Maria von Agreda: Leben der jungfräulichen Gottesmutter Maria: Buch 1+2

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Mystische Stadt Gottes

Leben der jungfräulichen Gottesmutter Maria

Maria von Agreda, verfasst von 1655-1660; bisher in 25 Sprachen übersetzt
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Quelle: MYSTISCHE STADT GOTTES, Wunder seiner Allmacht und Abgrund der Gnade: HEILIGE GESCHICHTE UND LEBEN der jungfräulichen Gottesmutter MARIA Unserer Königin und Herrin, Sühnerin der Schuld Evas und Mittlerin der Gnade, in diesen letzten Zeiten von derselben Königin geoffenbart ihrer Dienerin, DER SCHWESTER MARIA VON JESUS Äbtissin des Konventes der Unbefleckten Empfängnis in der Stadt Agreda, Provinz Burgos, von der regularen Observanz des hl. seraphischen Vaters Franziskus, zur Erleuchtung der Welt, zur Freude der Katholischen Kirche und zum Troste der Sterblichen. Aus dem Spanischen übersetzt von mehreren Priestern aus der Kongregation des allerheiligsten Erlösers, Immaculata Verlag CH-6015 Reussbühl/Luzern (je erste Auflage, Mit kirchlicher Druckerlaubnis, broschiert). Band 1: 1968 (287 Seiten), Band 2: 1969 (255 Seiten). Digitalisiert und ein wenig bearbeitet von Benutzer:Oswald. Die Beschreibungen des Hauptstückes sind aus dem Inhaltsverzeichnis der Quelle. Dann folgt in fetter Schrift die Beschreibung des Hauptstückes, wie es im Text der Quelle steht.


Gesamtwerk: I. Teil: Buch 1+2, II. Teil: Buch 3+4, II. Teil: Buch 5+6, III. Teil: Buch 7+8.
Schutzumschlag: Maria als Mutter der Kirche - Miriam Verlag, siehe Literatur
Maria von Agreda, Frontispitz des 1. Buches der verwendeten Quelle

Inhaltsverzeichnis

Urteile über das Werk (hintere Umschlagseite)

Papst Pius XII. (Staatssekretariat am 27. Juli 1955): spendet der Übersetzerin des Werkes in die deutsche Sprache, Schw. Assumpta Volpert S.SpS., welche Seiner Heiligkeit ein Exemplar gesendet hatte, als Unterpfand des machtvollen Schutzes der Allerseligsten Jungfrau und Gottesmutter von Herzen den Apostolischen Segen.

Papst Pius XI. sagte am 29. April 1929 zu dem Übersetzer des Werkes ins Englische, Abbé Fiscar Marison: "Sie haben zur Ehre der Gottesmutter ein großes Werk vollbracht. Maria wird sich an Großmut nicht übertreffen lassen und es tausendfach an Ihnen vergelten. Wir spenden allen Lesern und Verbreitern dieses Werkes den Apostolischen Segen."

Papst Innozenz XI. erklärte in einem Schreiben an König Karl II. von Spanien am 9. November 1681 ausdrücklich, dass dieses Werk von allen Christgläubigen gelesen werden dürfe und Papst Alexander VIII. gab im Jahr 1690 mündlich diese Erklärung. Die Päpste Klemens XI. und Benedikt XIII. erteilten dieselbe Erlaubnis; ersterer durch Entscheidungen vom 17. Juni 1705 und 26. September 1713; letzterer durch Dekret vom 21. März 1729. Endlich erklärte Papst Benedikt XIV. und Papst Klemens XIV., kraft eigener Dekrete der Riten-Kongregation vom 18. Mai 1757 und 11. März 1771, dass die Mystische Stadt Gottes nicht nur eigenhändig von der ehrwürdigen Maria von Agreda im Original geschrieben, sondern auch von ihr verfasst sei. Diese letzteren beiden Dekrete liefern den unwiderlegbaren Beweis, dass jede Annahme einer Fälschung oder Unterschiebung des genannten Werkes durchaus ausgeschlossen sei.

Das Werk wurde 1681 vom Heiligen Offizium zu Rom verboten, aber nach drei Monaten wieder erlaubt, 1696 anlässlich der 1695 in Marseille erschienenen französischen Übersetzung „La mystique Cité de Dieu“ von der Sorbonne verurteilt, von anderen Universitäten und Theologen hingegen verteidigt. 1704 wurde es auf den Index librorum prohibitorum gesetzt, 1705 aber wieder gestrichen.

Kardinal José Saenz d'Aguirre aus dem Orden der Benediktiner schrieb am 4. August 1699 an den Erzbischof von Paris: "Es ist gewiss, dass kein Mensch, so gelehrt er auch sein mag, zur Abfassung dieses Werkes rein natürlich so erhabene Erkenntnisse hätte beibringen können. Jedermann muss moralisch überzeugt sein, dass diese große Dienerin Gottes alles, was sie geschrieben hat, auf Eingebung des Heiligen Geistes und unter dem besonderen Beistand der allerseligsten Jungfrau Maria geschrieben hat." Und an anderer Stelle: "Ich halte alles, was ich seit 50 Jahren erlernt habe für beinahe nichts im Vergleich mit der tiefen, in allem mit der Heiligen Schrift, den heiligen Vätern und Konzilien übereinstimmende Doktrin dieses Buches."

Der heilige Arnold Janssen, der Stifter der Steyler Missionsgesellschaft (SVD) und der Kongregation der «Dienerinnen des Heiligen Geistes«, empfahl allen Mitgliedern dieser Ordensgemeinschaften die Lesung dieses herrlichen Marienwerkes zur Förderung des eigenen Tugendstrebens.

Pater Josef Wegener SVD, der Verfasser des Buches »Fatima, Geheimnisse, Wunder und Gnaden«, schreibt: "Es ist nicht zu leugnen, dass das Marienbild, das der Heilige Geist mit den fortschreitenden Jahrhunderten immer klarer und herrlicher zeichnet, mehr und mehr die Züge annimmt, die die ehrwürdige Verfasserin, Maria von Jesus zu Agreda, entworfen hat, zweifellos im Licht eingegossener Wissenschaft. Ja, es gibt ganze Abschnitte und Kapitel darin, von denen man sagen kann: Nie ist etwas Schöneres und Tieferes über die Person Marias, ihre Auserwählung, Begnadung, ihre innigste und unzertrennliche Verbindung mit Christus und über ihre Sendung geschrieben worden wie hier."

Der ehrwürdige Diener Gottes, Büßer und sozialer Apostel Matt Talbott verdankt sein Tugendstreben vor allem den Anregungen aus seinem Lieblingsbuch, den Offenbarungen der Äbtissin Maria von Jesus zu Agreda.

Abbé Emery, General-Superior von Saint-Sulpice: "Ich kenne Jesus und seine heilige Kirche erst recht, seit ich Maria von Agreda gelesene habe."

Pater Andreas Mendo SJ schreibt: «Mein Urteil ist dies: dieses drei Teil (acht Bücher) umfassende Werk von der mystischen Stadt Gottes, Geschichte des Lebens unserer Herrin Maria, enthält in allen drei Teilen keine Lehre, keine Erzählung, keine Klausel, keinen Satz, ja kein Wort, welches im Widerspruch stände mit der Heiligen Schrift, mit dem katholischen Glaubens oder mit der Frömmigkeit und den guten Sitten. Alle sind voll himmlischen, heilsamen Lehren; sie bewegen zum Lob unseres höchsten Gottes, zur Andacht gegen seine heilige Mutter, zur Flucht vor der Sünde, zum Streben nach Tugend, zum rastlosen Ringen nach dem Gipfel der Vollkommenheit

Einleitung von der ehrwürdigen Verfasserin

Gründe, warum dieses Leben beschrieben wurde, nebst anderen einschlägigen Bemerkungen.

1. Wenn eine schlichte Frauenperson, zumal ich, welche ihrer Stellung und Anlage nach die Unwissenheit und Gebrechlichkeit selber, ihrer Sünden wegen aber die Unwürdigste von allen ist, von übernatürlichen, göttlichen Dingen zu schreiben sich erkühnt, so wird, wer es erfährt, mich wohl ohne weiteres der größten Vermessenheit, Unbesonnenheit und Hoffart beschuldigen. Ein solches Urteil würde um so mehr gerechtfertigt erscheinen, als unsere Mutter, die heilige Kirche, in diesen letzten Zeiten Überfluss hat an Geisteslehrern und anderen hochgelehrten Männern und überdies an der Lehre der heiligen Väter und Lehrer der Kirche die reichsten Schätze der Wahrheit besitzt. Dazu kommt noch ein anderer Umstand, welcher mein Unternehmen gleichfalls als höchst unpassend erscheinen lassen könnte, der Umstand nämlich, dass es unter denen, die ein geistliches Leben führen, heutzutage gar manche, sonst kluge und verständige Personen gibt, welche im Drang eines gewissen heiligen Eifers sich abgestoßen und gleichsam angeekelt fühlen, wenn sie von einem außergewöhnlichen Weg des geistlichen Lebens hören, von einem Weg, der in den Augen der Welt als verdächtig, ja als der gefährlichste von allen erscheint. Ich würde mich darum nicht wundern, wenn jemand, der mein Unternehmen nach dem ersten Eindruck und ohne weiteres Nachdenken beurteilt, mich der Vermessenheit beschuldigte. Allein in dem Werke selbst und in der Tatsache, dass ich es unternehme, mag man auch die Entschuldigung enthalten finden. Denn dasselbe enthält so erhabene, über all unser Begreifen und über alle menschlichen Kräfte hinaus liegende Dinge, dass ein Versuch, dieselben darzustellen, entweder in gänzlichem Mangel an Urteil, oder aber in dem Antrieb und der Wirkung einer höheren, mächtigeren Ursache seinen Grund haben muss.

2. Als gläubige Kinder der heiligen Kirche müssen wir bekennen, dass sterbliche Menschen allzu schwach, unwissend und unberedt sind, um mit bloß natürlichen Kräften, ja selbst mit dem bloß gewöhnlichen und allgemeinen Beistand der Gnade eine so schwierige Aufgabe zu lösen, wie es die Erklärung und Beschreibung der verborgenen Geheimnisse und erhabenen Auszeichnungen ist, welche der mächtige Arm des Allerhöchsten in Maria gewirkt hat, in Maria, sage ich, jenem Geschöpf, das Gott zu seiner Mutter erheben wollte und das er eben deswegen zu einem unermesslichen Meere seiner Gnade und seiner Gaben und zum Inbegriff der unendlichen Schätze seiner Gottheit gemacht hat. Und was ist es Großes, wenn unsere menschliche Unwissenheit und Gebrechlichkeit sich hierzu unfähig bekennt, da selbst die englischen Geister ein Gleiches tun und bekennen, dass sie nur zu stammeln vermögen über Dinge, die ihre Gedanken und ihre Fassungskraft weit übersteigen ! Das Leben dieses ganz einzig begnadeten Geschöpfes Gottes ist darum ein Buch, so verschlossen, dass kein Geschöpf weder im Himmel noch auf Erden dasselbe zu öffnen würdig wäre (Offb 5, 3). Offenbar kann dies nur derjenige tun, der diese Kreatur herrlicher als alle anderen Kreaturen erschaffen hat, der allmächtige Herr, und sodann auch die Herrin selber, unsere Königin und Mutter, die da fähig war, so unaussprechliche Gaben zu empfangen, und würdig, sie zu erkennen. In ihre Hand ist es auch gegeben, Werkzeuge zu erwählen, welche fähig und am meisten geeignet sind, zu ihrer Ehre jene Gaben zu offenbaren, inwieweit, wann und wie es ihrem eingebornen Sohn wohlgefällig ist.

3. Gerne wollte ich glauben, solche Werkzeuge seien die heiligen Lehrer und andere heilige Männer der katholischen Kirche oder die Lehrer der Schulen, die uns allen den Weg der Wahrheit und des Lichtes gezeigt haben. Allein die Urteile des Allerhöchsten und seine Gedanken sind über den unsrigen so hoch wie der Himmel über der Erde (Jes 55, 9). Niemand hat seinen Sinn erkannt und niemand kann ihm Ratgeber sein in seinen Werken (Röm 11, 34). Er ist es, der die Waage des Heiligtums in seiner Hand hat (Offb 6, 5) und den Winden Gewicht gab (Job 28, 25). Er ist es, der alle Weltkreise (Himmel) in seiner Hand (Jes 40,12) trägt und in der Gerechtigkeit seiner heiligsten Ratschlüsse alle Dinge nach Maß und Gewicht ordnet (Weis11,21), einem jeden die geeignete Stelle und rechte Zeit anweisend. Er strömt aus das Licht der Weisheit (Sir 24, 35.37) und verteilt es nach seiner gerechtesten Güte. Niemand vermag in den Himmel aufzusteigen, um die Weisheit zu holen und herabzubringen aus den Wolken (Bar 3, 29); niemand kann wissen ihre Wege noch ausforschen ihre Pfade (Bar 3, 31). Er allein bewahrt sie in sich selbst; und gleichwie den Hauch und Ausfluss seiner unermesslichen Liebe, als den Abglanz seines ewigen Lichtes und als den makellosen Spiegel und das Abbild seiner ewigen Güte, gießt er sie aus unter die Völker und in die heiligen Seelen, um durch sie Freunde des Allerhöchsten zu machen und Propheten zu bilden (Weish 7, 25-27). Er, der Herr, weiß auch, warum er mich, das allermindeste Geschöpf, erweckt, berufen und erhoben, warum er mich bereitet und geleitet, verpflichtet und genötigt hat, das Leben seiner würdigsten Mutter, unserer Königin und. Herrin, zu beschreiben.

4. Dass ohne derartigen Antrieb, ohne Wirkung der mächtigen Hand des Allerhöchsten ein solcher Gedanke in ein menschliches Herz und ein ähnlicher Entschluss in meinen Sinn komme, das lässt sich vernünftigerweise gar nicht denken; denn ich erkenne und bekenne mich als eine schwache Frau, ohne Tugend; allein gleichwie ich mit meinem Verstand an solches nicht denken konnte, ebenso darf ich anderseits bloß aus meinem eigenen Willen nicht hartnäckig widerstehen. Damit man aber in dieser Hinsicht ein richtiges Urteil sich zu bilden vermöge, will ich in Aufrichtigkeit und Wahrheit einiges von dem erzählen, was mir bezüglich dieser Angelegenheit widerfahren ist.

5. Im achten Jahre der Gründung dieses Klosters, im fünfundzwanzigsten meines Lebens, legte mir der Gehorsam das Amt auf, das ich gegenwärtig unwürdig bekleide, das Amt der Vorsteherin des Klosters. Ich wurde dadurch beunruhigt und in große Traurigkeit und Mutlosigkeit versenkt; denn sowohl mein jugendliches Alter als auch das Verlangen meines Herzens sagten mir, dass ich nicht leiten und befehlen, sondern gehorchen sollte und geleitet werde. Zudem wusste ich, dass man, um mir dieses Amt zu übertragen, um Dispensation nachgesucht hatte. Diese und andere gerechten Gründe vermehrten meine Angst, durch welche der Allerhöchste ohnedies das ganze Leben hindurch mein Herz gekreuzigt hatte, indem ich in der beständigen und unbeschreiblichen Furcht lebte, ich möchte etwa nicht auf dem rechten Weg wandeln und die Freundschaft und Gnade Gottes verlieren oder gar nicht besitzen.

6. In dieser Trübsal schrie ich zum Herrn aus meinem ganzen Herzen, dass er mir helfe und, falls es sein Wille sei, dieser gefahrvollen Bürde mich enthebe. Allerdings hatte Seine Majestät einige Zeit vorher mich aufmerksam gemacht und mir befohlen, die Bürde auf mich zu nehmen, und wenn ich mich mit meiner Schüchternheit entschuldigte, hatte er mich immer getröstet und mir gezeigt, es sei dies sein Wille. Allein trotzdem ließ ich nicht nach mit meinen Bitten, ja ich vermehrte sie; denn ich erkannte und schaute im Herrn eine Sache, die sehr der Beachtung wert ist; wiewohl nämlich die göttliche Majestät mir zeigte, wie es so ihr heiligster Wille sei, dem ich nicht zu widerstehen vermöge, so erkannte ich doch, dass sie mir die Freiheit lasse, mich zurückzuziehen, zu widerstehen und überhaupt zu tun, was ich als schwaches Geschöpf in Ansehung meiner grosßen und allseitigen Unfähigkeit zu tun schuldig war. So weise ist das Verhalten des Herrn gegen uns. Bei der Erkenntnis vom göttlichen Wohlgefallen machte ich viele Anstrengungen, um einer so augenscheinlichen Gefahr auszuweichen, einer Gefahr, die von der verdorbenen Natur mit ihren Gebrechen und ihrer ungeordneten Begierlichkeit so wenig erkannt wird. Allein fortwährend wiederholte der Herr, es sei dies sein Wille. Dabei wurde ich durch den Herrn selbst sowie durch die heiligen Engel getröstet und zum Gehorsam ermahnt.

7. In dieser Betrübnis wandte ich mich an meine Herrin, die Königin des Himmels, als an die besondere Zuflucht in allen meinen Kümmernissen. Nachdem ich ihr meine Wege und Wünsche eröffnet hatte, würdigte sie sich, mir in folgenden, höchst lieblichen Worten zu erwidern: « Meine Tochter, sei getrost und lass dein Herz nicht beunruhigt werden durch die Mühsal; bereite dich vielmehr darauf vor! Ich werde deine Mutter und Oberin sein, der du zu gehorchen hast. Dasselbe werde ich auch für deine Untergebenen sein. Ich werde deine Mängel ersetzen, und du wirst meine Geschäftsführerin sein, durch welche ich den Willen meines Sohnes und Gottes durchführen werde. In allen deinen Versuchungen und Anliegen komme zu mir, um sie mit mir zu besprechen und dir Rat zu holen, ich werde dir in altem zu Rate sein ! Gehorche mir; ich werde dir beistehen und ein wachsames Auge haben auf deine Kümmernisse!» Das sind die Worte, welche die Himmelskönigin zu mir sprach, Worte, die meiner Seele ebenso zum Troste wie zum Nutzen gereichten; denn durch sie wurde meine Seele in ihrer Traurigkeit ermutigt und gestärkt. Von diesem Tage an ließ die Mutter der Barmherzigkeit mich, ihre Dienerin, ihre Erbarmungen in noch reichlicherem Maß erfahren; denn ihr Umgang mit meiner Seele war fortan inniger und andauernder. Sie nahm mich auf. hörte mich an und belehrte mich mit unaussprechlicher Herablassung. Sie gab mir Trost und Rat in meinen Kümmernissen und erfüllte meine Seele mit Licht und mit Lehren des ewigen Lebens. Auch ermahnte sie mich, meine Ordensgelübde in ihre Hände zu erneuern, kurz, seit jener Begebenheit zeigte sich diese liebenswürdigste Mutter, unsere Frau, ihrer Dienerin in hellerem Licht. Es fiel der Vorhang vor den verborgenen, hohen und erhabenen Geheimnissen, die in ihrem heiligsten Leben eingeschlossen, den Sterblichen aber verhüllt sind. Diese Gnade des übernatürlichen Lichtes war zwar andauernd (besonders an ihren Festen und bei verschiedenen anderen Anlässen, bei denen ich viele Geheimnisse inne ward), aber noch nicht in der Fülle, Häufigkeit und Klarheit, in welcher sie mich später über diese Geheimnisse belehrte. Auch trug sie mir dabei oftmals auf; diese Geheimnisse, so wie ich sie inne ward, niederzuschreiben; Ihre Majestät würde sie mir angeben und erklären. Ganz besonders aber geschah es einmal an einem dieser Feste der allerseligsten Jungfrau Maria, dass der Allerhöchste mir sagte, er habe noch viele Geheimnisse und Gnaden, die er an dieser göttlichen Mutter zur Zeit, da sie noch unter den Sterblichen weilte, gewirkt habe, bisher verborgen gehalten, und es sei nunmehr sein Wille, sie zu offenbaren; ich solle sie schreiben, wie sie selbst mich darüber belehren werde. Diesen Willensentschluss habe ich in Seiner allerhöchsten Majestät zehn Jahre lang ununterbrochen geschaut, so lange nämlich, als mein Widerstand dauerte, bis ich endlich anfing, zum ersten Male diese heilige Geschichte zu schreiben.

8. Ich trug meine Sorge auch den Himmelsfürsten, den Engeln, vor, welche der Allmächtige angewiesen hatte, bei diesem Werk (nämlich der Beschreibung der Geschichte unserer Herrin) meine Führer zu sein. Ich eröffnete ihnen die Unruhe und Kümmernis meines Herzens und stellte ihnen vor, wie meine Zunge zu einem so schwierigen Unternehmen nur stammelnd, ja sprachlos sei. Sie aber gaben mir zu wiederholten Malen zur Antwort, es sei der Wille des Allerhöchsten, dass ich das Leben seiner reinsten Mutter, Unserer Lieben Frau, beschreibe. Eines Tages nun, da ich ihnen besonders viele Einwendungen machte und ihnen meine Beschwernis, Unfähigkeit und große Furcht vorstellte, sprachen sie zu mir folgende Worte: «Mit Recht, o Seele, bist du kleinmütig und unruhig, zweifelst und zagst du in einer Sache, in der selbst wir Engel ein Gleiches tun, weil wir nicht imstande sind, die erhabenen und großen Dinge zu erklären, die der allmächtige Arm Gottes an unserer Königin, der Mutter der Barmherzigkeit, gewirkt hat. Bedenke aber wohl, Teuerste, dass eher das Himmelsgewölbe samt dem Erdball zugrunde geht, ja, dass eher alles, was Dasein hat, zu sein aufhört, als dass das Wort des Allerhöchsten vergeht - und oftmals hat er dieses Wort seinen Geschöpfen gegeben, und in seiner Kirche, in der Heiligen Schrift findet es sich, das Wort, dass der Gehorsame von Siegen über seine Feinde erzählen (Spr 21, 28) und im Gehorchen nichts tadelnswert sein werde. Diese Tugend des Gehorsams hat Gott damals gegründet, als er den ersten Menschen schuf und ihm das Gebot des Gehorsams gab, von dem Baum der Erkenntnis nicht zu essen (Gen 2,16-17). Und zu größerer Versicherung des Menschen schwur er einen Eid (wie er dies zu tun pflegt und wie er auch dem Abraham das eidliche Versprechen gab (Gen 22,16), dass aus seinem Geschlecht der Messias abstammen werde); so hat der Herr getan, da er den ersten Menschen erschuf, er hat ihn versichert, dass der Gehorsam nicht irregehe. Und diesen Schwur hat er erneuert (Lk 1, 73), als er befahl, dass sein allerheiligster Sohn sterbe; denn er gab den Sterblichen die Versicherung, dass, wer diesem zweiten Adam gehorche und ihn in seinem Gehorsam, durch welchen er das durch Adams Ungehorsam Verlorene wiederherstellte, nachahme, sie ewiges Leben besitzen (Hebr 5, 9) und dass der Feind keinen Teil haben werde an seinen Werken. Bedenke wohl, Maria (Schwester Maria von Jesus), dass aller Gehorsam seinen Ursprung von Gott als seiner ersten und hauptsächlichsten Ursache herleitet. Auch wir Engel gehorchen der Macht seiner göttlichen Rechten und seinem gerechtesten Willen, weil wir ihm nicht entgegenhandeln können und weil wir, die unveränderliche Wesenheit des Allerhöchsten von Angesicht zu Angesicht schauend, seinen Willen erkennen und sehen, dass er heilig, rein und wahr, höchst angemessen und gerecht ist. Diese Gewissheit nun, die wir Engel dank der seligen Anschauung besitzen, diese besitzt ihr Sterblichen, im Verhältnis und in Gemäßheit eures Standes der Pilgerschaft, kraft jener Worte, welche der Herr selber in Bezug auf die Vorsteher und Oberen gesprochen hat: «Wer euch hört, der hört mich (Lk 10, 16), und wer euch gehorcht, der gehorcht mir. Kraft dessen steht es der allmächtigen Vorsehung Gottes zu, die Gehorsamen sicherzustellen, sofern nur das Befohlene nicht sündhaft ist; denn Gott selbst ist ja die höchste Ursache, um derentwillen man gehorcht, der höchste Obere, dessen Willen man durch den Gehorsam vollzieht. Diese Sicherheit verleiht Gott auch in der Tat, indem er mit eidlicher Beteuerung sein Wort gibt, und eher (Mt 24, 35) wird er (was freilich nicht möglich ist) zu sein aufhören, als dass sein Wort trüge. Gleichwie die Kinder von ihren Eltern und alle lebenden Menschen von Adam abstammen, indem die Natur in der Nachkommenschaft sich vervielfältigte, so stammen alle Vorgesetzten von Gott ab, als dem höchsten Herrn, um dessentwillen wir den Obern gehorchen; die menschliche Natur gehorcht den lebenden Vorgesetzten, die englische Natur gehorcht denen, die einer höheren Hierarchie, aber gleicher Natur angehören; die einen wie die andern aber gehorchen dem ewigen Gott.»

«Nun erinnere dich, o Seele, dass das, worüber du Bedenken trägst, eine Sache ist, die dir von allen aufgetragen und befohlen worden ist. Gesetzt darum auch, der Befehl wäre unpassend, du aber wolltest dennoch gehorchen, dann würde es Gott mit deiner Feder machen, wie er dem gehorsamen Abraham getan, als dieser seinen Sohn Isaak opferte. Gott befahl nämlich einem von uns Engeln, den Arm mit dem Messer aufzuhalten (Gen 22,11). Gott befiehlt uns aber nicht, dass wir deine Feder aufhalten, er befiehlt uns vielmehr, dass wir leichten, flinken Flugs sie führen, indem wir, auf Seine Majestät hörend, dich leiten; er befiehlt uns, dass wir deinen Verstand erleuchten und dir helfen.»

9. Das sind die Ermahnungen und Belehrungen, welche meine Gebieter, die heiligen Engel, bei besagter Gelegenheit mir gegeben haben. In vielen anderen Fällen hat mir auch der hl. Michael, der Himmelsfürst, denselben Ratschluss und Befehl von Seiten des Allerhöchsten mitgeteilt. Durch die fortwährenden Erleuchtungen, Gnadenerweise und Belehrungen seitens dieses großen Himmelsfürsten habe ich erhabene Geheimnisse über Gott und über die Königin des Himmels erfahren; denn dieser heilige Erzengel war einer von jenen, welche aus allen Ordnungen und Hierarchien abgeordnet waren, um die Himmelskönigin zu beschützen und ihre Assistenz zu bilden, wie ich an seinem Ort noch sagen werde. Und da überdies der hl. Michael allgemeiner Patron und Beschützer der heiligen Kirche ist, so war er in besonderer Weise Zeuge und treuester Diener bei den Geheimnissen der Menschwerdung und Erlösung. So habe ich oftmals von diesem heiligen Erzengel gehört, durch dessen Fürbitte ich in meinen Mühsalen und Kämpfen außerordentliche Gnaden empfangen habe. Er hat mir auch versprochen, bei diesem Werke mir beizustehen und mich zu unterweisen.

10. Abgesehen von diesen und anderen Aufträgen, die ich nicht alle zu nennen brauche, und abgesehen von dem, was ich später noch hierüber sagen werde, hat der Herr selber oftmals unmittelbar und persönlich mir den Befehl erteilt und seinen Willen kundgetan, und zwar in folgenden Worten, die ich hier ein für allemal anführe. Es war an dem Festtag der Darstellung der reinsten Jungfrau Maria im Tempel, da Seine Majestät zu mir sprach: «Meine Braut, viele Geheimnisse über meine Mutter und die Heiligen sind in meiner streitenden Kirche geoffenbart; allein viele sind noch verborgen, besonders solche, die sich auf das innere, verborgene Leben beziehen. Ich will sie offenbaren; du aber sollst sie niederschreiben, so wie sie dir gezeigt werden, besonders jene, die sich auf die reinste Jungfrau Maria beziehen. Ich will sie dir erklären und zeigen. Durch die verborgenen Ratschlüsse meiner Weisheit habe ich sie bis jetzt mir vorbehalten, weil die geeignete und meiner Vorsehung entsprechende Zeit noch nicht gekommen war. Jetzt ist sie da, und mein Wille ist, dass du diese Geheimnisse schreibest. Seele, gehorche!»

11. Alle diese Vorkommnisse und andere, die ich außerdem noch anführen könnte, wären indes nicht imstande gewesen, meinen Willen zu einem so schweren und meinem Berufe so ferne liegenden Entschluss zu bringen, wenn nicht der Befehl meiner Oberen, die meine Seele leiteten und den Weg der Wahrheit mir zeigten, dazugekommen wäre; denn meine Besorgnisse und Ängste sind nicht derart, dass ich bei einer so schwierigen Sache in etwas anderem Ruhe und Sicherheit fände als allein im Gehorsam; ist es ja doch in anderen, weit unbedeutenderen, dem übernatürlichen Gebiete angehörigen Dingen nur allein der Gehorsam, welcher mich zur Ruhe kommen lässt. Als unwissende Frau habe ich immer diesen Leitstern aufgesucht; denn es ist ja Pflicht, alle Dinge, mögen sie noch so erhaben und unverdächtig scheinen, der Gutheißung der Lehrmeister und Diener der heiligen Kirche zu unterstellen und in diesem Licht sie zu betrachten. Alles dieses habe ich bei der Führung meiner Seele und noch mehr bei diesem Unternehmen, nämlich bei Beschreibung des Lebens der Himmelskönigin, zu tun mich beflissen. Und damit meine Oberen sich nicht durch meine Erzählungen bestimmen ließen, habe ich alle mögliche Sorgfalt angewendet, indem ich einzelnes, soweit ich konnte, verschwieg und unter Tränen den Herrn anflehte, er möge ihnen Licht und Sicherheit geben (oftmals bat ich auch, er möge ihnen diese Sache aus dem Sinne nehmen), auf dass sie mich vor Irrtum und Täuschung bewahrten.

12. Zugleich muss ich bekennen, dass der Satan, meine ängstliche Gemütsart benützend, große Anstrengungen gemacht hat, mich an diesem Werke zu hindern; er suchte Mittel und Wege, mich zu entmutigen und zu ängstigen, und ohne Zweifel hätte er mich dazu gebracht, es aufzugeben, wenn nicht der beharrliche und unüberwindliche Eifer meiner Oberen mein schüchternes Herz ermutigt hätte. Damit waren sie zugleich Veranlassung, dass der Herr und die allerreinste Jungfrau samt den heiligen Engeln ihre Erleuchtungen, ihre Zeichen und Wunder erneuerten. Nichtsdestoweniger zögerte ich, oder besser gesagt, weigerte ich mich viele Jahre hindurch, ihnen allen zu gehorchen, wie ich in der Folge noch erzählen werde, und getraute mich nicht, tatsächlich Hand an ein Werk anzulegen, das meine Kräfte so sehr übersteigt. Indes geschah dies meines Erachtens nicht ohne besondere Fügung der göttlichen Vorsehung. Ich hatte nämlich während ebendieser Zeit so viele, ich darf sagen, unerklärliche Erlebnisse und so verschiedenartige außerordentliche Widerwärtigkeiten durchzumachen, dass ich die zur Aufnahme solchen Lichtes und solcher Belehrung erforderliche Ruhe und Freiheit des Geistes nicht hätte genießen können. Denn nicht in jedem Zustand, mag er auch noch so erhaben und weit vorangeschritten sein, ist die Spitze der Seele befähigt, einen so erhabenen und dabei so zarten Einfluss in sich aufzunehmen. Nebst diesem fand ich noch einen anderen Grund, warum es so geschah; damit ich nämlich bei so langer Verzögerung teils durch das neue Licht, das man im Laufe der Zeit erhält, teils durch die Klugheit, die man durch verschiedenartige Erfahrung gewinnt, mich besser unterrichten und versichern könnte, und damit ich infolge der fortgesetzten Aufforderungen von Seiten des Herrn, der heiligen Engel und meiner Oberen und durch den andauernden Gehorsam Ruhe und Sicherheit gewänne, meine Angst, Schüchternheit und Unruhe überwände und das, was ich meinen eigenen schwachen Kräften nicht zutraute, vom Herrn erhoffte.

13. Im Vertrauen auf diese große Tugend des Gehorsams entschloss ich mich denn also im Namen des Allerhöchsten und im Namen der Himmelskönigin, meiner Gebieterin, meinen Widerstand aufzugeben. Grass nenne ich diese Tugend, nicht nur deshalb, weil sie das Edelste, was das Geschöpf besitzt, nämlich den Verstand, das Urteil und den Willen, Gott als vollkommenes Brandopfer darbringt, sondern auch deswegen, weil keine andere Tugend größere Sicherheit verleiht als diese; denn vermöge ihrer wirkt das Geschöpf nicht aus sich selbst, sondern als ein Werkzeug dessen, der es leitet und ihm befiehlt. Sie war es, welche dem Abraham die Festigkeit verleiht, die Gewalt der natürlichen Liebe und Zuneigung zu Isaak zu überwinden (Gen 22, 3). Un wenn diese Tugend etwas solches vermochte, ja wenn sie zu bewirken vermochte, dass die Sonne mit den Himmeln ihren raschesten Lauf einhielt (Jos10,13), so wird sie wohl auch bewirken können, dass Asche und Staub sich bewege. Hätte Oza durch den Gehorsam sich leiten lassen, er wäre wohl nicht als verwegener, frevelhafter Mensch für Berührung der Arche gestraft worden (2 Kön 6, 7). Ich sehe zwar wohl ein, dass ich als eine weit Unwürdigere die Hand ausstrecke, um die Arche zu berühren; nicht die leblose, vorbildliche Arche des Alten Bundes, sondern die lebendige Arche des Neuen Testamentes, in welcher das Manna der Gottheit und der Urheber der Gnade und des heiligen Gesetzes ein geschlossen war. Allein wenn ich schweige, fürchte ich nicht ohne Grund, gegen so viele Befehle ungehorsam zu sein und mit Jesaja einst sagen zu müssen: «Wehe mir, dass ich geschwiegen habe ! (Jes 6, 8)»

Wohlan denn, meine Königin und Gebieterin, besser ist es, es erglänze in meiner Niedrigkeit deine allermildeste Güte und Barmherzigkeit und die Huld deiner freigebigen Hand; besser ist es, du reichst mir deine Hand, damit ich deinen Befehlen gehorche, als dass ich in deine Ungnade falle. O allerreinste Mutter, es wird dies ein Werk sein, würdig deiner Güte, wenn du eine Arme aus dem Staub erhebest und aus einer schwachen, ganz untauglichen Person ein Werkzeug bildest zu so schwierigen Werken, durch welche du deine Gnade und die Gnaden, die dein allerheiligster Sohn dir mitgeteilt hat, verherrlichst. Du wirst nicht zulassen, dass man in betrüglicher Anmaßung sich einbilde, es sei dieses Werk die Frucht menschlichen Fleißes oder irdischer Klugheit, oder es werde hergestellt durch die Hilfsmittel und die Autorität wissenschaftlicher Untersuchung; du wirst vielmehr zeigen, dass es die göttliche Gnade ist, durch deren Kraft du die gläubigen Herzen aufs neu, erweckst und sie erhebst zu dir, dem Quell der Güte und Barmherzigkeit. Rede darum, o Herrin, deine Dienerin hört (1 Sam 3, 10), sie hört mit dem glühenden Verlangen, den schuldigen Gehorsam dir zu leisten. Wie werden aber meine Wünsche meiner Schuldigkeit gleichzukommen und sie zu erfüllen vermögen? Schuldige Danksagung wird mir unmöglich sein; wäre sie aber möglich so würde ich sie zu leisten verlangen. O mächtige, o große Königin, erfülle dein Versprechen und deine Worte und offenbart mir deine Gnaden und Vollkommenheiten, damit deine Größe mehr erkannt und verherrlicht werde von allen Nationen und Geschlechtern. Rede, o Herrin, deine Dienerin hört; rede und mache groß den Allerhöchsten in den gewaltigen, wunderbaren Werken, die seine Rechte in deiner tiefsten Demut gewirkt hat! Sie mögen herabsteigen, diese Wunder, von seinen «aus Gold gedrehten, mit Hyazinthen gefüllten Händen (Hld 5,14)» in die deinen und von diesen auf deine frommen Diener, damit die Engel ihn lobpreisen, die Gerechten ihn verherrlichen, die Sünder ihn suchen und alle ein Vorbild höchster Heiligkeit und Reinheit haben, und damit ich durch die Gnade deines allerheiligsten Sohnes darin einen Spiegel und eine wirksame Norm habe, um mein Leben darnach einrichten zu können! Denn dieses muss das erste Ziel meiner Sorgfalt sein, indem ich dein Leben beschreibe; wiederholt hat deine Hoheit mir dies gesagt, indem sie sich würdigte, ein lebendiges Vorbild, einen beseelten makellosen Spiegel mir anzubieten, in welchem ich meine Seele zu beschauen und zu zieren habe, um deine Tochter und deines allerheiligsten Sohnes Braut zu werden.

14. Dies ist alles, was ich verlange und was ich will. Und darum werde ich schreiben, nicht als Meisterin, sondern als Schülerin, nicht um zu lehren, sondern um zu lernen; haben ja doch vorschriftsgemäß in der heiligen Kirche die Frauen zu schweigen (1 Kor 14, 34) und auf die Lehrer zu hören. Als ein Werkzeug der Königin des Himmels werde ich jedoch offenbaren, was Ihre Majestät mir kundzutun und zu befehlen sich würdigen wird. Denn den Geist zu empfangen, welchen ihr allerheiligster Sohn über Personen aller Stände und Geschlechter ohne Ausnahme zu ergießen versprochen hat (Joel 2, 28; Joh 14, 16.26 u. 15, 26), dazu sind alle Seelen befähigt, und darum sind sie auch befähigt, wie sie ihn empfangen, ebenso auch in ihrer Weise ihn zu offenbaren, wenn die höhere Gewalt mit christlicher Klugheit es befiehlt; dass aber meine Oberen in solcher Weise es befohlen, daran zweifle ich nicht. Dass ich irre, das ist möglich, und erklärlich bei einer unwissenden Frau; dass ich aber im Gehorchen irre, ist unmöglich, wie es auch nicht in meiner Absicht gelegen ist. Darum überlasse und unterwerfe ich mich dem, der mich leitet, sowie der Weisung der heiligen katholischen Kirche, zu deren Dienern ich meine Zuflucht in jeder Schwierigkeit nehmen werde. Desgleichen will ich auch, dass mein Oberer, Lehrer und Beichtvater Zeuge und Zensor der Lehre sei, die ich empfange, aber auch ein wachsamer und strenger Richter darüber, ob und wie ich sie ins Werk setze, oder ob ich es an der Befolgung fehlen lasse und an der Erfüllung meiner Obliegenheiten, die nach so großer Wohltat zu bemessen sind.

15. Dem Willen des Herrn gemäß und nach Anordnung des Gehorsams habe ich diese heilige Geschichte zum zweiten Male geschrieben. Denn wegen der Überfülle und Fruchtbarkeit des Lichtes, in dem ich die Geheimnisse schaute, einerseits und wegen meiner großen Unfähigkeit anderseits war das erste Mal meine Zunge nicht fähig, die Ausdrücke waren nicht treffend, die Feder war nicht schnell genug, um alles zu sagen. Ich hatte einiges ausgelassen, zu dessen Erzählung ich jetzt, nach langer Zeit und vermöge neuer Erleuchtungen, mehr geeignet bin. Freilich werde ich immer noch vieles von dem, was ich inne geworden und geschaut, übersehen; denn alles zu sagen ist niemals möglich. Noch einen anderen Grund habe ich nebst diesem im Herrn erkannt; es ist folgender: Als ich das erste Mal schrieb, hat der Stoff und die Ordnung dieses Werkes meine Aufmerksamkeit gar sehr auf sich gezogen; auch waren die Versuchungen und Beängstigungen so groß, die Stürme der Zerstreuungen und Einflüsterungen, die auf mich eindrangen, als hätte ich in Übernahme eines so schwierigen Werkes vermessentlich gehandelt, gingen so sehr über alles Maß, dass ich mich dazu verstand, es zu verbrennen. Es geschah dies meines Erachtens nicht ohne Zulassung des Herrn; denn in dem Zustand solcher Unruhe war meine Seele nicht fähig, die entsprechenden Gnaden in sich aufzunehmen, die der Herr ihr zu geben wünschte, indem er seine Lehre in mein Herz schreiben und in meinen Geist einprägen wollte. Er befiehlt aber, dass ich dies jetzt tue, wie dies aus folgendem Vorfall ersichtlich ist.

16. Eines Tages, es war am Fest der Reinigung Unserer Lieben Frau, wollte ich nach dem Empfang des Allerheiligsten Sakramentes dieses Fest durch Übergabe meines Herzens an den Allerhöchsten und in Akten der Danksagung dafür feiern, dass er ohne mein Verdienst mich zu seiner Braut angenommen hatte (es war nämlich zugleich der Jahrestag meiner Profess). Während ich nun diese Anmutungen erweckte, fühlte ich in meinem Innern eine große Veränderung und eine Überfülle von Licht, welches mächtig und lieblich (Weish 8, 1) zugleich mich erhob und mich gleichsam nötigte zur Erkenntnis der Wahrheit Gottes, seiner Güte, seiner Vollkommenheiten und Eigenschaften, aber auch zur Erkenntnis meines eigenen Elendes. Diese zu gleicher Zeit meinem Verstand sich darstellenden Gegenstände brachten in mir verschiedene Wirkungen hervor. Fürs erste zogen sie meine ganze Aufmerksamkeit und meinen Willen an sich; fürs zweite demütigten und erniedrigten sie mich so sehr in den Staub, dass mein ganzes Wesen gleichsam verging und ich den heftigsten Reueschmerz über meine schweren Sünden empfand, mit dem festen Vorsatz, mich zu bessern, allem, was die Welt bietet, zu entsagen und mich über alles Irdische zur Liebe des Herrn emporzuschwingen, In diesen Anmutungen war ich wie ohnmächtig, der größte Schmerz aber war Trost, und Sterben war Leben. Da erbarmte sich der Herr meiner Ohnmacht aus lauter Barmherzigkeit und sprach zu mir: «Verliere den Mut nicht, meine Tochter und Braut; um dir zu verzeihen, um dich zu waschen und zu reinigen von deinen Verschuldungen, werde ich dir meine unendlichen Verdienste und das Blut, das ich für dich vergossen habe, zuwenden. Fasse Mut, um durch Nachahmung des Lebens meiner heiligsten Mutter nach der Vollkommenheit zu streben die du begehrst; schreibe es zum zweiten Mal, damit du beifügst, was noch fehlt und dessen Lehre deinem Herzen einprägst. Reize nicht mehr meine Gerechtigkeit und stoße nicht meine Barmherzigkeit zurück, indem du verbrennst, was du schreibst; ich würde sonst in meinem Zorn dir das Licht nehmen, das dir ohne dein Verdienst dazu gegeben ist, damit du diese Geheimnisse erkennst und offenbarst.»

17. Gleich darauf sah ich die Mutter Gottes, die Mutter der Barmherzigkeit. Sie sprach zu mir: «Meine Tochter, du hast von dem Baum des Lebens, d. i. von der Geschichte meines Lebens, die du geschrieben, noch nicht die entsprechende Frucht für deine Seele gewonnen; noch bist du nicht auf das Mark seines Inhaltes gekommen; noch hast du nicht hinreichend von diesem verborgenen Manna gesammelt; noch hast du nicht die letzte Vorbereitungsstufe in der Vollkommenheit erreicht, deren du bedurftest, damit der Allmächtige meine Tugenden und Vollkommenheiten in deine Seele nach Verhältnis eindrücke. Ich werde dir die nötige Befähigung und Ausrüstung geben zu dem, was die Hand Gottes in dir wirken will. Ich habe ihn gebeten, mir zu gestatten, dass ich mit eigener Hand, kraft meiner Verdienste und mittels der überschwänglichen Gnade, die er mir verliehen, dich schmücke und deine Seele ausrüste, auf dass du mein Leben zum zweiten Mal schreibest. Dabei sollst du aber nicht so sehr auf die äußere Form als vielmehr auf den Inhalt und die Sache selber bedacht sein. Auch sollst du dich wie ein gefügiges Werkzeug verhalten, damit du dem Strom der göttlichen Gnade, welchen der Allmächtige in mich ergoss und wovon ein Teil gemäss der Anordnung des göttlichen Willens auf dich übergehen soll, kein Hindernis entgegensetzt. Hab acht, dass du ihn nicht verringerst und beschränkst durch Kleinmut und unvollkommenes Handeln!» Darauf sah ich, wie die Mutter der Barmherzigkeit mir ein Kleid anlegte, das weisser war als der Schnee und glänzender als die Sonne. Dann legte sie mir einen überaus kostbaren Gürtel um und sprach: «Das ist ein Anteil an meiner Reinheit.» Auch erbat sie für mich vom Herrn die eingegossene Wissenschaft. um mich damit wie mit einem wunderschönen Haarschmuck zu zieren, und außerdem noch andere Gaben und kostbare Kleinodien, die ich wohl als kostbar erkannte, deren Bedeutung mir aber unbekannt blieb. Nach dieser Ausrüstung sprach die himmlische Herrin zu mir: «Arbeite getreu und sorgsam, mir nachzufolgen und meine vollkommenste Tochter zu werden, erzeugt aus meinem Geist, genährt an meiner Brust! Ich gebe dir meinen Segen, damit du in meinem Namen, unter meiner Leitung und mit meinem Beistand zum zweiten Mal schreibst.»

18. Dieses ganze heiligste Leben wird der deutlicheren Übersicht wegen in drei Teile oder Bücher abgeteilt.

Der erste Teil behandelt das, was während der ersten fünfzehn Lebensjahre der Himmelskönigin geschah, d. h. von ihrer reinsten Empfängnis bis zu dem Zeitpunkt, wo das ewige Wort in ihrem jungfräulichen Schoße menschliches Fleisch annahm, und was der Allerhöchste während dieser Jahre in der allerseligsten Jungfrau Maria gewirkt hat.

Der zweite Teil umfasst das Geheimnis der Menschwerdung, das ganze Leben Christi unseres Herrn, sein Leiden und Sterben, seine Himmelfahrt, also die Zeit, während welcher die göttliche Mutter mit ihrem heiligsten Sohn zusammenlebte, und alles, was sie in diesem Zeitraum getan hat.

Der dritte Teil enthält das übrige Leben dieser Mutter der Gnade, also die Zeit, da sie allein, ohne Christus unseren Erlöser, auf Erden lebte, bis zur Stunde ihres seligen Hinscheidens. Sodann wird beschrieben, wie sie in den Himmel aufgenommen und zur Königin des Himmels gekrönt wurde, um ewig zu leben als Tochter des Vaters, Mutter des Sohnes und Braut des Heiligen Geistes.

Diese drei Teile zerlege ich in acht Bücher, damit sie handlicher seien und den beständigen Gegenstand meines Nachdenkens, den Sporn meines Willens und den Trost meiner Betrachtung bilden bei Tag und bei Nacht.

19. Was die Zeit betrifft, in welcher ich diese heilige Geschichte geschrieben habe, so ist zu bemerken, dass meine Eltern, Fr. Franziskus Coronel und Schwester Katharina Arana, dieses Kloster der «Unbeschuhten Ordensfrauen von der Unbefleckten Empfängnis» nach göttlichem Willen und Ratschluss, wie derselbe durch besondere Erleuchtung und Offenbarung meiner Mutter. der Schwester Katharina, kundgegeben worden war, in ihrem eigenen Hause gegründet haben. Die Gründung geschah am Oktavtage des Festes der Heiligen Drei Könige, am 13. Januar des Jahres 1619. Am nämlichen Tage nahmen meine Mutter, ich und meine Schwester das Ordenskleid. Mein Vater trat in den Orden unseres seraphischen Vaters, des heiligen Franziskus, in welchem seine zwei Söhne bereits als Religiosen lebten, er empfing dort das Ordenskleid, legte Profess ab, lebte als ein Muster für alle und starb eines heiligen Todes.

Meine Mutter und ich empfingen den Schleier am Fest der Reinigung der großen Königin des Himmels, am 2. Februar 1620. Die Profess meiner jüngeren Schwester wurde verschoben, weil sie noch nicht das gehörige Alter hatte. So hat der Allmächtige aus lauter Güte unsere Familie begnadigt, dass sie sich ganz dem Ordensstand widmete.

Im achten Jahre der Gründung, im fünfundzwanzigsten meines Lebens, d. i. im Jahre 1627 n. Chr., legte mir der Gehorsam das Amt einer Oberin auf, das ich zurzeit, wiewohl unwürdig, bekleide. Zehn Jahre gingen in diesem Amt vorüber, in denen ich oftmals, sowohl vom Allerhöchsten als von der großen Königin des Himmels den Auftrag erhielt, ihr heiligstes Leben zu beschreiben; aber aus Furcht und Schüchternheit widerstand ich diese ganze Zeit hindurch diesen Befehlen Gottes bis zum Jahre 1637, wo ich dann anfing, dasselbe zum ersten Mal zu schreiben. Nachdem ich es vollendet hatte, habe ich infolge der oben beschriebenen Ängstlichkeiten und Unruhen und auf den Rat eines Beichtvaters, der mir in Abwesenheit meines gewöhnlichen Seelenführers beistand, alle meine Papiere verbrannt, sowohl diese heilige Geschichte als auch viele andere Schriften, welche über große Geheimnisse handelten; denn, sagte er mir, Frauen brauchen in der heiligen Kirche nicht zu schreiben. Ich gehorchte bereitwillig, erhielt aber nachher von den Oberen sowie vom Beichtvater, der mein ganzes Leben kannte, sehr scharfe Verweise. Unter Androhung von kirchlichen Strafen befahlen sie mir, das Leben nochmals zu schreiben, aber auch der Allerhöchste und die Königin des Himmels befahlen mir wiederholt, zu gehorchen. Dieses zweite Mal nun waren die Erleuchtungen welche ich über Gottes Wesenheit erhielt, so reichlich, die Gnaden welche die Hand des Allerhöchsten über mich ausgoss, damit meine arme Seele durch die Lehren ihrer himmlischen Lehrmeisterin erneuert und belebt würde, so überfließend, die Lehren so vollkommen und die Geheimnisse so erhaben, dass ich genötigt bin, ein eigenes Buch zu schreiben, das einen Anhang zu gegenwärtiger Geschichte bildet und den Titel führt: «Gesetze der Braut, erhabene Grundsätze ihrer keuschen Liebe, Frucht vom Baum des Lebens Unserer Lieben Frau, der allerseligsten Jungfrau Maria.» So habe ich denn mit der Gnade Gottes begonnen, dieses Leben zu schreiben, am achten Dezember des Jahres 1655, am Festtag der reinsten, unbefleckten Empfängnis Mariä.

ERSTER TEIL DES LEBENS UND DER GEHEIMNISSE DER KÖNIGIN DES HIMMELS

Von ihrer unbefleckten Empfängnis bis zur Zeit, da das ewige Wort in ihrem jungfräulichen Schoße menschliches Fleisch annahm.

ERSTES BUCH

ERSTES HAUPTSTÜCK: Vorbereitende Gesichte der Verfasserin

Berichl üJ;er zwei besonders bedeutsame Gesichte, welche der Herr meine Seele schauen ließ, sowie über andere Erleuchtungen und Mitteilungen welche mich zur Losschälung vom Irdischen antrieben und die Wohnung meines Geistes über die Erde erhöhten.

1. Ich lobe und preise dich (Mt 11,25), allerhöchster König, dass du in deiner Barmherzigkeit und in deiner erhabenen Majestät diese hohen Geheimnisse den Weisen und Lehrern verborgen und sie mir, deiner niedrigsten Dienerin, dem unnützesten Glied deiner Kirche geoffenbart hast, auf dass du als der allmächtige Urheber dieses Werkes um so klarer erkannt und bewundert werdest, je geringer und schwächer das Werkzeug ist, dessen du dich dabei bedienst.

