Maria von Agreda: Leben der jungfräulichen Gottesmutter Maria: Buch 7+8

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Mystische Stadt Gottes

Leben der jungfräulichen Gottesmutter Maria

Maria von Agreda, verfasst 1655-1660

Quelle: MYSTISCHE STADT GOTTES, Wunder seiner Allmacht und Abgrund der Gnade: Heilige Gescichte und Leben der jungfräulichen Gottesmutter MARIA Unserer Königin und Herrin, Sühnerin der Schuld Evas und Mittlerin der Gnade, in diesen letzten Zeiten von derselben Königin geoffenbart ihrer Dienerin, DER SCHWESTER MARIA VON JESUS Äbtissin des Konventes der Unbefleckten Empfängnis in der Stadt Agreda, Provinz Burgos, von der regularen Observanz des hl. seraphischen Vaters Franziskus, zur Erleuchtung der Welt, zur Freude der Katholischen Kirche und zum Troste der Sterblichen. Aus dem Spanischen übersetzt von mehreren Priestern aus der Kongregation des allerheiligsten Erlösers, Immaculata Verlag CH-6015 Reussbühl/Luzern (je erste Auflage, Mit kirchlicher Druckerlaubnis, broschiert). Band 7: 1973 (311 Seiten), Band 8: 1974 (420 Seiten, ohne Anhang). Digitalisiert und ein wenig bearbeitet von Benutzer:Oswald.

Gesamtwerk: I. Teil: Buch 1+2, II. Teil: Buch 3+4, II. Teil: Buch 5+6, III. Teil: Buch 7+8.
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Inhaltsverzeichnis

DRITTER TEIL DES LEBENS UND DER GEHEIMNISSE DER KÖNIGIN DES HIMMELS

Der dritte Teil enthält die Zeit, da Maria allein, ohne Christus unseren Erlöser, auf Erden lebte, bis zur Stunde ihres seligen Hinscheidens. Sodann wird beschrieben, wie sie in den Himmel aufgenommen und zur Königin des Himmels gekrönt wurde, um ewig zu leben als Tochter des Vaters, Mutter des Sohnes und Braut des Heiligen Geistes (so aus dem ersten Buch).

EINLEITUNG ZUM DRITTEN TEIL

1. Je mehr der Seefahrer auf einem gefahrvollen und tiefen Meere sich vorwagt, desto mehr pflegt er die Furcht vor den Stürmen und vor feindlichen Seeräubern zu empfinden, von denen er überall überfallen werden könnte. Diese Unruhe wird noch vermehrt durch seine Unkenntnis und seine Schwäche, da er nicht weiß, wann und von welcher Seite die Gefahr kommen wird und ebenso wenig die Macht hat, ihr vorzubeugen, ehe sie kommt, als ihr zu widerstehen, wenn sie da ist. Dasselbe begegnet auch mir, da ich mich auf das unermessliche Meer der Auszeichnungen und Vorzüge der heiligsten Jungfrau Maria hinausgewagt habe, obwohl dieses Meer überaus heiter und ruhig ist, wie ich sehr wohl weiß und gern bekenne. Um meine Befürchtungen zu besiegen, genügt es mir keineswegs, dass ich mich auf diesem Meer der Gnade schon so weit voran befinde, indem ich den ersten und zweiten Teil des heiligsten Lebens Mariä bereits geschrieben habe. Denn in eben diesem Leben habe ich auch wie in einem fleckenlosen Spiegel meine eigene Unzulänglichkeit und Armseligkeit deutlicher und klarer erkannt. Und je näher ich den Gegenstand dieser göttlichen Geschichte betrachte, desto mehr stellt er sich mir als undurchdringlich und für jede geschaffene Erkenntniskraft unbegreiflich dar. Auch lassen die Mächte der Finsternis in ihren Anfeindungen nicht im geringsten nach, sie verdoppeln sie vielmehr, indem sie wie lästige Seeräuber durch falsche Vorspiegelungen und durch Versuchungen, deren Bosheit und Arglist jeder Beschreibung spottet, mich niederzubeugen und zu entmutigen suchen. Der Seefahrer in der vorbezeichneten Lage hat kein anderes Mittel, als seinen Blick zum Polarstern zu erheben, der als eine feststehende und zuverlässige Himmelsleuchte ihn auf dem Meer leitet und durch die Wellen hindurch führt. Dieses suche auch ich in dem Sturm meiner verschiedenen Versuchungen und Beängstigungen zu tun. Indem ich mich dem Pol des göttlichen Willens zukehre und zu Maria, meinem Stern, aufblicke, damit ich ihn unter Beihilfe des geistlichen Gehorsams erkenne, rufe ich in meinen vielen Trübsalen. Verwirrungen und Ängsten von ganzem Herzen aus: O höchster Herr und Gott ! Was soll ich tun in den Zweifeln, worin ich mich befinde? Soll ich fortfahren im Niederschreiben dieser Geschichte oder soll ich meinen Vorsatz ändern und das Unternehmen aufgeben? O Mutter der Gnade und meine Lehrmeisterin, erkläre mir deinen und deines Sohnes Willen !

2. Ich gestehe der Wahrheit gemäß und wie ich es zur Ehre der göttlichen Güte schuldig bin, dass Gott stets auf mein Rufen gehört und mir seine väterliche Huld niemals verweigert, sondern auf verschiedene Weise seinen Willen mir zu erkennen gegeben hat. Die Wahrheit dieser Aussage lässt sich schon aus dem Beistand des göttlichen Lichtes erkennen, mittelst dessen ich den ersten und den zweiten Teil vollendet habe. Aber auch abgesehen davon, ist es unzählige Male geschehen, dass Gott der Herr entweder selbst oder durch seine heiligste Mutter oder seine Engel mich beruhigte und in meinem Vorhaben bestärkte, indem er eine Versicherung auf die andere sandte, um meine Befürchtungen und meine Zaghaftigkeit zu überwinden. Noch mehr. Auch die sichtbaren Engel, nämlich die geistlichen Obern und die Diener Gottes in seiner Kirche haben mir ihre Gutheißung erteilt und mir als den Willen Gottes eingeschärft, dass ich ohne Argwohn der Sache Glauben schenke und fortfahre, diese Geschichte zu schreiben. Es fehlte mir sogar nicht an jenem höheren Licht, der eingegossenen Wissenschaft, der es eigen ist, mit einer sanften Gewalt und einer Kraft voll Süßigkeit zu berufen, zu unterrichten, anzuregen und erkennen zu lassen, was das Erhabenste in der Vollkommenheit, das Reinste in der Heiligkeit, das Höchste in der Tugend und das Liebenswürdigste für den Willen ist. Alles dieses zusammengenommen erschien mir in Maria, der geheimnisvollen Bundeslade, eingeschlossen und als ein verborgenes Manna aufbewahrt, auf dass alle es verkosten und besitzen möchten.

3. Gleichwohl aber begegneten mir, da ich diesen dritten Teil zu schreiben anfing, neue und heftige Widersprüche, die nicht weniger schwer zu besiegen waren als jene, welche sich gegen die ersten zwei Teile erhoben hatten. Ich kann unbedenklich versichern, dass ich keinen Satz, ja kein Wort zu schreiben mich entschlossen und zu Papier gebracht habe, ohne dass ich dabei mehr Versuchungen gehabt hätte, als ich Buchstaben niederschrieb. Zwar bin ich selbst mir Grund genug, verzagt und ängstlich zu werden, denn wenn ich mich als das betrachte, was ich bin, so kann ich gar nicht anders, als mutlos werden und mir in dem Grad misstrauen, in weIchem ich meine Gebrechlichkeit aus Erfahrung inne werde.

Gleichwohl waren weder diese meine Unfähigkeit und Furchtsamkeit, noch die Größe des Unternehmens die eigentlichen Hindernisse, die mir entgegenstanden. Dies kann ich versichern, obwohl ich die Natur und den Ursprung der eigentlichen Hindernisse damals nicht erkannte. Ich brachte dem Herrn den zweiten Teil, nachdem er beendet war, geradeso dar, wie ich ihm den ersten aufgeopfert hatte. Der Gehorsam verband mich mit aller Strenge, diesen Dritten Teil zu beginnen und mit der Kraft, welche diese Tugend denjenigen mitteilt, die sich auf sie stützen, richtete ich mich denn von meiner Schwachheit auf und bemühte mich nach bestem Vermögen, die Furcht, die ich vor der Ausführung des Befohlenen hegte, von mir zu verbannen. Immerhin aber schwankte ich zwischen dem Verlangen, zu gehorchen und den Schwierigkeiten der Ausführung wie ein von entgegengesetzten und starken Winden bekämpftes Schiff noch mehrere Tage hin und her.

4. Auf der einen Seite sprach der Herr zu mir, ich solle das Begonnene fortsetzen. Es sei dies sein Wille und sein Wohlgefallen. Und nie erhielt ich eine andere Antwort, wiewohl ich in unablässigem Gebet hierüber Erleuchtung suchte. Ich ließ diese Befehle des Allerhöchsten einige Mal auf sich beruhen und zögerte, sie dem Oberen und dem Beichtvater mitzuteilen, nicht um sie zu verbergen, sondern zur größeren Sicherheit und damit ich nicht fürchten dürfe, er leite mich nur nach meinen Berichten. Allein die göttliche Majestät. die in ihrem Wirken sich allezeit gleich bleibt, gab diesen Vorgesetzten neuerdings und nachdrücklichst ins Herz, dass sie, wie sie auch immer getan, mir im Gehorsam befahlen, die Geschichte zu schreiben. Auf der anderen Seite verlästerte die alte Schlange in ihrem Neid und ihrer Bosheit alles, was der Herr in mir wirkte und wozu er mich anregte. Sie erregte gegen mich einen solchen Sturm und spie über mich solche Versuchungen aus, dass sie mich bald auf die Höhe ihres eigenen Stolzes zu erheben suchte, bald, und dies besonders oft, mich in den Abgrund des Misstrauens niederzubeugen und in eine dichte Finsternis von ungeordneten Befürchtungen hinabzustürzen strebte. Sie fügte dazu noch verschiedene andere innere und äußere Versuchungen, welche in dem Maß zunahmen, als ich mit dieser Geschichte voranschritt und ganz besonders, als ich nahe daran war, sie zu Ende zu bringen. Dieser Feind bediente sich ferner der Meinung einiger Personen, weIchen ich vermöge einer natürlichen Verbindlichkeit eine gewisse Rücksicht schuldete und die mich keineswegs ermutigten, in dem begonnenen Werk fortzufahren. Schließlich bewirkte er sogar eine gewisse Aufregung unter den Ordensfrauen selbst, mit deren Regierung ich betraut bin. Mir selbst kam es vor, als fehle mir die nötige Zeit zum Schreiben, indem ich die Übungen der Gemeinde mitmachen muss, wie es die vorzüglichste Pflicht einer Ordensoberin ist. Bei allen diesen Anfechtungen war es mir unmöglich, mein Inneres in jenen Stand des Friedens und der Ruhe zu versetzen, welcher zum Empfang der aktuellen Erleuchtung und Erkenntnis der Geheimnisse, welche ich schreibe, notwendig und geziemend ist. Denn in dem Sturmwind der Versuchungen, welche den Geist beunruhigen, lässt sich dieses Licht weder richtig aufnehmen, noch wird es in seiner ganzen Fülle mitgeteilt. Es erscheint nur in dem reinen und heiteren Äther, welcher die Seelenkräfte besänftigt und beruhigt (1 Kön 19,11 ff).

5. Niedergeschlagen und verwirrt durch so vielfältige Versuchungen. hörte ich nicht auf, zu Gott zu rufen und zu flehen. Eines Tages besonders sprach ich zum Herrn: «O allerhöchster Gebieter, höchstes Gut meiner Seele, meine Sehnsucht und Begierde, dir wohlzugefallen und von deinem Dienste nicht abzuweichen, sind deiner Weisheit nicht unbekannt. Erlaube mir denn, vor deiner königlichen Gegenwart liebevoll zu klagen: Warum, o Herr. befiehlst du mir etwas, was ich nicht zu vollbringen vermag oder warum lässest du deinen und meinen Feinden Gewalt, mich in ihrer Bosheit daran zu hindern?» Auf diese Klage antwortete mir Seine Majestät, indem Sie mit einer gewissen Strenge sprach: «Wisse, o Seele, dass du weder das Angefangene fortsetzen, noch das Leben meiner Mutter bis zu Ende schreiben kannst, außer du seist vorher in allem sehr vollkommen und meinen Augen sehr wohlgefällig geworden. Denn ich will von dir in reichlichem Maß die Frucht dieser Wohltat ernten. Du sollst sie zuerst und in ganzer Fülle empfangen. Damit du, wie ich es verlange, diese Frucht bringst, ist es notwendig, dass alles, was du noch vom Irdischen und von den Eigenschaften einer Tochter Adams an dir hast, verzehrt werde. Die Wirkungen der Sünde samt den bösen Neigungen und Gewohnheiten müssen in dir getilgt werden.» Diese Antwort des Herrn erweckte in mir eine neue Sorge und ein noch glühenderes Verlangen, alles anzustreben, was er mir darin als seinen Willen zu erkennen gab, nämlich nicht bloß eine gewöhnliche Abtötung aller Neigungen und Leidenschaften, sondern eine Ertötung des gesamten animalischen und irdischen Lebens, eine Erneuerung und Umwandlung in ein anderes Sein und ein neues himmlisches und englisches Leben.

6. Im Verlangen, mich aus allen Kräften nach dem vorgesteckten Ziel auszustrecken, prüfte ich nun meine Neigungen und Triebe. durchforschte die Gänge und Winkel meines Innern und empfand einen heftigen Drang, allem Sichtbaren und Irdischen abzusterben. Ich litt bei dieser Beschäftigung einige Tage hindurch große Betrübnisse und Trostlosigkeiten. Denn in meinem wachsenden Verlangen sah ich auch die Gefahren und Zerstreuungen wachsen, welche die Geschöpfe mir bereiteten und welche hinreichend waren, um mich an meinem Vorhaben zu hindern, Je mehr ich verlangte, mich von allem zu entfernen, desto mehr sah ich mich von dem, was ich verabscheute, gedrängt und erdrückt. Alles dieses aber benützte der böse Feind, um mich mutlos zu machen, indem er mir vorstellte, die Vollkommenheit des Lebens, nach welcher ich verlange, sei unmöglich. Zu diesem Kummer trat ein neuer, außerordentlicher und zwar unerwarteterweise, hinzu. Ich bemerkte nämlich an mir einen außergewöhnlichen Körperzustand, eine stets zunehmende und so lebhafte Empfindsamkeit, dass mir jede körperliche Mühe und Anstrengung höchst schmerzlich war. Die leichtesten Bußwerke wurden mir unerträglicher, als es bisher die schwersten gewesen waren. Die Gelegenheiten zur Abtötung, welche ich sonst ganz leidlich gefunden, kosteten mir jetzt die größte Gewalt und verursachten mir einen wahren Schrecken. Jeder körperliche Schmerz schien mir ein tödlicher Schlag zu sein, so groß war meine Schwäche. Die Vornahme einer Disziplin machte mich schwach bis zur Ohnmacht. Jeder Streich zerriss mir das Herz. Ja, ich kann ohne Übertreibung sagen: selbst das Falten der Hände presste mir Tränen aus, so dass ich ganz traurig und trostlos darüber wurde, mich in einem so elenden Zustand zu sehen. Und wenn ich mich zwang, meines Übels ungeachtet zu arbeiten, so sah ich, wie mir das Blut unter den Nägeln hervordrang.

7. Indem ich die Ursache dieser Veränderung nicht sogleich erkannte, dachte ich bei mir selbst darüber nach und sprach voll Schmerz also: Ach, was ist doch dies für ein Elend ! WeIche Veränderung finde ich in mir ! Der Herr befiehlt mir, mich abzutöten und allem abzusterben und nun bin ich empfindlicher und weniger abgetötet als je! In solche Gedanken vertieft, litt ich mehrere Tage lang bittere Schmerzen. Um sie zu lindern, tröstete mich der Allerhöchste, indem er zu mir sprach: «Meine Tochter und Braut, dein Herz betrübe sich nicht über den neuen Zustand, vermöge dessen du alles Leiden mit so ungewohnter Lebhaftigkeit empfindest. Ich habe es so gewollt, auf dass durch dieses Mittel die Wirkungen der Sünde in dir getilgt und du zu einem neuen Leben und einem höheren. mir noch wohlgefälligeren Wirken tüchtig gemacht werdest. Denn solange du diesen neuen Stand nicht erreicht hast, kannst du nicht beginnen, was dir vom Leben meiner Mutter und deiner Herrin noch zu schreiben übrig bleibt.» Durch diese neue Antwort des Herrn bekam ich wieder einige Kraft, denn seine Worte sind immer Worte des Lebens, Worte, welche dem Herzen Leben mitteilen. Obwohl meine Leiden und Versuchungen nicht abnahmen, so schickte ich mich doch an, zu arbeiten und zu kämpfen, freilich immer noch voll Verzagtheit wegen meiner Schwäche und Gebrechlichkeit. Ich dachte kaum mehr Abhilfe zu finden. Doch suchte ich noch Hilfe in meinem Elend und zwar bei der Mutter des Lebens. Ich nahm mir vor, sie mit aller Inbrunst und allem Ernst um ihren Beistand zu bitten. Sie ist ja die einzige und letzte Zuflucht der Armen und Bedrängten. Von ihr und durch sie sind mir unnützestem Geschöpf der Erde stets zahlreiche Güter und Wohltaten zugekommen.

8. So warf ich mich denn schließlich zu den Füßen dieser Gebieterin Himmels und der Erde nieder und mein Inneres vor ihr ausgießend, bat ich sie um Erbarmen und Abhilfe für meine Unvollkommenheiten und Gebrechen. Ich stellte ihr mein Verlangen nach ihrem und ihres heiligsten Sohnes Wohlgefallen vor und erbot mich von neuem zu allem, was ihre Ehre erhöhen könnte, sollte ich dafür auch durch Feuer und Folter gehen und mein Blut vergießen müssen. Auf diese Bitte antwortete mir die mitleidsvolle Mutter und sprach: «Meine Tochter, die Begierden, welche der Allerhöchste aufs neue in deinem Herzen entzündet hat, sind wie dir nicht unbekannt ist, Pfänder und Wirkungen der Liebe, mit welcher er dich zu seiner innigsten Vereinigung und Vertraulichkeit beruft. Sein heiligster Wille und der meinige ist es, dass du deinerseits diese Begierden ausführest, um deinem Beruf kein Hindernis zu setzen und dass du nicht länger verschiebst, was Seiner Majestät wohlgefällig ist und was Sie von dir verlangt. Während des ganzen Verlaufes der Lebensgeschichte, welche du schreibst, habe ich dir vorgestellt und erklärt, welche Verpflichtung der Empfang dieser außerordentlichen und großen Wohltat dir auferlegt, nämlich die Verpflichtung, nach Maßgabe der dir mitgeteilten Gnade in dir den lebendigen Abdruck meiner Lehren und des Vorbildes meines Lebens darzustellen. Du gehst daran, den dritten und letzten Teil meiner Geschichte zu schreiben. Es ist daher Zeit, dich zu meiner vollkommenen Nachahmung zu erheben, indem du dich mit neuer Kraft bekleidest und deine Hand an große Dinge legst. Mit diesem neuen Leben und Wirken musst du beginnen, was dir zu schreiben übrig bleibt. Denn dazu ist notwendig, dass du ausübest, was du erkennen wirst. Ohne diese Verfassung wirst du nichts zustande bringen. Denn es ist der Wille des Herrn, dass mein Leben noch mehr in deinem Herzen geschrieben sei als auf dem Papier. Du musst das, was du schreibst, in dir fühlen, um dann zu schreiben, was du gefühlt.»

9. «Ich verlange demnach, dass dein Inneres alle irdischen Bilder und Neigungen abweise, und dass du allem Sichtbaren entsagst, ja es gänzlich vergessest, damit dein Wandel und Verkehr beständig mit dem Herrn, mit mir und mit den Engeln sei. Alles übrige muss für dich fremd sein. Durch die Kraft dieser Tugend und Reinheit, welche ich von dir verlange, wirst du das Haupt der alten Schlange zertreten und den Widerstand besiegen, welchen sie deinem Schreiben und Wirken entgegensetzt. Denn ich will es dir nunmehr sagen: Weil du den eitlen Befürchtungen, welche der Satan dir einflößt, Gehör geschenkt und gezögert hast, den Weg, auf welchem der Herr dich führen will, in schnellem Gehorsam zu betreten und den Gnaden Gottes Glauben beizumessen, darum hat seine göttliche Vorsehung dem Drachen Erlaubnis gegeben, als Diener seiner Gerechtigkeit deinen Mangel an Glauben und Hingebung an seinen vollkommenen Willen zu strafen. Dieser nämliche Feind hat sich ein Geschäft daraus gemacht, dich in einige Fehler zu stürzen, indem er dir seine Betrügereien unter dem Deckmantel einer guten Absicht und eines tugendlichen Zweckes vorstellte. Er suchte dich nämlich fälschlich zu überreden, du seist nicht für so große Gunstbezeigungen und so außerordentliche Wohltaten, indem du deren ganz und gar keine verdienst. So brachte er es dahin, dass du sehr langsam und kalt warst, Gott für seine Werke zu danken, gleich als wenn er sie aus Schuldigkeit und nicht aus Gnade gewirkt hätte. Durch diese Arglist des Teufels getäuscht, hast du vieles unterlassen, was du mittelst der Gnade hättest tun können und dem, was du ohne alles Verdienst empfangen, hast du nicht vollkommen entsprochen. Ja, meine Tochter, es ist Zeit, dass du für deine Sicherheit sorgst und dem Herrn und mir glaubst, die ich dir den sichersten und höchsten Weg der Vollkommenheit zeige, nämlich den meiner vollkommenen Nachfolge, auf dass so der Stolz und die Grausamkeit des Drachen besiegt und sein Haupt durch die göttliche Kraft zertreten werde. Es ist wahrlich nicht recht, die Wirksamkeit Gottes zu hindern und aufzuhalten. Vielmehr musst du dich unbedingt und mit der ganzen Kraft deiner Seele dem Willen meines allerheiligsten Sohnes und dem meinigen hingeben. Wir verlangen ja von dir nur das Heiligste. das Wohlgefälligste, was es vor unseren Augen geben kann.»

10. Durch diesen Unterricht meiner himmlischen Herrin, Mutter und Lehrerin erhielt meine Seele neues Licht und heiße Begierden, in allem zu gehorchen. Ich erneuerte meine Vorsätze, beschloss, mich mit der Gnade des Allerhöchsten über mich selbst zu erheben und trug Sorge, mich vorzubereiten, auf dass sein göttlicher Wille sich ohne Widerstand an mir erfülle. Ich wappnete mich mit den Strengheiten und Schmerzen der Abtötung, die mir wegen der soeben erwähnten Lebhaftigkeit und Empfindlichkeit meiner Sinne sehr peinlich war. Allein der Widerstand und die Angriffe des Teufels ließen keineswegs nach. Ich erkannte, dass mein Unternehmen sehr schwer und der Stand, zu welchem der Herr mich anzog, eine zwar sehr sichere, aber für die menschliche Schwachheit und die irdische Schwerfälligkeit sehr hochgelegene Wohnung sei. Zum Zeugnis der Wahrheit und zur Beschämung meines Zögerns, meiner Gebrechlichkeit und Gefühllosigkeit muss ich bekennen, dass der Herr im ganzen Verlauf meines Lebens sich unsägliche Mühe mit mir gegeben hat, um mich aus dem Staub meiner Niedrigkeit zu erheben und dass er zu diesem Zweck seine Wohltaten und Gnaden in einem meine Denkkraft übersteigenden Maß vervielfältigt hat. Und seine mächtige Hand hat alle diese Gnaden auf dieses Ziel gerichtet. Indes ist es für jetzt weder geziemend noch möglich, dieselben zu erzählen. Ebenso wenig erscheint es mir gerecht, sie alle zu verschweigen und nicht wenigstens einige zu erwähnen, damit man erkenne, in welche Tiefe uns die Sünde gestürzt, welche Kluft sie zwischen dem vernunftbegabten Geschöpf und jener Tugend und Vollkommenheit errichtet hat, zu welcher der Mensch bestimmt und befähigt ist und wie viel es kostet, um ihn wieder auf den Weg dahin zu bringen.

11. Einige Jahre vor den Ereignissen, welche ich eben beschreibe, erhielt ich zu verschiedenen Malen von Gottes Hand eine besonders große Wohltat. Es war dies eine Art Absterben, gleichsam ein bürgerlicher Tod in Bezug auf alles, was das animalische und irdische Leben betrifft, ein Tod, der mich in einen neuen Stand von Licht und Tätigkeit versetzte. Solange nämlich die Seele mit dem sterblichen und irdischen Leib der Verweslichkeit bekleidet ist, wird sie durch ihn wie durch ein schweres Gewicht beständig niedergedrückt, es sei denn, der Herr erneuere seine Wunderwerke und begünstige und unterstütze sie aufs neue durch seine Gnade. Wirklich tat er dies denn auch in einem Falle, denn er erneuerte in mir die vorerwähnte Gnade durch Vermittlung der Mutter der Barmherzigkeit, indem diese süßeste Herrin und große Königin mir erschien, mich anredete und sprach: «Wisse, meine Tochter, dass fortan nicht mehr du, sondern Christus, dein Bräutigam, in dir leben, das Leben deiner Seele und die Seele deines Lebens sein soll. Zu diesem Zweck will er in dir durch meine Hand den Tod deines alten früheren Lebens erneuern und das neue Leben, welches wir von dir verlangen, in dir erhöhen. Von nun an soll es dem Himmel und der Erde kund sein, dass Schwester Maria von Jesus, meine Tochter und Dienerin, der Welt gestorben ist und dass der Arm des Allerhöchsten dieses Werk vollbringt, damit diese Seele in der Tat und Wahrheit nur mehr in jenen Dingen lebe, welche der Glaube vorstellt. Wie man beim natürlichen Tod alles verlässt, so überlässt diese meine Tochter, indem sie sich von allem Sichtbaren losreißt, durch letztwillige testamentarische Verfügung ihre Seele an ihren Schöpfer und Erlöser, ihren Leib an die Erde der eigenen Geringschätzung und des geduldigen Leidens. Wir aber, nämlich mein allerheiligster Sohn und ich, wir machen uns dieser Seele gegenüber anheischig, diesen ihren letzten Willen zu vollstrecken, wenn sie durch ihn uns mit Bereitwilligkeit gehorchen wird. Wir werden ihre Exequien mit den Bewohnern unseres himmlischen Hofes feiern, indem wir diese Seele beisetzen in dem heiligsten Herzen der Menschheit des ewigen Wortes. Denn dies ist die Begräbnisstätte derjenigen, welche der Welt schon in diesem Leben absterben. Sie wird also fortan nicht mehr in sich noch für sich leben, wie dies die Kinder des alten Adam zu tun gewohnt sind, sondern vielmehr durch all ihr Wirken das Leben Christi in sich offenbaren, das ihr wahres Leben geworden ist. Ich aber flehe zu meinem Sohn, diese Verstorbene in seiner unergründlichen Güte anzusehen, ihre Seele ganz für sich in Besitz zu nehmen und sie als eine solche anzuerkennen, die der Erde fremd ist und deshalb verdient, im Himmel und zwar im höchsten und göttlichen, zu wohnen. Und ich befehle den Engeln, sie als ihre Genossin anzuerkennen und so mit ihr zu verkehren, als wäre sie von ihrem sterblichen Fleisch schon befreit.»

12. «Den bösen Geistern gebiete ich, diese Verstorbene so in Ruhe zu lassen, wie jene Toten, die nicht unter ihrer Gerichtsbarkeit stehen, und an denen sie keinen Teil haben. Denn von heute an wird sie für alles Sichtbare mehr tot sein als selbst diejenigen, die des natürlichen Todes gestorben sind. Die Menschen beschwöre ich, sie aus dem Gesicht zu verlieren und zu vergessen, wie man die Toten vergisst. Sie sollen sie in Ruhe lassen und sie in ihrem Frieden nicht stören. Was dich betrifft, meine Seele, so befehle ich dir und ermahne dich, in die Lage derjenigen dich hineinzudenken, welche dieser Welt Lebewohl gesagt haben und schon im ewigen Leben befindlich, in der Gegenwart des Allerhöchsten stehen. Ich will, dass du im Stand des Glaubens, worin du bist, sie nachahmest, denn die Gewissheit und Wahrheit des Gegenstandes ist für dich wie für sie dieselbe. So sei denn dein Wandel im Himmel, dein Verkehr sei mit dem Herrn alles Geschaffenen, mit deinem Bräutigam, deine Unterhaltung sei mit den Engeln und den Heiligen. Alle deine Aufmerksamkeit sei fest auf mich gerichtet, die ich deine Mutter und Lehrmeisterin bin. Für das Sichtbare und Vergängliche aber darfst du weder Leben noch Bewegung mehr haben. Du sollst dich dagegen verhalten wie ein toter Leib, welcher keinerlei Zeichen des Lebens oder der Empfindung gibt, was ihm auch begegnen und was man ihm auch tun mag. Es dürfen also weder Beleidigungen dich beunruhigen. noch Schmeicheleien dich bewegen. Du darfst weder gegen Widrigkeiten empfindlich sein, noch dich durch Misstrauen niederschlagen lassen, noch überhaupt in dir irgend eine Regung. sei es der Begierlichkeit, sei es des Zornes, zustimmen. Denn dein Vorbild in Bezug auf die Leidenschaften muss der tote Leib sein, welcher von ihnen ganz und gar befreit ist. Desgleichen musst du dir seitens der Welt keinen andern Verkehr versprechen, als jenen, den sie mit einem Toten haben will. Sie pflegt gar bald diejenigen zu vergessen, die sie während des Lebens lobte, ja selbst solche, welche man aufs innigste geliebt hat. z. B. den Vater oder einen Bruder, entfernt man, sobald der Tod sie berührt hat, so schnell als möglich aus den Augen. Der Tote aber lässt sich tragen, wohin man ihn tragen will, ohne zu klagen und ohne sich beleidigt zu zeigen. Er kümmert sich auch nicht um die Überlebenden, er achtet gar nicht auf sie, noch auf das, was er ihnen zurücklässt.»

13. «Wenn du in solcher Weise gestorben bist, so bleibt dir nur noch übrig, dich als Speise der Würmer, und als schlechten, verächtlichen Moder zu betrachten. Du musst in dem Erdreich deiner Selbsterkenntnis in der Weise begraben sein, dass deine Sinne und Leidenschaften es nicht wagen, vor Gott oder vor Menschen üblen Geruch zu verbreiten, wie dies bei Leichen der Fall ist, welche nicht tief genug begraben oder schlecht zugedeckt sind. Der Abscheu, den du, um nach deiner Vorstellungsweise zu reden, Gott und den Heiligen bereitest, wenn du dich als noch lebendig für die Welt und zu wenig abgestorben für deine Leidenschaften offenbarst, wird größer sein als der Abscheu, den die Menschen vor einem unbeerdigten und unbedeckt daliegenden Leichnam haben. Dich des Gesichtes, des Gehörs, des Gefühls und der anderen Sinne zu deinem Gefallen oder Vergnügen zu bedienen, muss für dich etwas so Unerhörtes und Befremdendes sein, als sähest du einen Verstorbenen sich bewegen. Durch diesen Tod wirst du aber geeignet und vorbereitet sein, die auserwählte Braut meines allerheiligsten Sohnes und meine wahre Schülerin und viel geliebte Tochter zu werden. Das ist der Stand, den ich von dir verlange und so hoch ist die Weisheit, welche ich dich lehren werde, wenn du meinen Fußstapfen folgen, mein Leben nachahmen und meine Tugenden in dem dir gestatteten Grade an dir darstellen wirst. Dies muss die Frucht des Niederschreibens meiner Auszeichnungen und der hocherhabenen Geheimnisse sein, welche der Herr dir über meine Heiligkeit geoffenbart hat. Ich will nicht, dass sie aus deinem Herzen, dem ich sie vor allem anvertraue, sich auf andere ergießen, ohne zuvor den Willen meines Sohnes und den meinigen, nämlich deine höchste und größte Vervollkommnung, in dir bewirkt zu haben. Indem du dieses Wasser der Weisheit aus feiner Quelle, nämlich dem Herrn selbst schöpfst, wäre es unvernünftig von dir, leer und trocken zu bleiben, während du den andern davon mitteilst. Es wäre unrecht, diese Geschichte zu Ende zu schreiben, ohne die Gelegenheit benützt und aus dieser großen Wohltat Nutzen gezogen zu haben. Bereite also dein Herz durch diesen Tod, den ich von dir fordere, vor, und du wirst meinen und deinen Wunsch erreichen.»

14. So sprach die große Herrin des Himmels zu mir und bei vielen anderen Gelegenheiten hat sie diese Lehre des Heiles und des ewigen Lebens wiederholt. Vieles davon habe ich in den Unterweisungen, die mir in den Kapiteln des ersten und zweiten Teils gegeben wurden, schriftlich hinterlassen und werde noch mehr davon in diesem dritten Teil sagen. Aus allem wird man meine Trägheit und Undankbarkeit so vielen Wohltaten gegenüber erkennen, da ich in der Tugend noch so weit zurück und noch so sehr ein Kind des alten Adam bin, nachdem doch diese große Königin und ihr allmächtiger Sohn mir so oft versprochen haben, mich, wenn ich dem Irdischen und mir selbst absterbe, zu einem höheren Stand und einer sehr erhabenen Wohnung zu erheben, eine Gnade, die mir eben jetzt durch die Güte Gottes aufs neue verheißen wird. Es ist dies eine Art Einsamkeit und Verborgenheit mitten unter den Menschen, in welcher ich mit letzteren nicht mehr verkehre, ich erfreue mich dann nur noch des Anblickes und der Ansprache des Herrn, seiner heiligsten Mutter und der heiligen Engel. In allen meinen Regungen und Handlungen lasse ich mich von nichts anderem mehr leiten als von der Macht des göttlichen Willens und zu keinem anderen Zweck als zur größeren Ehre und Verherrlichung Gottes.

15. Im ganzen Verlauf meines Lebens von meiner Kindheit an hat mich der Herr durch verschiedene Leiden, durch beständige Krankheiten, Schmerzen und Beunruhigungen von Seiten der Mitmenschen geprüft. Mit Zunahme der Jahre aber vermehrten sich die Leiden durch eine Prüfung, welche mich alle übrigen vergessen machte. Denn es war ein zweischneidiges Schwert, das bis in mein Herz eindrang und wie der Apostel sagt, mir Geist und Seele voneinander trennte. Es war dies die Furcht, von der ich schon öfter gesprochen habe und um derentwillen ich bei Abfassung dieser Lebensgeschichte wiederholt zurechtgewiesen worden bin. Schon als Kind empfand ich diese Furcht sehr stark, aber bis zum Übermaß wuchs sie von dem Zeitpunkt an, da ich in den Ordensstand trat und mich ganz dem geistlichen Leben hingab und da der Herr anfing, sich meiner Seele mehr zu offenbaren. Von da an legte der Herr mich auf dieses Kreuz oder unter diese Presse, die mir das Herz zusammenpresst. Ich bin in Furcht, ob ich auf dem guten Weg gehe, ob ich nicht etwa betrogen sei und der Gnade und Freundschaft Gottes verlustig gehen werde. Um vieles vermehrte sich diese Prüfung noch dadurch, dass einige Personen zu jener Zeit meine ungewöhnlichen Zustände unvorsichtigerweise in die Öffentlichkeit brachten, was mich selbst fast untröstlich machte und andere veranlasste, mich durch Hinweis auf die Gefahr, in der ich schwebe, zu erschrecken. Auf diese Art schlug die heftige Furcht in meinem Herzen so tiefe Wurzeln, dass sie weder von selbst aufhörte, noch ich sie jemals ganz überwinden konnte, ungeachtet der Beruhigungen und Versicherungen, welche meine Beichtväter und Oberen mir gaben und trotz der Belehrungen und Zurechtweisungen, welche sie mir erteilten, sowie anderer Mittel, die sie zu diesem Zweck anwandten. Ja, was noch mehr ist, die Furcht wich nicht, wiewohl die Engel, die Königin des Himmels und der Herr selbst mich beständig beruhigten und beschwichtigten. Denn in ihrer Gegenwart fühlte ich mich zwar von meiner Furcht befreit. Allein kaum war ich aus diesem göttlichen Lichtkreis herausgetreten, so wurde ich aufs neue mit einer solchen Gewalt bekämpft, dass ich wohl erkennen musste, es sei die Gewalt des höllischen Drachen und seiner Grausamkeit. Dadurch wurde ich so verwirrt, niedergeschlagen und bestürzt, dass ich selbst in der Wahrheit Gefahr fürchtete, gleich als ob sie nicht Wahrheit, sondern Irrtum und Lüge wäre. Am meisten bemühte sich dieser Feind, mir dann Schrecken einzujagen, wenn ich die Sache meinen Beichtvätern und meinem besondern Obern mitteilte, welcher mich im Geist leitete, denn nichts fürchtet dieser Fürst der Finsternis mehr als das Licht und die Gewalt, welche den Dienern des Herrn anvertraut ist.

16. Zwischen der Bitterkeit dieses Schmerzes und einem sehr feurigen Verlangen, Gottes Gnade und Freundschaft zu bewahren, verlebte ich eine lange Reihe von Jahren, während welcher ich so viele und mannigfache innere Vorgänge erlebte, dass es unmöglich wäre, sie zu berichten. Die Wurzel dieser Furcht war, wie ich glaube, heilig, nur waren mehrere Zweige derselben an und für sich unfruchtbar. Aber die göttliche Weisheit wusste sich aller zur Erreichung ihrer Zwecke zu bedienen und dies war es eben, weshalb sie dem Feinde Gewalt gab, mich zu plagen, indem er sich hierzu der Wohltat bediente, welche mir der Herr als ein Heilmittel geschenkt hatte. Denn wenn die Furcht ungeordnet wird und lähmend wirkt, so ist sie böse und kommt vom bösen Geist, so sehr sie sich auch den Anschein gibt, gut zu sein und vom guten Geist zu kommen. Meine Betrübnisse erreichten zu Zeiten einen solchen Grad, dass es mir als eine große Gnade erscheint, dadurch das Leben des Leibes und besonders das Leben der Seele nicht verloren zu haben. Aber der Herr, dem das Meer und die Winde gehorchen, dem alle Dinge dienen und der allen Geschöpfen ihre Speise gibt zur rechten Zeit, würdigte sich in seiner Güte, in meinem Geiste Ruhe zu schaffen, auf dass ich in diesem längeren Waffenstillstand den Rest dieser Geschichte schreibe. Vor einigen Jahren nämlich tröstete mich Seine Majestät, indem Sie mir das Versprechen gab, mir, ehe ich sterbe, Ruhe zu verleihen und den inneren Trost mich genießen zu lassen. Der Herr sagte mir auch, der Drache sei eben deshalb so wütend gegen mich, weil er ausfindig gemacht habe, dass er nur noch kurze Zeit habe, um mich verfolgen zu können.

17. Da ich nun im Begriff stand, diesen dritten Teil zu schreiben, redete Seine Majestät mich eines Tages an und sprach zu mir mit besonderer Freundlichkeit und Herablassung diese Worte: «Meine Braut und Freundin, ich komme, um deine Leiden zu erleichtern und deine Trübsale zu lindern. Beruhige dich also, meine Taube und ruhe aus in der süßen Versicherung meiner Liebe und in dem Vertrauen auf mein mächtiges und königliches Wort, durch welches ich dich versichere, dass ich es bin, der zu dir redet und der deine Wege nach seinem Wohlgefallen bestimmt hat. Ich bin es, der dich diese Wege führt, ich, der ich zur Rechten meines ewigen Vaters sitze und im Sakramente der Eucharistie unter den Gestalten des Brotes gegenwärtig bin. Diese Versicherung meiner Wahrhaftigkeit gebe ich dir, auf dass du dich beruhigest und Vertrauen fassest. Denn, meine Freundin, ich will dich nicht als meine Sklavin ansehen, sondern als meine Tochter und meine Braut, die ich mir zu meiner Wonne und meiner Freude erkoren habe. Es ist nun genug der Furcht und Bitterkeit, so du gelitten. Es ist nun Zeit. dass Heiterkeit und Ruhe in dein betrübtes Herz zurückkehren.» Es mag sein, dass manche denken, solche Versprechungen und Bürgschaften, welche der Herr so oftmals wiederholte, laden nicht zur Verdemütigung, sondern ausschließlich zum Genuss ein. Und doch ist es wahr, dass sie mein Herz bis in den Staub erniedrigten und mich mit Angst und Sorge hinsichtlich der mir drohenden Gefahr erfüllten. Wer sich eine entgegengesetzte Vorstellung machte, würde zeigen, dass er in solchen Gnadenwirkungen und Geheimnissen des Allerhöchsten wenig erfahren ist. Gewiss ist es, dass ich eine große Veränderung in meinem Inneren und eine merkliche Erleichterung in meinen Beschwerden und den Versuchungen jener ungeordneten Furcht erfahren habe. Aber der Herr ist so weise und so mächtig, dass, wenn er die Seele nach einer Seite hin sicher macht, er sie nach einer andern zur Behutsamkeit aufweckt und sie in eine neue Furcht vor Gefahr und Untergang versetzt, welche sie in der Selbsterkenntnis und in der Demut erhält.

18. Ich kann also sagen, dass der Herr durch diese und andere beständige Gunstbezeigungen mir die Furcht nicht sosehr genommen, als vielmehr geordnet hat. Denn ich lebe beständig in der Furcht, ihm zu missfallen oder ihn zu verlieren und in der Sorge, wie ich ihm dankbar sein, wie ich seiner Treue entsprechen und ihn mit aller Vollkommenheit lieben könne, ihn, der in sich selbst das höchste Gut ist und der nicht nur soviel Liebe, als ich ihm schenke, vollkommen verdient, sondern mehr als ich ihm jemals werde erweisen können. Unter dem Druck dieser Befürchtungen und im Hinblick auf mein großes Elend, meine Not und meine vielen Sünden sprach ich bei einem der Anlässe zu dem Allerhöchsten: «O meine süßeste Liebe, Gebieter und Herr meiner Seele, so viele Versicherungen du mir auch gibst, um mein verwirrtes Herz zu beruhigen, wie kann ich ohne Furcht sein in einem so mühseligen Leben, voll der Versuchungen und Nachstellungen, ich, die ich mehr als irgend ein Geschöpf meinen Schatz in einem schwachen, zerbrechlichen Gefäß trage?» Hierauf antwortete mir der Herr mit väterlicher Güte und sprach zu mir: «Meine vielgeliebte Braut, ich will nicht, dass du die gerechte Furcht, mich zu beleidigen, aufgeben sollest; allein mein Wille ist, dass du dich nicht in ungeordneter Weise verwirrst und so dich hinderst, zur Vollkommenheit und zur höchsten Höhe meiner Liebe zu gelangen. Du hast meine Mutter zum Vorbild und zur Lehrmeisterin. Sie lehrt dich alles. Folge ihr nach! Ich aber helfe dir durch meine Gnade und führe dich den rechten Weg durch meine Leitung. Sage mir, was verlangst du mehr von mir und was verlangst du noch ferner zu deiner Sicherheit und Beruhigung?»

19. Mit aller mir möglichen Demut und Hingabe antwortete ich dem Herrn und sprach: «O mein allerhöchster Herr und Vater, viel und schwer ist es, was du von mir verlangst, obgleich es in Anbetracht deiner unendlichen Güte und Liebe nur meine Schuldigkeit ist, die ich auch gern entrichten will. Allein ich erkenne meine Schwachheit und Unbeständigkeit und darum werde ich mich nicht eher beruhigen, als bis du mir gewährst, dass ich dich auch nicht mit dem leisesten Gedanken und der geringsten Bewegung meiner Seelenkräfte mehr beleidige und dass alle meine Handlungen deinem höchsten Wohlgefallen entsprechen mögen.» Seine Majestät antwortete mir: «Meine beständige Gnadenhilfe wird dir nicht fehlen, wenn du mir nur treu entsprechen wirst. Um dir dies leichter zu machen, werde ich in dir ein Werk tun, würdig der Liebe, die ich zu dir trage. Ich werde zwischen meiner unveränderlichen Wesenheit und deiner Niedrigkeit eine Kette meiner besondern Vorsehung ziehen, wodurch du so gebunden und gehalten wirst, dass, sobald du aus Gebrechlichkeit oder mit Überlegung etwas tun wolltest, was mir missfällt, du eine Kraft verspüren sollst, durch welche ich dich zurückhalten und an mich ziehen werde. Die Wirkung dieser Gnade wirst du von diesem Augenblick an empfinden. Du wirst wie eine Sklavin sein, die man gebunden hat, damit sie nicht entfliehe.»

20. Der Allmächtige hat dieses Versprechen erfüllt zum großen Jubel und Nutzen meiner Seele. Denn unter vielen andern Gunstbezeigungen, die ich empfangen und die ich hier nicht aufführen kann, weil sie nicht zum Gegenstand gehören, war mir keine von so großem Wert wie diese. Ich empfinde sie nicht bloß in den großen, sondern auch in den geringsten Gefahren. Denn wenn ich z. B, aus Nachlässigkeit oder Sorglosigkeit irgend ein Werk oder eine heilige Zeremonie unterlasse, wäre es auch nichts anderes als eine Verneigung im Chor oder das Küssen der Erde, wenn ich in die Kirche eintrete, um den Herrn anzubeten, wie wir es im Orden zu tun pflegen, so fühle ich alsbald eine sanfte Gewalt, die mich anhält, an meinen Fehler mahnt und mich, soweit es von ihr abhängt, nicht die kleinste Unvollkommenheit begehen lässt. Wenn ich bisweilen aus Schwachheit falle so ist diese göttliche Kraft auf der Stelle bei der Hand und verursacht mir einen so großen Schmerz, dass derselbe mir das Herz zerreißt. Dieser Schmerz dient dann als Zügel, wodurch jede ungeordnete Neigung zurückgehalten wird und als ein Sporn, der mich antreibt, alsbald das Heilmittel für den Fehler oder die Unvollkommenheit, die ich begangen, aufzusuchen. Und da den Herrn seine Gaben nicht reuen (Röm 11, 29), so hat Seine Majestät mir nicht nur die, welche ich in dieser geheimnisvollen Kette empfing, niemals mangeln lassen, sondern eines Tages - es war das Fest seines heiligen Namens und seiner Beschneidung - erkannte ich sogar, dass er diese Kette verdreifachte. damit sie weniger leicht zerbreche und mich mit desto größerer Kraft leite. Denn eine dreifache Schnur wird, wie der Weise sagt, nicht leicht zerrissen (Koh 4, 12). So vieler Hilfe bedurfte meine Schwachheit, um von den vielen ungestümen und schlauen Versuchungen nicht besiegt zu werden, welche die alte Schlange gegen mich ins Werk setzte.

21. Diese Versuchungen wurden in eben jener Zeit noch größer. ungeachtet der erwähnten Wohltaten und Befehle des Herrn. ungeachtet des Gehorsams, den meine Oberen mir auftrugen. und mehrerer anderer Umstände. die ich hier nicht nenne. Ich zauderte nochmals, den letzten Teil dieser Geschichte zu unternehmen, weil ich aufs neue die Wut der Mächte der Finsternis empfand, die mich niederzuwerfen und zu erdrücken strebten. Ich kann dies nicht besser ausdrücken, als wie ich es selbst empfand, nämlich mit den Worten des hl. Johannes im 12. Kapitel der Geheimen Offenbarung: «Der große und rote Drache ergoss aus seinem Mund einen Strom von Wasser gegen jene himmlische Frau, welche er verfolgte, seit er sich empört hatte und aus dem Himmel verstoßen worden war; und da er sie nicht verderben, ja nicht einmal antasten konnte, so kehrte er sich in seinem Zorn gegen die übrigen von dem Samen dieser großen Herrin, welche bezeichnet sind mit dem Zeugnis Jesu Christi in seiner Kirche (Offb 12,15 ff).» Zu der Zeit, von welcher ich rede, wendete diese alte Schlange aufs heftigste ihren Zorn gegen mich, indem sie mich verwirrte und mich, soviel sie konnte, dazu antrieb, verschiedene Fehler zu begehen, die mich an der von mir geforderten Reinheit des Lebens hinderten und mich abhielten, das zu schreiben, was mir aufgetragen worden war. Während dieser Kampf in meinem Innern fortdauerte, kam der Tag, an welchem wir das Fest des heiligen Schutzengels feiern, nämlich der erste März. Ich befand mich zur Matutin im Chor. Da hörte ich plötzlich ein großes Geräusch oder Getümmel, so dass ich in eine ehrerbietige Furcht geriet und mich auf das Angesicht zur Erde niederwarf. Alsbald sah ich eine große Zahl von Engeln, welche den ganzen Raum im Chor erfüllten und in deren Mitte einen, der besonders glänzend und schön, wie auf einer Estrade oder einem Richterstuhl Platz nahm. Ich vernahm sofort, dass es der heilige Erzengel Michael sei. Zugleich teilten mir die Engel mit, der Allerhöchste habe sie mit besonderer Vollmacht und Gewalt gesendet, um über meine Nachlässigkeiten und Sünden Gericht zu halten.

22. Ich wollte mich zur Erde niederwerfen, um vor diesen meinen erhabenen Richtern meine Fehler in aller Demut und unter Tränen zu bekennen. Allein da ich mich in Gegenwart der Ordensfrauen befand, so wagte ich nicht, durch leibliches Prosternieren etwas merken zu lassen, sondern ich tat innerlich, soviel ich vermochte, indem ich meine Sünden bitterlich beweinte. Unterdessen bemerkte ich, wie die heiligen Engel also zueinander sprachen: «Diese Kreatur ist unnütz, langsam und wenig eifrig in Erfüllung dessen, was der Allerhöchste und unsere Königin ihr auftragen. Sie kommt nicht zu dem Entschluss, den Wohltaten derselben und den beständigen Erleuchtungen, die sie durch unsere Vermittlung empfängt, Glauben zu schenken. Berauben wir sie aller ihrer Wohltaten, denn sie wirkt mit denselben nicht mir, sie strebt nicht so rein und vollkommen zu sein, wie der Herr sie lehrt, und schreibt auch nicht das Leben ihrer heiligsten Mutter zu Ende, wie es ihr doch so oft befohlen worden ist. Wenn sie sich nicht bessert, so ist es nicht gerecht, dass sie so viele und große Wohltaten und einen Unterricht von solcher Heiligkeit empfange.» Da ich diese Reden hörte, betrübte sich mein Herz, und meine Trauer steigerte sich. Voll Beschämung und Reue redete ich in bitterstem Schmerz zu den heiligen Engeln und versprach ihnen. mich von meinen Fehlern zu bessern, müsste ich auch sterben, um dem Herrn und seiner heiligsten Mutter zu gehorchen.

23. Nach solcher Demütigung und diesem Versprechen mäßigten die englischen Geister ein wenig die Strenge, weIche sie mir gezeigt hatten. Sie antworteten mir in mehr sanfter Weise und versicherten mich, wenn ich fleißig erfüllte, was ich versprochen, so würden sie mir stets mit ihrer Gunst und ihrem Schutze beistehen, mich als ihre Vertraute und Genossin zulassen und mit mir verkehren, wie sie untereinander verkehrten. Ich dankte ihnen für diese Wohltat und bat sie, in meinem Namen ein Gleiches dem Allerhöchsten gegenüber zu tun. Sie verschwanden mit der Mahnung, dass ich sie zum Danke für die mir gebotene Wohltat in der Reinheit nachahmen müsse, indem ich keinerlei Sünde oder Unvollkommenheit mit Überlegung begehe. An diese Bedingung war jenes Versprechen geknüpft.

24. Nach allen diesen und vielen anderen Vorgängen, die ich nicht zu erwähnen brauche, wurde ich in demselben Grad demütiger, als ich mich getadelt und auch wirklich undankbar und so vieler Wohltaten, Ermahnungen und Aufträge unwürdig erblickte. Voll Beschämung und Schmerz überdachte ich bei mir selbst, dass ich jetzt weder Ausrede noch Vorwand habe, dem göttlichen Willen in all den Dingen, die ich erkannte, und die für mich so wichtig waren, zu widerstehen. Ich fasste also den wirksamen Entschluss, das Aufgetragene zu erfüllen oder darüber zu sterben, und ging daran, ein kräftiges, sinnenfälliges Mittel ausfinding zu machen, welches mich in meiner großen Unachtsamkeit aufwecke und antreibe und mich so rechtzeitig warne, dass ich womöglich in meinem Tun keinerlei unvollkommene Regung zulasse und in allem das tue, was das Heiligste und Wohlgefälligste in den Augen des Herrn ist. Da nahm ich meine Zuflucht zu meinem Beichtvater und Obern und bat ihn mit möglichster Unterwürfigkeit, aber auch mit aller Aufrichtigkeit, er möge mich auf das strengste zurechtweisen und mich verpflichten, vollkommen und auf alles bedacht zu sein, was mehr dem göttlichen Willen entspricht, und dass ich unbedingt ins Werk setze, was die göttliche Majestät von mir verlange. Wirklich war derselbe auch in diesem Geschäft äußerst sorgfältig, indem er eingedenk war, dass er Gottes Stelle an mir vertrete, und weil er Gottes heiligen Willen über mich und den Weg, den ich zu gehen hatte, vollkommen kannte. Allein wegen öfterer Abwesenheit, wozu ihn seine Obliegenheiten als Ordensmann und Oberen verpflichteten, konnte er mir nicht immer nahe sein und helfen, und so beschloss ich, mich an eine Mitschwester, welche mir bisweilen beigestanden hatte, zu wenden und sie zu bitten, mich von Zeit zu Zeit durch einige Worte des Tadels, der Erinnerung oder der Warnung aufzuwecken und anzuregen, Alle diese Mittel und noch mehrere andere wendete ich an in dem brennenden Verlangen, dem Herrn, seiner heiligsten Mutter, meiner Lehrmeisterin, und den heiligen Engeln zu gefallen; denn sie alle hatten ja ein und dasselbe Verlangen. dass ich nämlich zur größten Vollkommenheit fortschreite.

25. Inmitten dieser Sorge widerfuhr es mir eines Nachts, dass mein Schutzengel mir mit besonderer Freundlichkeit erschien und zu mir sprach: «Der Allerhöchste will deinem Verlangen willfahren und beauftragt mich, dir den Dienst zu leisten, für dessen Ausführung du mit so ängstlicher Sorge jemand suchst. Ich werde dein treuer Freund und Gefährte sein, um dich von der Gefahr zu benachrichtigen und deine Aufmerksamkeit zu wecken. Zu diesem Zweck wirst du mich, wie jetzt, so in jeder Zeit und Gelegenheit dir gegenwärtig fühlen, wo immer du mit dem Verlangen, deinem Herrn und Bräutigam besser zu gefallen und ihm vollkommene Treue zu bewahren, deine Augen zu mir erheben wirst. Ich werde dich lehren, ihn ununterbrochen zu preisen. Du wirst mit mir abwechselnd sein Lob verkünden. Ich werde dir neue Geheimnisse und Schätze seiner Größe offenbaren. Ich werde dir eine ganz besondere Erkenntnis seines unveränderlichen Wesens und seiner göttlichen Vollkommenheiten mitteilen. Wenn du bei einer Beschäftigung, die dir der Gehorsam oder die Liebe auferlegen, durch irgend eine Nachlässigkeit dich bei äußerlichen und irdischen Dingen aufhältst. so werde ich dir zurufen und dich erinnern. auf den Herrn aufmerksam zu sein. Ich werde dir zu diesem Zweck das eine oder andere Wort und besonders oft das Folgende zurufen: «Wer ist wie Gott, der in den Höhen wohnt und in denjenigen. die demütigen Herzens sind!» Zu anderen Malen werde ich dir ins Gedächtnis rufen, welche Wohltaten du von der Hand des Allerhöchsten empfangen hast und was du seiner Liebe dafür schuldest. Wieder andere Male werde ich dich auffordern. ihn zu betrachten und dein Herz zu ihm zu erheben. Du aber musst diese Erinnerungen mit willigem Ohr vernehmen und meinen Weisungen unverweilt gehorchen.»

26. «Eine Gunst, welche du unter vielen andern Gnaden von der freigebigsten Güte Gottes empfangen, aber bisher nicht gekannt hast, will dir der Herr nicht länger verbergen, auf dass du ihm von nun an dafür dankest. Diese Gnade besteht darin, dass ich einer von jenen tausend Engeln bin. welche unserer großen Königin während ihres Erdenlebens als Schutzengel dienten: und zwar bin ich einer von denen, welche ihren wunderbaren und heiligen Namen als Abzeichen tragen. Siehe auf mich, und du wirst diesen Namen auf meiner Brust erblicken.» Ich blickte auf und sah zu meinem Trost und zum Jubel meiner Seele. wie der Engel diesen Namen in großem Glanze auf der Brust geschrieben trug. Darauf fuhr der heilige Engel fort und sprach: «Auch lässt dir der Herr durch mich sagen, dass von diesen tausend Engeln nur in sehr seltenen Fällen einer zum Schutzengel anderer Seelen bestimmt worden ist. Und diejenigen, welche wir bis jetzt behütet haben, waren alle von der Zahl der Auserwählten, keine einzige war von der der Verdammten. Bedenke darum, o Seele, wie sehr du verpflichtet bist, dafür zu sorgen, dass diese Ordnung nicht unterbrochen werde. Denn wenn du trotz dieser Wohltat dich zugrunde richtetest, so würde deine Strafe und Züchtigung eine der strengsten von allen Verworfenen sein, und du würdest als eines der unglücklichsten und undankbarsten unter den Kindern Adams erfunden werden. Dass du mit dieser Wohltat ausgezeichnet worden bist, durch mich bewacht zu werden, der ich zu den Beschützern der seligsten Jungfrau Maria, unserer großen Königin und der Mutter unseres Schöpfers gehöre, dies geschah auf Anordnung der allerhöchsten Vorsehung. Denn da du im Geiste Gottes unter allen Sterblichen auserwählt bist, das Leben seiner allerheiligsten Mutter zu schreiben und nachzuahmen, so hat er mich, als unmittelbaren Zeugen ihrer hochheiligen Werke und Auszeichnungen, dazu bestimmt, dich in allem zu unterrichten und dir in allem beizustehen.»

27. «Dieses Amt wird zwar hauptsächlich diese große Herrin selbst versehen. Aber ich werde dir die notwendigen Erkenntnisbilder eingeben, um dasjenige, was die göttliche Meisterin dich gelehrt hat, auszudrücken. Auch werde ich dir noch andere Erkenntnisse mitteilen, welche der Allerhöchste für dich bestimmen wird, damit du mit größerer Leichtigkeit die Geheimnisse, welche Maria dir geoffenbart hat, niederschreiben könnest. Alles dieses weißt du wohl aus Erfahrung, aber du kennst noch nicht die Ordnung und das verborgene Geheimnis dieser göttlichen Vorsehung und weißt nicht, dass der Herr in besonderer Fürsorge für dich mich beauftragte, mit sanfter Gewalt dich anzutreiben, seiner heiligsten Mutter und unserer Königin nachzufolgen und ihre Lehre getreu zu beobachten. Diesen Auftrag werde ich von nun an mit mehr Nachdruck und Wirksamkeit erfüllen. Entschließe dich also im Hinblick auf diese ausgezeichnete Wohltat recht dankbar und treu zu sein, und jenem hohen und erhabenen Grad der Vollkommenheit zuzuwandeln, der von dir verlangt und dir gezeigt wird. Aber wisse, dass, wenn du auch zur Vollkommenheit der höchsten Seraphim gelangt sein solltest, du in Ansehung einer so reichlichen und freigebigen Barmherzigkeit, die Gott an dir geübt, noch um vieles im Rückstand und seine Schuldnerin sein wirst. Das neue Leben, welches der Herr von dir verlangt, ist in der Lehre enthalten und vorgezeichnet, die du von unserer großen Königin und Herrin empfängst, insbesondere in dem, was du in diesem dritten Teil erfahren und niederschreiben wirst. Höre es mit Unterwürfigkeit des Herzens, danke dafür mit Demut und erfülle es mit Fleiß und Sorgfalt. Wenn du dies tust, so wirst du glücklich und selig werden.»

28. Andere Dinge, welche mir der heilige Engel erklärte, gehören nicht zum vorliegenden Gegenstand. Das in dieser Einleitung Niedergelegte habe ich gesagt, um wenigstens zum Teil das Verfahren zu erkennen zu geben, welches der Herr mit mir beobachtete, um mich zu verpflichten, diese Geschichte zu schreiben, sowie auch, damit man einigermaßen die Absichten erkenne, welche seine Weisheit hegte, indem sie mir zu schreiben befahl. Denn diese beziehen sich nicht bloß auf mich, sondern auf alle diejenigen, welche nach der Frucht dieser Wohltat Verlangen tragen, als nach einem mächtigen Mittel. um die Gnade unserer Erlösung in sich wirksam zu machen. Ebenso wird man sich durch das Gesagte überzeugen, dass die christliche Vollkommenheit nicht erreicht wird ohne große Kämpfe mit dem Satan und ohne eine ununterbrochene Anstrengung in Besiegung und Unterjochung der Leidenschaften und bösen Neigungen unserer verdorbenen Natur. Dem Gesagten will ich noch folgendes beifügen: Als ich mich anschickte, diesen dritten Teil zu beginnen, redete mich die göttliche Mutter und Lehrmeisterin an und sprach mit freundlichem Angesicht zu mir: «Mein ewiger Segen und der Segen meines allerheiligsten Sohnes komme über dich, auf dass du dasjenige, was sich von meinem Leben noch erübrigt. schreibst und es mit der Vollkommenheit, welche wir von dir verlangen, im Werke erfüllst. Amen.»

SIEBTES BUCH

Die heiligste Jungfrau als Patronin und Lehrmeisterin der Kirche. Sendung des Heiligen Geistes. Die ersten Predigten der Apostel. Verfolgung der Kirche. Bekehrung des heiligen Paulus. Maria erscheint dem heiligen Jakobus in Saragossa.

ERSTES HAUPTSTÜCK: Die heiligste Jungfrau kehrt vom Himmel zurück, um die neugegründete Kirche durch ihren Beistand zu befestigen

Nachdem unser Erlöser Jesus Christus sich zur Rechten des ewigen Vaters gesetzt, steigt die seligste Jungfrau vom Himmel zur Erde hernieder, um auf derselben die neue Kirche durch ihren Beistand und ihre Unterweisung zu befestigen.

1. Den zweiten Teil dieser Geschichte habe ich glücklich beendet, indem ich unsere große Königin, die seligste Jungfrau, im Speisesaal und im Himmel verließ, an letzterem Ort sitzend zur Rechten ihres göttlichen Sohnes, dabei aber durch die wunderbare Art von Bilokation, welche Gott, wie gesagt, ihrem heiligsten Leibe verliehen hatte, an beiden Orten gegenwärtig. Denn um seine glorreiche Himmelfahrt desto wunderbarer zu machen, nahm ihr göttlicher Sohn sie mit sich hinauf, um sie von den unaussprechlichen Belohnungen, welche sie bis dahin verdient hatte, Besitz ergreifen zu lassen und ihr den Ort zu bezeichnen, welchen er ihr im Hinblick auf ihre vergangenen und noch ferner zu erwerbenden Verdienste von Ewigkeit her bereitet hatte. Ich erwähne auch, dass die allerheiligste Dreifaltigkeit es der freien Wahl dieser göttlichen Mutter anheimstellte, auf die Welt zurückzukehren, um die ersten Kinder der Kirche des Evangeliums zu trösten und dieser selbst festen Bestand zu geben, oder gleich auf ewig in dem höchst glücklichen Stand ihrer Glorie zu verbleiben, ohne dessen Besitz, in welchen sie bereits eingewiesen worden war, noch für einige Zeit zu verlassen. Wegen ihrer Liebe zu diesem unvergleichlichen Geschöpf neigten die drei göttlichen Personen, unter der Bedingung allerdings, ihr die Freiheit der Wahl zu lassen, dahin, sie in dem Meer von Glorie, worin sie versenkt war, zu erhalten und sie nicht wieder auf die Welt und unter die verbannten Kinder Adams zurückkehren zu lassen. Es schien dies die Gerechtigkeit zu fordern. Das Leiden und der Tod ihres Sohnes hatten die Welterlösung bereits bewirkt. Maria hatte in aller nur möglichen Ausdehnung und Vollkommenheit dazu mitgewirkt. Ferner hatte der Tod keinerlei Recht auf sie. Nicht allein wegen der Todesschmerzen, welche sie, wie ich an seiner Stelle berichtete, bei der Kreuzigung unseres Erlösers Jesu Christi bereits gelitten hatte, sondern auch deshalb, weil diese große Königin nie weder dem Tod, noch dem Satan, noch der Sünde tributpflichtig gewesen und somit das gemeinsame Gesetz der Kinder Adams (Hebr 9, 27) auf sie nicht anwendbar war. Daher war es, um nach unserer Auffassungsweise zu sprechen, der Wunsch des Herrn, dass Maria nicht sterbe wie die übrigen Adamskinder, sondern dass sie auf einem andern Weg vom Stane einer Erdenpilgerin zu dem einer Beseligten, von der Sterblichkeit zur Unsterblichkeit übergehe. Sie, die auf Erden nie eine Sünde begangen, um derentwillen sie den Tod verdient hätte, sollte auch auf Erden nicht sterben. Und auch im Himmel hätte sie der Allerhöchste von einem Stand zum andern erheben können.

2. Andererseits aber drängten die Liebe und Demut diese bewunderungswürdig zärtliche Mutter, auf die Erde zurückzukehren, um ihren Kindern beizustehen und den Namen des Allerhöchsten in der neuen Kirche kennen zu lehren und verherrlichen zu helfen. Sie wünschte auch eine große Zahl von Personen durch ihren Zuspruch und ihre Fürbitte zum Bekenntnis des Glaubens anzuziehen, sowie ihre Kinder und Brüder aus dem menschlichen Geschlecht nachzuahmen, indem sie gleich ihnen auf Erden stürbe, obwohl sie, weil ohne Sünde, diesen Zoll nicht schuldete. Überdies erwog sie in ihrer Weisheit und Klugheit mit Recht, dass es ja vorteilhafter sei, noch mehr Belohnung in der ewigen Glorie zu verdienen, als dieselbe schon einige Zeit früher zu besitzen, aber ohne Hoffnung, dieselbe durch Verdienste vermehren zu können: eine demutsvolle Weisheit, welche ihr sogleich einen neuen Lohn verdiente. Denn der ewige Vater offenbarte nun allen Bewohnern des Himmels, einerseits, was Seine Majestät gewünscht, und andererseits, was die seligste Jungfrau zum Wohl der streitenden Kirche und zur Hilfe der Gläubigen erwählt hatte. So erkannten alle Bewohner des Himmels eine Wahrheit, die auch wir auf Erden wohl zu Herzen nehmen dürfen. Wie nämlich der ewige Vater nach den Worten des heiligen Johannes die Welt so sehr geliebt hat, dass er seinen Eingeborenen dahingab, um sie zu erlösen, so gab er jetzt seine Tochter, die seligste Jungfrau Maria, dahin, indem er sie vom Himmel auf die Erde zurücksandte, um die von Jesus Christus gestiftete Kirche zu befestigen. Und zu demselben Zweck gab auch Gott der Sohn seine liebevollste und geliebteste Mutter, und der Heilige Geist seine süßeste Braut dahin. Diese Wohltat fand überdies unter Umständen statt, welche dieselbe noch um vieles erhöhten. Sie erfolgte nämlich bald nach jenen Widrigkeiten, welche unser Erlöser Jesus Christus in seinem Leiden und Sterben erfahren und welche die Welt einer solchen Gunst noch unwürdiger gemacht hatten. O unendliche Liebe. O unermessliche Güte, wie offenbart sich hier, dass selbst die vielen Wasser unserer Sünden nicht imstande sind, dich auszulöschen!

3. Nachdem die seligste Jungfrau drei volle Tage mit Leib und Seele zur Rechten ihres Sohnes und Gottes im Himmel geweilt und die Zustimmung erhalten hatte, auf die Erde zurückzukehren, stieg sie mit dem Segen der allerheiligsten Dreieinigkeit vom höchsten Himmel zur Erde nieder. Die göttliche Majestät bestimmte zu ihrer Begleitung eine unzählbare Menge von Engeln, welche aus allen Chören ausgewählt waren. Viele gehörten zu den höchsten Seraphim, die dem Throne der Gottheit am nächsten stehen. Es umfing sie sofort eine Wolke oder Kugel von höchst glänzendem Licht, welche ihr als eine kostbare Sänfte diente und von den Seraphim getragen wurde. Der menschliche Verstand ist in diesem sterblichen Leben unfähig, sich die Schönheit und den Glanz vorzustellen, womit diese göttliche Mutter und Königin dahinzog. Und es ist gewiss, dass natürlicherweise kein lebendes Wesen sie hätte anblicken können, ohne zu sterben. Daher musste der Allerhöchste, als sie im Speisesaal ankam, ihren Glanz vor denjenigen, welche ihrer ansichtig wurden, so lange verhüllen, bis das Licht, welches sie austrahlte, sich gemäßigt hatte. Dem heiligen Johannes dem Evangelisten allein war es gestattet, die Königin des Himmels in der Stärke und Fülle des Glanzes zu sehen, wovon sie infolge der Glorie, die sie gekostet hatte, überströmte. Es begreift sich dies sehr wohl von der Schönheit und Anmut dieser Königin des Himmels, als sie vom Throne der allerheiligsten Dreieinigkeit herniederstieg, da ja selbst das Antlitz des Moses nach seinem Gespräche mit Gott auf dem Berge Sinai, wo er das Gesetz empfangen, so lebhafte Strahlen verbreitete, dass die Israeliten sie nicht ertragen und ihn nicht unverhüllt anschauen konnten. Zudem sind wir nicht einmal vergewissert, dass dieser Prophet damals eine klare Anschauung Gottes hatte. Und sollte er sie wirklich gehabt haben, so ist es gewiss, dass dieselbe unvergleichlich tief unter jener stand, deren sich die seligste Gottesmutter erfreute.

4. Unsere erhabene Herrin erschien also im Speisesaal zu Jerusalem als die Stellvertreterin ihres göttlichen Sohnes in der neugegründeten Kirche. Sie war für dieses Amt mit einer solchen Fülle himmlischer Gaben ausgerüstet, dass sie die Engel mit höchster Bewunderung erfüllte und die Heiligen gewissermaßen verdunkelte, denn sie war ein lebendiges Abbild Jesu Christi, unseres Herrn und Erlösers. Sie trat aus der Lichtwolke, in welcher sie gekommen war, heraus, und ohne dass diejenigen, welche sich im Speisesaal befanden, etwas bemerkten, kehrte sie wieder in ihren natürlichen Zustand zurück, insofern sie sich jetzt wieder bloß an diesem einen Ort befand. Unverzüglich warf sich die Lehrmeisterin der Demut zur Erde nieder und, indem sie sich bis in den Staub erniedrigte, sprach sie: «O höchster Gott und mein Herr! Siehe hier mich armseligen Wurm der Erde, aus der ich gebildet wurde, als deine freigebigste Güte mich aus dem Nichts ins Dasein rief. Ich anerkenne desgleichen, o ewiger Vater, dass es nur deine unaussprechliche Herablassung war, die mich ohne mein Verdienst aus dem Staube zur Würde einer Mutter deines eingebornen Sohnes erhoben hat. Von meinem ganzen Herzen lobe und erhebe ich deine unendliche Güte für eine so große Gnade, und zum Danke für so viele Wohltaten bringe ich mich dir dar, um aufs neue in diesem sterblichen Leben auszuharren und alles zu leiden, was dein heiligster Wille mir schicken wird. Ich opfere mich als eine getreue Magd dir und den Kindern der heiligen Kirche auf. Ich stelle dieselben insgesamt deiner unendlichen Liebe vor und bitte dich, o Herr, vom Grunde meines Herzens, sie als ein Gott und Vater voll der Güte anzuschauen. Ich weihe dir für sie das Opfer, das ich bringe, indem ich mich des Genusses deiner Glorie und der Ruhe in dir beraube, um ihnen zu dienen, und indem ich freiwillig erwähle, ferne von deiner Anschauung zu leiden, um mich einem Werke zu widmen, das dir so wohlgefällig ist.»

5. Hierauf nahmen die heiligen Engel, welche als die Begleiter ihrer Königin vom Himmel gekommen waren, von ihr Abschied und kehrten zum Himmel zurück, indem sie der Erde zum Wiederbesitz derjenigen Glück wünschten, welche sie als ihre Königin und Herrin verehrten. Ich bemerke hier, dass diese Himmelsfürsten, während ich diese Zeilen schrieb, mich darüber zur Rede stellten, warum ich in dieser Geschichte der seligsten Jungfrau nicht öfter den Titel einer «Königin der Engel» gebe. Sie sagten mir, dass es ihnen große Freude mache, wenn man ihr diesen Namen gebe, und empfahlen mir ernstlich, meine Saumseligkeit in diesem Punkte in Zukunft zu vermeiden. Ich werde also fortan, um ihnen zu gehorchen und zu gefallen, der seligsten Jungfrau oftmals diesen Ehrentitel geben. Meine Erzählung wieder aufnehmend, sage ich, dass die göttliche Mutter während der ersten drei Tage, die sie nach ihrer Herabkunft vom Himmel im Speisesaal zubrachte, sich von allem Irdischen sehr abgezogen fand, indem sie sich noch des Nachgeschmackes der himmlischen Wonne und der Wirkung der Glorie erfreute, die sie in den drei vorhergegangenen Tagen gekostet hatte. Der heilige Evangelist Johannes allein unter allen Sterblichen hatte damals Kenntnis von diesem geheimnisvollen Vorgang. Es wurde ihm nämlich in einer Vision geoffenbart, wie die Königin der Engel mit ihrem göttlichen Sohn zum Himmel aufgefahren sei, und er sah sie dann von dort wieder zurückkehren in der Herrlichkeit und Gnadenfülle, womit sie die Kirche bereichern sollte. Durch die Bewunderung, welche ein so großes Geheimnis in ihm hervorrief, war dieser Heilige während zweier Tage wie außer sich. Und da er wusste, dass die allerseligste Jungfrau vom Himmel herabgestiegen sei, brannte er vor Begierde, sie zu sprechen, wagte jedoch nicht, dies aus eigenem Antrieb zu tun.

6. Beinahe einen ganzen Tag lang schwankte der Liebesjünger zwischen dem Drang feuriger Liebe und den Befürchtungen der Demut hin und her. Endlich jedoch seiner Kindesliebe den Sieg überlassend, beschloss er. sich zu der göttlichen Mutter in den Speisesaal zu begeben. Indes hielt er im Weggehen nochmals an und sprach bei sich selbst: «Wie werde ich es wagen dürfen, meinen Wunsch auszuführen, wenn ich nicht vorher den Willen des Allerhöchsten und den Willen meiner Herrin kenne? Allein mein Herr und Meister hat sie mir zur Mutter gegeben. Er hat mir den Titel und die Pflichten eines Sohnes übertragen. Es ist also meine Pflicht, ihr zu dienen und beizustehen. Jedenfalls ist mein Verlangen ihr nicht unbewusst, und ich glaube nicht, dass sie es missbilligt - sie ist ja überaus mitleidsvoll und sanftmütig. Sie wird mir verzeihen. Ich gehe, mich ihr zu Füßen zu werfen.» Ermutigt durch diese Gedanken, trat der heilige Evangelist in den Speisesaal, wo sich die Königin des Himmels mit den anderen Gläubigen im Gebet befand. Sobald er seine Augen erhoben hatte und sie erblickte, fiel er mit dem Angesicht zur Erde, indem er eine ähnliche Wirkung empfand wie die, welche er selbst und die zwei andern Apostel auf dem Tabor erfahren hatten, als unser Herr vor ihren Augen verklärt ward. Denn der Glanz, welchen der heilige Johannes auf dem Antlitz seiner heiligsten Mutter sah, war demjenigen unseres Herrn sehr ähnlich. Da nun das Bild der Erscheinung Mariä, wie sie vom Himmel herabstieg, noch in ihm fortdauerte und der Eindruck ihrer Gegenwart mit seiner noch größeren Gewalt hinzukam, so geschah es, dass er zu Boden fiel. Vor Bewunderung und Entzücken außer sich, blieb er so ungefähr eine Stunde lang, ohne sich erheben zu können, brachte aber indes Gott und der seligsten Jungfrau die tiefsten Huldigungen dar. Es könnte scheinen, dass dies die übrigen Apostel und Jünger, die im Speisesaal zugegen waren, befremden musste. Jedoch dies geschah nicht und zwar aus dem Grunde, weil die ersten Gläubigen nach dem Vorbild und der Anweisung des göttlichen Meisters und der seligsten Jungfrau zur Zeit, als sie die Herabkunft des Heiligen Geistes erwarteten, sich oftmals in Kreuzesform zur Erde warfen und so stundenlang im Gebet verharrten.

7. Da nun der heilige Apostel so demütig am Boden lag, näherte sich ihm die mitleidsvollste Mutter, richtete ihn auf und, indem sie sich ihm mehr auf natürliche Weise zeigte, warf sie sich selbst auf die Knie und sprach zu ihm: «Mein Herr und mein Sohn! du weißt, dass ich mich in all meinem Tun und Lassen gemäß deiner Leitung zu verhalten habe, weil du an mir die Stelle meines göttlichen Sohnes und Herrn vertrittst. Ich bitte dich nun aufs neue und sehr inständig, es so mit mir zu halten wegen des großen Trostes, den ich darin finde, zu gehorchen.» Der demütige Apostel, ganz beschämt durch diese Worte, zumal nach dem, was er soeben von Maria gesehen und erkannt hatte, warf sich von neuem vor ihr nieder, erklärte sich für ihren Sklaven und bat sie, ihn in allen Dingen zu leiten und regieren. Er bestand auf seiner Bitte, bis er, besiegt durch die Demut unserer Königin, ihrem Willen beipflichtete und sich aus Gehorsam selbst darein gab, sie ihrem Wunsche nach zu leiten. Es war dies für ihn das Weiseste, was er tun konnte. Für uns aber ist es ein Beispiel, das in hohem Grad geeignet ist, unseren Stolz zu beschämen und uns ihn bändigen zu lehren. Wenn wir Anspruch darauf machen, Kinder und Verehrer dieser Mutter und Lehrerin der Demut zu sein, so ist es billig und recht, dass wir ihr Beispiel nachahmen, Was unseren heiligen Evangelisten betrifft, so wurden seine Geistes- und Seelenkräfte von den Eindrücken, welche diese Erscheinung auf ihn machte, so tief durchdrungen, dass sie ihm sein ganzes Leben lang gegenwärtig blieb. Als er Maria in der Vision vom Himmel herabsteigen sah, brach er in große Verwunderung aus. Die Erkenntnisse, die er hier in Bezug auf Maria empfing, sind es, welche er später in der Geheimen Offenbarung, besonders im 21, Kapitel, niedergelegt hat. Doch hiervon werde ich im folgenden Hauptstücke reden.

LEHRE welche mir die große Königin und Herrin der Engel gegeben hat

8. Meine Tochter, ich habe dir schon so oft wiederholt, du mögest dich von allem Sichtbaren und Irdischen freimachen und dir selbst in allem, was du von einer Tochter Adams an dir hast, absterben. Es ist dies die Lehre, welche ich dir unablässig eingeschärft habe, und welche du auch im ersten und zweiten Teil meines Lebens niedergelegt hast. Nunmehr ersuche ich dich mit einer verdoppelten mütterlichen Zärtlichkeit und lade dich ein im Namen meines göttlichen Sohnes, in meinem eigenen Namen und im Namen der Engel, die dich gleichfalls sehr lieben, alle irdischen Dinge zu vergessen und ein neues, erhabeneres Leben zu beginnen, ein Leben, das der ewigen Glückseligkeit möglichst nahe kommt. Ich will, dass du dich ganz und gar von Babylon entfernest, den Täuschungen und Eitelkeiten, wodurch deine Feinde dir nachstellen, ein für allemal entsagst und dich der heiligen Stadt des himmlischen Jerusalem näherst, um in ihren Vorhallen Wohnung zu nehmen. Dort sollst du dich ganz und gar nur damit befassen, in wahrer Vollkommenheit mein Beispiel nachzuahmen. um auf diese Weise mit dem Beistand der göttlichen Gnade zur innigsten Vereinigung mit meinem Herrn, deinem göttlichen und höchst getreuen Bräutigam, zu gelangen. Höre also, meine Tochter, mit freudiger Hingabe und bereitwilligem Herzen meine Stimme! Folge mit feurigem Eifer mit nach und erneuere dein Leben nach dem Bilde, das du von dem meinigen entwirfst. Betrachte was ich getan habe, nachdem ich von der Rechten meines Sohnes zur Erde zurückgekehrt war. Dringe durch aufmerksame Betrachtung in meine Werke ein, auf dass du nach dem Maß der Gnade. die du empfangen wirst, dasjenige, was du erkennst und niederschreibst, in deiner Seele abbilden mögest. Der göttliche Beistand wird dir nicht fehlen, wenn du dich seiner nicht durch deine Nachlässigkeit unwürdig machst, denn der Allerhöchste verweigert denselben niemals denjenigen, welche das Ihrige tun, um sein heiligstes Wohlgefallen zu erfüllen. Bereite also dein Herz und erweitere es. Belebe deinen Willen, reinige deinen Verstand, entledige deine Seelenkräfte von allen Bildern der sichtbaren Geschöpfe, damit keines dich behindere oder zur geringsten Unvollkommenheit verleite. So wirst du befähigt sein, dass der Allerhöchste die Schätze seiner verborgenen Weisheit in dir niederlege.So wirst du bereit und tauglich sein, mit Hilfe dieser Weisheit alles das zu tun, was unseren Augen das Wohlgefälligste ist, denn das ist es, was wir dich lehren.

9. Dein Leben muss von heute an so sein, wie wenn du, dem früheren Leben abgestorben, vom Tode auferweckt wärest, um ein neues Leben zu beginnen. Und gleichwie jemand, dem eine solche außerordentliche Gnade zuteil würde, ganz erneuert erscheinen und sich inmitten alles dessen, was er kurz vorher noch liebte, als Fremdling betrachten und nach Gesinnungen, Neigungen und Handlungsweise ganz und gar verändert sein würde, so, meine Tochter, und in noch höherem Grade will ich, dass du von nun an gleichsam wiedergeboren und erneuert seiest. Denn du musst jetzt leben. als fingest du an, durch die Wirksamkeit der göttlichen Allmacht an den Gaben der Glorie in der Weise teilzunehmen, wie es dir jetzt möglich ist. Um aber diese göttlichen Wirkungen in dir zu erfahren, musst du dazu mitwirken. Durch eine heilige Freiheit des Geistes soll dein Herz wie eine wohlgeglättete Tafel sein, auf die der Allerhöchste mit seinem göttlichen Finger schreiben und zeichnen kann, was ihm beliebt, oder auch wie weiches Wachs, in welches er das Siegel meiner Tugenden einprägen kann. Der Herr will. dass du in seiner allmächtigen Hand ein geeignetes Werkzeug seiest, um seinen heiligen und vollkommenen Willen auszuführen, ein Werkzeug aber widersteht in keiner Weise der Hand des Künstlers; und hat es einen Willen, so bedient es sich desselben nur, um sich bewegen zu lassen. Mut also, meine vielgeliebte Tochter. Komm, wohin ich dich rufe! Wisse, dass, wenn es Gott dem höchsten Gute eigen ist, sich zu jeder Zeit seinen Geschöpfen in Gnade mitzuteilen, dieser gütigste Vater der Barmherzigkeit doch in den gegenwärtigen Zeitläuften ganz besonders seine freigebige Güte gegen die Sterblichen offenbaren will. Denn die Zeit, die ihnen gewährt ist, geht zu Ende, und es sind ihrer nur wenige, die sich dazu bereiten mögen. die Gaben seiner allmächtigen Hand zu empfangen. Versäume also ja nicht, o Tochter, eine so günstige Gelegenheit. Folge, ja eile mir nach in meinen Fußstapfen. Betrübe nicht den Heiligen Geist, indem du zögerst, während ich dich mit zärtlicher Mutterliebe zu einem so großen Glück und zu einem so erhabenen Unterricht der Vollkommenheit einlade.

ZWEITES HAUPTSTÜCK: Erklärung des 21. Kapitels der Geheimen Offenbarung

Der heilige Evangelist Johannes spricht im einundzwanzigsten Kapitel der Geheimen Offenbarung ausdrücklich von dem Gesicht, worin er die seligste Jungfrau vom Himmel herabsteigen sah.

10. Zu der ausgezeichneten Stellung und Würde eines Sohnes der seligsten Jungfrau, welche Jesus Christus am Kreuze dem heiligen Apostel Johannes als dem Auserwählten der göttlichen Liebe gegeben hatte, gehörte notwendig, dass dieser vielgeliebte Jünger auch der Mitwisser der unaussprechlichen Geheimnisse dieser großen Königin wurde, welche den andern Aposteln mehr verborgen waren. Aus diesem Grund war er über mehrere Geheimnisse, welche schon früher in Maria vorgegangen waren, erleuchtet worden, und aus demselben Grund wurde er auch jetzt wieder gewürdigt, gewissermaßen der Augenzeuge des wunderbaren Geheimnisses zu sein, welches sich am Tage der Himmelfahrt des Herrn an Maria vollzog. Es war nämlich diesem geistlichen Adler vergönnt, die Sonne der Gerechtigkeit unseren Herrn Jesus Christus, zum Himmel aufsteigen zu sehen, mit einem Licht, das nach dem Propheten Jesaja (Jes 30, 26) siebenmal heller leuchtete als die Sonne, und zugleich mit ihm den geheimnisvollen Mond wie er an Lichtglanz der Sonne ganz ähnlich, gleichfalls zum Himmel aufstieg. Der heilige Evangelist sah Maria zum Himmel fahren und sich zur Rechten ihres Sohnes setzen. Er sah sie, wie ich schon erzählt habe, auch von da wieder herabkommen, und dieses mit großem Staunen, denn er schaute, in welcher Veränderung und Erneuerung Maria vom Himmel auf die Erde herabstieg, nachdem sie alldort eine unaussprechliche Herrlichkeit genossen, ganz neue Gnadeneinflüsse der Gottheit in sich aufgenommen und eine erhöhte Teilnahme an den Vollkommenheiten Gottes erhalten hatte. Unser Herr Jesus Christus hatte zwar den Aposteln schon verheißen, er werde vor seiner Himmelfahrt mit seiner Mutter das Übereinkommen treffen, dass sie, wie ich am Ende des zweiten Teiles gesagt habe, zu ihrem Trost und Unterricht mit ihnen in der Kirche bleibe. Aber in der Freude und dem Entzücken, das er empfand, als er die hehre Königin zur Rechten Jesu Christi erhoben sah, vergaß Johannes eine Zeitlang dieses Versprechen. Ganz vertieft in die Betrachtung eines so ungeahnten Ereignisses, fing er an, zu fürchten und ängstlich besorgt zu werden, die göttliche Mutter möchte etwa die Glorie, deren sie sich erfreute, nicht mehr verlassen. In dieser Befürchtung litt der heilige Evangelist ungeachtet der Wonne, die er verkostete, sehr viel bis er sich des Versprechens seines göttlichen Meisters wieder erinnerte und die seligste Jungfrau zur Erde niedersteigen sah.

11. Die Geheimnisse dieser Vision blieben dem Geiste des heiligen Johannes so tief eingeprägt, dass er sie nie mehr vergaß, sondern sie wie alle andern ihm über Maria gewordenen Offenbarungen treu im Gedächtnisse bewahrte. Der heilige Evangelist hatte das sehnlichste Verlangen, der heiligen Kirche die Erkenntnis dieser Geheimnisse zu hinterlassen; allein die weiseste und demütigste Jungfrau wusste ihn, solange sie lebte, an deren Bekanntmachung zu hindern und überredete ihn, sie in seinem Innern verborgen zu halten, bis der Allerhöchste hierüber anders verfügen werde. Denn es se nicht angemessen, sie vor diesem Zeitpunkt der Welt bekannt zu machen. Der heilige Apostel gehorchte der Gottesmutter. Und als später die göttliche Weisheit es angemessen fand, dass der heilige Evangelist, bevor er sterbe, die Kirche mit dem Schatz dieser heiligen Geheimnisse bereichere, verhüllte er dieselben auf ausdrücklichen Befehl des Heiligen Geistes mit Bildern und Rätseln, die, wie die Kirche bekennt schwer zu verstehen sind. Es war auch in der Tat angemessen, dass diese Geheimnisse nicht allen aufgedeckt, sondern wie die Perlen in ihren Muscheln und das Gold im Schoß der Erde verborgen seien, damit die Kirche, wenn sie ihrer bedarf, sie mittelst neuer Erleuchtungen und neuer Anstrengungen hervorziehe. Mittlerweile aber sollen sie im Dunkel der Heiligen Schrift gleichsam verwahrt und verborgen bleiben. Denn dass die Heilige Schrift, zumal das Buch der Geheimen Offenbarung dunkel ist, bekennen ja selbst die heiligen Lehrer der Kirche.

12. Ich habe im Lauf dieser Geschichte zwar schon öfter erwähnt, wie die göttliche Vorsehung gleichsam Sorge trug, die Größe der seligsten Jungfrau in der ersten Kirche zu verbergen. Doch kann ich nicht umhin, auch hier wieder darauf hinzuweisen, um der Überraschung zuvorzukommen, die einige Personen über die neuen Einzelheiten empfinden könnten, welche sie jetzt kennen lernen werden. Um etwaige Zweifel zu zerstreuen, genügt es, zu beherzigen, was verschiedene Heilige und Gottesgelehrte über das Verfahren Gottes mit dem Leichnam und dem Grab des Moses bemerken: Gott verbarg dieselben den Juden, um zu verhindern, dass das zur Abgötterei geneigte Volk die sterblichen Überreste des Propheten, den es so hoch geschätzt hatte, anbete oder durch einen ungerechtfertigten und abergläubischen Kult verehre. Aus demselben Grund hat Moses, behauptet man. da er die Erschaffung der Welt und aller darauf befindlichen Geschöpfe erzählt, die Erschaffung der Engel nicht mit ausdrücklichen Worten erwähnt, obwohl die Engel die vornehmsten der geschaffenen Wesen sind, sondern nur andeutungsweise in den Worten: «Gott schuf das Licht.» Er stellte es so dem Leser frei, diese Worte auf das materielle Licht zu beziehen, das diese sichtbare Welt erleuchtet, während er in höherem Sinne die substantiellen, geistigen Lichtwesen bezeichnete, nämlich die Engel deren ausdrückliche Erwähnung damals nicht ratsam war.

13. Wenn nun schon für das jüdische Volk die Pest der Abgötterei so sehr zu befürchten war, und zwar deshalb, weil es häufig mit benachbarten heidnischen Völkern verkehrte, weIche geneigt waren, allem, was groß, mächtig und einflussreich erschien, blindlings göttliche Wesenheit zuzuschreiben, so wären die Heiden selbst offenbar noch weit mehr der Gefahr ausgesetzt gewesen, in Irrtum zu verfallen, wenn man beim Beginn der Predigt des Evangeliums und des Glaubens Jesu Christi ihnen gleichzeitig die Herrlichkeiten seiner heiligsten Mutter verkündigt hätte. Das Zeugnis des hl. Dionysius des Areopagiten ist uns ein überzeugender Beweis für diese Wahrheit. Er war ein Philosoph von so durchdringendem Geistesblick, dass er schon als Heide Gott mit dem Licht der natürlichen Vernunft und aus den geschaffenen Dingen erkannte. Und doch soll er gesagt haben, dass, nachdem er Christ geworden war und darauf das hohe Glück hatte, die seligste Jungfrau zu sehen und zu sprechen, er dieselbe, wenn nicht der Glaube ihn gelehrt, dass sie ein reines Geschöpf sei, für eine Gottheit gehalten und als solche angebetet hätte. Was die Unwissenderen unter den Heiden betrifft, so wären diese noch viel leichter in den bezeichneten Irrtum gefallen, wenn man ihnen die Gottheit des Erlösers, welche sie glauben mussten, und zu gleicher Zeit schon die Größe seiner heiligste Mutter verkündigt hätte. Sie würden diese beiden Begriffe miteinander vermengt und geglaubt haben, die Mutter sei Gott wie ihr Sohn, dem sie an Heiligkeit so ähnlich war. Jetzt aber nachdem der Glaube des Evangeliums in der Kirche eingewurzelt und diese durch den Unterricht der hl. Lehrer und durch so viele Wunder, die Gott zur Offenbarung des Erlösers gewirkt hat, so sehr erleuchtet ist, jetzt ist diese Gefahr nicht mehr zu befürchten. Denn wir wissen im klaren Licht des Glaubens, dass Christus allein wahrer Gott und wahrer Mensch ist, voll Gnade und Wahrheit und dass seine Mutter ein bloßes Geschöpf ist, welches durch die Fülle seiner Gnade zwar über allen andern bloßen Geschöpfen und unmittelbar unter Gott steht, aber doch in keiner Weise göttliche Wesenheit besitzt. In unserem durch die göttlichen Wahrheiten so sehr erleuchteten Zeitalter darf man sich daher nicht wundern, wenn Gott, um die Ehre seiner heiligsten Mutter zu vermehren, gewisse rätselhafte und geheimnisvolle Dinge enthüllt, die er bis dahin in den Heiligen Schriften eingeschlossen hielt, sondern man muss sich überzeugt halten, dass er in seiner Weisheit wohl weiß, wann und wie es angemessen ist, diese Offenbarungen zu machen.

14. Das Geheimnis, wovon ich hier handle, sowie viele andere, welche die seligste Jungfrau betreffen, behandelt der heilige Evangelist mit einer Sprache voll von Bildern und Gleichnissen im einundzwanzigsten Kapitel der Geheimen Offenbrung, und besonders an jener Stelle, wo er der seligsten Jungfrau den Namen der himmlischen Stadt Jerusalem erteilt und sie mit den Einzelheiten beschreibt, welche den Rest dieses Kapitels ausfüllen. Obwohl ich nun dieses Kapitel im ersten Teil (1. Band Nr. 264 ff.) nach dem damals empfangenen Licht auf das Geheimnis der unbefleckten Empfängnis der Himmelskönigin angewandt habe, so muss ich es jetzt mit Bezug auf ihre in Rede stehende Herabkunft vom Himmel nach der Auffahrt ihres göttlichen Sohnes erklären. Denn es ist gar kein Zweifel, dass die göttliche Weisheit in den nämlichen Worten viele Geheimnisse, und zwar ganz treffend ausdrücken konnte. In einem einzigen Wort, das Gott redet, können wir, wie dies David von sich selbst bezeugt (Ps 62, 12), zwei Dinge inne werden, und zwar ohne dass dabei eine Unklarheit oder ein Widerspruch mitunterliefe. Es ist dies einer jener Gründe, warum die Heilige Schrift so schwer zu verstehen ist. Und es muss so sein, damit sie durch ihre Dunkelheit um so fruchtbarer und wertvoller sei, und damit die Gläubigen sie mit um so größerer Demut, Aufmerksamkeit und Ehrfurcht behandeln. Dass sie voll von Geheimnissen und Bildern ist, das hat also seinen Grund darin, weil diese Darstellungs- und Redeweise geeigneter ist, durch Vermeidung bestimmterer Ausdrücke viele Geheimnisse zugleich ausdrücken (Der hl. Thomas lehrt, dass jeder wahre Sinn, in welchem die Heilige Schrift ausgelegt werden kann, ohne dass dem Wortlaut Gewalt geschieht auch wirklich der vom Heiligen Geist intendierte Sinn sei: «Omnis veritas, quae salva lilterae substantia potest divinae Scripturae aptari, est ejus sensus, ... quia hoc ad dignitatem divinae Scripturae pertinet, ut sub una littera multos sensus contineat.» [De potent. q. 4. a. 1] Der Herausgeber).

15. Dies wird besonders einleuchtend durch das Geheimnis, von dem eben die Rede ist. Der heilige Evangelist Johannes sagt nämlich, «er habe die heilige Stadt das neue Jerusalem, vom Himmel herabsteigen sehen, geschmückt» usw., wie in der Apokalypse (Kap. 21, B. 2) zu lesen ist. Es ist kein Zweifel, dass mit dem bildlichen Ausdruck «Stadt» in Wahrheit die seligste Jungfrau Maria bezeichnet ist, und dass sie vom Himmel herabstieg, ebenso wohl jetzt, nachdem sie mit ihrem Sohn dorthin aufgefahren war, als einst bei ihrer unbefleckten Empfängnis, wo sie aus dem göttlichen Geiste herniederstieg, nachdem sie darin, wie ich im ersten Teil bemerkte, als eine neue Erde und ein neuer Himmel gebildet worden war. Wie nun der heilige Evangelist diese bei den Geheimnisse zu derselben Zeit vernommen hat, nämlich als er Maria beim gegenwärtigen Anlass körperlich vom Himmel niedersteigen sah, so hat er sie auch in einem und demselben Kapitel hinterlegt. Ich erkläre daher ohne Bedenken diese Schriftstelle jetzt in dem zweiten, bereits erwähnten Sinne. Ich werde mich jedoch mit Rücksicht auf das, was ich bei der ersten Erklärung schon gesagt habe, kurz fassen und zu diesem Zweck auch im Namen und in der Person des Evangelisten sprechen.

16. «Und ich sah», spricht also der heilige Johannes, «einen neuen Himmel und eine neue Erde: denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer war nicht mehr.» Mit den Worten: «neuer Himmel und neue Erde» bezeichnet der heilige Seher die heiligste Menschheit des fleischgewordenen Wortes und auch die göttliche Mutter. Und er gibt ihnen den Namen Himmel wegen desjenigen, der in ihnen wohnt. Neu aber nennt er sie wegen der Umwandlung, die soeben mit beiden vorgegangen war. In Christus Jesus, unserem Erlöser, wohnt die Gottheit durch Einheit der Person kraft einer wesentlichen und unzertrennlichen Vereinigung. In Maria wohnt sie zunächst nach Jesus durch ein ganz einziger Erguss der Gnade. Sie sind also Himmel und zwar sind sie neue Himmel, weil die allerheiligste Menschheit, die früher leidensfähig war und wirklich alle möglichen Peinen bis zum Tod selbst gelitten hatte und begraben worden war, nunmehr erhöht, zur Rechten des himmlischen Vaters thronend, mit der Glorie und all den Gaben gekrönt erscheint, welche sie durch ihre Leben und ihren Tod verdient hatte. Maria aber, die ihm dieses leidensfähige Dasein gegeben und zur Erlösung des menschlichen Geschlechtes mitgewirkt hatte, indem sie ähnliches wie ihr Sohn gelitten, war ein neuer Himmel, indem sie zur Rechten ihres Sohnes erschien, versenkt in den Ozean des unzugänglichen göttlichen Lichtes. Hier teilte sie die Glorie ihres Sohnes, und zwar nicht nur als Mutter, sondern auch als eine solche, die sich darauf ein Recht erworben durch ihre Werke voll unausprechlicher Liebe. Ferner bezeichnet der heilige Johannes mit den Worten «neuer Himmel und neue Erde» auch das Land der Lebendigen, die Heimat der Seligen; denn es ist jetzt erneuert durch die Leuchte des Lammes, durch die Trophäen seiner Siege und durch die Gegenwart seiner heiligsten Mutter. Mit königlicher Würde in Wahrheit geschmückt, haben nun Jesus und Maria Besitz ergriffen von dem Reich, dessen kein Ende sein wird. Sie haben den Himmel erneuert durch ihr Erscheinen und durch die neue Freude, welche sie den alten Bewohnern des Himmels, den Engeln, verschafften, sowie durch die Einführung der neuen Bewohner, der Kinder Adams, welche sie dahin führten, damit sie diesen Ort bevölkerten und niemals mehr verließen. Durch diese Umwandlung verschwanden der erste Himmel und die erste Erde. Nicht allein weil der Himmel im ersten Sinn, d. i. die heiligste Menschheit Christi und Maria, in welcher Jesus in einem ersten Himmel gewohnt hatte, nun in die ewigen Wohnungen eingingen und das Erdreich ihrer leiblichen Hülle mit sich dahin nahmen, sondern auch weil in diesem ersten Himmel und auf dieser ersten Erde die Menschen vom Stand des Leidens zum Stand der Leidensunfähigkeit übergingen. Die Strenge der Gerechtigkeit war vorüber, und es folgte darauf die süßeste Ruhe. Der Winter der Trübsale war vergangen, und es begann der milde Frühling der ewigen Freuden und Wonnen. Auch für die Sterblichen verschwand der erste Himmel und die erste Erde. Denn indem unser Herr und Erlöser Jesus Christus samt seiner gebenedeiten Mutter in das himmlische Jerusalem einzog, sprengte er die Riegel und Schlösser, welche seit 5233 Jahren dasselbe verschlossen hielten und niemand in dasselbe eingehen ließen, sondern alle Menschen zwangen, auf der Erde zu verbleiben, bis die göttliche Gerechtigkeit für die Beleidigung, welche die Sünde ihr zugefügt, Genugtuung erhalten hätte.

17. Endlich war in ganz besonderer Weise die allerseligste Jungfrau Maria ein neuer Himmel und eine neue Erde, indem sie der Seele und dem Körper nach mit ihrem Sohn Jesus Christus zum Himmel auffuhr und von dem Platz zur Rechten seines Thrones Besitz ergriff, ohne durch den allen Menschenkindern gemeinsamen Tod hindurchgegangen zu sein. Denn obwohl sie schon auf Erden im Stand ihrer Pilgerschaft ein Himmel war, worin die Gottheit auf eine ganz vorzügliche Weise wohnte, so vergingen doch auch dieser erste Himmel und diese erste Erde nunmehr in dieser großen Königin. Durch eine Wirkung höchst wunderbarer Art wurde sie jetzt ein neuer Himmel und eine neue Erde, die von Gott mit einer so hohen Herrlichkeit bewohnt wurden, dass dieselben alle andern Geschöpfe unendlich weit hinter sich lassen. Dank diesem Wunder hörte auf dieser neuen Erde das Meer zu bestehen auf, das heißt, die Bitterkeiten und die Stürme der Trübsale würden für sie zu bestehen aufgehört haben, wenn sie schon damals in ihrem glückseligen Stand hätte verbleiben wollen. Was die andern Auserwählten anbelangt, die mit Seele und Leib, oder bloß mit der Seele in die Glorie eingegangen waren und darin verblieben, so hörte für sie das Meer der Trübsal mit seinen Stürmen und Gefahren wirklich und für ewige Zeiten auf.

18. Der heilige Evangelist fährt fort: «Und ich Johannes, sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, aus dem Himmel herabsteigen von Gott zubereitet, wie eine Braut für ihren Bräutigam geschmückt ist.» Mit andern Worten: Mir unwürdigem Apostel Jesu Christi ist ein so verborgenes Geheimnis enthüllt worden, damit ich es der Welt bekannt mache. Ich sah die Mutter des fleischgewordenen Wortes, die wahrhaftige geistliche Stadt Jerusalem, d.h. ein Gesicht des Friedens, vom Throne Gottes zur Erde herniedersteigen, wie mit der Gottheit bekleidet und geschmückt mit einer neuen Teilnahme an seinen Vollkommenheiten: an seiner Weisheit, seiner Macht, seiner Heiligkeit seiner Unveränderlichkeit, seiner Liebe, und endlich geziert durch eine wunderbare Ähnlichkeit mit ihrem göttlichen Sohn in ihrem ganzen Wesen und Tun. Sie kam, als Werkzeug der allmächtigen Hand des Allerhöchsten und durch eine neue Mitteilung zur Würde einer Stellvertreterin Gottes erhoben. Sie hatte zwar auf die Freude, welche sie in der beseligenden Anschauung genoss, freiwillig verzichtet und stieg nun auf die Erde herab, um für das Wohl der Gläubigen zu leiden: allein der Allerhöchste wollte sie herabsenden: «bereitet» und ausgerüstet mit der Fülle seiner Allmacht. Er wollte den Stand der beseligenden Anschauung, welche Maria einstweilen wieder verließ, durch eine andere Art Anschauung und Teilnahme an seiner unfassbaren Gottheit ersetzen, durch eine Anschauung, welche zwar mit dem Stand eines Erdenpilgers vereinbar, im übrigen aber auch so göttlich und erhaben war, dass sie alle Vorstellung der Menschen und selbst der Engel weit überstieg. Zu diesem Zweck schmückte er sie mit so vielen Gaben aus, als seine Hand zu bieten vermochte. Er bereitete sie für das ewige Wort, ihren Bräutigam, zu einer Braut, in welcher demselben keine Gnade und keine Auszeichnung zu wünschen übrig bleiben sollte; und wenn sie auch eine Zeitlang von seiner Rechten entfernt weilte, so sollte doch dieser Bräutigam nicht aufhören, in und mit ihr zu sein wie in seinem Himmel, oder auf einem Throne, der seiner würdig war. Um die Sache durch ein Gleichnis anschaulicher zu machen, so geschah hier, was mit dem Schwamm geschieht, der in eine Flüssigkeit getaucht wird. Wie dieser davon soviel aufnimmt, als er fassen kann, und alle seine Poren damit anfüllt, so war nach unserer Art zu sprechen diese große Herrin von der Gottheit, die sich in sie ergossen hatte, ganz angefüllt, wie in sie aufgenommen und verschlungen.

19. Die Heilige Schrift fährt fort: «Und ich hörte eine starke Stimme vom Thron her sagen: Siehe, das Zelt Gottes bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen und sie werden sein Volk sein und er, Gott selbst, wird bei ihnen sein als ihr Gott.» Diese Stimme, die vom Thron ausging, erweckte meine ganze Aufmerksamkeit durch ihre ganz göttlichen Wirkungen von unvergleichlicher Süßigkeit. Ich vernahm dadurch, dass die große Königin durch ein Vorrecht, das unter allen Sterblichen nur ihr zukam, noch ehe sie gestorben war, in den Besitz ihrer Belohnung eintrat. Wirklich hat niemand von denjenigen, welche einmal in den Besitz der ihnen bestimmten Glorie eingetreten sind, das Vermögen und die Freiheit, ins diesseitige Leben zurückzukehren. Dieser unvergleichlichen Braut aber ward jene Gnade zur Vermehrung ihrer Glorie gegeben. Sie war schon verherrlicht und von den Bewohnern des himmlischen Hofes als ihre rechtmäßige Königin anerkannt; und nun stieg sie freiwillig zur Erde hernieder, um die Magd ihrer eigenen Untertanen zu sein und dieselben als ihre Kinder zu pflegen und zu leiten. Durch diese grenzenlose Liebe verdiente sie aufs neue, alle Menschen als ihr Volk zu besitzen und in den Besitz der streitenden Kirche gesetzt zu werden, wohin sie nun als in ihr Reich zurückkehrte. Sie verdiente aber auch, dass Gott unter den Menschen wohne und sich denselben gnädig und barmherzig erzeige, indem er, solange sie nach dieser ihrer Herabkunft vom Himmel in der heiligen Kirche lebte, unter den sakramentalen Gestalten im Herzen Mariä wie in einem Tabernakel wohnte. In der Tat, hätte er auch keinen andern Grund gehabt, die heilige Eucharistie einzusetzen, die Anwesenheit Mariä auf Erden hätte ihm genügt, um im allerheiligsten Sakramente des Altars unter uns zu verbleiben, gleichwie auch ihre Verdienste und Bitten es waren, um derentwillen der Herr durch die Gnade und durch Mitteilung neuer Gaben bei den Menschen verblieb. Darum fügt der heilige Evangelist hinzu:

20. «Und Gott wird alle Tränen von ihren Augen trocknen und der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer noch Klage noch Schmerz wird mehr sein: denn das Erste ist dahingegangen.» Die seligste Himmelskönigin kommt ja als Mutter der Gnade, der Barmherzigkeit, der Freude und des Lebens. Sie ist es, welche die Welt mit Freude erfüllt und die Tränen trocknet, deren Quelle die Sünde ist, welche unsere Mutter Eva in die Welt gebracht hat, Maria ist es, welche die Trauer in Freudigkeit, das Weinen in ungeahnten Jubel. das Geschrei des Schmerzes in Lob und Preisgesänge und den Tod der Sünde in Leben verwandelt hat für alle, welche dasselbe in ihr suchen werden. Vorüber ist nun der Tod der Sünde, vorüber ist das Geschrei und der unheilbare Schmerz derer, die den ewigen Tod verdienten. Denn wenn nunmehr die Sünder beizeiten zu diesem Heiligtum ihre Zuflucht nehmen, werden sie dort Verzeihung, Barmherzigkeit und Trost erlangen. Jene ersten Zeiten der Welt, in denen Maria, die Königin der Engel, noch fehlte, sie sind nicht mehr. Sie sind vergangen samt dem Schmerz und Angstgestöhn derjenigen, die Maria zu sehen wünschten und sie nicht sahen. Jetzt aber haben wir sie. Jetzt besitzt die Welt Maria, und zwar als ihr Heil und ihre Beschützerin. Denn sie ist gekommen, um die göttliche Gerechtigkeit aufzuhalten und den Sündern Barmherzigkeit zu erflehen.

21. «Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!» Es war das die Stimme des ewigen Vaters, weIcher mir zu verstehen gab, er habe nun alles neu gemacht: eine neue Kirche, ein neues Gesetz, neue Sakramente. Und nachdem er sich den Menschen so unaussprechlich gütig erzeigt hatte, dass er ihnen seinen eingebornen Sohn schenkte, erwies er ihnen jetzt eine andere, ganz außerordentliche Gnade, indem er ihnen die göttliche Mutter sandte, und zwar erneuert durch wunderbare Gaben und ausgerüstet mit der Gewalt, die Schätze der Erlösung, die ihr Sohn in ihre Hände gelegt, nach ihrem weisesten Gutdünken unter die Menschen zu verteilen. Zu diesem Zweck sandte er sie von seinem göttlichen Thron zur streitenden Kirche herab, erneuert nach dem Bild seines eingeborenen Sohnes, bezeichnet mit dem Spiegel der göttlichen Vollkommenheiten und, soweit ein bloßes Geschöpf dies zu werden fähig ist, ein lebendiges Abbild dieses anbetungswürdigen göttlichen Originals, um der neuen Kirche als Muster der Heiligkeit zu dienen.

22. «Und er sprach zu mir: Schreibe, denn diese Worte sind zuverlässig und wahrhaft! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen! Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende. Ich werde dem Dürstenden aus der Quelle des Lebens Wasser umsonst geben. Wer überwindet, soll dies ererben, und ich werde ihm Gott, und er wird mir Sohn sein.» Es ist wiederum der ewige Vater, welcher von der Höhe seines Thrones herab mich dieses Geheimnis niederschreiben hieß, auf dass ich Zeugnis gebe von der Treue und der Wahrhaftigkeit seiner Worte und der wunderbaren Werke, welche er in der allerseligsten Jungfrau gewirkt, zu deren Größe und Verherrlichung er seine ganze Allmacht entfaltet hatte. Aber diese Geheimnisse waren so tief und hoch, dass die Ausdrücke, womit ich sie wiedergegeben, rätselhaft bleiben werden, bis zu der Zeit, in welcher der Herr sie der Welt offenbaren und zeigen will, wie er alles getan hat, was nur immer zum Heil der Menschen frommen konnte. Indem er sprach: Es ist geschehen, rief er ihnen ins Gedächtnis, dass er seinen eingeborenen Sohn gesendet, damit er durch sein Leiden und seinen Tod sie erlöse und durch sein Leben und seine Lehre sie unterrichte, dass er dann dessen Mutter gesendet, bereichert mit so vielen Gaben, um der Kirche zu helfen und sie zu beschützen; dann den Heiligen Geist, damit er durch seine Gaben die Kirche bereichere, erleuchte, befestige und stärke, gemäß den Verheißungen, die ihr gegeben worden waren. Weil also der ewige Vater nichts mehr zu geben hatte, sprach er: Es ist geschehen, gleichsam als wollte er sagen: Ich habe nun alles getan, was meiner Allmacht möglich und meiner Gerechtigkeit und Güte entsprechend war, ich der ich der Ursprung und das Endziel alles dessen bin, was Dasein hat. Als Ursprung gebe ich das Dasein allen Dingen durch die Allmacht meines Willens. Als Endziel nehme ich sie zu mir und verordne in meiner Weisheit die Mittel, durch welche sie mich als ihr Endziel zu erreichen vermögen. Diese Mittel sind enthalten in meinem allerheiligsten Sohn und in seiner Mutter, meiner Einzigen und Auserwählten aus allen Kindern Adams. In diesen zweien finden sich die reinen und lebendigen Wasser der Gnade, damit alle Sterblichen, welche, nach ihrem ewigen Heile dürstend, kommen und Wasser suchen, solches an der Quelle trinken können. Und zwar werden diese Wasser ihnen unentgeltlich gegeben, sie können ja dieselben gar nicht verdienen. Mein menschgewordener Sohn ist es, der sie ihnen durch sein Leben verdient hat, und seine gebenedeite Mutter ist es, welche sie für alle, die zu ihr fliehen, erlangt und verdient. Die Welt und der Teufel suchen nichts so angelegentlich, als die Menschen von diesen Wassern des ewigen Lebens abzukehren. Wer aber sich selbst, die Welt und den Satan überwindet, dem werde ich ein freigebiger, liebevoller, allmächtiger Gott sein. Alles, was ich ihm mittelst meines Sohnes und seiner Mutter bereitet habe, ja alles, was mein ist, wird auch ihm gehören, denn ich werde ihn als Sohn und als Erben meiner ewigen Herrlichkeit annehmen.

23. «Den Feigen aber und Ungläubigen, mit Gräueln Befleckten, Mördern, Unzüchtigen, Zauberern, Götzendienern und allen Lügnern soll ihr Teil werden in dem Pfuhl, der von Feuer und Schwefel brennt: dies ist der zweite Tod» Allen Kindern Adams habe ich meinen eingeborenen Sohn zum Lehrmeister, Erlöser und Bruder, seine Mutter aber als Zuflucht, Mittlerin und mächtige Fürsprecherin bei mir gegeben, als solche sende ich sie jetzt wieder in die Welt, damit alle sehen, wie sehr ich wünsche, dass man sich ihre Fürbitte zunutzen mache. Alle diejenigen aber, welche in den Leiden dieses Lebens die Zaghaftigkeit ihres Fleisches nicht überwinden, diejenigen, weIche an die Zeugnisse und Wunder, die ich für sie gewirkt, und die in meiner Heiligen Schrift verzeichnet sind, nicht glauben. Diejenigen, welche zwar daran geglaubt, aber sich schändlichen Lüsten überlassen haben, ferner alle Zauberer und Götzendiener, welche meiner Allmacht und Gottheit den Rücken kehren und dem Teufel anhangen. Alle diejenigen endlich, weIche Lüge und Bosheit üben: alle diese haben keine andere Erbschaft zu erwarten als jene, welche sie sich selbst erwählt haben, und dies ist keine andere als das furchtbare Feuer der Hölle, das, ohne zu leuchten, wie ein Schwefelteich mit unausstehlichem Geruch brennt. Hier leiden die Verworfenen verschiedene Peinen und Qualen, je nach den verschiedenen Abscheulichkeiten, die ein jeder verübt hat. Alle diese Peinen sind aber darin einander gleich, dass sie alle ewig dauern und von der beseligenden Anschauung Gottes ausschließen. Dies wird der zweite Tod sein. Aus ihm gibt es keine Erlösung, weil die Unglücklichen die Erlösung aus dem ersten Tod, dem Tode der Sünde, verschmäht haben. Aus diesem Tode hätten sie durch die Kraft ihres Erlösers und seiner heiligsten Mutter wieder auferstehen können zum Leben der Gnade. Der heilige Evangelist fährt in der Erzählung seines Gesichtes also fort:

24. «Und es kam einer der sieben Engel, welche die Schalen hatten, die voll waren von den sieben letzten Plagen, und redete mit mir und sagte: Komm, ich will dir die Braut zeigen, die Gemahlin des Lammes!» Ich vernahm, dass dieser und die anderen sechs Engel aus der Zahl derjenigen waren, welche sich am nächsten beim Thron der allerheiligsten Dreieinigkeit befinden, und dass ihnen eine eigene Macht gegeben war, um die Vermessenheit jener Menschen zu bestrafen, welche die erwähnten Sünden begehen würden, nachdem der Welt das Geheimnis der Erlösung, das Leben, die Lehre und der Tod unseres Erlösers verkündigt und dazu die Vorzüge und die Macht der seligsten Jungfrau bekannt gegeben sind, welche stets bereit und geneigt ist, jenen Sündern zu helfen, die sie von ganzem Herzen anflehen. Nun werden aber im Verlaufe der Zeiten diese Geheimnisse stets mehr und mehr geoffenbart, teils durch die Wunder und Zeichen, welche die Welt in Erstaunen setzen, teils durch das Leben und die Vorbilder der Heiligen, besonders der apostolischen Männer, der Ordensstifter und so vieler Martyrer und Bekenner. Und darum werden die Sünden der Menschen in den letzten Zeiten um so schwerer und verwerflicher, ihr Undank wird nach so vielen Wohltaten um so verbrecherischer und strafwürdiger sein und demgemäß eine um so schrecklichere Anwendung der gerechten Strenge göttlicher Gerechtigkeit herausfordern. Und so wird in jener Zukunft, welche für uns bereits Gegenwart geworden ist, Gott die Menschen durch unerhörte Drangsale züchtigen. Denn es werden die letzten Plagen sein, weil das letzte Gericht mit jedem Tage näher heranrückt. Man wolle übrigens vergleichen, was im ersten Teil (Nr. 266) hierüber gesagt wurde.

25. «Und er führte mich im Geist fort auf einen großen, hohen Berg, und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem, wie sie von Gott aus dem Himmel herabstieg.» Das heißt: Ich wurde durch die Kraft der göttlichen Allmacht auf einen hohen Berg, d.i. auf eine sehr hohe Stufe der Erkenntnis und des Lichtes erhoben, wo ich die verborgensten Geheimnisse schaute. Also im Geist erleuchtet, sah ich die Braut des Lammes, weIche seine Gattin ist, unter dem Bild der heiligen Stadt Jerusalem: Sie ist die Braut des Lammes durch das Band der Ähnlichkeit und der Liebe, wodurch sie mit dem verbunden ist, der die Sünden der Welt hinwegnimmt. Seine «Gattin» aber ist sie, als die unzertrennliche Gefährtin aller seiner Werke und Wunder, und weil er durch sie angezogen aus dem Schoß des ewigen Vaters hervorging, um seine Lust unter den Menschenkindern zu finden, welche ja die Brüder seiner Braut und darum auch seine eigenen Brüder sind. Ich sah die Braut als die heilige Stadt Jerusalem, weil sie als eine geräumige Wohnstätte denjenigen in sich schloss, den Himmel und Erde nicht zu fassen vermögen, und weil er in dieser Stadt den Tempel samt dem Gnadenthron errichtet hat, wo er gesucht und angerufen werden will, um sich den Menschen gnädig und barmherzig zu erweisen. Ich sah sie auch deswegen als die Stadt Jerusalem, weil sie in ihrem Herzen alle Vollkommenheiten des triumphierenden Jerusalem und die ganze Frucht der Erlösung des menschlichen Geschlechtes in sich beschloss. Und obwohl sie auf Erden sich unter alle verdemütigte und sich zu unsern Füßen warf, als wäre sie das letzte der Geschöpfe, so sah ich sie gleichwohl in den Höhen des Himmels erhoben zum Thron und zur Rechten ihres Sohnes, von dannen sie zur Kirche herabstieg, beladen mit Gaben und Schätzen, um deren gläubige Kinder zu beglücken.

DRITTES HAUPTSTÜCK: Fortsetzung. Weitere Erklärung des 21. Kapitels der Geheimen Offenbarung

Von dem Augenblick an, da die reinste Jungfrau Maria das Dasein erhielt, war ihre Seele durch Teilnahme an der Gottheit voll, ja übervoll von Gnaden, wie sie bis dahin noch keinem Geschöpf gegeben worden waren. Denn Maria allein war die glänzende Morgenröte, welche teilnahm an dem Glanz der Sonne, welche da ist Jesus Christus, wahrer Gott und Mensch zugleich, der von ihr geboren werden sollte. Dieses göttliche Licht und diese wunderbare Klarheit nahm solange zu, bis sie ihren Höhepunkt erreicht hatten, indem sie, zur Rechten ihres eingeborenen Sohnes und auf den Thron der allerheiligsten Dreieinigkeit selbst gesetzt, mit dem buntfarbigen Kleid aller Gaben, Gnaden, Tugenden und Verdienste, und mit einer Herrlichkeit bekleidet wurde, die sie über alle anderen Geschöpfe erhob. Da ich sie in jenem unzugänglichen Licht sah, schien es mir, als habe sie keine andere Klarheit als die Klarheit Gottes selbst, die sich von seiner Wesenheit als ihrer unveränderlichen Quelle in Maria, die allerseligste Jungfrau, wie in einen Kanal ergoss. Auf diese Weise erglänzte mittelst der Menschheit ihres eingeborenen Sohnes ein und dasselbe Licht, ein und dieselbe Klarheit in der Mutter und in dem Sohn, dem Maß nach zwar verschieden, aber dem Wesen nach eines und dasselbe. Und so groß, dass weder irgend ein Heiliger für sich, noch alle Heiligen insgesamt es je erreicht haben. Diese Königin glich durch die Mannigfaltigkeit ihrer Tugenden dem Jaspis. Sie war durch die Größe ihrer Verdienste wahrhaft kostbar und glich durch die Schönheit ihrer Seele und ihres Leibes einem höchst durchsichtigen Kristall, wenn er vom Licht so durchdrungen ist, dass man versucht wäre, ihn mit demselben zu verwechseln.

27. «Die Stadt hatte eine große, hohe Mauer mit zwölf Toren, und auf den Toren zwölf Engel und Namen darauf geschrieben, welche die Namen der zwölf Stämme der Kinder Israels sind. Nach Morgen drei nach Abend drei Tore.» Die Mauer, welche diese heilige Stadt, nämlich Maria, schützend umgab, war so hoch und so groß, wie Gott selbst, wie seine Allmacht und seine andern unendlichen Vollkommenheiten. Denn seine ganze Allmacht und seine unendliche Weisheit hat der Allerhöchste aufgeboten, um diese große Herrin zu schützen, zu verteidigen und sicherzustellen gegen die Feinde, die sie angreifen konnten. Diese unüberwindliche Schutzwehr wurde noch verstärkt, als Maria wieder zur Erde niederstieg, um dort nunmehr allein und ohne den sichtbaren Beistand ihres heiligsten Sohnes lebend die neue Kirche zu befestigen. Denn um das tun zu können, wurde ihr auf wunderbare Weise die ganze Allmacht Gottes zur Verfügung gestellt, um gegen die sichtbaren und unsichtbaren Feinde der Kirche nach freiem Willen davon Gebrauch zu machen. Der Zweck, zu welchem Gott die hl. Stadt, Maria, erbaute, war kein geringerer, als seine Schätze auf das freigebigste zu eröffnen und durch Maria, als deren Austeilerin, alle Menschen ohne Ausnahme, Heiden, Juden und Barbaren, ohne Unterschied der Völker und Staaten zur Erkenntnis seiner göttlichen Majestät und zur ewigen Glückseligkeit zu führen. Daher erbaute er diese heilige Stadt mit zwölf Toren, und zwar gegen alle vier WeItgegenden hin, ohne dabei einen Unterschied zu machen. Und auf die Tore stellte er zwölf Engel mit der Aufgabe, alle Kinder Adams herbeizurufen und einzuladen und ihnen eine zärtliche Andacht zu ihrer Königin Maria einzuflößen. Die Inschriften mit den Namen der zwölf Stämme, die sich auf den Toren fanden, hatten den Zweck, zu verhüten, dass jemand glaube, er sei von der Zufluchtsstätte und dem Heiligtum dieses heiligen Jerusalem ausgeschlossen. Ein jeder sollte wissen, dass Maria seinen Namen in ihrem Herzen und in den Himmelsgaben selbst eingeschrieben trägt, welche sie vom Allerhöchsten dazu empfangen hat, um die Mutter der Milde und Barmherzigkeit. nicht aber der Gerechtigkeit zu sein.

28. «Und die Mauer der Stadt hatte zwölf Grundsteine, und auf ihnen die zwölf Namen der zwölf Apostel des Lammes.» Als unsere große Mutter und Lehrmeisterin zur Rechten ihres Sohnes, des wahren Gottes, auf dem Throne seiner Herrlichkeit saß und sich anbot, wieder zur Erde herabzusteigen und die Kirche zu befestigen, da gab ihr der Herr den Auftrag, in ganz besonderer Weise für die Apostel Sorge zu tragen. In das liebentflammte, reinste Herz dieser himmlischen Lehrmeisterin grub er ihre Namen, und hier würden wir sie geschrieben sehen, wenn es uns gegeben wäre, in dasselbe hineinzuschauen. Und obwohl wir (es ist der heilige Evangelist Johannes, der hier spricht (!) damals nur mehr elf Apostel waren, so befand sich der Name des hl. Matthias im voraus an die Stelle von demjenigen des Judas eingeschrieben. Der Liebe und Weisheit dieser glorreichen Jungfrau verdanken wir zwölf Apostel, dass es uns im Verein mit dem heiligen Paulus gelang, der heiligen Kirche bei ihrer Gründung auf der Welt die feststehende Lehre, Predigt und Regierung zu geben. Aus diesem Grund schrieb der Herr unsere Namen auf die Grundsteine dieser geheimnisvollen Stadt, der seligsten Jungfrau, als der Feste, durch welche die Anfänge der Kirche und die Apostel, ihre Gründer, selbst Halt und Sicherheit empfingen. Sie unterwies uns durch ihre Lehre, erleuchtete uns durch ihre Weisheit, entflammte uns durch ihre Liebe und ertrug uns durch ihre Geduld. Sie zog uns an durch ihre Sanftmut, führte uns durch ihren Rat, warnte uns durch rechtzeitige Winke und befreite uns durch die göttliche Macht, worüber sie verfügte, aus den Gefahren. Sie wachte über die Bedürfnisse aller insgesamt und jedes einzelnen insbesondere mit einer Sorgfalt, die nicht größer sein konnte. Wir Apostel hatten ungehinderter Zugang zu den zwölf Pforten dieser heiligen Stadt als die andern Kinder Adams, und solange sie lebte, vergaß unsere Lehrmeisterin und Beschützerin keinen von uns, sondern wir empfanden allerorts und allezeit die Wirkungen ihres Schutzes, ohne dass sie jemals verfehlt hätte, uns in unseren Nöten beizustehen und uns in unseren Trübsalen zu trösten. Diese große und mächtige Königin war es, durch deren Hand wir alle Gnaden und Gaben empfingen, welche der Allerhöchste uns mitteilte, um uns zu würdigen Dienern des Neuen Bundes zu machen. Das war der Grund, warum unsere Namen auf den Grundsteinen dieser geistlichen Stadt, der heiligsten Jungfrau Maria, geschrieben standen.

29. «Und der mit mir redete, hatte ein goldenes Rohr, dass er die Stadt und ihre Tore und die Mauer messe. Und die Stadt war ins Gevierte gebaut und ihre Länge so groß wie ihre Breite. Und er maß die Stadt mit dem goldenen Maßstab auf zwölftausend Stadien: ihre Länge und die Höhe und die Breite sind gleich.» Damit ich die unermessliche Größe dieser heiligen Stadt Gottes begreifen könnte, maß derjenige, welcher mit mir sprach, dieselbe in meiner Gegenwart ab. Er hatte zum Messen einen goldenen Stab, oder ein Rohr, als Sinnbild der durch die Person des Wortes vergöttlichten Menschheit Christi mit ihren Gaben, Gnaden und Verdiensten. In diesem Sinnbild war die Gebrechlichkeit der menschlichen Natur Christi ausgedrückt und zugleich die Unveränderlichkeit seiner göttlichen Natur, welche die Menschheit und deren Verdienste zu ihrer Höhe hinaufhob. Was Maria betrifft, diese Stadt Gottes, welche gemessen werden sollte, so überragte zwar der gedachte Maßstab den zu messenden Gegenstand. Allein um die Größe Mariä zu messen, gab es weder im Himmel noch auf Erden einen anderen Maßstab als den Maßstab der Größe ihres göttlichen Sohnes. In der Tat, alle Größe, nicht nur der Menschen, sondern auch der Engel, stand außer allem Verhältnis zur Größe Mariä, und war darum nicht geeignet, als Maßstab für diese geistliche, himmlische Stadt zu dienen. Legte man hingegen den Maßstab ihres göttlichen Sohnes an sie, so erschien sie als seine würdige Mutter, ihm ganz und gar proportioniert, Nichts fehlte ihr, was dieser Würde entsprechend war. Die Ausdehnung der Stadt betrug zwölftausend Stadien in der Länge und in der Breite, so dass sie ein vollständiges, nach allen Seiten hin gleichförmiges Viereck bildete. Geradeso war es mit den Auszeichnungen Mariä. Die Größe, Fülle und Unermesslichkeit ihrer Gaben und Vorzüge war derart, dass, wenn nach dem Evangelium andere zwei oder fünf Talente empfangen hatte, sie von jeglicher Gabe ein Maß von zwölftausend Talenten empfangen hat, weswegen sie uns alle in einem unermesslichen Grade übertrifft. Und zwar besaß sie ein so hohes Maß von Gnaden bereits in dem Augenblick, da sie, zur Mutter des ewigen Wortes vorherbestimmt, durch ihre unbefleckte Empfängnis aus dem Nichts in Dasein trat. Bei dem nunmehrigen feierlichen Anlass aber, da sie vom Himmel wieder zur Erde niederstieg, um die Kirche zu befestigen, wurde sie noch einmal mit dem Maßstab ihres eingeborenen, zur Rechten des Vaters erhöhten Sohnes zusammengehalten und ihm so entsprechend gefunden, dass sie durchaus dazu geeignet erschien, seine Stelle auf Erden einzunehmen.

30. «Und das Bauwerk ihrer Mauer war aus Jaspis, die Stadt selbst aber reines Gold ähnlich reinem Glas. Die Grundsteine der Stadtmauer sind mit allerlei Edelsteinen geschmückt.» Das äußere sittsame Benehmen der allerseligsten Jungfrau, weIches ähnlich wie die Ringmauer einer Stadt allen in die Augen fiel, war von so lieblicher Anmut und erregte bei allen, die sie sahen und sprachen, solche Bewunderung, dass Maria schon durch ihr Beispiel die Herzen überwand und an sich zog, und dass ihr bloßes Erscheinen die bösen Geister verscheuchte und alle ihre Trugbilder zerstreute. Darum ist gesagt, die Mauer dieser heiligen Stadt sei aus Jaspis gewesen. So tat also unsere große Königin in den ersten Zeiten der Kirche schon durch ihr äußeres Handeln und Wirken Größeres und Wunderbareres zum Heil der Seelen als alle Apostel und Heiligen jener Zeit. Was aber das Innere dieser heiligen Stadt Gottes betrifft, so war dasselbe vom reinsten Gold unaussprechlicher Liebe, einer Liebe, die derjenigen ihres eingeborenen Sohnes entlehnt und der Liebe des höchsten Gutes so ähnlich war, dass sie ein Strahl davon zu sein schien. Noch mehr, diese heilige Stadt war nicht allein vom reinsten und kostbarsten Gold, sie war auch einem klaren, reinen und durchscheinenden Glas ähnlich, denn sie war ein fleckenloser Spiegel, in welchem die Gottheit widerstrahlte, und zwar so, dass man kein anderes Bild darin gewahrte. Sie war endlich wie eine große Kristalltafel, auf welcher das Gesetz des Evangeliums geschrieben stand, damit es in ihr und durch sie der ganzen Welt bekannt gemacht würde. Und deswegen war sie von einem sehr reinen und durchsichtigen Glas, und nicht von einem dunklen Steine, wie die Tafeln des Moses, die nur für ein einziges Volk bestimmt waren. Die Grundfesten dieser Mauern waren von Edelsteinen, das will sagen: Der Allerhöchste, der da allmächtig und unendlich reich ist, baute sie mit eigener Hand und gründete sie auf das kostbarste, wertvollste und sicherste, was es an göttlichen Gaben, an Vorrechten und Auszeichnungen geben kann. Dies bedeuten die Edelsteine, welche ja mehr Kraft, Wert, Kostbarkeit und Schönheit besitzen als die andern erschaffenen Dinge. Man wolle nachlesen, was im ersten Teil (Buch 1, Hptst. 10) hierüber gesagt worden ist.

31. «Und die zwölf Tore sind zwölf Perlen, jedes Tor war aus einer einzigen Perle, und die Straßen der Stadt reines Gold, durchsichtig wie Kristall. Einen Tempel sah ich nicht in ihr: denn der Herr, der allmächtige Gott, ist ihr Tempel und das Lamm.» Glücklich alle, welche der Mutter Gottes in frommer Andacht nahen. Wer in diese heilige Stadt durch Glaube, Hoffnung, Ehrfurcht, Frömmigkeit und Andacht eingeht, wird die «kostbare Perle» finden, denn Maria wird ihn durch ihre Vermittlung in dieser Welt glücklich und in jener selig machen. Dazu ist bei dieser Andacht selbst der Anfang, der sonst überall schwer ist, leicht und süß. Die Pforten dieser Stadt sind liebenswürdig, wie seine glänzende Perlen, damit kein Sterblicher eine Entschuldigung habe, wenn er es versäumt, zu Maria die Zuflucht zu nehmen und sich ihre süßeste Barmherzigkeit gegen die Sünder zu nutzen zu machen. Ist ja doch gar nichts an ihr, was nicht geeignet wäre, die Sünder anzuziehen und auf den Weg des ewigen Lebens zu führen. Wenn schon die Pforten dieser Stadt einen jeden, der hinzutritt, durch ihre Pracht mit Bewunderung erfüllen, so wird das Innere derselben, d.i. die Gassen dieser Stadt, dies in noch unvergleichlich höherem Maß tun. Denn diese ist vom reinsten, glänzendsten Gold, als dem Sinnbild der glühendsten Liebe und der brennendsten Begierde, die Maria hegt, alle Menschen aufzunehmen und mit den Schätzen der ewigen Glückseligkeit zu bereichern. Ferner erstrahlt dieses Innere der heiligen Stadt von höchster Helle und Klarheit, auf dass niemand in Maria irgend eine Finsternis der Falschheit oder der Treulosigkeit vermuten könne. Und weil in diese heilige Stadt Gott selbst auf ganz wunderbare Weise gekommen ist, und weil das Lamm, d.i. ihr heiligster Sohn, in sakramentalischer Gestalt in ihr wohnte, und weil sie so von der Gottheit ganz erfüllt und eingenommen war, darum sagt der Evangelist, er habe in ihr keinen anderen Tempel und keinen anderen Gnadenthron gesehen als den allmächtigen Gott und das Lamm. Es war auch nicht notwendig, dass in dieser Stadt ein Tempel erbaut werde, um darin zu beten und zu flehen mit äußeren Handlungen der Andacht und mit Zeremonien, wie sie in anderen Tempeln gebräuchlich sind. Denn Gott selbst und ihr eigener Sohn war ja ihr Tempel und die göttlichen Personen waren aufmerksam und geneigt zu allen Bitten und Gebeten, welche Maria für die gläubigen Kinder der Kirche darbrachte.

32. «Und die Stadt bedarf nicht der Sonne noch des Mondes, dass sie in ihr scheinen: denn die Herrlichkeit Gottes hat sie erleuchtet und ihre Leuchte ist das Lamm.» Nachdem die Königin des Himmels sich von der Rechten ihres göttlichen Sohnes wieder zur Erde herab begeben hatte, war ihr Geist nicht mehr auf die Art der gewöhnlichen Heiligen erleuchtet, selbst nicht einmal mehr auf jene Art, wie sie selbst es vor der Himmelfahrt gewesen war, sondern zur Belohnung dafür, dass sie auf die klare Anschauung und den Genuss Gottes im Himmel zeitweilig verzichtet hatte, um wieder zur streitenden Kirche zurückzukehren, erhielt sie die Gnade einer ununterbrochen fortdauernden, abstrakten Vision der Gottheit und im entsprechenden Verhältnis auch den Genuss Gottes. Vermöge dieses einzigen Vorrechtes hatte sie Anteil am Stand der Beseligten, obwohl sie noch Erdenpilgerin war. Sie empfing auch noch eine andere Gnade, dass nämlich ihr göttlicher Sohn unter den Gestalten des Brotes ununterbrochen in ihrem Herzen verblieb als in seinem eigentlichen Heiligtum, und dass die sakramentalen Gestalten nach der Kommunion sich bei ihr jedes Mal solange erhielten, bis sie sich neuerdings dem Tisch des Herrn nahte. Auf diese Weise hatte sie nach ihrer Rückkunft vom Himmel auf Erden stets ihren Sohn bei sich im heiligsten Sakrament und betrachtete ihn in ihrem Innern vermöge einer Anschauung, die ihr eigentümlich und eigens dazu verliehen war, damit sie durch seinen Umgang beglückt sei, ohne notwendig zu haben, die göttliche Gegenwart außer sich zu suchen. Sie besaß ihn wahrhaft in ihrem Herzen, um mit der Braut im Hohenlied ausrufen zu können: «Ich habe ihn gefunden, den meine Seele liebt. Ich halte ihn und lass ihn nicht wieder (Hld 3, 4).» Bei einer solchen Fülle außerordentlicher Gnaden konnte freilich in dieser heiligen Stadt keine Rede sein von einer Nacht, in welcher die Gnade einem Mond gleich hätte scheinen müssen. Noch bedurfte sie weiterer Strahlen von Seiten der Sonne der Gerechtigkeit, sie besaß ja diese Sonne selbst und zwar nicht wie die anderen Heiligen nur teilweise, sondern in ihrer ganzen Fülle.

