Magnae dei matris (Wortlaut)

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Enzyklika
Magnae dei matris

unseres Heiligen Vaters
Leo XIII.
an die Ehrwürdigen Brüder. die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe
der katholischen Welt, die in Gnade und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle stehen
Der Rosenkranz als Schule des christlichen Tugendlebens
8. September 1892

(Offizieller lateinischer Text: ASS XXV [1892-93] 140-146)

(Quelle: Rundschreiben Leo XIII., Vierte Sammlung, Lateinischer und deutscher Text, Herder´sche Verlagsbuchhandlung übersetzt durch den päpstlichen Hausprälaten Professor Hettinger, Freiburg im Breisgau 1904.Die Nummerangabe ist der englischen Fassung [1] angeglichen. Die Überschriften wurden aus: Rudolf Graber: Die marianischen Weltrundschreiben der Päpste in den letzten hundert Jahren, Echter Verlag Würzburg 19542 [Mit kirchlicher Druckerlaubnis ] entnommen)

Allgemeiner Hinweis: Die in der Kathpedia veröffentlichen Lehramtstexte dürfen nicht als offizielle Übersetzungen betrachtet werden, selbst wenn die Quellangaben dies vermuten ließen. Nur die Texte auf der Vatikanseite können als offiziell angesehen werden (Schreiben der Libreria Editrice Vaticana vom 21. Januar 2008).


Rosenkranz als Herz.jpg
Ehrwürdige Brüder,
Gruß und Apostolischen Segen

Inhaltsverzeichnis

Die Marienverehrung des Papstes

1 Der großen Gottesmutter Liebe und Andacht beim christlichen Volke zu wecken und zu mehren, erfüllt Uns jedes Mal, so oft sich hierzu Gelegenheit bietet, mit wunderbarer Wonne und Freudigkeit, da dies eine Sache betrifft, die nicht nur an und für sich ganz vorzüglich und in vieler Beziehung fruchtbar ist, sondern auch mit Unserer innersten Herzensgesinnung im lieblichsten Einklange steht. Wuchs ja doch die heilige Verehrung gegen Maria, seitdem Wir sie sozusagen mit der Muttermilch einsogen, mit zunehmendem Alter kräftig heran und schlug im Herzen festere Wurzeln.

2 Denn immer klarer schwebte es dem Geiste vor, welch großer Liebe und Ehre jene würdig sei, die Gott selbst zuerst liebte und schätzte, ja in dem Grade schätzte, dass er sie unter den gesamten Geschöpfen allein auf eine höhere Stufe erhob, mit den reichsten Gaben ausstattete und sich dann als Mutter auserkor. Zahlreiche und glänzende Beweise ihrer Güte und Wohltätigkeit gegen Uns, an die Wir Uns mit dem größten Danke und nicht ohne Tränen erinnern, haben diese Verehrung in Uns fürderhin genährt und entzünden sie noch mächtiger. Denn während der zahlreichen, verschiedenartigen und furchtbaren Unfälle der Zeit haben Wir immer zu ihr Unsere Zuflucht genommen, immer zu ihr mit unverwandten und stehenden Blicken emporgeschaut. Jede Hoffnung und Furcht, Freuden und Bitterkeiten haben Wir in ihren Schoß gelegt, unablässig darauf bedacht, von ihr zu erbitten, sie möge Uns als gütige Mutter jederzeit zur Seite stehen und die ausgezeichnete Gabe erflehen, dass Wir ihr anderseits die völlige Ergebenheit als Sohn beweisen könnten.

3 Als Wir dann durch den geheimen Ratschluss der göttlichen Vorsehung auf diesen Stuhl des hl. Petrus erhoben wurden, um die Stelle Christi in seiner Kirche zu vertreten, da waren Wir, durch die ungeheure schwere des Amtes erschüttert und ohne alles Vertrauen auf Unsere Tüchtigkeit, noch eifriger und angelegentlicher bestrebt, den Beistand der göttlichen Hilfe bei der mütterlichen Obhut der allerseligsten Jungfrau zu erflehen. Unsere Hoffnung aber, das Herz begehrt es offen auszusprechen, wurde niemals getäuscht. Denn die Ereignisse waren sowohl sonst im Leben als besonders in Führung des obersten Apostolischen Amtes immer mit Erfolg oder mit Erleichterung begleitet. Infolgedessen erhebt sich die nämliche Hoffnung für Uns jetzt noch viel mächtiger, um durch ihre Gunst und Vermittlung die Erhörung weiterer und größerer Bitten zu erflehen, welche Dinge betreffen, die ebenso sehr der christlichen Herde zum Segen als zum glücklichen Wachstum der Herrlichkeit der Kirche gedeihen können.