2. Nachdem ich, wie ich früher erzählte, lange Zeit mich gesträubt und in meiner Ängstlichkeit vielfach ungeordneter Furcht und großer Unentschiedenheit nachgegeben hatte, weil ich wohl wusste, wie unermesslich groß das Meer von Wundern ist, in das ich mich, nicht ohne Furcht, Schiffbruch zu leiden, hinauswage, da verlieh mir der allerhöchste Herr in fühlbarer Weise eine Kraft aus der Höhe, mächtig und lieblich (Weish 8, 1), stark und süß, ein Licht, welches den Verstand erleuchtet, den aufrührerischen Willen überwältigt, das Reich der inneren und äußeren Sinne beruhigt, lenkt, leitet und an sich zieht und das ganze Wesen des Menschen dem Willen und Wohlgefallen des Allerhöchsten unterordnet, so dass er in allem nur Gottes Ehre und Verherrlichung sucht. Nachdem ich in dieser Weise vorbereitet war, hörte ich eine Stimme des Allmächtigen, der mich rief und mit großer Kraft an sich zog. Er erhöhte über die Erde meine Wohnung (Sir 51, 13) und stärkte mich gegen die Löwen, welche heißhungrig brüllend mich umgaben (Sir 51, 4) und von dem Gut, welches Gott in der Erkenntnis der großen, in diesem Tabernakel, in der heiligen Stadt Gottes, beschlossenen Geheimnisse mir gezeigt hatte, mich abbringen wollten. Er befreite mich von den Pforten der Trübsale (Sir 51, 5 u. 6), in welche meine Widersacher mich zu locken suchten, während die Schmerzen des Todes und des Verderbens mich umgaben (Ps 18, 5), und die Flammen Sodomas und Babyions, worin wir leben, mich umringten. Meine Feinde wollten mich zu Fall bringen, indem sie meinen Sinnen Scheinfreuden vorhielten und Trugbilder voll List und Schalkheit vorspiegelten, damit ich blindlings zu ihnen mich hinwenden und der Flamme mich überliefern möchte. Allein aus all diesen Fallstricken, die sie meinen Füßen legten (Ps 57, 7), errettete mich der Allerhöchste, indem er meinen Geist erhob und durch wirksame Unterweisungen den Weg der Vollkommenheit mir zeigte. Er rief mich, ein geistiges, englisches Leben in sterblichem Fleische zu führen, und befahl mir, so sorgsam zu leben, dass inmitten des Ofens das Feuer mich nicht berühre und ich mich bewahre vor der unreinen Zunge (Sir 51, 6. 7), welche oft eitle und irdische Dinge mir vorsagte (Ps 119, 85). Seine erhabene Majestät forderte mich auf, aus dem Staub und aus der Schwachheit, die das Gesetz der Sünde verursacht, mich zu erheben, den ererbten Wirkungen der verdorbenen Natur zu widerstehen, die Natur samt ihren ungeordneten Neigungen niederzuhalten, die Leidenschaften angesichts des mir verliehenen Lichtes zu unterdrücken und über mich selbst mich zu erheben (Klgl 3, 28). Oftmals rief er mich, bald mit der Kraft eines allmächtigen Gottes, bald mit der Strenge eines Vaters, bald mit der Zärtlichkeit eines Bräutigams, indem er zu mir sprach: «Meine Taube, Gebilde meiner Hände, erhebe dich und eile, komme zu mir (Hld 2, 10), der ich das Licht bin und der Weg; wer mir folgt, wandelt nicht in Finsternis (Joh 8, 12). Komme zu mir, denn ich bin die untrügliche Wahrheit und die wahre Heiligkeit. Ich bin der Allmächtige, der Weise und der Leiter der Weisen (Weish 7, 15)»

3. Diese Worte trafen mein Herz wie Pfeile und erfüllten es mit süßer Liebe, mit Bewunderung, Ehrerbietung, heiliger Furcht und mit der Erkenntnis meiner Sünden und meiner Niedrigkeit, so dass ich mich zurückzog, verdemütigte und in mein Nichts versenkte. Der Herr aber sprach zu mir: «Komme, Seele, komme, denn ich bin dein Gott, der Allmächtige; und warst du auch sündhaft, dem verlornen Sohn gleich, so erhebe dich jetzt von der Erde und komme zu mir, deinem Vater! Empfange das Kleid der Freundschaft und den Ring der Verlobung !»

4. Während meine Seele in der Wohnung, von der ich spreche, verweilte, sah ich eines Tages jene sechs Engel, welche der Allmächtige mir angewiesen hatte, auf dass sie mir sowohl bei diesem Werk als auch in anderen Schwierigkeiten und Kämpfen helfend und leitend zur Seite stehen. Diese Engel reinigten und schmückten meine Seele, worauf sie mich dem Herrn vorstellten. Die göttliche Majestät verlieh meiner Seele ein neues Licht von ähnlicher Beschaffenheit wie das Licht der Glorie, wodurch ich befähigt und gekräftigt wurde, Dinge zu schauen und zu erkennen, welche die Fassungskraft eines irdischen Geschöpfes, wie ich es bin, weit übersteigen. Dann zeigten sich mir zwei andere Engel aus einer höheren Hierarchie, und ich vernahm, wie sie mit großer Kraft im Namen des Herrn mich riefen. Zugleich erkannte ich, dass sie im Besitze vieler hoher, verborgener Geheimnisse waren und dass sie begehrten, dieselben mir mitzuteilen. Mit aller Sorgfalt und mit großer Begierde, jenes Gut, das sie mir ankündigten, zu besitzen, antwortete ich ihnen und gab ihnen mit heißer Sehnsucht mein Verlangen kund, dasjenige zu sehen, was sie mir zeigen wollten, aber unter dem Schleier eines Geheimnisses mir immer noch verbargen. Mit großer Freundlichkeit sagten sie darauf zu mir: «Halt ein, o Seele !» Dann sprach ich, an die beiden Himmelsfürsten mich wendend: «Ihr Fürsten des Allmächtigen, ihr Boten des großen Königs, ihr habt mich gerufen; warum haltet ihr mich nun hin und tut meinem Willen Gewalt an, indem ihr meine Freude und meine Wonne verzögert? Wie groß ist doch eure Kraft und Stärke, die mich ruft, entzündet und entflammt und doch zugleich zurückhält! Ihr zieht mich dem Wohlgeruch der Salben (Hld 1, 3) meines geliebten Herrn nach und haltet mit starken Fesseln mich zurück! O sagt mir doch, warum ihr dies tut!» «Weil du, o Seele», lautete ihre Antwort, «mit bloßen Füßen, losgeschält von allen deinen Neigungen und Leidenschaften, kommen musst, wenn du diese hohen Geheimnisse verstehen willst; denn diese vertragen sich nicht mit ungeordneten Neigungen. Ziehe die Schuhe von deinen Füßen, wie auch Moses tun musste, um den wunderbaren Dornbusch zu sehen (Ex 3, 5) !» «O ihr Himmelsfürsten», entgegnete ich, «ihr meine Gebieter ! Etwas Großes ward von Moses verlangt, da er in irdischer Natur wie ein Engel zu handeln geheißen ward. Doch er war ein Heiliger und Gerechter, und ich bin eine Sünderin und voll Elend! Mein Herz ist verwirrt, und ich seufze unter der Last meiner Knechtschaft und unter dem Gesetze der Sünde, das ich in meinen Gliedern fühle und das dem Gesetze meines Geistes widerspricht (Röm 7, 23).» Darauf sprachen sie: «Seele, etwas höchst Schwieriges wäre von dir verlangt, wenn du es nur mit deinen eigenen Kräften zu leisten hättest; allein der Allerhöchste, welcher will und verlangt, dass du dich also bereitest, ist mächtig und wird dir seine Hilfe nicht verweigern, wenn du ihn herzlich darum bittest und dich bereitmachst, sie zu empfangen. Seine Allmacht, welche bewirkte, dass der Dornbusch brannte und nicht verbrannte, wird auch zu bewirken vermögen, dass die im Feuer der Leidenschaften wie in einen Kerker eingeschlossene Seele nicht verbrennt, wenn sie nur selber frei zu werden begehrt. Gottes Majestät verlangt, was sie will, und vermag auszuführen, was sie verlangt (Phil 4,13). Wenn er dich stärkt, wirst du alles vermögen, was er dir befiehlt; löse also die Schuhe von deinen Füßen, weine bitterlich und rufe aus der Tiefe deines Herzens, auf dass dein Gebet erhöhrt und dein Verlangen erfüllt werde!»

5. Hierauf sah ich einen höchst kostbaren Schleier, der einen Schatz zudeckte, und mein Herz brannte vor Sehnsucht, dass der Schleier gehoben und das, was ich als ein verborgenes Geheimnis erkannte, aufgedeckt werde. Auf dieses mein Verlangen erhielt ich die Antwort: «Befolge die Ermahnung und den Befehl, der dir gegeben wird! Mache dich los von dir selbst; dann wird es dir gezeigt werden!» Ich entschloss mich, mein Leben zu bessern und meine Neigungen zu überwinden; ich weinte, seufzte und schluchzte aus dem Innersten meiner Seele, dass mir dieses Gut gezeigt werden möge. Während ich so meinen Vorsatz fasste, lüftete sich allmählich der Schleier, der meinen Schatz verdeckte. Nachdem er endlich ganz geöffnet war, sahen die Augen meines Geistes Geheimnisse, die ich niemals mit Worten zu sagen oder auszusprechen vermag. Ich sah ein geheimnisvolles, großes Zeichen im Himmel. Ich sah eine Frau, eine Herrscherin, eine wunderbar schöne Königin, mit Sternen gekrönt, mit der Sonne bekleidet und den Mond unter ihren Füßen (Offb 12,1). Die heiligen Engel aber sprachen zu mir: «Das ist jene glückliche Frau, welches der heilige Johannes in seiner Offenbarung geschaut hat, in welchem die wunderbaren Geheimnisse der Erlösung beschlossen, niedergelegt und versiegelt sind.

So sehr hat der Allerhöchste, der Allmächtige diese Kreatur mit Gnaden erfüllt, dass wir englischen Geister darüber erstaunen. Darum betrachte wohl und schaue aufmerksam ihre erhabenen Vorzüge; schreibe sie nieder, denn nach dem Nutzen, den du selbst daraus schöpfen sollst, ist dies der nächste Zweck, zu dem dir dies Geheimnis geoffenbart wird !» Ich schaute so viele und große Wunder, dass deren Überfülle mich verstummen macht und die Verwunderung mich überwältigt. Ich bin auch der Ansicht, dass in diesem sterblichen Leben kein einziges Geschöpf befähigt ist, dieselben zu erkennen, wie das, was ich in der Folge noch sagen werde, zur Genüge erhellen wird.

6. Ein anderes Mal, da meine Seele ruhig und still in der genannten Wohnung verweilte, hörte ich eine Stimme des Allerhöchsten, die zu mir sprach: «Meine Braut, ich will, dass du dich endlich einmal ernstlich aufraffst, sorgfältig mich suchst, eifrig mich liebst und, alles Irdische vergessend, ein mehr englisches als menschliches Leben führst. Ich will dich, die Arme, aus dem Staub emporziehen und die Elende aus dem Kot erheben (Ps 113, 7); je mehr aber ich dich erhebe, desto mehr sollst du dich erniedrigen, damit deine Narde lieblichen Geruch gebe (Hld 1,11), so lange du in meiner Gegenwart weilst. Deine Schwachheit und deine Armseligkeiten erkennend, sollst du dich überzeugen, dass du verdienst, Trübsal zu leiden, und dass du schuldig bist, in ihr von ganzem Herzen dich zu verdemütigen. Betrachte meine Größe und deine Niedrigkeit. Ich bin gerecht und heilig; und wenn ich dich schlage, so tue ich dir nicht Unrecht, sondern übe Erbarmen, da ich gelinder dich züchtige, als du es verdienst. Auf dieser Grundlage der Demut trachte die übrigen Tugenden aufzubauen, um so meinen Willen zu erfüllen. Damit du aber jemand habest, der dich lehre, bessere und zurechtweise, gebe ich dir als Lehrmeisterin meine jungfräuliche Mutter; sie wird dich unterweisen und deine Schritte nach meinem Willen und Wohlgefallen leiten.»

7. Während der allerhöchste Herr diese Worte zu mir sprach, stand die Himmelskönigin vor mir. Diese himmlische Frau verschmähte es nicht, das von ihrem Sohn ihr übertragene Amt liebreich anzunehmen, indem sie zu mir sprach: «Meine Tochter, ich wünsche, dass du meine Schülerin und Begleiterin seiest. Ich werde deine Lehrmeisterin sein; bedenke aber wohl, dass du mir starkmütig gehorchen musst und dass von diesem Tage an die Merkmale einer Tochter Adams an dir nicht mehr erscheinen dürfen. Mein Leben und Wirken auf Erden sowie die Wunder, welche der mächtige Arm des Allerhöchsten an mir gewirkt hat sollen fortan dein Spiegel und die Richtschnur deines Lebens sein.» Ich warf mich vor dem erhabenen Throne des Königs und der Königin des Weltalls nieder und bot mich an, in allem zu gehorchen. Auch sagte ich dem Allerhöchsten Dank für die Wohltat, die er mir über all mein Verdienst erwiesen, indem er mir eine solche Beschützerin und Führerin gegeben hat. In ihre Hände erneuerte ich die Gelübde meiner Profess und opferte mich aufs neue auf, ihr zu gehorchen und mit ihr an der Besserung meines Lebens aus all meinen Kräften zu arbeiten. Da sprach der Herr zu mir: «Hab acht und sieh!» Ich tat es und sah eine wunderschöne Leiter mit vielen Stufen; eine große Anzahl Engel umgab dieselbe, und andere stiegen an ihr auf und nieder. Und die göttliche Majestät sprach zu mir: «Das ist die geheimnisvolle Leiter Jakobs, das Haus Gottes und die Pforte des Himmels (Gen 28, 12.17). Wenn du dich bereitest und dein Leben so einrichtest, dass meine Augen nichts Sträfliches an dir finden, wirst du auf ihr zu mir aufsteigen.»

8. Dieses Versprechen entzündete mein Verlangen, eiferte meinen Willen an und fesselte meinen Geist. Unter vielen Tränen beklagte ich, dass ich mir selber zur Last und zur Beschwernis bin (Job 7, 20). Ich seufzte, es möchte das Ende meiner Gefangenschaft kommen und ich dahin gelangen, wo es kein Hindernis mehr gibt, das die Liebe aufhalten könnte. Mehrere Tage brachte ich in diesen inbrünstigen Anmutungen zu und suchte mein Leben zu vervollkommnen, indem ich nochmals eine Generalbeichte ablegte und einige Unvollkommenheiten verbesserte. Das Gesicht von der Leiter dauerte indes ununterbrochen fort, ohne dass ich jedoch dessen Bedeutung verstanden hätte. Ich machte dem Herrn viele Versprechungen und erneuerte den Vorsatz, mich von allem Irdischen loszumachen und meinen Willen allein für die Liebe Gottes frei zu erhalten, ohne Hinneigung zu irgendeiner Sache, möchte sie auch noch so gering und unverfänglich sein. Ich verschmähte und wies alles ab, was trüglich und sichtbar ist. Nachdem einige Tage in solchen Anmutungen und mit dieser Zubereitung vergangen waren, gab mir der Allerhöchste die Erklärung, jene Leiter sei nichts anderes als das Leben der heiligsten Jungfrau, ihre Tugenden und ihre Geheimnisse. Seine Majestät sprach zu mir: «Meine Braut, ich will, dass du auf dieser Leiter aufsteigst und durch diese Himmelspforte eingehst zur Erkenntnis meiner Vollkommenheiten und zur Beschauung meiner Gottheit; steig also hinan, an ihr aufsteigend komme zu mir! Diese Engel, welche ihr schützend zur Seite stehen, sind die, welche ich zum Schutz, zur Verteidigung und zur Bewachung dieser Stadt Sion bestimmt habe. Sieh und betrachte ihre Tugenden und bemühe dich, sie nachzuahmen!» Es kam mir vor, als steige ich diese Leiter hinan und sehe da das größte aller Wunder, das unaussprechliche Wunderwerk, das der Herr an einem bloßen Geschöpfe gewirkt, die höchste Heiligkeit und Vollkommenheit der Tugenden, welche die Hand des Allmächtigen jemals hervorgebracht. Auf der Spitze der Leiter sah ich den Herrn der Herren und die Königin der ganzen Schöpfung. Sie befahlen mir, um dieser hocherhabenen Geheimnisse willen den allmächtigen Gott zu ehren, zu lobpreisen und zu verherrlichen und, was ich davon verstände, niederzuschreiben. In diesen beiden Gesetzestafeln, welche vorzüglicher sind als die des Moses, gab mir der erhabene und höchste Herr, mit seinem allmächtigen Finger geschrieben (Ex 31, 18), ein Gesetz, auf dass ich es betrachte und beobachte (Ps 1, 2). Er bewog auch meinen Willen, in seiner Gegenwart der allerreinsten Königin meine Erklärung abzugeben, dass ich meinen Widerstand brechen und mit ihrer Hilfe ihr heiligstes Leben beschreiben wolle; dabei wolle ich auf drei Dinge meine Aufmerksamkeit und Meinung richten:

Erslens, dass man erkenne, welch liefe Ehrfurcht das Geschöpf dem ewigen Gott schulde und wie es sich um so mehr verdemütigen und erniedrigen muss, je mehr Gottes unermessliche Majestät zu ihm sich herablässt, sowie dass die Wirkung der größten Gunstbezeigungen und Gnadengaben Gottes keine andere sein soll als um so größere Furcht, Ehrerbietigkeit, Gewissenhaftigkeit und Demut.

Zweitens, dass das menschliche Geschlecht, welches sein Heilmittel vergessen hat, beachte und erkenne, was es seiner Königin der Mutter der Gütigkeit in den Werken der Erlösung verdanke; sowie, welche Liebe und Ehrerbietigkeit sie, diese große Herrin, zu Gott getragen und welche wir zu ihr tragen müssen.

Drittens, dass derjenige, welcher meine Seele leitet, und wenn es sein soll, die ganze Welt erkenne meine Geringfügigkeit Nichtigkeit und schlechte Vergeltung für das, was ich empfange.

9. Auf dieses mein Verlangen erwiderte mir die heiligste Jungfrau: «Meine Tochter, die Welt ist dieser Lehre gar sehr bedürftig, weil sie die dem allmächtigen Herrn schuldige Ehrfurcht weder kennt noch hat. Aus dieser Unkenntnis aber stammt die Anmaßung, durch welche die Sterblichen Gottes strenge Gerechtigkeit herausfordern, sie zu schlagen und zu demütigen sie sind von ihrer Sorglosigkeit so eingenommen und in ihrer Finsternissen so befangen, dass sie nicht einmal das Heilmittel zu suchen und von dem ihnen dargebotenen Licht Gebrauch zu machen wissen. Dies ihr Unglück kommt aber daher, weil ihnen die Furcht und die Ehrerbietigkeil fehlt die sie haben sollten.»

Diese und andere Unterweisungen gaben mir der Allerhöchste und die Königin des Himmels, um mir ihren Willen in diesem Werke kundzutun. Es schien mir aber Verwegenheit und Mangel an Liebe gegen mich selbst zu sein, wenn ich die Lehrer und Unterweisungen, welche mir diese große Königin bei Offenbarung ihres heiligsten Lebens versprochen hatte, nicht annehmen wollte; ebenso schien es mir ungeziemend zu sein die Sache auf eine andere Zeit zu verschieben, weil der Herr mir erklärte, jetzt sei die günstige und gelegene Zeit. Über letzteren Punkt richtete er folgende Worte an mich: «Meine Tochter, als ich meinen Eingebornen in die Welt sandte, befand sich diese in einem so schlimmen Zustand, dass sie sich seit ihrem Anbeginn niemals in einem schlimmeren befunden hatte wenige Menschen ausgenommen, die mir noch dienten. Die Natur des Menschen ist überaus gebrechlich; wenn er dabei nicht der inneren Leitung meines Lichtes folgt und die Lehre meiner Diener ausübt, indem er sein eigenes Urteil unterwirft und nach mir, der ich der Weg, die Wahrheit und das Leben bin (Joh 14, 6), sich richtet, meine Gebote hält und meine Freundschaft bewahrt, so gerät er bald in die tiefste Finsternis, in unsägliches Elend und stürzt von einem Abgrund in den andern, bis er in der Sünde sich verhärtet. Von der Zeit an, da ich die Welt erschaffen und da der erste Mensch gesündigt, bis zu jener Zeit, da ich dem Moses das Gesetz gegeben, haben sich die Menschen nach ihren eigenen Neigungen gerichtet und große Fehltritte und Sünden begangen (Röm 5, 13). Und auch nach dem Gesetz haben sie, weil sie dem Gesetz nicht gehorchten (Joh 7,19), dieselben Sünden begangen, wodurch sie sich vom Wege der Wahrheit und des Lichtes noch weiter verirrten und in den Zustand größter Sorglosigkeit gerieten. Allein trotzdem schickte ich in väterlicher Liebe dem Menschengeschlecht das ewige Heil und die Arznei gegen ihre unheilbaren Krankheiten, wodurch ich meine Sache gerechtfertigt habe (Eph 2, 4.5). Gleichwie ich nun damals jene Zeit wählte, in welcher diese meine Barmherzigkeit sich im hellsten Licht zeigte, so will ich auch jetzt tun; jetzt will ich den Menschen eine andere große Barmherzigkeit erweisen weil jetzt die geeignete Zeit dazu ist, jetzt, da meine Stunde herannaht, in welcher die Welt sich so sehr mit Schulden beladen und dem Gerichte verfallen sehen wird, dass jedermann die Gerechtigkeit meines Zornes erkennen wird. In jener Stunde werde ich offenbaren meinen Zorn, meine Gerechtigkeit und meine Billigkeit und werde offenbaren, wie sehr meine Sache gerechtfertigt ist (Ps 51, 6). Damit nun dies in vollerem Maße geschehe, und weil jetzt die Zeit ist, in welcher ich meine Barmherzigkeit am meisten offenbaren und meine Liebe nicht ruhen lassen will, da die Welt in den schlimmsten Zustand gekommen ist seit der Menschwerdung des Wortes und da die Menschen um ihr Heil so äußerst wenig sich kümmern und so wenig es suchen; da der Tag ihres vergänglichen Lebens dem Ende naht, die Sonne der Zeit sich zum Untergang neigt, die Nacht der Ewigkeit über die Verworfenen hereinbricht und für die Gerechten ein ewiger Tag ohne Nacht aufgeht; da von den Sterblichen die meisten in der Finsternis ihrer Unwissenheit und Sünde begraben sind, da man die Gerechten unterdrückt und die Kinder Gottes verspottet, da infolge der ungerechten, mir verhassten und meiner Vorsehung feindlichen Einrichtung des Gemeinwesens mein heiliges und göttliches Gesetz verachtet wird, da die Bösen meine Barmherzigkeit am wenigsten verdienen, so will ich, auf die Gerechten in dieser für sie so gnadenreichen Zeit hinblickend, allen eine Pforte öffnen damit sie durch sie eingehen zu meiner Barmherzigkeit; eine Leuchte will ich ihnen geben, damit sie in den Finsternissen ihrer Blindheit sich erleuchten lassen; ein geeignetes Mittel will ich ihnen reichen, wodurch sie, so sie sich dessen nur bedienen wollen, meine Gnade wieder finden können. Höchst glücklich werden diejenigen sein, welche dieses Mittel finden (Spr 3, 13 ff), und selig jene, welche seinen Wert erkennen; reich diejenigen, welche diesen Schatz entdecken, und glückselig und höchst weise jene, welche mit Ehrfurcht ihn erforschen und seine Rätsel und Geheimnisse verstehen. Ich will, dass die Sterblichen wissen wie viel die Vermittlung derjenigen vermag, welche für sie die Rettung aus ihren Sünden geworden ist indem sie in ihrem Schoß dem Unsterblichen sterbliches Leben gegeben hat. Ich will, dass die Menschen an den Wunderwerken, welche mein allmächtiger Arm in dieser reinen Kreatur gewirkt hat, einen Spiegel haben, worin sie ihre eigene Undankbarkeit sehen, und darum will ich von den Wundern, die ich an der Mutter des ewigen Wortes gewirkt habe, viele offenbaren, welche nach meinen höchsten Ratschlüssen bisher verborgen waren.»

10. «In den ersten Zeiten der Kirche habe ich diese Wunder nicht offenbaren wollen, weil sie so erhabene Geheimnisse in sich schließen, dass sich die Gläubigen bei Erforschung und Bewunderung derselben aufgehalten hätten, während es nötig war, das Gesetz der Gnade und das Evangelium zu verbreiten und zu begründen. Wohl hätte das eine das andere nicht durchaus ausgeschlossen, allein die menschliche Kurzsichtigkeit hätte doch in jener Zeit, da der Glaube an die Menschwerdung und Erlösung sowie die Gebote des neuen, evangelischen Gesetzes kaum erst Wurzel gefasst hatten, einige Bedenken und Zweifel hegen können. Darum sprach auch das menschgewordene Wort beim Abendmahl zu seinen Jüngern: "lch hätte euch noch vieles zu sagen aber ihr könnt es jetzt nicht tragen (Joh 16, 12)." Diese Worte galten der ganzen Welt, welche nicht befähigt war, die Geheimnisse der Mutter im Glauben anzunehmen, bevor das Gesetz der Gnade begründet und der Glaube an den Sohn befestigt war. Jetzt ist aber die Bedürftigkeit größer, und diese ist es, die mich zur Offenbarung dieser Geheimnisse mehr antreibt als die Vorbereitung der Welt. Würden die Menschen mir dadurch zu gefallen suchen, dass sie die Wunder, welche die Mutter der Gütigkeit in sich schließt, mit ehrerbietigem, gläubigem Herzen zu erkennen trachteten, würden alle, und zwar von ganzem Herzen um ihre Fürbitte sich bewerben, die Welt würde Rettung finden! Ich will darum nicht unterlassen, ihnen diese geheimnisvolle Stadt der Zuflucht vor Augen zu stellen; beschreibe sie und zeichne sie, soweit deine Kurzsichtigkeit dies vermögen wird! Es ist aber mein Wille, dass die Beschreibung und Erklärung des Lebens der heiligsten Jungfrau nicht Meinungen oder Betrachtungen, sondern die untrügliche Wahrheit enthalte. Wer also Ohren hat zu hören, der höre (Mt 11,15)! Wer Durst hat, der komme zu den lebendigen Wassern (Offb 22,17) und verlasse die durchlöcherten Zisternen (Jer 2,13) ! Wer nach Licht begehrt, folge ihm bis ans Ende! So spricht der Herr, Gott der Allmächtige.»

11. Dies sind die Worte, welche bei dieser Gelegenheit der Allerhöchste zu mir geredet hat. Die Art und Weise aber, wie ich die Lehre und das Licht empfange und wie ich den Herrn erkenne, werde ich im folgenden Hauptstück auseinandersetzen, um damit dem Gehorsam zu genügen, der mir solches befiehlt, und um zugleich die Erleuchtungen und die Erbarmungen, die mir in dieser Hinsicht zuteil werden und die ich in der Folge dartun werde, ein für allemal zu erklären.

ZWEITES HAUPTSTÜCK: Art und Weise der Mitteilung

Erklärung der Art und Weise, wie mir das Leben und die Geheimnisse der Königin des Himmels vom Herrn geoffenbart werden.

12. Damit für den ganzen Verlauf vorliegenden Werkes die Art und Weise, wie der Herr mir diese Wunder offenbart dargetan und erklärt sei, schien es angezeigt, dieses Hauptstück vorauszuschicken, in welchem ich, soweit ich es mit dem Beistand Gottes vermag, eben diese Art und Weise verständlich machen will.

13. Seitdem ich den Gebrauch der Vernunft besitze, bemerke ich in mir ein Gnadengeschenk Gottes, welches ich für das größte erachte von allen, die seine freigebige Hand mir jemals gespendet hat; es hat mir nämlich die göttliche Majestät eine große Furcht, ihn zu verlieren lief in das Herz eingegraben. Diese Furcht hat mich angespornt und angetrieben, immer das Beste und Sicherste zu begehren, zu wirken und von dem Allerhöchsten zu erflehen, der, weil ich vor seinen Gerichten mich fürchtete, mein Fleisch mit diesem Pfeil durchbohrt hat (Ps 119,120). In dieser Furcht, die Freundschaft Gottes zu verlieren oder mich nicht in ihr zu befinden, lebe ich allezeit; die Tränen, welche diese Angst mir auspresste, sind meine Speise gewesen bei Tag und bei Nacht (Ps 42, 4). Und weil die Schüler des Herrn, welche sich zur Übung der Tugend bekennen, verborgen und unbekannt sein müssen, darum hat eben diese Furcht in der letzten Zeit mich angetrieben, heftig zu Gott zu beten und durch Vermittlung der reinsten, jungfräulichen Himmelskönigin ihn flehentlich zu bitten, dass er mich auf einem geraden, den Augen der Menschen verborgenen Weg leiten und führen möge.

14. Auf diese wiederholten Bitten antwortete mir der Herr «Fürchte dich nicht, o Seele, und betrübe dich nicht! Ich werde dir einen Zustand und einen Weg des Lichtes und der Sicherheit geben, der von meiner Seite so verborgen und so erhaben ist, dass niemand als der Urheber desselben ihn kennen wird. Alles nach außen hin Auffallende und Gefahrbringende wird dir von heute an genommen werden. Dein Schatz wird verborgen sein; hüte du ihn deinerseits und bewahre ihn durch ein vollkommenes Leben! Ich werde dich auf einen verborgenen, klaren, untrüglichen und reinen Pfad stellen; wandle auf ihm!» Von nun an nahm ich in meinem Innern eine Veränderung und einen sehr vergeistigten Zustand wahr. Den Verstand ward ein neues Licht gegeben und eine Wissenschaft mitgeteilt und eingegossen, kraft deren er in Gott alle Dinge sowohl nach ihrem Wesen als nach ihren Wirkungen erkennt sie werden ihm aber geoffenbart, je nachdem es der Wille des Allerhöchsten ist, dass er sie erkenne und sehe. Diese Erkenntnis und dieses den Verstand erhellende Licht ist heilig, lieblich und rein, fein, scharf, beweglich, untrüglich und klar; es macht, dass man das Gute liebt und das Böse verwirft. Es ist ein Hauch der Kraft Gottes und ein reiner Ausfluss seines Lichtes (Weish 7, 22.25), der sich, einem Spiegel gleich, vor meinen Verstand stellt, so das ich mit dem oberen Teil der Seele und durch innere Anschauung gar vieles sehe; denn der Gegenstand wird durch das von ihm ausgestrahlte Licht als ein unendlicher erkannt, obschon das Auge begrenzt und der Verstand kurz ist. In dieser Anschauung sehe ich den Herrn wie auf einem Thron von großer Majestät sitzen, und dort erkenne ich seine Vollkommenheiten mit großer Klarheit, jedoch in einer diesem sterblichen Leben entsprechend eingeschränkten Weise. Denn es bedeckt ihn etwas wie ein sehr reiner Kristall, der sich davor befindet. Durch diesen werden die wunderbaren Eigenschaften oder Vollkommenheiten Gottes mit großer Klarheit und Deutlichkeit erkannt und unterschieden, jedoch immerhin noch hinter dem ebengenanten Schleier oder Mittelding, das sich, wie gesagt, mit einem Kristall vergleichen lässt, welcher die vollkommene, unverhüllte und unmittelbare oder intuitive Anschauung verhindert. Indes kostet das Erkennen des Verschleierten den Verstand keine Mühe, sondern setzt ihn in Bewunderung, weil man erkennt, dass das geschaute Objekt unendlich, der Schauende aber beschränkt ist. Auch schöpft der Schauende die Hoffnung, dass, wenn er einst in den Besitz des geschauten Gutes gelangt, der Schleier gelüftet und der Vorhang gehoben werden wird, wenn nämlich die Seele von den Banden des sterblichen Leibes befreit sein wird.

15. Die genannte Erkenntnis wird in verschiedener Weise und in verschiedenen Graden mitgeteilt, und diese Verschiedenheit ist vom Willen des Herrn abhängig, welcher sein Licht gemäß seinem göttlichen Wohlgefallen als einen in freier Liebe dargereichten Spiegel mitteilt. Das eine Mal ist das Licht heller, ein anderes Mal weniger hell. Bisweilen werden nur einzelne Geheimnisse gezeigt, während andere verborgen bleiben; alle aber sind groß. Dieser Wechsel richtet sich aber auch nach dem jeweiligen Zustand der Seele; denn wenn sich diese nicht in vollkommener Ruhe und innerem Frieden befindet, oder wenn sie einen Fehler oder eine Unvollkommenheit, so klein sie auch sein mag, begangen hat, kommt sie nicht dazu, das Licht in genannter Weise zu schauen. In diesem Licht aber erkennt man den Herrn mit solcher Klarheit und Sicherheit, dass man an dem Erkannten nicht mehr zweifeln kann. Am ehesten und deutlichsten erkennt man, dass derjenige, der gegenwärtig ist, Gott selbst ist; erst nachher und weniger deutlich wird das erkannt, was die göttliche Majestät redet. Diese Erkenntnis tut der Seele eine sanfte, aber starke und wirksame Gewalt an, den Allerhöchsten zu lieben, ihm zu dienen und seinen Willen zu erfüllen. In der Klarheit dieses Lichtes erkennt man große Geheimnisse: welch hohen Wert die Tugend hat, und welch kostbare Sache es ist, sie zu besitzen und zu üben; man erkennt ihre Vollkommenheit und Sicherheit. Man empfindet eine Kraft und Stärke, die zum Guten antreibt und dem Bösen sowie den Leidenschaften sich entgegensetzt, sie bekämpft und auch oftmals überwindet. Und so lange die Seele das Licht des Schauens genießt und es nicht verliert, wird sie nicht überwunden (Weish 7, 30); denn es verleiht ihr Mut, Eifer, Entschiedenheit und Freudigkeit; sorgsam und bedacht ruft und erhebt es sie, verleiht ihr Freiheit und Schwung, so dass der höhere Teil der Seele den niederen nach sich zieht; ja selbst der Leib wird zur selben Zeit leicht und gewissermaßen vergeistigt, indem er seine Last und sein Gewicht verliert.

16. Sobald die Seele diese süßen Wirkungen erkennt und empfindet, spricht sie voll Liebe zum Allerhöchsten: «Ziehe mich nach dir (Hld 1, 3)», und wir wollen miteinander laufen, denn mit dem Geliebten vereint, empfindet sie die natürlichen Affekte nicht mehr; indem sie sich fortreißen lässt von «dem Geruch der Salben ihres Geliebten», kommt sie dazu, mehr dort zu sein, wo sie liebt, als wo sie lebt. Den niederen Teil lässt sie hinter sich zurück, und wenn sie umkehrt, ihn zu suchen, so geschieht es nur, um ihn zu vervollkommnen, indem sie die natürlichen Neigungen der Leidenschaften reinigt und gleichsam beschneidet; und wenn diese sich zuweilen empören wollen, so schlägt die Seele sie augenblicklich nieder; denn «nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir (Gal 2, 20)».

17. Hier empfindet man sozusagen in allen heiligen Akten und Affekten den Beistand des Geistes Christi, welcher Gott ist und das Leben der Seele (1 Joh 5,11.12); denn in dem Eifer, in der Begierde, in dem Licht und in der Stärke zu wirken, erkennt man eine innere Kraft, welche nur Gott hervorbringen kann (Hebr 4, 12). Man empfindet die Fortdauer und Kraft dieses Lichtes sowie die dadurch hervorgerufene Liebe und eine tiefinnerliche, andauernde, lebendige Ansprache, welche die Aufmerksamkeit auf alles, was göttlich ist, hinzieht und von allem, was irdisch ist, abzieht; und hierin offenbart sich, dass Christus in mir lebt mit seiner Kraft und mit seinem Licht, welches immer in der Finsternis leuchtet (Joh 1, 5). Dies heißt eigentlich das Wohnen in den Vorhöfen des Hauses des Herrn (Ps 92,14); denn die Seele weilt im Schauen dort, wo «die Leuchte des Lammes (Offb 21, 23)» in ihrer Klarheit erglänzt.

18. Ich sage nicht, dass es das ganze Licht ist, das mitgeteilt wird, sondern es ist ein Teil desselben, und dieser Teil ist ein Erkennen, welches die Kräfte und das Vermögen der Kreatur übersteigt. Damit nun aber die Seele zum Schauen befähigt werde, beseelt gleichsam der Allerhöchste den Verstand, indem er ihm eine Eigenschaft, ein Licht mitteilt, wodurch dieses Seelenvermögen zu der seine natürlichen Kräfte übersteigenden Erkenntnis ins Verhältnis gebracht wird; und auch dieses letztere wird im Zustand des Schauens mit derselben Gewissheit verstanden und erkannt, mit welcher die übrigen göttlichen Dinge geglaubt und erkannt werden. Denn auch das Schauen ist stets vom Glauben begleitet.

In diesem Zustand zeigt der Allmächtige der Seele auch den Wert dieser eingegossenen Wissenschaft und Erleuchtung; «ihr Licht ist unauslöschlich, und alles Gute kam zu mir zugleich mit ihr und unzählbare Ehren durch ihre Hand.» Diese Leuchte ging vor mir her, mir die Wege zu weisen. Ohne Falsch habe ich sie erlernt, und ohne Neid teile ich sie mit, und ihre Würde verberge ich nicht; sie macht der Freundschaft Gottes teilhaftig; ihr Umgang hat nichts Widriges, sondern Lust und Freude (Weish 7, 10-14. u. 8, 16). Unversehens lehrt sie vieles, überwältigt das Herz und reißt es los von den trügerischen Dingen der Welt, die, in diesem Licht allein betrachtet, unaussprechlich bitter gefunden werden. Dadurch wird die Seele dem Vergänglichen noch mehr entrückt, und eilends flieht sie, um Zuflucht zu suchen bei der ewigen Wahrheit. Sie geht ein in den Keller des Gewürzweines, wo der Allerhöchste die Liebe in mir ordnet (Hld 2, 4). Und durch diese Liebe treibt er mich an, geduldig zu sein und niemand zu beneiden, gütig zu sein und niemand zu verletzen, nicht stolz, nicht ehrgeizig zu sein, mich nicht zu erbittern, nichts Arges vom Nächsten zu denken, alles zu dulden, alles zu ertragen (1 Kor 13,4 ff). Immer lässt mich die Weisheit ihre Stimme hören (Spr 8, 1) und ermahnt mich in meinem Inneren mit starker Gewalt, das zu tun, was heiliger und reiner ist, und in allem unterrichtet sie mich; und wenn ich mich im geringsten verfehle, tadelt sie mich, ohne irgend etwas mir nachzusehen.

19. Dieses Licht erleuchtet und entzündet zu gleicher Zeit, es lehrt und verweist, es tötet und belebt, es ruft und hält zurück, es ermahnt und treibt an, es lehrt genau das Hohe und das Tiefe, die Länge und die Breite (Eph 3, 18), es lehrt kennen die Welt, ihren Zustand, die innere Verfassung, die Täuschungen und die Torheiten und Irrtümer ihrer Bewohner und Liebhaber. Vor allem aber lehrt es, die Welt zu verachten und mit Füßen zu treten und mich zu Gott zu erheben als dem höchsten Herrn und Leiter aller Dinge. In der Majestät Gottes sehe und erkenne ich sodann die Anordnung aller Geschöpfe, die Kräfte der Elemente, den Anfang, die Mitte und das Ende der Zeiten, ihre Änderungen und ihren Wechsel, den Lauf der Jahre, die Harmonie aller Geschöpfe und deren Eigenschaften; alles Verborgene der Menschen, ihre Werke und ihre Gedanken und wie weit letztere von den Gedanken des Herrn abstehen; die Gefahren, in denen sie leben, und die verkehrten Wege, auf denen sie wandeln; ich sehe die Staaten und Regierungen, die Kürze ihrer Dauer und die Hinfälligkeit ihres Bestandes; ihren Anfang und ihr Ende und was an ihnen Wahrheit und was Lüge ist. Alles dieses sieht und erkennt man mittels dieses Lichtes in Gott aufs klarste, bis auf die einzelnen Personen und ihre Verhältnisse.

Wenn aber die Seele in einen anderen, niedrigeren Zustand herabsteigt, in dem sie sich für gewöhnlich befindet und in dem sie das bleibende (habituelle) Licht nur dem Wesen nach besitzt, ohne dessen volle Klarheit zu genießen, dann ist die eben beschriebene hohe Erkenntnis der Personen, der Reiche, der geheimen Gedanken eine eingeschränkte; denn in diesen niedrigeren Zustand besitze ich nur so viele Erkenntnis, ab hinreicht, um die Gefahr zu meiden, die Sünde zu fliehen und in wahrer Liebe mit den Personen Mitleid zu tragen, ohne dass es mir erlaubt wäre, über diese Dinge unverhohlen mit jemandem zu reden oder das Erkannte mitzuteilen. Es wäre mir aber auch nicht möglich, es zu tun; denn es kommt mir vor, als sei ich stumm, ausgenommen, wenn der Urheber dieser Wirkungen mir zuweilen die Erlaubnis und den Befehl erteilt, einen Nebenmenschen zu ermahnen; und auch dann darf dies nicht geschehen durch Entdeckung der Art und Weise meiner Erkenntnis, sondern dadurch, dass ich mit klaren, einfachen, gewöhnlichen und von der Liebe Gottes eingegebenen Gründen dem Nächsten zu Herzen rede; auch muss ich alsdann für seine Bedürfnisse beten; denn dies ist der Zweck, zu welchem mir die Erkenntnis verliehen wird.

20. Bei all diesen klaren Erleuchtungen hat mir aber der Herr niemals das schlimme Ende einer Seele gezeigt, weIche verdammt wurde. Es ist dies eine Fügung der göttlichen Vorsehung, weil es also der Gerechtigkeit entspricht und die Verdammnis einer Seele niemals ohne höchst wichtige Ursachen geoffenbart werden kann und weil ich, falls ich eine derartige Offenbarung erhielte, vor Schmerz sterben müsste. Ganz gewiss würde eine solche Erkenntnis mir den Tod bringen, weil es im höchsten Grade traurig ist, zu wissen, dass diese oder jene Seele für immer von Gott getrennt ist. Ich habe darum auch Gott gebeten, er möge mir niemals offenbaren, dass dieser oder jener verdammt werde. Kann ich jemand um den Preis meines Lebens aus dem Zustand der Sünde befreien, so will ich gern dies Opfer bringen; auch bin ich bereit, seinen Zustand zu sehen; doch niemals möge ich einen sehen, für den es keine Rettung mehr gibt!

21. Ich empfange das Licht, von dem ich rede, damit ich von ihm mit Klugheit und Weisheit Gebrauch mache nicht aber um nach meiner Willkür die Geheimnisse zu entdecken, die es mich erkennen lässt. Dieses Licht ist in mir bleibend, gleichsam wie eine belebende, von Gott ausgehende, akzidentelle (unwesentliche) Eigenschaft der Seele, wie eine Kraft, welche mir dazu mitgeteilt wird, damit ich die Sinne und den niederen Teil der Seele recht ordne. Im höheren Teil der Seele aber befinde ich mich in einer Vision und in einer Wohnung des Friedens und habe eine intellektuelle Erkenntnis von den mir gezeigten Geheimnissen des Lebens der Himmelskönigin und von vielen anderen Geheimnissen des Glaubens, die fast ununterbrochen meinem Geist gegenwärtig sind; wenigstens entschwindet das Licht selber niemals meinen Augen. Und wenn ich bisweilen, da ich eben ein Geschöpf bin, meine Aufmerksamkeit dem Verkehr mit den Menschen zuwende, so ruft mich der Herr alsbald mit Strenge und zieht mich wieder mit sanfter Gewalt zur Aufmerksamkeit auf seine Worte und Ansprachen und zur Betrachtung der Geheimnisse, Gnaden, Tugenden und inneren und äußeren Werke der jungfräulichen Mutter hin, von denen ich in der Folge reden werde.

22. In dem eben beschriebenen Zustand der Erleuchtung schaue und erkenne ich in gleicher Weise auch die Himmelskönigin, unsere Herrin selber, wenn sie mit mir redet; ebenso die heiligen Engel, ihre Natur und Erhabenheit. Zuweilen erkenne und schaue ich sie im ewigen Wort, zuweilen in sich selbst. Diese beiden Erkenntnisweisen sind voneinander verschieden, denn die letztere steht eine Stufe tiefer; und auch dieser Unterschied selber ist im Gesicht erkennbar, und zwar aus der Verschiedenheit sowohl der Objekte als ihres Einwirkens auf den Verstand. Auf der niedrigeren Stufe sehe ich die heiligen Himmelsfürsten vor mir, rede mit ihnen und verstehe sie; auch sie reden mit mir und geben mir über viele vom Herrn geoffenbarte Geheimnisse Aufschluss. Die Königin des Himmels erklärt und offenbart mir die Geheimnisse und wunderbaren Begebenheiten ihres heiligsten Lebens. Von all diesen Personen erkenne und unterscheide ich jede einzelne an den übernatürlichen Wirkungen, die eine jede in ihrer Weise in der Seele hervorbringt.

23. Wenn ich die Heiligen in Gott sehe, so schaue ich sie wie in einem Spiegel, der nach dem freien Willen Gottes wirkt; denn Gott zeigt mir die Heiligen, die er mir zeigen will, in der Weise, wie es ihm wohlgefällig ist. Dieses Erkennen nun ist mit großer Klarheit verbunden und bringt viel höhere Wirkungen hervor, als wenn man die Heiligen in sich selber erkennt. Denn in einem ganz wunderbaren Licht erkennt man zunächst den Herrn selbst und in ihm die Heiligen sowie ihre erhabenen Tugenden und wunderbaren Taten, und wie sie dieselben mit der Gnade Gottes, durch welche sie alles vermochten, gewirkt haben. Bei dieser Erkenntnisweise wird die Seele mit einer überfließenderen, vollkommeneren Freude erfüllt, welche mehr Stärke und mehr Sättigung mitteilt; die Seele ruht da gleichsam in ihrem Zentrum. Je mehr nämlich das Licht intellektuell und je weniger es körperlich oder imaginär ist, desto stärker ist es, desto höher sind seine Wirkungen, desto voller ist die Substanz und desto größer die Sicherheit, die man dabei empfindet. Diese Erkenntnisweise hat aber auch in sich selbst verschiedene Stufen. Eine höhere Stufe des Schauens ist es nämlich, wenn man den Herrn selber, seine Eigenschaften und Vollkommenheiten erkennt und schaut, in welchem Fall die Wirkungen im höchste Grade süß und unaussprechlich sind, eine niedrigere Stufe aber ist es, wenn man die Geschöpfe schaut und erkennt, auch wenn man sie in Gott schaut. Dieser Unterschied hat meine Erachtens seinen Grund teilweise in der Natur der Seele seIber; denn da die Sehkraft der Seele so beschränkt ist, so ist auch ihre Aufmerksamkeit nicht so stark und ihr Erkennen nicht so klar, wenn sie Gott zugleich mit den Geschöpfen schaut, wie wenn sie ihn schaut ohne die letzteren; auch erzeugt, wie mir scheint, die letztere Erkenntnis für sich allein eine größere Fülle von Wonne, als wenn man in Gott zugleich die Geschöpfe schaut. So zart ist also dieses Anschauen der Gottheit, dass jede damit verbundene Aufmerksamkeit auf irgend anderes in ihr dasselbe in etwas stört, wenigstens so lange wir in diesem sterblichen Leben weilen.

24. Eine niedrigere Erkenntnisstufe als die eben beschriebene ist es, wie gesagt, wenn ich die heiligste Jungfrau und die Engel in sich selbst schaue. Die Art und Weise, wie sie mich dann anleiten, erleuchten und zu mir reden, ist, soweit ich verstehe, jener Art und Weise ähnlich, in welcher sich die Engel gegenseitig Licht mitteilen, miteinander verkehren, zueinander reden, und in welcher die höheren die niederen erleuchten. Die höchste Ursache, von welcher das Licht kommt, ist der Herr. Von ihm empfängt es durch Mitteilung (per participationen die Königin des Himmels, und zwar in höchster Fülle; und so teilt davon dem oberen Teile der Seele mit, und kraft dessen erkenne ich ihre Majestät, ihre Gnadenvorzüge und ihre Geheimnisse auf ähnliche Weise, wie der niedere Engel erkennt, was der höhere ihm mitteilt. Auch erkenne ich die allerseligste Jungfrau an der Unterweisung, die sie mir gibt, an der Wirksamkeit der letzteren und an anderen Eigenschaften der Vision, z. B. an deren Reinheit, Hoheit und Sicherheit; denn in dieser Vision wird nichts Irdisches, Dunkles, Falsches oder Zweifelhaftes erkannt, sondern nur was heilig, rein und wahr ist. Ähnlich verhält es sich mit dem Verkehr mit den heiligen Engeln. In dieser Hinsicht hat mir der Herr schon oft gezeigt, dass die Engel sich meiner Seele in ähnlicher Weise mitteilen und sie erleuchten, wie sie dies unter sich selber tun.

Oft kommt es vor, dass die Erleuchtung durch alle diese Kanäle oder Instanzen hindurchgeht; in diesem Fall verleiht der Herr die Erkenntnis und das Licht, oder den Gegenstand desselben, die heiligste Jungfrau gibt die Erklärung, und die Engel geben mir die Ausdrücke. Andere Male - und dies ist das Gewöhnliche - tut der Herr alles, indem er mir auch die Unterweisung gibt; bisweilen aber geschieht alles von der Himmelskönigin, dann und wann auch von den Engeln. Es kommt auch vor, dass ich bloß die Erleuchtung empfange, und dann muss ich bei Erklärung des Gehörten die Ausdrücke selber wählen; in diesem Fall könnte ich, wenn der Herr es zuließe, auch irren, da ich ein unwissende Frau bin und mich an das halte, was ich gehört habe. Wenn mir aber bei Erklärung des Erkannten eine Schwierigkeit aufstößt, so nehme ich meine Zuflucht zu meinem Führer und geistlichen Vater, zumal wenn es ich um besonders hohe und schwierige Gegenstände handelt.

25. Körperliche Visionen habe ich in diesen Zeiten sehr selten, wohl aber manchmal imaginäre; diese gehören aber einer viel niedrigeren Stufe an als alle bisher beschriebenen, welche weit erhabener, weil geistig und intellektuell, sind. Was ich indes mit Bestimmtheit versichern kann, ist, dass ich bei allen Erleuchtungen, die ich vom Herrn oder von der heiligsten Jungfrau oder von den heiligen Engeln empfange, mögen dieselben groß oder klein, höherer oder niederer Art sein, eine Überfülle von Licht und höchst heilsame Lehren empfange, in denen ich die Wahrheit und die höchste Vollkommenheit und Heiligkeit sehe und erkenne. Auch empfinde ich dabei eine übernatürliche Kraft und ein Feuer, das mich antreibt, die Reinheit der Seele und die Gnade Gottes in möglichst hohem Grade anzustreben, ja dafür zu sterben und in allem das Vollkommenere zu tun.

Dies sind die Arten und Stufen der Erleuchtung, durch welche ich zum großen Nutzen und Trost meines Geistes alle Geheimnisse des Lebens der Himmelskönigin erfahre. Hierfür lobpreise ich den Allmächtigen, aus meinem ganzen Herzen und meinem ganzen Gemüt, erhebe ihn, bete ihn an und bekenne ihn als den heiligen, den allmächtigen, den starken und wunderbaren Gott, der da würdig ist, zu empfangen Lob, Preis, Verherrlichung und Anbetung in alle Ewigkeit. Amen.

DRITTES HAUPTSTÜCK: Wesenheit Gottes

Erkenntnisse, die ich erhalten habe über die göttliche Wesenheit sowie über den göttlichen Ratschluss, alle Dinge zu erschaffen.

26. O allerhöchster König, allerweisester Herr, wie unbegreiflich sind deine Gerichte und wie unerforscht deine Wege (Röm 11, 33) ! Unüberwindlicher Gott (Sir 18, 1 ff), der du bleibst in Ewigkeit und gewesen bist ohne Anfang, wer wird deine Größe zu fassen und deine Wunderwerke zu erzählen imstande sein! Wer kann dir sagen «Warum hast du also getan (Röm 9, 20) ?» Denn du bist der Höchste über allen. Unser Auge vermag dich nicht zu erreichen, und unser Erkennen vermag dich nicht zu erfassen. Gepriesen seist du, mächtigster König, weil du dich gewürdigt hast, dieser deiner Dienerin, diesem Erdenwurm, große Geheimnisse und erhabene Mysterien zu zeigen, indem du meine Wohnung erhöhtest und meinen Geist dahin entrücktest, wo ich Dinge schaute, die ich nicht aussprechen kann (2 Kor 12, 4). Ich habe den Herrn gesehen, den Schöpfer aller Dinge. Ich habe eine Majestät gesehen, die aus und durch sich selbst bestand, bevor noch irgend etwas erschaffen war. Die Art und Weise, wie mir dies gezeigt wurde, weiß ich nicht, wohl aber weiß ich, was ich gesehen und erkannt habe. Seine allumfassende Majestät weiß es, dass, wenn ich von seiner Gottheit sprechen soll, mein Denken stille steht, mein Geist sich verwirrt, meine Seelenkräfte ihre Tätigkeit einstellen und dass der ganze höhere Teil der Seele den niederen hinter sich zurücklässt, von den Sinnen sich losmacht und dahin fliegt, wo die Seele liebt, mit Hintansetzung dessen, was von ihr belebt wird. Unter diesen Liebesohnmachten und Verzückungen zerfließen meine Augen in Tränen, und meine Zunge verstummt. o mein allerhöchster, unbegreiflicher Herr, unermesslicher Gegenstand meines Verstandes, wie sehe ich mich in das Nichts versenkt vor deinen Augen; bist du ja ohne Grenzen und ewig! Mein ganzes Wesen beugt sich in den Staub vor dir, und kaum erkenne ich mehr, wer ich bin! Wie darf diese meine Niedrigkeit und Erbärmlichkeit es wagen, zu deiner Hoheit und erhabenen Majestät aufzublicken! Belebe, o Herr, mein Wesen, stärke mein Auge und ermutige meine zagende Seele, damit ich erzählen kann, was ich geschaut, und befolgen, was du mir befohlen hast!

