Dritter Pastoralbesuch nach Deutschland von Papst Johannes Paul II. im Juni 1996

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Worte beim
dritten Pastoralbesuch in Deutschland

von Papst
Johannes Paul II.
21. bis 23. Juni 1996

(Quelle: Die deutschen Fassungen auf der Vatikanseite; auch in: VAS 126)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Inhaltsverzeichnis

Freitag, den 21. Juni 1996

Begrüßungszeremonie auf dem Internationalen Flughafen Paderborn/Lippstadt

1. Zum dritten Mal führt mich mein Weg zu, Ihnen nach Deutschland, seitdem mir der apostolische Dienst des Nachfolgers des heiligen Petrus übertragen wurde. Es ist für mich eine besondere Verpflichtung und Verantwortung für die ganze Kirche Christi, die Schwestern und Brüder in aller Welt in ihrem Glauben zu stärken und das Band der Einheit zwischen dem Stuhl Petri und den Ortskirchen zu festigen und verlebendigen.

Ihnen, sehr geehrter Herr Bundespräsident, danke ich aufrichtig für die sehr freundlichen Worte, die Sie soeben an mich gerichtet haben, und erwidere Ihnen von Herzen den Ausdruck hoher Wertschätzung, mit dem Sie mich im Namen Ihres Volkes zu meinem Besuch in der Bundesrepublik Deutschland willkommen heißen. Mit Ihnen grüße ich Herrn Minister Rüttgers für die Bundesregierung, den Herrn Ministerpräsidenten Rau des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen sowie alle anwesenden Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft und alle Bürger in Ihrem Land.

Mein brüderlicher Gruß gilt insbesondere den kirchlichen Vertretern, vor allem dem geschätzten Herrn Erzbischof von Paderborn, den anwesenden Kardinälen und Herrn Bischof Karl Lehmann, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz. Euch und allen Gläubigen bekunde ich meine innige Verbundenheit und Zuneigung.

2. Die Kirche, die sich weltweit zunehmend ihres vielgestaltigen geistlichen Reichtums bewußt wird, ist gerufen, die Erfahrungen der Hoffnung und der Liebe, die sie in ihren unterschiedlichen Gruppen und Gemeinschaften, vor allem in den Pfarreien und Diözesen macht, mitzuteilen und zur Stärkung ihrer universalen Gemeinschaft einzusetzen. Die Kirche in Deutschland hat sich, wie ich aus vielen Begegnungen weiß und wie ich selbst bei meinen beiden vorangegangenen Besuchen erfahren durfte, durch großes weltumfassendes Engagement ausgezeichnet und erfreut sich daher in vielen Kirchen, ja besonders in den jungen, dankbarer Beliebtheit. Auch die künstlerischen, intellektuellen und wissenschaftlichen Leistungen in Ihrem Land finden berechtigte Anerkennung und verdienen Respekt. Doch ist sich auch Deutschland bewußt, daß es in einer Welt zunehmender Vernetzung und gegenseitiger Abhängigkeit nicht minder darauf angewiesen ist, selbst zu empfangen und die Begabungen und Fähigkeiten anderer zum eigenen Nutzen entgegenzunehmen und fruchtbar zu machen. Dies gilt für viele Bereiche in Politik, Wirtschaft: und Gesellschaft; es gilt aber nicht zuletzt auch für den Bereich des geistlichen und kirchlichen. Lebens. Auch hier besteht die Aufgabe, das vorhandene Gute zu erhalten und zu stärken und manches, was ein zeitgemäßes, doch tief in den Erfahrungen der Kirche verwurzeltes Glaubensleben erschwert oder was die bleibenden Wahrheiten verdunkelt, zu überwinden und aus den vielen und frischen Erfahrungen anderer Ortskirchen zu schöpfen und zu lernen.

3. Aus diesen Überlegungen geht schon hervor, daß mein Besuch in der Bundesrepublik Deutschland auf der einen Seite der Kirche und den Katholiken gilt, vor allem denjenigen in der altehrwürdigen Erzdiözese Paderborn und in dem neuen Erzbistum Berlin. Doch wende ich mich nicht weniger herzlich auch an die Schwestern und Brüder derjenigen Gemeinschaften, die aus der Reformation hervorgegangen sind, an die Schwestern und Brüder der orthodoxen Kirchen und anderer christlicher Kirchen und Gemeinschaften, die in Deutschland vertreten sind. Ihnen allen gilt von dieser Stelle aus bereits mein aufrichtiger und freundschaftlicher Gruß. Schließlich wende ich mich an alle Frauen und Männer guten Willens, vor allem in den neuen Bundesländern, die keiner Kirche angehören. Ihnen allen gilt mein Besuch. Sie alle möchte ich mit meinem Wort erreichen, um alle guten Kräfte echter Menschlichkeit anzusprechen und einzuladen, dem göttlichen Willen und seinem durch die Vermittlung eines aufrichtig geformten Gewissens zur Geltung kommenden Wirken in seiner Schöpfung zum Durchbruch zu verhelfen, um den aktuellen und zukünftigen Herausforderungen der Menschheit an der Schwelle zum dritten christlichen Jahrtausend wirksam begegnen zu können. Niemand weiß so gut wie Sie in einem Land, das durch Jahrzehnte gewaltsam gespalten war und große innere Entfremdungen zu erleiden hatte, wie groß die Anstrengungen sein müssen, um Ihrem Land im Herzen Europas, dem ganzen Kontinent sowie der ganzen Welt eine friedliche und menschliche Zukunft zu sichern. Eine solche Zukunft in Frieden und Sicherheit, in Freiheit und Gerechtigkeit kann es nur geben, wenn sich die Menschen und Völker ihrer tragenden Gemeinsamkeiten bewußt werden. Die liegen nicht nur und nicht in erster Linie im strukturellen Angleichen der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Systeme. Diesem zumindest vorgängig muß es allen Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft darum zu tun sein, sich der gottgegebenen Wahrheit über den Menschen, die durch das Naturgesetz im Gewissen verhaftet ist, gemeinsam zu versichern. Nur aus einer solchen neuen und umfassenden Vergewisserung heraus kann es eine Zukunft der Menschheit geben, die alte und hoffentlich überwundene Zerrissenheiten endgültig heilt und einer Zeit die Tür öffnet, die einen Rückfall in zerstörerische Polarisierungen, wie Sie sie im eigenen Land über Jahrzehnte erdulden mußten, für immer vermeidet.

Daran tatkräftig mitzuwirken, ist unser aller Verantwortung. Wir Christen sind entschlossen, unseren unaufgebbaren Beitrag dazu zu leisten. Um die gläubigen Menschen in ihren Gemeinschaften zu ermuntern und zu stärken sowie um alle Menschen guten Willens einzuladen, sich in ihrem Gewissen nicht dem göttlichen Licht zu verschließen, bin ich zu Ihnen gekommen.

4. Ihnen, sehr geehrter Herr Bundespräsident, und allen, die mich zusammen mit Ihnen durch ihre Anwesenheit beehren, danke ich noch einmal aufrichtig für den freundlichen Empfang und die mir hierdurch gewährte herzliche Gastfreundschaft in Ihrem Land für meinen nun beginnenden dritten Pastoralbesuch. Da ich erstmals in das vereinigte Deutschland komme, erfüllt mich die große Zuversicht und die freudige Erwartung, erste Früchte des neuen Zusammenwachsens des Kontinents in Ihrem Land zu erleben. Dem sehe ich mit Dankbarkeit und Hoffnung für Deutschland und ganz Europa entgegen. Bitten wir den allmächtigen Gott, er möge uns allen dafür seinen Segen und seinen göttlichen Beistand nicht versagen.

Samstag, den 22. Juni 1996

Predigt bei der Eucharistiefeier für die Gläubigen der Erzdiözese Paderborn am Flughafen Senne

Liebe Schwestern und Brüder!

»Was ist das für ein Mensch, daß ihm sogar die Winde und der See gehorchen.« (Mt 8, 27).

1. Es schien, als ob jener Wind, der auf dem See Gennesaret losgebrochen war, das Boot versenken würde. Als die Wogen das Deck überfluteten, weckten die Apostel Jesus, der aufgrund seiner Erschöpfung schlief, »Herr, rette uns, wir gehen zugrunde.! ... Warum habt ihr solche Angst, ihr Kleingläubigen? Dann stand er auf, drohte den Winden und dem See, und es trat völlige Stille ein« (Mt 8, 25-26).

Seit zweitausend Jahren lesen wir von diesem Ereignis. Es ist das Bild der Kirche: das Schifflein Petri, das apostolische Schiff. Die Kirche angesichts von Kräften, die sie von außen treffen. Die Kirche in unserem Jahrhundert. Wem kommt da nicht die Gefahr in den Sinn, in der sich gerade die Kirche in Deutschland befunden hat. Hier, in diesem Land. Die Gefahr dehnte sich aus: Am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Fast ganz Europa in Flammen. Ich gehöre zu der Generation, die sich daran erinnert. »Rette uns, Herr, wir sind verloren! Das Flehen in den Kirchen: »Heiliger Gott, heiliger starker Gott, heiliger unsterblicher Gott, erbarme dich unser! Vor Seuchen, Hunger, Ungewitter und Krieg bewahre uns, o Herr!« Wir erinnern uns auch an die Menschen, die in jener Zeit der Verachtung die Würde der Personen und der Nationen retteten.

2. Wir gehen auf das große Jubiläumsjahr 2000 zu ohne Angst und Verzagtheit, im Gegenteil, mit großer Zuversicht und einig in der Hoffnung. Denn wir wissen, daß der Herr mit im Schiff sitzt und uns die Kraft gibt, Kleingläubigkeit und Mutlosigkeit zu überwinden, seinem Wort zu vertrauen und so das Ziel zu erreichen.

Die Kirche geht ihren Weg durch die Zeit in der Vielfalt der Völker und Kulturen. Sie bleibt aber immer das eine Volk Gottes. Sie weiß sich geführt durch den Geist Gottes, der sie durch die Geschichte hindurch in der Einheit und Wahrheit hält.(vgl. Lumen gentium, 25)

Hier an diesem Ort, liebe Schwestern und Brüder, wird uns dies besonders bewußt. Fast zwölfhundert Jahre ist es her, daß der Frankenkönig Karl der Große und mein Vorgänger, der heilige Papst Leo III., hier in Paderborn diese für das Wohl der Menschen so notwendige Zusammenarbeit von Papst und Kaiser oder, wie wir heute sagen, von Staat und Kirche grundgelegt und bekräftigt haben. Das christliche Abendland hat dadurch für Jahrhunderte eine entscheidende Prägung erhalten. In einigen Jahren werdet Ihr das zwölfhundertjährige Jubiläum der Erzdiözese Paderborn feiern. Es soll auch daran erinnern.

Deshalb möchte ich gerade hier an diesem so wichtigen Ort Paderborn der ganzen Kirche in Deutschland zurufen: Laßt Euch nicht durch Sturm und See in Mutlosigkeit und Resignation stürzen! Seid vielmehr einig in der Hoffnung, und stärkt Euch im gemeinsamen Glauben! Erinnert Euch an die lange Geschichte des christlichen Glaubens in diesem Land! Laßt nicht zu, daß dieser Glaube schwächer und kraftloser wird! Habt keine Angst um die Zukunft des christlichen Glaubens und der Kirche! Im Gegenteil: Schreitet mutig und im Vertrauen auf Jesus Christus ins nächste Jahrtausend.

Wir wissen, daß sich in Zukunft viele äußere Bedingungen des privaten und öffentlichen Lebens verändern werden. Dies läßt auch die Kirche nicht unberührt. Aber niemals dürfen an Bord des Kirchenschiffes Ängstlichkeit und Klagen die Herzen beherrschen. Wir vertrauen auf den Herrn, weil wir an seine lebendige Gegenwart in der Kirche glauben.

3. Liebe Schwestern und Brüder, laßt uns gemeinsam unsere christliche Berufung leben, wozu uns der Apostel Paulus, Gefangener um des Herrn willen, (vgl. Eph 4, 1) in der heutigen Lesung ermahnt hat: »... ein Leben zu führen, das des Rufes würdig ist, der an euch erging. Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe, und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch den Frieden, der euch zusammenhält« (vgl. Eph 4, 1-3).

»Ich, der ich um des Herrn willen im Gefängnis bin«. So heißt es im Epheserbrief. Dies ruft uns erneut so viele Gefangene in Erinnerung, die die zeitgenössischen Seiten der Kirchengeschichte geschrieben haben.

Bernhard Lichtenberg - Dompropst von Berlin, Karl Leisner, - ein Diakon, der als Gefangener im Konzentrationslager Dachau zum Priester geweiht wurde. Morgen werde ich sie in Berlin zu Seligen erklären. Sie waren jedoch nicht allein. Schon vor neun Jahren konnte ich hier in Eurem Land Schwester Teresia Benedicta a Cruce, besser bekannt als Edith Stein, und Pater Rupert Mayer seligsprechen. Auch deren Martyrium war ein Zeugnis für Christus und ein Zeichen des Widerstandes gegen die dämonischen Mächte einer gottfernen Welt.

Die vier Seligen stehen stellvertretend für die vielen katholischen Frauen und Männer, die sich unter vielfältigen Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft verweigerten und der braunen Ideologie widerstanden haben. Sie sind somit ein Teil des Widerstandes, den die gesamte Kirche jenem gott- und menschenverachtenden System gegenüber geleistet hat. Und sie stehen letztlich auch für die vielen Menschen, die durch ihren Widerstand und ihre Opfer das Vertrauen in das Gute im Menschen und in ein anderes und besseres Deutschland wachhalten konnten.

Auch unser Jahrhundert hinterläßt ein reiches Martyrologium (vgl. Johannes Paul II., Tertio Millennio adveniente, 37). Beeilen wir uns, damit alle diese Zeugnisse einer echten Größe des Geistes und der Heiligkeit nicht in Vergessenheit geraten.

Ein Martyrologium ist nicht nur eine Registrierung von Tatsachen. Es ist eine Ermahnung. Auch das Martyrium unseres Jahrhunderts ist eine Ermahnung. Ist aus ihr nicht das Werk des Zweiten Vatikanischen Konzils entstanden? Der jährliche Weltgebetstag für den Frieden? Und auch so viele apostolische Initiativen? Zum Beispiel die Weltjugendtreffen?

Durch das Martyrium, das die Erfahrung unseres Jahrhunderts darstellt, hat die Kirche ein besseres Verständnis von sich selbst und von ihrem Auftrag in der Welt gewonnen.

4. Im Apostolischen Schreiben Tertio Millennio adveniente habe ich auch die Notwendigkeit betont, sich besonders um die Anerkennung der heroischen Tugenden von Männern und Frauen zu bemühen, die ihre Berufung in der Ehe verwirklicht haben (vgl. 37). Die Berufung zum Leben in der christlichen Ehe und Familie erfordert den Dienst der Liebe und den Dienst des Lebens. Liebe und Leben bilden den Wesenskern der Heilssendung der christlichen Familie in der Kirche und für die Kirche (vgl. Familiaris consortio, 50). Sie hat entscheidend als Ort der Erziehung aufzutreten. Vernachlässigt als Eltern die Kinder nicht! Und kümmert Euch um Eure Eltern, vor allem wenn sie alt und gebrechlich werden!

Als Familien sollt Ihr auch eine evangelisierende Gemeinschaft sein, in der das Evangelium empfangen und in die Praxis umgesetzt wird, in der das Gebet gelernt und gemeinsam gepflegt wird, in der alle Mitglieder durch Wort und Tat und ihre Liebe zueinander Zeugnis für die Frohe Botschaft der Erlösung ablegen. »Ein Leib und ein Geist, wie euch durch eure Berufung auch eine gemeinsame Hoffnung gegeben ist; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist« (Eph 4, 4-6).

Diese »Einheit des Geistes« (Eph 4, 3) ist kein Traum, keine bloße Idee, sondern sichtbare Realität in der Gemeinschaft der Kirche. Die »gemeinsame Hoffnung« (Eph 4, 4) ist in der »Communio« der einen Kirche erfahrbar. Der Blick auf die Geschichte des Volkes Gottes zeigt uns, wie wichtig es ist, diese »Einheit des Geistes« und die »gemeinsame Hoffnung« sichtbar zu bezeugen.