33. «Und die Völker werden in ihrem Licht wandeln, und die Könige der Erde werden ihre Herrlichkeit und Ehre zu ihr bringen.» Keinerlei Entschuldigung bleibt deshalb den verbannten Kindern Evas, wenn sie beim Schein des göttlichen Lichtes, welches die allerseligste Jungfrau der Welt geschenkt hat, nicht auf dem Wege zur wahren Glückseligkeit wandeln. Um seine Kirche zu erleuchten, hat ihr göttlicher Sohn, unser Heiland, Maria in den ersten Zeiten des Glaubens vom Himmel gesandt und hat die erstgeborenen Kinder der heiligen Kirche gewürdigt, Maria von Angesicht zu kennen. Nachmals hat er im Verlaufe der Zeiten die Größe und Heiligkeit seiner Mutter mehr und mehr geoffenbart, und zwar durch die Wunder, weIche diese große Königin wirkte, indem sie zahllose Gnaden und Wohltaten den Menschen spendete. In den letzen Zeiten aber, und das sind die gegenwärtigen, wird er ihre Ehre noch mehr ausbreiten. Er wird seine Mutter in neuem Glanz der Welt zeigen, und zwar deshalb, weil dann die Kirche der mächtigen Fürsprache und Vermittlung Mariä im höchsten Grade bedürftig sein wird, um die Welt, den Satan und das Fleisch zu überwinden. Denn durch die Schuld der Sterblichen werden alsdann diese Feinde, wie es jetzt bereits der Fall ist, eine überaus große Macht und Herrschaft besitzen, um die Menschen an der Erlangung der Gnade zu hindern und der ewigen Seligkeit sie noch unwürdiger zu machen. Diesen erneuten Anstrengungen Luzifers und seiner Anhänger wird der Herr die Verdienste und Gebete seiner reinsten Mutter, den Glanz ihres Lebens, den er der Welt enthüllen wird und ihre mächtige Fürbitte entgegensetzen, auf dass sie den Sündern eine Zuflucht und Freistätte sei, und damit alle auf diesem geraden, sicheren und hell erleuchteten Weg wandeln und glücklich zum Ziel gelangen mögen.

34. Wenn die Könige und Fürsten der Erde in diesem Licht wandeln und ihre Herrlichkeit und Ehre in diese heilige Stadt, die reinste Jungfrau Maria, bringen würden; wenn sie ihre Hoheit, ihr Ansehen, ihre Reichtümer und die Macht ihrer Staaten dazu gebrauchen würden, um den Namen Mariä und den Namen ihres göttlichen Sohnes zu erhöhen, und alle ihre Anstrengungen nach diesem Ziel richten würden: so würden sie, davon dürfen sie überzeugt sein, die Gnade erlangen, bei der Verwaltung ihres hohen Amtes von dem mächtigen Schutz dieser erhabenen Königin begünstigt zu werden und ihre Staaten und Monarchien mit Weisheit und Glück zu regieren. Um besonders bei unseren katholischen Fürsten, welche den heiligen Glauben bekennen und verteidigen, dieses Vertrauen noch lebhafter zu erwecken, so erkläre ich denselben, was mir im Laufe dieser Geschichte und noch eben jetzt geoffenbart worden ist, mit dem Auftrag, dass ich dasselbe getreulich niederschreibe. Mögen sie es denn wohl wissen: der höchste König der Könige, der göttliche Wiederhersteller der Monarchien, hat der seligsten Jungfrau und Gottesmutter Maria den Titel einer besonderen Patronin, Beschützerin und Fürsprecherin dieser katholischen Königreiche gegeben. Durch diese besondere Wohltat wollte der Allerhöchste ein Heilmittel gegen die Bedrängnisse und Trübsale schaffen, welche in diesen Zeiten dem christlichen Volk zur Strafe für seine Sünden widerfahren, wie wir es mit Schmerz und Tränen sehen. Der höllische Drache hat seine ganze Wut gegen die heilige Kirche gerichtet, seit er die Nachlässigkeit und Lauheit von Haupt und Gliedern dieses geheimnisvollen Leibes bemerkt und sieht, wie alle nach Eitelkeit und Vergnügen haschen. Die größte Verantwortung von diesen Sünden sowohl, als von diesen Strafen fällt auf diejenigen, welche am meisten katholisch sein wollen, und deren Beleidigungen für Gott die empfindlichsten sind. Denn sie sind aufrührerische Söhne, welche den Willen ihres himmlischen Vaters kennen, aber sich um dessen Ausführung weniger bekümmern als die Fremden. Sie wissen wohl, dass das Himmelreich Gewalt kostet, und dass nur die, welche Gewalt brauchen, es an sich reißen, und dennoch überlassen sie sich dem Müßiggang, den Ergötzlichkeiten und bequemen sich allen Forderungen der Welt und des Fleisches an, indem sie sich freiwillig vom bösen Geist verblenden lassen. Zur Strafe dafür züchtigt sie der gerechte Richter durch eben diesen Feind, indem er ihm nach seinen gerechten Urteilen Gewalt lässt, die heilige Kirche zu bedrängen und ihre Kinder mit den härtesten Geißeln zu schlagen.

35. Allein der Vater der Erbarmungen, der im Himmel wohnt, will nicht, dass die Werke seiner Güte gänzlich vernichtet werden. Darum bietet er uns, um sie zu erhalten, das geeignete Rettungsmittel an, nämlich den Schutz der allerseligsten Jungfrau Maria, ihre beständigen Gebete und ihre Vermittlung. Auf diese Art findet die Strenge seiner göttlichen Gerechtigkeit einen zureichenden Rechtstitel und Grund, um die strenge Bestrafung, welche wir verdienen, noch hinauszuschieben. Wenn wir aber säumen, diese Königin der Welt für uns zu gewinnen, auf dass sie bei ihrem gerechtermaßen uns zürnenden Sohn für uns ins Mittel trete und uns die Bekehrung von unseren Sünden erlange, so werden diese Strafen uns sicher und unfehlbar treffen. Mögen also die katholischen Fürsten und die Bewohner ihrer Königreiche die Gelegenheit nicht versäumen, da die göttliche Mutter ihnen Tage des Heils und eine Zeit der Versöhnung anbietet. Mögen sie ihrerseits derselben ihre Herrlichkeit und Ehre darbringen. Mögen sie diese dem Sohn Gottes und seiner Mutter ganz und gar weihen zum Danke für die unverdiente Wohltat des katholischen Glaubens und für dessen Reinerhaltung bis zu dieser Stunde. Die Erhaltung des Glaubens in diesen Königreichen ist ein Beweis der besonderen Liebe, welche Jesus Christus und seine göttliche Mutter für dieselben tragen, ebenso wie auch diese Mahnung und Warnung, welche sie nun durch mich ergehen lassen. Möge man sie wohl benützen. Möge man alle Kraft anwenden, um die Ehre des göttlichen Namens und den Ruhm des Namens Mariä unter allen Nationen zu verbreiten ! Ja möge man überzeugt sein, dass ein sehr wirksames Mittel. sich den Sohn geneigt zu machen, darin besteht, die Mutter hoch zu ehren und ihre Herrlichkeit auf dem Erdkreis bekannt zu machen, auf dass sie von allen Nationen erkannt und verehrt werde.

36. Als ein weiteres Zeugnis für die Güte der Himmelskönigin fügt der heilige Evangelist hinzu: «Und die Tore dieser Stadt werden nicht geschlossen werden am Tag, denn Nacht wird dort nicht sein. Und man wird die Herrlichkeit und die Ehre der Völker zu ihr bringen.» Keiner, mag er auch ein Sünder, ja selbst ein Ungläubiger und Heide gewesen sein, mag er auch noch so spät kommen, keiner soll verzagen, wenn er den Pforten dieser Mutter der Barmherzigkeit naht. Diejenige, welche die Herrlichkeit, deren sie sich zur Rechten ihres Sohnes schon erfreute, verlassen hat, um uns zu Hilfe zu kommen, wird die Pforten ihrer Barmherzigkeit gewiss demjenigen nicht verschließen, der sich mit einer demütigen Andacht um Hilfe an sie wendet. Möge er nun in der Nacht der Sünde oder im Tageslicht der heiligmachenden Gnade, möge er zu was immer für einer Stunde des Lebens an diesen Toren anpochen, stets wird er Aufnahme und Hilfe finden. Wenn jemand, der um Mitternacht an der Türe eines aufrichtigen Freundes anklopfend durch seine Not oder durch sein Ungestüm den Freund zu bewegen vermag, dass er aufsteht und die erbetenen Brote darreicht, was wird nicht diejenige tun, welche unsere Mutter ist, die uns mit soviel Zärtlichkeit liebt, die uns ruft und erwartet, ja die uns selbst drängt, die Hilfe, deren wir bedürfen, aus ihren Händen anzunehmen? Sie wird nicht warten, bis wir ungestüm werden, denn sie ist höchst aufmerksam auf die Stimme derjenigen, welche sie anrufen, höchst bereit, ihnen zu willfahren. Sie ist ganz Sanftmut und Güte, um ihnen zu helfen, ganz Freigebigkeit, um sie zu bereichern. Sie fleht für sie die Barmherzigkeit des Allerhöchsten an und dient ihr als ein sehr willkommener Beweggrund, sich über die Elenden zu ergießen. Sie ist die Pforte des Himmels, auf dass wir durch ihre Vermittlung und Fürsprache zur ewigen Herrlichkeit eingehen.

«Nichts Unreines wird in sie eingehen, noch wer Gräuel übt und Lüge.» Nie ließ sich Maria zur mindesten Regung des Übelwollens oder des Zornes gegen die Menschen fortreißen. Nie fand sich in ihr ein Irrtum, eine Schuld, ein Gebrechen. Nichts geht ihr ab, was immer sich wünschen lässt zum Heil der Sterblichen. Darum haben wir keine Entschuldigung und keine gerechte Ausrede, wenn wir nicht mit Demut und Dankbarkeit ihr nahen. Sie ist rein und lauter, und darum wird sie uns auch reinigen und läutern. Sie hat in ihrer Hand den Schlüssel zu den Quellen des Heilandes, aus denen wir nach der Mahnung des Propheten Jesajas (Jes 12, 3) Wasser schöpfen sollen. Ihre Fürsprache ist es, welche den Schlüssel umdreht und dieser Fürsprache können wir uns versichern durch unsere flehentlichen Bitten. Tun wir dies, dann werden die Wasser der Gnade fließen. Sie werden uns vollkommen abwaschen und würdig machen, zur höchst beseligenden Gesellschaft Mariä und ihres Sohnes, des wahren Gottes, zugelassen zu werden für alle Ewigkeit.

LEHRE, welche mir die große Königin und Herrin der Engel gegeben hat

37. Meine Tochter, zu deiner Freude und zum Trost aller meiner Diener will ich dir mitteilen, dass das, was du in den letzten Hauptstücken geschrieben hast, das Wohlgefallen und die Bestätigung des Allerhöchsten gefunden hat. Denn es ist der Wille Gottes, dass der Welt kund werde, was ich für die Kirche getan, nachdem ich vom Himmel wieder herabgestiegen, um den Gläubigen beizustehen. Die Sterblichen sollen wissen, wie sehnlich ich wünsche, den Katholiken zu helfen, die zu meiner Fürbitte und meinem Schutze ihre Zuflucht nehmen. Für sie Fürsprache einzulegen, ist ja das Amt, mit welchem der Allerhöchste mich betraut hat und mit mütterlicher Liebe biete ich ihnen meine Fürsprache an. Auch hast du den Heiligen und besonders meinem Sohn Johannes eine ganz besondere Genugtuung bereitet, indem du von der Freude sprachst, welche sie empfanden, als ich bei der glorreichen Himmelfahrt meines Sohnes und Herrn mit ihm zum Himmel aufstieg. Denn es ist Zeit, dass die Kinder der Kirche dieses Geheimnis erfahren und dass sie bestimmter die Größe der Reichtümer erkennen, über welche mich der Herr gesetzt hat, damit sie, genauer darüber unterrichtet, wie viel ich für sie tun kann und will, sich zu größeren Hoffnungen erheben. Wie könnte ich auch als zärtliche Mutter nicht Mitleid haben, wenn ich sehe, wie meine Kinder vom Satan so sehr getäuscht und von seinem Sklavenjoch, dem sie sich blindlings unterstellt haben, so sehr niedergedrückt sind. Mein Diener Johannes hat in dem einundzwanzigsten und in dem zwölften Kapitel der Geheimen Offenbarung noch andere große Geheimnisse hinsichtlich der Gnadenauszeichnungen hinterlegt, mit denen der Allerhöchste mich überhäuft hat. Von diesen Geheimnissen hast du in dieser Geschichte soviel mitgeteilt, als die Gläubigen für jetzt zu fassen vermögen und zu wissen brauchen, um durch meine Vermittlung ihr Heil zu finden. Weiteres wirst du hierüber noch in der Folge aufzeichnen.

38. Aber schon von heute an sollst du aus dem, was du gehört und niedergeschrieben hast, Frucht ziehen. Du sollst nämlich vor allem neue Fortschritte machen in der herzlichen Liebe und Andacht zu mir und dich in der Hoffnung befestigen, dass ich dich in allen deinen Trübsalen beschützen, in allen deinen Handlungen leiten werde, und dass die Pforten meiner Barmherzigkeit dir und allen denen, welche du mir empfehlen wirst, stets offen stehen werden, vorausgesetzt, dass du so beschaffen bist, wie ich es will und wünsche. Damit aber dieser mein Wunsch sich erfülle, so wisse, meine Tochter: Wie ich im Himmel durch göttliche Macht erneuert wurde, um, auf die Erde zurückgekehrt, mit einer neuen Vollkommenheit zu wirken, so will der Herr, dass auch du erneuert werdest in dem Himmel deines Herzens, in der tiefen Sammlung deines Geistes und in der Einsamkeit deiner geistlichen Übungen, in weIche du dich zurückgezogen hast, um den Rest meines Lebens zu beschreiben. Halte dieses Zusammentreffen von Umständen durchaus nicht für zufällig, sondern für eine besondere Fügung der Vorsehung, wie du erkennen wirst, wenn du an die Ereignisse jener Zeit zurückdenkst, wo du diesen dritten Teil zu schreiben anfingest. Da du also so glücklich bist, den gegenwärtigen Unterricht in gänzlicher Einsamkeit und unbehindert durch die Leitung deiner Gemeinde zu empfangen, so ist es deine strenge Pflicht, dich mit Hilfe der Gnade nach dem Vorbild meines Lebens zu erneuern und, soweit es möglich ist, in dir darzustellen, was du in mir siehst. Dies ist der Wille meines Sohnes, mein eigener Wille und das Ziel deiner Wünsche. Sei also aufmerksam auf meine Lehren und umgürte dich mit Kraft. Fasse einen wirksamen Willensentschluss, mit Aufmerksamkeit, Eifer, Umsicht, Standhaftigkeit und mit allem Fleiß zu tun, was deinem Herrn und Bräutigam wohlgefällig ist. Gewöhne dich daran, ihn nie aus den Augen zu verlieren, wenn du zum Verkehr mit den Menschen und zu den Werken der Martha zurückkehrst. Ich werde deine Lehrmeisterin sein. Die Engel werden dir zur Seite stehen, auf dass du, angefeuert durch ihre Erleuchtungen, im Verein mit ihnen unaufhörlich den Herrn lobest. Der Herr selbst aber wird dir seine Kraft verleihen, auf dass du seine Schlachten schlagest gegen seine und deine Feinde. Habe acht, dass du dich so großer Gnaden und Auszeichnungen nicht unwürdig machst.

VIERTES HAUPTSTÜCK: Vorbereitung auf die Herabkunft des Heiligen Geistes

Drei Tage nach ihrer Rückkehr vom Himmel wird Maria wieder sichtbar. Sie redet zu den Aposteln. Unser göttlicher Heiland besucht sie. Andere Geheimnisse bis zur Herabkunft des Heiligen Geistes.

39. Ich bitte neuerdings diejenigen, welche diese Geschichte lesen werden, sich nicht über die verborgenen Geheimnisse der seligsten Jungfrau zu verwundern, die sie hier lesen werden, und dieselben nicht deshalb für unglaublich zu halten, weil sie bis jetzt von der Welt nicht gekannt waren. Denn abgesehen davon, dass sie alle der allerseligsten Jungfrau würdig und angemessen sind, ist es unbestreitbar, dass die Werke, weIche sie nach der Himmelfahrt ihres göttlichen Sohnes auf Erden wirkte, wunderbar und höchst zahlreich gewesen sein müssen, obwohl die heilige Kirche davon eine beglaubigte Geschichte bisher noch nicht besessen hat. Denn Maria war nun einmal die Lehrmeisterin, Beschützerin und Mutter des evangelischen Gesetzes, welches sich unter ihrem Schutz begründete und ausbreitete. Und wenn der Allerhöchste sie für dieses Amt, wie gesagt wurde, erneuerte und seine ganze Allmacht zu ihren Gunsten entfaltete, so ist es auch klar, dass man einer so ganz einzigen, so bevorzugten Persönlichkeit keine Gnade oder Wohltat, wie groß sie auch immer sei, bestreiten kann, wenn sie nur mit der katholischen Wahrheit nicht im Widerspruch steht.

40. Maria blieb drei Tage im Himmel im Genuss der beseligenden Anschauung Gottes, wie ich im ersten Hauptstück sagte, und stieg wieder zur Erde herab an dem Tag, weIcher dem Sonntag nach Christi Himmelfahrt entspricht, und welchen die Kirche den Sonntag innerhalb der Oktav dieses Festes nennt. Sie blieb noch im Abendmahlssaal im Genuss der Wirkungen der beseligenden Anschauung während der drei folgenden Tage. In dieser Zeit mäßigte sich allmählich der Glanz, der sie umgab, da sie vom Himmel niederstieg. Der hl. Johannes allein wurde in dieses Geheimnis eingeweiht, denn es war nicht angemessen, dasselbe jetzt schon den übrigen Aposteln zu offenbaren. Auch hatten diese noch nicht in genügender Weise die hierzu erforderliche Empfänglichkeit. Obschon Maria sich mitten unter ihnen befand, so war doch das Licht, welches sie ausstrahlte, denselben in angemessener Weise verborgen. Denn der heilige Evangelist selbst, dem es gegeben worden war, sie in diesem glorreichen Zustand zu sehen, fiel, als er ihr zum ersten Mal begegnete, mit dem Angesicht zur Erde nieder, wie ich bereits berichtet habe. Und doch war er durch eine besondere Gnade für diese erste Begegnung mit der seligsten Jungfrau gestärkt und vorbereitet worden. Es geziemte sich eben nicht, dass Gott der Herr diese große Königin mit einem Mal des Glanzes und der andern äußeren und inneren Wirkungen beraubte, womit sie von seiner Herrlichkeit und seinem Thron zurückkam. Vielmehr war es der Weisheit Gottes angemessen, dass sie nur nach und nach aufhöre, so göttliche Tröstungen zu verkosten, und dass ihr heiligster Leib nur allmählich wieder zur Sichtbarkeit und zu einem mehr gewöhnlichen Zustand zurückkomme, in welchem sie mit den Aposteln und den übrigen Gläubigen der heiligen Kirche verkehren konnte.

41. Ich habe schon anderswo (Teil 2. Nr. 1512) bemerkt: Dieses Wunder, welches der Allerhöchste zugunsten Mariä wirkte, indem er sie mit Leib und Seele in den Himmel erhob, widerspricht nicht dem Bericht der Apostelgeschichte, wonach die Apostel und die heiligen Frauen nach der Himmelfahrt des Herrn einmütig im Gebete verharrten mit Maria, der Mutter Jesu und seinen Brüdern. Die Übereinstimmung dieser Stelle mit dem, was ich gesagt habe, ist unverkennbar. Denn der hl. Lukas hat diese Geschichte nach dem verfasst, was er und die Apostel im Speisesaal gesehen hatten, ohne das Geheimnis, das er nicht kannte, zu erwähnen. Hierzu kommt die gleichzeitige Anwesenheit des reinsten Leibes Mariä an zwei Orten, vermöge deren ihre Aufmerksamkeit, sowie der Gebrauch ihrer Seelenkräfte und Sinne im Himmel allerdings vollkommener und realer waren. Allein deswegen ist es doch wahr, dass sie auch unter den Aposteln gegenwärtig war und von allen gesehen wurde. Endlich kann man auch mit Recht sagen, dass Maria mit ihnen im Gebete verharrte, indem sie vom Himmel aus auf sie herabblickte und ihre eigenen Gebete mit den Gebeten derjenigen, die sich im Speisesaal befanden, vereinigte. Da sie sich überdies zur Rechten ihres anbetungswürdigen Sohnes befand, brachte sie ihm das Gebet der Apostel und Jünger dar und erlangte ihnen von Gott die Beharrlichkeit und andere große Gnaden.

42. Die drei Tage hindurch, während welcher Maria im Speisesaal noch die Wirkungen ihres Aufenthaltes in der himmlischen Glorie genoss, und indes die Strahlen, die ihr davon geblieben waren, sich allmählich mäßigten, beschäftigte sich unsere große Königin in höchst erhabener Weise mit feurigen Anmutungen der Liebe, des Dankes und unaussprechlicher Demut, so dass keine Ausdrücke oder Bilder geeignet sind, dasjenige wiederzugeben, was ich von diesem erhabenen Geheimnisse vernahm, was jedoch seinerseits wieder hinter der Wirklichkeit weit zurückblieb. Dieses Geheimnis erweckte bei den Engeln und den Seraphim, welche sie begleiteten, neue Bewunderung, indem sie fragten, welches wohl hier das größere Wunder sei, dasjenige, welches der Allerhöchste gewirkt hatte, indem er ein einfaches Geschöpf zu so überaus hohen Vorzügen erhob, oder das Wunder, vermöge dessen diese vor allen Geschöpfen mit Gnade und Glorie geschmückte Jungfrau sich demütigte, als wäre sie die letzte von allen. Indem die Seraphim sahen, wie ihre Königin mit einer solchen Erhöhung eine so tiefe Demut vereinigte, sprachen sie vor Staunen außer sich zu einander: «Wahrlich, wenn die gefallenen Engel vor ihrem Sturz ein so wunderbares Beispiel von Demut gesehen hätten, es wäre ihnen unmöglich gewesen, sich in ihrem Stolz zu erheben. Unsere große Königin ist diejenige, welche, obwohl frei von aller Sünde und Fehler, so demütig war, dass sie nicht bloß zum Teil, sondern in Fülle ersetzt hat, was den andern Geschöpfen an Demut abging. Sie allein erwog nach Würdigkeit die höchste Majestät und Größe des Schöpfers und die Kleinheit alles Erschaffenen. Sie erkennt, in welchem Grad und auf welche Weise man dem Allerhöchsten gehorchen und ihn ehren muss, und wie sie es erkennt, so übt sie es auch. Ist es möglich, dass zwischen den Dornen, welche die Sünde unter die Kinder Adams gesät, die Erde diese reinste Lilie hervorsprossen konnte, von solcher Annehmlichkeit für ihren Schöpfer, von solchem Wohlgeruch für die Sterblichen? Ist es möglich, dass aus der Wüste dieser Welt, die so gnadenleer und so ganz irdisch ist, sich ein so himmlisches Geschöpf erhebt, das von göttlichen Wonnen des Allmächtigen überfließt? Ewig sei gepriesen seine Weisheit und seine Güte, für die Erschaffung eines so wohlgeordneten und bewunderungswürdigen Geschöpfes, das für uns Engel ein Sporn zu heiliger Nacheiferung, für die Menschen aber ein so herrliches Vorbild und eine so große Ehre ist. Und du, Gebenedeite unter den Frauen, vorherbestimmt und auserwählt unter allen Geschöpfen, mögest du gebenedeit, erkannt und gelobt werden von allen Geschlechtern ! Genieße durch die ganze Ewigkeit die hohe Ehre, welche dir dein Sohn und unser Schöpfer gab. Möge er in dir seine Lust und sein Wohlgefallen finden wegen der Schönheit deiner Werke und deiner Gnadenvorzüge. Möge die unermessliche Liebe, womit er die Rechtfertigung aller Menschen ersehnt, sich an deiner Gerechtigkeit ersättigen. Du tust ihm genug für alle, und wenn er nur dich allein ansieht, wird er es nicht bereuen, so viele Undankbare erschaffen zu haben und wenn diese ihn erzürnen und beleidigen, so besänftigst du ihn und machst ihn denselben wieder gnädig und barmherzig. Wir wundern uns nicht mehr, dass er die Kinder Adams so begünstigt, da du, unsere Königin, unter ihnen lebst und sie aus deinem Volke sind.»

43. Mit diesen Lobgesängen und vielen andern Liedern priesen die Engel Mariens Demut und Tugenwerke nach ihrer Rückkehr vom Himmel. Maria aber antwortete auf einige ihrer Lobsprüche. Noch bevor diejenigen, welche sie vom Himmel herab begleitet hatten und nun zum Himmel zurückkehren mussten, sich im Speisesaal von ihr verabschiedeten, nach Verlauf der ersten drei Tage, die sie dort zubrachte (nur vom heiligen Johannes in ihrem Glanze gesehen), da erkannte sie, dass es Zeit sei, mit den Gläubigen in Verkehr zu treten. Sie nahte ihnen also und wandte sich mit großer Zärtlichkeit wie eine liebende Mutter an die Apostel und Jünger, und indem sie sich mit ihren Bitten vereinigte, brachte sie dieselben mit Tränen ihrem göttlichen Sohn dar und bat sowohl für die Gegenwärtigen, als auch für alle diejenigen, welche in den zukünftigen Zeiten den katholischen Glauben und die Gnade empfangen sollten. Auch bat sie schon von diesem Tag an, ohne es je zu unterlassen, solange sie in der heiligen Kirche lebte, täglich den Herrn, die Zeit zu beschleunigen, da in der Kirche seine Geheimnisse durch Feste gefeiert werden sollten, wie es ihr im Himmel nochmals erklärt worden war. Sie bat auch den Herrn, der Welt Männer von hoher und ausgezeichneter Heiligkeit zu senden, damit sie die Sünder bekehren möchten, eine Bitte, von deren Erfüllung sie gleichfalls Kenntnis hatte. Bei diesen Bitten war ihr Eifer und ihre Liebe für die Menschen so groß, dass sie natürlicherweise dadurch das Leben verloren hätte. Aber um sie zu stärken und um die Gewalt ihres heißen Verlangens zu mäßigen, sandte ihr heiligster Sohn ihr oftmals einen der höchsten Seraphim, der ihr zu antworten und zu sagen hatte, dass ihre Bitten erhört werden sollten, indem er ihr die Wege erklärte, welche die göttliche Vorsehung hierin zum größeren Nutzen der Menschen einschlagen werde.

44. Durch die Anschauung der Gottheit, welche Maria auf die genannte abstraktive Art besaß, wurde der Brand der göttlichen Liebe in ihrem reinsten und heiligsten Herzen so unaussprechlich groß, dass sie die glühendsten Seraphim, die in unmittelbarer Nähe beim Throne der Gottheit stehen, unvergleichlich weit hinter sich zurückließ. Wenn sie bisweilen von diesen Höhen ein wenig herabstieg und die Wirkungen dieser göttlichen Flamme etwas weniger empfand, so geschah es, um die Menschheit ihres heiligsten Sohnes zu betrachten. Denn von anderen sichtbaren Dingen hatte sie in ihrem Innern keinerlei Bild oder Vorstellung, ausgenommen, wenn sie wirklich durch die Sinne mit den Geschöpfen verkehrte. Bei dieser Erinnerung an ihren geliebten Sohn fühlte sie zwar ein gewisses natürliches Verlangen nach dem Abwesenden, das jedoch höchst vollkommen und heilig war, weil es durch die Weisheit der göttlichen Mutter stets im gehörigen Maß erhalten wurde. Und da diese Liebe in dem Herzen ihres göttlichen Sohnes das treueste Echo fand, so ließ er sich durch diese Sehnsucht seiner lieben Mutter verwunden, indem sich buchstäblich das Wort des Hohenliedes (Hld 6, 4) erfüllte, dass die Augen, womit seine geliebte Mutter und Braut nach ihm schaute, ihn so anzogen, dass er sich nicht enthalten konnte, zur Erde niederzusteigen.

45. Dies geschah sehr oft, wie ich in der Folge sagen werde, und das erste Mal an einem der wenigen Tage zwischen der Herabkunft dieser großen Königin vom Himmel und der Ankunft des Heiligen Geistes, noch nicht sechs ganze Tage, seit sie wieder mit den Aposteln verkehrte. In dieser kurzen Zwischenzeit kam Jesus Christus, unser Erlöser, in Person, um sie zu besuchen und mit neuen Gaben und unaussprechlichem Trost zu erfüllen. Die reinste Taube fühlte sich vor Liebe krank und in jener Art von Ohnmacht, welche, wie sie bekennt, von ihrer Liebe kam, die der König in seinem Weinkeller geordnet hatte. Indem der König des Himmels bei dieser Gelegenheit zu ihr kam, hielt er sie mit der linken Hand seiner vergöttlichten Menschheit an seine Brust, mit der Rechten seiner Gottheit aber erleuchtete, bereicherte und durchdrang er sie ganz und gar mit neuen Einwirkungen, die sie mit Leben und Kraft erfüllten. Auf diese Weise kühlte die verwundete Herrin ihre Liebessehnsucht, indem sie mit vollen Zügen an den Quellen des Heilandes trank und dadurch erfrischt und gestärkt wurde, aber nur um die Flammen des Liebesfeuers noch mehr in sich zu entzünden, das überhaupt gar nicht gelöscht werden konnte. Von ihrer Wunde geheilt, fühlte sie sich sofort noch stärker verwundet. Sie genas, um aufs neue zu erkranken. Sie kam zum Leben zurück, um aufs neue des Todes zu sterben, welcher die Wirkung ihrer Liebe war. Denn diese Art von Schmerzen kennt keine andere Arznei, noch duldet sie ein anderes Mittel. Nachdem die göttliche Mutter durch diese Gunstbezeigung wieder einigermaßen zu Kräften gekommen, ihr auch der Gebrauch der Sinne von Gott zurückgegeben war, warf sie sich vor Seiner göttlichen Majestät nieder, indem sie von neuem mit tiefster Demut um den göttlichen Segen bat und auf das inbrünstigste für die Gunst dankte, welche sie durch seinen Besuch empfangen hatte.

46. Die weiseste Jungfrau war durch diese Wohltat überrascht, nicht nur, weil erst eine so kurze Zeit verstrichen war, seit sie die menschliche Gegenwart ihres göttlichen Sohnes entbehrte, sondern auch, weil dieser ihr keineswegs gesagt hatte, wann er sie besuchen werde, und weil ihre tiefe Demut ihr nicht erlaubte, zu denken, dass Gott sie in dem Grad zu trösten und schon so bald zu ihr zu kommen sich würdigen werde. Da es zudem das erste Mal war, dass ihr solche Gunst widerfuhr, so war ihre Verwunderung um so größer und bot ihr Anlass, sich noch tiefer zu verdemütigen und in sich selbst zu vernichtigen. Fünf Stunden lang erfreute sich Maria der beseligenden Gegenwart ihres göttlichen Sohnes; und keiner der Apostel wusste damals um diese Wohltat, obwohl das Äußere der seligsten Jungfrau und einige besondere Anzeichen in ihrem Benehmen sie auf die Vermutung brachten, dass etwas Außerordentliches vorgefallen sei. Doch wegen der ehrerbietigen Scheu, womit alle sie betrachteten, wagte niemand sie um den Grund davon zu fragen. Indem Maria den Augenblick gekommen sah, von ihrem Sohn, der sich anschickte, zum Himmel zurückzukehren, Abschied zu nehmen, warf sie sich aufs neue vor ihm zur Erde, bat ihn nochmals um den Segen und um die Zusage, dass, wenn er sie noch einmal so, wie es eben geschehen, besuchen werde, in seiner Gegenwart ihr klar werde, wie weit sie noch davon entfernt sei, ihm nach Gebühr zu danken und seine Wohltaten zu erwidern. Sie steilte diese Bitte, weil ihr göttlicher Sohn ihr anbot, sie während seiner Abwesenheit bisweilen zu besuchen, und weil sie vor seiner Auffahrt in den Himmel, und solange sie beisammen wohnten, aus Demut gewohnt war, sich vor ihrem Sohn und wahren Gott niederzuwerfen und sich vor ihm als seiner Wohltaten unwürdig und saumselig in deren Erwiderung zu bekennen, wie ich im zweiten Teil erzählt habe. Zwar konnte Maria sich nicht eines Fehlers schuldig geben, denn sie beging nicht den geringsten, indem sie die Mutter der Heiligkeit war; und sie konnte sich selbst nicht aus Irrtum irgend eines Fehlers für schuldig halten, da sie die Mutter der Weisheit war. Aber der Herr gab ihrer Demut, ihrer Liebe und ihrer Wissenschaft eine solche Ausdehnung, dass sie dahin gelangte, die Schuld würdig abzuschätzen, welche sie als bloßes Geschöpf Gott gegenüber hatte. In dieser hohen Erkenntnis und tiefen Demut erschien ihr alles, was immer sie zur Vergeltung für so große Gaben tat, als etwas Geringes. Diese Ungleichheit aber schrieb sie sich selbst zu, und obwohl in derselben keine Schuld lag, so wollte sie doch auf diese Weise bekennen, wie gering und niedrig ein irdisches Wesen ist, wenn es mit der göttlichen Hoheit zusammengehalten wird.

47. Inmitten der großen Geheimnisse und Gnaden, welche Mariä seit dem Tag der Himmelfahrt Jesu Christi, ihres Sohnes und des Erlösers der Welt, mitgeteilt wurden, war sie mit erstaunlicher Sorgfalt darauf bedacht, dass die Apostel und übrigen Jünger sich auf den Empfang des Heiligen Geistes würdig vorbereiten möchten. Diese große Königin wusste, wie kostbar und göttlich diese Wohltat war, welche der Vater der Lichter ihnen bereitete. Sie wusste auch, welche natürliche Anhänglichkeit die Apostel an die Menschheit Jesu Christi, ihres Meisters, hatten, und dass die Traurigkeit, die sie über seine Abwesenheit fühlten, sie einigermaßen verwirren konnte. Um sie von diesem Fehler zu heilen und in jeder Hinsicht vollkommener zu machen, hatte sie als mitleidige Mutter und mächtige Königin zugleich alsbald nach ihrer Ankunft mit Jesus im Himmel einen ihrer Engel zum Speisesaal abgesandt, um den Aposteln als den Willen des Sohnes und der Mutter zu erklären, sie sollten sich doch über sich selbst erheben und mehr dort sein, wo ihre Liebe durch den Glauben an seine göttliche Wesenheit weilte, als wo sie im Leib lebten und von ihren Sinnen zurückgehalten wurden; sie sollten sich nicht einzig vom Anblick der Menschheit Jesu Christi anziehen lassen, sondern sich deren als einer Tür und eines Weges bedienen, um zur Gottheit vorzudringen, wo sie eine volle Befriedigung und Ruhe finden würden. Dies alles hatte der heilige Engel auf Befehl der seligsten Jungfrau den Aposteln zu sagen und einzuprägen. Sobald sie aber selbst vom Himmel herabgestiegen war, sprach sie ihnen Trost zu und richtete sie auf in der Entmutigung, die sie befallen hatte. Jeden Tag hatte sie eine Unterredung von einer Stunde mit ihnen: welche sie darauf verwendete, ihnen die Geheimnisse des Glaubens zu erklären, wie ihr Sohn sie selbst darin unterwiesen hatte, jedoch so, dass sie nicht sosehr förmliche Vorträge hielt und das Lehramt ausübte, als vielmehr sich mit ihnen besprach. Außerdem riet sie ihnen, sich eine weitere Stunde untereinander zu besprechen, indem sie zum Gegenstande ihrer Unterredung die Ermahnungen, Verheißungen und Lehren wählten, die ihr göttlicher Herr und Meister ihnen gegeben hatte. Einen andern Teil des Tages sollten sie auf das mündliche Gebet verwenden, indem sie das Vaterunser und verschiedene Psalmen rezitierten. Den Rest des Tages sollten sie dem innerlichen Gebete widmen, gegen Abend ein Mahl von Brot und Fischen einnehmen und sich dann einem mäßigen Schlaf überlassen. In dieser Weise sollten sie sich durch Gebet und Fasten vorbereiten, den Heiligen Geist zu empfangen, der über sie herabkommen würde,

48. Noch da sie zur Rechten ihres heiligsten Sohnes weilte, sorgte die wachsame Mutter schon für diese glückliche Familie. Und um allen ihren Werken den höchsten Grad der Vollkommenheit zu geben, nahm sie nach ihrer Rückkehr vom Himmel bei den Unterredungen mit den Aposteln niemals das Wort, außer auf ausdrückliches Verlangen des heiligen Petrus oder des heiligen Johannes. Sie bat ihren Sohn, er möge es ihnen also eingeben, auf dass sie ihnen als seinen Stellvertretern und Priestern gehorchen könne, Ihre Bitte wurde erhört: Alles geschah, wie die Mutter der Demut es gewünscht hatte. Mit Verleugnung ihrer Würde als Königin und Herrin, und ohne irgendwie Autorität, Herrschaft oder Vorrang in Anspruch zu nehmen, gehorchte sie wie eine demütige Magd und benahm sich, als wäre sie die letzte von allen, mochte sie nun mit den Aposteln oder mit den andern Gläubigen reden. Während jener Tage erklärte sie das Geheimnis der allerheiligsten Dreieinigkeit in Ausdrücken, die zwar sehr hoch und geheimnisvoll, aber doch verständlich und der Fassungskraft aller angemessen waren. Darauf setzte sie das Geheimnis der hypostatischen Union, der Vereinigung der göttlichen mit der menschlichen Natur in der Person Jesu Christi, sowie alle Geheimnisse der Menschwerdung und viele andere Punkte der christlichen Lehre auseinander, die sie von ihrem göttlichen Meister gehört hatten, und verhieß ihnen, dass sie zu tieferem Verständnisse dieser Dinge durch die Erleuchtung des Heiligen Geistes gelangen würden, sobald derselbe ihnen mitgeteilt sein werde.

49. Maria lehrte sie das betrachtende Gebet und erklärte ihnen die Vorzüglichkeit und Notwendigkeit dieser Übung, und wie die Hauptaufgabe und die edelste Beschäftigung des vernünftigen Geschöpfes darin bestehe, sich mit dem Verstand und dem Willen über alles Geschaffene hinaus zur Erkenntnis und Liebe Gottes zu erheben. Man müsse diese Beschäftigung allem andern vorziehen und währenddessen alles fern halten, was sich zwischen Gott und die Seele stellen und letztere hindern könnte am Genuss dieses Gutes, welches das höchste in diesem Leben und in der ewigen Glückseligkeit sei. Sie zeigte ihnen, wie sie dem Vater der Barmherzigkeit dafür danken müssten, dass er uns seinen eingeborenen Sohn zum Erlöser und Lehrer gegeben. Sie zeigte ihnen die Liebe, mit welcher der Sohn Gottes uns um den Preis seines Leidens und Sterbens erlöst hat, und wie sehr sie als seine Apostel dem Herrn danken müssten, dass er sie aus den übrigen Menschen erwählt habe, um in der innigsten Gemeinschaft und Vertrautheit mit ihm zu leben und die Grundsteine seiner heiligen Kirche zu werden. Durch diese Ermahnungen und Belehrungen erleuchtete und entflammte die göttliche Mutter die elf Apostel und die übrigen Jünger dergestalt, dass sie sich bald in der geeigneten Verfassung befanden, den Heiligen Geist und seine göttlichen Wirkungen zu empfangen. Da Maria zudem die Herzen aller durchschaute und die Anlagen derselben kannte, so bequemte sie sich jedem einzelnen nach dem Maß seines Bedürfnisses, seiner Gnade und seines Geistes an, auf dass sie mit Freudigkeit, Trost und Kraft die verschiedenen Tugendübungen verrichteten. In Bezug auf äußerliche Übungen zeigte sie ihnen, wie sie sich verdemütigen, sich zur Erde niederwerfen und andere Akte der Gottesverehrung üben sollten, um die Majestät und Größe des Allerhöchsten geziemend anzubeten.

50. Alle Tage morgens und abends erbat sich Maria von den Aposteln den Segen: zuerst vom hl. Petrus als deren Haupt, sodann vom heiligen Johannes und den übrigen nach ihrem Alter. Anfangs suchten alle auszuweichen, um diese Handlung nicht Maria gegenüber ausüben zu müssen, welche sie als ihre Königin und Mutter ihres Meisters verehrten. Die weiseste Jungfrau aber machte es allen zur Pflicht, als Priester und Diener des Allerhöchsten ihr den Segen zu erteilen. Sie erklärte ihnen ihre überaus hohe Würde, sowie die Pflichten, welche dieselbe ihnen auferlege, und die höchste Achtung und Ehrfurcht, welche man ihnen dafür schulde. Da es sich nun in diesem Wettstreit darum handelte, wer sich am meisten zu verdemütigen wisse, so war es im voraus gewiss, dass Maria Siegerin bleibe, die Jünger hingegen besiegt und durch das Beispiel Mariä unterrichtet werden müssten. Übrigens waren die Worte der seligsten Jungfrau so süß und so wirksam, um die Herzen aller dieser ersten Gläubigen zu bewegen, dass sie von einer sanften, aber göttlichen Gewalt erleuchtet und dahin geführt wurden, das Heiligste und Vollkommenste in den Tugenden zu üben. So geschah es, dass, als sie diese wunderbaren Wirkungen in sich wahrnahmen, sie sich miteinander besprachen und voll Verwunderung sagten: «Wahrhaftig, in diesem reinen Geschöpf finden wir die Unterweisung, Lehre und Tröstung wieder, die uns mit der Gegenwart ihres Sohnes, unseres Meisters, entrissen worden sind. Ihre Werke, Worte, Ratschläge und Mitteilungen voll Güte und Milde belehren und überzeugen uns geradeso, wie wir es von unserem Erlöser erfuhren, als er noch mit uns redete und unter uns lebte. Wie es uns bei den Worten Jesu, unseres Erlösers, begegnete, dass nämlich unsere Herzen sich durch seine Lehre und seine Ermahnungen entflammten, so geschieht uns jetzt bei den Lehren und Ermahnungen dieses bewunderungswürdigen Geschöpfes. Es ist kein Zweifel, dass Gott der Allmächtige die göttliche Weisheit und Kraft in der Mutter seines eingeborenen Sohnes niedergelegt hat. Wir können jetzt unsere Tränen trocknen, da er zu unserer Belehrung und zu unserem Trost uns eine solche Mutter und Lehrmeisterin gelassen und uns gewährt hat, in unserer Mitte diese lebendige Arche des Bundes zu bewahren, in welcher er sein Gesetz, den Stab seiner göttlichen Wunderkraft und das süßeste Manna zu unserer Belebung und unserem Trost hinterlegt hat.»

51. Wenn die heiligen Apostel und die übrigen erstgeborenen Söhne der heiligen Kirche uns schriftlich hinterlassen hätten, was sie von Maria, unserer großen Königin, als Augenzeugen erkannten und erfuhren, in jener langen Zeit, da sie Maria hörten, mit ihr redeten und umgingen, so würden diese Zeugnisse uns eine viel deutlichere Erkenntnis der Heiligkeit und der heldenmütigen Werke dieser Königin des Himmels verleihen. Die Lehren, welche sie vortrug, und die Werke, welche sie vollbrachte, würden uns zur Überzeugung bringen, dass ihr göttlicher Sohn ihr eine Art göttlicher Kraft, ähnlich der seinen, verliehen habe. Allerdings fand diese Kraft sich in Jesus Christus als in ihrer Quelle und ihrem Ursprung, in der seligsten Jungfrau Maria aber wie in einer Wasserleitung oder einem Kanal, wodurch sie sich auf alle Menschen ergoss und noch fortwährend ergießt. Allein den Aposteln war das glückliche Los zugefallen, die Wasser des Heilandes selbst und diejenigen des Unterrichtes seiner reinsten Mutter an ihrer Quelle zu trinken und auf sinnenfällige Weise zu empfangen, wie es ihnen mit Rücksicht auf ihren Beruf und auf die Sendung gebührte, wonach sie die Kirche gründeten und den Glauben des Evangeliums in der ganzen Welt ausbreiten sollten.

52. Durch den Verrat und den Tod des Judas, dieses unglückseligsten aller Menschen, war sein Bischofsamt, wie David sagt, erledigt, und es war notwendig geworden, dessen Apostolat auf einen andern, würdigen zu übertragen. Denn es war der Wille Gottes, dass bei der Ankunft des Heiligen Geistes die Zahl der Zwölf voll sei, wie der Herr des Lebens sie festgesetzt hatte, als er die Apostel erwählte. Diesen Befehl des Herrn erklärte die seligste Jungfrau den elf Aposteln in einer der Unterredungen, welche sie mit ihnen hatte. Alle zollten dem Vorschlag Beifall und baten Maria, sie möge als Mutter und Herrin denjenigen ernennen, den sie für den würdigsten und geeignetsten zum Apostolat erkenne. Derselbe war ihr zwar nicht unbekannt, denn die göttliche Mutter trug die Namen der Zwölf mit dem heiligen Matthias in ihrem Herzen eingeschrieben, wie ich im zweiten Hauptstück sagte. Allein in ihrer tiefen und demütigen Weisheit erkannte sie, dass es angemessen sei, die Sorge dafür dem heiligen Petrus zu überlassen, damit er beginne, in der neuen Kirche das Amt des Papstes und Oberhauptes, als Stellvertreter Christi, des Urhebers und Lehrers der Kirche, auszuüben. Sie erklärte also dem Apostel Petrus, dass diese Wahl in Gegenwart aller Jünger, sowie der übrigen Gläubigen stattfinden müsse, auf dass alle ihn als oberstes Haupt der Kirche auftreten und handeln sähen. Und der heilige Petrus tat, wie ihm die Königin des Himmels gesagt hatte.

53. Über die Art und Weise dieser ersten Wahl, welche in der Kirche geschah, berichtet der heilige Lukas im ersten Kapitel der Apostelgeschichte. Er sagt, dass in jenen Tagen, nämlich zwischen der Himmelfahrt Christi und der Ankunft des Heiligen Geistes, der heilige Apostel Petrus die hundertundzwanzig Gläubigen versammelte, welche auch bei der Himmelfahrt des Herrn zugegen waren, und ihnen einen Vortrag (Apg 1, 15 ff) hielt, in welchem er ihnen folgendes erklärte: Nachdem die Prophezeiung Davids im vierzigsten Psalm hinsichtlich der Verräterei des Judas sich erfüllt und dieser Unglückselige, der den zwölf Aposteln beigezählt gewesen, seinem Amt ungetreu geworden und sich zum Führer derjenigen gemacht habe, welche Jesus gefangen nahmen; nachdem er mit dem Preis, um weIchen er ihn verkauft, einen Acker erworben habe, welcher in ihrer Sprache Hakeldama heiße. Nachdem er zuletzt sich als der Barmherzigkeit Gottes unwürdig selbst erhenkt habe, so dass er mitten entzwei barst und seine Eingeweide herausfielen, wie dies alles den Einwohnern von Jerusalem bekannt sei: so sei es nun an der Zeit, einen andern an seiner Statt zum Apostelamt zu erwählen, um die Auferstehung des Herrn zu bezeugen gemäß einer andern Prophezeiung Davids (Ps 109, 8), der zu Erwählende müsse mithin einer von denjenigen sein, welche Christus, ihrem Meister, und seiner Predigt von der Taufe des Johannes an gefolgt seien.

54. Als die Rede zu Ende war und alle Gläubigen darin übereinkamen, dass man zur Wahl des zwölften Apostels schreiten solle, überließ man die Art und Weise der Wahl dem heiligen Petrus. Der Apostel bestimmte, man solle von den zweiundsiebzig Jüngern zwei, nämlich Joseph, mit dem Beinamen «der Gerechte», und Matthias aussondern, Dann solle zwischen diesen beiden gelost und derjenige als Apostel erklärt werden, auf welchen das Los fallen würde. Alle billigten diese Art der Erwählung, welche damals durchaus sicher war, da die göttliche Kraft zur Begründung der Kirche große Wunder wirkte. Sie schrieben die Namen beider auf je einen Zettel, mit dem Beisatz: «Jünger und Apostel Jesu» und legten sie in ein Gefäß, in welches man nicht sah. Nun begaben sie sich alle ins Gebet und flehten den Herrn an, er, der die Herzen aller kenne, möge denjenigen erwählen, welcher seinem heiligsten Willen gefalle. Der heilige Petrus zog ein Los, worauf geschrieben stand: Matthias, Jünger und Apostel Jesu. Mit allgemeiner Freude wurde Matthias als rechtmäßiger Apostel anerkannt und begrüßt. Die Elfe umarmten ihn; die seligste Jungfrau, welche bei allem gegenwärtig war, bat ihn um den Segen, was nach ihrem Beispiel auch die übrigen Gläubigen taten, und alle setzten ihr Gebet und Fasten fort bis zur Herabkunft des Heiligen Geistes,

LEHRE, welche mir Maria, die Königin des Himmels, gegeben hat

55. Meine Tochter, du bist mit Recht erstaunt über die verborgenen und erhabenen Gunstbezeigungen, welche ich von der Hand meines Sohnes empfing, über die Demut, womit ich sie aufnahm und dafür dankte, sowie über die Liebe und Aufmerksamkeit, womit ich mitten im Genuss dieser Gnaden für die Bedürfnisse der Apostel und Gläubigen der heiligen Kirche sorgte. Es ist nun Zeit, meine Tochter, dass du die Frucht dieser Erkenntnis in dir sammelst, denn du kannst jetzt nicht mehr fassen, und mein Verlangen in Bezug auf dich ist kein geringeres, als eine getreue Tochter zu haben, welche mich mit Eifer nachahmt, und eine gelehrige Schülerin, welche von ganzem Herzen mir nachfolgt. Darum zünde an das Licht eines lebendigen Glaubens und bedenke, dass ich höchst mächtig bin, um dich mit Gnaden zu bereichern. Vertraue fest, dass ich deine Wünsche überreich erfüllen und dir meine Gaben nicht vorenthalten, sondern mit Freigebigkeit erteilen werde, um dich mit großen Gütern zu erfüllen. Um sie jedoch zu empfangen, musst du dich bis unter die Erde erniedrigen und dich als das letzte von allen Geschöpfen ansehen. Denn aus dir selbst bist du in der Tat unnützer als der geringe Staub, den du mit Füßen trittst und dir ist nichts in höherem Grad eigen, als Armseligkeit und Bedürftigkeit. Beim Licht dieser Wahrheit erwäge aufmerksam, wie groß und liebenswürdig die Güte und Herablassung des Allerhöchsten gegen dich ist und zu welchem Grad von Dankbarkeit du ihm gegenüber verpflichtet bist. Denn wenn derjenige, der seine Schuld bezahlt, wenn er sie auch ganz genau entrichtet, keinerlei Ursache hat, sich zu rühmen, so sollst du dich fürwahr verdemütigen, da du für deine so große Schuld nicht Zahlung leisten kannst. Du wirst immer Schuldnerin bleiben, wenn du auch arbeitest, soviel du nur kannst. Was würde es erst sein, wenn du träge und nachlässig werden solltest?

56. Mittelst dieser Umsicht und Aufmerksamkeit wirst du erkennen, wie du mich nachahmen sollst in den verschiedenen Tugenden: im lebendigen Glauben, in der festen Hoffnung, in der feurigen Liebe, in der tiefen Demut und in der Verehrung und Anbetung, wie sie der unendlichen Majestät des Herrn gebühren. Ich warne dich aufs neue vor der Arglist der höllischen Schlange, welche überaus wachsam ist, um die Menschen von der Gott schuldigen Verehrung abzuhalten und sie dahin zu bringen, mit hoffärtiger Vermessenheit diese Tugend und das Gute, welches sie in sich enthält, geringschätzig zu behandeln. Die Weltmenschen und die Lasterhaften wiegt Satan in törichtes Vergessen der katholischen Wahrheiten ein, damit nicht der göttliche Glaube ihnen die heilige Scheu und Ehrfurcht vor Augen stelle, welche dem Allerhöchsten gebührt, wodurch sie dann den Heiden ähnlich werden, welche die wahre Gottheit nicht erkennen. Andere, welche ein Verlangen nach Tugend haben und einige gute Werke üben, stürzt dieser Feind in eine gefährliche Lauigkeit und Nachlässigkeit, in der sie ihr Leben hinbringen, ohne zu bedenken, welch große Verluste sie durch ihren Mangel an Eifer erleiden. Jene endlich, welche sich mehr der Vollkommenheit nähern, sucht dieser Drache durch ein plumpes Vertrauen zu betrügen, vermöge dessen sie wegen der Gunstbezeigungen, die sie von Gott empfangen, und wegen der Güte, die sie in ihm erkennen, sich für sehr vertraut mit dem Herrn ansehen und die demütige Ehrerbietigkeit und heilige Scheu vernachlässigen, womit man vor dem Angesicht einer so hohen Majestät erscheinen muss, vor welcher, wie die heilige Kirche singt, sogar die himmlischen Gewalten zittern. Da ich dich aber schon bei anderen Gelegenheiten auf diese Gefahr aufmerksam gemacht habe, so genügt es für heute, dir dies ins Gedächtnis zu rufen.

57. Ich verlange indes, dich in der Ausübung dieser Lehre so treu und so genau zu finden, dass du sie bei allen deinen Handlungen, jedoch ohne Ziererei und Übermaß, in Anwendung bringst. Handle also, dass du durch Wort und Beispiel alle, welche mit dir verkehren, die heilige Furcht und Ehrerbietigkeit lehrst, welche die Geschöpfe ihrem Schöpfer schulden. Besonders will ich, dass du dies allen deinen Ordensschwestern zur Warnung und Lehre mitteilest, auf dass sie wissen, mit welcher Demut und Ehrfurcht sie mit Gott umzugehen haben. Der wirksamste Unterricht von deiner Seite wird aber das gute Beispiel sein, welches du bei den vorgeschriebenen Übungen zu geben hast, denn diese darf man aus Furcht vor eitler Ehre weder verborgen tun noch unterlassen. Die Pflicht, ein gutes Beispiel zu geben, haben besonders diejenigen, weIche andere regieren, weil dieselben kraft ihres Amtes verpflichtet sind, ihre Untergebenen zu ermahnen, zu bewegen und ihnen den Weg der heiligen Furcht des Herrn zu zeigen. Dieses geschieht aber wirksamer durch das Beispiel als durch die Worte. Insbesondere ermahne deine Ordensschwestern zu der Ehrerbietung, welche sie den Priestern als den Gesalbten Christi des Herrn zu erweisen haben. Bitte du selbst nach meinem Vorbild die Priester jedes Mal um ihren Segen, wenn du zu ihnen kommst, um sie zu vernehmen, und wenn du dich von ihnen verabschiedest. Jedes Mal auch, wenn du dich von der göttlichen Güte mit reichlicheren Gaben beschenkt siehst, richte deine Augen auf die Not und Drangsale deines Nebenmenschen, auf die Gefahr, worin die Sünder schweben, und bitte für alle mit lebendigem Glauben und festem Vertrauen. Denn man hat keine wahre Liebe zu Gott, wenn man sich damit begnügt, ihn zu genießen, und dabei seiner leidenden Brüder vergisst. Du hast vielmehr die Pflicht, dieses höchste Gut, das du kennst und dessen du teilhaftig geworden bist, inständig darum zu bitten, dass es sich allen mitteile. Denn dieses höchste Gut selbst schließt niemand von sich aus, und alle haben notwendig, dass es sich ihnen mitteile und ihnen helfe. Um dir eine Regel für alle Fälle zu geben, so suche meine Liebe recht zu erkennen, und du wirst in allen Stücken wissen, wie du dich zu verhalten hast.

FÜNFTES HAUPTSTÜCK: Sendung des Heiligen Geistes

Die Herabkunft des Heiligen Geistes über die Apostel und die andern Gläubigen. Die seligste Jungfrau empfängt eine klare Anschauung desselben. Andere geheimnisvolle und verborgene Dinge, die sich damals zutrugen.

58, In Gemeinschaft mit der großen Königin des Himmels verharrten die zwölf Apostel nebst den übrigen Jüngern und Gläubigen in freudiger Stimmung im Speisesaal und erwarteten die Erfüllung der auch von Maria bekräftigten Verheißung des Erlösers, ihnen von der Höhe herab den Heiligen Geist, den Tröster, zu senden, welcher sie alles lehren und sie an alles erinnern werde, was sie in seinem Unterrichte gehört hatten. Sie waren ganz einmütig und durch die Liebe so gleichförmig gemacht, dass sich alle jene Tage hindurch bei keinem weder ein Gedanke, noch ein Gefühl, noch ein Äußerung fand, welche den andern entgegen gewesen wäre. Alle waren vielmehr in ihrem Denken und Tun nur ein Herz und eine Seele. Auch bei der sich darbietenden Wahl des heiligen Matthias zeigte sich unter allen diesen neuen Söhnen der heiligen Kirche kein Zug und nicht die mindeste Regung von Zwietracht, obwohl dies eine von jenen Gelegenheiten war, bei welchen die verschiedenen Meinungen auch die Aufmerksamsten zur Uneinigkeit fortreißen, indem ein jeder die Weisheit darein setzt, seiner eigenen Ansicht zu folgen und sich nicht anderen zu fügen. In der gegenwärtigen Versammlung erhob sich aber deshalb keine Zwietracht, weil alle durch das Gebet, das Fasten und die Erwartung der Ankunft des Heiligen Geistes geeinigt waren, welcher in uneinigen und zwieträchtigen Herzen nicht Wohnung nehmen kann. Damit man aber sehe, wie groß die Macht dieser Vereinigung in der Liebe war, nicht bloß um die Gläubigen auf den Empfang des Heiligen Geistes vorzubereiten, sondern auch, um die bösen Geister zu überwinden und zu vertreiben, so bemerke ich, dass die Teufel bis hinab in die Hölle, in welcher sie sich seit dem Tod unseres Heilandes Jesu Christi niedergeschmettert befanden, einen außergewöhnlichen Druck und Schrecken fühlten, wegen der Tugenden derjenigen, die sich im Speisesaal befanden. Denn obwohl sie diese Tugenden nicht im einzelnen kannten, so fühlten sie doch, dass von diesem Ort jene neue Kraft ausgehe, welche sie erschreckte, und sie urteilten, dass ihr Reich zerstört werden müsse durch das, was jene Jünger Christi durch ihre Lehre und ihr Beispiel in der Welt zu wirken anfingen.

59. In der Fülle ihrer Weisheit und Gnade erkannten Maria, die Königin der Engel, im voraus die Zeit und Stunde, welche der göttliche Wille festgesetzt hatte, um den Heiligen Geist über das Kollegium der Apostel herabzusenden. Als die Pfingsttage erfüllt, das heißt, als fünfzig Tage nach der Auferstehung unseres Erlösers verflossen waren, sah die seligste Jungfrau und Gottesmutter, wie im Himmel die Person des Wortes in ihrer menschlichen Natur dem ewigen Vater das Versprechen vorstellte, welches der Erlöser, da er noch in der Welt war, seinen Aposteln gegeben hatte, ihnen den Heiligen Geist als Tröster zu senden, und dass die Zeit erfüllt sei, die seine unendliche Weisheit festgesetzt habe, um der heiligen Kirche diese Wohltat zu erweisen, den Glauben, den Jesus Christus gebracht, in ihr zu befestigen und auszubreiten, und die Gaben auszuteilen, welche er verdient hatte. Er brachte auch in Erinnerung, welche Verdienste er in seinem sterblichen Fleisch durch sein heiligstes Leben, Leiden und Sterben erworben, die Geheimnisse, die er zum Heil des Menschengeschlechtes gewirkt habe, weshalb er auch dessen Anwalt und Fürsprecher und der Mittler zwischen dem ewigen Vater und den Menschen sei. Überdies lebe unter diesen Menschen auch seine süßeste Mutter, an welcher die göttlichen Personen so großes Wohlgefallen hätten. Er bat die göttliche Majestät auch, der Heilige Geist möge nicht bloß unsichtbare Gnaden und Gaben bringen, sondern auch in sichtbarer Gestalt der Welt erscheinen. Denn so sei es angemessen, um des Gesetz des Evangeliums vor den Augen der Welt zu ehren, die Apostel und Gläubigen, welche das göttliche Wort zu verkündigen hätten, noch mehr zu bestärken und zu ermutigen, den Feinden des Herrn hingegen, die ihn in seinem Leben verfolgt und bis zum Tod des Kreuzes erniedrigt hätten, Furcht und Schrecken einzuflößen,

60. Diese Bitten, welche unser Erlöser im Himmel stellte, begleitete seine heiligste Mutter von der Erde aus in der Weise, wie man von der mitleidsvollen Mutter der Gläubigen es sich denken kann. In tiefster Demut und in Kreuzesform auf der Erde liegend, erkannte sie, dass im Rat der heiligen Dreieinigkeit die Bitte des Welterlösers angenommen wurde, und dass, um sie zu vollziehen und auszuführen, nach unserer Vorstellungweise gesprochen, die zwei Personen des Vaters und des Sohnes als der Ursprung, aus welchem der Heilige Geist hervorgeht, die aktive Sendung der dritten Person beschlossen. Denn es kommt den beiden ersten Personen zu, diejenige zu senden, welche von beiden ausgeht. Der Heilige Geist, die dritte Person, nahm die passive Sendung an und willigte ein, in die Welt zu kommen. Denn obwohl alle drei göttlichen Personen in ihrem Wesen und Wirken einen und denselben unendlichen und einzigen Willen haben, ohne dass hierin irgend eine Verschiedenheit bestände, so haben doch die nämlichen Potenzen, welche in allen drei Personen ungeteilt und gleich sind, nach innen (ad intra) in einer Person gewisse Wirkungen, welche sie in einer andern nicht haben. So zeugt der Verstand im Vater, nicht aber im Sohn, weil dieser gezeugt wird. Desgleichen wirkt der Wille im Vater und im Sohn durch Hauchung (spirat), aber nicht im Heiligen Geiste, welcher durch Hauchen aus beiden hervorgeht (spiratur). Aus dem nämlichen fällig, dass sie sich dadurch für die soeben der Welt erzeigte Gunst bezahlt und befriedigt erklärte. Ja der dreieinige Gott gab zu erkennen, dass er nicht bloß befriedigt, sondern gleichsam zum Dank verbunden sei, dieses ganz einzige Geschöpf zu besitzen, das der Vater als seine Tochter, der Sohn als seine Mutter und der Heilige Geist als seine Braut ansehe, die er, nach unserer Vorstellungsweise gesprochen, notwendig habe besuchen und mit seinen Schätzen bereichern müssen, nachdem er sie zu einer so hohen Würde erhoben habe. So erneuerten sich in dieser würdigen und glückseligen Braut alle Gaben und Gnaden des Heiligen Geistes mit neuen Früchten und Wirkungen, die jedoch alles übersteigen, was wir uns denken können.

63. Die Apostel wurden ebenfalls, wie der heilige Lukas sagt (Apg 2, 4), mit dem Heiligen Geiste erfüllt, denn sie empfingen einen sehr hohen Grad von Zuwachs der rechtfertigenden Gnade. Durch einen Vorzug, der ihnen allein zukam, wurden die Zwölf in der Gnade dergestalt befestigt, dass sie dieselbe nicht mehr verlieren konnten. Es wurden ihnen auch in dem einem jeden höchst angemessenen Grad die sieben Gaben der Weisheit, des Verstandes, der Wissenschaft, der Frömmigkeit, des Rates, der Stärke und der Furcht in habitueller (bleibleibender) Weise eingegossen. Durch diese ebenso große und wunderbare, als in der Welt ganz neue Wohltat wurden die zwölf Apostel so erhoben und erneuert, dass sie nunmehr taugliche Diener des Neuen Bundes und zur Gründung der Kirche des Evangeliums in der ganzen Welt wohl ausgerüstet waren. Denn diese neue Gnade und diese neuen Gaben verliehen ihnen eine göttliche Kraft, die sie mit wirksamer und zugleich sanfter Gewalt zu den heldenmütigsten Akten der Tugend und zur höchsten Heiligkeit geneigt machte. Mittelst dieser Kraft besprachen und behandelten sie mit Behendigkeit und Leichtigkeit alle, auch die schwierigsten Gegenstände, die es gibt, und zwar nicht mühsam und mit Schwierigkeit, sondern mit Lust und Freude.

64. Auch in allen übrigen Jüngern und den andern Gläubigen, welche im Speisesaal den Heiligen Geist empfingen, brachte der Allerhöchste verhältnismäßig dieselben Wirkungen hervor, ausgenommen, dass sie nicht wie die Apostel in der Gnade befestigt wurden. Die Gnaden und Gaben wurden ihnen nämlich in größerem oder geringerem Maß mitgeteilt, je nach der Vorbereitung, die ein jeder mitbrachte, und nach dem Amt, das ihm in der heiligen Kirche zufiel. Dasselbe Verhältnis fand bei den Aposteln statt, unter welchen der heilige Petrus und der heilige Johannes an Gaben namhaft bevorzugt wurden mit Rücksicht auf die sehr hohen Ämter, die sie inne hatten: der eine als das Oberhaupt und der Lenker der Kirche, der andere als Beistand und Diener der seligsten Jungfrau Maria, seiner Herrin, der Königin Himmels und der Erde. Um wieder auf die Worte der Heiligen Schrift zurückzukommen, so macht der heilige Lukas die Bemerkung, dass das ganze Haus, wo jene glückselige Versammlung sich befand, vom Heiligen Geiste erfüllt worden sei. In der Tat erhielten nicht bloß diejenigen, die sich darin befanden, die Fülle des göttlichen Geistes und seiner unaussprechlichen Gaben, sondern auch das Haus selbst war voll von wunderbarem Licht und Glanz. Ja diese Fülle von Wundern und Zeichen blieb nicht auf den Speisesaal beschränkt, sondern ging von ihm aus auch auf draußen befindliche Personen, auf die Bewohner von Jersusalem und der Umgegend über, in welchen der Heilige Geist gleichfalls verschiedene Wirkungen hervorbrachte. Alle diejenigen, welche beim Leiden und Sterben unseres Heilandes und Erlösers irgendwie fromme Teilnahme gefühlt, über seine bittersten Qualen Mitleid getragen und für seine geheiligte Person Ehrfurcht gehabt hatten, wurden in ihrem Innern mit neuem Licht und wiederholter Gnade heimgesucht, wodurch sie geneigt gemacht wurden, in der Folge die Lehre der Apostel anzunehmen. Unter denjenigen, welche sich auf die erste Predigt des heiligen Petrus bekehrten, waren viele, weIchen ihr Mitleid und ihr Schmerz über den Tod des Herrn diese große Gnade erworben hatte. Andere Gerechte, welche sich zu Jerusalem außerhalb des Speisesaals befanden, empfingen ebenfalls große innere Tröstungen, durch welche sie bewegt und gerührt wurden. Und so brachte in ihnen der Heilige Geist je nach ihrer Vorbereitung neue Gnadenwirkungen hervor.

65. Nicht minder staunenswert, wiewohl mehr verborgen, sind gewisse andere, den genannten entgegengesetzte Wirkungen, welche derselbe göttliche Geist an jenem Tage in Jerusalem hervorbrachte. Es geschah nämlich, dass durch den fürchterlichen Donner, durch die gewaltige Bewegung der Luft und durch die Blitze, unter welchen der Heilige Geist herabkam, alle jene Bewohner der Stadt, welche dem Herrn feindlich waren, ein jeder nach dem Maß seiner Bosheit und seines Unglaubens, verwirrt und mit Entsetzen erfüllt wurden. Besonders sichtbar war das Strafgericht bei allen denjenigen, welche bei dem Tod unseres Heilandes Anstifter und Mithelfer gewesen und durch Bosheit und Wut vor andern sich hervorgetan hatten. Alle diese wurden auf die Erde niedergestreckt und blieben, die Stirne nach unten gekehrt, drei Stunden lang liegen. Diejenigen, welche den Sohn Gottes gegeißelt hatten, starben auf der Stelle, indem sie von ihrem Blut, das bei der Heftigkeit des Windstoßes die Adern zersprengte und überströmte, erstickt wurden zur Strafe dafür, dass sie mit solcher Gottlosigkeit das Blut Jesu Christ vergossen hatten. Jener Verwegene, welcher dem Sohn Gottes den Backenstreich gegeben hatte, starb nicht allein plötzlich, sondern wurde mit Leib und Seele in die Hölle gestürzt. Andere Juden starben zwar nicht, wurden aber durch heftige Schmerzen und gewisse abscheuliche Krankheiten gezüchtigt, die mit dem Blut Christi, das sie auf sich geladen hatten, auf ihre Nachkommen übergingen und noch heute in denselben fortdauern und sie in hohem Grad unreinlich und ekelhaft machen. Diese Züchtigung wurde in Jerusalem allgemein bekannt, obwohl die Hohenpriester und die Pharisäer sich große Mühe gaben, dieselbe als erdichtet darzustellen, wie sie es in Bezug auf die Auferstehung des Herrn getan hatten. Allein da diese Sache nicht von besonderer Wichtigkeit war, so verzeichneten weder die Apostel noch die Evangelisten dieselbe in ihren Schriften, und so kam sie unter dem Gewirre der Stadt gar bald in Vergessenheit.

66. Das Strafgericht und das Entsetzen erstreckte sich sogar bis auf die Hölle, wo die Dämonen es durch eine neue Beschämung und Bestürzung drei Tage hindurch empfanden, wie die Juden drei Stunden lang auf der Erde lagen. In jenen Tagen brach Luzifer mit seinen Dämonen in ein entsetzliches Geheul aus, welches allen Verdammten neue Qual verursachte und sie mit wildem Schmerz niederschmetterte.

O unaussprechlicher, mächtiger Geist ! Die heilige Kirche nennt dich den Finger Gottes, weil du aus dem Vater und dem Sohn hervorgehst, wie der Finger aus dem Arme und dem Körper. Aber bei dieser Gelegenheit hat sich mir geoffenbart, dass du dieselbe unermessliche Gewalt mit dem Vater und dem Sohn besitzest. Zu einer und derselben Zeit bewegten sich durch deine königliche Gegenwart Himmel und Erde, mit ähnlichen Wirkungen für ihre verschiedenen Bewohner, wie sie dereinst am Tage des Gerichtes stattfinden werden. Die Heiligen und Gerechten erfülltest du mit deinen Gnaden, Gaben und unaussprechlichen Tröstungen. Die Gottlosen und die Stolzen aber züchtigtest du und erfülltest sie mit Schmach und Pein. Wahrhaftig, ich sehe hier erfüllt, was du durch David gesprochen (Ps 94,1 ff), dass du der Gott der Vergeltung bist, mit Freiheit wirkst und den Bösen nach ihren Werken vergiltst, auf dass sie sich nicht in frecher Weise in ihrer Bosheit rühmen, noch in ihrem Herzen sprechen, du sehest und hörest sie nicht. um ihre Sünden zu rügen und zu bestrafen.

67. Mögen denn die Unweisen dieser Welt es vernehmen, mögen es wissen die Toren der Erde, dass der Allerhöchste die eitlen Gedanken der Menschen gar wohl kennt, und dass, wenn er gegen die Gerechten freigebig und höchst freundlich ist, er gegen die Gottlosen und Bösen seine strenge Strafgerechtigkeit walten lässt. Dem Heiligen Geist kam es zu, bei dieser Gelegenheit das eine und das andere zu tun. Ist er ja aus dem ewigen Wort hervorgegangen, welches für die Menschen Fleisch geworden und für deren Erlösung gestorben ist, und welches so viele Schmach und Pein gelitten hat, ohne den Mund zu öffnen und die Widrigkeiten und Beschimpfungen, die man ihm antat, zu rächen. Daher war es notwendig, dass der Heilige Geist bei seiner Herabkunft auf die Erde die Ehre dieses menschgewordenen Wortes wiederherstellte und, wenn er auch nicht alle seine Feinde strafte, doch wenigstens durch die Züchtigung der Gottlosesten aus denselben zeigte, was alle jene, die den Herrn mit soviel Grausamkeit und Unglauben behandelt hatten, verdienten und zu gewärtigen hätten, wenn sie die dargebotene Frist nicht benützen und sich mit aufrichtiger Reue der Wahrheit ergäben. Auch entsprach es der Gerechtigkeit, jene wenigen zu belohnen, welche das menschgewordene Wort aufgenommen, sich ihm angeschlossen und es als ihren Erlöser und Herrn anerkannt hatten. Und was diejenigen betrifft, welche seinen Glauben und seine Lehre verkündigen, so war es angemessen, sie durch entsprechende Gnadenerweisungen zum Amt der Gründung der Kirche und der Ausbreitung des Evangeliums tauglich zu machen. Und was sie seligste Jungfrau Maria anbelangt, so war der Heilige Geist in gewissem Sinne schuldig, sie heimzusuchen. Nach dem Apostel enthält der Ausspruch des Moses: «Der Mensch wird Vater und Mutter verlassen und seiner Braut anhangen», ein großes Geheimnis in Christus und der Kirche. Der Kirche zuliebe stieg der Sohn Gottes vom Schoß seines Vaters herab, um sich in der angenommenen Menschheit mit ihr zu vereinigen. Wenn aber Christus vom Himmel gekommen war, um mit seiner Braut, der Kirche, zu sein, so war es folgerichtig, dass der Heilige Geist aus Liebe zu Maria, der seligsten Jungfrau, herabkomme. Denn sie war nicht minder seine Braut, als die Kirche die Braut Jesu Christi ist und er liebte sie nicht weniger, als das menschgewordene Wort die heilige Kirche liebte.

LEHRE, welche mir unsere Herrin, die große Königin des Himmels, gegeben hat

68. Meine Tochter, die Kinder der Kirche haben wenig Verständnis und Dankbarkeit für die Wohltat, die der Allerhöchste ihnen erwiesen hat, indem er ihnen den Heiligen Geist sandte, nachdem er den Menschen seinen Sohn als Lehrer und Erlöser gesendet hatte. Die Liebe, womit er sie liebte, und wodurch er sie an sich zu ziehen suchte, war so groß, dass er, um sie seiner göttlichen Vollkommenheiten teilhaftig zu machen, zuerst den Sohn, welcher die Weisheit, und dann den Heiligen Geist sandte, welcher seine Liebe ist, damit sie von diesen beiden Vollkommenheiten nach dem Maß ihrer Empfänglichkeit bereichert würden. Obwohl der Heilige Geist das erste Mal nur über die Apostel und die übrigen, welche mit ihnen waren, herabkam, so gab er doch in jener Ankunft selbst schon ein Unterpfand und eine Bürgschaft, dass dieselbe Wohltat auch den übrigen Kindern der Kirche als Kindern des Lichtes und des Evangeliums zuteil werden, und dass allen dieselbe Gnade verliehen werden sollte, wenn sich alle auf den Empfang derselben gebührend vorbereiteten. Zur Beglaubigung dieser Wahrheit kam der Heilige Geist selbst über viele von den Gläubigen in sichtbarer Gestalt oder in sinnenfälligen Wirkungen, weil sie eben wahrhaft getreue Diener, demütig, aufrichtig, lauteren Herzens und darum gehörig vorbereitet waren, ihn zu empfangen. Und auch jetzt kommt er in viele gerechte Seelen, obwohl nicht unter so sichtbaren Zeichen wie damals, weil das jetzt weder notwendig noch geziemend ist. Was seine inneren Wirkungen und Gaben betrifft, so sind dieselben heute wie dazumal und immer ganz dieselben und werden jedem nach seiner Empfänglichkeit und der Stufe seiner Vollkommenheit erteilt.

69. Glücklich die Seele, welche danach schmachtet und seufzt, diese Wohltat zu empfangen und dieses göttlichen Feuers teilhaftig zu werden, das da entzündet, erleuchtet, alles Irdische und Fleischliche verzehrt, die Seele reinigt und zu neuem Eifer erhebt, indem es sie mit Gott selbst vereinigt und an seinen Vollkommenheiten teilnehmen lässt. Diese Glückseligkeit, meine Tochter, wünsche ich dir als eine wahrhafte und liebevolle Mutter. Und damit du sie in Fülle empfängst, ermahne ich dich von neuem, dein Herz zu bereiten und dahin zu arbeiten, dass du in demselben einen unwandelbaren Gleichmut und Frieden bewahrst, was dir auch immer widerfahren möge. Die göttliche Güte will dich zu einer erhabenen und sicheren Wohnstätte erheben, wo alle Beängstigungen deines Geistes ein Ende nehmen, wo die Angriffe der Welt und der Hölle dich nicht erreichen, und wo der Allerhöchste in dir eine Ruhestätte und einen würdigen Tempel seiner Glorie finden will. Es wird dir nicht an Angriffen und Versuchungen seitens des Teufels fehlen, die alle mit höchster Arglist angelegt sein werden. Wandle also vorsichtig, auf dass du keinerlei Unruhe in das Innere deiner Seele eindringen lassest. Bewahre deinen Schatz geheim für dich, genieße die Wonne des Herrn, erfreue dich der süßen Wirkungen seiner keuschen Liebe und der Gnadeneinflüsse seiner Wissenschaft, denn was diese Gaben betrifft, so hat der Herr dich unter Tausenden auserwählt und seine freigebigste Hand weit über dich geöffnet,

70. Beherzige also deinen Beruf und sei versichert, dass der Allerhöchste dir aufs neue die Mitteilung seines göttlichen Geistes und seiner Gaben anbietet. Wisse aber, dass, wenn er sie dir gibt. er dir die Freiheit des Willens nicht nimmt, sondern diesem immer das Vermögen lässt, je nach seiner Wahl das Gute oder das Böse zu tun. An dir ist es also, im Vertrauen auf die göttliche Hilfe einen wirksamen Entschluss zu fassen, mir in allen Werken, die du in meinem Leben erkennen wirst, nachzufolgen und den Wirkungen und der Kraft der Gaben des Heiligen Geistes kein Hindernis zu setzen. Zum bessern Verständnis dieser Lehre werde ich dir in Bezug auf alle diese sieben Gaben das, was die Ausübung betrifft, erklären.

71. Die erste Gabe, nämlich die Weisheit, verleiht Verständnis und Geschmack für die göttlichen Dinge, erweckt in uns die herzliche Liebe, die wir ihnen schulden, und macht, dass wir in allem nach demjenigen streben und verlangen, was das Beste, Vollkommenste und dem Herrn Wohlgefälligste ist. Zu dieser heiligen Bewegung musst du dadurch mitwirken, dass du dich ohne Vorbehalt dem göttlichen Wohlgefallen hingibst und alles verachtest, was dich daran hindern könnte, so wünschenswert und anlockend es auch für dich sein möge. Hierbei ist dir die Gabe des Verstandes dienlich, welche die zweite von den sieben Gaben ist und ein besonderes Licht zu tiefer Durchdringung der Gegenstände erteilt, die sich dem Verstande darbieten. Mit dieser Gabe des Verstandes musst du mitwirken, indem du deine Aufmerksamkeit und dein Nachsinnen von allen profanen und unnützen Vorstellungen abkehrst und fern hältst, welche dir Satan entweder selbst oder durch Vermittlung anderer Geschöpfe darbietet, um deinen Verstand zu zerstreuen und ihn nicht recht in die Wahrheit der göttlichen Dinge eindringen zu lassen. Solche eitle Vorstellungen sind ein großes Hindernis. Diese zwei Arten von Erkenntnissen sind miteinander unvereinbar. Überdies ist die menschliche Fassungskraft beschränkt, und wenn sie auf viele Gegenstände zerteilt ist, so beachtet und begreift sie die einzelnen weniger, als wenn sie nur auf einen Gegenstand gerichtet würde. Man erfährt auch hierin die Wahrheit des Ausspruches im Evangelium, dass niemand zwei Herren dienen kann. Hat dann die Seele sich ganz der Erkenntnis des Guten zugewendet, und ist sie in dieselbe eingedrungen, so bedarf sie der Stärke, weIche die dritte Gabe ist und dazu verhilft, mit Entschlossenheit alles das auszuführen, was der Verstand als das Heiligste, Vollkommenste und dem Herrn Wohlgefälligste erkannt hat. Die Schwierigkeiten oder Hindernisse, welche sich seiner Ausübung entgegenstellen, werden durch die Stärke überwunden, indem die Seele sich lieber jeder Anstrengung und Mühe unterzieht, als dass sie sich des wahren und höchsten Gutes, das sie erkennt, berauben ließe.

72, Weil es aber oft geschieht, dass der Mensch infolge seiner natürlichen Unwissenheit, seiner Zweifel und seiner Versuchungen die Schlüsse oder Folgerungen, die er aus der erkannten göttlichen Wahrheit ziehen sollte, nicht erfasst und deshalb rücksichtlich der Ausführung des erkannten Bessern und inmitten der menschlichen Mittel, welche die Klugheit des Fleisches ihm aufdrängen möchte, unschlüssig bleibt, so kommt ihm, als die vierte, die Gabe der Wissenschaft zu Hilfe. Diese erteilte dem Menschen das nötige Licht, um ein Gut von dem andern zu unterscheiden. Sie lehrt das was gewisser und sicherer ist, zu erwählen und sich darüber nötigenfalls auch zu erklären. An diese schließt sich die Gabe der Frömmigkeit an, welche die fünfte ist und die Seele mit sanfter Gewalt zu allem geneigt macht, was zum Dienst und Wohlgefallen Gottes und zum geistlichen Wohl des Nächsten gehört, und zwar so, dass man es tut, nicht etwa aus einem bloß natürlichen Drang, sondern aus einem heiligen, vollkommenen und tugendhaften Beweggrunde. Damit ferner die Seele sich in allem mit hoher Klugheit verhalte und benehme, erhält sie sechstens die Gabe des Rates, welche die Vernunft dahin führt, mit Rücksicht auf sich selbst und auf andere wohl zu erwägen und zu ihren guten und heiligen Zwecken die angemessensten Mittel zu wählen. Den Schluss von allem macht die Furcht, welche die sämtlichen Gaben bewahrt und besiegelt. Diese Gabe bewegt das Herz, alles zu fliehen und von sich zu entfernen, was unvollkommen, vermessen und mit der Tugend nicht übereinstimmend ist. Diese Gabe dient darum der Seele als eine Art Schutzmauer. Man muss jedoch den Gegenstand und das Maß dieser heiligen Furcht wohl verstehen, damit man darin nicht zu weit gehe und nicht etwa da fürchte, wo nichts zu fürchten ist, wie es dir schon so oftmals widerfahren ist, indem der Satan in seiner Arglist dir statt der heiligen Furcht eine ungeordnete Furcht selbst vor den Gaben des Herrn einzuflößen wusste. Dieser Unterricht wird dich nun in den Stand setzen, zu wissen, wie du die Gaben des Allerhöchsten benützen und mittelst derselben dich wohl zu verhalten habest. Ich mache dich jedoch nochmals aufmerksam, dass die Wissenschaft der heiligen Furcht zwar eine eigentümliche Wirkung der Gaben Gottes in einer Seele ist, dass er sie aber derselben vereint mit Süßigkeit, Friede und Ruhe und gerade zum Zweck der Erkenntnis und Wertschätzung seiner Gaben einflößt, denn alles, was von der Hand des Allerhöchsten kommt, ist groß und kostbar. Die wahre, heilige Furcht hindert die Seele nicht, die Wohltaten des Allerhöchsten, die sie empfangen hat, sehr wohl zu kennen. Im Gegenteil führt diese Furcht sie dahin, Gott aus allen Kräften dafür zu danken und sich selbst bis in den Staub zu verdemütigen. Da du nun diese Wahrheiten ohne Irrtum erkennst, so lass jetzt ein für allemal die Feigheit der knechtischen Furcht, dann wird dir die kindliche Furcht bleiben, diese aber wird dir ein Leitstern sein, um sicher durch dieses Tal der Tränen hindurchzukommen.

SECHSTES HAUPTSTÜCK: Erste Predigt der Apostel. Sprachengabe

Die Apostel verlassen den Speisesaal, um vor der Menge, die sich versammelt hatte, zu predigen. Sie reden zu derselben in verschiedenen Sprachen. Es bekehren sich an diesem Tag ungefähr dreitausend Menschen. Was die seligste Jungfrau bei dieser Gelegenheit tat.

73. Durch die auffallenden und offenkundigen Zeichen, unter denen der Heilige Geist auf die Apostel herabstieg, kam ganz Jerusalem in Bewegung. Alle Bewohner dieser Stadt waren voll Staunen über das außerordentliche, noch nie gesehene Ereignis, und da sich die Kunde von den Erscheinungen über dem Abendmahlshaus wie ein Lauffeuer verbreitete, lief die ganze Menge des Volkes dahin, um zu erfahren, was geschehen sei. Die Juden feierten eben an diesem Tage eines ihrer Feste und schon deshalb, noch mehr aber infolge einer besondern Fügung des Himmels war die Stadt Jerusalem voll von Fremden aus allen Nationen der Welt. Allen diesen wollte nämlich Gott diese seine neuen Wunder offenbar machen und bekannt geben, dass die Predigt und Ausbreitung jenes neuen Gesetzes der Gnade angefangen habe, welches das menschgewordene Wort, unser Erlöser und Meister, zum Heil der Menschen gestiftet hatte.

74. Als die heiligen Apostel, welche durch die Fülle der Gaben des Heiligen Geistes von Liebe ganz entflammt waren, bemerkten, wie ganz Jerusalem vor den Türen des Abendmahlshauses zusammenströmte, baten sie ihre Königin und Herrin um die Erlaubnis, hinauszugehen und zu predigen, damit eine so große Gnade keinen Augenblick unbenützt bleibe, sondern den Seelen zum Heil und ihrem Urheber zu neuer Glorie gereiche. So traten alle aus dem Abendmahlshaus hervor und begannen vor der ganzen Menge die Geheimnisse des heiligen Glaubens und des ewigen Lebens zu verkündigen. Während sie sich bis zu jener Stunde furchtsam zurückgezogen gehalten hatten, traten sie nun mit überraschender Stärke hervor, und ihre Worte gingen wie Strahlen von Licht und Feuer aus ihrem Munde, so dass sie alle ihre Zuhörer zur Bewunderung eines so außerordentlichen und unerhörten Ereignisses fortrissen. Mit Staunen sahen sich alle gegenseitig an und sprachen voll Verwunderung zueinander: «Was ist doch das, was wir da sehen? Sind denn nicht alle diese, welche da sprechen Galiläer? Wie kommt es denn, dass ein jeder von uns sie in seiner Muttersprache reden hört? Wir Juden und Judengenossen (Proselyten), Römer und Lateiner, Griechen und Kreter, Araber, Parther, Meder und alle übrigen aus den verschiedenen Teilen der Welt, wir hören sie sprechen und verstehen sie in unserer Sprache ! O der Großtaten Gottes ! Wie wunderbar ist Gott in seinen Werken !»

75. Dieses Wunder, dass so viele Ausländer von den verschiedensten Sprachen, wie sie sich in Jerusalem befanden, die Apostel in ihrer Sprache reden hörten, setzte die Leute ebenso sehr in Staunen, als die Lehre, welche sie predigten. Jedoch ist hierbei folgendes zu erwähnen. Obwohl die Apostel durch die Fülle der Wissenschaft und der sogenannten umsonst verliehenen Gnadengaben (gratiae gratis datae) imstand gewesen wären, in den Sprachen aller Nationen zu reden, wie es zur Verkündigung des Evangeliums notwendig war, so redeten sie doch bei dieser Gelegenheit nur die Sprache von Palästina, wurden aber, indem sie nur diese sprachen, von allen Nationen, die dort vertreten waren, so verstanden, als hätten sie zu jeder in deren eigenen Sprache geredet.(Die Gabe der Sprachen wird entweder in der Weise verliehen, dass der Redende in einer einzigen Sprache spricht, die Zuhörer aber, welche diese Sprache nicht verstehen, vom Redenden die ihnen eigene Sprache hören; oder so, dass der Redende wirklich in der fremden Sprache spricht, die er nicht erlernt hat. S, Thom, [2. 2. q. 176. art. 1. ad 2]). Auf diese Weise gelangte jedes Wort, das irgend einer der Apostel in hebräischer Sprache aussprach, zu den Ohren der verschiedenen Zuhörer in der ihrem Land eigenen Mundart. Dies ist jenes Wunder, das Gott damals wirkte, damit die Apostel von so verschiedenen Völkern um so leichter verstanden und begriffen werden möchten. Aus diesem Grund wiederholte z. B. der heilige Petrus nicht jedes Geheimnis, das er predigte, in allen Sprachen derjenigen, welche ihn umstanden und hörten, sondern er verkündigte es nur einmal und alle verstanden es in ihrer Sprache. Dasselbe geschah auch bei den andern Aposteln. In der Tat, wenn sie in den verschiedenen Mundarten aller ihrer Zuhörer hätten sprechen wollen, so hätte jeder dieselbe Sache wenigstens siebzehnmal wiederholen müssen. Denn so viele verschiedene Nationen waren nach dem Bericht des heiligen Lukas unter den Zuhörern vertreten, und ein jeder hörte seine eigene Sprache. Auch hätten die Apostel auf diese Weise mehr Zeit aufwenden müssen, als man nach dem heiligen Texte annehmen kann. Auch würde es verwirrend und höchst mühselig gewesen sein, dieselbe Sache so oft zu wiederholen, oder an einem und demselben Tag so viele verschiedene Mundarten zu sprechen. Endlich wäre dieses Wunder für uns nicht so verständlich gewesen, als das soeben berichtete.

76. Die Fremden, welche die Apostel anhörten, verstanden das Wunder nicht, obwohl sie darüber staunten, dass jeder seine Landessprache hörte. Wenn der Text des heiligen Lukas berichtet, dass die Apostel anfingen, in verschiedenen Sprachen zu reden, so will dies zweierlei sagen: einmal, dass sie diese Sprachen in einem Augenblick verstanden und sofort sprechen konnten, und, wie ich später (unten Nr. 83) berichten werde, wirklich sprachen. Sodann, dass die, welche zum Abendmahlshaus kamen, sie in ihrer eigenen Sprache predigen hörten. Inzwischen brachte das auffallende Wunder in den Zuhörern verschiedene Wirkungen hervor. Denn je nach der Gemütsstimmung des einzelnen gingen sie in entgegengesetzten Ansichten auseinander. Diejenigen, welche die Apostel mit frommem Sinne anhörten, erhielten große Erleuchtungen über das Wesen Gottes und über das Werk der Erlösung, wovon sie in so tiefen und beredten Worten sprechen hörten. Durch die Gewalt dieser Worte aufgeweckt, wurden sie von lebhafter Begierde nach Erkenntnis der Wahrheit ergriffen und da überdies das göttliche Licht der Gnade sie mehr und mehr erleuchtete, so beweinten sie, zerknirscht von Reue, ihre Sünden und flehten um Barmherzigkeit. Unter Tränen riefen sie den Aposteln zu und baten, man möge ihnen sagen, was sie tun müssten, um das ewige Leben zu erlangen. Andere hingegen, die harten Herzens waren, erzürnten sich über die Apostel, verachteten die Großtaten Gottes, welche verkündet wurden und weit entfernt, den Aposteln Glauben beizumessen, nannten sie dieselben Neuerer und Betrüger. Viele der Juden insbesondere, die infolge ihres Unglaubens und ihres Neides gottloser als die übrigen waren, tadelten die Apostel noch strenger, indem sie deren Auftreten dem unmäßigen Weingenuss zuschrieben, der ihnen den Vernunftgebrauch genommen habe. Einige dieser Verleumder waren aus der Zahl derjenigen, welche infolge des vom Heiligen Geiste verursachten Donners zur Erde gefallen und dann wieder aufgestanden waren, denn sie waren durch ihren Fall nur um so verstockter und trotziger gegen Gott geworden.

77. Um diese Lästerung zu widerlegen, erhob sich der heilige Apostel Petrus, als das Haupt der Kirche, und mit sehr lauter Stimme redend, sprach er zu ihnen: «Männer von Juda und ihr alle, die ihr in Jerusalem wohnt, höret meine Worte. Und es sei euch kundgetan: diese, welche hier bei mir stehen, sind nicht vom Wein berauscht, wie ihr denkt, denn die Mittagsstunde, zu welcher gewisse Menschen diese Unordnung zu begehen pflegen, ist noch nicht vorübergegangen. Wisst vielmehr ihr alle, dass sich in diesen Männern erfüllt hat, was Gott durch den Propheten Joel verheißen, als er sprach: Es wird geschehen in künftigen Tagen, da will ich von meinem Geist ausgießen über alles Fleisch, und eure Söhne und Töchter werden weissagen. Eure Jünglinge und Greise werden Gesichte schauen und göttliche Träume empfangen. Ja, auch über meine Knechte und meine Mägde will ich meinen Geist ausgießen und ich werde Wunder am Himmel und Zeichen auf der Erde tun, ehe der Tag des Herrn kommt, der große und glänzende. Jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden. Darum, o Israeliten, hört meine Worte: Ihr seid es, die ihr Jesu dem Nazarener das Leben genommen habt durch die Hände der Gottlosen, ihm, der doch ein Mann war heilig und bewährt von Gott durch Kräfte, Zeichen und Wunder, die er inmitten eures Volkes gewirkt hat und von denen ihr selbst Zeugen seid. Diesen hat Gott auferweckt von den Toten, gemäß den Prophezeiungen Davids, in welchen dieser heilige König nicht von sich selbst redet, sondern offenbar von einem andern. Denn bis auf den heutigen Tag ist ja bei euch sein Grab, worin sein Leichnam ruht. Nein, der Prophet redet da von Christus, dessen sind wir Zeugen, denn wir haben ihn auferstanden gesehen. Wir haben auch gesehen, wie er aus eigener Kraft zum Himmel auffuhr, um sich dort zur Rechten des Vaters zu setzen, was David gleichfalls geweissagt hat. Mögen denn die Ungläubigen diese Worte und die Wahrheiten hören, welche die Bosheit ihres Unglaubens leugnen möchte. Aber es werden sich ihr entgegenstellen die Wunder des Allerhöchsten, welche er in uns, seinen Dienern, wirken wird zum Zeugnis der Lehre Christi und seiner wunderbaren Auferstehung.»

78. «So höre es denn das ganze Haus Israel und halte es für unfehlbar gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Christus und zum Herrn von allem gemacht, ihn auch am dritten Tage auferweckt hat von den Toten.»

Beim Anhören dieser Reden wurden die Herzen vieler der Umstehenden tief gerührt und sie fragten unter vielen Tränen den hl. Petrus und die übrigen Apostel, was sie tun sollten, um ihr Heil zu finden. Da fuhr der heilige Petrus fort und sprach: «Tut wahre Buße. und empfangt die Taufe im Namen Jesu und eure Sünden werden euch vergeben werden und ihr werdet auch den Heiligen Geist empfangen. Denn euch und eure Kinder und alle, die noch so ferne sind, geht diese Verheißung an, dass nämlich der Herr sie an sich ziehen und berufen werde. Darum säumt nicht, das Heilmittel anzunehmen und euch zu retten, indem ihr euch von diesem bösen und ungläubigen Geschlecht absondert.» Noch viele andere Worte des Lebens redeten der heilige Petrus und die übrigen Apostel, wodurch die treulosen Juden und die andern Ungläubigen sehr beschämt wurden, so dass sie, unfähig, etwas zu erwidern, sich zurückzogen und vom Abendmahlshaus sich entfernten. Die Zahl derjenigen, welche die wahre Lehre und den Glauben Christi annahmen, belief sich auf ungefähr dreitausend Menschen. Sie schlossen sich insgesamt den Aposteln an und wurden von ihnen getauft. Es wurde aber ganz Jerusalem mit Furcht und Schrecken erfüllt, denn die Wunder und Zeichen. welche die Apostel taten, versetzten diejenigen. weIche nicht glaubten, in große Angst.

79. Die dreitausend Personen, welche sich an jenem Tag auf die erste Predigt des heiligen Petrus bekehrten, waren von allen Nationen, die damals in Jerusalem vertreten waren. Auf diese Weise sollte unverzüglich die Frucht der Erlösung an alle Völker gelangen. Es sollte aus ihnen eine Kirche versammelt und allen, ohne Ausschluss irgend eines Volkes oder Stammes, die Gnade des Heiligen Geistes mitgeteilt werden, denn die allgemeine Kirche musste aus allen Nationen der Welt zusammengesetzt werden. Unter den Bekehrten befanden sich, wie ich oben gesagt, viele aus der Zahl jener Juden, welche Christus unserem Heiland mit frommem Mitleid gefolgt waren und sich über sein Leiden und Sterben herzlich betrübt hatten. Auch von denjenigen, die zu seinem Tod mitgewirkt hatten, bekehrten sich einige, jedoch in sehr geringer Zahl, denn die meisten hatten sich für diese Gnade nicht empfänglich gemacht. Hätten sie dies getan, so würden sie sämtlich Barmherzigkeit und Verzeihung ihres Frevels gefunden haben. Nachdem die Predigt beendet und es schon Abend geworden war, zogen sich die Apostel mit einem großen Teile der neuen Kinder der Kirche in das Abendmahlshaus zurück, um Maria, der seligsten Jungfrau, der Mutter der Barmherzigkeit, von allem Rechenschaft zu geben und damit die neubekehrten Gläubigen sie kennen lernen und verehren könnten.

80. Der großen Königin der Engel war alles, was geschehen war, bereits bekannt. Von ihrer einsamen Betkammer aus hatte sie die Predigt der Apostel gehört, ja sie hatte selbst die leisesten Gedanken der Zuhörer erkannt und aller Herzen durchschaut. Die mitleidsvolle Mutter hatte sich auf die Erde niedergeworfen und mit dem Angesicht den Staub berührend, blieb sie in dieser Lage die ganze Zeit hindurch unter beständigen Tränen und fortwährenden Bitten um die Bekehrung sowohl derjenigen, die sich wirklich dem Glauben des Erlösers hingaben, als auch der übrigen, so dass auch letztere sich hätten bekehren können, wenn sie mit dem Beistand und der Gnade des Herrn mitgewirkt hätten. Zu weiterer Unterstützung der Apostel in dem großen ihnen obliegenden Werke der Eröffnung des Predigtamtes und um den Zuhörern zu fleißigem Aufmerken darauf zu verhelfen, sandte die heilige Jungfrau viele von ihren Engeln aus, den einen wie den andern beständig beizustehen, allen insgesamt durch Einflößen heiliger Versprechungen, den Aposteln insbesondere aber dadurch, dass sie dieselben mit neuem Mut entflammten, die verborgenen Geheimnisse der Gottheit und Menschheit unseres Erlösers mit um so größerem Eifer zu verkünden und zu offenbaren. Die Engel taten alles, was ihre Königin ihnen befahl, diese aber bediente sich bei dieser Gelegenheit ihrer Macht und ihrer Heiligkeit in einem Umfang, welcher der Größe des zu wirkenden Wunders und dem Bedürfnisse der Sache entsprach, um welche es sich handelte. Als die Apostel mit diesen so zahlreichen Erstlingsfrüchten ihrer Predigt und des Heiligen Geistes in die Gegenwart der heiligsten Jungfrau kamen, nahm Maria sie mit unglaublicher Freude und mit der Güte einer wahren und liebenden Mutter auf.

81. Der heilige Apostel Petrus nahm das Wort und sprach zu den Neubekehrten: «Meine Brüder, Diener des Allerhöchsten ! Diese ist die Mutter unseres Erlösers und Meisters Jesu, dessen Glauben ihr angenommen und den ihr als wahren Gott und Menschen anerkannt habt. Sie hat ihm die menschliche Gestalt gegeben, sie hat ihn in ihrem Schoß empfangen und ihn geboren, ist aber vor, in und nach der Geburt Jungfrau geblieben. Erkennt sie als eure Mutter, Beschützerin und Mittlerin, durch sie werdet ihr gleich uns Licht, Trost und Rettung aus euren Sünden und Gebrechen empfangen.» Durch diese Ansprache des Apostels und durch den Anblick der allerseligsten Jungfrau Maria empfingen diese neuen Gläubigen wunderbare Einwirkungen inneren Lichtes und Trostes. Denn dieses Vorrecht, denjenigen, welche sie mit Frömmigkeit und Verehrung betrachteten, große innere Gnaden und besondere Erleuchtungen zuzuwenden, war ihr erneuert und erweitert worden, als sie sich zur Rechten ihres heiligsten Sohnes im Himmel befand. Nachdem alle diese Gläubigen besagte Gnade durch die Gegenwart der erhabenen Herrin empfangen hatten, warfen sie sich ihr zu Füßen und baten mit Tränen, sie möge ihnen allen ihre Hand darreichen und ihnen den Segen erteilen. Die demütige und weise Königin lehnte dies ab, indem sie sich auf die Gegenwart der Apostel berief, welche Priester seien und überdies sei Petrus der Stellvertreter Christi. Allein Petrus sprach zu ihr: «Gebieterin ! Verweigere doch diesen Gläubigen nicht, um was sie in Frömmigkeit und zum Heil ihrer Seelen bitten.» Da gehorchte Maria dem Haupt der Kirche und gab mit der demütigen Anmut einer Königin den Neubekehrten ihren Segen.

82. Die Liebe, welche diese Herzen drängte, bewog sie zu dem Verlangen, die göttliche Mutter möge ihnen auch einige Trostworte sagen, nur hinderte sie ihre Demut und Ehrfurcht, Maria darum zu bitten. Da sie aber den Gehorsam sahen, den sie dem heiligen Petrus leistete, so wandten sie sich an diesen mit der Bitte, zu bewirken, dass Maria sie nicht ohne einige Worte entlasse, welche für sie höchst ermutigend sein würden. Dem heiligen Petrus erschien es angemessen, diese Seelen zu trösten, die durch seine und der übrigen Apostel Predigt in Christus wiedergeboren waren. Allein da er wusste, dass der Mutter der Weisheit nicht unbekannt sei, was sie zu tun habe, so wagte er nicht mehr als diese Worte an sie zu richten: «O Herrin, höre auf die Bitten dieser deiner Diener und Kinder.» Alsbald gehorchte sie, redete die Neubekehrten an und sprach: «Meine geliebtesten Brüder im Herrn. Saget Dank dem allmächtigen Gott und lobet ihn von ganzem Herzen dafür, dass er euch durch die Erkenntnis des heiligen Glaubens, den ihr empfangen, vor den übrigen Menschen zum wahren Weg des ewigen Lebens hingezogen und berufen hat. Steht denn fest in diesem Glauben, um ihn von ganzem Herzen zu bekennen und um alles zu hören und zu glauben, was das Gesetz der Gnade Jesu Christi, meines Sohnes und eures Erlösers, enthält. Gehorchet seinen Aposteln, hört gelehrig ihren Unterricht und ihr werdet durch die Taufe mit dem Merkmal der Kinder des Allerhöchsten bezeichnet werden. Ich biete mich euch als Dienerin an, um euch in allem beizustehen, was zu eurem Trost erforderlich ist. Ich werde meinen Sohn, den ewigen Gott, bitten, euch als ein Vater voll der Barmherzigkeit anzuschauen, euch dereinst in der wahren Glückseligkeit die Freude seines Angesichtes schauen zu lassen und euch jetzt seine Gnade mitzuteilen.»

83. Diese liebreiche Ermahnung beseelte die neuen Kinder der Kirche mit erhöhtem Mut. Sie empfingen dadurch großes Licht und so hoch war der Begriff, den sie sich von der Herrin der Welt bildeten, dass sie mit Bewunderung und Verehrung für dieselbe erfüllt wurden. Sie baten aufs neue um ihren Segen und verabschiedeten sich für diesen Tag, umgewandelt und in hohem Grad gefördert durch die wunderbaren Gaben, welche der Allerhöchste ihnen verliehen hatte. Die Apostel und Jünger fuhren von diesem Tag an fort, ohne Unterbrechung zu predigen und Wunder zu wirken. Während der Oktave setzten sie nicht nur den Unterricht der Dreitausend, die sich am Pfingsttag bekehrt hatten, fort, sondern unterwiesen auch viele andere, die jeden Tag den Glauben annahmen. Da dieselben verschiedenen Nationen angehörten, so empfingen und unterrichteten sie dieselben, einen jeden in seiner eigenen Sprache, weshalb ich auch sagte, dass sie von dieser Zeit an die verschiedenen Sprachen redeten. Übrigens empfingen die Apostel diese Gnade nicht allein (obwohl dieselbe in ihnen größer und besonders ausgezeichnet war), sondern sie wurde auch den Jüngern und überhaupt allen jenen 120 Personen zuteil, welche sich im Speisesaal befanden und den Heiligen Geist empfangen hatten. Darunter waren aber auch die heiligen Frauen. Und es war dies damals notwendig, da die Menge derer, welche den Glauben annahmen, sehr beträchtlich war. Denn obwohl alle Männer und viele Frauen zu den Aposteln gingen, so wandten sich doch von den letzteren manche, nachdem sie die Apostel gehört hatten, an Magdalena und deren Gefährtinnen. Diese belehrten und unterrichteten sie und bekehrten zudem auch noch andere, welche auf den Ruf ihrer Wunder zu ihnen kamen. Denn die Gabe der Wunder war auch den heiligen Frauen mitgeteilt worden, so dass sie durch Handauflegung alle Krankheiten heilten. Blinde sehend, Stumme redend, Lahme gehend machten und mehrere Tote zum Leben erweckten. Und obwohl sie diese und andere Wunder nicht in so großer Zahl wie die Apostel wirkten, so setzten sie doch mit jenen zusammen ganz Jerusalem in Aufregung und Staunen: man redete von nichts als von den Wundern und der Predigt der Apostel und Jünger Jesu und der andern, weIche seiner Lehre anhingen und folgten.

84. Der Ruf dieser außerordentlichen Ereignisse verbreitete sich bald auch außerhalb der Stadt, denn niemand war mit einer Krankheit nach Jerusalem gekommen, der nicht gesund von da zurückgekehrt wäre. Solche Wunder waren eben damals besonders notwendig, nicht allein zur Bestätigung des neuen Gesetzes und des Glaubens Christi unseres Herrn, sondern auch, damit das natürliche Verlangen und Erhaltung des Lebens und der Gesundheit sie dahinführe, bei dem Suchen nach leiblichen Heilmitteln das Wort des Herrn zu vernehmen und an Leib und Seele geheilt zurückzukehren, wie es gewöhnlich bei denen geschah, die bei den Aposteln Heilung suchten. Auf diese Weise vermehrte sich mit jedem Tag die Zahl der Gläubigen. Ihr Eifer im Glauben und in der Liebe war so glühend, dass alle begannen, die Armut Christi nachzuahmen und die Reichtümer, ja sogar alle eigene Habe zu verschmähen. Sie brachten alles, was sie hatten, zu den Füßen der Apostel, ohne sich irgend etwas zurückzubehalten oder eine Sache als die Ihrige zu betrachten. Sie machten alles Ihrige zum Gemeingut der Gläubigen und verlangten insgesamt, sich von den Gefahren des Reichtums zu befreien und ein Leben der Armut, der Einfalt, der Demut und des beständigen Gebetes zu führen und an nichts anderes als an ihr ewiges Heil zu denken. Alle betrachteten sich als Brüder und Kinder des einen Vaters, der im Himmel ist und eingedenk, dass der Glaube, die Hoffnung, die Liebe, die Sakramente, die Gnade und das ewige Leben, welches sie suchten, allen gemeinsam seien, erachteten sie die Ungleichheit unter Christen als Kindern eines Vaters, Erben desselben Reiches und Bekennern des nämlichen Glaubens für eine Gefahr und einen Missklang. Es widerstrebte ihnen, dass bei so großer Einheit aller in der Hauptsache und im wesentlichen, die einen reich, die andern arm sein sollten, ohne sich diese zeitlichen Güter ebenso gemeinschaftlich zu machen wie diejenigen der Gnade, da sie doch alle einem und demselben Vater gehörten, welcher derselbe für alle seine Kinder ist.

85. Dies war das goldene Zeitalter und die glückselige Urzeit der Kirche, da noch «des Flusses Anlauf die Gottesstadt erfreute» und der Strom der Gnaden und Gaben des Heiligen Geistes dieses neue Paradies der Kirche fruchtbar machte, das Jesus Christus unser Heiland eben erst gegründet hatte, und in dessen Mitte sich als Baum des Lebens Maria, die seligste Jungfrau, befand. Damals war der Glaube lebendig, die Hoffnung fest, die Liebe warm, die Aufrichtigkeit lauter, die Demut wahrhaft, die Gerechtigkeit allseitig und ganz. Die Gläubigen kannten weder den Geiz, noch gingen sie Eitelkeiten nach, sie verachteten den Prunk und lebten ohne Habgier, ohne Stolz und ohne Ehrgeiz, welche Laster seitdem so sehr unter den Bekennern des Glaubens herrschend geworden sind. Wohl erklären diese sich auch jetzt noch als Anhänger Christi, allein durch ihre Werke verleugnen sie ihn. Man wird als Entschuldigung einwenden, dass dies damals die Erstlinge des Heiligen Geistes, und die Gläubigen weniger zahlreich waren, heutzutage aber die Zeiten andere seien, dass damals auch die Mutter der Weisheit und der Gnade, die seligste Jungfrau Maria, in der heiligen Kirche unter ihren Kindern weilte und die Gegenwart, die Gebete und der Schutz dieser großen Königin die Gläubige aufrecht hielten, sie bestärkten und im Glauben und Handeln bis zum Heldenmut erhoben.

86. Auf diese Einreden werden wir im Verlauf dieser Geschichte antworten. Aus dieser Antwort wird man ersehen, dass das Eindringen so vieler Laster in den Bereich der Kirche durch die Schuld der Gläubigen geschah, indem sie dem Teufel eine Gewalt einräumten. die er selbst bei all seiner Hoffart und Bosheit unter Christen nicht hoffte erlangen zu können. Für jetzt sage ich nur, dass die Kraft und Gnade des Heiligen Geistes sich mit diesen Erstlingsgaben keineswegs erschöpft hat. Sie ist allezeit dieselbe und würde bis zum Ende der Kirche ebenso wirksam sein in den vielen, wie sie bei deren Beginn wirksam war in den wenigen, wenn nur diese vielen ihr so treu wären, wie jene wenigen es gewesen sind. Dass die Zeiten sich geändert haben, ist wahr. Allein die Verwandlung der Tugend in das Laster und des Guten in das Böse besteht nicht in einer Veränderung der Himmel oder der Gestirne, sondern darin, dass die Menschen den geraden Weg des ewigen Lebens verlassen und den Weg des Verderbens eingeschlagen haben. Ich spreche hier nicht von Heiden und Irrgläubigen, welche nicht bloß das Licht des wahren Glaubens, sondern selbst das der natürlichen Vernunft verloren haben und gänzlich in die Irre gehen. Ich spreche von den Gläubigen, weIche für Kinder des Lichtes gelten wollen, sich aber mit dem bloßen Namen begnügen und sich oftmals desselben bedienen, um ihren Lastern den Schein von Tugenden zu geben und ihre Sünden zu bemänteln.

87. Von den Wundern und Großtaten, welche unsere große Königin in der ersten Kirche wirkte, wird es mir nicht möglich sein, in diesem dritten Teil auch nur den kleinsten Teil zu erzählen. Jedoch aus denen, welche ich aufzeichnen werde und aus der Zahl der Jahre, welche Maria nach der Himmelfahrt Christi noch auf Erden lebte, lässt sich hierüber vieles entnehmen. Denn sie hörte keinen Augenblick auf und versäumte keine Gelegenheit, der Kirche im allgemeinen oder im einzelnen irgend eine besondere Wohltat zu erweisen, sei es durch Bitten und Flehen zu ihrem heiligsten Sohn, von dem sie nie eine abschlägige Antwort erhielt, sei es durch Ermahnungen, Belehrungen, Ratgeben oder Gnadenerteilen. Denn was die göttliche Gnade betrifft, so war ja Maria deren Schatzmeisterin und Ausspenderin, und sie verteilte dieselbe auf verschiedene Weise unter die Kinder des Evangeliums. Unter diesen verborgenen Geheimmissen, welche mir über diese Gewalt der seligsten Jungfrau mitgeteilt worden sind, ist auch diese, dass in den Jahren, da sie in der Kirche lebte, verhältnismäßig sehr wenige zugrunde gingen und dass, wenn man je ein Jahrhundert mit jenen wenigen Jahren vergleicht, in jenen Jahren mehr Seelen gerettet wurden als in mehreren der folgenden Jahrhunderte.

88. Ich gestehe, dass das Los dieses überglücklichen Jahrhunderts uns, die wir in den letzten und schlimmsten Zeiten zum Licht des Glaubens geboren sind, einen heiligen Neid einflößen könnte, wenn mit dem Ablauf der Jahre die Macht, Güte und Liebe dieser höchsten Königin abgenommen hätte. Auch ist es wahr, dass wir nicht das Glück haben, sie mit unseren Sinnen zu sehen, mit ihr zu verkehren und sie zu vernehmen und dass in dieser Beziehung jene ersten Kinder der Kirche glücklicher waren als wir. Allein wir alle müssen überzeugt sein, dass wir auch damals schon für die himmlische Erkenntnis und Liebe Mariä, dieser mitleidsvollen Mutter, gegenwärtig waren. Denn sie sah und kannte uns alle in jener Ordnung und Reihenfolge, in welcher wir in der Kirche geboren werden sollten und sie betete für uns ebenso wie für diejenigen, welche damals lebten. Überdies ist sie jetzt im Himmel nicht weniger mächtig, als sie es damals auf Erden war. Sie ist geradeso unsere Mutter, wie sie die Mutter jener ersten Kinder war und betrachtet uns ganz wie jene als die Ihrigen. Aber ach, wie sehr ist unser Glaube, unser Eifer und unsere Andacht verschieden ! Was Maria betrifft, so hat sie sich nicht geändert. Ihre Liebe ist ganz dieselbe geblieben und ihre Fürbitte und ihr Schutz würden es ebenfalls noch sein, wenn wir in diesen unglücklichen Zeiten mit Dankbarkeit, Demut und Eifer ihre Fürsprache anrufen und nach dem Beispiel jener ersten und wahrhaft frommen Gläubigen unser Los mit fester Hoffnung auf Hilfe ihr anheimstellen würden. Gewiss, gar bald würde die ganze katholische Kirche jetzt, am Ende der Zeiten, dieselbe Hilfe bei Maria finden, welche sie in ihren ersten Zeiten gefunden hat.

89. Doch kehren wir zurück zur Betrachtung der Sorge, weIche die zärtliche Mutter für die Apostel und die Neubekehrten trug, und wie sie auf den Trost und die Bedürfnisse aller insgesamt und jedes einzelnen im besonderen bedacht war. Sie ermahnte und ermutigte die Apostel und Diener des göttlichen Wortes und legte ihnen wiederholt ans Herz, wohl zu bedenken, mit welcher Macht und welchen Erweisen von Wundern ihr heiligster Sohn angefangen habe, den Glauben in seiner Kirche zu pflanzen, welche Kraft der Heilige Geist ihnen mitgeteilt habe, damit sie taugliche Diener des Evangeliums werden und wie sie stets Hilfe von dem mächtigen Arm des Allerhöchsten erfahren hätten. Sie empfahl ihnen, ihn als den Urheber aller dieser Werke und Wunder anzuerkennen und zu loben, für alles in der Demut ihres Herzens Dank zu sagen und mit fester Zuversicht fortzufahren, die Gläubigen zu lehren und zu mahnen und den Namen des Herrn zu erheben, auf dass er von allen erkannt, geliebt und gepriesen werde. Diese Lehre und Mahnung für das Kollegium der Apostel erfüllte sie nun selbst zuerst, indem sie sich niederwarf, sich tief verdemütigte und mit Hymnen und Lobliedern den Allerhöchsten verherrlichte. Und sie tat dies mit solcher Vollkommenheit, dass sie auch nicht für einen einzigen der Bekehrten versäumte, dem ewigen Vater Dank zu sagen und feurige Bitten darzubringen, denn alle und jeder einzelne im besonderen waren stets ihrem Geist gegenwärtig.

90. Nicht zufrieden, so vieles für jeden einzelnen zu tun, empfing, hörte und beglückte sie alle mit Worten des Lebens und des Lichtes. In den Tagen, welche unmittelbar auf die Ankunft des Heiligen Geistes folgten, sprachen viele mit ihr insgeheim und eröffneten ihr ihr Inneres. Dasselbe taten in der Folge die, welche sich zu Jerusalem bekehrten, obwohl dieser großen Königin alles dies ohnehin bekannt war, denn sie kannte die Herzen aller samt deren Affekten, Neigungen und Verfassung. Mittelst dieser himmlischen Erkenntnis und Weisheit bequemte sie sich dem Bedürfnisse und Charakter eines jeden an und gab jedem das für sein Leiden dienlichste Heilmittel. Auf solche Art erwies die seligste Jungfrau zahllosen Seelen so ausgezeichnete Wohltaten und so große Gnaden, dass es unmöglich ist, dieselben in diesem Leben zu erkennen.

91. Kein einziger von denen, welche die himmlische Lehrmeisterin im Glauben unterwies und bildete, ging verloren, obwohl die Zahl derjenigen, denen dieses Glück zuteil wurde, eine sehr große war. Denn für alle, welche sie in Unterricht nahm, begann sie sofort eifrig zu beten und fuhr auch damit fort, solange sie lebten und so wurden sie sämtlich in das Buch des Lebens eingeschrieben. Um aber ihren heiligsten Sohn hierzu zu bestimmen, richtete sie an ihn dieses Gebet: «O mein Herr, du Leben meiner Seele ! Nach deinem Willen und Wohlgefallen bin ich auf die Erde zurückgekehrt, um die Mutter deiner Söhne, meiner Brüder, der Gläubigen deiner Kirche zu sein. Mein Herz kann es nicht ertragen, dass die Frucht deines unendlich kostbaren Blutes in diesen Söhnen verloren gehe, welche meine Fürsprache anflehen. Lasse sie nicht unglücklich werden dafür, dass sie sich an mich armseligen Erdenwurm gewendet haben, um dich ihnen geneigt zu machen, sondern nimm sie auf, o mein Sohn, unter die Zahl deiner Freunde, die du zu deiner Herrlichkeit vorherbestimmt hast.» Auf diese Bitten antwortete der Herr sofort, er werde tun, was sie verlange. Dasselbe aber geschieht, glaube ich, auch jetzt noch zugunsten derjenigen, welche sich der Fürsprache der seligsten Jungfrau Maria würdig machen und dieselbe von ganzem Herzen anrufen. Denn wenn diese reinste Jungfrau ihrem heiligsten Sohn mit solchen Bitten naht, wie kann man denken, er werde ihr das Geringere versagen, nachdem er ihr sein ganzes Wesen geschenkt, auf dass sie ihm mit Fleisch und mit der menschlichen Natur bekleide, in derselben Natur ihn aufziehe und an ihrer jungfräulichen Brust nähre?

92. Infolge der hohen Vorstellung, welche viele dieser neuen Gläubigen beim Anhören und Anschauen der himmlischen Herrin von ihr fassten, kehrten dieselben zu ihr zurück und brachten ihr Juwelen, Edelsteine und große Geschenke. Insbesondere brachten die Frauen ihre Schmucksachen, um sie der himmlischen Meisterin darzubringen. Aber sie nahm von allen diesen Dingen nicht das Geringste an. Wo es angemessen schien, das eine oder das andere anzunehmen, flößte sie den Gebern den Gedanken ein, es zu den Aposteln zu bringen, damit diese darüber verfügten und es nach Liebe, Billigkeit und Gerechtigkeit unter die Ärmsten und Bedürftigsten der Gläubigen verteilten. Allein die demütige Mutter dankte dafür nicht anders, als hätte sie es selbst empfangen. Die Armen und Kranken nahm sie mit unaussprechlicher Güte auf und heilte viele derselben von veralteten und eingewurzelten Krankheiten. Mancher großen verborgenen Not, half sie durch Vermittlung des heiligen Johannes ab. Kurzum. Sie war auf alles aufmerksam und versäumte keinerlei Gelegenheit zur Übung der Tugend. Da die Apostel und Jünger sich den ganzen Tag mit Predigen und mit der Bekehrung derjenigen beschäftigten, weIche zum Glauben kamen, so sorgte die große Königin für das zu ihrer Nahrung und Erhaltung Notwendige. Und wenn dann die Stunde gekommen war, so bediente sie die Priester persönlich mit gebogenen Knien, und nachdem sie zuvor dieselben mit unglaublicher Demut und Ehrfurcht gebeten hatte, ihnen die Hände küssen zu dürfen. Sie tat dies besonders den Aposteln gegenüber, deren Seelen sie in der Gnade befestigt sah und in denen sie die Wirkungen des Heiligen Geistes, ihre Würde als Hohepriester und als Grundsteine der Kirche bewunderte. Bisweilen sah sie dieselben von einem großen Glanz umgeben, was ihre Hochachtung und Verehrung für sie noch vermehrte.

LEHRE, welche mir die große Königin der Engel gegeben hat

93. Meine Tochter, die in diesem Hauptstück erwähnten Vorgänge enthalten vieles über das verborgene Geheimnis der Vorherbestimmung der Seelen. Wisse, dass die Erlösung hinreichend war, um alle Menschen zu retten, denn sie war reichlich und überfließend. Das Wort der Wahrheit wurde allen denjenigen dargeboten, welche die Predigten hörten oder zu weIchen die Kunde von der Ankunft meines Sohnes in die Welt gelangte. Nebst der Predigt und andern äußeren Zeichen des Heiles wurden allen auch innere Einsprechungen und Gnadenhilfen gegeben, um das Heil zu erkennen und zu suchen. Dessen ungeachtet wunderst du dich, dass auf die erste Predigt des Apostels unter der großen Menschenmenge, die damals in Jerusalem war, sich dreitausend Menschen bekehrten. Es ist aber weit mehr zu verwundern, dass sich jetzt so wenige zum Weg des ewigen Heiles bekehren, da doch das Evangelium weiter ausgebreitet, die Predigt häufiger, die Diener des Evangeliums zahlreicher, das Licht der Kirche heller und die Kenntnis der göttlichen Geheimnisse eingehender ist. Denn ungeachtet alles dessen sind jetzt die Menschen blinder, die Herzen verhärteter. der Stolz kecker und die Habsucht ohne Grenzen. Alle Laster werden ohne Scheu und Furcht Gottes verübt.

94. Bei dieser ihrer Verkehrtheit und tiefen Versunkenheit können die Sterblichen sich nicht über die allerhöchste und gerechteste Vorsehung des Herrn beklagen, der seine väterliche Barmherzigkeit allen angeboten hat und noch anbietet. Er lehrt sie den Weg des Todes. Wenn er daher zulässt, dass einige ihr Herz verhärten, so handelt er nach Billigkeit und Gerechtigkeit. Über sich selbst werden sich einstens die Verdammten beklagen, aber fruchtlos, wenn sie nach Ablauf der Gnadenzeit einsehen, was sie zur rechten Zeit hätten einsehen können und sollen. Wenn sie in dem kurzen und augenblicklichen Leben, welches ihnen bewilligt wird, um das ewige Leben zu verdienen, Augen und Ohren der Wahrheit und dem Licht verschließen, dagegen dem Teufel Gehör schenken und seinem gottlosesten Willen sich ganz und gar überlassen, wenn sie die Güte und Langmut des Herrn so schlecht benützen - was können sie dann zu ihrer Entschuldigung anführen? Wenn sie keine Kränkung zu verzeihen wissen, sondern für die geringste Beleidigung auf die grausamste Rache sinnen; wenn sie, um ihre vergängliche Habe zu vermehren, alle Ordnung des Rechtes und alle Bruderliebe mit Füßen treten; wenn sie über einem schmachvollen Vergnügen die ewige Strafe vergessen, und wenn sie überdies die Einsprechungen, Gnadenhilfen und Warnungen verachten, die Gott ihnen sendet, damit sie das Verderben fürchten und sich vom Weg desselben enthalten: wie können sie dann über die göttliche Güte sich beklagen? Mögen also die Menschen, die gegen Gott gesündigt haben, ihren Irrtum erkennen und nicht vergessen, dass es ohne Buße keine Gnade, ohne Besserung keine Verzeihung und ohne Verzeihung keine Seligkeit gibt. Allein sowie Gnade, Verzeihung und Seligkeit keinem Unwürdigen gegeben werden, so werden sie demjenigen niemals versagt, der ihrer würdig ist. Die Barmherzigkeit hat niemals gefehlt und wird niemals demjenigen fehlen, der sie zu erlangen sucht.

95. Aus allen diesen Wahrheiten sollst du, meine Tochter, die heilsamen Lehren ziehen, die für dich passen. Die erste möge die sein, dass du die geringste heilige Einsprechung, weIche dir zuteil wird, die geringste Warnung oder Lehre, welche du hörst, mit aller Aufmerksamkeit aufnehmest, käme sie auch vom geringsten Diener des Herrn oder von was immer für einem Geschöpf. Du musst mit Ernst und Klugheit dafürhalten, es sei kein Zufall und geschehe nicht ohne göttliche Anordnung, dass dir diese Warnung zukomme. Denn es ist außer Zweifel, die göttliche Vorsehung hat bei allen ihren Anordnungen die Absicht, dir eine heilsame Lehre zu geben. Du sollst daher alles mit Demut und Dankbarkeit aufnehmen und in deinem Herzen darüber nachdenken, um zu erkennen, zu welcher Tugend dich jener Mahnruf, den du erhalten hast, antreiben kann und soll und diese Tugend sollst du dann nach bestem Wissen ins Werk setzen. Und sollte die Sache dir auch kleinlich erscheinen, verachte sie nicht, sondern tue sie. Dieses gute Werk wird dich zu andern verdienstlicheren und tugendhafteren Werken vorbereiten. Zweitens beherzige wohl, weIchen Schaden es der Seele bringt, wenn man so viele Gnaden, Einsprechungen, Zurufe und andere Wohltaten des Herrn verachtet. Denn die Undankbarkeit, deren man sich dadurch schuldig macht, rechtfertigt vollkommen die Strenge, womit der Allerhöchste es zulässt, dass viele Sünder sich verhärten. Wenn diese Gefahr aber für alle eine furchtbare ist, wie sehr wird sie es für dich sein, wenn du so überreichliche Gnaden und Gunstbezeigungen vereitelst, welche du von der Güte des Herrn vor tausend anderen empfangen hast? Und da mein heiligster Sohn mit solcher Sorgfalt alles für dein und der andern Seelen Bestes anordnet, so ist es endlich drittens mein Wille, dass du nach meinem Vorbild, das ich dir gezeigt, in deinem Herzen die innigste Begierde erweckest, allen Kindern der heiligen Kirche und überhaupt allen anderen Menschen, so sehr du nur kannst, zu helfen. Rufe und flehe vom Grund deines Herzens zu Gott, er möge alle Seelen mit den Augen seiner Barmherzigkeit anschauen und sie retten. Damit sie dieses Glück erreichen, biete dich an, für sie nötigenfalls auch zu leiden. Erinnere dich, wie viel sie meinen Sohn und deinen Bräutigam gekostet haben, der zu ihrer Erlösung sein Blut vergossen und sein Leben hingegeben hat und sei auch eingedenk, wie viel ich in der heiligen Kirche gearbeitet habe. Verlange unablässig von der göttlichen Barmherzigkeit die Frucht dieser Erlösung und damit du es nicht vergessest, so lege ich dir dies hiermit kraft jenes Gehorsames auf, welchen du mir schuldest.

SIEBENTES HAUPTSTÜCK: Taufe der Neubekehrten. Erste Heilige Messe

Die Apostel und Jünger halten eine Versammlung, um gewisse Zweifel zu lösen, insbesondere über die Form der Taufe. Spendung der Taufe an die neuen Katechumenen. Der hl. Petrus zelebriert die erste hl. Messe; was Maria bei allem diesem wirkte.

96. Es liegt nicht im Zweck dieser Geschichte, darin die Ordnung einzuhalten, in welcher der heilige Lukas die Handlungen der Apostel erzählt und alles zu erwähnen, was sie nach der Herabkunft des Heiligen Geistes taten. Denn obgleich es gewiss ist, dass die erhabene Königin und Lehrerin der Kirche um alles wusste, was in derselben geschah, so taten die Apostel doch viele Dinge, ohne dass Maria zugegen gewesen wäre, und es ist nicht notwendig, dieselben hier alle zu berichten. Auch ist es unmöglich, hier die Art und Weise anzuführen, wie die seligste Jungfrau bei allen Werken der Apostel und Jünger mitwirkte und zu den Erfolgen eines jeden beitrug, da hierzu umfangreiche Bücher nötig wären. Für meinen Zweck und für den Faden dieser Geschichte genügt es, aus dem, was der heilige Evangelist in der Apostelgeschichte behandelt, das Notwendigste auszuwählen. Auf diese Weise wird man vieles bezüglich unsrer Königin und Herrin kennen lernen, was der heilige Lukas überging, weil es nicht in seinen Plan gehörte und es damals nicht angemessen war, dasselbe niederzuschreiben.

97. In dem Maß, als die Apostel fortfuhren, in Jerusalem zu predigen und Wunder zu wirken, nahm die Zahl der Gläubigen zu und stieg, wie der heilige Lukas im vierten Kapitel der Apostelgeschichte sagt, in den sieben Tagen seit der Ankunft des Heiligen Geistes auf fünftausend, welche man sofort unterrichtete, um sie auf die Taufe vorzubereiten. Das Taufen war hauptsächlich die Beschäftigung der Jünger, denn was die Apostel betrifft, so predigten dieselben und hielten auch mehrere Kontroversen mit den Pharisäern und Sadduzäern. Am siebenten Tag, da die Königin der Engel einsam in ihrem Betkämmerchen das Wachstum dieser kleinen Herde ihres heiligsten Sohnes erwog, verdoppelte sie ihre Gebete, indem sie diese Herde Gott dem Herrn vorstellte und ihn anflehte, er möge seinen Dienern, den Aposteln, Licht verleihen, um für die notwendige Regierung und sichere Leitung dieser neuen Kinder des Glaubens Vorsorge zu treffen. Zur Erde niedergeworfen, betete sie den Herrn an und sprach zu ihm: «O allerhöchster, ewiger Gott ! Dieser armselige Erdenwurm hier lobt und erhebt dich um der Liebe willen, welche du zum Geschlecht der Menschen trägst, und wegen der Freigebigkeit, womit du ihnen deine väterlichen Erbarmungen bezeigst, indem du so viele zur Erkenntnis und zum Glauben deines allerheiligsten Sohnes berufst und so die Ehre deines heiligen Namens in der ganzen Welt erhöhst und ausbreitest. Ich bitte, o Herr, deine göttliche Majestät, du wollest deinen zwölf Aposteln, meinen Gebietern, das nötige Licht erteilen, um alles zu erkennen, was deiner Kirche frommt, und jene Form der Regierung zu entdecken und anzuordnen, welche nottut, damit deine Kirche sich ausbreiten und erhalten möge.»

98. Sofort erkannte die weiseste Jungfrau vermöge der Anschauung Gottes, die sie besaß, dass ihre Bitte dem Herrn überaus wohlgefällig sei; er antwortete ihr darauf folgendermaßen: «Maria, meine Braut, was verlangst und begehrst du von mir, denn deine Stimme und dein Verlangen haben süß in meinem Ohr ertönt ? Bitte, um was du willst, denn mein Wille ist bereit, deine Wünsche zu gewähren.» Die seligste Jungfrau erwiderte: «O Gott, mein Herr, Gebieter meines ganzen Wesens, meine Wünsche und Seufzer sind deiner unendlichen Weisheit nicht verborgen. Ich will, suche und verlange nur, was dir das Liebste und Wohlgefälligste ist, deine größere Ehre und die Erhöhung deines Namens in der heiligen Kirche. Diese neuen Kinder, welche du in so kurzer Zeit vermehrt hast, stelle ich dir vor. Mein Verlangen ist, dass sie die heilige Taufe empfangen, da sie im heiligen Glauben schon unterrichtet sind. Ferner wünsche ich, wenn es dir so genehm ist, dass die Apostel, deine Priester und Diener, nunmehr beginnen, den Leib und das Blut deines und meines Sohnes zu konsekrieren, auf dass sie durch dieses wunderbare und neue Opfer dir danken und dich preisen für die Wohltat der Erlösung, sowie für alle andern Wohltaten, die du dadurch der Welt erwiesen hast. Ich bitte darum auch zu dem Zweck, damit wir Kinder deiner heiligen Kirche, wenn es dir so gefällt, diese Nahrung des ewigen Lebens empfangen mögen. Da ich nur Staub und Asche, die geringste Dienerin deiner Gläubigen und nur eine Jungfrau bin, so scheue ich mich dies deinen Priestern den Aposteln vorzutragen. Gib du o Herr dem Petrus deinem Stellvertreter, den Gedanken ins Herz, dass er anordne was du willst.»

99. So verdankte die neugegründete Kirche der seligsten Jungfrau Maria auch diese Wohltat, dass man dank ihrer weisen Fürsorge und Vermittlung schon damals anfing, den Leib und das Blut ihres heiligsten Sohnes zu konsekrieren und die erste Heilige Messe seit der Himmelfahrt Christi und der Ankunft des Heiligen Geistes zu feiern. In der Tat war es gerecht, dass diese erste Austeilung des Brotes des Lebens unter ihre Kinder durch die Bemühung Mariä erfolgte, war sie ja doch jenes vom Heiligen Geiste verheißene reiche Schiff, welches dieses Brot vom Himmel zu uns brachte. Daher antwortete ihr auch der Herr: «Meine Freundin, meine Taube, es geschehe, was du sagst und begehrst. Meine Apostel werden durch Petrus und Johannes mit dir reden und du wirst durch sie alles anordnen und ausführen, was du wünschest.» Bald darauf traten alle Apostel bei der großen Königin ein. Maria empfing sie mit den gewohnten Ehrfurchtsbezeigungen, kniete nieder und bat sie um den Segen. Der heilige Petrus, das Haupt der Apostel, erteilte ihr denselben und dann, im Namen aller das Wort ergreifend, stellte er der seligsten Jungfrau vor, wie die Neubekehrten bereits im Glauben und in den Geheimnissen des Herrn unterrichtet seien, und dass es nun gerecht erscheine, denselben die heilige Taufe zu erteilen, ihnen das Merkmal der Kinder Jesu Christi aufzudrücken und sie in den Schoß der heiligen Kirche aufzunehmen. Schließlich bat er die seligste Jungfrau, sie möge anordnen, was sie als das Sicherste und dem Allerhöchsten Wohlgefälligste erkenne. Die weiseste Mutter antwortete: «Herr, du bist das Haupt der Kirche und der Stellvertreter meines allerheiligsten Sohnes in ihr. Alles, was in seinem Namen durch dich angeordnet werden mag, wird sein allerheiligster Wille bestätigen. Mein Wille ist einer und derselbe mit dem seinen und dem deinen.»

100. So ordnete denn der heilige Petrus an, dass am folgenden Tag, welcher dem Sonntag der allerheiligsten Dreifaltigkeit entsprach, die heilige Taufe jenen Katechumenen erteilt werde, welche sich in dieser Woche bekehrt hatten. Die Himmelskönigin gab hierzu ihre Zustimmung, ebenso wie die übrigen Apostel. Nun aber erhob sich ein anderer Zweifel, nämlich welche Taufe die Katechumenen empfangen mussten, diejenige des heiligen Johannes oder die Taufe Christi unseres Heilandes. Einigen aus der Versammlung dünkte es gut, dass sie die Taufe des Johannes, welche die der Buße war, empfingen, und dass sie durch diese Pforte zum Glauben und zur Rechtfertigung ihrer Seelen gelangten. Andere hingegen sagten, durch die Taufe Christi und durch seinen Tod sei die Taufe des Johannes, welche bestimmt gewesen, die Herzen zur Aufnahme des Erlösers vorzubereiten, abgeschafft, und die vom Sohn Gottes eingesetzte Taufe sei es, welche die Gnade zur Rechtfertigung und zur Abwaschung aller Sünden denjenigen verleihe, welche die erforderliche Bußgesinnung hätten. Man müsse sie deshalb unverzüglich in der Kirche einführen.

101. Diese Meinung bestätigten der heilige Johannes und der heilige Petrus. Die seligste Jungfrau bekräftigte sie, und so wurde bestimmt, dass man sofort die Taufe Jesu Christi unseres Herrn einführe, und dass diese den Neubekehrten und allen übrigen, welche noch zur Kirche kommen würden, zu erteilen sei. Was die Materie und die Form dieses Sakramentes betrifft, so bestand unter den Aposteln kein Zweifel, denn alle stimmten darin überein, die Materie habe in natürlichem und elementarischem Wasser, die Form aber in den Worten zu bestehen: Ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Denn dies war die Materie und Form, welche unser Herr und Heiland selbst festsetzte, und welche er bei denjenigen anwandte, die er persönlich zu taufen sich würdigte. Diese Form der Taufe wurde von jenem Tag an stets beibehalten. Wenn in der Apostelgeschichte gesagt wird (Apg 2, 38), dass die Apostel und Jünger im «Namen Jesu» tauften, so ist damit nicht die Form, sondern der Urheber der Taufe gemeint, welcher Jesus war, zum Unterschied von der Taufe des Johannes. Im Namen Jesu taufen heißt hier soviel als mit der Taufe Jesu taufen. Die Form aber war dieselbe, welche der Herr ausgesprochen hat, unter ausdrücklicher Erwähnung der drei Personen der allerheiligsten Dreifaltigkeit, welche das Fundament und der Ursprung des gesamten Glaubens und der katholischen Wahrheit ist (So lehrt auch die heilige Kirche im «Römischen Katechismus». 2. Hauptstück. Vom Sakrament der Taufe. Art. 16). Nach dieser Beschlussfassung entschieden die Apostel, dass man am folgenden Tag alle Katechumenen im Abendmahlshaus versammle, damit sie dort getauft würden, und dass die zweiundsiebzig Jünger es auf sich nähmen, sie auf diesen Tag vorzubereiten.

102. Hierauf wandte sich die Himmelskönigin an die ganze Versammlung, und nachdem sie die Apostel um ihre Erlaubnis gebeten hatte, sprach sie zu ihnen: «Meine Gebieter ! Der Erlöser der Welt, mein Sohn und wahrer Gott, hat gemäß der Liebe, die er zu den Menschen trug, dem ewigen Vater das Opfer seines heiligsten Leibes und Blutes dargebracht und zu gleicher Zeit sich selbst konsekriert unter den Gestalten von Brot und Wein. Unter diesen Gestalten will er bei der heiligen Kirche bleiben, auf dass seine Kinder darin ein Opfer, eine Speise zum ewigen Leben und das sicherste Unterpfand dessen besäßen, was sie im Himmel zu erhalten hoffen. Durch dieses Opfer, welches die Geheimnisse des Lebens und Sterbens des Sohnes enthält, wird der Vater sich versöhnen lassen. In und mit diesem Opfer wird die Kirche dem himmlischen Vater den schuldigen Dank und das gebührende Lob darbringen. Ihr seid die Priester und Verwalter, denen es allein zusteht, dasselbe darzubringen. Nun ist mein Verlangen, wofern es euch beliebt, dass ihr anfangt, dieses unblutige Opfer darzubringen und den Leib und das Blut meines allerheiligsten Sohnes zu konsekrieren, auf dass wir so Dank sagen für die Wohltat der Erlösung und die Sendung des Heiligen Geistes über die Kirche, und damit die Gläubigen ihn empfangen und jenes Brot des Lebens und seine göttlichen Wirkungen zu verkosten beginnen. Man kann zur Kommunion des heiligsten Leibes aus der Zahl der zu tausenden Katechumenen diejenigen zulassen, welche befähigter und besser vorbereitet sind, denn die Taufe ist die erste Vorbereitung zu diesem Empfang (Über die erste heilige Messe der Apostel sehe man Card. Bona, de reb. liturg. lib. I. c. V. D. Übersetzer).»