27. Ich sah mit meinem Verstand den Allerhöchsten, in sich selbst seiend, und erhielt eine klare Erkenntnis und wahre Überzeugung, dass ein Gott ist, unendlich in seiner Wesenheit und in seinen Eigenschaften, ewig, eine höchste Dreieinigkeit in drei Personen und nur ein wahrer Gott; drei Personen, wegen der drei Wirksamkeiten des Sich-Erkennens, Sich-Begreifens und Sich-Liebens; ein Gott nur, wegen der ewigen Einheit. - Es ist eine Dreieinigkeit des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Der Vater ist nicht gemacht, nicht geschaffen, nicht gezeugt; er kann es nicht sein, noch kann er einen Ursprung haben. Ich erkannte, dass der Sohn seinen Ursprung hat vom Vater allein, durch ewige Zeugung. Beide sind gleich in ewiger Dauer. Der Sohn ist gezeugt aus der Fruchtbarkeit des Verstandes des Vaters. Der Heilige Geist geht vom Vater und vom Sohn aus durch die Liebe. - In dieser ungeteilten Dreieinigkeit gibt es kein Früher und Später, kein Größer und Kleiner. Alle drei Personen sind in sich gleich ewig und ewig gleich; es ist eine Einheit des Wesens bei einer Dreiheit der Personen; ein Gott in der ungeteilten Dreifaltigkeit und drei Personen in der Einheit des Wesens. - Die Personen sind nicht vermischt dadurch, dass nur ein Gott ist, noch ist die Wesenheit getrennt oder geteilt dadurch, dass es drei Personen sind. Denn obwohl die Personen unterschieden sind im Vater, im Sohn und im Heiligen Geist, so ist doch eine und dieselbe Gottheit; gleich die Glorie, die Majestät, die Macht, die Ewigkeit, die Unermesslichkeit, die Weisheit, die Heiligkeit und alle anderen Eigenschaften. Und obwohl es drei Personen sind, in welchen diese unendlichen Vollkommenheiten sich finden (subsistieren), so ist doch nur der wahre Gott, der Heilige, Gerechte, Mächtige, Ewige und Unermessliche.

28. Ich empfing auch die Erkenntnis, dass diese göttliche Dreieinigkeit sich selber begreift, und zwar durch ein einfaches Schauen, ohne Aufeinanderfolge oder Verschiedenheit des Erkennens; der Vater weiß, was der Sohn weiß, der Sohn und der Heilige Geist wissen, was der Vater weiß. Ich sah, dass sie sich gegenseitig lieben durch eine und dieselbe unermessliche und ewige Liebe. Es ist eine volle Einheit des Erkennens, Liebens und Wirkens, gleich und unteilbar; eine einfache, körperlose und untrennbare Natur, eine Wesenheit des wahren Gottes, in welcher alle Vollkommenheiten in höchstem, unendlichem Grade miteinander vereinigt sind.

29. Ich erkannte auch die Eigentümlichkeiten dieser Vollkommenheiten Gottes. Er ist schön ohne Makel, groß ohne Quantität, gut ohne Qualität, ewig ohne Zeit, stark ohne Schwäche, Leben ohne Sterblichkeit, wahr ohne Fehl, gegenwärtig an jedem Ort, indem er ihn erfüllt, ohne darin begrenzt zu sein. Er ist in allen Dingen, aber ohne Ausdehnung; in seiner Güte findet sich kein Widerspruch, in seiner Weisheit kein Mangel; in der Weisheit ist er unbegreiflich, in den Ratschlüssen schrecklich, in den Gerichten gerecht, in den Gedanken unerforschlich, in den Worten wahr, in den Werken heilig, an Schätzen reich. Kein Raum ist ihm zu weit, kein Ort ist ihm zu eng. Eine Änderung des Willens kennt er nicht, das Traurige betrübt ihn nicht, das Vergangene ist ihm nicht vergangen und das Zukünftige nicht ferne; kein Ursprung gab ihm den Anfang, und keine Zeit wird ihm ein Ende bringen. - O ewige Unermesslichkeit, welch unbegrenzte Räume habe ich in dir gesehen! Welche Unendlichkeit erkenne ich in deiner unbegrenzten Wesenheit! Keine Grenze, kein Ende findet das Schauen, wenn es auf diesen unbegrenzten Gegenstand gerichtet ist. Das ist das unwandelbare Sein, die höchste aller Wesenheiten, die vollkommenste Heiligkeit, die unwandelbarste Wahrheit; das ist das Unendliche, die Breite, die Länge, die Höhe, die Tiefe, die Herrlichkeit und ihr Grund, die Ruhe ohne Mühe, die Güte in unermesslichem Grade. All dieses sah ich auf einmal, aber das Gesehene auszusprechen, erreiche ich nicht.

30. Ich sah den Herrn, wie er war, bevor er noch irgend etwas erschaffen hatte. Verwundert schaute ich mich um, wo der Allerhöchste seinen Thron habe. Denn es gab noch keinen Lichthimmel; aber auch die unteren Himmel waren noch nicht, noch auch die Sonne, der Mond, die Sterne, die Elemente; nur der Schöpfer war, ohne ein Geschöpf. Alles war leer, ohne Engel, ohne Menschen, ohne Tiere. Darum muss man - so erkannte ich - notgedrungen zugeben, dass Gott sich selber genügte und dass er nichts von dem, was er in der Zeit erschuf, nötig hatte oder dessen bedurfte. Er war vor der Schöpfung ebenso unendlich in seinen Vollkommenheiten wie nachher; die ganze Ewigkeit hindurch hat er sie besessen und wird sie besitzen, weil sie in ihm als dem unabhängigen und erschaffenen Wesen subsistieren. Keine Vollkommenheit, welche absolut und schlechthin eine solche ist, kann seiner Gottheit fehlen; denn diese allein ist, die sie ist; und alle Vollkommenheiten, die sich in allen Kreaturen finden, schließt sie in unaussprechlicher, eminenter Weise in sich. Alles, was Sein hat, ist in jenem unendlichen Sein enthalten wie die Wirkung in ihrer Ursache.

31. Ich erkannte, dass der Allerhöchste in beschriebener Weise in sich selber verborgen war, als, menschlicherweise zu reden, unter den drei göttlichen Personen der Beschluss vereinbart wurde, ihre Vollkommenheiten nach Art freiwilliger Schenkung mitzuteilen. Um mich aber besser zu erklären, muss ich bemerken, dass Gott alle Dinge durch einen einzigen, in sich unteilbaren und vollkommen einfachen Akt erkennt, ohne der Schlussfolgerung zu bedürfen. Er schreitet nicht von der Erkenntnis eines Dinges zur Erkenntnis eines anderen fort, wie wir mittels der Schlussfolgerung dies tun, indem wir durch einen Denkakt zuerst dieses und dann durch einen anderen jenes erkennen. Gott kennt alle Dinge miteinander auf einmal, ohne dass es in seinem unendlichen Verstand ein Früher oder Später gäbe; denn alle Dinge sind in dem unerschaffenen, göttlichen Erkennen und Wissen eingeschlossen und vereint, wie sie auch in der göttlichen Wesenheit, als ihrer ersten Ursache, eingeschlossen und enthalten sind.

32. In diesem göttlichen Wissen, das zunächst ein «Wissen einfacher Erkenntnis» (scientia simplicis intelligentiae) genannt wird, ist gemäß der natürlichen Priorität des Verstandes vor dem Willen eine Ordnung zu unterscheiden, eine Ordnung jedoch nicht der Zeit, sondern der Natur (ordo, non temporis, sed naturae). In diesem Sinne sagen wir, Gott habe zuerst den Erkenntnisakt und dann den Willensakt gesetzt, weil wir zuerst den Erkenntnisakt allein, abgesehen von dem Entschluss des Willens, etwas zu erschaffen, ins Auge fassen. In diesem ersten Stadium oder diesem ersten Momente (Augenblick, instans) nun haben die drei göttlichen Personen durch den Akt des Erkennens unter sich erwogen, dass es gut oder konvenient sei, die «Werke nach außen» (opera ad extra) zu wirken und allen Geschöpfen, welche waren, sind und sein werden, das Dasein zu geben.

33. Unwürdig wie ich bin, die Ordnung zu kennen, welche Gott in dem Ratschluss der Schöpfung eingehalten hat, oder vielmehr, welche wir uns vorzustellen haben, habe ich den Herrn um diese Erkenntnis gebeten, in der Absicht, zu erfahren, welche Stelle die Mutter Gottes, unsere Königin, in dem göttlichen Geiste eingenommen hat. Da nun Seine göttliche Majestät sich würdigte, auf mein Verlangen zu antworten, so werde ich, so gut ich es vermag, auseinandersetzen, was mir hierüber geantwortet und geoffenbart wurde und welche Ordnung ich in den göttlichen Ideen erkannt habe. Ich teile alles in Momente ein, weil es unmöglich ist, auf eine andere Weise die Erklärung des göttlichen Wissens unserer Fassungskraft anzupassen. Unter dem göttlichen Wissen aber, von welchem nunmehr die Rede sein wird, ist die Scientia visionis, d. i. die Erkenntnis des wirklich zu Erschaffenden zu verstehen; zu dieser Erkenntnis gehören die Ideen oder Urbilder der Geschöpfe, welche Gott ins Dasein zu rufen beschloss und in seinem Geist vorgebildet einschließt, wodurch er sie unendlich besser erkennt, als wir sie jetzt sehen und erkennen.

34. Dieses göttliche Wissen nun ist zwar, wie gesagt, eines, vollkommen einfach und unteilbar; weil aber die Dinge, auf welche es sich bezieht, vielfältig sind und in einem gewissen Ordnungsverhältnis zueinander stehen - die einen sind nämlich früher, die anderen später, die einen haben ihr Sein oder ihre Existenz durch die anderen und stehen somit in einem Abhängigkeitsverhältnis zueinander -, darum ist es notwendig, das göttliche Wissen und ebenso das göttliche Wollen nach der Ordnung der Objekte in verschiedene Momente oder in verschiedene diesen Momenten entsprechende Akte zu zerlegen, In diesem Sinn ist es zu verstehen, wenn wir sagen, Gott habe zuerst dieses und dann jenes oder das eine um des anderer willen erkannt und gewollt; oder dass er, wenn er nicht das eine mittels der Scientia visionis erkannt und gewollt hätte, auch das andere nicht erkannt und gewollt haben würde. Es ist nicht so gemeint, als hätte Gott verschiedene Akte des Erkennens und Wollens gesetzt, sondern wir wollen damit nur andeuten, dass die erschaffenen Dinge in einem Verhältnisse der Ursächlichkeil und zeitlicher Aufeinanderfolge zueinander stehen. Und indem wir die Dinge in dieser tatsächlich vorhandenen Ordnung uns vorstellen, wenden wir dieselbe Ordnung auch auf die Akte des göttlichen Wissens und Wollens an, um sie besser zu verstehen.

VIERTES HAUPTSTÜCK: Der göttliche Ratschluss der Weltschöpfung

Einteilung der göttlichen Ratschlüsse und Erklärung, was Gott in jedem dieser Momente bezüglich seiner Mitteilung nach außen beschlossen hat.

35. Die Reihenfolge der göttlichen Ratschlüsse muss, wie ich erkannt habe, in folgende Momente abgeteilt werden.

Der erste Moment ist jener, in welchem Gott seine göttlichen Eigenschaften und Vollkommenheiten erkannte, mit dem Verlangen und mit einer Art unaussprechlicher Neigung, sich nach außen mitzuteilen. Die erste Erkenntnis in dieser Hinsicht war die, dass Gott nach außen mitteilbar sei. Und indem Seine göttliche Majestät das Wesen seiner unendlichen Vollkommenheiten und die Kraft und Wirksamkeit große Dinge hervorzubringen betrachtete, so erkannte Gott, dass es einer so unendlichen Güte wegen ihrer Billigkeit höchst angemessen, ja gewissermaßen natürlich und notwendig sei, sich mitzuteilen, um gemäß ihrer Neigung zur Mitteilung zu handeln und ihre Freigebigkeit und Barmherzigkeit dadurch auszuüben, dass sie die Fülle ihrer unendlichen, in der Gottheit eingeschlossenen Schätze großmütigst nach außen verteile. Denn weil Gott in jeder Hinsicht unendlich ist, so ist es ihm in weit höherem Maße natürlich, Gaben und Gnaden auszuteilen, als es dem Feuer natürlich ist, nach seiner Sphäre emporzulodern, und dem Stein, nach dem Zentrum der Erde zu streben, und der Sonne, ihr Licht zu ergießen. Dieses tiefe Meer von Vollkommenheiten, diese Überfülle von Gütern, diese alle Schranken durchbrechende Unendlichkeit von Schätzen setzt sich also in ihrer ganzen Fülle gleichsam in Bewegung, um sich kraft eigener Neigung und gemäß dem Wissen und Willen des sich selbst begreifenden Gottes mitzuteilen, der da wohl wusste, dass, wenn er sich und seine Gaben und Gnaden mitteile und damit dem unversieglichen Quell seiner Reichtümer einen Ausweg eröffne, er diese nicht mindere, sondern, soweit dies möglich, vermehre.

36. Alles dieses hat Gott in jenem ersten Moment nach der Mitteilung ad intra durch die ewigen göttlichen Tätigkeiten geschaut. Und indem er dies erwog, sah er sich gleichsam um seiner selbst willen verbunden, sich nach außen mitzuteilen, da er erkannte, es sei Heiligkeit, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Güte, dies zu tun; und niemand konnte ihn daran hindern. Es hat also Gott - um nach menschlicher Weise zu reden - in seiner eigenen Natur keine volle Ruhe und Befriedigung gehabt, bis er seine Ruhe in den Kreaturen gefunden; denn bei den Menschenkindern zu sein - durch Mitteilung seiner Gottheit und seiner Vollkommenheiten - war seine Lust und Freude (Spr 8, 31).

37. Zwei Dinge sind es, die mich vor Verwunderung außer Fassung bringen und die mein laues Herz zerfließen machen, ja vernichten bei der Erkenntnis und der Erleuchtung, die mir zuteil wird. Das erste ist jene Neigung und jener Drang, den ich in Gott schaute, und die Stärke seines Willens, seine Gottheit und die Schätze seiner Herrlichkeit mitzuteilen. Das zweite ist die unaussprechliche, unbegreifliche Unermesslichkeit der Güter und Gaben, die er, wie ich sah, auszuteilen verlangte und die er zu diesem Zweck gleichsam bezeichnete und vorherbestimmte, und dabei dennoch unendlich blieb, wie wenn er nichts geben würde. In diesem seinem unaussprechlichen Verlangen war er bereit, alle Kreaturen auf einmal und eine jede einzelne für sich zu heiligen, zu rechtfertigen und mit Gaben und Vollkommenheiten zu erfüllen; ja er wünschte jedem einzelnen Geschöpf mehr zu geben, als alle heiligen Engel und alle Seraphim zusammen besitzen, auch wenn alle Tropfen des Meeres und alle Sandkörner an dessen Ufern, wenn alle Sterne, Planeten, Elemente und alle übrigen vernunftlosen Geschöpfe Vernunft besäßen und seiner Gaben fähig wären, sofern sie nur ihrerseits sich dazu bereiteten und seiner Gnaden kein Hindernis entgegensetzten! O Furchtbarkeit, o Bosheit der Sünde, du allein reichest hin, den gewaltigen Strom so vieler ewiger Güter aufzuhalten !

38. Der zweite Moment ist jener, in welchem ebendiese Mitteilung der Gottheit beraten und beschlossen wurde und zugleich die Zweckursache festgesetzt wurde, nämlich die größere Ehre Gottes nach außen und die Verherrlichung seiner Majestät durch Offenbarung seiner Größe. Diese eigene Verherrlichung betrachtete Gott in diesem Momente als den Zweck, zu dem er sich mitteilen, durch freigebigste Ausgießung seiner Eigenschaften sich zu erkennen geben und seiner Allmacht sich bedienen wollte, um erkannt, gelobt und verherrlicht zu werden.

39. Der dritte Moment ist jener, in welchem die Ordnung und das Maß dieser Mitteilung in der Weise erkannt und beschlossen wurde, dass dadurch der glorreichste Zweck eines so erhabenen Ratschlusss erreicht werde. Die Rangordnung wurde festgesetzt, welche unter den Geschöpfen stattfinden sollte; und das verschiedene Maß, in welchem die Gottheit mit ihren Eigenschaften sich mitteilen solle, in der Weise, dass jene Hinbewegung des Herrn, um mich so auszudrücken, einen angemessenen Grund und entsprechende Objekte habe und dass unter letzteren die schönste und wunderbarste Ordnung, Übereinstimmung und gegenseitige Unterordnung stattfände.

In diesem Moment wurde an erster Stelle beschlossen, dass das göttliche Wort Fleisch annehmen und in sichtbarer Gestalt erscheinen solle. Es wurde auch die Vollkommenheit und Zusammensetzung der heiligsten Menschheit unseres Herrn Jesu Christi festgesetzt und im göttlichen Geist gebildet und an zweiter Stelle die der übrigen Menschen nach dem Vorbild Christi. Gott entwarf in seinem Geist das Urbild der menschlichen Natur in ihrer inneren Einheit, ihrer Ausrüstung und ihrer Zusammensetzung aus einem organischen Körper und einer den Körper belebenden Seele und bestimmte die Seelenkräfte, welche der Mensch haben sollte, nämlich die Vernunft, um seinen Schöpfer zu erkennen, an ihm sich zu erfreuen und zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, sowie den freien Willen, um seinen Herrn zu lieben.

40. Ich erkannte, wie es gewissermaßen notwendig war, dass die persönliche Einigung (hypostatische Union) der zweiten Person der allerheiligsten Dreifaltigkeit mit der menschlichen Natur das erste Werk und der erste Gegenstand sei, auf welchen sich der göttliche Verstand und Wille in ihrem Wirken nach außen richteten, und zwar aus höchst erhabenen Gründen, die ich niemals vollkommen werde darzulegen vermögen. Einer dieser Gründe ist, weil es am passendsten war, dass Gott, nachdem er sich in selbst erkannt und geliebt, zunächst dasjenige erkenne und liebe, was mit jener Gottheit am unmittelbarsten geeignet war, das ist: die hypostatische Union oder persönliche Einigung der göttlichen und menschlichen Natur. Ein anderer Grund ist der, weil es angemessen war, dass die Gottheit sich auch nach außen substantiell oder wesenhaft mitteile, wie sie sich nach innen mitgeteilt, damit auf diese Weise die göttliche Absicht und der göttliche Wille ihre Werke mit dem höchsten Zweck beginnen, die göttlichen Eigenschaften in der schönsten Ordnung mitgeteilt werden und das Feuer der Gottheit zuerst und im höchstmöglichen Grad in demjenigen wirke, welches mit ihr am unmittelbarsten geeint sein sollte, das ist: in der hypostatischen Union. Die Gottheit musste zuerst jenem mitgeteilt werden, welcher im Erkennen, im Lieben, im Wirken und in der Herrlichkeit der eigenen Gottheit die höchste und erhabenste Stufe nach der heiligsten Dreieinigkeit einnehmen sollte, damit, um nach unserer niedrigen menschlichen Anschauungsweise zu reden, Gott sich nicht der Gefahr aussetze, den Zweck zu verfehlen, welcher allein zu einem so wunderbaren Werke im Verhältnisse stand und dasselbe sozusagen rechtfertigte und welcher kein anderer war als er selbst.

Auch war es angemessen, ja gewissermaßen notwendig, dass, wenn Gott mannigfache Kreaturen erschaffen wollte, er sie mit einer gegenseitigen Harmonie und Unterordnung, und zwar mit der wunderbarsten und herrlichsten, welche möglich war, erschaffe. Demgemäß war es geziemend, dass eine davon das Haupt und die höchste von allen übrigen sei und dass ebendiese höchste, soweit möglich, unmittelbar mit Gott vereint sei, so dass durch sie alle übrigen zur Vereinigung mit Gott gelangen. Aus diesen und anderen Gründen, die ich nicht darzulegen vermag, konnte die Würde der Werke Gottes nur in dem menschgewordenen Worte ihr Genügen finden; nur durch dieses war die schönste Ordnung in der Natur hergestellt; ohne dasselbe wäre dies nicht der Fall gewesen.

41. Der vierte Moment bestand darin, dass die Gaben und Gnaden, welche der heiligsten, mit der Gottheit vereinigten Menschheit unseres Herrn Jesu Christi verliehen werden sollten, festgesetzt wurden. Hier öffnet der Allerhöchste die freigebige Hand seiner Allmacht und aller seiner übrigen Vollkommenheiten, um diese allerheiligste Menschheit und Seele Jesu Christi mit der Überfülle von Gaben und Gnaden im höchstmöglichen Maß und Grad zu bereichern. In diesem Moment wurde beschlossen, was später David ausgesprochen hat in den Worten: «Die Gewalt des Stromes erfreut die Stadt Gottes (Ps 46, 5)», indem der Strom der göttlichen Gnaden in die Menschheit des Wortes sich ergoss und ihr die Fülle eingegossener, beseligender Wissenschaft, Gnade und Gloria verlieh, deren seine heiligste Seele fähig war und die einer Person gebührte, welche wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich und das Haupt aller Kreaturen war, die der Gnade und Glorie fähig sind. Aus diesem der heiligsten Menschheit des Wortes mitgeteilten gewaltigen Strom sollte in alle übrigen Kreaturen Gnade und Glorie übergehen, und zwar in der Ordnung, in welcher es tatsächlich geschehen ist.

42. Zu diesem Moment gehört auch, als in notwendigem Zusammenhang damit stehend und wie in zweiter Reihe, der Ratschluss der ewigen Vorherbestimmung der Mutter des menschgewordenen Wortes. Denn ich ward hier inne, dass diese reine Kreatur «eingesetzt und verordnet (Spr 8, 23)» war, bevor Gott die Erschaffung irgend einer anderen Kreatur beschlossen hatte. Sie war also vor allen anderen im Geist Gottes «empfangen (Spr 5, 24)», mit der ganzen Fülle der Gnadenausrüstung, welche mit der Würde, Erhabenheit und Gnadenfülle der Menschheit ihres heiligsten Sohnes im Verhältnis und Einklang stand. In sie ergoss sich unmittelbar und zugleich mit ihrem Sohn mit aller Macht der Strom der Gottheit und ihrer Vollkommenheiten, soweit ein bloßes Geschöpf es zu fassen vermochte und es ihrer Würde als Mutter Gottes gemäß war.

43. Die Erkenntnis, die mir über diese höchsten Geheimnisse zuteil ward, hat - ich muss es bekennen - meinen Geist vor Bewunderung verzückt und mich wie außer mich gebracht. Im Schauen dieser heiligsten, reinsten Kreatur, die «im Anfang und vor aller Zeit (Sir 24, 14)» im Ratschluss Gottes gebildet und vorgestellt war, preise ich in der Freude und im Jubel des Geistes den allmächtigen Gott ob des wunderbaren, geheimnisvollen Ratschlusses, den er gefasst, zu unserem Heil eine so reine, erhabene, geheimnisreiche, ja göttliche Kreatur hervorzubringen, auf dass sie von allen anderen Geschöpfen mehr mit Bewunderung möge betrachtet und gefeiert, als je von einem derselben könne geschildert werden. In dieser meiner Bewunderung könnte ich mit dem heiligen Dionysius dem Areopagiten (Dieser Ausspruch [im Briefe an Paulus] wurde ihm früher zugeschrieben) sagen: «Wenn der Glaube mich nicht belehrte und die von Gott mir gewährte Erleuchtung über das Geschaute mir nicht die Gewissheit gäbe, dass Gott es sei, der ihr Bild in seinem Geist entworfen hat, und dass einzig seine Allmacht imstande war und imstande ist, ein solches Abbild seiner Gottheit zu erschaffen - wenn, sage ich, all dieses mir nicht zu gleicher Zeit gezeigt würde, so könnte ich in Zweifel geraten, ob nicht die jungfräuliche Mutter göttliche Wesenheit in sich schließe.»

44. O welche Ströme von Tränen entquellen meinen Augen, und von welch schmerzlichem Mitleiden wird meine Seele bewegt, da ich sehe, wie dieses erhabenste Werk Gottes nicht erkannt, wie dieses Wunder des allerheiligsten Gottes nicht allen Menschen offenbar ist! Wohl ist vieles von der heiligsten Jungfrau bekannt. weit mehr aber ist auch jetzt noch unerkannt und verborgen, weil dieses versiegelte Buch noch nicht geöffnet ist. Mein Geist gerät außer sich beim Schauen dieses Tabernakels der Gottheit, und ich sehe seinen Schöpfer in dessen Bildung mehr bewunderungswürdig als in Erschaffung aller anderen unter dieser Herrin stehenden Kreaturen, wenngleich die Mannigfaltigkeit der übrigen Geschöpfe die Macht des Schöpfers als eine bewunderungswürdige verkündet. Denn in dieser Königin aller Geschöpfe allein sind reichere Schätze beschlossen und verborgen als in allen anderen Kreaturen zusammengenommen, und die Mannigfaltigkeit und Kostbarkeit ihrer Reichtümer verherrlicht und erhebt ihren Schöpfer mehr als alle anderen Geschöpfe.

45. In eben diesem Ratschluss wurde auch, menschlicherweise geredet, dem ewigen Worte die Heiligkeit, die Vollkommenheit und die Fülle von Gnade und Glorie, welche seine künftige Mutter besitzen sollte, versprochen und gleichsam vertragsmäßig zugesichert sowie auch der Schutz, die Beschirmung und die Verteidigung, mit der sie umgeben werden sollte als die wahre und eigentliche Stadt Gottes. Denn in ihr betrachtete Seine Majestät die Gnaden und Verdienste, welche diese heiligste Jungfrau sich selber erwerben sollte, und die Früchte des Heils, die sie durch ihre dem Herrn zu erzeigende Liebe und Dankbarkeit seinem Volk verdienen würde.

Endlich beschloss Gott im nämlichen Moment, gleichsam an dritter Stelle, den Ort und Wohnsitz zu erschaffen, wo das fleischgewordene Wort und seine heiligste Mutter wohnen und wandeln sollten. Für sie und um ihretwillen allein schuf Gott in erster Reihe Himmel und Erde mit den Gestirnen und Elementen samt allem, was sie enthalten. Die zweite Absicht und der weitere Ratschluss betraf die Glieder, deren Haupt, und die Untertanen, deren König der Gottmensch sein sollte. Und all dies wurde mit königlicher Vorsehung geordnet und alles Notwendige und Geziemende zum voraus beschlossen.

46. Ich gehe zum fünften Momente über, wiewohl ich eigentlich schon gefunden, was ich gesucht. In diesem fünften Moment wurde die Erschaffung der englischen Natur beschlossen. Denn weil die Engel erhabener und wegen ihrer rein geistigen Wesenheit der Gottheit mehr verwandt sind als die sichtbaren Geschöpfe, darum wurde auch ihre Erschaffung und wunderbare Ordnung in neun Chöre und drei Hierarchien früher vorhergesehen und beschlossen als die Erschaffung der sichtbaren Kreaturen. Der erste Zweck, zu dem die Engel erschaffen wurden, war kein anderer als die Ehre Gottes; sie sollten die Assistenz der göttlichen Majestät bilden, ihn erkennen und lieben. Damit hängt der zweite Zweck zusammen, zu dem sie bestimmt wurden, nämlich die Assistenz der im ewigen Wort zur Gottheit erhobenen Menschheit, als ihres Hauptes, sowie seiner heiligsten Mutter Maria, als ihrer Königin, zu bilden, dieselben zu verherrlichen, zu ehren und ihnen ehrerbietigst zu dienen. Es wurde ihnen darum der Auftrag gegeben, dieselben auf allen ihren Wegen auf den Händen zu tragen (Ps 91,11.12). In ebendiesem Moment verdiente ihnen unser Herr Jesus Christus durch seine unendlichen, als gegenwärtig vorausgesehenen Verdienste alle Gnade, deren sie teilhaftig werden sollten. Er war darum auch als ihr Haupt, Vorbild und höchster König gesetzt, dessen Untertanen sie zu sein hatten. Und wäre die Zahl der Engel auch unendlich gewesen, die Verdienste Christi, unseres höchsten Gutes, wären mehr als hinreichend gewesen, ihnen die Gnade zu verdienen.

47. Diesem Moment gehört auch die Vorherbestimmung der guten und die Verwerfung der bösen Engel an. In ihm sah und erkannte Gott in seiner unendlichen Weisheit die Werke der einen wie der anderen, insoweit dies erfordert war, um diejenigen, welche ihm Ehrfurcht und Gehorsam bezeigen würden, durch seinen freien Willen und seine freigebige Barmherzigkeit zum ewigen Leben vorherzubestimmen und jene, welche in Stolz, Ungehorsam und ungeordneter Eigenliebe sich gegen Seine Majestät empören würden, in seiner Gerechtigkeit zu verwerfen.

In demselben Moment hat Gott beschlossen, den empirischen Himmel (Lichthimmel oder obersten Himmel) zu erschaffen, um dort seine Herrlichkeit zu offenbaren und die Guten zu belohnen; ferner die Erde und das übrige für andere Kreaturen; im tiefsten Mittelpunkt der Erde aber die Hölle zur Bestrafung der bösen Engel.

48. Im sechsten Moment wurde beschlossen, ein Volk, eine Gemeinschaft von Menschen zu erschaffen für Jesus Christus, welcher im göttlichen Geist und Willen schon früher vorherbestimmt war. Nach seinem Bild und Gleichnis sollte der Mensch erschaffen werden, damit das menschgewordene Wort Brüder habe, die ihm ähnlich und untergeordnet wären, und ein Volk, das seiner Natur angehörte und dessen Haupt er sein sollte. In diesem Moment wurde die Art und Weise der Erschaffung des ganzen menschlichen Geschlechtes festgesetzt; es sollte seinen Anfang nehmen von einem einzigen Mann und einer einzigen Frau und von diesen an sich fortpflanzen in der damals bestimmten Geschlechterfolge bis zu der jungfräulichen Mutter und ihrem Sohn. Es wurden den ersten Menschen in Kraft der Verdienste Christi, unseres höchsten Gutes, die Gnaden und Gaben zugemessen, die sie empfangen sollten, im besonderen die ursprüngliche Gerechtigkeit. damit sie, sofern sie nur wollten, darin verharrten.

Es war vorausgesehen der Fall Adams, und dass in ihm alle fallen würden mit Ausnahme der Königin des Menschengeschlechts, welche in diesem Dekrete nicht mit inbegriffen war. Es ward aber auch das Heilmittel angeordnet und beschlossen, dass die heiligste Menschheit Christi leidensfähig sein sollte. Die «zum ewigen Leben Vorherbestimmten» wurden durch Gottes freie Güte auserwählt und die «Vorhergesehenen» (praesciti) durch seine heiligste Gerechtigkeit verworfen. Es ward alles Notwendige und Geziemende angeordnet zur, Erhaltung der menschlichen Natur sowie zur Erreichung des Zweckes der Erlösung und Gnadenwahl.

Hierbei ließ Gott den Menschen ihren freien Willen, weil dies sowohl der Natur des Menschen als der Güte Gottes am besten entsprach. Es geschah damit den Menschen kein Unrecht; denn war es auch infolge des freien Willens in ihre Macht gestellt, zu sündigen, so konnten sie anderseits mit der Gnade und mit dem Licht der Vernunft die Sünde meiden. Gott wollte niemand Gewalt antun, gleichwie er umgekehrt niemand das Nötige vorenthält oder verweigert. Und weil er sein Gesetz in aller Menschen Herz geschrieben hat (Ps 37, 31), darum hat keiner eine Entschuldigung, wenn er ihn nicht als sein höchstes Gut und als den Urheber alles Erschaffenen anerkennt und liebt.

49. Beim Schauen dieser Geheimnisse erkannte und fühlte ich mit großer Klarheit und Kraft die höchst erhabenen Beweggründe der Sterblichen, die Majestät des Schöpfers und Erlösers aller Menschen dafür zu lobpreisen und anzubeten, dass er in diesen seinen Werken sich offenbaren und verherrlichen wollte. Ich erkannte aber auch, wie träge und saumselig die Menschen sind, diese ihre Verpflichtungen einzusehen und für so große Guttaten Dank zu sagen, und wir mit vollem Rechte der Allerhöchste über eine solche Nachlässigkeit Klage führt und erzürnt ist. Seine Majestät gab mir Aufmunterung und Befehl, einer solchen Undankbarkeit mich nicht schuldig zu machen, sondern ein Opfer des Lobes ihm darzubringen, ein neues Lied ihm zu singen und ihn zu lobpreisen im Namen aller Kreaturen.

50. O mein allerhöchster Herr, unermesslicher Gott, besäße ich doch die Liebe und die Vollkommenheiten aller Engel und aller Gerechten, um in würdiger Weise deine Größe zu rühmen und zu preisen! Ich bekenne es, großer, allmächtiger Herr, dass dieses unwürdigste Geschöpf, das ich bin, niemals imstande war, eine so große Wohltat zu verdienen, wie du sie mir erwiesen hast durch Offenbarung deiner Geheimnisse und durch Verleihung so klarer Erkenntnis deiner allerhöchsten Majestät, vor deren Angesicht ich auch meine Niedrigkeit einsehe, die bis zu dieser glücklichen Stunde mir noch verborgen war. Ich wusste nicht, was es um die Tugend der Demut sei, die man in dieser Schule lernt. Freilich will ich nicht sagen, dass ich jetzt sie besitze; aber ich will auch nicht in Abrede stellen, dass ich den sicheren Weg erkannte, sie zu finden. Denn dein Licht, o Allerhöchster, hat mich erleuchtet, und deine Leuchte hat mir die Wege gezeigt (Ps 119,105), auf denen ich sehe, was ich war und was ich bin, und wo ich erschrecke vor dem, was ich sein kann. Du, o allerhöchster König, hast meinen Verstand erleuchtet und meinen Willen entflammt durch den alleredelsten Gegenstand, auf den diese Seelenkräfte gerichtet sein können. Du hast mich ganz deinem Wohlgefallen unterworfen; dies bekenne ich vor allen Menschen, auf dass sie mich lassen und ich sie. Ich gehöre meinem Geliebten, und - obschon ich es nicht verdiene mein Geliebter gehört mir (Hld 2, 16). Stärke also, o Herr, meine Schwachheit, auf dass ich nachlaufe dem Geruch deiner Salben (Hld 1,3) und nachlaufend dich erreiche; und, habe ich dich erreicht, nicht mehr dich lasse, nicht mehr dich verliere!

51. Mit kurzen Worten und mit stammelnder Zunge habe ich in diesem Hauptstück geredet, über welches sich viele Bücher schreiben ließen. Doch ich schweige, weil ich nicht zu reden weiß. Ich bin ja eine unwissende Frau, und meine Absicht war nur darauf gerichtet, zu erklären, wie die jungfräuliche Mutter im Geist Gottes vor aller Zeit gebildet und vorhergesehen war (Sir 24, 14). Was ich aber über dieses höchst erhabene Geheimnis erfahren habe, dies treibt mich an, in mein Inneres einzugehen und in stiller Bewunderung den Urheber solcher Großtaten zu preisen, indem ich in das Loblied der Seligen einstimme und spreche: «Heilig, heilig, heilig bist du, o Herr, Gott Sabaoth» ! (Jes 6, 3)

FÜNFTES HAUPTSTÜCK: Erklärung des achten Kapitels der Sprichwörter

Erkenntnis, welche mir der Allerhöchste zur Bestätigung des vorausgehenden Hauptstückes über die Heilige Schrift, und zwar über das achte Kapitel der Sprichwörter verliehen hat.

52. Reden will ich, o Herr, zu deiner großen Majestät, wiewohl ich nur Staub und Asche bin (Gen 18, 27). Du bist ja der Gott der Erbarmungen. Flehen will ich zu deiner unerfasslichen Hoheit, du wollest von deinem allerhöchsten Thron auf diese niedrigste, unnützeste Kreatur herabschauen, mir gnädig sein und mir dein Licht zur Erleuchtung meines Verstandes auch fernerhin schenken. Rede, Herr, deine Dienerin hört (1 Sam 3, 10).

Da redete zu mir der Allerhöchste, der Lehrer der Weisen (Weish 7, 15).

Er verwies mich auf das achte Kapitel der Sprichwörter (Spr 8, 22 ff) und gab mir dabei das Verständnis des darin enthaltenen Geheimnisses. Zuerst aber ward mir der Wortlaut desselben mitgeteilt; es ist folgender:

53. «Der Herr hat mich gehabt im Anfang seiner Wege, noch ehe er etwas gemacht hat vom Anbeginn. Ich bin verordnet von Ewigkeit, von alters her, noch ehe die Erde geworden. Die Abgründe waren noch nicht, und ich war schon empfangen. Die Wasserquellen brachen noch nicht hervor; noch standen nicht fest die Berge in gewaltiger Wucht; und vor den Hügeln ward ich geboren. Noch hatte er die Erde nicht gemacht, nicht die Flüsse, nicht die Angeln des Erdkreises. Als er die Himmel bereitete, war ich dabei. Als er nach genauem Gesetze einen Kreis zog um die Tiefen; als er die Lüfte oben befestigte und die Wasserbrunnen abwog; als er rings um das Meer seine Grenzen setzte und den Wassern ein Gesetz gab, ihre Grenzen nicht zu überschreiten; als er der Erde ihre Grundfesten zuwog, da war ich bei ihm und machte alles und freute mich Tag für Tag und spielte vor Ihm allezeit, spielte auf dem Erdkreis, und meine Lust ist, bei den Menschenkindern zu sein.»

54. So weit die Stelle aus den Sprichwörtern, deren Verständnis der Allerhöchste mir gegeben hat. Ich ward inne, dass der Herr hier zunächst von den Urbildern oder Ratschlüssen rede, die er vor Erschaffung der Welt in seinem göttlichen Geist gehabt hat und dass er im wörtlichen Sinne von der Person des menschgewordenen Wortes und seiner heiligsten Mutter spreche, im mystischen Sinne aber von den heiligen Engeln und Propheten. Denn bevor er den Ratschluss oder die Idee der übrigen zu erschaffenden materiellen Dinge gefasst, ward die heiligste Menschheit Christi und seine reinste Mutter in der Idee und im Ratschluss Gottes gebildet. Das ist es, was die ersten Worte besagen:

55. «Der Herr hat mich gehabt im Anfang seiner Wege» (Spr 8, 22). In Gott gab es keine Wege, und seine Gottheit hatte keine vonnöten; er bereitete aber solche, damit wir Kreaturen alle, die wir fähig sind, ihn zu erkennen, auf ihnen zu seiner Erkenntnis und zu seinem Besitz gelangen. In diesem Anfang, noch ehe er etwas anderes in seiner Idee gebildet hatte, da er in seinem göttlichen Geist Pfade bereiten und Wege eröffnen wollte, um seine Gottheit mitzuteilen und allen Dingen den Ursprung zu geben, beschloss er vor allem, die Menschheit des Wortes zu erschaffen, welche der Weg sein sollte, auf dem alle anderen zum Vater gelangen könnten (Joh 14, 6). Mit diesem Ratschluss war jener verbunden, welcher die heiligste Mutter des menschgewordenen Wortes betraf; durch sie sollte seine Gottheit in die Welt kommen dadurch, dass der Gottmensch aus ihr gebildet und geboren würde. Darum heißt es: «Gott hat mich gehabt.» Die göttliche Majestät hat den Sohn wie die Mutter im Besitz gehabt; den Sohn, weil er hinsichtlich seiner Gottheit der Besitz, das Eigentum, der Schatz des Vaters und, mit dem Vater und dem Heiligen Geiste eine Wesenheit, eine Gottheit bildend, unzertrennlich mit ihm vereiniget war; hinsichtlich seiner Menschheit hat der Vater den Sohn im Besitz gehabt, insofern der Vater erkannt und beschlossen hat, dieser Menschheit vom Augenblick ihrer Erschaffung und Vereinigung mit dem ewigen Worte an die Fülle seiner Gnade und Glorie mitzuteilen. Da nun dieser Ratschluss und diese Besitznahme mittels der Mutter, die das Wort empfangen und gebären sollte, ausgeführt werden musste (denn Gott wollte die heiligste Menschheit nicht aus nichts, noch aus einer neu zu schaffenden Materie bilden), so war es wie von selbst sich ergebend, dass er auch jene in Besitz nahm, welche ihm menschliche Gestalt geben sollte. Und darum hat er in dem gleichen Moment auch sie in Besitz genommen und für sich vorbehalten, indem er unbedingt wollte, dass weder das Menschengeschlecht noch eine andere Kreatur zu irgendeiner Zeit und in irgendeinem Augenblick hinsichtlich der Gnade auf sie Recht und Anspruch habe. Er, der Herr allein wollte sie besitzen. Er rühmte sich dieses Besitztums, als eines ihm allein, und zwar in der Weise ihm allein zuständigen Anteils, wie sie dieses sein musste, damit sie ihm aus ihrer eigenen Wesenheit die menschliche Natur geben konnte, und damit allein sie ihn Sohn, und er sie allein Mutter nennen konnte, und zwar eine Mutter, welche würdig war, den menschgewordenen Gott zum Sohn zu haben. Gleichwie nun der Gottmensch und seine heiligste Mutter allem anderen Erschaffenen an Würdigkeit vorangingen. so gingen sie auch allen voran im Geist und Willen des allerhöchsten Schöpfers. Darum ist gesagt:

56. «Im Anfang, noch ehe er etwas gemacht hat. Ich bin verordnet von Ewigkeit, von alters her (Spr 8, 22-23).»Was war nun aber in der Ewigkeit Gottes, die wir hienieden uns als unbegrenzte Zeit vorstellen - was war da «das Alte», da doch noch nichts erschaffen war? Offenbar redet hier die Heilige Schrift von den drei göttlichen Personen und will sagen: die Vereinigung des ewigen Wortes mit der Menschheit mittels der heiligsten Jungfrau Maria ist schon so lange «verordnet», als die anfangslose Gottheit besteht, so lange, als «das Alte» existiert, das allein wahrhaft alt ist, nämlich die unzertrennliche Dreieinigkeit, im Vergleich mit welcher alles, was Anfang hat, modern und neu ist. Damals ward sie verordnet, als allein das alte Unerschaffene vorausging, und bevor das zukünftige Erschaffene in Gottes Geist gebildet wurde. Zwischen diesen beiden Endpunkten, nämlich dem alten Unerschaffenen und dem zukünftigen Erschaffenen, steht in der Mitte die hypostatische Union, d. h. die durch Vermittlung Mariä bewirkte persönliche Vereinigung des ewigen Wortes mit der Menschheit; sie beide, d. h. Christus und Maria, waren «verordnet» unmittelbar nach Gott und vor aller Kreatur. Dies war die wunderbarste Anordnung, die jemals geschehen ist und jemals geschehen wird. Das wunderbarste Bild, das der Geist Gottes entworfen, ist nächst der ewigen Zeugung das Bild Christi und unmittelbar nach diesem das Bild seiner Mutter.

57. Wie könnte auch diese Ordnung in Gott anders als höchst wunderbar sein, da ja die Ordnung in Gott die ist, dass alles, was er in sich schließt, zusammen und auf einmal besteht, ohne dass es nötig wäre, dass eines dem anderen folge oder dass eines sich vervollkommne, indem es auf die Vervollkommnung eines anderen wartet oder etwa in sich selbst eine Entwicklung durchmacht? In der ewigen göttlichen Natur hat alles in höchster Ordnung bestanden, besteht und wird immer bestehen. Diese Ordnung ist aber die, dass die Person des Sohnes Mensch werde und dass von der mit der Gottheit vereinigten Menschheit die Reihenfolge der göttlichen Anordnungen und Ratschlüsse beginne; dass ferner der Gottmensch das Haupt und Vorbild aller übrigen Menschen und überhaupt aller Geschöpfe sei und dass alle nach ihm sich richten und ihm sich unterordnen. Dies war die beste Ordnung, die schönste Harmonie aller Geschöpfe, dass sie einen haben, welcher der erste und höchste von allen ist. und nach welchem sich die ganze Schöpfung, insbesondere die Menschen zu richten haben. Unter den Menschen aber nahm die Mutter des Gottmenschen die erste Stelle ein, weil sie das höchste aller bloßen Geschöpfe und ganz unmittelbar mit Christus und in ihm mit der Gottheit vereinigt ist. Dies war die Ordnung, in welcher sich die lebendigen Wasser des wie Kristall glänzenden Stromes ergossen, der vom Thron der Gottheit ausgeht (Offb 22, 1); er ergoss sich zuerst in die Menschheit des Wortes und unmittelbar darauf in dessen heiligste Mutter, und zwar in dem Maße und in der Weise, wie es bei einem bloßen Geschöpfe möglich und bei einem Geschöpf, das zugleich Mutter des Schöpfers ist. geziemend war. Geziemend aber war es, dass in ihr als der Mutter des Schöpfers alle göttlichen Eigenschaften gleichsam ihre Tätigkeit beginnen und dass keine einzige ihr vorenthalten werde, soweit sie dieselbe in sich aufzunehmen fähig war, damit auf diese Weise Maria nur allein Jesus Christus, unserem Herrn, nachstehe und an Gnade höher, ja unvergleichlich höher stehe als alle übrigen Geschöpfe auf einmal. die der Gnade und der Gaben fähig sind. Dies war die Ordnung, die auch von der göttlichen Weisheit bestimmt war, mit Christus und seiner Mutter den Anfang zu machen, und darum fährt der heilige Text fort:

58. «Noch ehe die Erde geworden. Die Abgründe waren noch nicht und ich war schon empfangen» (Spr 8, 23.24) Diese Erde war die des ersten Adam. Bevor nämlich deren Erschaffung beschlossen und die Abgründe, d. h. die Ideen der zu erschaffenden Dinge im göttlichen Geist gebildet waren, waren Christus und seine Mutter in der Idee Gottes bereits gestaltet. Die Ideen werden «Abgründe» genannt, weil zwischen dem unerschaffenen Sein Gottes und dem Sein der Geschöpfe eine unendliche Kluft ist. Diese Kluft aber ward durchmessen - um nach unserer Fassungsweise zu reden -, als die bloßen Geschöpfe im Geist Gottes gebildet wurden; und damals wurden sozusagen auch die Abgründe dieses unendlichen Abstandes gebildet. Vor all dem aber war das Wort schon «empfangen», und zwar nicht bloss rücksichtlich der ewigen Zeugung aus dem Vater, sondern es war auch seine zeitliche Geburt aus der gnadenvollen Jungfrau Maria bereits beschlossen und im Geist Gottes vorhergesehen; denn ohne die Mutter, und ohne eine solche Mutter, konnte diese zeitliche Geburt durch wirksamen und unbedingten göttlichen Willen nicht beschlossen werden. So war also kraft dieses Ratschlusses auch die heiligste Jungfrau Maria in jener beseligenden Unermesslichkeit «empfangen» und war ihr ewiges Andenken in dem Herzen Gottes eingeschrieben, um durch alle Zeiten und alle Ewigkeiten hindurch nie mehr daraus getilgt zu werden. Der allerhöchste Künstler hatte in seinen Geist sie eingeprägt und eingezeichnet und durch die Bande unzertrennlicher Liebe mit sich vereinigt.

59. «Die Wasserquellen waren noch nicht hervorgebrochen(Spr 8, 24).» Die Urbilder oder Ideen der Geschöpfe waren noch nicht aus ihrem Ursprung herausgetreten; sie hatten die Brunnquellen der Gottheit noch nicht durchbrochen, um durch die beiden Kanäle der Güte und Barmherzigkeit sich zu ergießen, d. h. der Wille Gottes hatte sich zur Schöpfung des Weltalls und zur Mitteilung seiner Vollkommenheiten noch nicht entschlossen. Die Ideen aller Dinge außer Jesus und Maria waren wie verschlossene Quellen noch im unermesslichen Meere der Gottheit zurückgehalten; in der göttlichen Wesenheit aber hatten sie keine Kanäle, um sich zu offenbaren; und auf die Menschen waren sie noch nicht übergeströmt. Als sie aber diesen zuflossen, hatten sie sich bereits in die heiligste Menschheit Jesu und in seine jungfräuliche Mutter ergossen. Darum heißt es weiter:

60. «Noch standen nicht fest die Berge in gewaltiger Wucht (Spr 5, 25).» Gott hatte damals die Erschaffung der hohen Berge, d. i. der Patriarchen. Propheten. Apostel, Märtyrer und der übrigen, durch erhabene Vollkommenheit ausgezeichneten Heiligen noch nicht beschlossen. Dieser so erhabene Ratschluss stand in seiner gewaltigen Wucht, in seiner Heiligkeit, in der starken und lieblichen Weise (Weish 8, 1), welche Gott bei seinen Ratschlüssen und großen Werken einhält, noch nicht fest. Und nicht bloß vor den Bergen (nämlich vor den großen Heiligen), sondern auch «vor den Hügeln ward ich geboren». Unter den Hügeln sind die Chöre der Engel verstanden; denn vor diesen war die mit dem göttlichen Worte persönlich geeinte, heiligste Menschheit und die Mutter, von der sie geboren, im Geiste Gottes gebildet. Vor allen Engelchören sind der Sohn und die Mutter gewesen, damit man verstehe, was David im achten Psalm ausgesprochen hat mit den Worten: «Was ist der Mensch, dass seiner du gedenkest oder der Menschensohn, dass du ihn heimsuchest? Du hast ihn nur wenig unter die Engel erniedrigt usw. (Ps 8. 5);» damit also alle erkennen und wissen, es sei ein Gottmensch, welcher über allen Menschen und Engeln steht und welchem alle als Untertanen und Diener unterworfen sind, weil er nicht bloß als Gott, sondern auch als Mensch ihr Haupt ist. Dieser ist also der erste im Geist und Willen Gottes; und mit ihm untrennbar verbunden ist eine Frau, die reinste Jungfrau, seine Mutter, die Beherrscherin und Königin der ganzen Schöpfung.

61. Wenn also der Mensch, wie es an derselben PsalmsteIle heißt (Ps 5, 6.7), mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt und über alle Werke der Hände des Herrn gesetzt worden ist, so geschah dies deswegen, weil sein Haupt. der Gottmensch ihm diese Krone verdiente, obwohl er auch jene Krone verdiente, welche die Engel erhielten. An dieser Stelle ist gesagt, Gott habe den Menschen, nachdem er ihn ein wenig unter die Engel erniedrigt, über alle Werke seiner Hände gesetzt; wie ist dies zu verstehen, da doch auch die Engel Werke der Hände Gottes sind? David fasst das ganze Menschengeschlecht zusammen, wenn er sagt, Gott habe den Menschen nur wenig unter die Engel erniedrigt; denn hinsichtlich der Natur ist freilich der Mensch niedriger als die Engel; allein ein Mensch ist gewesen, welcher höher war als alle und welcher auch über die Engel, diese Werke der Hände Gottes, gesetzt war, und diese Oberhoheit hatte ihren Grund in dem Sein der Gnade. Der Gottmensch war aber über den Engeln nicht bloß hinsichtlich der mit der Menschheit vereinigten Gottheit, sondern auch hinsichtlich seiner Menschheit kraft der Gnade, welche aus der hypostatischen Union in eben diese Menschheit, und nächst ihr in die heiligste Mutter überströmte. Überdies ist es auch einzelnen Heiligen gegeben, kraft der vom menschgewordenen Sohn Gottes ihnen mitgeteilten Gnade eine höhere Stufe der Glorie und einen erhabeneren Sitz im Himmel zu erreichen, als die Engel ihn einnehmen. Ferner heißt es:

62. «Ich ward geboren (Spr 8. 25)»; womit mehr ausgedrückt ist als mit dem vorausgehenden: «Ich ward empfangen». Das Empfangensein bezieht sich nämlich auf die göttliche Erkenntnis der allerheiligsten Dreifaltigkeit und drückt aus, dass die Menschwerdung vorhergesehen und die Gründe für dieselbe sozusagen abgewogen worden seien. Das Geborenwerden aber bezieht sich auf den göttlichen Willen. welcher die wirkliche Ausführung dieses Werkes beschloss, indem die allerheiligste Dreifaltigkeit dieses Wunderwerk der hypostatischen Union und der heiligsten Mutter Maria in ihrem göttlichen Ratschluss festsetzte und gewissermaßen vorerst in sich selbst zur Ausführung brachte. Darum heißt es zuerst: «ich ward empfangen», und dann: «ich ward geboren», weil besagtes Wunderwerk zuerst erkannt und hernach beschlossen und gewollt ward.

63. «Noch hatte er die Erde nicht gemacht- nicht die Flüsse, nicht die Angeln des Erdkreises (Spr 8, 26).» Bevor die zweite Erde, d. i. das irdische Paradies, erschaffen war - in diesem Sinne steht nämlich die «Erde» zum zweiten Male -, in welches der erste Mensch versetzt wurde, sobald er aus der ersten Erde, aus Staub (vom Felde von Damaskus). gebildet ward - bevor, sage ich, diese zweite Erde, wo Adam sündigte, erschaffen wurde, war bereits beschlossen, die Menschheit des Wortes und der Materie, aus welcher sie gebildet werden sollte, nämlich die heiligste Jungfrau zu erschaffen. Gott musste ihr mit seiner Gnade zuvorkommen und sie voraus in Besitz nehmen, damit sie keine Teil habe an der Sünde und ihr nicht unterworfen sei.