4 Es ist daher recht und zeitgemäß, Ehrwürdige Brüder, dass Wir Unsere Söhne auf dem ganzen Erdkreise anspornen und durch Eure Vermittlung neuerdings ermuntern, dass sie den nächsten Monat Oktober, welcher unserer Herrin und erhabenen Königin vom Rosenkranz geweiht ist, mit lebhafterem Eifer und größerer Andacht, so wie es die drückenden Nöten der Zeit erfordern, zu feiern bemüht sind.

Die Zersetzungserscheinungen der Gegenwart

5 Auf wie mannigfache und durch welche Verführungsarten die Verderbtheit unseres Zeitalters durch List und Trug darnach trachtet, den christlichen Glauben und die Beobachtung des göttlichen Gesetzes, welche denselben nährt zu Früchten reift, abzuschwächen und gänzlich aus den Herzen zu reißen, das ist nur allzu bekannt. Schon allenthalben verwildert sozusagen das Ackerfeld des Herrn, gleichsam von einem abscheulichen Pesthauche betroffen, infolge von Unwissenheit in Glaubenssachen, von Irrtümern und Lastern. Bitterer aber ist noch der Gedanke, dass diejenigen, welche dies tun könnten und hauptsächlich tun sollten, statt einer so anmaßenden und schädlichen Gottlosigkeit Zügel anzulegen oder gerechte Strafen über sie zu verhängen, vielmehr öfter infolge von Sorglosigkeit oder Begünstigung diesen Übermut noch zu steigern scheinen.

6 Daher ist es mit Grund zu beklagen, dass die öffentlichen Anstalten der Künste und Wissenschaften geflissentlich so eingerichtet sind, dass in ihnen der Name Gottes überhaupt nicht genannt oder gar noch geschmäht wird; zu beklagen, dass von Tag zu Tag die Freiheit und Unverschämtheit sich steigern, alles Schändliche gegen die Gottheit Christi und die Kirche in Wort und Schrift unter dem Volke zu verbreiten; ebenso beklagenswert ist die bei vielen eingetretene Gleichgültigkeit und Trägheit im katholischen Bekenntnis, die zwar nicht offener Abfall vom Glauben ist, aber doch sicherlich dahin neigt und abzielt, da die Lebensführung mit dem Glauben nicht mehr im Einklang steht. Wer diese Verwirrung der höchsten Interessen und ihren Niedergang erwägt, dem wird es in der Tat nicht auffallend erscheinen, wenn die Völker weiterhin von der Last der göttlichen Strafgerechtigkeit betroffen aufseufzen und in banger Furcht vor größeren Schicksalsschlägen in beständiger Aufregung leben.

Notwendigkeit des Rosenkranzgebetes

7 Um nun die beleidigte Gottheit zu versöhnen und den Armen und Mühseligen die nötige Heilung zu verschaffen, ist wohl nichts besser und mächtiger als die fromme und ausdauernde Verrichtung des Gebetes, wenn es nur mit dem Streben und der Betätigung des christlichen Lebens verbunden ist. Dies aber ist in dieser doppelten Richtung nach Unserer Meinung vornehmlich durch den „Marianischen Rosenkranz“ erreichbar.

8 Von seinem hinreichend bekannten Ursprunge an, welchen herrliche Denkmäler ins Licht stellen, und den Wir selbst schon öfter in Erwähnung gebracht haben, wird dessen überaus mächtige Kraft gepriesen. Zur Zeit nämlich, als die Sekte der Albigenser, dem Scheine nach eine Beschützerin der Glaubens- und Sittenreinheit, in der Tat aber eine sehr schlimme Anstifterin von Wirrwarr und Verführung, viele Völkerschaften in großes Verderben stürzte, kämpfte die Kirche gegen dieselbe und die mitverbündeten Verbrecherbanden nicht mit Truppen und Waffengewalt, sondern besonders durch die fürbittende Kraft des hl. Rosenkranzes, dessen Andacht die Gottesgebärerin selbst dem Vater Dominikus zur Verbreitung übertragen hat. Auf diese Weise errang sie einen großartigen allgemeinen Sieg, sorgte mit stets ruhmreichen Erfolge für das Heil der Ihrigen, sowohl in den damaligen als auch in ähnlichen nachfolgenden Stürmen. Deshalb müssen wir bei dieser Zeit- und Weltlage, welche wir als trauervoll für die Religion und als höchst schädlich für den Staat beklagen, allesamt mit gleicher Frömmigkeit die heilige Gottesmutter gemeinschaftlich anflehen und sie inständig bitten, dass auch wir dieselbe Kraft ihres Rosenkranzes nach unsern Wünschen freudig erfahren.