103. Diesem Wunsche der seligsten Jungfrau pflichteten alle Apostel und Jünger unverzüglich bei und dankten ihr für das Gute, das ihnen allen aus ihren Belehrungen und Unterweisungen zufloss. Es wurde bestimmt, dass am folgenden Tag nach der Taufe der Katechumenen der Leib und das Blut Christi konsekriert, und dass Petrus, als der Oberste in der Kirche, der darbringende Opferpriester sein solle. Der heilige Apostel stimmte bei. Ehe er jedoch diese Versammlung entließ, legte er derselben noch eine Frage zur Lösung vor, nämlich über die festzustellende Art und Weise der Verwaltung und Austeilung der Almosen und der Güter, welche die Neubekehrten darbrachten. Damit alle die Sache gehörig erwägen könnten, trug er sie in folgender Fassung vor:

104. «Meine geliebten Brüder, ihr wisst, dass unser Erlöser und Meister Jesus durch sein Beispiel, seine Lehre und seine Gebote uns die wahre Armut gezeigt und empfohlen hat, in der wir leben müssen, frei von den Sorgen um Geld und Gut, das wir in diesem Leben weder verlangen noch anhäufen dürfen. Nebst dieser heilsamen Lehre haben wir vor unseren Augen das noch ganz neue entsetzliche Beispiel des Untergangs jenes Judas, der ein Apostel war wie wir, aber durch seine Habsucht und Geldgier elend zugrunde ging und von der Würde des Apostolates in den Abgrund der Bosheit und in die ewige Verdammnis hinabstürzte. Diese schreckliche Gefahr müssen wir meiden und uns alle entschließen, Geld weder zu besitzen noch zu berühren, sondern in höchster Armut unserem Führer und Meister nachzufolgen. Ich weiß, dass ihr alle dasselbe Verlangen tragt wie ich, weil ihr einseht, dass der Herr uns diese Gefahr und diese Strafe vor Augen gestellt hat, um uns vor solcher Ansteckung zu bewahren. Um uns daher von den Hemmnissen zu befreien, welche wir unter der Last der Gaben und Almosen fühlen, welche die Gläubigen uns darbringen, ist es notwendig, von nun an eine Form der Verwaltung festzusetzen. Ich bitte euch also, zu sagen, welche Art und Weise man beim Empfang und bei der Verteilung des Geldes und anderer Gaben, die uns angeboten werden, befolgen soll.»

105. Die Bestimmung einer passenden Verwaltungsform war für das zahlreiche Kollegium der Apostel und Jünger nicht ohne einige Schwierigkeiten. Es wurden verschiedene Vorschläge gemacht. Einige sagten, es würde gut sein, einen Verwalter zu bestellen, welcher alles Geld und alle Gaben in Empfang nehmen, verteilen und für die Bedürfnisse aller verwenden sollte. Jedoch dieser Vorschlag, der das Beispiel des Judas ins Gedächtnis rief, fand wenig Beifall in diesem Kollegium von Armen und Schülern des göttlichen Lehrers der Armut. Andere meinten, man solle alles bei einem zuverlässigen Manne außerhalb des Kollegiums der Apostel hinterlegen, der dessen Herr und Besitzer sein, mit den Erträgnissen und Einkünften aber die Bedürfnisse der übrigen Gläubigen zu bestreiten haben sollte. Doch auch vor diesem, wie vor noch mehreren andern Mitteln, welche vorgeschlagen wurden, blieb man unschlüssig stehen. Maria, die seligste Jungfrau und große Lehrmeisterin der Demut, hörte alle an, ohne ein Wort zu sprechen, teils um den Aposteln auf diese Art ihre Ehrfurcht zu bezeigen, teils damit sie nicht, indem sie zuerst ihre Meinung äußerte, die anderen in Äußerung ihrer Ansicht beenge. Denn obwohl sie die Lehrmeisterin aller war, so betrug sie sich doch stets wie eine Schülerin, die zu hören und zu lernen wünschte. Da aber der heilige Petrus und Johannes die Verschiedenheit der vorgebrachten Meinungen sahen, baten sie die göttliche Mutter, ihnen aus dieser Verlegenheit zu helfen und zu sagen, was ihrem allerheiligsten Sohn am angenehmsten sei.

106. Maria gehorchte augenblicklich, und sich an die ganze Versammlung wendend, sprach sie: «Meine Gebieter und Brüder, ich war in der Schule unseres wahren Meisters, meines allerheiligsten Sohnes, von der Stunde an, da er aus meinem Schoß geboren wurde, bis zu seinem Tod und seiner Auffahrt in den Himmel. Im ganzen Verlaufe seines göttlichen Lebens nun habe ich nie gesehen oder gehört, dass er Geld in Händen hatte oder Gaben von Belang annahm. Und wenn er kurz nach seiner Geburt die Gaben annahm, welche die Könige aus dem Morgenland anbetend darbrachten, so geschah dies wegen des Geheimnisses, das sie versinnbildlichten, und um die frommen Absichten dieser Könige, welche die Erstlinge der Heiden waren, nicht zu vereiteln. Allein ohne Verzug und noch in meinen Armen ruhend, befahl er mir, sie unter die Armen und an den Tempel zu verteilen, was ich auch alsbald tat. Oftmals während seines Lebens sagte er mir, unter den erhabenen Zwecken, wozu er in Menschengestalt zur Welt gekommen, sei einer, die Armut zu Ehren zu bringen und sie die Menschen von denen sie verabscheut war, zu lehren. In seinen Gesprächen, seiner Lehre und seinem heiligsten Leben gab er mir stets zu erkennen, dass die Heiligkeit und Vollkommenheit, welche er zu lehren gekommen sei, sich auf gänzliche freiwillige Armut und Verachtung der Reichtümer gründen müsse, und dass, je mehr dieselbe in der Kirche blühen werde, desto größer auch in den jeden Zeitläuften die Heiligkeit sein werde. Die Zukunft werde es zeigen.»

107. «Da wir nun verpflichtet sind, in die Fußstapfen unseres wahren Meisters zu treten, seine Lehre ins Werk zu setzen und zu befolgen und seine Kirche auf seine Lehre und sein Vorbild zu gründen, so ist es notwendig, dass wir alle die höchste Armut umfassen und sie als die wahre Mutter der Tugenden und Heiligkeit schätzen und verehren. Deshalb scheint es mir, dass wir alle unser Herz von der Liebe und dem Verlangen nach Geld und Gut losreißen und uns enthalten müssen, Geld zu empfangen, zu berühren und Gaben von beträchtlichem Wert anzunehmen. Damit also niemand der Habsucht ausgesetzt sei, könnte man sechs oder sieben Personen von anerkannt gutem Lebenswandel und von wohlbegründeter Tugend wählen, welche die Gaben, Almosen und übrigen Dinge, deren die Gläubigen sich zu größerer Sicherheit und ungehinderter Nachfolge Christi zu entledigen wünschen, in Empfang zu nehmen haben. Alles dieses soll dann den Namen von Almosen, nicht aber den von Renten oder Einkommen tragen und für unsere Bedürfnisse, sowie für die Bedürfnisse unserer Brüder, der Armen, Notleidenden und Kranken dienen. Niemand in unserer Versammlung und in der Kirche darf irgend eine Sache so ansehen, als ob sie mehr sein Eigentum als das seiner Brüder sei. Falls die um Gottes willen dargebrachten Almosen nicht für alle Bedürfnisse hinreichen sollten, so werden diejenigen, die man hierzu bestimmen wird, im Namen Gottes um Gaben bitten. Lasset uns alle wohl bedenken, dass unser Leben von der weisesten Vorsehung meines heiligsten Sohnes abhängen muss und nicht von der Sorge für Erwerbung und Vergrößerung des Vermögens, unter dem Vorwand des nötigen Unterhaltes. Haben wir nur Vertrauen auf Gott und wenn es notwendig ist, so bitten wir mit Maß und Bescheidenheit um Almosen.»

108. Kein Apostel, noch irgend ein anderer aus den Gläubigen dieser heiligen Versammlung widersprach der Anordnung ihrer und unserer großen Königin, sondern alle billigten und umfingen ihre Lehre und anerkannten damit, dass sie die einzige und wahre Schülerin des Herrn und Lehrmeisterin der Kirche war. Nach einer besonderen göttlichen Anleitung wollte die allerweiseste Mutter diese wichtige Lehre und die darauf beruhende feste Begründung der evangelischen und christlichen Vollkommenheit in der Kirche nicht einem Apostel überlassen, sondern sie übernahm dieselbe in eigener Person, als ein Werk, das wegen seiner Größe und Schwierigkeit die Lehre und das Beispiel Christi selbst und seiner Mutter erforderte. Jesus und Maria waren die Erfinder und Urheber dieser hochedlen Armut, sowie auch sie es waren, welche sie zuerst geübt und gelobt haben. Diesen beiden Meistern folgten die Apostel und alle ersten Kinder der neugegründeten Kirche. Diese Art der Armut bestand viele Jahre lang in der Kirche. Durch die menschliche Gebrechlichkeit und die Bosheit des Feindes jedoch hörte sie in der Folge auf, allgemein zu sein, und es kam dahin, dass die freiwillige Armut auf den geistlichen Stand beschränkt war. Als sie dann durch die Ungunst der Zeiten schwer, ja sozusagen unmöglich wurde, erweckte Gott den Stand der Ordensleute, in welchem ungeachtet einiger Unterschiede, die in den verschiedenen Instituten herrschen, die ursprüngliche Armut sich ganz oder teilweise erneuerte. Dieselbe wird sich denn auch in der Kirche bis an das Ende der Zeiten erhalten, und man wird die Privilegien dieser Tugend mehr oder weniger genießen, je nachdem man sie mehr oder weniger eifrig liebt, ehrt und übt. Keiner jener Orden, welche die heilige Kirche approbiert, ist ausgeschlossen von der Möglichkeit einer entsprechenden Vollkommenheit, und niemand darf sich für entschuldbar halten, wenn er nicht nach der höchsten Vollkommenheit in dem Stand strebt, in welchem er sich befindet. Wie es im Haus Gottes viele Wohnungen gibt, so gibt es auch viele Orden von verschiedener Strenge. Jeder muss eben tun, was ihm gemäß der Natur seines Ordens obliegt. Wir alle dürfen überzeugt sein, dass der erste Schritt in der Nachfolge Christi die freiwillige Armut ist und dass derjenige, der sie strenger beobachtet und losgeschälter lebt, auch leichteren Schrittes vorwärts schreiten wird, um sich mit Christus zu vereinigen und um so reichlicher auch an den übrigen Tugenden und Vollkommenheiten teilzunehmen.

109. Mit dem Entscheid der seligsten Jungfrau schloss diese Versammlung des Kollegiums der Apostel und man ernannte sechs verständige Männer, um die Almosen zu empfangen und zu verteilen. Die erhabene Herrin bat die Apostel um den Segen. Diese gingen, ihr Ministerium fortzusetzen, und die Jünger eilten, die Katechumenen vorzubereiten, welche des andern Tags getauft werden sollten. Die Königin des Himmels, unterstützt von den Engeln und den andern heiligen Frauen, bereitete und schmückte den Saal, wo ihr allerheiligster Sohn das Abendmahl gefeiert hatte. Sie kehrte und ordnete ihn mit eigenen Händen, auf dass man am folgenden Tag darin konsekrieren könne, wie es beschlossen worden war. Sie erbat sich von dem Herrn des Hauses dieselben Verzierungen und Ausschmückungsgeräte, welche am Donnerstag des letzten Abendmahles angebracht worden waren, wie ich an seinem Ort gesagt und der fromme Hausherr gab alles, da er die höchste Ehrfurcht gegen Maria hegte. Die erhabene Mutter Jesu richtete gleichfalls die ungesäuerten Brote und den Wein her, welche zur Konsekration notwendig waren. Desgleichen die nämliche Schüssel und denselben Kelch, worin unser Erlöser konsekriert hatte. Für die Taufe besorgte sie reines Wasser und Gefäße, mittelst welcher dieses Sakrament leicht und geziemend gespendet werden konnte. Nach diesen Vorbereitungen zog sich die liebevolle Mutter zurück und verbrachte diese Nacht in sehr eifrigen Anmutungen, während welcher sie sich oft auf die Erde niederwarf, in Danksagungen und andern Übungen des erhabensten Gebetes, worin sie dem ewigen Vater alles, was ihre höchste Weisheit ihr eingab, darbrachte, um sich selbst würdig auf die bevorstehende Kommunion vorzubereiten, und damit auch die übrigen sie zum Wohlgefallen der göttlichen Majestät empfangen möchten, eine Bitte, die sie in entsprechender Weise auch für diejenigen verrichtete, welche zu taufen waren.

110. Am Morgen des folgenden Tages, der Oktav des Heiligen Geistes, versammelten sich im Abendmahlshaus alle Gläubigen und Katechumenen bei den Aposteln und Jüngern, und als alle gegenwärtig waren, predigte der heilige Petrus. Er erklärte ihnen das Wesen und die Würde des Sakramentes der Taufe, dessen Notwendigkeit für sie und die göttlichen Wirkungen, deren sie dadurch teilhaftig würden, indem sie als Glieder des geheimnisvollen Leibes der Kirche mit einem inneren Merkmal bezeichnet, als Kinder Gottes wiedergeboren und mittelst der Gnade der Rechtfertigung und Nachlassung der Sünden Erben der ewigen Glorie würden. Er ermahnte sie zur Beobachtung des göttlichen Gesetzes, zu welcher sie sich aus eigener Wahl verpflichteten, und zur demütigen Dankbarkeit für diese und alle andern Wohltaten, die sie von der Hand des Allerhöchsten empfingen. Er erklärte ihnen auch die Wahrheit des hochheiligen Geheimnisses der Eucharistie, und wie es durch Konsekration des wahren Leibes und Blutes Jesu Christi gefeiert werde, auf dass alle es anbeten und die, welche es nach ihrer Taufe empfangen sollten, sich darauf vorbereiten möchten.

111. Diese Predigt entflammte alle Neubekehrten, denn ihre Gesinnung war von Herzen aufrichtig, die Worte des Apostelfürsten waren lebendig und eindringlich, die innere Gnade aber war sehr reichlich. Sodann begann die Taufe, und zwar durch die Hand der Apostel, in großer Ordnung und zur allgemeinen Erbauung. Die Katechumenen traten durch eine Türe des Speisesaals ein und gingen nach der Taufe durch eine andere hinaus. Die Jünger und andere Gläubige standen ihnen bei und geleiteten sie, so dass keine Verwirrung entstehen konnte. Die seligste Jungfrau Maria war, obwohl zurückgezogen in einem Winkel des Speisesaals, bei allem gegenwärtig, betete und sagte Dank für alle. Sie erkannte bei einem jeden die durch die Taufe hervorgebrachten Wirkungen in dem größeren oder geringeren Grade der Tugenden, welche ihnen eingegossen wurden. Sie sah, dass sie alle erneuert und im Blut des Lammes gewaschen wurden, und dass ihre Seelen eine himmlische Reinheit und Unschuld empfingen. Zum Zeugnis dessen senkte sich vor den Augen der Gegenwärtigen ein überaus helles, sichtbares Licht vom Himmel auf einen jeden herab, sobald die Taufe an ihm vollzogen war. Durch dieses Wunder wollte Gott den Anfang dieses großen Sakramentes in seiner Kirche bekräftigen; er wollte jene ersten Söhne trösten, welche durch diese Tür eingingen, sowie auch uns, obwohl wir dieses hohe Glück nicht mit jener Aufmerksamkeit und Dankbarkeit schätzen, wie es unsere Schuldigkeit wäre.

112. Man fuhr mit der Taufe der Katechumenen bis zum letzten fort, obwohl es an diesem Tag ihrer mehr als fünftausend waren, die dieses Sakrament empfingen. Während sodann die Neugetauften für eine so wunderbare Gnade dankten, widmeten sich die Apostel samt allen Jüngern und andern Gläubigen eine Zeitlang dem Gebet. Alle warfen sich zur Erde nieder, indem sie Gott den Herrn als den Unendlichen und Unveränderlichen verherrlichten und anbeteten und sich als unwürdig bekannten, ihn im hochheiligen Sakrament des Altars zu empfangen. Diese tiefe Demut und Anbetung diente ihnen als nächste Vorbereitung, um zu kommunizieren. Alsdann rezitierten sie dieselben Gebete und Psalmen, welche Christus unser Herr gesprochen hatte, bevor er konsekrierte, und ahmten in allem diese Handlung nach, wie sie ihren göttlichen Meister dieselbe hatten verrichten sehen. Der heilige Petrus nahm das ungesäuerte Brot, welches bereitet worden war, in seine Hände, und zuerst die Augen gegen Himmel erhebend, sprach er mit einer bewunderungswürdigen Ehrfurcht über das Brot die Worte der Konsekration des heiligsten Leibes Christi, wie der Herr Jesus sie früher selbst gesprochen hatte. Augenblicklich wurde der Speisesaal mit sichtbarem Glanz und einer unermesslichen Menge von Engeln erfüllt. Der ganze Lichtstrom ergoss sich ganz besonders auf die Königin des Himmels und der Erde, und zwar so, dass alle Anwesenden es sahen. Hierauf konsekrierte der heilige Petrus den Kelch und verrichtete mit dem hochheiligen Leib und Blut dieselben Zeremonien wie unser Heiland, indem er sie erhob, auf dass alle sie anbeten könnten. Nachdem dies geschehen war, kommunizierte der heilige Apostel selbst und dann die elf Apostel, wie die seligste Jungfrau es ihm angegeben hatte. Darauf kommunizierte aus der Hand des heiligen Petrus die göttliche Mutter, wobei die himmlischen Geister, welche zugegen waren, sie mit unaussprechlicher Ehrfurcht umgaben. Während des Hinzutretens zum Altar verneigte sich die große Königin in tiefster Demut dreimal, warf sich zur Erde nieder und berührte mit dem Haupt den Boden.

113. Nun begab sie sich an den Ort zurück, wo sie bis dahin geweilt hatte. Es ist unmöglich, mit Worten die Wirkungen auszusprechen, welche der Empfang der Eucharistie in dieser höchsten Kreatur hervorbrachte: sie wurde in der göttlichen Glut der Liebe ihres heiligsten Sohnes, den sie in seinem geheiligten Leib empfing, ganz umgewandelt, erhoben und verschlungen. Sie war ganz verzückt und außer sich. Allein die heiligen Engel bedeckten sie, wie sie es selbst gewünscht hatte, damit die Umstehenden von den göttlichen Wirkungen, die an ihr erkennbar waren, nur soviel wahrnehmen möchten, als angemessen war. Nach unserer Königin kommunizierten die Jünger und nach diesen die übrigen Gläubigen, welche schon früher zum Glauben gekommen waren. Von den 5000 Neugetauften kommunizierten an diesem Tage nur tausend, weil nicht alle hinlänglich vorbereitet und fähig waren, den Herrn mit jener Erkenntnis, Aufmerksamkeit und Inbrunst zu empfangen, welche dieses große Geheimnis des Altars erfordert.

Die Form, unter welcher die Apostel an jenem Tag kommunizierten, war die, dass sie alle mit der seligsten Jungfrau und den Hundertzwanzig, über welche der Heilige Geist gekommen war, unter den beiden Gestalten des Brotes und des Weines kommunizierten. Die Neugetauften aber kommunizierten nur unter der Gestalt des Brotes (Man sehe über die hl. Kommunion unter einer Gestalt Kornelius a Lapide. II. ad Corinth. 11, 34.1 D. Übersetze). Dieser Unterschied wurde nicht gemacht, weil die neuen Gläubigen weniger würdig gewesen, unter zwei als unter einer Gestalt zu kommunizieren, sondern weil die Apostel wohl wussten, dass man unter jeder Gestalt ein und dieselbe Sache ganz und vollständig empfange, nämlich den unter sakramentalischer Gestalt verborgenen Gott, und dass es für den einfachen Gläubigen weder befohlen noch notwendig sei, unter beiden Gestalten zu kommunizieren. Sie sahen auch große Gefahr von Verunehrung und andere sehr große Unzukömmlichkeiten voraus, wenn die große Menge unter der Gestalt des Weines kommunizieren sollte, eine Gefahr, die damals bei der geringen Anzahl der Kommunizierenden nicht zu befürchten war. Ich vernahm auch, dass die Gewohnheit, wonach diejenigen, welche nicht zelebrieren und konsekrieren, nur unter der Gestalt des Brotes kommunizieren, bis zu den Anfängen der Kirche hinaufreicht, wenn auch einige, obwohl nicht Priester, eine Zeitlang unter beiden Gestalten kommunizierten. Aber einmal angewachsen und über die ganze Erde verbreitet, ordnete die vom Heiligen Geiste geleitete Kirche geziemender weise an, dass die Laien und überhaupt alle, welche nicht konsekrieren, nur unter der Gestalt des Brotes kommunizieren, und dass es nur denjenigen, welche dieses göttliche Geheimnis zelebrieren, zustehe, unter den beiden Gestalten, die sie konsekrieren, auch zu kommunizieren. Dies die sichere Übung der heiligen römisch-katholischen Kirche.

114. Nachdem alle kommuniziert hatten, beschloss der heilige Petrus die Feier der heiligen Geheimnisse mit einigen Gebeten und Psalmen, welche er als Danksagung und Bitte vereint mit den übrigen Aposteln darbrachte. Denn damals hatte man die weiteren Gebräuche, Zeremonien und Gebete noch nicht bestimmt und angeordnet, welche in verschiedenen Zeiten zur Heiligen Messe, und zwar sowohl vor als nach der Konsekration und Kommunion, hinzugefügt worden sind, und welche die römische Kirche heutzutage ebenso glücklich als heilig und weise festgesetzt hat. Nach allem, was ich bisher erzählt, verharrten die Apostel noch einige Zeit im Gebet. Darauf entfernten sie sich, denn der Tag war bereits vorgeschritten, um einige andere Dinge zu besorgen und um die nötige Nahrung zu sich zu nehmen. Unsere große Königin und Herrin brachte im Namen aller Gott Dank dar, und der Herr nahm denselben sehr wohlgefällig auf und gewährte die Bitten, weIche seine vielgeliebte Mutter für die gegenwärtigen und abwesenden Kinder der Kirche an ihn richtete.

LEHRE, welche die große Königin der Engel, die seligste Jungfrau Maria, mir gegeben hat

115. Meine Tochter, obwohl du im gegenwärtigen Leben nie das Geheimnis der Liebe wirst durchdringen können, die ich zu den Menschen hegte und noch fortwährend hege, will ich zu dem, was du hierüber schon gehört, zum Zweck deines ferneren Unterrichtes dich aufs neue aufmerksam machen, dass der Allerhöchste, als er mir im Himmel den Titel einer Mutter und Lehrmeisterin der heiligen Kirche verlieh, mir eine unaussprechliche Teilnahme an seiner unendlichen Liebe und Barmherzigkeit gegen die Kinder Adams geschenkt hat.Wenn die allerseligste Jungfrau hier und an vielen anderen Stellen dieses dritten Teiles die Lehrmeisterin der Kirche» genannt wird, so geschieht dies ganz im Einklang mit der kirchlichen Tradition. Viele Kirchenlehrer und Heilige legen Maria teils ausdrücklich, teils der Sache nach diesen Titel bei. So nennt der hl. Augustin Maria die «Lehrerin der Völker», der hl. Ildefons die «Lehrmeisterin aller Weisheit und das Licht der Völker», der hl. Bonaventura «die Lehrerin der Apostel und Evangelisten» (doctrix Apostolorum, magistra Evangelistarum). der hl. Antonin die Lehrmeisterin der Apostel, Evangelisten und Kirchenlehrer». Ganz besonders bemerkenswert ist die Stelle des hl. Thomas von Villanova, in welcher dieser Heilige darlegt, wie der Heiland nach seiner Himmelfahrt die Lehrkanzel der Wahrheit seiner jungfräulichen Mutter hinterließ (Conc. 3 de assumpt.). Es lässt sich dagegen nicht einwenden, dass der Apostel sage: «Mulieres in ecclesiis taceant» II. Cor. 14, 34); denn abgesehen davon, dass, wie bedeutende Theologen behaupten (z. B. Gerson und der um die Mariologie hochverdiente P. Marracius), der Apostel mit jenen Worten keineswegs die Mutter des göttlichen Wortes meinte, so geht aus dem ganzen Verlauf dieses dritten Teiles der «Geistlichen Stadt Gottes» hervor, dass Maria, wenn auch in Wahrheit Lehrmeisterin der Apostel und Evangelisten, doch nie in einer öffentlichen Versammlung von Gläubigen geredet hat, außer nach dem Wunsche und Willen des Apostelfürsten Petrus oder eines andern Apostels. Wir erinnern zur Bekräftigung des Gesagten an einen Ausspruch Papst Pius IX.: «Ipsa est Sapientire Sedes ad replendos Pastores disciplina intellectus - Maria ist der Sitz der Weisheit, um die Kirchenhirten mit der wahren Erkenntnis zu erfüllen.» (Allocut. die 22. Febr. 1867.1 - Man vergleiche Sedlmayr, Theol. Mar. (p. 3. q. 1. a. 2.1. Trombelli. Vita B. M. V. (diss. 42), P. De Castro S. J., Historia Deipartre (cap. 18. n. 3.1 und die Akten der Seligsprechung der ehrwürdigen Maria von Jesus (Acta de anno 1730. Lit. C. pag. 20.3), wo sich außer den oben genannten noch viele andere Belegstellen aus den Schriften der Heiligen finden. Der Herausgeber). Und da ich ein bloßes Geschöpf, die verliehene Gnade aber eine unermessliche war, so würde ich infolge der mächtigen Einwirkung derselben oftmals das natürliche Leben verloren haben, wenn nicht die göttliche Macht es mir durch ein Wunder erhalten hätte. Eine ganz ähnliche Wirkung brachte in mir oft die Freude hervor, welche ich fühlte, wenn einzelne Seelen in die Kirche und später in die Glorie eingingen. Nur ich war imstande, die Größe eines solchen Glückes vollkommen zu erkennen und zu würdigen. Und in dem Maß, als ich sie erkannte, dankte ich Gott dafür mit glühendem Eifer und tiefer Verdemütigung. Besonders überwältigend ergriff mich die Liebe zu den Menschen, wenn ich um Bekehrung der Sünder betete, und wenn einer der Gläubigen verloren ging. Bei diesen und andern Gelegenheiten litt ich unter der Freude und dem Schmerz weit mehr als die Martyrer in allen ihren Qualen. Denn ich bemühte mich für jede einzelne Seele mit einer unaussprechlichen und übernatürlichen Kraftanstrengung. Soviel also verdanken mir die Kinder Adams, denn, wie gesagt ich habe oft und oft mein Leben für sie dargebracht. Und wenn ich jetzt nicht mehr in der Lage bin, es darbringen zu können, so ist die Liebe, womit ich um ihr ewiges Heil bitte, jetzt nicht geringer, sondern noch höher und vollkommener.

116. War nun aber die Kraft meiner Liebe zu Gott selbst in Bezug auf den Nächsten so groß, so magst du daraus erkennen, wie groß die Inbrunst dieser meiner Liebe gegen den Herrn selbst gewesen sein muss, da ich ihn im heiligsten Sakramente in mich aufnahm. In dieser Beziehung teile ich dir ein Geheimnis mit, das mir begegnete, als ich zum ersten Mal aus der Hand des heiligen Petrus kommunizierte. Bei dieser Gelegenheit gab nämlich Gott der Allerhöchste meiner Liebe eine solche Heftigkeit, dass mein Herz sich buchstäblich öffnete und sich, wie es mein Verlangen war, meinem allerheiligsten Sohn im Sakramente gänzlich hingab, auf dass er darin throne wie ein König auf seinem rechtmäßigen Thron. Hieraus, meine Vielgeliebte, magst du erkennen, dass, wenn ich in der Glorie, deren ich jetzt genieße, des Schmerzes fähig wäre, eine der größten Ursachen dazu für mich die entsetzliche Gleichgültigkeit und Vermessenheit wäre, womit die Menschen den hochheiligen lebendigen Leib meines göttlichen Sohnes zu empfangen wagen: die einen voll Unreinigkeit und Sündengräuel, die andern ohne Verehrung und heilige Scheu, fast alle ohne Aufmerksamkeit, ohne Erwägung und Beherzigung dessen, was dieser Bissen in sich und für sie ist, dass er nämlich nichts Geringeres ist als Gott selbst und für sie der Keim entweder des ewigen Lebens oder des ewigen Todes.

117. Fürchte also, meine Tochter, die Gefahr einer solchen Vermessenheit. Beweine sie für so viele Kinder der Kirche, die sie begehen und nicht beweinen. Bitte den Herrn um Abhilfe, und was dich betrifft, benütze diese Lehre, die ich dir erteile, um dich einer immer tieferen Erkenntnis dieses Sakramentes der Liebe würdig zu machen. Wenn du dich anschickst dasselbe zu empfangen, so entferne aus deinem Geist alle Bilder und Vorstellungen von Dingen dieser Erde und denke an nichts anderes als daran, dass du Gott selbst empfangen willst, den Unendlichen und Unerforschlichen. Spanne alle deine Kraft an, um ihm die größtmögliche Liebe, Demut und Dankbarkeit zu bezeigen, denn bei alledem wirst du immer noch hinter dem zurückbleiben, was du dem Herrn schuldest und was ein so verehrungswürdiges Geheimnis verdient. Damit du dich besser vorbereitest, so nimm dir zum Muster und Spiegel, was ich beim Empfang der heiligen Kommunion getan habe. Namentlich ahme dabei mein Inneres nach, wie du schon tust bei den drei Fußfällen, die du beim Eintritt in den Chor verrichtest und die ich billige. Ich billige auch den vierten, den du hinzugefügt hast, um im heiligsten Sakrament jenen Teil von Fleisch und Blut als gegenwärtig zu verehren, welchen mein allerheiligster Sohn von meinem Blut annahm, und der durch meine Milch zunahm und wuchs. (Damit soll nicht gesagt sein, dass das Blut Mariä, aus dem der heiligste Leib Jesu gebildet wurde, in unveränderter Gestalt im Leib und Blut Christi fortbestehe: denn das wäre ein von der Kirche verworfener Irrtum. Das Blut Mariä besteht im Leib Christi insofern fort, als eben dieser Leib daraus gebildet ist und im hl. Sakrament immer derselbe bleibt. «Non ut dicamus, in Christo aliquid esse, quod sit Mariae. sed Christum conceptum esse ex Maria Virgine, materiam ipsa ministrante.» Bened. XlV., De Beatific. L. 4. P. 2. Cap. 30. n. 29. Man sehe auch S. Thom.3. q. 31. a. 5. Suarez in 3. P. q. 27. disp. 1. Sect. 2. - Sedlmayr, Theol. Mar. P.2. q. 7. a. 8 und P. 3. q.3. a. 5 - Cornelius a Lap. in Eccli. 24, 29. D. Herausgeber). Setze diese Andacht immerhin fort, denn es ist die Wahrheit, dass in dem konsekrierten Leib ein Teil meines Blutes und Wesens zugegen ist, wie du es erkannt hast. Bei der Liebe, die du zu meinem Sohn hast, würde es dich gewiss im höchsten Grad schmerzen, das heiligste Fleisch und Blut Christi auf die Erde geworfen und von jemand aus Verachtung mit Füßen getreten zu sehen. In gleicher Weise sollst auch du Trauer und Schmerz empfinden bei dem Gedanken, dass ihn so viele Kinder der Kirche ohne Ehrfurcht, ja ohne alle Rücksicht behandeln. Weine also über ein solches Unheil, weine, weil es so wenige sind, die darüber weinen. Weine, weil so viele die Absicht vereiteln, die mein allerheiligster Sohn mit unermesslicher Liebe zu erreichen sucht. Und damit du um so mehr weinst, so tue ich dir zu wissen, dass, so zahlreich in der neugegründeten Kirche diejenigen waren, welche selig wurden, so zahlreich jetzt die sind, welche zugrunde gehen. Ich sage dir nicht, was in dieser Hinsicht Tag für Tag geschieht, denn wenn du es wüsstest und eine wahre Liebe hättest, so würdest du vor Schmerz sterben. Dieses Unheil kommt aber daher, weil die Kinder des Glaubens der Finsternis nachgehen, die Eitelkeit lieben, nach Reichtümern begehren und fast alle die sinnlichen und trügerischen Vergnügungen suchen, denn dadurch wird der Verstand so verblendet und umnachtet, dass er das Licht nicht mehr erkennt zwischen Böse und Gut nicht mehr unterscheidet und die Lehre des Evangeliums nicht mehr zu fassen vermag.

ACHTES HAUPTSTÜCK: Die beständige Gegenwart des heiligsten Sakramentes im Herzen Mariä

Beschreibung des Wunders, vermöge dessen sich in Maria die sakramentalischen Gestalten von einer Kommunion zur anderen erhielten. Art und Weise, wie Maria wirkte, seit sie vom Himmel zur heiligen Kirche herabgekommen war.

118. Bis jetzt habe ich von der eben genannten Gnadenauszeichnung nur im Vorübergehen gesprochen, da ich mir vorbehielt, eine ausführlichere Beschreibung derselben zu seiner Zeit zu geben. Diese Zeit ist jetzt gekommen. Es wäre nicht recht, wenn ein so großes Wunder, das der Herr zugunsten seiner liebevollsten Mutter gewirkt hat, in dieser Geschichte nicht jene Darstellung fände, welche unsere Frömmigkeit wünschen mag. Ich bedaure nur, dass ich so wenig imstande bin, mich genügend auszudrücken. Denn nicht allein ist das, was mir von der Sache verborgen bleibt, unendlich mehr als das, was ich von ihr weiß, sondern ich kann auch das, was ich erkenne, nur mit Furcht und Bangen sagen, indem meine Ausdrücke wie meine Gedanken hinter der Sache selbst sehr weit zurückbleiben. Gleichwohl wage ich auch nicht die Wohltaten zu verschweigen, welche unsere große Königin von der mächtigen Hand ihres allerheiligsten Sohnes empfing, nachdem sie vom Himmel zurückgekehrt war, um seine Kirche zu regieren. Denn waren sie schon vorher unaussprechlich groß, so wuchsen sie von da an mit einer herrlichen Mannigfaltigkeit, auf dass man sowohl die Unendlichkeit der Macht dessen erkenne, der sie erteilte, als auch die unermessliche Empfänglichkeit jener Einzigen und Auserkorenen unter allen Geschöpfen, welche sie empfing.

119. Für die außerordentliche und wunderbare Gnade, vermöge welcher die sakramentalen Gestalten und eben damit auch der hochheilige Leib Jesu Christi im Herzen Mariä allezeit unversehrt blieben, sollen wir eigentlich keinen anderen Grund suchen als jenen, den auch die übrigen der großen Königin in ausschließlicher Weise verliehenen Gnadenauszeichnungen gehabt haben. Dieser Grund ist aber kein anderer als der heilige Wille Gottes und seine unendliche Weisheit, in welcher er alles, was recht ist, stets nach Maß und Gewicht wirkt. Es würde der christlichen Klugheit und Frömmigkeit genügen, als Grund zu wissen, dass Gott einzig diese reine Kreatur zu seiner leiblichen Mutter hatte, und dass unter allen Kreaturen nur diese würdig war, Mutter Gottes zu sein. Und da dieses Wunder einzig in seiner Art und beispiellos dasteht, so wäre es ein Zeichen von schmählicher Unwissenheit, wenn wir Beispiele aufsuchten, um uns zu überzeugen, dass der Herr wirklich für seine Mutter etwas getan habe, was er für kein anderes Geschöpf getan hat oder jemals tun wird. Maria ragt ja in einziger Weise und unvergleichlich hoch über die gewöhnliche Ordnung aller anderen Geschöpfe empor. Allein so wahr dies ist, so ist es doch der Wille Gottes, dass wir mit dem Licht des Glaubens und durch andere Erleuchtungen die Gründe aufsuchen, weshalb es ihm angemessen erschien, mit seinem mächtigen Arme dieses Wunder zugunsten Mariä, seiner würdigsten Mutter, zu wirken. Denn Wunder dieser Art sind sehr geeignet zu bewirken, dass wir Gott in Maria erkennen, dass wir in ihr und um ihretwillen ihn loben und preisen, und dass wir einsehen, mit welcher Zuversicht wir unsere Hoffnung auf diese so große Königin setzen dürfen, in welche ihr Sohn die ganze Macht seiner Liebe niedergelegt hat. Auf diese Wahrheiten gestützt werde ich also sagen, was mir über das in Rede stehende Geheimnis zu erkennen gegeben wurde.

120. Maria lebte dreiunddreißig Jahre in der Gesellschaft ihres göttlichen Sohnes, und von der Stunde an, da er aus ihrem jungfräulichen Schoß geboren wurde, bis zu seinem Tode am Kreuze verließ sie ihn keinen Augenblick. Sie nährte, bediente, begleitete ihn und ahmte ihn auf das getreueste nach, indem sie allezeit und überall als seine Mutter, seine Tochter, seine Braut, seine getreueste Dienerin und Freundin handelte und sich verhielt. Während dieser ganzen Zeit genoss sie seines Anblickes, seiner Unterhaltung, seiner Lehre und seiner Gunstbezeigungen, die sie für alle diese Arbeiten und Verdienste schon in ihrem sterblichen Leben empfing. Da Christus in den Himmel auffuhr, bewogen ihn die Macht seiner Liebe und die Gerechtigkeit und Billigkeit, seine liebevollste Mutter mit sich dahin zu erheben, damit er dort nicht ohne sie sei und sie nicht ohne seine Gegenwart und Gesellschaft in der Welt zurückbleiben müsse. Allein die brennende Liebe, welche beide zu uns Menschen hegten, zerriss, wenigstens insoweit als es möglich war, dieses Band und diese Vereinigung, denn diese Liebe war es, welche unsere liebreiche Mutter bewog, auf die Erde zurückzukehren, um die Kirche zu begründen. Dieselbe Liebe war es, welche den Sohn veranlasste, Maria auf die Erde herabzusenden und in ihre zeitweilige Abwesenheit von ihm einzuwilligen. Da der Sohn Gottes jedoch die Macht besaß, seine vielgeliebte Mutter für diese Beraubung einigermaßen zu entschädigen, so schien es eine Schuldigkeit der Liebe zu sein, dieses auch zu tun. In der Tat hätte diese seine Liebe als nicht genugsam beglaubigt und vorbehaltlos erscheinen können, wenn der Herr seiner reinsten Mutter die Gunst versagt hätte, irgendwie als ihr Gesellschafter bei ihr auf Erden zu bleiben, da er auffuhr, um glorreich zur Rechten seines Vaters im Himmel zu sitzen. Überdies würde die glühende Liebe der heiligsten Mutter, welcher die Gegenwart ihres göttlichen Sohnes zur süßesten Gewohnheit und wie zur Nahrung ihres Lebens geworden war, eine allzu unerträgliche Gewalt gelitten haben, wenn sie so lange Jahre hätte in der Kirche zurückbleiben müssen, ohne ihren Sohn in der Weise gegenwärtig zu haben, wie es möglich war.

121. Allen diesen Anforderungen konnte Christus unser Erlöser Genüge leisten, und er tat es wirklich, indem er unter den sakramentalen Gestalten allezeit im Herzen seiner gebenedeiten Mutter wohnte, solange sie nach seiner Heimkehr zur Rechten seines Vaters in der heiligen Kirche lebte. Durch diese sakramentale Gegenwart ersetzte er sozusagen in überschwänglicher Weise jene, deren sie genossen hatte, während er noch auf Erden lebte. Denn damals verließ er sie oftmals, um sich dem Erlösungswerke zu widmen, und bei diesen Gelegenheiten war sie in vielfachen Unruhen und Befürchtungen wegen der Arbeiten und Mühen ihres hochheiligen Sohnes. Sie war immer ungewiss, ob sie ihn wiedersehen oder seiner beraubt werden würde. Und wenn er ihr gegenwärtig war, konnte sie sich nicht erwehren, an das Leiden und Sterben zu denken, welches seiner harrte. Dieser Schmerz trübte zu Zeiten ihre Freude, ihn zu besitzen, zu hören und mit ihm zu verkehren. Als aber der Sturm seiner Passion vorüber war, und der göttliche Sohn sich einerseits schon zur Rechten seines himmlischen Vaters befand, zu gleicher Zeit aber auch unter Brotsgestalt in ihrem jungfräulichen Herzen ruhte, da genoss die Mutter seines Anblickes ohne alle Furcht und Bangigkeit. Ja, in ihrem Sohn sah sie kraft der ihr gegebenen und oben beschriebenen Art von Vision (oben Nr. 32) auch die ganze allerseligste Dreieinigkeit bei sich gegenwärtig, und es erfüllte sich in jener glückseligen Zeit buchstäblich, was diese große Königin im Hohenlied gesagt hatte mit den Worten: «Ich halte ihn, und werde ihn nicht mehr lassen, bis ich ihn einführe in das Haus meiner Mutter (Hld 3, 4)», der Kirche. «Da gebe ich ihm Gewürzwein und Most von meinen Granatäpfeln zu trinken (Hld 8, 2).»

122. Durch diese Vergünstigung an seine gebenedeite Mutter erfüllte der Herr zugleich das Versprechen, welches er der Kirche in der Person der Apostel gegeben hatte, immer bei ihnen zu bleiben bis an das Ende der Zeiten (Mt 28, 20). In der Tat war dieses Versprechen in dem Augenblick, da es gegeben wurde, nämlich kurz vor der Himmelfahrt, schon im voraus verwirklicht, indem Christus sich damals schon sakramentalerweise im Herzen seiner Mutter befand, wie ich im 2. Teil gesagt habe (2. Teil Nr. 1505). Die Erfüllung dieses Versprechens wäre nicht eine sofortige gewesen, wenn Christus nicht schon durch dieses neue Wunder in seiner Kirche gewesen wäre. Denn in jenen ersten Jahren besaßen die Apostel weder Gotteshäuser noch sonstige Vorrichtungen, um die heilige Eucharistie beständig aufzubewahren, und genossen deshalb sämtliche die konsekrierten Hostien an dem Tag, an welchem sie zelebrierten. So war Maria mehrere Jahre hindurch der einzige Tempel und das einzige Heiligtum, in welchem das allerheiligste Sakrament beständig aufbewahrt wurde, damit das menschgewordene Wort wirklich von seiner Himmelfahrt an keinen Augenblick von seiner Kirche abwesend wäre. Und obwohl sich der Herr in dem Heiligtum des Herzens Mariä nicht zum Gebrauch der Gläubigen befand, so war er doch da selbst zu ihrem Vorteil und zu verschiedenen sehr glorreichen Zwecken. Denn die große Königin des Himmels betete in diesem Tempel, der sie selbst war, für alle Gläubigen und brachte dem so bei seiner Kirche gegenwärtigen Gottmenschen hinwiederum im Namen der ganzen Kirche ihre Anbetung dar. Ferner war Christus durch diese erhabene Königin und durch seine Gegenwart in ihr zugleich dem geheimnisvollen Leib seiner Gläubigen gegenwärtig und damit vereinigt. Ja, diese unvergleichliche Jungfrau machte, indem sie so das heiligste Sakrament in ihrem Herzen bewahrte, ihr Zeitalter glücklicher, als es das jetzige ist, in weIchem das Sakrament in Kirchen und Tabernakeln aufbewahrt wird. Denn in dem Heiligtum Mariä wurde der Herr ununterbrochen und mit höchster Ehrfurcht angebetet und verherrlicht, und niemals wurde er darin beleidigt, wie dies in unseren Kirchen leider so oft geschieht. In Maria fand er im vollen Sinne jene Lust, die er von Ewigkeit her gewünscht hatte, bei den Menschenkindern zu sein. Und da die immerwährende Gegenwart Jesu Christi bei seiner Kirche kein anderes Ziel hatte als eben dieses, so konnte er sich nirgends besser gefallen, als da er sakramentalisch im Herzen seiner reinsten Mutter wohnte, in der er seine Absicht auf das vollkommenste erreicht sah. Sie war die entsprechendste Sphäre der göttlichen Liebe und gleichsam deren eigentliches Element und der Mittelpunkt, worin sie Ruhe fand. Alle andern Geschöpfe waren, mit Maria verglichen, dem eucharistischen Gott sozusagen fremd, ungastlich und gleichsam ein zu enger Herd für das Feuer seiner Gottheit, welches stets in unendlicher Liebe brennt.

123. Nach den Erleuchtungen, die mir über dieses Geheimnis mitgeteilt wurden, wage ich also zu sagen: Bei der Hochschätzung und Liebe, welche Christus für seine hochheilige Mutter hatte und bei der Gegenliebe, mit welcher sie ihn unwiderstehlich zu sich hinzog, würde er, wenn er nicht unter den Brotsgestalten immer in ihr geblieben wäre, von der Rechten des Vaters zur Welt herabgestiegen sein, um ihr Gesellschaft zu leisten, solange sie in der Kirche lebte. Und wenn es hierzu notwendig gewesen wäre, den Himmel und dessen Bewohner unterdessen der Gegenwart seiner heiligsten Menschheit zu berauben, so würde er dies geringer angeschlagen haben, als Maria seiner Gesellschatt entbehren zu lassen. Und es ist keine Übertreibung, wenn ich so sage. Denn wir alle müssen zugeben, dass der Herr in der reinsten Jungfrau die vollkommenste Erwiderung und eine der seinigen so ähnliche Liebe fand, wie es bei allen Himmelsbürgern zusammengenommen nicht der Fall ist, weshalb er auch, wie billig, Maria mehr als alle Seligen zusammen liebte. Wie wir den Hirten der Parabel im Evangelium (Mt 18,12), der neunundneunzig Schafe zurückließ, um das eine zu suchen, das ihm fehlte, nicht tadeln, dass er die Mehrheit zugunsten der Minderheit verließ, so hätten auch die Heiligen des Himmels sich nicht verwundert, wenn Jesus, der gute Hirt, sie alle darin allein gelassen hätte, um auf die Erde niederzusteigen und Maria Gesellschaft zu leisten, diesem allerreinsten Schäflein, welches ihn mit seiner menschlichen Natur bekleidet, ihn genährt und auferzogen hatte. Ohne allen Zweifel hätten die Augen (Hld 6, 4) dieser vielgeliebten Braut und Mutter ihn bewogen, vom Himmel auf die Erde zurückzukehren, auf welcher er einst erschienen war, um die Kinder Adams zu retten, denen er weniger verptlichtet, oder, besser gesagt, durch deren Sünden er schwer beleidigt war, und die er dennoch retten wollte durch das Leiden. Wäre er zu seiner heiligsten Mutter herabgestiegen, so wäre es nicht gewesen, um zu leiden, sondern die Wonne ihrer Gegenwart zu genießen. Allein er hatte nicht notwendig, deswegen den Himmel zu verlassen. Er hüllte sich in die sakramentalen Gestalten. Und auf diese Weise befriedigte er seine Liebe sowohl wie diejenige seiner glückseligen Mutter und ruhte als der wahre Salomon (Hld 3, 7) im Herzen Mariä wie in seiner Sänfte, ohne darum die Rechte seines Vaters im Himmel zu verlassen.

124. Die Art und Weise, wie der Allerhöchste dieses Wunder wirkte, war folgende: Nachdem Maria die sakramentalen Gestalten empfangen hatte, verließen dieselben den gewöhnlichen Ort, d.h. den Magen, in welchem alle natürliche Nahrung verdaut wird, um von der, wenn auch noch so mäßigen Nahrung, die Maria zu Zeiten einnahm, abgesondert und demzufolge unverändert bestehen zu bleiben. Mit Verlassung des Magens traten also die sakramentalen Gestalten in das Herz Mariä ein, gleichsam als Entgelt für jenes Blut, welches dieses Herz bei der Menschwerdung des Wortes dargeboten hatte, damit daraus der heiligste Leib gebildet werde, mit welchem sich das Wort hypostatisch vereinigte, wie ich im zweiten Teil (Teil 2. Nr. 137 ff) gesagt habe. Die eucharistische Kommunion wird als eine weitere Ausdehnung der Menschwerdung angesehen. Deshalb war es gerecht, dass die seligste Jungfrau und Gottesmutter an dieser Ausdehnung einen größeren und besonderen Anteil empfange, da sie an der Menschwerdung des ewigen Wortes auf eine so wunderbare und ausgezeichnete Weise mitgewirkt hatte.

125. Die Wärme des Herzens ist schon sehr groß in den vollkommen organisierten lebenden Wesen überhaupt und sie steigert sich im Menschen noch vermöge seiner vorzüglicheren Natur, des Adels seines Wesens, der Würde seines Berufs und seiner Tätigkeit und der Länge seiner Lebensdauer (Man vergleiche hierüber S. Thomas von Aquin 1. 2. q. 91. art. 3. ad 1). Auf der andern Seite ist in der Natur weise vorgesorgt, dass dem Herzen wie durch einen Fächer beständig Luft zugeführt wird, die ihm neue Kräfte gibt und jene ihm angeborne Wärme mäßigt, welche die Wurzel des gesamten natürlichen Lebens bildet. Da dem so ist und da die Körperbildung der seligsten Jungfrau eine überaus edle war, so besaß ihr Herz eine außerordentlich große Wärme, welche durch die unausgesetzte Tätigkeit ihrer flammenden Liebe noch erhöht wurde. Dessen ungeachtet wurden die sakramentalen Gestalten in ihrem Herzen weder verändert noch verzehrt. Allerdings musste Gott zu deren Erhaltung Wunder auf Wunder wirken. Allein warum hätte er sie auch sparen sollen in diesem einzig dastehenden Geschöpf, das selbst ein ganz außerordentliches Wunder und eine Summe von Wundern war ! Diese Gnade begann schon mit der ersten Kommunion, welche sie aus der Hand des heiligen Petrus am achten Tage nach Pfingsten empfing. Hier geschah es, dass in dem Augenblick, in welchem die neue Hostie empfangen und dem Herzen zugeführt wurde, die frühere verzehrt wurde und die eben empfangene an deren Stelle trat. In dieser wunderbaren Ordnung lösten im Herzen Mariä von diesem Tage an bis zu ihrer letzten Stunde die sakramentalen Gestalten einander ab und erhielten darin beständig die Gegenwart ihres Sohnes und wahren Gottes.

126. Durch diese Gnadenauszeichnung und durch die früher gemeldete beständige abstraktive Anschauung der Gottheit wurde die seligste Jungfrau Maria in solchem Grad Gott ähnlich, und ihre Fähigkeiten und ihre Wirksamkeit wurden so über allen menschlichen Begriff erhöht, dass es in diesem sterblichen Leben nie möglich sein wird, dies zu begreifen oder sich davon eine Vorstellung zu bilden, wie wir es von anderen Dingen tun können. Ich finde auch keine Ausdrücke, um das wenige wiederzugeben, was mir hierüber mitgeteilt worden ist. Bezüglich des Gebrauches der leiblichen Sinne, trat seit ihrer Wiederkehr vom Himmel eine große Veränderung ein. Einerseits war ihr hochheiliger Sohn, in dessen Dienst und Verkehr sie ihre Sinne bis dahin auf eine höchst heilige Weise verwendet hatte, nicht mehr sichtbar bei ihr, andererseits fühlte sie ihn in ihrem Herzen gegenwärtig, so dass alle ihre Aufmerksamkeit auf ihn zielte und von ihm gefesselt wurde. Noch am Tag, an dem sie vom Himmel zurückkam, schloss sie mit ihren Augen einen neuen Bund und erhielt über dieselben eine neue Herrschaft, um keine der gewöhnlichen Vorstellungen vom Irdischen und Sichtbaren, wie sie gewöhnlich durch den Gesichtssinn vermittelt werden, mehr zuzulassen, außer sie seien notwendig, um die Kinder der Kirche zu leiten und um zu erkennen, was sie zu diesem Zweck tun und anordnen müsse. Sie bedurfte nämlich nicht mehr wie wir des Dienstes jener Vorstellungen und brauchte sie deshalb nicht, wie wir tun müssen, in die Vorratskammer ihres Gedächtnisses aufzunehmen, um sie nach Umständen dem Verstand zu Diensten zu stellen. Denn alles dieses tat sie mittels eingegossener Vorstellungen und mit Hilfe jener Wissenschaft, die ihr mit dem abstraktiven Schauen der Gottheit verliehen worden war. Denn in dieser Beziehung sah und erkannte sie, ähnlich wie die Seligen, in Gott als in einem lebendigen Spiegel alles, was er ihr über sich selbst oder über das dem gewöhnlichen Verstand verborgene Wesen anderer Dinge offenbaren wollte. Alles also, was unsere Königin nach Gottes Willen in irgend einer Beziehung zu tun hatte, erkannte sie auf diese Weise, und sie bediente sich der Augen weder um etwas zu erfahren, noch um etwas zu sehen, ausgenommen den Weg, den sie zu gehen und die Personen, mit denen sie zu verhandeln hatte, was sie mit einem einzigen und höchst lauteren Blicke tat.

127. Vom Gehörsinn machte sie einen etwas weiteren Gebrauch, weil dies notwendig war, um seitens der Gläubigen und der Apostel anzuhören, was sie ihr vom Stand ihrer Seelen und der Kirche, sowie über ihre Bedürfnisse und Nöten sagten, und worauf es notwendig war, zu antworten, um sie zu belehren und zu beraten. Dabei bewahrte sie jedoch über diesen Sinn eine solche Herrschaft, dass ihr Ohr keine Art von Ton oder Rede aufnahm, die irgendwie mit der Heiligkeit und höchsten Vollkommenheit ihrer Würde in Widerspruch oder auch nur für die Übung der Nächstenliebe nicht notwendig gewesen wäre. Des Geruches bediente sie sich nicht, um irdische Wohlgerüche oder überhaupt die gewohnten Gegenstände dieses Sinnes wahrzunehmen, wohl aber verkostete sie die himmlischen Wohlgerüche, mit denen die Engel sie umgaben und erfüllten, und in denen sie vielfachen Anlass zum Lob des Schöpfers fand. Auch in Bezug auf den Sinn des Geschmackes erfuhr sie eine große Umwandlung, denn seit ihrem Aufenthalt im Himmel konnte sie, wie sie wohl wusste, auch ohne Speise leben, obwohl ihr dies nicht vorgeschrieben, sondern ihrem Willen überlassen worden war (Man vergleiche Görres' Mystik 1. Bd. S. 358-376). Auch aß sie von dieser Zeit an nur selten und sehr wenig, wenn nämlich der heilige Petrus oder der heilige Johannes sie dazu aufforderten, oder auch um das Aufsehen zu vermeiden, welches eine gänzliche Enthaltung von Speise und Trank gemacht haben würde. Sie aß also nur aus Gehorsam oder aus Demut und alsdann kostete und unterschied sie den der Nahrung eigenen Wohlgeschmack ebenso wenig, als wenn ein scheinbarer oder verklärter Körper gegessen hätte. Dieselbe Veränderung ging mit dem Gefühlssinn vor sich. Denn sie unterschied mittelst desselben nur zur Not, was sie berührte, und zog daraus keinerlei sinnliche Befriedigung, aber die Berührung der sakramentalen Gestalten fühlte sie mit unbeschreiblicher Zartheit und Wonne, und dies war das Gefühl, welches fast beständig ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.

128. Alle diese Gnaden bezüglich des Gebrauches ihrer Sinne waren ihr auf ihre Bitte gegeben worden. Denn sie wollte alle ihre Sinne und alle ihre Seelenkräfte von neuem der größeren Ehre des Allerhöchsten weihen und sich derselben nur mehr bedienen, um gemäß der ganzen Fülle der Tugend und Heiligkeit und mit der erhabensten Vollkommenheit zu handeln. Sie hatte zwar von ihrer unbefleckten Empfängnis an ihr ganzes Leben hindurch mit dem Eifer einer getreuen Dienerin und einer klugen Verwalterin der ihr anvertrauten Fülle von Gnaden und Gaben gewirkt, wie man im ganzen Verlauf dieser Geschichte sehen konnte. Nachdem sie aber mit ihrem göttlichen Sohn zum Himmel aufgestiegen war, erhielten alle ihre Gnaden neuen Zuwachs, und der Allmächtige verlieh ihr eine ganz neue Art zu wirken. Sie war und blieb allerdings noch Erdenpilgerin (viatrix), indem sie die beseligende Anschauung nicht nach Art der Himmelsbürger (comprehensores) genoss. Allein was ihr Handeln im Bereich der Sinne betrifft, so glich sie hierin mehr den mit Leib und Seele verklärten Heiligen als den übrigen Erdenpilgern. Ich finde kein anderes Beispiel, um den so ganz einzigen und göttlichen Stand zu erklären, in weIchem unsere große Königin und Herrin lebte, seit sie vom Himmel herabgekommen war, um die heilige Kirche zu regieren.

129. Der Art des Wirkens mit den Sinneskräften entsprach bei der seligsten Jungfrau Maria die innere Weisheit und Wissenschaft. Denn sie kannte den Willen und die Ratschlüsse Gottes in allem, was sie tun sollte und wollte. Sie wusste, zu welcher Zeit, auf welche Weise, in welcher Ordnung sie jedes Ding zu tun habe, unter welchen Umständen und in welchen Ausdrücken sie sprechen müsse, so dass hierin die Schutzengel selbst sie nicht übertrafen, welche uns beistehen, ohne den Herrn aus dem Auge zu verlieren. Im Gegenteil, ihre große Königin übte die Tugenden mit einer so hohen Weisheit, dass die Engel mit Bewunderung erfüllt wurden. Denn sie erkannten, dass kein anderes bloßes Geschöpf imstande sei, sie zu übertreffen, ja nur an die vollendete Heiligkeit und erhabene Vollkommenheit hinanzureichen, mit welcher diese himmlische Herrin wirkte. Eines von den Dingen, welche Maria zu hoher Freude gereichte, war besonders die Ehrfurcht und Anbetung, welche die himmlischen Geister dem unter Brotsgestalten in ihrem Mutterherzen gegenwärtigen Gottmenschen darbrachten. Dasselbe taten die Heiligen im Himmel, da Maria alldort mit ihrem allerheiligsten Sohn einzog und ihn auch dorthin sakramentalisch in ihrem Herzen wohnend mit sich trug, weIcher Anblick diese Glückseligen mit unaussprechlicher Freude und Seligkeit erfüllte. Der Grund aber, woraus die Freude Mariä über die Verehrung der Engel gegen die sakramentale Gegenwart Jesu in ihrem Herzen entstand, war die Voraussicht, womit diese Mutter erkannte, dass die Menschen das nämliche Sakrament mit soviel Kälte und Unehrerbietigkeit behandeln würden. Denn zum Ersatz dieses Mangels an Ehrfurcht, dessen wir alle uns schuldig machen, opferte sie Seiner Majestät die Ehrenbezeigungen auf, welche die Himmelsfürsten diesem Geheimnisse, das sie gemäß ihrer hohen Erkenntnis so gut zu würdigen wussten, mit größter Aufrichtigkeit und Aufmerksamkeit entgegenbrachten.

130. Zuweilen sah Maria den Leib ihres heiligsten Sohnes in ihrem Innern mit der Glorie bekleidet, andere Male in der einfachen Anmut und Schönheit seiner heiligsten Menschheit. Fast beständig aber hatte sie die klare Anschauung all der Wunder, welche das allerheiligste Sakrament der Eucharistie in sich enthält. Diese Wunder und viele andere, welche wir in diesem sterblichen Leben nicht zu fassen vermögen, waren für Maria ein ganz besonderer Genuss, indem ihr dieselben bisweilen in sich, bisweilen in der abstraktiven Vision der Gottheit enthüllt wurden. Und gleichwie ihr die Vorstellungen der göttlichen Wahrheit mitgeteilt wurden, so wurden ihr auch die Erkenntnisbilder von allem demjenigen verliehen, was sie, sei es nun für ihre eigene Heiligung, sei es für diejenige der Kirche, nach Gottes Willen zu tun hatte. Was sie am höchsten schätzte, war die Gewissheit, die sie hatte, ihr göttlicher Sohn finde sein Wohlgefallen daran, sakramentalisch in ihrem reinsten Herzen zu wohnen. Denn nach der Erkenntnis, die ich in dieser Beziehung erhielt. unterliegt es keinem Zweifel, dass der Herr in diesem Herzen mehr Wohlgefallen fand als selbst in der Gesellschaft der Heiligen. O Maria, du außerordentliches, einziges und staunenswertes Werk der unendlichen Macht Gottes ! Du allein warst ein angenehmerer Himmel für deinen Schöpfer, als jener unbelebte Himmel, den er zu seiner Wohnung geschaffen hatte, nur immer sein konnte. Derjenige, den die unermesslichen Räume des Himmels nicht zu fassen vermögen, hat sich in dich allein eingeschlossen und einen angemesseneren Thron gefunden, nicht bloß in deinem jungfräulichen Schoß, sondern auch in dem unabsehbaren Gebiet deiner Empfänglichkeit und deiner Liebe. Du allein warst ein Himmel für Gott und Gott war stets mit dir, von dem Augenblick an, da er dir das Dasein gab und mit der Fülle seines Wohlgefallens wird er in dir ruhen durch alle Jahrhunderte seiner endlosen Ewigkeit. Mögen alle Nationen dich erkennen, mögen alle Geschlechter dich selig preisen, mögen alle Geschöpfe dich verherrlichen. Mögen sie in dir loben und anerkennen ihren wahren Gott und Erlöser, der durch dich allein, o Maria, uns heimgesucht und von unserem unglückseligen Fall aufgerichtet hat !

131. Wer unter den Sterblichen, ja welcher Engel vermöchte zu schildern die gewaltige Glut der Liebe, die in dem reinsten Herzen dieser großen, weisheitsvollen Königin brannte? Wer vermöchte zu begreifen, wie groß der Andrang des Stromes der Gottheit gewesen sein muss, der diese Stadt Gottes durchrauschte und überflutete? Welche Affekte, welche Anmutungen, welche Akte aller, in unermesslicher Fülle ihr verliehenen Tugenden und Gaben mag sie erweckt haben, sie, die allezeit mit der ganzen Stärke ihrer unvergleichlichen Gnaden wirkte? Welche Gebete, welche Fürbitten mag sie für die heilige Kirche eingelegt haben? Welche Liebe wird sie zu uns getragen, welche Güter wird sie uns erfleht und erlangt haben? Nur einer weiß es, der Urheber eines so großartigen Wunderwerkes. Wir aber wollen unsere Hoffnung auf diese mitleidsvoIle Mutter erweitern, wir wollen unseren Glauben an sie beleben, unsere Liebe zu ihr entflammen! Wir wollen uns bemühen, ihrer Fürbitte und ihres Schutzes teilhaftig zu werden! Denn nichts wird ihr zu unsern Gunsten derjenige verweigern, der ihr Sohn und unser Bruder geworden ist, und der so großartige Beweise seiner Liebe zu ihr gegeben hat, wie ich im bisherigen sie beschrieben habe und noch mehr im folgenden beschreiben werde.

LEHRE, welche mir die große Königin der Engel, die seligste Jungfrau Maria, gegeben hat

132. Meine Tochter, aus allem, was ich dir bis zu dieser Stunde über mein Leben und Wirken geoffenbart habe, erkennst du wohl, dass du in mir allein unter allen bloßen Geschöpfen das Muster und Vorbild jener höheren Heiligkeit und Vollkommenheit finden kannst, nach welcher du Verlangen trägst. Soeben aber hast du die höchste Tugendstufe erwähnt, welche ich im sterblichen Leben erstiegen habe. Nach Empfang dieser Wohltat bist du noch viel mehr als bisher verpflichtet, dein Verlangen nach Tugend zu verdoppeln und mit dem Aufgebot aller deiner Fähigkeiten das, was ich dich lehre, vollkommen nachzuahmen. Es ist Zeit, meine geliebte Tochter, dass du dich endlich, wie Recht und Pflicht es erfordern, ganz meinem Willen hingibst, um zu erfüllen, was ich von dir fordere. Damit du dich zur Erlangung dieses Gutes um so mehr aneifern mögest, so höre, was ich dir nun sagen werde. Es betrifft diejenigen, welche meinen allerheiligsten Sohn in der heiligen Kommunion mit Ehrfurcht und Eifer empfangen, nachdem sie sich nach Kräften vorbereitet haben, um ihn mit einem wohlgereinigten Herzen und mit Eifer in sich aufzunehmen. In diesen Seelen bleibt der Sohn Gottes, wenn auch nicht unter den sakramentalen Gestalten, denn diese vergehen, so doch durch eine ganz besondere Art von Gnade, durch welche er, gleichsam zum Dank für die ihm gewährte Gastfreundschaft, ihnen beisteht, sie bereichert und seiner Leitung würdigt. Es gibt aber nur wenige Seelen, welche diese Gunst erlangen, weil die meisten sie nicht schätzen, noch suchen, sondern das Allerheiligste ohne jene Vorbereitung, gedankenlos, gewohnheitsmäßig und ohne jene Ehrerbietung und heilige Furcht empfangen, welche dieses Sakrament ihnen einflößen sollte. Was dich betrifft, die du nun diese verborgene Gnade kennst, so will ich, dass du, weil du aus Gehorsam gegen deinen Obern täglich kommunizierst, auch täglich dich würdig vorbereitest, um dieser so großen Gunstbezeigung nicht beraubt zu werden.

133. Zu diesem Zweck musst du vor Augen haben, was du über mein Verhalten in diesem Punkte vernommen hast. Nach diesem Vorbild musst du deine frommen Begierden, deinen Eifer, deine Ehrfurcht, deine Liebe, kurz alles regeln, was du zu tun hast, um dein Herz zu einem würdigen Tempel und Palast für deinen göttlichen Bräutigam und höchsten König zu bereiten. Trage also Sorge, dich vor, wie nach der Kommunion ernstlich in deinem Innern zu sammeln. Gedenke der Treue, welche du als Braut ihm schuldest und besonders vergiss nicht, deinen Augen einen Zügel und allen deinen Sinnen eine Umzäunung anzulegen, auf dass kein unheiliges und fremdartiges Bild in den Tempel des Herrn eindringe. Bewahre dich unversehrt, rein und lauter von Herzen, denn in ein Herz, das von irgend etwas Geschaffenem befleckt oder eingenommen ist, kann die Fülle der göttlichen Erleuchtung und Weisheit nicht eingehen (Weih 1, 4). Alles dieses wirst du mit Hilfe des Lichtes einsehen, das Gott dir gegeben hat, wenn du mit einer durchaus geraden und reinen Absicht deine ganze Aufmerksamkeit auf dasselbe richtest. Und da du den Verkehr mit den Geschöpfen nicht ganz vermeiden kannst, so sollst du eine große Herrschaft über deine Sinne üben. Du darfst ihnen nicht gestatten, dir Bilder irgend welcher sichtbaren Sache zuzuführen, außer sie könnten dir helfen, jene hohe und reine Tugend zu üben, welche von dir gefordert wird. Trenne, so wie ich getan habe, das Kostbare von dem Gemeinen und die Wahrheit von der Lüge und damit du mich hierin auf vollkommene Weise nachahmst, so will ich, dass du von nun an lernest, mit welcher Umsicht du alle Dinge, große wie kleine, verrichten musst, um nicht deren Frucht zu verlieren, indem du die Ordnung der Vernunft und des göttlichen Lichtes umkehrst.

134. Betrachte mit Aufmerksamkeit die so allgemeine Täuschung der Menschen und den unersetzlichen Schaden, den sie sich alle Tage selbst zufügen, indem sie bei den Entschließungen ihres Willens sich gewöhnlich nur durch dasjenige bestimmen lassen, was sie von den verschiedenen sich darbietenden Gegenständen durch die Sinne wahrnehmen, und hierauf hin sogleich und ohne weitere Überlegung und Beratung die Wahl für ihr Tun und Lassen treffen. Denn da die sinnenfälligen Dinge sofort die Leidenschaften und Neigungen des niederen Teils der Seele in Bewegung setzen, so ist die notwendige Folge davon, dass ihre Werke nicht nach dem gesunden Urteil der Vernunft, sondern unter dem mächtigen Einfluss der durch die Sinne und ihre Objekte erregten Leidenschaften verrichtet werden. So ist derjenige sogleich zur Rache entschlossen, der bei einer empfangenen Kränkung nur an den Schmerz denkt, welchen sie verursacht. Ein anderer ist sofort bereit, eine Ungerechtigkeit zu begehen, weil er seinem Verlangen nach fremdem Eigentum folgt, das ihm ins Auge fällt. Auf diese Weise handeln so viele Unglückselige, welche der Begierlichkeit der Augen, der Begierlichkeit des Fleisches und der Hoffart des Lebens nachgehen, dieser dreifachen Lockspeise, welche Welt und Satan ihnen darbieten und außer welchen dieselben nichts zu bieten haben. Durch diese Unbesonnenheit und Täuschung halten sie die Finsternis für Licht, das Bittere für süß, das tödliche Gift für ein Heilmittel ihrer Leidenschaften und die blinde Unwissenheit für Weisheit, weil ihre Weisheit die irdische und teuflische ist (Jak 3, 15). Du also, meine Tochter, hüte dich vor diesem verderblichen Irrtum und entscheide in keiner Sache nach dem, was in die Sinne fällt, und nach den Annehmlichkeiten, welche sich dir durch die Sinne vorstellen. Berate dich über das, was du zu tun hast, vor allem mit der inneren Erkenntnis und Erleuchtung, welche Gott dir mitgeteilt hat, damit du nicht blindlings handeln mögest und welche er dir zu diesem Zweck immer geben wird. Sodann wende dich um Rat an deinen Obern und Seelenführer, wenn du hierzu Zeit hast, bevor du dich über ein Unternehmen entschließen musst. Ist dein Oberer abwesend, so berate dich mit einer anderen Person, wäre es auch eine Untergebene, denn dies ist immerhin sicherer, als nach seinem eigenen Urteil zu handeln, welches die Leidenschaften so leicht verwirren und verdunkeln können. Diese Verhaltensregel sollst du in allem befolgen, was du tun wirst, besonders in deinen äußeren Handlungen, indem du da stets mit Klugheit, Verschwiegenheit und Berücksichtigung dessen vorgehst, was die Umstände und die Bedürfnisse des Nächsten an die Hand geben. Unter allen Verhältnissen aber, welcher Art sie auch sein mögen, ist das Notwendigste, auf diesem tiefen Meer des Verkehrs mit den Geschöpfen, welches nur mit steter Gefahr des Untergangs befahren wird, den Leitstern des inneren Lichtes nie aus den Augen zu verlieren.

9. HAUPTSTÜCK: Maria beschützt die Gläubigen gegen die Anfechtung Luzifers

Die heiligste Jungfrau Maria erkennt, dass Luzifer sich erhebe, um die Kirche zu verfolgen. Ihr Vorgehen gegen diesen Feind. indem sie die Gläubigen beschützt und verteidigt.

135. Auf den höchsten Gipfel der Gnade und Heiligkeit erhoben, welchen ein bloßes Geschöpf erreichen kann, betrachtete die große Herrin der Welt mit ihrem Blick voll göttlicher Wissenschaft die kleine Herde der Kirche, die sich mit jedem Tag vermehrte. Als wachsamste Mutter und Hirtin spähte sie von dem hohen Berg aus, worauf die Hand ihres allmächtigen Sohnes sie gestellt hatte, ob den Schäflein seiner Herde nicht eine Gefahr und Bedrängnis von Seiten der reißenden Wölfe der Hölle drohe, deren Hass gegen die neuen Kinder des Evangeliums ihr bekannt war. Denn so groß war die Sorgfalt, womit diese Mutter des Lichtes diese heilige Familie bewachte, welche sie als die ihrige ansah und als das Erbe und den Anteil verehrte, den ihr heiligster Sohn sich aus dem Rest aller anderen Sterblichen versammelt und auserwählt hatte. In der Tat hatte das Schifflein der neuen Kirche einige Zeit hindurch eine glückliche Fahrt, geführt und geleitet durch die erhabene Lehrmeisterin Maria, die beständig bald dem einen guten Rat gab, bald andere unterwies und ermahnte, namentlich aber für alle dem Herrn die feurigsten Gebete aufopferte. Denn sie versäumte keine Gelegenheit und keinen Augenblick, um zu tun, was zum Wohl der Kirche und zum Trost der Apostel und der andern Gläubigen notwendig war.

136. Wenige Tage nach der Ankunft des Heiligen Geistes erneuerte sie wieder diese ihre Gebete und sprach zum Herrn: «O mein Sohn, wahrhaftiger Gott der Liebe ! Ich weiß, dass diese kleine Herde, deine heilige Kirche, zu deren Mutter und Beschützerin du mich gemacht hast, keinen geringeren Wert hat als den unendlichen Preis deines Lebens und deines Blutes, mit welchem du sie von den Mächten der Finsternis erlöst hast. Es ist billig und recht, dass ich dir mein Leben und mein ganzes Sein darbringe zur Erhaltung und Vermehrung dessen, worauf dein allerheiligster Wille einen so großen Wert legt. Lasse mich sterben, o mein Gott, wenn es also notwendig ist, auf dass dein heiliger Name erhöht und deine Ehre ausgebreitet werde unter allen Völkern. Nimm an, o mein Sohn, das Opfer meiner Lippen und meines Willens, welches ich dir vereint mit deinen eigenen Verdiensten darbringe. Schaue barmherzig auf deine Gläubigen nieder, unterstütze die, weIche auf dich allein hoffen und deinen Glauben mit Entschlossenheit umfangen. Erleuchte deinen Stellvertreter Petrus, auf dass er glücklich die Schäflein regiere, welche du ihm anvertraut hast. Erleuchte alle Apostel, deine Diener und meine Gebieter. Komme ihnen allen mit den Segnungen deiner Gütigkeit zuvor, auf dass wir alle deinen heiligen und vollkommenen Willen erfüllen mögen.»

137. Der Allerhöchste antwortete auf diese Bitten unserer Königin und sprach: «Meine Braut, meine Freundin, auserwählt aus allen Geschöpfen zu meinem vollkommenen Wohlgefallen, ich höre auf deine Bitten und Wünsche. Aber du weißt, dass meine Kirche meinen Fußstapfen und meiner Lehre folgen muss. Sie hat mich auf dem Weg der Leiden und des Kreuzes nachzuahmen. Meine Apostel und Jünger und überhaupt alle, welche meine wahren Freunde und Schüler sein wollen, müssen das Kreuz umfangen, denn ohne Mühsal und Leiden können sie meine Freunde und Nachfolger nicht sein. Auch das Schiff meiner Kirche bedarf des Ballastes der Verfolgungen, um zwischen der Gunst wie der Ungunst dieser Welt mit Sicherheit dahinzufahren. Meine allerhöchste Vorsehung erfordert dies mit Rücksicht auf meine Gläubigen und Auserwählten. Bedenke dies und sinne nach, auf welche Art und Weise es geschehen soll.»

138. Darauf hatte unsere große Königin ein Gesicht, worin sie Luzifer und in seinem Gefolge eine sehr große Menge von Teufeln aus den Abgründen der Hölle hervorkommen sah. Dort hatten sie zu Boden gestreckt gelegen, seit sie besiegt und vom Kalvarienberg hinabgeschleudert worden waren, wie ich an seinem Ort gesagt habe (Teil 2 Nr. 1421). Sie sah, wie dieser siebenköpfige Drache sich wie vom Meer her erhob, begleitet von den übrigen aufrührerischen Engeln. Er war zwar in seinen Kräften sehr geschwächt und verhielt sich wie ein Rekonvaleszent, der von einer langen und schweren Krankheit aufsteht und sich kaum aufrecht halten kann. Gleichwohl erhob er sich, von seiner Hoffart und Wut getrieben, mit unversöhnlicher Rachgier und Anmaßung. Doch zeigte sich auch bei dieser Gelegenheit, dass seine Hoffart größer war als seine Macht, wie Jesajas dies lange schon vorausgesagt hat (Jes 16, 6). Denn einerseits verriet er deutlich die Entkräftung, welche der Sieg unseres Herrn Jesu Christi und der Triumph, den der Herr am Kreuz über ihn davontrug, ihm verursacht hatte, andererseits ließ er einen ganzen Vulkan von Wut und Zorn erkennen, der in seinem Innern gegen die heilige Kirche und ihre Kinder brannte. So kam der Satan auf die Erde. Er durchstreifte sie nach allen Seiten, um alles auszukundschaften. Dann begab er sich sofort nach Jerusalem, um seine ganze Wut gegen die Schäflein Christi zu entfalten. Er begann damit, diese demütige, aber für seine Anmaßung und Bosheit furchtbare Herde von fern zu beobachten, zu belauern und zu umkreisen.

139. Da der Teufel die große Zahl derer sah, die sich dem heiligen Glauben ergeben hatten und die stündlich die heilige Taufe empfingen; da er sah, wie eifrig die Apostel predigten und welche Wunder sie wirkten zum größten Nutzen der Seelen; da er sah, wie die Neubekehrten den Reichtümern entsagten und sie verabscheuten; kurz, da er die Fundamente unbesiegbarer Heiligkeit, worauf die Kirche des Neuen Bundes gegründet war, gewahrte: da stieg die Rage, von der er erfüllt war, aufs höchste. Ein furchtbares Wutgeheul ausstossend, verschanzte und befestigte er sich in seiner eigenen Bosheit. Er war sozusagen über sich wütend, weil er gegen Gott so wenig vermochte. Um die reinen Wasser des Jordan, den er gerne vertrocknet hätte, auszutrinken (Job 40,18), machte er den Versuch, der Versammlung der Gläubigen beizukommen. Allein er vermochte es nicht, weil alle durch eine vollkommene Liebe untereinander geeinigt waren. Diese Tugend samt denjenigen des Glaubens, der Hoffnung und der Demut war für den Teufel und seine bösen Knechte eine Burg, die sie nicht bezwingen konnten. Er streifte um die Herde Christi umher, um zu spähen, ob nicht eines der Schafe nachlasse, auf seiner Hut zu sein, damit er sich auf dasselbe stürze und es verschlinge. Er sann auf alle Mittel und Wege, um die Gläubigen zu versuchen und irgend einen an sich zu ziehen, der ihm helfe, Bresche zu machen in die Festung der Tugenden, die er in allen Neubekehrten wahrnahm. Allein alle waren wohl bewacht und verteidigt durch die Wachsamkeit der Apostel, durch die Kraft der Gnade und ganz besonders durch den mächtigen Schutz der allerseligsten Jungfrau Maria.

140. Da diese liebevolle Mutter den Luzifer mit einer so großen Schar von Teufeln erblickte und die Wut erkannte, womit er sich gegen die Kirche des Neuen Bundes erhob, wurde ihr zärtlich liebendes Herz von einem Pfeil des Mitleidens und des Schmerzes durchbohrt. Denn sie kannte auf der einen Seite die Schwäche und Unwissenheit der Menschen, auf der andern die Bosheit, Arglist und Wut der alten Schlange. Um daher den Übermut Satans zurückzudrängen und zu demütigen, wandte sich die seligste Jungfrau gegen ihn und redete ihn also an: «Wer ist wie Gott, der in den Höhen wohnt? Unsinniger, vermessener Feind des Allerhöchsten ! Möge derselbe Herr, der dich am Kreuz besiegt, deine Anmaßung gebrochen und das Menschengeschlecht von deiner grausamen Tyrannei erlöst hat, möge er dir jetzt gebieten. Möge seine Allmacht dich erdrücken und seine Weisheit dich zuschanden machen und in den Abgrund stürzen ! Ja, in seinem Namen tue ich selbst dies, auf dass du die Erhöhung und Ehre nicht hindern könnest, welche ihm als Gott und Erlöser aller Menschen gebührt.» Ihre Gebete fortsetzend, wandte sich darauf die mildeste Mutter wiederum zum Herrn und sprach: «O allerhöchster Gott, mein Vater ! Wenn die Macht deines Armes die Wut, welche ich in dem höllischen Drachen und seinem Anhang sehe, nicht bändigt und niederdrückt, so wird er ohne Zweifel alle Bewohner des Erdkreises zugrunde richten. Du bist ein Gott der Barmherzigkeit und der Güte für deine Geschöpfe. Erlaube denn nicht, o Herr, dass diese Schlange ihr Gift über die Seelen ausspeie, die losgekauft und gewaschen sind mit dem Blut des Lammes, deines anbetungswürdigen Sohnes. Wäre es möglich, dass sie selbst sich einem so blutdürstigen Raubtier und ihrem Todfeind preisgeben? Wie könnte mein Herz sich jemals wieder beruhigen, wenn ich eine jener Seelen, die der Frucht dieses Blutes teilhaftig geworden sind, in ein so beklagenswertes Unglück müsste fallen sehen? O, wenn doch die Wut dieses Drachen sich gegen mich allein wenden möchte und deine Erlösten verschont und gerettet würden! Ja, so sei es, o ewiger Gott und Herr, ich werde deine Schlachten gegen deine Feinde schlagen. Bekleide mich mit deiner Kraft, auf dass ich sie demütige und ihren frechen Stolz niedertrete! »

141. Kraft dieses Gebetes und des Widerstandes, den ihm die mächtige Königin entgegensetzte, wurde Luzifer selbst entmutigt und wagte für den Augenblick nicht, irgendwen aus der heiligen Versammlung der Gläubigen anzugreifen. Des ungeachtet aber stand er von seinem Zorn nicht ab, sondern fasste den Plan, sich der Schriftgelehrten, der Pharisäer und überhaupt der Juden zu bedienen, von denen er wusste, dass sie in ihrer Hartnäckigkeit und in ihrem Unglauben beharrten.

Er mischte sich also unter sie und erfüllte sie durch verschiedene Einflüsterungen dergestalt mit Neid und Hass gegen die Apostel und die Gläubigen, dass er die Verfolgung, die er selbst zu bewerkstelligen nicht vermocht hatte, mittelst der Ungläubigen zustande brachte. Er stellte ihnen vor, die Predigt der Apostel und Jünger bringe ihnen den gleichen, ja einen noch größeren Schaden als die Predigt ihres Meisters Jesus von Nazareth. Denn die Apostel seien ja bedacht, den Namen Jesu des Nazareners, den sie - die Pharisäer - als einen Missetäter gekreuzigt hätten, unter ihren eigenen Augen in Ehre und Aufnahme zu bringen, was ihnen - den Pharisäern - zu großer Schande gereichen müsste. Sodann sei auch zu fürchten, es werde bei der schon großen Anzahl der Jünger und infolge der großen Wunder, die sie vor dem Volk wirkten, alles ihnen nachlaufen. Die Meister und Lehrer des Gesetzes aber würden verachtet werden und auch die herkömmlichen Geschenke nicht mehr erhalten, denn die neuen Jünger und Gläubigen schenkten alles den neuen Predigern, denen sie nachliefen. Endlich werde dieser Verlust für die alten Lehrer bei der großen Zahl derjenigen, welche den Aposteln schon folgten, täglich bedenklicher.

142. Diese Ratschläge der Ungerechtigkeit entsprachen ganz und gar der blinden Habgier und Ehrsucht der Juden, und sie nahmen dieselben sofort als ausgezeichnet und ihren Wünschen ganz entsprechend an. Die Folge war, dass die Pharisäer, Sadduzäer, Magistrate und Priester gegen die Apostel die vielen Versammlungen veranstalteten, welche der heilige Lukas in der Apostelgeschichte erwähnt. Die erste fand statt, als der heilige Petrus und der heilige Johannes an der Pforte des Tempels einen Lahmgeborenen heilten, der vierzig Jahre alt und in ganz Jerusalem bekannt war (Apg 3, 6 ff). Da dieses Wunder ebenso offenkundig als erstaunlich war, so lief die ganze Stadt in hellen Haufen und von Bewunderung fortgerissen zu den zwei Aposteln hin. Der heilige Petrus hielt ihnen eine gewichtvolle Lehre, worin er darlegte, dass sie in keinem anderen Namen selig werden könnten als im Namen Jesu, in dessen Kraft er und der heilige Johannes diesen seit so vielen Jahren lahmen Menschen geheilt hätten. Aus Anlass dieses Wunders versammelten sich des andern Tages die Priester und beriefen die bei den Apostel vor ihr Gericht. Allein da das Wunder offenkundig war und das Volk laut Gott den Herrn dafür pries, fühlten diese ungerechten Richter sich so beschämt, dass sie nicht wagten, die beiden Apostel zu bestrafen, sondern ihnen nur befahlen, fortan nicht mehr im Namen Jesu von Nazareth vor dem Volk zu predigen und zu lehren. Der heilige Petrus aber antwortete unerschrockenen Herzens, sie könnten diesem Befehle nicht Folge leisten, denn Gott habe ihnen das Gegenteil befohlen, und es sei nicht gerecht, Gott ungehorsam zu werden, um den Menschen zu gehorchen. Nach diesem Verbot ließen die Priester die beiden Apostel für dieses Mal frei fortgehen, und diese begaben sich sofort zu ihrer heiligsten Königin, um ihr das Geschehene, das Maria übrigens schon durch eine Vision erfahren hatte, zu berichten. Hierauf begann sie sehr inbrünstig zu beten, während dessen der Heilige Geist auf ein neues Mal unter sichtbaren Zeichen über sie herabkam.

143. Einige Tage später ereignete sich die wunderbare Begebenheit des Ananias und seiner Frau Saphiras, welche, von Geiz versucht, den heiligen Petrus betrügen wollten, indem sie ihm von dem Erlös aus einem verkauften Grundstück nur einen Teil zubrachten, den andern aber für sich behielten und so den Apostel belogen. Kurz zuvor hatte Barnabas, auch Joseph genannt, ein Levite und aus Zypern gebürtig, ein ihm gehöriges Grundstück verkauft und den ganzen Erlös den Aposteln gebracht. Um nun zu zeigen, dass alle Gläubigen mit solcher Aufrichtigkeit handeln sollten, wurden Ananias und Saphira gestraft, indem sie nacheinander tot zu den Füßen des heiligen Petrus hinfielen. Durch diese schreckliche Strafe wurden alle Bewohner Jerusalems mit Furcht erfüllt, so dass die Apostel anfingen, mit größerer Freiheit zu predigen. Nur die Magistrate und Sadduzäer erzürnten sich gegen sie, ließen sie ergreifen und in das öffentliche Gefängnis werfen, wo sie indes nicht lange blieben, weil unsere Königin sie daraus befreite, wie ich bald berichten werde.

144. Ich kann hier einen geheimnisvollen Vorgang, welcher beim Fall des Ananias und der Saphira (Apg 5. 1 ff) geschah, nicht mit Stillschweigen übergehen. Derselbe ereignete sich folgendermaßen. Als die große Herrin des Himmels sah, dass Luzifer und sein Anhang die Priester und Magistrate gegen die Predigt des Evangeliums aufhetzte und diese infolge solcher Einflüsterungen den heiligen Petrus und Johannes nach der Heilung des Lahmen vor sich luden und ihnen verboten, im Namen Jesu zu predigen, da erwog die besorgte Mutter der Gläubigen die Lage der Dinge, und da sie erkannte, wie hinderlich es für die Bekehrung der Seelen wäre, wenn jener boshafte Plan nicht aufgehalten würde, so erhob sie sich aufs neue gegen den höllischen Drachen, gemäß dem Versprechen, das sie dem Herrn gemacht hatte und die Sache der Kirche mit mehr Kraft ergreifend, als einstmals Judith die Sache Israels, sprach sie zu dem grausamen Tyrannen: «Du Feind des Allerhöchsten, wie kannst du es wagen, dich gegen dessen Geschöpfe zu erheben, da du doch durch die Kraft des Leidens und Sterbens meines Sohnes und wahren Gottes besiegt niedergetreten und deiner tyrannischen Gewalt beraubt worden bist? Was vermagst du, giftiger Basilisk, gefesselt vom Allerhöchsten und eingekerkert für die ganze Ewigkeit in die Peinen der Hölle? Weisst du nicht, dass du seiner unendlichen Macht unterworfen bist und seinem unbesiegbaren Willen unmöglich widerstehen kannst ? Wohlan, er gebietet dir, und in seinem Namen und seiner Kraft gebiete ich dir, auf der Stelle samt den Deinigen in jene Abgründe hinabzufahren, aus denen du gekommen bist die Kinder der Kirche zu verfolgen.»

145. Der höllische Drache konnte diesem Befehl der mächtigen Königin nicht widerstehen, zumal ihr allerheiligster Sohn zu größerem Schrecken der bösen Geister zuließ, dass sie ihn unter Brotsgestalten im Herzen seiner unüberwindlichen Mutter gleichwie auf einem Thron seiner Allmacht und Majestät erblickten. Dasselbe geschah auch bei anderen Anlässen, in denen die seligste Jungfrau den Luzifer zuschanden machte, und von denen ich später einiges sagen werde. Bei diesem Vorfall, von welchem ich jetzt rede, stürzte er mit all seinen Legionen, die ihn begleitet hatten, in die Tiefe, und dort angekommen, fühlten sich alle für eine Zeitlang wie vernichtet und erdrückt unter der göttlichen Macht die sie in dieser unvergleichlichen Frau erkannten. In ihrem tiefen Kerker vor Schrecken wie betäubt stießen sie ein entsetzliches Gebrüll aus und gerieten wegen ihres unglückseligen und rettungslosen Zustandes gegen sich selbst in Wut und Raserei, umso mehr, weil sie alle Hoffnung aufgeben mussten, diese mächtige Königin und alle jene, welche sie unter ihren Schutz nimmt überwinden zu können. Außer sich vor Wut wandte sich Luzifer an seine Teufel, um sich mit ihnen zu beraten und rief aus: «Welches Missgeschick ist das, worin ich mich jetzt erblicke? Sagt mir doch, was ich tun muss gegen diese meine Feindin, die mich so heftig quält und niederschmettert? Sie allein bekriegt mich heftiger, als alle übrigen Geschöpfe zusammen ! Soll ich aufhören, sie zu verfolgen, damit sie mich nicht etwa ganz und gar vernichte? Aus jedem Kampf mit ihr gehe ich als Besiegter hervor, während sie Siegerin bleibt. Ich fühle, dass sie meine Kräfte fort und fort vermindert und allmählich ganz zunichte macht und dass ich nichts mehr gegen die Anhänger ihres Sohnes vermögen werde. Aber wie kann ich eine so ungerechte Beeinträchtigung ertragen? Wo bleibt denn meine stolze Macht? Soll ich einer Frau nachgeben, die mir ihrer Natur nach untergeordnet und im Vergleich mit mir so gering ist? Leider bin ich augenblicklich außerstande, mit ihr zu kämpfen ! Aber suchen wir darum wenigstens einige ihrer Kinder, die ihrer Lehre folgen, zum Fall zu bringen ! Das wird meine Schmach wenigstens in etwas zudecken und mir Genugtuung verschaffen !»

146. Gott der Herr ließ es zu, dass der Drache und die Seinigen auf die Erde zurückkehrten, um die Gläubigen zu versuchen und zu üben. Sie begannen damit, das Verhalten der Gläubigen zu beobachten, sahen sie aber mit so großen Tugenden ausgerüstet dass für die Versucher kein Zugang offen stand und niemand sich von deren törichten Trugbildern betören ließ. Da erforschten sie die Charaktere und Neigungen aller Neubekehrten - denn ach ! Das ist ja stets die Art und Weise, wie sie uns einen so grausamen Krieg bereiten -, und da fanden sie, dass Ananias und seine Frau Saphira eine besondere Liebe zum Geld hatten, wie sie es denn auch stets mit einer gewissen Habgier gesucht hatten. Auf diese schwache Seite nun richtete der höllische Widersacher seine Geschosse, und es gelang. Er brachte ihnen den Gedanken bei, einen Teil des Erlöses aus einem Grundstück zurückzubehalten, das sie zu Geld gemacht hatten, um dieses den Aposteln darzubringen, von welchen sie den Glauben und die Taufe empfangen hatten. Sie ließen sich von dieser niedrigen Versuchung überwinden, weil sie eben ihrem niedrigen Hang entsprechend war, und gedachten also den heiligen Petrus zu hintergehen. Allein der heilige Apostel erhielt eine Offenbarung von der Sünde dieser beiden Personen und strafte sie durch plötzlichen Tod, den sie zu seinen Füßen fanden, zuerst Ananias und sodann Saphira. Die letztere kam, ohne zu wissen, was mit ihrem Mann geschehen war, einige Zeit nach ihm, belog gleichfalls den heiligen Petrus und gab sodann wie ihr Mann in Gegenwart der Apostel den Geist auf.

147. Die Königin des Himmels wusste vom ersten Augenblick an, was Satan gegen die Kirche unternahm, und wie Ananias und Saphira dessen fluchwürdige Einflüsterungen nicht zurückwiesen. Voll Mitleid und Schmerz warf sie sich vor dem Herrn nieder und sprach unter tiefen Seufzern: «Ach, mein Sohn und Herr, wie kann dieser blutgierige Drache unter diesen einfältigen Schäflein deiner Herde Beute machen ! O mein Gott, wie wird mein Herz es ertragen können, dass die Pest des Geizes und der Lüge die Seelen anstecke, welche dich dein Leben und dein Blut gekostet haben ! Wenn dieser grausame Feind ihre Unerfahrenheit benützt um sich in ihre Mitte einzuschleichen, so wird er bei der Macht des Beispiels und bei der menschlichen Schwachheit seine Verheerungen immer weiter ausdehnen, und es wird ein Gläubiger nach dem andern fallen. Und was mich betrifft o mein höchstes Gut so wird dieser Schmerz mir das Leben rauben, da ich ja weiß, wie schwer vor deiner Gerechtigkeit die Sünde wiegt besonders die Sünde derer, die nicht Fremdlinge, sondern deine Kinder sind. O mein Vielgeliebter, hilf doch diesem Verderben ab, nachdem du es mir einmal zu erkennen gegeben hast.» Der Herr antwortete ihr: «Meine Mutter und meine Auserkorene, möge dein Herz, in welchem ich lebe, sich nicht betrüben! Denn ich werde für meine Kirche viele Güter aus diesem Übel ziehen, das meine Vorsehung auch nur deswegen zugelassen hat. Durch die Strafe, wodurch ich diese Sünde züchtigen werde, will ich die übrigen Gläubigen mahnen, ein so furchtbares Beispiel nicht nachzuahmen, dessen Andenken in der Kirche fortleben wird. Sie werden sich in Zukunft vor der Liebe zum Geld hüten, weil mein Zorn mit derselben Strafe alle bedroht, welche dieselbe Sünde begehen werden. Denn wie mein heiliges Gesetz lehrt ist und bleibt meine Gerechtigkeit stets dieselbe gegen die, welche sich gegen meinen Willen auflehnen.»

148. Bei dieser Antwort des Herrn beruhigte sich die seligste Jungfrau Maria, obwohl die Strenge, womit die göttliche Gerechtigkeit die getäuschten Eheleute Ananias und Saphira züchtigte, ein großes Mitleid in ihr erregte. Auch verrichtete sie, während dies vor sich ging, die inbrünstigsten Gebete für die übrigen Gläubigen, damit sie vom Teufel nicht überlistet werden möchten. Auch gegen den Satan wandte sie sich von neuem, streckte ihn zu Boden und jagte ihn in die Flucht damit er aufhöre, die Juden gegen die Apostel aufzuhetzen. Dank dieser Kraft, womit die heilige Jungfrau die bösen Geister im Zaum hielt. genossen die Kinder der ersten Kirche lange großen Frieden. Ja, diese Ruhe und dieser Schutz Mariä würden immer fortgedauert haben, hätten nur die Menschen sich nicht derselben unwürdig gemacht, indem sie sich in dieselben Fallstricke, wie Ananias und Saphira, ja in noch gefährlichere, begaben. O möchten doch die Gläubigen aus diesem schrecklichen Beispiel Furcht schöpfen und das Beispiel der Apostel nachahmen ! Denn was geschah mit diesen? Aus der Tiefe des Gefängnisses, in das man sie, wie ich sagte, geworfen hatte, riefen sie die Hilfe Mariä, ihrer Königin und wahren Mutter, an, und kaum hatte diese durch eine göttliche Erleuchtung erkannt, dass sie gefangen seien, als sie auch schon, in Kreuzesform und voll tiefster Ehrfurcht vor Gott niedergeworfen, folgendes Gebet für die Gefangenen verrichtete:

149. «O mein allerhöchster Herr, Schöpfer des Weltalls, von ganzem Herzen unterwerfe ich mich deinem göttlichen Willen. Ich erkenne als angesessen und recht, o mein Gott, dass, wie deine unendliche Weisheit es nun fügt und ordnet, die Jünger ihrem Meister folgen, dir nämlich, der du das wahre Licht und der Führer deiner Auserwählten bist. Denn du bist in der Gestalt der Demut in die Welt gekommen, um diese Tugend in Aufnahme zu bringen, den Stolz zu vernichten und den Weg des Kreuzes zu lehren durch Übung der Geduld inmitten der Trübsale und Schmähungen seitens der Menschen. Ich weiß auch, dass sie als deine Apostel und Jünger diese Lehre befolgen und in der Kirche begründen müssen. Aber wenn es möglich ist o höchstes Gut meiner Seele, dass sie für jetzt die Freiheit und das Leben erhalten, um deine heilige Kirche zu begründen, der ganzen Welt deinen erhabenen Namen zu verkünden und sie zum wahren Glauben zu führen, so bitte ich dich, o Herr, erlaube mir, ihnen zu helfen, Petrus, deinem Stellvertreter, Johannes, meinem Sohn und deinem Liebling, und allen, die durch Luzifers Arglist sich im Gefängnis befinden. Möge dieser Feind sich jetzt doch nicht rühmen, über deine Diener triumphiert zu haben, und möge er nicht auch gegen die übrigen Kinder der Kirche sein Haupt erheben ! Brich seinen Stolz, o Gott, und mache ihn zuschanden durch deine Gegenwart!»

150, Auf diese Bitte antwortete der Allerhöchste: «Es geschehe, was du verlangst, denn so ist es mein Wille. Sende deine Engel aus, die Werke Luzifers zu zerstören. Meine Kraft wird mit dir sein !» Im Besitz dieser Vollmacht sandte die große Königin sofort einen Engel aus ihrer Wache ab, und zwar aus einem sehr hohen Chore, damit er den Aposteln ihre Ketten abnehme und sie aus dem Kerker befreie. Dies war der Engel, welchen der heilige Lukas im fünften Kapitel der Apostelgeschichte (Apg 5, 19) erwähnt und der während der Nacht die Apostel aus dem Gefängnis befreite. Es geschah dies, wie gesagt, auf Befehl der heiligen Jungfrau, obwohl der heilige Lukas diesen geheimen Grund des Wunders nicht erzählt. Die Apostel aber sahen den Engel voll Glanz und Schönheit, wie er ihnen meldete, er sei von der großen Königin gesendet, um sie aus dem Kerker herauszuführen. Sodann tat er dies wirklich, sandte sie zu predigen, und die Apostel gehorchten ihm. Nach diesem ersten Engel sandte die große Königin andere zu den Magistratspersonen und Priestern, um Luzifer und seine Teufel, die sie gegen die Apostel aufreizten, von denselben zu entfernen und sie durch gute Einsprechungen dahin zu stimmen, dass sie nicht wagten, den Aposteln zu schaden und sie am Predigen zu hindern. Auch diese Engel entledigten sich ihrer Sendung mit Freuden und so gut, dass darauf jenes wichtige Ereignis erfolgte, welches der heilige Lukas in dem nämlichen Kapitel erwähnt, nämlich die Rede, welche ein hochgeachteter Lehrer des Gesetzes, mit Namen Gamaliel, im hohen Rat hielt (Apg 5, 34). Da die andern Richter unschlüssig waren, was sie in Bezug auf die Apostel tun sollten, die sie ins Gefängnis geworfen hatten und nun auf unerklärliche Weise in Freiheit gesetzt und predigend im Tempel sahen, da erhob sich Gamaliel mit dem Vorschlag, die Priester sollten diese Männer nicht behindern, sondern ungestört predigen lassen. Wenn dieses Werk von Gott sei, sprach er, so könnten sie es doch nicht hindern. Sei es nicht von Gott, so werde es bald von selbst zerfallen, wie es vor einigen Jahren zwei anderen falschen Propheten ergangen, die in Jerusalem und Palästina neue Sekten erfanden, dem Theodas nämlich und dem Judas, dem Galiläer, welche beide samt ihrem ganzen Anhang zugrunde gingen.

151. Diesen Rat erteilte Gamaliel auf Eingebung der heiligen Engel unserer großen Königin, sowie dieselben auch die andern Richter bestimmten, dass sie ihn als vernunftgemäß annahmen. Dass die Richter den Aposteln befahlen, Jesus von Nazareth nicht ferner zu verkündigen, dies taten sie mit Rücksicht auf ihren Ruf und ihr Interesse. Dass sie die Apostel aber, bevor sie dieselben entließen, einer Züchtigung unterwarfen, sollte eine Strafe für deren Rückfall sein. Denn sie hatten sich ein zweites Mal ergreifen lassen, als sie, aus dem Kerker befreit. nach der Weisung des Engels, der ihnen die Freiheit zurückgegeben, sofort wiederum hingingen und predigten. Von all diesen Arbeiten und Leiden gaben die Apostel der heiligen Jungfrau als ihrer Mutter und Meisterin gleichfalls Rechenschatt. und die weiseste Königin empfing sie mit mütterlicher Liebe und mit großer Freude, sie so standhaft im Leiden und so seeleneifrig zu erblicken. «Jetzt, meine Gebieter,» sprach sie zu ihnen, «erscheint ihr mir als wahre Nachfolger und Jünger eures Meisters, da ihr um seines Namens willen Schmach und Schande für nichts achtet und ihn mit freudigem Herzen das Kreuz tragen helfet. Ihr seid nun seine würdigen Diener und Mitarbeiter, indem ihr strebt, die Frucht seines Blutes den Menschen nutzbar zu machen, für deren Heil es vergossen worden ist. Möge seine mächtige Hand euch segnen und euch Anteil an seiner göttlichen Kraft verleihen.» Sie sprach dies auf den Knien, küsste den Aposteln die Hände und bediente sie dann, wie ich oben schon gesagt habe.

LEHRE, welche mir die große Königin der Engel, die seligste Jungfrau Maria, gegeben hat

152. Meine Tochter, in dem, was du gehört und in diesem Hauptstück niedergeschrieben hast, findest du viele und wichtige Lehren für dein Heil und für dasjenige aller Kinder der heiligen Kirche. Zuerst ist wohl zu beherzigen, mit welcher Sorge ich für das ewige Wohl aller Gläubigen wachte, ohne irgend eine ihrer Nöten und Gefahren zu übersehen oder zu vergessen. Ich lehrte sie die Wahrheit erkennen, betete unablässig für sie, ermutigte sie in ihren Beschwerden, drängte den Allerhöchsten, ihnen beizustehen, und besonders verteidigte ich sie gegen die Teufel und deren Arglist, Wut und Raserei. Alle diese Wohltaten spende ich noch jetzt vom Himmel aus. Wenn aber nicht alle dieselben erfahren, so geschieht dies nicht, als wäre ich meinerseits nicht für sie besorgt, sondern weil es nur wenige Gläubige gibt, die mich von ganzem Herzen anrufen und die sich in den Stand setzen, die Frucht meiner mütterlichen Liebe zu verdienen und zu empfangen. Ich würde alle gegen den Drachen verteidigen, wenn alle mich anriefen und die gefährlichen Nachstellungen fürchteten, womit er sie umgibt, um sie in die ewige Verdammnis zu stürzen. Damit die Menschen aus diesem so gefährlichen Zustand sich aufraffen, gebe ich ihnen diese neue Warnung: Ich sage dir für gewiss, meine Tochter, dass diejenigen, die sich zugrunde richten, nachdem mein heiligster Sohn für sie gestorben ist und nach den Gnaden und Wohltaten, die er auf meine Fürbitte der Welt erwiesen hat, schwerere Peinen in der Hölle leiden als diejenigen, die zugrunde gingen, bevor er in die Welt gekommen, und bevor ich mich in der Welt befand. Desgleichen werden diejenigen, welche nun diese Geheimnisse zwar hören, aber sie zu ihrem Verderben verachten, größere und vielfältigere Strafen zu erdulden haben.

153. Auch sollen die Menschen wohl bedenken, welchen Wert sie auf ihre Seelen legen müssen, für die ich so vieles getan habe und täglich tue, seit mein heiligster Sohn sie durch sein Leiden und Sterben erlöst hat. Die Heilsvergessenheit der Menschen ist im höchsten Grad tadelnswürdig und verdient die furchtbarste Züchtigung. Denn welchen vernünftigen Grund kann ein Mensch, der den Glauben besitzt, wohl haben, um soviel für Erhaschung einer vergänglichen Sinnenfreude zu tun, die oft nur einige Augenblicke, jedentalls aber nicht länger als das Leben dauert und für seine Seele, die ewig leben wird, nicht mehr Achtung zu hegen, nicht mehr zu tun, als wie wenn auch sie mit den sichtbaren Dingen endete? Und sie bedenken nicht, dass, wenn alles Vergängliche vergangen ist alsdann die Seele anfängt entweder zu leiden oder zu genießen, was ewig dauern und nie ein Ende nehmen wird. Indem du diese Wahrheit und die Verkehrtheit der Menschen einsiehst, so wundere dich nicht, dass der höllische Drache heutzutage so mächtig über die Menschen ist. In einem beständigen Kampf wird der Sieger stets in dem Maß stärker, als der Besiegte an Kräften verliert. Dies bewahrheitet sich besonders in dem erbitterten und unablässigen Streit den die Christen gegen die bösen Geister zu bestehen haben. Denn wenn die Seelen den Satan besiegen, so schöpfen sie aus ihrem Sieg neue Kräfte, und Satan verliert an Gewalt sowie es geschah, da mein Sohn ihn besiegte und ich ihm infolge davon den Kopf zertrat. Wenn aber diese Schlange sich als Siegerin über die Menschen erblickt, alsdann erhebt sie mit Stolz ihr Haupt, zieht aus der Schwäche ihrer Gegner allen möglichen Vorteil, erhält neuen Mut und gewinnt über sie nur um so größere Herrschaft. So steht es heutzutage mit Luzifer in der Welt und dies aus dem einzigen Grund, weil die Liebhaber der Eitelkeit sich ihm freiwillig unterworfen haben und ihm unter seiner Fahne und um seiner trügerischen Verheißungen willen folgen. Dieser unheilvollen Verblendung ist es zuzuschreiben, dass die Hölle ihren Rachen so weit aufgetan hat. Denn je mehr Seelen der Satan verschlingt, desto unersättlicher wird sein Hunger und desto heftiger seine Gier, das ganze Menschengeschlecht in die Abgründe der Hölle zu begraben.

154. Fürchte also, meine geliebte Tochter, fürchte diese Gefahr in dem Maß, als du sie erkennst, und lebe in beständiger Sorge, den Betrügereien dieses grausamen Feindes keinen Zugang in dein Herz zu geben. Zur Warnung hast du das Beispiel von Ananias und Saphira, in welchen Satan den Hang zum Geld erkannte und sogleich zu einer Bresche ausbildete, um in ihre Seelen einzudringen. Es ist mein Wille, dass du nichts von den Gütern dieses Lebens verlangst. Du musst alle Neigungen und Leidenschaften der schwachen Natur dergestalt in dir zurückdrängen und ausrotten, dass selbst die bösen Geister trotz all ihrer Schlauheit nicht die mindeste ungeordnete Regung von Stolz, Habsucht, Eitelkeit, Zorn oder irgend einer anderen Leidenschaft in dir entdecken. Hierin besteht die Wissenschaft der Heiligen, ohne welche niemand mit Sicherheit im sterblichen Fleisch leben kann. Dass man sie nicht kennt, das ist der Grund, warum zahllose Seelen verloren gehen. Lerne du mit großem Fleiß diese Wissenschaft und lehre sie deine Ordensfrauen, damit eine jede für sich selbst eine unermüdete Schildwache sei. Auf diese Weise werden sie im Frieden, in wahrer, ungeheuchelter Liebe leben. Jede für sich und alle zusammen, geeint in der Ruhe des Heiligen Geistes und gestärkt durch die Übung aller Tugenden, werden sie für ihre Feinde eine uneinnehmbare Festung bilden. Erinnere dich und erinnere auch deine Klosterfrauen an die Bestrafung des Ananias und der Saphira; ermahne sie auch, recht getreu zu sein in Beobachtung ihrer Regeln und Konstitutionen, denn dadurch werden sie sich meines Schutzes und meiner ganz besonderen Fürsprache teilhaftig machen.

ZEHNTES HAUPTSTÜCK: Sorge Mariä für die heiligen Apostel und für die Gläubigen überhaupt

Gnaden, welche die seligste Jungfrau Maria mittelst ihrer Engel den Aposteln zuwendete. Sie rettet eine sterbende Frau vom ewigen Tode. Andere Ereignisse, betreffend einige Personen, welche verloren gingen.

155. In dem Maß, als das neue Gesetz der Gnade sich in Jerusalem ausbreitete, die Zahl der Gläubigen sich täglich mehrte und die Kirche des Evangeliums anwuchs, wuchs auch die Sorge und Wachsamkeit der großen Königin und Meisterin Maria für ihre neuen Kinder, welche die Apostel durch ihre Predigt in Jesus Christus erzeugten. Und da diese Apostel die Grundfesten der Kirche waren, worauf, als auf unerschütterlichen Grundsteinen, die ganze Festigkeit dieses wunderbaren Gebäudes ruhen sollte, so trug die weiseste Jungfrau für das Kollegium dieser zwölf Männer eine ganz besondere Sorge. Diese Sorge wurde um so tätiger, da sie erkannte, wie sehr Luzifer gegen die Anhänger Christi und besonders gegen die heiligen Apostel als die Diener des Heils für die anderen Gläubigen wütete. Es ist unmöglich, hier auf Erden zu sagen, ja nur zu erkennen, welche Dienste, Gnaden und Wohltaten sie dem ganzen Leib der Kirche und jedem einzelnen geistlichen Glied dieses Leibes erwies, namentlich den Aposteln und Jüngern. Nach den Mitteilungen, die ich hierüber erhielt, verging kein Tag, ja keine Stunde, da sie nicht zu deren Gunsten mehr oder weniger Wunder wirkte. Ich werde in diesem Hauptstück einige Ereignisse erzählen, die wegen einzelner Züge der verborgenen Vorsehung Gottes, welche sie enthalten, für uns sehr lehrreich sind. Man kann aus diesen Ereignissen schließen, wie wachsam und eifrig die Liebe war, welche Maria zu den Seelen trug.

156. Was die Apostel betrifft, so trug Maria zu allen eine unbeschreibliche Liebe. Sie diente ihnen mit unglaublicher Zärtlichkeit und Ehrfurcht, denn sie ehrte sie sowohl wegen ihrer hohen Heiligkeit, als wegen ihrer Würde als Priester und wegen ihres Berufes als Grundsteine und Verkünder des Evangeliums. Solange sie beisammen in Jerusalem wohnten, diente sie ihnen, leistete ihnen Beistand und half ihnen, wie ich oben schon gesagt habe, durch Erteilung von Rat und Anleitung. Bei der Zunahme und Ausbreitung der Kirche aber, wurde es für die Apostel bald notwendig, sich von Jerusalem in benachbarte Ortschaften zu begeben, deren Bewohner in großer Zahl sich bekehrt hatten, und die nun in die Geheimnis des Glaubens eingeweiht und getauft werden mussten. Jedoch kehrten sie von diesen Ausflügen schnell zur Stadt zurück, da sie übereingekommen waren, sich nicht voneinander zu trennen, noch auch Jerusalem zu verlassen, bevor sie nicht den Befehl dazu von Gott erhalten hätten. Man ersieht aus der Apostelgeschichte (Apg 9, 38 ff), dass der heilige Petrus nach Lydda und sodann nach Joppe reiste, wo er die Tabita auferweckte und mehrere andere Wunder wirkte, dass er aber dann nach Jerusalem zurückkehrte. Obwohl diese Reisen vom heiligen Lukas erst nach dem Tod des heiligen Stephanus, wovon im folgenden Hauptstück die Rede sein wird, erwähnt werden, so ist es doch gewiss, dass schon früher sich viele Bewohner Palästinas bekehrten und es somit notwendig war, dass die Apostel hingingen, sie zu belehren und im Glauben zu bestärken, worauf sie jedes Mal nach Jerusalem zurückkehrten, um über alles Geschehene ihrer himmlischen Meisterin Bericht zu erstatten.

157. Während aller dieser Reisen und Predigten suchte der gemeinsame Feind des menschlichen Heils die Verkündigung oder doch wenigstens die Frucht des göttlichen Wortes zu hindern, indem er die Ungläubigen zu vielem Widerspruch und Wortstreit gegen die Apostel und ihre Zuhörer und Neugetauften aufhetzte. Unter diesen Verfolgungen erfuhren sie täglich große Beschwerden und Schrecken, denn der höllische Drache glaubte sie fern und verlassen vom Beistand ihrer himmlischen Beschützerin und Meisterin mit mehr Erfolg angreifen zu können. In der Tat war diese große Königin der Engel für die Hölle so furchtbar, dass es Luzifer schien, wenn nur diese fern sei, dann könne er die Apostel trotz ihrer ausgezeichneten Heiligkeit als waffenlose Gegner mit Erfolg versuchen und angreifen. Denn der Stolz und die Wut dieses Drachen sind so beschaffen, dass er, wie Job sagt (Job 41,18 f), das Eisen wie schwaches Stroh, und das Erz wie faules Holz verachtet er fürchtet weder Pfeil noch Schleuder. Allein die seligste Jungfrau Maria fürchtete er so sehr, dass er, um die Apostel anzugreifen, wartete, bis sie von Maria entfernt waren.

158. Allein der Schutz Mariä fehlte ihnen deswegen nicht. Denn die große Königin beobachtete von der Warte ihrer höchsten Weisheit aus alle Orte, wohin die Apostel kamen. Wie eine höchst scharfsichtige Schildwache gewahrte sie alle Fallstricke, welche Luzifer ihnen legte und eilte ihren Kindern, den Dienern des Herrn, zu Hilfe. Wenn sie nicht zu ihnen reden konnte, weil sie abwesend waren, dann sandte sie, sobald sie dieselben in Betrübnis wusste, ihre heiligen Engel aus, damit diese sie trösteten, ermutigten, auf alles gefasst machten und zuweilen auch die Teufel verscheuchten, welche die Apostel verfolgten. Die Himmelsgeister ihrerseits vollführten unverzüglich alles, was ihre Königin ihnen auftrug. Sie taten es bald insgeheim durch innere Einsprechungen und Tröstungen, die sie den Aposteln erteilten. Bald, und dies war das Gewöhnliche, taten sie es in der Weise, dass sie ihnen in körperlicher Gestalt, überaus glänzend und schön, sichtbar erschienen und ihnen alles sagten, was ihnen nützen konnte, und was Maria ihnen kund tun wollte. Dass diese sichtbaren Erscheinungen der Engel so häufig vorkamen, geschah teils wegen der hohen Heiligkeit und Reinheit der Apostel, teils wegen des Bedürfnisses, das sie damals hatten, mit Trost und Kraft in überfließendem Maß versehen zu werden. Wirklich begegnete ihnen auch keine Verlegenheit oder Trübsal, in welcher ihre liebreichste Mutter ihnen nicht auf diese Art geholfen hätte, nicht zu gedenken der beständigen Bitt- und Dankgebete, die sie für sie verrichtete. Sie war mit einem Worte jene starke Frau der Sprichwörter (Spr 31,15 ff), deren Diener mit doppeltem Gewand versehen sind, jene Hausfrau, die allen Hausgenossen die nötige Nahrung verschaffte und mit der Frucht ihrer Hände den Weinberg des Herrn pflanzte.

159. Auch für alle anderen Gläubigen trug Maria verhältnismäßig dieselbe Sorge. Und obwohl sie sehr zahlreich und nicht bloß in Jerusalem wohnhaft, sondern in Palästina zerstreut waren, kannte sie alle und wachte über alle, um sie in ihren Nöten und Bedürfnissen zu unterstützen. Sie beschränkte sich nicht bloß auf Abhilfe bei Seelennöten, sondern sorgte auch für die leiblichen Nöten und heilte viele von den schwersten Krankheiten. Fand sie es nicht für dienlich, diesen oder jenen Kranken auf wunderbare Weise zu heilen, so unterließ sie es doch nicht, ihnen in vielen Stücken persönlich zu dienen. Sie besuchte sie und gab ihnen Geschenke. Waren sie arm, so war sie ganz besonders für sie besorgt. Oft reichte sie ihnen mit eigenen Händen die Nahrung, richtete ihr Bett zurecht und sorgte für die Reinlichkeit, als wäre sie die Dienerin eines jeden und mit den Kranken krank gewesen. Ja die Demut, Liebe und Sorgfalt dieser großen Königin waren so groß, dass es kein Geschäft, keine Arbeit, keine Dienstleistung gab, die sie für die Gläubigen, ihre Kinder, nicht gerne verrichtete. Mochten dieselben auch noch so niedrig und verächtlich sein, sie verrichtete sie so hingebend, dass man hätte glauben können, sie suche darin ihren eigenen Trost. Sie erfüllte aller Herzen mit Freude und wusste ihnen die Leiden durch ihren Trost so zu versüßen, dass sie dieselben leicht fanden. Diejenigen, welche von ihr so weit entfernt waren, dass sie sie nicht besuchen konnte, tröstete sie unsichtbarer weise durch Vermittlung ihrer Engel oder dadurch, dass sie ihnen durch ihre Gebete besondere geistige Hilfe verschaffte.

160. Besonders groß zeigte sich die mütterliche Liebe Mariä den Sterbenden gegenüber. Vielen derselben stand sie in dem letzten Kampf persönlich bei, bis sie ihr ewiges Heil gesichert sah. Für diejenigen, welche zum Fegfeuer verurteilt wurden, verrichtete sie eifrige Gebete und Bußwerke. Sie betete z. B. in Kreuzesform ausgestreckt auf der Erde, machte eine gewisse Anzahl von Kniebeugungen oder nahm andere Übungen vor, wodurch sie für sie Genugtuung leistete. Alsdann sandte sie einige ihrer Engel ins Fegfeuer mit dem Auftrag, jene Seelen, für die sie genuggetan hatte, daraus zu befreien, sie in den Himmel einzuführen und in ihrem Namen ihrem allerheiligsten Sohn als sein Eigentum und als die Frucht seiner Erlösung vorzustellen. Dieses Glück widerfuhr vielen Seelen in jener Zeit, da Maria noch als Erdenpilgerin hienieden lebte. Und ich zweifle nicht, dass sie ein solches Glück auch jetzt noch jenen Seelen verschafft, welche sich bei Lebzeiten in eine solche Verfassung setzen, dass sie auf dem Todbett der Gnade ihrer Gegenwart würdig sind, wie ich bereits an einer anderen Stelle gesagt habe (Teil 2. Nr. 929). Indes müsste ich diese Geschichte allzuweit ausdehnen, wenn ich alle Guttaten erzählen wollte, welche Maria den zahlreichen Sterbenden, denen sie im Todeskampf beistand, erwiesen hat. Ich kann mich aber nicht enthalten, in dieser Beziehung wenigstens einen Vorfall zu erzählen. Er betrifft eine Jungfrau, welche von Maria aus den Klauen des höllischen Drachen errettet wurde. Dieser Vorfall ist so außerordentlich und allgemein beherzigenswert, dass es unrecht wäre, denselben in dieser Geschichte zu übergehen und unserer Aufmerksamkeit zu entziehen.

161. Es lebte zu Jerusalem eine Tochter geringer und unbemittelter Eltern. Sie gehörte zur Zahl der fünftausend Menschen, welche sich zuerst bekehrten und die heilige Taufe empfingen. Während diese arme Person den Geschäften ihres Hauses oblag, erkrankte sie an einem Übel, das sich lange Zeit hinzog, ohne dass man eine Besserung bemerkte. Auf diese Weise erkaltete sie, wie es auch anderen Seelen zu ergehen pflegt, in ihrem ersten Eifer und wurde nachlässig, so dass sie einige Fehler beging, durch welche sie die Taufgnade verlieren konnte. Luzifer, der keine Gelegenheit vorbeigehen ließ, die eine oder andere dieser Seelen zu verschlingen, beeilte sich, diese mit größter Heftigkeit anzufallen. Der Herr aber ließ dies zu seiner größeren Ehre und zur Ehre seiner heiligsten Mutter zu. So erschien der Teufel dieser Tochter, und zwar um sie desto leichter zu betrügen, unter der Gestalt einer anderen Frauensperson, und riet ihr unter dem Schein des Wohlwollens, sich sorgfältig vor jenen Leuten zu hüten, weIche den Gekreuzigten predigten, und ihren Worten keinen Glauben zu schenken, da ihre ganze Lehre Betrug sei. Folge sie diesem Rat nicht, so würden die Priester und Richter sie so gewiss bestrafen, als sie den Urheber dieses neuen und falschen Gesetzes, der es gelehrt, ans Kreuz geschlagen hätten. Überdies werde sie durch die Befolgung seines Rates auch sogleich die Gesundheit wieder erlangen und fortan zufrieden und sicher leben. Die Frauensperson antwortete: «Ich werde tun, was du mir sagst; allein wie soll ich es mit jener Frau halten, die ich bei diesen Männern und Frauen gesehen habe, und die mir so lieb und gut erscheint, dass ich mich nicht enthalten kann, sie zu lieben?» Der Teufel erwiderte: «Diese, von welcher du da sprichst, ist schlimmer als alle anderen. Sie ist die erste, welche du hassen und fliehen musst, um nicht von ihr betört zu werden, und glaube mir, dies ist für dich das allerwichtigste.»

162. So wurde die Seele dieser einfältigen Taube von der alten Schlange auf den Tod vergiftet, und weit entfernt, die Gesundheit des Körpers wieder zu erlangen, wurde sie von Tag zu Tag kränker und nahte mehr und mehr dem natürlichen und zugleich dem ewigen Tod. Nun wurde einer der zweiundsiebzig Jünger, welcher die Gläubigen besuchte, von der schweren Krankheit jener Person benachrichtigt, da eine ihrer Nachbarinnen dem Jünger sagte, es befinde sich eine Person von seiner Sekte in jenem Haus dem Tode nahe. Der Jünger trat ein, um sie zu besuchen, mit heiligem Zuspruch zu ermuntern und sich zu erkundigen, was ihr fehle. Allein die Kranke war vom Teufel derartig eingeschüchtert, dass sie ihn weder anhörte, noch zu ihm redete, obwohl er ihr ziemlich lange zuredete und sie ermahnte. Sie wendete sich von ihm ab und bedeckte ihr Haupt, um ihn nicht zu hören. Aus diesem Zeichen erkannte der Jünger die Gefahr des Untergangs, worin die Kranke schwebte, obwohl er deren Ursprung nicht erkannte. Er ging eilends, den heiligen Apostel Johannes davon zu benachrichtigen. Dieser eilte, ohne einen Augenblick zu zögern, zu der Kranken, machte ihr die lebhaftesten Vorstellungen mit so heiligen Worten, dass sie für die Unglückliche Worte des ewigen Lebens geworden wären, wenn sie dieselben angenommen hätte. Allein es erging ihm wie dem Jünger, sie widerstrebte beiden mit gleicher Hartnäckigkeit. Der Apostel sah, dass mehrere Legionen böser Geister die Kranke umringt hatten, die sich zwar bei seinem Eintritt zurückzogen, aber fortwährend verzweifelte Anstrengungen machten, um in der Unglücklichen den Irrtum zu erhalten, womit sie erfüllt worden war.

163. Da der Apostel ihre Hartnäckigkeit sah, ging er betrübten Herzens zu Maria, um ihr Nachricht zu geben und sie um Hilfe zu bitten. Unverzüglich wandte diese große Königin ihren inneren Blick nach der Kranken hin. Sie erkannte den unglücklichen und gefährlichen Zustand, in welchen der höllische Feind sie versetzt hatte. Die mitleidsvolle Mutter betrübte sich über das arme, durch den höllischen Wolf irregeführte Schäflein, warf sich betend zur Erde nieder und flehte mit heißer Inbrunst um die Bekehrung der beklagenswerten Person. Der Herr gab diesmal auf die Bitte seiner heiligsten Mutter keine Antwort, nicht als wäre sie ihm nicht angenehm gewesen. Im Gegenteil, er wollte damals sich gewissermaßen taub stellen, um sie zu nötigen, ihre Bitten zu verdoppeln, deren Stimme er so gerne hörte, und um zu gleicher Zeit uns zu lehren, wie groß die Liebe und die Klugheit dieser großen Meisterin und Mutter in jenen Gelegenheiten waren, wo diese erfordert wurden. So ließ der Herr sie dieses Mal in dem gewöhnlichen Zustand, worin sie sich eben befand, und gab ihr kein neues Licht über den Gegenstand ihrer Bitten. Allein sie fuhr nichtsdestoweniger im Beten fort, ohne ihre brennende Liebe im mindesten erkalten zu lassen. Denn sie wusste, dass, wenn auch der Herr ihr nicht gleich antworte, sie darum doch nicht ermangeln dürfe, ihr Amt als Mutter zu üben, solange der Wille Gottes ihr nicht ausdrücklich bekannt geworden sei. Unter solcher kluger Berücksichtigung der gegebenen Umstände ordnete sie ohne Zögern einen ihrer heiligen Engel ab, um dieser Seele zu Hilfe zu kommen, sie gegen die Teufel zu beschützen und sie durch heilige Einsprechungen zu bewegen, dass sie ihr Ohr gegen die Lügengeister verschließe und sich zu Gott bekehre. Der Engel vollführte seine Sendung mit jener Schnelligkeit, welche die himmlischen Boten in Erfüllung des göttlichen Willens zu zeigen gewohnt sind. Allein auch ihm war es nicht möglich, die Kranke von ihrer Halsstarrigkeit zurückzubringen, obwohl er alle erdenklichen Mittel anwandte, welche ihm als Engel zu Gebote standen. In einen solchen Zustand kann eine Seele versinken, wenn sie dem bösen Geist Raum gibt.

164. So kehrte denn der heilige Engel zu seiner Königin zurück und sprach zu ihr: «Meine Herrin, ich habe jener in Gefahr der Verdammnis schwebenden Person meine Hilfe angeboten, wie du als Mutter der Barmherzigkeit mir es befohlen hast. Aber ihre Verhärtung ist so groß, dass sie meine Einsprechungen von sich gestoßen und nicht beachtet hat. Ich habe gegen die Teufel gestritten, um die Sterbende zu beschützen. Allein sie widerstehen hartnäckig und beharren auf ihren Ansprüchen, sich darauf stützend, dass diese Person aus freier Wahl sich ihnen ergeben hat und ihnen ergeben bleibt. Die Gerechtigkeit Gottes erlaubte seiner Macht nicht, mich zu unterstützen, wie ich es in meinem Verlangen, dir zu dienen, gewünscht hätte, und so bin ich außerstande, dir den Trost zu bringen, den du wünschest.» Die mitleidsvolle Mutter war über diese Antwort tief betrübt. Jedoch als die Mutter der Liebe, der Erkenntnis und der heiligen Hoffnung (Sir 24, 24) konnte sie nicht verlieren, was sie uns verdient und gelehrt hat. Sie begann aufs neue für die betrogene Seele um Hilfe zu flehen und sprach, sich zur Erde niederwerfend, also: «O mein Gott, du Gott der Erbarmungen, siehe hier mich armen Erdenwurm ! Züchtige mich, strafe mich, nur lass mich nicht sehen, dass diese Seele, die unter den ersten durch dein Blut bezeichnet, jetzt aber von der Schlange betrogen ist, eine Beute des Satans und ein Opfer der Bosheit und des Hasses werde, den er gegen deine Gläubigen trägt.»

165. Die allerseligste Jungfrau fuhr eine Zeitlang fort so zu beten. Der Herr aber, welcher die Unüberwindlichkeit ihres Herzens und ihrer Liebe zum Nächsten prüfen wollte, antwortete ihr noch immer nicht. Da erwog die weiseste Jungfrau, was dem Propheten Elisäus widerfuhr, als er den Sohn seiner Gastfreundin zum Leben auferwecken wollte. Es genügte hierzu nicht der Stab des Propheten, womit Giezi, der Schüler des Elisäus, den Toten berührte, sondern es war notwendig, dass der Prophet sich in Person zur Stelle begab, den Kranken berührte und sich über ihn ausstreckte, bis er ins Leben zurückkehrte. Der Engel und der Apostel waren nicht mächtig genug gewesen, um dieses unglückliche Mädchen aus dem Tod der Sünde und dem Zauber des Satans zu erwecken. Da entschloss sich unsere große Herrin, selbst hinzugehen und in Person zu helfen. Sie trug ihre Absicht dem Herrn in dem Gebet vor, das sie für die Unglückliche verrichtete. Da sie aber auch jetzt noch keinen Bescheid erhielt, wegen der Dringlichkeit des Falles aber sicher glaubte, auf seine Zustimmung rechnen zu können, so verließ sie ihr Gemach und machte sich mit dem heiligen Johannes auf den Weg nach dem ziemlich weit entfernten Haus der Kranken. Jedoch schon nach wenigen Schritten hielten Engel sie an, die der Herr, ohne Maria etwas davon zu sagen, beauftragt hatte, sie zu tragen und zu begleiten. Maria fragte nach der Ursache der Hemmung. «Wir können nicht zugeben», antworteten die Engel, «dass du durch die Straßen der Stadt gehest, da wir dich geziemender tragen können.» Sie setzten sie dann auf einen Thron, der eine glänzende Wolke bildete, erhoben sie und trugen sie in das Haus der Kranken. Diese, weil arm und zudem schon sprachlos, war von jedermann verlassen, außer von den Teufeln, die sie rings umgaben und schon darauf warteten, ihre Seele mit sich nehmen zu können.

166. In demselben Augenblick, als die Königin der Engel ankam, flohen die bösen Geister in Blitzesschnelle fortstürzend unter entsetzlichem Geheul davon. Die mächtige Himmelskönigin gab ihnen den strengsten Befehl, in den Abgrund der Hölle hinabzufahren und dort zu bleiben, bis sie ihnen erlaube, denselben wieder zu verlassen. Die Teufel taten so, denn sie konnten nicht widerstehen. Nun ging die mitleidsvoIle Mutter zu der Kranken, rief sie bei ihrem Namen, nahm sie bei der Hand, und sprach zu ihr mit so süßen, Vertrauen erweckenden Worten, dass die Kranke anfing, wieder aufzuatmen. Sie erhielt den Gebrauch ihrer Sinne wieder und fühlte sich überhaupt so ganz umgewandelt, dass sie der seligsten Jungfrau mit den Worten antwortete: «Gute Herrin, eine Frau, die mich besuchte, hat mir gesagt, ich sei von den Jüngern Jesu hintergangen worden. Ich solle mich so schnell als möglich von ihnen und von dir lossagen, denn es würde mir sehr schlimm gehen, wenn ich das Gesetz annähme, das die Jünger lehrten.» «Meine Tochter», erwiderte die Himmelskönigin, «die, welche dir eine Frau zu sein schien, war der Teufel, dein Feind. Ich komme zu dir im Auftrag des höchsten Gottes, der dir das ewige Leben geben will. Kehre zu seinem wahren Glauben zurück, den du jüngst so willig angenommen hast. Bekenne Jesus Christus von ganzem Herzen als den wahren Gott und Erlöser, der zu deinem und der ganzen Welt Heil am Kreuz gestorben ist. Bete ihn an, rufe zu ihm und bitte ihn um Verzeihung deiner Sünden.»

167. «Alles dieses habe ich früher geglaubt», antwortete die Kranke. «Allein man sagte mir, dieser Glaube sei sehr verkehrt, und man werde mich strafen, wenn ich bei ihm beharre.» Die göttliche Mutter erwiderte: «Meine Freundin, fürchte nicht diese treulose Drohung. Bedenke vielmehr, dass die Strafen und Peinen, welche du zu fürchten hast, diejenigen der Hölle sind, wohin die Teufel dich führen wollten. Wisse, dass du nahe am Sterben bist. Du kannst noch das Heil erlangen, ich biete es dir an, aber du musst mir glauben. Und so wirst du dem ewigen Feuer entgehen, dem du durch deinen Irrwahn schon ganz nahe bist.» Durch diese Ermahnung und die Gnade, welche Maria der Kranken erflehte, wurde sie zu vielen Tränen und lebhafter Zerknirschung bewegt. Sie bat Maria um Beistand in ihrer Gefahr und versprach, alles zu tun, was sie ihr vorschreiben würde. Sofort half ihr die große Königin auf neue das Bekenntnis des Glaubens an Jesus Christus abzulegen und einen Akt der vollkommenen Reue zum Zweck des Sündenbekenntnisses zu erwecken. Alsdann bereitete sie die Kranke zum Empfang der heiligen Sakramente vor und ließ die Apostel rufen, damit sie ihr sie erteilten. Dann verschied die hochbeglückte Tochter in den Armen ihrer himmlischen Retterin unter steter Wiederholung von Akten der Reue und der Liebe, und von Anrufungen Jesu und Mariä, seiner Mutter, die sich ihrer so liebevoll angenommen hatte. In der Tat hatte Maria nicht weniger als zwei volle Stunden bei ihr zugebracht, um zu verhüten, dass der Satan sie wieder betrüge. Und ihr Beistand war so mächtig, dass sie die Verirrte nicht bloß auf den Weg des ewigen Lebens zurückführte, sondern ihr auch überfließende Gnaden erflehte, mittelst deren sie von Schuld und Strafe gereinigt, diese Welt verließ. Darauf sandte Maria, um diese Seele in den Himmel zu begleiten, einige von jenen zwölf Engeln, welche, wie schon erwähnt wurde, das Zeichen oder die Devise der Erlösung auf ihrer Brust und in den Händen Palmen und Kronen tragen, womit sie die frommen Diener ihrer großen Königin ermutigen und anfeuern. Ich habe von diesen Engeln im ersten Teile (Hauptst. 14. Nr. 201 und Hauptst. 18. Nr. 272) schon geredet und es ist nicht notwendig, das Gesagte zu wiederholen. Ich bemerke nur, dass Maria diese heiligen Engel, welche sie mit verschiedenen Aufträgen aussendete, jedes mal in Gemäßheit der Gnaden auswählte, welche sie zum Wohle der Menschen empfangen haben.

168. Nachdem diese Seele gerettet war, brachten die übrigen Engel ihre himmlische Königin in derselben Wolke, worin sie Maria abgeholt hatten, in ihr Oratorium zurück. Dort angekommen, verdemütigte sich Maria sogleich, betete Gott den Herrn zur Erde niedergeworfen an, dankte ihm für das Glück, diese Seele aus dem Rachen des Höllendrachen gerettet zu haben und stimmte dem Allerhöchsten dafür ein Loblied an. Die unermessliche Weisheit Gottes hatte dieses Wunder zu dem Zweck angeordnet, damit die Engel und Heiligen im Himmel, die Apostel und auch die Dämonen erkennen sollten, wie unvergleichlich groß die Macht der seligsten Jungfrau Maria sei, dass deren Bitten allein, als der Beherrscherin aller, mehr vermöchten als die Bitten aller anderen zusammengenommen, und dass ihr keine Bitte abgeschlagen werde zugunsten derer, die sie lieben, ihr dienen und sie anrufen. Denn dass dieses glückliche Mädchen zur rechten Zeit Hilfe erlangte, das hatte sie einzig und allein der Liebe zu verdanken, welche sie zur Himmelskönigin trug. Gott wollte, dass die Teufel durch diesen Vorfall niedergedrückt, beschämt und aller Hoffnung beraubt würden, jemals etwas zu vermögen gegen das, was Maria zugunsten ihrer Diener wirken will und wirken kann. Andere Lehren, welche aus diesem Beispiel gezogen werden können, überlasse ich der Aufmerksamkeit und der Einsicht der gläubigen Leser.

169. Nicht so glücklich waren zwei andere Neubekehrte, welche sich der wirksamen Fürbitte U.L. Frau leider unwürdig gemacht hatten. Da dieser Vorfall gleich dem von Ananias und Saphira zum warnenden Beispiel dienen kann, um die Arglist des Teufels in Versuchung und Verlockung der Menschen zu erkennen, so werde ich denselben, so wie ich ihn gehört, erzählen und dabei zeigen, wie sehr wir Ursache haben, mit David die gerechten Gerichte des Herrn zu fürchten (Ps 119,120). Nach dem erwähnten großen Wunder erhielt der Teufel wiederum Erlaubnis, mit den Seinigen zur Welt zurückzukehren und die Gläubigen zu versuchen, denn zur Krönung der Gerechten und Auserwählten musste es so sein. Mit gesteigerter Wut gegen sie stieg er aus der Hölle empor und begann auszukundschaften, auf welcher Seite sich eine Pforte zum Angriff öffne. Er begann damit, die bösen Neigungen eines jeden auszuspähen, wie er auch jetzt tut, indem er sich auf seine vieljährige Erfahrung verlässt, wonach wir unbedachtsamen Adamskinder gewöhnlich mehr unseren Neigungen und Leidenschaften, als der Vernunft und der Tugend folgen. Und da die große Menge nicht in allen denjenigen, aus denen sie gebildet wird, vollkommen sein kann und die Kirche alle Tage zahlreicher wurde, so gab es natürlich viele, in denen der Eifer der Liebe erkaltete, und fand der Teufel ein immer größeres Feld, um Unkraut darauf zu säen. Insbesondere bemerkte er unter den Gläubigen zwei Männer, welche vor ihrer Bekehrung verschiedenen bösen Neigungen und Gewohnheiten ergeben gewesen waren, und auch jetzt noch in der Hoffnung auf zeitliche Ehren und Vorteile der Gunst einiger vornehmen Juden und ihren früheren engen Verbindungen mit denselben nicht entsagen wollten. Getrieben von dieser Begierlichkeit, welche stets die Wurzel aller Übel war, wollten sie auf beiden Achseln Wasser tragen und machten die Schmeichler jener einflussreichen Juden, an deren Gunst ihnen alles gelegen war.