Die «Flüsse und die Angeln des Erdkreises» bedeuten die streitende Kirche und die Schätze der Gnaden und Gaben welch mit Macht aus dem Quell der Gottheit auf alle überströmen sollten und welche hauptsächlich und in wirksamer Weise in die Heiligen und Auserwählten sich ergießen. Diese sind es, welch Angeln gleich in Gott sich bewegen, an ihm hangen und an seine heiligen Willen gebunden sind durch die Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, wodurch sie gestützt, belebt und geleitet werden. Sie sind es, welche sich zum höchsten Gut und letzten Ziel hinbewegen und welche, auch wenn sie dem Verkehre mit Menschen sich zuwenden, nicht aus den Angeln gleiten, in denen sie ruhen. Es sind hier aber auch die Sakramente und die ganze Einrichtung der Kirche gemeint, der Schutz, den sie von Seiten Gottes genießt. ihre unüberwindliche Festigkeit, ihre Schönheit und Heiligkeit ohne Makel und Runzel (Eph 5, 27); in stetem Kreislauf fließen in ihr die Wasser der Gnade. Bevor nun der Allerhöchste alles dieses zubereitet, bevor er diesen Kreis, den geheimnisvollen Leib, von welchem Christus unser höchstes Gut, das Haupt sein sollte, vorherbestimmt hatte, hat er die Vereinigung des Wortes mit der menschlichen Natur und die Mutter des Gottmenschen vorherbestimmt, durch derer Vermittlung er diese Wunder in der Welt wirken wollte.

64. «Als er die Himmel bereitete, war ich dabei (Spr 8, 27).» Als er der Himmel und mit ihm die Belohnung bereitete, die er den gerechten Kindern der Kirche nach diesem Erdenleben geben wollte war die mit dem Wort vereinigte Menschheit dabei, ihnen als ihr Haupt die Gnade verdienend; und mit dem Gottmenschen war zugleich seine heiligste Mutter zugegen. Ihnen, dem Sohn und der Mutter, hatte er den größten Teil der Glorie bereitet und nach ihrem Beispiel verordnete und bereitete er auch die Glorie, welche den übrigen Heiligen zuteil werden sollte.

65. «Als er nach genauem Gesetze einen Kreis zog um die Abgründe (Spr 8, 27).» Als er beschloss, die Abgründe seiner Gottheit nach bestimmtem Gesetz und Maß, das kein Sterblicher zu sehen oder zu fassen vermöchte, in die Person des Sohnes einzuschließen, als er diesen Kreis, in welchen niemand je eingehen kann, außer allein das ewige Wort, welches allein sich selber fassen kann, in der Runde zog, in der Weise, dass die Gottheit, sich selbst gleichsam vernichtend, in die Menschheit sich einschloss, beide aber, nämlich Gottheit und Menschheit, sich zuerst in den Schoß der heiligsten Jungfrau und hernach in die kleinen Gestalten von Brot und Wein einschlossen, um in diesen Gestalten in das enge Herz eines sündigen, sterblichen Menschen einzugehen - alles dieses ist in den Ausdrücken «Abgründe, Gesetz, Kreis» angedeutet.

Es heißt auch: «lege certa - nach genauem, sicherem Gesetz», einerseits wegen der unendlichen Größe und Menge des Eingeschlossenen, anderseits wegen der gewissen, wahrhaftigen Ausführung dessen, was auszuführen unmöglich und auszudrücken höchst schwierig schien; denn sicher musste es unmöglich scheinen, dass die Gottheit einem Gesetze unterstellt und in bestimmten Grenzen eingeschlossen werde. Allein die Weisheit und Allmacht des Herrn vermochte es doch zu bewirken und hat es möglich gemacht, indem sie sich wirklich mit sterblicher Hülle bekleidete.

66. «Als er die Lüfte (den Äther) oben befestigte und die Wasserbrunnen abwog; als er rings um das Meer seine Grenze setzte und den Wassern ein Gesetz gab, ihre Grenzen nicht zu überschreiten (Spr 8, 28.29).» Die Gerechten werden hier Äther oder Himmel genannt; denn sie sind es, in welchen Gott durch seine Gnade wohnt und weilt (1 Kor 3,16), und denen er mittelst derselben Gnade einen ruhigen und sicheren Wohnort verleiht, indem er sie, selbst während ihrer irdischen Pilgerschaft, je nach der Mitwirkung und Disposition eines jeden, dem Geist nach über diese Erde erhebt (Sir 51, 13); nach diesem Erdenleben aber gibt er ihnen nach Maßgabe ihrer Verdienste einen Wohn- und Ruheort im himmlischen Jerusalem. Für sie wägt er ab die Brunnen der Gewässer und teilt sie, indem er nach Maß und Gewicht die Gaben der Gnade und Glorie, die Kräfte, die Hilfsmittel und Gnadenauszeichnungen an einen jeden verteilt, wie seine göttliche Weisheit verordnet. Damals nun, als die Verteilung dieser Gewässer beschlossen ward, wurde bestimmt, der mit dem ewigen Wort vereinigten Menschheit das ganze Meer der Gnaden und Gaben mitzuteilen, welches ihm, als dem Eingebornen vom Vater (Joh 1, 14), aus der Gottheit zuströmt. Wohl war dieses Meer unendlich; aber Gott hat ihm doch eine Grenze gesetzt, nämlich die Menschheit, in welcher die ganze Fülle der Gottheit wohnt (Kol 2, 9); und dreiunddreißig Jahre hindurch blieb der Glanz der Gottheit in der Menschheit verborgen, damit der Gottmensch mit den Menschenkindern wohnen könnte und nicht allen widerführe, was den drei Aposteln auf Tabor widerfahren ist (Mt 17, 6). In demselben Augenblick nun, da dieses Meer mit den Gewässern seiner Gnade unserem Herrn Jesus Christus, als dem unmittelbar Nächsten an der Gottheit zuströmte, ergoss es sich auch in seine heiligste Mutter, als die unmittelbar Nächste bei ihrem Sohn. Denn ohne die Mutter, und ohne solche Mutter, wären die Gaben ihres Sohnes nicht mit der höchstmöglichen Vollkommenheit geordnet gewesen; auch ist auf kein anderes Fundament als auf dieses die wunderbare Harmonie der himmlischen und geistlichen Gnadenordnung, die Verteilung der Gaben des Heiligen Geistes in der streitenden und triumphierenden Kirche gegründet worden.

67. «Als er der Erde ihre Grundfesten zu wog, da war ich bei ihm und machte alles (Spr 8, 29.30).» Die Werke «nach außen» sind allen drei göttlichen Personen gemeinsam, weil alle drei nur ein Gott, eine Weisheit und eine Allmacht sind. Darum ist es unumgänglich notwendig, dass das ewige Wort, «durch welches alles gemacht ist (Joh 1, 3)», wegen seiner göttlichen Natur alles gemeinsam mit dem Vater gemacht oder erschaffen hat. An dieser Stelle aber ist noch mehr gesagt, nämlich, dass das ewige Wort auch nach seiner menschlichen Natur zugleich mit seiner heiligsten Mutter im Willen und Ratschluss Gottes gegenwärtig war, auch dass, obwohl alles durch das göttliche Wort erschaffen wurde, ebenso auch für dasselbe, als für den höchsten und erhabendsten Endzweck in erster Linie alles erschaffen worden ist, die Grundfesten der Erde und alles, was auf Erden sich findet. Darum heißt es weiter:

68. «Ich freute mich Tag für Tag und spielte vor ihm allezeit, spielte auf dem Erdkreis (Spr 8, 30.31).» Das menschgewordene Wort freute sich Tag für Tag; denn es kannte alle Tage der Weltzeiten und alle Lebensalter der Sterblichen, die im Vergleich zur Ewigkeit nichts sind als ein kurzer Tag (Ps 90, 4). Es erfreute sich, dass die Aufeinanderfolge der Schöpfung ein Ende nehmen und dass nach Ablauf des letzten Schöpfungstages der Mensch in aller Vollkommenheit da sein und sich der Gnade erfreuen, endlich aber die Krone empfangen sollte. Es erfreute sich und zählte gleichsam die Tage, bis es vom Himmel auf die Erde herabsteigen würde, um menschliches Fleisch anzunehmen. Es erkannte, dass die Gedanken und Werke der irdisch gesinnten Menschen nichts seien als ein Spiel, ein eitler Scherz und Trug. Es sah auch die Gerechten, wie sie zwar gebrechliche, eingeschränkte Geschöpfe, allein nichtsdestoweniger in solcher Verfassung seien, dass Gott ihnen seine Herrlichkeit und seine Vollkommenheiten offenbaren und mitteilen könne. Das ewige Wort schaute seine eigene, unveränderliche Wesenheit und anderseits die Beschränktheit der Menschen. Es sah, wie es selber die menschliche Natur annehmen und unter den Menschen wohnen werde, und freute sich seiner eigenen Werke, insbesondere aber jener, welche es für seine heiligste Mutter zu wirken sich bereitete. Denn von ihr Menschengestalt anzunehmen und sie des wunderbaren Werkes der Menschwerdung würdig zu machen, war seine Wonne. Dieses waren die «Tage», an denen das menschgewordene Wort sich erfreute. Weil aber auf die Erkenntnis und Voraussicht aller dieser Werke und auf den wirksamen Ratschluss des göttlichen Willens, dieselben zu vollbringen, ihre wirkliche Ausführung folgte, darum spricht das göttliche Wort weiter:

69. «Und meine Freude ist, bei den Menschenkindern zu sein (Spr 8, 31).» Meine Lust ist es, für sie zu arbeiten und sie mit Gnaden zu überhäufen; meine Befriedigung ist es, für sie zu sterben; meine Freude ist es, ihr Meister und Erlöser zu sein. Meine Wonne ist es, den Armen aus dem Staub zu erheben (Ps 113, 7), mit dem Demütigen mich zu vereinigen und zu diesem Zweck meine Gottheit herabzulassen und sie unter der Hülle der menschlichen Natur zu verbergen (Phil 2, 7.8). Meine Wonne ist es, mich zu verdemütigen, zu erniedrigen und die Herrlichkeit meines Leibes zurückzuhalten, um für die Menschen leiden und ihnen die Freundschaft meines Vaters verdienen zu können. Meine Wonne ist es, Mittler zu sein zwischen dem gerechtesten Zorn des himmlischen Vaters und der Bosheit der Menschen (1 Tim 2, 5); endlich das Haupt und Vorbild der Menschen zu sein, dem sie folgen und nach dem sie sich richten können. Dieses sind die Freuden, dieses ist die «Lust» des menschgewordenen Wortes.

70. O ewige, unfassbare Güte! Verwunderung und Staunen ergreift mich, wenn ich die Unermesslichkeit deiner unwandelbaren Wesenheit und im Vergleich damit die Niedrigkeit des Menschen betrachte und wenn ich erwäge, wie zwischen diesen beiden, unendlich weit voneinander entfernten Endpunkten deine ewige Liebe die Vermittlung bewirkt hat. deine unendliche Liebe zu einem Geschöpf, das nicht bloß gering und schwach, sondern dazu noch undankbar ist ! Wie niedrig und schlecht ist doch das Ding, auf welches du, o Herr, dein Auge richtest, und wie hoch erhaben ist das, auf welches der Mensch bei Erwägung eines so großen Geheimnisses sein Auge und seine Neigungen richten könnte und sollte! In der Verwunderung meines Geistes und in der Wehmut meines Herzens beklage ich den unglücklichen Zustand der Sterblichen, ihre Finsternis und Blindheit, da sie nicht einsehen wollen, wie frühe schon deine Majestät angefangen hat, auf sie zu schauen und ihnen ihre wahre Glückseligkeit mit solcher Sorgfalt, mit solcher Liebe zum voraus zu bereiten, als ob in ihrer Seligkeit die deinige bestände !

71. Alle Werke, die der Herr schaffen wollte, und alle Anordnung derselben hatte er «von Anbeginn», d. h. von Ewigkeit her in seinem Geist gegenwärtig. Alles ordnete er in seiner Gerechtigkeit und Billigkeit nach Maß, Zahl und Gewicht (Weish 11, 21). Er kannte, wie im Buch der Weisheit geschrieben steht (Weish 7, 18 ff), die Anordnung der Welt, bevor er sie schuf. Er erkannte der Zeiten Anfang, Ende und Mitte, wie die Sonne sich wendet und die Jahreszeiten wechseln, des Jahres Lauf und der Sterne Stand, die Kräfte der Elemente, die Neigungen und Abneigungen der zahmen und wilden Tiere, die Gewalt der Winde, die Verschiedenheiten der Pflanzen, die Kräfte der Wurzeln und die Gedanken der Menschen. Alles ordnete er nach Zahl und Gewicht, und zwar nicht bloß die körperlichen und geistigen Kreaturen im buchstäblichen Sinne ihrer Benennung, sondern auch alle jene Kreaturen, welche durch die ersteren in geheimnisvoller Weise versinnbildet werden, von denen ich aber jetzt nicht rede, weil es nicht in meinem Plane liegt.

SECHSTES HAUPTSTÜCK: Über den Ratschluss der Menschwerdung

Ein Zweifel, den ich dem Herrn über die in den letzten Kapiteln enthaltene Lehre vortrug und die Beantwortung desselben.

72. Über die in den letzten beiden Kapiteln enthaltenen Geheimnisse und Lehren ist mir ein Zweifel aufgestiegen, veranlasst durch die Meinungsverschiedenheit, welche, wie ich öfters von gelehrten Männern gehört habe, über diesen Punkt in den Schulen herrscht. Der Zweifel ist aber folgender: Wenn der erste Zweck und Beweggrund der Menschwerdung des ewigen Wortes der war, dass der Gottmensch der Erstgeborne und das Haupt aller Kreaturen sei und dass mittels des Gottmenschen die göttlichen Eigenschaften und Vollkommenheiten in einer der Gnade und Glorie entsprechenden Weise den Auserwählten mitgeteilt werden, und wenn das genugtuende Leiden und Sterben des Gottmenschen im Ratschluss Gottes der sekundäre oder untergeordnete Zweck war - wenn, sage ich, dieses die Wahrheit ist, warum gibt es dann in der Kirche so verschiedene Ansichten über diesen Punkt? Und warum ist die entgegengesetzte Ansicht, dass nämlich das ewige Wort hauptsächlich zu dem Zweck vom Himmel auf die Erde herabgestiegen sei, um durch sein heiligstes Leiden und Sterben die Menschen zu erlösen, sogar die allgemeinere?

73. Diesen Zweifel habe ich in Demut dem Herrn vorgetragen, und Seine göttliche Majestät würdigte sich, mir darauf zu antworten. Der Herr verlieh mir nämlich eine klare Erkenntnis und ein sehr großes Licht, worin ich viele Geheimnisse erkannte und verstand; ich kann dieselben aber nicht vollkommen erklären, weil die Worte, die der Herr an mich richtete, gar vieles in sich schließen und bedeuten. Der Herr sprach zu mir: «Meine Braut, meine Taube, höre! Als dein Vater und Lehrmeister will ich deinen Zweifel beantworten und in deiner Unwissenheit dich belehren. Wisse, dass der hauptsächliche und eigentliche Zweck meines Ratschlusses, die in der Person des Wortes mit der menschlichen Natur persönlich vereinigte Gottheit mitzuteilen, kein anderer war als die Verherrlichung, welche sowohl für meinen Namen als auch für die meiner Gnade fähigen Geschöpfe aus dieser Mitteilung hervorgehen sollte. Dass dieser Ratschluss in der Menschwerdung ausgeführt worden wäre, auch wenn der erste Mensch nicht gesündigt hätte, ist nicht zu bezweifeln; denn es war ein ausdrücklicher und im wesentlichen unbedingter Ratschluss. Mein Wille, welcher in erster Linie darauf ging, mich der mit dem Wort geeinten Menschheit des Erlösers und insbesondere seiner menschlichen Seele mitzuteilen, musste wirksam sein; denn so entsprach es meiner Heiligkeit und der Gerechtigkeit meiner Werke. Und wenn auch dieser Ratschluss der letzte war der Ausführung nach, so war er doch der erste der Intention oder Meinung nach. Und wenn ich zögerte, meinen Eingebornen in die Welt zu senden, so geschah dies deshalb, weil ich ihm zuvor in der Welt eine auserlesene, heilige Gemeinschaft von Gerechten stiften wollte, welche unter Voraussetzung des allgemeinen Sündenfalles doch gleichsam Rosen unter den Dornen der übrigen Sünder sein sollten. Nachdem aber der Fall des Menschengeschlechts tatsächlich erfolgt war, beschloss ich durch ein ausdrückliches Dekret. dass das Wort in leidensfähiger, sterblicher Gestalt (Natur) auf Erden erscheinen solle, um sein Volk, dessen Haupt es war, zu erlösen. Damit wollte ich, dass meine unendliche Liebe gegen die Menschen um so mehr geoffenbart und erkannt, und meiner heiligsten Gerechtigkeit die schuldige Genugtuung geleistet würde. Ich wollte, dass, gleichwie derjenige, welcher zuerst gesündigt, ein Mensch und zwar dem natürlichen Sein nach der erste Mensch gewesen war, so auch der Erlöser ein Mensch und zwar der erste Mensch der Würde nach sei (1 Kor 15, 21). Ich wollte auch, dass die Menschen hierin die Schwere der Sünde erkennten würden und dass die Liebe aller Seelen eine ungeteilte sei, da ihr Erschaffer, ihr Lebendigmacher, ihr Erlöser und ihr einstiger Richter einer und derselbe ist. Ja, ich wollte die Menschen zur Dankbarkeit und Gegenliebe gleichsam nötigen. indem ich sie nicht so bestrafte, wie ich die abtrünnigen Engel bestraft; denn diesen habe ich keine Gnadenfrist mehr gewährt, dem Menschen aber habe ich verziehen, habe auf ihn gewartet und ihm ein passendes Heilmittel gegeben, indem ich die Strenge meiner Gerechtigkeit an meinem eingebornen Sohn zeigte, die Milde meiner großen Barmherzigkeit aber dem Menschen zuwendete.»

74. «Damit du aber meine Antwort auf deine Frage besser verstehst, musst du bedenken, dass, obwohl es in meinen Ratschlüssen keine zeitliche Aufeinanderfolge gibt, ich auch im Wirken und Erkennen keiner Zeit bedarf. Und darum haben diejenigen recht, welche sagen, das Wort sei Fleisch geworden, um die Welt zu erlösen, obwohl anderseits auch diejenigen recht haben, welche behaupten, das Wort wäre Mensch geworden auch ohne den Sündenfall, wenn nur beides im rechten Sinne verstanden wird. Hätte Adam nicht gesündigt, so wäre das Wort in jener Gestalt vom Himmel herabgekommen, welche dem Stand der Unschuld entsprochen hätte. Da nun aber Adam sündigte, so kam der zweite Ratschluss zur Ausführung, wonach das Wort in leidensfähiger Gestalt erscheinen musste; denn die Sünde vorausgesetzt, war es angemessen, dass der Gottmensch die Erlösung in der Weise vollbrachte, wie er sie wirklich vollbracht hat. Und da du zu wissen begehrst, wie das Geheimnis der Menschwerdung geschehen wäre, im Falle der Mensch den Stand der Unschuld bewahrt hätte, so wisse, dass die heiligste Menschheit der Wesenheit nach dieselbe gewesen wäre. Es hätte aber mein Eingeborner die Gabe der Leidensunfähigkeit und Unsterblichkeit besessen und hätte in der Weise mit den Menschen gelebt und verkehrt, wie er es getan hat nach seiner Auferstehung bis zur Himmelfahrt. Die Geheimnisse des Glaubens und die Sakramente würden allen Menschen bekannt geworden sein; der Erlöser hätte seine Herrlichkeit, die er, im sterblichen Fleisch lebend, nur einmal offenbarte, oftmals geoffenbart. Er hätte das, was er im Stand der Sterblichkeit nur vor drei Aposteln gezeigt und gewirkt hat (Mt 17, 2), im Stand der Unsterblichkeit den Augen aller Menschen enthüllt. Alle Erdenpilger hätten meinen Eingebornen in großer Herrlichkeit geschaut, in seinem Umgang Trost gefunden und würden, weil sündelos, seinen göttlichen Gnadenwirkungen kein Hindernis entgegengesetzt haben. Allein die Sünde hat alles dieses verhindert und vereitelt, und der Erlöser musste um ihretwillen im Stand der Leidensfähigkeit und Sterblichkeit auf Erden erscheinen.»

75. «Dass über diese und andere Geheimnisse in meiner Kirche verschiedene Meinungen bestehen, hat seinen Grund darin, dass ich einzelnen Lehrern über diese, anderen über jene Geheimnisse Licht und Verständnis mitteile, weil die Sterblichen unfähig sind, das Licht in seiner ganzen Fülle zu empfangen. Ja, es wäre nicht einmal gut, jemand, der noch auf Erden pilgert, die vollständige Erkenntnis aller Dinge mitzuteilen. Empfangen ja doch sogar die Seligen im Himmel das Licht nur in Teilen, je nach dem Maß der Verdienste eines jeden und nach dem Grade seiner Glorie, sowie nach der Anordnung meiner Vorsehung. Die Fülle des Lichtes gebührte nur der menschlichen Seele meines Eingebornen und im Verhältnisse auch seiner Mutter; die übrigen Sterblichen aber empfangen es weder jemals ganz noch auch immer mit solcher Klarheit, dass sie sich über alle Dinge vergewissern könnten; und darum erwerben sie sich die Erkenntnis durch mühsames Studium der Wissenschaften. Allerdings sind in den Heiligen Schriften zahllose Offenbarungswahrheiten enthalten; weil ich aber die Menschen meist im natürlichen Licht der Vernunft belasse und nur bisweilen ihnen übernatürliche Erleuchtung mitteile, so kommt es, dass die Geheimnisse nach verschiedener Seite aufgefasst und dass die Heiligen Schriften in mehrfachem Sinne erklärt und verstanden werden, indem ein jeder seinem Urteil und seiner Auffassung folgt, und bei vielen ist die Absicht gut. Das Licht und die Wahrheit ist freilich nur eine, aber die Auffassung und Anwendung derselben ist nach der Verschiedenheit der Urteile und Neigungen verschieden. Auch hat der eine diese, der andere wieder andere Lehrer, und so entstehen unter ihnen die Kontroversen oder Streitfragen.»

76. «Dass nun jene Meinung, wonach das ewige Wort hauptsächlich zu dem Zweck vom Himmel herabgestiegen ist, um die Welt zu erlösen, die allgemeinere ist, dies hat unter anderem seinen Grund darin, weil das Geheimnis und die Werke der Erlösung bekannter und offenkundiger sind, da sie tatsächlich ausgeführt und in der Heiligen Schrift unzählige Male besprochen sind. Jenes Dekret dagegen, wonach der Erlöser im Stand der Leidensunfähigkeit erscheinen sollte, kam weder zur Ausführung noch war es unbedingt und ausdrücklich gefasst worden; und darum blieb alles verborgen, was sich auf jenen Zustand bezieht, und niemand kann es mit Sicherheit wissen, es sei denn, dass ich ihm über jenen Ratschluss und über unsere sich darin offenbarende Liebe zum Menschengeschlecht besonderes Licht und geeignete Offenbarungen mitteile. Die Erkenntnis dieser Geheimnisse würde zwar für die Menschen ein starker Antrieb sein, wenn sie dieselben betrachten und beherzigen wollten; allein der Ratschluss und die Werke der Erlösung sind mächtiger und wirksamer, sie zur Erkenntnis und zur schuldigen Erwiderung meiner unermesslichen Liebe zu bewegen und hinzuziehen, und dies ist eben der Zweck meiner Werke. Darum ist es auch eine Fügung meiner Vorsehung, dass die letztgenannten Beweggründe und Geheimnisse dem Verständnis näher liegen und häufiger Gegenstand der Betrachtung sind, weil es eben so gut und heilsam ist.»

»Überdies musst du bedenken, dass ein und dasselbe Werk gar wohl zwei Endzwecke haben kann, indem nämlich der eine davon Bedingterweise beabsichtigt wird. Dies war aber der Fall im Werke der Menschwerdung, welches in der Weise beschlossen war, dass, wenn der Mensch nicht sündigte, das ewige Wort in nicht leidensfähiger Gestalt erscheine; dass es aber im Stand der Leidensfähigkeit und Sterblichkeit erscheine, wenn der Mensch sündigte. Der Ratschluss der Menschwerdung wäre also in keinem Fall unausgeführt geblieben. Ich will, dass die Geheimnisse der Erlösung erkannt. verehrt und unablässig betrachtet werden, damit die Menschen dadurch zur schuldigen Dankbarkeit und Gegenliebe angetrieben werden. Ich will aber in gleicher Weise, dass die Menschen das menschgewordene Wort als ihr Haupt und als das Endziel anerkennen, für welches das ganze übrige Menschengeschlecht erschaffen wurde. Denn nächst meiner eigenen Güte war er, der Gottmensch, für mich der vorzüglichste Beweggrund, allen Geschöpfen das Dasein zu geben. Darum sind alle schuldig, ihm ehrfurchtsvollst zu dienen, nicht bloß deshalb, weil er das Menschengeschlecht erlöst hat, sondern auch deshalb, weil das Menschengeschlecht um seinetwillen erschaffen ward.»

77. «Ferner sollst du wissen, meine Braut, dass die Meinungsverschiedenheit unter den Lehrern und Meistern, wonach die einen das Wahre, andere aber ihrer natürlichen Einsicht gemäß Zweifelhaftes behaupten, eine Zulassung und Fügung meiner Vorsehung ist. Ich lasse auch zu, dass einzelne etwas behaupten, was in der Tat nicht so ist, ohne dass es deswegen der tiefen Wahrheit des Glaubens, in welcher alle Gläubigen übereinstimmen, schon widerspräche. Zuweilen lasse ich auch zu, dass einzelne nach ihrer Erkenntnis solches als wahr behaupten, was nur im Bereiche der Möglichkeit liegt. Diese Verschiedenheit dient dazu, dass man der Wahrheit und dem Licht um so eifriger nachforscht und dass infolgedessen die verborgenen Geheimnisse des Glaubens mehr beleuchtet werden. Denn der Zweifel ist dem Verstand ein Sporn, die Wahrheit zu suchen; in dieser Hinsicht haben also die Meinungsverschiedenheiten der Gottesgelehrten eine gerechte und heilige Ursache.»

«Noch einen anderen Zweck haben die Kontroversen, nämlich den, dass man aus den mühevollen Studien großer, vollkommener Gelehrten und Weisen erkenne, dass es in meiner Kirche eine Wissenschaft gibt, welche dem Menschen eine weit höhere Weisheit mitteilt als die Weltweisen sie besitzen, und dass es über allen einen höchsten «Lehrmeister der Weisen (Weish 7, 15) » gibt, und dieser bin ich, der ich allein alles weiß und alles fasse alles messe und abwäge, ohne selber ermessen oder erfasst werden zu können. Die Menschen sollen erfahren, dass, wenn sie meine Gerichte und Zeugnisse auch noch so sorgfältig erforschen, sie doch niemals dieselben erreichen können (Weish 9,13), wenn nicht ich ihnen Erkenntnis und Licht verleihe, der ich der Anfang und der Urheber aller Weisheit und Wissenschaft bin (Job 32, 8). Aus dieser Erkenntnis sollen - das ist mein Wille - die Menschen Anlass nehmen, mich ewig zu loben, zu preisen, zu bekennen, zu verherrlichen und meine Herrschaft anzuerkennen.»

78. «Auch ist es mein Wille, dass die heiligen Lehrer durch ihre redliche, lobenswerte und heilige Anstrengung sich viele Gnaden und Erleuchtungen und eine höhere Stufe der Seligkeit verdienen; dass ferner die Wahrheit mehr und mehr enthüllt und geläutert werde, je mehr man sich dem Urquell der Wahrheit nähert, und dass die Menschen durch demütige Erforschung der Geheimnisse und der wunderbaren Werke meiner Rechten dazu gelangen, an deren Früchten teilzunehmen und «das Brot des Verstandes (Sir 15, 3)» und der Erkenntnis meiner Heiligen Schriften zu genießen. Mit großer Vorsicht habe ich über die Lehrmeister des Glaubens gewacht, wenn auch ihre Ansichten und Meinungen gar weit auseinandergingen und sehr verschiedenen Zwecken dienten. Denn zuweilen gereicht es zu meiner größeren Ehre und Verherrlichung, dass sie sich gegenseitig widersprechen und einander bekämpfen, manchmal dient es anderen, irdischen Zwecken. In diesem Wettstreit ist ihre Absicht und ihr Verhalten stets ein verschiedenes gewesen und ist es noch; allein nichtsdestoweniger habe ich ihnen meine Leitung und Führung, mein Licht und meinen Schutz in der Weise zugewendet, dass die Wahrheit in vielen Dingen erforscht und erkannt, die Erkenntnis meiner Vollkommenheiten und meiner wunderbaren Werke gar sehr verbreitet und die Heilige Schrift in so tiefsinniger Weise ausgelegt wurde, dass es mir zum größten Wohlgefallen gereichte. Darum hat auch die Hölle in unglaublichem Neid und Groll, zumal in unseren gegenwärtigen Zeiten, den Thron der Bosheit aufgeschlagen, um die Wahrheit zu bekämpfen. Sich anmassend, die Gewässer des Jordans verschlucken zu können, sucht sie das Licht des heiligen Glaubens zu verdunkeln, indem sie mittels böser Menschen Unkraut unter den Weizen sät (Mt 13, 25). Allein die Kirche mit ihren Lehren steht unerschütterlich fest, und, mögen auch die katholischen Christen in anderer Hinsicht noch so blind und in tausendfaches Elend verwickelt sein, so leuchtet ihnen doch das Licht und die Wahrheit des Glaubens in hellstem Glanze. Zu diesem Glück rufe ich zwar alle mit väterlicher Liebe, allein der Auserwählten, die meinem Rufe entsprechen wollen, sind es nur wenige (Mt 22, 14).»

79. «Du sollst endlich auch wissen, meine Braut: Obschon meine Vorsehung es so fügt, dass unter den Gottesgelehrten Meinungsverschiedenheiten vorkommen, damit meine Zeugnisse sorgfältiger erforscht und der tiefe Sinn der Heiligen Schriften durch gottgefälliges, fleißiges Studium und Nachdenken den Menschen auf Erden mehr und mehr erschlossen werde, so würden mir doch die Gottesgelehrten ein großes Wohlgefallen bereiten und einen angenehmen Dienst erweisen, wenn sie die Hoffart, die Eifersucht, den Ehrgeiz und andere Leidenschaften und Laster, welche gern die Folge solcher Streitigkeiten sind, aus dem Herzen verbannen und allen bösen Samen, der bei solchen Gelegenheiten ausgestreut wird, vertilgen würden. Ich reisse für jetzt den bösen Samen nicht aus, damit nicht der Weizen mit dem Unkraut ausgerissen werde (Mt 13, 29).»

Alles dieses und noch viel mehreres, das ich nicht sagen kann, hat der Allerhöchste mir geantwortet. Ewig sei Seine höchste Majestät dafür gepriesen, dass er sich würdigte, meine Unwissenheit zu belehren und meinen Wunsch auf so vollkommene Weise und mit so großer Barmherzigkeit zu erfüllen, und dass er die Niedrigkeit einer unwissenden, ganz und gar unnützen Jungfrau nicht verschmähte! Alle seligen Geister und alle Gerechten auf Erden mögen ihm dafür Lob und Dank darbringen ohne Ende!

SIEBTES HAUPTSTÜCK: Erschaffung der Welt - Prüfung der Engel

Der Allerhöchste erschuf die sichtbaren Dinge für den Menschen, die Engel und Menschen aber, damit sie ein Volk bilden. dessen Haupt das menschgewordene Wort sein sollte.

80. Die Ursache aller Ursachen war Gott, er, der Erschaffer alles dessen, was Dasein besitzt. Gott wollte aber die Wunderwerke seiner Allmacht beginnen, wann und wie es sein freier Wille war. Den Anfang und Verlauf dieser Schöpfung erzählt Moses im ersten Kapitel der Genesis; und da der Herr mir hierüber seine Erleuchtung mitgeteilt hat, so werde ich hier das Nötige sagen, um die Werke und Geschehnisse der Menschwerdung des Wortes und der Erlösung von ihrem Ursprung an zu erkennen.

81. Das erste Kapitel der Genesis beginnt wörtlich so: «Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Aber die Erde war wüst und leer, Finsternis war über dem Abgrund, und der Geist Gottes schwebte über den Gewässern. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah das Licht, dass es gut war und schied das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht; und es ward Abend und Morgen, der erste Tag (Gen 1, 1-5)»; usw.

An diesem ersten Tag, oder wie Moses sagt, «Im Anfange», schuf Gott Himmel und Erde; der «Anfang» aber bestand darin, dass der allmächtige Gott, in sich selbst unveränderlich verbleibend, gleichsam aus sich selbst heraustrat, um außer sich die Kreaturen zu erschaffen. Die Kreaturen haben damals angefangen, ein eigenes Dasein zu besitzen, und Gott hat gleichsam angefangen, sich an seinen Geschöpfen zu erfreuen, als an Werken, welche, ein jedes in seiner Weise, vollkommen waren.

Damit aber auch die Ordnung oder Aufeinanderfolge der Erschaffung eine höchst vollkommene sei, schuf Gott, bevor er die geistigen und vernünftigen Geschöpfe ins Dasein rief, den Himmel für Engel und Menschen sowie die Erde, auf welcher die letzteren in sterblichem Leib zuerst pilgern sollten. Beide Orte waren dem Zweck, für den jeder erschaffen war, so entsprechend und so vollkommen, dass David sagen konnte: «Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes, und das Firmament verkündet die Werke seiner Hände (Ps 19, 2).» Die Himmel offenbaren in ihrer Schönheit die Größe und Herrlichkeit Gottes; sie sind der Lohn, den der Herr seinen Heiligen zum voraus bereitet hat. Das Firmament oder die Feste der Erde verkündet, dass es Geschöpfe, Menschen, geben werde, welche sie dereinst bewohnen und auf ihr zum Schöpfer wandeln sollen. Bevor aber der Allerhöchste die Menschen schuf, wollte er zuvor alles dasjenige erschaffen, was zur Erreichung ihres Zieles und zur Erhaltung des Lebens, das sie nach seinem Willen auf Erden zu führen hatten, notwendig war, damit sie sich in jeder Hinsicht genötigt sähen, ihm zu gehorchen und ihn als ihren Schöpfer und Wohltäter zu lieben, und damit sie seinen wunderbaren Namen und seine unendlichen Vollkommenheiten aus seinen Werken erkennen würden (Röm 1, 20).

82. Von der Erde sagt Moses, sie sei anfangs wüst und leer gewesen; von dem Himmel sagt er dies nicht; denn im Himmel schuf Gott die Engel, und zwar in jenem Augenblick, den Moses mit den Worten andeutet: «Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.» Moses redet hier nicht bloß von dem körperlichen Licht, sondern auch von den geistigen Lichtern, welche die Engel sind. Er spricht von ihnen nicht mit unverkennbaren Worten, sondern deutet sie nur an mit der genannten Bezeichnung, weil die Juden sehr geneigt waren, allen außerordentlichen Dingen, mochten sie auch an Würde weit unter den Engeln stehen, göttliche Wesenheit zuzuschreiben. Das Sinnbild des Lichtes ist aber sehr geeignet, die Natur der Engel, und im nächsten Sinne auch die Erleuchtung und Gnade zu bezeichnen, mit der sie in ihrer Erschaffung begabt wurden.

Mit dem Lichthimmel schuf Gott gleichzeitig die Erde und im Mittelpunkt derselben die Hölle; denn im nämlichen Augenblick, da die Erde erschaffen ward, wurden durch göttlichen Willen in der Mitte der Erdkugel sehr tiefe und weite Räume gebildet für die Hölle, die Vorhölle und das Fegfeuer. In der Hölle ward zur selben Zeit auch das materielle oder körperliche Feuer samt allem erschaffen, was nunmehr dort zur Peinigung der Verdammten dient.

Der Herr trennte alsbald das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag, die Finsternis Nacht. Diese Trennung fand statt nicht bloß zwischen der natürlichen Tag- und Nachtzeit, sondern auch zwischen den guten und bösen Engeln. Den guten Engeln verlieh Gott das ewige Licht seiner Anschauung und nannte dieses Tag, ewigen Tag; die bösen nannte er Nacht der Sünde und schleuderte sie in die ewigen Finsternisse der Hölle, damit wir alle erkennen, wie die barmherzigste Freigebigkeit des Schöpfers und Lebendigmachers mit der strengen Strafgerechtigkeit des allerheiligsten Richters Hand in Hand ging.

83. Die Engel wurden im obersten oder Lichthimmel erschaffen, und zwar im Stand der Gnade, auf dass sie mit Hilfe derselben die Glorie als Belohnung verdienten; denn wiewohl sie sich am Ort der Glorie befanden, so ward ihnen doch die Gottheit noch nicht von Angesicht zu Angesicht durch klare Anschauung gezeigt, bis jene, welche dem göttlichen Willen gehorchten, sich dieses Glück mit der Gnade verdient hatten. So waren also sowohl die letzteren, die heiligen Engel, als auch die abtrünnigen Geister nur ganz kurze Zeit in dem ersten Stand der Prüfung. Die Erschaffung, die Prüfung und die Entscheidung geschahen nämlich in drei Instanzen oder in drei, durch kurze Zwischenräume getrennten Momenten. Im ersten Moment wurden alle erschaffen und mit der Gnade und den Gaben des Heiligen Geistes ausgerüstet, so dass sie überaus schön und vollkommen waren. Auf diesen Moment folgte ein kleiner Zeitraum, in welchem allen der Wille ihres Schöpfers kundgetan und vorgestellt wurde. Es ward ihnen ein Gesetz und eine Vorschrift des Handelns gegeben, wonach sie ihren Schöpfer als ihren Herrn anerkennen und damit den Zweck, zu dem er sie erschaffen hatte, erfüllen sollten. In diesen Zeitraum nun fällt jener große, vom heiligen Johannes im zwölften Kapitel der geheimen Offenbarung beschriebene Kampf des heiligen Michael und seiner Engel mit dem Drachen und dessen Anhang. Die guten Engel verharrten in der Gnade und verdienten sich die ewige Seligkeit, die ungehorsamen aber empörten sich gegen Gott und verfielen dadurch der Strafe, die sie nun leiden.

84. Wenn auch in diesem zweiten Zeitraum sowohl wegen der natürlichen Beschaffenheit der Engel als kraft der göttlichen Allmacht sich alles in kürzester Frist hätte vollziehen können, so hat doch, wie ich erkannt habe, die göttliche Güte einige Zögerung gewährt, während welcher den Engeln alles gezeigt und vorgestellt wurde, das Gute und Böse, das Wahre und Falsche, das Gerechte und Ungerechte, die Gnade und Freundschaft Gottes und umgekehrt die Bosheit der Sünde und die Feindschaft Gottes, der ewige Lohn und die ewige Strafe sowie der Untergang Luzifers und seines Anhangs. Die göttliche Majestät zeigte ihnen auch die Hölle mit ihren Peinen, und die Engel sahen alles; und weil ihre rein geistige, erhabene Natur fähig ist, alle erschaffenen, endlichen Dinge so zu erkennen, wie sie in sich selber sind (d. h. in ihrer Wesenheit), so hatten sie vor dem Fall aus der Gnade eine ganz klare Anschauung von dem Ort der Strafe. Was den Lohn der Glorie betrifft, so erkannten sie denselben zwar nicht in genannter Weise, sie erkannten ihn aber auf andere Weise und hatten überdies die offenbare und ausdrückliche Verheißung desselben vom Herrn. Hiermit hatte der Allerhöchste seine Sache gerechtfertigt, und was er tat, war höchst angemessen und gerecht. Weil aber alle diese Güte und Gerechtigkeit von Seiten Gottes nicht hinreichte, den Luzifer und seine Engel zurückzuhalten, so wurden sie als Verstockte gezüchtigt und in die Tiefe des höllischen Abgrundes geschleudert. Die guten Engel aber wurden in der Gnade und Glorie auf ewig befestigt. Alles dies geschah im dritten Moment, und damit war tatsächlich erwiesen, dass kein Geschöpf, sondern nur Gott allein von Natur aus unfähig ist, zu sündigen, da selbst die Engel in ihrer erhabenen, mit so vielen Gaben der Erkenntnis und Gnade ausgerüsteten Natur zuletzt sündigten und verloren gingen. Wie wird es erst der menschlichen Schwachheit ergehen, wenn nicht die Allmacht Gottes sie beschützt und wenn der Mensch Gott gleichsam nötigt, ihn zu verlassen?

85. Es erübrigt noch, zu wissen, aus welchem Beweggrund Luzifer und seine Genossen gesündigt - denn dies ist es, was ich eigentlich zu wissen wünschte -, und wovon sie Anlass und Gelegenheit zu ihrem Ungehorsam und ihrem Fall genommen haben. In dieser Hinsicht ward ich inne, dass sie der Verschuldung nach (secundum reatum) vielerlei Sünden begehen konnten, wenn sie auch nicht alle dem Akt oder der Tat nach begingen. Jene Sünden aber, die sie mit ihrem bösen Willen tatsächlich begingen, erzeugten in ihnen den Habitus, d. i. die Neigung zu allen bösen Akten, auch zu jenen, die sie selber nicht begehen konnten. Daher kommt es, dass sie zu Sünden letzterer Art andere verleiten und sich freuen, wenn solche geschehen.

Was nun die böse innere Verfassung betrifft, in welcher sich Luzifer damals befand, so bestand diese in einer sehr ungeordneten Selbstliebe; diese aber entsprang daraus, dass Luzifer sich selber mit größeren Gaben und Schönheiten der Natur und Gnade ausgerüstet sah als die übrigen, unter ihm stehenden Engel. Bei diesem Anschauen seiner selbst hielt er sich zu lange auf, und das Wohlgefallen, das er an sich selber hatte, bewirkte, dass er in der Dankbarkeit, die er Gott als der einzigen Ursache all dessen, was er empfangen, schuldig war, träge und lässig wurde. Er schaute sich wiederum an, hatte aufs neue Wohlgefallen an seiner Schönheit und seinen Gnaden, schrieb sie sich selber zu und liebte sie als seine eigenen. Diese ungeordnete Selbstliebe bewirkte aber nicht bloß, dass er um dessentwillen, was er von einer anderen, höheren Kraft empfangen, sich selbst erhob, sondern sie trieb ihn auch an, nach anderen, fremden Gaben und Vorzügen, die er selbst nicht besaß, in heftigstem Neid zu begehren. Weil er diese aber nicht erlangen konnte, so fasste er einen tödlichen Hass und Zorn gegen Gott, der ihn aus nichts erschaffen hatte, und gegen alle seine Geschöpfe.

86. Hieraus entstanden dann Ungehorsam, Anmaßung, Ungerechtigkeit, Treulosigkeit, Gotteslästerung und selbst eine Art Abgötterei, da er die Ehrfurcht und Anbetung, welche Gott gebührt, für sich selber verlangte. Er schmähte die Größe und Heiligkeit Gottes, verlor den Glauben und die schuldige Treue, er wünschte, alle Geschöpfe zu vernichten, und schmeichelte sich vermessentlich, alles dieses und noch viel mehr ausrichten zu können. So ist sein Stolz «immer steigend (Ps 74, 23)» und andauernd, obwohl «sein Übermut größer ist als seine Macht (Jes 16, 6)»; denn in letzterer kann er nicht wachsen, hinsichtlich der Sünde aber «ruft ein Abgrund dem anderen zu (Ps 42, 8)». Der erste Engel, welcher sündigte, war, wie wir aus dem vierzehnten Kapitel des Propheten Jesaja wissen, Luzifer (Jes 14, 12), und dieser verführte die anderen, dass sie ihm folgten; darum wird er Fürst der bösen Geister genannt, nicht als wäre er dies seiner Natur nach (denn vermöge letzterer konnte er diesen Titel nicht erhalten), sondern mit Rücksicht auf die Sünde. Diejenigen aber, welche sündigten, gehörten nicht bloß einer Ordnung oder Hierarchie an, sondern aus allen Hierarchien fielen Engel ab, und zwar viele.

87. Zur Erklärung dessen, was mir über die Ehre und Auszeichnung, welche Luzifer in seinem Stolz sich anmaßte, mitgeteilt worden ist, bemerke ich folgendes. Da Gott in seinen Werken «alles nach Maß, Zahl und Gewicht ordnet (Weish 11, 21)», so beschloss er in seiner Vorsehung, den Engeln unmittelbar nach ihrer Erschaffung, bevor sie sich noch verschiedenen Zielen zuwenden konnten, dasjenige Ziel zu offenbaren, für welches er sie erschaffen und mit einer so erhabenen, ausgezeichneten Natur begabt hatte. Die Art, wie ihnen dies geoffenbart wurde, war folgende: Zuerst empfingen sie eine sehr klare Erkenntnis von der Wesenheit Gottes, wie er eins ist in seiner Wesenheit und dreifach in den Personen; zugleich erhielten sie Befehl, Gott als ihren Schöpfer und höchsten Herrn, der unendlich ist in seiner Wesenheit und in seinen Vollkommenheiten, ihre Anbetung und Huldigung zu leisten. Gehorsam unterwarfen sich alle diesem Befehl, jedoch nicht alle in gleicher Weise. Die guten Engel gehorchten aus Liebe und Gerechtigkeit, indem sie ihren Willen gerne unterwarfen, das, was ihre Erkenntniskräfte überstieg, gläubig annahmen und das Befohlene mit Freude vollzogen. Luzifer aber unterwarf sich deshalb, weil ihm das Gegenteil als unmöglich erschien. Seine Unterwerfung geschah nicht aus vollkommener Liebe; denn er teilte seinen Willen zwischen sich und der untrüglichen Wahrheit des Herrn. Dieses bewirkte, dass er das Gebot etwas schwer und lästig fand und es nicht mit voller Liebe und aus Gerechtigkeit erfüllte, wodurch er sich selbst in eine Verfassung setzte, die seinen Ungehorsam herbeiführte. Die Schlaffheit und Zurückhaltung, womit er seine ersten Akte wirkte, beraubten ihn zwar nicht der Gnade, aber seine schlimme Disposition nahm davon ihren Anfang, indem ihm eine gewisse Schwäche und Unentschiedenheit in der Tugend und im Eifer zurückblieb, und der Glanz seiner Schönheit verdunkelt wurde. Die Wirkung, welche dieser Rückfall Luzifers in ihm hervorbrachte, gleicht meines Erachtens jener Wirkung, welche eine überlegte lässliche Sünde in der Seele verursacht. Damit will ich nicht sagen, Luzifer habe damals schon lässlich oder gar schwer gesündigt. Er erfüllte ja das Gebot Gottes, nur erfüllte er es saumselig und unvollkommen, und mehr durch die Macht der Vernunft als durch die Liebe und den Gehorsam angetrieben; dies war sein erster Schritt zum Fall.

88. An zweiter Stelle offenbarte Gott den Engeln, dass er eine menschliche Natur, d. h. vernünftige Geschöpfe niederer Ordnung erschaffen wolle, damit auch sie Gott als ihren Schöpfer und als ihr ewiges Gut lieben, fürchten und ehren möchten. Er werde diese menschliche Natur durch große Gnaden auszeichnen, die zweite Person der allerheiligsten Dreifaltigkeit werde selbst die Natur annehmen und dieselbe kraft der hypostatischen Union mit der Gottheit persönlich vereinigen. Die Engel aber würden diese Person, nämlich den Gottmenschen, nicht bloß als Gott, sondern auch, sofern er Mensch sein werde, als ihr Haupt anzuerkennen und ihm Ehrfurcht und Anbetung zu leisten haben; sie sollten an Würde und Gnaden ihm nachstehen und seine Diener sein. Dabei ließ Gott die Engel erkennen, wie geziemend, wie angemessen, wie gerecht und vernünftig diese Unterwerfung sei, weil die Annahme der vorausgesehenen Verdienste des Gottmenschen ihnen die Gnade, die sie besaßen, sowie die Glorie, die sie besitzen sollten, verdient habe; auch seien sie zu seiner Verherrlichung erschaffen worden, gleichwie auch alle übrigen Kreaturen zu seiner Verherrlichung erschaffen werden sollten, weil er der König der ganzen Schöpfung sein werde. Alle Geschöpfe, welche fähig wären, Gott zu erkennen und zu genießen, sollten sein Volk und gleichsam die Glieder seines Leibes sein, um ihn als Haupt anzuerkennen und zu ehren. Dann wurde den Engeln alsbald das Gebot gegeben, den Gottmenschen als ihr Haupt anzuerkennen.

89. Die gehorsamen, heiligen Engel unterwarfen sich alle diesem Gebot und leisteten mit der ganzen Kraft ihres Willens, mit demütigem, liebeglühendem Herzen vollkommenen Gehorsam. Luzifer dagegen, von Stolz und Neid getrieben, widersetzte sich und forderte auch die Engel, die ihm folgten, auf, dasselbe zu tun. Sie taten es auch wirklich, schlossen sich ihm an und versagten dem göttlichen Gebot den Gehorsam. Dafür versprach ihnen der Fürst der Finsternis, dass er ihr Haupt sein und eine von Christus unabhängige, gesonderte Herrschaft führen werde. So konnten also Neid, Hochmut und ungeordnete Begierlichkeit in einem Engel eine solche Verblendung hervorrufen, dass er die Ursache wurde, warum unzählige Engel mit der Pest der Sünde angesteckt wurden.

90. Nun erhob sich jener große Kampf im Himmel, welchen der heilige Johannes in der geheimen Offenbarung beschreibt (Offb 12). Die gehorsamen und heiligen Engel entbrannten nämlich von Eifer, die Herrlichkeit des Allerhöchsten und die Ehre des menschgewordenen Wortes, das sie im Gesicht geschaut, zu verteidigen und baten darum den Herrn um die Erlaubnis und gleichsam um seine Genehmigung, dem Drachen entgegentreten und wider ihn streiten zu dürfen. Diese Erlaubnis ward ihnen erteilt.

Jedoch muss ich hier noch ein anderes Geheimnis erwähnen, welches gleichfalls damals vorging. Als nämlich allen Engeln der Befehl erteilt wurde, dem menschgewordenen Wort Gehorsam zu leisten, ward ihnen gleichzeitig noch ein anderes, drittes Gebot auferlegt, nämlich jene «Frau», in deren Schoß der Eingeborene des Vaters menschliches Fleisch annehmen sollte, als ihre Gebieterin anzuerkennen; diese Frau werde ihre Königin und die Herrin aller Geschöpfe sein; an Gaben der Gnade und Glorie werde sie alle Engel und Menschen übertreffen. Mit noch größerer Demut unterwarfen sich die guten Engel gehorsam diesem Gebot des Herrn und lobpriesen die Macht des Allerhöchsten und seine Geheimnisse. Luzifer aber mit seinem Anhang erhob sich bei Eröffnung dieses Geheimnisses und des Gebotes in noch größerem Stolz und Hochmut. In höchster Wut forderte er, dass die Auszeichnung, das Haupt des ganzen Menschengeschlechtes und aller Engelchöre zu sein, ihm verliehen werde und dass, falls diese Auszeichnung an die hypostatische Union geknüpft sein solle, letztere in ihm geschehe.

91. Was die Unterwerfung unter die Mutter des menschgewordenen Wortes, unsere süße Herrin, betrifft, so widersetzte sich der Drache diesem Gebot unter schauerlichen Lästerungen. In unbändigem Zorn wandte er sich gegen den Urheber so großer Wunder, und seine Genossen auffordernd, rief er: «Ungerecht sind diese Gebot. Meiner Größe geschieht Unrecht. Darum werde ich die Natur, die du, Herr, mit solcher Liebe ansiehst und mit solchen Auszeichnungen schmücken willst, verfolgen und vernichten. Zu diesem Zweck werde ich alle meine Kraft und List aufbieten. Diese Frau, die Mutter des Wortes, werde ich von der Höhe, auf die du sie zu erheben gedenkst, herunterstürzen, und dein Plan wird unter meinen Händen zunichte werden.»

92. Solch schrecklicher Hochmut reizte den Zorn des Herrn, und er sprach zu Luzifer: «Diese Frau, die du nicht ehren wolltest, wird dir den Kopf zertreten (Gen 3, 15). Sie wird dich besiegen und deine Macht vernichten. Und wenn durch deinen Stolz der Tod in die Welt kommen wird (Weish 2, 24), so wird durch die Demut dieser Frau das Leben und Heil der Sterblichen kommen. Diese werden den Lohn und die Kronen empfangen, die du mit deinem Anhang verloren hast.»

Kaum hatte der Drache den Willen und die Ratschlüsse Gottes vernommen, als er voll Zorn und Stolz antwortete und Drohungen gegen das ganze Menschengeschlecht ausstieß. Die guten Engel aber erkannten den gerechten Zorn des Allerhöchsten gegen Luzifer und die übrigen abtrünnigen Engel und kämpften gegen sie mit den Waffen des Verstandes, der Vernunft und der Wahrheit.

93. Nun geschah es, dass der Allmächtige ein anderes, höchst geheimnisvolles Wunder wirkte. Nachdem er nämlich allen Engeln das große Geheimnis der persönlichen Einigung Geistigerweise geoffenbart hatte, zeigte er ihnen die heiligste Jungfrau in einem Zeichen oder Bild, etwa solcher Gestalt, wie, um nach unserer Auffassung zu sprechen, ein Mensch imaginäre Visionen hat. Auf ähnliche Art stellte Gott den Engeln die reine menschliche Natur in einer höchst vollkommenen Frau vor, in welchem der mächtige Arm des Allerhöchsten sich wunderbarer zeigen wollte als in der Gesamtheit aller übrigen Geschöpfe. Denn in ihr legte er die Gnaden und Gaben seiner Rechten in unvergleichlich höherem Grade nieder. Dieses Zeichen, nämlich das Bild der Königin des Himmels und der Mutter des menschgewordenen Wortes, wurde allen Engeln gezeigt und geoffenbart, den guten und den bösen. Die guten waren bei diesem Anblick von Bewunderung hingerissen und stimmten Loblieder an; von jenem Zeitpunkt ab begannen sie, bewaffnet mit brennendem Eifer und mit dem unüberwindlichen Schild jenes Zeichens, die Ehre des menschgewordenen Gottes und seiner heiligsten Mutter zu verteidigen, Der Drache dagegen und seine Verbündeten fassten einen unversöhnlichen Hass und Groll gegen Christus und seine heiligste Mutter. Nun folgte alles das, was im zwölften Kapitel der geheimen Offenbarung beschrieben wird, welches ich im folgenden, so wie es mir gezeigt wurde, erklären will.