5. Deshalb bitte ich vor allem Euch, Bischöfe und Priester, dem ganzen Volk Gottes zu helfen, immer neu dem Herrn zu begegnen, auf sein Wort zu hören und seinem Beispiel zu folgen. Ihr Priester und Bischöfe seid in besonderer Weise Diener der Einheit des Volkes Gottes, das eins sein soll im Glauben und im gemeinsamen Leben mit der Kirche aller Zeiten. Ich bitte Euch herzlich, mit ganzem Herzen dieser Einheit zu dienen. Ermutigt alle Schwestern und Brüder, ihrer christlichen Berufung treu zu bleiben. Weist den Zweifelnden den Weg! Ermutigt und begleitet die jungen Menschen! Seid den Gescheiterten und Resignierten nahe!

Euch alle, liebe Schwestern und Brüder, rufe ich auf, für geistliche Berufe zu beten. Haltet den Sinn für die besondere Nachfolge Christi wach, damit die Berufung Gottes zum Dienst der Einheit nicht ungehört verhallt. Blickt auf die Lebensart Jesu in den evangelischen Räten: Armut, Gehorsam und Ehelosigkeit; und erkennt in ihr einen Weg zu wahrer Freiheit und persönlicher Erfüllung. Laßt Euch nicht einreden, daß die zölibatäre Lebensform der Priester überholt sei. Wie kann etwas überholt sein, was dem Beispiel Jesu entspricht? Die Einheit mit Christus finden wir nur, wenn wir dem Vorbild seines Lebens folgen.

Zu dieser Nachfolge und lebendigen Einheit mit dem Herrn sind nicht nur Priester und Ordensleute, sondern alle Christen aufgefordert. Erfahrbar wird dies, wenn wir neu ja sagen zu unserer Taufe, zur Firmung, zum Eheversprechen. Wir alle sollten die Chance dieser Stunde ergreifen und neu eins werden mit Jesus Christus und untereinander.

6. Liebe Schwestern und Brüder, die »gemeinsame Hoffnung« und die »Einheit des Geistes« verbinden uns als katholische, das heißt universale Kirche. An diesem Ort, der nicht zuletzt durch den Einsatz des unvergessenen Kardinals Jaeger für die Ökumene von großer Bedeutung ist, rufe ich erneut alle Christen zur Einheit auf! Gerade im Blick auf das Heilige Jahr 2000 wendet sich die Kirche mit inständiger Bitte an den Heiligen Geist und erfleht von ihm die Gnade der Einheit aller Christen (vgl. Tertio Millennio adveniente, 34).

Liebe Schwestern und Brüder, die Kirche ist nicht für sich selbst da, sondern für das Heil der Welt. Ihre Einheit kann nicht die einer »geschlossenen Gesellschaft« sein. Sie soll vielmehr eine missionarische Gemeinschaft bilden, die mitten in der Welt Zeugnis ablegt von der größeren Hoffnung, die uns Christen bewegt. »Die Kirche ist ja in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit« (Lumen gentium, 1). Deshalb gehört es zur Berufung der Kirche, nicht teilnahmslos an den Sorgen und Nöten der Menschen vorbeizugehen, sondern die Gesellschaft im Geist des Evangeliums zu inspirieren. Der christliche Glaube strebt danach, daß Gottes Wille geschieht im Himmel und auf Erden. Darum muß er auch die Bereiche der Politik, der Wirtschaft und der Kultur beseelen; sonst wird er seiner Berufung nicht gerecht. Der erste Satz der Konzilskonstitution Gaudium et spes ist das Leitmotiv dieses Einsatzes: »Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Amen und Bedrängten allen Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi« (Nr. 1).

7. Liebe Schwestern und Brüder, das Jahr 1989 hat die Welt radikal verändert. Die eine Welt wächst immer enger und schneller zusammen. Wir sollten diesen Prozeß begrüßen, denn er gibt unzähligen Menschen eine neue Lebensperspektive. Aber dieses Zusammenwachsen von Nord und Süd, Ost und West muß menschenwürdig gestaltet werden. Es darf nicht eine Welt entstehen, die erneut von einer »radikalen kapitalistischen Ideologie« (Centesimus annus, 42) geprägt werden könnte. Die Welt hofft auf ein Miteinander der Nationen und Staaten, das die Lebensrechte aller Menschen respektiert und ihre Entwicklung fördert. Besonders für die reichen Länder bedeutet dies: Teilen zu lernen und den benachteiligten Völkern nicht nur zu helfen, sondern sie als Partner zuzulassen und anzunehmen. Dieser unausweichliche Wandel muß und kann in Solidarität und Gerechtigkeit gestaltet werden.

In diesem Zusammenhang möchte ich den deutschen Katholiken danken für ihre Hilfe, die den Menschen und der Kirche weltweit zugute kommt. Besonders freue ich mich über die solidarische Tätigkeit Eurer jüngsten Hilfsaktion »Renovabis« mit den Nachbarn in Mittel-, Südost- und Osteuropa. Ihr fördert damit auch Kontakte zwischen den Menschen in West und Ost.

8. Solidarität und Gerechtigkeit gelten auch für die Entwicklung in Eurem eigenen Land, das nach der Wiedervereinigung seinen Weg in eine gemeinsame Zukunft sucht. In diesem Prozeß gibt es heute noch Probleme, die viele Menschen bedrücken. Es darf sich nicht ein radikaler Individualismus durchsetzen, der am Ende die Gesellschaft zerstört. Ein harmonisches Zusammenleben kann aber nur gelingen, wenn Ihr gemeinsame Werte und Orientierungen behaltet, wenn Gerechtigkeit und Solidarität, Menschenwürde und Barmherzigkeit nicht nur das Ideal einer kleinen Gruppe sind, sondern Ziele für die ganze Gesellschaft bleiben. Auch deshalb ist es für Euer Land wichtig, daß der christliche Glaube und seine Botschaft präsent bleiben, daß Christen sich in Politik und Gesellschaft einsetzen, daß unser Glaube Orientierung für alle sein kann. Auch für die Nichtglaubenden gilt die Soziallehre der Kirche, die Grundsätze des Naturrechts enthält.

Ebenso ist es mit der Einheit Europas. Sie darf nicht nur in einer Gemeinsamkeit der materiellen Interessen bestehen. Ihre Grundlagen sind: der Konsens in den grundlegenden Zielen und Wertvorstellungen, das gemeinsame kulturelle Erbe und nicht zuletzt eine Verbundenheit des Geistes und der Herzen, Ohne den christlichen Glauben wird Europa die Seele fehlen. Wir Christen sind berufen, Sorge zu tragen für den Geist, der das künftige Europa eint und gestaltet. Dies ist eine große Verantwortung und Herausforderung, der wir uns über die Grenzen hinweg ernsthaft stellen wollen und müssen.

Mit diesem Wunsch wende ich mich vor allem an die Mitbrüder im Bischofsamt, denen mein herzlicher Gruß gilt. Besonders begrüße ich die anwesenden Herren Kardinäle, den Herrn Erzbischof von Paderborn, den Herrn Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz sowie alle Bischöfe aus Deutschland und der Welt.

Sehr herzlich grüße ich auch die Vertreter des Bundes und des Landes Nordrhein-Westfalen sowie der Stadt Paderborn,

9. Liebe Schwestern und Brüder, auch am Ende des weiten Jahrtausends ruft uns Christus in das Schiff seiner Kirche. Er lädt uns ein, mit ihm durch das Meer der Zeit zu fahren, ihm zu glauben und zu vertrauen, eins zu sein in der Hoffnung und in der Liebe.

Im Blick auf das Heilige Jahr 2000 und die damit eröffnete neue Epoche will uns der Geist Gottes zusammenfügen in »einem Leib, einer Berufung, einer gemeinsamen Hoffnung« (Eph 4, 3-4). Er will die eine Kirche für die Einheit der Welt wirksam werden lassen. Dabei haben wir eine starke und hilfreiche Begleiterin: Maria, die Mutter des Herr und die Mutter der Kirche. Unter ihren Schutz wollen wir die Kirche und uns selbst stellen.

Gott, der Vater aller Menschen, zeigt uns einen Weg, In Jesus Christus hat er sich mit allen Menschen verbunden, besonders mit den Armen und Leidenden (vgl. Redemptor hominis, 14). Im Vertrauen auf seinen Heiligen Geist dürfen wir der Zukunft entgegengehen.

Dieser dreifaltige Gott segne und behüte Euch: der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

Nach der Eucharistiefeier in Paderborn wendet sich der Hl. Vater mit den folgenden Worten an die über 80.000 anwesenden Gläubigen:

Am Ende dieses beeindruckenden Gottesdienstes möchte ich Euch allen sehr herzlich danken für Euer Kommen und die Mitfeier - und dies trotz der nicht günstigen Witterung. Immer zwischen schwarz und blau - aber schwarz hat nicht gesiegt. Es hat uns bedroht mit einem Regen, aber am Ende hat es nicht geregnet. Gott sei Dank.

Ich danke nochmals dem Herrn Erzbischof sowie allen, die zur Gestaltung der Eucharistiefeier beigetragen haben.

Sehr herzlich begrüsse ich die vielen Kranken Mitmenschen unter uns sowie vor allem die sehr zahlreichen jungen Menschen. Coraggio! Coraggio! Habt Mut! Habt Mut, die Zukunft gehört Euch. Die Zukunft liegt in Euren Händen - in Euren Händen. Dank Euch allen. Gott segne Euch, Gott segne Paderborn.

An die Vertreter der Evangelischen Kirchen und Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in Deutschland, «Collegio Leoninum», Paderborn

Seht geehrter Herr Ratsvorsitzender,
verehrte Mitglieder des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland,
verehrte Vorstandsmitglieder der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland.

1. Es freut mich sehr, Sie hier in Paderborn, an einem Ort kontinuierlicher Arbeit zur Förderung der Verständigung zwischen den Kirchen und christlichen Gemeinschaften, begrüßen zu können. Hier ist der Sitz des weit bekannten Johann Adam Möhler Instituts, und Paderborn war der Bischofssitz eines der größten Förderer der Ökumene, nämlich von Lorenz Kardinal Jaeger. Wir sind hier zusammengekommen im Namen des Vaters, der uns aus Liebe den Sohn gesandt hat (vgl. 1 Joh 4,10), im Namen des Sohnes, der für uns gestorben ist (vgl. Röm 5,8), und im Namen des Heiligen Geistes, der uns beisteht (vgl. Joh 16,7) und uns zum Guten antreibt (vgl. Gal 5,22ff.).

2. Ich danke Ihnen herzlich, daß Sie der Einladung zu dieser Begegnung gefolgt sind. Wir begehen in diesem Jahr die 450. Wiederkehr des Todestages Martin Luthers. Das Gedenken an ihn läßt uns heute nach Jahrhunderten leidvoller Entfremdung und Auseinandersetzung deutlicher den hohen Stellenwert seiner Forderung nach einer schriftnahen Theologie und seines Willens zu einer geistlichen Erneuerung der Kirche erkennen. Seine außerordentliche Leistung zur deutschen Sprachentwicklung sowie sein kulturelles Erbe stehen außer Frage. Seine Aufmerksamkeit für das Wort Gottes wie auch seine Entschiedenheit, den als richtig erkannten Weg des Glaubens zu gehen, lassen gewiß nicht seine persönlichen Grenzen übersehen und ebensowenig die Tatsache, daß grundsätzliche Probleme im Verhältnis von Glaube, Schrift Überlieferung und Kirche, wie sie Luther gesehen hat, bis heute noch nicht ausreichend geklärt sind.

3. Ihnen, Herr Ratsvorsitzender, danke ich für Ihre Worte und Ihre Ausführungen über den Rezeptionsprozeß des Studiendokumentes »Lehrverurteilungen - kirchentrennend?« innerhalb der Mitgliedskirchen der EKD. Gern erinnere ich mich an unsere erste Begegnung, als Sie im Dezember 1994 in Begleitung ihrer engsten Mitarbeiter nach Rom gekommen sind, um mir die »Gemeinsame evangelische Stellungnahme« zum Dokument »Lehrverurteilungen - kirchentrennend?« zu überreichen.

Viele Synodale haben sich mit den Ergebnissen dieses Studiendokuments intensiv auseinandergesetzt. Ich hin dankbar für alle Klärungen, die durch die Synoden erfolgt sind. Dabei nehme ich auch zur Kenntnis, daß polemische und ungebührliche Ausdrucksweisen der Vergangenheit zurückgenommen und dem geschichtlichen Vergessen anheim gegeben wurden.

An dieser Stelle möchte ich es nicht versäumen, den Mitgliedern der »Gemeinsamen Ökumenischen Kommission« zu danken, die im Anschluß an meinen ersten Besuch in Deutschland im Herbst 1980 angeregt haben, die Lehrverurteilungen des 16. Jahrhunderts der katholischen Kirche und der evangelischen Bekenntnisschriften im ökumenischen Dialog historisch und systematisch zu behandeln. Besonders danke ich den Mitgliedern des »Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen«, die diese Untersuchung durch ihren persönlichen Einsatz verwirklicht haben.

4. Viele Kontroversen des 16. Jahrhunderts erscheinen heute dank der vorliegenden Studie in einem neuen Licht. Gräben wurden überbrückt, die frühere Generationen für unüberbrückbar hielten. Dieser Fortschritt ist möglich geworden, weil methodisch sorgsam darauf geachtet wurde, zwischen dem Glaubensgut selbst und der Formulierung, in der es ausgedrückt wird, zu unterscheiden (vgl. Ut unum sint, 81; Mysterium Ecclesiae, 5 § 6). Eine solche Unterscheidung ist in der Tat eines der wichtigen Elemente für die ökumenische Verständigung. Wie das Zweite Vatikanische Konzil lehrt, ist es »zur Wiederherstellung oder Erhaltung der Gemeinschaft und Einheit notwendig, "keine Lasten aufzuerlegen, die über das Notwendige hinausgehen" (Act 15,28)« (Unitatis redintegratio, 18). Die Einheit, die wir anstreben, erfordert eine echte Übereinstimmung im Glaubensgut selbst. Sie will damit in keiner Weise die Verbindlichkeit der kirchlichen Lehre antasten; andererseits zwingt sie jedoch auch nicht dazu, »die reiche Vielfalt der Spiritualität, der Ordnung, der liturgischen Riten und der theologischen Darstellung der geoffenbarten Wahrheit, die unter den Christen gewachsen ist, aufzugeben, sofern diese Verschiedenheit der apostolischen Tradition treu bleibt« (vgl. Directorium Oecumenicum, 20).

Angesichts des Umfangs und der Qualität der Studie »Lehrverurteilungen - kirchentrennend?« war es nicht nur angebracht, so abdingbar, die "Tragfähigkeit ihrer Ergebnisse gewissenhaft und gründlich zu überprüfen. Den intensiven Prozeß auf evangelischer Seite haben Sie, Herr Ratsvorsitzender, soeben skizziert. Im gleichen Zeitraum ist auch auf katholischer Seite ein Auswertungsprozeß erfolgt, an dem verschiedene Gremien auf verschiedenen Ebenen beteiligt waren. Im Jahre 1992 nahm der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen in einem sorgsam erarbeiteten Gutachten zu der Studie des »Ökumenischen Arbeitskreises« Stellung. Im Juni 1994 legte die Deutsche Bischofskonferenz ihre Stellungnahme vor. Beide Stellungnahmen bekunden Übereinstimmung mit den in der Studie erarbeiteten Ergebnissen, weisen zugleich aber auch auf Fragen und Probleme hin, die einer weiteren Erörterung bedürfen.

Mit seinen Studien hat der »Ökumenische Arbeitskreis« zu einem vertieften Verständnis der Lehraussagen des Konzils von Trient beigetragen. Das Konzil von Trient war darauf ausgerichtet, die Identität des katholischen Glaubens zu schützen, und hat damit einen bleibenden Wert für die Lehrentwicklung innerhalb der katholischen Kirche. Seither hat uns eine erneute Besinnung auf die geoffenbarte Wahrheit im Gehorsam gegenüber dem Geist Gottes und in einer Haltung des gegenseitigen Zuhörens einander näher gebracht. Es ist ein Verdienst der Studie »Lehrverurteilungen - kirchentrennend?«, eine Vielzahl von Übereinstimmungen und Annäherungen in wesentlichen Glaubensfragen herausgearbeitet zu haben.

5. In der Rechtfertigungslehre wurde eine weitreichende Annäherung erzielt. Wenn man die verschiedenen Konsensdokumente zur Rechtfertigungslehre insgesamt betrachtet, wird der Eindruck immer stärker, daß man in den tragenden Grundfragen des Verständnisses der Rechtfertigungsbotschaft zu einer fundamentalen Übereinstimmung kommt. Damit sind nicht alle Unterschiede aufgehoben, aber wir können nun genauer fragen, welches Gewicht die verbleibenden Unterschiede haben. Auch wenn die theologische Verbindung lutherischer Rechtfertigungsvorstellung mit der katholischen Tauf- und Kirchenlehre noch weiterer Gespräche bedarf, so ist doch zu hoffen, daß wir zur Obereinstimmung finden in jener Frage, die zu den Kernpunkten der theologischen Kontroversen des 16. Jahrhunderts gehörte. Jede erzielte Verständigung muß von einer erneuten Hinwendung zum biblischen Zeugnis getragen sein. Eine Verständigung zwischen Lutheranern und Katholiken in dieser wichtigen Frage ist ihrem Wesen nach dafür offen, auch mit evangelischen Landeskirchen nicht-lutherischer Prägung zu ähnlichen Klärungen zu gelangen.