9 Denn wenn wir im Gebet unsere Zuflucht zu Maria nehmen, nehmen wir zur Mutter der Barmherzigkeit unsere Zuflucht, welche so gegen uns gesinnt sind, dass sie uns in Nöten jeder Art, zumal wenn es sich um die Erlangung des ewigen Lebens handelt, sogleich und aus freien Stücken, selbst ohne Anrufung, immer zu Hilfe eilt und ihre Spenden aus dem Schatze jener Gnaden schöpft, mit der sie sofort von Anbeginn in ganzer Fülle von Gott beschenkt worden ist, so dass sie würdig war, seine Mutter zu werden. Durch diese Gnadenfülle nämlich, welche von den vielen preiswürdigen Vorzügen der Jungfrau der herrlichste ist, ragt sie weit über alle Stufen der Menschen und Engel hervor und steht unter allen allein Christo am nächsten. „Etwas Großes besitzt ein jeder Heilige, wenn er soviel Gnade besitzt, dass sie zum Heile vieler ausreicht; wenn er aber einen solchen Grad besäße, dass er zum Heile aller Menschen der Welt hinreichte, so wäre dies das Höchste, und das ist der Fall bei Christus und der seligsten Jungfrau.“[1]

Die Liebe Mariens zu uns

10 Wenn wir sie also mit dem englischen Gruß als Gnadenvolle begrüßen, und eben dieses Lob wiederholt gehörig in Kränze zusammenwinden, so lässt sich kaum sagen, welch angenehmes und für sie erwünschtes Werk wir tun. Denn ebenso oft wird gewissermaßen von uns die Erinnerung sowohl an ihre erhabene Würde als auch an die von Gott durch sie begonnene Erlösung des Menschengeschlechtes erweckt. Hiervon hängt auch die erwähnte göttliche ununterbrochene Wechselbeziehung ab, in der sie selbst mit den Freuden und Leiden Christi, mit seinen Schmähungen und Triumphen verbunden ist in Leitung der Menschen und ihrer Führung zur Ewigkeit.

11 Wenn es Christus in seiner unendlichen Güte gefallen hat, eine so große Ähnlichkeit mit uns offen an den Tag zu legen, sich als Menschensohn, ja sogar als unsern Bruder zu bezeichnen und zu zeigen, damit seine Barmherzigkeit gegen uns um so deutlicher sich offenbare, „musste er in allem den Brüdern ähnlich werden, um barmherzig zu sein.“ [2] Ebenso wurde Maria, weil sie zur Mutter Christi des Herrn, der zugleich unser Bruder ist, auserwählt worden ist, der einzigartige Vorzug vor allen Müttern verliehen, dass sie uns ihre Barmherzigkeit kundtat und verschwenderisch über uns ausgoss. Wenn wir es außerdem Christus verdanken, dass er das ihm zustehende Recht gewissermaßen mit uns teilte, Gott als Vater anzurufen und zu besitzen, so verdanken wir ihm auch auf ähnliche Weise das aufs liebevollste mitgeteilte Recht, Maria als Mutter anzurufen und zu besitzen.

12 Wenn aber die Natur selbst den Namen Mutter zu den süßesten gemacht hat und in ihm gleichsam ein Musterbild zärtlicher und fürsorgender Liebe aufgestellt hat, so vermag es die Zunge nicht genugsam auszusprechen, doch die Herzen der Frommen empfinden es richtig, eine wie gewaltige Flamme wohlwollender und werktätiger Liebe Maria innewohnt, ja in Maria, die uns nicht menschlicherseits, sondern von Christus aus Mutter ist. Ja, noch viel besser und klarer durchschaut sie alle unsere Verhältnisse, welchen Schutz wir im Leben bedürfen, welche Gefahren uns öffentlich und persönlich drohen, in welchen Leiden und Drangsalen wir uns befinden, vor allem aber wie heftig unser Kampf mit den heftigsten Feinden um das Heil unserer Seele ist. In diesen und anderen Widerwärtigkeiten des Lebens vermag sie in viel reichlicherem Maße, ganz nach ihrem Herzenswunsch, ihren geliebten Söhnen Trost, Kraft, Hilfe jeder Art zu bringen.