ACHTES HAUPTSTÜCK: Erklärung des 12. Kapitels der Apokalypse

Fortsetzung der vorstehenden Beschreibung durch Erklärung des zwölften Kapitels der geheimen Offenbarung.

94. Der Wortlaut des eben genannten Kapitels der geheimen Offenbarung ist folgender (Offb 12, 1 ff): «Es erschien ein großes Zeichen im Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet, den Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone mit zwölf Sternen. Und sie war gesegneten Leibes und schrie in Kindesnöten und hatte große Qual, um zu gebären. Und es erschien ein anderes Zeichen im Himmel; und siehe, ein großer, blutroter Drache mit sieben Köpfen und zehn Hörnern und auf seinen Köpfen sieben Kronen. Und sein Schwanz zog den dritten Teil der Sterne des Himmels und warf sie auf die Erde; und der Drache trat vor die Frau, due gebären sollte, um ihr Kind zu fressen, wenn sie geboren hätte. Und sie gebar ein Kind, einen Sohn, der alle Völker mit eiserner Rute regieren sollte. Und ihr Sohn ward entrückt zu Gott und zu seinem Thron. Und die Frau floh in die Wüste, wo sie einen von Gott bereiteten Ort hatte, auf dass sie dort tausendzweihundertundsechzig Tage ernährt würde. Und es erhob sich ein großer Streit im Himmel: Michael und seine Engel stritten mit dem Drachen, und der Drache stritt samt seinen Engeln; aber sie siegten nicht, und ihre Stätte ward nicht mehr gefunden im Himmel. Und es ward hinabgeworfen jener große Drache, die alte Schlange, welche genannt wird Teufel und Satan, er, der die ganze Welt verführt; hinabgeworfen ward er auf die Erde, und seine Engel wurden hinabgeworfen mit ihm, Da hörte ich eine starke Stimme im Himmel, die also sprach: Jetzt ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes und die Macht seines Gesalbten geworden; denn hinausgeworfen ist der Ankläger unserer Brüder, der sie Tag und Nacht vor unserm Gott verklagte. Und sie haben ihn überwunden durch das Blut des Lammes und durch das Wort ihres Zeugnisses und haben ihr Leben nicht geliebt bis zum Tod. Darum freuet euch, ihr Himmel, und die ihr darin wohnt! Weh aber der Erde und dem Meer; denn der Teufel ist zu euch hinabgekommen und hat großen Zorn, indem er weiß, dass er wenig Zeit hat! Und als der Drache sah, dass er auf die Erde hinabgeworfen war, verfolgte er die Frau, welche das Knäblein geboren hatte; und der Frau wurden zwei Flügel eines großen Adlers gegeben, auf dass sie in die Wüste flöge an ihren Ort, wo sie ernährt wird, eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit, weg vom Angesicht der Schlange. Und die Schlange schoss aus ihrem Munde der Frau Wasser nach wie einen Strom, damit sie dieselbe durch den Strom wegschwemmte; aber die Erde half der Frau; denn die Erde tat ihren Mund auf und verschlang den Strom, den der Drache aus seinem Munde schoss. Da ward der Drache zornig über die Frau und ging hin, Krieg anzufangen mit den übrigen von ihrem Samen, die Gottes Gebote halten und das Zeugnis Jesu Christi haben. Und er stellte sich auf den Sand des Meeres.»

95, Soweit die Worte des Evangelisten. Derselbe spricht in der vergangenen Zeit, weil ihm in seinem Gesichte etwas gezeigt wurde, was bereits geschehen war. Er sagt: «Es erschien ein großes Zeichen im Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet, den Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupte eine Krone mit zwölf Sternen.» Dieses Zeichen war wirklich im Himmel erschienen, und zwar durch den Willen Gottes, welcher es den guten und bösen Engeln erkennbar vor Augen stellte, damit sie bei dessen Anblick ihren Willen dahin entschieden, den Geboten seines Wohlgefallens zu gehorchen. Sie sahen es also, bevor sich die guten Engel für das Gute und die bösen für die Sünde entschlossen hatten. Dieses Zeichen deutete an, wie wunderbar sich Gott erzeigen würde in Erschaffung der menschlichen Natur. Denn wiewohl Gott den Engeln schon durch Offenbarung des Geheimnisses der hypostatischen Einigung Kenntnis von der menschlichen Natur gegeben hatte, so wollte er dieselbe doch noch auf andere Weise, in einem bloßen Geschöpf offenbaren, nämlich in der vollkommensten und heiligsten Kreatur, die er nächst Christus unserm Herrn erschaffen wollte. Auch war es ein Zeichen, durch welches die guten Engel die Versicherung erhalten sollten, dass, wenn auch Gott durch den Ungehorsam der bösen beleidigt würde, er dennoch seinen Ratschluss, die Menschen zu erschaffen, nicht unausgeführt lasse, weil das menschgewordene Wort und jene Frau, seine Mutter, ihm unendlich mehr Wohlgefallen verursachen würden, als die 86

ungehorsamen Engel ihm Missfallen bereiten könnten. Ferner war genanntes Zeichen gleichsam ein Bogen am Himmel, nach dessen Vorbild jener gebildet war, der später nach der Sündflut in den Wolken (Gen 9, 13) erschien, welcher die Versicherung gab, dass, wenn auch die Menschen sündigten und ungehorsam sein sollten gleich den Engeln, sie dessen ungeachtet nicht in der Weise bestraft würden wie diese, nämlich ohne Verzeihung, sondern dass ihnen durch Vermittlung jenes wunderbaren Zeichens eine heilbringende Arznei geboten werde. Es war, als spreche Gott zu den Engeln: Jene Geschöpfe, die ich noch ins Dasein rufen werde, will ich nicht in gleicher Weise strafen, und zwar deshalb, weil von der menschlichen Natur diese Frau abstammen wird, in dessen Schoß mein Eingeborner Fleisch annehmen soll. Dieser wird ihnen meine Freundschaft wieder erwerben, meine Gerechtigkeit versöhnen und den Weg zur Seligkeit, den die Sünde verschließen wird, wieder eröffnen.

96. Zum Zeugnis hierfür zeigte sich der Allerhöchste, nachdem die ungehorsamen Engel ihre Strafe empfangen hatten, den guten Engeln angesichts dieses Zeichens gleichsam besänftigt und von dem Zorn, den ihm der Stolz Luzifers verursacht hatte, wieder begütigt. Menschlich aufgefasst, war er durch die Vergegenwärtigung der Himmelskönigin, die in jenem Bild vorgestellt war, hoch erfreut. Auch gab er den heiligen Engeln zu erkennen, dass er die Gnaden und Gaben, welche die abtrünnigen Engel durch ihre Empörung verloren hatten, durch die Vermittlung Christi und seiner Mutter in die Menschen niederlegen werde, Noch eine andere Wirkung brachte jenes große Zeichen in den guten Engeln hervor, Da sie nämlich infolge des Kampfes und Streites mit Luzifer, menschlich angesehen, wie betrübt und traurig und fast verwirrt waren, so wollte der Allerhöchste, dass sie durch den Anblick jenes Zeichens erfreut und dass ihre wesentliche Seligkeit durch diese akzidentelle oder unwesentliche Freude, welche sie durch ihren Sieg über Luzifer so wohl verdient hatten, vermehrt würde. Gott wollte, dass sie beim Anblick jenes Gnadenzepters, das ihnen zum Zeichen des Friedens gezeigt ward (Est 4, 11), alsbald erkennen würden, wie auf sie, die dem Willen und Befehle Gottes Gehorsam geleistet hatten, das Gesetz der Strafe keine Anwendung finde. Überdies erfuhren die heiligen Engel in jener Vision viele Geheimnisse und Sakramente in Bezug auf die Menschwerdung, auf die streitende Kirche und auf deren Glieder. Sie erkannten, dass sie dem Menschengeschlechte Beistand und Hilfe leisten müssten, indem sie die einzelnen Menschen beschützten, vor ihren Feinden verteidigten und zur ewigen Seligkeit geleiteten. Sie erkannten ferner, dass sie ihre eigene Seligkeit um der Verdienste des menschgewordenen Wortes willen erhalten würden und dass Gottes Majestät sie um des im göttlichen Geist vorausgesehenen Erlösers willen vor dem Fall bewahrt habe.

97. Gleichwie alles dieses den guten Engeln zu unbeschreiblicher Freude und Seligkeit gereichte, so gereichte es den bösen zu unsäglicher Qual; es war gleichsam der Anfang und ein Teil ihrer Strafe, die, wie sie wohl sahen, in Bälde über sie kommen würde, und zwar deshalb, weil sie sich dieses Zeichen nicht zunutze gemacht hatten. Auch erkannten sie, dass jene Frau sie besiegen und ihnen den Kopf zertreten werde (Gen 3, 15),

Alle diese und viele andere Geheimnisse, die ich nicht zu erklären vermag, hat der Evangelist in diesem Kapitel, und besonders im «großen Zeichen» eingeschlossen, wiewohl sein Bericht dunkel und rätselhaft sein wird bis zur bestimmten Zeit.

98, Die Sonne, mit welcher die Frau nach dem Zeugnis des Evangelisten bekleidet war, ist die wahre Sonne der Gerechtigkeit. Der Allerhöchste wollte nämlich den Engeln kundtun, es sei sein wirksamer Wille und Ratschluss, allezeit mit seiner Gnade dieser Frau beizustehen, es zu beschützen und mit seinem allmächtigen Arme zu verteidigen. Unter den Füßen hatte sie den Mond. Indem nämlich die genannten beiden Himmelskörper Tag und Nacht voneinander scheiden, bedeutet der Mond die Nacht der Schuld, welche zu ihren Füßen bleiben sollte, die Sonne aber zeigt den Tag der Gnade an, mit welcher dieses Weib ganz und gar bekleidet sein sollte, immer und ewig. Durch diesen ihr zu Füßen liegenden Mond ist ferner vorgestellt, dass hinsichtlich der Gnade alles Mangelhafte, wie es bei allen übrigen Sterblichen anzutreffen ist, zu den Füßen dieses Wesens bleiben werde; ihr Leib und ihre Seele sollten nie davon berührt werden, sondern in steter Vollendung sein über allen Engeln und Menschen. Sie allein sollte frei sein von der Finsternis Luzifers und von der Schuld Adams; stets sollte sie dieselben zu ihren Füßen haben, ohne dass sie etwas wider sie vermöchten, Schuld und Wirksamkeit der Erbsünde als auch der wirklichen (persönlichen) Sünde legt der Herr wie überwunden zu ihren Füßen, und zwar in Gegenwart aller Engel, damit die guten sie erkennen, die bösen aber, wiewohl sie nicht in alle Geheimnisse der Vision einzudringen vermochten, diese «Frau» fürchteten, bevor sie noch erschaffen wäre.

99. Unter der Krone von zwölf Sternen ist offenbar die Fülle der Tugenden zu verstehen, welche diese Königin Himmels und der Erde krönen sollten. Die Zwölfzahl bezeichnet geheimnisvollerweise die zwölf Stämme Israels, worunter die Gesamtheit aller Auserwählten, zum ewigen Leben Vorherbestimmten, gemeint ist, wie der Evangelist im siebten Hauptstück der geheimen Offenbarung andeutet. Und weil alle Gaben, Gnaden und Tugenden aller Auserwählten ihre Königin in höherem Grade, in eminenter Weise krönen sollten, darum wird ihr die Krone von zwölf Sternen auf das Haupt gesetzt.

100, «Sie war gesegneten Leibes.» Damit war allen Engeln, den guten zur Freude, den bösen aber, welche dem göttlichen Willen und diesen Geheimnissen widerstanden hatten, zur Qual, kundgetan, dass die ganze heiligste Dreifaltigkeit diese wunderbare Frau auserwählt hatte zur Mutter des Eingebornen vom Vater. Und weil diese ihre Würde als Mutter des Wortes der Gipfel, der Ausgang und das Fundament aller Auszeichnungen dieser großen Herrin und dieses «Zeichens» ist, darum wird sie den Engeln vorgestellt als Wohnstätte der ganzen heiligsten Dreifaltigkeit, vermöge der göttlichen Natur in der Person des menschgewordenen Wortes. Denn wegen der untrennbaren Einheit und des unauflöslichen gegenseitigen Innewohnens der drei göttlichen Personen müssen notwendig, wo eine ist, alle drei sein; wiewohl übrigens nur die Person des Wortes es war, welche menschliches Fleisch annahm und die Frucht des Leibes Mariä wurde,

101. «Sie schrie in Kindesnöten.» Im Anfang musste die Würde dieser Königin und das Geheimnis ihrer Mutterschaft verborgen sein, damit Gott arm, verdemütigt und ungekannt geboren werde; später aber verbreitete diese Geburt einen so lauten Schall, dass sein erstes Ertönen den König Herodes erschreckte (Mt 2, 3) und außer Fassung brachte, die Weisen aber zu dem Entschluss drängte, Heimat und Vaterland zu verlassen, um den Neugebornen zu suchen (Mt 2, 2). Die Herzen der einen wurden verwirrt, die der anderen in inniger Liebe bewegt. Und mit ihrem Wachstum gab die Frucht dieser Geburt bis zu ihrer Erhöhung am Kreuze (Joh 12, 32) einen so lauten Schall von sich, dass er vom Aufgang bis zum Niedergang, von Mitternacht bis Mittag (Röm 10, 18) gehört wurde. So weit hörte man die Stimme dieser Frau, welche das Wort des ewigen Vaters geboren hat.

102. «Sie hatte große Qual, um zu gebären.» Dies ist nicht etwa deshalb gesagt, als ob sie in Schmerzen zu gebären gehabt hätte - bei dieser göttlichen Geburt konnte hiervon keine Rede sein -, sondern deshalb, weil es für diese Mutter ein bitterer Schmerz und eine große Qual war, zu wissen, dass jener kleine, mit der Gottheit vereinigte Leib das Heiligtum ihres jungfräulichen Schoßes verlassen sollte, um in menschlicher Natur dem Vater für die Sünden der Welt durch Leiden genugzutun und zu bezahlen, was er nicht verschuldete (Ps 69, 5); denn alles das sollte diese Königin wissen, und sie hat es gewusst durch ihre Kenntnis der Heiligen Schrift. In der natürlichen Liebe, welche eine solche Mutter zu solchem Sohn tragen sollte, musste sie natürlicherweise auch den Schmerz fühlen, wenngleich in Übereinstimmung mit dem Willen des ewigen Vaters. Ferner sind mit dem Ausdruck «Qual» auch jene Schmerzen angedeutet, welche die liebevollste Mutter zu leiden hatte, wenn sie der Zeiten gedachte, da sie der Gegenwart ihres geliebtesten Sohnes, den sie jetzt noch unter ihrem Herzen trug, entbehren sollte; denn blieb auch ihre Seele mit seiner Gottheit stets vereinigt, so sollte sie doch der leiblichen Gegenwart ihres eingebornen Sohnes gar lange Zeit beraubt sein. Hatte ja der Allerhöchste beschlossen, sie zwar von der Schuld auszunehmen, nicht aber von den Mühsalen und Schmerzen, welche der Größe der ihr bereiteten Belohnung entsprachen. So waren denn die Schmerzen dieser Geburt nicht, wie bei den Töchtern Evas (Gen 3, 16), Wirkungen der Sünde, sondern Wirkungen der inbrünstigen und vollkommenen Liebe, welche diese göttliche Mutter zu ihrem einzigen, allerheiligsten Sohn trug, Alle diese Geheimnisse waren für die heiligen Engel Anlass zum Lob und zur Bewunderung, für die bösen aber der Anfang ihrer Strafe.

103, «Und es erschien ein anderes Zeichen im Himmel: und siehe, ein großer blutroter Drache mit sieben Köpfen und zehn Hörnern und auf seinen Köpfen sieben Kronen. Und sein Schwanz zog den dritten Teil der Sterne des Himmels und warf sie auf die Erde.» Nachdem all das bisher Gesagte geschehen war, folgte die Bestrafung Luzifers und seines Anhanges. Wie er nämlich seine Lästerung gegen die im «Zeichen» vorgestellte Frau ausgestoßen hatte, ward er alsbald aus einem überaus schönen Engel in einen fürchterlichen, über die Maßen hässlichen Drachen umgewandelt, und zwar in der Weise, dass er in äußerer Gestalt als ein wahrnehmbares «Zeichen» erschien. Nun erhob er mit Wut sieben Köpfe, d. h. sieben Legionen oder Heerscharen, in welche sein ganzer mit ihm gefallener Anhang sich abteilte. Einer jeden Abteilung oder Rotte gab er ihr Haupt und befahl ihnen, dass sie sündigen und es sich zur Aufgabe machen, zu den sieben Hauptsünden anzureizen und zu verführen. Hauptsünden werden nämlich diese Sünden genannt, weil sie die übrigen Sünden in sich schließen und gleichsam die Häupter jener Banden bilden, welche sich gegen Gott erheben. Es sind folgende: Hoffart, Neid, Geiz, Zorn, Unkeuschheit, Unmäßigkeit und Trägheit. Sie waren die sieben Kronen, welche dem Luzifer nach seiner Verwandlung in einen Drachen aufgesetzt wurden, als Strafe, die der Allerhöchste ihm zuerkannte, und als Vergeltung, die er durch seine schreckliche Bosheit sich und seinen verbündeten Engeln zugezogen hatte. Denn alle wurden dergestalt gestraft, dass ihre Strafe zugleich ein Merkmal und ein Kennzeichen war, welches ihre Bosheit und die Art und Weise andeutete, wie sie Urheber der sieben Hauptsünden waren.

104. Die zehn Hörner auf den Köpfen sind die Triumphe der Ungerechtigkeit und Bosheit des Drachen und bedeuten die Ruhmsucht und anmassende, stolze Selbsterhebung, in welcher er die Ausübung der Laster sich selber zuschreibt. In diesen bösen Gesinnungen bot er, um das Ziel seiner Anmaßung zu erreichen, den unglücklichen Engeln seine böse, vergiftete Freundschaft an und stellte ihnen erlogene Fürstentümer, Herrschaften und Belohnungen in Aussicht. Diese Versprechungen voll dreister Unwissenheit und Täuschung waren der «Schwanz», mit welchem der Drache den dritten Teil der Sterne vom Himmel herabzog; denn die Engel waren Sterne, und wenn sie im Guten verharrt wären, würden sie mit den übrigen Engeln und Gerechten wie die Sonne leuchten immer und ewig (Dan 12, 3), Allein zu ihrem Unglück und zur wohlverdienten Strafe wurden sie auf die Erde, ja bis in den Mittelpunkt der Erde, d. i. in die Hölle hinabgeschleudert (Judas 5, 6), wo sie des Lichtes und der Freude in alle Ewigkeit entbehren werden.

105. «Und der Drache trat vor die Frau, das gebären sollte, um ihr Kind zu fressen, wenn sie geboren hätte.» Der Stolz Luzifers war so maßlos, dass er seinen Thron in der Höhe aufzuschlagen sich anmaßte (Jes 14,13.14) und in höchstem Hochmut in Gegenwart der im Zeichen vorgestellten Frau ausrief: «Der Sohn, den diese Frau gebären soll, ist einer geringeren Natur als die meinige. Ich werde ihn verschlingen und zugrunde richten. Ich werde meinen Anhang gegen ihn führen. Ich werde Lehren säen, die seinen Gedanken und den Gesetzen, die er auferlegen wird, widersprechen. Ich werde einen ewigen Krieg gegen ihn führen und Feindschaft mit ihm haben.»

Die Antwort des Allerhöchsten aber lautete, dass jene Frau ein Kind, einen Sohn gebären werde, «welcher alle Völker mit eiserner Rute regieren sollte». «Und dieser Sohn», so fügte der Herr bei, «wird nicht bloß Sohn dieser Frau, sondern auch mein Sohn sein, wahrer Mensch, aber auch zugleich wahrer Gott, der Starke, welcher deinen Hochmut besiegen und deinen Kopf zertreten wird. Er wird für dich und alle, die dir Gehör schenken und Folge leisten, ein mächtiger Richter sein. Mit eiserner Rute wird er über dich herrschen (Ps 2, 9) und alle deine stolzen, eitlen Pläne zunichte machen. Dieser Sohn wird zu meinem Thron entrückt werden; dort wird er sich zu meiner Rechten setzen, um zu richten, und ich werde seine Feinde zum Schemel seiner Füße legen, damit er über sie triumphiere (Ps 110,1.2). Er wird belohnt werden als «gerechter Mensch», der, obwohl Gott, so viel für seine Geschöpfe gewirkt hat. Alle werden ihn erkennen und ihm Ehre und Ruhm darbringen (Offb 5, 13 ); du aber, als der Unglückseligste, wirst erfahren, was der Tag des Zornes des Allmächtigen sein wird (Zef 1, 14.15). Und diese Frau wird in die Einsamkeit versetzt werden, wo sie einen von mir bereiteten Ort haben wird.» Diese Einsamkeit, in welche die Frau floh, bedeutet die höchste Heiligkeit und vollkommene Freiheit von jeglicher Sünde, in welcher unsere große Königin einzig und allein dastand, indem sie, obwohl eine Frau und von derselben Natur wie die übrigen Sterblichen, dennoch alle Engel an Gnade, an Gaben und an Verdiensten, die sie mit jenen erwarb, übertroffen hat (Spr 31, 29). So entfloh sie in eine «Einsamkeit», indem sie unter allen bloßen Geschöpfen «die Einzige (Hld 6, 8)» ist und unter allen ihresgleichen nicht hat. Diese Einsamkeit war so fern von jeder Sünde, dass der Drache sie mit seinen Blicken nicht mehr erreichen und von dem Augenblick ihrer Empfängnis an sie nicht einmal von ferne sehen konnte. So hat der Allerhöchste sie als «Einzige» in die Welt versetzt, indem sie allein weder in Gemeinschaft mit der Schlange noch in Unterordnung unter ihr stand. Vielmehr hat der Allerhöchste die Versicherung gegeben und gleichsam mit feierlicher Beteuerung den Ratschluss ausgesprochen: «Diese Frau soll von dem Augenblick ihres Daseins an meine Auserwählte sein und allein mir angehören, Schon jetzt nehme ich sie aus von der Gewalt ihrer Feinde und bezeichne ihr einen Ort, an Gnade höchst erhaben und einzig, auf dass sie dort tausendzweihundertundsechzig Tage ernähret werde.» So viele Tage hindurch sollte nämlich die Königin des Himmels in einem ungemein erhabenen, durch außergewöhnliche innere geistige Gaben und durch außerordentlich wunderbare und denkwürdige Gnaden ausgezeichneten Zustand leben. Dies geschah in den letzten Jahren ihres Lebens, wie ich an seiner Stelle mit der Gnade Gottes sagen werde. In jenem Zustand wurde sie auf so himmlische Weise «ernährt», dass unser Verstand viel zu beschränkt ist, um solches zu fassen. Weil aber diese Gaben gleichsam der Zweck und das Ziel waren, worauf alle übrigen Gaben, welche die Himmelskönigin in ihrem Leben empfing, gerichtet waren, darum hat der Evangelist die eigens erwähnt.

NEUNTES HAUPTSTÜCK: Fortsetzung davon

Fortsetzung und weitere Erklärung des zwölften Kapitels der geheimen Offenbarung.

106. «Und es erhob sich ein großer Streit im Himmel: Michael und seine Engel stritten mit dem Drachen, und der Drache stritt samt seinen Engeln.» Nachdem der Herr den guten und bösen Engeln die genannten Geheimnisse geoffenbart hatte, begann der heilige Himmelsfürst Michael und seine Gefährten mit der Zustimmung Gottes gegen den Drachen und seinen Anhang zu streiten. Dieser Streit war aber wunderbar, weil er nur mit Waffen des Verstandes und Willens geführt wurde. Entflammt von dem Eifer für Gottes Ehre, der in seinem Herzen brannte, ausgerüstet mit der Kraft Gottes und bewaffnet mit seiner eigenen Demut, widerstand der heilige Michael dem stolzen Übermut des Drachen, indem er sprach: «Würdig ist der Allerhöchste der Ehre, des Lobes und der Verherrlichung, würdig ist er, zu empfangen Liebe, Ehrfurcht und Gehorsam von allen Geschöpfen. Er ist mächtig, alles zu tun, was sein Wille verlangt, und nichts kann er verlangen, was nicht höchst gerecht wäre. Er, der da unerschaffen ist und von keinem Wesen abhängt, hat aus Gnade uns gegeben, was wir besitzen, indem er aus nichts uns erschaffen und gebildet hat. Er kann auch andere Kreaturen schaffen, wann und wie es sein Wohlgefallen ist. Darum ist es gerecht, dass wir, in Demut vor ihm niederfallend, Seine Majestät und königliche Hoheit anbeten. Kommet also, ihr Engel, folgt mir nach! Lasst uns ihn anbeten und lobpreisen seine wunderbaren, geheimen Gerichte, seine vollkommensten, heiligsten Werke! Er ist Gott, der Allerhöchste, erhaben über alle Kreatur; und er wäre dies nicht, wenn wir seine Großtaten zu erfassen und zu begreifen vermöchten, Unendlich ist er an Weisheit und Güte, reich in seinen Schätzen und Gaben. Als der Herr aller Dinge, der niemand bedarf, kann er seine Schätze mitteilen, wem er will, und in seiner Wahl kann er nicht irren. Er kann lieben und sich mitteilen nach seinem höchsten Wohlgefallen. Er kann lieben, wen er will; er kann erschaffen, erhöhen und bereichern, wer ihm gefällt, und immer wird er weise, heilig und mächtig sein. Lasst uns ihn anbeten und ihm Dank sagen für das wunderbare Werk, das er beschlossen, für die Menschwerdung, für die Auszeichnung seines Volkes und für dessen Wiederherstellung, wenn es fallen sollte! Und jene Person in zwei Naturen, der göttlichen und menschlichen, wollen wir anbeten, ehren und als unser Haupt ansehen. Wir wollen bekennen, dass sie würdig ist aller Ehre, Lobpreisung und Verherrlichung, und als dem Urheber der Gnade und Glorie wollen wir ihr geben Macht und Gottheit (Offb 5, 12).»

107. Dies waren die Waffen, mit denen der heilige Michael und seine Engel stritten und mit denen sie wie mit mächtigen Blitzstrahlen gegen den Drachen und seinen Anhang kämpften; diese hingegen erwiderten mit Lästerungen. Doch dem Anblick des heiligen Himmelsfürsten vermochte der Drache nicht zu widerstehen; er verging vor Wut und wollte in seiner Qual fliehen. Allein der Wille Gottes befahl, dass er nicht bloß gestraft, sondern auch besiegt werde und dass er die Wahrheit und Kraft Gottes erfahre, möge er wollen oder nicht. Aber trotzdem lästerte er und sprach: «Gott ist ungerecht, wenn er die menschliche Natur über die englische erhebt; ich bin der höchste und schönste Engel, und mir gebührt der Triumph. Ich werde meinen Thron über die Sterne setzen, dem Allerhöchsten will ich gleich sein (Jes 14,13.14). Niemandem werde ich mich unterwerfen, der von geringerer Natur ist, und ich werde nicht zugeben, dass einer mir vorgehe oder größer sei als ich.» Dasselbe wiederholten die abtrünnigen Genossen Luzifers. Der heilige Michael aber erwiderte: «Wer ist, der sich vergleichen oder ähnlich halten könnte dem Herrn, der in den Himmeln wohnt (Ps 2, 4) ? Schweige, du Feind, mit deinen Lästerungen! Die Ungerechtigkeit hat dich in Besitz genommen, darum weg mit dir aus unserer Gesellschaft, du Unseliger! Fahre hin mit deiner blinden Unwissenheit und Bosheit in die finstere Nacht und Verwirrung der höllischen Peinen! Wir aber, ihr Geister des Herrn, wir wollen uns niederwerfen vor dieser gebenedeiten Frau, welches dem ewigen Worte menschliches Fleisch geben soll; wir wollen ihr Ehrfurcht bezeigen und sie als unsere Königin und Gebieterin anerkennen !»

108. Jenes «große Zeichen» der Königin war für die guten Engel in diesem Kampfe gleichsam ein Schild und eine Angriffswaffe gegen die bösen; denn ihm gegenüber hatten die Streitgründe Luzifers keine Kraft; er wurde verwirrt und sprachlos und konnte die in diesem Zeichen dargestellten Geheimnisse und Sakramente nicht ertragen. Und gleich wie jenes geheimnisvolle Zeichen durch göttliche Kraft erschienen war, so erschien nun nach dem Willen des Allerhöchsten das andere Zeichen, die Gestalt des roten Drachen, damit er in dieser Gestalt mit Schande vom Himmel herabgeschleudert werde, zum furchtbarsten Entsetzen seiner Genossen wie zur Verwunderung der heiligen Engel; denn letztere beiden Wirkungen brachten diese neue Offenbarung der Macht und Gerechtigkeit Gottes hervor.

109. Es ist schwer, dasjenige, was in diesem merkwürdigen Streit vorfiel, in Worte zu fassen; denn es ist ein allzu großer Abstand zwischen dem kurzen menschlichen Verstand und der Natur und den Tätigkeiten so zahlreicher und erhabener englischer Geister. «Die Bösen aber wurden nicht Herr»; denn Ungerechtigkeit, Lüge, Unwissenheit und Bosheit können die Gerechtigkeit, Wahrheit, Weisheit und Güte nicht überwältigen, noch können diese Tugenden von den Lastern überwunden werden. Darum ist gesagt, dass von nun an «ihre Stätte nicht mehr gefunden ward im Himmel». Diese undankbaren Engel machten sich durch ihre Sünden der ewigen Anschauung und Gesellschaft des Herrn unwürdig; ihr Andenken wurde aus seinem Geist, in welchem sie kraft der ihnen verliehenen Gnadengaben gleichsam eingeschrieben waren, ausgelöscht. Sie verloren das Recht auf die Sitze, die ihnen für den Fall des Gehorsams bereitet waren, und so ging dieses Recht auf die Menschen über, denen sie nun vorbehalten wurden. Von den abtrünnigen Engeln aber wurde jede Spur so vollständig vertilgt, dass solche niemals mehr im Himmel gefunden wird, o unglückselige Bosheit, o niemals zu beschreibende Unseligkeit, die eine so schreckliche und furchtbare Züchtigung verdiente! Der Evangelist sagt weiter:

110. «Und es ward hinabgeworfen jener große Drache, die alte Schlange, welche genannt wird Teufel und Satan, er, der die ganze Welt verführt; hinabgeworfen ward er auf die Erde, und seine Engel wurden hinabgeworfen mit ihm.» Der heilige Fürst Michael schleuderte den in einen Drachen verwandelten Luzifer vom Himmel herab mit jenem unüberwindlichen Wort: «Wer ist wie Gott?» Dieses Wort war so wirksam, dass es den stolzen Riesen mit allen seinen Scharen niederzuschmettern und ihn mit furchtbarer Beschämung in den tiefsten Abgrund der Erde hinabzuschleudern vermochte. Nun bekam dieser zu seinem Unglück und zur Strafe neue Namen wie Drache, Schlange, Teufel, Satan - Namen, welche ihm der heilige Erzengel in dem Streite gegeben hatte und welche insgesamt seine Ungerechtigkeit und Tücke ausdrücken. Wie er durch seine Bosheit sein Glück und seine Ehre verwirkt und verloren hatte, so ward er auch seiner Ehrentitel beraubt und erhielt dafür Namen, die zu seiner Schande gereichen. Übrigens ist schon der böse Plan, den er seinen Verbündeten vorlegte, mehr als hinreichend, seine Arglist zu bekunden. So ward denn also nach den Worten des Propheten Jesaja (Jes 14, 15 ff) derjenige, der die Völker schlug, hinabgezogen in die Hölle, in die tiefste Grube, und sein Leichnam ward übergeben den Motten und dem Wurme seines bösen Gewissens; kurz, alles, was der Prophet an jener Stelle sagt, ward an Luzifer vollzogen.

111. Nachdem der Himmel von den bösen Engeln geräumt und für die guten und gehorsamen Engel der Vorhang der Gottheit gefallen war und während die letzteren triumphierend in die Glorie eingingen, die aufrührerischen aber zu gleicher Zeit bestraft wurden, erfolgte, was der Evangelist in den folgenden Worten beschreibt: «Da hörte ich eine starke Stimme im Himmel, die also sprach: Jetzt ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes und die Macht seines Gesalbten geworden; denn hinausgeworfen ist der Ankläger unserer Brüder, der sie verklagte Tag und Nacht vor unserm Gott.» Diese vom Evangelisten vernommene Stimme kam von der Person des ewigen Wortes, und sie wurde gehört und verstanden von allen heiligen Engeln; ihr Widerhall drang bis in die Hölle, wo sie Zittern und Beben unter den bösen Geistern hervorrief, wiewohl diese nicht alle Geheimnisse verstanden, sondern nur so viel, als der Herr zu ihrer Pein und Strafe ihnen offenbaren wollte. Es war eine Stimme des Sohnes im Namen der Menschheit, die er annehmen wollte, und er bat den ewigen Vater, dass das Heil, die Kraft, das Reich seiner Majestät und die Macht seines Gesalbten sich offenbaren möchte, weil der Ankläger der Brüder Christi unseres Herrn, d. i. der Menschen, hinausgeworfen sei. Es war dies gleichsam eine Bitte vor dem Throne der allerheiligsten Dreifaltigkeit, dass das Heil und die Kraft geschehe und dass die Geheimnisse der Menschwerdung und Erlösung bestätigt und ausgeführt werden, gegenüber dem Neid und der Wut Luzifers, welcher voll Grimm gegen die menschliche Natur, mit der das Wort sich bekleiden sollte, vom Himmel herabgekommen war. Darum hat das Wort mit höchster Liebe und zärtlichem Mitleiden die Menschen «Brüder» genannt und gesagt, dass Luzifer sie «verklagte Tag und Nacht». Denn dieser verklagte sie vor Gott und der ganzen heiligsten Dreifaltigkeit bei «Tage», d. i., da er noch die Gnade besaß, indem er in seinem Stolze schon damals uns zu verachten begann; seither aber, in der «Nacht» seiner Finsternisse und unseres Falles, klagt er uns noch weit mehr an, und niemals wird er dieses Anklagen und seine Verfolgung aufgeben, solange die Welt stehen wird. Die Werke und Geheimnisse der Menschwerdung und des Todes Christi werden «Heil, Kraft, Reich» genannt, weil die Kraft und Macht des ewigen Wortes gegen Luzifer sich besonders in den Werken der Menschwerdung entfaltet und geoffenbart haben.

112. Es war dies das erste Mal, dass das Wort im Namen der Menschheit vor dem Thron der Gottheit für die Menschen Fürbitte einlegte. Der ewige Vater aber beratschlagte, um nach menschlicher Auffassungsweise zu sprechen, über diese Bitte mit den Personen der heiligsten Dreifaltigkeit; und indem er den Beschluss der göttlichen Beratung über diese Geheimnisse den heiligen Engeln teilweise offenbarte, sprach er: «Luzifer hat die Fahne der Hoffart und der Sünde erhoben; mit aller Bosheit und Wut wird er das Menschengeschlecht verfolgen und viele durch List verführen, indem er sich zum Untergang der Menschen dieser selber bedienen wird. In der Blindheit der Sünden und Laster werden sie zu verschiedenen Zeiten in unheilvoller Unwissenheit gegen mich sündigen; allein Stolz und Lüge und jegliche Sünde und jedwedes Laster ist unendlich weit entfernt von unserer Natur und unserem Willen. Darum wollen wir der Tugend und Heiligkeit zum Triumph verhelfen! Zu diesem Zweck soll die zweite Person Mensch werden, und zwar leidensfähiger Mensch. Er soll die Demut, den Gehorsam und alle Tugenden lehren und in Aufnahme bringen. Er soll den Sterblichen das Heil wirken. Er soll, obwohl wahrer Gott, sich verdemütigen und der Geringste sein. Er soll der «gerechte Mensch» sein, Vorbild und Lehrmeister jeglicher Heiligkeit. Er soll sterben für das Heil seiner Brüder! Die Tugend allein soll vor unserem Richterstuhl Anerkennung finden; sie soll stets über die Laster siegen. Wir wollen die Demütigen erhöhen und die Stolzen erniedrigen (Mt 23, 12; Lk 14, 11 und 18 14), Die Leiden und deren Erduldung sollen glorwürdig sein nach unserem Wohlgefallen. Wir beschließen, den Bedrängten und Betrübten beizustehen. Wir wollen, dass unsere Freunde geprüft und bedrängt werden und auf diesem Weg zu unserer Gnade und Freundschaft gelangen und dass sie nach Kräften ihr Heil wirken durch Übung der Tugend. Selig seien die Weinenden (Mt 5, 3 ff); glücklich die Armen und jene, welche leiden um der Gerechtigkeit und um Christi, ihres Hauptes, willen. Erhöht sollen werden die Kleinen und verherrlicht die Sanftmütigen von Herzen. Gleichsam als unsere Kinder sollen geliebt sein die Friedfertigen, Unsere Lieblinge sollen jene sein, welche Unbilden ertragen und verzeihen und ihre Feinde lieben. Allen diesen wollen wir in Überfülle Früchte an Segnungen unserer Gnade und reichliche Belohnungen an unsterblicher Herrlichkeit im Himmel zuweisen. Unser Eingeborener wird diese Lehre ins Werk setzen, und diejenigen, die ihm nachfolgen, werden unsere Auserwählten sein, die wir bereichern, erquicken und belohnen; ihre guten Werke werden in unserem Geist erzeugt werden als der ersten Ursache der Tugend. Wir wollen erlauben, dass die Bösen die Guten unterdrücken und ihnen zur Krone verhelfen, während sie sich selber die Strafe verdienen, Es möge Ärgernisse geben für die Guten; allein unselig seien jene, welche Ärgernis verursachen (Mt 18, 7), selig dagegen, welche es leiden, Die Aufgeblasenen und Stolzen mögen die Demütigen bedrängen und beschimpfen, die Großen und Mächtigen mögen die Kleinen und Hilflosen unterdrücken. Diese aber sollen segnen anstatt fluchen (1 Kor 4,12 ff); solange sie auf Erden pilgern, sollen sie verstoßen sein von den Menschen, nachher aber sollen sie unseren Kindern, den englischen Geistern, beigesellt werden und jene Sitze und Belohnungen einnehmen, welche die Unseligen und Verworfenen verloren haben. Die Unbeugsamen und Stolzen wollen zum ewigen Tod verdammt werden, wo sie ihr törichtes Vorgehen und ihren Trotz einsehen werden.»

113. «Damit aber alle ein wahrhaftes Vorbild und überfließende Gnade haben - wenn sie sich dieser teilhaftig machen wollen -, soll unser Sohn vom Himmel herabsteigen, als leidensfähiger Mensch und als Erlöser. Er soll die Menschen, welche Luzifer aus ihrem glücklichen Zustand stürzen wird, durch seine unendlichen Verdienste erlösen und erhöhen. Schon jetzt soll das Heil gewirkt werden in unserem Willen und Ratschluss, dass ein Erlöser und Lehrmeister künftig erscheine. Dieser soll verdienen und unterweisen, indem er arm geboren wird, arm lebt (Mt 8, 20), verachtet stirbt und von den Menschen zum schmählichsten und schimpflichsten Tode verurteilt wird (Weish 2, 20). Er werde wie ein Sünder und Verbrecher bestraft (Jes 53, 12) und leiste unserer Gerechtigkeit Genugtuung für die Beleidigung, welche die Sünde uns zufügt (1 Joh 2, 2). Um seiner vorausgesehenen Verdienste willen wollen wir unsere Barmherzigkeit und Güte walten lassen. Alle sollen erkennen, dass der Demütige, der Friedfertige, derjenige, der Tugend übt, geduldig leidet und Unbilden verzeiht, ein Nachfolger Christi unseres Gesalbten und unser Kind sein wird (Mt 5, 45) und dass niemand in unser Reich eingehen kann, der nicht zuvor sich selbst freiwillig verleugnet, sein Kreuz auf sich nimmt und seinem Haupt und Lehrmeister nachfolgt (Mt 16, 24), Und dieses wird unser Reich sein; es wird bestehen aus den Vollkommenen, welche gesetzmäßig gearbeitet und gestritten (2 Tim 2, 5) und bis zum Ende ausgeharrt haben (Mt 10, 22). Diese werden teilhaben an der Macht unseres Gesalbten, welche jetzt bestimmt und beschlossen ist, weil der Ankläger seiner Brüder hinausgeworfen wurde. Er wird triumphieren. Er wird die Menschen erhöhen und mit seinem Blute reinigen (Offb 1, 5; 7,14), damit ihm allein Ruhm und Ehre zukomme; denn er allein wird würdig sein, das Buch des Gnadengesetzes zu öffnen (Offb 5, 9). Er wird der Weg, das Licht, die Wahrheit und das Leben sein (Joh 14, 6), damit durch ihn die Menschen zu mir kommen. Er allein wird die Pforten des Himmels eröffnen. Er wird der Mittler (1 Tim 2, 5) und Fürsprecher (1 Joh 2,1) der Sterblichen sein. An ihm werden sie ihren Vater, Bruder und Beschützer haben, weil sie auch einen Verfolger und Ankläger haben. Die Engel aber, welche als unsere Kinder auch das Heil und die Kraft gewirkt haben und für die Macht meines Gesalbten eingetreten sind, sollen vor unserem Angesicht gekrönt und verherrlicht werden von Ewigkeit zu Ewigkeit.»

114. Diese Stimme, welche die von Anbeginn der Welt an verborgenen, durch das Leben und die Lehre Jesu Christi aber geoffenbarten Geheimnisse in sich schließt (Mt 13, 35), ging vom Thron Gottes aus; sie besagte mehr und begreift mehr in sich, als ich zu erklären vermag, Durch sie wurden auch den heiligen Engeln die Ämter angewiesen, die sie zu versehen hatten. Der heilige Michael und der heilige Gabriel erhielten den Auftrag, die Botschafter des menschgewordenen Wortes und seiner heiligsten Mutter Maria zu sein; überhaupt waren sie die dienenden Geister für alle Geheimnisse der Menschwerdung und Erlösung; und nebst diesen beiden Himmelsfürsten wurden, wie ich später sagen werde, viele andere Engel für denselben Dienst bestimmt. Verschiedene Engel erwählte und beauftragte der Allmächtige, dass sie den Seelen zur Seite stehen, ihnen gute Einsprechungen geben und sie zur Heiligkeit und zu jenen Tugenden anleiten sollten, welche den Lastern entgegengesetzt sind, zu denen Luzifer die Seelen zu verführen beschlossen hatte; auch sollten sie die Seelen verteidigen, behüten und auf ihren Händen tragen, damit die Gerechten nicht an die Steine anstoßen (Ps 91,12), d. h., damit sie nicht durch die von den Feinden ihnen gelegten Schlingen und Fallstricke Schaden leiden.

115. Noch andere Dinge wurden bei diesem Anlass oder in diesem Zeitpunkt beschlossen, von welchem der Evangelist sagt, es sei offenbar geworden die Macht, das Heil, die Kraft und das Reich des Gesalbten. Was aber besonders geheimnisvoll gewirkt wurde, war dies, dass um der vorausgesehenen Verdienste unseres Herrn Jesu Christi willen die Auserwählten bezeichnet, der Zahl nach festgesetzt und in das Andenken des göttlichen Geistes eingeschrieben wurden. O unaussprechliches, unergründliches Geheimnis, das im Herzen Gottes vorging ! O glückseliges Los der Auserwählten! O Augenblick von höchster Bedeutung! O Sakrament, würdig der Allmacht Gottes! O Triumph der Macht Christi! Glücklich, unendlich glücklich die Glieder, welche auserwählt und mit solch einem Haupt vereinigt wurden! O große Kirche, auserwähltes Volk, heilige Versammlung, würdig eines solchen Vorstehers und Meisters! Bei Erwägung eines so erhabenen Geheimnisses hat das Denken aller Kreaturen ein Ende, mein Verstand steht still, und meine Zunge verstummt.

116. In jenem Rat der drei göttlichen Personen wurde dem Eingebornen des Vaters jenes geheimnisvolle Buch übergeben, von welchem in der geheimen Offenbarung die Rede ist (Offb 5, 7). Damals ward es verfasst, bestätigt und, wie der Evangelist sagt, mit sieben Siegeln verschlossen, bis auf jene Zeit, da der Eingeborne des Vaters menschliches Fleisch annahm und das Buch öffnete, indem er der Reihe nach seine Siegel löste und die Geheimnisse erschloss, die er in seiner Geburt, in seinem Leben, in seinem Tod, ja bis zum Ende der Welt wirken sollte. In diesem Buch war alles das enthalten, was die allerheiligste Dreifaltigkeit nach dem Fall der Engel beschlossen hatte in Bezug auf die Menschwerdung des Wortes, auf das Gesetz der Gnade und die sieben Sakramente, auf alle Artikel des Glaubens und was sie in sich schließen sowie in Bezug auf die Einrichtung der ganzen streitenden Kirche. Auch ward dem Wort die Macht gegeben, dass es, einmal Mensch geworden, als Hoherpriester und heiliger Vorsteher (Hebr 6, 20) den Aposteln und den übrigen Priestern und Dienern dieser Kirche die notwendige Gewalt und die erforderlichen Gaben mitteile.

117. Dies war der geheimnisvolle Anfang von dem Gesetze des Evangeliums. In jenem allergeheimsten, königlichen Rat ward festgesetzt und dem göttlichen Geist eingeschrieben, dass jene, welche dieses Gesetz halten, in das Buch des Lebens eingetragen werden sollten. Dies war der erste Anfang, und alle Bischöfe und Kirchenvorsteher haben ihren Ursprung im ewigen Vater, dessen Stellvertreter sie sind; in Seiner Majestät haben die Sanftmütigen, die Armen, die Demütigen und alle Gerechten ihren Ursprung. Das war und ist ihre alleredelste Abstammung, und darum ist zu sagen, dass, wer den Oberen gehorcht, Gott gehorcht und dass, wer sie verachtet, Gott verachtet (Lk 10, 16). Alles dieses ward in dem göttlichen Geist und seinen Gedanken beschlossen und unserem Herrn Jesus Christus die Macht gegeben, dieses zuvor verschlossene und versiegelte Buch zu seiner Zeit zu öffnen. Inzwischen aber gab der Allerhöchste seinen Bund und die Zeugnisse seiner göttlichen Worte im natürlichen und geschriebenen Gesetze unter Wundern und geheimnisvollen Zeichen und offenbarte einen Teil seiner Geheimnisse den Patriarchen und Propheten.

118. Durch diese Zeugnisse und durch das Blut des Lammes haben, wie der heilige Text sagt, «die Gerechten ihn (den Drachen) überwunden». Allerdings war das Blut unseres Erlösers Jesu Christi genügend, ja mehr als genügend, dass alle Sterblichen den Drachen, ihren Ankläger, überwältigen; und auch die wahrhaftigsten Zeugnisse und Worte seiner Propheten besitzen eine große Kraft und Wirksamkeit, des ewigen Heils teilhaftig zu machen. Indes erlangen die Gerechten die Frucht des Leidens Christi und der Erlösung dadurch. dass sie mit der Wirksamkeit dieser Geheimnisse freiwillig mitwirken und so durch Mitwirkung mit der Gnade sich selbst und den Satan besiegen. Die Gerechten werden aber den Satan überwinden nicht bloß durch Erfüllung der gewöhnlichen Gebote und Vorschriften Gottes; sie werden durch die Kraft des Herrn und mit seiner Gnade noch mehr tun, sie werden, um die Krone zu erlangen und zum Triumph Jesu Christi beizutragen, für ebendenselben Herrn und seine Zeugnisse ihr Leben zum Tod opfern, wie dies die Märtyrer getan haben zum Zeugnis für den Glauben und zu seiner Bestätigung (Offb 6, 9).

119. In Bezug auf alle diese Geheimnisse fügt der Text hinzu: «Freuet euch, ihr Himmel, und die ihr darin wohnt !» Freuet euch; denn ihr sollt der ewige Wohnort der Gerechten und des Gerechtesten der Gerechten sein, Jesu Christi und seiner heiligsten Mutter! Freut euch, ihr Himmel; denn unter allen körperlichen und leblosen Geschöpfen ist keinem ein erhabeneres Los zuteil geworden als euch, da ihr die Wohnung Gottes sein sollt, die bestehen wird in alle Ewigkeit! Ihr werdet in euch aufnehmen als eure Königin das reinste und heiligste Geschöpf, das der allmächtige Arm des Allerhöchsten geschaffen hat. Darum freuet euch, ihr Himmel, und die ihr darin wohnet, ihr Engel und ihr Gerechten, die ihr die Gefährten und Diener des Sohnes des ewigen Vaters und seiner Mutter und Glieder jenes geheimnisvollen Leibes sein sollt, dessen Haupt Christus selber ist! Freuet euch, ihr heiligen Engel; denn indem ihr durch Schutz und Verteidigung ihnen dient, werdet ihr euch Belohnungen akzidenteller Seligkeit verdienen! Es freue sich insbesondere der heilige Michael, der Fürst der himmlischen Heerscharen, weil er die Ehre des Allerhöchsten und seiner ehrwürdigen Geheimnisse im Streit verfochten hat und weil er der Diener der Menschwerdung des Wortes und besonderer Zeuge ihrer Wirkungen sein wird bis zum Ende! Es mögen sich mit ihm freuen alle seine Verbündeten, welche für den Namen Jesu Christi und für den Namen seiner Mutter eingetreten sind; denn bei all ihren Dienstleistungen werden sie die Freude der wesentlichen Seligkeit, die sie schon besitzen, nicht entbehren! Um so erhabener Geheimnisse willen mögen sich freuen die Himmel!

ZEHNTES HAUPTSTÜCK: Schluss davon

Schluss der Erklärung des zwölften Kapitels der geheimen Offenbarung.

120. «Wehe aber der Erde und dem Meer; denn der Teufel ist zu euch hinabgekommen und hat großen Zorn, indem er weiß, dass er wenig Zeit hat !» Wehe der Erde, welche der Schauplatz so zahlloser Sünden und Frevel sein soll! Wehe dem Meer, weil es angesichts so großer Beleidigungen des Schöpfers seine Fluten nicht ausgoss, um die Übertreter zu verschlingen und die Widrigkeiten gegen seinen Schöpfer und Herrn zu rächen! Wehe dem Meer, d. i. wehe insbesondere der unergründlichen, verhärteten Bosheit jener, welche diesem Teufel folgen, der zu euch hinabgestiegen ist, um gegen euch Krieg zu führen mit großem Zorn, mit unerhörter, nie gesehener Grausamkeit ! Es ist der Zorn des grimmigsten Drachen, der ärger ist als ein verschlingender Löwe (1 Petr 5, 8). Er will alles vernichten, und die Tage der Weltzeit scheinen ihm eine zu geringe Zeit zu sein, um seinen Grimm zu befriedigen. So groß ist sein Durst und seine Gier, den Sterblichen zu schaden, dass ihm die ganze Zeit ihres Lebens nicht genügt; denn ihr Leben nimmt ein Ende, er aber wünscht in seiner Wut, wenn dies möglich wäre, ewige Zeiten zu haben, um Krieg zu führen gegen die Kinder Gottes. Vor allem aber ist sein Zorn gegen jene glückliche Frau gerichtet, welches ihm den Kopf zertreten soll (Gen 3,15). Darum fährt der Evangelist fort:

121. «Und als der Drache sah, dass er auf die Erde hinabgeworfen war, verfolgte er die Frau, welches das Knäblein geboren hatte.» Wie die alte Schlange gewahr wurde, in welch höchst unseligen Ort und Zustand sie nach ihrer Verstoßung aus dem Lichthimmel gefallen war, entbrannte sie noch mehr in Zorn und Neid, einem rasenden Tiere gleich, das sich selber zerfleischt. Gegen die Frau aber, d. i. gegen die Mutter des menschgewordenen Wortes, fasste sie einen solchen starken Groll dass keine menschliche Zunge denselben auszudrücken und kein menschlicher Verstand denselben zu fassen vermag. Einigermaßen aber lässt er sich abnehmen aus dem, was unmittelbar darnach geschah, nachdem der Drache mit seinen bösen Scharen in die Tiefe der Hölle geschleudert worden war. Soweit es mir möglich ist, will ich dies hier auseinandersetzen, wie es mir zu erkennen gegeben wurde.