In anderen Bereichen und Einzelfragen, in denen noch keine volle Übereinstimmung erzielt wurde, hat die Studie den Weg für vielversprechende weitere Gespräche geebnet. In der Sakramentenlehre und in der Amtsfrage konnten gemeinsame Elemente aufgezeigt werden, die jedoch noch einer weiteren Vertiefung bedürfen. Nun gilt es, die noch ungelösten Fragen anzugehen, und dazu möchte ich Sie nachdrücklich ermutigen.

6. Auch wenn die Ökumene der Begegnung mit den reformatorischen Kirchen in Deutschland einen besonderen Vorrang hat, so richtet sich unser Blick doch zugleich auf die Kirchen des Ostens. Denn viele Mitglieder der orthodoxen und der altorientalischen Kirchen leben zum Teil schon seit Jahrzehnten in Ihrem Land und pflegen dabei die kirchliche Gemeinschaft mit ihrer Heimat. Ihnen allen sage ich ein herzliches Wort des Grußes. Für sie haben sich gute ökumenische Beziehungen zu den Kirchen in diesen Land gebildet. Sie arbeiten aktiv mit in den ökumenischen Gremien, so besonders in der »Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland« (ACK). Manche hilfreiche Anregung für die Gestaltung kirchlicher Gemeinschaft gelangt so auch nach Deutschland. Auch im privaten Leben haben die Christen aus den Ostkirchen die Nachbarschaft anderer Christen, aber auch von Nichtchristen und Nichtglaubenden kennengelernt und sich darauf eingestellt. Ich möchte Sie ermutigen, Ihre Traditionen zu bewahren und sie in guter Nachbarschaft mit anderen zu leben. So wächst das Verständnis füreinander, und zugleich stärken sie das Bewußtsein von einer gemeinsamen Grundlage unseres christlichen Glaubens in der Mannigfaltigkeit der geschichtlich gewachsenen Formen,

7. Zusammen mit den evangelischen und orthodoxen Christen möchte ich in diesem Wort der Begrüßung und des Segenswunsches auch die Brüder und Schwestern der evangelischen Freikirchen ansprechen, die ebenso an der Arbeit der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen beteiligt sind. Ihr Augenmerk ist dabei besonders auf die Dimension des gelebten Glaubens in den Gemeinden gerichtet. Es waren wohl auch besonders Christen aus Ihren Reihen, die die Bekehrung zum Gotteswort der Heiligen Schrift gefördert haben. Hieraus entwickelte sich dann auch die Idee eines »Jahres mit der Bibel«, das 1992 in Deutschland mit großem Erfolg durchgeführt worden ist.

8. Die Einheit, die wir anstreben, muß schrittweise wachsen. Wir müssen Mut und Phantasie entwickeln, heute jene Schritte zu tun, die möglich sind, im festen Vertrauen auf die Führung des Heiligen Geistes, der uns anleitet und vorbereitet auf jene Schritte, die morgen möglich sein werden. Ich bin mir bewußt, daß viele Menschen unter der Trennung leiden. Deshalb ist es unsere Pflicht, Barrieren abzubauen und ein größeres Maß an Gemeinschaft zu erstreben im festen Vertrauen darauf, daß der Herr uns zu »jenem segensreichen Tag« führt, »an dem die volle Einheit im Glauben erreicht sein wird und wir einträchtig miteinander die heilige Eucharistie des Herrn werden feiern können« (Ut unum sint, 77).

Hinter unserer Sehnsucht nach Einheit stehen der Wille Christi und sein Gebet im Abendmahlssaal. Von ihm kommt uns auch unsere zentrale Verpflichtung, im theologischen Suchen und Forschen in konfessionsübergreifenden Aktionen und Stellungnahmen der Gesellschaft und im brüderlichen Gespräch sowie im gemeinsamen Gebet den schon gewährten Raum des gemeinsamen Tuns voll auszuschreiten. Deswegen bitte ich Sie, nicht nachzulassen, den Dialog der Verständigung weiterzuführen Eine zukunftsträchtige Ökumene kann es nur geben, wenn wir uns der Frage nach der Wahrheit selbstlos stellen und wenn wir einander geduldig anhören und einander auch mit unseren eigenen Lasten tragen (vgl. Gal 6,2). Die ökumenische Bewegung wird so zu einem geistlichen Prozeß persönlicher Bekehrung zur vollen Wahrheit, nämlich in dem Vertrauen, daß er, »der Geist der Wahrheit, euch in die ganze Wahrheit führen wird« (Joh 16,13). Nachdrücklich wollen wir auf Christus setzen in einer Zeit, die leicht alle verfolgten Ziele vorwiegend unserem menschlichen Vermögen anvertraut. Deshalb ist es gut, daß wir uns im Anschluß an unser Treffen ihm, dem Herrn der Kirche, im herrlichen Paderborner Dom lobend, betend und fürbittend zuwenden.

Ansprache bei der Ökumenischen Wortfeier im Dom zu Paderborn

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

1. In der kleinasiatischen Stadt Troas hatte der Völkerapostel Paulus auf seiner zweiten Missionsreise eine nächtliche Vision: »Ein Mazedonier stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien, und hilf uns!« (Apg 16,9) Paulus versteht diese Vision als Ruf Gottes, umgehend nach Europa überzusetzen, um dort die Frohbotschaft des Herrn zu verkündigen: »Auf diese Vision hin wollten wir sofort nach Mazedonien abfahren; denn wir waren überzeugt, daß uns Gott dazu berufen hatte, dort das Evangelium zu verkünden«. (Apg 16,10) Diese Begebenheit markiert eine entscheidende Stunde in der Geschichte Europas: Der Geist Gottes selbst hat dem Evangelium den Weg nach Europa gewiesen,

2. Aus dem Gang der Geschichte wissen wir, mit welch unermüdlichem Einsatz der Apostel Paulus zusammen mit seinen Mitarbeitern dem Ruf Gottes gefolgt ist. Er hat mit der Gründung der ersten Gemeinden jene Fundamente gelegt, auf denen jede spätere Mission aufbauen konnte. Die Bemühungen um die Evangelisierung waren und sind kein leichtes Unterfangen. Die mußte der Völkerapostel Paulus bereits bei seiner Verkündigung des Evangeliums in Athen, Korinth und Rom erfahren. Dies erfuhren in ähnlicher Weise diejenigen, die das Evangelium in späteren Jahrhunderten zu neuen Völkern gebracht haben: der heilige Patrick, der heilige Bonifatius, der heilige Kilian, der heilige Willibrord, der heilige Emmeram, die heiligen Brüder Cyrillus und Methodius. Und dies erfuhren in unserem Jahrhundert jene evangelischen, katholischen und orthodoxen Christen, die gegenüber den totalitären Diktaturen mutig und unerschrocken ihr Zeugnis für die Wahrheit des Evangeliums ablegten: Edith Stein, Alfred Delp, Bernhard Lichtenberg, Karl Leisner und Bernhard Leiterhaus, Dietrich Bonhoeffer und Helmuth Graf Moltke.

3. »Komm herüber und hilf uns«. Der Ruf, für die Wahrheit des Evangeliums Zeugnis abzulegen, ergeht heute an uns. Unsagbar viel hängt davon ab, ob das Evangelium glaubwürdig verkündigt und gelebt wird. Seit meinem letzten Besuch in Deutschland im Jahre 1987 hat sich das politische Bild Europas in einer geradezu unvorstellbaren Weise verändert. Die Mauer ist gefallen; den Menschen jenseits des Eisernen Vorhangs wurde nach 40jähriger kommunistischer Diktatur das kostbare Geschenk der Freiheit zuteil. Diese neue Freibit gilt es nun gemeinsam zu gestalten. Neue Möglichkeiten und Aufgaben tun sich auf, sich neuen Herausforderungen im Osten wie im Westen zu stellen und sie zu bestehen.

Im Osten haben die atheistischen Regime geistig-seelische Wüsten in den Herzen vieler Menschen und insbesondere bei der Jugend hinterlassen, während im Westen der Gefahr einer übermäßigen Konsumorientierung zu begegnen ist, die die geistigen Werte der Gesellschaft zu ersticken droht. Neu-Evangelisierung ist daher das Gebot der Stunde. Dabei geht es nicht um die »Restauration« einer längst vergangenen Epoche. Vielmehr müssen neue Schritte gewagt werden. Gemeinsam haben wir den Menschen Europas erneut die froh- und freimachende Botschaft des Evangeliums zu verkündigen. Auf diese Weise gilt es zugleich, die christlichen Wurzeln Europas wiederzuentdecken, um damit eine Zivilisation zu gestalten, in der die vom christlichen Glauben vermittelten Werte wahrer Menschlichkeit ihren festen Platz haben.

4. Herzlich grüße ich von hier aus die Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Kirchentages in Eisleben, der von katholischen und evangelischen Christen gemeinsam vorbereitet wurde. Sie sind aus Anlaß des 450. Todestages von Martin Luther zusammengekommen. Möge Ihr gemeinsames Nachdenken dazu beitragen, uns einander näher zu bringen. »Komm herüber und hilf uns!«. Wir dürfen heute nicht zögern, uns der drängenden Aufgabe der Neu-Evangelisierung zu stellen. Ihre Kernbotschaft lautet: »Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat« (Joh 3,16). In Jesus Christus haben wir Anteil an seinem Sieg über Sünde und Tod; in Jesus Christus ist uns Auferstehung und ewiges Leben verheißen. Dieses Wissen um Sünde und Tod sowie um Auferstehung und ewiges Leben relativiert die Mächte und die Mächtigen dieser Welt und verleiht uns die Kraft, bei der Gestaltung Europas in einer immer mehr eins werdenden Welt mitzuwirken, damit die aus dem Glauben kommenden sittlichen Kräfte darin auf neue Weise wirksam werden können.

5. Der Auftrag der Evangelisierung geht alle Christen - Katholiken, Orthodoxe, Protestanten - gleichermaßen an. Das Zeugnis für Jesus Christus, den Sohn des lebendigen Gottes, der von den Toten auferstanden ist und allen Menschen das Antlitz des einen Gottes offenbart, muß einmütig von uns in die Welt hineingetragen werden. Alle Christen sind aufgerufen, sich entsprechend ihrer Berufung dieser Aufgabe zu stellen. Der Auftrag der Evangelisierung schließt das Zueinandergehen und Miteinandergehen der Christen von innen her mit ein; Evangelisierung und Einheit, Evangelisierung und Ökumene sind unlösbar aufeinander bezogen. Wie ich in meiner Enzyklika über den Einsatz für die Ökumene Ut unum sint betont habe, »liegt es auf der Hand, daß die Spaltung der Christen im Widerspruch zu der Wahrheit steht, die sie zu verbreiten beauftragt sind, und daher ihr Zeugnis schwer verletzt« (Ut unum sint, 98). Daher ist - um die Worte meines Vorgängers Papst Paul VI. zu gebrauchen »das Schicksal der Evangelisierung mit aller Bestimmtheit an das von der Kirche gebotene Zeugnis der Einheit gebunden« (Evangelii nuntiandi, 77). Weil mir das Anliegen der Neu-Evangelisierung ein Herzensanliegen ist, sehe ich als Bischof von Rom in der Überwindung der Spaltung der Christenheit »eine der pastoralen Prioritäten«. »Wie kann man denn das Evangelium von der Versöhnung verkünden, ohne sich gleichzeitig tätig für die Versöhnung der Christen einzusetzen?« (Ut unum sint, 98).

6. Unser heutiges Bemühen um das gemeinsame Zeugnis für die Einheit kann nicht darauf verzichten, auch auf Martin Luther einzugehen. Heute, 450 Jahre nach seinem Tod, ist es aus dem zeitlichen Abstand heraus möglich, Person und Wirken des deutschen Reformators besser zu verstehen und ihm besser gerecht zu werden. Nicht nur die Forschungen bedeutender evangelischer und katholischer Wissenschaftler haben dazu beigetragen, ein vollständigeres und differenzierteres Bild von der Persönlichkeit Martin Luthers zu entwerfen. Auch der lutherisch-katholische Dialog hat einen bedeutenden Beitrag geleistet, alte Polemiken zu überwinden und einer gemeinsamen Sichtweise näher zu kommen.

Luthers Denken war geprägt durch eine starke Betonung des Individuums, wodurch das Bewußtsein für die Anforderungen der Gemeinschaft geschwächt wurde. Luthers Ruf nach Reform der Kirche war in seiner ursprünglichen Absicht ein Aufruf zu Buße und Erneuerung, die im Leben eines jeden einzelnen zu beginnen haben. Daß dennoch Trennung aus diesem Anfang geworden ist, hat viele Gründe. Dazu gehört jenes Versagen in der katholischen Kirche, das bereits Papst Hadrian VI. mit bewegenden Worten beklagt hat sowie das Hereintreten politischer und wirtschaftlicher Interessen, aber auch Luthers eigene Leidenschaft, die ihn weit über das anfangs Gewollte hinaus in eine radikale Kritik der katholischen Kirche, ihrer Lebensordnung und ihrer Lehre hineingetrieben hat. Wir alle haben Schuld auf uns geladen. Deshalb sind wir alle zur Buße aufgefordert und müssen uns alle immer wieder neu vom Herrn reinigen lassen.

7. »Komm herüber und hilf uns!«. Heute kommt es mehr denn je darauf an, daß alle Christen ihre besonderen Gaben und Charismen in das geistige Leben Europas einbringen, damit der eine vom Reichtum des anderen lernen kann. Die protestantische Christenheit hat mit ihren Kirchenliedern, ihrer großen Kirchenmusik und ihrer unablässigen theologischen Reflexion die ganze Christenheit bereichert. Die Göttliche Liturgie, das Mönchtum und die mystische Frömmigkeit der Orthodoxie wie ihr beharrlich von den Vätern her genährtes Denken sind ein Schatz, der uns allen zugute kommt. Die katholische Kirche hat mit der Fülle missionarischer und sozialer Ordensgemeinschaften, mit ihrer eucharistischen Frömmigkeit, mit der Liebe zu Maria, die sie mit der Orthodoxie teilt, mit der Kraft ihres Lehramtes, besonders mit der weltweit vernommenen Stimme der Päpste wiederum eigene Gaben, ohne die das christliche Zeugnis in der Welt von heute nicht zu denken ist.

Es gehört zu den grundlegenden Erkenntnissen, daß es den Christen im neuen Europa vor allem dann gelingt, sich Gehör zu verschaffen, wenn sie gemeinsam Zeugnis für die Wahrheit des Evangeliums und für die Verantwortung gegenüber der Welt ablegen. Von daher ist es unerläßlich, dieses gemeinsame Zeugnis zu verstärken.

8. In Deutschland gibt es bereits eine gute Tradition intensiver Zusammenarbeit zwischen den Konfessionen auf ethisch-sozialem Gebiet: angefangen von den Bemühungen, sich den Herausforderungen und Aufgaben zum Schutz des menschlichen Lebens zu stellen, bis hin zur Entwicklung gemeinsamer Perspektiven zur wirtschaftlichen und sozialen Verantwortung. Wir wollen dem Herrn danken, daß es heute möglich ist, daß Protestanten, Orthodoxe und Katholiken in vielen zentralen Fragen mit einer Stimme sprechen. Dies ist nicht zuletzt eine Frucht langjährigen Bemühens, im ökumenischen Dialog die bestehenden Lehrunterschiede aufzuarbeiten. Führende Theologen aus Deutschland haben dazu sowohl auf nationaler wie auf internationaler Ebene einen entscheidenden Beitrag geleistet. Im Anschluß an meinen ersten Deutschlandbesuch hat sich eine Expertengruppe darangegeben, die Lehrverurteilungen des 16. Jahrhunderts im ökumenischen Dialog historisch und systematisch zu behandeln. Gerade vorhin bin ich bei meiner Begegnung mit dem Herrn Ratsvorsitzenden der EKD ausführlich auf die Ergebnisse dieser Studie eingegangen. Viele der damaligen Kontroversen erscheinen heute dank dieser Untersuchung in einem neuen Licht. Es wurden Gräben überbrückt, die frühere Generationen für unüberbrückbar hielten. Die in Deutschland erarbeiteten Ergebnisse reichen in der Bedeutung auf dem Weg der Wiederannäherung von Katholiken und Protestanten weit über den nationalen Rahmen hinaus und geben Hoffnung an der Schwelle des dritten Jahrtausends christlicher Geschichte.