170. Bei dieser herrschenden Leidenschaft und den vielen Untreuen, die sie erzeugte, sprach der Satan bei sich selbst, können jene Männer nicht anders als sehr schwach im Glauben sein und sind durch die vornehmen Juden, an welchen sie so sklavisch hängen, gar leicht zum Abfall zu bringen. Seine Gedanken unverzüglich ins Werk setzend, erreichte er nur zu gut seine Absicht. Er erfüllte nämlich die ungläubigen Herzen der genannten Juden - es waren aber Priester - mit seinen Einflüsterungen, dass sie den bei den Neubekehrten mit Vorwürfen und Drohungen wegen der Annahme des christlichen Glaubens und des Empfanges der Taufe zusetzen sollten. Diese taten es, vom Teufel unterstützt, mit großer Härte und Autorität. Wirkt nun der Zorn der Mächtigen auf die in der Regel schüchternen Leute geringen Standes immer niederschlagend, so trat diese Wirkung bei diesen zwei Neubekehrten wegen ihrer Anhänglichkeit an zeitliche Vorteile um so leichter ein, und in dieser niederträchtigen Feigheit entschlossen sie sich, lieber vom Glauben an Jesus Christus abzufallen, als sich die Ungnade dieser mächtigen Juden zuzuziehen, in welche sie ein unseliges und falsches Vertrauen setzten. Sie zogen sich also von der Gemeinschaft der anderen Gläubigen gänzlich zurück, flohen absichtlich die Anhörung der Predigt und die anderen Übungen der Christen und machten so selbst ihren Fall und ihren Untergang bekannt.

171. Die Betrübnis der Apostel war groß, teils wegen des Unterganges dieser Gläubigen, teils wegen des Ärgernisses, welches die übrigen von einem so verderblichen Beispiel besonders im Anfang der Kirche nehmen konnten. Sie berieten unter sich, ob sie die Sache der seligsten Jungfrau anzeigen oder nicht vielmehr verschweigen sollten, so sehr fürchteten sie die Betrübnis und den Schmerz, den diese Nachricht ihr bereiten musste. Allein der heilige Apostel Johannes erinnerte sie daran, dass Maria alles wisse, was in der Kirche vorgehe, dass mithin auch dieses Ereignis ihrer wachsamen Aufmerksamkeit und ihrer Liebe nicht verborgen bleiben könne. Und nun waren alle eins, ihr von dem Vorgefallenen Nachricht zu geben, nachdem sie zuvor, leider ohne Erfolg, versucht hatten, die beiden Abtrünnigen zum wahren Glauben, den sie verlassen und verleugnet hatten, zurückzuführen. Die mitleids- und weisheitsvolle Mutter verhehlte ihren tiefen Schmerz nicht. Wie hätte sie dies auch vermocht, da es sich um den Untergang zweier Seelen handelte, welche der heiligen Kirche schon beigesellt waren ! Zudem sollten die Apostel aus dem Schmerz dieser großen Königin erkennen, wie hoch sie die Kinder der Kirche schätzen und mit welch brennendem Eifer sie streben sollten, dieselben beim Glauben zu erhalten und sie auf den Weg des Heils zu führen. Darum zog Maria sich auch sofort in ihr Betkämmerchen zurück, warf sich, wie sie dies zu tun pflegte, auf ihr Angesicht zur Erde nieder und verrichtete für die beiden Abtrünnigen ein Gebet voll der tiefsten Andacht unter Vergießen reichlicher blutiger Tränen.

172. Der Allerhöchste antwortete ihr sofort, und um ihren Schmerz durch einen Einblick in seine verborgenen Gerichte einigermaßen zu lindern, eröffnete er ihr folgendes: «Meine Braut, die ich mir aus allen Kreaturen erwählt habe, ich will, dass du meine gerechten Gerichte über diese zwei Seelen, für welche du mich bittest, sowie auch über andere, welche noch mit der Zeit in die Kirche eingehen werden, erkennst. Diese beiden, welche meinem wahren Glauben entsagt haben, würden, wenn sie mit den übrigen Gläubigen in Verkehr und Gemeinschaft geblieben wären, mehr Schaden als Nutzen unter ihnen angerichtet haben. Sie sind Menschen von sehr verdorbenen Sitten und verkehren sich durch ihre bösen Neigungen nur immer mehr, so dass ich sie vermöge meiner Allwissenheit als Verworfene erkenne. Daher habe ich denn auch mit Recht zugelassen, dass sie sich von der Herde der Gläubigen verirrten, und habe sie von dem geheimnisvollen Leibe meiner Kirche abgeschnitten, damit sie nicht andere anstecken und ihnen ihre Bosheit mitteilen. Es ist notwendig, meine geliebte Braut, und es liegt in der Weisheit meiner Vorsehung, dass nicht bloß Auserwählte, sondern auch Verworfene in meine Kirche eintreten. Die letzteren gehen durch ihre Schuld zugrunde, die ersteren aber werden sich durch meine Gnade und ihre guten Werke retten. Meine Lehre und mein Evangelium sind einem Netz ähnlich, welches Fische aller Art aufnimmt. d.h. Gute und Böse, Weise und Toren. Der Feind muss unter den reinen Weizen der Wahrheit sein Unkraut säen, damit die Gerechten noch gerechter, und die Unreinen, wenn sie es denn in ihrer Bosheit nicht anders wollen, noch unreiner werden (Offb 22,11).»

173. Dies war die Antwort des Herrn auf das Gebet Mariä bei diesem Anlass. Er verlieh ihr aufs neue Anteil an seinem göttlichen Wissen, wodurch ihr Herz sich tröstete und erweiterte, da sie erkannte, wie angemessen der Allerhöchste handelt, wenn er diejenigen verdammt, die sich durch ihre eigene Bosheit verdammenswürdig und der göttlichen Freundschaft und Glorie unwürdig gemacht haben. Allein da die göttliche Mutter in ihrer alles überragenden Weisheit, Wissenschaft und Liebe stets alles mit dem Gewicht des Heiligtums wog, so erkannte und würdigte sie allein unter allen Geschöpfen nach Gebühr, was es sagen will: eine Seele soll ewig Gott verlieren und zu ewigen Qualen in Gesellschaft der bösen Geister verurteilt werden. Dieser Erkenntnis entsprach auch der Schmerz, den sie hierbei empfand. Wir wissen, dass die Engel und Heiligen des Himmels, welche dieses Geheimnis in Gott erkennen, darüber zwar nicht Schmerz oder Leid empfinden, weil dieses mit ihrem höchst glückseligen Stand sich nicht vereinigen lässt. Könnten sie jedoch in der Glorie, die sie genießen, Schmerz empfinden, so würde ihr Schmerz über die Verdammnis einer Seele der Erkenntnis gleichkommen, welche sie vom Unglück des Verdammtseins haben, denn sie lieben ja die Seelen mit vollkommener Liebe und wünschen alle bei sich in der Glorie zu haben.

174. Diesen furchtbaren Schmerz, den die Seligen des Himmels ob der Verdammnis der Menschen nicht empfinden können, empfand U.L. Frau wirklich und in einem Maß, wie jene es nie gekonnt hätten. Der Schmerz der himmlischen Herrin war in demselben Maß größer, als ihre Weisheit und Liebe die der Seligen übertraf. Sie fühlte diesen Schmerz, weil sie noch Erdenpilgerin war. Die Ursache des Schmerzes aber erkannte sie, weil sie die Wissenschaft einer Himmelsbewohnerin hatte. In der beseligenden Anschauung hatte sie ja die Wesenheit Gottes geschaut. Sie hatte gesehen sein Verlangen nach dem Heil der Menschen, das ihm vermöge seiner unendlichen Güte innewohnt und folglich auch den Schmerz, den der Untergang der Menschen ihm verursachen müsste, wenn er des Schmerzes fähig wäre. Sie erkannte ferner die Hässlichkeit der Teufel, den Zorn, den sie gegen die Menschen tragen, die Natur der Höllenpeinen, die ganze Qual der immerwährenden Gesellschaft so vieler bösen Geister und verdammten Menschen, und so vieles andere, was ich nicht zu beschreiben imstande bin. Welchen Schmerz, welches Weh, welches Mitleid musste alles dieses in einem so reinen, so liebenden und so zärtlichen Herzen erwecken, wie das Herz unserer gütigsten Mutter war, welches wusste, dass diese zwei Seelen und mit ihnen unzählige andere in der heiligen Kirche sich ewig unglückselig machen würden? Maria betrübte sich über dieses Unglück so sehr, dass sie oft und oft die Worte wiederholte: «Ist es möglich, dass eine Seele mit freiem Willen erwähle, des Anblickes Gottes auf ewig beraubt und im ewigen Feuer durch den Anblick so vieler Teufel gequält zu werden?»

175. Unterdessen behielt die weiseste Jungfrau das Geheimnis der Verwerfung jener zwei Abtrünnigen für sich und teilte es selbst den Aposteln nicht mit. Während sie so in tiefster Trauer in ihrem einsamen Betkämmerchen weilte, trat der heilige Evangelist Johannes bei ihr ein, um zu fragen, ob sie ihm nicht etwas aufzutragen habe, oder womit er ihr dienen könne. Beim Anblick ihrer Betrübnis und ihres Schmerzes wurde er betroffen, und nachdem er sie gebeten, sie anreden zu dürfen, sprach er zu ihr: «Meine Gebieterin, Mutter meines Herrn Jesus Christus, seit der Herr gestorben ist, habe ich dein Antlitz nie so wie gegenwärtig von Schmerz überzogen und deine Augen vom Blut tränend und überströmend gesehen. Sage mir, o Herrin, wenn es möglich ist, den Grund deines Kummers, denn wenn es in meinem Vermögen ist, ihn zu stillen, so werde ich es gerne tun, selbst um den Preis meines Lebens.» U.L. Frau antwortete: «Mein Sohn, dass ich jetzt weine, geschieht eben wegen der nämlichen Ursache, von der du sprichst !» Johannes fasste ihre Worte so auf, als habe das Andenken an das Leiden Christi allein in der liebenden Mutter einen so heftigen Schmerz erneuert und in dieser Auffassung antwortete er: «Wenn dem so ist, meine Herrin, so kannst du deine Tränen trocknen. Dein Sohn, unser Erlöser, ist ja nunmehr glorreich im Himmel und triumphiert zur Rechten seines ewigen Vaters. Wenn es allerdings gerecht ist, dass wir nie vergessen, was er für die Menschen gelitten, so ist es andererseits auch angemessen, uns der vielen Güter zu erfreuen, die aus seinem heiligsten Leiden und Sterben hervorgegangen sind.»

176. «Wenn ich sehe», erwiderte die seligste Jungfrau, «dass nach dem Tod meines Sohnes einige ihn wieder beleidigen, ihn verleugnen, die unschätzbare Frucht seines Blutes vereiteln und ihn aufs neue kreuzigen, so muss ich angemessener weise weinen. Ich kenne ja seine glühende Liebe zu den Menschen und weiß, dass er bereit wäre, nötigenfalls für das Heil eines jeden einzelnen alles zu leiden, was er für alle insgesamt gelitten hat. Nun sehe ich aber, dass man seine unendliche Liebe so schlecht vergilt, ich sehe den ewigen Untergang so vieler, die ihn erkennen und lieben sollten. Daher ist es mir unmöglich, meinen Schmerz zu mäßigen, und ich wäre nicht imstande, länger zu leben, wenn nicht derjenige, der mir das Leben gegeben hat, es mir auch erhielte. O ihr Kinder Adams, geschaffen nach dem Ebenbild meines Sohnes und Herrn, was denkt ihr doch und wo habt ihr euer Urteil und euere Vernunft, dass ihr das Unglück, eueren Gott auf ewig zu verlieren, so wenig, ja gar nicht empfindet?» «Meine Mutter und Herrin,» antwortete der heilige Johannes, «wenn jene zwei Abtrünnigen die Ursache deines Schmerzes sind, so weißt du ja auch, dass unter so vielen Söhnen es allerdings auch untreue Knechte geben muss, ist ja doch auch unter uns Aposteln und in der Schule Jesu Christi selbst Judas zu einem Verräter geworden !» «O Johannes», unterbrach ihn die Himmelskönigin, «wenn Gott den positiven Willen hätte, dass einzelne verloren gehen, so möchte das meinen Schmerz wohl einigermaßen lindern. Allein davon ist er weit entfernt. Er lässt den Untergang der Verworfenen zu, weil sie sich eben freiwillig zugrunde richten. Allein glaube doch ja nicht, als ob die göttliche Güte dieses positiv und direkt wolle. Sie will vielmehr das Heil aller, und zwar mit einem wirksamen Willen, vorausgesetzt, dass sie ihm nicht mit ihrem freien Willen widerstreben. Es hat meinen allerheiligsten Sohn blutigen Schweiß gekostet, dass nicht alle zu den Auserwählten gehören und wirklich die Frucht des Blutes ernten, welches er für sie vergoss. Wenn er jetzt im Himmel eines Schmerzes fähig wäre, so würde sein Schmerz über eine jede verloren gegangene Seele größer sein als all derjenige, den er bei seiner Passion für ihr Heil gelitten hat. Da ich nun diese Wahrheit erkenne, ich, die ich noch im leidensfähigen Fleisch lebe, so muss ich angemessener weise mich betrüben, dass mein Sohn nicht erlangt, was er mit solcher Inbrunst wünscht.» Durch diese und ähnliche Worte, welche die Mutter der Barmherzigkeit ihm vorhielt, wurde Johannes zu Tränen gerührt, so dass er lange Zeit mit Maria weinte und wehklagte.

LEHRE, welche mir die heiligste Himmelskönigin Maria gegeben hat

177. Meine Tochter, da du in diesem Hauptstück mehrere Einzelheiten über den bitteren Schmerz vernommen hast, mit welchem ich den Seelenverlust anderer beweinte, so siehst du aufs neue, was du für dein ewiges Seelenheil und für das Seelenheil deiner Mitmenschen tun sollst um mich in jener Vollkommenheit nachzuahmen, welche ich von dir verlange. Ich würde mich keines Leidens, selbst des Sterbens nicht geweigert haben, wenn es notwendig gewesen wäre, um den Untergang auch nur einer einzigen Seele zu verhindern. Ja es würde für meine brennende Liebe eine wahre Linderung gewesen sein, für einen so heiligen Zweck zu leiden oder zu sterben. Ist nun bei dir dieser Schmerz nicht stark genug, um dir den Tod zu geben, so musst du wenigstens bereit sein, zu diesem Zweck alles zu leiden, was der Herr dir auferlegen wird. Auch sollst du nicht unterlassen, aus allen deinen Kräften zu beten und dich zu bemühen, um deine Brüder womöglich auch vor der kleinsten Sünde zu bewahren. Wenn du dieses Ziel nicht sogleich erreichst und es dir scheint, als ob der Herr dich nicht erhöre, so sollst du darum das Vertrauen nicht verlieren, sondern es nur noch mehr beleben und im vertrauensvollen Gebete ausharren. Ein so eifriges Bemühen kann Gott niemals missfällig sein. Er verlangt ja weit mehr als du die Rettung aller seiner Erlösten. Solltest du nach allen deinen Anstrengungen nicht erhört werden, so wende die Mittel an, welche Klugheit und Liebe dir gebieten, und erneuere dein Gebet mit um so größerer Inbrunst. Denn die Liebe für den Nächsten und der Eifer für Verhinderung der Sünde, die Gott so sehr beleidigt, gefallen ihm unter allen Umständen. «Er will nicht den Tod des Sünders (Ez 33,11)», und weit entfernt, den direkten und vorgefassten Willen zu haben, dass einige seiner Geschöpfe zugrunde gehen, will er vielmehr, wie du soeben geschrieben hast, alle retten, wenn nur sie selbst sich nicht zugrunde richten. Und obwohl seine Gerechtigkeit ihn zwingt, dies letztere wegen der Freiheit des menschlichen Willens zuzulassen, so lässt er dasselbe gegen seine Neigung zu. Daher sollst du auch bei solchen Gebeten nicht engherzig und zurückhaltend sein. Jene Bitten aber, welche zeitliche Güter zum Gegenstand haben, stelle dem Herrn einfach vor und bitte ihn, er möge tun, was seinem heiligen Willen angemessen ist.

178. Wenn ich verlange, dass du für das Heil deiner Brüder mit solchem Liebeseifer wirkst, so urteile selbst, was du für deine eigene Seele tun und wie wert du sie halten sollst, da ja ein unendlicher Preis für sie bezahlt wurde. Höre daher die Mahnung, die ich dir als Mutter erteile: Wollen Versuchungen und Leidenschaften dich zu einem Fehler verleiten, wie gering er auch sei, so erinnere dich an die Tränen, mit welchen ich die Sünden der Menschen sah und sie zu verhindern verlangte. Gib nicht auch du mir zu solchen Tränen Anlass. Denn, meine vielgeliebte Tochter, wenn ich jetzt auch diesen Schmerz nicht mehr fühlen kann, so würdest du mich wenigstens einer außerordentlichen Freude berauben, derjenigen nämlich, dich in meiner Schule vollkommen werden zu sehen, nachdem ich mich gewürdigt habe, deine Mutter und Meisterin zu sein, um dich als Tochter und Schülerin zu leiten. Würdest du hierin ungetreu sein, so würdest du einen meiner süßesten Herzenswünsche vereiteln. Ich wünsche nämlich sehnlich, dass du in allen deinen Werken meinem Sohn wohlgefällig seist und dass du ihn nicht hinderst, seinen heiligsten Willen an dir vollkommen zu verwirklichen. Erwäge bei dem eingegossenen Licht, das du empfangen hast, wie groß deine Sünden wären, wenn du solche begehen würdest, nachdem du von dem Herrn und von mir mit so vielen Wohltaten überhäuft und so vielfältig verpflichtet worden bist. An Gefahren und Versuchungen wird es dir in der Zeit, die dir zu leben noch erübrigt, nicht fehlen. Erinnere dich nur immer meiner Lehren, meiner Schmerzen, meiner Tränen, und sei besonders eingedenk, was du meinem allerheiligsten Sohn schuldest. Er ist mit seinen Wohltaten und mit der Zuwendung der Früchte seines Blutes deshalb so freigebig gegen dich, weil er will, dass du dich durch Gegenliebe und Dankbarkeit erkenntlich zeigest.

ELFTES HAUPTSTÜCK: Weises Verhalten der seligen Jungfrau gegen die Gläubigen. Tod des Stephanus

Einiges über die Klugheit der seligsten Jungfrau in Leitung der neuen Gläubigen: ihr Verhalten gegen den heiligen Stephanus in dessen Leben und Tod und einige andere Ereignisse.

179. Das Amt einer Mutter und Lehrmeisterin der heiligen Kirche, welches der Herr der allerseligsten Jungfrau Maria übertragen hatte, forderte, dass er ihr auch die entsprechende Wissenschaft und Erleuchtung erteilte, damit sie alle Glieder dieses geheimnisvollen Leibes, dessen geistliche Leitung ihr anvertraut war, kenne und einen jeden nach seiner Bildungsstufe, seinem Lebensstande und überhaupt nach seinem Bedürfnisse unterrichte und leite. Dies wurde ihr denn auch mit jener Fülle von Weisheit und jener überströmenden göttlichen Wissenschaft zuteil, welche aus allem, was ich im folgenden berichten werde, hervorleuchtet. Maria kannte alle Gläubigen, welche in die Kirche eintraten. Sie durchschaute deren natürliche Neigungen, das Maß ihrer Gnade und ihrer Tugend. Sie kannte das Verdienst ihrer Werke, kurz, sie kannte das Ende wie den Anfang eines jeden. Nichts in der Kirche blieb ihr unbekannt, ausgenommen einige Dinge, welche ihr Gott eine Zeitlang verbarg, um sie ihr später zur geeigneten Zeit zu offenbaren. Auch war diese Erkenntnis nicht etwa eine unfruchtbare und müßige, sondern begleitet von einer ebenso großen Teilnahme an der Liebe ihres heiligsten Sohnes, vermöge weIcher sie alle ebenso liebte, wie sie dieselben schaute und kannte. Da sie überdies das Geheimnis des göttlichen Willens über einen jeden kannte und also eine Weisheit besaß, die nichts zu wünschen übrig ließ, so verteilte sie auch die innern Akte ihrer Liebe nach Maß, Zahl und Gewicht, und liebte und schätzte nie jemand mehr oder weniger, als er es verdiente: eine Sache, worin wir übrigen Adamskinder uns leider nur zu oft auch dann verfehlen, wenn wir bestimmt glauben, das Richtige getroffen zu haben.

180. Diese Mutter der wohlgeordneten Liebe und der vollkommenen Weisheit handelte, was die innern Affekte betrifft, stets nach der Ordnung der austeilenden Gerechtigkeit, denn sie richtete sich hierin nach dem Licht, das sie innerlich erleuchtete und leitete, und das kein anderes war als das Lamm (Offb 21, 23). So schenkte sie einem jeden Menschen von ihrer inneren Liebe gerade soviel, als ihm gebührte, d.h. mehr oder weniger, wiewohl sie übrigens in Bezug auf die Liebe für alle eine überaus mildreiche und gütige Mutter war und in der Liebe weder Lässigkeit, noch Kargheit, noch irgend welche Sorglosigkeit kannte. Was aber die äußeren Wirkungen und Kundgebungen der Liebe betrifft, so hielt sie sich hierin an andere, aber höchst weise Regeln. Sie war nämlich bedacht, im Verkehr und in der Leitung anderer jeden Schein von Bevorzugung einzelner zu vermeiden, denn sie wusste, dass in Klöstern, Familien und überhaupt in allen Kommunitäten, in weIchen das öffentliche Verhalten den Blicken sowohl als dem Urteil vieler ausgesetzt ist, das geringste Versehen in diesem Stück hinreicht, um Neid und Eifersucht zu erwecken. Es ist ja allen Menschen von Natur aus das Verlangen eigen, besonders von den Mächtigen geschätzt und geliebt zu werden, und es gibt kaum jemand, der nicht glaubt, ebenso viel, ja mehr Gunst als andere zu verdienen. Diese Armseligkeit klebt selbst denjenigen an, die an Würde und sogar an Tugend über vielen anderen stehen. Ein Beweis davon sind die Apostel, die von einigen ganz berechtigten Zeichen besonderen Vertrauens seitens ihres Meisters sogleich Anlass zu Argwohn nahmen, über den Vorrang untereinander stritten und sich nicht scheuten, ihren Streit vor Jesus selbst zu bringen (Mt 18,1; Lk 9, 46).

181. Um solchen Misshelligkeiten vorzubeugen, war U.L. Frau im höchsten Grad darauf bedacht, angesichts der Gemeinde der Gläubigen sich in Bezeigung ihrer Gunst durchaus gleich gegen alle zu verhalten. Diese einer solchen Meisterin würdige Lehre war besonders im Anfang ihres Waltens sehr notwendig, auf dass die Vorsteher, welche bestellt waren, die Kirche zu regieren, sich dieselbe einprägten und fest begründeten. Sie war es ferner auch deshalb, weil in jenen gläubigen Zeiten alle Apostel und Jünger und selbst manche von den einfachen Gläubigen durch Wunder und andere übernatürliche Gaben ausgezeichnet waren, wie es heutzutage viele durch erworbene Kenntnisse und Wissenschaften sind. Es war daher angemessen und ersprießlich, alle zu lehren, dass man weder mit Rücksicht auf jene größeren, noch wegen dieser geringeren Gaben beanspruchen dürfe, von dem Herrn und seiner heiligsten Mutter äußerlich mehr als andere geehrt und ihnen vorgezogen zu werden. Wer gerechtfertigt ist, dem muss es genügen, die Liebe und Freundschaft des Herrn zu besitzen. Wer aber nicht gerecht ist, dem nützen auch äußere Ehren und Vorzüge nichts.

182. Bei dieser Zurückhaltung vergaß Maria aber nie die Achtung und Verehrung, welche jedem der Apostel oder Gläubigen in Gemäßheit ihrer Würde und Stellung zukamen. Vielmehr zeigte sie in dieser Hinsicht durch ihr Beispiel allen, was sie in pflichtmäßigen Dingen zu tun haben, während sie durch ihre Zurückhaltung alle lehrte, in Dingen, welche in unser Wollen und Belieben gestellt sind, eine weise Mäßigung zu beobachten. Die Himmelskönigin benahm sich, mit einem Worte, in diesen Dingen so bewunderungswürdig klug, dass von all den Christen, die ihr nahten, kein einziger jemals sich beklagte, und dass niemand auch nur mit einem Schein von Grund ihr seine Hochschätzung und Ehre verweigern konnte. Alle liebten und lobten sie, alle waren ihretwegen voll Freude, alle bekannten sich als Schuldner ihrer Freigebigkeit und ihrer mütterlichen Liebe. Niemand konnte fürchten, in seinen Nöten von ihr vergessen oder nicht getröstet zu werden. Niemand konnte bemerken, dass sie ihn gering achte und ihm einen andern vorziehe. Ja, es fiel niemand ein, in dieser Hinsicht auch nur Vergleichungen anzustellen, so weise und klug war das Verhalten dieser Königin, so genau beobachtete sie stets die Klugheit, um die Waage ihrer Liebe nach außen hin allen gegenüber stets gerade zu halten. Aus demselben Grunde wollte sie auch die Ämter und Würden, die unter die Gläubigen zu verteilen waren, nicht selbst vergeben, ja sie wollte in dieser Sache nicht einmal eine Vermittlung übernehmen. Sie überließ dies vielmehr ganz und gar dem Gutdünken und dem Entscheid der Apostel, welchen sie hierzu durch ihre Gebete von Gott die nötigen Erleuchtungen erflehte.

183. Ein besonderer Grund, der Maria zu letztgenanntem so weisen Verhalten antrieb, war auch ihr Verlangen, allen Gläubigen eine Lehre tiefster Demut zu erteilen. Alle kannten sie als eine Mutter der Erkenntnis, der nichts auf die Kirche bezügliches unbekannt war, die sich in nichts, was sie in dieser Hinsicht tat, irren konnte. Und doch wollte sie in der Kirche dieses wunderbare Beispiel von Bescheidenheit hinterlassen, damit niemand, besonders in großen und wichtigen Angelegenheiten, sich auf seine eigene Einsicht, Klugheit oder Tugend verlasse. Alle sollten hierdurch zur Erkenntnis kommen, dass der gute Ausgang großer Angelegenheiten an die Demut und das Befragen weiser Räte geknüpft und dass es Vermessenheit ist, der eigenen Meinung zu trauen, wenn man die Verpflichtung hat, die Meinung anderer zu vernehmen. Sie erkannte auch, dass es schon an und für sich eine Art von anmaßender Einmischung in die Regierung der Gesamtheit ist, sich für gewisse Personen, die man begünstigt, zu verwenden, und dass diese schon vorhandene Eitelkeit durch die Dankesbezeigungen der so Beförderten nur noch vermehrt wird, weshalb sie von dergleichen durchaus nichts wissen wollte. Alle diese Armseligkeiten und Mängel, welche bei einer alltäglichen Tugend mitunterlaufen, lagen der unaussprechlich hohen Heiligkeit unserer gebenedeiten Königin unendlich fern, und so wollte sie auch uns durch ihr lebendiges Beispiel lehren, in allen unseren Handlungen uns so zu betragen, dass wir nicht das Verdienst verlieren und unseren Fortgang in der Vollkommenheit hindern. Bei all ihrer Bescheidenheit unterließ es aber Maria nicht, den Aposteln, von denen sie oftmals um ihre Meinung gefragt wurde, willig Rat und Weisung für die Verwaltung ihrer Ämter zu erteilen und ebenso den Jüngern und Gläubigen die nötigen Anweisungen zu geben, denn ihr ganzes Tun und Lassen war wie von der höchsten Weisheit so auch von der vollkommensten Liebe geleitet.

184. Unter den Heiligen, welche so überaus glücklich waren, sich einer besonderen Liebe von Seiten der großen Königin des Himmels zu erfreuen, war auch der heilige Stephanus, einer der zweiundsiebzig Jünger. Vom ersten Augenblick an, da er unserem Erlöser Jesus Christus nachzufolgen begann, betrachtete ihn Maria mit besonderer Zuneigung und räumte ihm in ihrer Hochschätzung, wenn nicht den ersten, so doch gewiss einen der ersten Plätze ein. Sie wusste nämlich, dass dieser Heilige durch den Herrn des Lebens auserwählt sei, für die Verteidigung der Ehre Jesu und seines göttlichen Namens als der erste sein Leben hinzugeben. Zudem besaß dieser unbesiegbare Heilige einen sehr sanftmütigen und friedfertigen Charakter, der durch die Gnade noch vervollkommnet und so allen Menschen überaus angenehm und für die Heiligkeit ganz besonders empfänglich geworden war. Nun war aber diese Gemütsbeschaffenheit der süßesten Mutter des Herrn ganz besonders wohlgefällig. Wenn sie jemand von solch sanftem, friedlichem Charakter begegnete, so pflegte sie zu sagen, derselbe gleiche viel ihrem göttlichen Sohn. So liebte sie denn auch den durch wahrhaft heldenmütige Tugenden ausgezeichneten heiligen Stephanus mit ganz besonderer Zärtlichkeit, verschaffte ihm viele Gnaden und dankte oft dem Herrn dafür, dass er ihn erschaffen, berufen und auserwählt habe, um der Erstling des Martyrtums zu werden, wie er ihr geoffenbart hatte. So hegte sie für den zukünftigen Blutzeugen eine große Verehrung und Liebe.

185. Der glückselige Heilige entsprach seinerseits aufs getreueste den Wohltaten, die er von Christus dem Herrn und seiner gebenedeiten Mutter empfing, denn er war nicht bloß friedfertig, sondern auch von Herzen demütig. Die wahrhaft Demütigen aber halten sich auch für geringere Gnaden, als die waren, welche Stephanus empfing, stets in hohem Grad zu Dank und Gegendienst verpflichtet. Er hatte stets eine sehr hohe Vorstellung von der Mutter der Barmherzigkeit und suchte demgemäß mit großem Andachtseifer ihre Gnade. Er befragte sie über viele geheimnisvolle Dinge, denn er war ein großer Freund der Weisheit und, wie der heilige Lukas sagt (Apg 7, 55), voll des Heiligen Geistes und des Glaubens. Die göttliche Mutter antwortete ihm auf alles und bestärkte und ermutigte ihn, sich ohne Furcht für den Namen Jesu Christi zu erheben und um ihn in seiner Glaubensfreudigkeit zu befestigen, sagte sie ihm sein Martyrtum vorher, indem sie sprach: «Stephanus, du wirst der erste der Blutzeugen sein, welche mein allerheiligster Sohn und Herr durch das Beispiel seines Todes erzeugen wird. Als treuer Jünger und tapferer Soldat wirst du in die Fußstapfen deines Meisters und Feldherrn treten und vor der Schar der Blutzeugen die Fahne des Kreuzes einhertragen. Bewaffne dich also mit Stärke, ergreife den Schild des Glaubens und sei versichert: die Kraft des Allerhöchsten wird dir in diesem Kampf beistehen.»

186. Diese Eröffnung der Königin der Engel entflammte das Herz des heiligen Stephanus mit jenem Verlangen nach dem Martyrertod welches aus dem betreffenden Bericht der Apostelgeschichte hervorleuchtet. Denn diesem zufolge war er nicht bloß voll der Gnade und Stärke, wirkte nicht bloß in Jerusalem viele und große Wunder und Zeichen, sondern war auch nach den heiligen Aposteln Petrus und Johannes der erste Jünger, welcher sich mit den Juden in Disputationen einließ und sie zuschanden machte. Seiner Weisheit und dem Geiste, womit er sprach, konnten die Juden nicht widerstehen, denn er predigte mit unerschrockenem Herzen, überführte mutvoll die Juden ihrer Sünden und machte ihnen Vorstellungen. Kein anderer Jünger hatte dies getan vor Stephanus und keiner tat es mit solchem Feuereifer wie er. Der Grund aber, warum Stephanus alles dieses tat, war seine entflammte Begierde nach dem Martyrium welches Maria ihm mit Bestimmtheit vorhergesagt hatte. Gleichsam als fürchtete er, ein anderer möchte diese Krone seiner Hand entreißen, trat er von allen Jüngern zuerst den Rabbinern und Lehrern des mosaischen Gesetzes entgegen und suchte mit Eifer die Gelegenheiten auf, die Ehre Christi zu verteidigen, für welche er, wie er wusste, das Leben geben sollte. Dieses Verlangen des Heiligen war dem höllischen Drachen, der es erkannt hatte, durchaus nicht nach Wunsch. Obwohl voll Wut gegen den unerschrockenen Jünger, suchte er doch seine Schritte zu vereiteln und sein öffentliches Martyrium zum Zeugnis für die Lehre Christi, unseres Herrn und Gottes, auf alle Weise zu verhindern. Zu diesem Zweck stachelte er die Ungläubigsten unter den Juden auf, den heiligen Stephanus heimlich aus der Welt zu schaffen. Die Tugend und Kraft, die er in Stephanus entdeckte, peinigte ihn nicht wenig, und besonders fürchtete er, derselbe möchte den Glauben und die Lehre seines Meisters durch große Wunder, sei es im Leben, sei es bei einer öffentlichen Tötung, noch mehr in Ansehen bringen. Da überdies die Juden Stephanus ebenfalls tödlich hassten, so war es Luzifer leicht, sie zu einem heimlichen Mord des heiligen Stephanus zu bestimmen.

187. Daher strebten sie ihm in der kurzen Zeit von der Ausgießung des Heiligen Geistes bis zu seinem Martyrertod vielmals nach dem Leben. Aber die mächtige Gebieterin der Welt, welche die Bosheit und die List Satans und der Juden wohl kannte, befreite Stephanus aus ihren Schlingen, bis die zu seiner Steinigung vorherbestimmte Zeit gekommen war. Bei drei Gelegenheiten sandte sie einen ihrer Schutzengel ab, um den heiligen Diakon aus einem Haus zu holen, in welchem man ihn zu erwürgen gedachte. Dieser heilige Engel entriss ihn der Gefahr so, dass zwar die nachstellenden Juden ihn nicht bemerkten, Stephanus selbst aber ihn erblickte und sah, dass der himmlische Geist ihn zum Speisesaal brachte und seiner Herrin und Gebieterin vorstellte. Ein anderes Mal ließ ihn Maria durch denselben Engel warnen, nicht durch eine gewisse Straße zu gehen, oder ein Haus zu vermeiden, wo die Juden seiner harrten, um ihn zu töten. Wieder ein anderes Mal hielt ihn die heiligste Mutter selbst ab, das Zönakulum zu verlassen, weil sie wusste, dass man ihm auflauere, um ihn zu töten. Man tat dies mehrere Nächte nacheinander, nicht bloß beim Ausgang aus dem Speisesaal, sondern auch, wenn er aus andern Häusern in seine Wohnung zurückzukehren hatte, denn in seinem heiligen Eifer begab sich Stephanus bald in dieses, bald in jenes Haus, um die Gläubigen in ihren verschiedenen Anliegen zu trösten und er war dabei nicht nur ohne alle Furcht vor Todesgefahr, sondern ersehnte sie und suchte sie sogar auf. Da er nicht wusste, für welche Zeit der Herr ihm dieses große Glück vorbehalte, und sah, dass die seligste Jungfrau ihn so oft aus den Gefahren befreite, pflegte er sich bei ihr liebevoll zu beklagen, mit den Worten: «Meine Herrin und Beschützerin, wann wird denn der Tag, wann wird die Stunde kommen, da ich meinem Gott und Herrn die Schuld meines Lebens abtragen und mich zur Ehre und zum Ruhme seines heiligen Namens hinopfern kann?»

188. Diese Klagen heiliger Christusliebe seitens ihres Dieners Stephanus erweckten im Herzen Mariä einen unbeschreiblichen Jubel und mit den Gefühlen der zärtlichsten Mutterliebe antwortete sie ihm: «Mein Sohn, getreuer Diener meines Herrn, schon naht die von der höchsten Weisheit festgesetzte Zeit und deine Hoffnungen werden nicht zuschanden werden. Tue nur, was dir noch in der Kirche zu tun bleibt, und erwarte mit Sicherheit die Martyrerkrone welche ja schon dein Name andeutet, und höre nicht auf, dem Herrn zu danken, welcher dir dieselbe zugedacht hat.» Der heilige Stephanus war von so ausnehmender Reinheit und Heiligkeit, dass die bösen Geister stets in großer Entfernung von ihm bleiben mussten, Christus und seine heiligste Mutter aber ihn unbeschreiblich liebten. Auch die Apostel schätzten ihn so hoch, dass sie ihn zum Diakon weihten. Schon vor seinem Martyrium war seine Tugend und Heiligkeit eine wahrhaft heroische, und er verdiente durch dieselbe gewissermaßen, als der erste von allen nach dem Leiden Christi die Martyrerkrone davonzutragen. Doch will ich zur größeren Ehre der Heiligkeit dieses Erzmartyrers noch des weiteren mitteilen, was mir in Übereinstimmung mit der Aussage des heiligen Lukas im sechsten Kapitel der Apostelgeschichte hierüber zu erkennen gegeben worden ist.

189. Es erhob sich unter den Gläubigen zu Jerusalem ein Streit. Die Griechen beklagten sich über die Hebräer, dass ihre Witwen bei der täglichen Bedienung der Neubekehrten nicht bedacht, sondern nur die Witwen der Hebräer berücksichtigt würden (Apg 6,1 ff). Beide Parteien waren Juden oder Israeliten. Aber man nannte Griechen diejenigen, welche in Griechenland geboren waren, Hebräer dagegen die Eingeborenen von Palästina. Diese Zurücksetzung war die Ursache des Klagens der Griechen. Die sogenannte tägliche Bedienung bestand in der Verwaltung und Verteilung der Gaben und Almosen zum Unterhalt der Gläubigen. Man vertraute, wie ich oben im siebenten Hauptstück gesagt habe (oben Nr. 107 und 109), diesen Dienst sechs(Die Apostelgeschichte erwähnt diese sechs Männer nicht, sondern nur die sieben anderen, welche später aufgestellt und zu Diakonen geweiht wurden, während jene sechs einfache Laien waren, die aber bei den Griechen Anstoß erregten, weil sie sich Witwen nur aus Hebräerinnen zu Gehilfinnen beim Dienste der Armen und Kranken nahmen. Die Apostel ordneten nun die Wahl der Diakonen an und zwar ohne Unterschied der Nationen. Der Übersetzer) Männern von erprobter Rechtschaffenheit an, und zwar geschah dies auf Anraten der seligsten Jungfrau. Bei zunehmender Zahl der Gläubigen jedoch wurde es notwendig, auch einige Witwen reiferen Alters zu bestellen, damit sie sich in diesen Dienst teilten und sich besonders den Unterhalt der Frauen und die Pflege der Kranken angelegen sein ließen und hierzu jene Summen verausgabten, welche die sechs Pfleger oder Almosengeber ihnen anwiesen. Da diese Witwen sämtlich Hebräerinnen waren, so erschien den Griechen die Nichtzulassung der ihrigen zu jenem Amt als ein Mangel an Vertrauen, und daher brachten sie ihre Klage vor die Apostel.

190. Um den Zwist beizulegen, versammelten die Apostel sämtliche Gläubigen und sprachen folgendermaßen zu ihnen: «Es ist nicht recht, dass wir den Dienst des Wortes Gottes verlassen, um uns mit dem Unterhalt der Brüder zu befassen, welche zum Glauben kommen. Erwählt vielmehr aus eurer Mitte sieben Männer, die mit Weisheit und dem Heiligen Geiste erfüllt sind, denen wir dann diese Sorge und Verwaltung auftragen werden, um uns ausschließlich dem Gebet und der Predigt weihen zu können. An diese Männer mögt ihr euch dann mit den Zweifeln und Streitigkeiten, welche sich hinsichtlich des Unterhaltes der Gläubigen ergeben können, halten.» Nachdem dieser Vorschlag angenommen worden war, wählte man ohne Unterschied der Nationen jene sieben Männer, weIche der heilige Lukas an der erwähnten Stelle aufzählt (Apg 6, 5). Der erste und vorzüglichste derselben war der heilige Stephanus, dessen Glaubensstärke und Weisheit allgemein bekannt waren. Diese sieben Männer wurden als Oberaufseher über die ersten sechs und über die Witwen aufgestellt, zu welchem Amt fortan die Griechinnen ebenso zugelassen wurden wie die anderen. Denn man erachtete fortan als Bedingung hierzu nicht mehr die Nationalität, sondern allen die Tugend, die einer jeden eigen war. Am meisten trug zur Beschwichtigung dieses Streites der heilige Stephanus bei. Durch seine bewunderungswürdige Weisheit und Heiligkeit erstickte er zuerst das Murren der Griechen und gewann darauf die Hebräer, so dass alle sich vereinigten, wie es sich für Söhne Christi, unseres Meisters und Heilandes, geziemt, und in allem mit Aufrichtigkeit, Liebe und ohne Ansehen der Person oder Partei handelten. Wenigstens geschah dies während der wenigen Monate, welche der heilige Stephanus noch zu leben hatte.

191. Obwohl nun soviel beschäftigt, hörte der heilige Stephanus doch nicht auf, zu predigen und mit den ungläubigen Juden zu disputieren. Da diese ihn weder heimlich töten, noch öffentlich seiner Weisheit widerstehen konnten, so stellten sie, von tödlichem Hass überwältigt, falsche Zeugen gegen ihn auf. Diese beschuldigten ihn der Lästerung gegen Gott und gegen Moses (Apg 6,11 ff) und sagten, dass er ohne Aufhören gegen den Tempel und gegen das heilige Gesetz spreche und versichere, Jesus von Nazareth werde sowohl den einen, wie das andere aufheben. Da die Zeugen dieses alles eidlich erhärteten und das Volk über diese erlogenen Verbrechen, welche man dem Diakon aufbürdete, außer sich geriet, so legte man Hand an Stephanus und brachte ihn in den Gerichtssaal, in welchem die Priester als Richter zu urteilen hatten. Der Vorsitzende fragte ihn angesichts aller, ob er die Anklagen zugebe. Der Heilige antwortete mit höchster Weisheit. Er bewies aus den alten Büchern deutlich, dass Christus wahrhaft der darin verheißene Messias sei, und hielt ihnen zum Schluss seiner Rede ihre Herzenshärte und Ungläubigkeit mit solchem Nachdruck vor, dass sie, unvermögend, ihm zu widerlegen, sich die Ohren zuhielten und mit den Zähnen gegen ihn knirschten.

192. Der Himmelskönigin war die Gefangennahme des heiligen Stephanus wohlbekannt. Unverzüglich sandte sie, bevor er noch vor die Hohenpriester kommen konnte, einen ihrer Engel zu ihm, damit er ihn in ihrem Namen zu dem bevorstehenden Kampf ermutige. Der heilige Stephanus ließ ihr durch denselben Engel antworten, er gehe mit größter Freude, den Glauben seines göttlichen Meisters zu bekennen, und sei fest entschlossen, für diesen Glauben zu sterben, wie er es stets gewünscht habe. Er ersuche sie, ihm in diesem Kampf als seine Mutter und gütigste Königin beizustehen. Sein einziger und größter Schmerz sei, dass er sich nicht zuvor ihren Segen habe erbitten können, um, wie er gewünscht, mit ihrem Segen aus der Welt zu scheiden. Er bitte sie daher, ihm diesen Segen wenigstens aus der Ferne zu erteilen. Diese letzten Worte rührten das mütterliche Herz Mariä zu zärtlichem Mitleid mit dem von ihr so sehr geliebten und hochgeschätzten Heiligen. Sie hätte gar sehr gewünscht, ihm in dieser seiner Lage, wo er das Leben für die Verteidigung der Ehre seines Gottes und Erlösers opfern sollte, in eigener Person zu Hilfe zu kommen. Allein die allerweiseste Jungfrau bedachte, dass es für sie mit großen Schwierigkeiten verbunden wäre, in einem Moment, da die ganze Stadt aufgeregt war, sich in den Straßen Jerusalems sehen zu lassen, und noch schwieriger wäre es gewesen, zu Stephanus zu gelangen.

193. Unter diesen Umständen begab sich Maria ins Gebet. Sie flehte die göttliche Gnade auf den von ihr geliebten Jünger herab und trug dem Herrn ihren Wunsch vor, dem Gefangenen in der letzten Stunde beizustehen. Die Güte des Allerhöchsten, welcher stets auf die Bitten und Wünsche seiner Braut und Mutter horcht und der überdies den Tod seines getreuen Dieners und Jüngers Stephanus besonders kostbar machen wollte, sandte vom Himmel eine neue Schar von Engeln herab, welche im Verein mit den Schutzengeln der seligsten Jungfrau sie an den Ort tragen sollten, wo Stephanus sich eben befand. Der Befehl des Herrn wurde unverzüglich ausgeführt. Die heiligen Engel setzten ihre Königin auf eine glänzende Wolke und trugen sie in den Gerichtssaal, in welchen man Stephanus gebracht hatte, und wo der Hohepriester eben dessen Vernehmung über die gegen ihn erhobenen Anklagen zu Ende führte. Diese Erscheinung war keinem der Anwesenden sichtbar, ausgenommen dem heiligen Stephanus selbst. Er sah die Himmelskönigin in himmlischer Herrlichkeit strahlend vor sich in der Luft und erblickte auch die Engel, welche sie in der Wolke trugen. Diese große ihm gewordene Gnade entzündete in Stephanus aufs neue die Flamme der göttlichen Liebe und den brennenden Eifer für die Verteidigung des Namens Jesu. Der Anblick Mariä erweckte in seinem Herzen unaussprechlichen Jubel. Auf seinem Angesicht schimmerte der Abglanz des Lichtes, in welches die große Königin gehüllt war, und welches auch über ihn sich ergoss, so dass er in wunderbarer Klarheit und Schönheit dastand.

194. Diese wunderbare Wirkung war die Ursache des Erstaunens, womit nach dem Bericht des heiligen Lukas in der Apostelgeschichte die Juden im Gerichtssaal das Angesicht des heiligen Stephanus gleich dem Antlitz eines Engels sahen (Apg 6,15), denn ohne Zweifel erschien es herrlicher als das eines Menschen. Und Gott wollte diese Wirkung der Gegenwart seiner heiligsten Mutter nicht verbergen, damit die Beschämung jener ungläubigen Juden um so offenkundiger würde, wenn sie sich trotz eines augenscheinlichen Wunders der Wahrheit nicht ergäben, welche Stephanus ihnen predigte. Allein die Ursache der übernatürlichen Schönheit des Heiligen kannten sie nicht, teils weil sie nicht würdig waren, sie zu erkennen, teils weil es noch nicht an der Zeit war, sie schon zu offenbaren. Aus diesem Grunde erklärte sie auch der heilige Lukas nicht. Die seligste Jungfrau redete zum heiligen Stephanus Worte des Lebens und unbeschreiblichen Trostes. Sie kam ihm mit Segnungen der Süßigkeit entgegen und bat für ihn zum ewigen Vater, er möge ihn in den gegenwärtigen Umständen durch eine erneute Ausgießung des Heiligen Geistes stärken. Und alles geschah, um was die göttliche Mutter bat. Dies zeigte sich in der unbesiegbaren Stärke und Weisheit, womit Stephanus zu den Vorstehern der Juden sprach und die Ankunft des Erlösers und Messias in Jesus Christus dartat. Denn indem er seine Rede mit der Berufung des Abraham, dann der Könige und Propheten des Volkes Israel begann, brachte er Stellen aus der Heiligen Schrift bei, welche die Wahrheit seiner Predigt unwiderleglich bezeugten.

195. Gegen Ende seiner Rede geschah es auf die Bitten der anwesenden Königin des Himmels und zum Lohn für den unüberwindlichen Eifer des Blutzeugen, dass sich der Himmel öffnete und Jesus Christus dem heiligen Stephanus erschien. Jesus zeigte sich stehend zur Rechten der Kraft des Allerhöchsten, um damit anzudeuten, dass er dem Heiligen in seinem schweren Kampf helfend zur Seite stehe. Stephanus, die Augen zum Herrn erhebend, rief mit lauter Stimme: «Siehe, ich schaue den Himmel offen, und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen! (Apg 7, 55)» Die Juden aber nahmen in ihrer verstockten Ungläubigkeit diese Worte für Gotteslästerung und verhielten sich die Ohren, um es nicht zu hören. Und da die Strafe der Gotteslästerer nach dem Gesetz auf Steinigung lautete, so ward Befehl gegeben, dieselbe an Stephanus zu vollziehen. Auf der Stelle stürzten alle gleich reißenden Wölfen über ihn her und führten ihn unter großem Geschrei zur Stadt hinaus. In diesem Augenblick erteilte Maria dem Heiligen ihren mütterlichen Segen, ermutigte ihn nochmals zur Standhaftigkeit, nahm zärtlichen Abschied von ihm und befahl allen ihren Schutzengeln, ihn zu begleiten, ihm in der Marter beizustehen und ihn nicht zu verlassen, bis sie seine Seele dem Herrn dargestellt hätten. Sie behielt nur einen der sie gewöhnlich bedienenden Engel bei sich, welcher im Vereine mit jenen, die vom Himmel gekommen waren, um sie zu Stephanus zu tragen, sie nunmehr in das Zönakulum zurücktrug.

196. Vom Zönakulum aus sah nun die Himmelskönigin in besonderer Vision das Martyrtum des heiligen Stephanus mit allen Einzelheiten. Sie sah, wie man ihn zur Stadt hinausschleppte, ihn mit großem Geschrei als Gotteslästerer und todeswürdigen Verbrecher erklärte. Sie sah, wie Saulus als einer der Eifrigsten dabei tätig war und als Eiferer des mosaischen Gesetzes die Kleider hütete (Apg 7, 58), welche alle ablegten, um Stephanus zu steinigen. Sie sah, wie die Steine gleich einem Hagel über ihn niederfielen, ihn verwundeten und einige davon in dem Kopf des Heiligen, von seinem Blut gefärbt, stecken blieben. Groß und tief war das Mitleid, welches die Königin der Martyrer ob dieser grausamen Pein für Stephanus empfand, aber doch größer noch war ihre Freude darüber, dass Stephanus die Marter auf so glorreiche Weise annahm und ertrug. Die zärtliche Mutter, die ihn auch von ihrem Betort aus nicht verlassen konnte, betete mit Tränen für ihn. Als sich der unbesiegbare Martyrer dem Tod nahe fühlte, sprach er: «O Herr, nimm meinen Geist auf !» Dann fuhr er, laut rufend und sich auf die Knie werfend, fort: «Herr, rechne ihnen dieses nicht zur Sünde an ! (Apg 7, 59 f)» Bei allen diesen Bitten begleitete ihn die seligste Jungfrau mit den ihrigen, in unaussprechlicher Freude darüber, dass der getreue Jünger so getreu seinem Meister folgte, indem er für seine Feinde und Mörder betete, seine Seele aber in die Hände seines Schöpfers und Erlösers empfahl.

197. So starb der heilige Stephanus unter den Steinwürfen der Juden, welche in ihrem Unglauben jetzt noch mehr verhärtet waren. Sogleich nach dem Verscheiden umringten die Engel der seligsten Jungfrau die reinste Seele des Märtyrers und trugen sie vor Gottes Thron, damit sie dort die Krone der ewigen Glorie und Herrlichkeit empfange. Christus, unser Herr und Erlöser, empfing sie mit jenen Worten, die er selbst im Evangelium gesprochen, nämlich: «Freund, rücke höher hinauf ! (Lk 14,10) Komm zu mir, getreuer Knecht ! Weil du über das wenige getreu gewesen, das da vorübergeht, so will ich dich auf ewig mit Überfluss belohnen (Mt 25, 21.23). Ich werde dich vor meinem Vater als einen getreuen Knecht und Freund bekennen, weil auch du mich vor den Menschen bekannt hast (Mt 10, 32)» Alle Engel, Patriarchen, Propheten und alle übrigen Himmelsbürger empfingen an diesem Tag eine Vermehrung ihrer außerwesentlichen Glückseligkeit, beglückwünschten den siegreichen Blutzeugen, begrüßten in ihm die Erstlinge des Leidens Christi und jauchzten ihm zu als dem Heerführer aller derjenigen, welche nach seinem Tod ihm im Martyrium nachfolgen würden. Seine hochbeglückte Seele wurde zu einem sehr hohen Ort der Herrlichkeit erhoben, ganz in die Nähe der geheiligten Menschheit unseres Heilands Jesus Christus. Die seligste Jungfrau nahm an diesem himmlischen Freudenfest teil in einer Vision, in welcher sie alles schaute. Mit den Engeln brachte sie dem Allerhöchsten Lob- und Danklieder dar. Die Engel, welche nach Übertragung der Seele des Heiligen vom Himmel zurückkehrten, sagten der göttlichen Mutter Dank für die Gnaden, weIche sie ihm verschafft hatte, und durch welche er zu der Stufe von Herrlichkeit gelangt war, deren er sich nun erfreute.

198. Der Tod des heiligen Stephanus ereignete sich neun Monate nach dem Leiden und Sterben unseres Erlösers Jesu Christi am 26. Dezember, genau an dem Tag, an welchem die heilige Kirche sein Martyrium feiert. An diesem Tag hatte er sein vierunddreißigstes Lebensjahr vollendet sowie auch seit der Geburt Christi vierunddreißig Jahre und ein Tag verstrichen waren, so dass das fünfunddreißigste angefangen hatte. Der heilige Stephanus hatte nämlich am Tag nach der Geburt Christi das Licht der Welt erblickt und war somit bei seinem Tod nur um jene neun Monate, welche vom Todestag Christi bis zu seinem eigenen Hinscheiden verflossen waren, älter als der Heiland. Dass aber der Geburtstag des heiligen Stephanus mit dem Tag seines Martyrertodes zusammenfiel, ist mir geoffenbart worden. Das Gebet der seligsten Jungfrau und das des heiligen Stephanus erwirkten bei Gott die Bekehrung des Saulus («Si S. stephanus non orasset, Ecclesia Paulum non haberet.» S. Augustin. Der Herausgeber), wie wir weiter unten erzählen werden. Um dieselbe besonders glorreich zu machen, ließ Gott zu, dass Saulus von jenem Tag an es sich zur Aufgabe machte, die Kirche zu verfolgen und zu zerstören, wobei er sich vor allen Juden in der Verfolgung hervortat, welche diese seit dem Tod des heiligen Stephanus aus Hass gegen die neuen Gläubigen erhoben, wie ich im folgenden Hauptstück berichten werde. Inzwischen erhoben die Jünger des heldenmütigen Blutzeugen seinen Leib und beerdigten ihn mit vieler Trauer, wie sie dem Verlust eines so weisen Mannes und kühnen Verteidigers des Gesetzes der Gnade geziemte. Ich habe mich in meinem Bericht über ihn etwas weiter als sonst ausgesprochen, weil ich die ausgezeichnete Heiligkeit dieses ersten Martyrers kannte, und weil er ein großer Verehrer und besonderer Liebling der seligsten Jungfrau war.

LEHRE, welche mir die große Königin der Engel gegeben hat

199. Meine Tochter, die göttlichen Geheimnisse machen auf den irdischen Sinn der Menschen auch nach der lebhaftesten Darstellung nur wenig Eindruck, solange dieser Sinn, der ohnehin mehr an die sichtbaren Dinge gewohnt ist, letzteren auch noch mit Absicht zugekehrt wird und das Innere nicht von den Finsternissen der Sünde befreit, rein und klar geworden ist. Der Mensch ist schon von Natur aus schwerfällig und wenig befähigt, sich zu hohen und himmlischen Dingen zu erheben. Hängt er sich nun bei dieser seiner so beschränkten Fähigkeit zur Tugend auch noch mit seinem ganzen Sinnen und Trachten an die Scheingüter der Welt, so kann die Folge keine andere sein, als dass er sich mehr und mehr von der Wahrheit entfernt, an die Finsternis gewöhnt und allmählich das Licht gar nicht mehr verträgt (1 Kor 2,14). Dieses ist der Grund, weshalb die irdischen und tierischen Menschen die Großtaten des Allerhöchsten und die Werke, welche ich für sie getan und noch täglich für sie tue, so wenig beachten und schätzen. Sie treten die Perlen mit Füßen und unterscheiden nicht zwischen dem Brot der Kinder und der Nahrung unvernünftiger Tiere. Die himmlischen und göttlichen Dinge erscheinen ihnen geschmacklos und widerstreben ihrem Geschmack, der durch die sinnlichen Genüsse ganz und gar verkehrt ist und so sind sie unfähig, die übersinnlichen Dinge zu verstehen und die Wissenschaft des Lebens und das Brot der Erkenntnis zu kosten, welche darin enthalten sind.

200. Was dich betrifft, geliebte Tochter, so wollte der Herr dich in Gnaden vor dieser Gefahr bewahren. Er gab dir Erkenntnis und Licht und vervollkommnete dadurch deine Sinne und Geistesfähigkeiten, auf dass du, gehoben und gestärkt durch die göttliche Gnade, seine wunderbaren Werke, die ich dir offenbare, verstehst und gebührend achtest. Zwar kannst du sie, wie ich dir schon oft gesagt habe, in deinem sterblichen Leben nie ganz erkennen und vollständig würdigen, allein innerhalb der Grenzen deiner Fähigkeit kannst und sollst du von denselben einen hohen Begriff fassen und sie hochachten. Das fordert die Ausbildung deiner Erkenntnis, dies fordert auch die Nachahmung meines Tuns und Lebens, wozu ich dich, wie du weißt, berufen habe. Mein Leben war, selbst nachdem ich zum Himmel erhoben und zur Rechten meines allerheiligsten Sohnes gestellt worden, auf dieser Erde nichts anderes als ein Gewebe von Peinen und Trübsalen aller Art. Erkenne daraus, dass, wenn du mir als deiner Mutter nachfolgen, meine Schülerin sein und wahrhaft glücklich werden willst, dein Leben geradeso beschaffen sein muss.

Die unveränderliche Demut, Klugheit und Unparteilichkeit, womit ich die Apostel und die Gesamtheit der Gläubigen leitete, soll dir als Muster dienen, wie du deine Untergebenen mit Sanftmut, Mäßigung, demütigem Ernst und besonders mit Unparteilichkeit regieren musst. Erleichtert wird dies, wenn die, welche andere leiten, von aufrichtiger Liebe und Demut beseelt sind. Würden sie bei ihrem Verhalten diese Tugenden sich zur Richtschnur nehmen, dann würden sie weder herrisch im Befehlen, noch unordentlich eingenommen von ihrer eigenen Meinung sein, noch würden sie die Ordnung der Gerechtigkeit umkehren, wie es heutzutage zum größten Schaden in der ganzen Christenheit geschieht. Denn allmählich mischten sich Stolz, Eitelkeit, Interesse, Eigenliebe und Rücksichten auf Fleisch und Blut in beinahe alle Handlungen derjenigen, welche regieren, so dass alles in die Irre geht und alle Staatswesen mit grauenvollen Ungerechtigkeiten und Unordnungen erfüllt sind.

201. Mein brennender Eifer für die Ehre meines Sohnes und wahren Gottes, für die Predigt und Verteidigung seines heiligsten Namens, die Freude, die ich fühlte, wenn in dieser Hinsicht die Absichten Gottes verwirklicht, die Seelen gewonnen wurden und die Kirche sich ausbreitete, wie mein Sohn durch sein Leiden und Sterben bezweckt hatte, die Gnaden, welche ich dem glorreichen Martyrer Stephanus erwirkte, weil er als der erste für diese heiligen Zwecke sein Leben hingab, alle diese Dinge, meine Tochter, müssen für dich ebenso viele Beweggründe sein, den Allerhöchsten für so göttliche und aller Verehrung und Verherrlichung würdige Werke zu loben, mich aber nachzuahmen und Gottes unermesslicher Güte für die Weisheit zu danken, welche sie mir verliehen hat, um in allem mit einer vollendeten Heiligkeit und in steter Übereinstimmung mit seinem heiligsten Willen zu handeln.

ZWÖLFTES HAUPTSTÜCK: Verfolgung der Kirche. Apostolisches Glaubensbekenntnis

Verfolgung, welche die Kirche nach dem Tod des heiligen Stephanus erlitt. Mariä Leiden während ihrer. Die Apostel stellen auf Veranlassung U. L. Frau das apostolische Glaubensbekenntnis zusammen.

202. An demselben Tag, an welchem der heilige Stephanus gesteinigt ward und starb, erhob sich, wie der heilige Lukas berichtet, eine große Verfolgung gegen die Kirche von Jerusalem (Apg 8,1 ff). Insbesondere erwähnt der Verfasser der Apostelgeschichte, dass Saulus auf deren gänzliche Zerstörung sann und in der ganzen Stadt nach den Jüngern Christi suchte, um sie gefangen der jüdischen Obrigkeit zu überliefern, und dass ihm dieses wirklich in Bezug auf viele Gläubige gelang. Denn viele derselben wurden ins Gefängnis geworfen und arg misshandelt, einige sogar getötet. Diese Verfolgung war sehr heftig wegen des Hasses, den die Obersten der Priester gegen die Anhänger Christi gefasst hatten. Saulus besonders zeichnete sich vor allen andern durch seinen heftigen Eifer in Verteidigung und Ausbreitung des mosaischen Gesetzes aus, wie er dieses selbst in seinem Brief an die Galater (Gal 1,13) bekennt. Allein die Verfolgungswut der Juden hatte auch noch eine andere, geheime Quelle, deren Wirkungen sie zwar empfanden, deren Ursprung sie aber nicht kannten.

203. Es war dies die Sorge Luzifers und seiner bösen Geister über den Martyrertod des heiligen Stephanus. Sie wurden dadurch beunruhigt, gereizt und mit teuflischer Wut gegen die Gläubigen, namentlich gegen Maria, die Königin und Herrin der Kirche, erfüllt. Gott hatte nämlich zugelassen, dass dieser höllische Drache zu seiner größeren Beschämung die Himmelskönigin in dem Augenblick sah, als sie von den Engeln zu Stephanus getragen wurde. Da er diese große Gunstbezeigung wahrnahm und die große Standhaftigkeit und Weisheit des Stephanus damit in Verbindung brachte, so dachte er sich, Maria werde allen denjenigen, die sich anbieten würden, für Christi Namen zu sterben, entweder dieselbe oder doch wenigstens ähnliche Hilfe bringen wie dem heiligen Stephanus. Die Folge davon werde dann sein, dass auch die anderen Christen, weit entfernt, den Tod zu fürchten, denselben vielmehr mit Freude und Großmut umfangen würden. Die Martern und Schmerzen waren das Mittel, welches Satan in seiner Arglist ersonnen hatte, um die Gläubigen zu erschrecken und von der Nachfolge Christi abzuziehen, denn er glaubte, die Anhänglichkeit an das Leben und die natürliche Furcht vor dem Tod und den Schmerzen, besonders wenn diese sehr heftig sind, würde die einen zur Verleugnung des Glaubens bringen und die andern von der Annahme desselben abhalten. Obwohl er sich nun im Verlauf der christlichen Jahrhunderte in seiner Arglist an vielen Martyrern ebenso verrechnete, wie er sich schon an Christus, dem Haupt derselben, getäuscht hatte, so behielt er doch diesen seinen Kriegsplan in den vergangenen Zeiten bei und wird ihn stets befolgen.

204. Allein damals, da die Kirche eben erst begann und die Aufregung der Juden gegen Stephanus so ganz gegen Erwarten ausgefallen war, fühlte sich Satan namenlos beschämt und zugleich erbittert. Kaum hatte er Stephanus glorreich sterben gesehen, so versammelte er seine bösen Geister und sprach zu ihnen: «Der Tod dieses Jüngers und besonders die Hilfe, welche jene Frau, unsere Feindin, ihm dabei leistete, beunruhigt mich und macht mir große Sorgen. Denn wenn diese Frau dasselbe für alle Jünger und Anhänger ihres Sohnes tut, so werden wir keinen aus ihnen mehr durch das Mittel der Marter und des Todes besiegen. Im Gegenteil werden durch das Beispiel der Märtyrer die anderen nur ermutigt werden, gleich ihrem Meister zu leiden und zu sterben, und so wird der Weg, den wir eingeschlagen, um sie zu vernichten, nur dazu führen, dass wir selbst besiegt und unterjocht werden. Denn zu unserer Qual ist es der größte Triumph und Sieg, den sie über uns erringen können, wenn sie ihr Leben für jenen Glauben hingeben, den wir zerstören wollen. Der von uns gewählte Weg führt also nur zu unserem eigenen Verderben. Allein ich finde keinen anderen und komme über die Art und Weise, diesen menschgewordenen Gott, seine Mutter und seine Anhänger zu verfolgen, nicht ins klare. Ist es möglich, dass die Menschen mit ihrem Leben, das sie doch so sehr lieben, geradezu verschwenderisch werden und sich den Peinen, die sie doch natürlicherweise so schmerzlich empfinden, ihrem Meister zuliebe freudig überliefern? Aber ferne sei es, dass ich darum meinem gerechten Zorn entsage. Ich werde es dahin zu bringen wissen, dass, wie jene für die Sache ihres Gottes sterben, so andere für meinen Wahn den Tod erwählen. Nicht alle werden des Schutzes jener unüberwindlichen Frau teilhaftig werden, noch werden alle so stark sein, die unmenschlichen Martern bestehen zu wollen, welche ich erfinden werde. Auf, hetzen wir die Juden, unsere Freunde, gegen dieses verhasste Geschlecht auf, dass sie es ausrotten und den Namen seines Urhebers von der Erde vertilgen!»

205. Unverweilt ging Luzifer an die Verwirklichung dieses fluchwürdigen Planes und begab sich mit einer ungezählten Schar von Dämonen zu den Fürsten und Vorstehern der Juden und anderen Persönlichkeiten, welche er als die Ungläubigsten von allen erkannte. Er erfüllte sie mit Unruhe und wütendem Neid gegen die Anhänger Christi und entflammte sie durch heuchlerische Eingebungen mit einem erlogenen Eifer für das Gesetz des Moses und die alten Überlieferungen ihrer Voreltern. Bei dem Glaubenshass, der diese Herzen beseelte, und bei den vielen Lastern, die in ihnen wohnten, war es für den Bösen nicht schwer, diesen Samen des Unkrautes in sie auszustreuen. Unverzüglich wurden mehrere Zusammenkünfte veranstaltet und Mittel beraten, sich der Jünger Christi und aller seiner anderen Anhänger mit einem Male zu entledigen. Einige schlugen vor, sie aus Jerusalem zu verbannen, andere, sie aus ganz Israel zu vertreiben. Diese meinten, man müsse alle töten, um ein für allemal dieser Sekte ein Ende zu machen. Jene endlich rieten, über sie die grausamsten Martern zu verhängen, damit die Menge eingeschüchtert und abgeschreckt werde, sich der Sekte anzuschließen und sie fügten noch hinzu, man müsse sie auch ihrer Güter berauben, bevor dieselben den Aposteln übergeben und verzehrt würden. Diese Verfolgung wurde nach Angabe des heiligen Lukas so heftig, dass die zweiundsiebzig Jünger Jerusalem verließen und sich in ganz Judäa und Samaria (Apg 8,1) verteilten, wobei sie jedoch mit ungebeugtem Mut im ganzen Land den Glauben verkündigten. Die Apostel blieben mit der seligsten Jungfrau und vielen andern Gläubigen in Jerusalem. Letztere waren freilich eingeschüchtert und in Schrecken versetzt und hielten sich in verschiedenen Verstecken auf, um nicht in die Hände des Saulus zu fallen, der sie mit wutschnaubendem Eifer gefangen zu nehmen strebte.

206. Die seligste Jungfrau, welche alles sah und auf alles bedacht war, gab schon am Todestag des heiligen Stephanus Befehl, dessen Leib aufzuheben und zu beerdigen und es geschah, wie sie befohlen hatte. Insbesondere ließ sie sich ein Kreuz überbringen, welches der Heilige auf seiner Brust getragen hatte, indem er hierin das Beispiel Mariä selbst nachahmte. Die heilige Jungfrau trug nämlich seit der Herabkunft des Heiligen Geistes immer ein solches auf der Brust und nach ihrem Vorgang taten dies auch insgemein die Gläubigen der ersten Kirche. Maria empfing das Kreuz des heiligen Stephanus mit besonderer Verehrung, sowohl wegen der Heiligkeit dieses Zeichens selbst, als auch weil der Blutzeuge es getragen hatte. Sie gab dem letzteren den Titel eines Heiligen und befahl, alles, was man von dessen Blut finden könnte, zu sammeln und als das Blut eines schon verklärten Märtyrers mit Achtung und Verehrung zu bewahren. Endlich erteilte sie auch der Heiligkeit und Standhaftigkeit des Blutzeugen in Gegenwart der Apostel und einer großen Anzahl von Gläubigen eine feierliche Lobeserhebung, um dadurch ihre Zuhörer zu gleicher Zeit zu trösten und durch sein Beispiel in der Trübsal zu ermutigen. (Dass schon die heiligen Apostel das Fest des hl. Stephanus feierten, wird von Kornel. a Lap. erwähnt [in Act. Apost. 7. 60]. D. Herausgeber).

207. Um sich einigermaßen eine Vorstellung von der Hochherzigkeit und Seelengröße zu machen, welche unsere große Königin in dieser, sowie in den anderen Verfolgungen der Kirche während ihres Erdenlebens zeigte, muss man sich an die Gaben erinnern, welche der Allerhöchste ihr mitgeteilt hatte, und welche man am besten unter dem Namen einer Anteilnahme an seinen göttlichen Vollkommenheiten zusammenfassen kann. Da es sich dabei um nichts Geringeres handelte, als jene starke, vom Heiligen Geist vorherbezeichnete Frau (Spr 31,11) zu bilden, auf welche das Herz des Bräutigams sich ganz und gar sollte verlassen können, und welcher er alle jene Werke anvertrauen wollte, die seine allmächtige Hand nach außen (ad extra) wirkte, so musste diese Teilnahme eine derartige sein, dass wir nur eines von ihr aussagen können, dies nämlich, dass Maria in dieser Hinsicht einzig und unvergleichlich dasteht. Denn durch die Art und Weise ihres Wirkens überragte Maria alle anderen Geschöpfe hoch und war sie Gott selbst ähnlich, als dessen ganz einziges Ebenbild oder Abbild sie erschien. Sie kannte alle Werke und alle Gedanken der Menschen. Sie durchschaute alle Absichten und Umtriebe der bösen Geister. Nichts entging ihr, was in der Kirche zu tun war. Obwohl sie aber so viele Gegenstände mit ihrem Geist umfasste, irrte sie sich doch nie in ihren Anordnungen, noch bildete der eine Gegenstand für den anderen jemals ein Hindernis. Nie täuschte sie sich in der Wahl der Mittel, nie übereilte sie sich in deren Anwendung. Sie schreckte weder vor Schwierigkeiten zurück, noch erlag sie der Menge der Geschäfte. Sie sorgte für die, welche ihr nahe waren, ohne der Abwesenden zu vergessen. Ihrer Klugheit gebrach es nie weder an Rat noch an Mitteln, und sie erschien unermesslich und unbegrenzt, denn sie wachte über alle Dinge zusammen, wie wenn sie nur eines gewesen wären, und sorgte für die Bedürfnisse jedes einzelnen Gläubigen, als bedürfe er allein ihrer Sorge. Ähnlich der Sonne, welche alles, was auf Erden ist, ohne Anstrengung, ohne Ermüden und ohne Vergessen erleuchtet, belebt und erwärmt, ohne dass sie dadurch selbst einen Abgang erleidet, regierte, beseelte und belebte unsere große Königin, die der Herr zur Sonne seiner Kirche gemacht hatte, alle Kinder derselben, ohne auch nur ein einziges zu vergessen.

208. Da Maria die Kirche von den Teufeln und den durch sie aufgehetzten Menschen so verfolgt, beunruhigt und betrübt sah, erhob sie sich sofort gegen die Urheber dieser Verfolgung und gebot mit Macht dem Luzifer und seinen Dienern, bis auf weiteres in ihre Abgründe hinabzufahren, in welche sie dann auch augenblicklich durch eine unwiderstehliche Gewalt unter ohnmächtigem Wutgeheul hinabgeschleudert wurden. Sie blieben dort volle acht Tage wie gebunden und festgeschmiedet, bis ihnen gestattet wurde, sich wieder zu erheben. Nachdem Maria so den Feind entfernt hatte, versammelte sie die Apostel um sich, tröstete sie, ermahnte sie, standhaft zu bleiben und auf die Hilfe des Himmels zu hoffen, und bestimmte sie zum Entschluss, sich von Jerusalem nicht zu entfernen. Was die Jünger anbelangt, die sich nur entfernten, weil sie bei ihrer großen Anzahl sich nicht füglich verbergen konnten, so gingen alle zu ihrer Mutter und Lehrerin, um sich von ihr zu verabschieden und sie um ihren Segen zu bitten. Maria ermahnte und ermutigte sie und empfahl ihnen, obwohl inmitten der Verfolgung, doch nach wie vor Jesus den Gekreuzigten zu predigen. Und sie taten es wirklich in Judäa, Samaria und in anderen Gebieten. Sie stärkte und unterstützte sie in ihren Arbeiten und Mühsalen durch den Dienst der heiligen Engel, die sie ihnen zusandte, und die sie ermutigten und im Notfall sogar von einem Ort zum anderen trugen, wie dies nach dem Bericht des heiligen Lukas (Apg 8, 39) dem heiligen Philippus auf dem Weg nach der Stadt Gaza begegnete, wo er einen Äthiopier, den Kämmerer der Königin Kandace, taufte. Sie sandte desgleichen diese Engel zum Beistand der Gläubigen, die dem Sterben nahe waren. Ebenso war sie bedacht, den Seelen, welche in das Fegfeuer kamen, schleunige Hilfe zu bringen.

209. Die Beunruhigungen und Leiden der Apostel in jener Verfolgung waren viel größer als diejenigen der einfachen Gläubigen. In ihrer Eigenschaft als Gründer und Lehrer der Kirche mussten sie derselben nicht nur in Jerusalem, sondern auch in den andern Orten, wo sie sich ausbreitete, zu Hilfe kommen. Sie waren allerdings mit der Wissenschaft und den Gaben des Heiligen Geistes erfüllt. Gleichwohl war ihre Aufgabe so schwer, und standen ihnen so mächtige Hindernisse entgegen, dass sie ohne Mariä Rat und Beistand oftmals in ihrem Beruf aufgehalten, ja zurückgedrängt worden wären. Deshalb fragten sie häufig die seligste Jungfrau um Rat, wie hinwiederum Maria selbst, wenn die Natur der vorkommenden Angelegenheiten es erheischte, die Apostel zu gemeinsamer Besprechung versammelte. Denn sie allein besaß einen klaren Einblick in die Gegenwart und die sichere Voraussicht der Zukunft. Es geschah auch auf jede Anordnung Mariä, dass die Apostel Jerusalem verließen und sich an die Orte begaben, wo ihre Gegenwart nötig war, dann aber wieder zurückkehrten. Dies gilt z. B. von der Reise, welche Petrus und Johannes (Apg 8,14) nach Samaria unternahmen, als sie erfuhren, dass dort das Wort Gottes gute Aufnahme finde. Inmitten ihrer Beschäftigungen und der Trübsale der Gläubigen, die sie wie Kinder liebte und hegte, bewahrte unsere große Herrin einen so vollkommenen Frieden und eine so unwandelbare Ruhe des Geistes, dass es unmöglich ist, dies mit Worten auszudrücken.

210. Maria ordnete ihr Tun auf solche Weise, dass ihr Zeit genug blieb, um sich oftmals in ihr Betkämmerlein zurückzuziehen; und obwohl sie immer beten konnte und auch immer betete, ohne dass die äußeren Beschäftigungen sie daran hätten hindern können, so liebte sie es doch, in der Einsamkeit gewissen heiligen Übungen obzuliegen, die sozusagen ihr Geheimnis bildeten. Sie warf sich dabei zur Erde nieder und demütigte sich bis in den Staub; sie seufzte und weinte bei dem Gedanken an die Gefahr des Heiles, worin die Menschen schweben, und bei der Erinnerung an so viele, deren Untergang sie voraussah. Das Gesetz des Evangeliums, das Bild der Kirche mit ihrem ganzen Verlaufe, die Leiden und Trübsale, weIche die Gläubigen erdulden mussten und bis ans Ende der Zeiten erdulden werden, alles dieses war ihr ins Herz gegraben, und sie überlegte diese Dinge mit dem Herrn und bei sich selbst. um die Mittel zur Hilfe zu finden und mittelst ihres himmlischen Lichtes und Wissens alles dem heiligsten Willen des Allerhöchsten gemäß zu ordnen. Bei diesen Anlässen gebrauchte sie jene Teilnahme am Wesen und an den Vollkommenheiten Gottes, welche ihr gegeben war, und deren sie bedurfte, um so göttliche Werke, welche das Heil und das Gedeihen der Kirche erheischte, so glücklich zustande zu bringen, wie sie tat. Denn sie versäumte auch nicht das geringste und tat alles mit einer solchen Fülle der Weisheit und Heiligkeit. dass sie, obwohl ein bloßes Geschöpf, doch mehr als ein Geschöpf zu sein schien; sie war in ihren Gedanken erhaben und unaussprechlich weise, in den Ratschlägen höchst klug, in den Urteilen höchst gerecht und zuverlässig, in den Werken überaus heilig, in den Worten wahr und lauter; kurz, in allem, was nur gut ist, war sie vollkommen und herrlich. Gegen Schwache war sie mitleidig, gegen Demütige liebevoll und sanft, gegen Stolze ernst und majestätisch. Ihre eigene Größe machte sie nicht hochfahrend, die Widerwärtigkeiten verwirrten sie nicht, die Leiden überwältigten sie nicht, kurz, in ihrem ganzen Tun und Lassen war sie das treueste Abbild ihres allerheiligsten Sohnes.

211. Ein allerdings sehr wichtiger Gegenstand erweckte ganz besonders die Aufmerksamkeit der weisesten Jungfrau. Die Jünger hatten sich im Lande zerstreut, um den Namen und den Glauben Jesu Christi, unseres Heilandes, zu verkündigen, besaßen aber keinerlei bestimmte Norm oder feste Regel, um mit sich selbst und untereinander in ihrer Predigt stets übereinstimmend zu sein, alle Verschiedenheiten oder gar Widersprüche zu meiden und den Gläubigen ein und dieselbe Lehre mit Bestimmtheit zu glauben vorzustellen. Sie erkannte überdies, dass die Apostel sich bald in die ganze Welt zerstreuen müssten, um die Kirche durch ihre Predigt auf ihr auszubreiten und zu begründen, und wie es hierzu notwendig sei, sich über die Lehre in Einklang zu setzen, auf welche das christliche Leben und die Vollkommenheit dieses Lebens gegründet werden sollte. In ihrer hohen Einsicht urteilte die Mutter der Weisheit, es sei an der Zeit, einen Abriss aller von den Aposteln zu predigenden und von den Christen zu glaubenden Wahrheiten zu verfassen ! Denn in wenige Artikel zusammengefasst, würden dieselben nicht nur leichter erlernt werden, sondern auch einen Mittelpunkt bilden, in welchem sich die ganze Kirche ohne wesentliche Verschiedenheit einigen könnte. Diese Wahrheiten sollten gleichsam die unerschütterlichen Säulen sein, auf welchen sich das neue geistige Gebäude, d.h. die Kirche des Neuen Bundes, erheben könnte.

212. Im Verlangen nach dem Zustandekommen dieses Unternehmens, dessen Wichtigkeit sie erkannte, stellte die seligste Jungfrau ihre Wünsche zunächst dem Herrn selbst vor, der ihr sie eingeflößt hatte, und verharrte mehr als vierzig Tage unter Fasten, Kniebeugungen und anderen heiligen Übungen in diesem Gebet. Als Gott das geschriebene Gesetz gab, war Moses der Mittler zwischen ihm und dem israelitischen Volke, und als solcher musste er zuvor auf dem Berg Sinai vierzig Tage lang fasten und beten (Ex 34, 28). Als das Gesetz der Gnade gegeben wurde, war dessen Urheber, nämlich unser Heiland Jesus Christus, zugleich auch der Mittler zwischen seinem himmlischen Vater und den Menschen. Die Mittlerin zwischen letzteren und ihrem allerheiligsten Sohn war aber die heiligste Jungfrau Maria. Durch Maria empfing die Kirche des Neuen Bundes das Gesetz der Gnade, das da geschrieben war in die Herzen und gefasst in die Artikel des Glaubens, welche als göttliche, unvergängliche Wahrheiten nicht geändert und umgestoßen werden können. Eines Tages nun, da sich Maria im Gebet für diese Angelegenheit befand, richtete sie folgende Worte an den Herrn: O höchster König, ewiger Gott, Schöpfer und Erhalter der ganzen Welt ! Durch deine unaussprechliche Güte hast du das herrliche Werk deiner heiligen Kirche angefangen. Deine unendliche Weisheit, o Herr, kann unmöglich wollen, dass die Werke deiner allmächtigen Hand unvollendet bleiben. So erhebe denn dieses Werk, das du so glorreich begonnen hast, zur höchsten Vollkommenheit. Mögen die Sünden der Menschen dich nicht davon abhalten, denn das Geschrei ihrer Bosheit ist nicht so laut, wie die Stimme des Blutes und des Todes Jesu Christi, deines und meines eingeborenen Sohnes. Die Stimme dieses kostbaren Blutes ruft nicht um Rache wie das Blut Abels (Gen 4,10), sondern fleht um Barmherzigkeit zu dir für jene selbst, die es vergossen haben. O Herr ! Wende deine Augen herab auf diese meine Kinder, welche Jesus Christus dir erzeugt hat, sowie auch auf alle jene, welche deine Kirche dir in den kommenden Jahrhunderten schenken wird. Erfülle mit deinem göttlichen Geist Petrus, deinen Stellvertreter, und die übrigen Apostel, damit sie die Wahrheiten, auf welchen deine Kirche ruhen soll, in geziemender Ordnung zusammenstellen können und die Kinder der Kirche wissen, was alle ohne Unterschied zu glauben haben.»

213. Um auf diese Bitten der Mutter zu antworten, stieg ihr heiligster Sohn Jesus Christus, unser Heiland, in Person vom Himmel herab, und indem er sich ihr mit unermesslicher Herrlichkeit zu erkennen gab, sprach er zu ihr: «Meine Mutter, meine Taube, was deine zärtlichen Sorgen und dein glühendes Verlangen nach Mehrung meiner Ehre und Ausbreitung meiner Kirche betrifft, so beruhige dich vollkommen. Siehe mich an. Ich bin bei dir. Ich bin derjenige, der dieser Kirche die Hilfe, deren sie bedarf, geben kann und will, und du, meine Mutter, bist ja diejenige, welche mich dazu verpflichten kann. Ich werde darum deinen Bitten und Wünschen nichts versagen.» Während der Herr diese Worte an sie richtete, lag die seligste Jungfrau in Anbetung der Gottheit und Menschheit ihres Sohnes und wahren Gottes auf ihrem Angesicht zur Erde. Danach aber richtete der göttliche Erlöser seine Mutter auf, erfüllte sie mit Freude und wunderbarem Trost, erteilte ihr seinen Segen und überströmte sie mit neuen Gaben seiner allmächtigen Hand. Er gewährte ihr noch eine Zeitlang das Glück seiner Gegenwart, besprach sich mit ihr über mehrere sehr hohe und geheimnisvolle Dinge, wodurch ihre Sorgen für die Kirche beruhigt wurden, denn er versprach ihr große Gnaden und Gaben zugunsten der Kirche.

214. Was insbesondere das Gebet Mariä für die Apostel betrifft, so verhieß ihr der Herr nicht nur, ihnen in der genauen Fassung des Glaubensbekenntnisses wirksam beizustehen, sondern er gab ihr auch die Ausdrücke, die Wendungen und die Sätze an, aus denen sie dasselbe zusammensetzen sollten. Die seligste Jungfrau wusste alles dieses zwar schon längst, wie ich im zweiten Teile ausführlicher dargetan habe (Teil 2, Nr. 733 ff), allein da nunmehr die von Gott bestimmte Zeit gekommen war, zu welcher das von ihr schon lange Vorausgewusste zur Ausführung kommen sollte, so wollte der Herr das reinste Herz seiner jungfräulichen Mutter auf ein neues damit durchdringen, damit auf diese Weise aus seinem eigenen Munde die unfehlbaren Wahrheiten hervorgingen, auf welche seine Kirche gebaut werden sollte. Es war auch geziemend, dass unsere große Herrin bei ihrer Demut aufs neue vorbereitet werde, damit sie die Gleichförmigkeit mit dem Willen ihres heiligsten Sohnes bewahrte, wenn sie sich, noch auf Erden lebend und inmitten der hörenden Kirche wandelnd, als Mutter Gottes und als Jungfrau vor und nach der Geburt bekennen hörte. Indes war bei Maria nichts zu fürchten, wenn sie auch diese ihr allein zukommende Gnadenauszeichnung verkündigen hörte, hatte sie ja doch verdient, dass Gott der Herr auf ihre Demut niederschaute (Lk 1, 48), um in ihr das größte seiner Wunder zu wirken und jedenfalls ist es etwas Größeres, Mutter und Jungfrau zu sein und es zu wissen, als diese Wahrheit in der Kirche verkündigen zu hören.

215. Hierauf nahm unser Heiland Jesus Christus von seiner Mutter Abschied, um zur Rechten des Vaters zurückzukehren. Dann gab er dem heiligen Petrus, seinem Stellvertreter, und den anderen Aposteln den Gedanken ein, gemeinschaftlich das allgemeine Glaubensbekenntnis der Kirche zu verfassen.

Diese hatten nicht sobald solche Eingebung empfangen, als sie sich auch schon zu ihrer himmlischen Lehrmeisterin verfügten, um sich mit ihr über die Nützlichkeit und Notwendigkeit einer solchen Übereinkunft zu verständigen. Man beschloss, zehn Tage mit Fasten und in beharrlichem Gebet zuzubringen, wie die Wichtigkeit der Sache es erheischte, damit sie vom Heiligen Geist erleuchtet werden möchten, wie die seligste Jungfrau schon während ganzer vierzig Tage mit Gott über diese Angelegenheit verhandelt hatte. Nachdem dann diese zehn Tage verflossen waren, vereinigten die Apostel sich in Gegenwart ihrer Mutter und Herrin, und der heilige Petrus hielt eine Anrede, worin er folgendes sagte:

216. «Meine geliebtesten Brüder ! Die göttliche Barmherzigkeit hat sich in ihrer Güte und um der Verdienste Jesu Christi unseres Erlösers willen gewürdigt, seiner heiligen Kirche großen Segen zu verleihen. Seit einiger Zeit nimmt die Zahl der Gläubigen auf eine ebenso rasche als glorreiche Weise zu, wie wir dies täglich mit Augen sehen und erfahren. Gottes mächtiger Arm hat zu diesem Zweck schon eine große Anzahl von Wundern und Zeichen gewirkt und erneuert sie noch täglich durch uns, die er, obwohl ohne all unser Verdienst, zu Werkzeugen seines göttlichen Willens und zur Verherrlichung seines heiligen Namens auserwählt hat. Neben diesen Gnaden hat er uns Trübsale und Verfolgungen von Seiten des Satans und der Welt geschickt, damit wir unserem Erlöser und unserem Haupt durch Leiden nachfolgen können, und damit das Schifflein der Kirche, durch den Ballast der Trübsale beschwert, um so sicherer den Hafen der ewigen Ruhe und Glückseligkeit erreiche. Die Jünger sind schon vor dem Zorn der Vorsteher und Priester geflohen und haben sich in die benachbarten Städte verteilt, um dort das Gesetz unseres Erlösers Jesu Christi zu verkündigen. Wir müssen nun bald ein gleiches tun und nach dem Befehl, den unser Herr uns vor seiner Himmelfahrt erteilte �(Mt 28,19), in die ganze Welt hinausgehen, dieses Gesetz zu predigen. Damit wir nun aber ein und dieselbe Lehre verkünden und das Volk ein und dieselbe Lehre glaube - denn der Glaube muss einer sein, wie auch die Taufe, wodurch man denselben empfängt, nur eine ist - so müssen wir nun, da wir hier im Namen unseres Herrn versammelt sind, die Wahrheiten und Geheimnisse feststellen, welche allen Gläubigen ausdrücklich vorgestellt und von ihnen bei allen Nationen der Welt mit Gleichförmigkeit angenommen werden müssen. Ein Versprechen des Herrn, welches nicht trügen kann, sagt uns, dass, wo immer zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, er mitten unter ihnen sein werde (Mt 18, 20). Zählen wir auf dieses Wort und hoffen wir fest, der göttliche Geist werde uns jetzt beistehen, um uns in seinem Namen über die Artikel zu verständigen, welche die heilige Kirche als Grundlage ihrer Fortdauer bis an das Ende der Zeiten annehmen muss und um diese Artikel durch ein unveränderliches Dekret bekannt zu geben.»

217. Sämtliche Apostel billigten den Vorschlag des heiligen Petrus. Dieser feierte hierauf das heilige Messopfer und reichte der seligsten Jungfrau und den anderen Aposteln die heilige Kommunion. Nachdem die heilige Messe beendet war, warfen sich alle anbetend zur Erde und riefen den Heiligen Geist an. Auch die seligste Jungfrau tat dies. Nachdem sie eine Zeitlang im Gebet verharrt hatten, vernahmen sie das nämliche starke Brausen wie damals, als der Heilige Geist zum ersten Mal über die Gläubigen herabkam. In demselben Augenblick erhellte den Speisesaal, wo sie sich befanden, ein wunderbarer Lichtglanz und alle wurden vom Heiligen Geist erleuchtet und erfüllt. Die seligste Jungfrau forderte sie nunmehr auf, jeder möge ein Geheimnis oder das, was der göttliche Geist ihm eingebe, aussprechen und erklären. Der heilige Petrus begann, und die anderen fuhren fort. indem sie sich also aussprachen:

Der heilige Petrus: Ich glaube an Gott den Vater, den allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erde.

Der heilige Andreas: Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn.

Der heilige Jakobus der Ältere: Der empfangen ist von dem Heiligen Geiste, geboren aus Maria, der Jungfrau.

Der heilige Johannes: Der gelitten hat unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben.

Der heilige Thomas: Abgestiegen zu der Hölle, am dritten Tage wieder auferstanden von den Toten.

Der heilige Jakobus der Jüngere: Aufgefahren in den Himmel, sitzt er zur rechten Hand Gottes, des allmächtigen Vaters.

Der heilige Philippus: Von dannen er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten.

Der heilige Bartholomäus: Ich glaube an den Heiligen Geist.

Der heilige Matthäus: Eine heilige, katholische Kirche, Gemeinschaft der Heiligen.

Der heilige Simon: Nachlass der Sünden.

Der heilige Thaddäus: Auferstehung des Fleisches.

Der heilige Matthias: Ein ewiges Leben. Amen. (Die allgemeine Überlieferung bezeichnet die heiligen Apostel als die Verfasser dieses Glaubensbekenntnisses und darum heißt es das apostolische. Der Übersetzer).

218. Dieses Glaubensbekenntnis, das wir gewöhnlich den Glauben oder das Credo nennen, verfassten die Apostel nach dem Martyrertod des heiligen Stephanus, bevor noch ein Jahr nach dem Tod unseres Erlösers verflossen war. In der Folge hat die heilige Kirche, um die Ketzerei des Arius und anderer Irrlehrer zu widerlegen, auf den Konzilien, welche sie gegen ihn hielt, die im apostolischen Glaubensbekenntnis enthaltenen Wahrheiten ausführlicher erklärt und so jenes Glaubensbekenntnis oder Credo verfasst, welches in der heiligen Messe gesungen wird. Aber beide sind dem Wesen nach dasselbe und enthalten die vierzehn (siehe Teil 2, Anmerkung zu Nr. 809) Artikel, welche uns die christliche Lehre vorstellt, um uns in den Glauben einzuführen, den wir, um selig zu werden, bekennen müssen. Als die Apostel mit dem Aussprechen des Symbolums zu Ende waren, bestätigte der Heilige Geist es durch eine Stimme, welche von der ganzen Versammlung gehört wurde und welche sprach: «Ihr habt gut entschieden.» Darauf brachte die Himmelskönigin mit den Aposteln Gott dem Allerhöchsten ihren Dank dar, und sie dankte dann auch den Aposteln, weil sie den Beistand des Heiligen Geistes verdient hatten, um als seine Organe mit soviel Weisheit zur Ehre des Herrn und zum Besten der Kirche zu sprechen. Um sodann die Gläubigen durch ihr Beispiel zu bestärken, warf sich die weiseste Lehrmeisterin zu den Füßen des heiligen Petrus nieder und legte laut das Bekenntnis des heiligen katholischen Glaubens ab, wie er in dem soeben ausgesprochenen Glaubensbekenntnis enthalten ist. Sie tat dies nicht nur in ihrem eigenen Namen, sondern auch für alle Kinder der Kirche, und darauf sich an den heiligen Petrus wendend, sprach sie: «Mein Gebieter, welchen ich als den Stellvertreter meines allerheiligsten Sohnes erkenne, ich armseliger Erdenwurm bekenne und beschwöre in meinem Namen und im Namen aller Gläubigen der Kirche alles das, was ihr soeben als unfehlbare und göttliche Wahrheit des katholischen Glaubens erklärt habt. Um dieser Wahrheit willen lobe und beneide ich den Allerhöchsten, von dem sie ausgegangen ist.» Darauf küsste sie dem Stellvertreter Jesu Christi und den anderen Aposteln ehrfurchtsvoll die Hände und war so die erste, welche nach Festsetzung der Glaubensartikel durch die Apostel in der Kirche das Bekenntnis auf dieselben ablegte.

LEHRE, welche mir die große Königin der Engel gegeben hat

219. Meine Tochter, zu deiner ferneren Belehrung und zu deinem Trost will ich dir über das, was du in vorstehendem Hauptstück niedergeschrieben hast, noch einige Geheimnisse hinsichtlich meines Wirkens offenbaren. Wisse, dass, nachdem die Apostel das Glaubensbekenntnis verfasst hatten, ich es täglich oftmals auf den Knien und mit tiefster Ehrfurcht gebetet habe. Beim Aussprechen des Artikels: «Geboren aus Maria, der Jungfrau» warf ich mich mit soviel Demut, Dankbarkeit und Preis des Allerhöchsten zur Erde, dass kein Geschöpf imstande ist, es zu begreifen. Indem ich diese Akte machte, gedachte ich an alle Menschen und opferte sie in deren Namen auf, um die Unehrerbietigkeit zu sühnen, womit sie diese verehrungswürdigen Worte aussprechen. Auf mein Ansuchen geschah es, dass Gott der heiligen Kirche eingab, so oft im göttlichen Offizium das Credo, das Paternoster und das Ave Maria zu sprechen. Durch meine Vermittlung geschah es auch, dass in den geistlichen Orden die Gewohnheit eingeführt wurde, sich während dieser Gebete öfters zu verneigen, und der Gebrauch, dass alle Gläubigen sich bei den Worten des Credo: «Und er ist Fleisch geworden - et incarnatus es!» - auf die Knie werfen. Denn auf diese Weise bezahlt die Kirche wenigstens teilweise, was sie dem Herrn dafür schuldet, dass er ihr diese Erkenntnis verliehen, und dankt ihm wenigstens in etwas für die verehrungswürdigen Geheimnisse, die er für uns gewirkt und die das Symbolum uns lehrt.

220. Meine Engel pflegten mir auch oftmals das Credo mit so himmlischer Harmonie und Lieblichkeit zu singen, dass mein Geist darob im Herrn frohlockte. Andere Male sangen sie mir das Ave Maria bis zu den Worten: «Und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.» Beim Aussprechen des allerheiligsten Namens Jesus und des Namens Maria machten sie eine sehr tiefe Verneigung. Dadurch erweckten sie in mir nur um so mehr die Gefühle der Demut und der Liebe, und ich erniedrigte mich dabei jedes Mal bis zum Staub, indem ich die Größe des göttlichen Wesens und die Geringfügigkeit und das Irdische des meinigen anerkannte. Meine Tochter, sei denn auch du tief von der Verehrung durchdrungen, mit weIcher du das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser und das Gegrüßt seist du, Maria aussprechen sollst und hüte dich wohl, in die plumpe Unehrerbietigkeit zu verfallen, deren sich viele Gläubigen hierin schuldig machen. Das oftmalige Wiederholen dieser Gebete und dieser göttlichen Worte in der Kirche kann kein Grund sein, die Ehrfurcht außer acht zu lassen, welche man denselben schuldet. Allein woher kommt diese vermessene Nachlässigkeit? Sie kommt daher, weil man diese Gebete nur mit den Lippen ausspricht, ohne ernstlich zu bedenken, was sie besagen und enthalten. Was daher dich, meine Tochter, betrifft, so will ich, dass du diese Gebete zum beständigen Gegenstand deiner Betrachtung machest. Zu diesem Zweck hat dir auch der Herr jene Vorliebe für den christlichen Unterricht gegeben, welche du fühlst. Es gefällt mir und meinem Sohn sehr, dass du einen Abriss der Glaubenswahrheiten beständig bei dir trägst und denselben oftmals zu lesen gewohnt bist. Ich gebe dir hiermit den Befehl, dass du dies von heute an täglich tust. Rate auch deinen Untergebenen, ein gleiches zu tun. Ein solches Buch ist ein Juwel, der die Bräute Christi ziert und alle Gläubigen sollten es tragen.

221. Eine weitere Lehre für dich liegt in der Sorgfalt, die ich trug, das Glaubensbekenntnis, sobald dies in der Kirche nötig wurde, auch niederschreiben zu lassen. Es ist eine sehr tadelnswerte Trägheit, wenn man zwar weiß, was die Ehre und der Dienst Gottes sowie das eigene Seelenheil erfordert, es aber nicht sogleich ins Werk setzt oder nicht wenigstens allen Fleiß anwendet, in Ausübung zu bringen. Dies ist für die Menschen um so schmachvoller, da sie, wenn ihnen eine zeitliche Sache abgeht, sogleich voll Unruhe sind und sogleich den Herrn bitten, ihnen dieselbe zu gewähren, wie z. B. die Genesung von einer Krankheit oder die Früchte des Feldes oder andere, noch weniger notwendige, ja oft überflüssige und gefährliche Dinge. Und dies eben zu der Zeit, da sie in Bezug auf viele Verpflichtungen, die sie offenbar als den Willen oder das Wohlgefallen Gottes erkennen müssen, sich harthörig steIlen oder gar mit einer für Gott beleidigenden Sorglosigkeit die Ausführung auf ein ungewisses «Späterhin» verschieben. Hüte dich ja, meine Tochter, in diese Unordnung zu verfallen. Bedenke, wie sehr ich mich bemühte, alles zu tun, was für die Kinder der Kirche notwendig war, und trachte nach meinem Vorbild, in allem, was du als den Willen Gottes und entweder für dein eigenes Heil oder für das des Nächsten als notwendig erkennst, eine gewissenhafte Pünktlichkeit zu beobachten.

DREIZEHNTES HAUPTSTÜCK: Verbreitung des Symbolums. Trennung der Apostel

Maria lässt das Glaubensbekenntnis den Jüngern und anderen Gläubigen zusenden: diese wirken mit demselben große Wunder. Man beschließt die Verteilung der ganzen Welt an die Apostel. Andere Werke der großen Königin des Himmels.

222. Die weiseste Jungfrau Maria war in Leitung ihrer Familie, der heiligen Kirche, von unermüdlicher Sorgfalt und Wachsamkeit. Sie bewährte sich dabei wahrhaft als jene starke Frau, von der der Weise (Spr 31, 27) sagt: «Sie hat acht auf die Wege ihres Hauses, und isst ihr Brot nicht müßig.» Unsere große Königin betrachtete und erkannte diese Wege mit der ganzen Fülle ihrer Wissenschaft. Sie blieb stets geschmückt mit dem Purpur der göttlichen Liebe und dem glänzenden Weiß einer unvergleichlichen Unschuld. Und da ihr dabei nichts unbekannt war, so unterließ sie auch nichts, was den Leuten ihres Hauses, d.h. den Gläubigen, nottun konnte. Sobald daher das Apostolische Glaubensbekenntnis verfasst war, fertigte sie davon teils eigenhändig, teils durch den Dienst der Engel, die ihr dabei als Sekretäre dienten, unzählige Abschriften und ließ dieselben unverweilt an die in Palästina zerstreuten und dort predigenden Jünger gelangen. Sie übermittelte einem jeden nebst mehreren zum Verteilen bestimmten Exemplaren einen besonderen Brief, worin sie mitteilte, auf welche Art und Weise die Apostel das Glaubensbekenntnis entworfen und geordnet hatten, und dass es nunmehr die Grundlage ihrer Unterweisungen und Predigten bilden und von allen, welche zum Glauben gelangen, angenommen und bekannt werden müsse.

223. Weil von den auswärts befindlichen Jüngern sich einige in weiter Ferne, andere in der Nähe aufhielten, sandte Maria das Symbolum mit ihrer Anweisung den letzteren durch andere Gläubige, welche das Überbringen auf sich nahmen den ersteren aber durch den Dienst ihrer Engel. Diese erschienen einigen und zwar den meisten der Jünger sichtbar und besprachen mit denselben, was sie zu sagen hatten. Anderer jedoch erschienen sie nicht sichtbar, sondern gaben ihnen unbemerkt die zusammengefalteten Schriften in die Hand, redeten ihnen aber so wunderbarerweise zu Herzen, dass sie, in dem sie die geheimnisvollerweise überbrachten Briefe mit den erhaltenen inneren Einsprechungen in Verbindung brachten, den Ursprung der Botschaften erkannten. Außer den Maßregeln, welche Maria persönlich traf, befahl sie auch den Aposteln, in Jerusalem und an andern Orten die Abschriften des Glaubensbekenntnisses, welche verfertigt worden waren, zu verteilen und den Gläubigen die Ehrfurcht einzuschärfen, die sie für die erhabenen darin enthaltenen Geheimnisse hegen müssten: Man solle den Gläubigen mit Nachdruck einprägen, dass Christus der Herr dessen Zusammenstellung veranlasst und geleitet habe. Er habe nämlich den Heiligen Geist gesendet, um es den Aposteln einzugeben und zu bestätigen. Kurz, man solle den ganzen Hergang, sowie überhaupt alles anführen, was nötig und dienlich sei, um alle zu überzeugen, dieser und kein anderer sei der unveränderliche und unfehlbare Glaube, welchen man zur Erlangung der Gnade und des ewigen Lebens in der Kirche annehmen, bekennen und verkünden müsse.

224. Durch diese Vorkehrungen wurde das Glaubensbekenntnis der Apostel in wenigen Tagen zu unglaublichem Nutzen und zum allgemeinen Trost unter den Gläubigen der Kirche verbreitet. Denn bei dem großen Eifer, der im ganzen herrschte, nahmen alle dieses Himmelsgeschenk mit hoher Andacht und Verehrung auf. Auch bekräftigte der Heilige Geist, der es zur Festigung der heiligen Kirche eingegeben hatte, dasselbe unverzüglich durch neue Wunder und Zeichen welche nicht allein die Apostel und Jünger, sondern auch viele andere einfache Gläubige mittelst desselben wirkten. Viele welche das Schreiben mit einer besonderen Verehrung und Zuneigung entgegennahmen, empfingen in sichtbarer Gestalt den Heiligen Geist, indem sie von einem göttlichen Licht äußerlich umgeben und innerlich mit göttlichen Wirkungen erfüllt wurden. Dieses Wunder erweckte in anderen den brennender Eifer, gleichfalls das verehrungswürdige Glaubensbekenntnis zu besitzen. Einige, die das schriftliche Glaubensbekenntnis Kranken, Verstorbenen und Besessenen auflegten, gaben dadurch den einen die Gesundheit, den anderen das Leben wieder und trieben aus den Besessenen die bösen Geister aus. Unter andern Wundern geschah es eines Tages, dass ein ungläubiger Jude, der einen Katholiken mit Andacht das Credo lesen hörte und mit Wut über denselben herstürzte, um es ihm aus den Händen zu reißen, bevor er sein Vorhaben ausführen konnte, tot zu des Katholiken Füßen hinfiel. Alle Erwachsenen, welche die Taufe empfingen, mussten fortan nach Empfang derselben das apostolische Glaubensbekenntnis ablegen, und während sie es ablegten, kam der Heilige Geist in sichtbarer Weise auf sie herab.

225. Auch die Mitteilung der Sprachengabe durch den Heiligen Geist war in jener Zeit eine ebenso konstante als notorische Tatsache. Sie dauerte nicht bloß in denjenigen, die sie am Pfingstfest erhalten hatten, fort, sondern wurde auch nachher vielen Gläubigen zuteil und diese leisteten nun Beihilfe in der Predigt oder im Unterricht der Neubekehrten. Und auch sie wurden, wenn sie zu einer Zuhörerschaft aus verschiedenen Nationalitäten sprachen, von einer jeden derselben in deren eigener Mundart vernommen, obwohl sie sich nur der hebräischen Sprache bedienten. Sprachen sie aber zu einer Versammlung von Personen, die einer Nation angehörten oder ein und dieselbe Sprache redeten, so gebrauchten sie diese Sprache, wie ich oben (Nr. 83) gesagt habe, da von der Ankunft des Heiligen Geistes am Pfingsttag die Rede war. Die Apostel wirkten überdies noch viele andere Wunder. Denn wenn sie den neuen Gläubigen die Hände auflegten oder durch das Sakrament der Firmung sie im Glauben bestärkten, kam ebenfalls der Heilige Geist auf sie herab (Apg. 5 und 6). Kurz, der Allerhöchste wirkte in jenen Anfängen der Kirche so viele Wunder, dass viele Bände notwendig wären, um alle zu berichten. Der heilige Lukas hat die bemerkenswertesten davon in der Apostelgeschichte aufgezeichnet, damit nicht alle der Kirche unbekannt bleiben. Weil er aber nicht alle in seinen kurzen Bericht aufnehmen konnte, so hat er in Bezug auf diese Wunder im allgemeinen beigefügt, dass deren viele geschehen seien (Apg 5,12).

226. Während ich alles dieses vernahm und niederschrieb, konnte ich nicht umhin, über die große Freigebigkeit zu staunen, mit welcher der Allmächtige so oft den Heiligen Geist in sichtbarer Gestalt den Gläubigen der ersten Kirche gesendet hat. Es wurde mir aber darauf folgende Antwort gegeben: Erstens sei dies geschehen, um anzuzeigen, welch hohen Wert Gott in seiner Weisheit, Macht und Güte darauflege, die Menschen zur Teilnahme an seiner Gottheit in der ewigen Herrlichkeit und Seligkeit zu erheben. Wie nämlich das ewige Wort, um uns hierzu zu führen, vom Himmel kam und ein sichtbares Fleisch annahm, in welchem es sich uns mitteilen und für uns leiden konnte, so wollte auch die dritte Person der Gottheit so oft sichtbar auf die ihr entsprechende Weise über die Kirche herabsteigen, um sie fest zu begründen und sie mit unwidersprechlichen Zeugnissen der Macht Gottes und seiner Liebe zu ihr zu versehen. Zweitens fand ehemals die sichtbare Erscheinung des Heiligen Geistes so häufig statt, weil in jenen ersten Zeiten das Leiden und der Tod Jesu Christi, unterstützt durch die Gebete und die Fürsprache der seligsten Jungfrau, sozusagen noch ganz neu waren und deshalb, nach unserer Vorstellungsweise zu sprechen, vor dem ewigen Vater mit größerem Nachdruck wirkten. Damals waren noch nicht die vielen und überaus schweren Sünden dazwischen getreten, welche die Kinder der Kirche nachmals begingen, und durch welche sie den göttlichen Gnadeneinflüssen und dem Wirken des Heiligen Geistes ebenso viele Hindernisse entgegensetzten. Diese Sünden sind die Ursache, warum der Heilige Geist seine Liebe gegen die Menschen in jetziger Zeit nicht mehr so augenscheinlich offenbart, wie er es in den Anfängen der Kirche getan hat.

227. Schon war ein Jahr seit dem Tod des Erlösers verflossen, als die Apostel auf eine göttliche Einsprechung hin, dass nun die Zeit gekommen sei, den Heiden den Namen Gottes zu verkündigen und sie den Weg des Heils zu lehren, den Beschluss fassten, in die ganze Welt hinauszugehen und den heiligen Glauben zu predigen. Um aber zu wissen, wie sie nach dem göttlichen Willen die Reiche und Provinzen verteilen sollten, in welchen ein jeder zu predigen habe, so beschlossen sie, wiederum auf den Rat der Himmelskönigin, zehn aufeinanderfolgende Tage hindurch zu fasten und zu beten. Denn diesen heiligen Gebrauch behielten sie von der Zeit an, da sie die zehn Tage von Christi Himmelfahrt bis zur Ankunft des Heiligen Geisten in Gebet und Fasten ausgeharrt hatten, bei allen wichtigen Angelegenheiten standhaft bei. Nachdem diese Übungen beendet waren, feierte der Stellvertreter Christi am letzten Tag das heilige Messopfer und spendete der seligsten Jungfrau und den elf Aposteln den Leib des Herrn, wie es nach unserem Bericht im vorausgehenden Hauptstück bei Feststellung des Glaubensbekenntnisses geschehen war. Nach der heiligen Messe verrichteten alle mit der seligsten Jungfrau ein inbrünstiges Gebet und riefen mit großem Eifer den Heiligen Geist an, dass er ihnen beistehen und seinen heiligen Willen in dieser Angelegenheit offenbaren möge.

228. Darauf ergriff der heilige Petrus das Wort und sprach: «Geliebteste Brüder ! Werfen wir uns vor allem vor dem gegenwärtigen Gott nieder und bekennen wir von ganzem Herzen und mit tiefer Ehrfurcht unseren Herrn Jesus Christus als wahren Gott, als unseren Meister und als Erlöser der Welt; bekennen wir mit lauter Stimme seinen heiligen Glauben, wie er in dem uns vom Heiligen Geist gegebenen Symbolum enthalten ist und opfern wir uns zur Erfüllung seines heiligsten Willens auf.» Alle taten, wie Petrus gesagt, sprachen das Credo und fuhren dann vereint mit dem heiligen Petrus also fort: «Allmächtiger, ewiger Gott, wir verächtlichen Erdenwürmer und armseligen Menschen, die aber Jesus Christus, unser Herr, in seiner Güte sich erwählen wollte, um in der ganzen Welt seine Lehre zu verkünden, sein Gesetz zu predigen und seine Kirche zu begründen, wir werfen uns, ein Herz und eine Seele, vor deiner göttlichen Gegenwart nieder. Um Deinen ewigen und heiligen Willen zu erfüllen, bieten wir uns freudig an, alles zu leiden und selbst unser Leben hinzugeben, indem wir auf diese Weise selbst unseren heiligen Glauben bekennen und Ihn, wie unser anbetungswürdiger Meister Jesus Christus uns befohlen hat, auf der ganzen Welt verkündigen wollen. Für diese unsere Sendung wollen wir uns gerne Arbeiten, Beschwerden und Trübsalen allerart und, wenn es notwendig ist, selbst dem Tod unterziehen. Allein wir misstrauen unserer Schwachheit, o Herr, und bitten Dich deshalb, du wollest Deinen göttlichen Geist auf uns herab senden, damit er uns regiere, unsere Schritte auf den rechten Weg, nämlich den der Nachfolge unseres Meisters, führe, uns mit neuer Kraft heimsuche und uns jetzt kund tue, in welche Reiche und Provinzen wir nach Deinem höchsten Wohlgefallen uns zur Verkündigung Deines heiligen Namens zu verteilen haben.»

229. Nachdem dieses Gebet beendet war, kam über den Speisesaal ein wunderbares Licht herab, welches alle umhüllte; zugleich vernahm man eine Stimme, welche sprach: «Petrus, mein Stellvertreter, soll einem jeden seine Provinz bestimmen, welche sein Los zu bilden hat. Ich selbst werde ihn dabei mit meinem Licht erleuchten und mit meinem Geiste leiten.» Der Grund, weshalb Christus der Herr dem heiligen Petrus diese Ernennung übertrug, war, weil er ihn bei diesem Anlass neuerdings in der Gewalt bestätigen wollte, die er ihm als dem Haupt und allgemeinen Hirten der ganzen Kirche schon zuvor übergeben hatte. Was die übrigen Apostel betrifft, so wollte Christus ihnen dadurch zu verstehen geben, dass die Gründung der Kirchen auf der ganzen Welt stets in der Abhängigkeit von dem heiligen Petrus und seinen Nachfolgern zu geschehen habe, welchen sie als den Statthaltern Jesu Christi stets unterworfen und untergeordnet bleiben müssten. Wirklich verstanden es auch alle so und nicht anders, wie es auch mir ausdrücklich als der Wille Gottes zu erkennen gegeben wurde. Zur Ausführung desselben und nach Anhörung obiger Stimme begann sodann der heilige Petrus die Verteilung der Provinzen, indem er für seine eigene Person erklärte: «Ich, Herr, opfere mich auf, um in der Nachfolge meines Meisters und Erlösers zu leiden und zu sterben und so seinen heiligen Namen zu verkünden. Jetzt werde ich in Jerusalem bleiben. Hernach werde ich in die asiatischen Provinzen Pontus, Galatien, Bithynien und Kappadozien ziehen. Meinen Amtssitz werde ich zuerst in Antiochien und dann zu Rom nehmen, wo ich den Lehrstuhl unseres Erlösers Jesu Christi errichten werde, damit dort das Haupt seiner Kirche seinen Wohnsitz habe.» Der heilige Petrus sprach dieses, weil er vom Herrn den Befehl erhalten hatte, die römische Kirche als seinen Sitz und als das Haupt der ganzen katholischen Kirche zu erklären. Denn nimmermehr würde sonst der heilige Petrus eine Maßregel von solcher Wichtigkeit getroffen haben.

230. Darauf fuhr der heilige Petrus fort und sprach: «Der Diener Jesu Christi, unser geliebtester Bruder Andreas, wird dem Herrn nachfolgen und den heiligen Glauben predigen in folgenden Provinzen: im europäischen Szythien, in Epirus und Thrazien. Von der Stadt Patras in Achaja aus wird er diese Provinz und die andern Gegenden seines Anteiles so weit verwalten, als dies in seiner Macht steht.»

«Der Diener Jesu Christi, unser geliebtester Bruder Jakobus der Ältere, wird dem Herrn als Glaubensverkündiger nachfolgen in Judäa, Samaria und Spanien, von wo er wieder in diese Stadt Jersualem zurückkehren wird, um die Lehre unseres göttlichen Meisters zu predigen.»

«Der geliebteste Bruder Johannes wird dem Willen unseres Erlösers und Meisters gehorchen, wie der Herr ihm denselben am Kreuz geoffenbart hat. Er wird alle Pflichten eines Sohnes gegen unsere große Mutter und Königin erfüllen. Er wird ihr mit kindlicher Ehrfurcht dienen und beistehen, ihr das allerheiligste Sakrament der Eucharistie spenden und in unserer Abwesenheit auch für die Gläubigen Jerusalems Sorge tragen. Wenn sodann unser Gott und Heiland seine gebenedeite Mutter zu sich wird in den Himmel aufgenommen haben, wird Johannes als Nachfolger seines Meisters in Kleinasien das Wort Gottes verkündigen und die dortigen Kirchen von der Insel Patmos aus regieren, wohin er als Verbannter gehen wird.»

«Der Diener Christi, unser geliebtester Bruder Thomas, wird dem Herrn nachfolgend das Evangelium verkündigen in Indien und Persien, bei den Parthern, Medern, Hyrkanern, Brahmanen und Baktriern. Er wird die drei Könige taufen und sie in allem unterrichten. Sie selbst harren darauf und werden ihn daher aufsuchen lassen, sobald sie den Ruf von seiner Predigt und seinen Wundern hören werden.»

«Der Diener Christi, unser geliebtester Bruder Jakobus der Jüngere, wird dem Herrn nachfolgen, indem er die Kirche von Jerusalem als Hirt und Bischof leitet und von dort aus den Juden predigt. Auch wird er der Gehilfe des heiligen Johannes in dem Dienste der erhabenen Mutter unseres Erlösers sein.»

«Der Diener Christi, unser geliebtester Bruder Philippus, wird dem Herrn nachfolgen, indem er in den Provinzen Phrygien, dem asiatischen Szythien und in der Stadt Hierapolis in Phygien das Wort Gottes verkündet.»

«Der Diener Christi, unser geliebtester Bruder Bartholomäus, wird dem Herrn nachfolgen, indem er sich zuerst nach Asien wendet und in jenem Teil von Kappadozien predigt, der Lykaonien genannt wird. Von da wird er in das diesseitige Indien und endlich nach Klein-Armenien gehen.»

«Der Diener Christi, unser geliebtester Bruder Matthäus, wird zuerst die Hebräer unterweisen und dann seinem Meister nachfolgen, indem er in Ägypten und Äthiopien das Evangelium verkündigt.»

«Der Diener Christi, unser geliebtester Bruder Simon, wird dem Herrn als Prediger in Babylonien, in Persien und im Königreiche Ägypten nachfolgen.»

«Der Diener Christi, unser geliebtester Bruder Judas Thaddäus, wird dem Herrn nachfolgend zuerst in Mesopotamien predigen und sich dann mit Simon vereinigen, um in Babylonien und Persien das Evangelium zu verkünden.»

«Der Diener Christi, unser geliebtester Bruder Matthias, wird dem Herrn nachfolgen und den heiligen Glauben im innern Äthiopien und in Arabien predigen und dann nach Palästina zurückkehren.»

«Möge der Geist des Allerhöchsten uns alle leiten, führen und regieren, damit wir an allen Orten und zu jeder Zeit seinen heiligen und vollkommenen Willen tun. Möge er uns nun seinen Segen schenken, wie ich in seinem Namen ihn allen erteile. (Diese Angaben findet man auch in den Lektionen der 2. Nokturn im röm. Brevier bei den verschiedenen AposteIfesten. Siehe auch Baronius. Annal. eccl. ad anno 44. X. ff. - In manchen Kirchen wird ein Fest mit Offizium und Messe von der Verteilung der Apostel gefeiert. Der Herausgeber).

231. Kaum hatte der heilige Petrus diese seine Rede beendet, als man ein mächtiges Donnern hörte und der Speisesaal zum Zeichen der Gegenwart des Heiligen Geistes von einem großen Lichtglanz erfüllt wurde. Aus dem Licht vernahm man eine sanfte und starke Stimme, welche sprach: «Es nehme ein jeder das Los an, das ihm zugefallen ist.» Da warfen sich alle zur Erde nieder und sprachen einmütig: «Herr, Gott, Allerhöchster ! Auf dein Wort und deines Stellvertreters Wort werden wir mit Bereitwilligkeit und Freudigkeit gehorchen, und unser Geist ist inmitten deiner wunderbaren Werke voll Jubel und himmlischer Süßigkeit.» Ein so demütiger und williger Gehorsam, wie ihn hier die Apostel dem Stellvertreter unseres Heilandes Jesu Christi erwiesen, war zwar schon eine Wirkung der feurigsten Liebe, womit sie für den Glauben zu sterben verlangten. Allein andererseits war dieser Gehorsam in der Hand Gottes auch wieder ein Mittel, wodurch er sie für eine jetzt zu erneuernde Ausgießung des Heiligen Geistes vorbereitete. Es war die Zeit gekommen, da sie in der Gnade und den schon empfangenen Gaben befestigt und mit neuen beschenkt werden sollten. Ein neues Licht, das sie nun empfingen, verlieh ihnen die Kenntnis der Nationen und Provinzen, welche der heilige Petrus einem jeden zugeteilt hatte. Sie erhielten Kenntnis von den besonderen Sitten und Gebräuchen der Bewohner und eine so genaue Anschauung der Länder, als hätte man eine sehr genaue Spezialkarte derselben vor ihren Augen ausgebreitet. Überdies gab ihnen der Herr eine besondere Kraft, um alle möglichen Beschwerden zu ertragen, und eine große Behendigkeit, die Länder zu durchziehen; außerdem wurden auch die Engel oftmals beauftragt, den Aposteln auf ihren Reisen hilfreich zur Seite zu stehen. Auch waren die Apostel vom Feuer der göttlichen Liebe innerlich so entzündet, dass sie Seraphim zu sein schienen, erhaben über die Kräfte und die Ordnung der menschlichen Natur.

232. Die preiswürdige Königin der Engel, welche bei diesen Vorgängen zugegen war, erkannte deutlich alles, was die Macht Gottes in den Aposteln und in ihr selbst wirkte. Denn sie, die in unaussprechlich hohem Grade über die andern Geschöpfe erhaben war, empfing bei dieser Gelegenheit auch einen reicheren Anteil an den Einwirkungen Gottes als alle andern zusammengenommen, und einen Zuwachs an Gaben, wie er der Höhe ihrer Stellung und ihrem Vorrang vor allen anderen geschaffenen Wesen entsprach. So erneuerte der Herr im reinsten Geist seiner Mutter die eingegossene Kenntnis aller Geschöpfe und namentlich aller Reiche und aller Nationen, zu welchen die Apostel gehen sollten. Maria wusste alles, was die Apostel wussten, ja sie wusste mehr als sie alle, denn sie empfing die individuelle Erkenntnis aller Personen, denen die Apostel in allen Reichen den christlichen Glauben predigen sollten. Kraft dieser Erkenntnis wusste sie alles, was auf dem ganzen Erdkreis geschah, und kannte dessen Bewohner alle so gut, wie sie ihr Betkämmerchen und die Personen kannte, die in dasselbe eintraten.

233. Diese Wissenschaft war eine solche, wie sie der höchsten Lehrmeisterin, Mutter, Führerin und Herrin der Kirche geziemte. Der Allmächtige hatte ja, wie ich schon oft gesagt habe und noch oftmals werde sagen müssen, die Kirche den Händen Mariä anvertraut. Darum musste auch Maria für alle Sorge tragen, angefangen von den Höchsten an Heiligkeit bis zu den Niedrigsten, und nicht am wenigsten für die Sünder, diese elendesten Kinder Evas. Und wenn keiner eine Gnade vom Sohn empfangen sollte, es sei denn durch die Hände der Mutter, so war es notwendig, dass diese getreueste Ausspenderin aller göttlichen Gaben alle Glieder ihrer Familie kenne, für deren Heil sie als Mutter, und als eine solche Mutter zu sorgen hatte. Darum besaß diese große Herrin nicht bloß die eingegossenen Bilder und Kenntnisse, welche ich schon genannt habe, sondern sie hatte außerdem auch die aktuelle Kenntnis von allem, was geschah, wann und wo die Apostel und Jünger predigten und wirkten. Sie kannte die Gefahren, die ihnen drohten, und die Schlingen, welche ihnen vom Satan gelegt wurden, sowie die Gebete, welche sie oder die Gläubigen verrichteten, damit sie denselben durch ihre mächtige Fürbitte, oder durch ihre Engel. oder auch in eigener Person zu Hilfe kommen möchte, was sie denn auch bald in der einen, bald in der andern Weise tat, wie wir in der Folge sehen werden.

234. Hier will ich nur noch erwähnen, dass unsere Königin außer dieser eingegossenen Wissenschaft, vermöge welcher sie alle Dinge durch Erkenntnisbilder kannte, noch eine andere Art Erkenntnis davon besaß: sie schaute nämlich vermöge einer ununterbrochen fortdauernden abstraktiven Vision der Gottheit alle Dinge zugleich auch im Herrn. Zwischen diesen beiden Erkenntnisweisen fand aber ein Unterschied statt:

Wenn sie die Mühsale der Apostel und der übrigen Kinder der Kirche in Gott schaute, so hatte sie dabei weder Schmerz noch irgend ein fühlbares Mitleid zu dulden, da diese Vision mit großer Wonne verbunden und dem Zustand der Beseligung ähnlich war. Ganz anders aber war es, wenn die mitleidsvolle Mutter jene Mühsale durch Erkenntnisbilder sah, denn in diesem Fall empfand und beweinte sie dieselben mit dem schmerzlichen Mitgefühl einer Mutter.

Gott der Herr verlieh ihr eben während der Zeit ihrer irdischen Pilgerschaft diese Erkenntnis zu dem Zweck, damit es ihr niemals an Gelegenheit zu Verdiensten und zur Übung der Vollkommenheit fehle. Bei dieser Fülle von eingegossenen Erkenntnisbildern besaß sie übrigens eine solche Herrschaft über ihre Seelenkräfte, dass sie, wie schon oben bemerkt wurde, nur solche erworbene Vorstellungen zuließ, welche zum Leben, zu einem Werke der Liebe oder zur vollkommenen Übung der Tugenden notwendig waren. Diese Gnadenausrüstung und Schönheit der Himmelskönigin war den Augen der Engel und Heiligen des Himmels nicht verborgen. Sie nahmen davon Anlass, voll Bewunderung den Allerhöchsten zu verherrlichen und zu lobpreisen, weil er alle seine Vollkommenheiten in so würdiger Weise an Maria geoffenbart hatte.

235. Bei dieser Gelegenheit betete Maria vom tiefsten Grund ihres Herzens für die Apostel, damit sie die Ausdauer und Kraft erhielten, den ganzen Erdkreis predigend zu durchziehen. Der Herr versprach ihr, er werde den Aposteln seinen Schutz und Beistand angedeihen lassen, um in ihnen und durch sie die Herrlichkeit seines Namens zu offenbaren. Zuletzt werde er ihnen einen ihrer Arbeiten und Verdienste würdigen Lohn verleihen. Voll Freude und Dank für diese Verheißung ermahnte Maria die Apostel. Gott auch ihrerseits dafür zu danken und dann mit Mut und Vertrauen zur Bekehrung des Erdkreises auszuziehen. Sie fuhr noch eine Zeitlang fort, ebenso zärtlich als ermutigend zu ihnen zu reden. Kniefällig dankte sie ihnen im Namen ihres Sohnes für den Gehorsam, den sie der Mutter um des Sohnes willen erwiesen, sowie für den Eifer für die göttliche Ehre und die Rettung der Seelen, für deren Bekehrung sie sich aufopferten. Dann küsste sie einem jeden Apostel ehrfurchtsvoll die Hand, versprach ihnen, sich beim Herrn angelegentlichst für sie zu verwenden und zu bemühen, und bat sie schließlich ihrer Gewohnheit gemäß um den priesterlichen Segen, den ihr auch sämtliche erteilten.

236. Einige Tage nach geschehener Verteilung der Provinzen begannen die Apostel nach und nach Jersualem zu verlassen, namentlich diejenigen, denen Palästina zugefallen war, unter welchen der heilige Jakobus der Ältere der erste war. Die anderen blieben noch etwas länger in Jerusalem, denn es war der Wille des Herrn, dass der Glaube an seinen heiligen Namen dort zuerst und mit größter Kraft und mit einer überströmenden Gnadenfülle gepredigt werde. Die Juden mussten zuerst zu jenem Hochzeitsmahl, von welchem im Evangelium die Rede ist (Mt 22,1 ff), gerufen und gleichsam gezogen werden, damit sie, wenn sie nur wollten, dabei erscheinen könnten (Apg 13, 46). Denn so undankbar sich dieses Volk im Vergleich zu den Heiden gegen die Wohltat der Erlösung auch zeigte, so ist und bleibt es doch wahr, dass es mit Vorzug zu deren Genuss berufen war. Hierauf begann die allgemeine Abreise nach den verschiedenen, den Aposteln zugefallenen Provinzen. Immerhin jedoch richteten sie sich auch hierbei nach den Umständen und nach den Bedürfnissen des Augenblickes, indem sie teils die Erleuchtungen des Heiligen Geistes, teils die Ratschläge der seligsten Jungfrau, teils die Weisungen des heiligen Petrus befolgten. Vor der Abreise besuchten alle nochmals die heiligen Stätten: den Ölgarten, den Kalvarienberg, das Heilige Grab, den Ort der Himmelfahrt, Bethanien und andere Orte, soweit es möglich war. Sie durchwanderten dieselben mit unglaublicher Ehrfurcht und benetzten mit ihren Tränen den Boden, welchen der Herr betreten hatte. Darauf begaben sie sich in das Zönakulum und verehrten es wegen der darin gewirkten Geheimnisse noch ganz besonders, verabschiedeten sich dann von der großen Königin des Himmels und empfahlen sich aufs neue ihrem Schutz. Die gebenedeite Mutter entließ sie mit Worten voll Süßigkeit und himmlischer Kraft.

237. Wahrhaft bewundernswert war es, mit welch mütterlicher Sorgfalt diese wahre Mutter ihre Söhne vor der Abreise mit allem nötigen versah. Denn fürs erste webte sie einem jeden der Zwölf ein Gewand von bräunlichgrauer Farbe, wie das ihres Sohnes gewesen war, zu deren Verfertigung sie sich der Hilfe der heiligen Engel bediente. Sie wollte nämlich, dass alle gleichförmig, wie ihr Herr und Meister gekleidet gingen, auf dass sie ihn auch im äußeren nachahmten und als seine Jünger erkannt würden. Ferner machte die Himmelskönigin zwölf Kreuze, deren Schafthöhe der Größe der Apostel gleichkam. Einem jeden gab sie das seinige, damit er es auf seinen Lehrwanderungen bei sich trage, und zwar als Sinnbild desjenigen, welchen sie predigten, und zum geistlichen Trost bei ihren Arbeiten. Wirklich bewahrten und trugen die Apostel diese Kreuze bis zu ihrem Tod. Von den vielen Lobreden, die sie auf das Kreuz hielten, nahmen einige Tyrannen Anlass, dasselbe zum Werkzeug ihrer Marter zu wählen, daher denn mehrere das Glück hatten, am Kreuz zu sterben.

238. Ferner gab die zartfühlende Mutter einem jeden Apostel eine kleine Metallkapsel, die sie eigens hatte machen lassen, und in deren jede sie drei Dornen von der Krone des Herrn, einige Stückchen von den Windeln, in welche sie einst das Jesuskind gewickelt, und andere mit dem Blute der Beschneidung und der Passion getränkte Leinwandstücke verschlossen hatte. Denn alle diese heiligen Unterpfänder hatte sie mit höchster Verehrung und Sorgfalt als Mutter und Depositärin dieser himmlischen Schätze bisher aufbewahrt. Zum Zweck der Übergabe der Dinge hatte sie die zwölf Apostel um sich versammelt. Mit der Majestät einer Königin, aber auch mit der Sanftmut einer Mutter sagte sie, diese Reliquien, welche sie ihnen übergebe, seien der kostbarste Schatz, den sie ihnen in die Ferne mitgeben könne. Dieselben seien für sie ein vorzügliches Mittel, sich das Andenken ihres göttlichen Sohnes und die große Liebe zu vergegenwärtigen, die er zu ihnen als seinen Söhnen und geweihten Dienern trage. Die Apostel warfen sich zu den Füßen Mariä nieder, bezeigten den hochheiligen Reliquien ihre Verehrung und empfingen sie mit hoher Freude, mit Tränen der Andacht und mit heißem Dank für die Geberin. Dann verabschiedeten sie sich voneinander mit gegenseitiger Umarmung und unter Glückwünschen, worauf dann der heilige Jakobus der Ältere als der erste die Reise antrat und das Missionsleben eröffnete.

239. Nach dem, was mir zu erkennen gegeben wurde, predigten die Apostel übrigens nicht bloß in den Provinzen, weIche ihnen damals der heilige Petrus zuteilte, sondern auch in vielen anderen, teils benachbarten, teils sehr weit entfernten Bezirken. Es darf dies auch nicht überraschen, denn oftmals wurden sie durch den Dienst der Engel von einem Ort an einen andern übersetzt, nicht bloß um zu predigen, sondern auch, um sich zu beraten, sei es untereinander, sei es mit dem heiligen Petrus, dem Stellvertreter Jesu Christi, oder, was besonders oft geschah, mit der seligsten Jungfrau Maria. Denn bei dem schwierigen Unternehmen, in so verschiedenen Königreichen und unter so barbarischen Nationen den Glauben zu begründen, hatten sie gar oft das Bedürfnis, sich bei Maria Rat und Hilfe zu erholen. Und in der Tat, wenn, um Daniel mit Speise zu versehen, ein Engel der Propheten Habakuk nach Babylon trug (Dan 14, 32-38), so dürfen wir nicht staunen, dass dieses Wunder auch zugunsten der Apostel geschah und sie dahin versetzt wurden, wo sie Christus verkünden, Gott kennen lehren, die katholische Kirche gründen und dem ganzen Menschengeschlecht zu Hilfe kommen sollten. Ich habe schon oben (Nr. 208) erwähnt, dass der heilige Lukas (Apg 8, 39.40) erzählt, Philippus, einer der zweiundsiebzig Jünger, sei in dieser Weise vom Wege nach Gaza bis zur Stadt Azot gebracht worden. Diese und andere zahllose Wunder, die wir nicht kennen, waren eben notwendig, wenn zwölf arme Männer das Evangelium verkündigen sollten in so vielen Königreichen, Provinzen und Nationen, welche vom Satan in Besitz genommen und mit Götzendienst, Irrtum und Gräueln angefüllt waren. Denn dies war der Zustand, in welchem sich die ganze Welt damals befand, als das menschgewordene Wort kam, sie zu erlösen.

LEHRE, welche die große Königin mir gegeben hat

240. Meine Tochter, die Lehre, welche ich dir zu diesem Hauptstück gebe, besteht darin, dass ich dich ermahne und dir befehle, mit tiefen Seufzern, mit blutigen Tränen, falls sie dir zu Gebote stehen, und in der Bitterkeit deiner Seele darüber zu weinen, dass die heilige Kirche zu gegenwärtiger Zeit in so ganz anderem Zustand sich befindet, als sie sich bei ihrem Beginn befunden hat. O wie ist doch verdunkelt das reinste Gold der Heiligkeit, wie ist verändert die gesunde Farbe ! (Klgl 4,1).

Die alte Schönheit, in welcher die Apostel die Kirche gegründet haben, ist verloren, und dafür sucht man nun unechte Farben und trügerische Schminke, um die Hässlichkeit und Schmach der Laster, welche sie in unseliger Weise entstellen und mit furchtbarem Gräuel erfüllen, zu bedecken. Willst du diese Wahrheit in ihrer ersten Ursache und in ihrem tiefsten Grund erkennen, so musst du dich an das erinnern, was dir früher schon im himmlischen Licht gezeigt worden ist, nämlich an den gewaltigen Drang, mit welchem die Gottheit ihre Güte und Vollkommenheiten den Geschöpfen mitzuteilen geneigt ist. So heftig ist der Drang des höchsten Gutes, sich in die Seelen zu ergießen, dass bloß der menschliche Wille, weIcher vermöge der ihm verliehenen Wahlfreiheit den Strom der Gottheit aufnehmen sollte, ihn aufzuhalten imstande ist. Und wenn der Mensch vermöge seines freien Willens dem Drang und den Gnadeneinflüssen der unendlichen Güte widersteht, so tut er, menschlich gesprochen, der unendlichen Güte Gottes und seiner freigebigsten Liebe gleichsam Gewalt an und betrübt sie. Würden dagegen die Geschöpfe die unendliche Güte Gottes nicht aufhalten, würden sie dieselbe in ihrer ganzen Kraft wirken lassen, dann würde der Strom der Gottheit sich in alle Seelen ergießen und dieselben in höchster Fülle teilhaftig machen der Natur und der Vollkommenheiten Gottes (2 Petr 1, 4). Der Herr würde aus dem Staub die Gefallenen erheben und bereichern die armen Kinder Adams. Er würde aus ihrem Elend sie erlösen und sie setzen neben die Fürsten seines himmlischen Reiches (1 Sam 2, 8).

241. Hieraus wirst du, meine Tochter, zwei Dinge lernen, welche der menschlichen Weisheit verborgen sind. Fürs erste wirst du einsehen, welch großes Wohlgefallen und welch große Freude dem höchsten Gut jene Seelen bereiten, weIche, mit glühendem Eifer für Gottes Ehre beseelt, durch ihre Anstrengungen und ihre Wachsamkeit ihm gleichsam helfen, aus anderen Seelen die Hindernisse zu beseitigen, die sie durch ihre Sünden dem Wirken Gottes entgegengesetzt haben, denn diese Sünden sind es, welche den Herrn hindern, die Seelen zu rechtfertigen und ihnen die zahllosen Güter mitzuteilen, wie sie dieselben von der unermesslichen Güte Gottes zu empfangen fähig sind, und wie der Allerhöchste sie ihnen verleihen will. Das Wohlgefallen, das Gott empfindet, wenn man ihm in diesem Werke hilft, ist so groß, dass es in diesem sterblichen Leben nicht begriffen werden kann. Aus diesem Grund ist es etwas so Großes und Erhabenes um den Dienst der Apostel, der Bischöfe, der Priester und aller Verkündiger des göttlichen Wortes, welche vermöge ihres Amtes die Nachfolger der Gründer der Kirche sind und durch ihre Bemühen zur Erweiterung und Erhaltung der Kirche beitragen: sie alle müssen ja Mitarbeiter und Werkzeuge der unermesslichen Liebe sein, welche Gott zu den Seelen trägt, zu den Seelen, die er erschaffen hat, damit sie seiner Gottheit teilhaftig werden. Das zweite, was du beherzigen sollst, ist die Größe und der Überreichtum der Gaben und Gnaden, welche Gottes unbegrenzte Macht jenen Seelen mitteilen wird, welche seiner Macht kein Hindernis entgegensetzen. Diese Wahrheit offenbarte der Herr schon im Beginn seiner heiligen Kirche, indem er den Gläubigen, welche in dieselbe eintraten, sich in so vielen Wundern zu erkennen gab, seinen Heiligen Geist so oft sichtbar auf dieselben herabkommen ließ, denselben die Macht verlieh, mit Hilfe des Credo z. B. selbst Wunder zu wirken, nebst vielen anderen Wohltaten, die sie aus der Hand des Allerhöchsten empfingen.

