Anagogisch

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Ein anagogischer Sinn (von altgriechisch ἀναγωγή, anagogé „Hinaufführung“; lateinisch: anagogia) bedeutet in der Exegese der Heiligen Schrift einen geistlichen Sinn, bei dem Wirklichkeiten und Ereignisse in ihrer eschatologischen Bedeutung gesehen werden, die zur ewigen Heimat hinaufführen. So ist die Kirche auf Erden Zeichen des Himmlischen Jerusalem (KKK 117).

Die typologische Lesart der Bibel bedeutet, dass gewisse Tatsachen des Alten Testaments eine Präfiguration (Typus und Bild) der Wirklichkeit des Neuen Bundes in Jesus Christus sind. Er ist ein Schlüssel zum Verständnis der ganzen Bibel (vgl. 1 Kor 15,22.45-47 EU; Hebr 8,6-7 EU).[1]

Ein Distichon des Mittelalters fasst die geistliche Bedeutung von vier Sinngehalten der Bibel zusammen: „Littera gesta docet; quid credas, allegoria; moralis, quid agas; quo tendas, anagogia.“ (Der Buchstabe lehrt die Ereignisse; was du zu glauben hast, die Allegorie; die Moral, was du zu tun hast; wohin du streben sollst, die Anagogie: KKK 118).

Geschichtliches

Das methodische Instrumentarium der Lehre vom vierfachen Schriftsinn geht auf Johannes Cassianus (um 360-435) zurück, erreichte im Mittelalter ihre Blütezeit und brachte hermeneutische Spezifika gegenüber der Frühzeit hervor.[2]

Johannes Cassian und noch Beda Venerabilis rechneten die durch den Wortsinn bezüglich zukünftigen und himmlischen Dinge zur Anagogie, wobei sie nach Thomas von Aquin ein auf dem Wortsinn aufbauender Sachsinn sind.[3] Beispiele sind: Maria von Nazareth[4] oder Jerusalem als Typus des Himmlischen Jerusalem (Gal 4,26 EU, Vgl. Offb 21,1–22, 5 EU); Melchisedech (Hebr 6, 20 EU; 8,1 EU) und der Hohepriester (Hebr 9,7.11f.24 EU) als Vorbilder des himmlischen Priestertums Christi.[5]

Anmerkungen

  1. Benedikt XVI.: Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in medio oriente über die Kirche im Nahen Osten, Gemeinschaft und Zeugnis, vom 14. September 2012 Nr. 70.
  2. Christoph Dohmen (?) in: LThK, 3. Auflage, Band 3, Artikel: Exegese - II. Geschichte der Exegese, Sp. 1091: Er gibt folgende Sinne der Bibel-Exegese an: Literalsinn, allegorischer tropologischer und anagogischer Sinn.
  3. Johannes Schildenberger in: LThK, 2. Auflage, Band 1, Artikel: Anagoge, Sp. 564-565.
  4. Dogmatische Konstitution über die Kirche »Lumen gentium«, Nr. 63; vgl. AMBROSIUS, »Expos. Evang. sec. Luc.«, II, 7: CSEL 32, 4, S. 45; »De Instit. Virginis«, XIV, 88-89: PL 16, 341; Johannes Paul II., Enzyklika Redemptoris mater über die selige Jungfrau Maria im Leben der pilgernden Kirche vom 25. März 1987, Nr. 6, 13.
  5. Johannes Schildenberger in: LThK, 2. Auflage, Band 1, Artikel: Anagoge, Sp. 564-565.
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