9. Nur noch wenige Jahre trennen uns vom Jahr 2000. Diese Zeit ist eine einzigartige Gelegenheit für alle Christen zur Verkündigung des Evangeliums. Gleichzeitig »spornt das Herannahen des Endes des zweiten Jahrtausends alle zu einer Gewissensprüfung und zu passenden ökumenischen Initiativen an, so daß man im Großen Jubeljahr, wenn schon nicht in völliger Einheit, so wenigstens in der Zuversicht auftreten kann, der Überwindung der Spaltungen des zweiten Jahrtausends sehr nahe zu sein« (Tertio Millennio adveniente, 34). Der bevorstehende Übergang ins neue Jahrtausend sollte uns alle antreiben, für die zentralen Wahrheiten unseres Glaubens in verstärktem Maße gemeinsames Zeugnis abzulegen, »damit die Welt glaubt« (Joh 17,21).

»Komm herüber und hilf uns!«. Diesen Bittruf richte ich in dieser Stunde an den Herrn; denn ich weiß, daß die Evangelisierung nur gelingen kann, wenn er selbst uns hilft. »Komm herüber und hilf uns!«. Dieser Bittruf verlangt aber zugleich auch, daß wir alle diesen Ruf ernst nehmen und uns als Zeugen des Herrn aussenden lassen. Es geht dabei um die Zukunft der Welt. Möge das einmütige Gebet aller Christen (Apg 1,14) dazu beitragen, den Tag beschleunigt herbeizuführen, an dem der Herr selbst vor aller Augen sichtbar »das gute Werk vollenden wird, das er bei uns begonnen hat« (Phil 1,6).

An die Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz, «Collegium Leoninum», Paderborn

Verehrte, liebe Mitbrüder im Bischofsamt,

1. Im vergangenen Dezember waren es dreißig Jahre, daß am Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils der Briefwechsel der polnischen und deutschen Bischöfe erfolgte. Dieser Briefwechsel stellte einen bedeutenden Schritt dar für die Versöhnung zwischen dem polnischen und dem deutschen Volk. Sie haben damit eine Zukunft in Aussicht gestellt, die die beiden Völker in Frieden und Freundschaft, in Eintracht und Zusammenarbeit verbindet. Dazu reichten sie sich damals die Hände, sie gewährten Vergebung und baten um Vergebung.

Ihr habt im vergangenen Jahr dieses historischen Schrittes vor 30 Jahren eigens gedacht im Bewußtsein und in der festen Entschlossenheit, alles zu begünstigen und zu fördern, was dazu beiträgt, die Beziehungen der Freundschaft zu einer stets lebendigen Wirklichkeit werden zu lassen.

Dieser Schritt, den die Bischöfe beider Länder getan haben, muß beispielhaft sein für ganz Europa und den europäischen Einigungsprozeß. Brüderlichkeit, gegenseitiges Verständnis und Zusammenarbeit, vor allem auch auf kirchlicher Ebene, sind ein wesentliches Element zur Einigung. Die Kirche hat hier eine Vorreiterrolle einzunehmen, auch im Bewußtsein, daß alles nur mit Gottes Hilfe gelingen kann: »Damit ... die Versuche der Menschen zu ihrer Verwirklichung Erfolg haben, braucht es das Geschenk der Gnade, die von Gott kommt. Durch sie vollzieht sich im Zusammenhang mit der Freiheit der Menschen jene geheimnisvolle Gegenwart Gottes in der Geschichte, die die Vorsehung ist.« (Centesimus annus, 59)

2. Am Ende des ausgehenden zweiten Jahrtausends wird sich die Kirche immer mehr ihrer Sendung in der von Christus erlösten Welt bewußt, um mit noch stärkerem Einsatz die ihr zukommende Sendung innerhalb der Gesellschaft wahrzunehmen, wobei Gesellschaft natürlich nicht als kollektive, den Menschen und sein Schicksal verschlingende Größe verstanden werden kann. Viele von uns haben selbst erfahren, daß »politische Messianismen ... meist in die schlimmsten Tyranneien [münden]. Die Strukturen, die die Gesellschaften sich geben, sind niemals endgültig; ... insbesondere können sie nicht das Gewissen des Menschen und auch nicht seine Suche nach der Wahrheit und nach dem Absoluten ersetzen.« (Ansprache an das Europäische Parlament in Strasburg, 11.10.1988).

Wir müssen als Kirche verstärkt die Aufgabe des moralischen Gewissens der Gesellschaft wahrnehmen. Als Christen müssen wir wieder »Salz der Erde« und »Licht der Welt« (Mt 5,13) werden. Kirchliches Leben, das sich ausschließlich auf den Wahrheiten des Glaubens zu gründen hat, muß Christus und der Botschaft des Evangeliums treu bleiben, wenn wir den Gliedern der Kirche helfen wollen, die sich in einer Gesellschaft befinden, die alle Lebensbereiche zu relativieren und zu säkularisieren versucht. »Tatsächlich besteht heute die Gefahr, die Demokratie auf einen sittlichen Relativismus zu gründen, der jede Gewißheit hinsichtlich des Sinnes des menschlichen Lebens und seiner Würde so wie hinsichtlich der grundlegenden Rechte und Pflichten des Menschen verwischt. Wenn sich eine solche Mentalität breit macht, kommt es früher oder später zu einer sittlichen Krise der Demokratie. Der Relativismus verhindert die notwendige Unterscheidung zwischen den verschiedenen Erfordernissen, die an der Basis der Gesellschaft zutage treten, sowie die Unterscheidung zwischen Gut und Böse. Das Leben einer Gesellschaft beruht auf Entscheidungen, die notwendigerweise feste sittliche Überzeugungen voraussetzen«. (Ansprache an die Teilnehmer des Forum der Christdemokraten in Roma, 23.11.1991).

Das Evangelium ist eine inspirierende und erhellende Kraft für das Leben des Gottesvolkes. Wo der Inhalt des Evangeliums geschwächt wird, sind die Konsequenzen für den Menschen - für die Einzelpersonen und die Gesellschaft - schwerwiegend. Nur auf einer soliden Grundlage können die Christen ihre Verantwortung im kulturellen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen Leben wahrnehmen. Dabei gilt es, das Propagieren von Werten zu vermeiden, die zwar mehrheitsfähig sind, die aber die wahre Natur des Evangeliums verdunkeln können. Die Wahrheit des Glaubens muß ruhig und überlegt verkündet werden, »opportune, importune«.

3. Die Gesellschaft in Deutschland ist durch kein Ereignis der vergangenen Jahrzehnte so tiefgreifend verändert worden wie durch den Fall der Mauer, die Euer Land definitiv und sichtbar gespalten und ganz Europa in zwei Teile gerissen hatte. So sehr für Deutschland die wiedergewonnene politische und staatliche Einheit ein Geschenk darstellt, so bietet sie gleichermaßen eine bedeutsame Herausforderung, für die Zukunft verläßliche Formen der friedlichen Nachbarschaft in Europa zu entwickeln. Doch stellen sich hier nicht nur politische und wirtschaftliche Aufgaben, die oft unter großen Mühen und im solidarischen Mittragen der unverschuldet überkommenen Belastungen zu bewältigen sind, die die Herrschaft der totalitären Diktatur des Kommunismus hinterlassen hat. Durch den Fall von Stacheldraht und Mauer wurde unsere Aufmerksamkeit auch auf die verheerende Situation gelenkt, in der der DDR-Staat die Menschen in ihrem religiösen Sehnen und Suchen zurückgelassen hat. Durch die Unterdrückung und Verächtlichmachung öffentlicher Religionsausübung ist eine große Fremdheit bei vielen eingetreten, die der Kirche und dem überkommenen Glauben der Vorfahren positiv gegenüberstanden. So traten die unendlich schmerzlichen Wunden und Verletztheiten in den Blick, die die damaligen Machthaber im Leben und in den Herzen der Menschen verursacht haben. Viele von ihnen sind noch längst nicht verheilt und prägen noch immer den Alltag zahlloser Menschen. Dabei hat der staatlich verordnete Atheismus der DDR versucht, den Menschen auch die Freiheit des Glaubens und die Beheimatung in der Kirche zu nehmen. Auch wenn der ausgeübte Druck bei nicht wenigen seine Wirkung nicht verfehlt hat, so vermochte das Regime doch nicht die oft verborgene und gar verschüttete Sehnsucht nach Gott vollkommen auszulöschen. Zurückgeblieben sind allerdings ein großes Vakuum an Glaubenswissen und an christlichem Lebensgefühl sowie eine große Orientierungslosigkeit, die den Menschen im privaten Bereich und auch auf gesellschaftlicher und politischer Ebene spürbar und wahrnehmbar zu schaffen machen.

Laut verschiedenen Statistiken sind mehr als siebzig Prozent der Menschen in den neuen Bundesländern konfessionslos. Religion und Kirche waren in der DDR über weite Strecken ideologisch stigmatisiert und gesellschaftlich ausgegrenzt. Kirchenaustritt oder sichtbare Distanz empfahl sich allen, die im gesellschaftlichen Leben eine Rolle spielen wollten. Allerdings will heute kaum jemand mehr einräumen, daß er selber der antiklerikalen Propaganda oder dem politischen Druck nachgegeben, geschweige denn sich an der Ausübung des Druckes beteiligt habe. Deswegen herrscht auch heute noch weitgehend das Bedürfnis vor, den Kirchenaustritt als wohlüberlegte, persönlich und frei getroffene und deswegen dauerhafte Entscheidung zu rechtfertigen. Bisweilen wurde religiöse Tradition sogar als Herrschaftsinstrument des Westens interpretiert.

4. In den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung waren vor allem politische und wirtschaftliche Fragen zu lösen und eine Angleichung der äußeren Lebensbedingungen der Menschen in Ost und West zu meistern; dies war ein Bemühen, das unter großen Anstrengungen und solidarischem Mittragen der Lasten in beachtlichem Maße zu Erfolgen geführt hat und dem ein dauerhafter, gerechter und wirtschaftlich tragfähiger Erfolg zu wünschen ist. Hierbei konnten die Menschen lernen, sich in der neuen offenen und freien Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik mit ihren unübersehbaren materiellen Angeboten und vielfältigen Herausforderungen zurechtzufinden. In jüngster Zeit zeigt sich jedoch zunehmend deutlich das sehr persönliche Bedürfnis und die innerlich drängende Notwendigkeit nach einer geistigen, ethischen und religiösen Sinnvermittlung. Nicht nur bei denjenigen, die nach der politischen Wende aus dem Osten in westliche Teile Eures Landes übergesiedelt sind, sondern auch bei denen, die in ihrer ursprünglichen Umgebung verblieben sind, erweist sich inzwischen ein deutlich wahrnehmbares neues Interesse an Religion. Deshalb ist es entscheidend, den missionarischen Geist zu fördern und ihn in den Gemeinden neu zu beleben. Es ist Aufgabe aller Glieder der Kirche, die Fernstehenden und Ungetauften zu Christus zu führen, wie ich es den jungen Menschen anläßlich des Weltjugendtreffens in Denver aufgetragen hatte: »In dieser historischen Stunde liegt die befreiende Botschaft des Evangeliums vom Leben in euren Händen. Und die Sendung, es bis an die Grenzen der Erde auszurufen, ist Eurer Generation aufgetragen. Wie der Völkerapostel Paulus so müßt auch Ihr die ganze Dringlichkeit des Auftrags spüren: "Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde.." (1 Kor 9,16) Habt also keine Angst, auf die Straßen und Gassen zu gehen wie die ersten Apostel, die Christus und die frohe Botschaft vom Heil auf den Plätzen der Städte, in den Zentren und Dörfern verkündet haben. Jetzt ist nicht die Zeit, sich des Evangeliums zu schämen. (Röm 1,16) Es ist die Zeit, es von den Dächern zu rufen« (Mt 10,27). (Predigt in Denver anlässlich des Weltjugendtages, 15.08.1993)

Die Sicherung der Institution Kirche und ihrer Sendung in Staat und Gesellschaft ist notwendig; aber das Christentum lebt in der Hauptsache von der Vitalität des Glaubens der Christen, von ihrer persönlichen Christusverbundenheit und ihrer Zeugniskraft. Die Kirche dient dem Menschen und der Menschheit, wenn sie Christus verkündet. »Durch die Mission wird die Kirche tatsächlich erneuert, Glaube und christliche Identität werden bestärkt und erhalten neuen Schwung und neue Motivation. Der Glaube wird stark durch Weitergabe« (Redemptoris missio, 2).

Nicht unerwähnt sei in diesem Zusammenhang, daß es nicht nur Männer und Frauen aus den östlichen Teilen Deutschlands sind, die in die Kirche ihre Hoffnung setzen, sondern auch Menschen, die aus weiten östlichen Gebieten des ehemaligen sowjetischen Machtbereiches stammen und die in Eurem Land eine neue Heimat suchen. Bei aller emotionalen Fremdheit, die sich diesen Aussiedlern bei der Ankunft in Deutschland auftut, suchen viele Familien zuerst den Kontakt zur Kirche und bitten oft auch um die Taufe, um auch ganz zu den Gemeinden gehören zu können. Häufig ist mit der Suche nach äußerer neuer Beheimatung und innerer Geborgenheit die noch tiefere Freude und Dankbarkeit verbunden, nach Jahren unmenschlicher und glaubensfeindlicher Unterdrückung endlich den oft nur sehr rudimentär ererbten Glauben der Vorfahren in Freiheit leben zu können. Wo Aussiedler um den Empfang der Sakramente der Kirche bitten, wird dieser Wunsch auch für die Pfarreien selber zum Geschenk, wenn sie sich dafür zu öffnen vermögen und dadurch leibhaftig vermitteln, daß Gott in seiner Kirche allen Heimatrecht schenkt, die ihn gläubigen Herzens suchen.

5. Zwar sind es in vielen Gemeinden bisher meist nur einzelne, die nach oft langer Suche und aus sehr unterschiedlichen Beweggründen um die Eingliederung in die Kirche bitten. Doch wo die Suchenden auf das gelebte christliche Zeugnis in den Gemeinden aufmerksam werden und eine "intensive Begegnung mit Christus entsteht," (vgl. Evangelii nuntiandi, 21-24) kommt es durch Gottes gnadenhaftes Wirken zu einer Einladung und Chance für immer mehr christliche Gemeinden, sich von der Bekehrung einzelner neu anstecken und herausfordern zu lassen. Die sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen für das gläubige Leben der Kirche in Eurem Land und die Bitte einer zunehmend größer werdenden Zahl von Erwachsenen um die Taufe erinnern an die Zeit der frühen Kirche und die Lebendigkeit der christlichen Gemeinden, wie sie oft gerade durch das Katechumenat der Taufbewerber hervorgebracht wurde. Deshalb ist es so wichtig, daß sich auch in Deutschland die Kirche in ihren Pfarreien für die mancherorts noch ungewohnt und als außergewöhnlich empfundene Bitte jugendlicher und erwachsener Menschen um die Taufe öffnet und den Weg der Vorbereitung mit ihnen gemeinsam geht. Denn viele, die als Kinder getauft wurden, sind auch hier »Quasikatechumenen« (vgl. Catechesi tradendae, 44). Die Bekehrung der Taufbewerber inmitten der Gemeinde vermag gerade auch die getauften Christen in ihre »zweite Bekehrung« zu führen. Überlassen wir uns also, wie seit den Anfängen der Kirche, in Zuversicht und Vertrauen der Führung des Geistes, der der Kirche auch in Zeiten mancher Schwierigkeiten und Müdigkeit neue Lebenskraft schenkt. Sein Wirken zeigt sich auch heute in der Verwirklichung des Sendungsauftrages der Kirche, dem sich die Apostel seit dem Pfingsttag verpflichtet wissen (vgl. Redemptoris missio, 24).

6. Die Kirche kann ihren Auftrag nur verwirklichen, wenn sie sich als Hort der Freude am Glauben und des Vertrauens in die Zukunft darstellt. Die Aufgabe der Selbstprüfung und Reinigung, wie sie vom II. Vatikanischen Konzil gefordert wurde, ist bei nicht wenigen Gliedern der Kirche leider in zersetzende Kritik an den Institutionen und in Verbreitung von Unzufriedenheit umgeschlagen, die noch von einem gereizten Subjektivismus der »postmodernen« Kultur gefördert wird.

