Brief vom 17. Juni 1885

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Apostolischer Brief

unseres Heiligen Vaters
Leo XIII.
an Kardinal Guibert, Erzbischof von Paris
über die Gehorsamspflicht der Schriftsteller in allem, was die Religion betrifft und über das Wirken der Kirche in einer katholischen Gesellschaft
17. Juni 1885

(Offizieller lateinischer Text ASS XVIII (1885) 3-9)

(Quelle: Die katholische Sozialdoktrin in ihrer geschichtlichen Entfaltung, Hsgr. Arthur Utz + Birgitta Gräfin von Galen, XIV 1-6, Scientia humana Institut Aachen 1976, Imprimatur Friburgi Helv., die 2. decembris 1975 Th. Perroud, V.G.)

Allgemeiner Hinweis: Die in der Kathpedia veröffentlichen Lehramtstexte dürfen nicht als offizielle Übersetzungen betrachtet werden, selbst wenn die Quellangaben dies vermuten ließen. Nur die Texte auf der Vatikanseite können als offiziell angesehen werden (Schreiben der Libreria Editrice Vaticana vom 21. Januar 2008).


Inhaltsverzeichnis

Einleitung: Anlass des Briefes

1 Ihr Brief, voll von Gefühlen kindlicher Anhänglichkeit und aufrichtiger Verehrung gegenüber Unserer Person, hat Unserer Seele, die erst vor kurzem bittere Betrübnis erfahren hat, erleichternden Trost gespendet. Sie verstehen, dass nichts Uns spürbareren Schmerz bereiten kann, als den Geist der Eintracht unter den Katholiken gestört und die Ruhe und jene vertrauensvolle Hingabe und Unterwerfung, wie sie Kindern gegenüber der sie lenkenden väterlichen Autorität eigen ist, erschüttert zu sehen. Schon bei den ersten Anzeichen müssen Wir Uns daher aufs höchste beunruhigt fühlen und augenblicklich danach trachten, der Gefahr zu begegnen. Die vor kurzem veröffentlichte Schrift, von einer Seite, von der man sie am wenigsten erwartet hätte, und deren Veröffentlichung auch Sie bedauern, das Aufsehen, das sie erregt hat, die Kommentare, deren Anlass sie war, lassen es Uns geraten erscheinen, nicht länger über ein Thema zu schweigen, das zwar nicht sehr willkommen sein kann, aber deswegen nicht weniger aktuell ist, und zwar sowohl in Frankreich als auch anderswo.

Die Autorität der Kirche

2 Aufgrund gewisser beobachtbarer Anzeichen ist es nicht schwer festzustellen, dass unter den Katholiken, vielleicht wegen der Not der Zeit, einige sind, die, nicht zufrieden mit ihrer Rolle als Untergebene in allem, was die Kirche betrifft, glauben, sie könnten auch eine Rolle in ihrer Leitung spielen, oder die meinen, dass es ihnen zumindest erlaubt sei, die Haltung der Autorität zu überprüfen und nach ihrem Ermessen zu beurteilen. Dies wäre, wenn es weiter um sich greift, ein schweres Übel für die Kirche Gottes, in der, aufgrund des klar ausgedrückten Willens ihres göttlichen Stifters, zwei Gruppen absolut unterschieden sind, die lernende und die lehrende, die Herde und die Hirten, und unter den Hirten wiederum gibt es einen, der das Haupt aller und der oberste Hirte ist. Nur den Hirten wurde alle Gewalt gegeben, zu lehren, zu richten und zu leiten; den Gläubigen wurde die Pflicht auferlegt, die Lehren zu befolgen, sich dem Urteil gefügig zu unterwerfen und sich zu ihrem Heil leiten, zurechtweisen und führen zu lassen. Daher ist es absolut notwendig, dass die einfachen Gläubigen mit Herz und Verstand ihren Hirten und mit diesen zusammen dem Haupt und obersten Hirten ergeben sind: in dieser Unterordnung und Abhängigkeit liegt die Ordnung und das Leben der Kirche, in ihr liegt die unumgängliche Bedingung für das gute Handeln und für die Erreichung des guten Zieles. Wenn dagegen die einfachen Gläubigen sich Autorität anmaßen, wenn sie sich als Richter und Lehrer aufwerfen, wenn die Untergebenen es vorziehen und versuchen, in der allgemeinen Leitung der Kirche einer Richtung zum Durchbruch zu verhelfen, so bedeutet dies die Ordnung umstürzen, viele Geister in Verwirrung bringen und vom rechten Weg abirren.