13 Darum wollen wir zu Maria nicht zaghaft und lässig hinzutreten, indem wir sie bei jenem mütterlichen Banden beschwören, durch die sie mit Jesus und ebenso mit uns aufs engste verbunden ist. Um ihre augenscheinliche Hilfe wollen wir sie in der von ihr selbst bezeichneten Gebetsweise, die ihr so angenehm ist, in aller Andacht anrufen. Dann dürfen wir mit gutem Grunde unter dem Schutz der besten Mutter sichern und freudigen Herzens in Ruhe und Frieden leben.

Der Rosenkranz bestärkt uns im Glauben

14 Zu dieser aus der Gebetsart selbst hervorgehenden Empfehlung des Rosenkranzes kommt noch seine leichte Anwendbarkeit, um dem Herzen die wichtigsten christlichen Glaubenspunkte überzeugend einzuprägen und einzuschärfen, und das ist eine weitere ausgezeichnete Empfehlung des Rosenkranzes. – Denn der Glaube ist absonderlich, durch den der Mensch geraden und sicheren Schrittes zu Gott hinwandelt, und die ihm allein eigene unendliche Erhabenheit, seine Herrschaft über alles, seine Allmacht, Weisheit und Vorsehung mit Geist und Herz verehren lernt. „Denn glauben muss, wer zu Gott hinzutritt, dass er ist und denen, die ihn suchen, ein Vergelter sei.“[3] Weil ferner der ewige Sohn Gottes Menschengestalt angenommen, uns vorangeleuchtet hat und uns zur Seite steht als der Weg, die Wahrheit und das Leben, aus diesem Grunde muss unser Glaube nebst dem die tiefen Geheimnisse der erhabenen Dreieinigkeit der göttlichen Personen und des menschgewordenen Eingebornen des Vaters umfassen nach dem Worte: „Dass ist das ewige Leben, dass sie dich erkennen, den einzigen wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus.“[4]

15 Mit einer überaus großen Wohltat hat uns Gott beschenkt, als er uns diesen heiligen Glauben schenkte; denn durch diese Gnadengabe werden wir nicht bloß über die menschlichen Dinge emporgehoben, da wir gleichsam Auskundschafter und Teilhaber der göttlichen Natur geworden sind, sondern wir haben um so mehr Grund zu hervorragendem Verdienst zur Erlangung der himmlischen Belohnungen. Deshalb wird unsere Hoffnung genährt und bestärkt, dass uns dereinst das Glück zuteil werde, Gott nicht mehr bloß durch die Schattenrisse der Dinge, sondern ihn selbst in offenem Lichte zu schauen und ihn als das höchste Gut auf ewig zu genießen. Doch der Christ wird durch verschiedenartige Sorgen des Lebens zerstreut und schweift so leicht zu geringfügigen Dingen ab, dass er ohne die Beihilfe öfterer Ermahnung das Wichtigste und Notwendigste durch langdauernde Vergessenheit verlernt, und aus dieser Ursache sein Glaube allmählich erlahmt und sogar verloren geht.

16 Um diese allzu großen Gefahren der Unwissenheit von ihren Söhnen fernzuhalten, verabsäumt die Kirche gewiss keine Maßregeln der Wachsamkeit und Sorgfalt, und nicht das letzte Beförderungsmittel des Glaubens ist das, welches sie aus dem Marianischen Rosenkranz hervorzuholen pflegt. Denn im Verein mit dem schönsten und fruchtbarsten, in bestimmter Ordnung fortgesetzten Gebete werden im Rosenkranze der Reihe nach der vorzüglichsten Geheimnisse unserer Religion ins Gedächtnis zurückzurufen und in Betrachtung gezogen, vor allem jene, nach welchen „das Wort Fleisch geworden ist“ und Maria, die unversehrte Jungfrau und Mutter, demselben mit der größten Freude die mütterlichen Dienste leistete; sodann die Bitterkeiten des leidenden Christus, seine Kreuzigung und Todespein, um deren Preis das Heil unseres Geschlechtes gewirkt worden ist; hernach seine glorreichen Geheimnisse, sein Triumph über den Tod, seine Himmelfahrt, die Herabkunft des Heiligen Geistes und die strahlende Herrlichkeit Marias nach ihrer Aufnahme in den Himmel, endlich die mit der Glorie der Mutter und des Sohnes vereinigte ewige Herrlichkeit aller Himmelsbewohner.

