Acerbo nimis (Wortlaut)

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Enzyklika
Acerbo nimis

unseres Heiligen Vaters
Pius X.
an die ehrwürdigen Brüder die Patriarchen, die Primaten, Erzbischöfe und Bischöfe und andere Ordinarien,
welche in Gnade und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle stehen
über den religiösen Volksunterricht oder die Katechese.
15. April 1905

(Offizieller Lateinischer Text: AP/IX, vol. II, 75)

(Quelle: Rundschreiben unser Heiligen Vaters Pius X., Autorisierte Ausgabe, Erste Sammlung (1909), S. 113-141 (in deutscher Sprache mit gebrochenen Buchstaben=Fraktur gedruckt). Die Nummerierung folgt der englischen Fassung.)

Allgemeiner Hinweis: Die in der Kathpedia veröffentlichen Lehramtstexte dürfen nicht als offizielle Übersetzungen betrachtet werden, selbst wenn die Quellangaben dies vermuten ließen. Nur die Texte auf der Vatikanseite können als offiziell angesehen werden (Schreiben der Libreria Editrice Vaticana vom 21. Januar 2008).


Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Der geheimnisvolle Ratschluss Gottes hat in einer an Bitterkeiten uns Schwierigkeiten nur allzu reichen Zeit in Unserer Schwäche Uns berufen, das oberste Hirtenamt über die ganze Herde Christi zu bekleiden.

Wendung des religiösen Lebens

Schon lange umschleicht die Feinseligkeit unter den Menschen diese Herde und bereitet ihr heimtückisch und schlau derart Nachstellungen, dass wir gerade die Erfüllung der Worte der heiligen Apostel Paulus und der Ältesten der Kirche zu Ephesus zu erleben scheinen, die lauten: Ich weiß, dass reißende Wölfe zu euch eindringen werden, welche die Herde nicht schonen (1). Alle, welche noch Gottes Ehre suchen, forschen nach den Gründen und Ursachen dieser Wendung im religiösen Leben. Die einen nennen diese, die andern jene, und so viele Meinungen geäußert werden, so viele verschiedene Wege sieht man betreten, um die Herrschaft Gottes auf Erden zu schirmen und zu erneuern. Wir glauben, Ehrwürdige Brüder, ohne die andern Meinungen verwerfen zu wollen, doch denjenigen am meisten Beifall geben zu sollen, nach deren Urteil die gegenwärtige seelische Erschlaffung uns Schwachheit samt den großen daraus entsprungenen Übeln vorzugsweise aus der Unwissenheit über die göttlichen Wahrheiten hergeleitet werden muss. Das stimmt auch ganz zu Gottes Wort selbst, welches er durch den Propheten Hosea verkünden ließ: Keine Erkenntnis Gottes ist mehr im Lande. Flüche, Lügen, Morden, Stehlen, Ehebrechen hat Überhand genommen, und eine Blutschuld reicht an die andere. Darum wird trauern das Land dahinschmachten jeder seiner Bewohner (2).

2 In der Tat, die Klagen, dass es heutzutage inmitten des christlichen Volkes sehr viele gibt, welche in vollständiger Unwissenheit über das zum Heile notwendig zu Wissende dahinleben, sind allgemein und dazu leider nicht unberechtigt. Dabei verstehen wir unter christlichen Volke nicht nur die Menge oder die Angehörigen der niederen Klasse; die Unwissenheit dieser lässt sich oft einigermaßen damit entschuldigen, dass der strenge und gehorsame Dienst gegen ihre Herren ihnen keine Zeit für sich selber übrig lässt. Auch in den Kreisen, denen es an Geist und Bildung nicht gebricht, ja hier am allermeisten, versieht man sich zwar reichlich mit weltlicher Wissenschaft, lebt aber in religiöser Hinsicht ganz vermessen und kenntnislose dahin. Es ist schwer zu sagen, in welcher Verfinsterung diese oft leben. Dabei fühlen sie, was am meisten zu beklagen ist, keinerlei Beunruhigung. An den Allerhöchsten, den Schöpfer und Lenker aller Dinge, Gott, an die weisen Lehren des christlichen Glaubens kommt ihnen kein Gedanke. Daher haben sie keine Kenntnis von der Menschwerdung des göttlichen Wortes noch von der Erlösung des menschlichen Geschlechtes durch dasselbe. Sie wissen nichts von der Gnade, die das vorzüglichste Hilfsmittel zur Erlangung des ewigen Lebens ist, nichts vom hehren Opfer der heiligen Messe und von den Sakramenten, den Bringern der Gnade. Keine Erwägung erinnert sie an die Nichtswürdigkeit und Hässlichkeit der Sünde, keine Beängstigung treibt zur Meidung derselben oder zur Losschälung von ihr. So geht es fort bis zur Todesstunde, und der Priester muss dann Sterbende, um die Hoffnung auf Rettung nicht zu verlieren, notdürftig über die Religion unterrichten, anstatt diese kostbaren Augenblicke, wie es sein sollte, zur Erweckung der göttlichen Liebe hauptsächlich zu benützen. Ja es wird fast Gewohnheit, dass Sterbende in einer solchen schuldbaren Unwissenheit sich befinden, dass sie auf den priesterlichen Beistand gar nichts geben und ohne jegliche Versöhnung mit Gott den furchtbaren Weg in die Ewigkeit ruhigen Herzens glauben betreten zu dürfen. Mit Recht hat darüber Unser Vorgänger Benedikt XIV. geschrieben: Wir behaupten, dass ein großer Teil derjenigen, welche ewig verdammt werden, dieses endlose Unglück deswegen erleiden, weil sie die Glaubenswahrheiten nicht kannten, welche man notwendig wissen und glauben muss, um unter die Auserwählten gezählt zu werden (3).