122. Während der ersten Woche, in welcher Gott nach dem Bericht der Genesis die Welt und alles, was auf ihr ist, erschuf, waren Luzifer und alle Teufel damit beschäftigt, gegen das menschgewordene Wort und gegen die Frau, aus dem es geboren werden sollte, Rachepläne zu schmieden und zu beraten. Am ersten Tag, welcher dem Sonntag entspricht, waren die Engel erschaffen und ihnen Gesetze und Vorschriften gegeben worden, denen sie zu gehorchen hatten; die bösen aber waren ungehorsam und übertraten die Gebote des Herrn; und so folgten dann nach göttlicher Vorsehung und Anordnung die oben beschriebenen Ereignisse, welche bis zum Morgen des zweiten Tages, der dem Montag gleichkommt, dauerten. An diesem Tage wurde Luzifer mit seiner Schar in die Hölle geschleudert. In die Zwischenzeit aber fallen die Vorgänge mit den Engeln, ihre Erschaffung, ihre Wirksamkeit, ihr Streit, der Fall der einen und die Verherrlichung der anderen. In dem Augenblick, da Luzifer mit seiner Rotte die Strafe in der Hölle antrat, versammelten sich alle zu einem Konziliabulum (Beratung), welches bis zum Morgen jenes Tages dauerte, der dem Donnerstag entspricht. Während dieser Zeit bot Luzifer allen seinen Verstand und seine ganze teuflische Bosheit auf, mit den bösen Geistern zu beraten und auszumachen, wie sie Gott am ärgsten beleidigen und für die über sie verhängte Strafe Rache nehmen könnten. Das Ergebnis ihrer Beratung aber war kurz dies: Weil Gott, wie sie sahen, die Menschen so sehr lieben werde, so würde die ärgste Rache und die härteste Kränkung gegen Gott die sein, wenn sie die Wirkungen dieser Liebe hinderten, indem sie die Menschen täuschten. verführten und, soweit es möglich wäre, antrieben, die Freundschaft und Gnade Gottes zu verlieren, gegen Gott undankbar zu sein und gegen seinen Willen sich aufzulehnen.

123. «Das ist es», sprach Luzifer, «worauf wir mit Aufbietung all unserer Kraft, Sorge und Einsicht hinarbeiten müssen; wir werden die menschlichen Kreaturen unseren Eingebungen und unserem Willen unterwürfig machen, um sie zugrunde zu richten. Wir werden dieses Geschlecht von Menschen verfolgen und sie um die ihnen verheißene Belohnung bringen. Wir wollen all unsere Wachsamkeit aufbieten, um zu verhindern, dass sie zur Anschauung Gottes gelangen, weil diese Ungerechterweise uns verweigert worden ist. Ich werde mir große Triumphe über sie verschaffen; alles werde ich vernichten und meinem Willen unterwürfig machen. Ich werde neue Sekten und Irrtümer verbreiten und Gesetze aufstellen, welche denen des Allerhöchsten ganz und gar zuwiderlaufen. Ich werde aus den Menschen selber Propheten und Anführer erwecken, welche die von mir unter ihnen ausgesäten Lehren zu verbreiten haben (Apg 20, 30), und aus Rache gegen ihren Schöpfer werde ich ihnen hernach bei mir in diesem Abgrund der Qualen ihren Platz anweisen. Ich werde die Armen bedrängen, die Bedrängten unterdrücken und die Schüchternen verfolgen. Ich werde Zwietracht säen, Kriege anstiften und Volk gegen Volk aufhetzen. Ich werde Stolze und Freche zeugen, ich werde das Gesetz der Sünde ausbreiten; und wenn sie in ihm mir gehorcht haben, werde ich sie in diesem ewigen Feuer begraben. An die Orte der größten Qualen aber werde ich jene versetzen, die sich mir am engsten angeschlossen haben. Das wird mein Reich sein, das der Lohn, den ich meinen Knechten geben werde.»

124. «Gegen das menschgewordene Wort werde ich, wenn es auch Gott ist, blutigen Krieg führen; denn es wird zugleich Mensch und darum von geringerer Natur sein, als die meine ist. Ich werde meinen Thron und meine Würde über die seine erheben. Durch meine Macht und Schlauheit werde ich ihn überwinden und ihn niederwerfen. Die Frau aber, die seine Mutter sein soll, wird in meinen Händen zunichte werden. Was ist eine einzige Frau im Vergleich zu meiner Macht und Größe? Ihr Teufel aber, die ihr mit mir vergewaltigt worden seid, folgt und gehorcht mir in dieser Rache, wie ihr's getan habt im Ungehorsam! Stellt euch, als liebtet ihr die Menschen, damit ihr sie so zugrunde richtet. Dienet ihnen, um sie zu verderben und hinters Licht zu führen. Bleibet bei ihnen, um sie zu verführen und zu mir in die Hölle herabzuziehen!»

Keine menschliche Zunge vermag zu erklären, mit welcher Bosheit und Wut Luzifer in der Hölle diese erste Aftersynode gegen das menschliche Geschlecht gehalten hat, das freilich noch nicht existierte, aber einst existieren sollte. Dort wurden angestiftet alle Laster und Sünden der Welt, von dorther kommen die Lüge, die Sekten und Irrtümer; und alle Bosheit hat ihren Ursprung in dem Wirrwarr jener verabscheuungswürdigen Versammlung. Diesem Fürsten dienen alle, welche Unrecht tun.

125. Nach Beendigung dieses Konziliabulums verlangte Luzifer mit Gott zu sprechen; und nach erhabenen Urteilen erlaubte es ihm die göttliche Majestät. Satan redete auf dieselbe Weise, wie damals, als er begehrte, den Job versuchen zu dürfen (1 Job 1, 6); es war der Tag, welcher dem Donnerstag entspricht. Satan sprach zum Allerhöchsten: «Herr, deine Hand ist schwer auf mir, da du mich mit so großer Grausamkeit gestraft hast. Für die Menschen, welche du erschaffen willst, hast du alles beschlossen, was du nur wolltest. Das menschgewordene Wort willst du so gross machen und erheben, und mit ihm willst du jener Frau, das seine Mutter sein soll, mit den ihr zubereiteten Gaben bereichern. So sei nun angemessen und gerecht; und da du mir erlaubt hast, die übrigen Menschen zu verfolgen, so erlaube mir auch, diesen Gottmenschen Christus und die Frau, die er zur Mutter haben wird, zu versuchen und Krieg gegen sie zu führen; erlaube mir, hierin alle meine Kräfte aufzubieten.» Noch anderes sagte Luzifer bei dieser Gelegenheit, und obwohl ihm in seiner Hoffart die Demut so überaus hart fällt, so verdemütigte er sich dennoch so sehr, dass er um diese Erlaubnis bat; denn sein Zorn und die Gier, seinen Wunsch erfüllt zu sehen, waren bei ihm so groß, dass selbst seine Hoffart sich ihnen unterordnete und somit eine Bosheit der anderen Platz machte. Er wusste nämlich wohl, dass er ohne die Erlaubnis des allmächtigen Gottes nichts zu unternehmen vermöge. Um aber Christus unseren Herrn, und besonders um seine heiligste Mutter versuchen zu dürfen, hätte er sich unendlich oft verdemütigt, weil er fürchtete, sie werde ihm den Kopf zertreten.

126. Der Herr antwortete ihm: «Satan, du darfst diese Erlaubnis nicht aus Gerechtigkeit begehren; denn wenn auch das menschgewordene Wort wahrer Mensch ist, so ist es dennoch zugleich dein Gott und dein allmächtiger, höchster Herr, und du bist sein Geschöpf; und wenn auch die übrigen Menschen sündigen und deinem Willen tun sollten, so kann bei meinem menschgewordenen, eingebornen Sohne von Sünde keine Rede sein; solltest du auch die Menschen zu Sklaven der Schuld machen, so wird doch Christus heilig, gerecht und von den Sündern ausgeschieden sein (Hebr 7, 26), ja, falls die Menschen in Sünde fallen, wird er sie wieder aufrichten und erlösen. Was aber diese Frau betrifft, gegen welches du so großen Zorn hast, so wird es zwar ein bloßes Geschöpf und die Tochter eines bloßen Menschen sein, allein ich habe bereits beschlossen, es vor der Sünde zu bewahren; es soll allezeit ganz mein Eigentum sein, und unter keinem Titel, unter keinem Vorwand und zu keiner Zeit sollst du teil an ihm haben.»

127. Hierauf erwiderte Satan: «Was ist es Großes, dass diese Frau heilig sei, wenn es niemals einen Widersacher hat, der es versucht und zur Sünde reizt? Das ist weder angemessen und gerecht, noch kann es passend und löblich sein.» Noch andere Lästerungen fügte Luzifer in seinem stolzen Übermut hinzu. Allein der Allerhöchste, der alles in unendlicher Weisheit ordnet, antwortete ihm: «Ich gebe dir die Erlaubnis, Christus zu versuchen; er soll hierin Vorbild und Lehrmeister anderer sein; desgleichen erlaube ich dir, diese Frau zu verfolgen (Gen 3, 15); nur an sein leibliches Leben darfst du nicht Hand anlegen. Ich will, dass Christus und seine Mutter in dieser Hinsicht keine Ausnahme machen, sondern von dir versucht werden wie die anderen (Hebr 2, 17.18; 4, 15).» Über diese Erlaubnis freute sich Luzifer mehr als über die Erlaubnis, das ganze übrige Menschengeschlecht verfolgen zu dürfen; er entschloss sich auch, auf sie mehr Sorge zu verwenden als auf irgend etwas anderes - was er auch wirklich tat - und sich hierin auf keinen anderen bösen Geist zu verlassen, sondern alles selber zu tun. Darum sagt der Evangelist weiter:

128. «Der Drache verfolgte die Frau, welches das Knäblein geboren hatte.» Nachdem der Satan vom Herrn die Erlaubnis hierzu erhalten hatte, bekriegte und verfolgte er jene, die er als die Mutter des menschgewordenen Gottes ansah, mit unerhörter Wut. Welcher Art diese Kämpfe gewesen, werde ich an seiner Stelle auseinandersetzen und sage darum hier nur so viel, dass sie an Größe jede menschliche Fassungskraft übersteigen. Wunderbar und höchst glorreich war aber auch die Art und Weise, wie die Frau ihnen Widerstand leistete und sie überwand. Der Text sagt, es seien der Frau, um sich vor dem Drachen zu schützen, «zwei Flügel eines großen Adlers gegeben worden, auf dass sie in die Wüste flöge an ihren Ort, wo sie ernähret wird, eine Zeit und zwei Zeiten». Die beiden «Flügel» wurden der heiligsten Jungfrau gegeben, bevor sie in den genannten Kampf eintrat, indem der Herr sie zum voraus mit ganz besonderen Gaben und Gnaden ausrüstete. Der eine Flügel war die ihr aufs neue verliehene Erkenntnis erhabener Geheimnisse und Sakramente; der andere war eine neue Stufe tiefster Demut, wie ich später erklären werde. Mit diesen beiden Flügeln nahm sie ihren Flug zum Herrn, der ihr eigentlicher Wohnort war; denn nur in ihm lebte, nur auf ihn schaute sie. Sie flog wie ein königlicher Adler, ohne je den Flug gegen den Feind hin zu richten; und in diesem Flug war sie einsam, indem sie, von allem Irdischen und Erschaffenen losgeschält, nur allein auf das einzige und letzte Ziel, d. i. auf die Gottheit, hingewendet war. In dieser Einsamkeit wurde sie «ernährt eine Zeit und zwei Zeiten»; sie wurde ernährt mit dem süßesten Manna der göttlichen Gnade und des göttlichen Wortes und mit außerordentlichen Gunstbezeigungen Gottes. Dies geschah während «einer Zeit und zwei Zeiten»; sie erhielt diese Nahrung ihr ganzes Leben lang, vorzüglich aber in jener Zeit, da sie die größten Kämpfe mit Luzifer bestand; denn damals empfing sie auch entsprechend größere Gnaden. Die Worte «eine Zeit und zwei Zeiten» deuten auch die ewige Seligkeit an, in welcher alle ihre Siege belohnt und gekrönt wurden.

129. «Und eine halbe Zeit, weg von dem Angesicht der Schlange.» Diese «halbe Zeit» ist jener Abschnitt ihres Lebens, während dessen die allerseligste Jungfrau von der Verfolgung des Drachen und von dessen Anblick frei war; denn nachdem sie ihn in den Kämpfen, die sie mit ihm bestand, überwunden hatte, ward sie durch Gottes Anordnung als Siegerin von denselben fortan frei. Dieses Vorrecht wurde ihr verliehen, damit sie, wie ich später noch sagen werde, des Friedens und der Ruhe genieße, die sie durch ihre Besiegung des Feindes verdient hatte. Mit Bezug auf die Zeit aber, während welcher die Verfolgung andauerte, sagt der Evangelist (Hier setzt die neuere Auflage des spanischen Originals Nr. 130 ein. Die folgenden Nummern sind also immer um eine zurück: Der Herausgeber): «Und die Schlange schoss aus ihrem Munde der Frau Wasser nach wie einen Strom, damit sie dieselbe durch den Strom wegschwemmte; aber die Erde half der Frau; denn die Erde tat ihren Mund auf und verschlang den Strom, den der Drache aus seinem Munde schoss.» Alle seine Bosheit und Kraft bot Luzifer gegen diese himmlische Königin auf; denn an der seligsten Jungfrau Maria allein war ihm mehr gelegen als an allen anderen insgesamt, die jemals von ihm versucht wurden. Mit derselben, ja mit noch stärkerer Gewalt und Heftigkeit, mit welcher die Fluten eines großen, reissenden Stromes dahinfließen, strömten gegen sie die «eitlen Reden (Ps 119, 85)», Lästerungen und Versuchungen aus dem Munde des Drachen. Aber «die Erde half ihr». Diese Erde bedeutet ihren Leib und die Neigungen ihres Herzens. Diese Erde war nicht mit dem Fluch beladen; sie war nicht von dem Urteilsspruch und der Strafe getroffen, welche Gott über Adam und Eva und damit auch über uns verhängt hat (Gen 3, 17.18), wonach unsere Erde verflucht ist und Disteln statt des Weizens hervorbringen soll. Unsere Natur ist verwundet und verderbt durch den Zunder der Sünde (fomes peccati), welcher uns unaufhörliche Versuchungen und Kämpfe bereitet; dieser ist es, dessen sich der Satan zum Verderben der Menschen bedient, da er in uns selber die Waffen findet, die in so hohem Grad uns Gefahr androhen. Und indem Satan unseren Neigungen sich anschmiegt, zieht er uns mit scheinbarer Lieblichkeit und Freude durch seine bösen Einflüsterungen zu den sinnlichen und irdischen Dingen hin.

130. Die heiligste Jungfrau Maria aber war ein heiliges, vom Herrn gesegnetes Erdreich. In ihr war weder der Zunder noch irgendeine andere Wirkung der Sünde, und darum konnte ihr von Seiten der «Erde» keine Gefahr drohen; im Gegenteil, die Erde half ihr, indem ihre Neigungen im höchsten Grad geordnet, geregelt und der Gnade unterworfen waren. So öffnete also diese Erde den Mund und verschlang den Strom der Versuchungen, den der Drache gegen sie schoss; er schoss ihn umsonst, denn er fand in ihr keinen empfänglichen Boden und keine Neigung zur Sünde, wie solche in den übrigen Kindern Adams sich findet, deren irdische, ungeordnete Neigungen eher den Strom erzeugen helfen, als dass sie ihn verschlingen. Sind ja unsere Leidenschaften und unsere verderbte Natur mit der Vernunft und Tugend immer im Widerstreit. Da der Drache sah, wie seine Pläne gegen die geheimnisvolle Frau fruchtlos waren, wurde er zornig, wie weiter gesagt ist:

131. «Da ward der Drache zornig über die Frau und ging hin, Krieg anzufangen mit den übrigen von ihrem Samen, die Gottes Gebote halten und das Zeugnis Jesu Christi haben.» Nachdem der Drache von der Königin der ganzen Schöpfung in allen Kämpfen glorreich überwunden war, floh er weg, um der Beschämung auszuweichen, die für ihn und die ganze Hölle eine furchtbare Marter war. Er beschloss aber, einen grausamen Krieg zu führen gegen die übrigen Seelen, die dem Stammregister und dem Geschlecht der allerseligsten Jungfrau angehören, d. h. gegen die Gläubigen, welche in der Taufe bezeichnet sind mit dem Zeichen und dem Blut Jesu Christi, um seine Zeugnisse zu bewahren. Der ganze Groll Luzifers und seiner bösen Genossen richtete sich nämlich in erhöhtem Grad gegen die heilige Kirche und deren Glieder, da er sah, dass er gegen deren Haupt, unseren Herrn Jesus Christus, und seine heiligste Mutter nichts auszurichten vermöge. Ganz besonders aber und mit gesteigerter Wut führt er Krieg gegen die Jungfrauen Christi, indem er sich alle Mühe gibt, die Tugend der jungfräulichen Keuschheit, dieses auserwählte Saatkorn und Erbe der keuschesten Jungfrau, der Mutter des Lammes, zu vernichten. Darum heißt es weiter:

132. «Der Drache stellte sich auf den Sand des Meeres.» Dieser Sand bedeutet die verächtliche Eitelkeit dieser Welt, von der sich Satan nährt und die er wie Heu hineinfrisst (Job 40, 10).

Alles dieses hat sich im Himmel zugetragen. Den Engeln aber wurde vieles von den göttlichen Ratschlüssen und von den Gnadenauszeichnungen geoffenbart, welche für die Mutter des Wortes, das in ihr Mensch werden sollte, zubereitet wurden. Ich habe mich bei Erklärung dessen, was ich inne ward, kurz gefasst, weil die Überfülle der Geheimnisse bewirkte, dass mir die Worte zu deren Erklärung fehlen.

ELFTES HAUPTSTÜCK: Jesus und Maria, die Musterbilder der Schöpfung

Bei Erschaffung aller Dinge hatte Gott Christus unseren Herrn und dessen heiligste Mutter im Auge.

133. Im achten Kapitel der Sprichwörter sagt die Weisheit von sich selbst, dass sie bei Erschaffung des Weltalls mit dem Allerhöchsten zugegen war und alles ordnete. Diese Weisheit ist, wie ich oben schon bemerkte (Nr. 54), das menschgewordene Wort, welches mit seiner heiligsten Mutter zugegen war, als Gott die Erschaffung des Weltalls in seinem Geist beschloss. Der Sohn war nämlich in jenem Augenblick nicht bloß durch die Einheit seiner göttlichen Natur mit dem Vater und dem Heiligen Geiste zugegen, sondern es war im göttlichen Geist des Vaters von allen zu erschaffenden Dingen an erster Stelle die Menschheit vorausgesehen und gebildet, welche das ewige Wort annehmen sollte, und zugleich dessen heiligste Mutter, welche aus ihrem reinsten Geblüt diese Menschheit ihm geben sollte. In diesen beiden Personen waren aber auch alle ihre Werke vorausgesehen; und gerade diese Werke nahm der Allerhöchste, menschlich zu reden, gleichsam als Verpflichtungsgrund an, auf all das nicht mehr zu achten, was das Menschengeschlecht und auch die gefallenen Engel gegen ihn verübten und wodurch sie Gott sozusagen genötigt hätten, von der Erschaffung der übrigen Menschen und überhaupt von der Erschaffung aller Kreaturen, die er zum Dienste der Menschen hervorbringen wollte, abzustehen.

134. Der Herr schaute auf seinen eingebornen, menschgewordenen Sohn und dessen heiligste Mutter als auf die Musterbilder, zu deren Schaffung er die ganze Größe seiner Weisheit und Macht aufbot. Sie sollten ihm gleichsam als die Vorbilder dienen, nach welchen er das ganze Menschengeschlecht bilden wollte. Alle übrigen Menschen sollten diesen beiden Abbildern seiner Gottheit gleichförmig und eben damit, mittels dieser Vorbilder, Gott ähnlich werden. Gott schuf auch die körperlichen, zum menschlichen Leben erforderlichen Dinge, aber mit solcher Weisheit, dass einzelne von ihnen gleichfalls als Symbole oder Wahrzeichen dienten, um jene beiden Personen einigermaßen zu versinnbilden, welche Gott vornehmlich im Auge hatte, nämlich die heiligsten Personen Christi und Mariä. Zu diesem Zweck schuf er die beiden Lichter am Himmel (Gen 1,16), die Sonne und den Mond, damit sie, Tag und Nacht voneinander scheidend, Jesus Christus und seine heiligste Mutter Maria sinnbildlich darstellen; denn Jesus Christus ist die Sonne der Gerechtigkeit, Maria aber «ist schön wie der Mond (Hld 6, 9)», und beide scheiden das Licht oder den Tag der Gnade von der Nacht der Sünde. Auch darin sind Sonne und Mond Vorbilder Jesu und Mariä, dass sie einen beständigen Einfluss auf die übrigen Geschöpfe ausüben. Die Sonne nämlich erleuchtet den Mond, beide miteinander aber erleuchten alle anderen Geschöpfe, das Firmament mit seinen Gestirnen und alle weiteren Dinge bis an die äußersten Grenzen des Weltalls.

135. Gott schuf auch die übrigen Dinge und verlieh ihnen mit Rücksicht darauf, dass sie Christus und seiner heiligsten Mutter Maria und eben dadurch auch den übrigen Menschen zu dienen hätten, größere Vollkommenheit. So hatte Gott den Menschen, noch bevor sie aus dem Nichts hervorgezogen waren, ein höchst schmackhaftes, reichliches und gefahrloses Gastmahl zubereitet, ein Gastmahl, das weit bewunderungswürdiger war als jenes des Assuerus (Est 1, 3). Er wollte ja die Menschen erschaffen, damit sie an seiner Seligkeit teilnehmen könnten. Er wollte sie einladen zu den süßen Freuden seiner Erkenntnis und Liebe; und als ein gütiger und großmütiger Herr wollte er nicht, dass der Eingeladene zu warten habe, sondern sobald er erschaffen sein würde, sollte er sich im selben Augenblick schon an die Tafel der Erkenntnis und Liebe Gottes gesetzt sehen, damit er in einer so wichtigen Bestimmung, wie die Erkenntnis und Verherrlichung Gottes ist, keine Zeit verliere.

136. Am sechsten Tag der Schöpfung bildete und schuf Gott den Adam (Gen 1, 27) wie einen Mann von dreiunddreißig Jahren; denn dieses ist das Alter, in welchem Jesus Christus, unser höchstes Gut, bei seinem Tod stehen sollte. Adam war der heiligsten Menschheit Christi so ähnlich gestaltet, dass er dem Leib nach sich kaum von ihm unterschied und auch der Seele nach Christus gleichförmig war. Aus Adam bildete Gott die Eva, und zwar in solcher Ähnlichkeit mit der seligsten Jungfrau, dass sie ihr in allen Zügen und in ihrer Statur gleichsah. Mit höchstem Wohlgefallen und Wohlwollen schaute Gott auf diese beiden Abbilder der Urbilder, die er seinerzeit ins Dasein rufen wollte, und ihretwegen verlieh er ihnen zahlreiche Segnungen, gleich als wollte er sich an ihnen und ihren Nachkommen erfreuen, bis endlich der Tag käme, an dem er Christus und Maria erschaffen wollte.

137. Doch der glückliche Zustand, in welchem Gott die ersten Stammeltern des Menschengeschlechtes erschaffen hatte, dauerte nur ganz kurze Zeit; denn alsbald erwachte gegen sie der Neid der Schlange, welche mit gespannter Erwartung ihrer Erschaffung entgegengesehen hatte. Luzifer konnte zwar die Erschaffung Adams und Evas nicht sehen, wie er alle übrigen Dinge im Augenblick ihrer Erschaffung gesehen hatte; denn der Herr wollte ihm das Werk der Schöpfung des Menschen und die Bildung der Eva aus der Rippe nicht offenbaren; all dies verbarg ihm Seine Majestät eine Zeitlang, bis nämlich beide bereits erschaffen waren. Als aber der Teufel die alle übrigen Geschöpfe übertreffende, wunderbare Gestaltung der menschlichen Natur sowie die Schönheit Adams und Evas an Leib und Seele erblickte, als er sah, mit welch väterlicher Liebe der Herr auf sie schaute und wie er sie zu Herren und Gebietern der ganzen Schöpfung erhob (Gen 1, 28) und ihnen das ewige Leben in Aussicht stellte, da entbrannte sein Zorn heftiger als jemals zuvor. Keine Zunge wäre imstande, zu beschreiben, mit welchem Groll dieser Drache sich erhob; sein Neid trieb ihn an, ihnen das Leben zu nehmen, und er hätte einem reissenden Löwen gleich es auch getan, wenn er sich nicht von einer höheren Macht daran gehindert gesehen hätte. Er überlegte und erwog aber die Mittel und Wege, wie er sie beide der Gnade des Allerhöchsten berauben und wider Gott aufwiegeln könnte.

138. Bei dieser Gelegenheit hat sich aber Luzifer selber betrogen. Der Herr hatte ihm nämlich gleich von Anfang an in geheimnisvoller Weise zu erkennen gegeben, dass das ewige Wort im Schoß der heiligsten Jungfrau Mensch werden würde; die Art und Weise aber, wie und die Zeit, wann dies geschehen würde, hatte er ihm nicht zu wissen getan, und darum hatte er ihm auch die Erschaffung Adams und die Bildung Evas verborgen, damit er schon von da an seine Unwissenheit bezüglich des Geheimnisses der Menschwerdung und der Zeit, wann sie geschähe, zu fühlen hätte. Da nun aber sein Zorn wie seine Wachsamkeit zum voraus schon ganz besonders gegen Christus und Maria gerichtet waren, so kam ihm der Verdacht, Adam sei aus Eva geboren, Eva sei die Mutter und Adam sei das menschgewordene Wort. Dieser Verdacht wuchs noch mehr, da er die göttliche Macht fühlte, welche ihn abhielt, sich an ihrem Leib und Leben zu vergreifen. Indes löste sich dieser Zweifel nach und nach, weil er bald darauf auch von den Geboten, die Gott ihnen gegeben hatte, Kenntnis erhielt, indem er Adam und Eva sich darüber besprechen hörte. Nun fing er an, auf ihre Reden zu horchen, ihre Anlagen auszuspähen, einem hungrigen Löwen gleich sie zu umkreisen (1 Petr 5, 8) und durch die Neigungen, die er in einem jeden von ihnen entdeckte, Eingang in sie zu suchen. Bis er jedoch vollständig ins klare gekommen war, schwankte er immer noch zwischen dem Zorn, den er gegen Christus und Maria hatte, und zwischen der Furcht, von ihnen überwunden zu werden. Am meisten fürchtete er die Schande, von der Himmelskönigin besiegt zu werden, weil diese nicht Gott, sondern ein bloßes Geschöpf sein würde.

139. Indem nun Luzifer an das Gebot, das Adam und Eva gegeben war, anknüpfte, rückte er mit seiner Versuchung gegen sie vor. Er benützte dabei die bekannte verführerische Lüge als Waffe und begann, sich mit aller Gewalt dem Willen Gottes zu widersetzen und ihm entgegenzuwirken. Er machte sich aber zunächst nicht an den Mann, sondern an die Frau, weil er sah, dass diese eine zartere und schwächere Natur habe. Auch ging er bei ihr sicherer, weil sie jedenfalls nicht Christus war. Dazu kommt, dass er gegen sie ganz besonders ergrimmt war in Anbetracht des Zeichens, das er im Himmel gesehen, sowie der Drohung, welche Gott im Hinweise auf jene Frau gegen ihn ausgesprochen hatte. Alle diese Gründe reizten ihn eher gegen Eva als gegen Adam. Bevor er aber offen vor sie trat, flüsterte er ihr allerlei ungeordnete Gedanken und lebhafte Vorstellungen ein, um sie so einigermaßen verwirrt und vorbereitet zu finden. Weil ich aber hierüber an einer anderen Stelle mehr gesagt habe, will ich mich hier nicht des näheren erklären, wie gewaltig, ja unmenschlich der Satan Eva versuchte; es genügt hier, kurz darauf hinzuweisen, was die Heilige Schrift sagt, dass nämlich Luzifer die Gestalt einer Schlange annahm und in dieser Gestalt mit Eva sprach (Gen 3, 1). Eva aber ließ sich in das Gespräch ein. Dies hätte sie nicht tun sollen; denn vom Anhören und Antwortgeben kam sie dazu, dem Satan zu glauben, und dadurch geriet sie so weit, das Gebot zuerst selber zu übertreten und schließlich auch den Mann zu bereden, dass er zu seinem und aller Menschen Unheil ein Gleiches tat, wodurch unsere Stammeltern für sich und für uns den glücklichen Stand, in welchen der Allerhöchste sie versetzt hatte, verloren.

140. Als Luzifer gewahrte, dass die beiden Stammeltern fielen und die innere Schönheit der ursprünglichen Gnade und Gerechtigkeit in die Hässlichkeit der Sünde verwandelt ward, brach er vor den übrigen bösen Geistern in ein unbeschreibliches Frohlocken und Triumphieren aus. Doch bald verging dies wieder; denn er sah, wie sich der gütigste Gott in seiner Liebe so barmherzig gegen die beiden Schuldigen erzeigte, ganz anders, als er es gewünscht hätte. Er sah, wie Gott ihnen Zeit zur Buße gab und die Hoffnung erweckte, Verzeihung und die göttliche Gnade wieder zu erlangen, und dass sie durch Schmerz und innige Reue sich dafür empfänglich machten. Er sah, wie ihnen die Schönheit der Gnade und Freundschaft Gottes wieder gegeben wurde. Dies brachte die ganze Hölle aufs neue in den größten Schrecken, da sie bemerkte, was die vollkommene Reue zu bewirken vermöge. Die Bestürzung Luzifers ward noch größer, da er den Urteilsspruch hörte, den Gott über die Schuldigen aussprach und den er ganz anders erwartet hätte. Was ihm aber die meiste Qual verursachte, das war die Drohung, die er schon im Himmel gehört hatte und die er jetzt aufs neue hören musste, die Drohung: «Die Frau wird dir den Kopf zertreten (Gen 3,15).»

141. Nach dem Fall in die Sünde gebar Eva zu verschiedenen Malen. Die Zahl der Menschen vermehrte sich, und sie schieden sich in Gute und Böse, Auserwählte und Verworfene, in solche, welche Christus, unserem Erlöser und Meister, folgen, und solche, welche dem Satan gehorchen. Die Auserwählten folgen ihrem Führer durch Glauben, Demut, Liebe, Geduld und alle Tugenden, und damit sie zum Sieg gelangen, werden sie gestützt, gestärkt und geziert mit der Gnade und den Gaben Gottes, welche der Herr und Heiland aller Menschen ihnen verdient hat. Die Verworfenen aber, welche von ihrem meineidigen Anführer solche Wohltaten und Gaben nicht empfangen und von ihm auch nichts zu erwarten haben als die ewige Pein und Schande der Hölle, folgen ihm durch Stolz, Anmaßung, Ehrgeiz und durch allerlei Schandtaten und Verbrechen, welche der Vater der Lüge und Urheber der Sünde in die Welt eingeführt hat.

142. Trotzdem gab der Allerhöchste in seiner unaussprechlichen Güte den Menschen seinen Segen, damit sie wachsen und das Menschengeschlecht sich vermehre (Gen 1, 28). Die göttliche Vorsehung ließ es aber zu, dass die erste Geburt Evas in der Person des ungerechten Kain die Erstlinge der ersten Sünde hervorbrachte, während die zweite Geburt in der Person des unschuldigen Abel den Zerstörer der Sünde, Christus unsern Herrn, andeuten sollte, und zwar sowohl als Vorbild wie auch durch Nachahmung. Schon im ersten Gerechten sollte das Gesetz und die Lehre Christi gleichsam ihren Anfang nehmen, jene Lehre, von welcher alle folgenden Gerechten Schüler werden mussten, indem sie für die Gerechtigkeit leiden und von den Sündern und Verworfenen, ja selbst von den eigenen Brüdern gehasst und unterdrückt werden. Darum nahmen in Abel ihren Anfang die Geduld, Demut und Sanftmut; in Kain aber der Neid und alle Verbrechen, die er verübte, sich selber zum Verderben, dem Gerechten zur Krone, indem der Böse triumphierte, der Gute aber litt. Dies war der Anfang jenes Schauspiels, welches die Welt seit jenem Tage allzeit darbietet, indem sie sich in zwei Städte scheidet, in Jerusalem, die Stadt der Gerechten, und in Babyion, die Stadt der Verworfenen. Eine jede von ihnen hat ihren Beherrscher und ihr Haupt (Gen 4, 1 ff).

143. Der Allerhöchste hat auch gewollt, dass der erste Adam ein Vorbild des zweiten sei in der Art und Weise der Erschaffung; denn gleichwie Gott vor der Erschaffung des Adam den gesamten Haushalt der übrigen Geschöpfe schuf und ordnete, über welche er ihn zum Herrn und Haupte setzte, ebenso ließ Gott es auch bei seinem Eingebornen geschehen. Er ließ viele Jahrhunderte vorübergehen, bevor er ihn sandte, damit das Menschengeschlecht sich vorher vermehre und er auf diese Weise ein Volk vorfinde, dessen Haupt, Lehrer und wahrer König er sein sollte, ohne dass er auch nur einen Augenblick lang ohne Reich und ohne Untertanen zu sein brauchte. Das ist eben die wunderbare Ordnung und Harmonie, mit welcher die göttliche Weisheit alles eingerichtet und gewollt hat, dass das, was das Frühere war im Ratschluss, das Spätere sei in der Ausführung.

144. Während die Weltgeschichte ihren Verlauf nahm und die Zeit näherrückte, da das Wort aus dem Schoß des ewigen Vaters niedersteigen und sich mit unserer sterblichen Natur bekleiden sollte, wählte sich Gott zuvor ein Volk aus, welches von den übrigen abgesondert, sehr edel und durch wunderbare Vorzüge mehr ausgezeichnet war als irgendein anderes Volk früherer oder späterer Zeit. Aus diesem Volk wählte er eine edle, heilige Familie aus, von welcher das Wort dem Fleische nach abstammen sollte. Ich will jedoch nicht länger bei Aufzählung des Geschlechtsregisters Christi unseres Herrn verweilen; denn da die heiligen Evangelisten dasselbe aufzählen (Mt 1; Lk 3), so ist eine Anführung desselben an diesem Ort nicht notwendig. Nur dies will ich mit aller mir möglichen Lobpreisung des Allerhöchsten hier sagen, dass er mir bei verschiedenen Gelegenheiten und zu verschiedenen Zeiten gezeigt hat, welch unvergleichliche Liebe er zu seinem Volke getragen und welch große, höchst geheimnisvolle Werke er an ihm gewirkt hat, Werke, deren tiefe Bedeutung erst später in der heiligen Kirche völlig erschlossen wurde. So ging in Erfüllung, was der Psalmist sagt: «Er schlummert und schläft nicht, der Israel behütet (Ps 121, 4).»

145. Gott erweckte sehr heilige Propheten und Patriarchen, damit sie in Vorbildern und Weissagungen aus weiter Ferne uns das verkündeten, was wir jetzt besitzen. Wir aber schulden diesen Heiligen unsere Verehrung, wenn wir bedenken, wie hoch sie das Gesetz der Gnade geschätzt und mit welch inbrünstigen Seufzern und Bitten sie darnach verlangt und darum gefleht haben. Ihnen enthüllte Gott durch zahlreiche Offenbarungen seine unwandelbare Wesenheit; sie aber haben diese Offenbarungen an uns vermittelt durch die Heilige Schrift, welche eine unermessliche Fülle von Geheimnissen in sich schließt, die wir mittels des Glaubens erkennen und uns zu eigen machen können. Alle diese Geheimnisse hat das menschgewordene Wort erfüllt und bestätigt und damit seine Kirche in den Besitz der unfehlbaren Lehre und der geistlichen Nahrung der Heiligen Schriften gesetzt. Die Propheten und Gerechten des israelitischen Volkes wurden allerdings der leiblichen Anschauung Christi nicht gewürdigt; allein nichtsdestoweniger war der Herr auch gegen sie höchst freigebig, da er in Weissagungen sich ihnen offenbarte und ihr Herz entflammte, die Ankunft des Erlösers und die Erlösung des ganzen Menschengeschlechtes zu erflehen. Alle diese Prophezeiungen und Geheimnisse, alle diese Bitten und Seufzer waren in den Ohren des Allerhöchsten gleichsam eine lieblich klingende, wunderbar harmonische Musik, die im Innersten seines Herzens Widerhall fand; sie bildeten in jener Zeit des alten Gesetzes, menschlich gesprochen, seinen Trost, ja um ihretwillen beschleunigte er die Zeit, in der er vom Himmel herabkommen wollte, um mit den Menschen zu verkehren.

146. Ich will mich jedoch in Erzählung dessen, was mir der Herr hierüber geoffenbart hat, nicht länger aufhalten und gehe gleich auf meinen eigentlichen Gegenstand über, nämlich auf die Vorbereitungen, welche der Herr für die Ankunft des menschgewordenen Wortes und seiner heiligsten Mutter getroffen hat. Ich erzähle dieselben kurz nach gleicher Ordnung, in der sie uns in den heiligen Büchern geschildert sind.

Das erste Buch des Mose (Genesis) enthält den Anfang und die Erschaffung der Welt, welche Gott um des Menschen willen erschaffen hat; ferner die Teilung der Länder und Völker, ihre Züchtigung und Wiederherstellung, die Verwirrung der Sprachen, den Ursprung des auserwählten Volkes, dessen Hinabziehen nach Ägypten und viele andere große Geheimnisse, welche Gott dem Moses geoffenbart hat, damit wir dadurch seine Liebe und Gerechtigkeit erkennen möchten, in der er vor Anbeginn an die Menschen zu seiner Erkenntnis und seinem Dienste führen und dasjenige zum voraus andeuten wollte, was er später auszuführen beschlossen hatte.

147. Das zweite Buch des Mose (Exodus) erzählt die Erlebnisse des auserwählten Volkes in Ägypten, die verschiedenen Plagen, welche Gott über Ägypten verhängte, um sein Volk zu befreien, was nicht ohne geheimnisvolle Vorbedeutung geschah; sodann den Durchzug durch das Meer, die Übergabe des geschriebenen Gesetzes, welche nach vielen Vorbereitungen und unter Zeichen und Wundern vor sich ging, und noch viele andere Geheimnisse und Wunder, welche Gott für sein Volk wirkte. Das eine Mal strafte Gott die Feinde der Israeliten, ein anderes Mal die Israeliten selber. Jene züchtigte er als strenger Richter, diese wies er zurecht wie ein liebevoller Vater, indem er sie lehrte, wie sie in den Leiden die Wohltat erkennen sollten. Große Wunder wirkte Gott durch den Stab des Mose. Dieser Stab war ein Vorbild des Kreuzes, an welchem das menschgewordene Wort als Opferlamm dargebracht werden sollte, den einen zur Auferstehung, den anderen zum Fall (Lk 2, 34); denn ebenso ward der Stab des Mose beim Durchzug durch das Rote Meer den Juden zum Heil, den Ägyptern zum Verderben, indem die ersteren durch Mauern von Wassern beschützt, die letzteren aber durch die Fluten ertränkt wurden. Während der Herr alle diese Geheimnisse wirkte, durchflocht er das Leben der Heiligen mit Freude und Trauer, mit Mühsal und Trost, indem seine unendliche Weisheit und Vorsehung alles so fügte, dass dadurch das Leben und Sterben unseres Herrn Jesu Christi vorgebildet wurde.

148. Im dritten Buche des Mose (Levitikus) sind zahlreiche Opfer und gesetzliche Zeremonien beschrieben und verordnet, um Gott zu versöhnen. Diese Opfer waren Vorbilder des Lammes, welches sich einstmals der göttlichen Majestät für uns und alle Menschen opfern und damit jene vorbildlichen Opfer erfüllen sollte. Ferner werden die priesterlichen Gewänder des Hohenpriesters Aaron erklärt. Aaron war ein Vorbild Christi, wiewohl übrigens Christus Priester war nicht nach der niedrigen Ordnung Aarons, sondern nach der Ordnung des Melchisedech (Ps 110, 4).

149. Das vierte Buch des Mose (Numeri) beschreibt den Aufenthalt der Israeliten in der Wüste. Es enthält zahlreiche Vorbilder der heiligen Kirche und Christi, des menschgewordenen Sohnes Gottes, sowie seiner heiligsten Mutter. Aber auch die übrigen Gerechten sind darin in mannigfacher Weise vorgebildet; denn die Feuersäule, das Manna, der Felsen, aus weichem Wasser quoll, und andere Vorkommnisse und Geheimnisse deuten in verschiedenem Sinne auf das, was im Neuen Bund geschah. Überdies enthält dieses Buch die Volkszählungen und andere Geheimnisse von größter Bedeutung.

150. Das fünfte Buch des Mose (Deuteronomium) enthält das zweite Gesetz. Es ist dieses jedoch kein vom ersten verschiedenes Gesetz, sondern nur eine Wiederholung desselben, und zwar in der Weise, dass es das Gesetz des Evangeliums noch deutlicher vorbildet. Weil nämlich nach den verborgenen Ratschlüssen Gottes und aus Gründen, welche nur seiner unendlichen Weisheit bekannt sind, die Zeit der Menschwerdung sich noch verzögern sollte, so wollte Gott das Gesetz auf solche Art erneuern, dass es jenem Gesetze gliche, welches er nachher durch seinen eingebornen Sohn zu gründen beschlossen hatte.

151. Jesus Nave oder Josue führte das Volk Gottes in das Land der Verheißung. Nach Überschreitung des Jordans verteilt er das Land und wirkt große Taten, so dass er nicht nur dem Namen nach, sondern auch durch seine Werke ein gar deutliches Vorbild unseres Erlösers ist. Durch ihn ist die Zerstörung der vom Satan in Besitz genommenen Reiche vorgebildet sowie jene Scheidung der Guten und Bösen, welche am Jüngsten Tage stattfinden wird.

152. Auf das Buch Josue folgt das Buch der Richter. Als nämlich das israelitische Volk sich bereits im Besitze des verheißenen und ersehnten Landes befand, das in erster Linie und im eigentlichen Sinne ein Vorbild der Kirche ist, welche sich Jesus Christus um den Preis seines Blutes erworben hat, verordnete Gott die Richter. Diese mussten das Volk regieren, namentlich zur Zeit jener Kriege, mit denen es zur Strafe für seinen beständigen Ungehorsam und seine Abgötterei von Seiten der Philister und anderer feindlich gesinnter Nachbarvölker heimgesucht wurde. In diesen Kriegen beschützte und befreite sie der Herr, so oft sie sich durch Buße und Besserung des Lebens zu ihm bekehrten. In dem erwähnten Buch werden die Taten zweier starker, heldenmütiger Frauen erzählt, nämlich der Richterin Debbora, welche das Volk von schwerem Druck befreite, und der Jahel, welche gleichfalls zum Sieg beitrug. Alle diese Ereignisse sind ausdrückliche Vorbilder und Gleichnisse dessen, was in der Kirche geschieht.

153. Nach den Richtern kamen die Könige. Die Israeliten hatten nämlich um Könige gebeten, weil sie den übrigen Völkern in der Regierungsweise ähnlich sein wollten. Diese Bücher enthalten große Geheimnisse, welche auf die Ankunft des Messias deuten. Der Tod des Priesters Heli und des Königs Saul bedeutet die Abschaffung des alten Gesetzes. Sadok und David versinnbilden das neue Reich und Priestertum Christi sowie die Kirche, welche im Verhältnis zur Gesamtheit der Menschen nur eine kleine Zahl in sich schließt. Die übrigen Könige Israels und Judas sowie die wiederholten Gefangenschaften sind gleichfalls Vorbilder großer Geheimnisse in der heiligen Kirche.

154. Während der Zeit der beschriebenen Ereignisse lebte der geduldige Job. Alle seine Worte sind voll von Geheimnissen.

Diese beziehen sich auf das Leben unseres Herrn Jesu Christi, auf die Auferstehung der Toten ihm Fleisch, das ein jeder auf Erden hat, ferner auf das Letzte Gericht sowie auf die Gewalt und Hinterlist des Satans und seine Anfechtungen. Ganz besonders aber wollte Gott in Job allen Sterblichen einen Spiegel der Geduld vor Augen halten, damit wir alle von ihm lernen, wie wir die Leiden übertragen sollen, da wir das Leiden und Sterben Christi als etwas bereits Geschehenes vor Augen haben; denn vor der Zeit Christi hat es keinen Heiligen gegeben, welcher ihn in solcher Geduld nachahmte, wiewohl Job ihn nur wie aus weitester Ferne schaute.

155. Die zahlreichen großen Propheten, welche Gott zur Zeit der Könige seinem Volk sandte (denn zu jener Zeit bedurfte es ihrer am meisten), berichten so große und tiefe Geheimnisse, dass jedermann sieht, wie Gott alles getan hat, um die Ankunft des Messias und sein Gesetz deutlich anzukündigen. Dasselbe ist vom Herrn zuvor schon durch die Altväter und Patriarchen geschehen. In all diesen Heiligen schuf Gott ebenso viele Vorbilder oder Ebenbilder des menschgewordenen Wortes, durch welche er die Menschen auf den kommenden Messias und sein Gesetz vorbereiten und letzterem ein Volk zurüsten wollte.

156. In den drei großen Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob legte Gott große Gnaden nieder, damit er sich gleichsam mit Ehren den «Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs» nennen könnte. Um in diesen Namen sich zu ehren, wollte Gott sie ehren durch Offenbarung ihrer Würde, ihrer ausgezeichneten Tugenden und der großen Geheimnisse, die er ihnen anvertraut hatte. Der Patriarch Abraham war berufen, dasjenige in seiner Person darzustellen und vorzubilden, was später der ewige Vater zu tun beschlossen hatte durch Hingabe seines eingebornen Sohnes. Darum prüfte Gott diesen Patriarchen durch das Gebot, den Isaak zu opfern (Gen 22, 1). Als aber der gehorsame Vater das Opfer vollziehen wollte, hinderte ihn daran derselbe Herr, der es befohlen hatte. Ein so heldenmütiges Werk wie die wirkliche Hinopferung des Eingebornen wollte der Vater sich selber vorbehalten; von Abraham sollte man nur sagen können, dass er wenigstens daran war, es zu tun. Wer bewundert hier nicht die eifersüchtige Liebe Gottes, die da so stark war wie der Tod (Hld 8, 6). Indes sollte ein so schönes Vorbild nicht unvollkommen bleiben; es wurde vollendet, indem Abraham einen Widder opferte; denn dieser war gleichfalls ein Vorbild jenes Lammes, welches die Sünden der Welt hinweg nehmen sollte (Joh 1, 29).

157. Dem Jakob zeigte der Herr die Himmelsleiter(Gen 28,12). Diese schloss gar viele Geheimnisse und Bedeutungen in sich. Ganz besonders aber versinnbildete sie das menschgewordene Wort; denn dieses ist der Weg und die Leiter, auf welcher wir zum Vater aufsteigen und auf welcher die Gottheit zu uns niederstieg. Mittels dieser Leiter steigen die Engel auf und nieder, welche uns erleuchten, beschützen und auf den Händen tragen (Ps 91,12), damit wir uns nicht etwa anstoßen an die Steine der Irrtümer, Ketzereien und Laster, mit denen unser irdischer Lebensweg besät ist, sondern damit wir mitten durch sie sicher hindurchgehen und auf dieser Leiter aufsteigen mittels des Glaubens und der Hoffnung der heiligen Kirche, welche nichts anderes ist als das «Haus Gottes und die Pforte des Himmels (Gen 28,17)» und der Heiligkeit.

158. Den Moses hatte Gott erwählt, «der Gott Pharaos (Ex 7, 1)» und Anführer des israelitischen Volkes zu werden. Darum zeigte er ihm den wunderbaren Dornbusch (Ex 3, 2 ff), welcher brannte und doch nicht verbrannte. Dieser Dornbusch bedeutete in prophetischer Weise die in unsere menschliche Natur gehüllte Gottheit unseres Erlösers, in welchem das Menschliche dem Göttlichen keinen Abbruch tat und das Göttliche das Menschliche nicht verzehrte. Zugleich bedeutete der Dornbusch die ewige Jungfräulichkeit der Mutter des Wortes an Leib und Seele, und dass sie, obwohl Tochter Adams und mit jener Natur bekleidet, welche von der ersten Schuld angesteckt ist, dennoch rein und fleckenlos sein werde.

159. Den David hat Gott gleichfalls zu einem Mann nach seinem Herzen gemacht (1 Sam 13,14), auf dass er die Erbarmungen des Herrn in würdiger Weise lobsingen könnte (Ps 89, 2). Dies hat er auch getan; denn in seinen Psalmen sind nicht bloß alle Geheimnisse des Gnadengesetzes enthalten, sondern auch die des geschriebenen und des natürlichen Gesetzes. Auch hat er die Zeugnisse, Gerichte und Werke des Herrn nicht bloß mit seinem Mund besungen, sondern er hat sie auch in seinem Herzen bewahrt, um sie zu betrachten bei Tag und bei Nacht (Ps 1, 2). Dadurch, dass er Beleidigungen verzieh, wurde er ein sprechendes Abbild desjenigen, welcher kommen sollte, um uns die unsrigen zu verzeihen, Darum werden ihm auch die deutlichsten und nachdrücklichsten Verheißungen von der Ankunft des Welterlösers gegeben.

160. Salomon, der Friedenskönig und in dieser Hinsicht ein Vorbild des wahren Königs der Könige, hat seine große Weisheit geoffenbart in verschiedenen heiligen Büchern, in denen er die Geheimnisse Christi andeutet. Hauptsächlich hat er dies getan in den Bildern des Hohenliedes, in welchen er in geheimnisvoller Weise von dem menschgewordenen Worte, von seiner heiligsten Mutter von der Kirche und den Gläubigen redet. Auch hat er die mannigfachsten Sittenlehren verkündet, aus denen viele andere Schriftsteller wie aus einer Quelle der Wahrheit und des Lebens geschöpft haben.

161. Wer wird aber den Herrn würdig zu lobpreisen vermögen für die Wohltat, die er uns erwiesen hat, indem er uns aus der Mitte seines Volkes die glorreiche Schar der heiligen Propheten gegeben hat? Denn diesen heiligen Männern hat die ewige Weisheit die Gnade der Weissagung in reichster Fülle mitgeteilt und hat sie zu ebenso vielen Leuchten in seiner Kirche gemacht, damit sie uns die Sonne der Gerechtigkeit und die Strahlen, welche diese im Gesetze der Gnade durch ihre Werke ausgießen sollte, aus weitester Ferne verkündigten.

Die beiden großen Propheten Jesaja und Jeremias waren auserwählt, uns in ebenso tiefsinniger als lieblicher Weise die Geheimnisse der Menschwerdung des Wortes, seine Geburt, sein Leben und Sterben zu verkünden. Jesaja gab uns die Verheißung, dass eine Jungfrau empfangen und gebären werde, dass sie uns einen Sohn schenken werde. dessen Namen man Emmanuel nenne (Jes 7,14). Er sagte, es werde uns ein Sohn geboren werden, auf dessen Schultern die Herrschaft ruhe (Jes 9, 6). Aber auch die übrigen Geheimnisse des Lebens Christi sagte dieser Prophet mit solcher Klarheit voraus, dass seine Weissagung ein Evangelium zu sein scheint. Jeremias verkündete, der Herr werde Neues schaffen auf Erden, eine Frau werde in ihrem Schoß einen Mann umschließen (Jer 31, 22). Dieser Mann kann offenbar niemand anders sein als Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch. Derselbe Prophet verkündete ferner die Geheimnisse des Lebens Christi, sein Leiden, die schmachvolle Behandlung, die er erfahren und den Tod, den er erdulden sollte (Klgl 3,1 ff). Wenn ich an diese Propheten denke, bin ich von Erstaunen und Bewunderung ganz hingerissen. Jesaja flehte, der Herr möge das Lamm senden, den Beherrscher der Erde, aus Petra in der Wüste nach dem Berg der Tochter Sion (Jes 16, 1). Er bittet, der Herr möge das Lamm senden, d. h. das menschgewordene Wort, welches seiner Gottheit nach im Himmel war. Der Himmel aber wird hier Wüste genannt. weil er von Menschen noch ganz leer war. Auch wird er Petra-Fels genannt, wegen seiner Unbeweglichkeit, Festigkeit und der ewigen Ruhe, die man darin genießt. Der Berg, auf welchen der Messias kommen soll, bedeutet im geistlichen Sinne die heilige Kirche und vor allem die allerseligste Jungfra Maria, die Tochter Sions, d. i. «der Anschauung des Friedens». Der Prophet beruft sich auf sie als die Mittlerin, durch welche er den ewigen Vater bestimmen will, das Lamm, d. i. seinen Eingebornen, zu senden; denn unter allen anderen Menschen findet sich kein einziger, welcher den Herrn in so wirksamer Weise bestimmen konnte, Mensch zu werden, wie diese Mutter, welche das Lamm mit dem Vlies seiner heiligsten Menschheit bekleiden sollte. Alle diese Gedanken sind in jenem prophetischen und lieblichen Gebete des Jesaja enthalten.