Trotzdem besteht kein Grund zur Angst, wenn wir Glauben haben: »Das ist der Sieg, der die Welt besiegt hat: unser Glaube« (1 Joh 5,4). Der Glaube entfernt uns nicht von der Welt. Er bringt uns im Gegenteil ihren Problemen und Hoffnungen näher. Der wahre Glaube an den Erlöser entfernt uns nicht von den Menschen - im Gegenteil: »Zur Förderung dieser Gemeinschaft der Personen bietet die christliche Offenbarung eine große Hilfe; gleichzeitig führt sie uns zu einem tieferen Verständnis der Gesetze des gesellschaftlichen Lebens, die der Schöpfer in die geistliche und sittliche Natur des Menschen eingeschrieben hat« (Gaudium et spes, 23).

Der Glaube nährt sich an der Quelle der Wahrheit und bezieht aus ihr Leben und Kraft. Es wird notwendig sein, die Aufmerksamkeit der Gläubigen neu auf den Mittelpunkt der geoffenbarten Wahrheit zu lenken: Christus und das Leben in Christus. Natürlich ist nicht zu erwarten, daß sich die Menschen an der Kirche begeistern und in ihr die Freude am Glauben finden, wenn Fragen, die eigentlich sekundärer Natur und Bedeutung sind, in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt werden; und dies um so mehr, wenn solche Fragen den Gläubigen unter Vortäuschung einer objektiven und sachlichen Argumentation und mit instrumentalisierenden Methoden unterbreitet werden.

Es ist gerade Aufgabe der Bischöfe, Diener des frohen Glaubens der Kirche zu sein. Es ist ein Dienst, der Wachsamkeit erfordert und nicht von der Ausübung der Autorität dispensieren darf und ferner weder in Foren noch in Pastoralgesprächen zur Disposition gestellt werden kann. Der Dienst muß zwar versehen werden im Dialog und immer mit großer Liebe, aber auch mit Klarheit und Entscheidungskraft

7. Traditionsgemäß haben Verkündigung und Predigt in Eurem Land einen hohen Rang. Auch die Feier der Sakramente wird nicht zu Unrecht gerühmt. Achtet besonders auf die Eucharistie und das Bußsakrament. Die Synode der Bischöfe hatte das individuelle Bekenntnis 1983 als unersetzlich herausgestellt. In einer Zeit der Mechanisierung menschlicher Beziehungen und der Anonymisierung aller Kontakte erscheint es als eine der wenigen Möglichkeiten individuell-persönlicher Begegnung. Versucht daher, es den Gemeinden neu zu erläutern und nahezubringen. Priester und Seminaristen sind anzuhalten, es selbst zu empfangen; denn sie werden niemanden für dieses Sakrament gewinnen, wenn sie selbst nicht seine Gnade suchen und erfahren. Und mancher Priester hat gerade als Beichtvater erlebt, daß sein Priesterdasein einen Sinn hat; er hat neue Freude an seinem Dienst gewonnen.

Die Verbindung und der Kontakt zwischen Priestern und Bischöfen gestalten sich in Deutschland aufgrund der enormen flächenmäßigen Ausdehnung vieler Diözesen schwierig, aber gerade deswegen sind sie besonders notwendig.

Zu würdigen ist in diesem Zusammenhang auch die bemerkenswerte Hilfe, die die Priester von Laien in hauptamtlicher und ehrenamtlicher Tätigkeit erfahren. Allerdings ist bei aller aufgrund des Priestermangels notwendigen personellen Planung darauf zu achten, daß hauptamtliche Laienmitarbeiter nicht in die Rolle des »Ersatzpriesters« oder »Ersatzkaplans« schlüpfen. Dies gilt vor allem in den Pfarreien, die keinen eigenen Seelsorger mehr haben.

Die geistliche Formung der Priesteramtskandidaten in den Seminarien und theologischen Fakultäten ist entscheidend für die Entwicklung der Persönlichkeit des Priesters: »Es handelt sich ... um eine geistliche Formung, die allen Gläubigen gemeinsam ist, die aber entsprechend jenen Sinngehalten und Merkmalen gestaltet werden will, die sich aus der Identität des Priesters und seines Dienstes herleiten« (Pastores dabo vobis, 45).

Ferner sind häufige und regelmäßige Kontakte der Bischöfe mit den Professoren an den theologischen Fakultäten unabdingbar. »Die Theologen und die Bischöfe [stehen] im Dienst der Kirche selbst bei der Vertiefung des Glaubens, sie sollen wechselseitiges Vertrauen entfalten und pflegen und in diesem Geist auch die Spannungen und Konflikte überwinden« (ebd., 67).

Die augenblicklichen Sparzwänge in Eurem Land berühren auch den Universitäts- und Hochschulbereich. Bei eventuellen Notwendigkeiten, das Personal zu reduzieren, ist dennoch darauf zu achten, daß die inhaltliche Ausbildung in den verschiedenen Fächern nicht noch weiter reduziert wird. Gewisse Fächer können nicht einfach ersatzlos gestrichen werden. So sind zum Beispiel die Katholische Soziallehre und der Beitrag zu ihrer Entwicklung gerade im deutschsprachigen Raum Verpflichtung genug, ihr auch weiterhin den ihr zukommenden Stellenwert beizumessen.

Von entscheidender Bedeutung für die nächsten Jahre ist Euer Einsatz für die Berufungspastoral. Die Berufungen gibt es; denn der Herr läßt es nicht an den Gaben mangeln, derer die Kirche bedarf. »Die Erzieher und besonders die Priester sollen sich nicht fürchten, die Berufung zum Priestertum klar und nachdrücklich als eine reale Möglichkeit für jene jungen Männer vorzuschlagen, bei denen sich zeigt, daß sie die entsprechenden Gaben und Anlagen besitzen« (ebd., 39).

Neben Eurer Verantwortung als Bischöfe und jener der Priester ist es die christliche Familie, der eine besondere Aufgabe für das Entstehen von geistlichen Berufen obliegt (ebd., 41). Familienpastoral muß einen stärkeren Akzent als bisher zur Berufungspastoral hin enthalten, wobei auf eine enge Zusammenarbeit mit den religiösen Orden Wert zu legen ist: »Die Aufgabe der Förderung von Berufungen muß so erfüllt werden, daß sie zunehmend als eine gemeinsame Verpflichtung der ganzen Kirche erscheint. Sie erfordert daher die aktive Zusammenarbeit von Seelsorgern, Ordensleuten, Familien und Erziehern« (Vita consecrata, 64).

8. Das Problem der Förderung von Berufungen kann natürlich nicht isoliert von der Frage der Weitergabe des Glaubens betrachtet werden. Um den Glauben weitergeben zu können, ist die Rolle der Familie entscheidend: sie ist die Hauskirche. Auch von diesem Aspekt her ist die Familienpastoral ein entscheidender Eckpfeiler kirchlicher pastoraler Arbeit, vor allem was unsere Verantwortung für die Unauflöslichkeit der Ehe und für die Heiligkeit der Familie betrifft. Dies ist eine besondere Pflicht, die wir gegenüber den jungen Menschen und gegenüber den künftigen Generationen haben. Mit den Problemen der Familie hängen die Situation und die Rolle der Frau in der Gesellschaft eng zusammen. »Zweifellos rechtfertigen die gleiche Würde und Verantwortlichkeit von Mann und Frau voll den Zugang der Frau zu öffentlichen Aufgaben. Andererseits verlangt die wirkliche Förderung der Frau auch, daß der Wert ihrer mütterlichen und familiären Aufgabe im Vergleich mit allen öffentlichen Aufgaben und allen anderen Berufen klare Anerkennung finde. Übrigens müssen solche Aufgaben und Berufe sich gegenseitig integrieren, soll die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung wahrhaft und voll menschlich sein« (Familiaris consortio, 23).

In der Familie hat die Frau eine unersetzliche und vorrangige Aufgabe in der Weitergabe des Lebens und der Erziehung der Kinder. Aufgrund der sozialen Entwicklung erleben wir heute eine alarmierende Schwächung der Beziehung Mutter-Kind. Achtet vor allem darauf, daß in der Sozialgesetzgebung nicht auf Kosten der Schwächeren verfahren wird, die keine oder nur eine kleine Lobby bei den Verfassungsorganen besitzen.

9. Dieses Problem weitet sich natürlich auch auf den Schutz des Lebens aus. Die Kirche verteidigt das menschliche Leben ohne irgendeinen Kompromiß, vom Anfang bis zum Ende. »Wie kann es Freiheit geben, wenn das Leben, jedes menschliche Leben, nicht angenommen und geliebt wird? Wie kann es wahren sozialen Fortschritt geben, wenn die Bedrohungen und Angriffe auf das Leben des Menschen, das freie Geschenk der Liebe und Vorsehung Gottes, gerechtfertigt und legalisiert werden? ... Das Leben muß immer verteidigt, mit Liebe angenommen und mit ständiger Achtung begleitet werden« (Angelus, 3.2.1991).

Von immer größerer Dringlichkeit wird auch die Notwendigkeit des Eintretens gegen jede Form von Euthanasie. »Wenn die Neigung vorherrscht, das Leben nur in dem Maße zu schätzen, wie es Vergnügen und Wohlbefinden mit sich bringt, erscheint das Leiden als eine unerträgliche. Niederlage, von der man sich uni jeden Preis befreien muß« (Evangelium vitae, 64). Die Euthanasie ist eine schwere Verletzung des göttlichen Gesetzes, da es sich um die vorsätzliche Tönung einer menschlichen Person handelt. In diesem Zusammenhang danke ich Euch aufrichtig für Eure gemeinsame Initiative »Sterben vom Leben umfangen«, die Ihr zusammen mit den Evangelischen Kirchen Deutschlands ergriffen habt.

Zum Problem der Organtransplantationen in Verbindung mit der Feststellung des Augenblicks des Todes verweise ich ebenso auf die entsprechenden Ausführungen in der Enzyklika Evangelium vitae, vor allem auch im Hinblick auf eine Bewertung der Gesetzesentwürfe, die der Bundestag zu prüfen haben wird.

Im Zusammenhang mit dem Gesetz über die Schwangerschaftskonfliktberatung steht die Entscheidung über die Zuordnung der kirchlichen Beratungsstellen zur staatlich geregelten Beratung an. Diese Entscheidung muß mit großer Sorgfalt im Bewußtsein unserer Verantwortung vor Gott und den Menschen vorbereitet und gefällt werden. Von unserem Glauben her ist klar, daß von kirchlichen Institutionen nichts getan werden darf, was in irgendeiner Form der Rechtfertigung der Abtreibung dienen kann.

10. Viele andere Fragen wären noch einer Erwähnung oder Vertiefung wert; Fragen, die ebenso einen ausgesprochenen Aktualitätscharakter besitzen. So ist das Recht auf Religionsunterricht an den staatlichen Schulen neu zu betonen. »Zu sagen, daß es der religiösen Gemeinschaft und nicht dem Staat zusteht, sich dessen, "was Gottes ist" (Mt 22,21)," anzunehmen, heißt der Macht des Menschen eine heilsame Grenze setzen; diese Grenze ist der Bereich des Gewissens, der letzten Ziele, des letzten Sinnes der Existenz, der Offenheit für das Absolute« (Ansprache an das Europäische Parlament in Strasburg, 11.10.1988).

Die Schule ist nicht nur eine Veranstaltung des Staates, sondern der Gesellschaft. Der Staat hat eine dienende und ordnende Funktion im Bereich der Schule. Der Elternwille ist entscheidend zu berücksichtigen. Was an Werten, Symbolen und Vorstellungen in der Schule Platz hat und gelehrt wird, darüber entscheiden die Eltern und Schulträger. Das Recht der Religionsfreiheit ist kein Recht zur Verhinderung der Religion. Wer Gott aus unserem Leben und das Kreuz aus unserer Gesellschaft verbannt, der wird auch die Gottes- und Nächstenliebe, Solidarität und Toleranz, die Achtung vor Menschenwürde und Menschenrecht aus unserem Leben und unserer Gesellschaft entfernen.

In der Frage des Religionsunterrichts an den Schulen bitte ich Euch auch, auf den Glauben und eine qualifizierte Ausbildung der Lehrer zu achten. Die Missio kann nicht nur Formalität sein. Wer sie annimmt, bekundet damit, daß er nicht Privatmeinungen über Glaube und gläubiges Leben in den Unterricht bringen, sondern den Glauben der Kirche vermitteln will, der ihm selbst zum Weg des Lebens geworden ist. Das innere Ja des Lehrers zu diesem Glauben wird ihm helfen, zum einen das nötige Wissen weiterzugeben, es aber zugleich mit Überzeugung anzufüllen, die wieder Überzeugung schafft. Der Katechismus der katholischen Kirche muß selbstverständlich methodisch in vielfältigen Weisen umgesetzt werden. Aber er gibt allem Religionsunterricht die großen Inhalte vor, um die es geht und die nicht durch schnell vorübergehende theologische Moden verdeckt werden dürfen. Ich bitte Euch von Herzen darum, dafür zu sorgen, daß die Katechese in all ihren Formen vom Katechismus her ihren gemeinsamen festen Grund erhält. Zugleich möchte ich allen Religionslehrern danken für ihren Mut und für ihr Zeugnis.

11. Das Problem der Arbeitslosigkeit stellt sich in Eurem Land in einem vorher nicht gekannten Ausmaß. Es ist vor allem wegen der schweren Konsequenzen für die jungen Menschen besorgniserregend, aber auch wegen der Verursachung neuer Armut. »Die Verpflichtung, im Schweiße seines Angesichts sein Brot zu verdienen, besagt ein Recht. Eine Gesellschaft, in der dieses Recht systematisch verweigert wird, in der es die wirtschaftspolitischen Maßnahmen den Arbeitern nicht ermöglichen, eine befriedigende Beschäftigungslage zu erreichen, kann weder ihre sittliche Rechtfertigung noch den gerechten sozialen Frieden erlangen« (Centesimus annus, 43)..

Die Kirche bietet ihre Soziallehre an, aber keine technischen Lösungen; sie möchte jedoch vor allem in sozial schwierigen Zeiten mit allen betroffenen Parteien aus menschlicher Solidarität in engem Kontakt bleiben, um ihren Beitrag zu leisten, die Gegensätze zwischen den Partnern abzubauen und neue Begegnungspunkte zu finden.

12. Um in diesem bedeutsamen Augenblick der Geschichte die schwierigen Aufgaben, die vor der Kirche liegen, anzugehen, bedarf es einer großen Geschlossenheit des Episkopats: einer Geschlossenheit, die nichts von der nötigen Freiheit des Meinungsaustausches nimmt und die in keiner Weise die Verantwortung »de iure divino et canonico« eines jeden Bischofs in seiner eigenen Diözese vermindern könnte; die Koordination in der pastoralen Tätigkeit, die vor allem im Bereich der Bischofskonferenz erfolgt, ist darauf ausgerichtet, die harte Arbeit der Bischöfe zu erleichtern und ihre Autorität zu unterstützen.

Indem ich die Gaben des Heiligen Geistes auf Euch herabrufe, erteile ich Euch von Herzen den Apostolischen Segen.

Sonntag, den 23. Juni 1996

Seligsprechung von Bernhard Lichtenberg und Karl Leisner im Berliner Olympiastadion

Liebe Schwestern und Brüder!

»Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können«, (Mt 10, 28)

1. Die einst von Christus an seine Jünger im Heiligen Land gerichteten Worte beziehen sich auf alle Christen über die Jahrhunderte hinweg. Sie gelten für alle geographischen Längen und Breitengrade, Sie gewannen eine besondere Bedeutung für jene Jünger Christi, deren Seligsprechung wir heute in Berlin feiern: Bernhard Lichtenberg und Karl Leisner.

Diese Feier ist eine Gnadenstunde für die Kirche von Berlin und von Münster. Und sie ist auch eine Gnadenstunde für das ganze deutsche Volk. In der großen Danksagung der Kirche, der Eucharistie, dürfen wir am heutigen Tag einen zusätzlichen und besonderen Danke sagen. Es ist der Dank an Gott, der seiner Kirche und der Welt zwei Menschen geschenkt hat, die in der bedingungslosen Nachfolge Jesu Christi Zeugnis abgelegt haben für den Sieg des Glaubens.

Die Geschichte stellte beide auf eine harte Probe, aber sie fürchteten sich nicht »vor denen, die den Leib töten«. Das furchtbare totalitäre System gestattete mit einer Großzügigkeit sondergleichen den Tod für die, die sich dem System nicht unterwarfen. Auf diese Weise versuchte man, die Seelen zu beherrschen. Unsere Seligen jedoch schöpften aus den Worten Christi die Gewißheit, daß jene »die Seele nicht töten können«. Von hier aus ist ihr Sieg zu verstehen. Sie haben diesen Sieg errungen, indem sie Christus vor den Menschen bekannten: »Wer sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen« (Mt 10, 32).