Führung durch den Verstand, der durch die christliche Heilslehre erleuchtet ist

3 Sollen wir uns diesen Verhältnissen wundern, Ehrwürdige Brüder, dass das Sittenverderbnis und die Verkehrtheit, nicht etwa bei den Heiden, sondern unter den Völkern christlichen Namens, diese Höhe erreicht hat und noch täglich zunimmt? Der Apostel Paulus schrieb einst an die Epheser das Gebot: Hurerei und Unreinheit jeglicher Art, oder Geiz soll unter euch nicht einmal genannt werden, wie es den Heiligen geziemt; oder Schamhaftigkeit und törichtes Gerede (4). Das Fundament für dieses heilige Leben, diesen keuschen Sinn, der die Begierden zügelt, legte er aber in die Kenntnis der göttlichen Dinge: Sehet zu, Brüder, wie ihr vorsichtig wandelt, nicht wie Unweise, sondern wie Weise; darum werdet nicht unverständig, sondern verstehet, was der Wille Gottes ist (5). Und so muss es sein. Denn jene von Gott bei der Erschaffung uranfänglich eingegebne Liebe zum Ehrbaren und Rechten, welche ihn über die Scheingüter erhob und an das wahre Gute gleichsam kettete, hat der menschliche Wille heute fast verloren. Verdorben durch die Erbsünde und des göttlichen Schöpfers gleichsam vergessend, wendet er sein ganzes Herz der Liebe eitler Dinge und den trügerischen Vorspiegelungen eitler Hoffnungen zu. Dieser irrtumsvolle und von bösen Begierden verblendete Wille bedarf eines Führers auf dem Weg, damit er den Pfad der Gerechtigkeit wieder einschlage, den er unglücklicherweise verlassen hat. Der Führer aber, der nicht von außen kommt, sondern in der Natur selbst vorgesehen ist, ist eben der Verstand. Wo diesem das naturgemäße Licht fehlt, die göttliche Wissenschaft, da wird der Blinde wieder Führer des Blinden, und beide fallen in die Grube. Als der heilige König David Gott pries für das Licht der Wahrheit, welches er dem Menschengeiste eingegeben, sagte er: Das Licht deines Angesichtes, Herr, ist gezeichnet über uns (6). Darauf gibt er an, was aus dem Geschenk dieses Lichtes erfolgt, mit den Worten: Du hast Freude in mein Herz gegeben; jene Freude, will er sagen, die unser Herz erhebt, dass es die Wege der Gebote Gottes wandelt.

