen, wie viel er um meines Namens willen leiden muß“,[31] erduldete er in der Folge jede Drangsal mit solcher Bereitwilligkeit, dass er schreiben konnte: „Meine Freude ist zum Überfließen groß inmitten unserer Bedrängnis.“[32] Zeichnet sich nun ein Prediger durch diese Gelassenheit in der Mühsal aus, die alles läutert, was an ihm menschlich ist, und die ihm die Gnade Gottes sichert für ein segensreiches Wirken, dann trägt ihm diese Gesinnung eine geradezu unglaubliche Hochschätzung von seiten des christlichen Volkes ein. Hingegen vermögen jene kaum die Seelen zu rühren, die überall, wo sie hinkommen, in übertriebenem Maße die Bequemlichkeiten des Lebens suchen und über ihren Predigten die anderen Pflichten der Seelsorge fast ganz vernachlässigen, so dass es offensichtlich ist, dass sie mehr um die eigene Gesundheit als um das Wohl der Seelen besorgt sind.

Lebendiger Gebetsgeist

17 Und drittens sehen wir schließlich am Beispiel des Apostels, dass für den Prediger der Gebetsgeist unentbehrlich ist. Sogleich nach seiner Berufung zog sich der Apostel zum Gebet zurück: „Siehe, er betet“,[33] sagt der Herr von ihm zu Ananias von Damaskus. Tatsächlich wirkt man das Heil der Seelen weder mit einem Schwall von Worten, noch mit spitzfindigen Abhandlungen, noch auch mit temperamentvoller Rhetorik. Ein Prediger, der sich damit begnügt, ist nichts anderes als „ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle“.[34] Das Mittel, das dem Menschenwort Macht und wunderbare Segenskraft zum Seelenheil verleiht, ist die Gnade Gottes: „Gott hat das Gedeihen gegeben“,[35] sagt der Apostel. Gottes Gnade wird aber weder durch Studium noch durch Kunstfertigkeit erworben, sondern durch das Gebet erfleht. Wer daher wenig oder gar nicht betet, verschwendet umsonst beim Predigen Mühe und Sorgfalt, da er in Gottes Augen weder für sich noch für seine Zuhörer etwas Nützliches tut.

18 Um in Kürze zusammenzufassen, was Wir bisher gesagt haben, bedienen Wir Uns der Worte des heiligen Petrus Damianus: „Dem Prediger sind vor allem zwei Dinge unentbehrlich: sein Vorrat an Gedanken aus der geistlichen Lehre muss unerschöpflich sein, und der Glanz seines frommen Lebens muss weithin leuchten. Wenn aber ein Priester nicht beiden Forderungen genügen kann, nämlich lauteren Lebenswandel und reiches Wissen zugleich besitzen, so ist zweifellos das Leben dem Wissen vorzuziehen ...Lauterkeit des Lebens hat größere Bedeutung für das Beispiel als Beredsamkeit oder gepflegte Formvollendung des Vortrags ... Es ist eine Notwendigkeit, dass der Priester, der das Predigeramt verwaltet, vom Tau der geistlichen Lehre riesele und im Strahlenglanz eines frommen Lebens leuchte, wie jener Verkündigungsengel bei der Geburt des Herrn, der in hellem Glanze funkelte und seine frohe Botschaft in Worten ausdrückte.[36]