17 Diese verflochtene Reihenfolge ganz wunderbarer Gegebenheiten wird wiederholt und beständig in das Gedächtnis der Gläubigen zurückgerufen und vor den Augen entwickelt und vorgestellt. Jene, welche die Rosenkranzandacht gewissenhaft verrichten, werden von unbeschreiblicher, immer neuer Wonne der Frömmigkeit erfüllt; denn sie bewegt und rührt die Herzen, gerade als ob sie die Stimme der mildreichsten Mutter selbst hörten, welche eben diese Geheimnisse offenbart und viele heilsame Worte zu ihnen spricht.

18 Deshalb ist wohl die Behauptung nicht übertrieben, dass an den Orten, in den Familien und unter den Völkern, bei denen die Übung des Marianischen Rosenkranzes ihr altes Ehrenrecht behauptet, kein Verlust des Glaubens infolge von Unwissenheit und verderblichen Irrtümern zu fürchten ist.

Der Rosenkranz führt zum heiligen Handeln

19 Aber nicht minder ausgezeichnet ist ein anderer Nutzen, welchen die Kirche für ihre Söhne angelegentlich aus dem Rosenkranze zu gewinnen sucht, nämlich der, dass dieselben ihr Leben und ihre Sitten sorgfältiger nach der Richtschnur und den Vorschriften des heiligen Glaubens einrichten sollen. Denn wenn nach dem allgemein festgehaltenen göttlichen Ausspruch „der Glaube ohne die Werke tot ist“[5], weil der Glaube sein Leben aus der Liebe schöpft, die Liebe aber sich in eine reiche Fülle heiliger Werke ergießt, so wird der Christ sicherlich keinen Nutzen aus seinem Glauben gewinnen, wenn er nicht seine Lebensführung nach demselben einrichtet:“ Was hilft es, meine Brüder, wenn jemand sagt, dass er Glauben habe, Werke aber nicht hat? Wird sein Glaube vermögen, ihn selig zu machen?“[6] Dergleichen Menschen werden vielmehr ein weit härteres Urteil von Seiten Christi des Richters erfahren als diejenigen, welche im christlichen Glauben Unterricht an bedauernswerter Unwissenheit leiden. Denn wären dort Glaube und Liebe sich widersprechen, leben diese nicht anders als sie glauben, ja weil sie das Licht des Evangeliums entbehren, haben sie eine gewisse Entschuldigung, oder sie sind doch weniger strafbar.

20 Damit also der Glaube, den wir bekennen, an Üppigkeit der Früchte herrlicher aufblühe, wird durch die Geheimnisse selbst, welche der Geist in betrachtende Erwägung zieht, zugleich das Herz auf wunderbare Weise zu Tugendvorsätzen entflammt. Welch erhabenes und glänzendes Beispiel bietet uns nämlich das Heilswerk Christi des Herrn nach allen Richtungen dar! Der große, allmächtige Gott erniedrigt sich im Drang seiner unermesslichen Liebe zu uns zu den Verhältnissen des geringsten Menschen; mit uns verkehrt er wie einer aus unserer Mitte, freundlich unterhält er sich, unterweist die Einzelnen und die Volksschar in Lehre und Gerechtigkeit, ein ausgezeichneter Meister der Rede, seinem Ansehen nach aber Gott. Überhaupt allen erweist er sich als Wohltäter; die Siechen befreit er von körperlicher Krankheit, die Seelenkrankheiten, die noch drückender sind, heilt er in väterlichem Erbarmen. Die Kummer quält und die unter der Last der Sorge ermatten, redet er liebevollst an und ruft: „Kommet alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, und ich will euch erquicken.“[7] Dann haucht er uns, während wir in seiner Umarmung ruhen, von jenem geheimnisvollen Feuer ein, das er vom Himmel mitbrachte; in seiner Güte stößt er uns von der Sanftmut seines Herzens und seiner Demut ein und wünscht, dass wir durch die Übung dieser Tugend des wahren und dauernden Friedens, dessen Urheber er ist, teilhaftig werden möchten: „Lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen.“[8] Gleichwohl erträgt er für dieses Licht der himmlischen Weisheit und die ausgezeichnete Fülle von Wohltaten, durch die er die Menschen hätte zum Dank verpflichten sollen, den Hass der Menschen und die rohesten Unbilden; er vergießt sein Blut und haucht, ans Kreuz geheftet, seinen Geist aus, auf nicht sehnlicher bedacht, als dass er ihnen durch seinen Tod das Leben erwerbe.