242. Am meisten erglänzte die Güte und Allmacht Gottes in den Aposteln und Jüngern. Der Grund war, weil sie dem ewigen und heiligen Willen Gottes keine Hindernisse entgegensetzten: sie waren in der Tat Werkzeuge und Gehilfen der göttlichen Liebe, sie waren echte Nachahmer Jesu Christi und folgten seiner Wahrheit. Dies war der Grund, warum sie zu einer so erhabenen Teilnahme an den Vollkommenheiten Gottes gelangten, besonders an seiner Wissenschaft, Heiligkeit und Macht, und warum sie zu ihrem eigenen Frommen, sowie zum Heil fremder Seelen Wunder wirkten, welche die Sterblichen nie genugsam preisen können. Von den Aposteln an wurde diese göttliche Weisheit mit ihren Wirkungen auf andere Söhne der Kirche von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzt und übertragen. Ich will hier nicht von den unzähligen Märtyrern sprechen, welche Blut und Leben für den heiligen Glauben hingeopfert haben. Aber betrachte die Stifter der geistlichen Orden, die großen Heiligen, welche in diesen letzteren geblüht, die Kirchenlehrer, Bischöfe, Prälaten und apostolischen Männer, in welchen Gottes Güte und Allmacht sich deutlich geoffenbart haben ! Es können sich daher die übrigen Priester und Seelenhirten und überhaupt alle Gläubigen nicht entschuldigen, wenn Gott in ihnen die Wunder und Gnaden nicht wirkt, die er in den ersten Gläubigen gewirkt hat und die er fortwährend noch wirkt in allen, welche er hierzu tauglich findet !

243. Damit die Beschämung aller unwürdigen Diener der heiligen Kirche, welche heutigen Tages leben, um so größer sei, so höre: Als der Allerhöchste den ewigen Ratschluss fasste, seine unendlichen Gnadenschätze den Seelen mitzuteilen, hat er eben diese Gnaden an erster Stelle und unmittelbar den Kirchenvorstehern, Priestern, Predigern und allen Verwaltern des göttlichen Wortes zuzuwenden gedacht. Denn es war sein Wille, dass sie alle, soweit es von ihm abhänge, an Heiligkeit und Vollkommenheit mehr Engeln als Menschen gleichen sollten: Er wollte, dass sie vor allen anderen Erdenpilgern zahlreicher Vorrechte und Auszeichnungen der Natur und Gnade sich erfreuten, damit sie, gestärkt durch so außerordentliche Gnaden, taugliche Diener des Allerhöchsten würden, was sicher geschähe, wenn sie die Ordnung der unendlichen Weisheit Gottes nicht verkehren, sondern der Würde, zu welcher sie aus allen anderen berufen und auserwählt sind, entsprechen wollten. Diese unermessliche Güte Gottes ist aber heutzutage dieselbe wie in den Anfangszeiten der Kirche. Der Drang des höchsten Gutes, die Seelen zu bereichern, hat sich nicht verändert. Er kann sich gar nicht verändern. Die Freigebigkeit und Güte Gottes hat nicht abgenommen. Die Liebe, die er zu seiner Kirche trägt, ist allezeit unendlich groß. Er, die Barmherzigkeit selbst, hat sein Auge dahin gerichtet, wo Elend ist, und solches gibt es heutzutage in massloser Fülle. Das Geschrei der Schäflein Christi ertönt so laut, als es nur möglich ist. Der Prälaten, Priester und Kirchendiener gibt es so viele, wie nie zuvor. Wenn nun all dies sich so verhält, wem ist dann der Untergang so vieler Seelen und der jammervolle Zustand des christlichen Volkes zuzuschreiben? Wem ist es dann zuzuschreiben, dass die Ungläubigen heutigen Tages sich nicht der heiligen Kirche anschließen, sondern sie bedrücken und mit Trauer erfüllen? Wie kommt es, dass die Prälaten und Diener der Kirche nicht mehr im Glanz der Heiligkeit dastehen, und dass Jesus Christus nicht mehr in ihnen verherrlicht wird, wie dies in den vergangenen Jahrhunderten, zumal in den ersten Zeiten der Kirche der Fall war?

244. O meine Tochter ! Ich lade dich ein, über ein solches Elend deinen Klageruf zu erheben. Schau, wie die Steine des Heiligtums zerstreut liegen an den Straßenecken der Städte (Klgl 4, 1) ! Siehe, wie die Priester des Herrn sich gleich gemacht haben dem Volke (Jes 24, 2), während sie doch das Volk heilig und sich ähnlich machen sollten ! Die Würde der Priester und ihr reicher, kostbarer Tugendschmuck sind beschmutzt durch den ansteckenden Umgang mit den Weltleuten. Die Gesalbten des Herrn, die doch geweiht sind, um nur mit dem Herrn zu verkehren und um ihm zu dienen, sie sind freiwillig herabgesunken vom Adel ihrer Gottähnlichkeit und haben ihren Glanz verloren, weil sie sich herabgewürdigt haben zu einer gemeinen Handlungsweise, welche ihrer ausgezeichneten Stellung unter den Menschen unwürdig ist. Sie ergeben sich der Eitelkeit, folgen dem Geiz und der Habsucht, dienen dem eigenen Interesse, lieben das Geld, setzen ihre Hoffnung auf Schätze von Gold und Silber, sie lassen sich herab, den Weltleuten, den Mächtigen, ja was noch schlimmer ist, selbst verächtlichen Frauenspersonen zu schmeicheln und zu Gefallen zu handeln. Es kommt zuweilen sogar vor, dass sie an den Versammlungen und dem Rate der Bösen teilnehmen. Kaum ist noch ein Schäflein in der Hürde Christi, das die Stimme seines Hirten in ihnen erkennt und das bei ihnen die gesunde Nahrung und Weide der Tugend und Heiligkeit findet, deren Lehrmeister sie sein sollten. Die Kindlein bitten um Brot, und niemand ist, der es ihnen bricht (Klgl 4, 4). Und wenn es auch noch gereicht wird, so geschieht es um des zeitlichen Vorteiles willen, oder weil es eben sein muss. Wie wird aber eine mit Aussatz bedeckte Hand dem Armen und Kranken gesunde Nahrung bieten können? Wie soll der höchste Arzt der Seelen einer solchen Hand die Arznei anvertrauen, von welcher das Leben abhängt? Wenn diejenigen, welche die Mittler und Fürsprecher der übrigen sein sollten, mit größeren Sünden beladen sind als diese, wie werden sie dann Barmherzigkeit herabziehen auf jene, welche geringerer oder höchstens gleicher Sünden schuldig sind?

245. Dies sind die Ursachen, warum die Prälaten und Priester in gegenwärtiger Zeit nicht mehr die Wunder wirken, weIche die Apostel und Jünger des Herrn beim Entstehen der Kirche gewirkt haben, und welche so viele andere Seelenhirten wirkten, die, von glühendem Eifer für Gottes Ehre und für die Bekehrung der Seelen entflammt, das Leben der Apostel nachgeahmt haben. Das sind die Ursachen, warum die der Kirche anvertrauten Schätze des Leidens und Sterbens Jesu Christi weder in den Priestern und Kirchendienern, noch in den übrigen Sterblichen Frucht bringen. Denn wenn die Priester diese Schätze verachten und nicht daran denken, sie für sich nutzbar zu machen, wie werden sie dieselben an die übrigen Kinder der Familie Christi austeilen? Das sind die Ursachen, warum sich gegenwärtig nicht mehr wie ehedem die Ungläubigen zur Erkenntnis des wahren Glaubens bekehren, obgleich sie unter den Augen der Kirchenfürsten, Kirchendiener und Verkündiger des Evangeliums leben. Die Kirche ist heutzutage mehr als je bereichert mit zeitlichen Gütern, Einkünften und Besitztümern. Sie hat Überfluss an gelehrten Männern, welche sich reiche Wissenschaft erworben haben, Überfluss an hohen Prälaturen und einträglichen Stellen. Und da man alle diese Güter dem Blut Jesu Christi zu verdanken hat, so sollte man auch alles nach dem Willen und Wohlgefallen des Herrn verwenden, d.h. man sollte es verwenden zur Bekehrung der Seelen, zur Unterstützung der Armen Christi, zur Unterhaltung des Kultus und zur Verherrlichung des heiligsten Namens Jesu Christi.

246. Ob dies geschieht, das mögen die Gefangenen sagen, welche mit den Einkünften der Kirchen aus der Sklaverei losgekauft werden. Die Ungläubigen mögen es sagen, welche bekehrt, und die Ketzereien, welche ausgerottet werden. Sie mögen sagen, welche Summen aus den Kirchengütern für fromme Zwecke verausgabt werden. Ja, sagen werden es die Paläste, welche vom Gute der Kirche erbaut, die Majorate, weIche damit gestiftet, die prächtigen Landhäuser, welche damit hergestellt sind, und, was noch trauriger ist, sagen werden es die profanen und schändlichen Ausgaben derjenigen, welche, den obersten Hohenpriester Jesus Christus entehrend, von der Nachfolge des Herrn und ihrer eigenen Amtsvorgänger, der Apostel, ebenso weit entfernt sind, als die verkommensten Weltleute dem Herrn ferne stehen. Und wenn die Predigt derjenigen, die das Wort Gottes verwalten, tot, kraftlos und unfähig ist, die Zuhörer zu beleben, so liegt die Schuld nicht an der Wahrheit und Lehre der Heiligen Schrift, sondern an dem schlechten Gebrauch, welchen die Prediger davon machen, indem sie sich von verkehrten Absichten leiten lassen. Sie verfehlen den Zweck der Predigt und vertauschen die Ehre Jesu Christi mit ihrer eigenen Ehre und eitlen Hochschätzung, den geistlichen Nutzen mit dem schnöden zeitlichen Gewinn. Und haben sie diese ihre beiden Zwecke erreicht, dann kümmern sie sich um keine weitere Frucht ihrer Predigt. Sie nehmen darum auch der gesunden und heiligen Lehre die Lauterkeit und Reinheit, (manchmal auch die Wahrheit), mit welcher die heiligen Verfasser sie geschrieben und die heiligen Kirchenlehrer sie ausgelegt haben. Was sie sagen, das sind nur Spitzfindigkeiten und Erfindungen ihres eigenen Geistes, welche in den Zuhörern mehr Bewunderung und Beifall erregen, als dass sie ihnen Nutzen bringen. Gelangt aber das Wort Gottes an die Ohren der Sünder in einer so entstellten Form, so erkennen sie in der Lehre nicht so sehr die Liebe Christi, als vielmehr den Geist des Predigers, und dann hat die Predigt nicht die Kraft und Wirksamkeit, in die Herzen einzudringen, mag sie auch noch so kunstreich ausgearbeitet und darauf angelegt sein, die Ohren zu erfreuen.

247. Wundere dich daher nicht, geliebteste Tochter, dass die göttliche Gerechtigkeit zur Strafe für diese Eitelkeiten und Missbräuche und andere Missstände, welche die Welt gar wohl kennt, die Prälaten, die Priester und die Verkündiger des göttlichen Wortes so ohne Hilfe lässt, und dass die Kirche, die in ihren Anfängen so erhaben dastand, nunmehr so tief darniederliegt. Es ist in der Tat noch eine große Gnade Jesu Christi für seine Kirche, dass es in dieser Zeit, in welcher er so sehr von allen verlassen und verachtet ist, noch einige Priester gibt, die von diesen beklagenswerten Lastern frei sind. Gegen diese Guten ist der Herr sehr freigebig. Allein ihre Zahl ist sehr klein, wie der Ruin des christlichen Volkes und die Verachtung bekunden, in welche der Stand der Priester und der Verkündiger des Wortes Gottes gesunken ist. Denn wenn die heiligen und seeleneifrigen Priester zahlreich wären, so würden sich die Sünder ganz gewiss bekehren und bessern, viele Ungläubige würden sich zum Glauben wenden, man würde allgemein die Prälaten, Priester und Prediger mit Ehrfurcht ansehen und hören und sie wegen ihrer Würde und Heiligkeit ehren und achten, nicht aber bloß wegen des äußeren Prunkes, wodurch sie sich Achtung verschaffen, aber eine Achtung, die eigentlich nichts anderes ist als nutzloser, weltlicher Beifall.

Sei nicht ängstlich und in Sorge darüber, dass du dieses niedergeschrieben hast. Denn sie selbst wissen gar wohl, dass es wahr ist und du schreibst es ja nicht nach deinem eigenen Willen, sondern auf meinen Befehl. Weine, meine Tochter, über diese Übel und lade Himmel und Erde ein, dass sie dir klagen helfen, denn es gibt sehr wenige, die dies tun, und das ist die größte Kränkung, die der Herrn von allen Kindern seiner Kirche erfährt.

VIERZEHNTES HAUPTSTÜCK: Bekehrung des heiligen Pau�lus

Bekehrung des heiligen Paulus. Wie die seligste Jungfrau dazu mitwirkte. Andere Geheimnisse.

248. Unsere vom Heiligen Geist geleitete Mutter, die Kirche, feiert die Bekehrung des heiligen Paulus als eines der größten Wunder im Gesetz der Gnade. Sie tut dies besonders zum Trost aller Sünder, denn bei dieser Bekehrung wurde ja ein Verfolger, Verleumder und Lästerer des Namens Jesu, wie Paulus sich selbst nennt (1 Tim 1, 13), durch die göttliche Gnade und Barmherzigkeit in einen Apostel umgewandelt. Auch hierin hat unsere mächtige Königin einen so großen Anteil, dass wir dieses große Wunder der göttlichen Allmacht in dieser Geschichte des Lebens Mariä nicht mit Stillschweigen übergehen können. Damit man jedoch um so besser die Größe dieses Wunders erkenne, wollen wir den Zustand erklären, in weIchem dieser Heilige sich befand, als er noch Saulus hieß und die Kirche verfolgte, und dann die Gründe angeben, warum er das Gesetz des Moses so heftig verteidigte und das Gesetz unseres Herrn Jesus Christus ebenso heftig bekämpfte.

249. Dass sich der heilige Paulus für das Judentum so heftig ereiferte und in demselben so sehr hervortat, kam von zwei Ursachen: von seinem Naturell und von dem Einfluss des Teufels, der ihn genau kannte. Paulus war von Natur großen, hochherzigen, edelmütigen Sinnes, dabei dienstfertig, tätig und unermüdlich ausdauernd in dem, was er einmal unternommen hatte. Er besaß auch viele erworbene sittliche Tugenden und rühmte sich, nicht nur ein großer Bekenner, sondern auch ein gelehrter Kenner des mosaischen Gesetzes zu sein, obwohl seine Wissenschaft, wie er in einem Briefe an seinen Jünger Timotheus (1 Tim 1, 13) bekennt, in Wahrheit nur Unwissenheit, weil ganz menschlich war, und er das Gesetz wie die meisten Juden nur nach dem toten Buchstaben auffasste, nicht aber nach dem Geist und dem göttlichen Licht, das notwendig ist, um dessen wahren Sinn mit seinen Geheimnissen zu erkennen. Da er aber seine Unwissenheit für wahre Wissenschaft hielt und seine Meinungen mit Zähigkeit festhielt, so erwies er sich als einen glühenden Eiferer für die Überlieferungen der Rabbiner (Gal 1, 14) und erachtete es für eine unwürdige und ungereimte Sache, solchen Lehrern und, wie er meinte, dem Moses selbst entgegen ein neues Gesetz zu verkünden, das ein als des Todes würdig erkannter und deshalb gekreuzigter Mensch erfunden, während Moses das seinige von Gott selbst auf dem Berg empfangen habe (Ex 34, 2). Er fasste daher gegen Christus und gegen sein Gesetz und seine Jünger einen großen Hass und Abscheu. Was ihn in seinem Wahn bestärkte, waren seine sittlichen Tugenden, wenn man sie Tugenden nennen kann, da sie ohne wahre Liebe waren, und das daraus geschöpfte vermessene Selbstvertrauen, als könne er nicht irren. Denn das ist ja das Elend so vieler Adamskinder, dass sie nach Verrichtung einer guten Handlung sich selbst gefallen, und in dieser verkehrten Selbstzufriedenheit nicht mehr darandenken, gewisse grobe Fehler, die sie noch haben, zu bessern. So lebte und arbeitete denn Saulus in dieser Täuschung, sich stützend auf das Altertum des mosaischen, von Gott selbst verordneten Gesetzes. Er glaubte für Gottes Ehre zu eifern. In der Tat aber hatte er das Gesetz gar nicht recht aufgefasst, denn er übersah, dass eben dieses Gesetz rücksichtlich seiner Gebräuche und Vorbilder keineswegs ewig, sondern zeitlich war, und dass auf Moses, wie er selbst sagt (Dtn 18,15), notwendig ein anderer, mächtigerer und weiserer Gesetzgeber folgen musste.

250. An diesen unbescheidenen Eifer und den heftigen Charakter des Saulus anknüpfend, riss ihn die Bosheit Luzifers und seiner Anhänger zu noch größerem Hass gegen das Gesetz unseres Heilandes Jesu Christi fort. Ich habe im Lauf dieser Geschichte oft von den Ratschlägen der Bosheit gesprochen, welche der höllische Drache gegen die heilige Kirche ersann. Eines dieser Mittel bestand von jeher darin, mit großem Fleiß Menschen aufzusuchen, welche sich durch Neigungen und Sitten zu Werkzeugen und Vollführern seiner schändlichen Pläne eigneten. Denn Luzifer und seine bösen Engel können zwar die einzelnen Seelen in Versuchung führen, sie können aber nicht öffentlich ihre Fahne entfalten und sich zu Häuptern einer gottfeindlichen Sekte oder Partei auswerfen; um eine Sekte ins Leben zu rufen, bedienen sie sich eines Menschen, der selbst verblendet, andere Verblendete nach sich zieht. Nun war der grausame Feind des menschlichen Geschlechtes über die gedeihlichen Anfänge der heiligen Kirche ganz rasend; er fürchtete deren Fortschritte und brannte von masslosem Neid, da er sah, dass die Menschen, die der Natur nach unter ihm standen, zur Gemeinschaft der Gottheit und jener Glorie berufen seien, deren er durch seinen Stolz sich unwürdig gemacht hatte. Darum erforschte er sorgfältig die Neigungen, Gewohnheiten und den ganzen Gewissenszustand des Saulus, und alles dieses schien ihm genau zu seinen Wünschen zu passen, die Kirche Christi durch Ungläubige als Werkzeuge seiner Bosheit zu vernichten.

251. Diesen fluchwürdigen Plan trug Luzifer den andern Dämonen vor, welche er eigens zu einem Rat versammelt hatte. Und da sie zustimmten, so wurde beschlossen, dass Luzifer selbst mit einigen anderen bösen Geistern dem Saulus, ohne ihm einen Augenblick Ruhe zu lassen, zu dem Hass, den er schon gegen die Apostel und die ganze Herde Christi in sich nährte, noch neue Gedanken und Regungen dieser Art einflößen sollte. Sie versprachen sich mit Zuversicht, dass er alle ihre Eingebungen annehmen werde, indem er dadurch bei seiner schwachen Seite gefasst und unter dem Scheine der Tugend in seiner Leidenschaft noch mehr entflammt würde. Sofort begab sich Luzifer ans Werk, ohne dabei einen Augenblick Zeit oder eine Gelegenheit zu versäumen. Saulus war zwar schon zur Zeit, da Jesus zu predigen anfing, ein Gegner der neuen Lehre, gleichwohl gab er sich, solange der Herr auf Erden weilte, noch nicht als einen heftigen Eiferer des mosaischen und als einen so unversöhnlichen Gegner des christlichen Gesetzes zu erkennen. Erst beim Tod des heiligen Stephanus empfand und offenbarte er auch sofort den Hass, welchen Satan in ihm gegen die Anhänger Christi zu erregen begann. Da er sich aber schon bei dieser Gelegenheit bereit zeigte, allen bösen Eingebungen Gehör zu schenken und zu folgen, glaubte Luzifer in seinem Stolz und seiner Bosheit, es bleibe ihm nun nichts mehr zu wünschen übrig, und versprach sich an Saulus ein gefügiges Werkzeug zu jeder Bosheit zu finden, die er ihm eingeben werde.

252. In diesem gottlosen Vertrauen vermaß sich Luzifer, den Saulus dahin zu bestimmen, dass er eigenhändig alle Apostel und, was noch schrecklicher ist, die seligste Jungfrau selbst ums Leben bringe. Soweit der Stolz dieses höllischen Drachen. Allein er irrte sich. Denn Saulus hatte einen höchst edlen und großmütigen Charakter, und so schien es ihm bei näherem Nachdenken über den Plan, es sei unehrenhaft und seiner Person nicht würdig, einen solchen Verrat zu begehen und wie ein Meuchelmörder zu handeln, da er, wie er meinte, das Gesetz Christi mit den Waffen der Vernunft und der Gerechtigkeit zerstören könne. Noch mehr schreckte er davor zurück, Hand an das Leben Mariä zu legen, für die er schon als für eine Frau besondere Rücksicht trug, und die ihm, seit er sie beim Leiden und Sterben ihres Sohnes so edel gefasst und so standhaft gesehen hatte, als eine große und verehrungswürdige Persönlichkeit erschienen war. Ja, es ergriff ihn sogar ein gewisses Mitleid mit ihren Leiden und Trübsalen, von welchen alle anerkannten, dass sie außerordentlich groß seien. So wies denn Saulus das unmenschliche Zumuten Satans gegen Maria von sich; und dieses sein Mitleid mit den Schmerzen Mariä trug nicht wenig zur Beschleunigung seiner Bekehrung bei. Auch was die Apostel betrifft, wollte Saulus nichts von einem heimlichen, verräterischen Mord hören, obwohl Luzifer durch verschiedene Scheingründe ihm denselben als eine Tat vorstellte, die seiner Beherztheit würdig wäre. Obwohl Saulus nun einerseits diese Nichtswürdigkeiten verwarf, nahm er sich doch andererseits vor, unter allen Juden sich als den ersten in der Verfolgung und Ausrottung der Kirche und des christlichen Namens zu zeigen.

253. Unvermögend, mehr zu erlangen, war Satan und sein Anhang mit diesem Entschluss des Saulus zufrieden. Wie groß aber der Zorn des Drachen gegen Gott und seine Geschöpfe ist, beweist folgende Tatsache. Noch am gleichen Tag hielten die bösen Geister aufs neue Rat und zwar diesmal darüber, wie sie einen für ihre Pläne so geeigneten Mann möglichst lang am Leben erhalten könnten. Diese Todfeinde der Menschen wissen nämlich, dass sie keine Gewalt über deren Leben besitzen und es nicht geben, noch auch nehmen können, außer es werde ihnen von Gott in einem besonderen Fall gestattet. Des ungeachtet beschlossen sie, sich zu Ärzten und Beschützern von Saulus' Leben und Gesundheit zu machen, um ihn, soweit es in ihrer Gewalt stehe, recht lange zu erhalten. Daher trieben sie ihn an, sich von allem zu enthalten, was seiner Gesundheit schaden könnte, und unter allem stets das der Gesundheit am meisten Zuträgliche zu wählen, und wendeten auch noch andere natürliche Mittel an, um seine Gesundheit zu erhalten. Allein bei all diesen Maßregeln konnten die bösen Geister doch nicht hindern, dass die göttliche Gnade in dem Augenblick, da deren Urheber es wollte, in Saulus wirksam wurde. Übrigens ahnten die Teufel so wenig eine Bekehrung des Saulus zum Christentum, dass sie auch nicht im entferntesten befürchteten, das Leben, das sie so sorgfältig zu pflegen und zu erhalten suchten, könne einmal zu ihrem eigenen Schaden und zu ihrer Peinigung dienen. Allein so handelt die Weisheit des Allerhöchsten. Sie erlaubt dem Satan Netze der Bosheit zu stellen, lässt ihn aber dann sich selbst darin verstricken; sie gestattet ihm, Fallgruben zu graben gegen die Wege Gottes, und lässt ihn selbst hineinstürzen (Ps 57, 7�), und alle Ränke, die er gegen den göttlichen Willen schmiedet, müssen demselben dienen.

254. Gemäß dieser seiner allerhöchsten Weisheit, und um die Bekehrung des Saulus desto wunderbarer und glorreicher zu machen, ließ der Herr also zu, dass Saulus, der bei der Steinigung des heiligen Stephanus vom Satan ganz aufgehetzt war, sich zum Hohenpriester begab und, gegen die Jünger des Herrn, welche sich außerhalb Jerusalems im Lande zerstreut hatten, Wut und Drohungen schnaubend (Apg 9,1), um schriftliche Vollmacht bat, dieselben überall, wo er sie treffen würde, gefangen zu nehmen und nach Jerusalem zu bringen. Um seiner Bitte desto mehr Nachdruck zu geben, erbot er sich, mit Aufwendung seines Vermögens, ja seines Lebens, auf eigene Kosten und ohne alles Entgeld, aus bloßem Eifer für das Gesetz der Väter, und damit die Lehre des Gekreuzigten nicht die Oberhand darüber gewinne, diese Reise zu unternehmen. Diese Anerbietungen bewirkten, dass der Hohepriester und der Rat den Vorschlag des Saulus, der ihnen ohnehin gefiel, nur um so schneller annahmen. Sie gaben ihm sofort den gewünschten Auftrag, besonders nach Damaskus, wohin, wie verlautete, einige Jünger von Jerusalem hinweg sich zurückgezogen hatten. Saulus traf also Anstalten zur Reise und versah sich mit Gerichtsdienern und einigen Soldaten, welche ihn begleiten mussten. Seine hauptsächlichste Begleitung jedoch bestand in zahlreichen Legionen von Dämonen, welche die Hölle verlassen hatten, um dieses Unternehmen zu unterstützen, das, weil so gut vorbereitet und namentlich durch den Eifer des Saulus geführt. nach ihrer Meinung der Kirche den Todesstoß versetzen und sie in einem Blutbad und einem Feuermeer ersticken würde. Und in der Tat war dies des Saulus Wunsch und Wille, worin überdies Luzifer und seine Gesellen ihn auf der Reise mehr und mehr entflammten. Doch lassen wir ihn jetzt nach Damaskus ziehen, wohin er seinen Weg nahm, um in den übrigen Synagogen die Jünger Christi gefangen zu nehmen.

255. Nichts von den erwähnten Vorgängen war der großen Himmelskönigin unbekannt. Denn nicht nur ließ ihre eingegossene Erkenntnis sie bis in die leisesten Gedanken der Menschen und der Dämonen hineinblicken, sondern sie wurde auch häufig durch die Apostel von dem benachrichtigt, was man gegen die Anhänger Jesu Christi unternahm. Sie wusste auch schon längst, dass Saulus ein Apostel des Herrn, der Lehrer der Heiden und ein ganz ausgezeichneter und wunderbarer Diener der Kirche werden sollte. Denn ihr allerheiligster Sohn hatte sie über alles dies unterrichtet, wie ich im zweiten Teil dieser Geschichte erzählt habe (Teil 2. Nr. 734). Inzwischen aber wuchs nun die Verfolgung, und die Furcht, welche Paulus wirken und durch welche er den christlichen Namen so sehr verherrlichen sollte, ließ immer noch auf sich warten. Die Jünger Christi, welche das Geheimnis des Allerhöchsten nicht kannten, wurden betrübt und einigermaßen mutlos, da sie die Wut sahen, mit welcher Saulus sie aufsuchte und verfolgte. Alles dieses zusammen verursachte der Mutter der Gnade einen namenlosen Kummer. Sie erwog in ihrer himmlischen Klugheit, wie schwierig und ernst die Lage sei, und wappnete sich nun aufs neue mit Kraft und Vertrauen, um Hilfe für die bedrängte Kirche und die Bekehrung des Saulus zu erflehen. In der Gegenwart ihres Sohnes auf dem Angesicht liegend, verrichtete sie folgendes Gebet:

256. «O allerhöchster Herr, Sohn des ewigen Vaters, lebendiger, wahrer Gott vom wahren Gotte, gezeugt aus dessen eigenem und ungeteiltem Wesen, der du durch unaussprechliche Herablassung deiner unendlichen Güte mein Sohn und das Leben meiner Seele hast werden wollen: wie kann diese deine Dienerin, der du deine geliebte Kirche anempfohlen hast, leben, wenn die Verfolgung, die deine Feinde gegen sie erhoben haben, obsiegt, und wenn deine unendliche Allmacht ihr nicht Einhalt tut? Wie soll mein Herz es ertragen, den Preis deines kostbaren Blutes und deines Todes verachtet und mit Füßen getreten zu sehen? Du hast mir, o Herr, diejenigen, welche du deiner Kirche erzeugt hast, zu Kindern gegeben, und ich betrachte sie als solche und liebe sie mit mütterlicher Zärtlichkeit; aber wie kann ich mich nun trösten, wenn ich sehe, wie sie verfolgt und ausgerottet werden, weil sie deinen Namen bekennen und dich mit aufrichtigem Herzen lieben? Dein, o Herr, ist die Macht und Weisheit (1 Chr 29,11) und es ist nicht gerecht, dass der höllische Drache, der Feind deiner Ehre und der Verleumder meiner Kinder und deiner Brüder, sich gegen dich rühme. Darum, mein Sohn, mache zuschanden den alten Stolz dieser Schlange, die sich von neuem voll Anmaßung gegen dich erhebt und gegen die unschuldigen Schäflein deiner Herde ihre Wut ausspeit. Siehe, wie er Saulus verblendet und fortreißt, ihn, den du erwählt hast, dass er dein Apostel werde. Es ist Zeit, o mein Gott, deine Allmacht wirken zu lassen und diese Seele zu befreien, in welcher und durch welche deinem Namen so große Ehre und der ganzen Welt so großes Heil widerfahren soll.»

257. Sehr lange verharrte die seligste Jungfrau in diesem Gebet, in welchem sie sich zugleich erbot, für die Rettung der heiligen Kirche und die Bekehrung des Paulus, wenn es nötig wäre, zu leiden und zu sterben. Da nun die unendliche Weisheit ihres allerheiligsten Sohnes diese Bekehrung an die Bitten seiner liebevollsten Mutter geknüpft hatte, so stieg er in dem Augenblick, da er dieses Wunder wirken wollte, in Person vom Himmel herab und erschien Maria im Zönakulum wo sie in Zurückgezogenheit dem Gebet oblag. Mit der Liebe und Freundlichkeit eines Sohnes, wie er sie seiner Mutter zu bezeigen pflegte, redete Jesus Maria an und sprach: «Meine Freundin, meine Mutter, an der mein Wille sein ganzes Wohlgefallen findet: welches sind deine Bitten? Eröffne mir deine Wünsche!» Die demütige Königin warf sich ihrer Gewohnheit gemäß vor ihrem allerheiligsten Sohn nieder, betete ihn als wahrer Gott an und sprach: «Mein allerhöchster Herr! Du kennst im voraus die Gedanken und Herzen deiner Geschöpfe, und so sind auch meine Wünsche deinen Augen bekannt. Sie kommen aus einem Herzen, das deine unendliche Liebe gegen die Menschen kennt, aus dem Herzen derjenigen, welche die Mutter der Kirche, die Fürsprecherin der Sünder und deine Sklavin ist. Nachdem ich alles ohne irgend ein Verdienst von deiner unendlicher Güte empfangen habe, darf ich nicht fürchten, dass du meine Bitten verschmähen werdest, die nur auf deine Ehre abzielen. Ich bitte, mein Sohn, siehe an die Trübsal deiner Kirche, und beeile dich, als ein liebevoller Vater deinen Söhnen zu Hilfe zu kommen, die du durch dein kostbares Blut dir erworben hast!»

258. Christus der Herr hatte seine Freude daran, die Stimme und das Seufzen seiner liebevollsten Mutter und Braut zu vernehmen und ließ sie darum bei dieser Gelegenheit absichtlich länger bitten, indem er sich den Schein gab, als wolle er nicht gewähren, was er doch selbst zu geben verlangte und solchen Verdiensten und einer solchen Liebe, wie die seiner Mutter waren, nicht verweigern konnte. Dieser Kunstgriff der göttlichen Liebe veranlasste ein längeres Gespräch zwischen unserem Heiland Jesus Christus und seiner süßesten Mutter, wobei Maria bat, der Herr möge dem Saulus die Gnade der Bekehrung schenken und damit der Verfolgung ein Ende machen. Der Herr antwortete: «Meine Mutter! wie könnte sich wohl meine Gerechtigkeit damit zufrieden geben, dass ich Gnade und Barmherzigkeit an Saulus übe, da doch seine Ungläubigkeit und Bosheit den höchsten Grad erreicht haben? Mit all seinen Kräften dient er meinen Feinden, in der Absicht, meine Kirche zu zerstören und meinen Namen auszurotten, weswegen er meinen großen Unwillen und strenge Bestrafung verdient.» Diese Rede war zwar nach den Grundsätzen der strengen Gerechtigkeit unwidersprechlich; allein die Mutter der Weisheit und des Erbarmens hatte hierauf doch eine sehr befriedigende Antwort und sprach: «Herr, ewiger Gott, mein Sohn! die Sündenschulden, von welchen du sprichst, haben dich nicht abgehalten, in deinem göttlichen Geiste den Paulus zu deinem Apostel und zu einem Gefäß der Auserwählung zu machen und ihn in dein ewiges Gedächtnis einzuschreiben. Die Wasser konnten, wie du selbst mir geoffenbart hast, das Feuer deiner göttlichen Liebe nicht auslöschen (Hld 8, 7). Mächtiger und wirksamer waren deine unendlichen Verdienste, auf deren Kraft du das Gebäude deiner vielgeliebten Kirche gegründet hast. Ich verlange also nichts anderes, als was du selbst schon bestimmt hast. Was mich betrübt, ist, dass diese Seele von Abgrund zu Abgrund und so in ihr Verderben eilt, welches, wenn es mit Saulus wie mit den anderen Menschen geht, das Verderben vieler anderer nach sich ziehen wird. Es schmerzt mich, dass die Verherrlichung deines Namens, die Freude der Engel und Heiligen, der Trost der Gerechten, die Hoffnung der Sünder und die Beschämung deiner Feinde auf diese Weise hinausgeschoben werden. Darum, mein Sohn und Herr, verachte nicht die Bitten deiner Mutter, führe aus deine göttlichen Ratschlüsse und lasse mich deinen Namen verherrlicht sehen; denn es ist Zeit, die Gelegenheit ist günstig; lasse also nicht zu, dass mein Herz betrübt werde durch die Verzögerung eines für die Kirche so wichtigen Gutes.»

259. Während unsere große Königin also betete, wurde die Flamme der Liebe in ihrem reinsten Herzen so stark, dass sie das natürliche Leben verzehrt haben würde. hätte nicht der Herr selbst durch eine wunderbare Kraft es erhalten. Doch ließ er, um in der grenzenlosen Liebe eines reinen Geschöpfes noch stärkere Antriebe zur Barmherzigkeit zu finden, bei dieser Gelegenheit zu, dass seine heiligste Mutter einen äußerlich fühlbaren Schmerz empfand und in eine Art Ohnmacht fiel. Der Gewalt einer solchen Liebe, die sein Herz verwundete, konnte der Herr. menschlich gesprochen, unmöglich länger widerstehen. Er tröstete, stärkte und versicherte seine Mutter, dass ihre Gebete ihm sehr angenehm seien, worauf er hinzufügte: «Meine Mutter, Auserwählte aus allen Kreaturen, es geschehe, wie du willst, und zwar unverweilt. Ich werde für Saulus alles tun, um was du bittest, und ihn so umwandeln, dass er ein Verteidiger der Kirche sein wird. die er jetzt verfolgt, ein Verkündiger meiner Herrlichkeit und meines Namens. Ich gehe. um ihn sogleich in meine Freundschaft aufzunehmen.»

260. Hiermit verschwand unser Heiland Jesus Christus aus der Gegenwart seiner Mutter, welche ihr Gebet fortsetzte und eine sehr deutliche Vision alles dessen empfing, was nun geschah. Kurz darauf erschien der Herr dem Saulus nahe bei der Stadt Damaskus, wohin dieser mit einer Eile reiste, die nur von seiner jähen Wut gegen Jesus übertroffen ward. Der Herr zeigte sich ihm in einer Wolke von wunderbarem Licht und mit unermesslicher Herrlichkeit(Nach dem heiligen Thomas [3. q. 57. art. 6. ad 3.] war der göttliche Heiland auch körperlich zugegen. Man sehe auch Cornel. a Lap [in Act. Ap. 7, 5). Zu gleicher Zeit wurde Saulus der Seele und dem Leib nach von einem göttlichen Licht umgeben. Sein Herz und seine Sinne wurden mit einer solchen Macht überwältigt, dass er ihr nicht widerstehen konnte. Augenblicklich stürzte er vom Pferd zu Boden und vernahm vom Himmel her eine Stimme, welche zu ihm sprach: «Saulus, Saulus! Warum verfolgst du mich?» Ganz verwirrt und in großer Furcht, antwortete er: «Wer bist du, o Herr?» worauf die Stimme erwiderte: «Ich bin Jesus, den du verfolgst. Hart ist es dir, gegen den Stachel meiner Allmacht auszuschlagen.» Heftig zitternd und noch erschreckt, antwortete Saulus: «Herr ! Was befiehlst du mir, was willst du mit mir tun?» Die Begleiter des Saulus. die gegenwärtig waren, hörten diese Fragen und Antworten, sahen aber Jesus unseren Heiland nicht, sondern nur den Glanz, von welchem Saulus umgeben war. Sie wurden durch das außerordentliche Ereignis so eingeschüchtert und betroffen, dass sie eine Zeitlang unbeweglich und wie außer sich waren.

261. Dieses neue, bis dahin in der Welt unerhörte Wunder war noch viel folgenreicher durch seine inneren und verborgenen Wirkungen als durch die, welche in die Sinne fielen. Überwältigt, zu Boden gestürzt und geblendet, wurde Saulus überdies körperlich so entkräftet, dass er ohne Dazwischenkunft der göttlichen Allmacht, die ihn stärkte, sofort gestorben wäre. Seine innere Umwandlung in einen neuen Menschen aber war eine mächtigere, als da er aus dem Nichts ins natürliche Dasein gerufen wurde. Zwischen seinem früheren und seinem jetzigen Wesen war ein größerer Abstand als zwischen Licht und Finsternis. zwischen dem höchsten Himmel und dem tiefsten Abgrund der Erde. Denn aus dem Abbild eines Teufels, das er zuvor war, wurde er in das Ebenbild eines hohen, liebeglühenden Seraphs verwandelt. Es war dies eine eigene Anordnung der göttlichen Weisheit und Allmacht. Dieselbe wollte nämlich durch diese wunderbare Bekehrung in der Weise über Luzifer und seine Dämonen triumphieren, dass er und seine Bosheit kraft des Leidens und Sterbens Jesu Christi durch die menschliche Natur besiegt und die Wirkung der Gnade und Erlösung in einem Menschen der Sünde Luzifers und ihren Wirkungen gegenübergestellt würde. Und so geschah es. Wie Luzifer in einem Augenblick durch seinen Stolz aus einem Engel zum Teufel wurde. so verwandelte die Kraft Christi den Saulus aus einem Dämon in einen Engel der Gnade. Wie in der englischen Natur die höchste Schönheit in die äußerste Hässlichkeit überging. so ging in der menschlichen Natur die äußerste Hässlichkeit in eine vollendete Schönheit über. Luzifer stürzte als Feind Gottes aus dem höchsten Himmel in die tiefsten Abgründe der Erde und ein Mensch erschwang sich als den Freund desselben Gottes von der Erde zum höchsten Himmel empor.

262. Weil aber dieser Triumph nicht glorreich genug gewesen wäre, wenn der Sieger einem Menschen nicht mehr gegeben hätte, als Luzifer verloren hatte, so wollte der Allmächtige dem Sieg, den er in der Person des Saulus über den Satan errungen hatte, auch noch diesen großartigen Vorzug hinzufügen. Obwohl nämlich Luzifer von der höchsten Stufe der Gnade, die er empfangen hatte, hinabstürzte, so kann man doch nicht sagen, dass er der beseligenden Anschauung verlustig ging oder beraubt wurde. Dieselbe war ihm vielmehr gar nicht einmal geoffenbart worden und weit entfernt, sich durch gute Verdienste zu deren Empfang zu bereiten, hatte er das Gegenteil getan. Saulus aber wurde in demselben Augenblick, in welchem er sich zur Rechtfertigung disponierte und die Gnade empfing, auch der Herrlichkeit teilhaftig gemacht und schaute, wenn auch nur vorübergehend, mit klarem Blick die Gottheit. O der unbesiegbaren Macht der Gottheit, o der unendlichen Wirksamkeit der Verdienste des Leidens und Sterbens Jesu Christi! Es war in der Tat gerecht und der Vernunft entsprechend, dass, nachdem die Bosheit der Sünde einen Engel augenblicklich in einen Teufel verwandelt hatte, die Gnade unseres Erlösers sich noch mächtiger und überschwänglicher zeigte (Röm 5, 20) als die Sünde, und zwar dadurch. dass ein Mensch aus dem Stand der Sünde herausgerissen und auf eine sehr hohe Stufe nicht bloß der Gnade. sondern auch der Glorie erhoben wurde. Dieses Wunder war größer als das der Schöpfung Himmels und der Erde samt allen darauf befindlichen Geschöpfen; größer als das Sehend machen von Blinden, die Heilung der Kranken und die Auferweckung der Toten. Wünschen wir sündigen Menschen uns Glück zu der Hoffnung, welche diese wunderbare Rechtfertigung uns hinterlassen hat; denn wir haben zum Erlöser, Vater und Bruder denselben Herrn, der den Paulus gerechtfertigt hat, und er ist nicht weniger mächtig und heilig für uns, als er für ihn gewesen ist.

263. Während Paulus, zerknirscht über seine Sünden und durch die heiligmachende Gnade und andere ihm eingegossene Gaben ganz erneuert, zur Erde lag, wurde er an allen seinen innern Kräften in Gemäßheit dessen, was Gott mit ihm beabsichtigte, erleuchtet und vorbereitet. Nachdem dies geschehen, wurde er in den empyrischen Himmel, den er den «dritten» nennt, emporgehoben, ohne zu wissen, ob mit dem Leib oder bloß mit dem Geiste(2 Kor 12, 2 - Viele Gelehrte nehmen an, dass die vom heiligen Paulus in seinem zweiten Korintherbrief erwähnte Entzückung in den Himmel kurz vor seiner Ordination zum Apostel [Apg 13, 2] stattgefunden habe, nicht aber bei seiner Bekehrung. Wenn die ehrwürdige Schreiberin das letztere angibt, so gilt hier der Ausspruch des gelehrten Kajetan [in 3. p. q. 57. art. 6. ad 3.]: «Potest contingere, quod ex duabus opinionibus probabilibus ea, quae minus probabilis est, sit vera et alicui personae spirituali revelata.» Übrigens stimmen auch der heilige Thomas [in II. ep. ad Cor. 12. 2]. Beda der Ehrwürdige. Lyranus und andere dieser Ansicht bei. Der Übersetzer). Dort sah er die Gottheit durch eine klare, intuitive und ganz außergewöhnliche, wenn auch nur vorübergehende Anschauung. Außer der Wesenheit Gottes mit ihren unendlichen Vollkommenheiten erkannte er dabei das Geheimnis der Menschwerdung, der Erlösung des menschlichen Geschlechtes, alle Geheimnisse des Gesetzes der Gnade und des Bestandes der Kirche. Er erkannte die unvergleichliche Wohltat seiner Rechtfertigung, das Gebet, welches der heilige Stephanus, und besonders dasjenige, welches die reinste Jungfrau Maria für ihn verrichtet hatte. Er erkannte, dass nächst den Verdiensten Jesu Christi das Gebet und die Verdienste Mariä es waren, welche seine Bekehrung beschleunigten und von dem gnädigen Gott auswirkten. Daher war er auch von da an der Himmelskönigin, deren Würde ihm geoffenbart wurde, voll Dank und Verehrung ergeben und betrachtete sie stets als seine Retterin. Er erkannte auch das Apostelamt, zu dem er berufen wurde und in welchem er bis zu seinem Tode arbeiten und leiden sollte. Außerdem wurden ihm noch viele andere verborgene Dinge geoffenbart, von denen er selbst sagt, es sei ihm nicht erlaubt worden, sie aufzudecken (2 Kor 12, 4). Er bot sich zu allem an, was er als den Willen Gottes erkannte, und brachte sich zur Vollbringung des göttlichen Willens ganz und gar zum Opfer, ein Opfer, das er in der Folge auch wirklich vollzog. Die allerheiligste Dreieinigkeit nahm das Opfer seiner Lippen wohlgefällig an und erklärte und ernannte ihn vor dem ganzen himmlischen Hof zum Prediger und Lehrer der Heiden und als ein Gefäß der Auserwählung, bestimmt, den heiligen Namen des Allerhöchsten in die ganze Welt hinaus zu tragen.

264. Den Seligen des Himmels brachte dieser Tag eine große Mehrung ihrer außerwesentlichen Freude und sie brachen alle in neue Lobes- und Dankeslieder auf die göttliche Allmacht aus, die ein so großes und neues Wunder gewirkt hatte. Denn wenn die Bekehrung jedweden Sünders ihnen eine neue Freude bringt, um wie vielmehr eine Bekehrung, die so sehr die Größe und Barmherzigkeit Gottes offenbarte, der ganzen Menschheit zum Segen und der heiligen Kirche zur Verherrlichung gereichen sollte. Aus der Verzückung zurückgekehrt, war Saulus in Paulus verwandelt. Indem er sich von der Erde erhob, schien er blind zu sein und konnte das Licht der Sonne nicht sehen. Man führte ihn nach Damaskus in das Haus eines seiner Freunde, wo er zum Staunen aller drei Tage lang, ohne Speise und Trank zu sich zu nehmen, in das erhabenste Gebet vertieft war. Sich zur Erde niederwerfend, um seine Sünden zu beweinen, obwohl er von denselben schon gerechtfertigt war, und vom tiefsten Schmerz über sein vergangenes Leben ergriffen, rief er aus: «Ach, in welcher Finsternis und Blindheit habe ich gelebt! Wie bin ich so eilends meinem ewigen Verderben zugerannt! O unendliche Liebe, unermessliche Langmut, o mildeste Zärtlichkeit der ewigen Güte! Welche Verbindlichkeit hattest du doch, diesem Erdenwurm, diesem Lästerer, deinem Feinde eine solche Liebe zu beweisen? Allein was konnte dich dazu bewegen, wenn nicht deine eigene Güte und die Bitten deiner Braut und Mutter? Während ich geistig blind und von Finsternis umnachtet dich verfolgte, bist du, o mildester Herr, mir entgegengekommen. Während ich ausging, um unschuldiges Blut zu vergießen, das immer um Rache geschrieen hätte, hast du, o Gott der Barmherzigkeit und Erlöser unserer Seelen, mich durch das deinige gewaschen und gereinigt und mich teilhaftig gemacht deiner unaussprechlichen göttlichen Natur. Wie kann ich genugsam ein Leben beweinen, das ein solcher Gräuel vor deinen Augen ist? Mögen der Himmel und die Erde deine Herrlichkeit verkündigen. Ich werde deinen Namen predigen und ihn verteidigen inmitten deiner Feinde.» Diese und ähnliche Worte wiederholte der heilige Paulus in seinem Gebet mit unvergleichlichem Reueschmerz, unter Akten der glühendsten Liebe. der tiefsten Demut und lebhaftesten Dankbarkeit.

265. Am dritten Tag nach dem Fall und der Bekehrung des Saulus redete der Herr im Gesicht zu einem Jünger. namens Ananias (Apg 9,10 ff) der sich eben zu Damaskus befand. Er rief den Ananias als seinen Diener und Freund bei seinem Namen und befahl ihm, in das Haus eines Mannes, namens Judas, zu gehen. Er bezeichnete ihm das Stadtviertel, wo dieser wohnte, und trug ihm auf, da selbst einen gewissen Paulus aus Tarsus zu suchen. Er werde ihn daran erkennen, dass er sich im Gebet befinde. Zu gleicher Zeit erhielt Saulus eine Vision, in welcher er den Jünger Ananias erkannte, auf sich zukommen und ihm die Hand auflegen sah, wodurch er das Sehen zurückerhielt. Allein Ananias hatte damals noch keinerlei Kenntnis von der dem Saulus gewordenen Vision und erwiderte daher dem Herrn: "Ich habe von mehreren Personen gehört, o Herr, wie viel Übles dieser Mensch deinen Heiligen in Jerusalem zugefügt hat. Er hat sogar von den Hohenpriestern Vollmacht erhalten, alle in Ketten zu legen, die deinen Namen anrufen, und nun befiehlst du einem einfältigen Schäflein, wie ich bin, den Wolf aufzusuchen, der es zu zerreißen strebt?» Allein der Herr antwortete: «Gehe nur. Denn siehe, dieser, den du für meinen Feind hältst, ist für mich ein Gefäß der Auserwählung, um meinen Namen zu allen Völkern und Königreichen und den Söhnen Israels zu tragen.» Und nun erkannte der Jünger mit einem Male alles, was geschehen war.

266. Im Vertrauen auf dieses Wort des Herrn gehorchte Ananias und begab sich unverzüglich in das Haus, wo Saulus weilte. Er fand ihn im Gebet und sprach zu ihm: «Bruder Saulus! Unser Herr Jesus, der dir auf dem Wege, den du kamst, erschienen ist, sendet mich zu dir, damit du das Sehen wieder erhältst und erfüllt werdest mit dem Heiligen Geist (Apg 9,17 ff).» Saulus erhielt aus den Händen des Ananias auch die heilige Kommunion, wodurch er gestärkt wurde und völlig genas. Nachdem er für so viele Wohltaten demjenigen, welcher deren Urheber war, gebührend gedankt hatte, nahm er auch wieder leibliche Speise zu sich, deren er sich drei Tage lang enthalten hatte. Er blieb noch mehrere Tage in Damaskus und verkehrte mit den Jüngern des Herrn, welche dort lebten. Er bat sie kniefällig, ihm zu verzeihen und ihn als ihren geringsten und gänzlich unwürdigen Diener und Bruder aufzunehmen. Mit ihrer Gutheißung und ihrem Rat ließ er sich sofort öffentlich sehen und begann Jesus Christus als den Messias und den Erlöser der Welt zu predigen, und zwar mit solcher Kraft und Weisheit und mit solchem Eifer, dass er die ungläubigen Juden, die zu Damaskus waren und da selbst mehrere Synagogen hatten, zuschanden machte. Alle waren über diese Veränderung erstaunt und sprachen voll Verwunderung: «Ist dies nicht jener Mensch, der zu Jerusalem alle, welche diesen Namen anriefen, mit Feuer und Schwert verfolgte? Und ist er nicht sogar in diese Stadt gekommen, um die Christen gefangen zu nehmen und zum Hohenpriester zu schleppen? Woher kommt nun diese Änderung, die wir an ihm sehen?»

267. Der heilige Paulus erstarkte nun von Tag zu Tag mehr (Apg 9, 22). Er predigte mit immer größerer Kraft und überführte Juden und Heiden, so dass man Rat hielt, um ihm das Leben zu nehmen, und dass sich ereignete, was ich in der Folge berichten werde. Diese wunderbare Bekehrung des heiligen Paulus geschah ein Jahr und einen Monat nach dem Martyrertod des heiligen Staphanus, am fünfundzwanzigsten Januar, an demselben Tage, an welchem die heilige Kirche Pauli Bekehrung feiert, im Jahre 36 nach Christi Geburt. Denn der heilige Stephanus starb, wie ich schon im elften Hauptstücke gesagt habe, nachdem vierunddreißig Jahre und ein Tag nach der Geburt des Herrn verflossen waren. Somit geschah die Bekehrung des heiligen Paulus 35 Jahre und einen Monat nach der Geburt Christi (Das römische Martyrologium [25. Jan.] sagt. die Bekehrung des heiligen Paulus habe im zweiten Jahre nach Christi Himmelfahrt stattgefunden. Diese aber fand statt ungefähr 33, 1/2 Jahre nach seiner Geburt. Rechnet man vom Tag seiner Himmelfahrt, welche in die Frühlingszeit fiel, noch ungefähr 1 Jahr und 9 Monate - nämlich den Rest des Jahres 34. das ganze Jahr 35 und die Tage bis zum Januar 36, so passen die Angaben genau. Der Herausgeber). Um dieselbe Zeit ging auch der heilige Jakobus aus, um, wie ich später (Unten Nr. 319) berichten werde, das Evangelium zu verkünden.

268. Doch kehren wir zu unserer großen Königin, der Herrin der Engel, zurück, die vermöge ihrer eingegossenen Wissenschaft und überdies durch die mehrfach erwähnte Vision alles wusste, was mit Saulus vor sich ging: seinen vorigen höchst unglückseligen Zustand, seine Wut gegen den Namen Christi, seinen Sturz vom Pferd und dessen Ursache, seine Umwandlung und Bekehrung und besonders die wunderbare und außerordentliche Gnade seiner Erhebung zum empyrischen Himmel und zur klaren Anschauung der Gottheit. Endlich wusste sie auch alles, was in Damaskus geschah. Übrigens war es auch angemessen und gerecht, dass der liebevollsten Jungfrau dieses große Geheimnis geoffenbart wurde, und zwar nicht bloß deshalb, weil sie Mutter des Herrn, Mutter seiner heiligen Kirche und das Werkzeug dieses großen Wunders war, sondern auch deswegen, weil sie allein imstande war, dieses Wunder in würdiger Weise durch Dank zu verherrlichen, besser als der heilige Paulus selbst, ja besser als der ganze geheimnisvolle Leib der Kirche. Es geziemte sich aber nicht, dass eine so große Wohltat, ein so wunderbares Werk des Allerhöchsten von Seiten der Menschen ohne die gebührende Anerkennung und Dankesbezeigung bliebe. Diese Danksagung nun leistete die heiligste Jungfrau Maria auf vollkommen gebührende Weise. Sie war die erste, welche das Fest dieses Wunders im Namen und an der Stelle des ganzen Menschengeschlechtes würdig feierte. Sie lud hierzu alle ihre Schutzengel und noch eine große Menge anderer Engel ein, die dann vom Himmel zu ihr herabkamen. Mit allen diesen Chören brachte sie dem Herrn ein Loblied dar, worin sie die Macht, Weisheit und freigebige Barmherzigkeit Gottes, die sich an Paulus geoffenbart hatte, pries und verherrlichte. Einen anderen Lobgesang brachte sie dar zu Ehren der Verdienste ihres allerheiligsten Sohnes, durch deren Kraft diese staunenerregende, wundervolle Bekehrung geschehen war. Diese Dankbarkeit und Treue der seligsten Jungfrau Maria war dem Allerhöchsten höchst wohlgefällig und, menschlich gesprochen, gleichsam eine vollkommene Vergeltung für das, was er zur Wohlfahrt seiner Kirche an Paulus gewirkt hatte.

269. Wir dürfen hier nicht mit Stillschweigen übergehen, welche Gedanken sich der neue Apostel über seine Stellung zu Maria gemacht hat. Er dachte nämlich bei sich nach: weIchen Platz wird mir wohl die barmherzige Mutter in ihrem Herzen einräumen und welches Urteil wird sie über mich gefällt haben, da sie weiß, dass ich ein so grausamer Feind und Verfolger ihres allerheiligsten Sohnes und seiner Jünger gewesen bin und die Absicht hatte, die Kirche zu vernichten? Diese Gedanken entstanden bei ihm nicht aus Unkenntnis der hohen Gaben Mariä, sondern aus der Demut und Verehrung, womit er im Geiste zur Mutter Jesu aufblickte. Er wusste aber damals noch nicht, dass Maria von allem, was sich mit ihm zugetragen hatte, unterrichtet sei. Und obwohl sie ihm, seit er sie in Gott als die Mittlerin und das Werkzeug zu seiner Bekehrung erkannt hatte, gleichsam als die Güte selbst erschien, so hielt ihn doch das Verbrecherische seines vorigen Lebens wie von Furcht und Schrecken gebannt. Er hielt sich für unwürdig der Gunst einer Mutter, deren Sohn er mit so blinder Wut verfolgt hatte. Es schien ihm, so große Sünden könne nur eine unendliche Barmherzigkeit verzeihen nicht aber ein bloßes Geschöpf, wie Maria es war. Andererseits aber wurde er wieder ermutigt, da er hörte, sie habe selbst denen verziehen, die ihren Sohn kreuzigten, und sie werde hierin Jesus als Mutter immer nachahmen. Da die Jünger ihn überdies versicherten, Maria sei gegen Sünder und überhaupt gegen Notleidende ganz Milde und Güte, so steigerte dies in seinem Herzen das Verlangen, sie zu sehen. Er entschloss sich also, sie zu besuchen, sich ihr zu Füßen zu werfen und den Boden zu küssen, den sie betreten. Allein bald schon überfiel ihn neuerdings Scham, sich derjenigen vorzustellen, welche die wahre Mutter Jesu war, und die sich, menschlich zu reden, von ihm so sehr beleidigt halten musste, und die zudem noch im sterblichen Fleische wandelte. Dann dachte er, ob er sie nicht bitten solle, ihn zu strafen, indem er auf diese Weise wenigstens einige Genugtuung leisten würde. Allein sagte er sich bald, dass sie diese Art Rache, die so wenig zu ihrer Güte passe, kaum werde nehmen wollen, zumal sie schon, ohne dass irgend etwas der Art vorhergegangen, Barmherzigkeit für ihn erbeten und erlangt habe.

270. Bei diesen und ähnlichen Erwägungen fühlte Paulus durch Gottes Zulassung ziemlich empfindliche, aber zugleich auch süße Schmerzen. Endlich aber sagte er zu sich selbst: «Fasse Mut, elender, sündiger Mensch. Diejenige, die für dich gebeten hat, wird dich ohne Zweifel gnädig aufnehmen und dir verzeihen. Denn sie ist die wahre Mutter desjenigen, der für dein Heil gestorben ist. Sie wird gewiss als Mutter eines solchen Sohnes handeln. Denn beide sind ganz Barmherzigkeit und Güte und werden ein zerknirschtes und gedemütigtes Herz nicht verachten.» Der göttlichen Mutter waren die Gedanken und Befürchtungen, welche das Herz des heiligen Paulus einnahmen, keineswegs unbekannt. Mit ihrer erhabenen Wissenschaft durchschaute sie alles. Sie erkannte auch, dass der neue Apostel sich nicht sobald zu ihr werde begeben können. Da sie nun aus mütterlicher Teilnahme nicht länger zögern wollte, diesem Heiligen den Trost zu bieten, nach weIchem er verlangte, so wendete sie sich an einen ihrer Engel und sprach zu ihm: «Himmlischer Geist, Diener meines Sohnes und Herrn, ich bin gerührt von dem Schmerze, welcher das demütige Herz des Paulus betrübt. Ich bitte dich daher, o mein Bote, begib dich schnell nach Damaskus und flöße ihm Mut und Trost ein in seinen Beängstigungen. Wünsche ihm Glück zu dem Lose, das ihm zuteil geworden. Sage ihm, welchen Dank er der Güte meines Sohnes und Herrn ewig dafür schulde, dass er ihn zu seiner Freundschaft und Gnade angezogen und zu seinem Apostel erwählt habe. Nie habe der Herr an einem Menschen größere Barmherzigkeit geübt als an ihm. Was mich betrifft, so sage ihm, ich werde in allen seinen Arbeiten als Mutter ihm beistehen und als Magd ihm dienen. Denn dies bin ich allen Aposteln und allen Priestern, welche den heiligen Namen Jesu, meines Sohnes, predigen und seine Lehre verkünden, schuldig. Erteile ihm in meinem Namen den Segen und sage ihm, ich sende ihm ihn im Namen desjenigen, der sich gewürdigt hat. in meinem Schoß Fleisch anzunehmen und an meiner Brust genährt zu werden.»

271. Pünktlich vollzog der heilige Engel diesen Auftrag und Befehl seiner Königin und begab sich schleunigst zum heiligen Paulus, welcher immer noch im Gebete verharrte. Denn diese Sendung geschah am ersten Tage nach Pauli Taufe, am vierten nach seiner Bekehrung. Der Engel zeigte sich ihm in sichtbarer menschlicher Gestalt, strahlend von Licht und Schönheit, und überbrachte ihm Mariä Aufträge. Der heilige Paulus vernahm die Botschaft mit unvergleichlicher Demut und Ehrfurcht, aber auch mit wahrem Jubel des Geistes. Und dem Engel antwortend, sprach er: «Mächtiger Diener des allmächtigen und ewigen Gottes, der du wohl weißt, wie sehr ich deinem Herrn verpflichtet bin, und wie sehr er an mir seine Barmherzigkeit gezeigt. da er mir deren Reichtümer offenbarte, ich als der Geringste unter allen Menschen bitte dich, lieber, himmlischer Geist, du wollest ihm nach Gebühr danken und ihn ewig dafür preisen, dass er mir ungeachtet meines Missverdienstes sein göttliches Licht geschenkt und mir das Merkmal seiner Kinder aufgedrückt hat. Seine Güte folgte mir, da ich mich am weitesten von ihm entfernte. Da ich vor ihm floh, kam er mir entgegen. Da ich mich blindlings in den Tod stürzte, schenkte er mir das Leben. Da ich ihn wie einen Feind verfolgte, erhob er mich zu seiner Gnade und Freundschaft und vergalt mir die größten Ungerechtigkeiten mit den höchsten Wohltaten (1 Tim 1,13 f). Niemand hat sich je so des Hasses und Abscheues würdig gemacht wie ich, und niemand hat er so freigebig Verzeihung und Gnade gewährt. Er entriss mich dem Rachen des Löwen, um mich zu einem Schäflein seiner Herde zu machen. Du, o mein Herr, bist Zeuge von allem diesem. Ich bitte dich also, hilf mir, ewiglich dankbar dafür zu sein. Die Mutter der Barmherzigkeit und meine Herrin betreffend, bitte ich dich, ihr zu sagen, dass dieser ihr unwürdiger Diener ihr zu Füßen liegt, dass er die Erde küsst, wo sie gestanden, und mit zerknirschtem Herzen bittet, sie möge dem verzeihen, der so verwegen war, den Namen und die Ehre ihres Sohnes, des wahren Gottes, von der Erde vertilgen zu wollen. Sie möge meine Widrigkeiten vergessen und sich gegen diesen Sünder und Gotteslästerer als jene Mutter erzeigen, welche, allezeit Jungfrau bleibend, denselben Herrn empfangen, geboren und genährt hat, der sie geschaffen und unter allen Geschöpfen auserwählt hat. Für meine vielen Verbrechen verdiene ich die strengste Strafe und bin bereit, sie zu empfangen, aber ich fühle die Milde ihrer barmherzigen Augen. Möge sie mir ihre Gnade und ihren Schutz nicht versagen. Möge sie mich unter die Kinder der Kirche aufnehmen, die sie so zärtlich liebt. Gern will ich für deren Ausbreitung und Verteidigung alle meine Wünsche opfern, ja mein Blut hingeben und werde in allem dem Willen derjenigen gehorchen, die ich als meine Retterin und die Mutter der Gnade erkenne und bekenne.»

272. Der heilige Engel kehrte mit dieser Antwort zu Maria zurück und teilte ihr sie mit, wiewohl die seligste Jungfrau vermöge ihrer Weisheit die Antwort schon wusste. Maria vernahm den Bericht mit ungemeiner Freude, lobte und dankte aufs neue dem Allerhöchsten für die Werke seiner Rechten in dem neuen Apostel und für die Wohltaten, die daraus der Kirche und ihren Kindern zufließen würden. Über die Beschämung und Qual, welche die Bekehrung des heiligen Paulus den bösen Geistern verursachte, und über mehrere andere Dinge, die mir hinsichtlich der Bosheit des höllischen Drachen geoffenbart wurden, werde ich nach bestem Vermögen im folgenden Hauptstück reden.

LEHRE, welche mir Maria, die große Königin des Himmels, gegeben hat

273. Meine Tochter, alle Gläubigen sollen wohl wissen, dass Gott den heiligen Paulus hätte bekehren und rechtfertigen können, auch ohne so große Wunder zu wirken, wie sie seine Allmacht bei diesem staunenerregenden Werke getan hat. Er hat aber diese Wunder gewirkt, damit die Menschen sehen, wie geneigt er ist, ihnen zu verzeihen und sie zu seiner Gnade und Freundschaft zu erheben, aber auch, um ihnen zu zeigen, wie man nach dem Beispiel dieses großen Apostels dem Rufe Gottes folgen und mit seiner Gnade mitwirken müsse. Der Herr erweckt und ruft viele Seelen durch die Kraft seiner Einsprechungen und Gnaden. Viele entsprechen denselben, gelangen zur Rechtfertigung und empfangen die heiligen Sakramente der Kirche. Allein nicht alle beharren in ihrer Rechtfertigung und noch wenigere schreiten zur Vollkommenheit fort. Die meisten endigen, nachdem sie im Geiste angefangen, im Fleische. Was ist aber die Ursache, dass sie nicht in der Gnade beharren, sondern schnell wieder in ihre Sünden zurückfallen? Weil sie in ihrer Bekehrung nicht wie der heilige Paulus sagen: «Herr! was willst du aus mir machen, und was willst du, dass ich für dich tue (Apg 9, 6) ?» Und wenn sie auch so sprechen, so geschieht dies oft nur mit den Lippen und nicht von ganzem Herzen, da sie stets einen Rest von Liebe zu ihrem eigenen Ich, zum Geld und Gut, zum eigenen Willen, zum Vergnügen oder gar zur Gelegenheit der Sünde bewahren und daher schnell straucheln und wieder fallen.

274. Der Apostel war ein lebendiges und wahrhaftes Vorbild derer, die sich zum Licht der Gnade bekehren; und zwar nicht bloß deshalb, weil er vom Zustand tiefsten Sündenelendes in einen wunderbar hohen Stand der Gnade versetzt und von Gott auf außerordentliche Weise begünstigt wurde, sondern auch wegen der Art und Weise, wie er mit der Gnade seiner Berufung freiwillig mitwirkte: er machte sich von seinem schlimmen Zustand, ja von seinem eigenen Willen vollständig los und überließ sich ganz und gar dem Willen und der Verfügung Gottes. Denn diese Verleugnung seiner selbst und diese Hingabe an das Wohlgefallen Gottes ist in den Worten ausgesprochen: «Herr! was willst du, dass ich tun soll?» Auf diesen Worten beruhte aber auch sein ganzes Heil, soweit dies von ihm selbst abhing. Denn da er diese Worte mit aufrichtigem, zerknirschtem und gedemütigtem Herzen sprach, so entäußerte er sich damit ganz und gar seines eigenen Willens und übergab sich ganz dem Willen Gottes. Er entsagte für immer einem Gebrauch seiner Fähigkeiten und Sinne, der ihn in das Sündenleben hätte zurück stürzen können, in welches er sich früher verirrt hatte. Er verpflichtete sich, auf welche Art und Weise immer er Gottes Willen erkennen werde, denselben ohne Verzug und ohne Widerrede zu vollbringen, und ging dann auch sogleich auf den Befehl des Herrn selbst in die Stadt und gehorchte, dort angekommen, dem Jünger Ananias in allem, was dieser ihm befahl. Da nun der Allerhöchste, der die Geheimnisse der Menschenherzen durchforscht (Jer 17,10), die Aufrichtigkeit sah, mit welcher Paulus seinem Ruf entsprach und sich ganz dem göttlichen Willen und Wohlgefallen hingab, so nahm er ihn nicht bloß mit höchstem Wohlgefallen auf, sondern überhäufte ihn wahrhaft mit einem Überfluss der höchsten und wunderbarsten Gnaden und Gaben. Paulus konnte dieselben zwar nicht verdienen, allein er hätte sie gewiss nicht erlangt, hätte er sich nicht dem göttlichen Willen so ganz und gar hingegeben. Dies war es, wodurch er sich zu ihrem Empfang befähigte.

275. Da dem nun so ist, meine Tochter, so will ich, dass du dich bemühest, aufs vollkommenste dasjenige auszuüben, was ich dir schon so oft empfohlen habe, nämlich dich selbst zu verleugnen, alle Geschöpfe zu verlassen, alles Sichtbare, Scheinbare und Trügerische zu vergessen. Wiederhole oft, aber weit mehr mit dem Herzen als mit den Lippen die Worte: «Herr! was willst du aus mir machen?» Denn wenn du etwas nach deinem eigenen Willen tun willst, so suchst du schon nicht mehr mit Aufrichtigkeit den Willen Gottes. Das Werkzeug hat keine andere Bewegung und keine andere Tätigkeit als diejenige, welche es von der Hand des Künstlers empfängt. Hätte es eine eigene Bewegkraft, so könnte es dem Willen desjenigen, der es handhabt, widerstehen, ja entgegentreten. Dasselbe Verhältnis besteht zwischen Gott und der Seele. Wenn diese einen Willen hat, der sie in Bewegung setzt, ohne zu warten, bis Gott sie bewegt, so widersetzt sie sich dem Wohlgefallen des Herrn. Da aber der Herr die Rechte der Willensfreiheit, welche er der Seele gegeben hat, achtet. so lässt er zu, dass sie sich verirre, weil sie selbst es so will und nicht auf den Antrieb ihres göttlichen Werkmeisters wartet.

276. Da es übrigens nicht zweckmäßig wäre, wenn die gesamte Tätigkeit der Geschöpfe in diesem sterblichen Leben auf wunderartige Weise durch unmittelbare Anordnung Gottes regiert würde, so hat Gott, um den Menschen jede eitle Entschuldigung zu benehmen, ihnen sein Gesetz ernstlich ins Herz gegraben und es zudem in seiner heiligen Kirche hinterlegt. damit man durch diese seinen göttlichen Willen erkenne, sich danach richte und ihn getreu erfülle. Überdies hat er in seiner Kirche die Obern und Priester bestellt, damit man sie höre und ihnen gehorche wie dem Herrn selbst, der ihnen ja beisteht. Wer ihnen gehorcht, der gehorcht dem Herrn (Lk 10,16) und darf seines Heiles sicher sein. Alle diese Vorteile, meine geliebte Tochter, sind dir in Fülle geboten. So sei aber nun auch bedacht, keinerlei Bewegung, Vorsatz, Wunsch oder auch nur Gedanken zuzulassen, noch in etwas deinen Willen zu tun, ohne den Willen dessen zu Rate gezogen zu haben, der die Sorge für deine Seele auf sich genommen hat. Denn an ihn weist dich der Herr, wie er den Saulus an Ananias wies. Du bist hierzu um so strenger verpflichtet, weil dich der Herr ganz besonders in Liebe und Gnade angesehen hat und weil er will, dass du ein Werkzeug in seinen Händen seiest. Er steht dir bei, regiert und bewegt dich durch sich selbst, durch mich und durch seine heiligen Engel und er tut dies mit der Treue, Aufmerksamkeit und Beharrlichkeit, die dir bekannt sind. Erwäge daher, wie gerecht es ist, dass du allem eigenen Wollen absterbest, der Wille Gottes aber aufs neue in dir auflebe und allein es sei, der all dein Tun und Lassen beseele und belebe. Mache daher allen eigenen Reflexionen ein Ende und sei fest überzeugt: wenn du die Wissenschaft der weisesten, den Rat der klügsten Menschen, ja die natürliche Erkenntnis der Engel miteinander vereinigtest, du würdest im entferntesten nicht den Willen Gottes mit solcher Sicherheit erkennen und ausführen, wie wenn du dich ganz und gar seinem heiligsten Wohlgefallen überlässest. Er allein weiß, was dir zuträglich ist und er will es mit einer ewigen Liebe. Er hat deine Wege erwählt. Er ist es, der dich auf denselben führt. Lass dich also von seiner göttlichen Weisheit leiten und verliere nicht deine Zeit damit, dass du nachdenkst, was du tun sollst. Denn ein solches Nachdenken ist voll Gefahr des Irrtums, in dieser Lehre aber, die ich dir gebe, ist lautere Sicherheit und Gewissheit. Schreibe sie dir tief ins Herz und beobachte sie aus allen deinen Kräften, auf dass du dich meiner Fürsprache würdig machest und durch sie der Allerhöchste dich an sich ziehe.

FÜNFZEHNTES HAUPTSTÜCK: Kampf der bösen Geister gegen die einzelnen Seelen. Schutz der heiligen Engel

Beschreibung des Kampfes, den die bösen Geister unsichtbarerweise gegen die Seelen führen. Art und Weise, wie der Herr teils durch seine Engel, teils durch Maria, teils auch persönlich die Seelen beschützt. Die höllischen Geister halten nach der Bekehrung des heiligen Paulus eine Ratsversammlung gegen unsere Königin und gegen die Kirche.

277. Durch eine große Anzahl von Stellen der Heiligen Schrift (Gen 3,1; 1 Chr 21,1; Job 2, 1; Sach 3,1; Mt 13,19; Lk 8,12 und 13,16; Apg 5, 3; Eph 6,11 ff) und durch die Werke der heiligen Lehrer kennt die ganze Katholische Kirche und kennen deren Kinder die nimmer ruhende Bosheit und Grausamkeit, womit die Hölle sie verfolgt, indem sie ihre ganze Arglist aufbietet. um, wenn es möglich wäre, sie alle ins ewige Verderben fortzureißen. Durch dieselben Schriften wissen wir aber auch, wie der Herr uns mit seiner unendlichen Macht beisteht, auf dass wir, gestützt auf seinen unüberwindlichen Schutz, mit Sicherheit den ewigen Belohnungen zuwandeln, welche uns durch die Verdienste Christi unseres Erlösers bereitet sind, wenn wir auch unserseits sie verdienen. Der heilige Paulus (Röm 15, 4) sagt, alle heiligen Bücher seien geschrieben, um uns in dieser Hoffnung zu versichern und durch diese Versicherung zu trösten, auf dass unsere Hoffnung nicht eine eitle sei, wie sie es wäre, wenn wir nicht die Werke mit ihr verbinden würden. Der heilige Petrus verbindet daher diese beiden Ermahnungen, und nachdem er uns aufgefordert hat, alle unsere Bekümmernisse auf den Herrn zu werfen, da dieser für uns Sorge trage, fügt er sogleich hinzu: «Seid nüchtern und wachet, denn euer Widersacher, der Teufel. geht umher wie ein brüllender Löwe, und sucht. wen er verschlingen könne (1 Petr 5, 7 f).»

278. Diese und andere Warnungen, welche die Heiligen Schriften enthalten, sind für alle insgesamt gegeben. In Verbindung mit der beständigen Erfahrung könnten sie wohl genügen, um jedem einzelnen eine wahre Vorstellung von den Schlingen und Nachstellungen zu geben, welche die Teufel anwenden, um uns zu verderben. Weil aber die irdischen, fleischlichen Menschen, die nur an das gewöhnt sind, was sie mit den Sinnen wahrnehmen, ihren Sinn nicht erheben, so leben sie in einer falschen Sicherheit und kennen gar nicht einmal die geheime Grausamkeit, mit welcher Satan sie in das Verderben lockt und auch hineinstürzt. Ebenso wenig kennen sie den Schutz, mit welchem Gott über sie wacht und sie verteidigt. Und in dieser Unwissenheit und Blindheit sind sie weder für diese Wohltat dankbar, noch fürchten sie jene Gefahr. «Wehe der Erde,» sagt der heilige Johannes in der Geheimen Offenbarung (Offb 12,12), «denn der Teufel ist zu euch hinabgekommen, und hat großen Zorn.» Diesen Schmerzensruf hörte der heilige Evangelist im Himmel. Also die Heiligen des Himmels würden über den geheimen Krieg, welchen ein so mächtiger, erzürnter und tödlicher Feind gegen die Menschen führt, Schmerz empfinden, wenn sie eines solchen fähig wären. Nun kann zwar diese Gefahr ihnen keinen Schmerz bereiten, allein sie bemitleiden uns; wir, versunken in eine schaudervolle Gedankenlosigkeit und Gleichgültigkeit, haben weder Schmerz noch Mitleid mit uns selbst! Damit nun diejenigen, welche dieses Buch lesen, aus diesem Schlafe aufgeweckt werden, sind mir, wie der Herr mich versicherte, im ganzen Verlauf dieser Geschichte die geheimen Pläne der Bosheit aufgedeckt worden, welche die bösen Geister gegen die Geheimnisse Jesu Christi, gegen die Kirche und gegen die Kinder derselben geschmiedet haben und immer noch schmieden. Ich habe an verschiedenen Stellen dieses Buches hierüber geschrieben und bald dieses bald jenes über den geheimen Kampf aufgedeckt, wodurch diese bösen Geister uns ihrem Willen untertänig machen möchten. An dieser Stelle und anlässlich dessen, was auf die Bekehrung des heiligen Paulus folgte, hat der Herr mich noch mehr über diese Wahrheit erleuchtet, damit ich sie hier auseinandersetze und man klar erkenne, welchen unablässigen Kampf und Streit unsere Schutzengel auf der Wahlstatt unserer Sinne gegen die bösen Geister führen, um unsere Seelen zu verteidigen. Auch soll man hieraus erkennen, auf welche Weise die göttliche Allmacht die bösen Geister überwältigt, bald durch die heiligen Engel, bald durch Maria, bald durch die heiligste Menschheit unseres Herrn Jesu Christi, bald durch unmittelbares Eingreifen des Allmächtigen.

279. Über die Kämpfe verschiedener Art, welche die heiligen Engel gegen die Teufel bestehen, um uns gegen deren Neid und Bosheit zu verteidigen, enthält die Heilige Schrift ganz klare Zeugnisse, die ich aber hier nicht anführen will. Es genügt zu meinem Zweck, einfach darauf hinzuweisen. Allgemein bekannt ist, was der heilige Judas Thaddäus in seinem katholischen Brief (Jud V. 9) erwähnt, dass nämlich der heilige Michael den Teufel bekämpfte, weil dieser Feind alles Guten den Leib des Moses, den der heilige Erzengel auf Befehl des Herrn an einem den Juden verborgenen Ort beerdigt hatte, wieder ans Tageslicht bringen wollte. Luzifer wollte dieses zu dem Zweck tun, dass die Juden den Leib dieses Propheten durch Opfer verehrten und so den Kult des Gesetzes in Götzendienst verkehrten. Darum verhinderte der heilige Michael die Entdeckung des Grabmals. Die Feindschaft Luzifers und seiner Genossen gegen die Menschen ist so alt, wie sein Ungehorsam, seine Wut und Grausamkeit gegen die Menschen ist ebenso groß, wie sein Hochmut gegen Gott groß ist seit dem Augenblick, da er im Himmel inne wurde, dass das ewige Wort die menschliche Natur annehmen und von jener Frau geboren werden wolle, die er mit der Sonne bekleidet sah (Offb 12,1). Ich habe hierüber schon im ersten Teil einiges gesagt (Teil 1. Nr. 90 ff). Und eben daher, dass er diese Ratschlüsse der unendlichen Weisheit verwarf und seinen Nacken nicht beugen wollte, daher kommt der Hass, den er gegen Gott und gegen Gottes Geschöpfe hat. Da er nun seinen Hass an dem Herrn selbst nicht befriedigen kann, so befriedigt er ihn an den Werken der Hand Gottes. Da ferner der Dämon in Gemäßheit seiner englischen Natur das, was sein Wille einmal beschlossen hat, unbeweglich festhält, ohne jemals davon abzustehen, so legt er wohl nach Umständen die eine Kampfesweise ab, um eine andere zu versuchen, nie und nimmer aber die Wut, mit welcher er die Menschen verfolgt. Im Gegenteil ist sein Hass gewachsen und wächst fort und fort in dem Maß, als Gott die Gerechten und Heiligen seiner Kirche mit Gnaden bereichert, und besonders in dem Maß, als er sich von der Nachkommenschaft jener Frau besiegt sieht, von welcher der Herr ihm vorausgesagt, dass er sie zwar verfolgen, sie aber ihm den Kopf zertreten werde (Gen 3,15).

280. Da aber dieser Feind ein reiner, unkörperlicher Geist ist, welchen keine Wirksamkeit ermüdet, so ist er in unserer Verfolgung so eifrig, dass er damit von dem Augenblick an beginnt, da wir das Dasein im Mutterschoß empfangen, und den Kampf nicht eher aufgibt, als bis die Seele sich vom Leibe trennt, so dass sich das Wort des Job bewahrheitet: «Ein Streit ist das Menschenleben auf Erden (Job 7,1).» Dieser Kampf besteht nicht bloß darin, dass wir in der Erbsünde empfangen sind und deshalb mit dem Zunder der Begierlichkeit (fomes peccati) und mit ungeordneten Leidenschaften, die uns zum Bösen hinneigen, geboren werden. Nein, außer diesem Krieg und Aufruhr, den wir beständig in unserer Natur mit uns umhertragen, bekämpft der Teufel uns auch von außen her und mit einer noch weit größeren Heftigkeit. Zu diesem Zweck bietet er all seine List und Bosheit und alle Macht auf, die ihm noch gelassen ist. Er bedient sich dazu unserer Sinne, Seelenkräfte, Neigungen und Leidenschaften. Ganz besonders aber ist er bemüht, sich anderer natürlicher Mittel zu bedienen, um uns das leibliche Leben und die Möglichkeit zu rauben, zum ewigen Heil zu gelangen. Gelingt ihm dieses nicht, so gibt es keine erdenkliche Gefährdung und Schädigung, die er unversucht ließe, um uns auf Abwege zu bringen und der Gnade zu berauben, und zwar vom Augenblick unserer Empfängnis an bis zum letzten unseres Lebens, welcher allein unserem Kampf ein Ende machen wird.

281. Das Gesagte wird ganz besonders gegen die Kinder der Kirche versucht. Sobald der Satan die Tatsache der natürlichen Erzeugung eines menschlichen Körpers erkennt, erforscht er an erster Stelle die Intention der Erzeuger, sodann ob sie im Stande der Sünde oder der Gnade seien und ob sie beim Akt der Zeugung das rechte Maß beobachtet haben. Sodann erforschen die bösen Geister die natürliche Komplexion der Eltern, da dieser in der Regel die der Kinder folgt. Sie beobachten auch die natürlichen Ursachen, sowohl die besonderen, als die allgemeinen, welche bei Erzeugung und Entwicklung des menschlichen Körpers mitwirken. Aus allen diesen Beobachtungen, zu welchen eine reiche Erfahrung kommt, schließen sie auf die Natur und auf die Neigungen, welche das kleine Wesen einst haben wird, und gründen darauf schon umfassende Berechnungen für dessen Zukunft. Sind dieselben für das Kind günstig, so bieten sie alles auf, um die Vollendung der Zeugung, d.h. die Eingießung der Seele zu verhindern. Sie bereiten den Müttern verschiedene Gefahren und Versuchungen, damit die Geburt zu früh erfolge, nämlich vor Ablauf der vierzig, beziehungsweise achtzig Tage, welche bis zur Eingießung der Seele verstreichen. Wissen sie aber einmal, dass Gott eine Seele geschaffen und dem Leib eingegossen hat, so streben diese Drachen mit größter Wut zu verhindern, dass das Geschöpf das Licht der Welt erblicke und die Taufe empfange, besonders wenn die Geburt an einem Ort geschah, wo die Taufe bald gespendet werden kann. Zu diesem Zweck reizen sie die Mütter durch Versuchungen oder sonstwie zu verschiedenen Unordnungen und Ausschreitungen, infolge deren das Kind vor der Zeit geboren wird oder im Mutterschoß stirbt. Denn bei Katholiken, und selbst bei Häretikern, die noch die Taufe spenden, würden die bösen Geister damit zufrieden sein, wenn es ihnen gelänge, die Taufe und eben damit die Rechtfertigung des Kindes zu verhindern, denn auf diese Weise würden sie doch soviel erreichen, dass das Kind in den Limbus kommt und der Anschauung Gottes beraubt wird. Bei Heiden und Götzendienern aber geben sie sich in dieser Hinsicht nicht soviel Mühe, denn da ist ja die einstige Verdammnis ohnedies (in mancher Hinsicht) gewiss.

282. Die Mittel, wodurch der Allerhöchste die Menschen gegen diese Bosheit des Drachen beschützt, sind von verschiedener Art. Das gewöhnlichste besteht in dem allgemeinen Walten seiner Vorsehung, wodurch er die natürlichen Ursachen so lenkt, dass sie zur rechten Zeit ihre Wirkungen hervorbringen, ohne dass die Macht der bösen Geister dieselben aufhalten oder stören könnte. Gerade deshalb hat der Herr ihre Macht beschränkt. Denn würde er ihrer unversöhnlichen Bosheit freien Spielraum lassen, sie würden die ganze Welt in Unordnung bringen. Dies lässt jedoch die Güte des Schöpfers nicht zu. Er gibt seine Werke nicht auf und überlässt die Regierung sogar seiner untergeordneten Geschöpfe und um so mehr diejenige der Menschen nicht an die Teufel, seine geschworenen Todfeinde. Diese leisten vielmehr in der Schöpfung nur jene Dienste, die in einem wohlgeordneten Staatswesen verächtlichen Henkersknechten zukommen. Und selbst in dieser Eigenschaft tun sie nur soviel, als ihnen von Gott aufgetragen und gestattet wird. Und würden die Menschen in ihrer Verkommenheit diesen Feinden nicht selbst die Hand bieten, indem sie auf deren Einflüsterungen hören und Werke verüben, welche Strafe verdienen, so würde die ganze Natur ihre Ordnung bewahren. Die allgemeinen und besonderen Ursachen würden die ihnen eigentümlichen Wirkungen hervorbringen. und es würden unter den Gläubigen nicht so viele Unglücksfälle und Verluste vorkommen, wie dies tatsächlich der Fall ist, z. B. durch Missernten, Krankheiten, plötzlichen Tod und durch mancherlei Bosheiten, wie der Satan sie erfunden hat. Alle diese und viele andere Übel, welche selbst die Kinder schon mit auf die Welt bringen, sind Folgen der Unordnungen und Sünden der Menschen. Wir selbst bieten dem Satan die Hand und verdienen es, durch seine Bosheit gestraft zu werden, weil wir so blind sind, uns ihm anzuvertrauen.

283. Zu dieser allgemeinen Vorsehung Gottes kommt dann noch der besondere Schutz unserer heiligen Engel. Nach den Worten Davids (Ps 91,12) hat ihnen der Allerhöchste befohlen, uns auf ihren Händen zu tragen, damit wir nicht in die Fallstricke Satans fallen. An einer anderen Stelle sagt der königliche Prophet, Gott werde seinen Engel senden, damit er uns ringsum mit seinem Schutz umgebe und vor Gefahren behüte (Ps 34, 8). Dieser Schutz beginnt wie die besagte Verfolgung vom Mutterschoß an, wo wir das menschliche Dasein erhalten und dauert fort, bis die Engel uns vor den Richterstuhl Gottes führen, wo ein jeder nach seinen Werken Lohn oder Strafe empfangen wird. Sobald das Menschengeschöpf empfangen ist, befiehlt der Herr den Engeln, es samt der Mutter zu behüten. Zur geeigneten Zeit sodann bestimmt er dem Kind zum Schutz einen besonderen Engel, wie ich im ersten Teile gesagt habe (Teil 1. Nr. 114). Vom Augenblick der Empfängnis an führen die Engel viele und heftige Kämpfe gegen die Teufel, um das ihnen anvertraute Geschöpf zu verteidigen. Die Teufel behaupten, ein Recht auf dasselbe zu besitzen, weil es in der Sünde empfangen und mithin ein Kind des Fluches, der göttlichen Gnade und Freundschaft unwürdig, mit einem Wort, ihr Sklave sei. Der Engel hingegen verteidigt es, indem er darauf hinweist, dass es nach der Ordnung der natürlichen Ursachen empfangen sei, über welche der Hölle keinerlei Recht zusteht. Sei das Kind auch in der Erbsünde empfangen, so habe es sich diese durch die Natur zugezogen. Die Schuld liege an den ersten EItern, nicht in dem Willen des Kindes. Gott habe es ungeachtet dieser Sünde geschaffen, damit es ihn erkenne, ihn lobe, ihm diene und kraft des Leidens und der Verdienste Christi die ewige Herrlichkeit erwerben könne, Zwecke. die keineswegs der bloße Wille des Satans vereiteln dürfe.

284. Dann machen die Feinde wieder geltend, dass die EItern des Kindes bei der Erzeugung nicht die rechte Meinung und Absicht gehabt und dass sie etwa beim Akt der Zeugung das Maß überschritten und gesündigt haben. Und das ist in der Tat für den Satan der stärkste Titel, den er gegen ein menschliches Geschöpf vorbringen kann, solange es sich im Mutterschoß befindet. Denn es ist gar kein Zweifel, dass die Sünden sehr viel dazu beitragen, dass Gott seinen Schutz entzieht oder dass die Zeugung verhindert wird. Obwohl aber dieses oft vorkommt und es bisweilen sogar geschieht, dass die schon empfangene Kreatur vor der Geburt zugrunde geht, so bewahren doch gewöhnlich die Engel ihre Schützlinge vor diesem Missgeschick. Handelt es sich um eheliche Kinder, so machen die Engel geltend, dass die Eltern das heilige Sakrament der Ehe und den Segen der Kirche empfangen haben. Besitzen letztere außerdem gewisse Tugenden: Mildtätigkeit gegen die Armen, Barmherzigkeit, Frömmigkeit und das Verdienst anderer guter Werke, so ermangeln die Engel nicht, dieselben hervorzuheben und als Waffen gegen die bösen Geister zu gebrauchen, um so ihre Schützlinge zu verteidigen. Handelt es sich aber um uneheliche Kinder, dann ist der Kampf ein ernsterer. Denn in diesem Fall hat der böse Feind einen größeren Einfluss auf die Zeugung, bei welcher Gott so schwer beleidigt wird und um derentwillen die Eltern schwere Züchtigung verdienen. Wenn daher Gott der Herr uneheliche Kinder schützt und erhält, so zeigt er dadurch seine freie Barmherzigkeit und Güte in weit höherem Grad. Und eben diese Barmherzigkeit Gottes ist es, auf welche dann die heiligen Engel hinweisen. Überdies machen sie, wie ich eben gesagt habe, auch das geltend, dass die Wirkungen eben natürliche gewesen seien. Haben die Eltern selbst keinerlei Verdienst oder Tugend, sind sie vielmehr sündhaft und lasterhaft, so führen die Engel zum Schutz des armen Geschöpfes die Verdienste seiner Vorfahren, Großeltern, Geschwister, die Gebete der Freunde und derjenigen an, welchen man sie empfohlen hatte. Sie halten aufrecht, das Kind sei nicht verantwortlich für die Sünden der Eltern und für ihre Ausschreitungen in der Zeugung. Sie erwähnen auch, dass die Kinder mit der Zeit zu großer Tugend und Heiligkeit gelangen können und dass der Satan kein Recht hat, sie um ihre Ansprüche auf Erkenntnis und Liebe ihres Schöpfers zu bringen. Bisweilen offenbart Gott den Engeln, dass die Kinder auserwählt seien, der Kirche einst einen großen Dienst zu leisten. Und dann bieten die Engel alle nur mögliche Sorgfalt und Macht auf, ihre Schützlinge zu behüten. Auf der andern Seite steigern aber auch die bösen Geister alsdann ihren Ingrimm bei Verfolgung des Kindes, weil sie aus der erhöhten Sorgfalt der Engel ihre Schlüsse ziehen.

258. Alle erwähnten und noch zu erwähnenden Kämpfe sind geistiger Natur, wie ja auch die guten und bösen Engel, zwischen denen sie stattfinden, rein geistige Wesen sind. Ebenso sind auch die Waffen geistig, die dabei von den Engeln und von Gott dem Herrn selbst geführt werden. Die mächtigsten Waffen gegen die bösen Geister sind die göttlichen Wahrheiten und Geheimnisse, z. B. Gottes Wesenheit, das Geheimnis der allerheiligsten Dreieinigkeit, die Geheimnisse unseres Heilandes Jesus Christus, die persönliche Vereinigung seiner beiden Naturen, die Erlösung. die unermessliche Liebe, mit welcher er als Gott und Mensch uns liebt und um unser ewiges Heil besorgt ist, ferner die Heiligkeit und Reinheit der seligsten Jungfrau Maria, ihre Geheimnisse und Verdienste. Über alle diese Geheimnisse erhalten die bösen Geister bei diesen Kämpfen neue Begriffe, damit sie diese erkennen und ihre Aufmerksamkeit darauf richten. Dass sie aber dies tun, dazu werden sie von den heiligen Engeln oder von Gott selbst gezwungen. Und da geschieht es dann, dass. wie der heilige Jakobus sagt, die Teufel glauben und zittern (Jak 2,19). Denn diese Wahrheiten schrecken und peinigen sie in solchem Grad, dass sie sich, um nicht zu sehr darauf achten zu müssen, in den Abgrund stürzen. Ja, sie bitten oft den Herrn, er möge ihnen doch solche Gedanken. wie z. B. an die Menschwerdung Gottes, aus dem Sinne nehmen. Denn wegen ihres Hasses gegen die Geheimnisse Jesu Christi sind die bösen Geister durch den Gedanken an dieselben ärger gepeinigt, als selbst durch das Feuer. das sie quält. Daher kommt es auch, dass die heiligen Engel in diesen Kämpfen so oft die Worte wiederholen: «Wer ist wie Gott? Wer ist wie Christus Jesus, der wahrer Gott und Mensch ist, der für das menschliche Geschlecht gestorben ist? Wer ist wie Maria, unsere heiligste Königin, die frei war von aller Sünde, die in ihrem Schoß dem ewigen Wort menschliches Fleisch und Dasein gab und dabei Jungfrau war und immer Jungfrau bleibt?»

286. Die Angriffe der bösen Geister, sowie auf der anderen Seite die Verteidigung durch die heiligen Engel nehmen ihren Fortgang, wenn das Kind geboren wird. Ja gerade in dieser Zeit unmittelbar nach der Geburt zeigt sich der tödliche Hass des höllischen Drachen ganz besonders gegen jene Kinder, welche in der Lage sind, die heilige Taufe zu empfangen. Denn er gibt sich alle Mühe und wendet alle Mittel an, die Taufe womöglich zu verhindern. Allein eben diese Zeit ist es auch, in welcher die Unschuld des Kindes zum Herrn schreit mit den Worten des Königs Ezechias: «Herr, ich leide Gewalt, nimm dich meiner an (Jes 38,14) !» So rufen nämlich die Engel im Namen des Kindes. In diesem Alter wachen die Engel mit großer Sorgfalt über die Kinder, weil sie eben jetzt den Mutterschoß verlassen haben und sich selbst nicht helfen können. Und weil auch die größte Wachsamkeit derer, die sie pflegen, unmöglich so vielen Gefahren, wie sie jenes Alter mit sich bringt, vorzubeugen imstande ist. Da sind es eben die heiligen Engel, welche gar oft ergänzend eintreten, sie beschützen die Kinder, während sie schlafen oder allein sind und in manchen anderen Umständen, in denen viele Kinder ums Leben kämen, wenn sie nicht von den Engeln behütet würden. Diejenigen, welche das Glück haben, die heilige Taufe und nachher die Firmung zu empfangen, haben an diesen Sakramenten eine mächtige Schutzwehr gegen die Hölle und zwar vermöge des sakramentalen Charakters oder des unauslöschlichen Merkmals, wodurch wir als Kinder der Kirche bezeichnet sind. Sodann vermöge der Gnade der Rechtfertigung, durch welche wir als Kinder Gottes und Erben seiner Herrlichkeit wiedergeboren werden, ferner kraft der eingegossenen Tugenden des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe usw., mit denen wir geziert und zum guten Handeln gestärkt werden. Endlich vermöge der Teilnahme an den übrigen Sakramenten und an den Fürbitten der Kirche, worin uns, wie wir Gläubigen wohl wissen und bekennen, die Verdienste Christi und seiner Heiligen zugewendet und überhaupt zahlreiche Gnaden mitgeteilt werden. Würden wir diese Gnaden benützen, wir würden mit Hilfe solcher Waffen den Satan besiegen und der böse Feind würde über niemand, der zu den Kindern der Kirche gehört, Gewalt haben.

287. Doch leider gibt es nur sehr wenige, welche bei Erlangen des Vernunftgebrauchs nicht alsbald die Taufgnade verlieren und sich, gegen ihren Herrn und Gott, der Partei des Satans anschließen! Nun wäre es, muss man sagen, nur gerecht, wenn Gott uns verlassen und den Schutz seiner Vorsehung und die Obhut seiner heiligen Engel uns entziehen würde. Allein er tut dies nicht, im Gegenteil. Wenn wir anfangen, uns seines Schutzes unwürdig zu machen, da wendet er uns denselben mit erhöhter Liebe zu, um die Reichtümer seiner unendlichen Güte an uns zu offenbaren. Es ist unmöglich, mit Worten auszudrücken, wie groß die Bosheit, Hinterlist und Wachsamkeit des bösen Feindes ist, um die Menschen in jenen Jahren, in welchen die Vernunft zu erwachen und der volle Vernunftgebrauch einzutreten pflegt, zu verführen und in eine Sünde zu stürzen. Um dies zu erreichen, nimmt der Satan sozusagen seinen Anlauf schon von ferne: er sucht es dahin zu bringen, dass man sich in den Kinderjahren manche schlimme Handlungen angewöhnt, dass die Kinder bei ihren Eltern und Wärtern und in Gesellschaft anderer Kinder reiferen Alters, die schon mehr verdorben sind, Böses sehen und hören, und dass die Eltern in dieser Zeit, da ihre Kinder im zarten Alter stehen, an solche Gefahren nicht denken und darum auch keine Vorsorge dagegen treffen. In diesem zarten Alter sind aber die Kinderherzen wie weiches Wachs oder wie eine unbeschriebene Tafel, so dass sich alles, was sie durch die Sinne wahrnehmen, tief einprägt. Durch die Sinne aber wirkt der Satan auf die Neigungen und Leidenschaften ein. Und da die Menschen, falls sie nicht von einer ganz besonderen Gnadenhilfe geleitet sind. gemeiniglich nach ihren Neigungen und Leidenschaften handeln, so geschieht es, dass die Kinder beim Erwachen der Vernunft ihren Leidenschaften und Neigungen zum Sinnlichen und Vergnüglichen nachgeben, da ihre Phantasie oder Einbildungskraft von solchen Bildern schon voll ist. Sobald es dann dem Satan gelingt, solche Kinder in eine Sünde zu stürzen, so schlägt er sogleich in ihren Seelen seine Herrschaft auf. Er bekommt neues Recht und neue Gewalt über sie, um sie, wie es zum Unglück so vieler leider gewöhnlich geschieht, in weitere Sünden zu stürzen.

288. Nicht geringer ist indes die Wachsamkeit und Sorgfalt der heiligen Engel, um solchem Unglücke vorzubeugen und uns gegen den Satan zu verteidigen. Zu diesem Zweck flößen sie den Eltern oft heilige Gedanken ein, damit sie sich um die Erziehung ihrer Kinder mit Sorgfalt annehmen, dieselben im Gesetz Gottes unterrichten, zu Werken christlicher Liebe und zu Übungen der Frömmigkeit anhalten, sie von allem Bösen abhalten und in die Übung der Tugenden allmählich einführen. Ähnliche heilige Gedanken flößen sie auch den Kindern selbst ein und zwar mehr oder weniger, je nach der Altersstufe der Kinder und gemäß den Erleuchtungen, welche ihnen der Herr über seine Absichten mit den Seelen gibt. Diese Verteidigung ihrer Schützlinge verursacht den guten Engeln große Kämpfe gegen die bösen Geister. Diese machen nämlich zu Ungunsten der Kinder alle, auch die geringsten Sünden der Eltern, sowie alle Unarten, welche die Kinder selbst begehen, geltend. Und sind auch diese Unarten nicht gerade sündhaft, so sagt doch der Satan, sie seien seine Werke und er habe ein Recht, dieselben in der Seele fortzusetzen. Wenn dann beim Eintreten des Vernunftgebrauches die Seele zu sündigen anfängt, so wendet der Satan alle Gewalt an, um zu verhindern, dass die heiligen Engel das Kind wirksam von der Sünde abhalten. Die guten Engel hingegen führen zugunsten der Kinder die Tugenden der Eltern und Ahnen an, sowie die guten Handlungen der Kinder selbst. Und wäre es auch nichts weiteres, als dass das Kind den Namen Jesus oder Maria aussprach, als man es hierzu unterrichtete, so berufen sich die Engel zugunsten des Kindes auf dieses Werk, indem sie sagen, es habe schon angefangen, dem heiligen Namen des Herrn und den Namen seiner Mutter zu ehren. Dasselbe tun die Engel, wenn das Kind andere Andachtsübungen verrichtet oder wenn es die gewöhnlichen christlichen Gebete kann und sie betet. Alle diese Übungen sind Schutzwaffen, die der Mensch in Händen hat, und deren die Engel sich bedienen, um ihn gegen den Satan zu verteidigen. Denn durch jedes noch so geringfügige gute Werk entziehen wir dem bösen Feind einen Teil jenes Rechtes, das er durch die Erbsünde, noch mehr aber durch die freigewollten Sünden gegen uns erworben hat.

289. Hat sodann der Mensch den vollen Vernunftgebrauch erlangt, so wird der Kampf und Streit zwischen den guten und bösen Engeln noch heftiger. Sobald wir nämlich eine Sünde begehen, sucht die höllische Schlange mit Aufbietung aller ihrer Hinterlist es dahin zu bringen, dass wir, bevor wir Buße tun, das Leben verlieren und auf diese Weise ewig verloren gehen. Und damit wir in Sünden fallen, besät er alle Lebenswege mit Schlingen und Fallstricken, und zwar in allen Ständen ohne Ausnahme, wenn auch die Gefahren in den einzelnen Ständen der Art nach verschieden sind. Könnten die Menschen ins Dunkle schauen und die volle Wirklichkeit sehen, könnten sie mit Augen sehen, wie viele Netze und Fallstricke der Satan gelegt hat, und zwar um ihrer eigenen Sünden willen, so würden alle bei jedem Schritt, den sie tun, erzittern. Viele würden ihren Stand ändern oder sie würden ihn gar nicht gewählt haben. Andere würden die Posten, Ämter und Würden, nach denen sie verlangen, gerne darangeben. Weil sie aber das Gefahrvolle ihres Standes nicht kennen, so leben sie in falscher Sicherheit dahin. Sie verstehen und glauben eben nichts anderes, als was sie mit ihren Sinnen wahrnehmen und deshalb fürchten sie die Netze und Gruben nicht, die der Teufel ihnen bereitet, um sie zu verderben. Darum ist die Zahl der Toren so groß und die der wahren Weisen so klein. Daher so viele Berufene und so wenige Auserwählte. Die Sünder und Lasterhaften sind ohne Zahl, die Tugendhaften und Vollkommenen aber sind schnell gezählt. In dem Maß, als die Menschen ihre Sünden vermehren, gewinnt der Satan mehr und mehr Besitztitel auf ihre Seele. Und kann er seinen Leibeigenen auch nicht das Leben nehmen, so behandelt er sie wenigstens wie gemeine Sklaven. Er rühmt sich, dass sie täglich mehr sein eigen werden und dass sie selbst es sein wollen, und erklärt es für eine Ungerechtigkeit, sie ihm zu entreißen oder ihnen Hilfe anzubieten, da sie dieselbe doch nicht annehmen und benützen. Auch könne man den Sündern nicht die Verdienste Christi zuwenden, da sie dieselben verachten, noch auch die Fürsprache der Heiligen, weil sie an diese nicht einmal denken.

290. Durch diese und ähnliche Titel, die hier gar nicht aufgezählt werden können, sucht der Satan denjenigen, die er als die Seinigen ansieht, die Zeit der Buße zu rauben. Erreicht er dies nicht, so sucht er ihnen alle Wege, auf denen sie zur Rechtfertigung gelangen könnten, zu versperren, und gar zahlreich sind die Seelen, bei denen ihm dies gelingt. Indes fehlt keiner einzigen Seele der Schutz Gottes und die Obhut der heiligen Engel, die uns unzählige Male aus Todesgefahren erretten. Es ist dies eine so allgemein verbürgte Tatsache, dass es kaum einen Menschen gibt, der im Verlauf seines Lebens nicht Gelegenheit gehabt hätte, dies an sich selbst zu erfahren. Unaufhörlich kommen uns die Engel durch Eingebungen und Ermahnungen zu Hilfe. Sie bedienen sich der natürlichen Ursachen und wenden, soweit es zweckdienlich ist, alle Mittel an, um uns zu warnen und anzueifern. Und was noch mehr ist, sie schützen uns gegen die Wut und Arglist der bösen Geister, indem sie ihnen zu unserer Verteidigung alles entgegenhalten, was der Verstand eines Engels, und zwar eines beseligten Engels zu erdenken, was seine feurige Liebe zu erfinden und seine Macht zu erreichen vermag. Und alles dieses ist gar oftmals notwendig bei so manchen, ja bei so vielen Seelen, welche sich der Herrschaft des Satans überliefert haben und welche ihre Freiheit und Seelenkräfte zu nichts anderem gebrauchen, als um sich verwegen erweise dem bösen Feinde hinzugeben. Ich rede nicht von Heiden, Götzendienern und Ketzern. Wohl lassen die Schutzengel auch diesen ihren Schutz angedeihen: sie geben ihnen gute Gedanken ein und bewegen sie nicht selten zu natürlich-guten Werken, die sie dann zu ihrer Verteidigung anführen. Allein für gewöhnlich beschränkt sich die Wirksamkeit der Engel diesen gegenüber darauf, dass sie ihr leibliches Leben behüten, damit die Sache Gottes umso mehr gerechtfertigt erscheint, je mehr er ihnen Zeit zur Bekehrung geschenkt hat. Auch dahin gehen bei solchen Ungläubigen die Bemühungen der Engel, dass sie wenigstens nicht gar so viele Verschuldungen auf sich laden, als der Satan haben möchte, denn in ihrer Liebe suchen die Engel wenigstens soviel zu erreichen, dass das Maß ihrer Strafe möglichst verringert werde, während der Satan in seiner Bosheit darauf ausgeht, es soviel als möglich zu erhöhen.

291. Was aber diejenigen betrifft, welche zum geheimnisvollen Leibe der Kirche gehören, so sind die Kämpfe der guten und bösen Engel um sie am heftigsten. Und die Kämpfe sind verschieden, je nach dem Seelenzustand der betreffenden. Allgemeine Waffen, mit welchen die heiligen Engel alle insgesamt verteidigen, sind folgende: Die heilige Taufe, die sie empfangen haben, der Taufcharakter, die heiligmachende Gnade, die eingegossenen Tugenden. Sodann die guten Werke und die Verdienste, die sie sich etwa erworben haben, ihre Andacht zu den Heiligen, die Fürbitten der Gerechten, die für sie eingelegt worden sind und endlich jede gute Regung, die sie im Verlauf ihres Lebens je gehabt haben. Bei den gerechten Seelen sind diese Schutzwaffen überaus mächtig, denn weil sie sich in der Gnade und Freundschaft Gottes befinden, so haben die Engel den bösen Geistern gegenüber größeres Recht. Sie schlagen dieselben schon dadurch in die Flucht, dass sie darauf hinweisen, wie furchtbar die gerechten und heiligen Seelen an und für sich der Hölle sind. Es ist dies ein Vorrecht, welches allein schon uns bewegen sollte, die heiligmachende Gnade höher zu schätzen als alles Erschaffene. Es gibt aber auch laue und unvollkommene Seelen, die von Zeit zu Zeit in Sünde fallen und sich wieder erheben. Gegen solche behaupten die bösen Geister ein größeres Recht, ihre Grausamkeit gegen sie auszuüben. Allein die heiligen Engel geben sich große Mühe, auch diese Seelen zu schützen, damit, wie Jesaja sagt (Jes 42, 3), das zerknickte Rohr nicht gänzlich gebrochen und der rauchende Docht nicht vollends ausgelöscht werde.

292. Dann gibt es aber auch Seelen, welche so unglücklich und verdorben sind, dass sie, nachdem sie die Taufgnade einmal verloren, ihr ganzes Leben lang kaum ein einziges gutes Werk verrichten. Und wenn sie sich auch das eine oder andere Mal von der Sünde erheben, so fallen sie doch so regelmäßig wieder zurück, dass man glauben möchte, sie hätten sozusagen ihre Rechnung mit Gott schon abgeschlossen. Sie leben und handeln, als gäbe es kein jenseitiges Leben zu hoffen und keine Hölle zu fürchten, und als brauchte man keine Sünde zu scheuen. An solchen Seelen ist kein Lebenszeichen einer Gnade und keine Regung einer wahren Tugend bemerkbar, und die heiligen Engel finden an ihnen nicht ein gutes Werk. das sie zu deren Gunsten in wirksamer Weise vorweisen könnten. Die Teufel schreien: «Diese Seele gehört jedenfalls uns, und zwar auf jede Weise. Sie ist unserer Herrschaft unterworfen, und die Gnade hat keinen Teil an ihr.» Und um ihren Zweck zu erreichen, halten die bösen Geister den Engeln alle Sünden, Missetaten und Laster der Seele vor, die mit freiem Willen einem so schlimmen Herrn dient. Unglaublich und unbeschreiblich ist es, was in diesen Fällen zwischen den guten und bösen Engeln vorgeht. Die letzteren wehren sich mit äußerster Wut, dass diesen Seelen ja keine guten Einsprechungen und Gnadenhilfen zukommen. Und weil sie in dieser Hinsicht der Macht Gottes nicht zu widerstehen vermögen, so suchen sie wenigstens soviel zu erzwingen, dass die Seelen den Ruf des Himmels nicht annehmen oder nicht beachten.

Sehr merkwürdig ist, was in dergleichen Fällen fast regelmäßig zu geschehen pflegt. So oft nämlich Gott einer solchen Seele entweder unmittelbar oder durch seine Engel eine heilige Einsprechung oder Anregung zukommen lässt, müssen die bösen Geister verscheucht und von der Seele ferngehalten werden, damit diese auf die Einsprechung achte und damit die höllischen Raubvögel nicht augenblicklich wieder zurückkehren, um das heilige Samenkorn zunichte zu machen. Diese Verteidigung durch die heiligen Engel geschieht gewöhnlich mit den oben schon angeführten Worten: «Wer ist wie Gott, der in der Höhe wohnt? Wer ist wie Christus, der zur Rechten des himmlischen Vaters sitzt? Wer ist wie Maria?» Vor solchen und ähnlichen Worten fliehen die höllischen Drachen davon. Ja sie stürzen zuweilen in den Abgrund, kehren aber, weil ihr Zorn kein Ende nimmt, später wieder auf den Kampfplatz zurück.

293. Ferner sucht der böse Feind mit aller Macht zu bewirken, dass die Menschen ihre Sünden vervielfältigen, damit auf diese Weise das Maß ihrer Verschuldungen bald erfüllt und die Zeit der Buße und des Lebens ihnen abgekürzt werde, worauf sie in die Peinen der Hölle verstoßen werden. Die heiligen Engel aber, die sich über die Bekehrung des Sünders freuen, geben sich, wenn sie die Bekehrung nicht erzielen können, alle Mühe, die Kinder der Kirche wenigstens soviel wie möglich vom Sündigen abzuhalten. Zu diesem Zweck räumen sie unzählige Gelegenheiten zur Sünde aus dem Weg oder bewirken, dass die Menschen sich wenigstens nicht darin aufhalten und nicht so oft sündigen. Wenn es ihnen nun trotz aller dieser und ähnlicher Maßregeln, die den Sterblichen verborgen sind, nicht gelingt, so viele Seelen, die sie im Stande der Sünde sehen, zur Bekehrung zu bewegen, dann wenden sie sich an die Vermittlung der heiligsten Jungfrau Maria. Sie flehen zu ihr, sie möge die Mittlerin bei ihrem Sohn machen und ihre Hand erheben, um die bösen Geister zu verscheuchen. Damit aber die Sünder der gütigsten Barmherzigkeit Mariä sich einigermaßen würdig machen, suchen die Engel den ihnen anvertrauten Seelen eine besondere Andacht zur Himmelskönigin einzuflößen und sie zu irgend einem guten Werke, das den Dienst Mariä betrifft, zu bewegen, damit sie es dann der Himmelskönigin aufopfern können. Es ist zwar nicht zu leugnen, dass alle guten Werke, welche im Stande der Sünde verrichtet werden, tot sind und dem Satan gegenüber fast gar keine Kraft haben. Allein um der Güte ihres Gegenstandes und um der guten Absicht willen, mit der sie verrichtet werden. begründen sie doch immerhin einige, wenn auch entfernte Billigkeitsansprüche auf Belohnung. Der Sünder ist, wenn er sie verrichtet, nicht in dem Maß indisponiert (unwürdig), wie wenn er sie unterließe. Was aber die Hauptsache ist, solche Werke bekommen, wenn sie durch die Engel und um so mehr, wenn sie durch Maria Gott vorgestellt werden, in den Augen des Herrn eine Art Leben, wenn ich mich so ausdrücken soll oder wenigstens einen Schein von Leben. Der Herr sieht sie sozusagen mit anderen Augen an, als wenn er sie am Sünder erblickt; und wird er auch nicht um der Werke willen zur Barmherzigkeit bewogen, so wird er es doch um der Person willen, welche Fürsprache einlegt.

294. Auf diesem Weg entkommen zahllose Seelen den Fesseln der Sünde und damit auch den Klauen des höllischen Drachen, indem, wenn die Bemühungen der Engel nicht ausreichen, Maria die Vermittlung übernimmt, denn zahllos sind die Seelen, welche in einen so furchtbaren Zustand geraten, dass sie, um daraus befreit zu werden, des mächtigen Armes der Himmelskönigin bedürfen. Aus diesem Grund sind die Teufel von Wut ganz gemartert, wenn sie sehen, dass ein Sünder die große Herrin anruft oder auch nur an sie denkt, denn sie wissen, mit welcher Güte Maria die Sünder aufnimmt. Sie wissen, dass, wenn Maria angreift, sie die Sache des Sünders zur ihrigen macht, und dass dann ihnen weder eine Hoffnung noch irgend eine Kraft zum Widerstand übrig bleibt. Sie geben sich daher schon von vornherein für besiegt und überwunden. Oft geschieht es, dass, wenn der Herr eine besonders merkwürdige Bekehrung wirken will, die Himmelskönigin den Teufeln strengstens befiehlt, die Seele zu verlassen und in den Abgrund zu fahren und wenn ihnen Maria befiehlt, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als zu gehorchen. Zuweilen kommt es auch vor, dass zwar Maria den bösen Geistern diesen Befehl nicht erteilt, dass aber Gott der Herr ihnen einzelne Geheimnisse Mariä, insbesondere ihre Macht und Heiligkeit vor Augen stellt. Dann ergreifen sie beim Innewerden solcher Wahrheiten die Flucht. Sie sind dann ganz erschreckt und besiegt und wenn die Seele der Gnade, welche ihr Maria von ihrem heiligsten Sohn erfleht, entspricht und mit derselben mitwirkt, so muss der Satan sie verlassen.

295. Wiewohl aber die Vermittlung der Himmelskönigin so mächtig und ihr Befehl den Teufeln so furchtbar ist und wiewohl der Allerhöchste ohne Vermittlung Mariä weder der Kirche noch einer einzelnen Seele eine Gnade spendet, so kommt es doch sehr oft vor, dass auch der menschgewordene Sohn Gottes für uns streitet und uns gegen Luzifer und seinen Anhang verteidigt, indem er sich zugleich mit seiner Mutter zu unsern Gunsten erklärt und den Satan besiegt und zuschanden macht. Daraus sehen wir, wie groß und wie zärtlich seine Liebe zu den Menschen ist und wie sehr er wünscht, dass sie ihr ewiges Heil erlangen. Das Gesagte geschieht aber nicht bloß dann, wenn die Seelen durch die Sakramente gerechtfertigt werden, in welchem Fall die bösen Geister die Kraft Christi und seiner Verdienste mehr unmittelbar fühlen, sondern es geschieht auch sonst bei wunderbaren Bekehrungen. Der Herr stellt dann, wie schon oben bemerkt wurde (Nr. 285), den Teufeln eines oder mehrere der seine Menschheit betreffenden Geheimnisse gleichsam vor Augen, wodurch sie erschreckt und zuschanden gemacht werden. In solcher Weise geschah die Bekehrung des heiligen Paulus, der heiligen Magdalena und mehrerer anderer Heiligen. Dasselbe geschieht, wenn es gilt, irgend ein katholisches Königreich oder die gesamte Kirche gegen die Verrätereien und gottlosen Pläne zu schützen, welche die Hölle zu deren Untergang ins Werk setzt. Bei solchen Anlässen tritt auch nicht bloß die heiligste Menschheit Christi mit ein, sondern auch die unendliche Gottheit mit jener Macht, welche dem ewigen Vater eigen ist. Beide erklären sich dann auf die soeben beschriebene Weise unmittelbar gegen die Gesamtheit der bösen Geister, offenbaren ihnen ihre Geheimnisse und ihre Allmacht durch eine neue Erkenntnis, welche sie erdrückt, besiegt und der Beute beraubt, die sie schon gemacht hatten oder zu machen suchen.

296. Wenn der Allerhöchste gegen den höllischen Drachen so gewaltige Mittel in Anwendung bringt, dann ist das ganze wilde Höllenreich lange Zeit hindurch bis in die Tiefe erschüttert und entmutigt. Die bösen Geister brechen in jämmerliches Geschrei aus und sind nicht mehr imstande die Hölle zu verlassen, bis der Herr ihnen gestattet, auf die Erde zurückzukehren. Sobald sie dann bemerken, dass ihnen dies gestattet sei, kehren sie zurück, um in ihrer alten Bosheit die Seelen anzufallen. Man sollte zwar glauben, dass ihre Hoffart und Anmaßung ihnen nicht gestatteten, aufs neue den Kampf gegen denjenigen aufzunehmen, der sie gestürzt und besiegt hat. Allein ihr Neid darüber, dass die Menschen zur Anschauung Gottes gelangen können und die Wut, mit welcher sie dies zu verhindern trachten, haben in diesen bösen Geistern die Oberhand, so dass sie nicht ablassen, uns bis zum Ende unseres Lebens zu verfolgen. Wenn übrigens die Menschen sich nicht durch ihre Sünden der göttlichen Barmherzigkeit so überaus unwürdig gemacht hätten, dann würde, wie mir gesagt wurde, Gott der Herr oftmals und zum Heil gar vieler Seelen von seiner Allmacht Gebrauch machen und zwar selbst auf wunderbare Weise. Insbesondere würde der Herr seine Macht zugunsten des geheimnisvollen Leibes der Kirche und einzelner katholischer Reiche zeigen. Er würde die Pläne, welche die Hölle zur Ausrottung des Christentums geschmiedet hat und die wir in unseren unglückseligen Zeiten mit eigenen Augen sehen, zunichte machen. Allein wir sind nicht würdig, dass Gottes Allmacht uns schütze: wir alle miteinander fordern seine Gerechtigkeit heraus. Die Welt hat sich mit der Hölle verbrüdert. Gott aber lässt es zu, dass sie sich der Gewalt der Hölle überliefert, weil die blinden Menschen sozusagen miteinander streiten, wer es dem anderen in solcher Torheit zuvortue.

297. Eine unzweifelhafte Offenbarung besagten göttlichen Schutzes war die Bekehrung des heiligen Paulus. Denn, wie er selbst sagt, hatte ihn Gott vom Mutterleib an ausgesondert (Gal 1,15) und in seinem göttlichen Geist vorherbestimmt, sein Apostel und ein Gefäß der Auserwählung zu sein. Wohl war das Leben des heiligen Paulus bis zu jener Zeit, da er die Kirche zu verfolgen anfing, voll von Wechselfällen, so dass der Satan, wie es ihm überhaupt bei vielen Seelen zu ergehen pflegt, mit ihm nicht ins Reine kommen konnte. Indes richtete Satan von Anfang an sein Augenmerk auf ihn und erforschte seinen Charakter. Und da er bemerkte, wie sorgsam die Engel ihn behüteten und schützten, steigerte sich sein Hass in solcher Weise, dass er ihn in seinen ersten Kinderjahren aus dem Wege zu räumen suchte. Da ihm aber dies nicht gelang und er später gewahrte, wie Saulus ein Verfolger der Kirche geworden sei, da ging Satan, wie ich oben gesagt habe (Nr. 253), darauf aus, ihm das Leben zu erhalten. Nun waren die Engel nicht mehr imstande, den Saulus, der sich so ganz den bösen Geistern hingegeben hatte, von seinem Irrweg abzubringen. Da trat die mächtige Himmelskönigin ins Mittel und machte seine Sache zur ihrigen. Und aus Liebe zu Maria setzte Jesus Christus mit dem himmlischen Vater seine Kraft ein und riss mit seinem mächtigen Arm den Saulus aus den Klauen des Drachen, diesen aber samt seinem Anhang schleuderte der Herr in die Tiefe. Denn in demselben Augenblick, als Jesus Christus erschien, wurden alle bösen Geister, welche den Saulus auf dem Weg nach Damaskus begleiteten und aufstachelten, in die Hölle geworfen.

298. Luzifer und die Seinen empfanden bei dieser Gelegenheit die Geißel der göttlichen Allmacht. Vor Schrecken außer sich, blieben sie mehrere Tage lang wie festgebannt in der Tiefe der höllischen Abgründe. Kaum aber hatte ihnen der Herr jene Erkenntnisse, die er ihnen zu ihrer Verwirrung und Beschämung gegeben hatte, genommen, so begannen sie in ihrer Wut wieder aufzuatmen. Der große Drache versammelte seine Genossen um sich und sprach also zu ihnen: «Wie ist es möglich, dass sich mein Zorn lege angesichts so vieler Widrigkeiten, die ich Tag für Tag von diesem eingefleischten Wort und von dieser Frau erfahre, die ihn empfangen und als Menschen geboren hat? Wo ist meine Stärke, wo meine Macht, wo meine Wut, wo die großen Triumphe, die ich über die Menschen davongetragen, seit dieser Gott mich ohne Grund aus dem Himmel in diese Abgründe verworfen hat? Freunde! Es scheint, der Allmächtige will die Pforten dieser Hölle schließen und diejenigen des Himmels öffnen, so dass unser ganzes Reich vernichtet und die Begierde, von der ich brenne, alle Menschen in diese Qualen zu stürzen, vereitelt werden wird. Denn wenn Gott, nicht zufrieden damit, die Menschen durch seinen Tod erlöst zu haben, nun solche Wunder für sie tut, eine solche Liebe für sie offenbart, sie mit so mächtigem, wunderbarem Arm zu seiner Freundschaft anzieht, so werden sie sich durch soviel Liebe und Güte besiegt geben, wären sie auch so gefühllos wie die wilden Tiere und hätten sie auch Herzen so hart wie Diamant. Ja, alle werden ihn lieben, alle werden ihm folgen; und wenn sie das nicht tun, dann sind sie trotziger und verstockter als wir. Welche Seele wird wohl so stumpfsinnig sein, dass sie sich nicht einem Gottmenschen dankbar bezeigen müsste, der sie mit so zärtlicher Liebe zu seiner eigenen Glorie zu führen sucht? Dieser Saulus war unser Freund, das Werkzeug meiner Pläne, untertan meinem Winke und Willen, ein Feind des Gekreuzigten, und ich hielt schon die grausamsten Höllenqualen für ihn in Bereitschaft. Und trotzdem entreißt Gott ihn unversehens meinen Händen und erhebt mit starkem Arm diesen winzigen Menschen von Erde zu so hoher Gunst und Gnade, dass wir selbst, seine Feinde, uns nicht erwehren können, ihn zu bewundern. Und was hat Saulus getan, um ein so außerordentliches Glück zu verdienen? Stand er nicht in meinem Dienst, gehorchte er nicht meinem Befehl, forderte er nicht Gottes Gerechtigkeit gegen sich heraus? Und nun! Wenn Gott gegen diesen so großmütig war, wie wird er es erst gegen andere sein, die weniger gesündigt haben? Sollte er sie auch nicht durch so große Wunder bekehren, so wird er sie doch durch die Taufe und die andern Sakramente zu sich berufen, durch welche sie alle Tage gerechtfertigt werden! Und so wird Gott durch dieses außerordentliche Beispiel die Welt an sich reißen. Ich gedachte mittelst dieses Saulus die Kirche zu zerstören. und nun wird er deren mutigster Verteidiger! Muss ich also ansehen, wie diese gemeine menschliche Natur zu der Gnade und Glückseligkeit erhoben wird, die ich verloren habe und dass sie in den Himmel eingeht, aus welchem ich verstoßen worden bin? Die Wut darüber brennt mich furchtbarer als das Feuer, das mich rings umgibt und ich möchte rasend werden, dass ich mich nicht ins Nichts versenken kann. O dass Gott es täte und mich nicht zu solcher Pein erhielte ! Allein das tut er nicht und wird es niemals tun. Da dem nun also ist, sagt an, ihr meine Untertanen, was sollen wir tun gegen diesen so übermächtigen Gott? Ihm können wir freilich nichts anhaben. Aber wir können uns an ihm rächen in der Person dieser Menschen, die er so sehr liebt. Tun wir es denn und machen wir so seine Absichten zunichte! Und weil meine Hoheit am allermeisten gegen jene Frau, unsere Feindin, welche ihm menschliches Dasein gegeben hat, erbittert und ergrimmt ist, so werde ich nochmals versuchen, sie zu vernichten und so die Kränkung zu rächen, mit der sie uns den Saulus entrissen und uns in diese Hölle zurückgeworfen hat. Ich werde nicht ruhen, bis ich sie besiegt habe, und daher ist es mein Entschluss, gegen sie alle Mittel ins Werk zu setzen, die meine Erkenntniskraft gegen Gott und Menschen ausgesonnen hat, seitdem ich in diese Tiefe herabgefahren bin. Folgt mir daher alle, um mir in diesem Unternehmen zu helfen und meinen Willen zu tun.»

299. Soweit die Anrede und Aufforderung Luzifers an seine Genossen. Einige derselben antworteten ihm mit folgendem: «Unser Feldherr und Oberhaupt! Wir sind bereit, dir zu folgen, denn wir wissen nur zu gut, wie sehr diese Frau, unsere Feindin, uns bedrückt und quält. Jedoch ist es sehr leicht möglich, dass sie allein uns standhält und unsere Pläne und Mühen zuschanden macht. Sie hat dies schon bei anderen Anlässen getan, wo sie sich als uns überlegen gezeigt hat. Was sie empfindlicher als alles andere treffen würde, wäre eine Unternehmung gegen die Anhänger ihres Sohnes, die sie wie eine Mutter liebt und für die sie die zärtlichste Sorge trägt. Erheben wir uns also insgesamt zur Verfolgung der Gläubigen. Wir werden hierbei die ungläubigen Juden allesamt zu Bundesgenossen haben, da sie gegen diese neue Kirche des Gekreuzigten voll des Zornes sind. Mit Hilfe der Hohenpriester und Pharisäer werden wir mit den Gläubigen leicht fertig werden und dann magst du deine ganze Wut gegen diese Frau, unsere Feindin. kehren.» Luzifer billigte diesen Vorschlag, sprach dessen Urhebern seinen Dank aus, und man beschloss, zur Zerstörung der Kirche auszuziehen, indem man sich anstatt des Saulus auf neue Werkzeuge stützte. Die Folgen dieses Beschlusses Satans und seiner Genossen, sowie den Kampf, weIchen die seligste Jungfrau zum größten Triumph für die heilige Kirche gegen sie geführt hat, wie ich schon im ersten Teil (Hauptst. 6.) mit dem Hinweis auf das kommende Hauptstück angedeutet habe, werde ich im folgenden erzählen.

LEHRE, welche mir die große Königin der Engel gegeben hat

300. Meine Tochter, alles, was du im sterblichen Leben zu sagen vermagst, ist unvermögend, den Neid Luzifers und seiner Dämonen gegen die Menschen vollkommen auszudrücken und die Bosheit und Arglist zu beschreiben, womit er sie in die Sünde und dadurch in die ewige Verdammnis zu stürzen sucht. Alle guten Werke, die sie tun können, sucht er zu verhindern. Und wenn sie dennoch solche verrichten, so sucht er sie durch Verleumdung zu entstellen, zu zerstören und zu verderben. Dagegen gibt es kein erdenkliches böses Werk, das seine Bosheit nicht den Seelen einzureden suchte. Aber andererseits hält auch Gott denjenigen, die mit ihm getreu mitwirken, der höllischen Bosheit gegenüber einen bewunderungswürdigen Schutz in Bereitschaft. Daher die Mahnung des Apostels, inmitten dieser teuflischen Fallstricke mit Vorsicht nicht als Unweise, sondern als Weise zu wandeln und die Zeit zu erkaufen, weil die Tage dieses sterblichen Lebens böse und voll der Gefahren sind (Eph 5,15 f). Und an einer anderen Stelle sagt er: «Seid standhaft und unerschütterlich. Seid voll des Eifers im Werk des Herrn, da ihr wisst. dass eure Arbeit nicht vergeblich ist im Herrn (1 Kor 15, 58).» Der böse Feind kennt diese Wahrheit und fürchtet sie. Darum bietet er mit äußerster Bosheit alle seine Arglist auf, um die Seelen, nachdem sie eine Sünde begangen haben, zu entmutigen, damit sie die Hoffnung aufgeben und alle guten Werke fahren lassen. Auf diese Weise entreißt er ihnen die Waffen, mit denen die heiligen Engel die Seelen schützen und die bösen Geister bekämpfen können. Denn obwohl diese Werke im Sünder nicht durch die Liebe belebt und beseelt sind, so dass sie die Gnade und Glorie verdienen könnten, so sind sie doch dem, welcher sie verrichtet, von großem Nutzen. Die gute Gewohnheit, sie zu tun, bestimmt oftmals die göttliche Barmherzigkeit, einem solchen Sünder wirksamere Gnaden zu verleihen, um diese Werke mit größerem Eifer oder mit Reue über seine Sünden und mit wahrer Liebe zu verrichten, wodurch er zur Rechtfertigung gelangt.

301. Aus jeglichem guten Werk, das der Mensch tut, nehmen wir Seligen Anlass, ihn gegen seine Feinde zu verteidigen und Gott zu bitten, er möge ihn gnädig ansehen und aus der Sünde ziehen. Die Heiligen freuen sich und fühlen sich verpflichtet, wenn man sie in Not und Gefahr von Herzen anruft und eine zärtliche Andacht zu ihnen trägt. Sind nun schon die Heiligen vermöge ihrer Liebe so geneigt, den Menschen in den Gefahren und Kämpfen, welche ihnen die Hölle bereitet, beizustehen, so darfst du dich nicht wundern, geliebteste Tochter, dass ich gegen die Sünder, die mich anrufen und zu meiner Milde ihre Zuflucht nehmen, so barmherzig bin und ihre Rettung weit mehr verlange als sie selbst. Zahllos sind diejenigen, die ich dem höllischen Drachen entrissen habe, weil sie einige Andacht zu mir trugen, mochte diese Andacht auch in nichts weiterem bestehen als im Abbeten eines «Gegrüßt seist du, Maria», oder in irgend einem Wort oder einer Anrufung, die sie zu meiner Ehre gesprochen haben: So groß ist meine Liebe zu den Sündern, dass, wenn sie zur rechten Zeit und im Ernst mich anrufen würden, kein einziger verloren ginge. Allein die Sünder und Verworfenen tun dies nicht. Denn weil die geistigen Wunden, d.h. die Sünden, dem Körper nicht weh tun, so kümmern sich die Sünder nicht darum. Und je öfter solche Wunden geschlagen werden, um so weniger verursachen sie Schmerz und Empfindung, denn die Sünde ist bereits ein Schlag auf einen toten Körper, der eine Verletzung weder fürchten, noch abhalten, noch empfinden kann.

302. Die Folge dieses schändlichen Stumpfsinnes ist die, dass die Menschen an die Gefahr der ewigen Verdammnis und an die Anstrengungen der Teufel, sie hineinzustürzen, gar nicht denken. Ohne eigentlich zu wissen, welchen Grund sie für ihre falsche Sicherheit haben, schlafen und ruhen sie mitten in ihrem Elend, da sie doch allen Grund hätten, sich zu fürchten und einigermaßen zu bedenken, was es um den ewigen Tod ist, der sie aus unmittelbarer Nähe bedroht. Zum wenigsten sollten sie den Herrn, mich und die Heiligen um Hilfe anrufen. Allein auch dies wenige, das sie doch nur geringe Mühe kosten würde, wollen sie nicht tun. Sie verschieben es bis zu einer Zeit, da sie oftmals keine Hilfe mehr finden können, weil ihr Gebet nicht die Eigenschaften hat, welche zur Erhörung erforderlich ist. Und wenn ich einigen noch in ihrer letzten Stunde zum Heil verhelfe, weil ich weiß, wie viel es meinen allerheiligsten Sohn gekostet hat, sie zu erlösen, so ist dies eine Ausnahme und kein allgemeines Gesetz, das für alle gelte. So kommt es, dass sich viele Kinder der Kirche in die Verdammnis stürzen, weil sie, ebenso undankbar wie unverständig, die vielen und mächtigen Hilfsmittel verschmähen, welche die göttliche Güte ihnen zur schönsten Zeit angeboten hat. Es wird für sie eine eigene Beschämung sein, dass sie die Barmherzigkeit Gottes und die Güte, mit welcher ich ihnen hätte helfen wollen, sowie die Liebe der Heiligen. die gerne für sie gebeten hätten, kannten. dass sie aber dennoch weder Gott die Ehre geben, noch mir, den Engeln und den Heiligen die Freude bereiten wollen, sie zu retten, was wir getan haben würden, wenn sie uns von ganzem Herzen angerufen hätten.

303. Noch ein anderes Geheimnis will ich, meine Tochter, dir aufdecken. Du weißt, wie mein Sohn und Herr im Evangelium gesagt hat, dass die Engel im Himmel sich freuen, wenn ein Sünder Buße tut und durch die Rechtfertigung den Weg des ewigen Lebens wieder betritt (Lk 15,10). Dasselbe geschieht in seiner Art, wenn die Gerechten Werke wahrer Tugend üben und somit neue Stufen der Glorie verdienen. Gleichwie nun der Himmel sich freut, wenn die Sünder sich bekehren und die Gerechten ihre Verdienste vermehren, so herrscht bei den bösen Geistern in der Hölle Freude, wenn die Gerechten sündigen, oder wenn die Sünder neue Missetaten begehen. Keine, auch noch so kleine Sünde kann ein Mensch begehen, an welcher nicht die Teufel in der Hölle ihre Freude hätten. Und diejenigen bösen Geister, welche mit dem Verführen der Menschen beschäftigt sind, geben jenen, die in den ewigen Kerkern wohnen, unverzüglich Nachricht, damit auch diese sich freuen, die neuen Sünden sich merken und sie gleichsam in die Schuldbücher eintragen, um die Schuldigen vor dem gerechten Richter anzuklagen. Auch dazu geben die Verführer ihren Genossen in der Hölle Nachricht, damit die letzteren wissen, dass sie jetzt mehr Recht und Gewalt über diese unglücklichen Sünder haben, welche je nach der Größe der begangenen Sünde mehr oder weniger auf ihren Willen eingegangen sind. Das ist der Hass der bösen Geister gegen die Menschen, das die Verräterei, die sie an ihnen üben, wenn sie durch irgend ein vorübergehendes und trügerisches Vergnügen sie zur Sünde reizen. Andererseits aber hat Gott, der gerecht ist in allen seinen Werken, angeordnet, dass zur Züchtigung der teuflischen Bosheit die Bekehrung der Sünder und die guten Werke der Gerechten den Teufeln jedesmal eine eigene Qual bereiten, weil sie sich mit grenzenloser Bosheit über den Untergang der Menschen freuen.

304. Diese von Gottes Vorsehung über die bösen Geister verhängte Strafe ist für sie alle eine furchtbare Pein, denn nicht nur wird dadurch ihr tödlicher Hass gegen die Menschen beschämt und niedergedrückt, sondern so oft ein Gerechter einen Sieg erringt oder ein Sünder sich bekehrt, entzieht Gott der Herr den bösen Geistern wenigstens teilweise die Macht, welche die Menschen ihnen dadurch eingeräumt haben, dass sie sich von der Arglist des Satans überwinden ließen und gegen ihren wahren Gott sündigten. Da lassen dann die Teufel den Verdammten die vermehrte Pein entgelten, die sie erfahren, so dass, wie über jede Bekehrung und über jedes gute Werk im Himmel Freude, so in der Hölle nun Qual und neuer Schrecken herrscht. Die Teufel brechen in ein verzweifeltes Geheul aus, welches sämtlichen Bewohnern jener finsteren, schreckensvoller Kerker neue akzidentelle Peinen verursacht. Das ist der Anteil, welchen, freilich in ganz verschiedener Weise. Himmel und Hölle an der Bekehrung und Rechtfertigung des Sünders nehmen. Wenn die Seelen durch die Sakramente, insbesondere durch eine wahrhaft reumütige Beichte die Rechtfertigung erlangen, dann geschieht es oft, dass die bösen Geister längere Zeit hindurch nicht mehr wagen, vor dem Büßer zu erscheinen. Mehrere Stunden lang nach einer solchen Beichte haben sie nicht den Mut, ihn auch nur anzuschauen, wenn er nicht etwa selbst ihnen wieder Kraft gibt, indem er sich gegen Gott undankbar zeigt und sich neuerdings den Gefahren und Gelegenheiten zur Sünde aussetzt. Denn in diesem Fall legen die Teufel die Furcht wieder ab, welche ihnen die aufrichtige Buße des Sünders und seine Rechtfertigung eingeflößt hat.

305. Im Himmel ist weder Schmerz noch Traurigkeit möglich. Wären sie aber möglich, so würde nichts auf der Welt die Heiligen des Himmels mehr betrüben als die Wahrnehmung, wie ein Gerechtfertigter wieder in die Sünde fällt und die Gnade nochmals verliert oder wie sich der Sünder immer mehr von der Gnade entfernt und sich mehr und mehr in die Unmöglichkeit versetzt, sie wieder zu erlangen. Die Bosheit der Sünde ist so groß, dass sie ihrer Natur nach fähig wäre, den Himmel zu Leid und Schmerz zu bewegen, wie die Tugend und Buße die Hölle zu peinigen und zu quälen vermögen.

Nun bedenke, meine liebe Tochter, in welch gefahrvoller Unwissenheit hierüber die meisten Menschen leben. Diese Unwissenheit ist schuld, dass sie den Himmel der Freude berauben, die er ob der Rechtfertigung einer Seele empfindet, dass sie Gott die äußere Ehre verkürzen, die ihm daraus erwächst und der Hölle die Strafe ersparen, die ihr dadurch für ihre gottlose Freude über den Fall und den Untergang der Menschheit zuteil würde. Von dir nun verlange ich, dass du als getreue und kluge Magd von den erhaltenen Erleuchtungen Gebrauch machest und dir Mühe gibst, für solche Übel Ersatz zu leisten. Sei bedacht, dem Sakrament der Buße stets mit Eifer, Vertrauen, Hochachtung und mit innigem Schmerz über deine Sünden zu nahen. Denn dieses Gnadenmittel bereitet dem Teufel einen großen Schrecken, und er gibt sich viele Mühe, die Seelen davon abzuhalten oder sie durch seine List dahinzubringen, es lau, gewohnheitsmäßig, ohne Reue und ohne die anderen erforderlichen Bedingungen zu empfangen. Und zwar tut der Satan dies nicht bloß deshalb, um die Seelen zugrunde zu richten, sondern auch um der Marter zu entgehen, die er beim Anblick eines wahren Büßers und eines wahrhaft Gerechtfertigten empfindet, der ihn und seinen Stolz beschämt und niederschlägt.