Der vor den Menschen bekannte Christus war ihre Stärke. Christus blieb ihnen auch nach dem Märtyrertod treu. Er ist ihr Zeuge vor dem Vater, und in diesem Zeugnis ist das »Urteil ihrer Heiligkeit« enthalten - das »Urteil«, das heute im Olympiastadion von Berlin von der Kirche öffentlich bekannt gemacht wird. Genau an dem Ort, wo das nationalsozialistische Regime vor 60 Jahren die Feier der olympischen Spiele zu einem Triumph für seine menschenverachtende Ideologie nutzen wollte, an dem Ort, wo der Idealismus der Jugend mißbraucht und Menschen statt zum friedlichen Miteinander zu Haß und Feindschaft angestachelt wurden, triumphieren heute zwei selige Märtyrer.

Wir grüßen euch, unerschrockene Diener Christi, des Königs mit der Dornenkrone. Möge diese Stadt, die Zeugin des Kampfes Bernhard Lichtenbergs gegen die Macht des Bösen und Zeugin des Gefängnisses, der Folter und des Todes wurde, heute Zeugin eurer Erhöhung in der Kirche des lebendigen Gottes werden.

2. Um die Umstände zu verstehen, unter denen unsere beiden Seligen von heute ihren geistlichen Kampf gekämpft haben, greift die Liturgie auf den Propheten Jeremia zurück: »Hörte ich doch das Flüstern der Vielen: Grauen ringsum! Zeigt ihn an! Wir wollen ihn anzeigen« (Jer 20, 10). Diese Worte wurden vor zweitausendfünfhundert Jahren geschrieben - aber sie klingen, als würden sie sich auf die jüngste Zeit beziehen. Das System bediente sich der Methode »Terror alter Orten«, um freie Menschen in Denunzianten zu verwandeln.

Jeremia ist die Gestalt Christi und durch Christus die Gestalt aller, die sich nicht betören ließen (ebd.); aller, die auf die Macht Gottes vertrauten und so den Sieg davongetragen haben. »Der Herr steht mir bei wie ein gewaltiger Held. Darum straucheln meine Verfolger und kommen nicht auf« (Jer 20, 11). Der Herr »rettet das Leben des Armen aus der Hand der Übeltäter« (Jer 20, 13).

Im Text des Propheten Jeremia finden wir einen hinreichend klaren Bezug auf die zwei Seligen von heute: Bernhard und Karl. Sie lebten in Zeiten des systematischen Terrors. Durch ihren Glauben und durch ihr Bekenntnis haben sie gesiegt.

Nicht der Beifall der Welt, sondern das treue Bekenntnis zu Jesus Christus ist der Ausweis einer echten Nachfolge Christi, Der Herr verlangt von seinen Jüngern kein Allerweltsbekenntnis, sondern ein Glaubensbekenntnis, das bereit ist, auch Opfer zu bringen. Dieses Bekenntnis haben Bernhard Lichtenberg und Karl Leisner abgelegt, nicht nur mit Worten, sondern mit ihrem Leben und ihrem Sterben. Sie haben sich in einer unmenschlich gewordenen Welt zu Christus bekannt, der allein der Weg, die Wahrheit und das Leben ist.

3. Christus ist der Weg, Bernhard Lichtenberg und Karl Leisner haben dies in einer Zeit bezeugt, in der viele den rechten Weg verlassen hatten. und aus Opportunismus oder Angst in die Irre gegangen sind. Wer den Weg der beiden Märtyrer betrachte, weiß Ihr Martyrium war kein zufälliges Mißgeschick auf ihren Lebensweg, sondern die letzte und zwangsläufige Konsequenz. eines Lebens, das in der Nachfolge Christi gelebt wurde.

Schon in früher Jugend haben sich beide auf den Weg gemacht, auf den Gott sie gerufen hat und den er mit ihnen gehen wollte. »Christus, du hast mich gerufen. Ich spreche bescheiden und bestimmt: "Hier bin ich, sende mich"«, schreibt Karl Leisner zu Beginn seines Theologiestudiums. Er, der frühzeitig den antichristlichen Charakter der damals herrschenden Partei erkannt hatte, fühlte sich berufen, durch den angestrebten Dienst als Priester den Menschen den Weg Gottes zu lehren und keine Zugeständnisse an die sogenannte »völkische Weltanschauung« zu machen. Noch bevor er in Dachau gefangen war, entwickelte er bereits eine tiefe Marienverehrung, zu der er von Pater Kentenich und der Schönstattbewegung angeregt worden war.

Sein Glaubensmut und seine Begeisterung für Christus sollen vor allem den jungen Menschen, die in einem weithin von Unglauben und Gleichgültigkeit geprägten Umfeld leben, Anstoß und Vorbild sein. Denn nicht nur politische Diktatoren schränken die Freiheit ein; es braucht ebenso Mut und Kraft, sich gegen den Sog des Zeitgeistes zu behaupten, der sich an Konsum und egoistischem Lebensgenuß orientiert oder gelegentlich mit Kirchenfeindschaft, ja sogar mit militantem Atheismus liebäugelt. Der Dienst an den Menschen verlangte von Bernhard Lichtenberg seinen ganzen Einsatz und seine ganze Hingabe. Sein unerschütterlicher Glaube gab ihm dazu die Kraft. »Er stand mit jeder seiner Faser hinter jedem Wort: er predigte durch sich selbst ... Er hatte den Glauben, der Berge versetzt«, schreibt einer seiner Zeit genossen später übet ihn.

Bernhard und Karl ermuntern uns, auf dem Weg zu bleiben, der Christus heißt. Wir dürfen nicht müde werden, auch wenn dieser Weg manches Mal dunkel erscheint und Opfer verlangt. Hüten wir uns vor den falschen Propheten, die uns andere Wege weisen wollen. Christus ist der Weg, der ins Leben führt. Alle anderen Wege werden sich als Umwege oder Irrwege erweisen.

4. Christus ist die Wahrheit. Dafür hat Bernhard Lichtenberg his zum letzten Atemzug Zeugnis abgelegt. Gegen die Lüge der nationalsozialistischen Ideologie bekannte Lichtenberg darum mutig: »Mein Führer ist Christus!«. Jeden Tag betete er in den Fürbitten des Abendgebetes »für die schwerbedrängten "nichtarischen Christen", für die verfolgten Juden, für die Gefangenen in den Konzentrationslagern...«.

Daß der neue Selige ein Heiliger des fürbittenden Gebetes war, zeigt sich nicht nur in diesem Gebet für die Juden und die Häftlinge in den Konzentrationslagern, es zeigt sich ebenso in seinem Gebet für die geistlichen Berufe. Er war ein unermüdlicher Förderer des Apostolats für Priesterberufe. Seine Seligsprechung soll deswegen ein Anruf sein, den Welttag und die monatlichen Gebetstage für geistliche Berufe mit neuer Hingabe und Zuversicht zu begehen, Ich möchte Euch auch ermutigen, in den Gemeinden und besonders im Päpstlichen Werk für geistliche Berufe im Sinn Bernhard Lichtenbergs die Sorge der Kirche mitzutragen.

Bernhard Lichtenberg erkannte klar, daß dort, wo die Wahrheit Gottes nicht mehr geachtet wird, auch die Würde des Menschen verletzt wird. Wo die Lüge herrscht, regiert auch immer das falsche und böse Handeln: »Die Taten eines Menschen sind die Konsequenzen seiner Grundsätze. Sind die Grundsätze falsch, werden Taten nicht richtig sein ... Ich bekämpfe falsche Grundsätze, aus welchen falsche Ta ten entstehen müssen«, schreibt er im Protokoll seiner ersten Vorführung vor den Nazirichtern, Und er nannte auch einige dieser falschen Grundsätze klar und deutlich beim Namen: »... die Beseitigung des Religionsunterrichtes an den Schulen. Kampf gegen das Kreuz ... Verweltlichung der Ehe, absichtliche Tötung angeblich lebensunwerten Lebens (Euthanasie), Judenverfolgung ... «.

Auf der Basis seiner klaren Grundsätze sprach und agierte Bernhard Lichtenberg eigenständig und unerschrocken. Dennoch war er von Glück und Freude fast überwältigt, als ihm sein Bischof Konrad von Preysing beim letzten Besuch im Gefängnis eine Botschaft meines Vorgängers Pius XII. überbrachte, in der ihm dessen innigstes Mitgefühl und väterliche Anerkennung bezeugt wurde. Wer sich nicht auf billige Polemik beschränkt, weiß sehr wohl, was Pius XII. über das Nazi-Regime dachte und wieviel er unternommen hat, um unzähligen Menschen, die von jenem Regime verfolgt wurden, zu helfen.

Für Bernhard Lichtenberg war das Gewissen »der Ort ... der heilige Raum, in dem Gott zum Menschen spricht ...« (Enzyklika Veritatis splendor, 58). Und die Würde des Gewissens beruhte für ihn immer auf der Wahrheit (ebd. 63).

Liebe Schwestern und Brüder! Das Beispiel des seligen Bernhard ruft uns auf, »Mitarbeiter für die Wahrheit« (vgl. 3 Joh 8) zu werden. Laßt Euch nicht beirren, wenn Gott und der christliche Glaube auch in unseren Tagen schlecht gemacht oder verspottet werden. Bleibt der Wahrheit treu, die Christus ist. Meldet euch mutig zu Wort, wenn falsche Grundsätze wieder zu falschen Taten führen, wenn die Würde des Menschen verletzt oder die sittliche Ordnung Gottes in Frage gestellt wird.

In diesem Zusammenhang zeigt uns die zweite Lesung an die Römer in gewissem Sinne eine tiefere Dimension der Wirklichkeit, in die das Leben und die Berufung der beiden Seligen eingebettet war. Es handelt sich um die Wurzeln des Bösen selbst in der Geschichte der Abstammung von Adam (»durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod« [Röm 5, 12]).

»Doch anders als mit der Übertretung verhält es sich mit der Gnade; sind durch die Übertretung des einen die vielen dem Tod anheim gefallen, so ist erst recht die Gnade Gottes und die Gabe, die durch die Gnadentat des einen Menschen Jesus Christus bewirkt worden ist, den vielen reichlich zuteil geworden« (Röm 5, 15).

Zu Zeiten, als sich »die Sünde« durch das System absolut walt Tätigkeit und Grausamkeit als Herrin aufspielte, gewinnen diese den Zeugen Christi, die aus seiner Gnade die Kraft zum Sieg schöpfen, eine besondere Bedeutung. Die heutige Seligsprechung ist Beweis dafür. In ihr drückt sich »die Erinnerung« der Kirche aus: »die Taten Gottes nicht vergessen« (Ps 77[78], 7). Mit Gottes Hilfe werden wir dann wie Bernhard Lichtenberg und wie der Apostel Paulus vor den kommenden Generationen sagen können: »... wir haben ihnen nicht nachgegeben, damit euch die Wahrheit des Evangeliums erhalten bleibe« (Gal 2, 5).

5. Christus ist das Leben: Das war die Überzeugung, für die Karl Leisner gelebt hat und für die er schließlich starb. Er hat sein Leben lang die Nähe Christi gesucht im Gebet, in der täglichen Schriftlesung und in der Meditation. Und er hat diese Nähe schließlich in besonderer Weise gefunden in der eucharistischen Begegnung mit dem Herrn, Das eucharistische Opfer, das Karl Leisner nach seiner Priesterweihe im Konzentrationslager Dachau dann doch noch als Priester feiern durfte, war für ihn aber nicht nur Begegnung mit dem Herrn und Kraftquelle für sein Leben. Karl Leisner wußte auch: Wer mit Christus lebt, tritt ein in die Schicksalsgemeinschaft mit dem Herrn. Karl Leisner und Bernhard Lichtenberg sind nicht Zeugen des Todes, sie sind Zeugen des Lebens: eines Lebens, das über den Tod hinausgeht. Sie sind Zeugen für Christus, der das Leben ist, und der gekommen ist, damit wir das Leben haben und es in Fülle haben (vgl. Joh 10, 10). In einer Kultur des Todes haben beide Zeugnis abgelegt für das Leben.

Wie die beiden Seligen sind wir alle dazu berufen, für das Leben Zeugnis zu geben. Darum haltet fest am Leben, das Christus ist. Widersteht der Kultur des Hasses und des Todes, unter welchem Gewand sie auch immer auftritt. Und werdet nicht müde, Euch gerade für die einzusetzen, deren Leben und Lebenswürde bedroht ist: die Ungeborenen, die Schwerstkranken, die Alten und die vielen Notleidenden unserer Weit. In ihrem Sterben haben Bernhard Lichtenberg und Karl Leisner das Leben sichtbar gemacht, das Christus ist und das Christus gibt. Die Kirche wird sie und ihr Zeugnis für immer in Ehren halten.

6. Das Zeugnis, das die beiden Seligen abgelegt haben, war ihnen nicht zuletzt möglich durch das leuchtende Beispiel, das ihnen ihre eigenen Bischöfe gegeben haben: Konrad von Preysing in Berlin und Clemens August von Galen in Münster. Gerade in einer Zeit und Umwelt, die den Wert des christlichen Glaubens oftmals nicht mehr erkennen kann oder will und damit auch die Grundlage ihrer Kultur in Frage stellt, ist ein solches Zeugnis nötig. Dabei geht es nicht nur um das Zeugnis des Wortes, sondern eben um das Zeugnis eines Lebens, das in Gottes Wort seinen Grund hat, so wie es Karl Sonnenschein, der Berliner Großstadtapostel, bereits 1927 formuliert hat: »Vor den heidnischen Menschen der Großstadt ist Apologetik des Wortes fruchtlos ... Nur eines reicht an diese Menschen heran, die das Christentum auch nicht mehr aus den Erzählungen ihrer Väter kennen, auch nicht mehr vom Rosenkranz ihrer Mutter, auch nicht aus dem Religionsunterricht der eigenen Schulzeit ...: Die am eigenen Leibe, an eigener Seele, an eigener Not erlebte Güte dieser Religion in ihren Vertretern«. Dieses Zeugnis des Wortes und des Lebens haben nicht nur in dieser so lange Zeit zweigeteilten Stadt, sondern auch in dem Gebiet der ehemaligen DDR Bischöfe und Laien in großer Treue gegeben. In Dankbarkeit nenne ich die Berliner Bischöfe Wilhelm Weskamm, Julius Kardinal Döpfner, Alfred Kardinal Bengsch und schließlich - unter uns weilend - Joachim Kardinal Meisner. Ich sage ebenso an diesem Tag einen herzlichen Dank den vielen Laien, Frauen und Männern, ja auch Kindern und Jugendlichen, die über Jahrzehnte in der Unterdrückung dem katholischen Glauben und ihren Gemeinden treu geblieben sind.

7. Liebe Schwestern und Brüder! Unser Weltauftrag verlangt von uns Christen nicht, daß wir zu angepaßten und bequemen Zeitgenossen werden und dafür unsere Identität preisgeben. Er verlangt vielmehr, daß wir Christen bleiben, daß wir unseren Glauben bewahren und leben und als wesentlichen Anteil in die menschliche Gesellschaft einbringen. Darum dürfen wir wir an diesem Auftrag durch niemanden gehindert werden, auch nicht durch den Staat. Bei Wahrung gegenseitiger Freiheit und Unabhängigkeit ist das Verhältnis zwischen Kirche und Staat in Deutschland auf Kooperation hin angelegt und nicht auf Trennung. Die geschichtlich gewachsene Beziehung verpflichtet den Staat zum Schutz der Institutionen, die gesellschaftlich wichtige Aufgaben wahrnehmen, und verbietet jegliche Form von staatlichem Eingriff. In diesem Zusammenhang ist darauf zu achten, daß der vollen Durchsetzung des Grundgesetzes sowohl dem Geist als auch dem Buchstaben nach auch in den neuen Bundesländern Rechnung getragen wird. Unter Berücksichtigung der Dienstfunktion des Staates ist die Religionsfreiheit zu gewährleisten, vor allem im erzieherischen Bereich und in der religiösen Erziehung. Neutral ist der Staat und nicht der Religionsunterricht!