21 Solche Liebeserweise unseres liebevollsten Erlösers kann unmöglich jemand mit Aufmerksamkeit im Geiste betrachten und erwägen, ohne in dankbarer Zuneigung zu ihm zu erglühen. Vielmehr wird die Kraft des bewährten Glaubens soviel bewirken, dass sie den Menschen nach Erleuchtung seines Geistes und nach gewaltigem Antrieb seines Willens fast ganz fortreißt, in Christi Fußstapfen selbst in jeder gefährlichen Lage einzutreten, bis zu jenem feierlichen, eines hl. Paulus würdigen Ausruf: „Wer also wird uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst, oder Hunger oder Blöße oder Gefahr, oder Verfolgung oder Schwert?[9] ... Ich lebe, aber nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir.“[10]

Der Rosenkranz verweist auf das Beispiel Mariens

22 Damit wir aber im Hinblick auf die wahrhaft hocherhabenen Beispiele, welche Christus, Mensch und Gott zugleich, an seiner Person uns darbietet, durch das Bewusstsein unserer natürlichen Schwachheit abgeschreckt, den Mut nicht verlieren, werden zugleich mit seinen Geheimnissen die Geheimnisse der allerseligsten Jungfrau Maria unserem Geistesauge zur Betrachtung vorgeführt.

23 Aus dem königlichen Stamme ist sie zwar entsprossen, doch erübrigt ihr nichts mehr von den Glücksgütern und der Hoheit ihrer Vorfahren. Denn sie führt ein unbekanntes Leben in einem unbedeutenden Städtchen, in einer gar bescheidenen Wohnung, gerade bei dieser Abgeschiedenheit und ihrem dürftigen Vermögensstand um so zufriedener, weil sich ihre Seele um so freier zu Gott erheben und ihm, dem höchsten, besten Gut, vollständig anhängen kann.

24 Und doch ist der Herr mit ihr, der sie mit seiner Gnade erfüllt und beseligt, und sie wird durch die himmlische Botschaft als diejenige bezeichnet, von der durch die Kraft des Heiligen Geistes der erwartete Erlöser der Völker in unserer menschlichen Natur geboren werden sollte. Je mehr sie diesen hocherhabenen Grad ihrer Würde bewundert und dem mächtigen und barmherzigen Gott als Gnadengeschenk zuschreibt, desto mehr erniedrigt sie sich, da sie sich seiner Tugend bewusst ist; sie erklärt und weiht sich, indem sie seine Mutter wird, willigen Geistes als Gottesmagd.

25 Was sie aber frommen Sinnes versprach, das hält sie auch gewissenhaft und eifrig, indem sie schon damals eine beständige Lebensgemeinschaft mit ihrem Sohne Jesus einging und mit ihm Freuden und Tränen teilte. So sollte sie eine solche Höhe der Herrlichkeit wie sonst kein Mensch und Engel erreichen, da sich mit ihr niemand an Tugendverdiensten vergleichen lässt. So erwartet sie die Krone des himmlischen und irdischen Reiches, weil sie die unbesiegbare Königin der Martyrer sein sollte; so wird sie in der himmlischen Stadt Gottes durch alle Ewigkeit gekrönt zur Seite ihres Sohnes sitzen, weil sie standhaft in ihrem ganzen Leben, am standhaftesten auf Kalvaria den überströmenden Leidenskelch mit ihm trinken sollte.

26 Hiernach hat Gott in seiner Güte und Vorsehung uns in Maria ein ganz geeignetes Musterbild jeglicher Tugend aufgestellt, und indem wir sie mit den Augen des Leibes und des Geistes betrachten, verlieren wir nicht, gleichsam von dem Glanze der göttlichen Hoheit betroffen, den Mut, sondern gerade infolge der Verwandtschaft der gemeinsamen Natur angelockt, befleißen wir umso vertrauensvoller ihre Nachahmung. Wenn wir uns zumal unter ihrem Beistande diesem Streben vollständig hingeben, dann wird es uns in der Tat gelingen, wenigstens die Umrisse so großer Tugend und Heiligkeit zum Ausdrucke zu bringen, und indem wir die von ihr wunderbar bewahrte Gemütsruhe im Leben bei allen göttlichen Ratschlüssen auch unsererseits beweisen, werden wir ihr zum Himmel nachfolgen dürfen.