306. Auf eines will ich dich, meine Freundin, schließlich noch aufmerksam machen. Es ist unzweifelhaft wahr, dass die höllischen Drachen die Urheber und Meister der Lüge sind und im Verkehr mit den Menschen nichts anderes suchen, als sie in allem zu betrügen. und was noch mehr ist, ihnen den Geist des Irrtums mitzuteilen, durch welchen sie dann sie sicher verderben. Allein wenn sie sich bei ihren Versammlungen gegenseitig über die Betrügereien beraten, durch welche sie die Sterblichen irreführen wollen, dann sprechen sie unter sich freilich auch über Wahrheiten, die sie wissen und nicht leugnen können. Wenn sie dann aber von ihrer Erkenntnis den Menschen mitteilen, dann ist ihre Absicht niemals die, die Menschen zu belehren, sondern sie durch ein Gemisch von Wahrem und Falschem mit Finsternis zu umgeben und um so sicherer ihre gottlosen Pläne zu erreichen. Weil du nun in diesem Hauptstück und überhaupt in dieser ganzen Geschichte die Geheimnisse so vieler höllischen Komplotte und Verschwörungen aufgedeckt hast, darum sind die bösen Geister im höchsten Grad gegen dich ergrimmt. Sie glaubten nämlich, diese Geheimnisse würden nie zur Kenntnis der Menschen gelangen und man würde niemals erfahren, was sie in ihren geheimen Beratungen beschließen. Daher suchen sie in dem Zorn, den sie gegen dich gefasst haben, an dir Rache zu nehmen. Allein der Allerhöchste wird dir beistehen, wenn du ihn anrufst und dir Mühe gibst, der Schlange den Kopf zu zertreten. Bete auch zum Herrn, er möge in seiner Güte es so fügen, dass die Warnungen und Unterweisungen, die ich dir hier gebe, den Sterblichen die Augen öffnen. Bitte ihn, er möge ihnen sein göttliches Licht senden, auf dass sie sich diese Wohltat zunutzen machen. Du selbst aber trachte deinerseits einer solchen Gnade zuerst und mit aller Treue zu entsprechen, da du unter allen Kindern dieses Jahrhunderts am vielfältigsten durch Gnaden und Wohltaten verpflichtet bist. Denn je mehr du vor anderen empfängst, desto schrecklicher wäre dein Undank und desto größer der Triumph der Teufel, deiner Feinde, wenn du, obwohl ihre Bosheit kennend, dennoch nicht alle deine Kräfte anspanntest, sie unter dem Schutz des Allerhöchsten und mit Hilfe seiner Engel zu besiegen.

SECHZEHNTES HAUPTSTÜCK: Flehen der heiligsten Ju�ngfrau für die Kirche

Maria erkennt die Pläne des Teufels, die Kirche zu zerstören. Sie bittet im Himmel vor dem Angesicht des Allerhöchsten um Hilfe dagegen. Sie benachrichtigt die Apostel davon. Der heilige Jakobus gelangt auf seiner apostolischen Wanderung nach Spanien, wo die seligste Jungfrau ihn besucht.

307. Als Luzifer und seine Fürsten der Finsternis nach der Bekehrung des heiligen Paulus die Rachepläne schmiedeten, welche sie an der seligsten Jungfrau und den Kindern der Kirche ausführen wollten, wie ich im vorigen Hauptstück gesagt habe, dachten sie nicht daran, dass der Blick dieser großen Königin und Herrin der Welt auch in diese dunklen Höhlen und in die geheimsten Ratschläge ihrer Bosheit dringe. In diesem Wahn versprachen sich jene blutgierigen Drachen einen unzweifelhaften Sieg, das sichere Gelingen ihrer Pläne gegen Maria und gegen die Jünger ihres allerheiligsten Sohnes. Allein Maria sah in ihrer Einsamkeit beim Licht ihrer göttlichen Wissenschaft alles, was diese Feinde des Lichtes beschlossen. Sie erkannte sowohl alle ihre Zwecke, als auch die zu deren Ausführung ersonnenen Mittel. Sie erkannte den Zorn der Teufel gegen Gott und gegen sie, sowie deren tödlichen Hass gegen die Apostel und gegen die übrigen Gläubigen der Kirche. Diese weiseste Jungfrau wusste nun zwar, dass die Dämonen in nichts ihre Bosheit ausüben können ohne Zulassung des Herrn. Da sie aber auch wusste, dass in diesem sterblichen Leben der Kampf die notwendige Bedingung des Heiles ist, die Menschen aber sehr gebrechlich und über die Kunstgriffe, die der Teufel zu ihrem Untergang anwendet, in der Regel in Unwissenheit sind, so wurde sie durch die Voraussicht der gottlosen Unternehmungen der Hölle gegen die Kirche sehr betrübt.

308. Jedoch außer der erwähnten hohen Wissenschaft und Liebe, die schon unmittelbar aus derjenigen des Herrn selbst hervorging, erfreute Maria sich noch eines anderen Vorrechtes, nämlich einer unermüdlichen Tätigkeit, ähnlich derjenigen, vermöge welcher das göttliche Wesen als ein reiner Akt beständig wirkt. Unermüdlich des Guten beflissen und bleibend mit einem wirksamen Eifer für die göttliche Ehre erfüllt, eiferte sie unablässig für die Verherrlichung Gottes und für das Heil und den Trost ihrer Kinder. Stets die erhabenen göttlichen Geheimnisse in ihrem reinen, weisen Herzen tragend, hielt sie die Vergangenheit mit der Gegenwart und beide mit der Zukunft zusammen, welch letztere sie mit überirdischer Klugheit voraussah. Glühend vor Verlangen, alle Kinder der Kirche zu retten, und verzehrt von mütterlichem Mitleid über deren mühselige und bedrohte Lage, betrachtete sie deren Nöten als ihre eigenen und wünschte dieselben, soweit ein solcher Tausch möglich, selbst zu tragen und zu leiden, damit jene auf Erden mit Trost und Freude arbeitend sich Gnade und ewiges Leben verdienten. Nun war freilich ein so großmütiger Wunsch und Antrag Mariä nach den Gesetzen der Billigkeit und der Vorsehung Gottes nicht annehmbar. Aber wir Menschen sind für eine so edle und bewunderungswürdige Liebe zu lebhaftestem Danke verpflichtet, zumal da Gott, um ihrem Liebesdrang zu genügen und ihr einige Erleichterung zu verschaffen, bisweilen wirklich erlaubte, dass sie an unserer Stelle litt, wodurch sie uns dann die größten Wohltaten verdiente.

309. Was die Teufel in ihrer Versammlung gegen ihre Person ausgemacht hatten, wusste Maria nicht im einzelnen. Sie wusste nur, dass der größte Zorn der bösen Geister gegen sie gerichtet sei. Gott selbst hatte es gefügt, dass ihr einzelnes von den Beschlüssen und Zurüstungen der bösen Geister verborgen blieb, damit der Sieg, den sie über die Hölle erringen sollte und von dem weiter unten die Rede sein wird (Nr. 512), um so glorreicher würde. Es war auch nicht notwendig, dass die unbesiegbare Königin die ihr selbst bevorstehenden Versuchungen und Verfolgungen zum voraus wusste, wie eine solche Notwendigkeit in Bezug auf die übrigen Gläubigen vorhanden war. Denn diese letzteren besaßen keine solche Hochherzigkeit und Großmut wie Maria, weswegen ihr über die den Gläubigen bevorstehenden Leiden und Trübsale eine genauere Erkenntnis mitgeteilt wurde. Wie die göttliche Mutter nach der Lehre und dem Vorbild ihres allerheiligsten Sohnes über alle Angelegenheiten Gott im Gebete um Rat zu fragen pflegte, so tat sie auch jetzt; sich in die Einsamkeit zurückziehend und ihrer Gewohnheit nach sich vor dem Herrn auf das Angesicht niederwerfend, sprach sie mit tiefer Ehrfurcht und bewunderungswürdigem Eifer:

310. «Allerhöchster Herr, ewiger, unerforschlicher und heiliger Gott! Siehe hier zu den Füßen deiner göttlichen Majestät deine demütige Dienerin, einen armen Erdenwurm. Ich bitte dich, ewiger Vater, durch deinen eingeborenen Sohn, meinen Herrn Jesus Christus, verwirf nicht die Bitten und Seufzer, die ich aus der Tiefe meiner Seele vor deiner unendlichen Liebe ausgieße. Ich bitte dich mit jener Liebe, welche du aus dem Feuermeere deines liebeglühenden Herzens mir, deiner Dienerin, mitgeteilt hast. Im Namen deiner ganzen heiligen Kirche, deiner Apostel und deiner getreuen Diener stelle ich dir vor, o Herr, das Opfer des Todes und des Blutes deines eingeborenen Sohnes, das Opfer seines anbetungswürdigen, eucharistischen Leibes, die Gebete und die Fürbitten, die er einst im sterblichen, leidensfähigen Fleisch dir darbrachte, und die dir höchst angenehm waren. Ich stelle dir vor die Liebe, womit er in meinem Schoß Menschengestalt annahm, um die Welt zu erlösen. Das glückselige Vorrecht, das ich hatte, ihn neun Monate in meinem Schoß zu tragen und dann an meiner Brust zu nähren: alles dieses, o mein Gott, stelle ich dir vor, damit du mir erlaubst, dich um das zu bitten, was mein Herz verlangt, und was vor deinen Augen nicht verborgen ist.»

311. Während die große Königin so betete, wurde sie in eine himmlische Entzückung versetzt. Sie schaute ihren eingeborenen Sohn, wie er, zur Rechten seines ewigen Vaters stehend, diesen bat, das Gesuch seiner Mutter zu gewähren. Alle ihre Bitten verdienten ja erhört zu werden, als Bitten seiner wahren und Gott so vollkommen angenehmen Mutter. Maria sah auch, dass der ewige Vater geneigt war, ihr das Erbetene zu gewähren, wie er ihre Bitten mit Wohlgefallen ansah und mit einem Blick voll unaussprechlicher Güte zu ihr sprach:

«Maria, meine Tochter, steige höher herauf!» Bei diesem Worte des Vaters stieg eine unzählbare Menge von Engeln verschiedener Ordnungen vom Himmel herab und vor Maria angelangt, erhoben sie sie von der Erde, welche sie mit ihrem Angesicht berührte, trugen sie zum höchsten Lichthimmel und stellten sie vor den Thron der allerheiligsten Dreieinigkeit. die ihr durch eine sehr erhabene, aber nicht intuitive, sondern repräsentative, d.h. durch Erkenntnisbilder (species) vermittelte Anschauung, gezeigt ward. Sie warf sich vor dem Thron nieder und betete in tiefster Demut und Ehrerbietigkeit die göttliche Wesenheit in den drei Personen an. Dann dankte sie ihrem heiligsten Sohn dafür, dass er ihre Bitten seinem ewigen Vater vorgestellt habe und bat ihn, es neuerdings zu tun. Unser göttlicher Erlöser, der auch zur Rechten des Vaters die Himmelskönigin als seine würdige Mutter erkannte, wollte des Gehorsams, den er auf Erden bezeigt hatte (Lk 2, 51), nicht vergessen. sondern bezeigte ihr in Gegenwart des ganzen himmlischen Hofes die dankbare Liebe. die er als Sohn zu ihr trug. Als solcher stellte er nun ihre Bitten aufs neue seinem himmlischen Vater vor, der ihm darauf mit folgenden Worten antwortete:

312. «Mein Sohn, an dem ich mein ganzes Wohlgefallen finde (Mt 17, 5), mein Ohr hört auf das flehentliche Rufen deiner Mutter, und meine Güte ist geneigt, alle ihre Wünsche und Bitten zu erfüllen.» Dann wandte sich der himmlische Vater an Maria und fuhr also fort: «Meine Freundin, meine Tochter, auserwählt unter Tausenden als Gegenstand meines Wohlgefallens, Werkzeug meiner Allmacht, Schatzkammer meiner Liebe, lasse deine Beängstigungen ruhen. Sage mir, o Tochter, was verlangst du. Mein Wille ist deinen Bitten geneigt, die ja stets heilig und meinen Augen wohlgefällig sind!» So zum Reden ermuntert, sprach U. L. Frau und sagte: «Mein ewiger Vater, allerhöchster Gott, der du allen Geschöpfen das Dasein schenkst und erhältst: es ist deine heilige Kirche, für die ich in Sorgen bin und zu dir flehe! Gedenke in Liebe, dass sie das Werk deines eingeborenen, menschgewordenen Sohnes ist, erworben und gegründet durch sein Blut (Apg 20, 28). Der höllische Drache und alle deine Feinde, die mit ihm verbündet sind, erheben sich aufs neue gegen sie und streben nach dem Untergang deiner Gläubigen, dieser Frucht der Erlösung deines Sohnes, meines Herrn. Mache die Ratschläge der alten Schlange zuschanden und verteidige deine Diener, die Apostel und die übrigen Gläubigen der Kirche. Wende die Nachstellungen und Verfolgungen der Feinde von ihnen ab, o Herr, damit, wenn es möglich ist, sich alle gegen mich kehren! Ich bin nur eine schwache Kreatur, deine Diener aber sind zahlreich. Mögen sie sich der Gnaden und der Ruhe erfreuen, die da notwendig sind, damit sie an der Erhöhung deiner Glorie arbeiten können, und möge ich die Trübsale leiden, die sie bedrohen. Ich werde gegen deine Feinde kämpfen, und du wirst durch die Macht deines Armes sie besiegen und ihre Bosheit zuschanden machen.»

313. «Meine Braut, meine Vielgeliebte», antwortete der ewige Vater, «deine Wünsche sind wohlgefällig vor meinen Augen und ich werde deine Bitten, soweit es möglich ist, gewähren. Ich werde meine Gläubigen verteidigen, soweit es meine Ehre erfordert, und ich werde sie leiden lassen, soweit es zur Erlangung ihrer Krone für sie notwendig ist. Damit du aber vernehmest das Geheimnis meiner Weisheit, wonach diese verborgenen Dinge geleitet werden müssen, so steige herauf auf meinen Thron, auf welchem deine feurige Liebe dir deinen Platz einräumt, hier, an der Stätte unseres großen Rates, wo du an unseren göttlichen Vollkommenheiten in ganz einziger Weise teilnimmst. Komm, meine Freundin, und du wirst vernehmen unsere geheimen Ratschlüsse, nach welchen die Kirche zu ihrem Wachstum und Fortschreiten regiert werden muss. Du sollst deinen Willen in Ausführung bringen, denn dein Wille wird der unsrige sein, wie wir ihn jetzt dir offenbaren werden.» In Kraft dieser unaussprechlich süßen Worte sah sich Maria auf den Thron der Gottheit erhoben und zur Rechten ihres eingeborenen Sohnes gesetzt, zum Staunen und zur Freude aller Himmelsbewohner, welche die Stimme und den Willensentschluss des Allmächtigen vernommen hatten. Und es war in der Tat etwas Neues und Wunderbares für alle Engel und Heiligen, dass ein noch im sterblichen Fleisch wandelnde Frau erhoben und berufen ward auf den Thron des großen Rates der allerheiligsten Dreieinigkeit, um dort die allen anderen Geschöpfen verborgenen, im Herzen Gottes verschlossenen Geheimnisse der Regierung seiner Kirche zu vernehmen.

314. Es würde große Verwunderung erregen, wenn in irgend einer Stadt der Welt mit einer Frau geschähe, was hier mit Maria geschah, dass man sie nämlich zu den Beratungen über die öffentlichen Angelegenheiten zuzöge. Das Staunen wäre um so größer, wenn man sie in die höchsten Ratsversammlungen einführte, wo man die wichtigsten Staatsangelegenheiten verhandelt. Mit Recht würde diese Neuerung als gefährlich betrachtet werden. Sagt ja doch Salomon, da er die Wahrheit und Vernunft unter den Menschen suchte, habe er unter tausend Männern einen gefunden, der sie erkannt, unter den Frauen aber habe er auch nicht eine einzige entdeckt (oh 7, 29). Bei der Schwäche dieses Geschlechtes gibt es deren so wenige, die ein sicheres und richtiges Urteil haben, dass man dasselbe für gewöhnlich bei keiner voraussetzt. Diejenigen, weIche sich wirklich vor den anderen auszeichnen, sind so wenige, dass sie schon deswegen für so ausgedehnte Geschäfte gar nicht zählen, höchstens jene Fälle ausgenommen, wo die natürliche Begabung durch eine andere, außergewöhnliche vervollständigt wird. Dieses allgemeine Gesetz galt jedoch nicht für unsere große Königin. Denn wenn unsere Mutter Eva die erste war, welche als Törin das vom Herrn erbaute Haus dieser Welt zu zerstören anfing, so hat Maria, die weiseste Jungfrau und Mutter der Weisheit, dasselbe wieder aufgebaut und erneuert, und zwar durch ihre unaussprechliche Weisheit, um derentwillen sie gewürdigt ward, am Rat der allerheiligsten Dreieinigkeit teilzunehmen, in welchem diese Wiederherstellung verhandelt wurde.

315. In diesen göttlichen Rat eingeführt, wurde sie aufs neue gefragt, was sie wünsche und verlange, sei es für sich, sei es für die ganze Kirche, sei es für die Apostel und Jünger des Herrn insbesondere. Die weiseste Mutter erklärte nochmals ihre glühenden Wünsche für die immer größere Verherrlichung des allerheiligsten Namens Gottes und für Abwendung der Verfolgung, welche dessen Feinde gegen die Gläubigen ihres Sohnes planten. Obwohl nämlich Gott in seiner unendlichen Weisheit alles dieses zuvor wusste, so wurde doch der großen Königin befohlen, ihre Bitte vorzutragen, damit er sie billige, seine Freude daran habe und Maria noch tiefer in die wunderbaren Geheimnisse der göttlichen Weisheit, insbesondere in Betreff der Vorherbestimmung der Auserwählten, eingeführt werden könne. Damit man das, was ich hierbei gehört, verstehe, bemerke ich folgendes: Da der Wille Mariä höchst gerecht, heilig und in allem dem Willen der allerheiligsten Dreieinigkeit vollkommen entsprechend und wohlgefällig war, so erscheint es, menschlich gesprochen, ganz unmöglich, dass Gott der Herr irgend etwas wollen konnte, was dem Willen dieser reinsten Herrin entgegen gewesen wäre. Mit Wohlgefallen schaute der Herr auf ihre unaussprechliche Heiligkeit herab. Er war, wie es im Hohenlied (Hld 4, 9) heißt, verwundet durch die Haare und Augen einer so innig geliebten Braut, der einzig Auserwählten unter allen Kreaturen. Der himmlische Vater betrachtete sie als Tochter, der Sohn als Mutter, der Heilige Geist als Braut. Alle drei göttlichen Personen hatten ihr die Kirche übergeben, weil ihr Herz auf Maria vertraute (Spr 31,11). Um aller dieser Gründe willen wollten die drei göttlichen Personen nichts anordnen und tun ohne den Rat, die Stimme und die Gutheißung Mariä, der Königin alles Erschaffenen.

316. Damit aber der Wille des Allerhöchsten und derjenige seiner heiligsten Mutter in diesen Dekreten vollkommen eins wären, war notwendig, dass die große Herrin zuvor eine neue Teilnahme an Gottes Weisheit und Wissenschaft empfange. Sie musste noch tiefer in die Geheimnisse der Vorsehung eingeweiht werden, gemäß welcher Gott alles seine Kreaturen Betreffende nach Zweck und Mitteln, Zahl und Gewicht ebenso gerecht als passend anordnet. Zu diesem Zweck erhielt die seligste Jungfrau Maria in jener Stunde ein neues, höchst klares Licht über alles, was die göttliche Allmacht in der streitenden Kirche tun und anordnen wollte. Sie erfuhr die tiefsten und verborgensten Gründe aller dieser Anordnungen. Sie erfuhr, wie viele und welche Apostel leiden und sterben sollten, bevor sie selbst diese Erde verlassen würde. Sie sah die Mühen und Drangsale, welche sie für den Namen des Herrn leiden mussten, sowie die Gründe dafür, die teils in geheimen Gerichten des Herrn, teils in der Vorherbestimmung der Heiligen lagen. Um die Kirche zu begründen, mussten die Apostel ihr Blut vergießen, weil ihr Meister und Erlöser ein Gleiches getan hatte, um die Kirche auf sein Leiden und Sterben zu gründen. Maria ward auch inne, dass diese ihre Voraussicht dessen, was die Apostel und Freunde Christi leiden mussten, infolge des damit verbundenen Mittleidens gewissermaßen ein Ersatz dafür war, dass sie nicht, wie sie es gewünscht hätte, selbst alles leiden durfte. Es war eben nicht anders möglich, als dass die Freunde Christi, um zu der ihnen verheißenen ewigen Belohnung zu gelangen, zeitweilig Trübsale erduldeten. Maria erfuhr auch, dass Jakobus bald den Martyrertod zu bestehen haben werde, und dass der heilige Petrus um dieselbe Zeit in den Kerker geworfen werden würde. Damit aber diese große Königin Gelegenheit habe, durch Mitleid ihr Verdienst zu vermehren, wurde ihr damals noch nicht gesagt, dass ein Engel den Stellvertreter Christi in Freiheit setzen werde. Sie ward inne, dass der Herr einem jeden der Apostel und der Gläubigen die Art der Peinen und des Martyrertodes bestimmen werde, und zwar nach dem Maß der Gnade und Geistesstärke, die ein jeder besaß.

317. Um die feurige Liebe der reinsten Mutter in allem zufrieden zustellen, gewährte ihr der Herr, dass sie in seinem Namen dem Kampf gegen die höllischen Drachen noch einmal aufnehme und über sie Siege und Triumphe erringe, welche die übrigen Sterblichen nicht zu erringen vermögen. So sollte sie den höllischen Drachen den Kopf zertreten, ihren Stolz zuschanden machen und ihre Macht gegen die Kinder der Kirche brechen. Um Maria zu diesen Kämpfen auszurüsten, erneuerten die drei göttlichen Personen in ihr alle ihre Gaben, sowie die Teilnahme an den göttlichen Eigenschaften und erteilten ihr den Segen, worauf die heiligen Engel ihre Königin in derselben Weise, wie sie sie zum empyrischen Himmel erhoben hatten, wieder in ihr Oratorium zurücktrugen. Nun hörte die Verzückung Mariä auf, für welche sie jetzt, kreuzweise auf der Erde ausgestreckt, mit unglaublicher Demut und unter Tränen zartester Rührung dem Allmächtigen ihren Dank darbrachte. Indes hatte Maria auch während der Zeit, da sie so wunderbar ausgezeichnet wurde, nicht unterlassen, ihrer unaussprechlichen Demut auf die lieblichste Weise Ausdruck zu geben. Dann besprach sie sich noch einige Zeit mit den heiligen Engeln über die ihr geoffenbarten Geheimnisse, sowie über die Anliegen der heiligen Kirche, um durch die Vermittlung dieser himmlischen Geister das nötigste sogleich zu besorgen. Sie hielt es für gut, den Aposteln verschiedenes mitzuteilen, um ihren Mut den Arbeiten und Kämpfen gegenüber zu beleben, welche Satan ihnen als den hauptsächlichsten Gegenständen seines Hasses bereiten werde. Sie sprach darüber mit dem heiligen Petrus, dem heiligen Johannes und den übrigen, welche sich in Jerusalem befanden, und sagte ihnen verschiedene Einzelheiten vorher, die ihnen und der heiligen Kirche begegnen würden. Sie bestätigte die Nachricht, welche dieselben von der Bekehrung des heiligen Paulus erhalten hatten, indem sie hinzufügte, mit welchem Eifer er bereits den Namen und das Gesetz ihres anbetungswürdigen Meisters verkündige.

318. An die außerhalb Jersusalems weilenden Apostel und Jünger sandte die Himmelskönigin Engel, welche ihnen Pauli Bekehrung melden und durch die nämlichen Weisungen, die Maria den in Jerusalem anwesenden persönlich erteilt hatte, Warnung und Ermutigung bringen sollten. Einem der heiligen Engel insbesondere trug sie auf, den heiligen Paulus vor den Nachstellungen zu warnen, welche Satan ihm bereitete, und ihn durch die Hoffnung auf den göttlichen Beistand in seinen Trübsalen zu stärken und zu ermuntern. Die Engel erfüllten ihre Sendungen mit der ihnen eigenen Pünktlichkeit und Raschheit. Sie zeigten sich den Aposteln und Jüngern, zu welchen sie gesandt waren, in sichtbarer Gestalt. Diese zarte Aufmerksamkeit der seligsten Jungfrau machte ihnen allen eine unglaubliche Freude und verdoppelte ihren Mut. Alle antworteten durch die ihnen gesendeten Engel, dankten demütig und gelobten der Mutter, für die Ehre ihres Sohnes mit Bereitwilligkeit sterben zu wollen. Die Antwort des heiligen Paulus zeichnete sich vor denen der übrigen aus, weil die Verehrung gegen seine Beschützerin und das Verlangen, sie zu sehen, und ihr seinen Dank zu bezeigen, ihm besonders lebhafte Beteuerungen des Eifers und der Ergebenheit eingeflößt hatten. Er befand sich damals noch in Damaskus, in den verschiedenen Synagogen predigend und mit den Juden disputierend. Bald darauf aber trug er das Wort des Herrn nach Arabien, von wo er dann, wie ich später erzählen werde, wieder nach Damaskus zurückkehrte.

319. Der am weitesten entfernte Apostel war der heilige Jakobus der Ältere. Denn, wie ich oben gesagt habe (Nr, 236), war er der erste gewesen, welcher Jerusalem verließ, um das Evangelium zu verkündigen. Nachdem er eine Zeitlang in Judäa gepredigt hatte, begab er sich nach Spanien. Er schiffte sich zu dieser Reise im Hafen von Joppe, dem heutigen Jaffa, ein. Dies geschah im Jahre 35 nach Christi Geburt, im Monat August, der auch Sextilis genannt wird, ein Jahr und fünf Monate nach dem Leiden Jesu, acht Monate nach dem Martyrtode des heiligen Stephanus. fünf Monate vor der Bekehrung des heiligen Paulus. wie aus dem hervorgeht, was ich im elften und vierzehnten Hauptstück dieses dritten Teiles gesagt habe. Von Jaffa kam Jakobus nach Sardinien, wo er sich aber nicht aufhielt, gelangte in kurzer Zeit nach Spanien, stieg in Cartagena ans Land und begann dort sofort zu predigen. Jedoch blieb er nur kurze Zeit in jener Stadt und schlug, vom Geist des Herrn geleitet, den Weg nach Granada ein. Er sah, das dort eine reiche Ernte und eine günstige Gelegenheit seiner harrten, alle Arten von Leiden für seinen göttlichen Meister zu tragen, wie es ihm denn auch widerfuhr.

320. Bevor ich jedoch hierüber ausführlicher spreche, will ich erinnern, dass unser großer Apostel, der heilige Jakobus einer der liebsten und vertrautesten Diener der großen Himmelskönigin war. Im äußern zeichnete sie ihn zwar nicht viel aus, teils wegen der Gleichheit, die sie, wie ich im elften Hauptstück sagte, in dieser Beziehung allen gegenüber sehr weise beobachtete, teils weil der heilige Jakobus auch ihr Verwandter war. Denn dass sie für den heiligen Johannes, welcher des Jakobus Bruder und ihr mithin ebenso nahe verwandt war, vor dieser allgemeinen Klugheitsregel eine Ausnahme machte, dafür hatte sie gute Gründe. Das ganze apostolische Kollegium wusste, dass der Herr, am Kreuz sterbend, ihn erwählt hatte der Sohn seiner heiligsten Mutter zu sein. Es hatte daher für die Apostel nichts Auffallendes, dass sie den heiligen Johannes auch äußerlich einigermaßen auszeichnete. Allein es würde aufgefallen sein, wenn sie dies auch für seinen Bruder Jakobus oder für einen anderen Apostel getan hätte. Innerlich aber hatte unsere weiseste Königin, wie ich an einer Stelle des zweiten Teiles (Teil 2. Nr. 1084) kurz gesagt habe, für den heiligen Jakobus eine ganz besondere Liebe und bekundete ihm dieselbe durch die besonderen Gunstbezeigungen, die sie ihm sein ganzes Leben hindurch bis zu seinem Martyrertod erwies. Was ihn ihr würdig gemacht hatte, war seine innige Andacht und tiefe Ehrfurcht für die seligste Jungfrau. Er hatte aber auch den Schutz der großen Königin sehr notwendig, denn bei der Großmut und Unerschrockenheit seines Herzens und dem Eifer seines Geistes ging er mit einem Mut, den nichts zurückhielt, allen Arten von Mühen und Gefahren entgegen. So war er der erste, der sich aus Jerusalem hinauswagte, um den Glauben zu verkündigen. Er erlitt als der erste von allen Aposteln den Martyrertod und war während seiner apostolischen Wanderungen in der Tat wie ein Blitzstrahl, oder ein «Donnersohn»; denn dies war der geheimnisvolle Name, mit dem er bei seiner Berufung zum Apostolat ausgezeichnet wurde (Mk 3,17).

321. Bei der Verkündigung des Evangeliums in Spanien boten sich ihm unglaubliche Schwierigkeiten und Verfolgungen dar, welche die Teufel ihm mit Hilfe der ungläubigen Juden erweckten. Nicht gering waren auch die, welche ihm in Italien und Kleinasien begegneten, durch welche Länder er nach Jerusalem zurückkehrte, um hier sein Predigtamt und sein Leben durch den Martyrertod zu beschließen, nachdem er in wenigen Jahren so weit auseinanderliegende und von verschiedenen Nationen bewohnte Reiche durcheilt hatte. Es ist jedoch nicht mein Plan, hier alles zu berichten, was der heilige Jakobus auf diesen verschiedenen Reisen ausgestanden hat und ich werde daher nur jene Dinge auswählen, welche diese Geschichte der Himmelskönigin näher angehen. So wurde mir unter anderem eröffnet, dass die seligste Jungfrau aus den schon angeführten Gründen für den heiligen Jakobus eine ganz besondere Sorge trug, ihn durch den Dienst der Engel aus vielen und großen Gefahren errettete und ihn sowohl, durch Besuche himmlischer Geister als auch durch Nachrichten, die sie ihm überbrachten und deren er auf seiner kurzen Laufbahn ganz besonders bedurfte, oftmals tröstete und stärkte. Unser Herr Jesus Christus selbst schickte ihm häufig Engel vom Himmel, welche ihn beschützten, zuweilen von einem Ort an den anderen trugen und ihm auf seinen apostolischen Wanderungen ihr Geleite gaben.

322. Unter den Gnaden, welche dieser Heilige während seines Aufenthaltes in Spanien von der Himmelskönigin empfing, sind zwei besonders bemerkenswert, denn Maria kam in Person ihn zu besuchen, um ihn in Gefahren und Trübsalen zu beschützen. Die eine dieser Heimsuchungen, die er von der seligsten Jungfrau empfing, ist die, welche zu Saragossa stattfand: eine Erscheinung, ebenso gewiss als weltberühmt und die man heutzutage nicht leugnen kann, ohne einen frommen Glauben anzugreifen, welcher nun schon über sechzehnhundert Jahre lang durch große Wunder und gewichtige Zeugnisse bekräftigt ist. Von diesem Wunder werde ich im nächsten Hauptstück sprechen. Die andere Erscheinung betreffend, die schon vorher stattgefunden hatte, weiß ich nicht, ob sie in Spanien bekannt ist, weil sie im geheimen geschah. Wie mir gesagt wurde, geschah sie in Granada, und zwar auf folgende Weise. In dieser Stadt hatten die Juden einige Synagogen, und zwar schon seit jener Zeit, da die Juden aus Palästina nach Spanien gekommen waren. Die Fruchtbarkeit des Bodens und die Nähe der Häfen des mittelländischen Meeres machten ihnen den Aufenthalt dort um so wünschenswerter, da sie hier leicht mit ihren Stammesgenossen zu Jerusalem verkehren konnten. Als der heilige Jakobus in dieser Stadt anlangte, um zu predigen, hatten sie bereits gehört, was sich in Jerusalem mit Jesus Christus, unserem Erlöser, zugetragen. Einige von ihnen wünschten nun zwar über Christi Lehre unterrichtet zu werden und deren Gründe kennenzulernen. Andere aber, und zwar die meisten, hatte der Teufel mit gottlosem Unglauben schon so eingenommen, dass sie nicht nur selbst die Lehre Christi nicht annahmen, sondern auch nicht gestatteten, sie den Heiden zu predigen, denn, spiegelte der böse Feind ihnen vor, diese Lehre sei gegen die jüdischen Gebräuche und gegen Moses, und wenn die Heiden dieses neue Gesetz annähmen, so würden sie dem ganzen Judentum ein Ende machen. Durch diesen teuflischen Kunstgriff betrogen, erschwerten die Juden dem christlichen Glauben den Eingang bei den Heiden. Denn da diese wussten, dass unser anbetungswürdiger Heiland aus den Juden war, und ihn nun durch Leute seiner eigenen Nation und seines Gesetzes als Betrüger verachtet sahen, so entschlossen sie sich in jenen ersten Zeiten der Kirche weniger leicht dazu, seine Lehre anzunehmen.

323. Unter diesen Umständen kam der heilige Apostel nach Granada. Er hatte kaum zu predigen begonnen, als sich die Juden ihm auch schon widersetzten und ihn als einen hergelaufenen Menschen, als Lügner, Sektenstifter und Zauberer verschrieen. Der heilige Jakobus führte nach dem Vorbild seines göttlichen Meisters zwölf Jünger mit sich. Indem diese alle fortfuhren, zu predigen, wuchs der Zorn der Juden und ihres Anhanges dergestalt, dass sie beschlossen, sich ihrer zu entledigen, wie sie denn in der Tat einem von des Jakobus Jüngern, der mit glühendem Eifer dem Judentum entgegentrat, das Leben nahmen. Da aber der heilige Apostel und seine Jünger, weit entfernt, den Tod zu fürchten, vielmehr sich sehnten, für Christi Namen zu leiden, so setzten sie die Predigt des heiligen Glaubens nur mit um so größerem Eifer fort. Nachdem sie einige Zeit hiermit zugebracht und eine große Anzahl von Heiden der Stadt und Umgegend bekehrt hatten, ging der Hass der Juden gegen sie in offene Gewalttätigkeit über. Sie nahmen alle zusammen gefangen und schleppten sie mit Stricken und Ketten gebunden vor die Stadt, um sie zu töten. Draußen angekommen, banden sie ihnen aufs neue die Füße, damit sie nicht etwa fliehen möchten, denn sie hielten sie für Zauberer und Beschwörer. Während man Vorbereitungen traf, um sie alle zu enthaupten, hörte der heilige Apostel nicht auf, die Hilfe des Allerhöchsten und seiner jungfräulichen Mutter anzurufen. Er betete in folgender Weise zu Maria: «O Maria, Mutter meines Herrn und Erlösers Jesus Christus, komme in dieser Stunde einem demütigen Diener zu Hilfe! O süßeste und gütigste Mutter, bitte für mich und diese getreuen Bekenner des heiligen Glaubens! Ist es der Wille des Allerhöchsten, dass wir hier unser Leben für die Ehre seines heiligen Namens beschließen, so bitte ihn, o Gebieterin, dass er meiner Seele sein göttliches Angesicht zeige. Gedenke meiner, o barmherzigste Mutter und segne mich im Namen desjenigen, der dich unter allen Kreaturen auserwählt hat. Nimm hin das Opfer, welches es mich kostet, deine barmherzigen Augen in dieser Stunde nicht zu erblicken, wenn sie die letzte meines Lebens ist. O Maria, o Maria!»

324. Diese letzten Worte wiederholte der heilige Jakobus oftmals. Die große Himmelskönigin aber vernahm von ihrem Betzimmer im Abendmahlshaus aus alles, was der Apostel sprach, denn in einer sehr klaren Vision sah sie alles, was sich mit Jakobus, ihrem geliebten Apostel, zutrug. Ihr mütterliches Herz wurde von innigstem Mitleid mit diesem getreuen Diener bewegt, der in seiner Trübsal sie anrief. Ihr Schmerz war umso größer, weil sie so weit von ihm entfernt war. Allein da sie wusste, dass der göttlichen Macht nichts zu schwer sei, so überließ sie sich dem Wunsche, den sie fühlte, ihrem Apostel in seiner Not zu helfen. Da Maria überdies wusste, dass er vor allen andern Aposteln sein Leben und Blut für ihren heiligsten Sohn hingeben sollte, so steigerte dies noch das Mitleid im Herzen dieser gütigsten Mutter. Gleichwohl verlangte sie weder von dem Herrn noch von den Engeln, zum heiligen Jakobus hingetragen zu werden, ihre himmlische Klugheit hielt sie von einer solchen Bitte ab, denn sie wusste wohl, dass die göttliche Vorsehung nicht ermangeln werde, dem heiligen Apostel alle Hilfe, deren er bedurfte, zu senden. Wenn es sich darum handelte, um Wunder zu bitten, so richtete sie, solange sie in diesem sterblichen Leben weilte, ihre Wünsche stets mit bewunderungswürdiger Bescheidenheit nach dem Willen Gottes.

325. Allein ihr göttlicher Sohn, dem alle Wünsche einer solchen Mutter als heilig, gerecht und voll der Liebe höchst teuer waren, befahl sogleich den tausend Engeln, die ihr zu Diensten standen, den Wunsch ihrer Königin und Herrin auszuführen. Sie zeigten sich alle ihr in menschlicher Gestalt, sagten, was der Allerhöchste ihnen aufgetragen habe, und nachdem sie Maria auf eine glänzende, zu einem Thron geformte Wolke gesetzt hatten, übertrugen sie ihre Königin nach Spanien auf jenes Feld, wo der heilige Jakobus und seine Jünger sich in Fesseln befanden. Die Feinde, welche sie gefangen genommen, hielten schon die entblößten Säbel in Händen, um alle niederzumetzeln. Da erblickte der heilige Jakobus, und zwar er allein, die Himmelskönigin auf dem Wolkenthron, von welchem herab sie ihn anredete und mit der innigsten Zärtlichkeit zu ihm sprach: «Jakobus, mein Sohn, Vielgeliebter meines Herrn Jesus Christus, sei guten Mutes. Du sollst ewig gesegnet sein von dem, der dich geschaffen und zu seinem göttlichen Licht berufen hat. Wohlan, o getreuer Diener des Allerhöchsten, erhebe dich und sei frei von deinen Ketten!» Der Apostel hatte sich beim Anblick Mariä, so gut er es in seinen Fesseln vermochte, zur Erde geworfen. Bei der Stimme unserer mächtigen Königin aber zersprangen augenblicklich seine und seiner Jünger Ketten, und alle waren frei. Die Juden dagegen, die mit den Waffen in den Händen dastanden, stürzten alle zur Erde, wo sie einige Stunden hindurch liegen blieben. Die bösen Geister, welche ihnen halfen und sie aufreizten, wurden in den Abgrund gestützt, so dass der heilige Jakobus und seine Jünger frei und ungehindert Gott dem Allmächtigen für eine so große Wohltat Dank sagen konnten. Der Apostel dankte insbesondere mit unvergleichlicher Demut und Wonne des Herzens der allerseligsten Jungfrau, und seine Jünger, obwohl sie weder die Engel noch deren Königin gesehen hatten, erkannten nichtsdestoweniger das Geschehene als ein Wunder. Nachdem ihr Meister ihnen den Hergang, soweit es geziemend schien, erklärt hatte, wurden sie dadurch im Glauben, in der Hoffnung und besonders in der Andacht zur seligsten Jungfrau Maria sehr befestigt.

326. Allein diese außerordentliche Wohltat erstreckte sich noch viel weiter. Denn nicht nur bewahrte Maria den heiligen Jakobus vor dem Tode, damit ganz Spanien sich seiner Predigt und seiner Lehre erfreuen könnte, sondern sie befahl auch noch hundert von ihren Engeln, diesen Apostel auf allen seinen Reisen zu begleiten, ihn von Ort zu Ort zu führen, sowohl ihn als seine Jünger in den sich darbietenden Gefahren zu beschützen und ihn, wenn er ganz Spanien bereist haben würde, nach Saragossa zu geleiten. Diese hundert Engel vollzogen alles genau so, wie ihre Königin es ihnen befohlen hatte, während die übrigen Maria nach Jerusalem zurückbrachten. In Begleitung seiner himmlischen Schutzwache durchzog der heilige Jakobus nun ganz Spanien, besser beschützt als die Juden beim Zug durch die Wüste. Er ließ in Granada einige seiner Jünger zurück, welche dort später die Martyrerkrone empfingen. Mit den übrigen und denjenigen, die sich Tag für Tag ihm anschlossen, setzte er seine Reise fort und predigte zunächst an vielen Orten Andalusiens. Er kam dann nach Toledo und ging von dort nach Portugal und Galizien. Von da kam er nach Astorga und an verschiedene andere Orte, gelangte dann in die Ebene Rioja und zog über Logrono und Tudela nach Saragossa, wo sich das ereignete, was ich im folgenden Hauptstück erzählen werde. Auf dieser ganzen Wanderung ließ der heilige Jakobus in verschiedenen Städten Spaniens Jünger als Bischöfe zurück und pflanzte so den christlichen Glauben und Gottesdienst. Die Wunder, die er in diesem Land wirkte, waren so groß und zahlreich, dass diejenigen, welche heute noch bekannt sind, durchaus nicht für unglaublich gehalten werden dürfen. Sind ja jene, welche man nicht kennt, weit zahlreicher als die bekannten. Die Frucht, welche seine Predigt hervorbrachte, war in Ansehung der Kürze seines Aufenthaltes in Spanien eine unermessliche und es war ein Irrtum zu sagen oder zu glauben, er habe nur ganz wenige Bekehrungen gewirkt. Vielmehr hat er in allen Gebieten und Städten, welche er durchzog, den Glauben begründet und zahlreiche Bischöfe geweiht, um die in Christus erzeugten Kinder zu leiten.

327. Bevor ich dieses Hauptstück schließe, möchte ich folgendes bemerken. Ich habe auf verschiedenen Wegen in Erfahrung gebracht, dass die Ansichten der Kirchengeschichtsschreiber über manche hier beschriebene Tatsachen auseinandergehen. z. B. über die Abreise der Apostel von Jerusalem, die Verteilung des Erdkreises durch das Los, die Zusammenstellung des apostolischen Glaubensbekenntnisses, die Wanderung und den Tod des heiligen Jakobus. Über diese und andere Ereignisse weichen die Schriftsteller, wie ich vernommen habe, weit voneinander ab, indem sie das Datum derselben verschieden angeben und darum auch den Text der Heiligen Schrift verschieden auslegen, um ihre jeweilige Ansicht damit in Übereinstimmung zu bringen. Allein ich habe keinen Befehl vom Herrn, auf diese und andere Zweifel zu antworten und diese Streitfragen zu lösen. Im Gegenteil hat, wie ich auch von Anfang an erklärte, der Herr mir befohlen, diese Geschichte ohne Angaben von Meinungen zu schreiben, denn der Herr wollte, dass man die Wahrheit, nicht aber bloße Meinungen erfahre. Und wenn das. was ich schreibe. weder mit sich selbst, noch mit dem Text der Heiligen Schrift irgendwie im Widerspruch steht und wenn es überdies der Würde des behandelten Gegenstandes entspricht, dann weiß ich der Geschichte keine höhere Autorität mehr zu verleihen und die christliche Frömmigkeit wird auch nichts Weiteres verlangen. Auch könnten, wenn man sich an die hier gemachten Angaben halten wollte, einzelne zwischen den Geschichtsschreibern herrschende Meinungsverschiedenheiten in Einklang gebracht werden, doch damit mögen sich belesene und gelehrte Männer befassen.

LEHRE, welche mir die große Himmelskönigin gegeben hat

328. Meine Tochter, was du in diesem Hauptstück Wunderbares niedergeschrieben hast, dass nämlich Gottes unendliche Macht mich auf ihren königlichen Thron erhoben hat, um an den Beschlussfassungen der göttlichen Weisheit teilzunehmen, ist so groß und außerordentlich, dass es allen Begriff der Erdenpilger übersteigt und von den Menschen erst durch die beseligende Anschauung im himmlischen Vaterland, dann aber auch mit ganz besonderer Wonne begriffen werden wird. Nun war aber diese erstaunliche Gnade eine Wirkung und Belohnung der brennenden Liebe, mit der ich das höchste Gut umfing und der tiefen Demut, womit ich mich als dessen Dienerin erkannte und verhielt. Diese zwei Tugenden waren es, welche mich zum Thron der Gottheit erhoben und mir auf demselben, während ich noch im sterblichen Fleisch lebte, einen Platz verschafften. Ich will dir daher auch noch nähere Kenntnis von diesem Geheimnis geben, das unstreitig eines der erhabensten ist, die der Allmächtige in mir gewirkt hat und eines derjenigen, welche die Engel und Heiligen am meisten bewundern. Was die Bewunderung betrifft, die du dafür hegst, so verlange ich, dass du sie ganz und gar in dem Wunsche und der Sorge aufgehen lassest, mich in dem nachzuahmen, was mir so große Gnade erworben hat.

329. Bedenke geliebteste Tochter, dass ich nicht bloß einmal, sondern oftmals seit der Herabkunft des Heiligen Geistes in meinem sterblichen Fleisch zum Thron der allerheiligsten Dreieinigkeit erhoben worden bin, bis ich endlich nach meinem Tod zum ewigen Genuss der Herrlichkeit, die ich jetzt besitze, in den Himmel einging. In dem, was dir von meinem Leben noch zu schreiben erübrigt, wirst du noch manches Verborgene über diese mir verliehene Wohltat inne werden. Jedes mal aber, da die Hand des Allerhöchsten sie mir verlieh, empfing ich auf verschiedene Weise überreiche Einflüsse von Gnade und Gaben, wie sie nur die unendliche Macht Gottes zu verleihen und meine Fassungskraft aufzunehmen imstande war, eine Fassungskraft, welche der Herr mir zu dem Zweck verliehen hat, um einer unaussprechlichen und gewissermaßen unermesslichen Anteilnahme an den göttlichen Vollkommenheiten fähig zu sein. Bei solchen Gnadenerweisungen richtete der himmlische Vater mehr als einmal folgende Worte an mich: «Meine Tochter, meine Braut, deine Liebe und Treue, welche größer ist als die aller übrigen Geschöpfe, zieht uns mächtig an und bereitet uns die Fülle des Wohlgefallens, das unser heiliger Wille zu haben begehrt. Steige herauf auf unseren Thron, damit du versenkt werdest in den Abgrund unserer Gottheit und soweit dies einem bloßen Geschöpf möglich ist, den vierten Platz in unserer Dreieinigkeit einnehmest. Nimm Besitz von unserer Herrlichkeit, deren Schätze wir in deine Hände legen. Dein sind der Himmel, die Erde und alle Abgründe. Genieße im sterblichen Leben schon, mehr als alle Heiligen im unsterblichen, die Vorrechte einer glückselig Verklärten. Dienen sollen dir alle Nationen und alle Geschöpfe, denen wir Dasein gegeben. Es sollen dir gehorchen die Mächte der Himmel und unter deinem Befehl sollen stehen die obersten Seraphim. Alle Güter, die wir in unserem ewigen Rat besitzen, sollen mit dir geteilt sein. Höre den «großen Rat» unserer Weisheit und unseres Willens. Nimm Anteil an unseren Beschlüssen, denn dein Wille ist höchst heilig und getreu. Durchschaue die Gründe, welche in unseren gerechten und heiligen Entschließungen uns leiten. Dein Wille und unser Wille soll einer sein. Einer soll auch der Beweggrund sein, der in unseren Anordnungen für unsere Kirche uns bestimmt!»

330. Mit solch unaussprechlicher und unvergleichlicher Güte führte der Allerhöchste meinen Willen zur vollkommensten Gleichförmigkeit mit dem seinigen, damit alles, was zum Wohl der Kirche verfügt wird, durch meine Anordnung geschehe. Und meine Anordnung soll keine andere sein als die des Herrn, dessen Bestimmungsgründe ich mit ihrer Vernünftigkeit und Angemessenheit in Gottes ewigem Rat erkannte. In ihm erkannte ich unter anderem. dass es vermöge eines allgemeinen Gesetzes nicht angehe, mich alle Leiden der Kirche und insbesondere der Apostel allein und an ihrer Statt tragen zu lassen, wie ich es gewünscht hätte. Obwohl nun dieses Verlangen meiner Liebe unausführbar war, so war es doch keine Abweichung vom Willen Gottes. Im Gegenteil hatte Gott es mir eingeflößt als ein Mittel, ihm dadurch zu zeigen, wie unermesslich ich ihn liebe. Und um des Herrn willen trug ich eine so große Liebe zu den Menschen, dass ich allein alle ihre Mühen und Strafen für sie zu leiden verlangte. Da nun dieser mein Liebesdrang von meiner Seite ein aufrichtiger und ich von Herzen bereit war, sobald ich könnte, ihn auszuführen, so war derselbe in den Augen des Herrn so wohlgefällig und ich wurde so belohnt, als hätte ich ihn nach Wunsch erfüllt, litt ich ja doch auch wirklich sehr vieles deswegen, weil ich nicht für alle leiden konnte. Hieraus erkennst du die Quelle und die Natur des Mitleids, das ich mit den Qualen der Apostel und Martyrer, sowie auch aller andern empfand, die für Christus gelitten haben. Denn ich war in allen und mit allen betrübt und selbst gemartert und starb gewissermaßen mit einem jeglichen aus ihnen. So groß war die Liebe, die ich für die Gläubigen, meine Kinder, hegte. Und abgesehen vom Leiden, das mir jetzt unmöglich ist, hege ich dieselbe Liebe noch jetzt, obwohl die Menschen es nicht erkennen und nicht bedenken, in welch hohem Grad sie verpflichtet sind, für meine Liebe zu danken.

331. Das sind die Wohltaten, die ich empfing, als ich von der Erde zur Rechten meines heiligsten Sohnes erhoben war und in dem einem bloßen Geschöpf mitteilbaren Maß die Vorrechte seiner Glorie genoss. Die Beschlüsse und andere Geheimnisse der unendlichen Weisheit wurden an erster Stelle der allerheiligsten Menschheit meines Herrn geoffenbart und zwar durch ihre unerforschlichen Beziehungen zur Gottheit, mit der sie im ewigen Worte vereinigt ist. Sodann gelangten sie durch Vermittlung meines heiligsten Sohnes an mich, jedoch auf eine andere Weise. Denn die Vereinigung seiner Menschheit mit der Person des ewigen Wortes ist eine unmittelbare. wesenhafte und ihr durchaus innerliche. So partizipiert die Menschheit meines Sohnes an der Gottheit und deren Beschlüssen auf eine mit seiner wesentlichen und persönlichen Vereinigung im Verhältnis stehende Art und Weise. Was mich betrifft, so empfing ich diese Auszeichnung gleichfalls auf wunderbare und einzige Weise, denn wenn ich auch ein bloßes Geschöpf war und keineswegs göttliche Wesenheit besaß, so war ich doch der heiligsten Menschheit meines Sohnes gleichförmig und nach ihr die unmittelbar Nächste an der Gottheit. Für jetzt aber, meine Tochter, kannst du hierüber mehr nicht fassen und ganz durchdringen wirst du dieses Geheimnis nie, solange du auf Erden lebst. Die Seligen des Himmels begriffen es, ein jeder nach Maßgabe der ihm verliehenen Erkenntnis. Sie begriffen sowohl die Ähnlichkeit, die ich mit meinem heiligsten Sohn hatte, als auch den Abstand, der uns voneinander trennt. Und dieses gab und gibt ihnen zur Stunde noch Anlass zu neuen Lob- und Dankgesängen auf den Allmächtigen. Denn dieses Wunder war eines der großen Dinge, die sein allmächtiger Arm an mir getan hat.

332. Damit du deine natürlichen und übernatürlichen Kräfte noch mehr anspannst und sie zu heiligen Anmutungen und Begierden selbst nach dem, was du nicht auszuführen vermagst, antreibest, so offenbare ich dir noch ein Geheimnis. Es ist folgendes: Als ich sah, wie die Seelen kraft der Verdienste des Erlösers durch die vollkommene Reue und durch den Empfang der Taufe und anderer Sakramente die Gnade der Rechtfertigung empfingen, wodurch sie gereinigt und geheiligt wurden, da schätzte ich diese Gnade so hoch, dass ich gewissermaßen einen heiligen Neid und heftiges Verlangen danach empfand. Da ich aber keine Sünden auf mir hatte, von denen ich hätte gereinigt und gerechtfertigt werden können, so konnte ich auch jener Gnade nicht in der Weise teilhaftig werden, wie die Sünder dieselbe empfangen. Weil ich indes die Verschuldungen der Sünder bitterlicher beweinte, als sie selbst alle zusammen es tun, und weil ich für die Gnade der Rechtfertigung, welche der Herr in freier Barmherzigkeit den Seelen gewährt, inniger dankte als sie, so erlangte ich durch diese Anmutungen und Werke eine größere Gnadenfülle, als zur Rechtfertigung aller Adamskinder insgesamt notwendig wäre: so groß war das Wohlgefallen, das der Allerhöchste an meinen Werken hatte und so groß die Kraft, die er ihnen verlieh, damit sie Gnade fänden in seinen göttlichen Augen.

333. Bedenke nun, meine Tochter, welches deine Verpflichtung ist, nachdem du so große Geheimnisse und so verehrungswürdige Wunderwerke erfahren hast. Lasse die Talente, welche du empfangen hast, nicht brachliegen: vereitle und verachte nicht so zahlreiche Gaben deines Herrn. Tritt in meine Fußstapfen durch vollkommene Nachahmung aller meiner Werke, die ich dir geoffenbart habe. Und damit du die göttliche Liebe immer mehr in dir entflammest, so bedenke stets, dass mein heiligster Sohn und ich in unserem sterblichen Leben beständig nach dem Heil aller Adamskinder seufzten und verlangten und bitterlich den Untergang so vieler Seelen beweinten, die sich durch verkehrte, trügerische Freude in das Verderben stürzen. In dieser Liebe und in diesem Seeleneifer musst du dich auszeichnen und fleißig üben als getreueste Braut meines Sohnes, der, von dieser Tugend angetrieben, sich ans Kreuz dahingab und ebenso musst du dich darin üben als meine Tochter und meine getreue Schülerin. Wenn die Gewalt dieser Liebe mir nicht das Leben raubte, so geschah dies nur, weil der Herr durch ein Wunder es mir erhielt. Die Liebe ist es, welche mir meinen Platz auf dem Thron Gottes und im Rat der allerheiligsten Dreieinigkeit verschafft hat. Wenn du so fleißig und eifrig mir nachfolgen und mir so pünktlich gehorchen wirst, wie ich es von dir verlange, meine Freundin, so werde ich dir, sei dessen versichert, ähnliche Gnaden wie meinem Diener Jakobus gewähren. Ich werde dir in deinen Trübsalen beistehen und dich leiten, wie ich es dir schon oft verheißen habe. Der Allerhöchste aber wird gegen dich freigebiger sein, als du es nur zu wünschen vermagst.

SIEBZEHNTES HAUPTSTÜCK: Neue Verfolgung der Kirche. Maria erscheint dem heiligen Jakobus in Saragossa

Luzifer bereitet eine neue Verfolgung gegen die Kirche und gegen die allerseligste Jungfrau vor. Maria benachrichtigt davon den heiligen Johannes und entschließt sich, auf dessen Verlangen nach Ephesus zu ziehen. Ihr allerheiligster Sohn erscheint ihr und erteilt ihr den Auftrag, sich nach Saragossa zu begeben, um den heiligen Apostel Jakobus zu besuchen. Einzelne Begebenheiten bei diesem Besuch.

334. In dem Bericht, welchen der heilige Lukas im achten Kapitel der Apostelgeschichte über die Verfolgung gibt, die Luzifer nach dem Tod des heiligen Stephanus gegen die Kirche hervorrief, wird eine große genannt (Apg 8,1). Sie war es in der Tat bis zur Bekehrung des heiligen Paulus, mittelst dessen der höllische Drache sie ins Werk setzte. Ich habe von ihr im 12. und 14. Hauptstück dieses Teiles gesprochen, aus dem jedoch, was in den letzten Hauptstücken berichtet worden ist, sieht man leicht, dass dieser Feind Gottes sich keineswegs Ruhe gönnte, noch auch sich für besiegt gab, so dass er sich nicht aufs neue gegen die heilige Kirche und gegen die seligste Jungfrau hätte erheben wollen. Schon aus dem Bericht des heiligen Lukas im 12. Kapitel der Apostelgeschichte, der erzählt, dass Herodes den heiligen Petrus und den heiligen Jakobus gefangen nehmen ließ, erkennt man, dass diese Verfolgung nach der Bekehrung des heiligen Paulus sich erneuerte, wenn auch nicht ausdrücklich gesagt wäre, dass Herodes auch Mannschaften aussandte, um einige der Gläubigen zu misshandeln (Apg 12, 1). Zum besseren Verständnis sowohl des schon Erwähnten, als auch dessen, was ich in dieser Beziehung noch erzählen werde, rufe ich nochmals ins Gedächtnis, dass alle diese Verfolgungen durch die Teufel ausgesonnen und geschürt wurden: diese waren es, welche die Verfolger gegen die Kirche aufreizten, wie ich schon an verschiedenen Stellen bemerkt habe. Die göttliche Vorsehung gab ihnen eben bald die Erlaubnis dazu, bald nahm er sie ihnen und warf sie, wie z. B. nach der Bekehrung des heiligen Paulus und bei anderen Vorkommnissen, wieder in die höllischen Abgründe zurück. Und das ist der Grund, weshalb die Kirche in ihren Anfängen von Zeit zu Zeit Ruhe und Frieden hatte, nach solcher Waffenruhe aber aufs neue betrübt und verfolgt wurde, wie man es auch in allen anderen Jahrhunderten gesehen hat.

335. Der Friede war notwendig, damit sich recht viele zum Glauben wendeten, die Verfolgung, damit sie Verdienste sammeln und sich im Guten bewähren könnten. Darum ließ und lässt die göttliche Vorsehung bald Frieden, bald Verfolgung eintreten. Dies war auch der Grund, warum die Kirche nach der Bekehrung des heiligen Paulus mehrere Monate in Ruhe lebte, bis nämlich Luzifer und die Seinen, von ihrer Betäubung in der Hölle sich erholend, auf die Erde zurückkehrten, wie ich nächstens erzählen werde. Der heilige Lukas bespricht diese Friedenszeit im neunten Kapitel, wo er nach Erzählung der Bekehrung Pauli bemerkt, dass die Kirche in ganz Judäa, in Galiläa und Samaria Ruhe hatte und erbaut ward, da sie wandelte in der Furcht des Herrn und erfüllt ward mit dem Trost des Heiligen Geistes (Apg 9, 31). Obwohl nun der heilige Evangelist dieses erzählt, nachdem er das Eintreffen des heiligen Paulus in Jerusalem berichtet hat, so war doch die erwähnte Friedenszeit lange vor der Ankunft Pauli in Jerusalem, denn, wie aus dem folgenden hervorgeht, kam Paulus erst im fünften Jahre nach seiner Bekehrung nach Jerusalem. Der heilige Lukas aber erzählt diese Ankunft früher, bald nach Pauli Bekehrung, um ihre Geschichtsdarstellung besser zu ordnen, wie ja die Evangelisten auch sonst zu tun pflegten. Sie antizipieren oft. d.h. sie erwähnen später Geschehenes schon bei früheren Anlässen, um alles auf einen Gegenstand bezügliche mit einem MaI zu sagen. Denn obwohl sie im wesentlichen die Ordnung der Zeit einhalten, so wollen sie doch nicht nach Art der Analisten Jahr um Jahr angeben, was sich darin ereignete.

336. Nach diesen Bemerkungen komme ich auf die im fünfzehnten Hauptstück beschriebene Ratsversammlung, welche Luzifer nach der Bekehrung des heiligen Paulus veranstaltete, zurück und füge bei, dass diese Beratung des Höllendrachen und seiner Genossen sich eine Zeitlang hinauszog. Sie besprachen und beschlossen darin verschiedene Maßnahmen, um die Kirche zu zerstören und, wenn möglich, Maria, unsere Königin, von der hohen Heiligkeit herabzustürzen, welche der höllischen Schlange, freilich nur zum allerkleinsten Teil, bekannt war. Nach Ablauf der Tage, während welcher die Kirche der Ruhe genoss, kamen die Fürsten der Finsternis aus der Tiefe hervor, um die Pläne der Bosheit auszuführen, die sie in jenen Kerkern geschmiedet hatten. Voraus ging als Anführer Luzifer, der große Drache. Und es verdient bemerkt zu werden, dass diese grausame Bestie vor Wut und heftigen Zorn gegen die Kirche und gegen Maria weit über zwei Drittel seiner Teufel mit sich aus der Hölle führte, die ihm bei diesem Unternehmen helfen sollten. Ohne Zweifel würde Satan das Reich der Finsternis ganz geleert haben, hätte seine Bosheit und Grausamkeit ihn nicht veranlasst, einen Teil seiner höllischen Diener zum Quälen der Verdammten in der Hölle zu lassen. Denn abgesehen von dem ewigen Feuer, das die göttliche Gerechtigkeit bereitet und das den Verdammten niemals fehlt, wollte der Drache nicht zugeben, dass die Verdammten auch nur einen Augenblick von dem Anblick und der Gesellschaft seiner Dämonen frei wären und eine kleine Linderung hätten während der Zeit, da die bösen Geister außerhalb der Hölle sich aufhielten. Aus diesem Grund befindet sich stets in der Hölle eine Anzahl von Teufeln, die den unglückseligen Verdammten die Pein ihrer Gegenwart nicht ersparen wollen, so sehr auch Luzifer inzwischen vor Begierde brennt, alle Sterblichen, die auf Erden sind, zu verderben. Einem so gottlosen, grausamen und unmenschlichen Herrn dienen die unglücklichen Sünder.

337. Angesichts der Dinge die sich nach dem Tod unseres Heilandes ereigneten, angesichts der Heiligkeit U. L. Frau, sowie des Trostes und des Schutzes, den die Gläubigen bei ihr fanden, und den die Teufel an dem heiligen Stephanus, dem heiligen Paulus und anderen durch die Erfahrung kennengelernt, hatte die Wut des Drachen eine Höhe erreicht, von welcher wir keine Vorstellung haben. Aus diesem Grund schlug er seinen Sitz in Jerusalem auf, um das, was es Stärkstes in der Kirche gab, in eigener Person anzugreifen und von dort aus alle höllischen Schwadronen zu befehligen, die zwar an sich Geister ohne Ordnung sind, sich aber doch, wenn es gilt, die Menschen zu bekriegen und zu verderben, eine gewisse Ordnung gefallen lassen. Der Allerhöchste gab ihnen nicht alle Freiheit, die sie in ihrem Neid wünschten, denn wenn sie sie bekämen, so würden sie in einem Augenblick die Welt umkehren und zerstören. Er gab sie ihnen also nur in einem gewissen Maß, soweit es eben notwendig war, damit die Kirche, durch ihre Feinde bedrängt, sich durch das Blut und die Verdienste der Heiligen festige, tiefere und stärkere Wurzeln schlage und im Sturm der Verfolgung die Kraft und Weisheit des Steuermannes offenbare, der ihr Schifflein lenkt. Sofort befahl Luzifer seinen Dienern, die ganze Erde zu durchstreifen, um auszukundschaften. wo sich die Apostel und Jünger des Herrn befänden und an welchen Orten sein Name gepredigt werde und dann zurückzukehren, um ihm über alles, was geschehe, zu berichten. Es hielt sich aber der Drache, wiewohl in der heiligen Stadt befindlich, so fern als möglich von den Orten, welche durch das Blut und die Geheimnisse unseres Erlösers geheiligt waren. Denn diese waren ihm und seinen Dämonen furchtbar. Je näher sie denselben kamen, desto mehr fühlten sie sich geschwächt und durch die göttliche Macht gedrückt. Die Teufel erfahren dasselbe noch heuzutage und werden es fühlen bis ans Ende der Welt. Es ist daher in Wahrheit ein großes Unglück, dass diese für die Gläubigen so heiligen Orte um der Sünden der Menschen willen in der Gewalt der Feinde des Glaubens sind. Glücklich hingegen sind die wenigen Kinder der Kirche, die des Vorrechtes genießen, dort zu wohnen, wie die Söhne unseres großen Vaters, des Erneuerers der Kirche, des heiligen Franziskus.

338. Nachdem Luzifer sich aus den Angaben der Dämonen über den Stand der Gläubigen und über die Orte, wo der Glaube gepredigt wurde, unterrichtet hatte, erteilte er neue Befehle. Die einen sollten das Verfolgen selbst betreiben und zwar bestimmte er hierzu stärkere oder schwächere Teufel, je nach den verschiedenen Verhältnissen, in den sich die Apostel, Jünger und Gläubigen befanden. Andere böse Geister sollten die Vorgänge beobachten, darüber Bericht erstatten und Befehle bezüglich der weiteren Maßnahmen gegen die Kirche überbringen. Luzifer bezeichnete auch gewisse ungläubige, treulose, lasterhafte und verkommene Menschen, die von den Dämonen aufzureizen, zur Verfolgung zu ermutigen, mit Hass und Neid gegen alle Jünger Jesu Christi zu erfüllen seien. Unter ihnen befanden sich König Herodes und mehrere Juden, die den Herrn gekreuzigt und deswegen noch einen großen Groll gegen ihn hatten und seinen Namen aus dem Land der Lebendigen auszutilgen verlangten (Jer 11,19�). Die Teufel vergaßen auch nicht besonders verblendete und dem Götzendienste ergebene Heiden. Und unter den einen und den andern suchten sie mit Sorgfalt die Ärgsten und Gottlosesten aus, um sich ihrer als der Werkzeuge ihrer Bosheit zu bedienen. Diese Mittel waren es, durch die sie damals die Verfolgung der Kirche einleiteten. Diese diabolische Kunst ist es, deren Satan sich zu allen Zeiten bediente, um die Kraft und Frucht der Erlösung und des Blutes Christi zunichte zu machen. Auf diese Weise richtete er in den ersten Zeiten der Kirche große Verwüstung unter den Gläubigen an, indem er sie mit Trübsalen verschiedener Art verfolgte, die nicht niedergeschrieben worden und darum in der Kirche nicht bekannt sind. Doch kann man sagen, dass zum großen Teil die Dinge, welche der heilige Paulus im Hebräerbrief als den Heiligen des Alten Bundes zugestoßen aufführt (Hebr 11,37), auch diesen Heiligen des Neuen Bundes widerfuhren. Abgesehen von diesen äußeren Verfolgungen, quälte Luzifer und sein Anhang alle Gerechten: die Apostel, die Jünger und die Gläubigen insgesamt durch geheime Versuchungen, Täuschungen, Einflüsterungen und tausenderlei böse Gedanken, wie sie dies heute noch allen denen tun, welche nach Gottes Geboten zu wandeln und unserem Herrn und Meister Jesus Christus nachzufolgen entschlossen sind. Es ist indes nicht möglich, in diesem sterblichen Leben alles zu fassen, was Luzifer in den ersten Zeiten der Kirche versuchte, um sie zu zerstören, wie es auch unmöglich ist, alles zu erkennen, was er in derselben Absicht noch heute tut.

339. Allein der großen Mutter der Weisheit war davon auch nicht das geringste unbekannt, denn bei der Klarheit ihrer erhabenen Wissenschaft kannte sie alle Geheimnisse des Reiches der Finsternis, welche den Menschen verborgen sind. Doch während bei uns die Schläge und Wunden, die wir vorausgesehen haben, weniger Eindruck zu machen pflegen, geschah bei dieser weisesten Königin das Gegenteil. Während sie von den der Kirche bevorstehenden Leiden so unterrichtet war, dass keines ihr unverhofft oder neu sein konnte, so verwundeten sie doch, weil sie die Apostel und Gläubigen trafen, aufs tiefste ihr Mutterherz, in welchem sie alle Angehörigen der Kirche mit innigster und zärtlichster Mutterliebe eingeschlossen trug. Und ihr Schmerz war wie ihre Liebe gleichsam unermesslich. Oftmals hätte Luzifer ihr auch das Leben geraubt, wenn nicht der Herr, wie ich es schon an mehreren Stellen zu erwähnen hatte, ihr es auf wunderbare Weise erhalten hätte. Müsste es ja doch selbst in jeder gerechten und in der Liebe vollkommenen Seele gewiss tiefen Eindruck machen, wenn sie die Wut und Bosheit so vieler Teufel sähe, weIche so gierig und schlau sind, um bald hier, bald dort unter den Gläubigen eine einfältige, schwache und ohnehin schon von soviel Elend umringte Seele zu verderben. Diese Erkenntnis allein würde hingereicht haben, Maria alle eigenen Anliegen und Leiden, die sie treffen konnten, vergessen zu lassen, um die Leiden ihrer Kinder zu lindern und zu heben. Sie vervielfältigte für sie ihre Gebete, ihre Seufzer, ihre Tränen und ihre Bemühungen. Sie gab ihnen höchst weise Ratschläge, Anleitungen und Ermahnungen: bald warnte, bald ermutigte sie sie, besonders die Apostel und Jünger. Oftmals hinderte sie als Königin die Teufel durch Machtbefehle. Unzählige Seelen, die von ihnen getäuscht und irregeführt waren, entriss sie ihren Klauen und errettete sie vom ewigen Tod. Andere Male machte sie grausame Pläne und Fallstricke, welche Satan den Dienern Christi gelegt hatte, zunichte. Denn es war die Absicht Luzifers, den Aposteln gleich anfangs das Leben zu nehmen - er hatte dies, wie wir oben sahen, durch Saulus bewerkstelligen wollen - und ebenso hätte er auch die übrigen Jünger Christi, welche den heiligen Glauben verkündigten, gerne aus dem Weg geräumt.

340. Trotz dieser Sorgen und dieses Mitleidens bewahrte die göttliche Mutter eine bewunderungswürdige Fassung und Ruhe des Gemütes und alle ihre Sorge war nicht imstande, sie zu verwirren. Auch in ihrem Äußeren bewahrte sie die ruhige Majestät einer Königin. Aber der Schmerz ihres Innern überzog gleichwohl ihr Angesicht mit einer Wolke heiliger Trauer, ohne indes die sanfte Ruhe ihrer Haltung zu stören. Da nun der heilige Johannes ihr mit der ganzen Aufmerksamkeit des besten Sohnes zur Seite stand, so konnte diese kleine Veränderung in den Gesichtszügen seiner Mutter und Herrin dem durchdringenden Blick dieses Adlers nicht entgehen. Er wurde darüber sehr betrübt und nachdem er einige Zeit mit sich selbst darüber zu Rate gegangen war, wandte er sich an den Herrn und indem er ihn um sein Licht über das, was zu tun sei, anflehte, sprach er: «Unendlicher Herr und Gott, Erlöser der Welt! Ich bekenne, dass du ohne mein Verdienst durch deine bloße Güte mich dir in hohem Grad verbunden hast, da du mir diejenige zur Mutter gabst, welche wahrhaft deine Mutter ist, weil sie dich empfangen, geboren und an ihrer Brust genährt hat. Durch diese Wohltat, o Herr, hast du mich glücklich gemacht und mit dem größten Schatz des Himmels und der Erde bereichert. Allein diese deine Mutter und meine Herrin ist vereinsamt und gleichsam verarmt, weil sie deiner göttlichen Gegenwart entbehren muss, welche ihr weder Engel noch Menschen ersetzen können, am wenigsten ich armseliger Erdenwurm und Knecht. Heute, o mein Gott, Erlöser der Welt, sehe ich sie gar betrübt und traurig. Diejenige, welche dir Menschengestalt gegeben, diejenige, welche die Freude deines Volkes ist, sehe ich trauernd und voll Kummer. Ich möchte sie gerne trösten und ihren Gram stillen, allein ich bin außerstande, es zu tun. Pflicht und Liebe drängen mich dazu, die Ehrfurcht vor ihr und das Bewusstsein meiner Gebrechlichkeit halten mich zurück. Erleuchte und kräftige mich also. O Herr, damit ich erkenne und vermöge, was ich nach deinem göttlichen Wohlgefallen zum Dienst deiner würdigen Mutter tun soll.»

341. Nach diesem Gebet war der heilige Johannes noch eine Zeit im Zweifel, ob er die Königin des Himmels um die Ursache ihrer Trauer befragen solle oder nicht. Er verlangte sehnlichst, es zu tun. Allein die heilige Ehrfurcht, mit der er zu ihr aufzublicken gewohnt war, hielt ihn zurück. Innerlich ermutigt, ging er dreimal vor die Türe des Gebetsortes, wo Maria sich befand. Allein die Schüchternheit hielt ihn jedes Mal wieder zurück und hinderte ihn, einzutreten und Maria zu fragen, was sie wünsche. Nun wusste aber die göttliche Mutter alles, was Johannes tat und was in seiner Seele vorging. Und da sie als die himmlische Lehrmeisterin der Demut vor dem Evangelisten als einem Priester und Diener des Herrn Ehrfurcht hatte, so erhob sie sich vom Gebet, suchte ihn auf und sprach zu ihm: «Mein Gebieter! Sage mir, was du deiner Dienerin befiehlst!» Wie ich nämlich schon anderwärts bemerkt habe (oben Nr. 99. 102, 106 u. a. O.), nannte unsere große Königin die Priester und die geweihten Diener ihres Sohnes stets mit dem Namen «Herr» oder «Gebieter». Durch solche Herablassung Mariä getröstet und ermutigt, jedoch nicht ohne einige Beklommenheit antwortete Johannes: «Meine Gebieterin! Die Pflicht und das Verlangen, dir zu dienen, haben mir die Verbindlichkeit auferlegt, auf deine Traurigkeit acht zu haben und zu vermuten, du habest einen Kummer und von diesem möchte ich dich befreit sehen.»

342. Weiteres sprach der heilige Johannes nicht. Allein die Himmelskönigin wusste wohl, dass er die Ursache ihrer Kümmernis zu erfragen wünsche und stets zu freudigem Gehorsam bereit, wollte sie dem Wunsch des Apostels entsprechen, bevor er ihr denselben mit Worten geoffenbart hatte. Denn sie betrachtete und behandelte ihn als ihren Vorgesetzten. Zuvor aber wandte sich Maria an den Herrn und sprach: «Mein Gott und mein Sohn! Du hast mir deinen Diener Johannes statt deiner gegeben, um mein Begleiter und meine Stütze zu sein, und ich habe ihn als meinen Obern und Vorgesetzten aufgenommen. Nun ist es meine Freude, seinem Wunsch und Willen, sobald ich ihn erkannt habe, zu gehorchen, damit diese deine niedrige Magd allezeit im Gehorsam gegen dich lebe und handle. Gestatte mir, o Herr, ihm den Grund meiner Sorge zu enthüllen und so seinem Wunsch zu entsprechen.» Gleich vernahm Maria das Jawort des göttlichen Willens, worauf sie sich dem heiligen Johannes zu Füßen warf, um seinen Segen bat und ihm die Hand küsste. Darauf bat sie ihn um die Erlaubnis zu reden und sprach dann: «Mein Herr! nicht ohne Grund ist mein Herz betrübt. Denn der Allerhöchste hat mir die Trübsale geoffenbart, die über die Kirche kommen sollen und die Verfolgungen, welche deren Kinder insgesamt, besonders die Apostel werden zu leiden haben. Ich habe gesehen, dass der höllische Drache, um seine bösen Pläne einzuleiten und auszuführen, mit zahllosen Legionen böser Geister, die alle eine unersättliche Begierde haben, den Leib der Kirche zu zerstören, aus ihren unterirdischen Gefängnissen hervorgekommen sind. Diese Stadt Jerusalem wird zuerst und mehr als andere der Gegenstand ihrer Verwüstungen sein. Auf der Teufel Antrieb wird man darin einem der Apostel das Leben nehmen, andere gefangen setzen und hart bedrängen.

Mein Herz ist traurig und erschüttert von Mitleid mit ihnen und von Leid über die Hindernisse, welche die Feinde dem Heil der Seelen und der Erhöhung des göttlichen Namens entgegensetzen werden.»

343. Durch diese Mitteilung wurde auch der heilige Evangelist traurig und etwas verwirrt. Allein durch die göttliche Gnade gestärkt, antwortete er der großen Königin, indem er sprach: «Meine Mutter und Herrin! Deiner Weisheit ist nicht verborgen, dass der Allerhöchste aus diesen Trübsalen und Heimsuchungen große Frucht für seine Kirche und deren Kinder ziehen und dass er sie in der Not nicht verlassen wird. Was uns Apostel betrifft, so sind wir bereit, unser Leben für den Herrn zu opfern, der das seinige für das Menschengeschlecht geopfert hat. Wir haben unermessliche Wohltaten empfangen. Es wäre nicht gerecht, wenn dieselben in uns ohne Nutzen und Frucht blieben. Als wir in der Schule unseres Herrn und Meisters noch Kinder waren, handelten wir wie Kinder. Seit er uns aber mit seinem göttlichen Geiste erfüllt und das Feuer seiner Liebe in uns entzündet hat, ist auch unsere Furchtsamkeit verschwunden, und wir verlangen den Weg des Kreuzes zu wandeln, den der Herr durch seine Lehre und sein Beispiel uns vorgezeichnet hat. Überdies wissen wir, dass die Kirche durch das Blut ihrer Diener und Söhne gepflanzt und erhalten werden muss. Bitte für uns, o Herrin. Mit der Hilfe Gottes und unter deinem Schutz werden wir über unsere Feinde den Sieg davontragen und zur Ehre des Allerhöchsten über sie alle triumphieren. Wenn jedoch in dieser Stadt Jerusalem der Hauptschlag der Verfolgung geschehen soll, o Herrin und Mutter, so scheint es mir nicht gut, dass du sie hier abwartest, denn sonst steht zu befürchten, dass die Wut der Hölle, verbündet mit menschlicher Bosheit, irgend eine Kränkung gegen den Tabernakel Gottes ausführe.»

344. Die große Königin und Herrin des Himmels hatte eine so große mitleidsvolle Liebe zu den Aposteln und Gläubigen, dass sie, weit entfernt, das Verbleiben in Jerusalem zu fürchten, es vielmehr wünschte, um bei der bevorstehenden Trübsal überall Trost und Ermutigung spenden zu können. Sie gab jedoch dem heiligen Johannes diese, wiewohl heilige Neigung nicht zu erkennen, weil sie nur eine Bewegung ihres eigenen Herzens war. Sie ordnete vielmehr sie der Demut und dem Gehorsam gegen den Apostel unter, welchen sie als ihren Obern und Vorgesetzten ansah. In dieser hingebenden Gesinnung auf jede etwaige Gegenvorstellung verzichtend, dankte sie dem Evangelisten für den Mut, womit er Christus zuliebe selbst leiden und sterben wollte und fügte bei, was die Abreise aus Jerusalem betreffe, so möge er nur anordnen und verfügen, was er für das passendste halte, sie werde ihm in allem als Untergebene gehorchen und den Herrn für ihn um Licht von oben bitten, damit er erwähle, was das gottgefälligste und zur Erhöhung des göttlichen Namens das angemessenste sei. In Ansehung dieser Ergebung, womit Maria uns ein so leuchtendes und unseren Ungehorsam beschämendes Beispiel gab, entschied der Evangelist, dass sie sich in die Stadt Ephesus in Kleinasien begebe. Dieses der seligsten Jungfrau vorlegend, sprach er: «Meine Herrin und Mutter! Da wir Jerusalem verlassen und einen andern Ort suchen müssen, um dort für die Erhöhung des göttlichen Namens zu arbeiten, so scheint es mir gut, dass wir uns in die Stadt Ephesus begeben, wo du in den Seelen die Frucht schaffen wirst, die sich hier in Jerusalem nicht erwarten lässt. Um dich auf dieser Reise würdig zu begleiten und dir zu dienen, wünsche ich einer von denjenigen zu sein, welche den Thron der allerheiligsten Dreieinigkeit umstehen. Indes bin ich nur ein armseliger Erdenwurm. Allein der Herr wird mit uns sein, denn als dein Gott und dein Sohn wird er dir an allen Orten gnädig sein, wohin du immer gehen magst.»

345. So wurde denn die Reise nach Ephesus festgesetzt und beschlossen, dass man während der Vorbereitungen zu ihr zugleich in Jerusalem die Anordnungen treffe und die Weisungen an die Gläubigen gebe, welche die Lage erheischte. Die große Königin zog sich daher wieder zum Gebet zurück und flehte also: «Allerhöchster, ewiger Gott, siehe deine demütige Magd, welche sich vor dem Angesicht deiner göttlichen Majestät niederwirft! Aus dem tiefsten Grund meiner Seele bitte ich dich, regiere und führe mich nach deinem göttlichen Willen und Gefallen. Ich will die Reise antreten im Gehorsam gegen deinen Diener Johannes, dessen Wille für mich der deinige sein wird. Es geziemt sich ja nicht, dass deine Dienerin und Mutter, die dir für die zahllosen Wohltaten deiner Allmacht so hoch verpflichtet ist, auch nur einen Schritt tue, der nicht zu deiner Ehre und zur Erhöhung deines Namens diene. Hilf also meinem Wunsche nach und erhöre meine Bitte, auf dass ich in allem das Beste und Vollkommenste vollbringe!» Darauf antwortete der Herr und sprach: «Meine Braut, meine Taube! Mein Wille hat diese Reise zu meinem größeren Wohlgefallen angeordnet. Gehorche Johannes und ziehe nach Ephesus, denn ich will mich deiner Anwesenheit dort bedienen, um seinerzeit an vielen Seelen meine Güte zu offenbaren.» Diese Antwort des Herrn erfüllte die seligste Jungfrau mit Trost und versicherte sie aufs neue des göttlichen Willens. Sie bat die göttliche Majestät um den Segen und um die Erlaubnis, sich zur Reise zu rüsten, damit sie auf den ersten Wink des Apostels bereit sei. Ganz dem Feuer ihrer Liebe hingegeben, brannte sie nur mehr vor Begierde nach dem Heile jener Seelen in Ephesus, welche sie zur Freude und zum Wohlgefallen Gottes seinem Versprechen gemäß dort zu gewinnen hoffte.

346. Alles Denken und Sinnen unserer großen Mutter und Herrin hatte nur einen Gegenstand und ein Ziel: das Wachstum und die Ausbreitung der Kirche, den Trost der Apostel, der Jünger und der Gläubigen und die Abwehr des höllischen Feindes, seiner Diener und der Verfolgungen und Nachstellungen welche sie, wie oben gesagt wurde, jenen ersteren bereiteten. In ihrer unaussprechlichen Liebe ordnete sie vor der Abreise von Jerusalem nach Ephesus teils in Person, teils durch ihre Engel soviel nur möglich alles an, was sie für die Zeit ihrer Abwesenheit besorgen zu müssen glaubte. Denn sie wusste damals noch nicht, wie lange die Abwesenheit dauern und wann sie nach Jerusalem zurückkehren würde. Die wichtigste Angelegenheit, die sie zu besorgen vermochte, war ihr ununterbrochenes, mächtiges Bitten und Flehen zu ihrem allerheiligsten Sohn, er möge mit seinem unendlich mächtigen Arme seine Apostel und Diener beschützen, den Übermut Luzifers niederzuschlagen und die Pläne der Bosheit. welche der Arglistige gegen die Ehre des Herrn schmiedete, vereiteln. Die weiseste Jungfrau wusste, dass der heilige Jakobus der erste unter den Aposteln sei, welcher sein Blut für den Namen Jesu Christi zu vergießen habe, und da sie ihn, wie schon erwähnt, besonders liebte, so verrichtete sie für ihn mit Vorzug vor allen andern Aposteln auch ganz besondere Gebete.

347. Während die göttliche Mutter eines Tages - es war der vierte Tag vor der Abreise nach Ephesus - in besagter Weise dem Gebet oblag, fühlte sie in ihrem reinsten Herzen gewisse außerordentliche Wirkungen der göttlichen Güte, wie sie dieselben auch sonst schon beim Herannahen irgend einer besonderen Gunstbezeigung des Himmels beobachtet hatte. Die Heilige Schrift nennt in ihrer Sprache solche Wirkungen «Worte des Herrn». Die seligste Jungfrau antwortete darauf als die Lehrmeisterin der Weisheit und sprach: «Mein Herr! Was willst du, dass ich tue? Was verlangst du von mir? Rede, o Herr, denn siehe, deine Dienerin hört.» Während sie diese Worte zu wiederholten Malen sprach, sah sie ihren heiligsten Sohn in Person vom Himmel zu ihr kommen, sitzend auf einem unaussprechlich herrlichen Thron und umgeben von einer unermesslichen Schar von Engeln aus allen Ordnungen und Chören des Himmels. Bei diesem seinem majestätischen Einzug in das Betkämmerlein seiner heiligsten Mutter betete Maria, die demütige und fromme Jungfrau, ihn mit tiefster Ehrfurcht an, worauf er also zu ihr sprach: «O liebevollste Mutter, von der ich zur Erlösung der Welt das menschliche Dasein empfangen habe, ich höre mit Aufmerksamkeit auf deine Bitten, die immer heilig und darum meinen Augen stets wohlgefällig sind. Ich werde meinen Aposteln und meiner Kirche ein Verteidiger, Vater und Hort sein. Die Kirche wird nicht besiegt und von den Pforten der Hölle nicht überwältigt werden. Du weißt schon, dass es zu meiner Glorie notwendig ist, dass die Apostel mit Hilfe meiner Gnade leiden und dass sie mir schließlich auf dem Weg des Kreuzes und des Todes folgen, den ich für das Heil der Welt gegangen bin. Der erste, der mich hierin nachahmen muss, ist mein getreuer Knecht Jakobus, und ich will, dass er hier in dieser Stadt Jerusalem den Martyrertod erleide. Damit er dazu gelange und aus mehreren andern Gründen, die meine und deine Verherrlichung betreffen, ist es mein Wille, dass du ihn unverzüglich in Spanien besuchest, wo er meinen heiligen Namen predigt. Begib dich also nach Saragossa, wo er sich zur Stunde befindet und befiehl ihm, nach Jerusalem zu kommen. Bevor er aber jene Stadt verlässt, soll er dort zu deiner Ehre und unter Anrufung deines Namens eine Kirche bauen, wo du verehrt und angerufen werdest, zum Wohl jenes Reiches, zu meiner Ehre und meinem Wohlgefallen. sowie zu demjenigen unserer heiligsten Dreieinigkeit.»

348. Die große Königin des Himmels empfing diesen Auftrag ihres Sohnes mit größter Freude der Seele. Voll der Ergebenheit sprach sie zu ihm: «Mein Herr und wahrer Gott! Möge dein heiliger Wille die ganze Ewigkeit hindurch in deiner Dienerin und Mutter geschehen. Mögen alle Kreaturen dich ewig loben für die bewunderungswürdigen Werke deiner unendlichen Barmherzigkeit gegen deine Diener! Ich selbst, mein Herr, erhebe und preise dich darüber und bringe dir dafür im Namen der ganzen heiligen Kirche und in meinem eigenen Namen die demütigsten Danksagungen dar. Gewähre mir, o mein Sohn, dass ich in dem Tempel, den du deinem Diener Jakobus zu erbauen befiehlst, in deinem Namen denjenigen, die dort beten werden, den besonderen Schutz deines mächtigen Armes verheißen könne und dass dieses Heiligtum ein Anteil meines Erbes sei für alle diejenigen, die in ihm andächtig deinen heiligen Namen anrufen und mich um meine Fürbitte bei deiner Güte anflehen.»

349. «Meine Mutter, an der ich mein Wohlgefallen habe», antwortete ihr Christus der Herr, «ich gebe dir mein königliches Wort, dass ich alle deine Verehrer, die mich in diesem Tempel durch deine Vermittlung mit Demut anrufen werden, in besonderer Gunst ansehen und reichlich segnen werde. In deine Hände habe ich alle meine Schätze niedergelegt. Als Mutter, die meine Stelle und mein Amt vertritt, bereichere diesen Ort mit Gnaden, mache seinen Namen berühmt und verheiße ihm deine ganze Gunst. Ich werde alles erfüllen, was du, o Mutter, wünschest.» Die seligste Jungfrau dankte wiederholt für diese Verheißung ihres Sohnes und allmächtigen Gottes, auf dessen Befehl sofort eine große Anzahl der ihn begleitenden Engel aus einer Lichtwolke einen Königsthron bildeten und Maria als Königin der ganzen Schöpfung darauf Platz nehmen ließen. Christus der Herr gab ihr seinen Segen und erhob sich mit den übrigen Engeln zum Himmel. Maria aber, von Seraphim getragen und von ihren tausend Engeln begleitet, zog der Seele und dem Leib nach gen Saragossa in Spanien. Obwohl die Reise auf diese Art in kürzester Zeit hätte geschehen können, so ordnete sie der Herr doch in solcher Weise, dass die Engel harmonische Chöre bildeten und unterwegs ihrer Königin herrliche Lobeshymnen singen konnten (Die Ansicht, dass die allerseligste Jungfrau dem heiligen Jakobus in Saragossa erschienen sei, gründet sich auf eine alte Tradition, deren auch in den vom Heiligen Stuhle (1723) approbierten Lektionen der 2. Nokturn im Proprium Dioeces von Saragossa Erwähnung geschieht. Conf. Bened XIV De beatif. 1.4. p. 2. c. 8. Der Übersetzer).

350. Die einen sangen das Ave Maria, die andern das Salve sancta Parens und das Salve Regina, noch andere endlich das Regina coeli etc. Bei diesen Gesängen wechselten sie nach Chören und respondierten einander mit einer Einheit und Harmonie, welche alle menschliche Fassungskraft übersteigt. Die Königin der Engel selbst sang bisweilen ein passendes Responsorium, indem sie mit einer Demut, welche der Größe der ihr gewordenen Gunst gleichkam, alle Ehre derselben auf den zurückführte, der sie ihr verlieh. Oft und oft rief sie: «Heilig, heilig, heilig ist der Herr Gott Sabaoth ! Herr, erbarme dich der armen Kinder Evas! Dein ist die Macht, die Herrlichkeit und Majestät, du allein bist heilig, du allein der Allerhöchste, du allein der Herr aller himmlischen Heerscharen und jeglicher Kreatur.» Die Engel antworteten dann auch wieder auf diese Gesänge der Himmelskönigin, die in den Ohren des Herrn überaus wohlklingend waren. Und unter dieser himmlischen Musik langte der Zug gegen Mitternacht in Saragossa an.

351. Der glückselige Apostel Jakobus befand sich mit seinen Jüngern gerade außer der Stadt, hart an der Mauer, die sich am Ufer des Ebroflusses hinzieht. Er hatte sich ein wenig abgesondert, um zu beten. Von den Jüngern schliefen die einen, die andern beteten nach dem Beispiel ihres Meisters. Alle waren ohne Ahnung dessen, was ihnen bevorstand. Deswegen machte die Prozession der Engel mit ihrem Musikchor, in einer gewissen Entfernung angelangt, einen kurzen Aufenthalt, so dass nicht bloß der heilige Jakobus, sondern auch die Jünger sie vernehmen konnten. Dadurch wurden die Schlafenden aufgeweckt und alle insgesamt wurden mit innerem Trost und einer so hohen Bewunderung erfüllt, dass sie vor Staunen fast sprachlos wurden und reichliche Freudentränen weinten. Nun gewahrten sie in der Luft ein sehr helles Licht, das, obwohl auf einen gewissen Raum beschränkt und einer Kugel ähnlich, doch an Glanz selbst die Mittagssonne übertraf. Voll Verwunderung und außergewöhnlicher Freude blieben sie regungslos stehen, bis sie die Stimme ihres Meisters vernahmen, der sie rief. Durch diese außerordentlichen inneren Wirkungen wollte sie Gott der Herr auf das Wunderbare vorbereiten und aufmerksam machen, das sie erst sehen sollten. Die heiligen Engel stellten den Thron ihrer Königin und Herrin vor den Apostel, der, zu einem sehr erhabenen Gebet erhoben, deutlicher als seine Jünger die himmlische Musik vernahm und das Licht erblickte. Die Engel brachten mit sich eine kleine Säule aus Marmor oder Jaspis und wieder aus anderem Stoff gefertigt eine kleine Statue der Himmelskönigin, welcher sie eine große Verehrung erwiesen. Den einen wie den andern geheiligten Gegenstand hatten die Engel mit der ihnen eigenen Geschicklichkeit in jener Nacht gefertigt.

352. So erschien dem heiligen Jakobus die große Königin des Himmels auf dem Wolkenthron, umgeben von zahllosen Engeln, die überaus schön und glänzend waren, wiewohl sie in jeder Hinsicht von der großen Herrin übertroffen wurden. Ehrfurchtsvoll zur Erde sich niederwerfend, brachte der beglückte Apostel der Mutter seines Schöpfers und Erlösers seine Huldigung dar, indem er zugleich ihr Bild und die Säule, von mehreren Engeln getragen, erblickte. Die liebevolle Königin segnete ihn im Namen ihres Sohnes und sprach: «Jakobus, Diener des Allerhöchsten, sei gesegnet von seiner Rechten. Er möge dich erheben und die Freude seines Angesichtes dir zeigen!» Alle Engel antworteten mit «Amen». Darauf fuhr die Königin des Himmels fort und sprach: «Mein Sohn Jakobus! Der Allerhöchste, der allmächtige Gott des Himmels hat diesen Ort erkoren und bestimmt, dass du ihn segnest und darauf einen Tempel einweihest. In diesem Tempel will der Allerhöchste unter dem Titel meines Namens seinen Namen verherrlichen. Hier will er die Schätze seiner freigebigen Hand mitteilen, seine alten Erbarmungen zugunsten der Gläubigen erneuern und überhaupt alles, um was sie dort mit gläubigem und frommem Vertrauen bitten, durch meine Fürbitte gewähren. Ich verspreche ihnen im Namen des Allmächtigen große Gnaden, süße Segnungen, sicheren Schutz und Schirm. Denn diese Kirche wird mein Tempel, mein Haus, mein Erbteil und mein Besitztum sein. Zum Zeugnis dessen lasse ich dir hier diese Säule (Deshalb führt auch dieses Heiligtum, welches nebst Santiago in Compostella und Montserrat zu den größten in Spanien gehört, den Titel "Unsere Liebe Frau von der Säule [Nuestra Seora del Pilar!] Der Übersetzer) und darauf mein Bildnis, welches an diesem Ort und in dem Tempel, den du dort errichten wirst, mit dem heiligen Glauben verbleiben wird bis an das Ende der Welt. Beginne alsbald mit dem Bau dieses Gotteshauses. Und wenn du dieses Werk vollbracht haben wirst, so reise nach Jerusalem, denn mein Sohn will, dass du ihm an derselben Stelle das Opfer deines Lebens bringest, wo er das seinige zur Erlösung der Menschen hingegeben hat.»

353. Nachdem die große Königin ihre Rede beendet, befahl sie ihren Engeln, die Säule mit dem heiligen Bild an den Ort zu stellen, wo sie sich heutigen Tages noch befinden. Die Engel vollzogen in einem Augenblick diesen Befehl. Sobald die Säule aufgerichtet und das Bild daraufgestellt war, verehrten die Engel und ebenso der heilige Jakobus den Ort als «ein Zeichen», als das Haus Gottes, als die Pforte des Himmels (Gen 28,17), als ein heiliges Land, geweiht zu einem Tempel der Ehre Gottes und der Anrufung der gebenedeiten Mutter. Zum Zeugnis dessen brachten sie sogleich Gott dem Herrn heiligen Dienst, Ehrfurcht und Anbetung dar. Der heilige Jakobus warf sich zur Erde nieder und die Engel feierten durch erneute Loblieder mit ihm die Kirchweihe dieses ersten Tempels, der nach der Erlösung des menschlichen Geschlechtes unter Anrufung der Königin des Himmels und der Erde errichtet wurde. Dies ist der glückselige Ursprung des Heiligtums U. L. Frau von der Säule (del Pilar) zu Saragossa, welches man mit Recht eine Engelskammer (camera angelica), das Haus Gottes und seiner reinsten Mutter nennt, das in der ganzen Welt mit Verehrung genannt wird und eine sichere Bürgschaft aller himmlischen Gnaden wäre, wenn unsere Sünden uns derselben nicht so unwert machten. Es scheint mir, dass unser großer Patron und Apostel, der zweite Jakob, diesen Tempel noch viel herrlicher eingeweiht hat, als der erste Jakob auf seinem Zug nach Mesopotamien das Heiligtum von Bethel, obwohl der Stein, den er damals zum Denkmal errichtete (Gen 28,18), den Ort bezeichnete, wo der Tempel Salomons errichtet werden sollte. Jakob, der Patriarch, sah im Traum die geheimnisvolle Leiter. mit Engeln besetzt, als ein Vorbild. Hier sah Jakob, der Apostel, mit leiblichen Augen Maria, die wahre Himmelsleiter, umgeben von einer noch viel größeren Zahl von Engeln. Der dort errichtete Stein war das Zeichen eines zu erbauenden Tempels, der mehrere Male zerstört werden und einige Jahrhunderte danach für immer verschwinden sollte. Hier wurde auf dem unerschütterlichen Grund Mariä, dieser geistlichen Säule, der Tempel des wahren Glaubens und Gottesdienstes erbaut, um bis zum Ende der Welt zu dauern. Hier steigen die Engel Gottes auf mit den Gebeten der Gläubigen, aber sie steigen nieder mit unvergleichlichen Gnaden und Gaben, welche unsere große Königin denjenigen spendet, die sie an diesem Ort andächtig anrufen und verehren.

354. Nachdem unser Apostel der seligsten Jungfrau demütigst gedankt hatte, bat er sie, das ganze Land Spanien und namentlich diesen ihr geweihten Andachtsort unter ihren ganz besonderen Schutz zu nehmen. Die göttliche Mutter versprach es und nachdem sie dem Apostel den Segen erteilt hatte, brachten die Engel sie in derselben Ordnung nach Jerusalem zurück, wie sie sie nach Saragossa geleitet hatten. Auf Mariä Gebet befahl Gott einem Engel, als Wächter bei dem Heiligtum zu bleiben, was er auch von da an bis zur Stunde getan hat und noch tun wird, solange die Statue und die Säule bestehen werden. Daher kommt das von allen gläubigen Katholiken anerkannte Wunder, dass dieses Heiligtum sich schon mehr als sechzehnhundert Jahre erhalten hat, unversehrt und unerschüttert von dem Unglauben der Juden, von der Abgötterei der Römer, von der Ketzerei der Arianer, von der barbarischen Wut der Mohammedaner und Heiden. Die Bewunderung der Katholiken würde noch viel größer sein, wenn sie die vielen Mittel und Schleichwege wüssten, welche die ganze Hölle in den verschiedenen Zeitaltern gewählt hat, um dieses Heiligtum durch alle diese ungläubigen Nationen zu zerstören. Ich halte mich aber nicht damit auf, diese Unternehmungen zu erzählen, da dies nicht notwendig ist und übrigens auch nicht in meinen Plan gehört. Es genügt zu sagen, dass Luzifer die Zerstörung des Heiligtums durch alle diese Feinde Gottes oft und oft versucht, dass aber der heilige Engel, der es bewacht, alle diese Anstrengungen vereitelt hat.

355. Doch kann ich zwei Punkte nicht übergehen, die mir eigens mitgeteilt worden sind, dass ich sie hier niederschreibe. Das erste ist, dass die erwähnten Verheißungen Christi, unseres Erlösers und Mariä, seiner heiligsten Mutter, diesen heiligen Tempel und Ort zu erhalten, obwohl sie unbedingt scheinen, doch eine gewisse Bedingung in sich tragen, wie dies ja auch mit vielen anderen Verheißungen der Heiligen Schriften bezüglich gewisser besonderen Gunsterweisungen Gottes der Fall ist. Diese Bedingung ist, dass wir nicht durch unser Verhalten Gott den Herrn zwingen, uns die versprochene und angebotene Gnade zu verweigern. Da nun Gott das Gewicht der Sünden durch welche wir ihn in dieser Weise beleidigen würden, als das Geheimnis seiner Gerechtigkeit vorbehält, so unterlässt er, diese Bedingung ausdrücklich beizufügen. Überdies werden wir durch die heilige Kirche hinlänglich gewarnt und belehrt, dass die Verheißungen und Gnaden des Herrn nicht dazu gegeben sind, damit wir dieselben gegen den Herrn gebrauchen oder dass wir im Vertrauen auf Gottes freie Barmherzigkeit sündigen. Das wäre eine Vermessenheit, die wie keine andere Sünde uns der göttlichen Barmherzigkeit unwürdig machen würde. Und so könnten allerdings die Sünden dieses Reiches und der frommen Stadt Saragossa einmal so groß und zahlreich werden, dass wir unsererseits das Maß der göttlichen Gerechtigkeit erfüllen und also verdienen würden, des Schutzes der großen Königin der Engel, welcher für uns eine so große Wohltat ist, beraubt zu werden.

356. Das zweite, das ich hier zu bemerken habe, ist nicht minder Beachtung wert. Luzifer und seine Dämonen, diese Verheißungen des Herrn und ihren Sachverhalt kennend, suchten von jener Zeit an und suchen noch immer durch ihre höllische Bosheit unter den Bewohnern dieser berühmten Stadt möglichst viele Sünden und besonders jene Laster einzuführen, welche die Reinheit der seligsten Jungfrau am meisten beleidigen können. Daher wendet er in dieser bevorzugten Stadt mehr Kunstgriffe an als in anderen Städten und strebt dadurch nach zwei verabscheuungswürdigen Zielen: einerseits die Bewohner womöglich zu so vielen und großen Versündigungen gegen Gott zu reizen, dass dieser aufhöre, ihnen das Heiligtum Mariä zu erhalten, so dass Luzifer auf diesem Weg erreiche, was ihm auf andern misslungen ist. Oder aber, falls er dieses nicht zuwege brächte, möchte er wenigstens die Seelen verhindern, dieses Heiligtum andächtig zu verehren und sich der großen Wohltaten würdig und teilhaftig zu machen, welche Maria den frommen Besuchern an jenem Gnadenort zusichert. Luzifer und seine Dämonen erkennen wohl, dass die Bewohner von Saragossa und der Umgegend der Himmelskönigin mehr verpflichtet sind als viele andere Städte und Länder der Christenheit, weil sie innerhalb ihrer Mauern die Quelle und Vorratskammer so vieler Gnaden besitzen, während andere von ferne kommen müssen, um sie bei ihnen zu suchen. Wenn sie daher schlimmer wären als die andern und die ihnen unverdient erwiesene Gunst verachteten, so müsste ein solcher Undank gegen Gott und Maria ihnen in höherem Maß den Unwillen Gottes und eine um so schwerere Züchtigung von dessen Gerechtigkeit zuziehen. Mit Freuden gestehe ich allen Lesern dieser Geschichte, dass ich mich glücklich schätze, dieselbe nur zwei Tagreisen von Saragossa entfernt zu schreiben. Ich wünsche mir zu dieser Nachbarschaft Glück und ich sehe mit inniger Verehrung nach diesem Heiligtum, wegen der großen Verpflichtungen, die ich, wie jedermann leicht einsehen wird, dieser großen Herrin der Welt gegenüber habe. Auch für die Frömmigkeit der Einwohner Saragossas fühle und bekenne ich mich wahrhaft zum Dank verpflichtet und wünschte gern zum Zeugnis dessen mündlich zu ihnen reden zu können, um sie an die Verehrung zu erinnern, die sie der seligsten Jungfrau schulden, an die Gnaden, die sie durch deren Übung gewinnen, durch deren Vergessen oder Vernachlässigung aber verlieren können. Mögen sie sich also überzeugt halten, dass sie mehr als andere Gläubigen begünstigt und darum auch mehr als andere verpflichtet sind. Mögen sie ihren Schatz zu würdigen wissen, mögen sie glücklichen Gebrauch davon machen und nicht aus dem Gnadenthron Gottes ein leeres, unnützes Gebäude machen. Maria hat diesen Ort als ein Tribunal der Barmherzigkeit gestiftet. Mögen sie ihn nicht in ein Tribunal der Gerechtigkeit verwandeln.

357. Nachdem die Erscheinung Mariä aufgehört hatte, rief der heilige Jakobus seine Jünger zu sich, die von der Musik und dem Glanz verzückt waren, außerdem aber weder etwas gehört noch gesehen hatten. Ihr großer Meister teilte ihnen das Nötige mit, damit sie ihn beim Bau des Tempels unterstützten, den er sogleich mit allem Eifer begann. Mit Hilfe der Engel brachte er bis zu seiner Abreise von Saragossa die kleine Kapelle zustande, in welcher sich das heilige Bild und die Säule befinden. Die Katholiken haben dann in der Folge den herrlichen Tempel darüber gebaut, und überhaupt alles, was dieses berühmte Heiligtum ziert und verschönert, hinzugefügt. Der heilige Evangelist Johannes wusste damals von der Reise der seligsten Jungfrau nach Spanien noch nichts. Die göttliche Mutter sagte ihm nichts davon. Denn solche außerordentliche Gnaden betrafen nicht den allgemeinen Glauben der Kirche und daher verschloss Maria sie in ihr Herz, indes sie andere, viel höhere Dinge, weil sie zum Unterricht der Gläubigen dienten, dem heiligen Johannes und den übrigen Aposteln mitteilte. Als aber der heilige Jakobus, aus Spanien zurückkehrend, durch Ephesus durchreiste, erzählte er seinem Bruder, was ihm begegnet war, während er in Spanien predigte, insbesondere die beiden ihm gewordenen Erscheinungen der Gottesmutter, namentlich die besonderen Umstände der zweiten von Saragossa. Dabei sprach er auch von dem Tempel, welchen er in jener Stadt erbaut hatte. Und durch den Mund des Evangelisten kamen mehrere Apostel und Jünger zur Kenntnis dieses Wunders. Denn als er nach Jerusalem zurückgekehrt war, teilte er ihnen, um sie im Glauben und in der Andacht zur Himmelskönigin, sowie im Vertrauen auf ihren Schutz zu befestigen, die Sache umständlich mit, und diese Mitteilung hatte dann zur Folge, dass die Apostel und Jünger, eingedenk dessen, was Jakobus widerfahren, in ihren Mühsalen und Nöten Maria anriefen. Diese mitleidsvolle Mutter aber kam vielen von ihnen, ja allen in verschiedenen Anliegen zu Hilfe.

358. Diese wunderbare Erscheinung Mariä zu Saragossa fand zu Anfang des Jahres 40 nach der Geburt unseres Heilandes statt, in der Nacht, die auf den zweiten Januar folgte, vier Jahre, vier Monate und zehn Tage, nachdem der heilige Jakobus Jerusalem verlassen hatte, um das Evangelium zu verkünden. Denn. wie wir oben gesehen haben, hatte Jakobus Jerusalem verlassen am zwanzigsten August des Jahres 35. Nach der Erscheinung verwendete er zum Bau des Tempels, zur Rückkehr nach Jerusalem und zum Predigen dort zusammen ein Jahr, zwei Monate, dreiundzwanzig Tage und starb am fünfundzwanzigsten März des Jahres 41. Die Königin der Engel stand zur Zeit ihrer Erscheinung in Saragossa in einem Alter von vierundfünfzig Jahren, drei Monaten und vierundzwanzig Tagen. Wie ich im ersten Hauptstück des folgenden Buches sagen werde, reiste Maria am vierten Tage nach ihrem Wiedereintreffen in Jerusalem nach Ephesus ab. Dieser Tempel in Saragossa wurde ihr also geweiht schon mehrere Jahre vor ihrem Tod, wie man aus dem Schluss dieser Geschichte der Gottesmutter sehen wird, wo ich erklären werde, in weIchem Alter und in welchem Jahre sie starb. Denn die Zeit von der Erscheinung bis zu letzterem Datum ist länger, als man gewöhnlich angibt. In dieser ganzen Zeitperiode aber genoss Maria in Spanien schon einen öffentlichen Kult, indem man ihr nach dem Vorgang der Stadt Saragossa auch anderwärts feierlich Tempel und Altäre errichtete.

359. Dieses wunderbare Vorrecht verleiht dem Königreich Spanien unstreitig mehr Ehre als alles, was man sonst zu dessen Gunst sagen kann. Denn durch dasselbe hat es das Glück, das erste Königreich der Welt zu sein, in welchem man die erhabene Himmelskönigin, während sie noch auf Erden lebte, schon anrief und verehrte und zwar höher verehrte, als andere Nationen es taten, nachdem Maria gestorben und in den Himmel aufgefahren war, um nicht mehr auf die Erde zurückzukehren. Ich habe aber auch vernommen, dass diese liebevolle Mutter zum Lohn für diese uralte und allgemeine Andacht und Verehrung Spaniens, dessen Königreich vor den Augen der Welt ganz besonders mit einer so großen Anzahl ihrer Gnadenbilder und Wallfahrtsorte bereichert hat, dass hierin Spanien allen Reichen der Welt vorgeht. Indem die Gottesmutter in ganz einzig huldvoller Weise in ihren so zahlreichen Tempeln und Gnadenorten ihren Schutz anbot, wollte sie sich in diesem Reich ganz besonders einbürgern. An allen Orten und in allen Provinzen kommt sie uns gleichsam entgegen, damit wir sie als unsere Mutter und Patronin ehren und damit wir erkennen, dass sie die Verteidigung ihrer Ehre und die Verkündigung ihrer Herrlichkeit auf dem ganzen Erdkreis von unserer Nation erwartet.

360. Ich bitte darum demütig und flehentlich alle Söhne und Bewohner Spaniens, ja ich beschwöre sie im Namen dieser großen Königin, ihren Glauben neu zu beleben, ihre Verehrung gegen die reinste Jungfrau wieder aufzufrischen, sich als deren besondere Pfleglinge, darum aber auch als ihr besonders verpflichtet anzusehen und namentlich das Heiligtum von Saragossa hoch in Ehren zu halten, das unter allen anderen mit Auszeichnung dasteht und das zugleich Ursprung und Urbild jener hohen Verehrung ist, welche Spanien dieser großen Königin zuerkennt. Mögen alle Leser dieser Geschichte sich überzeugt halten, dass die ehemalige Wohlfahrt und Größe dieser Monarchie eine Wirkung des Schutzes der seligsten Jungfrau und des Dienstes war, welchen die ehemaligen Spanier ihr weihten. Dass diese alte Herrlichkeit heutzutage so tief gesunken und fast verschwunden ist, müssen wir der Gleichgültigkeit zuschreiben, durch die wir das sichtliche Aufhören dieses Schutzes verdient haben. Wollen wir so vielen Drangsalen ein Ende machen, so ist das einzige Mittel, dass wir uns durch erneute und öffentliche Beweise wahrer Andacht gegen Maria den Schutz dieser mächtigen Königin erwerben. Und da es unser großer Patron und Apostel, der heilige Jakobus, war, durch welchen wir das wunderbare Geschenk des katholischen Glaubens und die andern oben erwähnten Wohltaten empfangen haben, so sollen wir auch ihn mit erneutem Eifer verehren und anrufen, damit der Allmächtige durch die Fürsprache dieses Heiligen seine Wunder wieder erneuere.

LEHRE, welche mir die Himmelskönigin Maria gegeben hat

361. Meine Tochter, du weißt, dass ich nicht ohne guten Grund so oft in dieser Geschichte dir davon Mitteilung mache, welches die geheimen Absichten der Hölle gegen die Menschen sind, welche Pläne und Ränke sie schmiedet, um dieselben zu verderben, mit welch unermüdlichem und unversöhnlichem Hass sie dieses Ziel zu erreichen sucht, wie sie keine Zeit und Gelegenheit dazu versäumt, wie sie allerorts Steine des Anstoßes ausstreut, und wie sie ringsum allen Menschen, welchen Standes sie auch seien, tausend Netze stellt, um sie darin zum Fall zu bringen. Du weißt auch, dass die Schlingen, welche sie den um ihr ewiges Heil und die Freundschaft Gottes ernstlich besorgten Seelen stellt, wegen ihrer Verborgenheit noch gefährlicher sind als alle andern. Überdies habe ich dir oftmals gesagt, dass der Satan außer diesen Nachstellungen, die er allen Sterblichen bereitet, aus besonderem Hass noch ganz eigene für dich plant und betreibt. Nun muss gewiss allen Kindern der Kirche daran gelegen sein, aus der Unwissenheit herauszukommen, in welcher sie hinsichtlich so unvermeidlicher Gefahren des ewigen Unterganges leben. Sie wissen und beachten nicht, dass der Verlust der Erkenntnis dieser verborgenen Gefahren eine Strafe der ersten Sünde war. Und nachher, wenn sie sich die Erleuchtung verdienen könnten, machen sie sich derselben durch freigewollte Sünden nur noch unfähiger und unwürdiger. Daher kommt es, dass auch unter den Gläubigen gar viele so gedankenlos und sorglos dahinleben, wie wenn es keine bösen Geister gäbe, welche sie anfechten und täuschen. Und wenn die Menschen auch manchmal daran denken, so geschieht es nur ganz oberflächlich und flüchtig. Schnell kehren sie zu ihrer Gedankenlosigkeit zurück, welche bei vielen nichts Geringeres zur Folge hat als die ewigen Peinen. Wenn ihnen der Satan zu allen Zeiten, an allen Orten, bei allen Handlungen und Gelegenheiten Schlingen legt, dann wäre es nur vernünftig und pflichtgemäß, dass ein Christ keinen Schritt zu tun wage, ohne sich vom Herrn die Gnade zu erflehen, die Gefahr zu erkennen und in ihr nicht zu fallen. Weil aber die Vergesslichkeit und Unachtsamkeit der Kinder Adams in dieser Hinsicht so groß ist, so verrichten sie kaum eine Handlung, bei welcher sie nicht von der höllischen Schlange verwundet und von dem Gift, das sie aus ihrem Munde speit, verletzt würden. So häufen sie Schuld auf Schuld, Übel auf Übel und fordern die Gerechtigkeit Gottes heraus, während sie seine Barmherzigkeit von sich stoßen.

362. Da nun du, meine teuere Tochter, die Wachsamkeit deiner Seelenfeinde und den besonderen heftigen Zorn kennst, den sie gegen dich gefasst haben, so ermahne ich dich, mit Gottes Gnade eine so große und beständige Wachsamkeit zu entwickeln, als dir notwendig ist, um so arglistige Feinde zu überwinden. Merke dir, was ich tat, als ich erkannte, dass Luzifer mich verfolgen und die Kirche zerstören wollte: ich verdoppelte meine Gebete und meine Seufzer und Tränen. Und da sich die bösen Geister des Herodes und der Juden von Jerusalem bedienen wollten, so hätte ich zwar beim Verbleiben in dieser Stadt weniger zu fürchten gehabt und ich wäre auch gerne geblieben. Allein ich habe dennoch Jerusalem verlassen, um ein Beispiel der Klugheit und des Gehorsams zu geben: der Klugheit, indem ich die Gefahr mied, des Gehorsams, indem ich mich durch den Willen des heiligen Johannes leiten ließ. Du bist nicht stark und der Verkehr mit den Geschöpfen setzt dich weit mehr der Gefahr aus. Überdies bist du meine Schülerin. Du hast meine Handlungen und mein Leben zum Vorbild, das du nachahmen musst. So will ich denn auch, dass du, sobald du die Gefahr wahrnimmst, dich davon entfernest, solltest du dich auch zu einem schmerzlichen Opfer entschließen müssen. Ich verlange ferner, dass du dich allezeit durch den Gehorsam gegen deinen Führer leiten lassest. Denn dieser Gehorsam ist der sichere Leitstern und eine starke Säule, um nicht zu fallen. Gib wohl acht, dass der Teufel dir nicht unter dem Schein der Frömmigkeit eine Schlinge verberge und dass du nicht etwa, indem du andere gewinnen möchtest, selbst zu Schaden kommst. Traue nicht deinem eigenen Urteil, sollte es dir auch noch so gut und sicher erscheinen und mache niemals beim Gehorchen eine Schwierigkeit, da ja ich um des Gehorsams willen eine so mühevolle und beschwerliche Reise unternommen habe.

363. Erneuere in dir auch das Verlangen, in meine Fußstapfen zu treten und mich vollkommen nachzuahmen, um so die Geschichte meines Lebens zu vollenden und es in dein Herz einzuschreiben. Lauf dem Wohlgeruch meines Lebens und meiner Tugenden nach auf dem Weg der Demut und des Gehorsams. Wenn du mir gehorchen wirst, wie ich es von dir verlange und wozu ich dich so oft ermahne und auffordere, so werde ich dir als meiner Tochter in allen deinen Nöten und Trübsalen beistehen. Mein Sohn wird in dir, wie er es verlangt, seinen Willen erfüllen und zwar noch bevor du dieses Werk vollendet haben wirst. Die Verheißungen, die du oftmals aus unserem Munde gehört hast, werden erfüllt, und du wirst von Gottes mächtiger Hand gesegnet werden. Preise und verherrliche den Allerhöchsten für die außerordentliche Gnade, die er meinem Diener Jakobus in Saragossa erwiesen. für die Kirche, die mir der Apostel noch vor meinem Tod da selbst erbaut hat und für alles, was ich dir über dieses Wunder geoffenbart habe. Denn dieser Tempel war der erste, der nach Einführung des neuen Gesetzes erbaut wurde, zum höchsten Wohlgefallen der allerheiligsten Dreieinigkeit.

ACHTES BUCH

ERSTES HAUPTSTÜCK: Mariä Reise nach Ephesus

Die seligste Jungfrau Maria reist mit dem hl. Johannes von Jerusalem nach Ephesus. Der heilige Paulus kommt von Damaskus nach Jerusalem. Der heilige Jakobus besucht auf seiner Rückreise die Himmelskönigin zu Ephesus. Beschreibung der wunderbaren Ereignisse, welche sich bei allen diesen Reisen zutrugen.

365. (Im Original schließt das siebente Buch mit Nr. 363 und beginnt das achte mit Nr. 365. Dieser unbedeutende Irrtum in der Zählung scheint sich durch ein Versehen eingeschlichen zu haben. Um keine Verwirrung in der Zitation zu veranlassen, haben wir die Nummerierung des spanischen Textes auch in der Übersetzung beibehalten. Der Herausgeber).

Nachdem die erhabene Gottesmutter das Königreich Spanien und die Stadt Saragossa durch ihre Gegenwart, ihren Schutz, ihre Verheißung und durch den vom heiligen Jakobus mit Hilfe der Engel ihrem Namen zu Ehren erbauten Tempel beglückt und beschenkt hatte, kehrte sie, von den Seraphim getragen, nach Jerusalem zurück. Sobald die Königin der Engel von dem Wolkenthron, auf dem sie die Reise gemacht hatte, herabgestiegen war und den Boden des Speisesaals betrat, warf sie sich auf ihr Angesicht nieder, um den Allerhöchsten für die Gnaden und Wohltaten zu lobpreisen, die seine mächtige Hand ihr selbst, dem heiligen Jakobus und jenen Königreichen mittelst dieses wunderbaren Zuges erwiesen hatte. Indem sie dann in ihrer unaussprechlichen Demut erwog, dass ihr, während sie noch im sterblichen Fleisch wandelte, ein Tempel erbaut, und ihr Name darin angerufen werde, erniedrigte und vernichtete sie sich vor den Augen der göttlichen Majestät. Sie schien gleichsam ganz vergessen zu haben, dass sie die Mutter des wahrhaftigen Gottes, eine über die Sünde erhabene und an Heiligkeit die höchsten Seraphim unendlich übertreffende Kreatur sei. Sie demütigte sich so sehr und dankte für diese Wohltaten so innig, als wäre sie ein bloßes Erdenwürmlein, ja das geringste und sündhafteste aller Geschöpfe. Sie urteilte, dass diese Gunstbezeigungen ihr eine neue Pflicht auflegen, sich über sich selbst und bis zur höchsten Heiligkeit zu erheben, was sie denn auch zu tun beschloss und wirklich tat, indem ihre Weisheit mit ihrer Demut wachsend eine Höhe erreichte, die wir zu fassen außerstande sind.

366. In diesen Übungen, unter welchen sie auch inbrünstige Gebete für die Sicherung und das Wachstum der heiligen Kirche verrichtete, brachte Maria den größten Teil der vier Tage zu, die auf ihre Rückkehr nach Jerusalem folgten. Der heilige Johannes bereitete inzwischen alles zur Reise und zur Einschiffung nach Ephesus (Dass die heiligste Jungfrau Maria in Ephesus war, bezeugen die Väter des Konzils von Ephesus [Cap. 27. ad Cler. Constant.], ebenso auch Baronius [Not. Martyr. sub 27. Dec.] und andere. Der Herausgeber). Nötige vor, und am vierten Tage, dem fünften Januar des Jahres 40 nach Christus, zeigte er ihr an, die Zeit zur Abreise sei gekommen; er habe eine Schiffsgelegenheit gefunden, und alles sei zur Abreise vorbereitet. Ohne etwas zu erwidern, kniete die große Lehrmeisterin des Gehorsams nieder, bat den Herrn um Erlaubnis, das Abendmahlshaus und Jerusalem zu verlassen, und ging dann, sich von dem Eigentümer des Hauses und dessen Mitbewohnern zu verabschieden. Wie schmerzlich denselben diese Abreise war, ist leicht zu denken. Dank dem süßen Umgang dieser Mutter der Gnade, dank den Wohltaten und Gütern allerart, welche diese Leute von Mariä freigebiger Hand empfangen hatten, waren sie von Liebe zu ihr ganz und gar eingenommen und gefesselt. Sie waren ihr mit ganzer Liebe und Verehrung ergeben, und nun sahen sie sich plötzlich dieses Trostes und des himmlischen Schatzes beraubt, aus dem sie so viele und große Güter geschöpft hatten. Alle boten sich an, ihr zu folgen und sie zu begleiten. Da dieses jedoch nicht tunlich war, so baten sie Maria unter vielen Tränen, wenigstens ihre Rückkehr zu beschleunigen und dann dieses Haus nicht zu verschmähen, das ganz das ihrige sei. Die göttliche Mutter dankte mit Ausdrücken von ebenso viel Herzlichkeit als Bescheidenheit für diese frommen und liebevollen Anerbietungen und linderte den Schmerz der guten Leute durch die Hoffnung, dass sie wiederkehren werde.

367. Hierauf bat die seligste Jungfrau den heiligen Johannes um die Erlaubnis, die heiligen Stätten unserer Erlösung zu besuchen und dort den Herrn anzubeten, der sie durch seine Gegenwart und sein kostbares Blut geweiht hatte. In Begleitung des Apostels besuchte sie dann die heiligen Stationen mit unaussprechlicher Andacht und unter Vergießen reichlicher Tränen. Auch Johannes, der sich ungemein getröstet fühlte, Maria begleiten zu können, erweckte die heldenmütigsten Akte verschiedener Tugenden. Die seligste Jungfrau sah an jeder heiligen Stätte den Engel, der diesen bewachte und verteidigte. Und sie ermahnte alle diese himmlischen Geister, dem Satan und seinen Dämonen zu widerstehen, damit sie die heiligen Orte nicht zerstörten oder entheiligten, wie sie mit Hilfe der ungläubigen Juden zu tun verlangten und gedachten. Sie mahnte diese guten Geister, zu diesem Zweck durch heilige Einsprechungen den teuflischen Einflüsterungen zuvorzukommen, wodurch der Höllendrache Juden und andere Menschen antrieb, das Andenken Christi an jenen heiligen Stätten zu vertilgen. Sie ermunterte diese heiligen Wächter, durch alle Jahrhunderte diesen ihren Posten bestens zu versehen, da der Zorn der bösen Geister gegen diese Stätten und gegen die an ihnen vollbrachten Werke der Erlösung immer dauern werde. Die heiligen Engel aber gehorchten Maria in allem, was sie ihnen befahl.

368. Nachdem dieses besorgt war, bat sie, auf den Knien liegend, den heiligen Johannes um seinen Segen zur Abreise. So hatte sie es nämlich mit ihrem heiligsten Sohn gehalten und so übte sie nunmehr auch dem Liebesjünger gegenüber, den Jesus ihr an seiner Statt hinterlassen hatte, die beiden großen Tugenden der Demut und des Gehorsams. Viele von den Gläubigen Jerusalems boten ihr Geld, wertvolle Gegenstände und Wagen für die Reise bis zum Meer und das Notwendige für die ganze Fahrt an. Die weiseste Königin nahm zwar nichts an, begleitete aber ihre Weigerung mit soviel Demut und Dankesbezeigungen, dass sie jedermann zufriedensteIlte. Sie bediente sich für die Strecke bis ans Meer eines geringen Lasttieres, auf dem sie als Königin der Tugenden und zugleich als Königin der Armen reiste. Sie erinnerte sich dabei der Reisen und Wanderungen, die sie früher mit ihrem heiligsten Sohn und mit Joseph, ihrem Bräutigam, gemacht hatte, und diese Erinnerung, verbunden mit der göttlichen Liebe, weIche sie nun neuerdings verpflichtete, die Fremde aufzusuchen, erweckten in ihrem Herzen voll Taubeneinfalt die frömmsten und zärtlichsten Gefühle. Um aber auch hier das Vollkommenste zu tun, erweckte sie neue Akte der Ergebung in den göttlichen Willen, dass sie zu Ehren des Herrn und zur Erhöhung des göttlichen Namens bei dieser Reise der Gesellschaft ihres Sohnes und ihres Bräutigams beraubt sei, zufrieden und dafür dankend, dass sie diesen Trost bei so vielen anderen Reisen genossen. Ebenso erweckte sie Akte der Ergebung, dass sie ihre liebe Einsamkeit im Zönakulum, die heiligen Orte und die Gesellschaft so vieler frommen Gläubigen verlassen musste, wobei sie dem Allerhöchsten dafür dankte, dass er ihr den Liebesjünger zum Begleiter gegeben hatte.

369. Um ihre große Königin während der Reise zu trösten und zu erfreuen, erschienen ihr beim Ausgang aus dem Speisesaal alle ihre Engel in sichtbarer, menschlicher Gestalt und nahmen sie in ihre Mitte. In Begleitung dieser himmlischen Geister und außer ihnen nur noch des heiligen Johannes reiste sie nach dem Hafen, wo das Schiff für Ephesus bereitstand. Die Reise verging in häufigen, süßen Gesprächen mit den Himmelsfürsten und in Lobgesängen auf den Allerhöchsten, hie und da abwechselnd mit einer Ansprache an den heiligen Johannes, welcher, ganz Sorge und Aufmerksamkeit für die heiligste Jungfrau, ihr mit wunderbarer Ehrfurcht bei allen Gelegenheiten, in denen er ihr nützlich werden konnte, zu Diensten war. Maria hinwiederum dankte dem glücklichen Apostel für jeden Dienst mit einer unglaublichen Demut, denn diese beiden Tugenden, die Dankbarkeit und die Demut. ließen ihr alle Wohltaten, die sie empfing, als sehr groß erscheinen. Und obwohl ihr diese Dienste aus so vielen Rücksichten der Pflicht und des Rechtes geschuldet wurden, so betrachtete sie dieselben doch als große, unverdiente Gnaden.

370. Im Hafen angelangt, schifften sie sich unverzüglich ein, zugleich mit mehreren anderen Reisenden. Es war das erste Mal, dass die große Königin der Welt so auf das Meer ging. Mit einem Blick voll Klarheit und Tiefe sah und durchschaute sie dieses große mittelländische Meer und seinen Zusammenhang mit dem Weltmeer. Sie sah seine Höhe, Tiefe, Länge und Breite, die Abgründe, die es in sich schließt, seine verborgene Beschaffenheit, seine Küsten, seine Mineralien, seine Ebbe und seine Flut, seine Tiere, alle seine Fische, groß und klein, kurz alles, was dieser wunderbare Teil der Schöpfung enthält. Sie erkannte ferner, wie viele Personen darin ertrunken und durch Schiffbruch zugrunde gegangen seien. Sie dachte dabei an die Wahrheit der Worte des weisen Mannes: «Die auf dem Meer schiffen, erzählen von den Gefahren desselben (Sir 43, 26)», und an das Wort Davids: «Wunderbar ist der Aufruhr der erzürnten Wogen (Ps 93, 4).» Dass die göttliche Mutter alles dieses wissen konnte, hatte seinen Grund teils in einer besonderen Begnadigung seitens ihres heiligsten Sohnes, teils auch darin, weil sie in unaussprechlich hohem Grade die Privilegien und Auszeichnungen der englischen Natur besaß, und endlich darin, weil sie an den Vollkommenheiten Gottes in ganz einziger Weise teilnahm, ähnlich wie die heiligste Menschheit unseres Heilandes Jesu Christi. Kraft dieser Gaben und Vorrechte erkannte sie nicht nur alle Dinge, wie sie in sich selbst sind, und mit untrüglicher Gewissheit, sondern ihr Gesichtskreis war ein weit höherer, als bei den Engeln, so dass sie weit mehr Gegenstände als diese zu begreifen und zu fassen vermochte.

371. Beim Anblick dieser unermesslichen Fläche, in weIcher wie in einem glänzenden Spiegel die Größe und Allmacht des Schöpfers widerstrahlte, erhob die Mutter der Weisheit ihren Geist mit allen seinen Kräften in den feurigsten Affekten empor zur göttlichen Wesenheit, die so wunderbar in ihren Geschöpfen ist. In all diesen Geschöpfen und für alle lobte, pries und verherrlichte sie den Herrn. Sodann mit dem Mitleid einer Mutter der vielen Sterblichen gedenkend, die sich mit so großer Gefahr des Lebens der unbezähmten Gewalt des Meeres anvertrauen und es durchschiffen, betete sie mit feuriger Inbrunst für sie und bat den Allmächtigen, alle diejenigen in diesen Gefahren zu beschützen, die darin ihre Hilfe und ihren Schutz anrufen und ihren Namen andächtig anflehen würden. Alsbald gewährte ihr der Herr diese Bitte und gab ihr sein Wort, dass er allen in der Meeresgefahr helfen werde, die irgend ein andächtiges Bild Mariä bei sich tragen und sie in Stürmen und Nöten als den Stern des Meeres andächtig anrufen würden. Stoßen also ungeachtet dieser Verheißung auch katholischen Seefahrern und Reisenden Verluste am Leben oder an Gütern zu, so geschieht es, weil sie entweder dieses Vorrecht der Himmelskönigin nicht kennen, oder weil sie ihrer Sünden wegen es nicht verdienen, sich bei eintretender Gefahr daran zu erinnern, oder weil sie Maria nicht mit wahrem Glauben und Vertrauen anrufen, denn das Wort des Herrn kann nicht trügen (Mt 24, 35), noch auch kann Maria den Seefahrer verlassen, der sich in Not und Gefahr andächtig an sie wendet.

372. Noch ein anderes Wunder ereignete sich im Augenblick, als Maria das Meer, die Fische und andere Seetiere erblickte. Sie segnete sie, mit dem Befehl, in ihrer Weise den Schöpfer anzuerkennen und zu loben. Und nun geschah das Wunderbare, dass auf das Wort ihrer Herrin und Königin sich alle Arten von Seefischen mit unglaublicher Schnelligkeit vor dem Schiff einstellten. Keine einzige Gattung dieser Tiere fehlte, jede war in einer zahllosen Menge vertreten. Sie umgaben das Schiff von allen Seiten, erhoben ihre Köpfe aus dem Wasser und machten längere Zeit hindurch allerlei ungewöhnliche und liebliche Bewegungen, gleichsam als wollten sie der Königin und Herrin aller Geschöpfe ihre Huldigung, Unterwürfigkeit. Freude und Dankbarkeit dafür bezeigen, dass sie sich würdigte, in das Element einzugehen, in welchem sie lebten und webten. Alle, welche sich auf dem Schiffe befanden, waren voll Staunen über so außerordentliche, nie gesehene Dinge. Und da die dichtgedrängte Menge großer und kleiner Fische das Schiff etwas am Weiterfahren hinderte, so wurde die Aufmerksamkeit der Schiffsleute noch gespannter. Sie redeten darüber hin und her, aber keiner wusste den Grund der merkwürdigen Erscheinung. Nur der heilige Johannes kannte ihn und konnte sich lange der Tränen heiliger Freude darüber nicht erwehren. Nach einiger Zeit jedoch bat er die göttliche Mutter, den Fischen, die ihrer Aufforderung zum Lobe Gottes gefolgt seien, nunmehr den Segen und die Erlaubnis zum Weggehen zu erteilen. Die gütigste Mutter tat es, und alsbald verschwand dieses Heer von Fischen, und das Meer wurde so ruhig, heiter und günstig, dass die Reise aufs beste voranging und man in kurzer Zeit vor Ephesus anlangte.

373. Sie stiegen ans Land, auf welchem unsere große Königin nicht minder wunderbare Dinge als auf dem Meer wirkte. Sie heilte viele Kranke und Besessene, welch letztere in ihrer Nähe augenblicklich befreit wurden. Ich werde mich nicht dabei aufhalten, alle diese Wunder zu erzählen. Ein genauer Bericht über alle Wunder, welche Maria wirkte, und über alle himmlischen Gnaden, die sie als Werkzeug der Allmacht Gottes und als Ausspenderin seiner Gnadenschätze nach allen Seiten spendete, würde viele Bände anfüllen und lange Zeit erfordern. Ich schreibe nur diejenigen nieder, welche zu dieser Geschichte gehören und welche hinreichen, um einen schwachen Begriff von denjenigen zu geben, die man nicht kennt. Es lebten in Ephesus einige Gläubige, welche von Jerusalem oder aus Palästina dahingekommen waren. Sie waren nicht zahlreich. Allein bei der Nachricht von der Ankunft der Mutter unseres Erlösers Jesu Christi kamen sie, um Maria zu besuchen und ihre Wohnungen und ihre Habe ihr zu Diensten zu stellen. Allein die Königin der Tugenden, dem irdischen Glanz und den Bequemlichkeiten abhold, wählte als Aufenthaltsort das Haus einiger wenig bemittelten und ohne alle männliche Gesellschaft sehr zurückgezogen und einsam lebenden Frauen, welche ihr ihn auf Eingebung des Herrn aus wahrer Liebe und mit großem Wohlgefallen anboten. Bei Besichtigung der Wohnung bot sich, indem die Engel alles zum Besten lenkten, ein sehr abgelegenes Gemach als Wohnzimmer für die Himmelskönigin und ein anderes ähnliches für den heiligen Johannes dar, und hier herbergten sie dann, solange sie in der Stadt Ephesus verblieben.

374. Nachdem Maria den Frauen, ihren nunmehrigen Nachbarinnen, für diese Wohltat gedankt hatte, zog sie sich allein in ihr Gemach zurück. Hier warf sie sich, wie sie beim Gebet zu tun pflegte, auf ihr Angesicht nieder, betete Gottes unwandelbare Wesenheit an, opferte sich dem Allerhöchsten auf, um ihm in dieser Stadt zu dienen, und sprach folgende Worte: «Allmächtiger Herr und Gott! Durch die Unermesslichkeit und Größe deiner Gottheit erfüllst du alle Himmel und die Erde (Jer 23, 24). Ich, deine demütige Magd, wünsche in allem, überall, zu aller Zeit und unter allen Umständen, in welche deine Vorsehung mich führen mag, deinen Willen vollkommen zu erfüllen. Denn du bist all mein Gut, mein Sein und mein Leben. Nach dir allein zielen alle meine Wünsche und alle Bewegungen meines Willens. Regiere denn, o höchster Herr, alle meine Gedanken, Worte und Werke, damit alle dir angenehm und wohlgefällig seien.» Die weiseste Jungfrau erkannte, dass der Herr ihr Gebet und Opfer angenommen habe, und dass er auf ihre Wünsche durch die Zusicherung einer göttlichen Kraft antwortete, welche sie überall stärken und regieren sollte.

375. Maria setzte ihr Gebet fort und flehte nunmehr für die heilige Kirche. Auch überlegte sie, wie sie ihrem Wunsche gemäß von dieser ihrer neuen Wohnung aus den Gläubigen Beistand leisten könnte. Sofort beauftragte sie einige ihrer Engel, den Aposteln und Jüngern zu Hilfe zu eilen, welche wegen der durch die Teufel mit Hilfe der Ungläubigen erregten Versuchungen in größerer Bedrängnis waren. Insbesondere hatte der heilige Paulus gerade zu jener Zeit Damaskus verlassen, um den Verfolgungen der dortigen Juden zu entgehen, wie er selbst im zweiten Brief an die Korinther mit der Angabe erwähnt, dass man ihn über die Stadtmauer hinabgelassen habe (2 Kor 11, 33). Da unsere große Königin ihn nun gegen diese Verfolgungen und gegen die Gefahren schützen wollte, welche Luzifer ihm auf seiner Reise nach Jerusalem bereitete, denn die Hölle wütete gegen den heiligen Paulus mehr und heftiger als gegen die anderen Apostel, so sandte sie ihm Engel zu, weIche ihm beistanden und ihn behüteten. Diese Reise nach Jerusalem, wovon ich hier rede, ist die, von welcher er im Brief an die Galater sagt. er habe sie nach drei Jahren unternommen, um den heiligen Petrus in Jerusalem zu besuchen (Gal 1,18). Diese drei Jahre sind aber nicht von der Bekehrung des heiligen Paulus, sondern von seiner Rückkehr aus Arabien nach Damaskus an zu rechnen, wie sich übrigens auch aus dem Texte des heiligen Paulus selbst entnehmen lässt. Denn nachdem er erwähnt hat, dass er von Arabien nach Damaskus zurückkehrte, fügte er sogleich hinzu, dass er drei Jahre darauf nach Jerusalem ging. Würde man nämlich diese drei Jahre vor die Reise nach Arabien setzen, so wäre der Text offenbar ein sehr dunkler.