8. Meine besondere Verbundenheit bekunde ich in dieser Stunde dem Erzbischof von Berlin, Georg Maximilian Kardinal Sterzinsky, sowie den anwesenden Kardinälen, dem Bischof von Münster als Heimatbischof von Karl Leisner, dem Herrn Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz und den Bischöfen aus Deutschland und den Nachbarländern, allen Priestern, Diakonen und Ordensleuten. Sehr herzlich begrüße ich den Herrn Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland, die Frau Präsidentin des Deutschen Bundestages, den Herrn Bundeskanzler, die Minister der Bundesregierung, den Herrn Regierenden Bürgermeister von Berlin mit Mitgliedern des Senats, die Ministerpräsidenten der Bundesländer Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Saarland und des Freistaates Thüringen sowie Repräsentanten der Landesregierungen und Landesparlamente, der übrigen Verfassungsorgane und die zahlreichen Vertreter des Diplomatischen Corps.

Schließlich grüße ich Euch alle, die zahllosen Gläubigen, und danke für Euer Kommen und für die Mitfeier. Besonders begrüße ich die Angehörigen unserer zwei neuen Seligen, wie auch die Gruppe ehemaliger Häftlinge der Konzentrationslager, Frauen und Männer.

Vor allem grüße ich auch die große Zahl von Jugendlichen. Ihr habt die vergangene Nacht gewacht und gebetet und seid heute früh mit dem Kreuz des Heiligen Jahres, das zum Symbol der Weltjugendtreffen wurde, ins Stadion gezogen. Ich danke Euch von Herzen für dieses mutige Bekenntnis Eures Glaubens! Wie könnte ich in diesem Augenblick vergessen, daß ich mich im August nächsten Jahres zu einer erneuten Begegnung mit der Jugend der Welt nach Paris begeben möchte. Schon heute lade ich Euch alle herzlich zu diesem großen Fest ein. Kommt selbst und bringt viele Eurer Altersgenossen mit. Die Weltjugendtreffen sind für alle, die sich einfinden, immer eine Stunde außergewöhnlicher Gnade.

Ferner begrüße ich die große Zahl meiner Landsleute. Eure heutige Anwesenheit in Berlin und die gemeinsame Feier ist ein beredtes Zeichen der Aussöhnung zwischen Deutschen und Polen, zu deren Gelingen die Bischöfe und Gläubigen in beiden Ländern wesentlich beigetragen haben. Es würde mich freuen, zahlreiche Schwestern und Brüder aus Deutschland im Mai nächsten Jahres in Breslau anläßlich des eucharistischen Weltkongresses wieder begrüßen zu können.

9. Der ganzen Kirche in Deutschland möchte ich Mut machen, unserer christlichen Sendung treu zu bleiben und stets auf das Vorbild der beiden seligen Märtyrer Bernhard Lichtenberg und Karl Leisner zu blicken, »Mater habebit curam« die himmlische Mutter wird sorgen! Mit diesem hoffnungsfrohen Wort Karl Leisners empfehle ich Euch der Fürsprache Mariens, die als erste Christin ihr Jawort zum unbegreiflichen Willen Gottes gesagt hat.

Von Herzen segne ich Euch alle in der Liebe unseres Herrn Jesus Christus, denn Dank sei und die Ehre in Ewigkeit.

Angelus im Berliner Olympia-Stadion

Liebe Schwestern und Brüder!

1. Zum Schluß dieses Gottesdienstes möchte ich Euch alle nochmals herzlich grüßen und Euch danken für diese beeindruckende Feier der Seligsprechung von Karl Leisner und Bernhard Lichtenberg. Gerade die Geschichte und der Symbolcharakter dieser Stadt fordern uns dazu auf, die ihnen und uns aufgetragene Verantwortung wahrzunehmen - sei es gelegen oder ungelegen. Wir müssen Recht und Unrecht, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, Menschlichkeit und Unmenschlichkeit freimütig jeweils beim Namen nennen und offen und entschieden für Freiheit, Solidarität und Menschenwürde eintreten.

2. Von dieser berühmten Stadt aus, die in ganz besonderer Weise das Schicksal der europäischen Geschichte dieses Jahrhunderts erfahren hat, möchte ich der ganzen Kirche meine Absicht ankündigen, eine zweite Sonderversammlung der Bischofssynode für Europa einzuberufen. Sie soll zusammen mit ähnlichen Synodenversammlungen in anderen Erdteilen die Vorbereitung auf das Große Jubiläum des Jahres 2000 unterstützen.

Nach den bekannten Ereignissen von 1989 und den neuentstandenen Gegebenheiten nach dem Fall der Mauer, die gerade in dieser Stadt errichtet worden war, schien ein Nachdenken unter Vertretern der Bischofskonferenzen des Kontinents notwendig, Diese Aufgabe nahm die Sonderversammlung von 1991 wahr. Die weiteren Entwicklungen der nachfolgenden fünf Jahre in Europa legten die passende Gelegenheit nahe für ein neues Treffen mit den Vertretern der europäischen Bischöfe zum Zweck einer eingehenden Überprüfung der kirchlichen Lage im Hinblick auf den bevorstehenden Jubiläumstermin. Es ist notwendig, dahin gehend zu wirken, daß die gewaltigen geistlichen Kraftreserven des Kontinents in allen Breiten wirkliche Entfaltung finden und die Voraussetzungen für eine Epoche der wahren Wiedergeburt auf religiöser, wirtschaftlicher und sozialer Ebene geschaffen werden. Dies wird Frucht einer neuen Verkündigung des Evangeliums sein.

3. Ich lade alle ein, von jetzt an die himmlische Fürsprache der Schutzpatrone Europas, des heiligen Benedikt und der heilige Brüder Cyrillus und Methodius, zu erbitten. Ausgehend von westlichen und östlichen Traditionen verstehen sie, einen grundlegenden Beitrag zur kulturellen und geistlichen Einheit dieses Erdteils zu liefern.

Wir möchten die nächste Synodenversammlung auch allen Heiligen und Seligen des alten Kontinents und in besonderer Weise dem mütterlichen Schutz der seligsten Jungfrau Maria anvertrauen, die bei allen Völkern Europas so große Verehrung genießt. Sie, die als erste durch das »fiat« das fleischgewordene Wort aufnahm und es der ganzen Menschheit darbot, begleite und unterstütze unseren Weg zum historischen Termin des Beginns des dritten christlichen Jahrtausends.

An die Gläubigen aus Polen

Serdecznie pozdrawiam wszystkich obecnych pielgrzymów przybyłych z Polski. Witam Księdza Kardynała Prymasa, Księdza Kardynała z Wrocławia, wszystkich arcybiskupów i biskupów.

Kościól wyniósł dziś do chwały ołtarzy dwóch kapłanów-męczenników Bernharda Lichtenberga i Karla Leisnera, Dziękujemy Bożej Opatrznoś za tych nieustraszonych świadków wiary i autentycznych obrońców nienaruszalności porządku moralnego. Dziękujemv za nowy wzór do naśladowania. Dali oni świadectwo o Chtystusie poprzez całkowity dar z siebie:, stając sic ofiara systemu, który pogardzał człowiekiem i nienawidził Boga.

Myślą ogarniam w tej tych wszystkich naszych braci i siostry, którzy przeszli przez kaźń obozów koncentracyjnych, zwłaszcza wspominam w dniu dzisiejszej beatyfikacji przeszło 3 tys. polskich kapłanów. W sposób szczególny pragnę wspomnieć tu, na tvm miejscu, profesorów Uniwersytetu Jagiellońskiego, którzy w pierwszych dniach wojny zostali wywiezieni do obozu zagłady w Sachsenhausen. Wielu z nich nie powróciło już do Krakowa, ponosząc śmierć w strasznych warunkach. Noszę również głęboko w sercu i pamięci los wielu tysięcy kobiet z całej Europy, a nade wszystko z Polski, które w obozie koncentracyjnym w Ravensbrück przeszły straszne cierpienia i nieludzkie upokorzenia, a większość z nich spotkała śmierć pełna okrucieństwa. Pragniemy dzisiaj oddać hołd typa kobietom, a pamięć o nich niech trwa na pokolenia.

W duchu klękamy na tych miejscach zagłady, aby oddać także hołd wszystkim więźniom obozów koncentracyjnych i wyrazić im wdzięczność za ofiarę ich życia oraz ogrom cierpienia, które stało się posiewem lepszej przyszłości.

An alle anwesenden Gläubigen

Alle segne ich von ganzen Herzen: Eure Familien, Euer vereintes Vaterland. Gelobt sei Jesus Christus!

An die Mitglieder des Zentralrates der Juden im Bernhard-Lichtenberg-Haus, Berlin

Geehrte Herren, liebe Brüder!

1. In Freude und Dankbarkeit nehme ich auch bei meinen dritten Deutschlandbesuch die Möglichkeit wahr, mit Ihnen zusammenzutreffen. Unsere heutige Begegnung findet in Berlin statt. In dieser Stadt, die von den nationalsozialistischen Machthabern zum Zentrum ihrer verbrecherischen Diktatur gemacht wurde und die selber unter den Folgen dieser Diktatur bis in die jüngste Zeit zutiefst gelitten hat, ist ein solches Zusammentreffen von besonderer Bedeutung. Gerade die Jüdische Gemeinde zu Berlin, von der das kulturelle und wissenschaftliche Leben dieser Stadt so sehr geprägt blieb, hat in der dunklen Zeit des Nationalsozialismus einen hohen Blutzoll zahlen müssen und ist klein geworden. Dennoch ist sie auch heute sehr lebendig, und dies ist ein Zeichen untrüglicher Hoffnung.

2. Das jüdische Volk ist durch seine Berufung und durch seine Geschichte in besonderer Weise erwählt worden, den Heilswillen Gottes für das ganze Menschengeschlecht kundzutun (vgl. Dei verbum, 14). Das unvorstellbare Leiden Ihres Volkes hat in schrecklichster Weise jedoch ebenso deutlich gemacht, welches Unheil dort entsteht, wo der Mensch sich in eigenmächtiger Anmaßung und Überheblichkeit von seinem Gott und von dessen Geboten entfernt. Mit dem jüdischen Volk teilt die Christenheit den Glauben, daß Gott der Schöpfer der Welt und der Herr der Geschichte ist und der Mensch nach seinem Bilde geschaffen wurde, so wie es schon im ersten Buch der Bibel heißt: »Gott schuf also den Menschen als sein Abbild: als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie« (Gen 1,27).

Diese Ebenbildlichkeit mit Gott aber ist die Grundlage für die unantastbare Würde des Menschen und für die Menschenrechte, die sich aus eben dieser Würde ergeben. Gottesachtung und Menschenwürde sind dadurch auf das engste miteinander verbunden. Gerade die bedrückende Erfahrung der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft hat gezeigt, daß ohne die Achtung vor Gott auch die Achtung vor der Würde des Menschen verlorengeht. Angesichts jener Schreckensherrschaft stellen sich viele Menschen die Frage nach Gott, der dieses fürchterliche Unheil zugelassen hat, aber noch stärker brennt die Einsicht, wozu der Mensch, der Gott nicht achtet, fähig ist, und welches Gesicht ein Humanismus ohne Gott haben kann.

3. Die Kirche ehrt heute, stellvertretend für viele andere, die beiden Priester Karl Leisner und Bernhard Lichtenberg, die aufgrund ihres Glaubens jener menschenverachtenden Ideologie des Nationalsozialismus widerstanden haben und dafür das Opfer ihres Lebens brachten. Besonders Dompropst Bernhard Lichtenberg hat dabei für die von Gott verliehene Würde aller Menschen Zeugnis abgelegt. Wir sehen in ihrem Zeugnis die Kraft dessen, was Kraftlosigkeit zu sein scheint, die Kraft derer, die Gott kennen und die Gott kennt. Als er die Leiden seines auserwählten Volkes in der Sklaverei sieht, sagt Gott: »Ich kenne ihr Leid« (Ex 3,7). Wir entdecken in ihrem Zeugnis die tiefe Bedeutung des Wortes Victor in vinculis - Sieger in Fesseln, das auf beide zutrifft, und wir verstehen, was Karl Leisner in sein Tagebuch schrieb: »Wenn ich vor Gottes klarem Richterblick bestehen kann, was können Menschen mir dann schon antun«.

Dompropst Bernhard Lichtenberg hatte mit seinen eigenen Augen gesehen, was Menschen ihren Mitmenschen antun können, als er am 9. und 10. November 1938 die furchtbaren Spuren der Judenpogrome sah. Er sagte an jenem Abend auf der Kanzel der Sankt-Hedwigs-Kathedrale: »Draußen brennt der Tempel - das ist auch ein Gotteshaus«. Und er begann, jeden Abend öffentlich in der Kathedrale »für die verfolgten nichtarischen Christen, für die Juden« zu beten. Diese Gebete erstreckten sich in den folgenden Jahren auch auf »die Gefangenen in den Konzentrationslagern, für die Millionen namen- und staatenloser Flüchtlinge, für die verwundeten, sterbenden und kämpfenden Soldaten hüben und drüben, für die bombardierten Städte in Freundes- und Feindesland« (Verhörprotokoll vom 25.10.1941). Wegen dieses Gebetes denunziert, wurde er am 23. Oktober 1941 verhaftet. Zwei Jahre später starb er auf dem Transport in das Konzentrationslager Dachau.

4. Bei aller auf uns lastenden Erinnerung vergegenwärtigt der heutige Tag die kostbare historische Tatsache, daß Bernhard Lichtenberg bei seinem Einsatz für die Verfolgten des nationalsozialistischen Regimes nicht allein war; dies zeigt das Engagement vieler Katholiken, die als einzelne oder in verschiedenen Gruppierungen unter Gefahr für ihr Leben aktiv, jedoch oft verborgen Hilfe geleistet haben. Hierzu gehört aber auch das Bemühen der kirchlichen Hierarchie, durch Protest und durch Hirtenworte jenes unmenschliche System in seinem schrecklichen Tun zu hindern.

Stellvertretend für die vielen, die Widerstand und Hilfe geleistet haben, sei in dieser Stadt nur erinnert an Margarete Sommer, die durch das »Hilfswerk für Nichtarier« versuchte, verfolgte Mitmenschen vor dem Zugriff der Nationalsozialisten in Schutz zu nehmen; an den großen Bischof von Berlin, Konrad Kardinal von Preysing, der den Widerstand gegen das Hitlerregime nach besten Kräften unterstützte, sowie an Maria Terwiel, eine junge Frau, die jüdischen Mitbürgern mit Personalpapieren und Lebensmittelkarten weiterhalf und wegen »Feindbegünstigung« zum Tode verurteilt wurde.

Auch wenn es viele Priester und Laien waren, wie die Historiker mittlerweile aufgezeigt haben, die sich gegen dieses Terrorregime wandten und viele Formen des Widerstands sich auch im Alltag der Menschen regte, so waren es doch zu wenige. Ihnen allen gilt heute unser Dank und unsere Hochachtung. Ihr Beispiel und ihr Andenken bleiben uns aber nicht nur ein immerwährendes Vorbild. Sie sind gleichzeitig ein Aufruf an Christen wie an Juden, sich gemeinsam für die Würde aller Menschen einzusetzen, wo immer diese Würde auch heute noch oder heute wieder bedroht ist. Dazu gehört insbesondere der Einsatz gegen jegliche Form des Antisemitismus, damit Geschehnisse wie die »Shoah« sich niemals mehr ereignen können.

5. Anläßlich meines Besuches der römischen Synagoge am 13. April 1986 habe ich darauf hingewiesen, »daß die Kirche Christi ihre "Bindung" zum Judentum entdeckt, indem sie sich auf ihr eigenes Geheimnis besinnt. Die jüdische Religion ist für uns nicht etwas "Äußerliches", sondern gehört in gewisser Weise zum "Inneren" unserer Religion. Zu ihr haben wir somit Beziehungen wie zu keiner anderen Religion«. Diese Beziehungen immer mehr zu vertiefen, bleibt großes Anliegen der Kirche. Bereits das II. Vatikanische Konzil hat deshalb zu einem intensiven Dialog zwischen den beiden Religionen aufgerufen, der »die gegenseitige Kenntnis und Achtung fördern« soll. Dieser Dialog ist zu ergänzen durch einen »"Dialog des Lebens", in dem die Gläubigen ... einander im Alltag die eigenen menschlichen und religiösen Werte bezeugen und einander helfen, diese zu leben und so eine gerechtere und brüderlichere Gesellschaft zu schaffen« (Redemptoris missio, 57). Die Kirche in Berlin und in Deutschland wird um einen solchen Dialog besonders bemüht sein. Durch vielfältige Aktivitäten hat sie ja auch schon gezeigt, wie sehr ihr dieser Dialog am Herzen liegt. Und mit Freude konnte sie dabei feststellen, daß ihr Bemühen von seiten der Jüdischen Gemeinden nicht nur wohlwollend aufgenommen, sondern in herzlichem Entgegenkommen unterstützt worden ist.