Wesentliche Merkmale der Predigt

Inhalt: die ganze Offenbarungswahrheit

19 Doch, kehren Wir zu Paulus zurück ! Fragen wir nach den Themata seiner Predigten, so finden wir sie alle in seiner Beteuerung zusammengefasst: „Ich war nicht der Meinung, unter euch ein anderes Wissen vertreten zu müssen als Jesus Christus, und zwar den Gekreuzigten.“[37] Dahin wirken, dass Jesus Christus unter den Menschen mehr und mehr bekannt sei, und zwar dank einer Kenntnis, die nicht nur auf den Glauben, sondern auf das Leben abzielte, das ist es, wofür er die ganze Kraft seines Apostelherzens einsetzte. Deshalb handelte er von allen Glaubenswahrheiten und Sittengeboten Christi, selbst von den anspruchsvolleren; und zwar sprach er ohne die geringste Zurückhaltung und Abschwächung von der Demut, der Selbstverleugnung, der Keuschheit, der Geringschätzung irdischer Güter, vom Gehorsam, von der Nachsicht gegenüber den Feinden und von ähnlichen Gegenständen. Und er scheute sich auch nicht, offen auszusprechen, dass man zwischen Gott und Belial seinen Dienstherrn wählen müsse, und dass es unmöglich sei, beiden zu dienen; dass alle nach dem Tod ein strenges Gericht zu erwarten haben; dass es bei Gott keine Abfindung gibt; dass entweder das ewige Leben in Aussicht stehe für jene, die das ganze Gesetz beobachten, oder die ewige Verdammung zu gewärtigen sei, wenn man aus Nachgiebigkeit gegenüber den Leidenschaften die Pflicht vernachlässige. Und niemals glaubte „der Prediger der Wahrheit“ Gegenstände dieser Art übergehen zu müssen, weil sie angesichts des damaligen Sittenzerfalls seinen Zuhörern allzu hart erscheinen konnten.

Daraus erhellt, wie sehr jene Prediger zu missbilligen sind, die gewisse Punkte der christlichen Lehre nicht zu behandeln wagen, nur um ihren Zuhörern nicht zu missfallen. Verschreibt denn ein Arzt seinem Patienten nutzlose Heilmittel, weil dieser die nutzbringenden verabscheut? Im übrigen wird sich Macht und Fähigkeit eines Redners gerade daran erweisen, dass er es versteht, das Unangenehme durch sein Wort angenehm zu machen.

Methode: nicht einseitig rationalistisch

Ferner, auf welche Art und Weise legte denn der Apostel seine Gedanken dar? „Nicht mit den Überredungskünsten menschlicher Weisheit.“[38]

Es ist überaus wichtig, ehrwürdige Brüder, dass gerade dieses Wort von jedermann in seiner ganzen Tragweite erfasst werde. Müssen Wir doch feststellen, dass allzu viele Kanzelredner in ihren Predigten die Heilige Schrift, die Väter und Kirchenlehrer sowie die Beweisgründe der Theologie außer acht lassen. Sie reden fast ausschließlich von der Vernunft. Das ist gewiss ein Unfug, denn in der übernatürlichen Ordnung ist mit rein menschlichen Mitteln nichts auszurichten.

Dagegen wendet man ein: Einem Prediger, der die göttlichen Offenbarungswahrheiten betont, wird kein Glaube geschenkt. Ist dem wirklich so? Das mag zutreffen für Nichtkatholiken; und doch, als die Griechen auf der Suche waren nach der Wahrheit - dieser Welt natürlich -, hat ihnen der Völkerapostel trotzdem Christus den Gekreuzigten gepredigt.[39] Wenden wir uns aber den katholischen Völkern zu, so werden wir feststellen, dass jene unter ihnen, die uns entfremdet sind, den Glauben wenigstens wurzelhaft bewahrt haben. Sie sind nämlich mit geistiger Blindheit geschlagen, weil ihre Herzen verdorben sind.

Ziel: Christus gefallen, nicht den Menschen

Schließlich, in welcher Absicht predigte Paulus ? Nicht um den Menschen, sondern um Christus zu gefallen: „Wollte ich den Menschen gefallen, so wäre ich kein Diener Christi.“[40] Da sein Herz von der Liebe zu Christus entflammt war, suchte er nichts als die Ehre Christi. Möchten doch alle, die im Dienste des Wortes stehen, Jesus Christus wahrhaft lieben! Könnten sie sich doch das Pauluswort zu eigen machen: „Für Ihn (Jesus Christus) habe ich alles preisgegeben.[41] Christus ist mein Leben.“[42] Nur wer in Liebe entbrannt ist, vermag die andern zu entflammen. Daher der Rat des heiligen Bernhard für den Prediger: „Wenn du die Wahrheit verkostest, sollst du dich als Brunnenbecken und nicht als Wasserleitung erweisen.“[43] Das bedeutet: Sei selber erfüllt von dem, was du sagst, und begnüge dich nicht damit, es an die andern weiterzuleiten. „Fürwahr“, fügt derselbe Lehrer bei, „wir haben heute in der Kirche viele Leitungen, aber gar wenig Behälter![44]