4 Die Erwägung findet hierfür leicht den Bewies. Die christliche Heilslehre gibt uns viel klarere Kenntnis von Gott und seinen Vollkommenheiten, wie wir uns ausdrücken, als die natürlichen Kräfte mit ihrem Forschen es vermögen. Was außerdem? Sie befiehlt uns zugleich Gott, den Allerhöchsten, durch die Akte des Glaubens im Geiste, die Akte der Hoffnung im Willen und der Liebe im Gemüte zu verehren. Den ganzen Menschen unterwirft sie dadurch dem Höchsten, als Schöpfer und Leiter. Gleicherweise erschließt nur die Lehre Jesu Christi die angestammte und vortreffliche Würde des Menschen, dass er ein Kind des ewigen Vaters im Himmel ist, nach seinem Bild erschaffen, bestimmt, mit ihm in Ewigkeit voll Seligkeit zu leben. Auf diese Würde und die Offenbarung derselben baut aber Christus auch die Verpflichtung, dass die Menschen sich gegenseitig wie Brüder lieben und hier ein Leben führen, wie es sich für die Kinder des Lichtes geziemt, nicht die Schmausereien und Trinkgelagen, nicht in Schlafkammern und Unzucht, nicht in Zank und Neid (7). Ebenso befiehlt er uns, alle unsere Sorge auf Gott zu werfen, weil er über uns wacht; den Durstigen sollen wir mitteilen; Gutes tun denen, die uns hassen; die ewigen Güter der Seele höher stellen als die vergänglichen Schätze dieser Welt. Wird, um nicht alles einzeln zu berühren, gegenüber dem stolzen Wagemut nichtgerade durch Christi Gesetz die Demut, die Grundlage des wahren Ruhmes, empfohlen und zur Pflicht gemacht? Wer immer sich demütigt, der ist der größte im Himmelreich (8). - Die Demut muss uns die Klugheit des Geistes lehren, damit wir uns hüten vor der Klugheit des Fleisches; die Gerechtigkeit, durch die wir jedem das Seine geben; die Stärke, die uns bereit macht, alles zu dulden, und in der wir ungebeugten Mutes alles für Gott und die ewige Seligkeit erdulden; endlich die Mäßigkeit, die uns um des Himmels willen auch die Armut lieben lehrt, ja selbst den Ruhm des Kreuzes in Verachtung der Schmach der Welt. Es steht also fest, dass nicht nur unser Geist von der christlichen Offenbarung Licht empfängt, um zur Wahrheit zu gelangen, sondern auch der Wille zum feurigen Antrieb, der uns zu Gott erhebt und uns mit ihm durch das Tugendleben vereint.

Religiöse Unwissenheit

5 Immerhin liegt es Uns fern, zu behaupten, dass eine verkehrte Geistesverfassung und Entartung der Sitten ausgeschlossen sei, wo die Kenntnis der religiösen Wahrheit vorhanden ist. Möchten die Tatsachen uns hierüber nicht allzu klar belehren! Doch wir erklären entschieden, dass man eine gute Willensverfassung und gute Sitten vergebens sucht, wo Unwissenheit mit dichter Finsternis auf dem Geiste lagert. Denn es kann zwar auch vom rechten und sichern Weg abirren, wer offenen Auges einhergeht; sicher aber verfällt der Gefahr, wer blind dahin wandelt. Dazu ist noch zu bedenken, dass beim Sittenverderbnis noch die Hoffnung auf Besserung besteht, wenn das Licht des Glaubens nicht gänzlich ausgelöscht ist; wo aber Sittenverderbnis und Absterben des Glaubens infolge der Unwissenheit zusammentreffen, da bietet sich für die Heilmittel kaum mehr ein Angriffspunkt, und der Weg zum Untergang liegt offen.

6 Vielfältige und schwere Schäden entspringen also der religiösen Unwissenheit; groß ist anderseits die Notwendigkeit und der Segen des religiösen Unterrichts, denn vergeblich, hofft man die Erfüllung der Christenpflichten von dem, der sie nicht kennt.

Verkündigung des Evangeliums durch die priesterlichen Hirten

7 Diese Tatsachen veranlassen Uns nun zu der weiteren Frage nach den Persönlichkeiten, deren Aufgabe es ist, diese verderbliche Unwissenheit abzuwehren und die Herzen mit der dringend nötigen Heilkenntnis zu erfüllen. – Der Bescheid, Ehrwürdige Brüder, unterliegt keinem Zweifel. Dieses verantwortungsvolle Amt ruht auf allen jenen, welche Seelsorger sind. Christi Gebot verpflichtet sie alle, die ihnen anvertrauten Schafe kennen zu lernen und zu weiden. Weiden heißt hier aber vor allem lehren: Ich will euch Hirten geben, heißt Gottes Verheißung bei Jeremias, nach meinem Herzen, die euch weiden mit Weisheit und Lehre (9). Aus diesem Grunde erklärte auch der Apostel Paulus: Christus hat mich nicht gesandt zu taufen, sondern das Evangelium zu predigen (10). Er deutete damit an, welches die Hauptobliegenheit derjenigen sei, welche irgendwie an der Leitung der Kirche Anteil erhalten haben, nämlich die Belehrung der Gläubigen über die Dinge des Heiles.