376. Man kann dies noch deutlicher durch die Berechnung dartun, welche wir anderswo (Nr. 198 u. 267) über das Todesjahr des heiligen Stephanus und die Zeit von Mariä Reise nach Ephesus angegeben haben. Der heilige Stephanus starb, wie an seinem Ort gesagt worden ist, am Ende des Jahres 34, die Jahre vom Tage der Geburt Christi an gerechnet; rechnet man sie vom Tage seiner Beschneidung an, wie die heilige Kirche nun tut, so starb der heilige Stephanus sieben Tage vor Ablauf des Jahres 34 und vor dem ersten Januar des folgenden. Die Bekehrung des heiligen Paulus geschah im Jahre 36 am 25. Januar. Wäre er drei Jahre darauf nach Jerusalem gekommen, so würde er dort die seligste Jungfrau und den heiligen Johannes angetroffen haben. Nun sagt er aber selbst, er habe in Jerusalem keinen anderen Apostel gesehen als den heiligen Petrus und den heiligen Jakobus den Jüngeren, den Sohn des Alphäus. Hätten die Himmelskönigin und der heilige Johannes sich in Jerusalem befunden, so hätte der heilige Paulus gewiss nicht unterlassen, sie zu besuchen, und hätte auch wenigstens den heiligen Johannes mitgenannt. Er versichert aber im Gegenteil, er habe ihn nicht gesehen. Der Grund ist klar: der heilige Paulus kam eben nach Jerusalem im Jahre 40, vier volle Jahre nach seiner Bekehrung und etwas mehr als einen Monat, nachdem die seligste Jungfrau nach Ephesus abgereist war, also im beginnenden fünften Jahre seiner Bekehrung, da die übrigen Apostel mit Ausnahme der zwei, welche er sah, schon in die ihnen zugefallenen Teile der Welt gegangen waren, um die frohe Botschaft Jesu Christi zu verkünden.

377. Nach dieser Rechnung verwendete der heilige Paulus das erste Jahr nach seiner Bekehrung oder wenigstens dessen größeren Teil, um in Arabien zu predigen, die drei folgenden Jahre aber brachte er in Damaskus zu. Dies ist der Grund, weshalb der heilige Lukas im neunten Kapitel der Apostelgeschichte (Apg 9, 23), ohne die Reise des heiligen Paulus nach Arabien erwähnt zu haben, sagt, dass lange nach seiner Bekehrung die Juden von Damaskus unter sich berieten, wie sie ihn ums Leben bringen könnten. Unter dem «lange» versteht nämlich der heilige Lukas die vier Jahre, die bisher verflossen waren. Dann fügt er bei, auf die Kunde von dem gegen Paulus gefassten Mordplan hätten ihn seine Jünger während der Nacht über die Stadtmauer hinabgelassen, und so sei er nach Jerusalem gekommen (Apg 5, 25). Obwohl nun die zwei Apostel, die sich in Jerusalem befanden, und die neugewonnenen Jünger von seiner wunderbaren Bekehrung wussten, konnten sie doch die Furcht vor ihm und den Zweifel, ob er beharren werde, nicht ablegen, da er früher ein so erklärter Feind unseres Erlösers Jesu Christi gewesen war. In dieser Befürchtung misstrauten sie anfangs dem heiligen Paulus, bis der heilige Barnabas ihn gesprochen und zum heiligen Petrus, zum heiligen Jakobus und den Jüngern geführt hatte (Apg 5, 26 ff). Da warf sich Paulus zu den Füßen des Stellvertreters Christi nieder, küsste dieselben und bat den heiligen Petrus unter reichlichen Tränen, ihm als einem Sünder, der seine Irrtümer und Vergehen einsehe, zu verzeihen und ihn unter die Zahl seiner Schafe und der Schüler seines Meisters aufzunehmen. Es sei ja sein Wunsch, den heiligen Namen Christi und seinen Glauben bis zur Vergießen seines Blutes zu verkündigen.

378. Auch aus der Furcht und dem Zweifel des heiligen Petrus und des heiligen Jakobus Alphäi hinsichtlich des Ausharrens des heiligen Paulus lässt sich schließen, dass, als dieser nach Jerusalem kam, die seligste Jungfrau und der heilige Johannes sich nicht mehr dort befanden. Denn wären sie noch in der Stadt gewesen, so hätte sich Paulus zuerst Maria vorgestellt, was den übrigen die Furcht schon benommen hätte. Auch würden sich die beiden Apostel in diesem Fall bei der göttlichen Mutter selbst persönlich erkundigt haben, ob sie dem heiligen Paulus trauen könnten. Die weiseste Königin, die sich so viele und große Mühe gab, die Apostel und besonders den heiligen Paulus zu trösten und zu bestärken, würde sie gewiss von allem Vorgefallenen in Kenntnis gesetzt haben. Da aber Unsere Liebe Frau schon in Ephesus weilte, so fanden sie niemand, der ihnen die Standhaftigkeit und die Gnade des neuen Apostels verbürgt hätte, bis der heilige Petrus sich davon überzeugte, indem er denselben demütig zu seinen Füßen sah. Auf dieses hin nahm er ihn mit großem Jubel des Herzens auf, und die übrigen Jünger folgten seinem Beispiel. Alle brachten dem Herrn demütige und eifrige Danksagungen dar und beschlossen, dass der heilige Paulus in Jerusalem predigen solle, was er auch tat zum Staunen der Juden, welche ihn kannten. Und weil seine Worte gleichsam feurige Pfeile waren, welche die Herzen aller seiner Zuhörer durchbohrten, so verdoppelte sich ihr Erstaunen. Schon in zwei Tagen geriet ganz Jerusalem in Bewegung durch die Kunde von der Ankunft des heiligen Paulus und von seiner Umwandlung, von welcher man sich nun durch die Erfahrung überzeugte.

379. Luzifer und seine bösen Geister schliefen natürlich nicht bei einer Gelegenheit, in welcher die Hand des Allmächtigen sie ihre Schläge mit besonderer Wucht empfinden ließ. Denn beim Eintritt des heiligen Paulus in Jerusalem fühlten die Höllendrachen, wie die im Apostel wohnende göttliche Kraft sie peinigte, niederdrückte und überwältigte. Allein da die Hoffart und Bosheit dieses ewigen Widersachers niemals ein Ende nimmt, so hatten sie nicht sobald das Ungestüm dieser Kraft empfunden, als sich ihre Wut gegen den Heiligen verdoppelte, in welchem sie dieselbe erkannten. Von unglaublicher Wut gehetzt, rief Luzifer viele Legionen böser Geister zusammen und ermahnte sie von neuem, beherzt zu sein und alle Kräfte ihrer Bosheit aufzubieten, um diesen Paulus um jeden Preis aus der Welt zu schaffen. Zu diesem Zweck sollten sie in Jerusalem und in der ganzen Welt alle Hebel in Bewegung setzen und kein Mittel unversucht lassen. Unverzüglich folgten die Teufel dieser Aufforderung, indem sie den Herodes und die Juden gegen den Apostel aufhetzten. Anlass hierzu bot ihnen der unglaublich feurige Eifer, mit welchem Paulus in Jerusalem zu predigen begann.

380. Die große Herrin des Himmels, obwohl in Ephesus weilend, wusste um alle diese Dinge. Denn abgesehen von der ihr innewohnenden wunderbaren Wissenschaft, gaben auch die Engel, die sie abgesandt hatte, um den heiligen Paulus zu beschützen, ihr von allem Nachricht, was mit demselben geschah. Sie erkannte im voraus, welche Verwirrung die Bosheit des Herodes und der Juden in Jerusalem erregen würde, aber auch das hohe Interesse, das für die Erhöhung des göttlichen Namens und die Ausbreitung des Evangeliums an die Erhaltung des heiligen Paulus geknüpft war. Da sie nun die Gefahr sah, welche ihm in Jerusalem drohte, so verursachte dies der göttlichen Mutter neue Sorge, um so mehr, da sie sich nicht mehr in Palästina befand, wo sie den Aposteln mehr in der Nähe hätte beistehen können. Indes half sie ihnen sehr wirksam auch von Ephesus aus, teils durch die Kraft ihrer unaufhörlichen flehentlichen Gebete, die sie mit beständigen Tränen und Seufzern untermischte, teils durch andere Vorsichtsmaßregeln, die sie mittelst der heiligen Engel in Anwendung brachte. Um Maria unter so vielfältigen Sorgen aufzurichten, antwortete der Herr ihr eines Tages, als sie zu ihm betete, dasjenige, um was sie für Paulus bitte, werde geschehen. Er solle am Leben erhalten und in den Gefahren und Nachstellungen, die der Teufel ihm bereite, beschützt werden. Und so geschah es. Da der heilige Paulus eines Tages im Tempel betete, geriet er in eine Verzückung, in welcher ihm sehr hohe Erleuchtungen zuteil wurden, die seinen Geist mit großer Freudigkeit erfüllten. Dabei befahl ihm der Herr, Jerusalem zu verlassen. Es sei dies notwendig, um sein Leben gegen den Hass der Juden zu sichern, die seine Lehre und Predigt ohnehin nicht annehmen würden.

381. Aus diesem Grund hielt sich der heilige Paulus bei gegenwärtiger Reise in Jerusalem nicht länger als fünfzehn Tage auf, wie er selbst im ersten Kapitel des Galaterbriefes (Gal 1,18) bezeugt. Als er einige Jahre später über Ephesus und Milet nach Jerusalem zurückgekehrt war, wo er dann gefangen genommen wurde, erwähnt er auch dieser im Tempel gehabten Verzückung und des Gebotes des Herrn, sich eilends aus Jerusalem zu entfernen, wie im zweiundzwanzigsten Kapitel der Apostelgeschichte zu lesen ist (Apg 22,18). Von der Verzückung, wie von dem ihm gewordenen Befehl des Herrn machte Paulus dem heiligen Petrus als dem Haupt der Apostel Mitteilung, und da man die Gefahr erkannte, in welcher des Paulus Leben schwebte, sandte man ihn insgeheim nach Cäsarea und Tarsus (Apg 9,30), damit er dort unterschiedslos den Heiden predige, was er auch tat. Das Werkzeug all dieser wunderbaren und gnädigen Wirkungen war die seligste Jungfrau Maria, auf deren Fürbitte ihr allerheiligster Sohn sie wirkte. Darum erhielt sie auch von allen diesen Begebenheiten unverweilt Nachricht, worauf sie in ihrem Namen, wie im Namen der ganzen heiligen Kirche dem Herrn dafür dankte.

382. Nachdem so das Leben des heiligen Paulus gesichert war, hoffte die mitleidsvolle Mutter von Gottes Vorsehung auch für Jakobus Hilfe, welcher ihr als ein Verwandter besonders am Herzen lag und der sich noch immer in Saragossa befand. Er hatte noch immer jene hundert Engel zur Seite, weIche Maria ihm, wie erzählt wurde, zu Granada als Schutzwehr beigegeben hatte. Diese himmlischen Geister gingen und kamen oftmals zur seligsten Jungfrau mit den Bitten unseres Apostels und hinwiederum an diesen zurück mit den Weisungen unserer großen Königin. Unter anderem erfuhr der heilige Jakobus auf diese Weise auch das Eintreffen Unserer Lieben Frau in Ephesus. Als daher der Bau der Kapelle del Pilar zu Saragossa hinreichend gefördert war, empfahl er dieselbe den Jüngern und besonders dem Bischof, welchen er in jener Stadt, ähnlich wie in andern Städten Spaniens, zurückließ. Nach Besorgung dieser Angelegenheit und nachdem seit der Entfernung Mariä einige Monate verflossen waren, verließ der heilige Jakobus Saragossa, predigte noch an einigen Orten, und sich dann zur Küste von Katalonien wendend, schiffte er sich nach Italien ein. Auch dieses Land durchreiste er, überall predigend, ohne sich jedoch dort besonders lange aufzuhalten, und schiffte sich dann nach Asien ein, brennend vor Begierde, dort Maria, seine heiligste Herrin und Beschützerin zu sehen.

383. Er erlangte bald und glücklich, was er gewünscht hatte. Kaum in Ephesus angelangt, eilte er, sich der Mutter seines Schöpfers zu Füßen zu werfen, wobei er reichliche Tränen der Freude und der Andacht weinte. Mit diesen Gefühlen dankte er ihr demütigst für die unvergleichlichen Gnaden, womit Gott ihn auf ihre Fürbitte bei seiner apostolischen Wanderung durch Spanien begünstigt hatte. Besonders aber dankte er dafür, dass sie ihn durch ihre eigene erhabene Gegenwart und durch die dabei gespendeten Wohltaten beehrt habe. Die göttliche Mutter als Lehrmeisterin der Demut hob ihn sogleich auf und sprach zu ihm: «O mein Gebieter, bedenke, dass du ein Geweihter des Herrn bist, sein Gesalbter und sein Diener, ich aber ein armes Erdenwürmlein bin !» Bei diesen Worten warf sich die große Königin selbst auf die Knie nieder und bat den heiligen Jakobus als Priester des Allerhöchsten um seinen Segen. So verblieb nun der heilige Jakobus einige Tage zu Ephesus in der Gesellschaft der seligsten Jungfrau Maria und seines Bruders, des heiligen Johannes, welchem er alles mitteilte, was ihm in Spanien begegnet war. Mit der weisesten Mutter hatte er in diesen Tagen einige hocherhabene Gespräche und Unterredungen, von welchen es genügen mag, folgendes zu erwähnen.

384. Als der heilige Jakobus zur Abreise bereit war, redete die seligste Jungfrau ihn einmal an und sprach: «Jakobus, mein Sohn, es bleiben dir nur mehr wenige Tage zu leben. Du weißt schon, wie sehr mein Herz dich in Gott dem Herrn liebt und wie sehr ich wünsche, dich ins Innerste seiner ewigen Liebe und Freundschaft einzuführen, für welche er dich erschaffen, erlöst und berufen hat. Um dir daher in diesen letzten Tagen, die du noch zu leben hast, diese meine Liebe nochmals an den Tag zu legen, so biete ich dir alle Dienste an, welche ich dir mit Gottes Gnade als eine wahre Mutter erzeigen kann.» Auf diese mit unaussprechlicher Güte gesprochenen Worte antwortete Jakobus im Gefühl der tiefsten Ehrfurcht: «Meine Herrin, Mutter meines Gottes und Erlösers! Vom Grund meiner Seele danke ich dir für diese neue Gnade, welche deiner grenzenlosen Liebe ganz würdig ist und nur von dir gespendet werden kann. Um was ich dich bitte, meine Herrin, ist, dass du mir deinen Segen gebest, damit ich für deinen Sohn, meinen wahren Gott, freudig zum Martyrtod gehe. Wenn Gott zu seiner Verherrlichung will, dass ich denselben erleide, so bitte ich dich mit aller Inbrunst meiner Seele, dass du mich bei dem Opfer meines Lebens nicht allein lassest. Gib, dass bei meinem Hingang meine Augen dich sehen, und würdige dich, mich der göttlichen Majestät als angenehmes Opfer darzustellen.»

385. Die seligste Jungfrau antwortete auf diese Bitte des heiligen Jakobus, sie werde dieselbe dem Herrn vortragen und sie auch erfüllen, wenn Gott in seiner Güte sich würdige, zu seiner Ehre also zu verfügen. Durch diese Hoffnung, welche sie dem Apostel gab, und durch andere Worte des ewigen Lebens, stärkte sie ihn zu der Marter, die seiner harrte, und sprach unter anderem auch noch folgendes zu ihm: «Mein Sohn Jakobus ! Welche Martern und Qualen können zu schwer erscheinen, um durch sie zum ewigen Genuss des Herrn zu gelangen? Alles, auch das Gewaltsamste wird süß, das Schrecklichste liebenswürdig und wünschenswert für denjenigen, der das unendliche und höchste Gut kennt, welches er für einen augenblicklichen Schmerz besitzen wird. Empfange denn meine Glückwünsche zu einem so beneidenswerten Lose und zu dem baldigen Übergang von den Leiden dieses sterblichen Fleisches zum dauernden Genuss des unendlichen Gutes und der beseligenden Anschauung des göttlichen Angesichtes. Ich bin entzückt darüber, dass du so bald schon empfangest wonach meine Seele so sehr verlangt und dass du das zeitliche Leben mit dem Besitz der unvergänglichen ewigen Ruhe vertauschest. Ich erteile dir den Segen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Möge der eine Gott in drei Personen dir in der Trübsal beistehen und deine Wünsche zum guten Ende führen! Mein Herz wird dich zu deinem glorreichen Martyrtum begleiten!»

386. Diesen Zusprüchen fügte unsere große Königin noch weitere Worte von wunderbarer Weisheit hinzu, Worte, weIche dem heiligen Jakobus bei seinem Abschied zum größten Trost gereichten. Sie trug ihm auf, sobald er zur beseligenden Anschauung gelangt sei, in ihrem und aller Kreaturen Namen die allerheiligste Dreieinigkeit zu lobpreisen und für die heilige Kirche zu beten. Der heilige Jakobus versprach alles zu tun, was sie ihm befohlen, und bat sie von neuem um Schutz und Beistand in der Stunde des Martyrtums. Die göttliche Mutter sagte sie ihm von neuem zu, worauf der heilige Jakobus, sich nunmehr verabschiedend, schließlich noch sagte: «Meine Gebieterin, Gebenedeite unter den Frauen! Dein Leben und deine Fürbitte sind es, in welchen die heilige Kirche jetzt und zu allen Zeiten inmitten der Verfolgungen und Nachstellungen der Feinde Gottes ihre sichere Stütze finden wird. Das Werkzeug des Martyrtums, das dir beschieden ist, wird kein anderes sein als deine Liebe. Gedenke stets als eine Mutter voll der Güte des Königreichs Spanien, wo die heilige Kirche und der Glaube deines heiligsten Sohnes, meines Erlösers, nunmehr begründet sind. Nimm dieses Land unter deinen besonderen Schutz. Erhalte da selbst deinen heiligen Tempel und den Glauben, den ich, obwohl unwürdig, da selbst gepredigt habe. Gib mir deinen heiligen Segen.» Maria versprach, seine Bitte und seinen Wunsch zu erfüllen. Dann gab sie ihm den Segen und entließ ihn.

387. Auch von seinem Bruder Johannes verabschiedete sich der heilige Jakobus, und es flossen dabei auf beiden Seiten reichlich Tränen. Allein es waren nicht Tränen der Trauer, sondern der Freude über das Glück des älteren Bruders, welcher als der erste in die ewige Glückseligkeit eingehen und die Palme des Martyrtums davontragen sollte. Dann reiste der heilige Jakobus unverzüglich nach Jerusalem und predigte dort noch einige Tage, bis es mit ihm zum Tod kam, wie ich im folgenden Hauptstück erzählen werde. Unsere Liebe Frau blieb in Ephesus, folgte aber von dort mit Aufmerksamkeit allem, was auf den heiligen Jakobus und die andern Apostel Bezug hatte, ohne je den Blick ihrer Seele davon abzuwenden oder ihre flehentlichen Gebete für sie und für alle Gläubigen der Kirche zu unterbrechen. Aus Anlass des Martyrtodes, dem der heilige Jakobus entgegenging, wurde das liebende Herz der reinsten Mutter von gewaltiger Liebesglut entzündet und vom Verlangen ihr Leben gleichfalls für den Herrn hinzugeben, so heftig ergriffen, dass sie dadurch weit mehr Kronen verdiente als dieser Apostel, ja als alle Apostel insgesamt. Denn durch ihr Mitleid bestand sie mit einem jeden, ein vielfältiges Martyrtum der Liebe, das für ihr reinstes und feurigstes Herz schmerzlicher war, als es Messer und Feuer für die Leiber der Martyrer waren.

LEHRE, welche mir die Himmelskönigin Maria gegeben hat

388. Meine Tochter, in dem, was du in diesem Hauptstück vernommen hast, findest du viele Regeln, um gut und vollkommen zu handeln. Von allem erwäge, dass, wie Gott der Grund und Ursprung alles Seins und aller Fähigkeiten der Kreaturen ist, er gemäß der Ordnung der Vernunft auch das Endziel für sie alle sein muss. Denn da sie alles ohne Verdienst empfangen, so schulden sie alles demjenigen, der es ihnen aus freier Güte gegeben hat. Und da sie all ihr Sein und ihre Kräfte empfangen haben, um zu wirken, so gehören auch ihre Werke dem Schöpfer, nicht aber ihnen selbst oder einem andern. Diese Wahrheit, welche ich klar erkannte und stets in meinem Herzen trug, bestimmte mich zu jener Übung, die du so oft mit Bewunderung vernommen und aufgezeichnet hast, nämlich mich zur Erde niederzuwerfen und mich bis in den Staub zu erniedrigen, um die unwandelbare göttliche Wesenheit mit tiefster Ehrfurcht und Hingabe anzubeten. Indem ich erwog, wie ich aus nichts erschaffen und aus Erde gebildet sei, versenkte ich mich vor der Größe Gottes in mein Nichts und anerkannte ihn als meinen Urheber, der mir Leben, Dasein und Bewegung verliehen (Apg 17,28), ohne welchen ich nicht geschaffen wäre, und weIchem ich daher als einzigem Ursprung und Ziel alles Geschaffenen alles verdanke und alles wieder erstatten müsse. Bei der Erwägung dieser Wahrheit erschien mir alles, was ich tat und was ich litt, als eine Kleinigkeit. Und obwohl ich nie aufhörte, zu wirken, so lechzte und seufzte ich doch beständig danach, noch mehr zu leiden und zu tun, und meines Herzens Durst wurde nie gestillt, weil ich mich stets als Gottes Schuldnerin ansah und dafür hielt, dass ich am meisten verpflichtet, dabei aber arm sei. Die Wahrheit liegt schon dem natürlichen Verstand nahe genug. Das Licht des Glaubens aber ließe sie noch viel leichter und deutlicher erkennen, wenn nur die Menschen darauf achten möchten. Denn diese Verbindlichkeit ist sonnenklar und erleidet keine Ausnahme. Da sie aber leider so allgemein vergessen wird, so will ich, dass wenigstens du Sorge trägst, mich in diesen Werken und Übungen, welche ich dich gelehrt habe, nachzuahmen. Insbesondere empfehle ich dir, dich um so tiefer zu demütigen und in den Staub zu beugen, wenn der Allerhöchste dich zu sich emporzieht und dich vorzüglicherer Liebkosungen würdigt. Ein Vorbild davon siehst du in der Demut, die ich übte, wenn mir eine außerordentliche Gunst zuteil ward, zum Beispiel, da der Herr dem heiligen Jakobus befahl, mir während meines sterblichen Lebens einen Tempel zu erbauen, wo ich angerufen und öffentlich verehrt werden sollte. Diese Gunst samt mehreren anderen Auszeichnungen demütigte mich mehr, als ein Mensch es fassen kann. Und wenn also ich mich so tief demütigte, obwohl ich so viele gute Werke getan, so bedenke, was du tun musst, wenn der Herr dir seine Freigebigkeit zeigt, da doch deine Vergeltung so spärlich ist.

389. Ferner ermahne ich dich, meine Tochter, mich auch durch eine große Umsicht und einen wahren Geist der Armut in Befriedigung deiner Bedürfnisse nachzuahmen. Verschmähe jede Art von Bequemlichkeit, sollte sie dir auch von deinen Nonnen oder von solchen, die dir wohlwollen, angeboten werden. In diesen Dingen musst du immer das ärmste, bescheidenste, unansehnlichste und geringste wählen und annehmen, denn sonst kannst du nicht meine Jüngerin sein, noch meinen Geist erlangen, vermöge dessen ich, ohne jedoch in ein Extrem zu verfallen, alle unnötigen Bequemlichkeiten und allen Prunk verschmähte, welche die Gläubigen mir in Jerusalem anboten. Ebenso habe ich auch in Ephesus für die Zeit meines dortigen Aufenthaltes in Bezug auf Wohnung nur das allergeringste, was genügen konnte, angenommen, Diese Tugend der Armut schließt viele andere Tugenden in sich, welche den Menschen sehr glücklich machen. Allein die Welt, blind und betört, wie sie ist, gefällt und vertieft sich nur in das, was das gerade Gegenteil von dieser Tugend und von der Wahrheit ist.

390. Siehe auch wohl zu, dass du dich vor einem andern sehr gewöhnlichen Irrtum hütest. Er besteht darin, dass die Menschen, obwohl sie wissen müssen, dass alle Güter des Leibes und der Seele Eigentum des Herrn sind, sie in der Regel als ihr Eigentum betrachten. Sie glauben, darauf ein solches Recht zu haben, dass sie, weit entfernt, sie Gott gutwillig darzubringen, sogar, wenn er sie ihnen bisweilen entzieht, sich darüber betrüben, ja beklagen, als geschehe ihnen zu weh, ja als tue Gott ihnen ein Unrecht. Die Eltern lieben mit einer so ungeordneten Liebe ihre Kinder und die Kinder hinwieder ihre Eltern, die Männer ihre Frauen und diese ihre Männer. Alle Sterblichen hängen so an ihrer Habe, ihrer Ehre, ihrer Gesundheit und anderen zeitlichen Vorteilen, und gewisse Seelen an ihren geistlichen Tröstungen, dass, wenn sie dieselben verlieren, sie sich maßlos betrüben. Und wenn ihr Verlangen nach Wiedererlangung des Verlorenen auch offenbar unerfüllbar ist, so leben sie doch in steter Unruhe dahin, nehmen keinen Trost an, ja gehen oft, indem die Unordnung des Gefühls sich auch der Vernunft bemächtigt, zur Ungerechtigkeit gegen Gott den Herrn über. In dieser Verkehrtheit verurteilen sie die Werke der göttlichen Vorsehung, berauben sich großer Verdienste, die sie erwerben könnten, wenn sie dem Herrn das, was ihm gehört, freudig aufopfern würden, und geben zu erkennen, dass sie im Falle der Wiedererlangung des Verlorenen dessen Besitz als ihr höchstes Gut ansehen und mit diesen vergänglichen, hinfälligen Scheingütern, wenn es möglich wäre, viele Jahrhunderte lang vergnügt dahinleben würden.

391. Kein Adamskind konnte je ein sichtbares Gut in höherem oder in gleichem Grad lieben, wie ich meinen heiligsten Sohn und meinen Bräutigam Joseph geliebt habe. Und obwohl diese Liebe, solange ich in ihrer Gesellschaft lebte, immer wohlgeordnet war, so habe ich doch das Opfer der Entbehrung dieses Umganges für die ganze übrige Zeit, da ich allein auf Erden leben musste, bereitwilligst Gott gebracht. Ich will nun, dass du diese Gleichförmigkeit des Willens und diese Ergebung nachahmest, wenn dir eines von jenen Dingen entrissen wird, welche du in Gott lieben musst. Denn außer Gott darfst du eben gar keine lieben. Nur eine Art von Wünschen und Verlangen muss dich beständig erfüllen: der Wunsch und das Verlangen, das höchste Gut zu sehen und es auf immer und ewig im himmlischen Vaterland zu lieben. Nach dieser Glückseligkeit musst du dich mit Tränen und Seufzern, aus der ganzen Tiefe deines Herzens sehnen. Für sie musst du mit Freuden alle Mühen und Beschwerden des sterblichen Lebens ertragen. In diesen Gesinnungen musst du dich so sehr befestigen, dass du von heute an in dir den lebendigen Wunsch unterhaltest, alles dasjenige zu leiden, wovon du weißt oder erfährst, dass die Heiligen es gelitten haben, um dich auf solche Weise Gottes würdig zu machen. Wisse übrigens noch: dieser Wunsch zu leiden und dieses Verlangen und Aufstreben nach der Anschauung Gottes müssen so beschaffen sein, dass das Verlangen zu leiden die Stelle des Leidens vertreten muss, welches du nicht erreichen kannst und dass du eben darum wirklich leidest, weil du der Leiden, die du so sehnlichst wünschest, nicht würdig bist. Siehe wohl zu, dass du deiner Sehnsucht nach der beseligenden Anschauung nicht einen fremdartigen Beweggrund beimischest. z. B. das Verlangen, von den Leiden dieses Lebens durch die Freuden befreit zu werden, welche jene Anschauung gewährt. Denn nach dem höchsten Gut verlangen, um den Mühen des Lebens enthoben zu werden, das heißt nicht Gott, sondern sich selbst zu seinem eigenen Vorteil lieben, und ein solches Verlangen ist vor Gott, der alles weiß und abwägt, nicht eines Lohnes würdig. Übest du jedoch jene Dinge aufrichtig, wahr und in aller Vollkommenheit, als eine getreue Dienerin und Braut meines Sohnes, verlangst du ihn zu sehen, um ihn zu lieben und zu lobpreisen und nie mehr zu beleidigen, wünschest du dir alle Arten von Leiden und Trübsalen zu diesem einzigen Ende: dann glaube mir und sei versichert, dass du uns sehr wohlgefällig sein und jenen Stand der Liebe erlangen wirst, nach welchem du so anhaltend strebst. Denn zu eben diesem Zweck sind wir gegen dich so großmütig und freigebig.

ZWEITES HAUPTSTÜCK: Martyrtod des hl. Jakobus. Gefangennahme und Befreiung des hl. Petrus

Der glorreiche Martyrtod des heiligen Jakobus. Maria steht ihm im Tod bei und geleitet seine Seele in den Himmel. Sein Leib kommt nach Spanien. Gefangennahme des heiligen Petrus und seine Befreiung. Verborgene Umstände aller dieser Ereignisse.

392. Unser großer Apostel, der heilige Jakobus, kam nach Jerusalem gerade zu der Zeit, als diese Stadt gegen die Jünger und Anhänger unseres Herrn Jesu Christi in hohem Grad erregt war. Die Teufel hatten die Erbitterung gegen letztere heimlicherweise genährt, indem sie die ungläubigen Juden mehr und mehr mit ihrem giftigen Hauch aufreizten und aus Veranlassung der Predigt des heiligen Paulus den falschen Eifer für ihr Gesetz und den Neid gegen das Gesetz des Evangeliums in ihnen noch vermehrten. Denn obwohl der Apostel nur fünfzehn Tage in Jerusalem zubrachte, so hatte doch die in ihm wohnende göttliche Kraft in kurzer Zeit viele bekehrt und alle wenigstens in Staunen und Verwunderung versetzt. Die Nachricht, dass der heilige Paulus Jerusalem verlassen habe, hatte eben den ungläubigen Juden wieder etwas mehr Mut gegeben, als plötzlich der heilige Jakobus, nicht minder voll von göttlicher Weisheit und von Eifer für den Namen unseres Erlösers Jesu Christi, anlangte, was ihre Leidenschaften aufs neue entflammte. Luzifer, dem diese Ankunft nicht unbekannt war, schürte namentlich den Unwillen der Hohenpriester und ihrer Untergebenen sowie der Schriftgelehrten, damit das Eintreffen des neuen Predigers sie noch mehr beunruhige und erbittere. Der heilige Jakobus begann sogleich mit großem Eifer den Namen des Gekreuzigten und dessen Tod und Auferstehung mit ihren Geheimnissen und Gnaden zu predigen und bekehrte schon in den ersten Tagen einige Juden. Unter denselben waren zwei besonders hervorragend: der eine Hermogenes, der andere Philetus. Beide waren Magier und Zauberer, welche einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hatten. Hermogenes war der mehr in die Magie eingeweihte und Philetus sein Schüler. Dieser beiden besonders beabsichtigten die Juden sich zu bedienen, um die Apostel entweder durch eine Disputation zuschanden zu machen, oder wenn dies nicht gelänge, ihnen durch irgend ein Zaubermittel ihrer magischen Kunst das Leben zu nehmen.

393. Dass die bösen Geister zur Ausführung dieses schwarzen Planes die Juden als Werkzeuge ihrer Bosheit gebrauchten, geschah, weil sie selbst, erbebend vor der göttlichen Kraft, die sie in Jakobus gewahrten, sich ihm nicht einmal nähern konnten. Was die Zauberer anbelangt, so machten sie hinsichtlich ihres Unterfangens aus, dass Philetus die Disputation mit dem heiligen Jakobus beginnen solle. Wenn er ihn nicht zum Schweigen bringen könne, solle dann Hermogenes als Meister und als der in der Magie Erfahrenere auf den Kampfplatz treten. Hermogenes stellte also seine sophistischen und falschen Sätze auf, aber der heilige Apostel zerstreute sie, wie die Strahlen der Sonne die Finsternisse verscheuchen. Er sprach mit solcher Weisheit und Kraft, dass Philetus sich für besiegt erklärte und sich dem wahren Glauben Jesu Christi ergab, ja er wurde sofort der Verteidiger des Apostels und seiner Lehre. Da er jedoch seinen Lehrer Hermogenes fürchtete, so bat er den heiligen Jakobus, ihn vor ihm und vor den teuflischen Künsten zu schützen, mit welchen ihn Hermogenes ganz gewiss zu verderben suchen werde. Der heilige Apostel gab Philetus ein Stück Linnentuch, das er von der seligsten Jungfrau erhalten hatte, und der Neubekehrte schützte sich mit diesem Heiligtum gegen des Hermogenes Zauberei die wenigen Tage hindurch, bis dieser sich selbst zur Disputation mit dem Apostel verstand.

394. Obwohl nämlich Hermogenes den heiligen Jakobus fürchtete, so konnte er sich der Disputation mit ihm doch nicht erwehren, weil er sich den Juden gegenüber eine feste Zusage gemacht und versprochen hatte, ihn zu überwinden. Wirklich tat er auch alles mögliche, um seine Irrtümer durch stärkere Beweisgründe zu stützen als sein Schüler Philetus. Allein umsonst war all sein Bemühen gegen die Macht und Weisheit des Himmels, die wie ein reißender Strom aus dem Mund des heiligen Apostels hervorging, Dieser Strom riss Hermogenes mit sich fort und zwang ihn, den Glauben Christi und seine Geheimnisse zu bekennen, wie Philetus, sein Jünger, getan hatte. Und so wurden beide Bekenner des heiligen Glaubens und der Lehre, welche Jakobus verkündigte. Die bösen Geister wurden gegen Hermogenes ganz erbost. Der Gewalt sich bedienend, die er ihnen über sich eingeräumt hatte, misshandelten sie ihn aus Rache über seine Bekehrung. Da er aber wusste, dass Philetus sich ihrer mittelst der von dem heiligen Apostel erhaltenen Reliquie erwehrt hatte, so bat er den heiligen Jakobus, ihm in ähnlicher Weise gegen seine Feinde beizustehen. Der Apostel gab dem Hermogenes den Stab, dessen er sich auf seiner Wanderung bedient hatte, und mittelst dieses Stabes erschreckte nun der neue Jünger die Teufel, dass sie ihn nicht allein nicht mehr quälen, sondern ihm nicht einmal nahekommen konnten.

395. Was zu diesen und andern durch den heiligen Jakobus in Jerusalem gewirkten Bekehrungen beitrug, waren die Gebete, Tränen und Seufzer der großen Königin des Himmels. Denn von ihrem Betkämmerchen in Ephesus aus sah sie, wie schon mehrfach bemerkt wurde, durch eine klare Anschauung alles, was die Apostel und die Gläubigen der Kirche taten. Für ihren geliebten Apostel aber trug sie eine ganz besondere Sorge, weil er nahe daran war, den Martyrtod zu erleiden. Hermogenes und Philetus beharrten einige Zeit im Glauben, später aber, nach Asien gekommen, fielen sie von demselben ab, wie man aus dem zweiten Brief an Timotheus entnehmen kann (2 Tim 1,15), wo der heilige Paulus diesen benachrichtigt, dass Phigelus oder Philetus und Hermogenes ihn verlassen hätten. Der Same des Glaubens war in denselben aufgegangen, hatte aber nicht so tiefe Wurzel gefasst, dass sie den Versuchungen Satans hätten widerstehen können, dem sie solange, und zwar als besondere Vertraute gedient hatten. Sie hatten immer gewisse Reste des Bösen und Wurzeln des Lasters in sich bewahrt. Diese nahmen wieder überhand, und so kam es, dass beide den angenommenen Glauben wieder verloren (Cfr. Acta Beatif. V. Mariae de Agreda. a. 1747. Resp. ad Catalog. I. ops. 11).

396. Als die Juden durch die Überführung und Bekehrung des Hermogenes und des Philetus ihre eitle Hoffnung getäuscht sahen, ergriff sie neue Wut gegen den heiligen Jakobus. Sie beschlossen, ihn zu töten und dadurch der Sache ein erwünschtes Ende zu machen. Sie bestachen zu diesem Zweck Demokritus und Lysias, zwei Hauptleute der römischen Besatzung, mit Geld und machten mit ihnen heimlich ab, dass sie den Apostel durch die unter ihrem Befehl stehende Mannschaft gefangen nehmen sollten. Um den Verrat zu verdecken, würden sie, wenn Jakobus wieder predige, an dem betreffenden Ort einen scheinbaren Volksauflauf oder Streit erregen und ihnen bei dieser Gelegenheit den Apostel in die Hände spielen. Die Ausführung dieses Planes übernahmen Abiathar, der Hohepriester jenes Jahres, und Josias, ein Schriftgelehrter, ein Gesinnungsgenosse des Abiathar. Diese taten genau, was sie geplant hatten. Eben war der heilige Jakobus damit beschäftigt, dem Volk das Geheimnis der Erlösung zu verkündigen. Er bewies es mit wunderbarer Weisheit durch die Zeugnisse des Alten Bundes, so dass seine Zuhörer bis zu Tränen gerührt und zerknirscht wurden. Da gerieten der Hohepriester und der Schriftgelehrte in eine teuflische Wut und nachdem sie den römischen Soldaten ein Zeichen gegeben hatten, trat Josias zuerst vor, fasste den heiligen Jakobus an, warf ihm einen Strick um den Hals und erklärte ihn laut schreiend als Störer der öffentlichen Ruhe, als Urheber einer falschen Religion und als einen Aufrührer gegen das Römische Reich.

397. In demselben Augenblick traten auch Demokrit und Lysias mit ihren Soldaten vor, legten ihrerseits Hand an den Apostel und führten ihn vor Herodes, des Archelaus Sohn, weIcher auch schon ins Einverständnis gezogen war, innerlich durch die Bosheit Luzifers, äußerlich durch den Hass der Juden. Von so vielen Stacheln zumal getrieben, hatte Herodes gegen die ihm verhassten Jünger des Herrn jene Verfolgung begonnen, welche der heilige Lukas im zwölften Kapitel der Apostelgeschichte erwähnt, indem er sagt, Herodes habe Soldaten ausgeschickt, um sie zu misshandeln und gefangen zu nehmen (Apg 12,1). Er gab daher augenblicklich Befehl, den heiligen Jakobus zu enthaupten, wie die Juden verlangen. Unglaublich war die Freude dieses großen Apostels, als er sah, dass man Hand an ihn legte und ihn band wie seinen Meister, und dass die von ihm so lang ersehnte Stunde gekommen sei, um, wie die Königin des Himmels es ihm vorausgesagt hatte, durch das Martyrtum von diesem sterblichen Leben zum ewigen Leben hinüberzugehen. Er brachte für diese große Gnade demütige und eifrige Danksagungen dar und bekannte von neuem öffentlich und mit feierlichem Ernste den heiligen Glauben unseres Herrn Jesu Christi. Und da er sich der Bitte erinnerte, welche er zu Ephesus an die seligste Jungfrau gerichtet hatte, ihm im Tod beizustehen, rief und flehte er sie aus tiefster Seele darum an.

398. Maria, die, wie schon gesagt, auf alles acht gab, was mit Jakobus vorging, und ihn überall mit ihrer wirksamen Fürbitte und Hilfe begleitete, hörte auch dieses Gebet ihres teuren Apostels und Verwandten. Während sie nun für denselben betete, sah sie eine große Menge von Engeln aus allen Hierarchien vom Himmel niederschweben. Die einen begaben sich nach Jerusalem und umgaben den heiligen Apostel, während man ihn zum Richtplatz schleppte; die anderen begaben sich nach Ephesus, wo ihre Königin weilte. Einer der höchsten aus ihnen sprach zu Maria: «Gebieterin der Himmel, unsere Herrin! Der allerhöchste Gott und Herr der Heerscharen lässt dir sagen, du mögest dich sofort nach Jerusalem begeben, um seinen großen Diener Jakobus zu trösten, ihm im Tod beizustehen und allen seinen heiligen und frommen Wünschen zu entsprechen.» Maria nahm mit großem Jubel und Dank diesen huldvollen Auftrag an. Sie dankte dem Allerhöchsten für den Schutz, mit welchen er diejenigen umgibt und verteidigt, die auf seine unendliche Barmherzigkeit vertrauen und sich von seiner Vorsehung leiten lassen. Währenddessen wurde der Apostel zum Martyrtod geführt. Unterwegs wirkte er viele Wunder an Kranken und Behinderten der verschiedensten Art, sowie auch an einigen Besessenen, indem er die einen heilte, die andern befreite. Sobald sich nämlich das Gerücht verbreitete, Herodes habe befohlen, Jakobus zu enthaupten, so kam eine große Anzahl Unglücklicher, um Rettung bei ihm zu suchen, bevor diese Quelle des Trostes für sie versiegt sein würde.

399. Zur nämlichen Zeit setzten die heiligen Engel ihre Königin und Herrin, wie bei früher erwähnten Gelegenheiten, auf einen höchst glänzenden Thron und trugen sie nach Jerusalem an den Ort, wo der heilige Jakobus gerade anlangte, um hingerichtet zu werden. Der heilige Apostel kniete nieder, um Gott dem Herrn das Opfer seines Lebens darzubringen. Da er nun die Augen gen Himmel erhob, sah er vor sich in der Luft die Königin der Himmel, welche er in seinem Herzen anrief. Er sah sie mit himmlischem Glanz umgeben und in erhabener Schönheit strahlend, begleitet von zahllosen Engeln, welche ihr dienten. Bei diesem himmlischen Schauspiel wurde Jakobus von einer Liebe und Freude durchdrungen, welche sein Herz und alle seine Seelenkräfte hinrissen. Er suchte Worte, um Maria laut als Mutter Gottes und Herrin der ganzen Schöpfung zu bekennen, als einer der Engel ihn in seinem Eifer zurückhielt und zu ihm sprach: «Jakobus, Diener unseres Schöpfers, verschließe in deiner Brust diese kostbaren Gefühle und verrate nicht den Juden die Gegenwart und Huld unserer Königin, denn sie sind weder würdig noch fähig, sie zu verstehen, und würden vielmehr Hass als Ehrfurcht dagegen empfinden!» Auf diesen Wink tat der Apostel seinem Liebesdrang Gewalt an. Stillschweigend und bloß die Lippen bewegend, sprach er zur Königin des Himmels: '

400. «Mutter meines Herrn Jesu Christi, meine Gebieterin und Beschützerin, Trösterin der Betrübten, Zuflucht der Notleidenden ! Gib mir, o Herrin, deinen Segen, nach dem meine Seele in dieser Stunde so sehr verlangt. Bringe du an meiner Statt deinem Sohn, dem Erlöser der Welt, die Gabe meines Lebens als ein Brandopfer dar, entzündet durch die Begierde, die ich fühle, für die Ehre seines heiligen Namens zu sterben. Mögen deine reinsten und unbefleckten Hände heute der Altar für mein Opfer sein, auf dass derjenige es gnädig annehme, der sich am heiligen Kreuz für mich geopfert hat. In Deine Hände und durch sie in die Hände meines Schöpfers empfehle ich meinen Geist.» Nachdem der Apostel diese Worte gesprochen, und während er die Augen unverwandt auf die seligste Jungfrau gerichtet hielt, die ihm hinwiederum innerlich zusprach, schlug der Henker ihm das Haupt ab. Nun nahm, wunderbare Herablassung, die große Herrin und Königin der Welt die Seele ihres geliebten Apostels zu sich auf ihren Thron, geleitete sie so zum Lichthimmel hinauf und stellte sie ihrem heiligsten Sohn vor. Als Maria mit dieser neuen Opfergabe in den Himmelshof einging, wurden alle Bewohner mit einer neuen außerwesentlichen Freude und Seligkeit erfüllt. Alle hießen ihre Königin mit neuen Lob- und Preisgesängen willkommen. Der Allerhöchste empfing die Seele des Jakobus und setzte sie auf einen hohen Thron der Herrlichkeit, mitten unter den Fürsten seines Volkes. Die seligste Jungfrau Maria, niedergeworfen vor dem Thron der unendlichen Majestät, brachte dem Herrn ein Lob- und Danklied dar für das Martyrium und den Triumph des ersten Apostelmärtyrers. Die große Königin schaute dieses Mal die Gottheit nicht mit der intuitiven Anschauung, sondern mit einer abstraktiven, wie ich sie schon mehrfach bezeichnet und beschrieben habe. Doch erfüllte die heiligste Dreieinigkeit sie mit neuen Segnungen und Gnaden für sich und für die heilige Kirche, für welche Maria große Dinge erbeten hatte. Alle Heiligen lobpriesen sie, und dann trugen ihre Engel sie zu ihrem Betkämmerchen in Ephesus zurück, wo während des ganzen erwähnten Vorganges ein Engel ihre Person vorgestellt und vertreten hatte. Nach ihrer Ankunft warf die göttliche Mutter der Tugenden sich ihrer Gewohnheit gemäß zur Erde nieder und dankte dem Allerhöchsten neuerdings für alles Geschehene, das wir hier berichtet haben.

401. Was den heiligen Leib des Jakobus betrifft, so nahmen ihn die Jünger des Apostels während der Nacht zu sich und trugen ihn heimlich zum Hafen von Joppe. Hier schifften sie sich mit ihm auf göttliche Anordnung ein und brachten ihn nach Galizien in Spanien. Die göttliche Mutter sandte ihnen einen Engel, um sie an den Ort zu führen, wo Gott wollte, dass man die kostbare Reliquie beisetzen sollte. Die Jünger sahen den Engel zwar nicht, allein sie erfuhren auf der ganzen Reise seine Hilfe und oft sogar auf wunderbare Weise. So verdankt Spanien also auch dieses Glück der reinsten Jungfrau Maria. Wie sie es war, welche unserem Lande den heiligen Jakobus im Leben als ersten Prediger des Glaubens sandte, welcher in den Herzen der Spanier so tiefe Wurzeln schlagen sollte, so war sie es auch, welche uns nach seinem Tod das Kleinod seines Leibes zum Schutze und Schirme übersandte.

Der heilige Jakobus starb am 25. März des Jahres 41 nach Christi Geburt, fünf Jahre und sieben Monate, nachdem er Jerusalem verlassen hatte, um in Spanien das Evangelium zu verkünden. Gemäß dieser Zeitangabe und den oben schon (Nr. 198 u. 376) angeführten Berechnungen ereignete sich der Martyrtod des heiligen Jakobus im achten Jahr nach dem Tode unseres Heilandes Jesu Christi.

402. Dass, wie schon erwähnt worden, der Martyrtod des heiligen Jakobus am Ende des Monats März stattfand, geht aus dem zwölften Kapitel der Apostelgeschichte hervor (Apg 12, 3), wo der heilige Lukas sagt, wegen der Freude, welche den Juden die Hinrichtung des heiligen Jakobus gemacht, habe Herodes auch Petrus eingezogen, um ihn gleichfalls zu enthaupten, und zwar nach dem Fest des Osterlammes und der ungesäuerten Brote, welches die Juden am 14. Tage nach dem Vollmond des März begingen. Hiernach scheint es, geschah die Gefangennahme des heiligen Petrus zu Ostern selbst oder an einem diesem Feste sehr naheliegenden Tage, und war der Tod des heiligen Jakobus nur um wenige Tage vorhergegangen. Nach der Rechnung von Sonnenjahren und Monaten aber, weIche wir angenommen haben, fiel im Jahre 41 der 14. nach dem Vollmond des März auf einen der letzten Tage dieses Monates. Hiernach ereignete sich der Tod des heiligen Jakobus am 25. März und vor dem 14. des Mondes. Dann folgte die Gefangennahme des heiligen Petrus und das Osterfest der Juden. Die heilige Kirche feiert das Martyrtum des heiligen Jakobus nicht an seinem eigentlichen Tage, weil dieser mit demjenigen der Menschwerdung und gewöhnlich auch mit den Geheimnissen der Passion zusammenfällt. Man hat diese Feier auf den 25. Juli verlegt, als den Tag, an welchem der Leib des heiligen Apostels nach Spanien überbracht wurde.

403. Der Tod des heiligen Jakobus und die Schnelligkeit, mit welcher Herodes ihn beschloss und ausführte, steigerte nicht wenig die Blutgier der ungläubigen Juden. Sie dachten, dass sie jetzt in der Wut des gottlosen Königs ein stets bereites Werkzeug der Rache gegen die Anhänger Christi unseres Herrn in der Hand hätten. Ebenso urteilte auch Luzifer mit seinen bösen Geistern. Darum suchten die letzteren durch ihre Einflüsterungen, die Juden aber durch Bitten und Schmeicheleien den Herodes zur Anordnung von Petri Gefangennahme zu vermögen, und dieser verfügte sie auch aus feiger Gefälligkeit gegen die Juden, an deren Zufriedenstellung ihm aus zeitlichen Rücksichten viel gelegen war. Die Teufel fürchteten in hohem Grad den Statthalter Christi, wegen der besonderen Gewalt wider sie, welche er, wie sie fühlten, besaß. Sie beschleunigten deshalb durch geheime Einwirkungen seine Gefangennahme. Man legte dabei den heiligen Petrus in schwere Ketten, in der Absicht, ihn nach Ostern hinzurichten (Apg 12, 4). Nun war zwar das unbesiegbare Herz des Apostels ohne alle Furcht und gerade so ruhig, als ob er frei gewesen wäre, allein der Leib der Kirche, d.h. die Gläubigen alle, die sich in Jerusalem befanden, und besonders die Jünger dort waren in großer Sorge und Trübsal, da sie wussten, dass Herodes entschlossen war, den heiligen Petrus unverzüglich hinrichten zu lassen. In dieser Bedrängnis vermehrten sie daher ihr Bitten und Flehen, damit der Herr seinen Stellvertreter und das Haupt der Kirche bewahre, dessen Tod für sie ein überaus herber Schlag und eine große Prüfung gewesen wäre. Sie versäumten auch nicht, mit Eifer die mächtige Fürbitte und Vermittlung der seligsten Jungfrau Maria anzurufen, von welcher und durch welche alle auf Rettung hofften.

404. Die Bedrängnis der Kirche war der göttlichen Mutter, obwohl sie in Ephesus weilte, nicht verborgen, denn auch von dort aus sahen ihre mildesten Augen vermöge der klaren Anschauung, die ihr eigen war, alles, was sich in Jerusalem ereignete. Darum verdoppelte jetzt die gütige Mutter ihre Bitten, die sie mit Seufzern, Fußfällen und vergießen blutiger Tränen begleitete, um von Gott die Befreiung des heiligen Petrus und die Verteidigung der heiligen Kirche zu erlangen. Dieses Gebet Mariä durchdrang die Himmel und verwundete das Herz ihres Sohnes, unseres Heilandes Jesu Christi. Seine Majestät stieg, um seiner Mutter zu antworten, selbst in das Betkämmerlein herab, in welchem Maria, mit ihrem jungfräulichen Angesicht die Erde berührend, im Gebet begriffen war. Der allerhöchste König trat zu seiner Mutter ein, erhob sie von der Erde und redete sie mit zärtlicher Liebe also an: «Meine Mutter! Mäßige deinen Schmerz und sage mir alles, was du wünschst. Ich werde es dir gewähren. Du sollst Gnade in meinen Augen finden, und alles erlangen.»

405. Die Gegenwart und die liebreichen Worte des Herrn verliehen der göttlichen Mutter erneute Kraft, Freudigkeit und Hoffnung, denn die Bedrängnisse der Kirche waren ja das Werkzeug ihrer Marter. Der Gedanke, dass der heilige Petrus zum Tod verurteilt im Kerker liege, und die Erwägung all der üblen Folgen, welche für die jugendliche Kirche daraus entstehen könnten, schmerzte die göttliche Mutter mehr, als wir Menschen zu begreifen vermögen. Sie erneuerte ihre Bitten in Gegenwart unseres Erlösers Jesu Christi und sprach: «O Herr, wahrer Gott, mein Sohn! Du kennst die Trübsal deiner Kirche. Denn ihre Klagerufe sind zu deinen Ohren emporgestiegen, wie sie mein Herz im Innersten verwundet haben. Strebt man ja doch danach, ihrem Hirten, deinem Stellvertreter, das Leben zu nehmen. O mein Herr, wenn du jetzt solches gestattest, so wird man deine kleine Herde zerstreuen und die höllischen Wölfe werden, wie es ihr heißester Wunsch ist, über deinen Namen triumphieren. Wohlan denn, mein Herr und mein Gott, du Leben meiner Seele, wenn du willst, dass ich lebe, so gebiete mit Macht dem Meer und dem Sturm, und die Winde und Wogen, welche dieses schwache Schifflein hin und herschleudern, werden sich alsbald besänftigen. Beschütze deinen Stellvertreter und beschäme deine Feinde. Und wenn ich dadurch zu deiner Glorie beitragen und dir wohlgefallen kann, so lasse alle Trübsale sich gegen mich allein kehren. Ich will für deine Kinder, die Gläubigen, leiden. Lasse nur deine Gnade mich unterstützen, und ich werde deine unsichtbaren Feinde bekämpfen und deine Kirche verteidigen.»

406. Ihr allerheiligster Sohn erwiderte: «Meine Mutter! Ich will, dass du in der Kraft und Vollmacht, die du von mir empfangen hast, nach deinem Willen handelst. Baue auf, reiße nieder, kurz tue, was immer meiner Kirche frommt. Aber wisse auch, dass die ganze Wut der Hölle sich gegen dich kehren wird.» Die weiseste Mutter dankte für diese Gnade, und indem sie sich abermals anbot, für die Kinder der Kirche die Schlachten des Herrn zu schlagen, sprach sie: «Mein allerhöchster Herr, Hoffnung und Leben meiner Seele! Herz und Gemüt deiner Dienerin ist bereit, für die Seelen zu leiden, welche dich Leben und Blut gekostet haben. Aus mir zwar bin ich nur ein schwacher Staub. Allein du bist die unendliche Macht und Weisheit, wenn deine göttliche Gnade mir beisteht, dann fürchte ich den höllischen Drachen nicht. Da du nun willst, dass ich in deinem Namen entscheide und tue, was der Kirche dient, so befehle ich auf der Stelle dem Luzifer und allen seinen bösen Knechten, welche die Kirche von Jerusalem verwirren, dass sie allzumal in die Tiefe hinabfahren und dort solange verstummen, bis deine göttliche Vorsehung ihnen gestattet, auf die Erde zurückzukehren.» Dieses Wort der großen Königin war so wirksam, dass in demselben Augenblick, da sie es zu Ephesus aussprach, alle Teufel, welche sich in Jerusalem herumtrieben, niederstürzten und in die Tiefen der ewigen Abgründe niederfuhren, ohne der göttlichen Macht, welche durch Maria wirkte, widerstehen zu können.

407. Luzifer und seine Knechte merkten, dass der Schlag, der sie getroffen, von der Hand unserer Königin ausging, weIche sie gemeinhin ihre «Feindin» nannten, weil sie ihren Namen nicht auszusprechen wagten. Auch diesmal, wie bei anderen bereits erwähnten Gelegenheiten fühlten sie sich in der Hölle solange zuschanden gemacht und vor Schrecken regungslos, bis ihnen erlaubt wurde, sich gegen die Herrin des Himmels zu dem Kampf zu erheben, von welchem weiter unten die Rede sein wird (Nr. 451 ff). Inzwischen aber berieten sie sich über die Mittel, welche sie zu diesem Zweck wählen könnten. Nachdem also Maria über den Satan triumphiert hatte, wollte sie jetzt auch den Herodes und die Juden überwinden. Sie sprach darum also zum Heiland: «Nunmehr, mein Sohn und Herr, möge, wenn es dein Wille ist, einer deiner Engel hingehen, um deinen Diener Petrus aus dem Gefängnisse zu befreien!» Christus der Herr billigte den Beschluss seiner Mutter. und nach dem Willen beider als der höchsten Monarchen verfügte sich einer der anwesenden himmlischen Geister zu Petrus, um ihn aus dem Kerker zu Jerusalem herauszuführen und in Freiheit zu setzen.

408. Der Engel begab sich mit Eile an den Vollzug dieses Befehls. Als er zu dem Kerker kam, fand er den heiligen Petrus mit zwei Ketten gebunden, ihm zu beiden Seiten zwei Soldaten, welche ihn bewachten, und außerdem noch vor der Tür des Kerkers einen Wachtposten, der aus mehreren Bewaffneten bestand. Das Opferfest war schon vorüber, und man stand bereits in der Nacht vor dem Tag, an welchem das gefällte Todesurteil vollstreckt werden sollte (Apg 12, 6 ff). Allein der Apostel war so wenig bekümmert, dass er ebenso ruhig schlief, wie seine Wächter. Der Engel kam, um den heiligen Petrus zu wecken, musste er ihm einen Stoss geben, und während Petrus noch schlaftrunken war, sprach der Engel zu ihm: «Stehe eilends auf, umgürte dich, ziehe deine Schuhe an, bekleide dich mit deinem Mantel und folge mir!» Im nämlichen Augenblick war Petrus frei von seinen Ketten. Ohne zu begreifen, was mit ihm geschah und was dies für eine Erscheinung sei, folgte er dem Engel. welcher ihn durch einige Straßen führte und ihm dann sagte, Gott der Allmächtige habe ihn auf die Fürbitte Mariä aus dem Kerker befreit. Nach dieser Mitteilung verschwand der Engel. Petrus aber kam nun zu sich, erkannte das Geheimnis und die Gnade, welche ihm zuteil geworden war, und dankte dem Herrn dafür.

409. Nun hielt es der heilige Petrus für gut, sich an einen sicheren Ort zurückzuziehen. Zuvor aber wollte er die Jünger und Jakobus den Jüngern von dem Vorgefallenen in Kenntnis setzen, um dann in Übereinstimmung mit ihnen zu handeln. Indem er seine Schritte beeilte, gelangte er bald an das Haus Mariä, der Mutter des Johannes, welcher auch Markus genannt wird. Dieses Haus war aber kein anderes als das Abendmahlshaus, in welchem eine große Anzahl Jünger, alle in großer Betrübnis, versammelt waren. Der heilige Petrus klopfte an der Türe an, und eine Hausmagd, namens Rhode stieg hinab, um zu horchen, wer da rufe. Als sie nun die Stimme Petri erkannte, wurde sie dermaßen von Freude erfüllt, dass sie, anstatt zu öffnen, ihn draußen stehen ließ und eilig zu den Jüngern lief, um ihnen zu melden, dass es Petrus sei. Die Jünger glaubten, die Magd sei von Sinnen. Allein diese bestand auf ihrer Behauptung. Da aber die Jünger sich gar nicht vorstellen konnten, dass Petrus frei geworden, so glaubten sie, es sei sein Engel. Während dieses Hin- und Herredens ließ man den heiligen Petrus noch immer vor der Türe stehen. Er aber fuhr fort anzuklopfen, bis man ihm endlich öffnete. Nun überzeugten sie sich mit unnennbarer Freude und Befriedigung, dass der heilige Apostel, das Haupt der Kirche, von der Qual des Kerkers befreit und aus der Gefahr des Todes errettet sei. Petrus erzählte ihnen nun alles, was ihm mit dem Engel begegnet war, damit sie es heimlich dem Jakobus und den anderen Brüdern melden sollten. Da man vorhersah, dass Herodes ihn alsbald mit allem Eifer suchen werde, so beschloss man, dass Petrus noch in der Nacht das Haus verlasse und sich eiligst von Jerusalem entferne, damit man ihn nicht ein zweites Mal gefangen nehme. Petrus flüchtete sich also, und Herodes ließ ihn suchen. Da er ihn aber nicht mehr fand, bestrafte er die Wächter und wurde nur um so erbitterter gegen die Jünger. Allein Gott züchtigte ihn wegen seines Stolzes und seines gottlosen Gebarens und schnitt, wie ich im folgenden Hauptstück erzählen werde, den Faden seines Lebens ab.

LEHRE, welche mir die seligste Jungfrau Maria, die große Königin der Engel, gegeben hat

410. Meine Tochter, den Eindruck, welchen die meinem Diener Jakobus durch mich zuteil gewordene Gnade auf dich gemacht hat, veranlasst mich, dich mit einem Vorrechte bekannt zu machen, das der Allerhöchste mir bestätigte, als ich ihm die Seele seines Apostels im Himmel vorstellte. Ich habe dir zwar schon andere Male etwas von diesem Geheimnis gesagt. Allein ich will dir jetzt ein größeres Verständnis desselben geben, auf dass du wahrhaft meine Tochter und meine getreue Dienerin seist. Als ich die gebenedeite Seele des Jakobus in den Himmel einführte, redete der ewige Vater mich an und sprach zu mir, so dass alle Seligen des Himmels es vernahmen: «Meine Tochter und meine Taube, die ich mir aus allen Geschöpfen als Gegenstand meines Wohlgefallens auserwählt habe, alle Bewohner des Himmels, Engel und heiligen, sollen hiermit wissen: Zur Erhöhung meines Namens, zu deiner Ehre und zum Heil der Menschen gebe ich dir mein königliches Wort: wenn die Sterblichen in der Stunde ihres Todes nach dem Beispiel meines Dieners Jakobus dich mit Inbrunst des Herzens anrufen und dich um deine Vermittlung bei mir bitten, so werde ich mich in Güte zu ihnen neigen, sie mit den Augen eines mitleidsvollen Vaters anschauen, sie verteidigen und in den Gefahren dieser letzten Stunde behüten. Ich werde die grausamen Feinde, die sich in jenem entscheidenden Augenblick alle Mühe geben, die Seelen zu verderben, aus deren Nähe vertreiben. Ich werde ihnen durch dich große Gnadenhilfen verleihen, damit sie dem Feind widerstehen und, sofern sie das Ihrige tun, meiner Gnade teilhaftig werden. Du wirst mir ihre Seele vorstellen, und sie werden von meiner freigebigen Hand eine vorzügliche Belohnung erhalten.»

411. Für dieses Vorrecht brachte die ganze triumphierende Kirche und ich mit ihr dem Allerhöchsten ein Lob- und Danklied dar. Obwohl also eigentlich die Engel das Amt haben, die Seelen beim Austritt aus der Gefangenschaft dieses sterblichen Lebens vor den Richterstuhl des gerechten Richters zu geleiten, so ist doch mir dieses Vorrecht in höherem Grad erteilt worden, als je ein Vorrecht von Gott dem Allmächtigen an Sterbliche erteilt wurde. Denn ich besitze dieses Vorrecht, wie auch viele andere aus einem ganz besonderen Titel und in einem vorzüglichen Grad, und ich bediene mich desselben oftmals und habe es namentlich zugunsten mehrerer Apostel gebraucht. Da du, wie ich sehe, gerne wissen möchtest, auf welche Weise auch du dahin gelangen könntest, dass ich mich dieses meines Vorrechtes zu deinen Gunsten bediene und dir ein so wünschenswertes Gut zuteil werden lasse, so höre, was ich auf dein frommes Verlangen antworte. Du wirst diese Gnade erlangen, wenn du dich derselben nicht durch Undank und Gleichgültigkeit unwürdig machen wirst. Besonders wenn du die unverletzte Reinigkeit bewahrest, als die Tugend, welche ich von dir und allen anderen Seelen ganz besonders verlange. Die große Liebe, die ich Gott schulde und die ich wirklich für ihn hege, drängt mich nämlich zu dem innigsten Wunsche, dass alle Menschen Gottes heiligstes Gesetz beobachten, und dass keiner Gottes Freundschaft und Gnade verliere. Dies muss dir über Gesundheit und Leben gehen, und du musst bereit sein, eher zu sterben, als gegen deinen Gott und dein höchstes Gut zu sündigen.

412. Demnach verlange ich, dass du mir gehorchst, meine Lehren ins Werk setzest und dir alle mögliche Mühe giebst, um das, was du hinsichtlich meiner erkennst und niederschreibst, auch nachzuahmen. Deine Liebe darf keine Unterbrechung erleiden. Keinen Augenblick sollst du die herzliche Zuneigung außer acht lassen, zu welcher die freigebige Barmherzigkeit des Herrn dich verpflichtet hat, damit du für alles, was du dem Herrn und auch mir schuldest, dich dankbar erzeigst. Deine Verbindlichkeit ist in dieser Hinsicht ohnehin weit größer, als du sie im sterblichen Leben abtragen könntest. Sei getreu in der Dankbarkeit, eifrig in der Andacht, tätig im Streben nach dem, was das Heiligste und Vollkommenste ist. Erweitere dein Herz und hüte dich wohl, es durch Kleinmut, zu welchem der böse Geist dich verleiten möchte, zusammenzupressen. Vertraue auf den Herrn, wie du es schuldig bist und lege deine Hände an große und schwierige Dinge. Lass dich nicht niederbeugen, lass dich nicht entmutigen durch die Widerwärtigkeiten. Setze dem Willen Gottes in dir kein Hindernis entgegen und vereitle nicht seine höchsten Absichten, die alle auf seine Verherrlichung abzielen. Bewahre eine unerschütterliche Hoffnung auch in den größten Bedrängnissen und schwersten Prüfungen. Zu diesem Zweck habe vor Augen das Beispiel meiner Diener Jakobus und Petrus und bediene dich der Erkenntnisse, welche ich dir über die glückselige Sicherheit derjenigen mitgeteilt habe, welche sich unter den Schutz und die Vorsehung des Allerhöchsten stellen. Durch dieses Vertrauen und durch die Andacht, welche er zu mir trug, erlangte der heilige Jakobus die ausgezeichnete Gnade, welche ich ihm bei seinem Martyrtum erwies. So überwand er die unermesslichen Schwierigkeiten, welche demselben vorhergingen. Kraft dieses Vertrauens blieb auch der heilige Petrus in Kerker und Banden so ruhig, dass er nicht im geringsten den inneren Frieden verlor. Dadurch verdiente er zugleich, dass wir, mein heiligster Sohn und ich, mit so viel Sorgfalt auf seine Rettung und Befreiung Bedacht nahmen. Solcher Gnaden machen sich die Weltmenschen, diese Kinder der Finsternis, unwürdig, weil sie ihr ganzes Vertrauen auf die sichtbaren Dinge und auf ihre teuflische und irdische Klugheit setzen. Erhebe also du, meine Tochter, dein Herz. Mache es frei von diesen Irrtümern. Strebe nach der höchsten Reinheit und Heiligkeit. denn der Arm des Allmächtigen, der so Wunderbares in mir gewirkt hat, wird auch mit dir sein.

DRITTES HAUPTSTÜCK: Unglückliches Ende des Herodes. Der hl. Johannes predigt zu Ephesus

Das Verhalten der allerseligsten Jungfrau Maria bei Verhängung der Todesstrafe über Herodes. Der heilige Johannes predigt zu Ephesus, und es erfolgen darauf viele Wunder. Luzifer erhebt sich. um gegen die Königin des Himmels Krieg zu führen.

413. Die Liebe bringt im Herzen der vernunftbegabten Kreatur gewisse Wirkungen hervor, welche dem Gesetz der Schwere in einem Stein gleichen. Der Stein strebt und bewegt sich dahin, wohin ihn seine Schwerkraft zieht, nämlich zum Mittelpunkt der Erde. Die Schwerkraft des Herzens nun ist die Liebe. Die Liebe ist es, welche das Herz zu seinem Mittelpunkte, d.h. zum geliebten Gegenstand hinzieht. Und wenn es bisweilen auf einen andern Gegenstand hinsieht, sei es aus Notwendigkeit oder aus Unachtsamkeit, so ist die Liebe sogleich da, um es wie durch eine geheime Feder sogleich wieder auf seinen Gegenstand hinzuwenden. Diese Schwerkraft, oder richtiger gesagt, diese Gewalt der Liebe raubt dem Herzen gewissermaßen seine Freiheit und macht es zum Diener des geliebten Gegenstandes, so dass, solange die Liebe lebt, der Wille niemals etwas befiehlt, was dem Verlangen und Wunsche des Herzens zuwider ist. Daher kommt dem Glück und Unglück des Geschöpfes, je nachdem es einen guten oder schlechten Gebrauch von seiner Liebe macht. Denn in dem einen, wie in dem anderen Fall macht es das, was es liebt, zu seinem Herrn und Gebieter. Ist dieser Herr böse und gemein, so tyrannisiert er das Geschöpf und macht das Herz gemein. Ist er hingegen gut, so adelt er das Geschöpf, macht es glücklich und zwar um so glücklicher, je edler und ausgezeichneter das geliebte Gut ist. Dieses Grundsatzes der Philosophie möchte ich mich bedienen, um dem Leser einigermaßen deutlich zu machen, was mir über den Stand der Liebe mitgeteilt wurde, worin die reinste Jungfrau lebte, und in welchem sie von ihrer Empfängnis an ohne Unterbrechung oder Rückgang stets zunahm, bis sie nach Vollendung der irdischen Pilgerschaft die beseligende Anschauung als bleibenden Besitz erhielt.

414. Würde man die heilige Liebe aller Engel und Menschen in ein Herz zusammenfassen, sie wäre geringer als die Liebe der allerseligsten Jungfrau Maria allein. Und doch ist es gewiss, dass, wenn man aus der Liebe aller übrigen Kreaturen ein Ganzes machen würde, dadurch ein Feuermeer entstünde, das zwar nicht unendlich wäre, aber uns unendlich scheinen würde, und zwar aus dem Grund, weil es unsere Fassungskraft überstiege. Wenn nun aber die Liebe unserer großen Königin alle jene Liebe übertraf, so war offenbar nur die unendliche Weisheit Gottes imstande, die Liebe dieses höchsten Geschöpfes zu erfassen und zu erkennen, mit welcher Gewalt eben diese Liebe das Herz Mariä ergriffen hatte, um es auf Gott zu richten und zu Gott hinzuziehen. Das aber werden wir begreifen, dass in diesem reinsten, keuschesten und feurigsten Herzen keine Herrschaft, keine Gewalt, keine Regung und keine Freiheit zu finden war, die nicht darauf gerichtet gewesen wäre, das höchste, unendliche Gut im höchsten Grad zu lieben, in einem Grad, der unsere beschränkte Fassungskraft so unermesslich übersteigt, dass wir ihn wohl zu glauben, nicht aber zu begreifen, wohl zu bekennen, nicht aber zu erkennen vermögen. Diese Liebe, von welcher das Herz der reinsten Jungfrau Maria ganz in Besitz genommen war, rief in ihrem Herzen das feurige Verlangen hervor, das Angesicht des höchsten Gutes zu schauen, das ihr noch entrückt war, und zugleich eine glühende Begierde, der heiligen Kirche zu helfen, die sie noch um sich hatte. Die Gewalt dieser beiden Regungen setzte Maria ganz in Flammen. Allein in ihrer großartigen Weisheit leitete sie diese beiden Gemütsbewegungen in einer Weise, dass sie einander nicht störten, denn keiner gab sie sich so ausschließlich hin, dass sie sich der anderen ganz entzogen hätte: sie gab sich vielmehr beiden ganz und gar hin, zum Staunen der Heiligen und zum höchsten Wohlgefallen des Heiligen der Heiligen.

415. Oftmals erwog Maria in ihrem Herzen als der Wohnstätte einer so erhabenen Heiligkeit und ausnehmenden Vollkommenheit die Lage der ihr anvertrauten jugendlichen Kirche. Sie überlegte, wie sie durch Leiden und Mühsal der Kirche zur Ruhe und zur weiteren Ausbreitung verhelfen könnte. In diesen Kümmernissen und Sorgen gereichte es Maria zu einigem Trost, dass der heilige Petrus in Freiheit und damit in den Stand gesetzt war, als Oberhaupt der Kirche der Gläubigen zu regieren. Desgleichen war es ihr ein Trost, Luzifer und seine Dämonen aus Jerusalem vertrieben und für die nächste Zeit ihrer tyrannischen Gewalt beraubt zu sehen. Denn dadurch wurde die Verfolgung etwas vermindert und konnten die Gläubigen Christi ein wenig aufatmen. Allein die göttliche Weisheit, welche alles, Leiden und Tröstungen, nach Maß und Gewicht verteilt (Weish 11, 21), ordnete an, dass die weiseste Jungfrau in jener Zeit eine sehr genaue Kenntnis vom schlimmen Zustand des Königs Herodes erhielt. Sie sah, wie hässlich und abscheulich die Seele dieses Unglücklichen durch seine ungeheuren Laster und seine zahllosen Sünden geworden war, und wie sehr er dadurch den Zorn des allmächtigen und gerechten Richters erregt hatte. Sie wusste auch, wie infolge der bösen Einflüsterungen, welche die Teufel dem Herodes und den Juden beigebracht hatten, insbesondere seit der Befreiung des heiligen Petrus aus dem Gefängnis, dieser König und das ungläubige Volk gegen Jesus, unseren Erlöser, im höchsten Grad aufgebracht waren. Maria wusste, dass dieser gottlose König oder Statthalter die Absicht habe, alle Gläubigen aus der Welt zu schaffen, welche er in Judäa und Galiläa finden würde, und dass er entschlossen sei, alle seine Macht und Gewalt zur Erreichung dieses Zieles aufzubieten. Wiewohl nun der seligsten Jungfrau dieser Entschluss des Herodes bekannt war, so war ihr doch das Ende, welches dieser Mensch nehmen sollte, noch nicht geoffenbart. Sie wusste, welche Macht er besitze, und sah zugleich die Verkommenheit seiner Seele, und darum empfand sie einerseits großes Entsetzen vor seinem schlimmen Zustand und andererseits unaussprechlichen Schmerz über die Wut, die er gegen die Bekenner des Glaubens gefasst hatte.

416. Voll Sorge für die heilige Kirche, aber auch voll Vertrauen auf die göttliche Hilfe war unserer Königin unablässig damit beschäftigt, durch Tränen, Andachtsübungen, inbrünstiges Gebet und überhaupt auf die Weise, wie es schon öfters beschrieben wurde, die Hilfe Gottes zu erflehen. Auf Eingebung ihrer hohen Weisheit sich an einen der sie umgebenden Engel wendend, redete sie ihn also an: «Diener des Allerhöchsten. Gebilde Seiner Hände! Die Sorge, welche ich der heiligen Kirche schulde, drängt mich, auf alle mögliche Weise ihr Wohl und ihren Fortgang zu befördern. Deshalb bitte ich dich inständig, zum Thron des Allerhöchsten emporzusteigen, meine Betrübnis vorzutragen und in meinem Namen mir als Vergünstigung zu erbitten, dass ich statt seiner Diener und Gläubigen leide und dass es Herodes nicht gestattet werde, auszuführen, was er zur Vernichtung der Kirche beschlossen hat.» Unverweilt begab sich der heilige Engel mit dieser Botschaft vor den Thron Gottes, während die Königin des Himmels wie eine andere Esther (Est 4,16) um Befreiung und Rettung für ihr Volk und für sich selbst zum Himmel flehte. Während sie noch damit beschäftigt war, kehrte der himmlische Gesandte mit dem Bescheid der allerheiligsten Dreieinigkeit zurück, und in deren Namen antwortend, sprach er zu Maria: «O Fürstin der Himmel, der Herr der Heerscharen lässt dir sagen, dass du die Mutter, Herrin und Lenkerin der Kirche bist und nach seiner Verfügung, solange du auf Erden pilgerst, seine Stelle vertrittst. Er will daher, dass du als Königin des Himmels und der Erde über Herodes das Urteil sprechest.»

417. Bei dieser Botschaft wurde die seligste Jungfrau in ihrer Demut etwas betroffen. Von ihrer Liebe gedrängt, antwortete sie dem heiligen Engel: «Wie soll ich das Urteil über ein Werk der Hände meines Herrn und über sein Ebenbild zu sprechen haben? Seit ich von seiner Hand das Dasein empfing, habe ich viele Verworfene unter den Menschen gekannt, aber niemals Rache über dieselben herabgerufen, sondern, soviel an mir lag, stets ihre Rettung gesucht, ohne je die Strafe auch nur eines einzigen zu beschleunigen. Kehre daher zurück, Engel des Herrn, und sage ihm, dass meine Gerichtsbarkeit unter der seinigen steht und von ihr abhängt, ich also niemand zum Tod verurteilen kann, ohne eine neue und ausdrückliche Entscheidung des höheren Richters. Sage ihm, dass, wenn es möglich ist, Herodes auf den Weg des ewigen Heiles zurückzuführen, ich, um den Untergang dieser Seele zu verhindern, alle Leiden der Welt, welche Gottes Vorsehung über mich senden mag, gerne ertragen will.» Der Engel kehrte mit dieser zweiten Botschaft seiner Königin in den Himmel zurück, und nachdem er sie am Thron der allerheiligsten Dreieinigkeit niedergelegt und darauf Bescheid erhalten hatte, gab er ihn mit folgenden Worten wieder: «O Herrin und Königin über uns Engel, der Allerhöchste erklärt, dass Herodes zur Zahl der Verworfenen gehört, weil er in seiner Bosheit so verstockt ist, dass er weder Warnung, noch Mahnung, noch Belehrung annehmen wird. Er wird mit den Gnaden, die ihm gegeben werden, nicht mitwirken und keine Frucht ziehen weder aus der Erlösung, noch aus der Fürbitte der Heiligen, noch aus dem, was du, meine Königin und Herrin, für ihn leiden würdest.»

418. Aber die seligste Jungfrau sandte den Himmelsfürsten ein drittes Mal als Botschafter vor den Thron des Allerhöchsten, indem sie zu ihm sprach: «O mein Engel, wenn Herodes sterben muss, damit er nicht die Kirche verfolge, so sage dem Allmächtigen, dass er, noch im sterblichen Fleisch wandelnd, in seiner unendlichen Liebe sich gewürdigt habe, mich zur Mutter und Zuflucht der Kinder Adams, zur Sachwalterin und Fürsprecherin der Sünder zu machen. Mein Gerichtshof sollte nach seiner Absicht und Bestimmung ein Tribunal der Barmherzigkeit und Güte zur Aufnahme und Unterstützung aller derjenigen sein, welche sich an es wenden und meine Fürsprache anflehen würden. Würden sie sich die Fürsprache zu Nutzen machen, so sollte ich ihnen im Namen meines heiligsten Sohnes Verzeihung ihrer Sünden anbieten. Wie soll ich nun bei meiner zärtlichen Mutterliebe für die Menschen, welche die Werke seiner Hände und der Preis seines Lebens und Blutes sind, nunmehr gegen einen derselben eine strenge Richterin sein? Niemals wurde mir die Gerechtigkeit, sondern immer nur die Barmherzigkeit anvertraut, welcher auch mein Herz sich gänzlich hingegeben hat. Und nun sieht dieses Herz sich auf einmal im Gedränge zwischen dem Mitleid, das die Liebe in ihm hervorbringt und zwischen dem Befehl, strenge Gerechtigkeit zu üben. Darum, o Engel, bringe aufs neue diese meine Sorge vor den Herrn und frage ihn, ob es ihm nicht gefalle, den Herodes sterben zu lassen, ohne dass ich ihn verurteile.»

419. Wiederum kehrte der Engel zum Himmel zurück und überbrachte auch diese dritte Vorstellung Mariä. Die allerheiligste Dreieinigkeit, höchst befriedigt über die Liebe ihrer Braut, hörte mit Wohlgefallen auf das, was sie sagen ließ. Bald aber kehrte der Engel mit Aufschluss zurück und sprach folgendermaßen zur Mutter der Barmherzigkeit: «Königin der Engel, Mutter unseres Schöpfers, meine Gebieterin! Seine Majestät, der allmächtige Gott, lässt dir sagen, dass deine Barmherzigkeit für diejenigen Sterblichen ist, welche sich deine mächtige Fürbitte zu nutzen machen, nicht aber für solche, welche sie von sich stoßen und verachten, wie Herodes tun wird. Du bist Herrin der Kirche, mit göttlicher Vollgewalt bekleidet. Und es ziemt sich daher, dass du dich ihrer den Umständen gemäß bedienst. Herodes muss eben sterben, und zwar auf dein Urteil und Geheiß.» Da antwortete die seligste Jungfrau und sprach: «Gerecht ist der Herr, und gerecht sind seine Gerichte (Ps 119,137) ! Gerne und vielmals möchte ich selbst den Tod erleiden, um diese Seele zu retten, wenn sie sich nur nicht durch ihren eigenen Willen der Barmherzigkeit unwert und der Verdammnis schuldig machte. Sie ist gebildet von der Hand des Allerhöchsten, sie ist erschaffen nach seinem Bild und Gleichnis (Job 10, 8; Gen 1,27), sie ist erlöst durch das Blut des Lammes, welches abwäscht die Sünden der Welt. Insofern möchte ich diesen Menschen gerne schonen und nicht verwerfen. Aber leider hat er selbst sich zum unversöhnlichen Feind Gottes und der ewigen Freundschaft ihm sich unwürdig gemacht. Darum verurteile ich ihn durch Gottes gerechteste Gerechtigkeit zum wohlverdienten Tod, und zwar zu dem Zweck, damit er nicht, wenn er seine beabsichtigten Missetaten vollbrächte, noch größere Peinen in der Hölle sich zuziehe.»

420. Es wirkte aber Gott der Herr dieses Wunder zur Verherrlichung seiner gebenedeiten Mutter und zum Beweis, dass er sie zur Herrin aller Geschöpfe bestellt und mit der höchsten Gewalt bekleidet habe, über sie als Königin und Gebieterin zu schalten, ganz ähnlich wie ihr göttlicher Sohn. Ich kann dieses Geheimnis nicht besser erklären als mit den Worten unseres Herrn selbst im fünften Kapitel des heiligen Johannes, wo der Heiland also von sich spricht: «Der Sohn kann nichts aus sich tun, wenn es nicht der Vater tut. Aber alles, was der Vater tut, das tut in gleicher Weise auch der Sohn, denn der Vater liebt den Sohn. Und gleichwie der Vater die Toten erweckt und lebendig macht, so macht auch der Sohn lebendig, welche er will. Und der Vater hat alles Gericht dem Sohn übergeben, damit alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. Denn derjenige, welcher den Sohn nicht ehrt, der ehrt auch den Vater nicht (Joh 5,19 ff).» Dann fügt der Heiland noch bei, diese Gewalt, Gericht zu halten, habe ihm der Vater gegeben, weil er der Sohn des Menschen sei. Dies war er aber durch seine heiligste Mutter.

Erinnern wir uns nun an die schon oft besprochene Ähnlichkeit, die zwischen der göttlichen Mutter und ihrem Sohn bestand, dann werden wir begreiflich finden, dass in Bezug auf die richterliche Gewalt zwischen Mutter und Sohn ein ähnliches Wechselverhältnis stattfinden musste, wie es stattfand zwischen Sohn und Vater. Allerdings ist Maria Mutter der Güte und Barmherzigkeit für alle Kinder Adams, welche sie anrufen. Allein der Allerhöchste wollte auch kundtun, dass sie volle richterliche Gewalt besitze, um alle zu richten. Er wollte dadurch bewirken, dass alle, wie sie den Sohn und wahren Gott ehren, so nach Verhältnis auch seine Mutter ehren, welcher er, obwohl sie ein reines Geschöpf ist, diese seine richterliche Gewalt in dem Grad und Verhältnis mitgeteilt hat, in welchem sie ihr als seiner Mutter gebührt.

421. In Kraft dieser Gewalt befahl nun unsere große Herrin dem Engel, sich nach Cäsarea zu begeben, wo Herodes sich eben aufhielt, und als Diener der göttlichen Gerechtigkeit ihm das Leben zu nehmen. Und der Engel vollzog diesen Befehl mit Eile. Der heilige Evangelist Lukas erzählt, ein Engel des Herrn habe Herodes geschlagen (Apg 12, 23), worauf Würmer ihn verzehrten und der Unselige zugleich des zeitlichen und des ewigen Todes starb. Seine Wunde war innerlich und erzeugte die Fäulnis und die Würmer, welche dann seinem Leben ein elendes Ende machten. Aus demselben Schrifttext geht auch hervor, dass sich Herodes nach dem Tod des heiligen Jakobus und der Flucht des heiligen Petrus von Jerusalem nach Cäsarea begab, wo er einige Streitigkeiten beilegte, die er mit den Bewohnern von Tyrus und Sidon hatte. Einige Tage danach hielt er, in königlichen Purpur gekleidet und auf seinem Thron sitzend, mit großem Wortschwall eine Anrede an das Volk. Das eitle, schmeichlerische Volk rief ihm lauten Beifall zu und nannte ihn sogar einen Gott. Der schändliche Herodes aber nahm in seinem wahnsinnigen Hochmut diese Schmeichelei des Volkes wohlgefällig an. Und in diesem Augenblick, da Herodes, anstatt Gott die Ehre zu geben, diese sich selbst vermessen beilegte, geschah es, dass, wie der heilige Lukas erzählt, der Engel des Herrn ihn schlug. Jedoch ist hierbei zu bemerken, dass diese Sünde zwar seine letzte war und sein Maß voll machte, dass er sich aber die schreckliche Züchtigung nicht bloß durch sie, sondern auch durch die vielen andern zugezogen hat, die er früher schon verübt hatte. Dahin gehören die Verfolgung der Apostel, die Verspottung unseres Herrn Jesu Christi, die Enthauptung des Täufers, der ärgerliche Ehebruch mit seiner Schwägerin Herodias und unzählige andere Schandtaten(Die Schwierigkeiten, welche auf Grund der neueren Geschichtsforschungen gegen obige Angaben über die Person des Herodes erhoben werden könnten, finden ihre Lösung in den Akten der Seligsprechung der ehrw. Verfasserin. [Acta etc. 1747. Resp. ad Ca tal. n. 90. Vgl. HI. Alphons. «Wahrheit des Glaubens». 2. Teil 17. Hptst. Nr. 8.] Der Herausgeber).

422. Inzwischen kehrte der Engel nach Ephesus zurück und meldete der seligsten Jungfrau, ihr Urteil gegen Herodes sei vollstreckt. Die mitleidsvolle Mutter beweinte den Untergang dieser Seele, pries aber zugleich die Gerichte des Allerhöchsten und dankte ihm für die Wohltat, welche er der Kirche durch diese Züchtigung erzeigt hatte. Denn, wie der heilige Lukas sagt, wuchs und mehrte sich diese durch das Wort des Herrn nicht bloß in Galiläa und Judäa, wo der Tod des Herodes das hauptsächlichste Hindernis beseitigt hatte, sondern auch in Ephesus, wo der heilige Evangelist Johannes unter dem Schutz der göttlichen Mutter zu gleicher Zeit die Kirche des Neuen Bundes zu begründen anfing. Die Wissenschaft dieses heiligen Evangelisten war so erhaben wie die eines Cherubs, sein Herz war entflammt wie das eines hohen Seraphs, und überdies hatte er diejenige als Mutter und Lehrerin bei sich, welche zugleich Mutter der Weisheit und Gnade war. Durch diese großen Vorrechte war der Evangelist in den Stand gesetzt, die großen Dinge zu unternehmen und die großen Wunder zu wirken, mittelst deren er das Gesetz der Gnade zu Ephesus und in diesem ganzen an Europa grenzenden Teil von Asien einführte und befestigte.

423. Alsogleich nach seiner Ankunft in Ephesus begann der heilige Johannes in dieser Stadt zu predigen, die zum Glauben an unseren Heiland Bekehrten zu taufen und seine Predigt durch große, unter diesen Heiden nie gesehene Wunder und Zeichen zu bekräftigen. Zu jener Zeit lebten dort, hervorgegangen aus den Schulen der Griechen, viele Philosophen und Gelehrte, die in ihren menschlichen Wissenschaften sehr bewandert, aber dabei auch mit vielen Irrtümern erfüllt waren. Der heilige Apostel überführte sie und lehrte sie die wahre Wissenschaft nicht nur durch die Wunder und Zeichen, die er wirkte, sondern auch durch Vernunftgründe, durch welche er den christlichen Glauben einleuchtender und glaubwürdiger machte. Auch sandte er alle Neubekehrten sogleich Maria, der allerseligsten Jungfrau, zu, welche viele derselben noch eingehender unterrichtete. Maria bediente sich dabei ihrer Gabe, in den Herzen und Neigungen aller zu lesen, um einem jeden insbesondere zu Herzen zu reden und ihn mit den Gnadeneinflüssen des göttlichen Lichtes zu erfüllen. Sie wirkte zum Wohl der Menschen viele und außerordentliche Wunder, befreite Besessene, heilte alle Arten von Krankheiten, unterstützte die Armen und Notleidenden, indem sie, um die Mittel dazu zu gewinnen, mit ihren Händen arbeitete. Sie besuchte die Kranken in ihren Häusern und in den Spitälern, bediente und pflegte sie sogar mit eigenen Händen. Für die Ärmsten hatte sie in dem Hause, worin sie wohnte, Leinwand und Kleider in Bereitschaft. Sie stand vielen in der Todesstunde bei und rettete bei diesem gefahrvollen Übergang eine große Anzahl von Seelen, welche sie der Tyrannei des Teufels entriss und ihrem Schöpfer zuführte. So groß war die Zahl derjenigen, welche sie auf den Weg der Wahrheit und des ewigen Lebens brachte, so zahllos die Menge der Wunder, welche sie wirkte, dass viele Bücher nicht hinreichen würden, um sie niederzuschreiben. Denn es verging kein Tag, an dem sie nicht das Besitztum des Herrn durch reichliche, ja überfließende Seelenfrüchte vermehrt hätte.

424. Der tägliche Zuwachs, welchen die Kirche durch die Heiligkeit, die Sorgfalt und die Werke der Himmelskönigin empfing, erfüllte die bösen Geister mit Beschämung und wütendem Ingrimm. Namentlich bereitete eines ihnen großen Ärger. Wiewohl sie sich nämlich sonst über die Verdammnis einer jeden Seele freuen, die sie zu sich in ihre ewige Finsternis hinabziehen können, so bereitete ihnen doch der Tod des Herodes furchtbaren Ärger. Denn bei seiner Verhärtung in den abscheulichsten und grauenvollsten Sünden hatten sie eine Besserung von seiner Seite nicht zu befürchten. Sie hatten ihn darum als ein mächtiges Werkzeug gegen die Anhänger unseres Heilandes Jesu Christi betrachtet. Nun gestattete die göttliche Vorsehung dem Luzifer und den andern höllischen Drachen, sich wieder aus der Tiefe der Hölle zu erheben, wohin die seligste Jungfrau sie, wie ich im vorigen Hauptstück gesagt habe, zu Jerusalem hinabgewiesen hatte. Nachdem sie die Zeit ihres Aufenthaltes da selbst damit zugebracht hatten, um Pläne zum Widerstand gegen die unüberwindliche Königin der Engel zu schmieden, beschloss Luzifer, bei dem Herrn gegen Maria Klage zu führen, ähnlich wie er es über den heiligen Job (Job 1, 9) getan hatte, freilich jetzt mit ungleich größerer Wut. In diesem Entschluss also und auf dem Punkt, die Hölle zu verlassen, redete er seine Diener folgendermaßen an:

425. «Wenn es uns nicht gelingt, diese Frau, unsere Feindin, zu besiegen, so wird sie, fürchte ich, gewiss noch mein ganzes Reich zerstören. Wir sehen es ja alle: sie besitzt eine mehr als menschliche Kraft, mit der sie uns zuschanden macht und niederwirft, wann und wie sie will. Und bis jetzt haben wir noch kein Mittel gefunden, sie zu stürzen oder ihr zu widerstehen. Dies ist es, was ich nicht ertragen kann. Würde Gott in eigener Person mich bekämpfen und besiegen, er, weIcher sich durch meine hochstrebenden Gedanken und meinen Widerstand für beleidigt ausgibt und der jedenfalls eine unendliche Macht besitzt, mit welcher er uns leicht zu Boden werfen kann, so würde mich dies weniger beschämen. Allein diese Frau ist, wenn auch die Mutter des menschgewordenen Wortes, doch nicht Gott, sondern ein bloßes Geschöpf und von einer gemeinen Natur. Daher kann ich es nicht mehr ertragen, dass sie mich so gebieterisch behandle und mich mit Füßen trete, so oft ihr dies beliebt. Darum wollen wir alle uns aufmachen, sie zu vernichten, wir wollen uns beim Allmächtigen beklagen, wie wir es ausgemacht haben.» - Der Drache stellte sich vor den Herrn und, sich auf seine angeblichen Rechte berufend, beklagte er sich, er sei ein Engel und von so vorzüglicher Natur, und nun erhebe der Herr durch seine Gnade und Gaben dieses Geschöpf, das nur Staub und Asche sei. Er hätte es in seiner bloßen Natur belassen sollen, damit sie, nämlich die Teufel, es als bloßes Geschöpf behandeln und anfechten könnten. So beklagte sich Luzifer dem Herrn gegenüber, jedoch, was ich wohl zu bemerken gebe, nicht etwa in irgend einer Vision der Gottheit, worin er ihr gegenüber getreten wäre, da die bösen Geister einer solchen durchaus nicht fähig sind, sondern vermöge seiner Wissenschaft und seines, wenn auch schwachen und von Liebe entblößten, ja gezwungenen Glaubens an die übernatürlichen Geheimnisse. Vermöge dieser Kenntnisse steht es in der Teufel Macht, mit Gott zu reden, und dieses ist gemeint, wenn gesagt wird, dass sie vor Gott hintreten, sich vor ihm beklagen oder sonstwie zu ihm sprechen.

426. Der Allmächtige gab nun Luzifer Vollmacht, zu Kampf und Streit gegen die seligste Jungfrau Maria auszuziehen. Da jedoch die Bedingungen, welche Luzifer hierfür zu erhalten verlangte, ungerecht waren, so wurden ihm deren viele verweigert. Die göttliche Weisheit gestattete einem jeden der Dämonen den Gebrauch jener Waffen, welche geeignet waren, den Sieg Mariä möglichst glorreich zu machen, und welche ihr Gelegenheit boten, das Haupt der alten, giftigen Schlange zu zertreten (Gen 3,15). Dieser Kampf und der darauffolgende Sieg waren beide reich an Geheimnissen, wie wir im nächsten Hauptstück sehen werden. Die Heilige Schrift schildert ihn im zwölften Kapitel der Geheimen Offenbarung zugleich mit mehreren anderen Geheimnissen, von welchen ich im ersten Teil dieser Geschichte, bei Erklärung eben jenes Kapitels geredet habe.

Ich bemerke hier nur noch, dass der Allerhöchste alles dieses nicht bloß zur größeren Ehre Mariä und zur Verherrlichung seiner eigenen göttlichen Macht und Weisheit, sondern auch zu dem Zweck zuließ, um davon gerecht Anlass zu nehmen, der Kirche in den von den Teufeln bereiteten Verfolgungen Hilfe zu bringen. Er wollte, dass seine unendliche Güte durch Gerechtigkeitsgründe bewogen werde, die Schätze seiner Gnaden über die Kirche auszugießen und diese Gründe beruhten eben auf den Siegen, welche die allerseligste Jungfrau Maria errang und welche außer ihr keine andere Seele zu erringen vermochte. Und in ähnlicher Weise handelt der Herr zu allen Zeiten in seiner Kirche: Er bereitet sich gewisse auserwählte Seelen vor und stärkt sie, damit der Drache an ihnen, als an Gliedern und Teilen der heiligen Kirche, seine Wut erschöpfe. Wenn sie ihn dann mit Hilfe der göttlichen Gnade besiegen, so kommen diese Siege dem ganzen geheimnisvollen Leibe aller Gläubigen zugute, und der Feind verliert das Recht und die Gewalt, welche er über die Gläubigen hatte.

LEHRE, welche mir Maria, die Königin der Engel, gegeben hat

427. Meine Tochter, wie du bemerkt haben wirst, stelle ich dir in dieser meiner Lebensgeschichte, welche du schreibst, einerseits oft den beklagenswerten Zustand der Welt und der Kirche, worin du lebst, vor Augen, andererseits drücke ich dir ebensooft mein mütterliches Verlangen aus, dass du mich nachahmen mögest. Sei überzeugt, meine teure Tochter, es geschieht dies, weil ich in der Tat viele Gründe habe, zu wünschen, dass du mit mir trauerst und dass du jetzt jenes Elend beweinest, welches ich als Erdenpilgerin beweinte. Ich selbst würde mich in den jetzigen Zeiten noch tiefer betrüben, wenn der Stand, in welchem ich mich befinde, dem Schmerz zugänglich wäre. Ich versichere dich, o Seele, du lebst in Zeiten, in welchen das Elend der Kinder Adams so groß ist, dass du es mit blutigen Tränen beweinen solltest. Und weil du nicht imstande bist, dieses Elend auf einmal und zu gleicher Zeit zu erkennen, so erinnere ich dich zu wiederholten Malen an das, was ich vom Himmel aus auf dem ganzen Erdkreis, insbesondere aber unter den Kindern des heiligen Glaubens geschehen sehe. Wende also deine Augen auf die Gesamtheit der Menschen und siehe, wie der größte Teil in der Finsternis und im Irrtum des Unglaubens dahinlebt und ohne Aussicht auf Rettung der ewigen Verdammnis zuläuft. Siehe auch, wie die Kinder des Glaubens und der Kirche dabei so sorglos sind und um ein solches Unglück unbekümmert dahinleben; keiner ist, der darüber trauerte! Denn da sie ihr eigenes Heil für nichts achten, so nehmen sie noch viel weniger auf dasjenige anderer Bedacht. Weil der Glaube in ihnen tot und die göttliche Liebe erstorben ist, so fühlen sie keinen Schmerz darüber, dass die Seelen zugrunde gehen, Seelen, die doch für Gott erschaffen und mit dem Blut des menschgewordenen Sohnes Gottes erkauft sind.

428. Alle sind Kinder des einen Vaters, welcher im Himmel ist und jeder hat die Pflicht, seinem Bruder zu helfen, wie er kann. Diese Pflicht obliegt aber besonders den Kindern der Kirche, und sie können es tun durch Gebete und Fürbitten. Unter den Christen aber haben diese Pflicht hinwiederum in höherem Maß diejenigen. welche Macht haben und diejenigen, die ihre ganze Existenz dem christlichen Glauben verdanken und die auch von der freigebigen Hand Gottes ganz besonders begünstigt sind. Jene, welche um des Gesetzes Christi willen so große zeitliche Vorteile genießen, dieselben aber ganz und gar nur auf die Gemächlichkeit und das Wohlsein des Fleisches verwenden, sind gerade die, welche als Mächtige auch mächtig gepeinigt werden (Weish 6, 7). Wenn die Hirten und Vorsteher des Hauses des Herrn nur darauf sinnen, gemächlich zu leben und aller persönlichen Arbeit auszuweichen, so machen sie sich verantwortlich für den Untergang der Herde Christi und für die Verheerung, welche die höllischen Wölfe darin anrichten. O meine Tochter, in welchem beklagenswerten Stand befindet sich doch das christliche Volk durch die Schuld jener schlechten Diener, welche ihm Gott nach seinen geheimen Gerichten zu Machthabern und Hirten gegeben hat! Welche Züchtigung und welche Schande harrt ihrer! Sie werden vor dem Tribunal des gerechten Richters keine Entschuldigung haben, denn der katholische Glaube, den sie bekennen, belehrt sie genugsam. Das eigene Gewissen mahnt sie ebenfalls, aber für alles dieses haben sie taube Ohren.

429. Die Sache Gottes und das Interesse seiner Ehre ist verlassen und ohne Verteidiger. Die Seelen, welche seine Reichtümer, seine Herde bilden, sind ohne die rechte Weide. Fast alle suchen nur für sich zu erwerben und zu bewahren, indem dabei der eine auf diese, der andere auf jene Weise seine teuflische Arglist und Verfahrungsweise in Anwendung bringt. Die Wahrheit ist verdunkelt und vergewaltigt, die Schmeichelei zu Ehren gebracht, die Habsucht jeder Schranke enthoben, Christi Blut mit Füßen getreten, die Frucht seiner Erlösung verschmäht und verachtet. Niemand will seine Ruhe und sein Interesse darangeben, wenn es gilt, dem Herrn etwas zu retten, was ihn Blut und Leben gekostet hat. Selbst die Freunde Gottes sind hierin nicht ohne Schuld, denn sie üben die Liebe und heilige Freiheit nicht mit dem Eifer, wie sie es schuldig sind. Die meisten lassen sich von ihrer Zaghaftigkeit überwinden, oder sie begnügen sich damit, für sich selbst zu sorgen, und lassen das allgemeine Wohl der Seelen im Stich. Nun wirst du begreifen, meine Tochter, wie es gekommen ist, dass, nachdem mein allerheiligster Sohn die Kirche des Neuen Bundes mit seinen eigenen Händen gepflanzt und mit seinem Blut befruchtet hat, so unglückliche Zeiten über sie hereingebrochen sind, dass von diesen Zeiten gilt, was der Herr durch den Mund seiner Propheten klagend gesprochen hat: «Was die Raupe zurückließ, das hat die Heuschrecke gefressen, und was die Heuschrecke zurückließ, das frass der Käfer und was dieser übrig ließ, das verzehrte der Schimmel und Mehltau (Joel 1, 4). Und wenn der Herr durch seinen Weinberg geht, um dessen Früchte zu sammeln, so gleicht er einem, der nach der Weinlese ein Träubchen sucht, das etwa noch übrig geblieben oder nach der Ernte eine Olive, welche der Satan noch nicht herabgeschüttelt und davongetragen hat (Jes 24,13)!

430. Nun sage mir, meine Tochter: wenn du eine wahre Liebe zu meinem Sohn und zu mir trägst, ist es dann wohl möglich, dass du in deinem Herzen Trost, Ruhe und Freude finden kannst angesichts der furchtbaren Verheerungen, die der Satan unter den Seelen anrichtet unter den Seelen sage ich, die der Herr mit seinem Blut und ich mit dem Blut meiner Tränen erkauft habe? Denn in der Tat sind die Tränen, die ich für die Rettung der Seelen vergoss, oftmals blutig gewesen. Könnte ich heute noch Tränen vergießen, ich würde es tun, und zwar mit erhöhtem Schmerz und Mitleiden. Weil es mir aber jetzt nicht mehr möglich ist, über die der Kirche drohenden Gefahren zu weinen, darum weine du. Nimm keinen irdischen Trost an in einer Zeit, die so überaus unglücklich und bejammernswert ist. Weine also bitterlich und lass dir die Belohnung solchen Schmerzes nicht entgehen. So lebhaft soll dein Schmerz sein, dass du keinen anderen Trost begehrst als den, für deinen geliebten Herrn dich zu betrüben. Bedenke, was ich getan habe, um die Verdammung des Herodes zu verhindern und um überhaupt alle, welche sich meiner Fürsprache teilhaftig machen wollen, vor dem ewigen Verderben zu bewahren. Und in der beseligenden Anschauung Gottes lege ich für meine frommen Diener ununterbrochen Fürsprache ein, damit sie ihr Heil erlangen. Werde ja nicht mutlos durch Leiden und Trübsale, welche mein allerheiligster Sohn dir in der Absicht schickt, dass du deinen Brüdern Hilfe bringst und deinem Herrn das Besitztum vermehrst. Und weil die Kinder Adams ihm so viele Widrigkeiten zufügen, so gib dir Mühe, ihm einigen Ersatz zu leisten durch die Reinheit deiner Seele: diese Reinheit muss aber mehr der eines Engels als einer Erdenpilgerin gleichen. Gegen die Feinde Gottes schlage die Schlachten des Herrn, sowohl in seinem als in meinem Namen. Zertritt den bösen Geistern den Kopf, gebiete ihrem Stolz und schleudere sie in die Tiefe. Und wenn du Gelegenheit hast, mit den geweihten Dienern Christi zu reden, so rate ihnen, dass sie kraft der ihnen verliehenen Gewalt und mit lebendigem Glauben dasselbe tun, um die Seelen zu schützen und eben damit auch die Ehre und Glorie des Herrn zu verteidigen. Wenn sie dies tun, so werden sie in der Kraft Gottes die bösen Geister niederwerfen und besiegen.

VIERTES HAUPTSTÜCK; Zerstörung des Diana-Tempels

Die seligste Jungfrau Maria zerstört den Dianatempel zu Ephesus. Sie wird von den Engeln zum empyrischen Himmel erhoben und dort von dem Herrn vorbereitet um mit dem höllischen Drachen in den Kampf zu treten und ihn zu überwinden. Satan beginnt diesen Zweikampf durch Versuchungen zur Hoffart.

431. Die Stadt Ephesus, an der äußersten Westküste Kleinasiens gelegen, wird in allen Geschichtsbüchern wegen vieler großen Dinge, welche sie in der Vorzeit auf dem ganzen Erdkreis bekannt und berühmt gemacht haben, hoch gefeiert. Der größte Ruhm dieser Stadt besteht aber darin, dass sie die höchste Königin des Himmels und der Erde in ihre Mauern aufgenommen und beherbergt hat, und zwar, wie wir in der Folge sehen werden, mehrere Monate hindurch. Dieses große Vorrecht machte sie in hohem Grad glücklich, während die übrigen Auszeichnungen sie in Wahrheit bis zu jener Zeit unglücklich und ehrlos gemacht hatten, weil der Fürst der Finsternis in ihr seinen Thron besonders stark gefestigt hatte. Nun fand unsere große Königin, die Mutter der Gnade, in dieser Stadt gastliche Aufnahme und durch Darbringung einiger Geschenke mancherlei Dienste und so war denn die feurige Liebe Mariä gleichsam gedrängt, den Einwohnern dieser Stadt als Nachbarn und Wohltätern die ihr gewährte Gastfreundschaft in besonderer Weise zu vergelten und sie nach der schönen Ordnung der Liebe mit größeren Wohltaten zu beglücken als Fremde. Wohl war Maria gegen alle Menschen im höchsten Grad freigebig, allein den Ephesern gegenüber musste sie diese Freigebigkeit durch größere Gnadengeschenke und Wohltaten bekunden. Zu dieser Rücksichtnahme bewog Maria schon ihre Dankbarkeit in welcher sie sich für verpflichtet hielt, jener ganzen Gemeinde Wohltaten zu spenden. Sie verrichtete für diese Stadt besondere Gebete und flehte mit Inbrunst zu ihrem heiligsten Sohn. er möge seinen Segen über die Einwohner ausgießen, als liebevoller Vater sie erleuchten und sie zu seiner Erkenntnis und zum wahren Glauben führen.

432. Der Herr gab ihr zur Antwort, als Gebieterin und Herrin der Kirche und der ganzen Welt habe sie Macht, alles zu tun, was sie wolle. Doch müsse sie bedenken, dass sich in dieser Stadt der Ausgießung der göttlichen Gnadengaben ein Hindernis entgegenstelle: die früheren und gegenwärtigen Sündengräuel der Bewohner von Ephesus nämlich hätten die Pforten der Barmherzigkeit verschlossen und verdienten die Strenge der Gerechtigkeit. Auch würden sie die Gerechtigkeit wirklich schon erfahren haben, wenn nicht der Herr es gefügt hätte, dass seine heiligste Mutter gerade zu der Zeit in Ephesus ihren Aufenthalt nahm, als die Verbrechen der Bewohner ihren Höhepunkt erreicht und die Züchtigung verdient hatten, weIche um Maria willen noch verschoben wurde. Zugleich mit dieser Antwort wurde der seligsten Jungfrau auch zu verstehen gegeben, dass die göttliche Gerechtigkeit sie sozusagen um ihre Gutheißung und Zustimmung zur Vernichtung des götzendienerischen Volkes von Ephesus und der Umgebung ersuche. Diese Antwort und die damit verbundene Erkenntnis betrübten gar sehr das mitleidsvolle Herz der süßesten Mutter. Allein ihre gewissermaßen unendliche Liebe ließ keine Entmutigung bei ihr aufkommen. Sie vervielfältigte ihr Bitten und Flehen und, auf die Worte des Herrn erwidernd, sprach sie zu ihm:

433. «O allerhöchster, gerechter, barmherziger König! Ich weiß, dass, wenn du keinen Grund mehr findest. Barmherzigkeit zu üben, die Strenge deiner Gerechtigkeit ihren Lauf erhält. Allein ich weiß auch, dass dir zur Übung der Barmherzigkeit der geringste Beweggrund hinreicht, den du in deiner Weisheit findest, sollte das Verdienst auf Seiten der Sünder auch sehr gering sein. Wohlan denn, o Herr, so siehe die Liebe an, mit welcher diese Stadt mich aufgenommen hat, damit ich darin nach deinem Willen leben könne. Beherzige, dass ihre Bewohner mich unterstützt und mir und deinem Diener Johannes ihre Habe zur Verfügung gestellt haben. Mildere daher, mein Gott, deine Strenge, oder vielmehr kehre sie gegen mich, auf dass ich zum besten jener Armseligen leide. In deiner Allmacht und deiner unendlichen Güte und Barmherzigkeit, vermöge welcher du das Böse durch das Gute besiegen kannst, vermagst du auch jenes Hindernis hinwegzuräumen und zu bewirken, dass die Epheser sich deine Gnade zu nutzen machen und dass meine Augen nicht den Untergang so vieler Seelen sehen müssen, welche die Werke deiner Hände und der Preis deines Blutes sind.» Auf diese Bitte erwidernd, sprach der Herr: «Meine Mutter, meine Taube! Du sollst die Ursache meines gerechten Zornes genau kennen und sehen, wie sehr die Menschen, für welche du betest, ihn verdienen. Merke also auf und du wirst sehen.» Darauf wurde der Himmelskönigin in klarer Anschauung folgendes gezeigt:

434. Viele Jahrhunderte vor der Menschwerdung des Wortes in ihrem jungfräulichen Schoß, so erkannte sie, hatte Luzifer neben vielen anderen auf das Verderben der Menschen gerichteten Beratungen auch eine gehalten, in welcher er, zu seinen Dämonen sich wendend, also sprach: «Durch die Erkenntnisse, welche ich in meinem ehemaligen Stand im Himmel besaß, ferner durch die Prophezeiungen. welche Gott den Menschen gegeben, und durch die gnadenvollen Mitteilungen, welche er vielen seiner Freunde gemacht hat, bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass Gott zu erreichen sucht, dass die Söhne und Töchter Adams sich in Zukunft von einer Anzahl von Lastern enthalten, welche ich um jeden Preis auf der Welt erhalten sehen möchte. Insbesondere wünscht Gott, dass sie sich von der Fleischeslust, von der Begierde nach irdischen Gütern und dem Geiz enthalten, ja dass eine Anzahl freiwillig sogar dem Erlaubten in diesen Dingen entsagen. Um ihnen dieses trotz meines Widerstandes möglich zu machen, wird Gott ihnen große Gnadenhilfe geben, mittelst weIcher sie freiwillig keusch. arm und mit Verleugnung des eigenen Willens andern Menschen gehorsam sein werden. Indem sie uns dann durch diese Tugenden besiegen, werden sie große Belohnungen und Gnaden verdienen, wie ich es an einigen beobachtet habe, welche arm, keusch und gehorsam lebten. So werden meine Pläne vereitelt werden, wenn wir nicht eilen, durch alle Mittel, welche unsere Schlauheit entdecken kann, dieses Übel für die Zukunft zu verhüten und den schon angerichteten Schaden auf alle Weise wieder zu ersetzen. An was ich ferner mit Sorge denke, ist dieses: Wenn das göttliche Wort menschliches Fleisch annimmt, wie ich weiß, dass es einst tun soll, so wird es selbst im höchsten Grad keusch und arm sein und auch anderen sehr eindringlich raten, es zu werden. Er wird hierzu nicht bloß Männer vermögen, sondern auch Frauen, die zwar an sich schwächer, aber vielfach ausdauernder sind. Es würde mir aber besonders peinlich fallen, von Frauen besiegt zu werden, nachdem ich doch die erste Frau bereits überwunden habe. Überdies stellen die Schriften der Alten für jene Zeit, in welcher das ewige Wort die menschliche Natur angenommen haben wird, große Gnaden in Aussicht. und es ist kein Zweifel, dass das menschgewordene Wort in seiner Macht die Menschen erhöhen und bereichern wird.»

435. «Damit ich mich nun», fuhr Luzifer fort, «allem diesem widersetzen könne, bitte ich euch um Rat und eifrige Unterstützung, um schon jetzt zu bewirken, dass die Menschen so große Güter nicht empfangen.» - So alt ist also schon, um dies hier beiläufig zu bemerken. der Hass und die Gegnerschaft der Hölle gegen die evangelische Vollkommenheit weIche die heiligen Ordensstände geloben. Lange beriet man sich unter den Dämonen über diesen Punkt und das Ergebnis war ein Übereinkommen, wonach eine große Anzahl böser Geister unter auserlesenen Anführern sich bereit halten mussten. um diejenigen zu versuchen, welche auf diese Weise in Armut, Keuschheit und Gehorsam zu leben unternehmen würden. Ferner beschlossen sie, zum Hohn auf die heilige Keuschheit sofort eine Art von scheinbaren, lügenhaften und heuchlerischen Jungfrauen zusammenzubringen, welche unter diesem falschen Titel sich ganz dem Dienst Luzifers und aller seiner Teufel weihen sollten. Durch dieses teuflische Mittel gedachten die Feinde alles Guten nicht bloß diese Seelen selbst mit einem um so größeren Triumph für sich zu gewinnen, sondern auch den Ordensstand und die Jungfrauschaft zu verdunkeln, welche, wie sie voraussahen, das menschgewordene Wort und seine Mutter in der Welt einführen würden. Damit dieser falsche Orden, welchen die Hölle plante, desto mehr Wachstum finde, beschloss Luzifer, denselben mit Überfluss an zeitlichen Gütern und insgeheim auch mit allem, was der Natur schmeichelt, zu versehen. Denn auf diese Weise sollte man in den gedachten Orden unter dem blendenden und ehrenvollen Schein einer den falschen Göttern geweihten Keuschheit insgeheim ein zügelloses Leben führen dürfen.

436. Nun erhob sich aber die weitere Frage, ob dieser Orden von Manns- oder Frauenspersonen gebildet werden solle. Einige böse Geister waren der Meinung, man solle dazu nur Männer nehmen, denn diese seien standhafter und würden dem Orden eine größere Dauerhaftigkeit verleihen. Andere waren entgegengestzter Meinung, denn die Männer, sagten sie, seien nicht so leicht wie die Frauen dem Betrug zugänglich. Gründlicher und richtiger urteilend, würden sie eher den Irrtum einsehen und verwerfen. Bei den Frauen sei dieses nicht so sehr zu befürchten. Minder urteilsfähig, hingegen leichtgläubiger und besonders leidenschaftlicher für das, was sie einmal liebgewonnen und unternommen, seien sie viel leichter in besagtem Irrwahn zu erhalten. Diese Ansicht erhielt die Oberhand und Luzifer selbst pflichtete ihr bei, obgleich er die Männer nicht ganz ausschließen wollte. Denn, sagte er, es seien wohl einige Männer zu finden, welche auf seinen Betrug eingehen würden, um dadurch zu Ansehen zu gelangen. Und es sei dies um so sicherer zu hoffen, wenn die Hölle sie durch Unterstützung ihrer Täuschungen und Betrügereien vor dem Verluste der eitlen Volksgunst bewahre. So würde es ihm, dem Luzifer, in seiner Schlauheit gelingen, die, welche seinem Dienst sich weihten, dauernd in der Heuchelei und Täuschung zu erhalten.

437. So beschlossen denn die Teufel in diesem höllischen Rat, einen Orden oder eine Genossenschaft von falschen, trügerischen Jungfrauen zu errichten. Doch machte Luzifer den Seinen vorher noch eine Bemerkung: «Obwohl es mir, sprach er, sehr angenehm sein würde, auch meinerseits Jungfrauen zu besitzen, welche mir und meinem Dienste geweiht wären, ähnlich, wie Gott deren zu haben wünscht, so sind mir doch die Keuschheit und die Reinheit des Leibes so verhasst, dass ich sie, selbst wenn sie mir zu Ehren bewahrt würden, nicht ertragen könnte. Wir müssen also dafür sorgen, dass diese Jungfrauen unsern Schändlichkeiten nicht etwa entgehen. Sollte die eine oder die andere auch dem Leib nach zwar rein bleiben wollen, so werden wir doch ihr Inneres mit unreinen Gedanken und Begierden dergestalt erfüllen, dass in Wahrheit keine keusch sein wird, wenn auch einige aus Stolz äußerlich enthaltsam leben sollten. Und wenn sie nur innerlich befleckt sind, so werden wir schon sorgen, dass sie in der falschen Einbildung auf vermeintliche Jungfräulichkeit befangen bleiben.»

438. Um nun zur Gründung dieses Afterordens zu kommen, durchstreiften die Dämonen alle Völker der Erde, und es bedünkte sie, gewisse Frauen, welche Amazonen genannt wurden, wären die geeignetsten, mit denen sie ihren teuflischen Plan ins Werk setzen könnten. Diese Amazonen waren von Szythien nach Kleinasien gekommen, wo sie eben ihren Wohnsitz hatten. Sie waren kriegerisch gesinnt und verleugneten durch ihren stolzen, kühnen Mut die Gebrechlichkeit ihres Geschlechtes. Sie hatten sich durch Waffengewalt große Länderstrecken unterworfen und Ephesus zu ihrer Hauptstadt gemacht. Lange Zeit regierten sie sich selbst und verschmähten es, sich Männern zu unterwerfen und in deren Gesellschaft zu leben, indem sie in ihrem Stolz und ihrer Anmaßung sagten, letzteres sei nur Knechtschaft und Sklaverei. Die Geschichtsschreiber berichten, wenn auch mit mannigfachen Abweichungen über diesen Gegenstand sehr vieles, weswegen ich mich nicht länger dabei aufhalte. Zu meinem Zweck genügt es zu sagen, dass diese Amazonen durch ihre Begierde nach eitlem Ruhm und durch ihre Verachtung der Männer dem Luzifer die besten Anhaltspunkte boten, um sie durch den falschen Vorwand der Keuschheit zu betrügen. Er setzte also vielen derselben in den Kopf, durch dieses Mittel würden sie vor der Welt hochberühmt und verehrt, von vielen als Wunder angestaunt werden, ja eine könnte wohl gar bei den Menschen den Namen und die Verehrung einer Göttin empfangen. In diesem ungemessenen Streben nach menschlicher Ehre traten denn viele solche Amazonen, die einen wirkliche, die anderen vorgebliche Jungfrauen, zusammen und gründeten einen falschen Frauenorden, der seinen ersten Wohnsitz in Ephesus nahm und von dort seinen Ursprung herleitete.

439. In kurzer Zeit wuchs die Zahl dieser mehr als törichten Jungfrauen bedeutend an, und zwar zur Bewunderung und unter dem Beifall der Welt, wobei die höllischen Geister allseitig anregend eingriffen. Unter denselben war eine besonders hervorragend und ausgezeichnet durch Schönheit, edles Wesen, Verstand, Keuschheit und andere Gaben, welche ihr vorzüglich Ruhm und Bewunderung verschafften. Ihr Name war Diana. Die Verehrung, die sie genoss, und die Menge der Gefährtinnen, die sie um sich hatte, gaben Veranlassung zum Bau des merkwürdigen Tempels zu Ephesus, welcher als ein Weltwunder galt. Freilich wurde er erst mehrere Jahrhunderte später erbaut. Weil aber Diana bei den blinden Heiden den Namen und die Verehrung einer Göttin erhalten hatte, so wurde dieses reiche und kostspielige Gebäude ihr geweiht. Dasselbe wurde «Tempel der Diana» genannt, und nach seinem Muster wurden an verschiedenen Orten und unter demselben Titel viele ähnliche Tempel erbaut. Um nun diese falsche Jungfrau Diana, solange sie in Ephesus lebte, recht berühmt zu machen, trat der Teufel mit ihr in Verkehr und erfüllte ihren Geist mit seinen teuflischen Irrtümern. Häufig umgab er sie mit trügerischem Glanz und offenbarte ihr verborgene Dinge, damit sie dieses oder jenes vorhersage. Auch lehrte er sie einige Zeremonien und Gebräuche, welche den beim Volk Gottes üblichen ähnlich waren, damit sie und alle anderen mit diesen Gebräuchen den Teufel ehren sollten. Die übrigen Jungfrauen aber verehrten Diana als Göttin. Und das Gleiche taten auch die anderen Heiden, welche freigebig und blind genug waren, um alles als Gottheit anzuerkennen, woran sie etwas Staunenswertes fanden.

440. Als nach Überwindung der Amazonen die benachbarten Könige Ephesus eroberten und dort regierten, geschah es durch teuflische List, dass dieser Tempel als eine heilige und gottgeweihte Sache verschont blieb und diese Versammlung von törichten Jungfrauen in ihrem Fortbestand erhalten wurde. Und als ein ganz gewöhnlicher Mensch diesen Tempel angezündet hatte, unternahm die Stadt und das Reich dessen Wiederaufbau, wozu namentlich die Frauen manches Opfer brachten. Dieses geschah ungefähr dreihundert Jahre vor der Erlösung der Menschen. Als darum die heiligste Jungfrau sich in Ephesus aufhielt, bestand der erste Tempel nicht mehr. Es war der zweite, welcher in der eben angeführten Zeit aufgebaut worden war. In diesem wohnten die Jungfrauen in verschiedenen Gemächern. Weil nun aber zur Zeit der Menschwerdung und des Todes Christi der Götzendienst in der Welt festen Fuß gefasst hatte, so hatten auch jene teuflischen Frauen ihre Sitten nicht bloß nicht verbessert, sondern noch mehr verschlimmert. Fast alle unterhielten einen abscheulichen Verkehr mit dem Teufel. Dabei begingen sie auch noch andere fluchwürdige Sünden und betrogen die Welt mit Lügenwerk und falschen Prophezeiungen, womit der Teufel sie und alle, die ihnen glaubten, betörte.

441. Dieses alles und noch vieles andere erblickte die heiligste Jungfrau in Ephesus in ihrer Nähe und empfand darüber in ihrem keuschesten Herzen einen so lebhaften Schmerz, dass sie daran gestorben wäre, falls nicht der Herr selbst sie am Leben erhalten hätte. Weil sie aber sah, dass das Götzenbild der Diana dem Satan zum Sitz und Lehrstuhl der Bosheit diene, so warf sie sich vor ihrem heiligsten Sohn zur Erde nieder und sprach zu ihm: «O Herr, allerhöchster Gott, der aller Ehrfurcht und alles Lobes würdig ist. Es ist an der Zeit. dass diese Gräueltaten, die schon so viele Jahrhunderte lang gedauert haben, endlich einmal ein Ende nehmen und dass Abhilfe getroffen werde. Mein Herz vermag es nicht mehr zu ertragen, dass man einer unseligen und abscheulichen Frau die Verehrung der wahren Gottheit erweist, welche nur du allein als der unendliche Gott verdienst, und ebenso wenig vermag ich anzusehen, dass der Name der Keuschheit so sehr entehrt und dem Teufel geweiht wird. Deine unendliche Güte hat mich zur Anführerin und Mutter der Jungfrauen gemacht, welche den edelsten Teil deiner Kirche und die kostbarste Frucht deines Erlösungswerkes sind und dir besonders gefallen. Der Titel der Keuschheit soll dir in jenen Seelen, welche meine Töchter sind, geheiligt bleiben, und ich kann fortan nicht mehr zugeben, dass die Ehebrecherinnen fälschlich denselben sich beilegen. Ich stelle darum Klage gegen Luzifer und gegen die Hölle, weil sie sich erkühnt hat, ungerechterweise dieses Vorrecht sich anzumaßen. Ich bitte dich, o mein Sohn, du wollest ihn damit strafen und züchtigen, dass er diese Seelen aus seiner Tyrannei entlassen muss und dass alle seine Sklaverei entkommen und zur Freiheit des Glaubens und des wahren Lichtes gelangen.»

442. Hierauf erwiderte der Herr: «Meine Mutter! Ich erhöre deine Bitte, denn es ist nicht recht, dass die Tugend der Keuschheit meinen Feinden geweiht sei, und wäre es auch nur dem Namen nach. Sie ist ja an dir so hoch geadelt worden und so angenehm in meinen Augen. Aber viele von diesen falschen Jungfrauen gehören wegen ihrer Gräueltaten und ihrer Verhärtung zur Zahl der Verworfenen. Nicht alle werden auf den Weg des ewigen Heiles zurückkehren. Nur einige wenige werden von Herzen den Glauben annehmen, falls er ihnen verkündet wird.» Unterdessen kam der heilige Johannes in die Betkammer der heiligsten Gottesmutter, ohne dass er jedoch wusste, womit die große Himmelskönigin eben beschäftigt war. Auch die Anwesenheit des Herrn war ihm verborgen. Aber die wahre Mutter der Demütigen wünschte ihre eigenen Bitten mit denen des geliebten Jüngers zu vereinigen und redete, nachdem sie im geheimen den Herrn hierzu um Erlaubnis gebeten hatte, denselben in folgender Weise an: «Mein Sohn Johannes! Mein Herz ist voll Kummer, weil ich erfahren habe, welch schwere Sünden in diesem Tempel der Diana gegen den Allerhöchsten begangen werden. Meine Seele ist vom Verlangen erfüllt, dass sie jetzt ein Ende nehmen, und dass Abhilfe getroffen werde.» Der heilige Apostel gab ihr zur Antwort: «O meine Herrin! Ich habe einiges von dem, was an diesem abscheulichen Ort vorgeht, selbst gesehen und vermag meinem Schmerz und meinen Tränen keinen Einhalt zu tun, weil ich sehe, dass der Teufel dort jene Verehrung genießt, welche nur Gott gebührt. Niemand vermag diesen Übeln Schranken zu setzen, wenn nicht du, o meine Mutter es übernimmst, Abhilfe zu treffen.»

443. Nun trug die heiligste Jungfrau dem Apostel auf, sich mit ihr im Gebet zu vereinigen und den Herrn zu bitten, dass er diesem Verderben Einhalt tue. Der heilige Johannes begab sich in seine Betkammer, Unsere Liebe Frau mit Christus ihrem Sohn blieb in der ihrigen. Nun warf sich Maria abermals vor dem Herrn auf die Erde nieder, vergoss reichlich Tränen und begann nochmals zu bitten und zu flehen. Mit glühendem Eifer verharrte sie darin, wobei sie vor Schmerz sozusagen mit dem Tod rang und sich vor ihrem heiligsten Sohn niederbeugte, damit er sie stärke und tröste. Dieser aber erwiderte auf ihre Bitten und Wünsche: «Meine Mutter, meine Taube, es geschehe alsbald, was du verlangst. Als mächtige Herrin ordne nun an und befiehl, was immer dein Herz wünschen mag.» Durch diese Kundgebung des Wohlwollens wurde die Liebe der seligsten Jungfrau vom Eifer für die Ehre Gottes entflammt. Mit königlichem Ansehen befahl sie sämtlichen höllischen Geistern, die sich im Tempel der Diana befanden, augenblicklich in den Abgrund hinabzufahren und den Ort zu verlassen, den sie so viele Jahre lang als ihr Eigentum besessen hatten. Es waren deren, die sich dort aufhielten, mit ihrem Aberglauben die Welt betrogen und jene Seelen herabwürdigten, viele Legionen. Allein durch die Kraft der Worte Mariä stürzten alle in einem einzigen Augenblick in die Hölle. Der Schrecken, mit welchem Maria sie erfüllte und niederschmetterte, war so groß, dass, als sie ihre jungfräulichen Lippen zum Aussprechen des ersten Wortes bewegte, die Teufel das zweite Wort nicht mehr abwarteten. Sie waren schon in der Hölle. Ja die natürliche Geschwindigkeit schien ihrem Verlangen, vor der Mutter des Allmächtigen zu fliehen, zu gering.

444. Aus diesen tiefen Abgründen vermochten sie solange nicht herauszukommen, bis ihnen, wie ich alsbald sagen werde, wieder erlaubt wurde, in Gemeinschaft mit dem großen Drachen den Kampf gegen die Himmelskönigin abermals aufzunehmen. Vorher aber suchten sie in der Hölle diejenigen Orte auf, welche vom Aufenthaltsort Mariä auf Erden am weitesten entfernt waren. Ich bemerke aber, dass Unsere Liebe Frau mittelst jener Triumphe den Teufel in der Art besiegte, dass er an den Ort oder in den Bereich seiner Herrschaft, woraus er vertrieben worden war, nicht ferner mehr zurückzukehren vermochte. Weil aber diese höllische Hydra so voll Gift war und ist, dass ihr, wenn man ihr einen Kopf abgeschlagen hat, immer wieder andere Köpfe nachwachsen, so schmiedet sie in ihrer Bosheit immer wieder neue Pläne und Anschläge gegen Gott und seine heilige Kirche. Nun wollte aber die große Königin der Welt ihren Sieg vervollständigen. Sie befahl darum mit Einwilligung unseres Erlöser Jesu Christi einem von ihren heiligen Engeln, sich zum Tempel der Diana zu begeben und denselben von Grund aus zu zerstören, so dass kein Stein auf dem andern bleibe. Von den Frauenspersonen, die dort lebten, solle er nur jene neun retten, die sie ihm näher bezeichnete. Alle übrigen würden als Verworfene unter dem Trümmerhaufen des Gebäudes begraben werden, ihre Seelen würden mit den Teufeln, denen sie Anbetung und Gehorsam bezeigten, in die Hölle hinabstürzen und dort begraben werden, bevor sie noch weitere Sünden begehen könnten.

445. Der Engel des Herrn vollzog den Befehl seiner Königin und Herrin und zertrümmerte in einem Augenblick den so berühmten und reichen Tempel der Diana, an welchem viele Jahrhunderte lang gebaut worden war. Nun war er zum Schrecken und Erstaunen der Einwohner von Ephesus in kürzester Zeit ein Trümmerhaufen geworden. Jene neun Frauenspersonen, welche Maria bezeichnete, hatte der Engel nach dem Willen des Herrn und seiner Mutter verschont, denn diese allein bekehrten sich zum Glauben, wie ich später erzählen werde. Alle übrigen gingen unter den Trümmern zugrunde, so dass kein Andenken mehr von ihnen zurückblieb. Die Bürger von Ephesus suchten nun freilich nach dem Anstifter des Unheiles, vermochten aber diesmal keine Spur von einem solchen zu entdecken, während sie beim Brand des ersten Tempels den Täter fanden, welcher, um sich einen Namen zu machen, sich als den Übeltäter bekannte. Aus diesem Ereignis nun nahm der heilige Evangelist Johannes Veranlassung, die Wahrheiten des Glaubens nachdrücklicher zu verkünden und die Epheser dem Betrug und dem Irrtum, womit sie der Teufel gefangen hielt, zu entreißen. Alsdann sagte der Evangelist mit der Himmelskönigin dem Allerhöchsten Lob und Dank für diesen Sieg, weIchen sie über Luzifer und den Götzendienst errungen hatten.

446. Hier muss ich aber notwendig darauf aufmerksam machen, dass das, was der Leser hier geschrieben findet, keineswegs im Widerspruch steht mit dem Bericht, welchen der heilige Lukas im 19. Kapitel der Apostelgeschichte gibt, und in welchem er voraussetzt, dass einige Jahre später, nämlich zur Zeit, als der heilige Paulus in Ephesus predigte, dort ein Dianatempel bestanden habe. Der Evangelist erzählt, ein großer Künstler von Ephesus, welcher Demetrius hieß und silberne Dianabilder verfertigte, habe mit anderen Genossen seiner Kunst gegen den heiligen Paulus einen Aufruhr angezettelt, weil dieser in ganz Asien die Lehre verkündete, dass Gebilde von Menschenhand keine Götter sein können. Demetrius wies seine Anhänger darauf hin, dass der heilige Paulus durch diese neue Lehre nicht nur sie selber des aus ihrer Kunst gezogenen Gewinns beraube, sondern auch den in Asien und auf dem ganzen Erdkreis hochverehrten Tempel der großen Diana in tiefe Verachtung bringe. Durch dieses Aufreizen gerieten die Künstler und mit ihnen die ganze Stadt in Aufruhr. Alle schrieen zusammen: «Groß ist die Diana der Epheser!» Und hierauf folgte das, was der heilige Lukas in jenem Kapitel noch weiter berichtet. Damit man nun nicht meine, es bestehe zwischen dem Bericht des heiligen Lukas und dem, was ich hier geschrieben habe, ein Widerspruch, so bemerke ich, dass jener vom heiligen Lukas erwähnte Tempel ein neuer war, den die Epheser mit geringerem Kostenaufwand und mit weniger Pracht aufbauten, nachdem die heiligste Jungfrau nach Jerusalem zurückgekehrt war. Als dann Paulus zur Ausübung des Predigtamtes ankam, war er schon aufgebaut. Übrigens sieht man aus dem Bericht des heiligen Lukas, welch tiefe Wurzeln der Götzendienst und die falsche Verehrung der Diana bei den Ephesern und in ganz Asien geschlagen hatte. Ihre Vorfahren hatten eben Jahrhunderte lang in diesem Irrtum gelebt, und die Stadt selbst war durch diese Verehrung und den Tempel der Diana auf der ganzen Welt bekannt und berühmt geworden. Durch diese Täuschungen und Torheiten verleitet, glaubten die Epheser ohne ihre Göttin gar nicht mehr leben zu können. Sie meinten, sie müssten in ihrer Stadt notwendig einen Tempel haben, weil sie der Hauptsitz und Ausgangspunkt des abergläubischen Dianakultus war, den die übrigen Länder wetteifernd nachgemacht hatten. Solche Früchte brachte die Unkenntnis des wahren Gottes bei den Heiden hervor, und deshalb mussten sich mehrere Apostel jahrelang abmühen, um sie eines Besseren zu belehren und das Unkraut des Götzendienstes auszurotten. Und das war ganz besonders bei den Römern und Griechen der Fall, welche an Weisheit und Staatsklugheit alle anderen Nationen zu übertreffen sich einbildeten.

447. Als der Tempel der Diana zerstört war, begann Unsere Liebe Frau mit noch größerem Eifer an der Erhöhung des Namens Christi und der Ausbreitung der heiligen Kirche zu arbeiten, um den Sieg, den sie über die Feinde errungen hatte, auszunützen. Als sie nun in dieser Absicht ihre Gebete und Fürbitten verdoppelte, geschah es eines Tages, dass ihr die heiligen Engel in sichtbarer Gestalt erschienen und sie also anredeten: «Unsere Königin und Herrin ! Der große Gott, der Herr der himmlischen Heerscharen, befiehlt, dass wir dich in seinem Himmel zu seinem königlichen Thron erheben, wohin er dich beruft.» Unsere Liebe Frau erwiderte: «Siehe, ich bin die Magd des Herrn. Es geschehe an mir sein heiligster Wille!» Dann setzten die Engel Maria in der früher schon beschriebenen Weise auf einen Lichtthron und trugen sie in den Himmel in die Gegenwart der allerheiligsten Dreieinigkeit, welche sich ihr dieses Mal nicht in einer intuitiven, sondern bloß in einer abstrakten Vision zeigte. Maria warf sich vor dem Thron des Allerhöchsten nieder und betete mit tiefer Demut und Ehrfurcht die unwandelbare Wesenheit Gottes an. Hierauf richtete der ewige Vater folgende Worte an sie: «Meine Tochter, sanfteste Taube! Deine heißen Wünsche und Seufzer nach der Verherrlichung meines heiligen Namens sind zu meinen Ohren gedrungen, und deine Bitten für die Kirche sind wohlgefällig in meinen Augen. Sie bewegen mich zur Anwendung von Barmherzigkeit und Güte. Zur Belohnung deiner Liebe will ich dir aufs neue meine Gewalt geben, damit du mittelst ihrer meine Ehre und Glorie verteidigst, über meine Feinde und ihren alten Hochmut triumphierst, dieselben demütigst, ihren Nacken beugest, durch deine Siege meine Kirche beschirmst und neue Wohltaten und Gaben für ihre gläubigen Kinder, deine Brüder, erlangst.»

448. Maria erwiderte: «Siehe hier, o Herr, die mindeste aller Kreaturen. Ihr Herz ist zu allem bereit, was dir zum Wohlgefallen, zur Erhöhung deines unaussprechlich heiligen Namens und zu deiner größeren Ehre gereicht. Es geschehe an mir dein göttlicher Wille!» Dann sprach der ewige Vater weiter: «Alle Bewohner meines himmlischen Hofes sollen es wissen, dass ich Maria zum Haupt und zur Anführerin aller meiner Heerscharen und zur Besiegerin aller meiner Feinde ernenne, damit sie glorreich über sie triumphiere.» Die beiden andern göttlichen Personen, der Sohn und der Heilige Geist, bestätigten dieses, und alle Auserwählten und Engel antworteten: «Dein heiliger Wille, o Herr, geschehe im Himmel und auf Erden!» Hierauf erteilte der Herr den achtzehn höchsten Seraphim den Befehl, ihre Königin zum Kampf gegen den höllischen Drachen nacheinander vorzubereiten, auszurüsten und zu bewaffnen. Hier ging in geheimnisvoller Weise in Erfüllung, was im Buch der Weisheit geschrieben steht: «Der Herr wird die Kreatur zur Rache gegen seine Feinde wappnen (Weish 5,18)», und ebenso das übrige, was dort weiter gesagt ist. Denn es traten die sechs ersten Seraphim vor und schmückten die seligste Jungfrau Maria mit einer Art Licht, wie mit einem undurchdringlichen Panzer. Diese Ausrüstung offenbarte den Seligen des Himmels die Heiligkeit und Gerechtigkeit ihrer Königin, und Maria wurde dadurch für die höllischen Geister so unüberwindlich und unzugänglich, dass ihre Stärke auf unaussprechliche Weise der Stärke Gottes ähnlich und nur mit dieser vergleichbar war. Für diese wunderbare Ausrüstung brachten die genannten Seraphim samt allen Heiligen dem Allmächtigen ihren Dank dar.

449. Nun traten von den übrigen zwölf Seraphim weitere sechs herzu, um nach dem Befehl des Herrn der großen Königin ein neues Licht mitzuteilen. Es war dies eine Art Abglanz der Gottheit, welchen sie über das jungfräuliche Antlitz Mariä ausgossen, und welcher bewirkte, dass die Teufel nicht in das Angesicht Mariä schauen konnten. Wohl kamen, wie wir weiter unten sehen werden, die bösen Geister später herzu, Maria zu versuchen, aber in ihr vom Lichte Gottes strahlendes Angesicht zu schauen, war ihnen aus dem genannten Grunde unmöglich, und eben dies war es, was der Herr mit dieser wunderbaren Ausrüstung beabsichtigte.