162. Ezechiel schaute gleichfalls diese jungfräuliche Mutter, und zwar unter dem Bild oder Gleichnis jenes «verschlossenen Tores», welches nur für den Gott Israels offen stehen sollte und durch welches kein anderer eingehen durfte (Ez 44, 2). Habakuk schaut Christus unsern Herrn am Kreuze. Auch weissagte er in bedeutungsvollen Worten die Geheimnisse der Erlösung und die wunderbaren Wirkungen des Leidens und Sterbens unsere Heilandes (Hab 3). Joel beschreibt das Land der zwölf Stämme, unter denen die zwölf Apostel, die Häupter aller Kinder der Kirche, verstanden sind (Joel 2, 28). Auch verkündete er die Herabkunft des Heiligen Geistes über alle Diener und Dienerinnen des Allerhöchsten und deutete auf die Zeit der Ankunft und des Lebens Christi. Aber auch alle übrigen Propheten haben die Geheimnisse des Lebens Christi wenigstens teilweise vorherverkündet. Der Allerhöchste wollte nämlich durch diese frühzeitigen, reichen und wunderbaren Prophezeiungen und Vorbilder kundtun und bezeugen, welche Liebe und Sorgfalt er für die Menschen habe und mit welchen Schätzen er seine Kirche bereichern wolle. Zugleich wollte er aber auch unsere Lauigkeit und Gleichgültigkeit tadeln. Denn jene Altväter und Propheten haben mittels der bloßen Schattenbilder und Vorbilder zur göttlichen Liebe sich entflammt und dem Herrn Lob- und Jubellieder gesungen; wir aber, die wir die Wahrheit besitzen und den hellen Tag die Gnade schauen, vergessen gefühllos so große und zahllos Wohltaten; wir verlassen das Licht und suchen die Finsternis.

ZWÖLFTES HAUPTSTÜCK: Sehnsucht nach dem Erlöser - Joachim und Anna

Mit der Ausbreitung des Menschengeschlechtes nahmen das laute Rufen der Gerechten nach dem Messias, aber auch die Sünden der Menschen zu. Gott der Herr sandte der Welt zwei große Lichter, damit sie das Gesetz der Gnade ankündigten.

163. Die Nachkommen Adams vermehrten sich immer mehr und mehr. Gerechte und Ungerechte wurden immer zahlreicher, und so nahm einerseits das flehentliche Rufen der Heiligen nach einem Erlöser, anderseits aber auch die Ungerechtigkeit der Sünder zu, welche die Welt der Wohltat der Erlösung unwürdig machte. Die Vorbereitungen, die Gott in seinem Volke für die Ankunft des Messias traf, waren in ihr letztes Stadium eingetreten, so dass das menschgewordene Wort seinen größten Triumph feiern konnte. Das Reich der Sünde hatte seine Bosheit in den Kindern des Verderbens fast bis zum Äußersten gebracht, und die passende Zeit für das Heilmittel war gekommen. Die Verdienste und Siege der Gerechten waren groß geworden. Voll Freude sahen die Propheten und heiligen Altväter im göttlichen Licht, dass das Heil und die Ankunft ihres Erlösers sich nähere. Darum verstärkten sie ihr flehentliches Rufen und Seufzen, dass Gott die Weissagungen und die seinem Volke gemachten Verheißungen erfüllen möge. Vor dem königlichen Thron der göttlichen Barmherzigkeit stellten sie vor, wie sehr sich die seit Erschaffung des ersten Menschen herrschende Nacht und Finsternis der Sünde in die Länge ziehe und wie das ganze übrige Menschengeschlecht in der Nacht des Götzendienstes blind dahinlebe (Weish 17, 20).

164. Die alte Schlange hatte mit ihrem Gifthauche den ganzen Erdkreis angesteckt und befand sich dem Anschein nach im friedlichen Besitz des Menschengeschlechts. Die Menschen aber waren nicht bloß jenes Lichtes, dessen sie sich mittels des geschriebenen Gesetzes erfreuen konnten, verlustig geworden, sondern hatten auch das Licht der Vernunft beinahe verloren, so dass sie, anstatt den einen wahren Gott zu suchen, eine Menge falscher Gottheiten sich bildeten (Röm 1, 20 ff). Ein jeder machte sich einen Gott nach seinem Geschmack, und niemand dachte daran, dass ein solcher Wirrwarr falscher Götter der vollendete Gegensatz von Vollkommenheit, Ordnung und Ruhe sei. Infolge dieser Irrtümer war die Bosheit, die Unwissenheit und das Vergessen des wahren Gottes den Menschen zur zweiten Natur geworden. Die Welt sah nicht mehr ein, dass ihre Krankheit eine tödliche sei, ja dass sie sich bereits im Todesschlaf befinde, und darum öffneten die armen Kranken nicht einmal ihren Mund, um sich eine Arznei zu erbitten. Die Hoffart führte die Herrschaft, und der Toren gab es unzählig viele (Koh 1, 15). Luzifer wähnte in seinem Übermut, die reinen Gewässer des Jordan verschlucken zu können (Job 40, 18). So waren also die Beleidigungen Gottes und die Unwürdigkeit der Menschen aufs höchste gestiegen, und die Gerechtigkeit Gottes hätte genugsam Grund gehabt. alles Erschaffene zu vernichten und in das frühere Nichts zurücksinken zu lassen.

165. In dieser Zeit und unter diesen Umständen gedachte der Allerhöchste - menschlich geredet - seiner Barmherzigkeit. Er neigte die Waagschale seiner unfassbaren Gerechtigkeit durch das Gesetz der Milde und wollte mehr Rücksicht nehmen auf seine eigene Güte und auf das Rufen und den Gehorsam der Propheten und übrigen Gerechten seines Volkes als auf die Bosheit. womit die Sünder der ganzen Welt ihn beleidigten und seinen Zorn herausforderten. In dieser so bangen Nacht des alten Gesetzes beschloss Gott, sichere Bürgschaft des Tages der Gnade zu geben und der Welt zwei hellleuchtende Gestirne zu senden, welche die annähernde Klarheit der Sonne der Gerechtigkeit, unseres Heilandes Jesu Christi, ankündigen sollten. Diese Gestirne waren der heilige Joachim und die heilige Anna, beide nach göttlichem Ratschluss mit Gnaden reichlichst ausgerüstet und gebildet nach dem Herzen Gottes. Der heilige Joachim hatte sein Haus, seine Familie und Verwandtschaft in Nazareth, einem Städtchen Galiläas. Er war allezeit ein gerechter, heiliger Mann gewesen und mit besonderen Erleuchtungen vom Himmel begnadigt. Er kannte viele Geheimnisse der Heiligen Schrift und der alten Propheten. In unablässigem, eifrigstem Gebete flehte er zu Gott um Erfüllung seiner Verheißungen, und sein Glaube, seine Liebe drang durch die Himmel. Joachim war ein Mann von sehr großer Demut und Reinheit, von heiligen Sitten und außerordentlicher Einfalt des Herzens, dabei aber sehr ernst und würdevoll, sehr gesetzt und eingezogen.

166. Die glückliche heilige Anna hatte ihre Heimat in Bethlehem. Sie war eine sehr keusche, demütige und wohlgestaltete Jungfrau. Von Kindheit an war sie heilig, sittsam und mit allen Tugenden geziert. Auch sie empfing vom Allerhöchsten große und beständige Erleuchtungen und war innerlich stets in die tiefste Betrachtung versenkt. Dabei war sie sehr dienstfertig und arbeitsam und gelangte auf diese Weise zur höchsten Stufe der Vollkommenheit im tätigen wie im beschaulichen Leben. Sie besaß die eingegossene Kenntnis der Heiligen Schrift und ein tiefes Verständnis der darin enthaltenen Geheimnisse. In Bezug auf die eingegossenen Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe konnte ihr niemand an die Seite gestellt werden. Mit solchen Gnadengaben ausgerüstet, flehte sie unablässig um die Ankunft des Messias, und ihre Bitten waren dem Herrn so angenehm und bewegten sein Herz so sehr, dass er in ganz besonderer Weise an sie die Worte des Hohenliedes richten konnte: «Du hast mein Herz verwundet mit einem deiner Haare (Hld 4, 9).» Denn wenn die Ankunft des Messias beschleunigt wurde, so hat unter allen Heiligen des Alten Bundes die heilige Anna durch ihre Verdienste ohne allen Zweifel das meiste dazu beigetragen.

167. Diese «starke Frau (Spr 31, 10)» richtete auch flehentliche Gebete zu Gott, dass er ihr zum Lebensgefährten einen Mann gebe, welcher ihr behilflich wäre, das Gesetz Gottes und seinen heiligen Bund zu halten und seine Gebote vollkommen zu beobachten. Die göttliche Vorsehung fügte es, dass gleichzeitig mit der heiligen Anna auch der heilige Joachim die nämliche Bitte an Gott richtete, so dass diese beiden Bitten zu gleicher Zeit vor den Thron der allerheiligsten Dreifaltigkeit gelangten, wo sie gehört und erhört wurden. Alsbald ordnete Gott an, dass Joachim und Anna sich ehelichen und die Eltern derjenigen werden sollten, welche zur Mutter des menschgewordenen Gottes auserkoren war. Damit dieser Ratschluss ins Werk gesetzt werde, wurde der heilige Erzengel Gabriel abgesandt, dass er beiden davon Nachricht gebe. Die heilige Anna war eben in inbrünstigem Gebete um die Ankunft des Weltheilandes und um Hilfe für die Menschen begriffen, als ihr der Erzengel in körperlicher Gestalt erschien. Der heilige Himmelsfürst zeigte sich ihr in wunderbarer Schönheit und in hehrem Glanze, so dass sie ein wenig in Schrecken und Furcht geriet, zugleich aber mit innerer Freude und Erleuchtung des Geistes erfüllt wurde. In tiefer Demut warf sich die Heilige auf ihr Angesicht nieder, um dem Abgesandten des Himmels ihre Ehrfurcht zu bezeigen. Er aber hielt sie davon ab und machte ihr Mut; denn er sah in ihr die glückliche Frau, welches die Arche des wahren Manna in sich aufnehmen sollte; er betrachtete sie als die erwählte Mutter der seligsten Jungfrau Maria, der Mutter des ewigen Wortes. Diesem heiligen Erzengel war das Mysterium des Herrn, das verborgene Geheimnis bereits erschlossen worden, da er mit dieser Botschaft betraut wurde. Den übrigen Engeln des Himmels war es damals noch nicht geoffenbart; denn diese Offenbarung oder Erleuchtung war dem heiligen Gabriel allein, und zwar unmittelbar vom Herrn mitgeteilt worden. Auch der heiligen Anna enthüllte der Engel dieses große Geheimnis noch nicht. Nachdem er um ihre Aufmerksamkeit gebeten, sprach er zu ihr: «Der Allerhöchste erteile dir, seiner Dienerin, seinen Segen; er sei dein Heil! Seine Majestät hat deine Bitten gehört. Er will aber, dass du mit deinem Bitten fortfahrest und um die Ankunft des Heilandes zu ihm rufest. Es ist sein Wille, dass du Joachim zum Gemahl nehmest; denn dieser ist ein Mann von geradem Herzen und wohlgefällig in den Augen des Herrn. In seiner Gemeinschaft wirst du in der Beobachtung des Gesetzes und im Dienst Gottes zu verharren vermögen. Fahre fort mit deinen Gebeten und Bitten und kümmere dich deinerseits um nichts anderes; denn der Herr selber wird alles leiten und ordnen. Wandle auf den geraden Pfaden der Gerechtigkeit! Die Wohnung deiner Seele sei stets in der Höhe! Bitte allezeit um die Ankunft des Messias und erfreue dich im Herrn, denn er ist dein Heil!» Mit diesen Worten verschwand der Engel. Die heilige Anna aber war über viele Geheimnisse der Heiligen Schrift erleuchtet, gestärkt und in ihrem Geist erneuert.

168. Dem heiligen Joachim erschien der heilige Erzengel nicht, wie der heiligen Anna, in körperlicher Gestalt. Vielmehr vernahm der Mann Gottes im Schlaf, wie der Engel zu ihm sprach: «Joachim, gesegnet seist du von der Hand des Allerhöchsten! Verharre in deinen Bitten, wandle in Geradheit auf dem Weg der Vollkommenheit! Es ist der Wille des Herrn, dass du Anna zur Gemahlin nehmest; denn sie ist eine Seele, welcher der Allmächtige seinen Segen gegeben hat. Trage Sorge für sie und ehre sie als ein Unterpfand vom Allerhöchsten; sage Seiner göttlichen Majestät Dank, dass er sie dir anvertraut hat!» Gestützt auf diese Botschaft des Himmels, begehrte Joachim alsbald die keuscheste Anna zur Braut. Es wurde die Verehelichung gefeiert, da beide der Anordnung Gottes folgten. Allein keines offenbarte dem anderen das Geheimnis, das ein jedes erfahren hatte. Erst einige Jahre später taten sie dies, wie ich am geeigneten Ort sagen werde (Teil 1, Nr. 184). Die beiden heiligen Gatten lebten in Nazareth und wandelten auf dem Weg der Gebote des Herrn. Ihre Werke verrichteten sie in Geradheit und Einfalt des Herzens und mit höchster Vollkommenheit; sie lebten untadelhaft und wurden in hohem Grad wohlgefällig und angenehm vor dem Herrn. Die Früchte und Erträge ihres Besitzes schieden sie alljährlich in drei Teile; den ersten Teil opferten sie dem Tempel zu Jerusalem zum Dienst des Herrn, den zweiten Teil gaben sie den Armen, und den dritten verwendeten sie zum bescheidenen Unterhalte für sich und ihre Familie. Gott aber vermehrte ihre zeitlichen Güter, weil sie dieselben mit solcher Freigebigkeit und Liebe verwendeten.

169. Unter sich selber lebten sie in unzerstörbarem Frieden und vollkommener Eintracht, ohne Klage und Streit. Die höchst demütige Anna war in allem dem Willen Joachims ergeben und untertan. Dieser heilige Mann aber suchte, in Demut mit der heiligen Anna wetteifernd, zuerst ihren Willen zu erfahren; denn sein Herz vertraute auf sie, und niemals ward sein Vertrauen getäuscht (Spr 31,11). So lebten sie denn in solch vollkommener Liebe, dass in ihrem ganzen Leben niemals eine Meinungsverschiedenheit zwischen ihnen vorkam; der Wille des einen war stets auch der Wille des anderen. Und da sie im Namen des Herrn vereint waren, so war auch er mit seiner heiligen Furcht mitten unter ihnen (Mt 18, 20). Der heilige Joachim befolgte aufs genaueste den Befehl des Engels, dass er seine Gattin ehre und für sie Sorge trage.

170. Der Herr kam der heiligen Mutter Anna mit den Segnungen der Süßigkeit zuvor (Ps 21, 4). Er verlieh ihr die erhabensten Gaben der Gnade und der eingegossenen Wissenschaft, damit sie dadurch auf das hohe Glück, das ihrer wartete, vorbereitet würde, auf das Glück, Mutter derjenigen zu sein, welche zur Mutter des Herrn erwählt war. Und da die Werke des Herrn vollkommen und vollendet sind, so war es entsprechend, dass er sie zu einer würdigen Mutter des allerreinsten Geschöpfes machte, jenes Geschöpfes, welches an Heiligkeit nur allein unter Gott, dagegen hoch über allen anderen Geschöpfen stehen sollte.

171. Diese beiden heiligen Ehegatten blieben zwanzig Jahre lang ohne Nachkommenschaft, was zu jener Zeit und bei jenem Volke als das größte Unglück und als eine Strafe Gottes angesehen wurde. Sie mussten darum von Seiten ihrer Nachbarn und Bekannten vielfache Schmach und Verachtung ertragen; denn man war der Meinung, dass jene, welche kinderlos sind, an der Ankunft des erwarteten Messias keinen Anteil haben. Der Allerhöchste aber, welcher mittels dieser Demütigung sie prüfen und auf die Gnade, die er ihnen bereithielt, vorbereiten wollte, verlieh ihnen Geduld und Ergebung, auf dass sie in Tränen und flehentlichem Gebet jene Frucht säten, die sie einst ernten sollten (Ps 126, 5). Sie verrichteten viele und inbrünstige Gebete aus der Tiefe ihres Herzens; denn sie hatten hierzu besondere Befehle vom Himmel erhalten. Auch versprachen sie dem Herrn durch ein ausdrückliches Gelübde, dass sie, wenn er ihren Ehebund mit Nachkommenschaft segne, dieselbe zu seinem Dienste im Tempel aufopfern würden.

172. Diese Aufopferung geschah auf besonderen Antrieb des Heiligen Geistes. Gott wollte, dass diejenige, welche zur Wohnstätte seines eingebornen Sohnes auserwählt war, schon vor ihrer Erschaffung ihm aufgeopfert und durch die Hände ihrer Eltern ihm gleichsam übergeben werde. Denn hätten die heiligen Eltern nicht damals schon, als sie ihres Anblickes und Umganges noch nicht gewürdigt waren, durch ihr eigenes Gelübde sich verpflichtet gehabt, sie im Tempel zu opfern, sie hätten dies später, da sie ein so süßes, liebes Kind erblickten, vor übergroßer Liebe nicht mehr mit derselben Bereitwilligkeit ihres Herzens zu tun vermocht. Der Herr aber tat hiermit, menschlich geredet, seiner eifersüchtigen Liebe Genüge, in welcher er nicht duldete, dass seine heiligste Mutter jemals in anderen Händen sich befinde als in den seinen. Ja, seine Liebe fand in diesem Opfer gleichsam einigen Trost und Ersatz für die lange Zeit, die bis zu ihrer Erschaffung noch verstreichen sollte.

173. Als die heiligen Eltern, nachdem sie hierzu von ihrem Herrn Befehl erhalten, ein volles Jahr in solch flehentlichem Bitten hingebracht hatten, geschah es, dass Joachim auf Eingebung und Geheiss Gottes in den Tempel zu Jerusalem ging, um Gebete und Opfer für die Ankunft des Messias und für Erlangung des gewünschten Segens darzubringen. Da er nun mit mehreren seiner Landsleute kam, um in Gegenwart des Hohenpriesters die gewöhnlichen Opfergaben darzubringen, geschah es, dass ein anderer, untergeordneter Priester namens Issachar den ehrwürdigen Greis Joachim mit rauen Worten anfuhr und ihm Vorwürfe machte, dass er, obwohl unfruchtbar, doch mit den übrigen Männern zum Opfern daherkomme. Unter anderem sagte er zu ihm: «Joachim, wie kommst du, ein unnützer Mensch, zum Opfern? Geh weg von den anderen und hab acht, dass du mit deinen Opfergaben Gott nicht erzürnst; sie sind ja in seinen Augen doch nicht angenehm!» Beschämt wendete sich der heilige Mann in demütigem, liebevollem Gebete an den Herrn: «Allerhöchster Herr», sprach er, «ewiger Gott, auf deinen Befehl und nach deinem Willen bin ich in den Tempel gekommen. Der, welcher deine Stelle vertritt, verachtet mich; meine Sünden sind schuld an dieser Beschämung, denn durch deinen Willen ist sie mir zugestoßen. O verachte doch nicht das Werk deiner Hände !» (1 Die griechische Kirche bewahrt das Andenken an dieses Begebnis in ihren liturgischen Büchern. vgl. sie Menoea vom 9. Dezember). Voll Trauer, jedoch in Frieden und Ruhe begab sich Joachim vom Tempel hinweg auf ein ihm gehöriges Landgut, einen Meierhof. Hier in der Einsamkeit schrie er mehrere Tage lang zum Herrn und betete:

174. «Allerhöchster, ewiger Gott, von dem alles, was da ist, und auch das Heil des Menschengeschlechtes abhängt, hingeworfen vor deinem heiligsten Angesicht bitte ich dich, du wollest in deiner unendlichen Güte dich würdigen, auf die Betrübnis meiner Seele herabzusehen und die Bitten anzuhören, welche ich und deine Dienerin Anna an dich stellen! Vor deinen Augen liegen alle unsere Wünsche offen da (Ps 38,10), und wenn auch ich nicht würdig bin, erhört zu werden, so verschmähe doch nicht meine demütige Gattin! Herr, Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, unserer Väter (Dtn 9, 27), verbirg uns nicht deine Barmherzigkeit, und da du unser Vater bist, so lass nicht zu, dass ich bei meinen Opfern als unnütz den Verworfenen und Verstoßenen zugezählt werde, weil du mir keine Nachkommenschaft schenkst! Erinnere dich, o Herr, der Gaben und Opfer meiner Väter, deiner Diener und Propheten; lass vor dein Angesicht kommen ihre Werke, welche deinen göttlichen Augen so wohlgefällig waren! Und da du, mein Herr, mir befiehlst, dass ich zu dir, dem Allmächtigen, dem Allbarmherzigen, mein Gebet richte, so gib mir, um was ich in deinem Namen bitte; denn wenn ich zu dir flehe, so tue ich ja nur deinen heiligen Willen und erfülle dein Gebot, welches mir sichere Erhörung verbürgt. Und wenn meine Sünden deine Erbarmungen zurückhalten, so nimm von mir hinweg, was dir missfällt und was deine Barmherzigkeit aufhält! A«mächtig bist du, o Herr, Gott Israels. Alles, was du willst, kannst du vollbringen, und niemand ist, der dir widerstehen könnte (Est 13, 9). Lass meine Bitten zu dir kommen; denn bin ich auch arm und gering, so bist doch du der Unermessliche, der gerne seine Barmherzigkeit den Gedemütigten erzeigt. Wohin sollte ich mich wenden, wenn du mich abweisest. Du bist ja der König der Könige, der Herr der Herrschenden, der Allmächtige. Deine Kinder und Diener hast du erfüllt mit Gaben und Segnungen in ihren Geschlechtern, und was du an meinen Brüdern getan, das heißest du mich verlangen und erwarten von deiner freigebigen Güte. Wenn es dir gefällt, meine Bitte zu erhören, so werde ich den Sprössling, den deine Hand mir schenken wird, in deinem heiligem Tempel zu deinem Dienste opfern und weihen. Mein Herz und meinen Geist habe ich deinem Willen übergeben, und immer habe ich begehrt, meine Augen abzuwenden von der Eitelkeit. Tue an mir, was dir gefällt, und erfreue, o Herr, unser Herz durch Erfüllung unserer Hoffnung! Schaue herab von deinem Thron auf den niedrigen Staub der Erde und erhebe ihn, auf dass er dich verherrliche und anbete ! In allem geschehe aber dein Wille, nicht der meine!»

175. Dieses ist das Gebet, welches Joachim in seiner Einsamkeit verrichtete. Unterdessen verkündete der Engel der heiligen Anna, es wäre dem Herrn angenehm, wenn sie um Nachkommenschaft in jener heiligen Gesinnung und Meinung bitten würde, in welcher sie solche wünsche. Nachdem also die heilige Frau erkannt hatte, es sei so der Wille Gottes und zugleich der Wille Joachims, ihres Gemahls, so verrichtete sie in demütiger Ergebung und mit vollem Vertrauen in der Gegenwart des Herrn folgendes Gebet, wie ihr befohlen war: «Allerhöchster Gott, mein Herr, Schöpfer und Erhalter aller Dinge, den meine Seele ehrt und anbetet als den wahren, unendlichen, heiligen und ewigen Gott; vor deinem Angesicht liegend will ich reden, obwohl ich nur Staub und Asche bin (Gen 18, 27), und will meine Not und Betrübnis vorbringen. Herr, unerschaffener Gott, mache uns würdig deines Segens und verleihe uns eine heilige Frucht, damit wir sie aufopfern in deinem Tempel zu deinem Dienst ! O mein Herr, erinnere dich, dass deine Dienerin Anna, die Mutter Samuels, unfruchtbar gewesen und dennoch von deiner freigebigen Barmherzigkeit die Erfüllung ihrer Wünsche erlangt hat! Ich empfinde in meinem Herzen eine Gewalt, welche mich antreibt und ermutigt, dich um dieselbe Gnade zu bitten. Erhöre darum, mein süßester Herr und Gebieter, meine demütige Bitte und erinnere dich der Dienste, Gaben und Opfer, welche meine Väter dir darbrachten, und der Gnaden, welche dein allmächtiger Arm in ihnen gewirkt hat! Gerne möchte ich, o Herr, ein deinen Augen angenehmes und wohlgefälliges Opfer dir darbringen; allein das größte, das ich darbringen kann, das ist meine Seele, meine Fähigkeiten, meine Sinne, die du mir gegeben, und alles, was ich bin und habe. Und wenn du von deinem königlichen Thron auf mich herabblickst und mir Nachkommenschaft schenkst, so weihe und opfere ich sie von Stunde an zu deinem Dienst im Tempel. O Herr, Gott Israels, ist es dir genehm, auf diese geringe, arme Kreatur herabzublicken und deinen Diener Joachim zu trösten, o so gewähre uns diese Bitte! In allem aber geschehe dein heiliger, ewiger Wille!»

176. Dies waren die Gebete des heiligen Joachim und der heiligen Anna. Indes vermag ich in meiner Gebrechlichkeit und Unzulänglichkeit nicht alles auszudrücken, was mir über diesen Gegenstand und überhaupt über die unvergleichliche Heiligkeit dieser glücklichen Voreltern des Herrn geoffenbart wurde und was ich darüber empfinde. Es ist unmöglich, alles zu sagen. Es ist aber auch nicht notwendig, denn das Gesagte genügt zu meinem Zweck. Um sich aber eine hohe Vorstellung von diesen Heiligen zu machen, muss man die hocherhabene Bestimmung und die hohe Stellung, zu der sie von Gott auserwählt waren, als Messstab gebrauchen, die Bestimmung nämlich, die unmittelbaren Großeltern Christi unseres Herrn und die Eltern seiner heiligsten Mutter zu sein.

DREIZEHNTES HAUPTSTÜCK: Ankündigung der Empfängnis Mariä

Durch den heiligen Erzengel Gabriel wird die Empfängnis der allerseligsten Jungfrau Maria angekündigt und die heilige Anna durch eine außerordentliche göttliche Gnade dazu vorbereitet.

1. Die Gebete des heiligen Joachim und der heiligen Anna gelangten vor den Thron der allerheiligsten Dreifaltigkeit, wo sie angehört und gnädig aufgenommen wurden. Alsbald wurde den heiligen Engeln der göttliche Ratschluss geoffenbart. Es war - menschlich geredet -, als würden die göttlichen Personen folgendes zu ihnen sagen: «In unserer Barmherzigkeit haben wir beschlossen, dass die Person des Wortes menschliches Fleisch annehme, um in ihm das ganze Menschengeschlecht wiederherzustellen. Wir haben dies bereits unseren Dienern, den Propheten, geoffenbart und verheißen, damit sie es der Welt verkündigten. Die Sünden der Erdenbewohner und ihre Bosheit sind zwar so groß, dass sie uns eigentlich nötigen, die Strenge unserer Gerechtigkeit walten zu lassen; allein unsere Güte und Barmherzigkeit übersteigt alle ihre Übeltaten, und letztere vermögen unsere Liebe nicht auszulöschen (Hld 8, 7). Wir wollen darum ansehen die Werke unserer Hände, die wir nach unserem Bild und Gleichnis erschaffen haben (Sir 17, 1), damit sie Erben und Teilnehmer an unserer ewigen Seligkeit werden (1 Petr 3, 22). Wir wollen auf den Gehorsam, den unsere Diener und Freunde uns geleistet, und auf das Wohlgefallen,das sie uns bereitet haben, schauen. Wir wollen hinblicken auf die vielen, welche sich zu hoher Tugend erheben und groß sein werden in unserer Verherrlichung und in unserer Liebe. Ganz besonders aber wollen wir unser Augenmerk auf jene richten, welche aus Tausenden auserkoren und über allen Kreaturen zu unserer Freude und unserem Wohlgefallen auserwählt sein wird, auf jene, welche die Person des Wortes in ihrem Schoß empfangen und mit sterblichem Fleisch bekleiden wird. Und da dieses Werk, in welchem wir die Schätze unserer Gottheit der Welt offenbaren wollen, einen Anfang nehmen muss, so ist jetzt die rechte und angenehme Zeit zur Vollziehung dieses Geheimnisses gekommen. Joachim und Anna haben Gnade gefunden in unseren Augen, weswegen wir sie in Liebe ansehen und sie ausrüsten mit der Kraft unserer Gaben und Gnaden. In den Prüfungen ihrer Treue sind sie standhaft erfunden worden, und durch die Unschuld und Reinheit ihres Herzens haben sie sich angenehm und wohlgefällig gemacht in unseren Augen. Der Erzengel Gabriel gehe darum als unser Abgesandter hin, um ihnen die Nachricht zu bringen, die ihnen und dem ganzen Menschengeschlechte zur Freude gereicht; er verkündige ihnen, wie wir in Gnaden sie angesehen und auserwählt haben!»

178. Auf diese Weise ward den himmlischen Geistern der Willensentschluss des Allerhöchsten kundgetan. Der heilige Erzengel Gabriel warf sich, so wie jene reinsten, geistigen Wesen es tun, in tiefster Anbetung vor dem Thron der allerheiligsten Dreifaltigkeit nieder, und unterdessen ging eine geistig vernehmbare Stimme vom Thron Gottes aus, welche sprach: «Gabriel, erleuchte, stärke und tröste unsere Diener Joachim und Anna! Sage ihnen, dass ihre Gebete zu uns gekommen und ihre Bitten von unserer Güte erhört sind! Bring ihnen die Verheißung, dass sie eine Frucht des Segens von unserer Hand erhalten und dass Anna empfangen und eine Tochter gebären wird, der wir den Namen Maria geben!»

179. Mit diesem Auftrag des Allerhöchsten wurden dem heiligen Erzengel Gabriel viele darauf bezügliche Geheimnisse mitgeteilt. Unverzüglich schwebte er vom Himmel nieder und erschien dem heiligen Joachim, der eben im Gebet begriffen war. Er sprach zu ihm: «Gerechter, aufrichtiger Mann, der Allerhöchste hat von seinem königlichen Thron aus dein Verlangen gesehen. Er hat deine Bitten und Seufzer gehört und macht dich glücklich auf Erden. Deine Gattin Anna wird empfangen und eine Tochter gebären, welche gebenedeit sein wird unter den Frauen; alle Geschlechter werden sie seligpreisen (Lk 1, 42.48). Der ewige, unerschaffene Gott, der Schöpfer aller Dinge, der da gerecht ist in seinen Gerichten, der Mächtige und Starke, er schickt mich zu dir, weil deine Werke und deine Almosen ihm wohlgefällig sind. Die Barmherzigkeit bewegt das Herz des Allmächtigen und beschleunigt seine Erbarmungen. In seiner Freigebigkeit will er dein Haus und deine Familie durch eine Tochter bereichern, welche Anna empfangen wird. Der Herr selber gibt ihr den Namen Maria. Schon von Kindheit an soll sie dem Tempel und in ihm dem Herrn selber geweiht werden, wie ihr dies gelobt habt. Sie wird groß, auserlesen, mächtig und voll des Heiligen Geistes sein. Wegen der Unfruchtbarkeit Annas wird ihre Empfängnis wunderbar sein; wunderbar werden auch ihre Werke sein und ihr ganzes Leben. Lobpreise darum, Joachim, lobpreise den Herrn für diese Gnade und verherrliche ihn; denn keinem Volk hat er eine solche Gnade erwiesen (Ps 148, 20), Gehe hinauf zum Tempel in Jerusalem und danke! Zum Zeugnis, dass ich in Wahrheit dir diese frohe Botschaft verkünde, wirst du unter der goldenen Pforte deiner Gemahlin Anna begegnen, welche aus der gleichen Ursache zum Tempel gehen wird. Und ich sage dir, dass diese Botschaft wunderbar ist; denn die Empfängnis dieses Kindes wird Himmel und Erde erfreuen.»

180. Alles dieses geschah dem heiligen Joachim im Schlaf; denn während er in seinem langen Gebete begriffen war, hatte der Herr einen Schlaf über ihn kommen lassen, damit er die Botschaft in der gleichen Weise empfange, wie später Joseph der Bräutigam der allerseligsten Jungfrau Maria, jene Botschaft empfing, in welcher ihm geoffenbart wurde, dass Maria vom Heiligen Geist empfangen habe (Mt 1, 20). Der überglückliche heilige Joachim erwachte mit einer ungewöhnlichen inneren Wonne. Mit heiliger Weisheit und wohlbedacht verbarg er das Geheimnis des Königs in seinem Herzen (Tob 12, 7). In lebendigem Glauben und mit vollem Vertrauen goss er sein Herz vor dem Allerhöchsten aus. In zärtlicher Freude und innigem Dankgefühl zerfließend, lobte und pries er den Herrn für seine unerforschlichen Ratschlüsse, und um dies besser tun zu können, begab er sich in den Tempel, wie ihm der Engel befohlen hatte.

181. Während dies mit dem heiligen Joachim vorging, befand sich die glückselige heilige Anna in höchster Beschauung. Sie war ganz in Gott versenkt und in das Geheimnis der Menschwerdung des ewigen Wortes, nach welcher sie sich so innig sehnte, vertieft; denn der Herr hatte ihr über eben dieses Geheimnis sehr hohe Erkenntnisse und ein ganz besonderes eingegossenes Licht verliehen. In tiefer Demut und mit lebendigem Glauben bat sie den Allerhöchsten, dass er die Ankunft des Erlösers des Menschengeschlechtes beschleunigen möge. Sie sprach: «Allerhöchster König, Herr der ganzen Schöpfung, ich armseliges, verächtliches Geschöpf möchte mit Hingabe meines Lebens, das ich von dir empfangen, dich bewegen, dass du huldvoll die Zeit abkürzest. welche bis zur Ankunft unseres Heiles verstreichen soll. O möchte doch deine unendliche Güte sich herabneigen zu unserem Elend! O möchten doch unsere Augen den Erlöser und Heiland der Menschen schauen! Erinnere dich, o Herr, deiner Erbarmungen, die du vor alters gewirkt an deinem Volk, indem du deinen Eingebornen ihm verheißen hast ! Durch diesen deinen unendlich gütigen Ratschluss lass dich bestimmen! Es komme, es komme bald der so heiß ersehnte Tag! Doch, ist es wohl möglich, dass der Allerhöchste von seinem heiligen Himmel niedersteige? Ist es möglich, dass er auf Erden eine Mutter habe? Welche Frau wird so glücklich, so selig sein? O wer wird so glücklich sein, sie zu sehen? Wer wird gewürdigt sein, ihren Dienerinnen zu dienen? Selig die Geschlechter, welche sie sehen, ihr zu Füßen fallen und ihr huldigen können! Wie süß wird ihr Anblick, wie süß der Umgang mit ihr sein! Selig die Augen, welche sie sehen, selig die Ohren, welche ihre Worte hören, selig die Familie, welche der Allerhöchste auserwählen wird, um aus ihr seine Mutter zu nehmen! Möge nunmehr, o Herr. dein Ratschluss vollzogen und dein göttliches Wohlgefallen erfüllt werden !»

182. Mit diesen Anmutungen und Bitten war die heilige Anna beschäftigt, nachdem sie hohe Erleuchtungen über das unaussprechliche Geheimnis der Menschwerdung empfangen hatte. Sie besprach alle die angeführten Bitten mit ihrem heiligen Schutzengel, welcher oftmals. aber bei dieser Gelegenheit mit besonderer Klarheit sich ihr offenbarte. Der Allerhöchste fügte es, dass die Verkündigung der Empfängnis seiner heiligsten Mutter einige Ähnlichkeit hatte mit der später erfolgten Verkündigung der heiligsten Menschwerdung. Die heilige Anna dachte nämlich eben in demütiger Liebe über diejenige nach, welche Mutter der Mutter des menschgewordenen Wortes sein würde und die heiligste Jungfrau erweckte die gleichen Akte und Anmutungen zu jener, welche Mutter Gottes werden sollte, wie ich am gehörigen Ort noch sagen werde (Teil 2, Nr. 117ff). Auch war es ein und derselbe Engel, welcher beide Botschaften überbrachte und zwar beide in menschlicher Gestalt. wiewohl er übrigens der allerseligsten Jungfrau Maria in größerer Schönheit und mit mehr geheimnisvollen Abzeichen erschien.

183. Der heilige Erzengel Gabriel trat in menschlicher Gestalt, schöner und glänzender als die Sonne. zur heiligen Anna ein. Er sprach zu ihr: «Anna. Dienerin des Herrn. ich bin ein Engel des Rates des Allerhöchsten, gesandt aus der Höhe von dem allgütigen Gott, welcher herabsieht auf die Demütigen der Erde (Ps 138, 6). Gut ist unablässiges Gebet und demütiges Vertrauen. Der Herr hat deine Bitten erhört; denn er ist nahe denen, die mit lebendigem Glauben und standhafter Hoffnung ihn anrufen und in demütiger Unterwerfung seiner harren (Ps 145, 18). Und wenn er zögert, das Flehen und Seufzen seiner Gerechten zu erhören und ihre Bitten zu gewähren, so tut er dies nur deshalb, damit sie besser vorbereitet, er selbst aber mehr genötigt werde, ihnen weit mehr zu geben, als sie wünschen und verlangen. Gebet und Almosen eröffnen die Schätze des allmächtigen Königs und machen ihn geneigt, seine Erbarmungen reichlich über jene auszugießen, die ihn anrufen (Tob 12, 8.9). Du und Joachim, ihr habt gebeten um eine Frucht des Segens, und der Allerhöchste hat beschlossen, euch eine wunderbare, heilige Frucht zu geben; durch sie wird er euch bereichern mit himmlischen Gaben und euch weit mehr gewähren, als ihr verlangt habt. Da ihr euch verdemütigt habt im Gebet, so will der Herr sich selber verherrlichen in Gewährung eurer Bitten; denn sehr wohlgefällig ist ihm das Geschöpf, wenn es in Demut und Vertrauen ihn bittet und seiner unendlichen Macht keine Schranken setzt. Harre aus im Gebet; bitte unablässig zum Herrn, um ihn zu bewegen, dass er dem Menschengeschlecht Rettung sende! Durch ununterbrochenes Gebet bewirkte Mose, dass das Volk siegte (Ex 17, 11). Esther erlangte dem Volk durch vertrauensvolles Gebet Befreiung vom Tod (Est 4,16). Durch gleiches Gebet ward Judith gestärkt. das schwierige Werk zu vollziehen, das sie zum Heil Israels unternahm, und sie führte es aus, wiewohl sie ein schwaches, gebrechliche Frau war (Jud 9,1 ff; 13, 6). David war siegreich im Kampf gegen Goliath, weil er den Namen des Herrn im Gebete angerufen hatte (1 Kön 17, 45). Elias erlangte durch Gebet Feuer vom Himmel für sein Opfer (1 Kön 18, 36 ff); durch Gebet öffnete und schloss er die Himmel (Jak 5,17.18). Die Demut, der Glaube, die Almosen des Joachim und die deinen sind vor den Thron des Allerhöchsten gelangt, und darum hat er mich, seinen Engel, gesandt, dass ich dir eine Botschaft bringe, die deinen Geist erfreut. Der Allerhöchste will dich glücklich und selig machen. Er hat dich auserwählt zur Mutter derjenigen, welche den Eingebornen des Vaters empfangen und gebären soll. Du wirst eine Tochter gebären die durch göttliche Anordnung Maria heißen wird. Sie wird gebenedeit sein unter den Frauen und voll des Heiligen Geistes. Sie wird die Wolke sein, welche den Tau des Himmels zur Erquickung der Sterblichen herabträufeln wird (1 Kön 18, 44 f). In ihr werden die Prophezeiungen eurer Väter erfüllt werden. Sie wird die Pforte des Lebens und des Heiles sein für die Kinder Adams. Du sollst jedoch wissen, dass ich dem Joachim verkündigte, er bekomme eine Tochter, welche glücklich und gebenedeit sein werde; allein das Geheimnis hat der Herr sich vorbehalten und hat ihm nicht geoffenbart, dass sie die Mutter des Messias sein werde. Du musst also dein Geheimnis bewahren. Nun aber geh alsbald zum Tempel, um dem Allerhöchsten zu danken, dass seine mächtige Hand so freigebig dich bereichert hat. Unter der goldenen Pforte wirst du dem Joachim begegnen; dort wirst du diese Botschaft mit ihm besprechen. Dich aber, die Gesegnete des Herrn, will die göttliche Majestät auf ganz besondere Weise mit ihren Gnaden heimsuchen und bereichern. In der Einsamkeit wird er zu deinem Herzen reden (Hos 2, 14). Er wird dem Gesetz der Gnade seinen Ursprung verleihen, indem er in deinem Schoß derjenigen das Leben gibt. welche den unsterblichen Gott mit sterblichem Fleisch bekleiden und ihm Menschengestalt geben soll. In diese mit dem göttlichen Wort vereinigte Menschheit wird mit dem Blut des Lammes das wahre Gesetz der Barmherzigkeit eingeschrieben werden (Hebr 9,11 ff).»

184. Damit das demütige Herz der heiligen Anna bei dieser Freudenbotschaft des Engels vor Verwunderung und Wonne nicht zerschmelze, wurde ihre menschliche Schwäche durch den Heiligen Geist gestärkt, so dass sie mit einem großmütigen Herzen und mit unaussprechlicher Wonne die Botschaft anhörte und aufnahm. Sie machte sich alsbald auf und ging in den Tempel zu Jerusalem. Hier traf sie mit Joachim zusammen, wie es der Erzengel einem jeden gesagt hatte. Nun brachten sie beide zusammen dem Urheber dieses Wunders ihren Dank dar und opferten ihm ganz besondere Gaben. Sie wurden durch die Gnade des Heiligen Geistes aufs neue erleuchtet und kehrten voll göttlichen Trostes in ihre Heimat zurück, indem sie von den Gnadenerweisen sprachen, die sie vom Allerhöchsten empfangen hatten. Sie erzählten sich auch, wie der heilige Erzengel Gabriel zu einem jeden von ihnen besonders gesprochen und vom Herrn die Verheißung gebracht hatte, dass er sie mit einer Tochter segnen wolle, welche höchst glücklich und selig sein werde. Bei dieser Gelegenheit eröffneten sie sich auch gegenseitig, dass derselbe heilige Engel schon vor ihrer Verehelichung ihnen erschienen sei und ihnen befohlen habe, dem göttlichen Willen gemäß einander zur Ehe zu nehmen, um zusammen dem Herrn zu dienen. Zwanzig Jahre lang hatten sie dieses Geheimnis bewahrt, ohne dass eines dem anderen etwas davon gesagt hätte, bis der Engel ihnen die Geburt einer Tochter verhieß. Nun erneuerten sie ihr Gelübde. dieselbe dem Tempel zu opfern und gelobten, alljährlich auf diesen Tag in den Tempel zu wallfahren zur Darbietung besonderer Opfer; auch diesen Tag in Lob und Danksagung zuzubringen und reiche Almosen zu spenden, wie sie dies nachher in der Tat auch getan und mit wunderbaren Lobpreisungen den Allerhöchsten geehrt haben.

185, Die kluge Mutter Anna eröffnete niemals, weder dem heiligen Joachim noch irgendeiner anderen menschlichen Seele das Geheimnis, dass ihre Tochter die Mutter des Messias sein werde. Überhaupt erfuhr der heilige Vater Joachim während seines ganzen Lebens hierüber nichts weiteres, als dass seine Tochter groß und voll Gnaden sein werde; erst als er schon in den letzten Zügen und dem Hinscheiden nahe war, offenbarte ihm Gott das Geheimnis, wie ich am gehörigen Ort sagen werde (Unten Nr. 666). Über die Tugenden und die Heiligkeit der beiden Eltern der Himmelskönigin habe ich zwar große Erleuchtungen erhalten, indes will ich bei Erzählung dessen, was jeder Gläubige ohnedies zum voraus sich denken muss, nicht länger verweilen, sondern gehe sogleich zu meinem Hauptgegenstand über.

186. Sobald der Leib, welcher für die Mutter der Gnade bestimmt war, empfangen und bevor noch ihre heiligste Seele erschaffen war, verlieh Gott der heiligen Anna eine ganz außerordentliche Gnade. Sie hatte eine intellektuelle (rein geistige) und höchst erhabene Anschauung oder Erscheinung der göttlichen Majestät, in welcher ihr der Herr große Erleuchtungen und Gnaden verlieh, durch die er sie vorbereitete und mit «Segnungen der Süßigkeit (Ps 21, 4)» zum voraus erfüllte. Er reinigte sie ganz und gar, indem er den niederen Teil. d. i. den Leib, gleichsam vergeistigte, die Seele aber und den Geist dergestalt erhob, dass von jenem Tag an kein erschaffenes Ding mehr imstande war, sie an der vollkommenen und ununterbrochenen Hingabe des Geistes und des Willens an Gott auch nur einen Augenblick zu hindern; niemals verlor sie Gott aus den Augen. Während der Herr sie in dieser Weise begnadigte, sprach er zu ihr: «Anna, meine Dienerin, ich bin der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Mein Segen und ewiges Licht ist mit dir. Ich habe den Menschen gebildet, um ihn vom Staub zu erheben. ihn zum Erben meiner Herrlichkeit zu machen und ihn teilnehmen zu lassen an meiner Gottheit. Ich habe ihm viele Gnadengaben verliehen und habe ihn an einen heiligen Ort und in einen vollkommenen Stand versetzt; allein er gab der Schlange Gehör und verlor alles. Nun will ich aus freier Güte seine Undankbarkeit vergessen; ich will, was er verloren, wiederherstellen und erfüllen, was ich meinen Dienern, den Propheten, verheißen habe, dass ich ihnen nämlich meinen Eingebornen als Erlöser senden werde. Die Himmel sind verschlossen, die Altväter sind gehindert, mein Angesicht zu sehen und den Lohn meiner ewigen Herrlichkeit zu empfangen, den ich ihnen versprochen habe. Der Drang meiner unendlichen Liebe ist wie mit Gewalt aufgehalten. solange ich mich dem Menschengeschlechte nicht mitteile. Jetzt aber will ich den Menschen meine freigebigste Barmherzigkeit zeigen. Ich will ihnen die Person des ewigen Wortes geben; sie soll Mensch und von einer Frau geboren werden. Seine Mutter aber soll zugleich unbefleckte Jungfrau sein, reiner, gesegneter und heiliger als alle übrigen Geschöpfe. Dich aber mache ich zur Mutter dieser meiner auserwählten, meiner einzigen Braut (Hld 6, 8).»

187. Die Wirkungen, welche diese Worte des Allerhöchsten in dem reinen Herzen der heiligen Anna hervorbrachten, vermag ich nur schwer zu schildern. Sie war ja unter allen Sterblichen die erste, welche das Geheimnis wusste, dass die Tochter, welche aus ihrem Schoß geboren werde, auserwählt sei, Mutter Gottes zu sein und mitzuwirken zum erhabensten Geheimnis der göttlichen Allmacht. Es war auch geziemend und dem Geheimnis der Menschwerdung vollständig entsprechend, dass die heilige Anna wusste, wen sie gebären und erziehen sollte, damit sie den Schatz, den sie besaß, nach Gebühr ehre. In tiefster Demut hörte sie die Stimme des Allerhöchsten und antwortete mit ergebenem Herzen: «O Herr, ewiger Gott, in deiner unendlichen Güte liebst du es, die Armen und Verachteten durch die Kraft deines allmächtigen Armes aus dem Staub zu erheben (Ps 113, 7). Allerhöchster Herr, ich bekenne, dass ich ein Geschöpf bin, durchaus unwürdig, solche Erbarmungen und Gnaden zu empfangen. Was soll ich armes Erdenwürmlein in deiner Gegenwart tun? Nichts anderes kann ich dir zum Dank darbringen als deine eigene Wesenheit und Majestät und als Opfergabe meine Seele mit ihren Kräften. Verfüge, o Herr, mit mir nach deinem Willen, welchem ich mich ganz und gar anheimstelle. Wohl wünschte ich, dein Eigentum in so würdiger Weise zu sein, wie eine solche Gnade es erfordert; allein was soll ich tun, da ich völlig unwürdig bin, auch nur die Dienerin derjenigen zu sein, welche Mutter deines Eingebornen und meine Tochter sein soll? Also erkenne und bekenne ich und werde es allezeit bekennen, dass ich ein armes Geschöpf bin. Allein hingeworfen zu den Füßen deiner Majestät, harre ich, dass du deine Barmherzigkeit an mir erzeigest; denn du bist ein liebevoller Vater und allmächtiger Gott. Mache du mich, o Herr, wie du mich haben willst, entsprechend der Würde, die du mir verleihst!»

188. In dieser Vision hatte die heilige Anna eine wunderbare Verzückung, in welcher ihr sehr hohe Erkenntnisse vom natürlichen, geschriebenen und evangelischen Gesetz verliehen wurden. Sie erkannte, wie die göttliche Natur im ewigen Wort sich mit unserer Natur vereinigen und wie die heiligste Menschheit zu der Wesenheit (Persönlichkeit) Gottes erhöht werde und noch viele andere Geheimnisse, welche in der Menschwerdung des göttlichen Wortes gewirkt werden sollten. Durch diese Erleuchtungen und durch andere göttliche Gnadenauszeichnungen bereitete der Allerhöchste sie vor auf die Empfängnis und Erschaffung der Seele ihrer heiligsten Tochter, der Mutter Gottes.

VIERZEHNTES HAUPTSTÜCK: Die heiligen Schutzengel Mariä

Der Allerhöchste offenbart den heiligen Engeln, dass die zur Empfängnis der allerseligsten Jungfrau Maria vorherbestimmte Zeit gekommen sei. Er bezeichnet die Engel, welche er zu ihrem Schutze bestimmt. ***

189. Im Rat des göttlichen Willens, als dem notwendigen Ursprung und der allgemeinen Ursache alles Erschaffenen, werden alle Dinge, welche geschehen sollen, samt ihre Bedingungen und Umständen beschlossen und festgesetzt; keines wird vergessen, und keines kann, nachdem es einmal bestimmt ist, durch irgendeine erschaffene Gewalt verhindert werden, Alle Himmelskreise samt ihren Bewohnern sind von dieser wunderbaren Weltregierung abhängig. Auf alles achtet sie; sie wirkt mit den natürlichen Ursachen mit, und niemals hat ein Tüpfchen vom Notwendigen gefehlt, noch kann je ein solches fehlen. Durch seinen bloßen Willen hat Gott alles erschaffen, und durch seinen bloßen Willen erhält er es.An ihm allein liegt es, ob er die Dinge, die er erschaffen. erhalten oder ob er sie vernichten und in das Nichts zurücksinken lassen wolle, aus dem er sie gezogen hat. Da er aber alle Dinge zu seiner Ehre und zur Ehre des menschgewordenen Wortes erschaffen hat, so war er schon seit Anbeginn der Schöpfung darauf bedacht, die Pfade zu eröffnen und die Wege zu bereiten, auf denen das ewige Wort herabsteigen sollte, um menschliches Fleisch anzunehmen und mit den Menschen zu verkehren, die Wege, auf denen aber auch die Menschen zu Gott aufsteigen und dazu gelangen sollten, Gott zu erkennen, zu fürchten, zu suchen, zu lieben und ihm zu dienen, um hernach ewiglich ihn zu loben und ihn zu genießen.

190. Wunderbar ist sein Name geworden auf der ganzen Erde (Ps 8, 2) und groß in der vollen Versammlung der Heiligen, dadurch, dass er beschlossen hat, sich ein Volk zu bilden, das seiner Annahme würdig wäre (Tit 2, 14), ein Volk, das zu seinem Haupt das menschgewordene Wort haben sollte. Nun aber war alles auf der letzten Stufe der gehörigen Vorbereitung, in welche die göttliche Vorsehung es stellen wollte. Die Zeit war gekommen, in der jene wunderbare, mit der Sonne bekleidete Frau, die im Himmel erschienen war (Offb 12, 1), nach göttlichem Ratschluss erschaffen werden sollte, um die ganze Erde zu erfreuen und zu bereichern. Darum beschloss die heiligste Dreifaltigkeit, auszuführen, was ich geschaut und jetzt in schwachen Worten wiedergeben will.

191. Es ist schon früher gesagt worden (Siehe oben Nr. 34), dass es für Gott weder Vergangenheit noch Zukunft gibt. Alles hat er in seinem unendlichen göttlichen Geist gegenwärtig und erkennt es durch einen einfachen Akt. Wenn wir aber das Verfahren Gottes in menschlichen Worten und nach unserer eingeschränkten Auffassungsweise ausdrücken wollen, so stellen wir uns vor, wie Gott jene Ratschlüsse ins Auge fasste, nach denen er zwecks der Menschwerdung des Wortes eine Mutter zu erschaffen beschlossen hatte, welche Seiner Majestät entsprechend und würdig wäre; denn unabweislich notwendig ist die Erfüllung seiner Ratschlüsse. Da nun also die gelegene, vorherbestimmte Zeit gekommen war, sprachen die drei göttlichen Personen bei sich selber: «Jetzt ist es Zeit, dass wir das Werk unserer Liebe beginnen und jene reine Kreatur, jene Seele erschaffen, welche vor allen anderen Gnade finden soll in unseren Augen. Wir wollen sie ausstatten mit reichen Gaben und in einziger Weise die größten Schätze unserer Gnaden in ihr niederlegen. Alle anderen, denen wir das Dasein gegeben, sind gegen uns undankbar gewesen und lehnten sich gegen unseren Willen auf; durch ihre Schuld haben sie die ursprüngliche Gerechtigkeit, die wir den Stammeltern verliehen hatten, verloren und dadurch den Plan unserer Liebe vereitelt. Es ist aber nicht geziemend, dass unser Wille in allem durchkreuzt werde. Wir wollen darum diese Kreatur in vollendeter Heiligkeit und Vollkommenheit erschaffen, so dass die Unordnung der ersten Sünde keinen Teil an ihr habe. Wir wollen eine Seele erschaffen nach unserem Wohlgefallen. eine Frucht unserer Volikommenheiten, ein Wunderwerk unserer Allmacht, und zwar in der Weise, dass der Makel der Sünde Adams sie nicht verletze noch berühre. Wir wollen ein Werk schaffen, welches das Wunder unserer Allmacht und das Musterbild jener Vollkommenheit sein soll, die wir für unsere Kinder vorgesehen; sie soll das Endziel jener Absicht sein, die wir bei der Schöpfung gehabt haben. Und während in dem freien Willen des ersten Menschen alle gesündigt haben (Röm 5,12), so wollen wir in dieser einen Kreatur alles dasjenige wiederherstellen, was jene durch Übertretung unseres Willens verloren haben. Sie sei in einziger Weise das Abbild und Gleichnis unserer Gottheit und stehe vor unserem Angesicht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Sie sei die vollkommene Erfüllung unseres Willens und Wohlgefallens. In ihr wollen wir alle Gnaden und Vorzüge niederlegen. welche wir nach unserem ersten und bedingten Willen für die Engel und Menschen bestimmt hatten, falls sie in ihrem ursprünglichen Zustand verblieben wären. Da aber jene diese Gnaden verscherzt haben, so wollen wir sie in dieser Kreatur erneuern und noch viele andere Gaben hinzufügen. So wird unser erster Ratschluss nicht gänzlich vereitelt sein, er wird vielmehr in dieser unserer Einzigen und Auserwählten (Hld 6, 8) in vollkommenerer Weise vollzogen werden. Und da wir alles, was heilig und gut, vollkommen und preiswürdig ist, unseren Kreaturen zum voraus bereitet. sie aber alles verloren haben, darum wollen wir den Strom unserer Güte hinleiten auf unsere Geliebte. Wir wollen sie von dem allgemeinen Gesetz ausnehmen, dem alle Menschen bei ihrer Erschaffung unterworfen sind, so dass der Same der Schlange keinen Teil an ihr habe. Ich (die zweite Person) will vom Himmel niedersteigen in ihren Schoß und dort mich bekleiden mit ihrer eigenen Substanz und menschlichen Natur.»