8 Wir halten es für überflüssig, das Lob dieser Belehrung zu verkünden und zu zeigen, wie hoch sie vor Gott gewertet wird. Gewiss, unser Erbarmen mit den Armen, deren Not wir hingebungsvoll erleichtern, genießt die Anerkennung Gottes. Doch wer wollte leugnen, dass jene Bestrebungen und Mühen viel höher zu stellen sind, mit denen wir nicht für die Leiber vergängliche Wohltaten, sondern durch Belehrung und Ermunterung den Seelen einige spenden? Ganz sicher kann nichts dem Erlöser der Seelen Jesus Christus erwünschter und willkommener sein, hat er doch selbst durch den Propheten Isaias von sich erklärt: Er (Gott) hat mich gesendet, den Armen da Evangelium zu verkünden (11).

9 Hier empfiehlt es sich jedoch, Ehrwürdige Brüder, dieses eine nachdrücklich hervorzuheben, dass es für jeden Priester keine schwerere Pflicht gibt, dass er zu nichts strenger verbunden ist. Wer möchte doch leugnen, dass die Priester mit dem heiligen Wandel die Wissenschaft sich vereinen müsse? Die Lippen des Priesters sollen die Wissenschaft bewahren (12). Aufs strengste verlangt sie die Kirche von denjenigen, welche die priesterliche Würde erlangen sollen. Weshalb das? Weil das christliche Volk von ihnen die Kenntnis des göttlichen Gesetzes erwartet, und Gott sie ausschickt, dieselbe mitzuteilen. Das Gesetz soll man holen aus seinem Munde, denn ein Engel des Herrn der Heerscharen ist er (13). Aus diesem Grunde redet der Bischof bei der Priesterweihe die Kandidaten mit den Worten an: Eure Lehre sei für das Volk das geistliche Heilmittel; fürsorgliche Mitarbeiter unseres Amtes sollen sie sein; Tag und Nacht sinnend über Gottes Gesetz, sollen sie gläubig erfassen, was sie lesen, und lehren, was sie gläubig erfasst haben (14).

10 Gibt es nun überhaupt keinen Priester, der hiervon ausgenommen wäre, was sollen wir dann erst von jenen sagen, die Namen und Amt des Seelsorgers besitzen, welche die Stellung eines Leiters der Seelen durch ihre Würde und gleichsam durch Vertrag einnehmen? Sie sind gewissermaßen zu den Hirten und Lehrern zu zählen, die Christus verordnet hat, damit die Gläubigen nicht gleich Kindern unentschieden hin und her schwanken und von jedem Windhauch einer Lehrmeinung durch menschliche Liederlichkeit erschüttert werden, wohl aber die Wahrheit in Liebe üben und zunehmen in allen Stücken, in ihm, der das Haupt ist, Christus (15).

11 Entsprechend hat das Konzil von Trient in den Beschlüssen über die Seelenhirten dies Amt als das erste und höchste derselben erklärt, dass sie das christliche Volk lehren (16). Es befiehlt ihnen in diesem Geiste, dass sie wenigstens an allen Sonntagen und höheren Festen zum Volke über die Religion sprechen, in der Advents- und Fastenzeit dies aber täglich oder wenigstens dreimal wöchentlich tun. Und nicht nur dies. Es fügt noch bei, die Pfarrer sein gehalten, ebenfalls an Sonntagen und höheren Feiertagen, sei es persönlich oder durch Stellvertreter, die Jugend in den Glaubenswahrheiten zu unterrichten und sie zum Gehorsam gegen Gott und die Eltern anzuleiten. Ist es aber Zeit, die Sakramente zu spenden, so lautet seine Vorschrift, dass diejenigen, welche sie empfangen sollen, über die Kraft derselben in verständlicher, volkstümlicher Predigt belehrt werden solle.