27 Nunmehr wollen wir die dorthin unternommene Pilgerfahrt, wenn sie auch rau und durch viele Schwierigkeiten behindert ist, mutig und wacker fortsetzen und bei Beschwerlichkeit und Anstrengung nicht ablassen, zu Maria unsere Hände flehentlich zu erheben mit den Worten der Kirche: Zu dir seufzen wir trauernd und weinend in diesem Tale der Tränen ..., so wende denn deine barmherzigen Augen uns zu. Führe uns in Gnade, auf dem Lebenspfade, bis wir mit Entzücken, Jesum stets anblicken.[11]

28 Sie aber, die beste und eifrigste unter allen Müttern, welch die Schwäche und Verdorbenheit unserer Natur genau kennt, obwohl sie derselben durchaus nicht unterworfen war, wie hurtig und willig wird sie uns zu Hilfe kommen, mit welcher Liebe wird sie uns erquicken und mit Tugend stärken! Wenn wir den Weg gehen, welcher durch das göttliche Blut Christi und die Tränen Marias geweiht ist, so wird uns der Hingang sicher und gar nicht schwer sein, um auch die Gemeinschaft ihrer hochseligen Herrlichkeit zu genießen.

Das Beispiel der Heiligen Familie

29 Demnach ist der Rosenkranz der Jungfrau Maria, in welchem eine vorzügliche Gebetsformel, ein brauchbares Hilfsmittel zur Bewahrung des Glaubens und ein ausgezeichnetes Ideal vollkommener Tugend in geschickter und nützlicher Verbindung vereint sind, durchaus wert, dass ihn die wahren Christen häufig zur Hand nehmen und ihn in frommer Andacht und Erwägung abbeten. – Diese Empfehlung soll aber besonders dem sogen. „Verein von der heiligen Familie“ gelten, den wir erst kürzlich belobt und gesetzlich gutgeheißen haben. Jenes Geheimnis Christi des Herrn nämlich, dass er innerhalb der Wände des Hauses von Nazareth lange Zeit ein stilles und verborgenes Leben geführt hat, gab Anlass zu dieser Vereinigung, zu dem Zweck, dass die christlichen Familien eifrig bedacht seien, sich nach dem Muster der durch göttlichen Ratschluss gegründeten heiligen Familie gleichförmig zu gestalten.

30 Sonach tritt deren besonderer Zusammenhang mit dem Rosenkranz klar hervor, sofern er vornehmlich die freudenreichen Geheimnisse betrifft, die gerade in dem Punkt zusammengefasst sind, indem Jesus nach Kundgabe seiner Weisheit im Tempel mit Maria und Joseph „nach Nazareth kam und ihnen untertan war“ und hiermit die übrigen Geheimnisse gleichsam anbahnte, welche die Belehrung und Erlösung der Menschen näherhin vollziehen sollten. Daraus mögen alle Vereinsmitglieder ersehen, wie sehr es ihnen zusteht, sich als eifrige Verehrer und auch als Verbreiter des Rosenkranzes zu beweisen.

Das bevorstehende fünfzigjährige Bischofsjubiläum des Papstes

31 Soviel an Uns liegt, so halten Wir die in früheren Jahren gewähren Gnaden des hl. Ablasses als gültig aufrecht zu Gunsten derer, welche den Monat Oktober eben nach diesen Vorschriften gehörig halten; Eurem Ansehen und Eifer aber, Ehrwürdige Brüder, schreiben Wir es besonders zu, dass gleichwie früher, so auch jetzt unter den katholischen Völkerschaften die Andacht und der heilige Wetteifer erglüht, die Jungfrau, die Helferin der Christen, im Rosenkranzgebet zu verehren.

32 Doch womit unsere Aufforderung begonnen hat, damit mag sie auch schließen, indem Wir wiederholt und noch offener Zeugnis ablegen von Unserer Gesinnung gegen die große Gottesgebärerin, von der Erinnerung an ihre Wohltaten und der freudigsten Hoffnung, die Unser Herz erfüllt. Um seine Fürbitte ersuchen Wir das vor ihren Altären in aller Frömmigkeit und Demut betende christliche Volk für die von widrigen Stürmen und Wirren der Zeit heimgesuchte Kirche, desgleichen aber auch für Uns, die Wir bei der Neige Unseres Lebens, von Anstrengungen erschöpft, in die schwierigsten Verhältnisse und Bedrängnisse verwickelt, ohne Unterstützung durch menschliche Hilfsmittel, das Steuerruder der Kirche selbst zu führen haben. Auf Maria nämlich, Unsere mächtige und gütige Mutter, setzen Wir Unsere zuverlässige Hoffnung, die von Tag zu Tag wächst und uns freudiger stimmt. Auf ihre Fürbitte führen Wir sehr viele ausgezeichnete, von Gott empfangene Wohltaten zurück, mit besonderem Dank aber die Gnade, dass es nun bald Uns vergönnt sein soll, den fünfzigsten Jahrestag Unserer bischöflichen Weihe zu begehen.