Darauf traten die letzten sechs Seraphim vor. Ihnen hatte der Herr befohlen, derjenigen, welcher die Verteidigung des Namens und der Ehre Gottes übertragen war, Angriffswaffen zu reichen. Diesem Befehl gemäß rüsteten die Engel alle Seelenkräfte Mariä mit neuen Eigenschaften und mit einer gewissen göttlichen Kraft aus, welche den vom Allerhöchsten ihr verliehenen Gaben entsprachen. Durch diese Ausrüstung wurde der großen Herrin Macht verliehen, alle, auch die verborgensten Gedanken und Anschläge der bösen Geister nach ihrem freien Willen zu hindern, aufzuhalten und zu vereiteln. Damit wurden alle Teufel dem Willen und Befehl Mariä unterstellt, so dass sie nichts, was Maria befiehlt, zu hindern vermögen. Von dieser Gewalt macht die heiligste Jungfrau zugunsten der Gläubigen, besonders ihrer frommen Verehrer oftmals Gebrauch.

Diese ganze Ausrüstung und deren Bedeutung wurde nun von jeder einzelnen der drei göttlichen Personen gutgeheißen. Eine jede Person bestätigte die der seligsten Jungfrau verliehene Teilnahme an ihren göttlichen Vollkommenheiten. Mit diesen Vollkommenheiten ausgerüstet, sollte nun Maria zur Kirche zurückkehren, um in ihr über die Feinde des Herrn zu siegen.

450. Dann erteilten die drei göttlichen Personen der heiligsten Jungfrau zum Abschied ihren Segen. Die große Königin aber betete mit tiefster Ehrfurcht den dreieinigen Gott an. Hierauf brachten die heiligen Engel, voll Staunen über die Worte des Allerhöchsten, Maria in ihre Betkammer zurück, indem sie dabei sprachen: «Wer ist die, welche in Gott umgestaltet, glücklich und reich vom höchsten Himmel auf die Erde herabsteigt, um die Ehre seines Namens zu verteidigen? Wie schön, wie herrlich geht sie einher, um die Schlachten des Herrn zu schlagen? O Königin, erhabenste Herrin, beginne und fahre glücklich fort in deiner Schönheit. Schreite voran und herrsche über alle Kreaturen (Ps 45, 5). Alle sollen den Herrn lobpreisen, weil er sich durch die Gunsterweisungen und Gaben, die er dir gespendet. so freigebig und mächtig erzeigt. Heilig, heilig, heilig ist der Herr Gott Sabaoth, der Herr der himmlischen Heerscharen (Jes 6, 3). In dir werden ihn preisen alle Geschlechter der Erde!» In ihre Betkammer zurückgekehrt, warf sich Maria auf ihr Angesicht nieder und brachte, wie sie bei solchen Gnadenerweisen zu tun pflegte, dem Allmächtigen ihre demütige Danksagung dar.

451. Die weiseste Jungfrau blieb eine Zeitlang in die Betrachtung dieser Dinge vertieft und bereitete sich auf den bevorstehenden Kampf gegen die höllischen Geister vor. Während sie sich dieser Betrachtung überließ, schaute sie, wie ein schrecklicher roter Drache vom Abgrund auf die Erde heraufstieg. Er hatte sieben Köpfe und spie aus jedem derselben Rauch und Feuer aus und zwar mit entsetzlichem Zorn und Ingrimm, und in derselben Gestalt folgten ihm noch viele andere Höllengeister. Dieser Anblick war so entsetzlich, dass kein anderer lebender Mensch ihn hätte aushalten können, ohne zu sterben. Selbst Maria musste vorbereitet und unüberwindlich gemacht werden, um den Kampf mit diesen grausamen höllischen Bestien aufzunehmen. Diese gingen nun auf den Ort los, wo die große Königin sich befand, und begannen unter schrecklichem Wutgeheul Drohungen gegen sie auszustossen. Sie schrieen: «Lasst uns darangehen, lasst uns darangehen, diese unsere Feindin zu vernichten. Wir haben Erlaubnis vom Allmächtigen, sie zu versuchen und zu bekriegen. Diesmal wollen wir ihr den Garaus machen und uns für die Widrigkeiten rächen, womit sie uns allezeit überhäuft. Wir wollen uns dafür rächen, dass sie uns aus dem Tempel unserer Diana hinausgestoßen hat, der nun durch sie in Trümmern liegt. Jetzt wollen wir geradeso auch sie vernichten. Sie ist ja nur eine Frau und ein bloßes Geschöpf. Wir dagegen sind weise, schlaue und mächtige Geister und haben darum von einer irdischen Kreatur nichts zu fürchten.»

452. So nun stellte sich dieses ganze Heer von höllischen Drachen mit ihrem Anführer Luzifer vor der unüberwindlichen Königin auf und forderte sie zum Kampf heraus. Das schärfste Gift dieser Schlange ist der Stolz: mit diesem bereitet sie gewöhnlich anderen Lastern den Eingang und stürzt so unzählbare Seelen ins Verderben. Darum hielt sie es für geeignet, mit diesem Laster auch hier den Anfang zu machen. Sie brachte es in jener Gestalt und Form in Anwendung, wie es dem Stand der Heiligkeit, den sie an Maria wahrzunehmen glaubte, angemessen schien. Zu diesem Zweck verwandelten sich der Drache und seine Helfer in Engel des Lichtes und zeigten sich Unserer Lieben Frau in dieser Weise. Sie wähnten, Maria habe sie in der ihnen eigentümlichen Gestalt als Teufel und Drachen nicht bemerkt. Nun machten sie mit Lobpreisungen und Schmeicheleien den Anfang und sprachen: «Mächtig bist du, o Maria, groß und gewaltig unter den Frauen. Die ganze Welt ehrt und preist dich wegen der erhabenen Tugenden, weIche sie an dir sieht und wegen der Wunderwerke, die du mittelst derselben wirkst und ausführst. Du bist dieses Ruhmes würdig, denn niemand gleicht dir an Heiligkeit. Wir erkennen dieses besser als andere und bekennen es. Wir singen das Lob deiner Großtaten.» Zur nämlichen Zeit, da Luzifer heuchlerischerweise diese Wahrheiten aussprach, suchte er auch in der Einbildungskraft der demütigen Königin abscheuliche Gedanken des Hochmutes und der Selbsterhebung zu erregen. Aber weit entfernt, sich darauf einzulassen, oder irgendein Wohlgefallen daran zu empfinden oder einzuwilligen, fühlte Maria vielmehr ihr reinstes und wahrheitsliebendes Herz von Pfeilen des Schmerzes durchbohrt. Alle Qualen der Märtyrer wären für sie nicht so peinlich gewesen, als diese teuflischen Schmeicheleien. Um dieselben wirkungslos zu machen, erweckte sie Akte der Demut, indem sie sich in ihr Nichts versenkte und erniedrigte, und zwar in so wunderbarer und wirksamer Weise, dass die Hölle nicht imstande war, dies zu ertragen oder sich noch länger in ihrer Gegenwart aufzuhalten, denn der Herr wollte, dass Luzifer und seine Gesellen das Verhalten Mariä erkannten und fühlten. Unter schrecklichem Geheul ergriffen alle die Flucht und schrieen: «Lasset uns in den Abgrund hinabfahren, denn jener Ort der Schmach quält uns weniger als die unüberwindliche Demut dieser Frau.» Und so verließen sie Maria einstweilen. Die weiseste Herrin aber brachte dem Allmächtigen für die Gnade dieses ersten Sieges ihren Dank dar.

LEHRE, welche mir die große Königin und Herrin des Himmels gab

453. Meine Tochter, der Stolz des Teufels schließt von seiner Seite ein gewisses Streben in sich, dessen Verwirklichung er selbst als unmöglich erkennt. Dieses Streben zielt dahin, dass die Gerechten und Heiligen. wie sie Gott dienen und gehorchen, so auch ihm dienen und gehorchen, damit er hierin Gott ähnlich sei. Allein dieses Verlangen ist unerreichbar, denn es enthält in sich eine Ungereimtheit und einen Widerspruch. Das Wesen der Heiligkeit besteht ja darin, dass sich das Geschöpf den göttlichen Willen zur Richtschnur nehme und durch dessen Erfüllung Gott über alles liebe. Die Sünde dagegen besteht in der Abweichung von dieser Richtschnur, indem man etwas anderes liebt und dem Teufel gehorcht. Allein die Ehrbarkeit der Tugend ist der Vernunft so sehr entsprechend, dass selbst der Feind dieses anerkennen muss. Darum geht das Streben des Satans besonders dahin, soweit möglich die Guten zum Fall zu bringen, denn er ist voll Neid und Wut darüber, dass er sie nicht zu seinen Diensten hat. Er brennt vor Begierde, Gott die Ehre zu rauben, die er in seinen Heiligen hat und die der Satan nicht zu erreichen vermag. Darum gibt er sich alle Mühe, irgend eine Zeder des Libanon. d.h. eine Seele von hoher Heiligkeit unter seine Füße zu bringen und solche, welche zuvor Diener des Allerhöchsten waren, unter sein Sklavenjoch zu beugen. Dies zu erreichen bietet er all seinen Fleiß, seine Schlauheit, seine Wachsamkeit auf. Eben dieses Verlangen ist auch der Grund, warum er darauf bedacht ist, dass einzelne sittliche Tugenden, wenn auch nur dem Namen nach, ihm geweiht werden, wie die Heuchler tun und wie auch die Jungfrauen der Diana getan haben. Denn auf diese Weise glaubt er von dem, was Gott liebt und begehrt, auch seinen Teil zu bekommen und die Tugenden, an denen der Herr sein Wohlgefallen hat und durch die er den Seelen seine Reinheit mitteilt, wenigstens ihrem Gegenstand nach zu besudeln und zu verderben.

454. Meine Tochter, die Schleichwege, Kunstgriffe und Fallstricke, deren sich die höllische Schlange zur Verkehrung der Gerechten bedient, sind so zahlreich. dass die Seelen ohne einen besonderen Beistand Gottes sie nicht zu erkennen, geschweige denn ihnen zu entkommen und so vielen Netzen und verräterischen Anschlägen auszuweichen vermöchten. Um sich dieses Schutzes des Herrn zu versichern, muss die Seele nach dem Willen seiner Majestät ihrerseits die gehörige Sorgfalt anwenden, auf sich selbst Misstrauen setzen und niemals nachlassen, um diesen Beistand zu flehen und danach zu verlangen. Denn es ist ausgemacht, dass sie aus sich selbst nichts vermag und bald zugrunde gehen wird. Was aber die göttliche Güte ganz besonders geneigt macht, ist ein mit Eifer erfülltes Herz und eine freudige Andacht bei göttlichen Dingen, vor allem aber beständige Demut und steter Gehorsam. Diese sind es, welche Standhaftigkeit und Kraft verleihen, dem Feind zu widerstehen. Nicht um dich zu entmutigen, sondern um dich zu warnen und vorsichtig zu machen, sage ich dir, dass auch bei den Gerechten jene Werke sehr selten sind, welche nicht wenigstens teilweise vom Gift der höllischen Schlange angesteckt wären. Denn fast immer sucht der Satan mit höchster Schlauheit irgend eine Leidenschaft oder irdische Neigung anzuregen, welche dann die gute Meinung des Handelnden beeinflusst oder verdirbt, so dass er nicht mehr rein aus Liebe zu Gott oder aus dem der Tugend eigenen Beweggrund handelt, sondern irgendein anderes Verlangen miteinfließen lässt, welches dann die Handlung ganz oder teilweise verkehrt. Und da dieses Unkraut unter den Weizen gemischt ist, so ist es sehr schwer, dasselbe schon anfangs zu unterscheiden, besonders wenn die Seele nicht ganz und gar von jeder irdischen Neigung losgeschält ist und ihre Werke nicht im Lichte Gottes untersucht.

455. Du nun, meine Tochter, bist schon oft auf diese Gefahr und auf die Wachsamkeit aufmerksam gemacht worden, womit der Teufel dir mehr als anderen Seelen zusetzt. Sei darum auch du gegen ihn ebenso wachsam und vertraue bei deinen Werken ja nicht dem bloßen Schein der guten Meinung. Diese muss freilich immer gut und recht sein. ist aber für sich allein nicht hinreichend und wird vom Menschen auch nicht immer erkannt. Denn gar oft täuscht der Teufel die Seele unter dem Schein der guten Meinung, indem er ihr irgend einen scheinbar guten oder ganz fernliegenden Zweck vorhält, um sie in eine nächste Gefahr zu stürzen. Die Folge davon ist, dass sie in der Gefahr fällt, den guten Zweck aber, der sie betrügerischerweise anlockte, keineswegs erreicht. Manchmal sucht der Satan zu verhindern, dass der Mensch neben der guten Meinung auch die anderen Umstände in Betracht ziehe. Dadurch aber wird das Werk unklug und fehlerhaft. Bisweilen bedecken sich auch die irdischen Neigungen und Leidenschaften mit dem Mantel irgendeiner scheinbar guten Meinung und nehmen insgeheim den größten Teil des Herzens ein. Das Heilmittel bei so großen Gefahren besteht darin, dass du deine Werke beim Licht prüfst, welches der Herr dem höheren Teil deiner Seele eingießt. Denn mittelst dessen wirst du verstehen, wie du das «Kostbare vom Gemeinen (Jer 15,19)», die Lüge von der Wahrheit und das Bittere der Leidenschaften von der Süßigkeit des Vernünftigen trennen sollst. Auf diese Weise wird das göttliche Licht, das sich in dir findet, keinen Teil an der Finsternis haben und «dein Auge wird einfältig sein» und dem «ganzen Leib deiner Handlungen (Mt 6, 22)» Reinheit verleihen, und so wirst du ganz und in allem deinem Herrn und mir wohlgefällig sein.

FÜNFTES HAUPTSTÜCK: Mariä Rückkehr nach Jerusalem. Kampf gegen den Satan

Die heiligste Jungfrau kehrt auf die Einladung des heiligen Petrus von Ephesus nach Jerusalem zurück. Sie setzt den Kampf gegen die Teufel fort und besteht einen gewaltigen Sturm auf dem Meer. Erzählung einzelner geheimnisvollen Vorgänge, welche dabei stattfanden.

456. Nach der gerechten Züchtigung und Verdammung des unglücklichen Herodes genoss die jugendliche Kirche von Jerusalem längere Zeit wieder einige Ruhe, was die große Herrin der Welt durch ihre Bitten, ihre Werke und ihre mütterliche Sorgfalt verdient und erwirkt hatte. Um diese Zeit predigten der heilige Barnabas und der heilige Paulus mit wunderbarem Erfolg in Kleinasien in den Städten Antiochia. Lystra, Perge und vielen anderen, wie der heilige Lukas im dreizehnten und vierzehnten Kapitel der Apostelgeschichte berichtet, wo er auch der durch den heiligen Paulus in jenen Städten und Provinzen gewirkten Wunder und Zeichen erwähnt. Der heilige Apostel Petrus aber hatte sich nach seiner Befreiung aus dem Kerker und seiner Flucht aus Jerusalem in den angrenzenden Teil von Asien begeben, um sich so der Gewalt des Herodes zu entziehen und von dort aus den neubekehrten Gläubigen in Asien und den in Palästina befindlichen Christen Hilfe zu bringen. Alle erkannten ihn als den Stellvertreter Christi und das Oberhaupt der Kirche an und leisteten ihm Gehorsam, wohl wissend, dass im Himmel alles bestätigt sei, was Petrus auf Erden anordnete und tat. Mit diesem festen Glauben nahmen sie in ihren Zweifeln und Streitigkeiten zu ihm als dem obersten Bischof ihre Zuflucht. Unter anderem benachrichtigten sie ihn auch über die Zweifel (Apg 15, 2 ff), welche von einigen Juden in Jerusalem und in Antiochien betreffs der Beobachtung der Beschneidung und des mosaischen Gesetzes gegen Paulus und Barnabas vorgebracht worden waren, wie ich später (Nr. 496) noch anführen werde und wie der heilige Lukas im fünfzehnten Kapitel der Apostelgeschichte berichtet.

457. Bei dieser Veranlassung stellten die Apostel und Jünger von Jerusalem an den heiligen Petrus die Bitte, er möge in die heilige Stadt zurückkehren. um diese Streitigkeiten zu schlichten und einige andere Anordnungen zu treffen, welche zur ungehinderten Verkündigung des Glaubens erforderlich waren. Von Seiten der Juden fände sich seit dem Tod des Herodes niemand mehr, der zur Verfolgung die Hand böte und so erfreue sich die Kirche in Jerusalem in höherem Maß des Friedens und der Ruhe. Desgleichen stellten sie auch die Bitte, er möge die Mutter Jesu ersuchen, dass auch sie um derselben Ursache willen in die Stadt zurückkehre. Daselbst werde sie von den Gläubigen mit der größten Sehnsucht des Herzens erwartet. Durch ihre Gegenwart würden diese im Herrn getröstet werden und alle Angelegenheiten der Kirche einen glücklichen Ausgang nehmen. Auf diese Vorstellungen hin entschloss sich der heilige Petrus alsbald nach Jerusalem zu reisen. Zuvor aber schrieb er folgenden Brief an Unsere Liebe Frau.

BRIEF des heiligen Petrus an die heiligste Jungfrau Maria

Petrus, Apostel Jesu Christi, Diener Mariä und Knecht der Knechte Gottes, an die jungfräuliche Mutter Gottes Maria.

458. «Meine Herrin! Es sind unter den Gläubigen über die Lehre deines Sohnes, unseres Erlösers, einige Zweifel und Streitigkeiten entstanden, darüber nämlich, ob man außer dieser auch noch das alte mosaische Gesetz beobachten müsse. Die Gläubigen wünschen, dass wir ihnen erklären, was in dieser Beziehung das Rechte ist und dass wir aussprechen, was wir aus dem Mund unseres göttlichen Lehrmeisters hierüber vernommen haben. Um nun mit meinen Brüdern, den Aposteln, hierüber zu beraten, reise ich alsbald nach Jerusalem. Wir bitten aber, dass auch du zum Trost aller und gemäß jener Liebe, die du zur Kirche trägst, in diese Stadt zurückkehren mögest. Seit dem Tod des Herodes sind die Juden dort in Ruhe und die Gläubigen in größerer Sicherheit. Die Menge der Anhänger Christi verlangt dich zu sehen und durch deine Gegenwart getröstet zu werden. Sind wir aber in Jerusalem, so werden wir auch die übrigen Städte davon benachrichtigen und unter deinem Beistand wird dann entschieden werden, was hinsichtlich der Gegenstände des Glaubens und des erhabenen Gesetzes der Gnade das Richtige ist.»

459. Dies war der Inhalt und die Schreibweise des Briefes. Es war dies auch die gewöhnliche Briefform der Apostel: sie schrieben zuerst den Namen der Person oder der Personen, an die sie schrieben und hernach den des Schreibers oder auch umgekehrt, wie dies aus den Briefen des heiligen Petrus, des heiligen Paulus und der anderen Apostel ersichtlich ist. Dass aber Unsere Liebe Frau mit dem Titel «Mutter Gottes» angeredet wurde, geschah gemäß einem von den Aposteln nach Abfassung des Glaubensbekenntnisses getroffenen Übereinkommen. Untereinander nannten sie Maria auch die «jungfräuliche Mutter», weil es für die heilige Kirche von höchster Wichtigkeit war, dass der Glaubensartikel von der Jungfräulichkeit und der Mutterschaft dieser erhabenen Herrin den Herzen aller Gläubigen tief eingeprägt werde. Einige von den Gläubigen nannten sie auch «Maria von Jesus» oder «Maria von Jesus, dem Nazarener». Wieder andere, die weniger Fassungskraft besaßen, nannten sie «Maria. die Tochter von Joachim und Anna». Alle diese Namen gebrauchten die ersten Kinder des Glaubens, wenn sie von unserer Königin sprechen wollten. Die heilige Kirche aber bedient sich mehr der Sprechweise der Apostel und nennt Maria darum «die allerseligste Jungfrau» und «Mutter Gottes». Außer diesen Titeln hat die Kirche aber auch noch viele andere sehr herrliche und geheimnisvolle Bezeichnungen im Gebrauch.

Der Brief des heiligen Petrus wurde der allerseligsten Jungfrau durch einen eigenen Boten überbracht. Dieser sagte bei der Übergabe, der Brief komme vom Apostel. Maria nahm ihn in Empfang, warf sich aus Ehrfurcht vor dem Stellvertreter Christi auf ihre Knie und küsste den Brief. Sie öffnete ihn aber nicht, weil der heilige Johannes zur Abhaltung einer Predigt sich gerade in der Stadt befand. Sobald der Evangelist zurückgekehrt war, warf Maria sich ihm zu Füßen, bat in gewohnter Weise um seinen Segen und übergab ihm den Brief, mit der Bemerkung, dass er vom heiligen Petrus, dem obersten Bischof, komme. Der heilige Johannes fragte, welches der Inhalt desselben sei. Die Lehrmeisterin der Tugenden aber gab ihm zur Antwort: «Du, mein Gebieter, sollst zuerst davon Einsicht nehmen und mir dann seinen Inhalt mitteilen.» Und dieses tat denn auch der Evangelist.

460. Angesichts solcher Demut und solchen Gehorsams, wie die heiligste Jungfrau Maria sie bei dieser scheinbar unbedeutenden Veranlassung an den Tag legte, vermag ich meine Verwunderung, aber auch meine eigene Beschämung nicht zu verbergen. Nur die himmlische Weisheit Mariä konnte ein solches Urteil fällen, dass es nämlich eine größere Demut und Unterwürfigkeit sei, wenn sie, die Mutter Gottes, den Brief des Stellvertreters Christi nicht öffne und lese, außer im Gehorsam gegen den Priester, den sie gerade deshalb zur Seite hatte, um ihm zu gehorchen und sich in allem nach seinem Willen zu richten. Dieses Beispiel ist eine Lehre und ein Vorwurf für jene anmaßenden Untergebenen, welche nach allerlei Ausreden und Entschuldigungsgründen suchen, um den demütigen Gehorsam, den wir unseren Oberen schulden, beiseite zu schieben. Allein Maria war eben in allen Dingen, in großen, wie in kleinen, Muster und Lehrmeisterin der Heiligkeit. Nachdem der Evangelist das Schreiben des heiligen Petrus Maria vorgelesen hatte, fragte er sie, was sie in Bezug auf den Vorschlag des Stellvertreters Christi zu tun für gut finde. Allein auch hierin wollte die Himmelskönigin nicht die Befehlende, ja nicht einmal die Gleichgestellte, sondern die Gehorchende sein. Sie antwortete dem heiligen Johannes: «Bestimme du, mein Sohn und Herr, was hierin das Beste ist. Ich bin bereit, dir als Dienerin zu gehorchen.» Der Evangelist aber erwiderte, es scheine angemessen, dem heiligen Petrus zu gehorchen und alsbald nach Jerusalem zurückzukehren. «Recht und Pflicht», sprach die reinste Jungfrau, «gebieten es, dem Oberhaupt der Kirche zu gehorchen, darum triff die nötigen Vorkehrungen für die baldige Abreise.»

461. Auf diesen Bescheid hin machte sich der heilige Johannes ohne Verzug auf, um ein Schiff für die Fahrt nach Palästina zu suchen, das für die Reise Notwendige herbeizuschaffen und alles so anzuordnen, dass sie in Bälde abreisen könnten. Während aber der Evangelist mit diesen Dingen beschäftigt war, ließ die heiligste Jungfrau die mit ihr näher bekannten Frauen von Ephesus, sowie ihre Schülerinnen zu sich rufen, um sich von ihnen zu verabschieden und sie zu unterweisen, was sie zur Bewahrung des Glaubens tun sollten. Es waren diese Frauen 73 an der Zahl und manche derselben Jungfrauen und namentlich jene neun, welche nach dem oben Erwähnten beim Einsturz des Dianatempels gerettet wurden. Denn Unsere Liebe Frau hatte sowohl diese als auch noch viele andere persönlich im Glauben unterrichtet und bekehrt und alle zu einer Gemeinschaft in dem Haus vereinigt, wo sie mit den Frauen lebte, welche ihr darin Gastfreundschaft gewährten. Mittelst dieser Versammlung begann die heiligste Jungfrau für die so viele Jahrhunderte im Dianatempel begangenen Sünden und Gräuel Genugtuung zu leisten, indem sie die gemeinschaftliche Beobachtung der Keuschheit am nämlichen Ort einführte, an welchem der Teufel dieselbe entehrt hatte. Über alles dieses unterrichtete Maria jene Schülerinnen. Dass aber sie es war, welche den Tempel zerstört hatte, blieb den Schülerinnen unbekannt, denn diese Tatsache musste geheim bleiben, damit weder den Juden eine Veranlassung zum Hass gegen die gütigste Mutter gegeben, noch die Heiden infolge ihrer unsinnigen Liebe zur Diana gegen Maria erbittert würden. Der Herr hatte den Einsturz des Tempels in der Weise geschehen lassen, dass er als Folge des Zufalls erschien. Daher kam es auch, dass er bald in Vergessenheit geriet und die Profanschriftsteller nicht in solcher Weise darüber berichten, wie über die früher erfolgte Einäscherung.

462. An diese ihre Schülerinnen nun richtete die heiligste Jungfrau Worte voll Süßigkeit, damit sie zur Zeit ihrer Abwesenheit einen Trost haben möchten. Auch hinterließ sie ihnen einen eigenhändig geschriebenen Zettel folgenden Inhalts: «Meine Töchter! Nach dem Willen des allmächtigen Herrn muss ich nach Jerusalem zurückkehren. Habet in meiner Abwesenheit die von mir empfangene Lehre vor Augen, die ich aus dem Mund des Welterlösers vernommen habe. Erkennt diesen allezeit als euren Herrn und Meister und als den Bräutigam eurer Seelen an, indem ihr ihm dient und ihn von ganzem Herzen liebt. Bewahrt die Gebote seines heiligen Gesetzes in eurem Gedächtnis fest. Ihr werdet in demselben durch seine Diener und Priester unterrichtet werden. Gegen diese aber tragt eine große Verehrung und gehorchet ihren Anordnungen in Demut, ohne anderen Lehrern, welche nicht Schüler Christi, meines heiligsten Sohnes oder Anhänger seiner Lehre sind, Gehör zu schenken. Ich werde unablässig dafür Sorge tragen, dass die Priester des Herrn euch beistehen und beschützen. Ich werde niemals eurer vergessen und niemals unterlassen, euch dem Herrn zu empfehlen. Meine Stellvertreterin soll Maria die Ältere sein. Dieser sollt ihr in allem gehorchen und sie ehren. Sie aber wird sich mit der nämlichen Liebe und Sorgfalt wie ich um euch annehmen. Bleibt allezeit zurückgezogen und abgesondert in diesem Haus und lasset niemals einen Mann in es eintreten. Und solltet ihr mit einem solchen sprechen müssen, so geschehe es in Gegenwart von dreien aus euch an der Pforte. Das Gebet übt beständig und zwar in der Einsamkeit. Betet und singt aber jene Gebete, welche ich euch schriftlich hinterlasse und zwar in dem Gemach, in welchem ich bisher wohnte. Übt das Stillschweigen und die Sanftmut und tut keinem Nebenmenschen etwas anderes an, als wovon ihr wünscht, dass man dasselbe auch euch tue. Sprecht allezeit der Wahrheit gemäß und habt unaufhörlich bei allen euren Gedanken. Worten und Werken Christus den Gekreuzigten vor Augen. Betet ihn an und bekennet ihn als den Schöpfer und Erlöser der Welt. In seinem Namen erteile ich euch seinen Segen und bitte ihn, dass er in euren Herzen wohne.»

463. Diese und andere Ermahnungen hinterließ Unsere Liebe Frau jener ganzen Versammlung, die sie ihrem wahren Sohn und Gott geweiht hatte. Jene Maria, welche sie als Oberin aufstellte, war eine von den frommen Frauen, welche ihr Gastfreundschaft gewährt hatten und Eigentümerinnen des Hauses waren. Diese Maria war eine zum Befehlen ganz geeignete Person und die heiligste Jungfrau hatte mit ihr am meisten verkehrt und sie auch am meisten über das Gesetz der Gnade und seine Geheimnisse unterrichtet. Sie hieß Maria die Ältere. Unsere Liebe Frau legte nämlich mehreren Frauenspersonen bei der heiligen Taufe ihren Namen bei, indem sie nach dem Ausspruch der Weisheit (Weish 7,13) «ohne Neid» die Auszeichnung ihres Namens mitteilte. Weil nun jene Maria die erste war, welche in Ephesus bei der Taufe diesen Namen erhielt, so wurde sie zum Unterschied von den anderen, erst später Getauften die Ältere genannt. Die seligste Jungfrau hinterließ diesen Frauen auch das Glaubensbekenntnis nebst dem Vaterunser, den zehn Geboten und anderen Gebeten geschrieben, welche sie mündlich verrichten sollten. Damit sie aber diesen und anderen Übungen desto eifriger obliegen möchten, hinterließ sie ihnen in ihrer Kapelle ein großes, von Engelshand gefertigtes Kreuz, welches auf ihren Befehl von den himmlischen Geistern in aller Schnelligkeit hergestellt worden war. Endlich verteilte sie, um diesen Frauen eine Freude zu machen, als gütige Mutter an sie auch noch ihr ganzes Hausgerät und Besitztum, das freilich nach menschlicher Schätzung ärmlich, aber gleichwohl von hohem, ja unschätzbarem Wert war, weil es ein Unterpfand und ein Beweis ihrer mütterlichen Zuneigung war.

464. Nun nahm sie Abschied von allen, aber nicht ohne großen Schmerz, weil sie jene, die sie für Christus geboren hatte, allein zurücklassen musste. Alle warfen sich ihr zu Füßen und brachen in großes Wehklagen und viele Tränen aus, weil sie in einem Augenblick den Trost, die Zuflucht und die Freude ihres Herzens verlieren sollten. Dank der Sorgfalt. weIche die heiligste Jungfrau für diese ihre fromme Genossenschaft allezeit trug, verharrten alle 73 standhaft in der Furcht des Herrn und im Glauben an unseren Herrn Jesus Christus, obwohl der Teufel teils in eigener Person, teils durch die Einwohner von Ephesus heftige Verfolgungen gegen sie erregte. Die weise Himmelskönigin sah dieses alles schon voraus und betete deshalb vor ihrer Abreise mit glühendem Eifer für dieselben, indem sie ihren göttlichen Sohn anflehte. er möge sie behüten und bewahren und einen Engel mit der Verteidigung dieser kleinen Herde beauftragen. Der Herr aber erhörte seine heiligste Mutter in allem. um was sie bat. Maria jedoch tröstete später jene Seelen sehr häufig von Jerusalem aus durch Ermahnungen und gab den in Ephesus weilenden Jüngern und Aposteln den Auftrag, für diese in Zurückgezogenheit lebenden Jungfrauen und Frauen Sorge zu tragen. Und dieses tat die große Herrin während der ganzen noch übrigen Zeit ihres Lebens.

465. Als nun endlich der für die Abreise nach Jerusalem bestimmte Tag gekommen war, bat die Demütigste von allen Demütigen den heiligen Johannes um den Segen. Als ihr dieser erteilt war, begaben sie sich miteinander auf das Schiff, nachdem sie zweieinhalb Jahre in Ephesus verweilt hatten. Bei ihrem Austritt aus dem Haus zeigten sich der erhabenen Herrin alle ihre tausend Engel in sichtbarer menschlicher Gestalt und zwar alle zur Schlacht bereit und bewaffnet. Durch diese ungewohnte Erscheinung wurde ihr zu verstehen gegeben, dass sie sich zur Fortsetzung des Kampfes gegen den großen Drachen und seine Anhänger bereithalten solle. Und bevor sie noch das Meer erreichten, erblickte sie auch schon eine große Menge teuflischer Legionen, welche ihr in verschiedenen, ganz entsetzlichen Schreckgestalten entgegenkamen. Zwischen diesen aber ging ein siebenköpfiger Drache von furchtbar hässlichem Aussehen. Er war größer als ein großes Schiff und sein grimmiges und abscheuliches Aussehen musste Entsetzen einflößen. Die unüberwindliche Königin aber bewaffnete sich gegen diese abscheulichen Schreckgestalten mit lebendigem Glauben und feuriger Liebe, mit Sprüchen aus den Psalmen und mit anderen Worten, welche sie aus dem Munde ihres göttlichen Sohnes vernommen hatte. Auch gab sie den heiligen Engeln Befehl, ihr beizustehen, denn jene schrecklichen Gestalten hatten ihr eine natürlich fühlbare Furcht und Bestürzung eingeflößt. Der Evangelist wusste damals von diesem Kampf noch nichts. Später aber belehrte ihn die heiligste Jungfrau und verständigte ihn von allem.

466. Nun bestieg die heiligste Jungfrau mit dem heiligen Johannes das Schiff und dieses ging unter Segel. Kaum waren sie aber ein wenig vom Hafen entfernt, so regten jene höllischen Ungeheuer, von der ihnen erteilten Erlaubnis Gebrauch machend, das Meer durch einen so heftigen und entsetzlichen Sturm auf, dass man weder vorher noch nachher auf diesem Meer einen ähnlichen Sturm erlebt hat. Der Allmächtige wollte eben durch das Wunderbare, was nun geschah, die Stärke seines Armes und die Heiligkeit seiner Mutter Maria verherrlichen. Darum gestattete er den Teufeln, bei diesem Kampf ihre ganze Bosheit und Macht aufzubieten. Mit furchtbarem Brausen schwollen die Wogen an und türmten sich über die Winde, ja, wie es schien, über die Wolken empor. Das Gewölk durchdringend, bildeten sie Berge von Schaum und Wasser und schienen Anlauf nehmen zu wollen, die sie beengenden Schranken zu durchbrechen. Von rechts und von links war das Schiff von den Wellen geschlagen und gepeitscht und zwar in einer Weise, dass man sich nur wundern musste, wie es nicht bei jedem Stoß zerschellte. Bald war es zum Himmel erhoben, bald fuhr es in die Tiefe und wühlte den Sand im Meeresgrunde auf. Oftmals berührte es mit den Masten und Segelstangen die schäumenden Wogen und manchmal war der Andrang dieses unerhörten Sturmes so heftig, dass die heiligen Engel das Schiff in der Luft halten mussten. Sie hielten es dann unbeweglich fest, bis einzelne Meeresbrandungen, welche es natürlicherweise hätten verschlingen und in die Tiefe reißen müssen, vorüber waren.

467. Die Schiffsleute und Passagiere erkannten zwar die Wirkung dieser Hilfe, wussten aber nicht, woher sie kam. Im übrigen waren sie von der Trostlosigkeit der Lage ganz niedergedrückt und außer sich. Laut schreiend beweinten sie ihren Untergang, der ihnen unvermeidlich schien. Die Teufel aber vermehrten noch die Verwirrung, denn sie nahmen menschliche Gestalten an und erhoben ein gewaltiges Geschrei, als ob sie sich auf anderen Schiffen befänden, welche diesem Fahrzeug zu Hilfe kommen wollten. Sie riefen jenen, welche sich mit unserer Herrin auf dem Schiffe befanden, zu, sie sollten dieses Schiff zugrunde gehen lassen und soviel als möglich sich auf die übrigen retten. Freilich waren alle dem Sturm ausgesetzt, aber die Wut jener höllischen Drachen erstreckte sich der erhaltenen Erlaubnis zufolge nur auf jenes Schiff, in welchem ihre Feindin sich befand. Die übrigen waren minder im Gedränge, obwohl alle in großer Gefahr schwebten. Diese Bosheit der Teufel war aber nur Maria bekannt. Und eben weil die Schiffsleute nichts davon wussten, so glaubten sie, dass die Stimme wirklich von anderen Schiffsleuten und Seereisenden käme. Infolge dieser Täuschung achteten sie manchmal gar nicht mehr auf das eigene Schiff und unterließen es, es zu lenken, in der Hoffnung, sich auf den anderen Schiffen retten zu können. Indessen vereitelten die Engel, welche dem Schiff unserer großen Herrin beistanden, diese Täuschung und ruhelose Absicht, indem sie das Schiff lenkten und auf die rechte Fährte brachten, wenn die Schiffsleute es seinem Schicksal überließen und es infolgedessen zerschellt oder in den Grund gebohrt worden wäre.

468. Mitten in dieser Verwirrung, Angst und Betrübnis blieb die heilige Jungfrau Maria in vollkommener Ruhe. Dem ungetrübten Meeresspiegel vergleichbar war ihre Hochherzigkeit und der ganze Chor ihrer Tugenden in unerschütterlicher Ruhe und Harmonie. Sie erweckte aber heldenmütige Akte aller Tugenden, wie es eben der Ernst der Lage und ihre eigene Weisheit gebot. Und da sie bei dieser stürmischen Fahrt die Gefahren einer Seereise, welche sie bei ihrer Hinfahrt nach Ephesus durch göttliche Offenbarung erkannt hatte, nun auch durch eigene Erfahrung kennenlernte, so wurde sie aufs neue von Mitleid mit allen Seereisenden erfüllt und verrichtete neue Gebete und Fürbitten für sie, wie sie es nach dem Gesagten (Nr. 371) schon früher getan hatte. Auch wunderte sich die weiseste Jungfrau über die unbändige Gewalt des Meeres. Sie betrachtete darin den Zorn der göttlichen Gerechtigkeit, weIche aus dieser leblosen Kreatur so sehr hervorleuchtete. Von dieser Betrachtung ging sie dann auf die Erwägung der Sünden über, durch welche die Sterblichen den Zorn des Allmächtigen herausfordern. In heißem Gebet flehte sie um die Bekehrung der Welt und um die Ausbreitung der Kirche. In derselben Meinung opferte sie auch die Beschwerden dieser Seereise auf. Denn trotz ihrer Seelenruhe litt sie doch sehr viel, nicht nur am Leib, sondern auch und zwar unvergleichlich mehr, an der Seele, da der Gedanke, dass alle ihre Reisegefährten um ihretwillen vom Satan so hart bedrängt seien, ihr den bittersten Kummer verursachte.

469. Einen großen Anteil an dieser Bedrängnis hatte der heilige Evangelist Johannes. Denn abgesehen von der großen Mühsal, die der Heilige hierbei ohnedies auszustehen hatte, peinigte ihn auch die Sorge um seine wahre Mutter, die Herrin der Welt. Die ganze Lage war für ihn um so schrecklicher, da er nicht wusste, was im Innern der heiligsten Jungfrau vorging. Er suchte sie zuweilen zu trösten und dabei sich selbst Trost zu verschaffen durch ihre Nähe und Ansprache.

Die Seereise von Ephesus nach Palästina dauerte sonst gewöhnlich sechs Tage oder etwas darüber. Dieses Mal aber dauerte sie fünfzehn und der Sturm vierzehn Tage. Eines Tages nun wurde der heilige Johannes über diese so außergewöhnlichen und anhaltenden Bedrängnisse gar sehr betrübt und konnte sich nicht mehr zurückhalten. Er sprach zu Maria: «O meine Herrin! Was ist doch dies? Müssen wir denn hier zugrunde gehen? Bitte doch deinen heiligsten Sohn, dass er mit väterlichen Augen auf uns niederblicke und uns in dieser Bedrängnis seinen Schutz angedeihen lasse.» Unsere Liebe Frau aber gab ihm zur Antwort: «Betrübe dich nicht, mein Sohn, denn jetzt ist die Zeit, die Schlachten des Herrn zu schlagen und mit Starkmut und Geduld seine Feinde zu besiegen. Ich bitte ihn, dass keiner von unseren Reisegefährten zugrunde gehe. Der Wächter Israels schläft und schlummert nicht (Ps 121, 4). Die Starken seines Hofes stehen uns bei und schützen uns. Leiden wir darum für den, der sich für aller Heil dem Kreuze überliefert hat.» Auf diese Worte hin schöpfte der heilige Johannes wieder neuen Mut, dessen er gar sehr bedurfte.

470. Luzifer und seine teuflischen Genossen entbrannten indessen immer mehr in Wut und drohten der mächtigen Königin, dass sie in diesem Sturm zugrunde gehen und dem Meer nicht mehr entrinnen werde. Allein diese und andere Drohungen waren nur winzige Pfeile, welche die weiseste Mutter gar nicht mehr achtete. Maria blickte nie die bösen Geister an und würdigte sie nie eines Wortes. Aber auch sie vermochten es nicht, Maria in das Angesicht zu schauen, denn die Kraft, welche, wie wir oben gesehen haben (Nr. 449), der Allerhöchste demselben verliehen hatte, hinderte sie daran. Und je mehr sie sich bemühten, es zu tun, um so weniger erreichten sie ihre Absicht und um so größer war die Qual, welche die der göttlichen Mutter verliehene Waffenrüstung ihnen verursachte.

Der allerseligsten Jungfrau blieb während der ganzen Zeit dieses langwierigen Kampfes der Ausgang verborgen. Ja der Herr selbst hatte ihr sein Angesicht verborgen, da ihr jede Art von Visionen, deren sie sich sonst gewöhnlich erfreute. entzogen war.

471. Endlich am vierzehnten Tag der Seereise und des Sturmes würdigte sich der Herr in eigener Person seine Mutter zu besuchen. Er stieg vom Himmel herab, erschien ihr auf dem Meer und sprach zu ihr: «Meine teuerste Mutter! Ich bin bei dir in deiner Bedrängnis.» Beim Anblick und den Worten des Herrn empfand die heiligste Mutter, wie bei allen solchen Gelegenheiten, einen unaussprechlichen Trost, der aber für sie in diesen Bedrängnissen noch viel kostbarer war. Denn je größer die Not ist, um so erwünschter ist die Hilfe. Unsere Liebe Frau betete ihren wahren Sohn und Gott an und sprach zu ihm: «O mein Gott, einziges Gut meiner Seele. Dir gehorchen das Meer und die Winde. Siehe an, mein Sohn, unsere Bedrängnis und lass die Werke deiner Hände nicht zugrunde gehen !» Darauf erwiderte der göttliche Heiland: «Meine Mutter, meine Taube! Von dir habe ich die menschliche Gestalt angenommen, die ich besitze und deshalb ist es mein Wille, dass alle meine Kreaturen deinem Befehle unterworfen seien. Gebiete als Herrin über alle. Sie sind deinem Willen unterworfen.» Die weiseste Jungfrau wünschte, der Herr selbst möchte auch dieses Mal den Wogen gebieten, wie er bei jenem Sturm getan, den die Apostel auf dem Galiläischen Meer zu bestehen hatten (Mt 8, 26). Allein die Umstände waren damals ganz anders, denn damals war sonst niemand zugegen, der den Winden und Wellen hätte gebieten können. Darum gehorchte die heiligste Jungfrau und befahl in Kraft ihres heiligsten Sohnes zuerst dem Luzifer und seinen Teufeln, augenblicklich sich vom Mittelländischen Meer zu entfernen und es frei zu lassen. Alsbald räumten diese das Meer und flohen nach Palästina. Denn weil der Kampf mit denselben noch nicht ausgefochten war, so gab sie ihnen auch damals nicht den Befehl, in den Abgrund zu fahren. Als die Feinde abgezogen waren, erteilte Maria auch dem Meer und den Winden den Befehl, ruhig zu werden. Und augenblicklich gehorchten diese, so dass in kürzester Zeit eine ruhige und heitere Stille eintrat, zur Verwunderung der Schiffsleute, welche von der Ursache dieser plötzlichen Änderung nichts wussten. Christus aber, unser Erlöser, verabschiedete sich von seiner heiligsten Mutter und verließ sie mit reichlichen Segnungen und mit Jubel erfüllt und mit dem Auftrag, am folgenden Tag zu landen. Und so geschah es auch, denn am fünfzehnten Tag nach ihrer Einschiffung gelangten sie bei stiller See in den Hafen und stiegen ans Land. Unsere Königin und Herrin sagte dem Allmächtigen für diese Wohltaten Dank und verherrlichte ihn durch einen Lob- und Preisgesang, weil er sie und die übrigen in so schrecklichen Gefahren unversehrt bewahrt hatte. Dasselbe tat auch der heilige Evangelist. Die göttliche Mutter sagte auch ihm Dank, dass er sie in ihren Bedrängnissen begleitet hatte. Zugleich bat sie um seinen Segen, und so gingen sie auf Jerusalem zu.

472. Die heiligen Engel begleiteten ihre Königin und Herrin in der männlichen kriegerischen Gestalt, wie es nach dem oben gesagten bei ihrer Abreise von Ephesus der Fall war. Denn auch die Teufel setzten ihrerseits den Kampf fort, sobald Unsere Liebe Frau ans Land gestiegen war, da sie hier Maria erwarteten. Mit unglaublicher Wut fielen sie unsere Herrin an und suchten ihr verschiedene Anfechtungen und Versuchungen gegen alle Tugenden zu bereiten. Allein diese Pfeile fielen auf sie selbst zurück, ohne ein Steinlein an diesem Turm Davids zu verletzen, an welchem nach dem Ausspruch des Bräutigams (Hld 4, 4; 8, 9) «tausend Schilde hängen, die gesamte Waffenrüstung der Starken», und an welchen «Mauern mit silbernen Zinnen erbaut sind». Bevor die heiligste Jungfrau Jerusalem betrat, fühlte sich ihr Herz zu frommer Verehrung gegen die durch unsere Erlösung geheiligten Ort angetrieben. Gerne hätte sie sie noch vor dem Eintritt in ihre Wohnung besucht, gleichwie dies bei ihrem Abzug aus der Stadt ihre letzte Handlung war. Aber weil der heilige Petrus, auf dessen Aufforderung sie gekommen war, sich dort aufhielt und sie als Lehrerin der Tugenden wohl wusste, nach welcher Ordnung man bei deren Übung vorgehen müsse, so entschloss sie sich, dem Gehorsam gegen den Stellvertreter Christi vor ihrer eigenen Andacht den Vorzug zu geben. In solcher Berücksichtigung des Gehorsams ging sie geraden Weges zum Abendmahlshaus, in welchem der heilige Petrus weilte. Sobald sie zum Stellvertreter Christi gekommen war, warf sie sich ihm zu Füßen und bat ihn um seinen Segen und um Verzeihung, weil sie nicht schon früher seinem Befehl nachgekommen sei. Dann bat sie ihn, dass er ihr die Hand reiche, welche sie dann als die des Hohenpriesters küsste. Dass aber die Schifffahrt sich infolge des Sturmes in die Länge gezogen habe, brachte sie nicht zur Entschuldigung vor, noch sagte sie irgend etwas anderes darüber. Erst durch die spätere Erzählung des heiligen Johannes erlangte der heilige Petrus Kenntnis von den bei dieser Seereise erlittenen Bedrängnissen. Der Stellvertreter Christi und sämtliche Apostel und Gläubigen von Jerusalem empfingen ihre Lehrmeisterin und Herrin mit unaussprechlicher Freude, Verehrung und Liebe. Niedergeworfen zu ihren Füßen, dankten sie ihr, dass sie wieder gekommen sei und ihnen die Freude und den Trost bereitet habe, sie zu sehen und ihr zu dienen.

LEHRE, welche mir die große Königin Maria gegeben hat

473. Meine Tochter, es ist mein Wille, dass du stets der Ermahnung eingedenk seiest, welche ich dir schon im Anfang gegeben habe, als ich dir diese erhabenen Geheimnisse meines Lebens aufzuschreiben befahl. Es ist nämlich keineswegs meine Absicht, dass du bloß ein totes Werkzeug seist, um sie der Kirche mitzuteilen. Vielmehr geht meine Absicht dahin, dass du an erster Stelle und mehr als alle andern diese große Wohltat dir zunutzen machst, indem du an dir selbst meine Lehre und das Beispiel meiner Tugenden im Werke ausübst. Denn dazu beruft dich der Herr, und dazu habe ich dich zu meiner Tochter und Schülerin auserwählt. Und weil du auf den Akt der Demut, den ich übte, als ich ohne den Willen meines Sohnes Johannes den Brief des heiligen Petrus nicht öffnen wollte, in gebührender Weise aufmerksam gemacht hast, so will ich dir noch weitläufiger die in jener meiner Handlung enthaltene Lehre auseinandersetzen. Du sollst also wissen, dass es in den beiden Tugenden der Demut und des Gehorsams, welche das Fundament der christlichen Vollkommenheit bilden, nichts Unbedeutendes gibt, dass vielmehr alle Übungen derselben dem Allerhöchsten überaus wohlgefällig sind und von seiner freigebigen Barmherzigkeit und Gerechtigkeit reichlich belohnt werden.

474. Beachte, meine Tochter: Gleichwie der menschlichen Natur nichts schwerer fällt als die Unterwerfung des eigenen Willens unter den Willen eines anderen, so ist auf der anderen Seite für den Menschen nichts notwendiger als eben diese Unterwerfung, denn nur so wird es dem Menschen gelingen, seinen stolzen Nacken zu beugen, während Satan darauf ausgeht, dass alle Adamskinder ihren Nacken erheben. Die bösen Geister geben sich die größte Mühe, die Menschen dahin zu bringen, dass ein jeder seinem Eigensinn und Eigenwillen folge. Es ist dies ein Mittel, durch welches der böse Feind viele Siege erreicht und zahllose Seelen auf die verschiedenste Weise in das Verderben zieht. Denn er sucht alle Stände und Geschlechter der Sterblichen mit diesem Gift anzustecken und jeden Menschen dahin zu bringen, dass er seinem Eigensinn folge, dass kein Untergebener dem Willen und den Bestimmungen des Vorgesetzten sich unterwerfe, dass er vielmehr sie verachte und mit Füßen trete und so die Ordnung der göttlichen Vorsehung, durch welche alles so schön geregelt ist. umstoße. Und weil alle diese Regierung des Herrn durchkreuzen und vereiteln, darum ist die Welt voll Verwirrung und Finsternis. Alle Verhältnisse sind in Unordnung gebracht, weil ein jeder ohne Rücksicht auf Gott, auf ein Gesetz oder auf irgend etwas anderes sich einzig nach seinem eigenen Gutdünken richtet.

475. Es ist dies eine für jedermann verderbliche und in den Augen des höchsten Lenkers und Herrn aller Dinge sehr missfällige Sache. Allein von weit größerer Bedeutung ist sie bei Ordensleuten, welche, obwohl sie durch ihre Ordensgelübde gebunden sind, dennoch auf jede Weise diese Bande zu lockern oder ganz abzuschütteln sich bemühen. Ich spreche jetzt nicht von solchen, welche ihre Gelübde in frecher Weise brechen und sie in kleinen wie in großen Dingen übertreten: das ist eine entsetzliche Verwegenheit, welche nichts Geringeres zur Folge hat als das Urteil der ewigen Verdammnis. Ich ermahne vielmehr jene, welche im Ordensstand ihr Heil sicher stellen wollen. Ihnen sage ich: wenn sie der Gefahr der Verdammnis entgehen wollen, so mögen sie sich wohl hüten, Meinungen und Auslegungen zu suchen, welche den Zweck haben, um den Gehorsam, den sie Gott in ihren Obern schuldig sind, zu feilschen und ihn zu lockern. Man untersucht z. B. beim Gehorsam - und dies gilt in entsprechender Weise auch von den andern Gelübden - wie weit man im eigenmächtigen Handeln gehen könne, ohne gerade zu sündigen, und ob man über dieses oder jenes ohne Erlaubnis des Obern nach eigenem Gutdünken verfügen könne. Solche Bestrebungen zielen nie auf die Beobachtung der Gelübde ab, sondern auf deren Übertretung, und das Gewissen macht wohl darüber Vorwürfe, aber man hört nicht darauf. Ich sage darum diesen Religiosen: es ist der Satan, welcher sie antreibt. solche giftige Fliegen zu verschlucken, damit sie, auf diese Weise an scheinbar geringe Fehler gewöhnt, nach und nach dahin gelangen, auch die Kamele zu verschlucken, d.h. grobe Fehler zu begehen. Solche Religiosen, welche immer nur darauf sinnen, den Kreis ihrer Rechte bis an die Grenzlinie der Todsünde hin auszudehnen, verdienen zum wenigsten so viel, dass einstens der gerechte Richter, wenn er ihre Gewissen erforscht und durchsucht, das Maß ihrer Belohnung auf das niedrigste herabsetzt, gleichwie auch sie Gott zuliebe und Gott zu Gefallen nur das Allerwenigste tun wollen und ihr ganzes Leben damit verbrachten, dieses Allerwenigste herauszubringen.

476. Solche Grundsätze, durch welche man das Gesetz Gottes leicht zu machen sucht und welche nur sinnliche Genüsse und Befriedigung des Fleisches bezwecken, sind vor meinem heiligsten Sohn und vor mir im höchsten Grade verabscheuungswürdig, denn es verrät einen großen Mangel an Liebe, wenn man seinem göttlichen Gesetz nur deshalb gehorcht, weil man nicht mehr anders kann. Auf diese Weise wirkt nur die Furcht vor der Züchtigung, nicht aber die Liebe zum Befehlenden, und es würde darum gar nichts geschehen, wenn die Zuchtrute nicht geschwungen wäre. Nicht selten geht der Untergebene, um sich vor einem untergeordneten Obern nicht demütigen zu müssen, den höheren Vorgesetzten um eine Erlaubnis an oder er begehrt bisweilen eine solche Erlaubnis bloß im allgemeinen oder von einem solchen, weIcher nicht so gut zu erkennen und zu beurteilen vermag, wie gefährlich die Erlaubnis für den Bittsteller ist. Man kann nun allerdings nicht in Abrede stellen, dass dieses immerhin noch ein gewisser Gehorsam ist. Allein es ist auch ebenso ausgemacht, dass alle diese Schleichwege nur dazu dienen, dass man mit größerer Freiheit und Gefahr, aber auch mit geringerem Verdienste handle. Denn offenbar ist das Verdienst größer, wenn man in demütiger Unterwürfigkeit einem untergeordneten Obern gehorcht oder einem solchen, welcher weniger natürliche Begabung besitzt oder dem eigenen Vorteil und Geschmack weniger entspricht. Eine derartige Lehre habe ich in der Schule meines heiligsten Sohnes nicht vernommen und auch bei meinen Werken nicht angewendet. Denn für alle Dinge bat ich diejenigen um Erlaubnis, welche ich als Vorgesetzte betrachtete, und niemals bin ich, wie du im bisherigen gesehen hast, ohne Vorgesetzte gewesen. Selbst um den Brief des heiligen Petrus, des Oberhauptes der Kirche, zu lesen und zu öffnen, wartete ich die Zustimmung des Untergeordneten ab, der für mich der unmittelbare Vorgesetzte war.

477. Darum, meine Tochter, ist es mein Wille, dass du ja nicht der Lehre jener folgest, welche Dispensen und Erlaubnisse zu ihrer Bequemlichkeit suchen. Ich erwähle und beschwöre dich vielmehr, dass du mich nachahmest und mir auf dem geraden und sicheren Wege der Vollkommenheit nachfolgst. Erweiterungen und Auslegungen suchen heißt den Stand des religiösen und christlichen Lebens zugrunde richten. Du musst dich darum beständig demütigen, unter dem Gehorsam leben und dich nicht etwa damit entschuldigen, dass du Oberin bist. Du hast ja Beichtväter und Ordensobere. Und kannst du bisweilen, wenn sie etwa abwesend sind, ihre Erlaubnis nicht einholen, so frage eine deiner Untergebenen oder eine in niedrigeren Ämtern stehende um Rat und befolge denselben. Dir müssen alle als Obere gelten und glaube nicht, dies sei schon etwas Großes: du bist ja die mindeste von allen Sterblichen und musst dich darum an den untersten Platz setzen. Als die geringste von allen sollst du dich unter alle demütigen: dann wirst du meine wahre Nachfolgerin, meine Tochter und Schülerin sein. Ferner sei auch darin pünktlich, dass du täglich zweimal vor mir deine Fehler bekennest, mich jedes MaI, wenn es zu irgendeiner Handlung notwendig ist, um Erlaubnis bittest und dann jeden Tag deine begangenen Fehler beichtest. Was du aber gegen mich und die Diener des Herrn zu beobachten habest, werde ich dir mitteilen und dir befehlen. Auch sollst du dich nicht schämen, deine gewöhnlichen Fehler öffentlich zu bekennen, damit du in jeder Hinsicht in den Augen des Herrn und in den meinigen dich demütigest. Diese der Welt und dem Fleische verborgene Weisheit sollst du nicht nur selbst erlernen, sondern auch deine Nonnen darin unterrichten. Indem ich dich diese Weisheit lehre, will ich dich für die Mühe belohnen, die du bei Beschreibung meines Lebens gehabt hast. Merke dir also diese überaus wichtigen Lehren und Winke, die ich dir zum Lohn hierfür gebe, und wisse: wenn du mich vollkommen nachahmen willst, wie du es schuldig bist, so darfst du weder mit jemand verkehren, noch reden, noch handeln, noch Briefe schreiben oder empfangen, noch dich bewegen, noch einen Gedanken fassen, ohne, soweit es tunlich ist, von mir und von deinem Seelenführer die Erlaubnis einzuholen. Weltlich und fleischlich gesinnte Menschen nennen zwar diese Tugenden Albernheiten oder Zeremonien. Allein diese einem gewaltigen Hochmut entstammende Unwissenheit wird der Strafe nicht entgehen, wenn einmal vor dem gerechten Richter die Wahrheit ans Licht kommt und es sich zeigt, welches die Toren und welches die Weisen gewesen sind. Alsdann werden jene belohnt werden, welche als wahre Knechte im kleinen wie im großen getreu (Mt 25, 21) sich erwiesen haben. Die Toren werden dann sehen, dass sie durch die «Klugheit des Fleisches» sich selbst das Verderben zugezogen haben. Doch dann wird keine Rettung mehr möglich sein.

478. Und weil der Umstand, dass ich zu Ephesus in eigener Person jene Gemeinschaft zurückgezogener Frauen geleitet habe, in dir einige Eifersucht erregt hat, so sage ich dir, dass du hierzu keinen Grund hast. Denn bedenke wohl, dass ihr, nämlich du und deine Nonnen, mich zur Vorgesetzten und besonderen Patronin erwählt habt, damit ich als Königin und Herrin euch regiere. Deine Ordensfrauen sollen wissen, dass ich dieses Amt angenommen habe und mich für immer als Oberin aufstelle, jedoch unter der Bedingung, dass sie vollkommen in ihrem Berufe und recht getreu gegen ihren Herrn, meinen heiligsten Sohn, seien, der sie zu seinen Bräuten erwählt hat. Schärfe es ihnen darum oft ein, dass sie sich vor der Welt in acht nehmen und davon zurückziehen, dieselbe von ganzem Herzen verachten, die Geistessammlung bewahren, sich im Frieden erhalten und ja nicht von dem Geiste meiner wahren Töchter abarten, welche jene Lehre befolgen und ausüben, die ich dir in dieser meiner Lebensgeschichte für dich und für sie gegeben habe. Sie sollen diese Lehre mit der höchsten Ehrfurcht und Hochschätzung aufnehmen und sie voll Dankbarkeit ihrem Herzen einprägen. Denn eben dadurch, dass ich ihnen mein durch deine Hand beschriebenes Leben zum Vorbild und Leitsterne für ihre Seelen gegeben habe, übe ich das Amt einer Mutter und Vorsteherin aus, damit sie als Untergebene und Töchter meinen Fußstapfen folgen, meine Tugenden nachahmen und meiner treuen Liebe sich dankbar erweisen.

479. Auch noch eine andere wichtige Bemerkung kannst du aus diesem Kapitel erkennen, dass nämlich jene, welche nicht in gehöriger Weise gehorchen, alsbald sich betrüben, traurig und verwirrt werden, wenn ihnen bei Ausführung des Befohlenen irgend etwas Widerwärtiges begegnet. Zur Beschönigung ihrer Ungeduld aber schieben sie die Schuld auf den Befehlenden und suchen ihn bei den andern oder bei den Obern in Misskredit zu bringen, als ob der Befehlende die Pflicht gehabt hätte, alle widerwärtigen Vorkommnisse, die zufällig dem Untergebenen zustoßen, ferne zu halten, oder als ob die Leitung aller Dinge der Welt seiner Sorge anvertraut wäre und er alles ganz nach dem Geschmack des Untergebenen anordnen könnte. Es ist dies ein Irrtum, der von der Wahrheit himmelweit abweicht. Gott lässt es ja oft gerade zur Belohnung des Gehorsams zu, dass dem Gehorchenden Schwierigkeiten begegnen, damit auf diese Weise sein Verdienst größer und seine Krone herrlicher werde. Manchmal geschieht es freilich auch, dass Gott den Untergebenen für sein Widerstreben züchtigt, weil er nämlich nur ungern gehorcht. An all diesem trägt aber der Obere, welcher befiehlt, keine Schuld. Der Herr hat bloß gesagt: «Wer euch hört und euch gehorcht, der hört mich und gehorcht mir (Lk 10,16)». Darum schlägt die mit dem Gehorsam verbundene Mühe allezeit zum Vorteile des Gehorchenden aus. Macht dieser davon keinen Gebrauch, so liegt die Schuld davon keineswegs an dem Befehlenden. Ich habe es dem heiligen Petrus nicht zur Schuld angerechnet, dass er mich von Ephesus nach Jerusalem kommen ließ, obwohl ich auf der Reise so vieles zu leiden hatte. Im Gegenteil, ich bat ihn um Verzeihung, dass ich seinem Befehle nicht rascher nachgekommen sei. Sei darum über deine Vorgesetzten niemals unwillig oder verdrießlich, denn das wäre eine abscheuliche Freiheit, welche das Verdienst des Gehorsams vernichtet. Betrachte sie vielmehr mit Ehrfurcht als Stellvertreter Christi, dann wird der Lohn für den Gehorsam reichlich sein. Folge meinen Fußstapfen, meinem Beispiel und meiner Lehre, dann wirst du in allem vollkommen sein.

SECHSTES HAUPTSTÜCK: Siege der heiligsten Jungfrau über den Satan. Apostelkonzil

Die allerseligste Jungfrau besucht die heiligen Orte. Sie erringt geheimnisvolle Siege über die Teufel. Sie schaut im Himmel die Gottheit in beseligender Anschauung. Die Apostel halten ein Konzil. Die wunderbaren Vorgänge bei allen diesen Dingen.

480. Will unser Verstand die Fülle der Vollkommenheit, weIche an allen Werken Unserer Lieben Frau hervorleuchtete, näher erklären, so legen seine Anstrengungen eine ehrenvolle Unfähigkeit an den Tag, denn allezeit werden wir von der Größe einer jeden, auch noch so geringen Tugend überwunden, wenn überhaupt je eine solche wegen der Materie, in welcher die große Herrin dieselbe übte, gering war. Indes wird das beharrliche Streben von unserer Seite immerhin viel Nutzen bringen, wenn wir nur nicht den Ozean der Gnade zu erforschen uns anmaßen, sondern vielmehr in Demut ihren Schöpfer verherrlichen und erheben und immer mehr und mehr das zu erforschen suchen, was wir mit Bewunderung nachahmen sollen. Ich werde es als ein großes Glück ansehen, wenn ich den Kindern der heiligen Kirche jene Gunstbezeichnungen aufdecken und darlegen kann, welche Gott unserer großen Königin erwiesen hat. d.h. wenigstens einiges von dem, was ich mit den geeigneten und entsprechenden Ausdrücken zu erklären nicht imstande bin, weil ich sie nicht zu wählen weiß. Freilich werde ich alles nur wie eine Blöde und Stammelnde tun, welche des Geistes der Andacht entbehrt. Wunderbar waren ja die Dinge, deren Erkenntnis mir für dieses und die folgenden Hauptstücke mitgeteilt wurde. Indes will ich in denselben, soviel ich vermag, anführen, um damit auf dasjenige hinzudeuten, was der Glaube und die christliche Frömmigkeit noch besser verstehen werden.

481. Nachdem Unsere Liebe Frau dem Gehorsam gegen den heiligen Petrus, wie ich im vorausgehenden Hauptstück erwähnt habe, Genüge getan hatte, hielt sie es für ihre Schuldigkeit, ihre fromme Andacht durch den Besuch jener Orte zu befriedigen, welche durch unsere Erlösung geheiligt sind. Hierbei teilte sie aber alle Übungen der Tugend auf eine so kluge Weise ein, dass sie keine einzige unterließ und einer jeden ihre Stelle anwies, so dass bei keiner derselben irgend einer von jenen Umständen mangelte, mittelst deren sie den Gipfel der nur immer möglichen Vollkommenheit erreichten. Gemäß dieser Weisheit vollbrachte sie zuerst das, was das Wichtigere und der Ordnung nach das erste war, und hierauf das, was minder wichtig erschien, beides aber mit einer solchen Vollkommenheit, wie es eine jede Sache bei ihrer Ausführung erforderte. Sie verließ also den Speisesaal, um sämtliche heiligen Orte zu besuchen. Dabei war sie von ihren heiligen Engeln begleitet, aber auch Luzifer und seine höllischen Geister, welche ihren Kampf fortsetzten, folgten ihr. Die Schlachtreihe dieser Drachen war schreckenerregend wegen ihres Aufzuges, ihrer Drohungen und ihrer entsetzlichen Gestalten, und ähnlich verhielt es sich auch mit ihren Eingebungen und Versuchungen. Gelangte aber die heiligste Jungfrau an irgend einen der heiligen Orte unserer Erlösung, um ihn zu verehren, so blieben die Teufel in der Ferne, denn sie wurden durch eine göttliche Kraft zurückgehalten und fühlten sich auch durch jene Kraft gelähmt, welche unser Heiland diesen durch die Geheimnisse unserer Erlösung geheiligten Stationen mitgeteilt hatte. Luzifer machte wohl gewaltige Anstrengungen, sich ihnen zu nähern: die Frechheit seines Stolzes trieb ihn dazu an, denn da es ihm gestattet war, die Herrin der Tugenden zu verfolgen und zu versuchen, so hätte er gewünscht, über sie einen Sieg gerade an jenen Orten zu erringen, wo er selbst besiegt worden war, oder sie wenigstens an der andächtigen Verehrung derselben zu hindern.

482. Allein der Allerhöchste wollte, dass die Kraft seines mächtigen Armes gegen Luzifer und seine höllischen Geister durch die Himmelskönigin wirksam sei, und dass gerade jene Handlungen Mariä, welche die bösen Geister zu stören suchten, das Schwert bildeten, womit Maria ihnen das Haupt abschlug und sie besiegte. Und so geschah es denn auch. Denn die Andacht und Ehrfurcht, womit Maria ihren heiligsten Sohn anbetete und das Andenken und die Dankbarkeit für das Erlösungswerk erneuerte, waren für die Teufel der Gegenstand solchen Schreckens, dass sie es nicht mehr auszuhalten vermochten. Sie fühlten von Seiten Unserer Lieben Frau eine Gewalt gegen sich, wodurch sie niedergedrückt, gepeinigt und genötigt wurden, sich von der unüberwindlichen Himmelskönigin noch weiter zu entfernen. Sie erhoben ein schreckliches Geheul, das aber nur für Maria vernehmbar war, und schrieen: «Weg von dieser Frau, unserer Feindin, die durch ihre Tugenden uns zuschanden macht und überwindet! Wir wollten das Andenken und die Verehrung dieser Orte, an denen die Menschen erlöst und wir unserer Herrschaft beraubt wurden, austilgen. Allein diese Frau, die doch ein blasses Geschöpf ist, macht unsere Pläne zuschanden und erneuert den Triumph, den ihr Sohn und Gott am Kreuz über uns errungen hat.»

483. Die heiligste Jungfrau fuhr indes fort, die Stationen sämtlicher heiligen Orte in Begleitung ihrer heiligen Engel zu besuchen. Als sie am Ölberg, welches die letzte ist, angekommen war und an jenem Ort stand, von dem aus ihr heiligster Sohn in den Himmel aufgefahren war, stieg seine Majestät in unaussprechlicher Glorie und Schönheit vom Himmel hernieder, um seine reinste Mutter zu besuchen und zu trösten. Er zeigte sich ihr mit der Zärtlichkeit und Liebenswürdigkeit eines Sohnes, aber auch als unendlicher und allmächtiger Gott. Er machte sie durch die Gnaden, die er ihr in diesem Augenblick verlieh, so himmlisch und über alles Irdische erhaben, dass sie geraume Zeit hindurch allem Sichtbaren entrückt schien. Zwar hörte sie nicht auf, auch mit äußeren Werken sich zu befassen, allein die Aufmerksamkeit darauf kostete sie mehr Mühe als sonst, denn sie war ganz vergeistigt und in ihren heiligsten Sohn umgestaltet. Hierbei erkannte die erhabene Königin, der Herr selbst hatte es ihr gesagt, dass diese Gunsterweisungen eine Belohnung des demütigen Gehorsams seien, den sie dem heiligen Petrus erzeigt hatte, indem sie seine Befehle so schnell ausführte und dieselben nicht nur der Befriedigung ihrer Andacht. sondern auch ihrer eigenen Ruhe vorzog. Zugleich versicherte sie aber der Herr seines Beistandes im Kampf gegen die höllischen Geister. Und indem der Herr diese Verheißung alsbald auch erfüllte, fügte er es, dass Luzifer und seine Gesellen in Maria eine neue gegen sie gerichtete Kraft und Auszeichnung gewahrten.

484. Hierauf kehrte Unsere Liebe Frau wieder zum Speisesaal zurück. Als aber jetzt die Teufel mit ihren Versuchungen wieder zu nahen wagten, ging es ihnen wie einem Windball, der mit großer Gewalt an eine eherne Mauer geschleudert wird: er fliegt mit aller Schnelligkeit dahin zurück, wovon er ausging. Ebenso ging es diesen stolzen Feinden: sie waren, vor dem Angesicht Mariä fliehend, gegen sich selbst mehr ergrimmt, als sie es zuvor gegen Maria gewesen waren. Sie brachen in noch ärgeres Geheul und Wutgeschrei aus und schrieen, indem sie notgedrungen auch viele Wahrheiten bekennen mussten, also: «O wie unglücklich sind wir angesichts des Glückes der menschlichen Natur! Zu großer Auszeichnung und Würde ist die menschliche Natur in dieser Frau erhoben. Wie undankbar und töricht werden die Menschen sein, wenn sie die Güter nicht benützen, welche sie in dieser Tochter Adams empfangen! Diese Frau ist ihr Heil und unser Untergang. Groß ist ihr Sohn mit ihr. Aber sie hat sich dessen auch nicht unwürdig gemacht ! Eine grausame Geißel ist es für uns, dass wir diese Wahrheiten zu bekennen gezwungen sind. O dass doch Gott diese Frau, deren Anblick unserem Neid noch so viele Qualen hinzufügt, vor uns verbergen möchte! Wie werden wir sie zu überwinden vermögen, wenn schon ihr Anblick uns unerträglich ist? Doch trösten wir uns: die Menschen werden die vielen Güter, die ihnen diese Frau erwirbt, verlieren. Sie werden es törichterweise verachten. An ihnen wollen wir die uns zugefügten Beleidigungen rächen. An ihnen wollen wir unsern Zorn auslassen. Wir wollen sie mit Irrtümern und Täuschungen erfüllen. Denn wenn sie auf jenes Beispiel blicken, so werden alle dieser Frau sich zuwenden und ihre Tugenden nachahmen. Aber das ist für mich noch nicht Trost genug», fuhr Luzifer fort, «denn Gott lässt sich durch diese seine Mutter allein in höherem Grad besänftigen, als er durch die Sünden aller, die von uns verführt sind, erzürnt wird. Und wenn dies auch nicht der Fall wäre, so verträgt es doch mein Stand nicht, dass die menschliche Natur in einem bloßen Geschöpf, ja in einer schwachen Frau so sehr erhöht ist. Das ist für mich eine unerträgliche Beleidigung. Kehren wir also zurück zum Kampf gegen sie! Zwingen wir unseren grimmigen Neid, der Pein zu trotzen. Und wenn wir auch allesamt nur Pein davon haben, unser Stolz darf nicht nachgeben. Vielleicht wird es uns doch gelingen, über diese unsere Feindin einen Sieg zu erringen.»

485. Unsere Liebe Frau hörte alle diese wütenden Drohungen, aber als Königin der Tugenden verachtete sie alle zusammen, und ohne deshalb auch nur die Miene zu ändern, zog sie sich in ihre Betkammer zurück, um ganz allein in ihrer höchsten Weisheit über diese Geheimnisse des Herrn hinsichtlich jenes Kampfes mit dem Drachen und über die schwierigen Angelegenheiten nachzudenken, welche die Kirche wegen der Abschaffung der Beschneidung und des alten Zeremonialgesetzes beschäftigte. Damit befasste sich die Königin der Engel einige Tage hindurch und verrichtete dabei in großer Zurückgezogenheit beständige Übungen, Gebete und Fürbitten, vergoss reichlich Tränen und warf sich oft zur Erde nieder. Hinsichtlich ihrer eigenen Anliegen bat sie den Herrn, er möge den Arm seiner Allmacht gegen Luzifer zeigen und ihr den Sieg über ihn und seine höllischen Geister verleihen. Wohl wusste die große Herrin, dass der Allerhöchste ihr zur Seite stehen und sie in der Bedrängnis nicht verlassen werde. Aber dessen ungeachtet ließ sie mit diesen ihren Bitten nicht nach. Im Gegenteil, sie benahm sich dabei von ihrer Seite so, als ob sie zur Zeit der Versuchung die gebrechlichste von allen Kreaturen wäre. Dadurch wollte sie uns lehren, was wir zur Zeit der Versuchung tun sollen, wir, die wir so leicht fallen und überwunden werden. Ferner bat sie den Herrn für die heilige Kirche, dass er das Gesetz des Evangeliums rein, lieblich, ohne Makel und frei von den alten Zeremonien feststellen möge.

486. Dieses Gebet verrichtete Unsere Liebe Frau mit dem glühendsten Eifer, weil sie wusste, dass Luzifer mit der ganzen Hölle sich bemühe, mittelst der Juden das Gesetz der Beschneidung neben der Taufe und die mosaischen Gebräuche neben der Wahrheit des Evangeliums aufrecht zu erhalten, und dass mittels dieses Betruges viele Juden in den künftigen Jahrhunderten der Kirche hartnäckig an ihrem alten Gesetz festhalten würden. Einer der siegreichen Erfolge, welche unsere Herrin bei diesem Kampf über den Drachen errang, bestand darin, dass auf dem Konzil, von welchem bald die Rede sein wird, die Beschneidung abgeschafft wurde. Und so wurde in der Folge in der Kirche der reine Weizen der evangelischen Wahrheit von aller Spreu und allen dürren und tauben Ähren der mosaischen Zeremonien abgesondert, wie unsere Mutter, die heilige Kirche, dieses bis jetzt noch tut. Alles dieses leitete die heiligste Jungfrau Maria schon zum voraus durch ihre Verdienste und Gebete ein, während Paulus und Barnabas, deren Ankunft von Antiochia her ihr bekannt war, nach Jerusalem kamen. Diese waren von den Gläubigen gesendet, um mit dem heiligen Petrus und den übrigen die von den Juden erhobenen Streitfragen zu entscheiden, wie der heilige Lukas im fünfzehnten Kapitel der Apostelgeschichte berichtet.

487. Es kamen also der heilige Paulus und der heilige Barnabas nach Jerusalem. Sie wussten, dass auch die Himmelskönigin bereits dort eingetroffen sei. Da der heilige Paulus das sehnlichste Verlangen trug, Maria zu sehen, so begaben sie sich unmittelbar in ihre Wohnung, warfen sich ihr zu Füßen und vergossen reichliche Tränen vor Freude darüber, dass sie Maria sahen. Eine nicht geringere Freude empfand die göttliche Mutter beim Anblick dieser beiden Apostel, welche wegen ihrer Bemühungen für die Erhöhung des göttlichen Namens und die Ausbreitung des Glaubens ihr ganz besonders im Herrn teuer waren. Die Lehrmeisterin der Demütigen wünschte aber, dass sich die beiden Apostel vor allem dem heiligen Petrus und den übrigen Aposteln, ihr selber aber erst zuletzt vorstellen möchten, denn sie achtete sich für die geringste unter den Kreaturen. Jene aber hielten bei ihrer Verehrung und Liebe die rechte Ordnung ein, indem sie der Meinung waren, dass niemand derjenigen vorgezogen werden dürfe, welche Mutter Gottes, Herrin der ganzen Schöpfung und Anfang unseres Heiles ist. Aber auch die erhabene Herrin warf sich dem heiligen Paulus und Barnabas zu Füßen, küsste ihnen die Hand und bat um ihren Segen. Der heilige Paulus hatte bei dieser Gelegenheit eine wunderbare abstraktive Entzückung, worin ihm neuerdings erhabene Geheimnisse und Vorrechte dieser geistlichen Stadt Gottes, d.i. der heiligsten Jungfrau Maria mitgeteilt wurden. Er schaute sie ganz wie mit der Gottheit bekleidet.

488. Durch diese Vision wurde der heilige Paulus mit Bewunderung, mit unaussprechlicher Liebe und Ehrfurcht gegen Unsere Liebe Frau erfüllt. Als er wieder zu sich gekommen war, wandte er sich an Maria mit den Worten: «O Mutter aller Barmherzigkeit und Güte, verzeihe diesem sündhaften und niedrigen Menschen, dass er deinen heiligsten Sohn, seinen Herrn, und die heilige Kirche verfolgt hat!» Die jungfräuliche Mutter erwiderte: «Paulus, Diener des Allerhöchsten, wenn derjenige, der dich erschaffen und erlöst hat, dich zu seiner Freundschaft berufen und zu einem Gefäß der Auserwählung gemacht hat, wie sollte ich, seine Dienerin, dir nicht verzeihen? Meine Seele preist und verherrlicht den Herrn, weil er sich an dir so mächtig, heilig und freigebig gezeigt hat!» Der heilige Paulus stattete nun der göttlichen Mutter seinen Dank ab sowohl für die Gnade seiner Bekehrung, als auch für die Gunstbezeigungen, die sie ihm durch ihren Schutz in so großen Gefahren erwiesen hatte. Dasselbe tat auch der heilige Barnabas.

Dann baten beide wiederholt um ihren Schutz und Beistand. Die seligste Jungfrau aber versprach ihnen alles.

489. Der heilige Petrus hatte als Oberhaupt der Kirche die im Umkreis von Jerusalem weilenden Apostel und Jünger berufen und sie mit den in der Stadt anwesenden Jüngern eines Tages in Gegenwart der großen Herrin der Welt versammelt. Er hatte sich dabei seines Ansehens als Stellvertreter Christi bedient, damit die weiseste Jungfrau in ihrer tiefen Demut nicht unterlasse, bei dieser Versammlung gegenwärtig zu sein. Nachdem alle versammelt waren, redete der heilige Petrus sie also an: «Meine Brüder und Söhne in Christus, unserm Herrn! Es war notwendig, dass wir alle zusammenkommen, um über die Zweifel und Angelegenheiten, worüber unsere teuersten Brüder Paulus und Barnabas uns berichtet haben, sowie über andere die Ausbreitung des Glaubens betreffenden Dinge eine Entscheidung zu treffen. Geziemenderweise müssen wir darum zuerst beten und den Beistand des Heiligen Geistes erflehen. Damit wollen wir unsere Gewohnheit gemäß zehn Tage zubringen. Am ersten und zehnten Tag wollen wir das heilige Messopfer feiern, um unsere Herzen zum Empfang des göttlichen Lichtes vorzubereiten.» Alle waren hiermit einverstanden. Damit am folgenden Tag die Feier der ersten heiligen Messe stattfinden könnte, richtete die Himmelskönigin den Speisesaal ein, indem sie ihn eigenhändig reinigte und zierte und alles vorbereitete, was erforderlich war, damit sie selbst mit den übrigen Aposteln und Jüngern bei diesen Messen die heilige Kommunion empfangen könnte. Nur der heilige Petrus feierte die Messe, indem er dabei dieselben Gebräuche und Zeremonien beobachtete wie bei den anderen, von denen ich früher gesprochen habe.

490. Die übrigen Apostel und Jünger empfingen die heilige Kommunion aus der Hand des heiligen Petrus und nach ihnen allen die allerseligste Jungfrau Maria, denn sie wählte immer den letzten Platz. Zahlreiche Engel schwebten in den Speisesaal hernieder. Im Augenblick der Konsekration wurde der Saal auf eine allen Anwesenden wahrnehmbare Weise mit wunderbarem Glanz und Wohlgeruch erfüllt, wobei der Herr in den Seelen gnadenvolle Wirkungen hervorbrachte. Nach Beendigung der ersten Messe wurden die Stunden festgesetzt, in denen sie gemeinschaftlich im Gebet verharren wollten, jedoch in der Weise, dass sie sich der Sorge für die Seelen, soweit dieses notwendig wäre, nicht ganz entziehen, aber nach beendigter Beschäftigung alsbald wieder zum Gebet zurückkehren sollten. Unsere Liebe Frau zog sich an einen Ort zurück, wo sie in vollkommener Abgeschiedenheit verweilte, ohne ihn zu verlassen oder etwas zu essen oder während jener zehn Tage ein Wort zu sprechen. Während dieser Zeit gingen an der Herrin der Welt so verborgene Dinge und Geheimnisse vor, dass die heiligen Engel mit neuer Verwunderung erfüllt wurden, ich aber nicht auszusprechen vermag, was mir darüber mitgeteilt worden ist. Ich will jedoch in Kürze davon sagen, soviel ich kann, denn alles auszusprechen ist unmöglich. Nachdem die göttliche Mutter in der ersten heiligen Messe dieser zehn Tage die heilige Kommunion empfangen hatte, begab sie sich, wie gesagt, an einen ganz einsamen Ort. Dann erhoben sie auf den Befehl des Herrn ihre Schutzengel und die übrigen anwesenden Engel auf einen Thron und trugen sie mit Leib und Seele in den Himmel empor, während unterdessen ein Engel in ihrer Gestalt ihren Platz einnahm, damit die anwesenden Apostel sie nicht vermissten. Die Engel trugen Maria mit derselben Majestät und Pracht empor, wie dies schon früher beschrieben wurde, nur geschah es dieses Mal mit noch größerer Herrlichkeit, und zwar nach der Absicht des Herrn, der es so angeordnet hatte. Als nun seine heiligste Mutter weit über die Erde empor in die Luftregionen erhoben war, gab der allmächtige Herr Befehl. dass Luzifer mit allen seinen höllischen Geistern vor dieser Königin in der Luftregion erscheine. Augenblicklich erschienen sie alle und stellten sich vor ihr auf. Maria aber sah und durchschaute sowohl ihre Wesenheit wie ihren Zustand. Dieser Anblick hätte für Maria wohl peinlich sein müssen, sind ja doch die Teufel so abscheulich und abschreckend; allein die Himmelskönigin war mit der Kraft Gottes gerüstet, um durch den Anblick so hässlicher und grauenvoller Geschöpfe nicht schmerzlich berührt zu werden. Umgekehrt ging es den Teufeln: der Herr zeigte ihnen nämlich auf ganz besondere Weise und durch außerordentliche Anschauungen die Größe und Oberhoheit, weiche diese Frau, die sie als ihre Feindin verfolgten, über sie besaß. Zugleich zeigte er ihnen, was für ein törichtes Unterfangen es sei, dass sie gegen sie ankämpften und ihr zu schaden versuchten. Überdies sahen sie zu ihrem noch größeren Schrecken, dass Maria in ihrem Herzen Christus in der Eucharistie bei sich trage, und dass die ganze heiligste Dreieinigkeit sie gleichsam mit dem Schutz ihrer Allmacht von allen Seiten umgebe, damit sie die höllischen Geister mittelst der Teilnahme an ihren göttlichen Eigenschaften zuschanden mache, erniedrige und zermalme.

491. Zu gleicher Zeit vernahmen die Teufel eine Stimme, welche, wie sie bemerkten, vom Thron Gottes ausging und also zu ihnen sprach: «Mit diesem mächtigen und unüberwindlichen Schild meines allmächtigen Armes werde ich allezeit meine Kirche beschirmen. Diese Frau wird der alten Schlange den Kopf zertreten. Sie wird über ihren Stolz und Hochmut zur Verherrlichung meines heiligsten Namens jederzeit triumphieren.» Diese und andere Geheimnisse betreffend die seligste Jµngfrau hörten und erkannten die Teufel, während sie sie zu ihrer eigenen Beschämung sehen mussten. Der Schmerz aber und das Entsetzen, welche sie hierbei fühlten, war so groß und erfüllte sie mit solcher Verzweiflung, dass sie unter schrecklichem Geheule ausriefen: «Möge doch die Macht Gottes uns alsbald in die Hölle hinabschleudern und uns nicht in der Gegenwart dieser Frau zurückhalten, die uns schrecklicher quält als das Feuer. O unbesiegbare und starke Frau, entferne dich doch von uns, weil wir nicht aus deiner Gegenwart zu entfliehen vermögen, in der uns die Kette der göttlichen Allmacht zurückhält. Warum quälst auch du uns vor der Zeit? Du allein bist in der menschlichen Natur ein Werkzeug der göttlichen Allmacht gegen uns. Und durch dich vermögen die Menschen jene ewigen Güter zu gewinnen, weIche wir verloren haben. Und wenn sie auch Gott in alle Ewigkeit zu schauen nicht hoffen dürften, wäre dein Anblick, der für uns wegen unseres Abscheues gegen dich so peinlich und qualvoll ist, für sie eine Belohnung der guten Werke, welche sie ihrem Gott und Erlöser schulden. Entlasse uns jetzt, Herr, allmächtiger Gott! Mache jetzt dieser neuen Qual ein Ende, durch welche für uns jene Qual erneuert wird, die uns bei der Verstoßung aus dem Himmel getroffen hat. Denn jetzt erfüllst du mittelst dieses Wunders deines allmächtigen Armes, was du damals uns angedroht hast.»

492. Unter solchen Ausbrüchen des Jammers und Entsetzens mussten die Teufel eine ziemlich geraume Zeit in der Gegenwart der unüberwindlichen Königin verweilen. Sie machten zwar alle möglichen Anstrengungen, um zu fliehen und sich zu entfernen, allein es wurde ihnen dieses nicht so schnell gestattet, wie ihre Wut es gewünscht hätte. Damit die schreckenerregende Macht Mariä ihnen klarer zum Bewusstsein komme und einen noch furchtbareren Eindruck auf sie mache, wollte der Herr, dass Maria selbst mit der Autorität einer Herrin und Königin ihnen die Erlaubnis zur Flucht erteile. Und das tat sie denn auch. In einem Augenblick fuhren sie nun sämtlich aus der Luftregion in den Abgrund hinab, und zwar mit einer Schnelligkeit, wie sie ihnen mit Aufbietung aller ihrer Bewegungskräfte nur möglich war. In der Hölle erhoben sie ein fürchterliches Geheul und erfüllten dadurch alle Mitverdammten mit neuen Qualen, indem sie in deren Gegenwart die Macht Gottes und seiner Mutter bekannten, obwohl sie durch diese Erkenntnis mit verbissener Wut erfüllt und durch die Unmöglichkeit, diese Wahrheit zu leugnen, heftig gepeinigt wurden. Nach diesem Sieg setzte die erhabene Herrscherin ihren Weg fort, bis sie zum empyrischen Himmel gelangte, wo sie mit unglaublichem und neuem Jubel von Seiten des himmlischen Hofes empfangen wurde und vierundzwanzig Stunden verweilte.

493. Niedergeworfen vor dem erhabenen Thron der heiligsten Dreieinigkeit, brachte Maria dem dreieinigen Gott in der Einigkeit der einen und unteilbaren Natur und Majestät ihre Anbetung dar. Dann flehte sie für die heilige Kirche, damit die Apostel erkennen und beschließen möchten, was für die Befestigung des evangelischen und die Abschaffung des mosaischen Gesetzes ersprießlich sei. Auf diese Bitten hin vernahm sie eine Stimme vom Thron, durch welche die drei göttlichen Personen nacheinander, eine jede insbesondere, ihr versprachen, den Aposteln und Jüngern bei Erklärung und Festsetzung der göttlichen Wahrheit beizustehen. Der ewige Vater werde sie mit seiner Allmacht, der Sohn als ihr Oberhaupt mit seiner Weisheit und der Heilige Geist als ihr Bräutigam mit seiner Liebe und dem Licht seiner Gaben leiten. Sodann sah die göttliche Mutter, wie die heiligste Menschheit ihres Sohnes dem himmlischen Vater die Gebete und Fürbitten, welche sie für die Kirche verrichtet hatte, darbrachte und, indem er sie insgesamt guthieß, die Bitte oder vielmehr die Beweggründe beifügte, um derentwillen sie erhört zu werden verdienten, damit der Glaube an das Evangelium und sein ganzes heiliges Gesetz in Übereinstimmung mit dem ewigen Ratschluss des göttlichen Verstandes und Willens ausgebreitet werde.

494. Hierauf erblickte die allerseligste Jungfrau, wie zur Ausführung dieses Willens und Vorschlages unseres Erlösers Jesu Christi von der unwandelbaren Wesenheit Gottes eine Gestalt ausging, wie ein Tempel oder eine Kirche, und zwar so schön, herrlich und glänzend, wie wenn sie aus Diamant oder aus hellschimmerndem Kristall erbaut wäre. Sie war mit buntem, wunderbar glänzendem Email geziert, wodurch ihre Schönheit und Kostbarkeit noch erhöht wurden. Auch die Engel und Heiligen sahen diese Kirche und riefen voll Staunen aus: «Heilig, heilig, heilig und mächtig bist du, o Herr, in allen deinen Werken (Offb 4, 8)!» Nun übergab die allerheiligste Dreieinigkeit diese Kirche der heiligsten Menschheit Jesu Christi. Der Sohn Gottes vereinigte sie mit sich, aber auf eine so wunderbare Weise, dass ich nicht imstande bin, dies mit zutreffenden Worten zu beschreiben. Dann übergab der Sohn die Kirche in die Hände seiner heiligsten Mutter, und in selben Augenblick, da sie die Kirche entgegennahm, wurde Maria mit neuem Glanz überströmt. In ein Lichtmeer getaucht, schaute nun Maria in außerordentlich hoher, beseligender Anschauung die Wesenheit Gottes von Angesicht zu Angesicht.

495. Viele Stunden lang verweilte die große Königin in diesem seligen Zustand: sie war in Wahrheit von dem allerhöchsten König in den verborgenen Keller des Würzweines eingeführt worden, von welchem im Hohenlied die Rede ist (Hld 3, 2 u. 2, 4). Weil aber das, was Maria dort empfing und erfuhr, jede Fassungskraft übersteigt, darum sage ich nur soviel: Es wurde in ihr neuerdings «die Liebe geordnet», damit sie dieselbe der heiligen Kirche, die ihr unter dem genannten Symbol übergeben worden war, zuwende. Mit solchen Gaben ausgerüstet, wurde Maria von den Engeln in das Zönakulum zurückgebracht, während sie den von ihrem heiligsten Sohn ihr überreichten geistlichen Tempel immer in Händen trug. Die folgenden neun Tage verharrte sie unbeweglich in beständigem Gebet, ohne die Akte, zu welchen die beseligende Anschauung sie angeregt hatte, zu unterbrechen. Indes ist der menschliche Verstand unfähig, diese Akte zu begreifen, und Worte sind unzureichend, dieselben darzustellen. Unter anderem tat Maria auch folgendes: Sie verteilte die Schätze der Erlösung unter die Kinder dieser Kirche. Bei den Aposteln beginnend und alle kommenden Zeitalter der Kirche durchgehend, wendete sie in Übereinstimmung mit den geheimen Ratschlüssen der ewigen Auserwählung diese Schätze den jeweiligen Gerechten und Heiligen zu. Und weil Jesus, der reinste Sohn Mariä, seiner heiligsten Mutter die Ausführung dieser Ratschlüsse übertrug, so gab er ihr auch die Herrschaft über die ganze Kirche und das Recht, die Gnade, welche sie auf Grund der Verdienste der Erlösung einem jeden erflehen würde, auszuteilen. Ich bin aber nicht imstande, mich bei der Darstellung eines so tief verborgenen Geheimnisses deutlicher auszudrücken.

496. Am letzten der zehn Tage feierte der heilige Petrus wieder die heilige Messe, bei welcher alle diejenigen wieder kommunizierten, welche das vorige Mal schon die heilige Kommunion empfangen hatten. Nachdem alle im Namen des Herrn versammelt waren, riefen sie den Heiligen Geist an und begannen mit der Beratung und Entscheidung der in der Kirche obwaltenden Zweifel. Zuerst ergriff der heilige Petrus als Haupt und Oberhirte das Wort: hierauf der heilige Paulus und Barnabas und nach ihnen der heilige Jakobus der Jüngere, wie der heilige Lukas im fünfzehnten Kapitel der Apostelgeschichte berichtet. Das erste, was auf diesem Konzil festgesetzt wurde, war, dass die Getauften nicht mehr zur Beobachtung des schweren Gebotes der Beschneidung und zum mosaischen Gesetze angehalten werden sollten, weil jetzt das ewige Heil durch die Taufe und den Glauben an Christus verliehen werde. Dies ist es, was der heilige Lukas vorzüglich erwähnt: indes wurden auch noch andere Bestimmungen getroffen, welche die Regierung der Kirche und die kirchlichen Zeremonien betrafen. Es sollten nämlich einige Missbräuche beseitigt werden, welche sich durch unklugen Eifer einzelner Gläubigen eingeschlichen hatten. Dieses Konzil gilt als das erste der Apostel, obwohl diese auch schon früher sich versammelt hatten, um das Glaubensbekenntnis abzufassen und andere Dinge zu ordnen, wie ich oben schon erwähnt habe (Nr. 215). Allein zur Abfassung des Credo waren bloß die zwölf Apostel zusammengekommen: zu diesem Konzil aber wurden auch die Jünger, welche sich einfinden konnten, berufen. Ebenso waren dieses Mal die Zeremonien bei der Beratung und Beschlussfassung ganz andere, und wie aus dem Bericht des heiligen Lukas ersichtlich ist (Apg 15, 28), geschah dieses Mal die Beschlussfassung in Form einer eigentlichen Entscheidung, nämlich mit den Worten: «Es hat dem Heiligen Geiste und uns hier Versammelten gefallen.»

497. Mit dieser Formel teilte das Konzil den Gläubigen und den Kirchen von Antiochien, Syrien und Cilicien die gefassten Beschlüsse schriftlich mit und übersandte die Sendschreiben durch die Hände des heiligen Paulus, Barnabas und durch andere Jünger. Zur Bestätigung der getroffenen Entscheidung geschah es, dass bei deren Abfassung im Zönakulum der Heilige Geist vor den Augen der ganzen Versammlung sichtbar in Gestalt von Feuer herabstieg. Und dasselbe geschah auch zu Antiochien bei Verlesung des Sendschreibens. Dadurch wurden alle Gläubigen getröstet und in der katholischen Wahrheit befestigt. Die allerseligste Jungfrau Maria aber dankte dem Herrn für die Wohltat, welche der heiligen Kirche durch diese Entscheidung zuteil geworden war. Dann verabschiedete sich Maria von Paulus und Barnabas samt den übrigen, nachdem sie ihnen zuvor zu ihrem Trost einige Reliquien von den Tüchern und Leidenswerkzeugen des Herrn gegeben hatte. Sie verhieß ihnen ihren Schutz und ihr Gebet und entließ sie, mit Trost und neuem Geist erfüllt und ausgerüstet mit Stärke für die ihnen bevorstehenden Arbeiten. Während jener ganzen Zeit aber, da dieses Konzil beisammen war, konnten sich der Fürst der Finsternis und seine Diener dem Abendmahlshaus in keiner Weise nähern: die Furcht, welche ihnen Maria einjagte, hinderte sie daran. Sie gingen zwar in der Ferne umher und lauerten, aber etwas gegen die Versammlung auszurichten, waren sie nicht imstande. O glückliche Zeit, o glückliche Versammlung!

498. Da der Teufel allezeit die heilige Königin umlauerte und gleich einem Löwen gegen sie brüllte, sich jedoch überzeugen musste, dass er aus sich selbst nichts gegen sie ausrichte, so suchte er einige der Zauberei ergebene Frauen in Jerusalem auf, die durch einen ausdrücklichen Vertrag mit ihm verbunden waren. Diese beredete er, der seligsten Jungfrau Maria durch Zaubermittel das Leben zu nehmen. Und wirklich machten diese betrogenen und unglücklichen Frauen hierzu den Versuch und zwar auf verschiedenen Wegen. Allein ihre Zaubermittel blieben erfolglos. Und öfters, wenn sie in dieser Absicht vor der allerseligsten Jungfrau erschienen, waren sie stumm und vor Schrecken gelähmt. Ja, die alles Maß übersteigende Güte dieser süßesten Mutter bemühte sich sehr viel, sie auf bessere Wege zu bringen und sie teils durch Worte, teils durch Spendung von Wohltaten ihrem Betrug zu entreißen. Allein von den vier Personen, deren sich der Teufel zu seinem Plan bedient hatte, stand nur eine von ihrer Verkehrtheit ab und empfing die Taufe. Als aber Luzifer alle diese Anschläge vereitelt sah, geriet dieser arglistige Drache in solche Wut und Raserei, dass er gerne von seinen Versuchungen gegen Maria abgestanden wäre, wenn er dieses mit seinem unersättlichen Stolz hätte vereinigen können. Gott der Allmächtige aber ließ dieses alles zu, damit der Triumph und die Siege seiner Mutter desto herrlicher würden, wie wir im folgenden Hauptstück sehen werden.

LEHRE, welche mir die seligste Jungfrau Maria, die Königin der Engel, gegeben hat.

499. Meine Tochter, die Beharrlichkeit und unüberwindliche Stärke, womit ich die grausame Hartnäckigkeit der höllischen Geister besiegte, enthält für dich eine der wichtigsten Lehren, um in der Gnade zu verharren und große Verdienste zu erwerben. Die Natur der Menschen und die der Engel und zwar auch der bösen Engel, haben ganz verschiedene, einander entgegengesetzte Eigenschaften. Die Natur der Geister ist nicht der Ermüdung unterworfen, die der Menschen dagegen gebrechlich und träge, so dass sie im Handeln bald ermüdet und nachlässt: wenn ihr bei Ausübung der Tugend eine Schwierigkeit aufstößt, so verliert sie den Mut und lässt von dem Begonnenen ab. Was sie heute mit Freuden vollbringt, tut sie morgen mit Unlust: was sie heute leicht findet, das findet sie morgen schwierig: bald will sie etwas, bald will sie es nicht: bald ist sie voll Eifer, bald ist sie wieder lau. Der Teufel dagegen zeigt sich niemals müde. Nie ist er im Verfolgen und Versuchen der Menschen träge. Indes lässt es der Allerhöchste hierbei an seiner Vorsehung nicht ermangeln, denn er setzt den Teufeln Schranken und tut ihrer Gewalt Einhalt, so dass sie die von Gottes Zulassung bestimmte Grenzlinie nicht zu überschreiten, noch alle ihre unermüdlichen Kräfte zur Verfolgung der Seelen anzuwenden vermögen. Den Menschen dagegen verleiht er in ihrer Schwachheit seine Hilfe, gewährt ihnen Gnade und Kräfte, wodurch sie ihren Feinden zu widerstehen und sie auf dem Kampfplatz, wo diese ihnen mit ihren Versuchungen nahen dürfen, zu besiegen imstande sind.

500. Aus diesem Grund ist auch die Unbeständigkeit jener Seelen unentschuldbar, welche bei Übung der Tugend und zur Zeit der Versuchung matt werden, weil sie nicht genug Starkmut und Geduld besitzen, um die kurze Bitterkeit zu ertragen, welche ihnen bei Verrichtung der guten Werke und beim Widerstand gegen den Teufel zustößt. Bald legt sich nämlich ihnen die Neigung der Leidenschaft in die Quere, welche nur nach dem verlangt, was für den Augenblick ergötzt und in die Sinne fällt: und auch der höllische Geist fällt sie in seiner teuflischen Verschmitztheit gewaltig an und weist sie auf das Lästige und Beschwerliche bei der Abtötung hin: ja er stellt diese, soweit er kann, als schädlich für die Gesundheit und das Leben dar. Mittelst solcher Täuschungen bringt er unzählige Seelen zum Fall und stürzt sie von einem Abgrund in den andern. In dieser Hinsicht weise ich dich, meine Tochter, auf einen Irrtum hin, der bei den Weltleuten allgemein vorkommt, der aber in den Augen des Herrn und in meinen Augen sehr verabscheuungswürdig ist. Dieser besteht darin, dass gar viele Menschen schwach, unbeständig und lau sind, wenn es sich darum handelt, ein Werk der Tugend, der Abtötung oder der Buße für ihre Sünden im Dienste Gottes zu verrichten. Und eben diese Menschen, die sich zum Guten so schwach zeigen, sind zum Sündigen gar stark. Im Dienste des Teufels sind sie standhaft und unternehmend: sie verrichten im Dienste des bösen Feindes Werke, welche schwerer und mühevoller sind als alles, was das Gesetz Gottes ihnen befiehlt: kurz, um ihre Seele zu retten, sind sie schwach und kraftlos, um sich aber die ewige Verdammnis zu verdienen, sind sie stark und kräftig.

501. Und dieser Schaden erstreckt sich zum Teil auch auf jene, welche sich zu einem vollkommenen Leben bekennen, dabei aber mehr, als angemessen ist, auf ihre Gebrechlichkeit Rücksicht nehmen. Infolge dieses Irrtums bleiben sie entweder weit in der Vollkommenheit zurück, oder es gewinnt der Teufel bei seinen Versuchungen nicht wenige Siege. Damit nun du, meine Tochter, dich nicht in solche Gefahren verwickelst, wird es dir von Nutzen sein, wenn du betrachtest, mit welchem Starkmut und welcher Standhaftigkeit ich dem Teufel und der ganzen Hölle widerstanden und mit welcher Überlegenheit ich seine falschen Vorspiegelungen und Versuchungen von mir gewiesen habe, ohne mich durch dieselben beirren zu lassen oder auf sie zu achten. Denn dies ist die beste Art und Weise, seinen herrschsüchtigen Stolz zu besiegen. Auch unterließ ich wegen solcher Versuchungen meine guten Werke keineswegs, noch setzte ich meine Übungen aus: im Gegenteil. Ich vermehrte sie noch: ich lag mit noch größerem Eifer unter Flehen und Tränen dem Gebete ob, wie man dies zur Zeit des Kampfes gegen jene Feinde tun soll. Und darum ermahne ich auch dich, dieses mit allem Eifer zu tun: denn deine Versuchungen sind keine gewöhnlichen, sondern der Art. wie sie nur von der größten Bosheit des Teufels kommen können. Ich habe dir dies schon oftmals gesagt und die eigene Erfahrung lehrt es dich.

502. Und da du bemerkt hast, welch großen Schrecken die bösen Geister empfanden, als sie gewahrten, dass ich meinen im heiligsten Sakramente gegenwärtigen Sohn in meinem Herzen trug, so mache ich dich auf zwei Dinge aufmerksam: das erste ist, dass alle der heiligen Kirche anvertrauten Sakramente, insbesondere die hochheilige Eucharistie, gewaltige Waffen bilden, um die höllischen Anschläge zu vereiteln und alle Teufel in Schrecken zu versetzen. Gerade dieses war eine der verborgenen Absichten, welche mein heiligster Sohn bei Einsetzung dieses erhabenen Geheimnisses und der übrigen Sakramente hatte. Wenn aber heuzutage die Seelen diese Kraft und diese Wirkung nicht immer erfahren, so liegt der Grund darin, dass sie, an den Gebrauch dieser Sakramente gewöhnt, viel von der Ehrfurcht und Hochschätzung verloren haben, womit sie sie behandeln und empfangen sollten. Sei versichert: jene Seelen, welche die heiligen Sakramente mit Ehrfurcht und Andacht empfangen, sind den höllischen Geistern furchtbar: sie besitzen eine große und mächtige Gewalt über den Satan, ähnlich wie du dies an mir gesehen und in dem Vorausgehenden beschrieben hast. Der Grund ist der: Wenn sich dieses göttliche Feuer in einer reinen Seele befindet, so ist es sozusagen in seinem Elemente: in mir aber entfaltete es, soweit dies bei einem bloßen Geschöpf möglich ist, die ganze Kraft seiner Wirksamkeit und darum war ich der Hölle so furchtbar.

503. Das zweite, was ich zum Beweis dieser Wahrheit anführen will, ist dieses, dass die genannte Gnade nicht auf mich allein beschränkt blieb. Gott ließ sie in gewissem Grad auch auf andere Seelen übergehen. Gerade in diesen Zeiten ist es in der Kirche geschehen, dass Gott dem höllischen Drachen, um ihn zu besiegen, eine Seele zeigte und gegenüberstellte, welche Christus im heiligsten Sakramente in ihrem Herzen trug. Dadurch hat er den Luzifer so niedergeschlagen und gebändigt, dass er geraume Zeit hindurch nicht mehr vor jener Seele zu erscheinen wagte und sogar an den Allmächtigen die Bitte stellte, er möge sie ihm in diesem Zustand, d.h. mit dem hochwürdigsten Gute im Herzen nicht mehr zeigen. Bei einer anderen Gelegenheit ereignete es sich, dass Luzifer mit Hilfe einiger Ketzer und anderer schlechten Christen gegen das katholische Königreich Spanien einen höchst verderblichen Plan schmiedete, hätte Gott nicht mittelst dieser nämlichen Person ihn vereitelt, so wäre ganz Spanien schon zugrunde gegangen und eine Beute seiner Feinde geworden. Aber die göttliche Güte hat zur Vereitelung dieses Planes sich der oben genannten Person bedient, indem er dieselbe nach dem Empfang der heiligen Kommunion dem Teufel und seinen Helfershelfern zeigte. Durch den hierdurch verursachten Schrecken bewogen, standen die bösen Geister von dem ruchlosen Plan ab, den sie geschmiedet hatten, um Spanien mit einem Mal zugrunde zu richten. Wer diese Person ist, sage ich dir nicht: denn es ist nicht notwendig, und ich habe dir dieses Geheimnis nur deshalb mitgeteilt, damit du einsiehst, wie viel in Gottes Augen eine Seele gilt, welche sich für seine Gaben empfänglich macht und ihn im heiligsten Sakramente würdig empfängt. Du siehst hieraus aber auch, dass er sich nicht bloß gegen mich um meiner Mutterwürde und Heiligkeit willen so freigebig und mächtig gezeigt hat, sondern dass er auch in andern Seelen, welche seine Bräute sind, erkannt und verherrlicht werden will. Denn er kommt seiner Kirche in ihren Nöten zu Hilfe, je nachdem Zeit und Umstände es erfordern.

504. Hieraus kannst du aber auch erkennen, dass die Teufel gerade deshalb, weil sie jene Seelen so sehr fürchten, weIche die heilige Kommunion und die andern Sakramente würdig empfangen und dadurch eine unüberwindliche Stärke gegen sie erlangen, sich auch ganz besonders bemühen, um solche Seelen zum Fall zu bringen oder zu bewirken, dass sie keine so große Gewalt über sie erlangen, als der Herr ihnen mitteilt. Wende darum gegen diese unermüdeten und arglistigen Feinde alle Sorgfalt an und folge mir in diesem meinem Starkmut nach. Ferner verlange ich von dir, dass du die Konzilien der heiligen Kirche und überhaupt alle kirchlichen Versammlungen mit ihren Anordnungen und Beschlüssen in hohen Ehren haltest. Denn bei Konzilien ist der Heilige Geist gegenwärtig und bei den im Namen des Herrn veranstalteten Versammlungen ist er nach seiner Verheißung gleichfalls unter den Versammelten (Mt 18, 20), deshalb muss man ihren Anordnungen und Geboten gehorchen. Und ist auch jetzt die Gegenwart des Heiligen Geistes bei den Konzilien nicht mehr an sichtbaren Zeichen wahrzunehmen, so hört er deshalb doch nicht auf, dieselben unsichtbarerweise zu leiten: es sind ja jetzt die Zeichen und Wunder dabei nicht mehr so notwendig, wie in den ersten Zeiten der Kirche: und insofern sie notwendig sind, unterlässt der Herr auch jetzt nicht, solche zu wirken. Du aber lobe und preise den Herrn für all diese Wohltaten seiner freigebigen Güte und Barmherzigkeit, insbesondere für jene, die er mir erwiesen hat, solange ich im sterblichen Fleisch wandelte.

SIEBENTES HAUPTSTÜCK: Völlige Besiegung Luzifers. Erklärung des 12. Kapitels der geheimen Offenbarung

Die heiligste Jungfrau Maria beendet die Kämpfe durch einen glorreichen Sieg über die höllischen Geister, wie es der heilige Johannes im zwölften Kapitel der geheimen Offenbarung beschreibt.

505. Zum besseren Verständnis der großen Geheimnisse dieses Hauptstückes muss man notwendigerweise die Kenntnis derjenigen voraussetzen, die ich im ersten Teil, im ersten Buch, vom achten bis zehnten Hauptstück (S. 1. Teil. Nr. 94-132) beschrieben habe. Ich habe nämlich in jenen drei Hauptstücken das zwölfte Kapitel der Geheimen Offenbarung in der Weise erklärt, wie es mir damals zu verstehen gegeben wurde. Indes habe ich nicht bloß damals, sondern überhaupt im ganzen Verlauf dieser heiligen Geschichte den Leser auf diesen dritten Teil verwiesen. Denn hier ist die geeignete Stelle, um einlässlich zu beschreiben, wie die Kämpfe der allerseligsten Jungfrau Maria gegen Luzifer und seine höllischen Geister verliefen, wie Maria über den Satan triumphierte, und in welchem Zustand der Allerhöchste seine Mutter nach diesen geheimnisvollen Siegen für die Zeit erhob, welche sie noch im sterblichen Fleisch verlebte. Von all diesen verehrungswürdigen Geheimnissen erhielt der heilige Evangelist Johannes Kenntnis und er beschrieb sie auch in seiner Geheimen Offenbarung, wie ich das sonst schon gesagt habe, namentlich im zwölften und einundzwanzigsten Kapitel, deren Erklärung ich aus zwei Gründen hier wiederum anführen muss.

506. Fürs erste nämlich sind diese Geheimnisse so groß, so ausgezeichnet und erhaben, dass sie niemals weder erschöpfend erfasst noch der Sache entsprechend dargestellt werden können. Und das ist um so weniger der Fall, weil der Evangelist dieselben als das Geheimnis des Königs und der Königin in so geheime Sinnsprüche und dunkle Redeweisen eingehüllt hat, dass nur der Herr selbst sie zu erklären imstande ist, wann und wie dies seinem heiligen Willen gefällt. Und auch Maria befahl dem heiligen Evangelisten, auf diese Weise zu schreiben. Der zweite Grund ist folgender: Die stolze Empörung Luzifers war allerdings gegen den Willen und die Anordnungen des allerhöchsten und allmächtigen Gottes gerichtet: allein der Hauptgegenstand, auf welchen sich die Empörung bezog, waren unser Heiland Jesus Christus und seine heiligste Mutter, indem sich die abgefallenen. aufrührerischen Engel der Würde und Hoheit Jesu und Mariä nicht unterwerfen wollten. Diese Empörung war es, weswegen jener erste Kampf stattfand, den die bösen Geister einstens im Himmel mit dem heiligen Michael und seinen Engeln zu bestehen hatten. Nun aber hatten die bösen Geister damals nicht gegen die Person des menschgewordenen Wortes und seiner jungfräulichen Mutter kämpfen können: ihr Kampf war nur gegen jenes Zeichen oder Bild der geheimnisvollen Frau gerichtet, das ihnen im Himmel vorgestellt und gezeigt worden war samt den Geheimnissen, welche diese Frau als Mutter des aus ihr geborenen ewigen Wortes in sich schloss. Als nun die Zeit gekommen war, dass diese wunderbaren Geheimnisse in Erfüllung gehen sollten, d.h. als das Wort im Heiligtum des jungfräulichen Schosses Mariä Mensch geworden war, musste der Kampf Satans erneuert und gegen die Person Jesu und Mariä geführt werden, damit Jesus und Maria auch persönlich die bösen Geister besiegten. Denn dies hatte der Herr den Teufeln angedroht, zuerst im Himmel und nachher im Paradies, wo er gesagt, dass er Feindschaft setzen werde zwischen der Frau und der Schlange und zwischen dem beiderseitigen Samen, und dass die Frau der Schlange den Kopf zertreten werde (Gen 3,15).

507. Alles dieses ging an Jesus und Maria buchstäblich in Erfüllung. Darum sagt der heilige Paulus von unserm Hohenpriester und Erlöser, er sei in allem versucht worden ähnlich wie wir und uns zum Beispiel, ohne jedoch von der Sünde berührt zu werden (Hebr 4,15): und dasselbe war bei der heiligsten Jungfrau der Fall. Schon nach seinem Sturz aus dem Himmel erhielt der Teufel Erlaubnis, sie zu versuchen, wie ich in dem angeführten zehnten Hauptstück des ersten Buches gesagt habe (1. Teil Nr. 127). Weil nun dieser Kampf Mariä jenem ersten, im Himmel vorgefallenen Kampf entsprach und für die Teufel die Ausführung der Drohung und Strafe war, welche beim Erscheinen jenes großen Zeichens gegen sie ausgesprochen wurde, so hat der Evangelist mit denselben Worten und Bildern beide Kämpfe beschrieben. Nachdem ich aber die Auslegung mit Bezug auf den ersten Kampf bereits gegeben habe, ist nun der Verlauf des zweiten darzustellen.

Nach jener ersten Empörung waren Luzifer und seine höllischen Geister für alle Ewigkeit mit der Beraubung der beseligenden Anschauung Gottes bestraft und in die Hölle verstoßen worden: bei diesem zweiten Kampf aber wurden sie mit akzidentellen Peinen gezüchtigt, welche ihren zur Verfolgung und Versuchung Mariä gemachten Plänen und Anstrengungen entsprachen. Der Grund ist folgender: Die Fähigkeiten eines Geschöpfes empfinden, wenn sie irgend etwas erreichen, wonach sie Verlangen trugen, naturgemäß Freude und Ergötzen, und zwar um so mehr, je heftiger sie nach dem Gegenstand verlangten. Umgekehrt aber empfinden sie Schmerz, Pein und Missvergnügen, wenn sie das Gewünschte nicht erlangen, oder wenn das Gegenteil von dem geschieht, was sie wünschten und hofften. Nun hatten aber die Teufel seit ihrem Fall nichts so heftig begehrt, als diejenige der Gnade zu berauben, welche für die Kinder Adams die Vermittlerin der Gnade geworden war. Darum war es für die Höllendrachen eine unsägliche Pein, sich besiegt und unterworfen und die Hoffnungen und Erwartungen, die sie seit Jahrhunderten genährt hatten, getäuscht zu sehen.

508. Der göttlichen Mutter aber gereichte es aus eben diesen und vielen andern Gründen zur ganz besonderen Freude, die alte Schlange besiegt und zertreten zu sehen. Bei Beendigung des Kampfes und zum Beginn des neuen Zustandes, in welchem Maria nach diesen Siegen verbleiben sollte, gewährte ihr heiligster Sohn ihr solche Gnaden und Gaben, dass sie jede menschliche und englische Fassungskraft übersteigen. Und indem ich einiges von dem, was mir gezeigt worden ist, mitteilen will, muss ich dem Leser bemerken, dass unsere Ausdrücke und Worte wegen der Beschränktheit unseres Verstandes und unserer Fähigkeiten immer dieselben sind, mögen wir nun diese oder andere übernatürliche Geheimnisse erklären, und mögen diese ganz erhaben oder für uns minder unbegreiflich sein. Der Gegenstand aber, wovon ich jetzt spreche, hat einen unendlichen Inhalt oder Umfang. Gottes Allmacht konnte Maria von einem Zustand, der uns als der höchste erscheint, zu einem noch höheren und von diesem abermals zu einem noch höheren und besseren erheben und sie in eben dieser Art der Gnaden, Gaben und Gunsterweisungen befestigen. Denn wenn Unsere Liebe Frau, wie es bei ihr wirklich der Fall war, alles das erreichte, was nicht Gott ist, so erreicht sie dadurch eine unermessliche Größe und bildet für sich allein eine eigene Hierarchie, welche größer und höher ist als alle übrigen Geschöpfe, sowohl Engel als Menschen, zusammen.

509. Dieses vorausgesetzt, will ich nun, soweit es mir möglich ist, berichten, was mit Luzifer geschah, bis er zum letzten Mal von der heiligsten Jungfrau Maria und ihrem Sohn, unserem Heiland, besiegt wurde. Dieser Drache und seine höllischen Geister waren durch den im letzten Hauptstück beschriebenen Sieg Mariä, wobei sie aus der Luftregion niedergestürzt und in den Abrund geschleudert wurden, keineswegs klüger geworden. Ebenso wenig geschah dies, als die Zaubermittel, welche der Satan mittelst der oben genannten Frauen von Jerusalem gegen Maria anwandte, fehlschlugen. In seiner unersättlichen Bosheit und Feindseligkeit dachte er vielmehr nur daran, dass ihm von der zur Versuchung und Verfolgung gewährten Frist nur wenig mehr übrigbleibe: darum suchte er die Kürze der Zeit durch verdoppelte Wut und erhöhte Verwegenheit zu ersetzen. Zu diesem Zweck suchte er vor allem anderen größere Zauberer auf, die er in der Zauberei und der schwarzen Kunst sehr gut unterrichtet hatte. Diesen erteilte er neue Unterweisungen und beauftragte sie, derjenigen das Leben zu nehmen, welche er als seine Feindin betrachtete. Und wirklich machten diese ruchlosen Zauberer viele Versuche und wandten verschiedene. sehr grausame und wirksame Arten der Zauberei an, vermochten aber durch keine der Gesundheit und dem Leben der allerseligsten Gottesmutter weder im großen noch im kleinen zu schaden. Denn die Wirkungen der Sünde hatten keine Gewalt über diejenige, welche an der Sünde selbst keinen Anteil hatte und auch aus andern Gründen mit besonderen Vorrechten ausgestattet und über die Einwirkung aller natürlichen Ursachen erhaben war. Als der Drache dieses bemerkte und alle mit so vieler Mühe ins Werk gesetzten Pläne vereitelt sah, züchtigte er die Zauberer, deren er sich bedient hatte, in schrecklicher und grausamer Weise. Der Herr aber ließ dieses zur Strafe für ihre Verwegenheit zu, damit sie erkennen möchten, welchem Herrn sie gedient hatten.

510. Luzifer, dessen Wut und heftiger Zorn jetzt noch größer wurde, versammelte nun sämtliche Fürsten der Finsternis um sich und erwog mit ihnen reiflich alle seit ihrer Verstoßung aus dem Himmel dargebotenen Gründe, um ihre ganze Kraft und Bosheit zur Vernichtung dieser ihnen feindlichen Frau aufzubieten, welche sie nun als diejenige erkannten, die ihnen einstens im Himmel gezeigt worden war. Sie kamen alle in dem Beschluss überein, gemeinschaftlich auszuziehen, um die heiligste Jungfrau. wenn sie ganz allein sei, anzugreifen: denn sie meinten, Maria werde doch einmal bei irgend einer Gelegenheit weniger vorsichtig sein oder eines Verteidigers entbehren. So benützten sie nun die ihnen günstig scheinende Gelegenheit: die Hölle leerend, zogen sie zu diesem Unternehmen aus und stürmten in ganzen Scharen heran, während Maria ganz allein in ihrem Betkämmerchen war. Der Kampf war der heftigste von allen, der gegen eine bloße Kreatur seit dem ersten Kampf im Himmel stattfand oder bis zum Ende der Welt stattfinden wird. Er war jenem ersten Kampf im Himmel sehr ähnlich. Will man sich von der Wut, wovon Luzifer und seine höllischen Geister entbrannt waren, eine Vorstellung machen, so darf man nur erwägen, welche Qual sie in der Nähe des Ortes, wo Maria sich befand, und beim Anblicke derselben empfanden, sowohl wegen der göttlichen Macht, welche sie an ihr wahrnahmen, als auch wegen der vielen Niederlagen, welche sie durch Maria erlitten hatten. Doch die Erbitterung und der Neid der Teufel überwand selbst diese schmerzliche Pein und trieb sie an, der Qual, die sie empfanden, zu trotzen und sich, wie man zu sagen pflegt, in Speere und Schwerter zu stürzen, um an der Himmelskönigin Rache zu nehmen. Denn die Unterlassung dieses Versuches wäre für Luzifer peinlicher gewesen als jede andere Qual.

511. Der erste Sturm bei diesem Kampf war hauptsächlich gegen die äußeren Sinne Unserer Lieben Frau gerichtet. Zu diesem Zweck erhoben die Teufel ein gewaltiges Geheul und Geschrei. Um Schrecken und Bestürzung zu erregen, brachten sie in der Luft ein fürchterliches Geräusch und Beben hervor, als ob das Weltgebäude zusammenstürzen sollte. Um den Schrecken noch größer zu machen, nahmen sie verschiedene sichtbare Gestalten an. Die einen stellten hässliche und abscheuliche Teufel in verschiedenen Gestalten dar, andere aber Engel des Lichtes. Und so führten sie gegenseitig einen furchtbaren, finsteren Kampf. Dabei gaben sie nicht zu erkennen, warum der Streit geführt werde: man hörte weiter nichts als das verworrene, schreckliche Geräusch. Diese Versuchung hatte zum Zweck, die Himmelskönigin in Schrecken und Verwirrung zu setzen. Und dieses wäre bei jedem andern Menschen gewiss im höchsten Grad geschehen, selbst bei einem Heiligen, falls ihm bloß eine gewöhnliche Gnade zur Seite gestanden wäre: er würde den Schrecken nicht zu ertragen vermocht haben, sondern wäre gestorben, zumal da dieser Angriff volle zwölf Stunden dauerte.

512. Aber unsere große Königin und Herrin blieb bei all diesen Vorgängen unerschütterlich ruhig und heiter, wie wenn sie nichts gesehen und gehört hätte. Beim ganzen Höllenlärm ließ sie sich nicht außer Fassung bringen, wurde nicht erregt, änderte keine Miene und zeigte auch keine Traurigkeit und Aufregung. Hierauf rückten die höllischen Geister mit Versuchungen gegen die inneren Kräfte der unbesiegbaren Mutter heran. Hierbei gossen sie die Flut ihres teuflischen Geifers in höherem Maß aus, als ich dieses aussprechen kann. Denn was sie nur immer an solchen Offenbarungen, Vorstellungen, Einflüsterungen, Verheißungen und Drohungen vorzubringen vermochten, wandten sie an, ohne dass sie auch nur eine einzige Tugend verschont und dieselbe nicht zu allen entgegengesetzten Lastern mit allen Mitteln und auf alle Weise versucht hätten, wie dieses nur immer die Verschmitztheit so vieler Teufel zu tun imstande war. Ich will mich in die Aufzählung dieser Versuchungen im einzelnen nicht näher einlassen, denn es ist dies weder notwendig noch am Platz. Unsere Herrin und Königin aber überwand sie so glorreich, dass sie allen Lastern gegenüber heldenmütige Akte der entgegengesetzten Tugenden erweckte. Von der Vollkommenheit dieser Akte kann man sich eine Vorstellung machen, wenn man bedenkt, dass sie mit aller Anstrengung und Stärke der Gnade, Tugenden und Gaben wirkte, welche sie im damaligen Zustand ihrer Heiligkeit besaß.

513. In diesem Kampf betete Maria für alle, welche jemals vom Teufel versucht und bedrängt werden würden. Sie wusste ja aus Erfahrung, wie mächtig die Bosheit des Satans und wie notwendig der Beistand Gottes zu deren Überwindung sei. Und der Herr gewährte ihr auch, dass alle, welche in Versuchungen Maria anrufen, durch ihre Vermittlung Schutz erhalten sollten. Die Teufel setzten aber diesen Kampf so lange fort, bis sie keine neue Bosheit mehr zu ersinnen wussten, womit sie die reinste von allen Kreaturen zu bekämpfen vermocht hätten. Endlich aber verlangte es die Gerechtigkeit, dass Gott sich erhebe und seine Sache verteidige, damit, wie David sagt (Ps 73, 22; 67, 2), seine Feinde zerstreut würden und vor seinem Angesicht fliehen müssten, die ihn hassen. Zur Abhaltung dieses Gerichtes stieg das menschgewordene Wort selbst in das Zönakulum hernieder und erschien in dem einsamen Gemach, in weIchem sich seine jungfräuliche Mutter befand. Für sie erschien er als süßer, liebevoller Sohn, für die bösen Feinde aber als strenger Richter auf dem Thron seiner höchsten Majestät. Es begleiteten ihn unzählige Engel und überdies viele Heilige der Vorzeit: unter ihnen Adam und Eva mit vielen Patriarchen und Propheten, und außerdem Joachim und Anna. Alle stellten sich der allerseligsten Jungfrau in ihrer Betkammer vor.

514. Mit den gewöhnlichen Zeichen der Verehrung und Huldigung betete die große Herrin, zur Erde niedergeworfen, ihren Sohn und wahren Gott an. Die Teufel sahen den Herrn nicht, fühlten aber auf andere Weise seine königliche Gegenwart, weshalb sie voll Angst zu fliehen versuchten, um dem, was da kommen möchte, zu entgehen. Allein die Macht Gottes hielt sie zurück: denn der Herr schlug sie - in dem Sinne, wie dies von reinen Geistern gesagt werden kann - in starke Ketten und übergab das Ende derselben in die Hände seiner heiligsten Mutter.

515. Nun ging vom Thron Gottes eine Stimme aus, welche den Teufeln zurief: «Heute wird der Zorn des Allmächtigen über euch kommen. Eine Frau, das von Adam und Eva abstammt, wird euch den Kopf zertreten. Der alte Urteilspruch, der im Himmel und später auch im Paradies gefällt wurde, wird vollzogen werden: denn in eurem Ungehorsam und Stolz habt ihr die Menschheit des Wortes verachtet und diejenige verschmäht, welche im Heiligtum ihres jungfräulichen Schoßes das Wort mit Fleisch bekleidet hat.» Hierauf ward die heiligste Jungfrau durch die Hände von sechs aus den höchsten Seraphim, welche am königlichen Throne standen, von der Erde erhoben und auf eine glänzende Wolke neben dem Thron ihres heiligsten Sohnes gesetzt. Nun strömte von der Gottheit des Sohnes ein außerordentlicher und unbeschreiblicher Glanz aus, welcher Maria ganz umgab und gleichsam bekleidete, so dass sie wie die Sonne erschien (Offb 12,1 ff). Unter ihren Füßen zeigte sich der Mond, um anzudeuten, dass sie alles Niedrige, Irdische und Vergängliche, das der Mond durch den leeren Raum sinnbildet, mit Füßen trete. Auf ihr Haupt ward ein Diadem oder eine Königskrone von zwölf Sternen gesetzt, als das Symbol der göttlichen Vollkommenheiten, welche ihr in dem höchsten, für eine bloße Kreatur möglichen Grad verliehen worden waren. Sie erschien auch gesegneten Leibes, nicht nur durch ihre göttliche Leibesfrucht, sondern auch durch die Liebe, welche an Größe zur Würde ihrer Frucht im Verhältnisse stand. Sie schien in Kindesnöten zu rufen, wodurch ihr Verlangen ausgedrückt wurde, dass alle vernünftigen Geschöpfe an der Frucht ihres Leibes teilhaben möchten: allein diese wehrten sich dagegen, wiewohl die Frau unter Tränen und Seufzern ihr Verlangen kundgab.

516. Dieses große Zeichen, wie es im göttlichen Geist gebildet worden war, wurde in jenem Himmel dem Luzifer vorgehalten, welcher in Gestalt eines großen blutroten Drachen zugegen war und sieben Köpfe mit sieben Diademen und zehn Hörnern hatte. Durch diese schreckliche Gestalt sollte nämlich angezeigt werden, dass er der Urheber aller sieben Hauptsünden sei und sie auf der Welt mit den sieben von ihm ausgedachten Ketzereien (Es gibt bekanntlich sehr viele Ketzereien; wenn hier von sieben die Rede ist so kann dies auf ähnliche Weise geschehen, wie man z. B. die verschiedenen Sünden auf sieben Hauptsünden zurückführt. Der Herausgeber) zu krönen verlange, welche darum auf sieben Diademe zurückgeführt werden. Ebenso sollte angedeutet werden, dass er mit dem Scharfsinn und der Stärke seiner Arglist und Bosheit bei den Menschen das in den zehn Geboten enthaltene Gesetz vernichtet, indem er sich mit zehn Hörnern gegen dasselbe bewaffnete. Ferner zog er mit dem Kreis seines Schwanzes den dritten Teil der Sterne nach sich (Offb 12, 4), insofern er nicht bloß die Tausende von abgefallenen Engeln, die ihm schon damals in seinem Ungehorsam nachfolgten, nach sich zog, sondern ebenso auch vom Himmel dieser Kirche so manche, die man an Würde oder Heiligkeit über die Sterne sich erheben sah, herabschleuderte.

517. In dieser fürchterlichen und hässlichen Gestalt stand also Luzifer da, und in anderen sehr verschiedenen, aber ausnahmslos hässlichen Gestalten standen seine höllischen Geister in Schlachtreihe vor Maria, welche daran war, die geistliche Geburt der Kirche zu vollenden, womit diese Kirche dauerhaft gemacht und bereichert werden sollte. Der Drache nun wartete, bis sie diesen Sohn gebäre, um ihn alsdann zu verschlingen, d.h. um die neugegründete Kirche wo möglich in seinem masslosen Neid zu zerstören. Er raste und wütete, weil diese Frau eine so große Macht besaß, um die Kirche zu befestigen, ihr viele Söhne zuzuführen, sie durch ihre Verdienste, Beispiele und Fürbitten mit so großen Gnaden zu bereichern und so viele Auserwählte mit sich zur ewigen Seligkeit zu führen. Mochte aber der Drache in seinem Neid auch noch so sehr rasen, jene Frau gebar doch ein Knäblein, das alle Völker mit starker, eiserner Rute regieren sollte (Offb 12, 5). Dieses Knäblein war der gerechte und starke Geist der Kirche, weIche mit der Gerechtigkeit und Macht unseres gütigsten Erlösers Jesu Christi alle Völker nach Gerechtigkeit regiert. Desgleichen sind darunter alle apostolischen Männer verstanden, welche einstens beim Gericht mit der eisernen Rute der göttlichen Gerechtigkeit zugleich mit dem Herrn richten werden. Alles dies war die Leibesfrucht der heiligsten Jungfrau Maria, und zwar deshalb, weil sie nicht bloß Christus selbst, sondern durch ihre Verdienste und ihre Sorgfalt auch die Kirche hinsichtlich dieser Heiligkeit und Gerechtigkeit geboren und während der Zeit ihres Lebens auf Erden ernährt hat und weil sie die Kirche in demselben männlichen Geist, den sie ihr bei der Geburt verliehen hat, allezeit erhält, so dass sie an der richtigen katholischen Wahrheit und Lehre festhält, gegen welche die Pforten der Hölle nichts vermögen.

518. Der heilige Johannes sagt, dieser Sohn sei zum Thron Gottes entrückt worden, die Frau aber sei in die Wüste geflohen, wo ihr ein Ort bereitet war, an dem sie tausendzweihundertundsechzig Tage ernährt wurde (Offb 12, 5 u. 6). Dies will sagen, dass die ganze, rechtmäßig geborene Nachkommenschaft dieser hohen Frau sowohl hinsichtlich der allgemeinen Heiligkeit des Geistes der Kirche, als auch jener der einzelnen Seelen, welche sie als ihre geistlichen Kinder geboren hat oder noch gebären wird, zu jenem Thron gelange, wo ihre natürliche Leibesfrucht ist, nämlich Christus, in welchem und durch welchen sie ihre geistlichen Kinder zur Welt bringt und ernährt. Die Wüste aber, in welche die seligste Jungfrau nach diesem Kampf geführt wurde, war ein überaus hoher und geheimnisvoller Zustand, über den ich im folgenden einiges sagen werde. Er wird «Wüste» oder Einsamkeit genannt, weil nur Maria als die einzige von allen Kreaturen sich darin befand und keine andere ihn zu erreichen vermag. Dort verweilte sie, wie wir sehen werden, abgesondert von allen Menschen, abgesondert aber vorzüglich vom Teufel, welcher dieses erhabenste aller Geheimnisse nicht kannte und fortan nicht mehr imstande war, Maria persönlich zu versuchen und zu verfolgen. In dieser Einsamkeit ernährte sie der Herr tausendzweihundertundsechszig Tage: so lange lebte sie nämlich in diesem Zustand, bevor sie zu einem anderen überging.

519. Alles dieses wurde dem Luzifer gezeigt, bevor die himmlische Frau, dieses lebendige Zeichen, das der Teufel mit seinen höllischen Geistern schaute, sich verbarg. Durch diese Erkenntnis verlor der Satan vollends alle Hoffnung, welche er in seinem großen Stolz mehr als fünftausend Jahre noch gehegt hatte, die Mutter des menschgewordenen Wortes zu überwinden. Danach lässt sich auch in etwas bemessen, wie groß die Wut und Qual dieses großen Drachen und seiner höllischen Geister sein musste, besonders deshalb, weil sie sich gerade von der Frau gebunden und unterjocht sahen, gegen welche sie so große Anstrengungen und so rasende Angriffe unternommen hatten, um sie aus dem Gnadenstand zu stürzen und sie an ihrer verdienstlichen und fruchtbringenden Wirksamkeit für die Kirche zu hindern. Der Drache versuchte mit Gewalt sich davonzumachen und schrie: «O Fau! Gib mir Erlaubnis, mich in die Hölle zu stürzen. Ich kann es in deiner Gegenwart nicht aushalten: niemals werde ich wieder vor dir erscheinen, solange du auf der Welt lebst. Du hast gesiegt, o Frau, du hast gesiegt: ich bekenne, dass du mächtig bist durch die Kraft dessen, der dich zu seiner Mutter gemacht. Allmächtiger Gott, strafe du selber uns, du, dem wir nicht zu widerstehen vermögen, aber gebrauche nicht mehr als Werkzeug hierzu eine Frau, das seiner Natur nach niedriger ist als wir. Ihre Liebe vernichtet uns, ihre Demut zermalmt uns. Alles an ihr offenbart ihre Barmherzigkeit gegen die Menschen, und dies peinigt uns mehr als tausend andere Qualen. Auf denn, ihr Teufel, helfet mir! Doch was werden wir alle miteinander gegen diese Frau ausrichten? Wir haben ja nicht einmal soviel Kraft, um vor ihr zu fliehen, solange sie uns nicht aus ihrer unausstehlichen Gegenwart verjagen will. O Kinder Adams, ihr Toren! Warum folgt ihr denn mir? Warum gebt ihr das Leben preis für den Tod, die Wahrheit für die Lüge? Wie abergläubisch, wie blind seid ihr, ich gestehe es zu meinem größten Ärger! Ihr habt auf eurer Seite, in eurer Natur das menschgewordene Wort, und zwar in dieser Frau! Euer Undank ist größer als der meine, und diese Frau da zwingt mich, Wahrheiten zu bekennen, die ich von ganzem Herzen verabscheue. Verflucht sei der Entschluss, den ich gefasst hatte, diese Tochter Adams zu verfolgen, die mich so furchtbar martert und zermalmt.»

520. Während sich der Drache in diesen Wutausbrüchen Luft machte, erschien der Fürst der himmlischen Heerscharen, der heilige Michael, um die Sache der heiligsten Jungfrau Maria und des menschgewordenen Wortes zu verteidigen. Mit den Waffen seines Verstandes eröffnete er den Kampf gegen den Drachen und dessen Anhang. Michael und seine Engel stritten gegen die bösen Geister, indem sie ihnen ihren alten Stolz und Ungehorsam, dessen sie sich schon im Himmel schuldig gemacht hatten, wieder vorwarfen und sie desselben überführten. Desgleichen hielten sie ihnen die Verwegenheit vor, womit sie das menschgewordene Wort und seine heiligste Mutter verfolgt und versucht hätten, weil an ihnen keine Sünde, kein Falsch und kein Fehler zu finden sei. Dagegen rechtfertigte der heilige Michael die Werke der göttlichen Gerechtigkeit und zeigte, dass diese vollkommen gerecht seien und keine Klage gegen sie erhoben werden könne, weil sie den Ungehorsam und den Abfall des Luzifer und seiner höllischen Geister bestraft habe. Endlich sprachen Michael und seine Engel den Fluch über die bösen Geister aus, verkündeten auf ein neues ihr Strafurteil und priesen den Allmächtigen als heilig und gerecht in allen seinen Werken. Auch der Drache und die Seinigen verteidigten ihre Auflehnung und die Kühnheit ihres Stolzes: allein alle ihre Rechtfertigungsgründe waren falsch, nichtig und voll von teuflischem Hochmut und Irrtum.

521. Nun war der Kampf beendet und es trat Stille ein. Der Herr der Heerscharen öffnete seinen Mund und sprach also zu Maria: «Meine Mutter, meine Freundin, die du von meiner ewigen Weisheit unter allen Kreaturen auserwählt bist zu meiner Wohnung und zu meinem heiligen Tempel! Du bist es, die mir die menschliche Gestalt gegeben und den Verlust des menschlichen Geschlechtes wieder gutgemacht hat. Du bist mir nachgefolgt und hast mich nachgeahmt und hast die Gnaden und Gaben verdient, welche ich dir in höherem Maß als allen übrigen Geschöpfen mitgeteilt habe. Nie sind diese Gnaden in dir müßig und fruchtlos gewesen. Du bist der würdige Gegenstand meiner unendlichen Liebe, du die Beschützerin meiner Kirche, du ihre Königin, Herrin und Regentin. Du besitzest meine Vollmacht und Gewalt, die ich als der allmächtige Gott in seinen treuesten Willen gelegt habe. Gebiete nun in deiner Macht dem höllischen Drachen, dass er solange du noch in der Kirche lebst, das Unkraut der Irrtümer und Ketzereien, die er ausgesponnen, nicht ausstreue. Zerbrich seinen harten Nacken und zerschmettere ihm den Kopf. Denn ich will, dass in den Tagen deines Lebens die Kirche durch deine Gegenwart dieser Wohltat sich erfreue.»

522. Maria vollzog diese Anordnung des Herrn. Mit der Macht einer Königin und Herrin gebot sie dem höllischen Drachen, zu verstummen. Sie verbot ihnen, die falschen Sekten, die sie schon geplant hatten, unter den Gläubigen anzustiften oder irgend einen Sterblichen mit ihren ketzerischen Lehren und Sätzen anzustecken, solange sie, die Himmelskönigin, auf Erden lebe. Und so geschah es. Wohl hätte die Schlange in ihrer Wut und Rachgier gegen die große Königin dieses Gift gerne in der Kirche ausgestreut, jedoch die Hand