12 Diese Vorschriften des heiligen Konzils hat Unser Vorgänger Benedikt XIV. in seiner Konstitution „Etsi minime’“ so kurz zusammen gefasst und genauer bestimmt: Zwei Aufgaben sind hauptsächlich vom Konzil von Trient den Seelsorgern auferlegt worden. Die eine, dass sie an den festlichen Tagen vor dem Volk über religiöse Gegenstände predigen; die andere, dass sie die Kinder alle Ungebildeten über das Gesetz und die Grundlehren des Glaubens unterrichten sollen. Dass der weise Papst diese beiden Verpflichtungen, nämlich die zur Predigt, gemeinhin als Erklärung des Evangeliums bezeichnet, und die zum Unterricht in der christlichen Lehre, unterschied, das ist wohlberechtigt. Vielleicht gibt es Geistliche, welche, um die Arbeitslast zu verringern, sich einreden, dass die Homilie die Stelle der Katechese vertreten könne. Das wäre eine ganz verfehlte Anschauung. Die Erwägung beweist es. Die Predigt, welche über das Evangelium gehalten wird, wird nach den Bedürfnissen derjenigen Christen abgefasst, welche die Grundstücke des Glaubens bereits kennen müssen. Es ist das Brot, welches den Erwachsenen gebrochen wird. Die katechetische Unterweisung hingegen ist als jene Milch zu verstehen, von welcher der Apostel Petrus wünschte, dass sie von den Gläubigen unverfälscht begehrt werde wie von neugeborenen Kindlein.

Aufgabe des Katecheten – Grundlage der fruchtbaren Predigt

13 Das ist die Aufgabe des Katecheten, dass er eine Glaubenswahrheit oder Sittenlehre herausgreift und sie nach allen Seiten erklärt. Weil aller Unterricht auf die Besserung des Lebens abzielen soll, muss der Katechet eine Vergleichung zwischen dem anstellen, was Gott zu tun gebietet, und dem, was die Menschen tatsächlich tun. Darauf wird er an der Hand passend ausgewählter Beispiele aus der Heiligen Schrift, aus der Kirchengeschichte oder auch aus dem Leben der Heiligen die Zuhörer ermahnen und sie gleichsam mit dem Finger darauf hinweisen, wie sie ihr sittliches Verhalten einrichten müssen. Zuletzt soll den Schluss des Unterrichtes die Ermahnung bilden, dass die Anwesenden vor der Sünde zurückschrecken und sie meiden, dagegen der Tugend nachstreben.

14 Vielen ist, wie Wir wissen, die Abhaltung dieses katechetischen Unterrichtes zuwider, steht er doch beim Volke weniger in Ansehen und ist zugleich nicht geeignet, das Haschen nach Lob von Seiten des Volkes zu befriedigen. Wir halten unserseits diese Schätzung des katechetischen Unterrichtes eher für ein Zeichen des Leichtsinns als des ernsten Dienstes der Wahrheit. Dass Kanzelredner, welche aus aufrichtigem Eifer für die Ehre Gottes den Beweis und die Verteidigung des Glaubens oder das Lob der Heiligen sich zum Gegenstand nehmen, Billigung verdienen, leugnen wir nicht. Doch diese Arbeit setzt schon die andere der Katecheten voraus; ohne diese gebricht jener die Grundlage, und es arbeiten die Bauleute vergeblich am Hause. Recht kunstvoll gehaltene Predigten, wo die Zuhörer in Scharen sich um die Kanzel drängen und dem Redner mit Beifall zuhören, haben oft und allzu reichlich nur die Wirkung, dass sie den Ohren kitzeln; aber auf die Seele machen sie keinen Eindruck. Der katechetische Unterricht hingegen, mag er gleich schlicht und einfach sein, ist das Wort, von dem Gott selbst durch den Propheten Isaias erklärte: Wie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht mehr dahin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt und durchfeuchtet und fruchtbar macht, dass sie Samen gibt zum Säen und Brot zum Essen; so wird es auch mit meinem Worte sein, das aus meinem Munde geht; es wird nicht leer zu mir zurückkehren, sondern alles ausrichten, was ich will, und Gelingen haben in dem, wozu ich es sende (17). – Ähnlich glauben wir von den Priestern denken zu dürfen, welche zur Erläuterung der religiösen Wahrheiten arbeitsreiche Bücher zusammenschreiben. Sie verdienen es wohl, dafür mit hoher Auszeichnung empfohlen zu werden. Doch wie wenige arbeiten solche Werke durch und ziehen den Gewinn heraus, den die Autoren wünschen und durch ihre Mühen verdient haben! Der Unterricht in der christlichen Lehre aber kann nie ohne Nutzen für die Teilnehmer bleiben, wenn er richtig erteilt wird.