Schluss: Mahnwort an die Bischöfe

20 Damit dem in Zukunft nicht so sei, müsst ihr also, ehrwürdige Brüder, Mühe und Sorgfalt walten lassen. Euch obliegt es, die Unwürdigen abzuweisen, die Berufenen auszuwählen, zu bilden und anzuleiten, um zu erreichen, dass die Prediger gemäß dem Herzen Gottes alsbald sehr zahlreich seien.

21 Auf die Fürbitte der allerseligsten Jungfrau, Mutter des menschgewordenen Wortes und Königin der Apostel, möge der ewige Hirte Jesus Christus huldvoll auf seine Herde herniederblicken. Möge er den Geist des Apostolates im Klerus neu entfachen und jene zahlreich berufen, die danach trachten, sich vor Gott zu bewähren, als unerschrockene Arbeiter, die das Wort der Wahrheit richtig verwalten.[45]

22 Als Unterpfand der Gnadengeschenke Gottes und als Erweis Unseres Wohlwollens erteilen Wir euch, ehrwürdige Brüder, eurem Klerus und Volk liebevoll den Apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom bei St. Peter, am Herz Jesu-Fest,

den 15. Juni 1917, im dritten Jahre Unseres Pontifikates.

Benedikt XV. PP.

Anmerkungen

  1. Benedikt XV., Rundschreiben über die Predigt. AAS IX (1917, I. Teil) 305-317.
  2. 1 Kor 1,21 EU.
  3. Mk 16,15 EU.
  4. Röm 10,17 EU.
  5. Hebr 4,12 EU.
  6. Vgl. Konzil von Trient, Sess. XXIV, De reform. c. IV. Mansi 33,159.
  7. 1 Kor 1,17 EU.
  8. Apg 6,2 EU.
  9. Röm 10,15 EU.
  10. Vgl. 1 Petr 11,25 EU.
  11. Vgl. Apg 9,15 EU}.
  12. Vgl. Apg 13,2-3 EU.
  13. Jer 23,21 EU.
  14. Apg 4,4 EU.
  15. Konzil von Trient, Sess. V c. 2. Mansi 33, 30.
  16. Hebr 5,4 EU.
  17. Lk 24,49 EU.
  18. Konzil von Trient, Sess. V c. 2. Mansi 33, 31.
  19. Mt 5,13.14 EU.
  20. 2 Kor 5,20 EU.
  21. Joh 20,21 EU.
  22. Joh 18,37 EU.
  23. Joh 10,10 EU.
  24. Abt Gibertus, In Cant. Cantic., Sermo XXVII 2. PL 184, 140.
  25. Mt 9,5 EU.
  26. 2 Tim 4,3 EU.
  27. Gregorius Magnus, In I Regum, lib. IlI. PL 79, 126.
  28. Römisches Brevier, Gedächtnis des heiligen Apostels Paulus am 30. Juni, 4. Ant. und 7. Respons. der Matutin.
  29. IV. Laterankonzil, Serrno II. Innocentii Papae III. Mansi 22, 974.
  30. Apg 9,6 EU.
  31. Apg 9,16 EU.
  32. 2 Kor 7,4 EU.
  33. Apg 9,11 EU.
  34. 1 Kor 13,1 EU.
  35. 1 Kor 3,6 EU.
  36. Petrus Damiani, Epist. I, III: Epist. I, ad Cinthium Urbis praef. PL 144, 462.
  37. 1 Kor 2,2 EU.
  38. 1 Kor 2,4 EU.
  39. Vgl. 1 Kor 1,22-23 EU.
  40. Gal 1,10 EU.
  41. Phil 3,8 EU.
  42. Phil 1,21 EU.
  43. Bernhard, In Cant., sermo XVIII. PL 183, 1321.
  44. Ebd.
  45. Vgl. 2 Tim 2,15 EU.

Weblinks

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