6. Aus dieser Stadt ergeht heute eine Botschaft des Lebens, die ausgerichtet ist auf ein Zusammenleben von Juden und Christen in Frieden und in gegenseitigem Verständnis, das sich gegenüber Menschen anderer Überzeugung nicht verschließt. Zugleich geht es darum, die gemeinsame Verantwortung für eine humane Gestaltung der Zukunft wahrzunehmen.

Unser Lobpreis und unser Dank gelten heute Gott. Ihm gilt aber auch unsere Bitte, daß er unseren gemeinsamen Weg und unser Bemühen unter seinen Segen stelle. Möge es Deutschland und Europa gewährt werden, den Mächten des Todes zu widerstehen, sich der Botschaft vom Leben zu öffnen und den Weg in das dritte Jahrtausend unter dem Zeichen einer neuen Hoffnung zu beschreiten.

Shalom!


Gebet am Grab des Sel. Bernhard Lichtenberg im Berliner Dom

Gott, unser Vater,
du hast in Jesus, deinem Sohn,
alle Menschen als deine Kinder angenommen.
Er ist allen Bruder und Freund geworden,
besonders den Armen und den Ausgegrenzten.

Sieh auf die vielen Menschen
überall auf der Welt,
die verachtet werden;
sieh auf die vielen,
die menschenunwürdig leben müssen.

Dein Diener Bernhard Lichtenberg
hat in dieser Stadt
als Zeuge des Glaubens und der Liebe gewirkt. Er hat selber viel gelitten,
um Menschen in ihrer leiblichen
und seelischen Not beizustehen.

Er hat seine Freiheit
und sein Leben gewagt,
indem er für die Verfolgten des Nazi-Regimes,
besonders für die Juden,
eingetreten ist.

Wir bitten dich, Vater aller Menschen,
erlöse die Welt vom Übel des Egoismus
und der Gewalt.
Hilf uns, nach dem Beispiel Bernhard Lichtenbergs die Menschen zu lieben,
wie du sie liebst:
bedingungslos und ohne Grenzen.
Erhöre unser Gebet
durch Jesus Christus, deinen Sohn,
unseren Herrn und Gott,
der in der Einheit des Heiligen Geistes
mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.

Amen.

Abschiedsansprache an die Einwohner Berlins vor dem Brandenburger Tor bei der Abschiedszeremonie

Liebe Berliner,
meine Damen und Herren!

1. Es ist die Stunde des Abschieds und für mich ein zutiefst bewegender Augenblick, in den heutigen Abendstunden mit Ihnen hier am Brandenburger Tor im Herzen Berlins zusammentreffen zu können.

Lassen Sie mich beginnen mit einem vielfachen Dank. Mein Dank gilt zuerst dem Herrn Bundespräsidenten für seine Einladung, Deutschland zu besuchen. Die überaus freundlichen Worte, mit denen er mich am Freitag bei meiner Ankunft auf dem Flughafen Paderborn/Lippstadt willkommen geheißen, und die Herzlichkeit, mit der er mich heute morgen auf Schloß Bellevue hier in der Bundeshauptstadt empfangen hat, haben mich unter Ihnen wie zu Hause fühlen lassen.

Herr Bundeskanzler, ich bin sehr glücklich über Ihre Anwesenheit. Sie sind der Baumeister der neugewonnenen Einheit Ihres Volkes. Sie haben die weltgeschichtliche Chance genutzt, siebzehn Millionen Landsleuten die Freiheit zu erringen und die Einheit des deutschen Volkes zu vollenden. Sie haben es gewagt, den Menschen Ihres Landes um der Einheit in Freiheit willen nicht geringe Opfer zuzumuten. Möge Gott Ihnen und Ihrem deutschen Vaterland die Kraft geben, dieses Werk zu vollenden.

Mein aufrichtiger Dank geht ebenso an Sie, Herr Regierender Bürgermeister, der Sie mit dem Herrn Bundeskanzler so bedenkenswerte Worte an uns alle gerichtet haben. Ferner begrüße ich die Präsidentin des Deutschen Bundestages sowie den Parlamentspräsidenten von Berlin, die Mitglieder der Bundesregierung, des Berliner Senats sowie die Damen und Herren Abgeordneten des Deutschen Bundestages und des Parlamentes von Berlin.

Mein inniger Dank gilt dem deutschen Episkopat, euch, meinen Mitbrüdern im Bischofsamt, die Ihr diese Reise wesentlich mitgestaltet habt. Für euch ist diese Reise auch eine Reise dessen,

– der im Auftrag Christi, des Hauptes der Kirche, die Gläubigen aufsucht, um sie im Glauben zu stärken und zu ermutigen,

– der mit den Sprechern der getrennten Schwestern und Brüder zusammentrifft, um die Suche nach der Einheit zu vertiefen,

– der den Repräsentanten der jüdischen Gemeinschaft in diesem Land begegnet, um ihnen nochmals die Hochachtung der katholischen Kirche zum Ausdruck zu bringen,

– der allen Menschen nichts anderes als die befreiende Botschaft des Evangeliums verkündigen möchte und die Erkenntnis Jesu Christi, die alles übertrifft (vgl. Phil 3,8).

Eure Nähe, liebe Brüder im Bischofsamt, erfüllt mich mit Zuversicht: Es ist die Sendung des einen Herrn, die euch und mich beseelt, es ist die eine Liebe, die euch und mich erfüllt: daß nämlich die Botschaft von der Liebe Gottes, die vor dem Kreuz nicht zurückschreckte, die Herzen aller Menschen erreicht und sie in selbstloser Liebe antworten läßt.

Mein Dank geht insbesondere an meine Mitbrüder Georg Maximilian Kardinal Sterzinsky und Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt, deren Erzdiözesen ich besuchen durfte. Danken möchte ich ferner dem Herrn Vorsitzenden eurer Bischofskonferenz für die sehr herzlichen Worte zum Abschied.

An dieser Stelle danke ich all denen, die diesen Besuch in mühevoller und sorgfältiger Arbeit vorbereitet, und denen, die den reibungslosen Ablauf gewährleistet haben, sowie den Mitarbeitern der Medien, die ihn begleitet haben.

Die Berliner und die Deutschen haben mich bei diesem Besuch ihre Verbundenheit und Nähe spüren lassen. Ihnen allen sage ich meinen herzlichsten Dank.

2. Es war von allem Anfang an mein aufrichtiger Wunsch, bei diesem Pastoralbesuch in Deutschland auch nach Berlin zu kommen. Zunächst wollte ich natürlich den Gläubigen dieses Erzbistums begegnen, die wie alle Berliner die schmerzvolle Spaltung ihrer Stadt über Jahrzehnte erdulden mußten und trotzdem sich nicht haben beirren lassen und in innerer Verbundenheit und Solidarität erfuhren, daß die Macht der Gewalt und des Zwanges, der Mauern und des Stacheldrahtes die Herzen der Menschen nicht auseinanderreißen konnte.

Nirgendwo sonst haben sich während der gewaltsamen Teilung Ihres Landes die Sehnsüchte nach Einheit so sehr mit einem Bauwerk verbunden wie hier. Das Brandenburger Tor wurde von zwei deutschen Diktaturen besetzt. Den nationalsozialistischen Gewaltherrschern diente es als imposante Kulisse für Paraden und Fackelzüge, und von den kommunistischen Tyrannen wurde dieses Tor mitten in dieser Stadt zugemauert. Weil sie Angst vor der Freiheit hatten, pervertierten die Ideologen ein Tor zur Mauer. Gerade an dieser Stelle Berlins, die zugleich zur Nahtstelle Europas wurde, zur unnatürlichen Schnittstelle zwischen Ost und West, gerade an dieser Stelle offenbarte sich für alle Welt sichtbar die grausame Fratze des Kommunismus, dem die menschlichen Sehnsüchte nach Freiheit und Frieden suspekt sind. Vor allem aber fürchtet er die Freiheit des Geistes. Auch sie wollten die braunen und roten Diktatoren zumauern.

3. Menschen waren durch Mauern und tödliche Grenzen voneinander getrennt. Und in dieser Situation wurde das Brandenburger Tor im November 1989 Zeuge davon, daß Menschen das Joch der Unterdrückung abschüttelten und zerbrachen. Das geschlossene Brandenburger Tor stand da wie ein Symbol der Trennung; als es endlich geöffnet wurde, wurde es zum Symbol der Einheit und zum Zeichen dafür, daß die Forderung des Grundgesetzes nach Vollendung der Einheit und Freiheit Deutschlands in freier Selbstbestimmung erfüllt ist. So kann man zu Recht sagen: Das Brandenburger Tor ist zum Tor der Freiheit geworden.

An diesem so geschichtsträchtigen Ort fühle ich mich veranlaßt, an Sie alle, die Sie hier anwesend sind, an das deutsche Volk, an Europa – das auch zur Einheit in Freiheit gerufen ist –, an alle Menschen guten Willens einen dringenden Appell für die Freiheit zu richten. Möge dieser Appell auch jene Völker erreichen, denen bis heute das Recht auf Selbstbestimmung verweigert wird, jene nicht wenigen Völker – es sind sogar viele –, bei denen die Grundfreiheiten der Person – die Glaubens- und Gewissensfreiheit und die politische Freiheit –nicht gewährleistet sind.

4. Der Mensch ist zur Freiheit berufen.

Freiheit bedeutet nicht das Recht zur Beliebigkeit. Freiheit ist kein Freibrief! Wer aus der Freiheit einen Freibrief macht, hat der Freiheit bereits den Todesstoß versetzt. Der freie Mensch ist vielmehr der Wahrheit verpflichtet. Sonst hat seine Freiheit keinen festeren Bestand als ein schöner Traum, der beim Erwachen zerbricht. Der Mensch verdankt sich nicht sich selbst, sondern ist Geschöpf Gottes; er ist nicht Herr über sein Leben und über das der anderen; er ist – will er in Wahrheit Mensch sein – ein Hörender und Horchender: Seine freie Schaffenskraft wird sich nur dann wirksam und dauerhaft entfalten, wenn sie auf der Wahrheit, die dem Menschen vorgegeben ist, als unzerbrechlichem Fundament gründet. Dann wird der Mensch sich verwirklichen, ja über sich hinauswachsen können. Es gibt keine Freiheit ohne Wahrheit.

5. Der Mensch ist zur Freiheit berufen.

Die Idee der Freiheit kann nur da in Lebenswirklichkeit umgesetzt werden, wo Menschen gemeinsam von ihr überzeugt und durchdrungen sind – in dem Wissen um die Einmaligkeit und Würde des Menschen und um seine Verantwortung vor Gott und den Menschen. Da – und nur da –, wo sie zusammen für die Freiheit einstehen und in Solidarität für sie kämpfen, wird sie errungen und bleibt sie erhalten. Die Freiheit des einzelnen ist nicht zu trennen von der Freiheit der anderen, aller anderen Menschen. Wo die Menschen ihren Blick auf das je eigene Lebensfeld begrenzen und nicht mehr bereit sind, auch ohne Vorteile für sich selbst sich für andere zu engagieren, da ist die Freiheit in Gefahr. In Solidarität gelebte Freiheit demgegenüber wirkt sich aus im Einsatz für Gerechtigkeit im politischen und sozialen Bereich und lenkt den Blick auf die Freiheit. – Es gibt keine Freiheit ohne Solidarität.

6. Der Mensch ist zur Freiheit berufen.

Die Freiheit ist ein überaus kostbares Gut, das einen hohen Preis verlangt. Sie verlangt Hochherzigkeit, und die schließt Opferbereitschaft mit ein; sie verlangt Wachsamkeit und Mut gegenüber den Kräften, die sie von innen oder von außen bedrohen. In der Haltung der Opferbereitschaft sind im alltäglichen Leben viele Menschen mit Selbstverständlichkeit zu Verzicht bereit – in der Familie oder unter Freunden. Opfer für die Freiheit bringen die, die für die Verteidigung nach innen oder nach außen Nachteile in Kauf nehmen, die anderen erspart bleiben – bis hin zu Gefahren für Leib und Leben. Keiner kann sich von seiner persönlichen Verantwortung für die Freiheit dispensieren. Es gibt keine Freiheit ohne Opfer.

7. Der Mensch ist zur Freiheit berufen.

Berlin ist eine zutiefst lebendige und in vielerlei Hinsicht kreative Stadt. In ihrer unübersehbaren Internationalität treffen hier vielfältige Traditionen und Lebensformen aufeinander. Berlin ist eine anerkannte Stadt der Kultur und der Kunst, des Filmes und der Museen, ein Ort des Austausches und der Vermittlung. Mir liegt sehr viel an der Aussagekraft dieser Formen menschlicher Kultur, ist es doch die Gabe, mit unseren Kräften die göttliche Schöpfung weiterzuführen und zu konkretisieren. Ich rufe daher alle Künstler und Wissenschaftler auf, ihre Gaben zum konstruktiven Aufbau einer umfassenden »Zivilisation der Liebe«, wie ich es nach meinem Vorgänger Paul VI. gelegentlich genannt habe, zu nutzen, einer Zivilisation, »die auf den universellen Werten des Friedens, der Solidarität, der Gerechtigkeit und der Freiheit gegründet ist. Die ›Seele‹ der Zivilisation der Liebe ist die Kultur der Freiheit, die Freiheit des einzelnen und die Freiheit der Nationen, die in einer selbstgegebenen Solidarität und Verantwortung gelebt werden kann« (Ansprache vor der UNO-Vollversammlung, 5.10.1995,18).

Wenn einer die Erfahrung der Liebe hat, hat er auch die Erfahrung der Freiheit. In der Liebe überschreitet der Mensch sich selbst, er läßt sich los, weil ihm am anderen liegt, weil er will, daß das Leben des anderen gelingt. So fallen die Schranken der Selbstbezogenheit und so findet man die Freude am gemeinsamen Einsatz für höhere Ziele. Achtet die unantastbare Würde eines jeden Menschen, vom ersten Moment seiner irdischen Existenz bis hin zum letzten Atemzug! Erinnert euch immer wieder an die Erkenntnis die euer Grundgesetz allen anderen Erklärungen voranstellt: Die Würde des Menschen ist unantastbar! Befreit euch zur Freiheit in Verantwortung! Öffnet die Tore für Gott!

Das neue Haus Europa, von dem wir sprechen, braucht ein freies Berlin und ein freies Deutschland. Es braucht vor allem die Luft zum Atmen, geöffnete Fenster, durch die der Geist des Friedens und der Freiheit eindringen kann. Europa braucht nicht zuletzt deshalb überzeugte Türöffner, also Menschen, die die Freiheit schützen durch Solidarität und Verantwortung. Nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa braucht dazu den unentbehrlichen Beitrag der Christen.

Den Berlinern und allen Deutschen, denen ich dankbar bin für die friedliche Revolution des Geistes, die zur Öffnung dieses Brandenburger Tores führte, rufe ich zu: Löscht den Geist nicht aus! Haltet dieses Tor geöffnet für euch und alle Menschen! Haltet es geöffnet durch den Geist der Liebe, durch den Geist der Gerechtigkeit und den Geist des Friedens! Haltet das Tor offen durch die Öffnung eurer Herzen! Es gibt keine Freiheit ohne Liebe.

Der Mensch ist zur Freiheit berufen. – Ihnen allen, die Sie mich jetzt hören, verkündige ich: Die Fülle und die Vollkommenheit dieser Freiheit hat einen Namen: Jesus Christus. Er ist der, der über sich bezeugt hat: Ich bin die Tür. In ihm ist den Menschen der Zugang geöffnet zur Fülle der Freiheit und des Lebens.

Er ist der, der den Menschen wirklich frei macht, indem er die Finsternis aus dem menschlichen Herzen vertreibt und die Wahrheit aufdeckt. Er vollendet seinen Weg als unser Bruder und seine Solidarität mit uns in der Hingabe seines Lebens für uns. So befreit er uns von Sünde und Tod. Er läßt uns in unserem Nächsten sein eigenes Angesicht, das Gesicht des wahren Bruders, erkennen. Er zeigt uns das Antlitz des Vaters und wird für alle das Band der Liebe.

Christus ist unser Erlöser, ist unsere Freiheit.

8. Der Tag neigt sich dem Abend zu. Aber wir bewahren in unseren Herzen das Licht, dessen wir uns heute haben erfreuen dürfen. Und wir bleiben eins in der Hoffnung, die uns beseelt. Vor meiner Rückkehr nach Rom lade ich Sie herzlich ein zu einem Wiedersehen in der Ewigen Stadt beim Großen Jubiläum des Jahres 2000.

Gott segne Berlin, Gott beschütze Deutschland!

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