Die Unterweisung der Religionslehre in Übung halten

15 Die Zahl derjenigen, welche von der Religion nichts wissen oder von Gott und dem christlichen Glauben eine so kümmerliche Kenntnis haben, dass sie ohne Bedenken inmitten der vom Geiste der katholischen Religion erleuchteten Länder wie die Heiden dahinleben, ist heute ungeheuer groß und wächst von Tag zu Tag (Möge die Erinnerung daran den Eifer der Diener Gottes heben). Wie zahlreich sind, ich will nicht sagen die Kinder, nein die Erwachsenen, selbst die Ergrauten, welche sogar von den wichtigsten Geheimnissen des Glaubens nichts wissen, den Namen Christi hören und erwidern. Wer ist dies, damit ich an ihn glaube (18)? Daher kommt es, dass man es nicht mehr als sündhaftes Unrecht sich anrechnet, gegen andere Hass zu erregen und zu nähren, ganz nichtswürdige Vereinbarungen zu treffen, unehrenhafte Geschäftsführungen zu übernehmen, hohe Wucherzinsen zu fordern und andere derartige Ungerechtigkeiten zu begehen. Diese Unkenntnis der Lehre Christi, welche nicht nur die schändlichen Taten verdammt, sondern schon die bewussten derartigen Gedanken und Begierden, ist schuld, dass jene, wenn sie auch aus irgend welchen Gründen von unehrbaren Vergnügungen sich enthalten, doch ohne alle Gewissensbisse sich bösen Gedanken hingeben und so ihre Sünden zahlreicher werden als die Haare ihres Hauptes. Es kann nur nützlich sein, zu wiederholen, dass dies nicht nur in den abgelegenen Gegenden und bei verwahrlosten Bevölkerungsschichten vorkommt, sondern auch, und vielleicht noch häufiger, bei Leuten in besseren Verhältnissen, ganz besonders bei jenen aufgeblähten Halbwissern, die auf ihre Kenntnisse pochend, die Religion verspotten zu dürfen glauben, und lästern, was sie nicht verstehen (19).

16 Erwartet man nun umsonst die Saat vom Acker, auf den kein Samen gefallen ist, wie ließe sich eine gesittete Nachkommenschaft erhoffen, wenn die Jugend nicht frühzeitig in der christlichen Wahrheit unterrichtet worden ist? Mit Recht ziehen wir deshalb aus den geschilderten Verhältnissen den Schluss, dass die Pflicht, den Religionsunterricht zu erteilen, entweder zu nachlässig erfüllt oder ganz und gar verabsäumt wird, da der Glaube in der Gegenwart so sehr erschlaffte, dass er bei manchen fast erstorben ist. Nur eine sinnlose Ausrede wäre es, sollte jemand sagen, der Glaube sei uns ja durch die Gnade verliehen und jedem bei der heiligen Taufe in die Seele eingegossen worden. Ja wohl, wir haben alle mit der Taufe in Christus die übernatürliche Tugend des Glaubens empfangen; allein das göttliche Saatkorn geht nicht auf ... und treibt keine großen Zweige (20), wenn es sich selbst überlassen bleibt und gleichsam durch seine innere Kraft allein wirken soll. Der Mensch besitzt von Natur die Kraft des Verstandes, und dennoch bedarf sie der Anregung durch das mütterliche Wort, um, wie der Ausdruck heißt, ihre Tätigkeit auszulösen. Ebenso ergeht es dem Christen. Wiedergeboren aus dem Wasser und dem Heiligen Geiste, trägt er in sich die eingegossene Tugend des Glaubens; aber er bedarf der Anleitung durch die Kirche, soll diese Tugend genährt und gekräftigt werden, dass sie Frucht bringen kann. Daher schrieb der Apostel: Der Glaube kommt vom Hören, das Hören aber von der Predigt des Wortes Christi (21); und fügte dem bei, um die Notwendigkeit der Anleitung hervorzuheben: Wie werden sie hören, ohne Prediger? (22)

17 Haben nun die bisherigen Darlegungen gezeigt, welch hohe Bedeutung dem religiösen Volksunterricht innewohnt, dann muss es Unsere Angelegentlichste Sorge sein, dass die Unterweisung in der Religionslehre immer in Übung bleibe und, wo sie vernachlässigt wurde, wieder zur Aufnahme komme. Denn wir pflichten im Hinblick auf sie den Worten Unseres Vorgängers Benedikt XIV. bei: Keine Einrichtung ist segensreicher für die Ehre Gottes und das Heil der Seelen (23).