Der aufrichtige Gehorsam der Gläubigen

3 Um sich einer so heiligen Pflicht zu entziehen, ist es nicht einmal nötig, sich öffentlich, sei es den Bischöfen, sei es dem Haupt der Kirche, zu widersetzen; es genügt ein indirekter Widerstand, der umso gefährlicher ist, je besser man sich, um ihn zu verbergen, den Anschein des Gegenteils gibt. - Desgleichen verfehlt sich gegen diese heilige Pflicht, wer einerseits die Macht und die Rechte des Papstes eifrig verteidigt, zugleich aber die mit ihm verbundenen Bischöfe missachtet und ihrer Autorität nicht die gebührende Ehrfurcht entgegenbringt oder wer ihr Verhalten und ihre Absichten in für sie ungünstiger Weise auslegt, ohne das Urteil des Apostolischen Stuhles abzuwarten. - In ähnlicher Weise zeugt es von einer wenig aufrichtigen Fügsamkeit, wenn man einen Widerspruch zwischen einem Papst und einem andern zu konstruieren versucht. Diejenigen, die zwischen zwei verschiedenen Richtungen den gegenwärtigen zu umgehen suchen, indem sie sich an den früheren halten, beweisen nicht ihren Gehorsam gegenüber einer Autorität, die das Recht und die Pflicht hat, sie zu leiten, oder sie gleichen in gewisser Weise denjenigen, die, verurteilt, sich an ein künftiges Konzil oder an einen besser informierten Papst wenden wollen. Was es in diesem Zusammenhang zu beachten gilt, ist folgendes: Ausgenommen einige wesentliche Pflichten, die allen Päpsten durch das Apostolische Amt auferlegt sind, ist es einem jeden Papst überlassen, in der Leitung der Kirche der Methode zu folgen, die ihm angesichts der Zeitverhältnisse und sonstiger Umstände als die beste erscheint. Darüber hat er allein zu urteilen; dafür empfängt er nicht nur eine besondere Erleuchtung, er besitzt auch die erforderlichen Kenntnisse der Verhältnisse und Bedürfnisse der gesamten katholischen Christenheit, denen seine Apostolische Fürsorge sich zuwenden muss. Ihm ist das allgemeine Wohl der Kirche anvertraut, dem das Wohl ihrer Teile untergeordnet ist; und alle übrigen, die dieser Ordnung unterstehen, müssen das Tun des höchsten Lenkers unterstützen und seinem Ziel dienen. Wie es nur eine Kirche und auch nur ein Oberhaupt gibt, so gibt es auch nur eine Leitung, der alle sich unterwerfen müssen.

Die verhängnisvollen Folgen der Infragestellung der Autorität

4 Weil diese Prinzipien in Vergessenheit geraten sind, hat unter den Katholiken die Achtung, die Verehrung und das Vertrauen gegenüber dem, der ihnen als Führer gegeben wurde, abgenommen und wurde das Band der Liebe und Ergebenheit, das alle Gläubigen an ihre Hirten und die Gläubigen und die Hirten an den obersten Hirten bindet, gelockert; in diesem Bande aber liegt vor allem das Heil und Wohlergehen aller. - Weil diese Prinzipien negiert oder vergessen wurden, sind allen Meinungsverschiedenheiten und Spaltungen unter den Katholiken Tür und Tor geöffnet, zum größten Schaden für die Einheit, die das Kennzeichen der Jünger Jesu Christi ist und die immer, aber besonders in der Gegenwart im Hinblick auf die geballte Macht aller ihrer Feinde das höchste und allgemeine Ziel sein muss, dem gegenüber alle Gedanken an Befriedigung persönlicher Wünsche oder private Vorteile zum Schweigen gebracht werden sollten.

Die Pflicht der Journalisten

5 Wenn diese Pflicht ganz generell allen auferlegt ist, so doch in strengster Weise den Journalisten, die, wenn sie nicht von diesem fügsamen und ergebenen Geist beseelt sind, der für alle Katholiken notwendig ist, nur dazu beitragen, die beklagten Missstände zu verbreiten und zu verschlimmern. Ihre Aufgabe ist es, sich in allem, was die religiösen Belange und das Wirken der Kirche in der Gesellschaft betrifft, uneingeschränkt, mit Verstand und Willen, wie alle übrigen Gläubigen, ihren Bischöfen und dem Papst zu unterwerfen, ihren Lehren zu folgen und sie weiterzugeben, ihren Anregungen bereitwillig Folge zu leisten, ihren Anordnungen zu gehorchen und Gehorsam zu verschaffen. Wer anders handeln würde, um den Zielen und Interessen derjenigen zu dienen, deren Ideen und Tendenzen Wir in diesem Schreiben missbilligten, würde seiner hohen Berufung nicht gerecht, und er würde sich umsonst schmeicheln, dem Wohl der Sache der Kirche zu dienen; er wäre nicht besser als jener, der versuchen würde, die katholische Wahrheit abzuschwächen oder zu teilen, oder sich als ihr allzu furchtsamer Freund erweisen würde.

Schlusswort und Segen

6 Was Uns bewogen hat, mit Ihnen, geliebter Sohn, diese Dinge zu besprechen, ist neben dem Nutzen, der daraus für Frankreich erwachsen könnte, vor allem Unsere Kenntnis Ihrer Gesinnung und Ihrer Haltung auch in schwierigsten Situationen und Bedingungen. Stets fest und furchtlos in der Wahrung der Interessen der Religion und der heiligen Rechte der Kirche, haben Sie sie auch vor kurzem wieder mannhaft unterstützt und in glänzenden, eindrucksvollen Reden öffentlich verteidigt. Aber diese Ihre Festigkeit haben Sie stets mit jener Ausgeglichenheit und Ruhe zu verbinden gewusst, die der edlen Sache, die Sie verteidigen, würdig ist; Sie haben stets eine leidenschaftslose Gesinnung der völligen Unterwerfung unter die Anordnungen des Apostolischen Stuhles und der Ergebenheit gegenüber Unserer Person an den Tag gelegt. So ist es Uns angenehm, Ihnen einen neuen Beweis Unserer Anerkennung und Unseres ganz besonderen Wohlwollens zu geben, wobei Wir nur bedauern, dass Ihre Gesundheit nicht Unseren aufrichtigen Wünschen entspricht. Wir senden inständige Bitten und Gebete zum Himmel, dass er Ihre Gesundheit wiederherstellen und noch lange erhalten möge. Und als Unterpfand göttlicher Gnaden, die Wir in Fülle auf Sie herabrufen, erteilen Wir Ihnen, geliebter Sohn, Ihrem Klerus und Ihrem Volk aus vollem Herzen Unseren Apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom bei St. Peter, am 17. Juni 1885,

im achten Jahr Unseres Pontifikats

Leo XIII. PP.
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