33 Etwas Großes ist fürwahr, wenn man zurückschaut, eine so lange Zeitdauer des Hirtenamtes, zumal wie Wir es in Leitung der gesamten christlichen Herde bis zur Stunde unter täglichen Sorgen und Aufregungen ausüben. Während dieser Zeit hat es Uns, wie es das menschliche Leben mit sich bringt, entsprechend den Geheimnissen Christi und seiner Mutter, nicht an Ursachen zur Freude gefehlt, diese war aber auch mit vielem und bitterem Schmerz vermischt, nachdem Uns auch Auszeichnungen, Uns in Christo zu rühmen, zu teil geworden waren. Dies alles suchen Wir, in gleicher Demut und Dankbarkeit gegen Gott, zum Besten und zur Ehre der Kirche zu verwenden. Wenn nunmehr- denn ähnlich wird der Rest Unseres Lebens verlaufen – neue Freuden winken oder neue Schmerzen drohen, wenn etwa ruhmvolle Ehrungen dazu kommen sollten, wollen Wir, mit derselben Gesinnung und demselben Mute standhaft, nur den himmlischen Ruhm von Gott begehren und an dem Worte Davids Freude finden: „Der Name des Herrn sei gepriesen; nicht uns, o Herr, nicht uns, sondern deinem Namen gib die Ehre.“[12]

34 Ja, von Unsern Söhnen, die in frommem und wohlwollendem Eifer gegen Uns erglühen, erwarten Wir angelegentlich nicht sowohl Glückwünsche und Lobeserhebungen, als vielmehr innigen Dank gegen den allgütigen Gott, Gebete und Gelöbnisse. Mit größter Freude aber soll es uns erfüllen, wenn sie Uns die Gnade erbitten, dass all das, was Uns an Kraft und Leben erübrigt, der Kirche durchaus zum Heile gereiche, besonders um die feindselig Gesinnten und Verirrten, welche schon längst Unsere Stimme dazu einladet, zurückzuführen und zu versöhnen.

35 Allen Unsern geliebten Söhnen aber mögen aus Anlass Unseres bevorstehenden, so Gott will, freudigen Jubelfestes die Gaben der Gerechtigkeit, des Friedens, des Wohlergebens, des heiligen Wandels und aller sonstigen Güter zuströmen. Das erflehen Wir in väterlicher Liebe von Gott, daran erinnern Wir mit seinen Worten: „Höret auf mich ... und gleich der Rose, die gepflanzt ist an den Wasserbächen, bringet Frucht; gleich dem Libanon verbreitet lieblichen Wohlgeruch. Treibet Blüten gleich der Lilie, duftet Wohlgeruch und grünet zur Anmut, singet einen Lobgesang und preiset den Herrn ob seiner Werke. Zollet seinem Namen Ruhm und lobpreiset ihn mit dem Laute eurer Lippen, mit Gesängen und Zithern ... mit ganzem Herzen und Munde lobet und preiset den Namen des Herrn.“[13]

36 Wenn über diese Ratschläge und Wünsche gottlose Menschen etwa spotten, „die das lästern, was sie nicht kennen“, so möge Gott ihrer gütig schonen. Als Unterpfand aber, dass er auf die Fürbitte der Königin des heiligen Rosenkranzes Unsere Bitten gnädig erhöre, und gleichzeitig als Pfand Unseres Wohlwollens, empfanget, Ehrwürdige Brüder, den Apostolischen Segen, den Wir Euch einzeln, den Geistlichen und Eurem Volk von ganzem Herzen im Herrn erteilen.

Gegeben zu Rom bei St. Peter, den 8. September des Jahres 1892,
dem fünfzehnten Unseres Pontifikates
Leo XIII. PP.

Anmerkungen

  1. Der Thomas von Aquin, op. VIII super salut, angelica.
  2. Hebr 2,17 EU
  3. Hebr 11,6 EU
  4. Joh 17,3 EU
  5. Jak 2,20 EU
  6. Jak 2,14 EU
  7. Mt 11,28 EU
  8. Mt 11,28 EU
  9. Röm 8,35 EU
  10. Gal 2,20 EU
  11. Aus der heiligen Liturgie.
  12. Ps 112,2 EU; Ps 113,1 EU
  13. Sir 39,17-20.41 EU
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