Bestimmungen

18 In der Absicht, der schweren Pflicht Unseres höchsten apostolischen Amtes gerecht zu werden, und um in einer so wichtigen Angelegenheit überall ein einheitliches und gleichmäßiges Verfahren zu veranlassen, verordnen und befehlen Wir also, Ehrwürdige Brüder, in Kraft Unserer obersten Gewalt, für alle Diözesen die strenge Beobachtung und Ausführung der folgenden Bestimmungen:

19 I. Alle Pfarrer und überhaupt alle mit der Ausübung der Seelsorge betrauten Geistlichen sollen an allen Sonn- und Festtagen des ganzen Jahres, ohne Ausnahme, während einer vollen Stunde die Knaben und Mädchen über das, was sie zur Erlangung des Heiles glauben und tun müssen, nach dem Katechismus unterrichten.

20 II. Dieselben sollen zu festgesetzten Zeiten im Jahr die Knaben und Mädchen zum würdigen Empfang der Sakramente der Buße und der Firmung in einem durch eine Reihe aufeinanderfolgender Tage fortgesetzten Unterricht vorbereiten.

21 III. Desgleichen sollen sie mit besonderer Sorgfalt an sämtlichen Werktagen der heiligen Fastenzeit und, wenn es nötig ist, auch noch an den auf das Osterfest folgenden die männliche und weibliche reifere Jugend durch angemessene Unterweisung und Erbauung anleiten zum würdigen erstmaligen Empfang des Allerheiligsten Sakramentes des Altares.

22 IV. In jeder einzelnen Pfarrei soll die Vereinigung kanonisch erreichtet werden, welche unter dem Namen Kongregation der christlichen Lehre bekannt ist. Dieselbe wird, zumal wo die Zahl der Priester klein ist, aus der Laienwelt Hilfskräfte für die katechetische Belehrung stellen, welche diesen Unterricht übernehmen, sowohl aus Eifer für die Ehre Gottes, als auch um die Ablässe zu gewinnen, welche die Römischen Päpste so reichlich dafür gewährt haben.

23 V. In größeren Städten, insbesondere dort, wo Universitäten, Lyzeen und Gymnasien sich befinden, sollen Religionsschulen zum Unterricht der Jugend in den Glaubenswahrheiten und in der christlichen Lebensführung gegründet werden, soweit in den öffentlichen Schulen, welche die Jugend besucht, die Gegenstände der Religion keine Berücksichtigung finden.

24 VI. Da aber, besonders bei der gegenwärtigen misslichen Zeitlage, das reifere Alter der religiösen Unterweisung nicht weniger bedarf als die Jugend, sollen alle Pfarrer und sonstigen Seelsorger außer der üblichen Homilie über das Evangelium, die an allen Gott geweihten Tagen mit der Pfarrmesse zu verbinden ist, zu einer für den Besuch von Seiten des Volkes am günstigsten gelegenen Stunde, die aber nicht mit der Stunde der Jugendkatechese zusammenfallen darf, in leichtverständlicher und volkstümlicher Sprache eine Katechese für die Gläubigen halten. Dabei ist der vom Tridentiner Konzil verordnete Katechismus zu gebrauchen, und zwar dergestalt, dass sie in einem Zeitraum von vier bis fünf Jahren den ganzen Inhalt desselben durchnehmen, der das Glaubensbekenntnis, die Sakramente, die Zehn Gebote Gottes, das Gebet und die Kirchengebote umfasst.

Umsetzung der Bestimmungen

25 Diese Maßnahmen, Ehrwürdige Brüder, treffen Wir und schreiben Wir vor, in der Kraft Unseres apostolischen Amtes. Eure Aufgabe wird es nun sein, dafür zu sorgen, dass dieselben in jeder Diözese ohne Verzug und uneingeschränkt zur Durchführung gelangen. Ihr möget darüber wachen und in Kraft Eures Amtes es verhüten, dass Unsere Anordnungen der Vergessenheit anheimfallen oder, was das gleiche wäre, lässig und schläfrig nur erfüllt würden. Dies wirksam zu verhüten, müsst Ihr unablässig den Pfarrgeistlichen es empfehlen und einschärfen, dass sie die katechetischen Unterrichtsstunden nicht unvorbereitet abhalten dürfen, sondern derselben eine sorgfältige Vorbereitung vorausschicken müssen; sie sollen nicht Worte menschlicher Weisheit vortragen, sondern in Einfalt des Herzens und Aufrichtigkeit vor Gott (24) sprechen, das Beispiel Christi nachahmen, welcher alles in Gleichnissen zu dem Volke redete und ohne Gleichnisse nicht zu ihnen sprach (25), obwohl er das von Anbeginn der Welt an Verborgene offenbarte (26). In gleicher Weise haben es die Apostel, welche der Herr ausgesandt hat, gehalten, wie bekannt ist; Gregor der Große sagte dort ihnen: Sie waren strenge darauf bedacht, dem ungebildeten Volke Naheliegendes und Fassbares, nicht Hohes und Schweres zu predigen (27). In Hinsicht auf Religion haben wir bei der heutigen ungünstigen Zeitlage die Menschen großenteils zu den Ungebildeten zu rechnen.

26 Wir möchten aber durchaus nicht wünschen, dass jemand sich aus Anlass der Empfehlung solcher Einfachheit einrede, dass diese Behandlung der Sache keine Arbeit und kein Nachdenken voraussetzte; sie verlangt mehr als irgend eine andere. Man wird viel leichter einen Redner finden, der gedankenreich und glänzend zu sprechen verseht, als einen Katecheten, welcher eine nach jeder Hinsicht lobenswerte Unterweisung zu geben weiß. Mag jemand auch ein großes Geschick haben im Denken und Sprachen, er möge billig daran festhalten, dass er vor Kindern oder vor dem Volke über die christliche Wahrheit nur dann zum Gewinn der Seelen sprechen kann, wenn er sich durch vieles Nachdenken dazu gerüstet und befähigt hat. Jene täuschen sich sicherlich, die auf die Unkenntnis und Schwerfälligkeit des Volkes rechnen und meinen, diese Angelegenheit nachlässig behandeln zu können. Im Gegenteil, je Ungebildeter die Zuhörer sind, desto mehr Studium und Sorgfalt bedarf es, um die höchsten Wahrheiten, die dem gewöhnlichen Verständnis so fern liegen, dem stumpfen Sinn der Ununterrichteten verständlich zu machen, und diese müssen dieselben zur Erlangung der Seligkeit ebenso wohl kennen wie die Gelehrten.

Schluss

27 Wohl dürfen Wir, Ehrwürdige Brüder, nun am Schlusse dieses Rundschreibens Euch die Worte Mose zurufen: Ist einer des Herrn; so geselle er sich zu mir (28). Bedenke, so bitten Wir eindringlich, welches Unheil allein aus der religiösen Unwissenheit über die Seelen kommt. Ihr habt vielleicht viele nützliche und allen Lobes würdige Einrichtungen in Euern Diözesen zum Heile der Seelen geschaffen. Dennoch bemüht euch vor allem mit aller Kraft, allem Eifer und aller Ausdauer, deren ihr fähig seid, darum, dass die Kenntnis der christlichen Lehre die Seelen aller durchdringe und erfülle. Dienet einander, um die Worte des Apostels Petrus zu gebrauchen, jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als gute Haushälter der mannigfachen Gnaden Gottes (29).

28 Möge der apostolische Segen, den Wir als Beweis Unserer Liebe und als Unterpfand der himmlischen Gnade Euch und dem einen jeden von Euch anvertrauten Klerus und Volk in aller Liebe spenden, unter der Fürbitte der allerseligsten Jungfrau Eurer Sorgfalt und Eure Bemühungen zum glücklichen Erfolge führen.

Gegeben zu Rom, bei Sankt Peter am 15. April 1905,
im zweiten Jahre Unseres Pontifikates.
Pius X. PP.

Anmerkungen

(1) Apg 20, 29.

(2) Os 4, 1-3.

(3) Instit. 26, 18.

(4) Eph 5, 3 f.

(5) Eph 5, 15 ff.

(6) Ps 4,7.

(7) Röm 13, 13.

(8) Mt 18. 4.

(9) Jr 3, 15.

(10) 1 Kor 1, 17.

(11) Lk 4, 18.

(12) Mal 2, 7.

(13) Mal 2, 7.

(14) Pont. Rom.

(15) Eph 4, 14.15.

(16) 5. Sitz. Kap 2 über Ref. ; 22 Sitz., Kap 8; 24. Sitz, Kap. 4 über die Ref.

(17) Is 55, 10.11

(18) Jo 9,36.

(19) Jud 10.

(20) Mt 4,32.

(21) Röm 10, 17.

(22) Röm 10, 14.

(23) Constit. Etsi minime 13.

(24) 2 Kor 1, 12.

(25) Mt 13, 34.

(26) Mt 13, 35.

(27) Moral. I. XVII c. 26.

(28) Ex 32, 26.

(29) 1 Petr. 4, 10.

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