192, «Es ist gerecht und (in gewissem Sinne) notwendig, dass die Gottheit von unendlicher Güte in keine andere als eine höchst reine, unbefleckte, von keiner Sünde angesteckte Materie sich niederlasse und verhülle. Auch wäre es unserer Gerechtigkeit und weisen Vorsehung nicht angemessen, das, was geziemender, vollkommener und heiliger ist, zu unterlassen und etwas weniger Vollkommenes zu tun; kann doch unserem Willen nichts widerstehen (Est 13, 9). Das ewige Wort, welches menschliche Natur annehmen soll, um Erlöser und Lehrmeister der Menschen zu werden, hat das vollkommenste Gesetz der Gnade zu begründen und eben diesem Gesetz gemäß die Menschen zu unterweisen, wie die Kinder ihren Eltern, als den nächsten Ursachen ihres natürlichen Lebens, Ehrfurcht und Gehorsam erzeigen sollen. Dieses Gesetz muss vor allem dadurch erfüllt werden, dass der Sohn Gottes jene ehre, die er zu seiner Mutter erwählt hat, indem er mit seinem mächtigen Arm sie erhöht und mit den wunderbarsten, heiligsten und vorzüglichsten Gnaden und Gaben sie ausrüstet. Unter diesen ehrenden Vorzügen wird aber der ausgezeichnetste der sein, dass sie unseren Feinden und deren Bosheit niemals wird unterworfen sein; sie muss also frei sein vom Tod der Sünde.»

193. «Auf Erden soll das Wort eine Mutter haben ohne Vater, wie es im Himmel einen Vater hat ohne Mutter. Damit aber, wenn das ewige Wort Gott seinen Vater und diese Frau seine Mutter nennt, hierbei das rechte Verhältnis und die rechte Übereinstimmung bestehe, darum soll diese Frau unserem Willen gemäß zu solcher Heiligkeit erhoben werden, dass zwischen ihr und dem himmlischen Vater eine solche Gleichförmigkeit und Übereinstimmung bestehe, wie sie zwischen Gott und einem Geschöpf möglich ist. Zu keiner Zeit soll der Drache sich rühmen können, dass er Herr gewesen sei über jene Frau, welchem, als seiner wahren Mutter, Gott selber gehorcht hat. Diese Würde, von der Schuld frei zu sein, ist für jene, welche zur Mutter des ewigen Wortes erwählt ist geziemend und notwendig; sie ist aber für sie auch an und für sich der größte, kostbarste Schatz; denn ein größeres Gut ist die Heiligkeit als die blosse Mutterschaft. Indes gebührt der göttlichen Mutterschaft alle Heiligkeit und Vollkommenheit.»

«Ferner muss das menschliche Fleisch, aus welchem das Wort Gottes menschliche Gestalt annimmt, von der Sünde getrennt sein; denn da das Wort in diesem Fleisch die Sünder erlösen soll, so geziemt es sich nicht, dass es sein eigenes Fleisch erlöse wie das der übrigen Menschen. Es soll ja sein Fleisch, vereint mit der Gottheit, die Erlösung bewirken. Darum muss es zum voraus vor der Sünde bewahrt bleiben, indem wir die unendlichen Verdienste, welche das ewige Wort in diesem Fleisch und in derselben menschlichen Natur erwerben wird, zum voraus berücksichtigen und als empfangen annehmen. Auch ist unser Wille, dass das fleischgewordene Wort in alle Ewigkeit verherrlicht werde um des glorwürdigen Tabernakels willen, in welchem die von ihm angenommene Menschheit Wohnung nehmen wird.»

194. «Die Mutter des Wortes muss zwar eine Tochter Adams sein, allein vermöge einer besonderen und ganz einzigen Gnade frei bleiben von dessen Schuld. Was aber ihre natürliche Begabung betrifft. so muss sie höchst vollkommen und mit ganz besonderer Fürsorge gebildet werden. Das menschgewordene Wort soll aber der Lehrmeister der Demut und Heiligkeit sein. Zu diesem Zweck sind die Leiden und Mühsale, die es zur Beschämung der Eitelkeit und Selbsttäuschung der Menschen erdulden wird, ein geeignetes Mittel. Darum hat es als den kostbarsten Schatz in unseren Augen die Leiden und Mühsale für sich zum Anteil erwählt. Ebendeswegen ist es unser Wille, dass auch ihr, die zu seiner Mutter erwählt ist, dieser Anteil zukomme; ja sie soll in der Größe ihrer Geduld ganz einzig, in der Heldenmütigkeit ihres Duldens ganz wunderbar sein und zugleich mit ihrem Eingebornen das Opfer der Schmerzen darbringen, das unserem Herzen sehr wohlgefällig, für sie selber höchst glorreich ist.»

195. Dies war der Ratschluss, den die drei göttlichen Personen zur Ehre und Verherrlichung ihrer erhabenen unerforschlichen Gerichte den heiligen Engeln offenbarten. Und da die Gottheit gleichsam ein Spiegel ist, welcher nach freiem Willen und Wohlgefallen den Seligen in der wonnevollen Anschauung neuer Geheimnisse offenbart, so hat Gott den Engeln diese neue Offenbarung seiner Größe verliehen, damit sie die wunderbare Ordnung und außerordentliche Harmonie in allen seinen Werken erkennten. Alles dieses war nur eine naturgemäße Forderung von dem, was, wie wir in den vorausgehenden Kapiteln (Hauptstück 7 u. 8) gesagt haben, der Allerhöchste schon bei Erschaffung getan hatte, indem er ihnen das menschgewordene Wort und seine heilige Mutter vor Augen stellte, damit sie denselben ihre Ehrfurcht und Huldigung bezeigten. Nun aber war die zur Erschaffung dieser großen Königin vorherbestimmte Zeit gekommen, und darum war es angemessen, dass der Herr dieses den Engeln ankündigte, da er ja alles nach Maß und Gewicht ordnet (Weish 11, 21), Freilich muss das Licht, das mir der Allerhöchste über diese tiefen Geheimnisse verliehen hat, durch die menschlichen und eingeschränkten Worte, wie ich sie zu finden vermag, verdunkelt werden; allein ich will das, was der Herr damals den Engeln offenbarte, wenigstens so weit erzählen, als ich dies in meiner Beschränktheit vermag.

196. «Nun ist die durch unsere Vorsehung festgesetzte Zeit gekommen», so sprach die göttliche Majestät weiter, «um jene Kreatur ans Licht treten zu lassen, welche uns am meisten angenehm und wohlgefällig ist. Sie wird wiedergutmachen, was die erste Schuld des Menschen verdorben hat. Sie wird dem Drachen den Kopf zertreten (Gen 3,15). Sie war in jener Frau vorgestellt, welche als »großes Zeichen» vor unserem Angesicht erschienen (Offb 12,1) ist. Sie wird das ewige Wort mit menschlichem Fleisch bekleiden. Nun ist die für die Sterblichen so glückselige Stunde gekommen, in der wir die Schätze unserer Gottheit über sie ausgießen und damit die Pforten des Himmels ihnen eröffnen wollen. Die Strenge unserer Gerechtigkeit, die wir bisher den Menschen im Züchtigen gezeigt haben, trete nunmehr zurück, und es offenbare sich unsere Barmherzigkeit, indem wir die Geschöpfe bereichern wollen mit den Schätzen der Gnade und ewigen Glorie, welche das ewige Wort ihnen verdient.»

197. «Jetzt soll das Menschengeschlecht einen Erlöser, Lehrer, Mittler, Bruder und Freund erhalten. Er sei das Leben der Toten, das Heil der Kranken, der Trost der Traurigen, die Erquickung der Mühseligen, die Ruhe und liebreiche Gesellschaft der Bedrängten. Jetzt sollen die Weissagungen unserer Diener und die Verheißungen, die wir ihnen gemacht, in Erfüllung gehen, die Verheißungen, dass wir ihnen einen Heiland und Erlöser senden wollen. Und damit alles nach unserem Wohlgefallen geschehe und das große, seit Anbeginn der Welt verborgene Geheimnis (Mt 13, 35) seinen Anfang nehme, erwählen wir den Schoß unserer Dienerin Anna zum Heiligtum, in welchem Maria. unsere Auserwählte, erschaffen werden soll; in ihm soll sie empfangen, in ihm soll ihre gebenedeiteste Seele gebildet werden. Ihre Erzeugung und Erschaffung soll zwar auf dem gewöhnlichen Weg natürlicher Fortpflanzung, jedoch auf einer außergewöhnlichen Stufe der Gnadenfolge geschehen, gemäß der Anordnung unserer unendlichen Macht.»

198. «Ihr wisst, dass die alte Schlange, seitdem sie das Zeichen dieser wunderbaren Frau gesehen hat, allen Frauen besonders auflauert. Von der ersten Frau, die wir erschaffen haben, angefangen, stellt sie einer jeden aufs hinterlistigste nach, sobald sie bemerkt, dass dieselbe in ihrem Leben und Wirken besonders vollkommen ist; denn auf diese Weise wähnt der Drache unter allen auch jene zu treffen, die seinen Kopf zertreten soll (Gen 3,15). Wenn er nun auf diese reinste, sündlose Kreatur aufmerksam wird und ihre große Heiligkeit bemerkt, wird er im Verhältnisse der hohen Vorstellung, die er von ihr bekommt, all seine Kraft zu ihrer Verfolgung aufbieten. Nun ist zwar die Stärke des Drachen nicht so groß wie sein Stolz (Jes 16, 6); allein es ist doch unser Wille, dass ihr dieser unserer heiliger Stadt, dem Tabernakel des menschgewordenen Wortes, eine ganz besondere Sorge zuwendet, sie zu beschirmen, zu begleiten, vor ihren Feinden zu verteidigen, sie mit gebührender Sorgfalt und Ehrerbietigkeit zu erleuchten, zu stärken und zu trösten, solange sie als Pilgerin unter den Sterblichen weilen wird.»

199. Sobald der Allerhöchste den heiligen Engeln diesen Auftrag gegeben hatte, warfen sich alle vor dem königlicher Thron der allerheiligsten Dreifaltigkeit in tiefster Demut wie auf ihr Angesicht nieder und bezeigten ihre vollkommene Bereitwilligkeit, dem göttlichen Befehl zu gehorchen. In heiligem Wetteifer wünschte ein jeder, gesendet zu werden, und jeder bot sich an, solch beseligenden Dienst zu übernehmen. Alle lobsangen dem Herrn in Hymnen und neuen Liedern, dass nur die Stunde gekommen war, in der sie erfüllt sahen, um was sie seit vielen Jahrhunderten in glühender Sehnsucht gefleht hatten. Ich erfuhr nämlich bei dieser Gelegenheit, dass, nachdem der Drache und seine Anhänger in jenem großen Streit den der heilige Michael im Himmel gegen sie führte (Offb 12, 7 ff), in die ewige Finsternis verstoßen, die siegreichen Heerscharen Michaels aber in der Gnade und Glorie befestigt waren, diese heiligen Geister alsogleich anfingen zu bitten, die Geheimnisse der Menschwerdung des Wortes, von der sie damals Kenntnis erhalten hatten. möchten vollzogen werden. Und in diesen stets wiederholten Bitten verharrten sie bis zu der Stunde, da ihnen Gott die Gewährung ihrer Wünsche und Bitten ankündigte.

200, Bei dieser neuen Ankündigung empfingen die himmlischen Geister neue Freude und akzidentelle Glorie. Sie sprachen zum Herrn: «Allerhöchster, unerforschlicher Gott, unser Herr, würdig bist du aller Ehre, alles Lobes und ewiger Glorie; wir sind deine Kreaturen, erschaffen durch deinen göttlichen Willen. Sende uns, allmächtigster Herr, zur Ausführung deiner wunderbaren Werke und Geheimnisse, damit in allen und in allem dein gerechtester Wille erfüllt werde!» Durch solche Beteuerungen bezeigten die himmlischen Geister ihre Unterwürfigkeit unter Maria und ihr Verlangen, falls es möglich wäre, noch reiner und vollkommener und eben damit würdiger zu sein, sie zu schützen und zu bedienen.

201. Hierauf bestimmte und bezeichnete der Allerhöchste jene Engel, welche sich mit einer so erhabenen Dienstleistung befassen sollten. Zuerst erwählte er aus einem jeden der neun Chöre hundert, also im ganzen neunhundert, aus. Dann bezeichnete er zwölf andere, welche für gewöhnlich in körperlich sichtbarer Gestalt, die Abzeichen und Sinnbilder der Erlösung tragend, ihr zur Seite stehen sollten. Es sind dies jene zwölf, von denen der Evangelist im einundzwanzigsten Kapitel der geheimen Offenbarung sagt (Offb 21,12), dass sie die zwölf Tore der Stadt bewachen. Ich werde von ihnen später reden, wenn ich die Erklärung dieses Kapitels gebe (Siehe unten Nr. 272). Außer den genannten Engeln bezeichnete der Herr noch achtzehn andere und zwar aus den höchsten, damit sie, auf dieser geheimnisvollen Leiter Jakobs auf- und niedersteigend, die Botschaften vermittelten, welche die Königin an den Herrn und dieser an sie absenden würde. Denn gar oft schickte Maria die Engel an den himmlischen Vater ab, um in allen ihren Handlungen vom Heiligen Geist geleitet zu werden. Nichts tat sie ohne Gutheißung Gottes, und selbst in den geringsten Handlungen suchte sie seinen Willen zu erfahren. Und so oft sie über irgend etwas nicht durch besondere Erleuchtung unterrichtet war, ordnete sie diese heiligen Engel ab, um dem Herrn ihren Zweifel vorzutragen und ihr Verlangen auszudrücken, dasjenige zu tun, was seinem heiligsten Willen am vollkommensten entspreche, und seine Befehle entgegenzunehmen. Beispiele hiervon werden uns im Verlauf dieser Geschichte wiederholt begegnen.

202. Über alle diese heiligen Engel setzte der Herr siebzig Seraphim, die er aus den höchsten und dem Thron Gottes am nächsten stehenden auswählte. Sie sollten mit der Himmelskönigin Unterredungen halten und mit ihr in gleicher Weise verkehren, wie sie selber untereinander verkehren und wie die höheren die niederen erleuchten. Letztere Gnade war der Mutter Gottes, die übrigens an Würde und Gnade alle Seraphim übertraf, aus dem Grunde gewährt, weil sie noch Erdenpilgerin war und der Natur nach unter den Engeln stand. Diese siebzig Seraphim waren es, welche die Mutter Gottes in jenen Zeiten, da ihr der Herr seine fühlbare Gegenwart entzog, wovon später (Siehe unter Nr. 675 ff u. Nr. 725) noch die Rede sein wird, erleuchteten und trösteten, Ihnen eröffnete sie die Gefühle ihrer feurigsten Liebe und ihre Sehnsucht nach dem verborgenen Schatz. Die Zahl Siebzig deutet auf die Jahre des heiligen Lebens Mariä; denn, wie ich am betreffenden Ort noch sagen werde (Teil 3. Nr. 742), lebte sie nicht sechzig, sondern siebzig Jahre. In dieser Zahl Siebzig sind auch jene «sechzig Starken» inbegriffen, von denen es im dritten Kapitel des Hohenliedes heißt, dass sie das Brautbett Salomons umstehen, dass sie auserwählt seien aus den Stärksten Israels und des Krieges sehr kundig und dass sie die Schwerter an der Hüfte haben um der nächtlichen Schrecknisse willen (Hld 3, 7.8).

203. Diese Himmelsfürsten und mächtigen Heerführer wurden aus dem Grunde aus den höchsten Chören der englischen Hierarchien zur Leibwache der Himmelskönigin auserlesen, weil sie in jenem Streit, der zwischen den demütigen Geistern und dem stolzen Drachen einstens im Himmel stattgefunden hatte, vom höchsten Herrn alles Erschaffenen gleichsam als tapfere Anführer auserwählt und ausgerüstet worden waren, um mit der Wehr ihrer Kraft und dem Schwerte des göttlichen Wortes (Eph 6,17) den Luzifer samt seinem ganzen empörerischen Anhang zu bekämpfen und zu besiegen. Diese höchsten Seraphim waren es, welche sich bei jenem Kampf und Sieg als tapfere, in der Liebe Gottes hervorragende Anführer, im Eifer für die Ehre des Allerhöchsten ganz besonders hervorgetan hatten. Ihre geistigen Waffen aber hatten sie empfangen aus der Kraft des menschgewordenen Wortes, dessen Ehre, als die Ehre ihres Hauptes und Herrn, sie damals verfochten und zugleich auch die Ehre seiner heiligsten Mutter. Darum ist gesagt, dass sie das Brautbett Salomons als Ehrenwache umstanden und dass sie ihre Schwerter um ihre Hüften gegürtet hatten, um damit die menschliche Abstammung und die menschliche Natur Christi unseres Herrn anzudeuten, welche in dem jungfräulichen Brautgemach des heiligsten Schoßes Mariä empfangen und aus ihrem reinsten Geblüt, aus ihrer eigenen Substanz gebildet ward.

204. Die übrigen zehn Seraphim, welche dazukommen, um die Zahl Siebzig vollzumachen, waren gleichfalls von den höchsten des ersten Chores; auch sie hatten im Kampfe wider die alte Schlange durch ihre Ehrenbezeigungen gegen die Gottheit und Menschheit des Wortes und gegen seine heiligste Mutter sich ganz besonders ausgezeichnet; denn zu all diesen Vorgängen fand sich Zeit und Gelegenheit genug in dem nur kurze Zeit dauernden Streit der Engel. Und jenen, welche damals die obersten Anführer waren, ward diese Ehrenauszeichnung auch jetzt zuteil, nämlich die obersten der Ehrenwache ihrer Königin und Herrin zu sein. Alle diese Engel zusammen teils aus den Seraphim, teils aus tiefer stehenden Chören machen die Zahl Tausend voll. Durch sie war die «Stadt Gottes» gegen die höllischen Rotten mehr als hinlänglich geschützt.

205. Um dieser unüberwindlichen Kriegschar eine noch bessere Ordnung zu geben, wurde der Fürst des ganzen himmlischen Heeres, der heilige Michael, zu ihrem Haupt bestimmt. Derselbe befand sich zwar nicht immer an der Seite seiner Königin, doch begleitete er sie oft in sichtbarer Gestalt. Der Allerhöchste beauftragte ihn, dass er als besonderer Bote Christi unseres Herrn. namentlich bei einzelnen heiligen Geheimnissen, die Beschützung seiner heiligsten Mutter übernehme. Auch der heilige Himmelsfürst Gabriel wurde erwählt, zu Botschaften und Dienstleistungen, welche die Königin des Himmels betrafen, als Abgesandter des ewigen Vaters auf die Erde herabzusteigen. Dies war es, was die heiligste Dreifaltigkeit zum Zweck der gewöhnlichen Beschirmung und Behütung der «Stadt Gottes» anordnete.

206. Alle diese Ernennungen waren zwar Gnaden von Seiten des Allerhöchsten; doch hat der Herr dabei, wie ich inne ward, eine gewisse Ordnung der austeilenden (distributiven) Gerechtigkeit beobachtet, indem seine gerechte Vorsehung das innere und äußere Verhalten berücksichtigte, welches die heiligen Engel bei Annahme der Geheimnisse des menschgewordenen Wortes und seiner heiligsten Mutter, die ihnen gleich im Anfang geoffenbart worden waren, beobachtet hatten. Denn dem göttlichen Willen gemäß hatten die einen den gedachten Geheimnissen gegenüber diese, die anderen jene Gesinnung und Willensrichtung an den Tag gelegt. Auch war die Gnade nicht bei allen dieselbe, weswegen auch die Stärke des Willens und der Affekte eine verschiedene war. Die einen wurden vorzugsweise zur Andacht und Hingabe bewegt, da sie erkannten, wie die göttliche und die menschliche Natur in der Person des Wortes sich vereinigen und wie die letztere, in die Schranken eines menschlichen Leibes eingeschlossen, das Haupt der ganzen Schöpfung sein würde. Andere waren besonders von Bewunderung hingerissen, dass der Eingeborne des Vaters eine leidensfähige Natur annehmen und so große Liebe zu den Menschen tragen werde, dass er sich zum Tod für sie anbiete. Weitere zeichneten sich vornehmlich im Lobe Gottes aus, da sie erkannten, wie der Herr einen Leib und eine Seele erschaffen werde, welche an Erhabenheit und Würde alle himmlischen Geister übertreffe und wie der Schöpfer des Weltalls von dieser Person menschliches Fleisch annehmen werde. Nach Maßgabe dieser Affekte, und gleichsam zur akzidentellen Belohnung dafür, wurden die heiligen Engel auserwählt, bei den Geheimnissen Christi und seiner reinsten Mutter verschiedene Dienst zu tun, gleich wie ja auch jene Menschen, welche sich in ihrer Leben durch eine bestimmte Tugend in besonderer Weise hervortun. wie z. B. die Kirchenlehrer, die Jungfrauen usw., verschiedene besondere Auszeichnungen (aureolae) im Himmel erhalten,

207. Sooft sich also die Himmelsfürsten der Mutter Gottes in körperlicher Gestalt zeigten(wovon später [Siehe unter Nr. 363 und 364] noch die Rede sein wird), so trugen sie sichtbar gewisse Abzeichen und Sinnbilder verschiedener Geheimnisse. Die einen trugen Sinnbilder von der Menschwerdung, andere von dem Leiden Christi unseres Herrn, wieder andere von der Himmelskönigin, von ihrer Größe, ihrer Würde. Was aber die letzteren betrifft, so waren sie der seligsten Jungfrau anfangs, da sie ihr gezeigt wurden, noch nicht ganz verständlich, weil der Herr allen diesen heiligen Engeln befohlen hatte, ihr das Geheimnis ihrer Auserwählung zur Mutter seines Eingebornen so lange zu verbergen, bis die von seiner göttlichen Weisheit bestimmte Zeit gekommen sei würde; doch sollten sie mit ihr stets von den Geheimnissen der Menschwerdung und Erlösung reden, um sie dadurch zur eifrigsten Bitten um diese Gnaden anzufeuern. Doch menschliche Zungen sind zu unberedt, und meine Worte sind zu beschränkt, um so erhabene Geheimnisse, wie sie mir im höheren Lichte gezeigt wurden, zu beschreiben.

FÜNFZEHNTES HAUPTSTÜCK: Die unbefleckte Empfängnis Mariä

Maria, die Mutter Gottes, wird durch Wirkung der göttlichen Allmacht unbefleckt empfangen.

208. Die göttliche Weisheit hatte nun alle Vorbereitungen getroffen, um aus dem Verderbnis der gefallenen Natur in voller Reinheit und Schönheit die Mutter der Gnade hervortreten zu lassen. Die Schar der heiligen Patriarchen und Propheten hatte ihre Vollzahl erreicht, und es standen die hohen Berge, auf derer Gipfel die geistliche Stadt Gottes erbaut werden sollte (Ps 87, 1), Der Herr hatte ihr in der Kraft seines Armes unaussprechliche Schätze seiner Gottheit auserlesen, mit denen er sie ausrüsten und bereichern wollte. Er hatte ihr tausend Engel bestimmt, welche sie schützen und bewachen und ihr dienen sollten wie treue Untertanen ihrer Königin und Herrin. Er hatte ihr ein höchst edles, königliches Geschlecht bereitet, aus dem sie hervorgehen sollte. Er hatte für sie sehr heilige und vollkommene Eltern auserwählt, von denen sie unmittelbar abstammen sollte. Eltern, welche alle anderen Menschen jener Zeit an Heiligkeit übertrafen; denn hätte es heiligere, würdigere und für die Mutter Gottes tauglichere Eltern gegeben, so hätte der Allmächtige diese erwählt.

209. Der Herr bereitete sie vor durch überschwängliche Gnaden und Segnungen seiner Rechten. Er bereicherte sie mit Tugenden aller Art, mit hohen göttlichen Erleuchtungen und mit den Gaben des Heiligen Geistes. Nachdem nun der Herr beiden Eltern Joachim und Anna hatte verkünden lassen, dass er ihnen eine Tochter geben werde, welche wunderbar und gebenedeit sein werde unter den Frauen, ward das Werk der ersten Empfängnis. d. i. der Empfängnis des reinsten Leibes Mariä, vollzogen. Was das Alter der Eltern betrifft, so war die heilige Anna bei der Verehelichung vierundzwanzig, der heilige Joachim sechsundvierzig Jahre alt gewesen. Zwanzig Jahre hatten sie im Ehestande ohne Nachkommenschaft zugebracht; somit stand zur Zeit der Empfängnis ihrer Tochter die Mutter im Alter von vierundvierzig, der Vater im Alter von sechsundsechzig Jahren. Die Empfängnis geschah zwar nach der gewöhnlichen Ordnung, allein die Kraft des Allerhöchsten nahm alles Unvollkommene und Ungeordnete von ihr weg und ließ ihr nur soviel, als die Natur zur Bereitung der Materie erforderte, aus welcher der allervollkommenste Leib. den je ein Geschöpf hatte und haben kann, gebildet werden sollte.

210. Gott setzte in diesen Eltern der Natur Schranken und ließ die Gnade vorwalten, so dass bei der genannten Empfängnis keinerlei Schuld oder Unvollkommenheit stattfand, sondern nur Tugend, Verdienst und vollkommenstes Maß; denn war sie auch in ihrer Weise natürlicher und gewöhnlicher Ordnung, so war sie doch durch die Wirksamkeit der göttlichen Gnade geleitet, geordnet und vervollkommnet, so dass ohne Unordnung der Natur die Gnade ihre Wirkung hervorbrachte. Ganz besonders leuchtete die übernatürliche Wirksamkeit in der heiligen Mutter Anna hervor, weil sie von Natur unfruchtbar war; ihrerseits war also die Mitwirkung wunderbar in der Art und Weise und höchst rein in Bezug auf die Substanz. Ohne Wunder konnte sie unmöglich empfangen; denn eine Empfängnis, welche ohne Wunder und durch bloß natürliche Wirkung nach der gewöhnlichen Ordnung geschieht, bedarf keiner übernatürlichen Ursache, von der sie unmittelbar abhinge; sie bedarf nur der Wirksamkeit der Eltern, welche nicht nur in natürlicher Weise zur Fortpflanzung mitwirken, sondern auch die Materie dazu beitragen, jedoch auf unvollkommene, ungeordnete Weise.

211. Was den Vater betrifft, so war er zwar von Natur aus nicht unfruchtbar, allein infolge des Alters und Temperaments war die Natur gleichsam gemäßigt und geschwächt. Darum war es denn auch göttliche Wirksamkeit, welche seine Natur belebte, ergänzte und leitete, so dass sie ihrerseits wirken konnte und in der Tat wirkte und zwar in aller Vollkommenheit. durch Betätigung der Potenzen und im Verhältniss zur Unfruchtbarkeit der Mutter. Bei beiden Eltern wirkten Natur und Gnade zusammen, die Natur beschränkt, gemäßigt und nur soweit es unumgänglich notwendig war, die Gnade aber in überschwänglicher Fülle, Kraft und Stärke, so dass die Natur gleichsam verschlungen oder absorbiert wurde; freilich nicht in der Weise, als ob die Gnade die Natur mit sich vermischt hätte, sondern so, dass sie die Natur auf wunderbare Weise erhob und veredelte. Die Menschen sollten wissen, dass die Gnade es ist, welche diese Empfängnis sozusagen auf ihre Rechnung nahm, indem sie sich der Natur nur insoweit bediente, als notwendig war, damit diese unvergleichliche Tochter natürliche Eltern habe.

212. Die Art und Weise betreffend, wie die Unfruchtbarkeit der heiligsten Mutter Anna ersetzt wurde, so geschah dies nicht solchermassen, dass ihr die natürliche Beschaffenheit, welche der natürlichen Potenz zu empfangen mangelte, hergestellt worden wäre; in diesem Fall hätte sie ganz wie die anderen Mütter empfangen; vielmehr wirkte der Herr mit der unfruchtbaren Potenz auf eine weit wunderbarere Weise mit, dass sie die natürliche Materie zur Bildung des Leibes lieferte. Somit waren die Potenz und die Materie natürlich, die Art ihrer Bewegung aber geschah durch wunderbares Eingreifen der Kraft Gottes. Sobald also das Wunder geschehen war, war die Mutter wieder unfruchtbar wie zuvor, so dass sie nicht mehr empfangen konnte; war ja ihrem natürlichen Temperament weder eine Eigenschaft genommen noch eine neue verliehen worden. Dieses Wunder wird nach meiner Ansicht durch jenes Wunder verständlich, welches Christus unser Herr gewirkt hat, als der heilige Petrus auf dem Wasser wandelte (Mt 14, 29 ff). Damit nämlich das Wasser den heiligen Petrus trage, war es nicht nötig, dass der Herr dasselbe verdichtete und in Kristall oder Eis verwandelte; in diesem Fall wäre das Wandeln des Apostels natürlich gewesen und auch andere hätten darauf wandeln können, ohne dass außer der Verdichtung noch ein weiteres Wunder erforderlich gewesen wäre. Vielmehr konnte der Herr bewirken, dass das Wasser, ohne verdichtet zu sein, dennoch den Leib des Apostels trage, indem er wunderbarerweise mit dem Wasser wirkte. Sobald also das Wunder geschehen war, war das Wasser wieder flüssig, ja es war flüssig gewesen, auch während der heilige Petrus darauf wandelte, denn er begann ja zu sinken; das Wunder geschah also. ohne dass dem Wasser eine neue Eigenschaft mitgeteilt worden wäre,

213. Ganz ähnlich diesem Wunder, nur noch viel geheimnisreicher, war jenes, kraft dessen Anna, die Mutter der allerseligsten Jungfrau Maria, empfangen hat. Die heiligen Eltern waren dabei ganz von der Gnade geleitet und jeder Begierlichkeit oder bösen Lust so sehr entrückt, dass jene Unvollkommenheit, die eine Folge der Erbsünde ist und die sonst gewöhnlich mit der Materie und deren Mitteilung verbunden ist, hier nicht statthatte. Nur die Materie ward gegeben, und zwar ganz ohne alle Unvollkommenheit, weil die Handlung selbst eine verdienstliche war. Darum konnte schon aus diesem Grunde allein von der in Rede stehenden Empfängnis die Sünde ausgeschlossen sein, abgesehen davon, dass die göttliche Vorsehung dieselbe ohnedies schon als sündlos beschlossen hatte. Besagtes Wunder hat aber der Allerhöchste nur allein für diejenige vorbehalten, die er zu seiner würdigen Mutter vorherbestimmt hatte. Denn gleichwie es angemessen war, dass sie, was das Wesentliche der Empfängnis betrifft, in gleicher Weise wie die übrigen Kinder Adams erzeugt würde, so war es auch im höchsten Grade geziemend, ja notwendig, dass mit Wahrung der Natur die Gnade in voller Kraft und Stärke dabei mitwirkte und dass die Gnade in ihr mehr und ausgezeichneter wirkte als in allen übrigen Adamskindern und als in Adam und Eva selber; denn diese haben ja die Verderbnis der Natur und die ungeordnete Begierlichkeit derselben verschuldet.

214. Bei Bildung des reinsten Leibes Mariä ging, menschlich geredet, die göttliche Weisheit und Macht mit höchster Sorgfalt zu Werke. Die Quantität und Qualität der vier Temperamente betreffend, nämlich des sanguinischen. melancholischen, phlegmatischen und cholerischen, bildete der Herr diesen Leib mit wunderbarem Ebenmaß und Gleichgewicht, damit er vermöge der vollkommensten Einheit dieser Mischung und Zusammensetzung eine so heilige Seele, wie sie ihn beseelen und beleben sollte, in ihren Tätigkeiten nicht nur nicht hindere, sondern unterstütze. Dieses wunderbare Temperament war hernach in seiner Weise gleichsam Grund und Ursache jener ungetrübten Ruhe und jenes Friedens, welcher die Kräfte und Anlagen der Himmelskönigin ihr ganzes Leben lang bewahrten. Niemals war eines jener Elemente im Widerstreit mit dem anderen, niemals war eines über das andere überwiegend, vielmehr waren sie sich gegenseitig behilflich und dienlich, um in jenem wunderbar geordneten Bau sich unversehrt und unverletzt zu erhalten; denn niemals hatte de Leib der allerseligsten Jungfrau eine Störung zu erleiden. Nicht war darin zu wenig, nichts zu viel. Stets war alles nach Quantität und Qualität in vollkommenstem Gleichgewicht. Trockenheit und Feuchtigkeit war stets gerade in dem Maße verteilt, als zu Erhaltung notwendig war. Hitze war niemals mehr vorhanden als zum Schutz und zur Verdauung hinreichte, Kälte war niemals in höherem Grad eingetreten, als zur Erfrischung und Kühlung der übrigen Säfte erforderlich war.

215, Obgleich nun jener Leib so wunderbar gebaut und zusammengesetzt war, so blieb er deswegen doch gegen di, Ungunst der Witterung. gegen Hitze und Kälte und gegen die übrigen Einflüsse der Gestirne nicht unempfindlich; im Gegenteil, je geordneter und vollkommener er war, um so mehr wurde er durch jedes Übermaß von außen, dem er seinerseits nicht ein entsprechendes Maß Widerstand entgegenstellen konnte, verletzt. Freilich fanden bei einer so harmonischen Komplexion die gegenteiligen Einflüsse weniger Stoff, um eine Störung oder überhaupt eine Wirkung hervorbringen zu können; allein wegen seiner Zartheit war dieser Leib für leichte Einwirkungen empfindlicher als andere für starke. Dieser wunderbare, im Schoß der heiligen Anna gebildete Leib war vor seiner Beseelung zwar nicht himmlischer, wohl aber natürlicher Gaben fähig. und diese wurden ihm aus übernatürlicher Ordnung und Kraft und in solchem Grade verliehen, wie dies der außerordentlichen, ganz einzigen Gnadenfülle entsprach, um derentwillen dieser Leib in einer die gewöhnliche Ordnung der Natur und Gnade über steigenden Vollkommenheit gebildet worden war. Es waren ihn also eine so vortreffliche Komplexion und so edle Fähigkeiten verliehen, dass die ganze Natur aus sich selbst einen ähnlicher zu bilden nicht imstande wäre.

216. Auch unsere Stammeltern Adam und Eva waren durch die Hand Gottes mit solchen Fähigkeiten begabt worden, wie sie der ursprünglichen Gerechtigkeit und dem Stand der Unschuld entsprachen, und sie waren in dieser Beziehung vollkommener gestaltet, als ihre Nachkommen es gewesen wären, wenn sie in demselben Stand der Unschuld sich befunden hätten; denn jene Werke, die Gott selber unmittelbar wirkt, sind die vollkommensten. In ähnlicher Weise, wenn auch in weit höherem, ausgezeichneterem Grade, hat Gottes Allmacht bei Gestaltung des jungfräulichen Leibes der allerseligsten Jungfrau Maria gewirkt und sie wirkte mit um so größerer Sorgfalt und mit um so reicherer Gnadenfülle, als diese Kreatur nicht bloß die Stammeltern, welche ohnedies bald sündigten, sondern alle übrigen körperlichen und geistigen Geschöpfe zusammen weit übertraf. Menschlich gesprochen, verwendete Gott auf die Gestaltung jenes noch so kleinen Leibes seiner heiligsten Mutter mehr Sorgfalt als auf die Erschaffung aller Himmelskreise und was darin sich findet. Das ist überhaupt der Messstab, dessen man sich schon von Anfang an bedienen muss, um die Gaben und Vorzüge dieser Stadt Gottes zu bemessen, angefangen von den untersten Grundmauern, auf denen ihre Größe ruht, bis hinauf zu ihrer höchsten Höhe, in der sie unmittelbar und am allernächsten die Grenzen der Unendlichkeit Gottes erreicht.

217. Daraus lässt sich abnehmen, wie weit die Sünde und der daraus entspringende Zunder der Begierlichkeit (fomes peccati) von dieser wunderbaren Empfängnis entfernt war; denn nicht nur in der Urheberin der Gnade selber, als welche Maria stets vom Herrn behandelt und ausgezeichnet wurde, fand dieser Zunder keine Stelle, sondern auch in ihren Eltern war er bei der Empfängnis Mariä zurückgehalten und gebunden, auf dass die Natur in vollkommenster Ordnung verbleibe. Bei jenem Werke war ja die Natur vollkommen der Gnade untergeordnet und ein bloßes Werkzeug in der Hand des höchsten Künstlers, welcher über die Gesetze der Natur und der Gnade erhaben ist. Schon von jenem Augenblick an begann der Herr die Sünde zu vertilgen und die Festung des «bewaffneten Starken» zu untergraben und zu zerstören, um ihn hernach selber niederzuwerfen und ihm die Beute abzunehmen, die er mit grausamer Gewalt festhielt (Lk 11, 22).

218. Die erste Empfängnis des Leibes der allerseligsten Jungfrau Maria erfolgte an einem Sonntag, also an demselben Tage, an welchem die Engel, zu deren Königin und Herrin Maria auserwählt war, erschaffen worden waren. Zur Gestaltung eines menschlichen Leibes werden sonst nach dem gewöhnlichen Lauf der Natur viele Tage erfordert, bis der Leib so vollkommen organisiert und vorbereitet ist, dass ihm die vernünftige Seele eingegossen werden kann(bei Kindern männlichen Geschlechtes sollen vierzig, bei solchen weiblichen Geschlechtes achtzig Tage hierzu nötig sein, mit geringen Abweichungen je nach der natürlichen Disposition der Mütter); bei Gestaltung des Leibes der allerseligsten Jungfrau Maria aber ward die von der Natur geforderte Zeit durch die Kraft Gottes abgekürzt, so dass, was sonst nach den Gesetzen der Natur in ungefähr achtzig Tagen hätte geschehen können, schon in sieben Tagen, und zwar weit vollkommener als sonst vollendet ward. In diesem Zeitraum wurde jener wunderbare Leib im Schoß der heiligen Anna nach Gestalt und Größe so vollkommen organisiert und bereitet, dass er die heiligste Seele der Tochter Annas, unserer Herrin und Königin, in sich aufnehmen konnte.

219. An dem darauf folgenden Samstag, dem nächsten nach der ersten Empfängnis, erfolgte die zweite, indem der Allerhöchste die Seele seiner Mutter schuf und sie ihrem Leib eingoss. Damit trat die reinste, heiligste, vollkommenste und in Gottes Augen schönste von allen Kreaturen in diese Welt ein, eine Kreatur, wie Gott eine solche nie sonst erschaffen hat und bis zum Ende der Welt, ja in alle Ewigkeit nie mehr erschaffen wird. Beachtenswert ist der geheimnisvolle Zusammenhang, in welchem nach Gottes Willen dieses Geheimnis der Empfängnis Mariä mit dem Werke der Weltschöpfung steht, welch letzteres Gott gleichfalls in sieben Tagen vollendete. Denn wenn bildlich gesagt ist, dass Gott nach Erschaffung der Welt «ausruhte», so ging dies in Wahrheit in Erfüllung, nachdem Gott das erhabenste aller Geschöpfe erschaffen und damit den Grund gelegt hatte zum Geheimnis der Menschwerdung des göttlichen Wortes und zur Erlösung des Menschengeschlechtes. Dieser Tag war in Wahrheit ein Fest- und Ruhetag für Gott, aber auch für alle Geschöpfel

220. Wegen dieses Geheimnisses der Empfängnis der allerseligsten Jungfrau Maria hat der Heilige Geist angeordnet, dass in der heiligen Kirche der Samstag der jungfräulichen Mutter geweiht wurde, als der Tag, an welchem ihr Gott die größte Gnade erwiesen hat, indem er ihre heiligste Seele erschuf und mit dem Leib vereinigt, ohne dass sie sich dabei die Erbsünde oder deren Wirkungen zuzog. Der Tag der Empfängnis, den jetzt die Kirche feiert, ist aber nicht jener Tag, an welchem bloß der Leib empfangen wurde. es ist vielmehr der Tag der zweiten Empfängnis, an welchem die Seele eingegossen wurde. Denn die Seele war neun volle Monate im Schoß der heiligen Anna, und dies ist eben jene Zeit, welche zwischen dem Fest der Empfängnis und der Geburt Mariä in der Mitte liegt. Während der sieben Tage, welche der Beseelung vorausgingen, war der Leib allein im Mutterschoß, wo er durch göttliche Kraft gestaltet und organisiert wurde, so dass diese Erschaffung jener ersten Schöpfung entspricht, welche Mose erzählt und durch welche alle Kreaturen ins Dasein gerufen wurden, aus denen das ganze Weltall bei seinem Beginn bestand. Im Augenblick der Erschaffung und Eingießung der Seele der allerseligsten Jungfrau sprach die allerheiligste Dreifaltigkeit, ähnlich wie nach dem Berichte des Mose (Gen 1, 26) bei Erschaffung des ersten Menschen, doch mit weit größerer und innigerer Liebe, die Worte: «Lasst uns Maria machen nach unserem Ebenbild und Gleichnis, unsere wahre Tochter und Braut, auserwählt zur Mutter des Eingebornen aus dem Wesen des Vaters.»

221. Durch die Kraft dieses göttlichen Wortes und durch die Macht der Liebe, in der es aus dem Mund des Allerhöchsten kam, ward die allerseligste Seele der heiligsten Jungfrau Maria erschaffen und ihrem Leib eingegossen. In dem nämlichen Augenblicke wurde sie mit Gnaden und Gaben. kostbarer als die der höchsten Seraphim, erfüllt, so dass es keinen Augenblick gab, in welchem sie des Lichtes, der Freundschaft und Liebe ihres Schöpfers entbehrt hätte. Der Makel und die Finsternis der Erbsünde konnten sie nie berühren, vielmehr besaß sie stets die Gerechtigkeit im höchsten und vollkommensten Grad, weit mehr als Adam und Eva bei ihrer Erschaffung sie besessen hatten. Auch wurde ihr der vollkommenste Gebrauch der Vernunft verliehen, wie er den Gnadengaben entsprach, die sie empfing; denn diese Gaben sollten keinen Augenblick unbenützt bleiben, sondern stets die wunderbarsten Wirkungen zur höchsten Freude des Schöpfers hervorbringen.

Ich muss gestehen, dass ich beim Schauen dieses großen Geheimnisses ganz entzückt bin; und da ich nicht vermag, dasselbe zu erklären, so zerfließt mein Herz in Anmutungen der Bewunderung und Lobpreisung; denn meine Zunge verstummt. Ich sehe die wahre Arche des Bundes gebaut, mit Reichtümern erfüllt und in dem Heiligtum einer unfruchtbaren Mutter mit größerer Pracht aufgestellt, als einst die vorbildliche Bundeslade im Hause Obededoms und Davids und im Tempel Salomons aufgestellt wurde (2 Sam 6, 10ff; 1 Kön 8, 6; 1 Kön 6, 16ff). Ich sehe im Allerheiligsten den Altar errichtet, auf dem das erste Opfer dargebracht werden soll, welches Gott selber überwinden und besänftigen wird. Ich sehe wie die Natur die Schranken ihrer Ordnung durchbricht, um zur rechten Ordnung zu gelangen. Ich sehe, wie neue Gesetze gegen die Sünde aufgestellt werden und wie dabei die gewöhnlichen Gesetze der Schuld, der Natur und selbst der Gnade nicht berücksichtigt werden. Ich sehe, wie allmählich eine neue Erde und neue Himmel geschaffen werden (Jes 65,17), und der erste vor diesen ist der Schoß einer ganz demütigen Frau, auf weiche die Augen der drei göttlichen Personen gerichtet sind. Unzählige Geister aus dem alten Himmel stehen ihr zur Seite, um tausend Engel sind bestimmt, um den Schatz eines beseelten Leibes zu bewachen, der an Größe ein Bienlein nicht übertrifft.

222. Bei dieser neuen Schöpfung konnte man vernehmen, wie der Schöpfer, erfreut über das Werk seiner Allmacht, mit größerer Kraft als ehedem gesagt hat, dass es «sehr gut sei» (Gen 1, 31). So möge denn in frommer Demut die menschliche Gebrechlichkeit sich nahen, dieses Wunder zu schauen; sie möge die Größe des Schöpfers bekennen und Dank sagen für diese neue Gabe, die dem ganzen Menschengeschlecht in der Person seiner Wiederherstellerin geschenkt worden ist! Aufhören möge die Hitze des Widerspruches. überwältigt durch die Macht der göttlichen Lichtes; denn wenn, wie mir gezeigt wurde, Gott der Herr bei der Empfängnis seiner heiligsten Mutter wie mit Zorn und Unwillen auf die Erbsünde blickte und sich gleichsam freute, eine gerechte Ursache und passende Gelegenheit zu haben, dieselbe zu beseitigen und in ihrem Lauf zu hemmen, wie mag dann der menschlichen Weisheit gutscheinen, was in den Augen Gottes so verabscheuungswürdig gewesen ist?

223. Als die Seele der Himmelskönigin ihrem Leib eingegossen wurde, fühlte nach göttlichem Willen ihre Mutter. die heilige Anna, auf eine höchst erhabene Weise die Gegenwart der Gottheit. Sie ward mit dem Heiligen Geist erfüllt, und ih Inneres ward mit solchem, alle gewöhnlichen Kräfte übersteigendem Jubel der Andacht entflammt, dass sie in eine sehr hohe Entzückung geriet; es wurden ihr die höchsten Erleuchtungen über die verborgensten Geheimnisse mitgeteilt und sie lobpries den Herrn mit neuen Freudengesängen. Die Wirkungen dauerten ihr ganzes Leben lang fort, doch waren sie besonders stark in jenen neun Monaten, da sie den Schatz des Himmels in ihrem Schoß barg; denn während dieser Zeit waren diese Gnaden und die Erleuchtungen über die heiligen Schriften und ihre tiefen Geheimnisse häufiger und anhaltender. O allerglückseligste Frau, es mögen dich loben und selig preisen alle Nationen und Geschlechter des Erdkreises,

SECHZEHNTES HAUPTSTÜCK: Die ersten Akte der heiligsten Seele Mariä

Von den eingegossenen Tugenden. mit welchen der Allerhöchste die Seele der allerseligsten Jungfrau Maria schmückte, und von den ersten Akten, welche Maria im Schoß der heiligen Anna erweckte. Die Himmelskönigin erteilt mir zum ersten Male eine Unterweisung zu ihrer Nachahmung.

224. Der gewaltige Strom göttlicher Gnaden. durch welchen der Herr diese seine geistliche Stadt, d. i. die heiligste Seele Mariä, erfreute (Ps 46, 5), nahm seinen Ursprung in dem Quell der unendlichen Weisheit und Güte Gottes. Diese göttlichen Vollkommenheiten waren es, kraft deren der Allerhöchste beschlossen hatte, in dieser himmlischen Herrin größere Schätze von Gnaden und Tugenden niederzulegen, als deren jemals einem anderen Geschöpf verliehen wurden oder verliehen werden in Ewigkeit. Als die Zeit gekommen war, Maria in den Besitz dieser Gaben einzuführen - es war dies der gleiche Augenblick, in dem sie ihr natürliches Dasein empfing -, da erfüllte der Allmächtige mit größter Freude das Verlangen seines Herzens, das er von Ewigkeit her unbefriedigt gelassen hatte, bis die gelegene Zeit gekommen war, seiner Liebe freien Lauf zu geben. Dies tat der getreueste Herr, indem er in dem Augenblicke ihrer Empfängnis in die heiligste Seele Mariä alle Gnaden und Gaben in so hocherhabenem Grade ausgoss, dass kein Heiliger, ja alle zusammen nicht eine solche Stufe erreichen konnten und dass keine Zunge imstande ist, solches auszusprechen(Dieser Satz findet seine volle Bestätigung in den fast gleichlautenden Worten, mit welchen Pius IX. in der dogmatischen Bulle «Ineffabilis Deus» die Gnadenfülle der allerseligsten Jungfrau schildert: «Maria leuchtet in so mächtiger Begabung mit allen Schätzen des Himmels, in solcher Fülle der Gnade, in solchem Glanze der Unschuld, dass sie ein Wunder der Allmacht Gottes ist, dessen Größe keine Zunge zu erreichen vermag, ja dass sie der Gipfel aller seiner Wunderwerke und würdig ist, Mutter Gottes zu sein. Sie ist in solche Nähe zu Gott erhöht, als eine erschaffene Natur solcher Erhöhung fähig ist; und darum vermögen die Zungen der Engel so wenig wie die der Menschen, ihr Lob zu erreichen.» Der Übersetzer).

225. Wiewohl übrigens Maria, als die vom Himmel niedersteigende Braut (Offb 21, 2), in jenem ersten Augenblick mit allen Arten der eingegossenen Tugenden (habitus infusi) in deren höchster Vollkommenheit geschmückt wurde, so war es deswegen doch nicht erforderlich, dass sie alle dieselben alsbald übte; sie übte eben nur jene, welche sie üben konnte und welche ihrem Leben im Schoß ihrer Mutter angemessen waren. An erster Stelle waren dies die drei göttlichen Tugenden, Glaube, Hoffnung und Liebe, welche Gott zum Gegenstand haben. Diese übte sie alsbald, denn durch den erhabensten Glauben erkannte sie Gott mit allen seinen unendlichen Eigenschaften und Vollkommenheiten; desgleichen die Dreifaltigkeit und den Unterschied der Personen. Diese Erkenntnis hinderte aber nicht, dass ihr, wie ich sogleich sagen werde, die Erkenntnis Gottes noch auf andere Weise mitgeteilt wurde. Die Tugend der Hoffnung, welche Gott als den Gegenstand der Glückseligkeit und als das letzte Ziel ansieht, übte jene heiligste Seele dadurch, dass sie sich augenblicklich über alles erhob und mit glühendster Sehnsucht nach der Vereinigung mit Gott schmachtete, ohne nach irgend etwas anderem sich zu wenden oder auch nur einen Augenblick lang von dieser Sehnsucht abzulassen. Die dritte der göttlichen Tugenden, die Liebe, welche Gott als das höchste unendliche Gut betrachtet, übte sie in demselben Augenblick mit solcher Stärke und mit solcher Hochschätzung der Gottheit, dass alle Seraphim mit der größten Kraft und Stärke ihrer Liebe einen so erhabenen Grad nie werden zu erreichen vermögen.

226. Jene Tugenden, welche den intellektuellen Teil des vernünftigen Geschöpfes zieren und vervollkommnen (D. h. die Tugenden. welche im Erkenntnisvermögen ihren Sitz haben), besaß sie in einem Grad, der dem ihrer theologischen oder göttlichen Tugenden entsprach. Die sittlichen und natürlichen Tugenden aber besaß sie in einem wunderbaren, übernatürlichen Grade und denselben Grad, nur auf einer weit höheren Stufe der Gnadenordnung, nahmen die Gaben und Früchte des Heiligen Geistes in ihr ein. Sie besaß die eingegossene Wissenschaft, und zwar habituell (D. h. als bleibenden Zustand) und im vollsten Umfang, so dass sie auch die natürlichen Künste verstand und überhaupt alles wusste und erkannte, was auf dem Gebiete der natürlichen und übernatürlichen Dinge wissenswert ist und sich auf Gottes Größe bezieht. Demnach war sie von dem ersten Augenblick im Mutterschoß an weiser, klüger, erleuchteter und einsichtsvoller in Bezug auf Gott und alle seine Werke, als irgendein Geschöpf, ihren allerheiligsten Sohn ausgenommen, es jemals gewesen ist und in Ewigkeit sein wird. Diese Vollkommenheit bezog sich aber nicht bloß auf den in so hohem Grad ihr eingegossenen Habitus (Fähigkeiten), sondern auch auf die Akte (Betätigungen der ersteren), die sie in jenem Augenblick mit Hilfe Gottes verrichten konnte, und welche an Erhabenheit mit dem Habitus in genauem Verhältnisse standen. Denn bei der Gnadenausrüstung der allerseligsten Jungfrau setzte sich Gottes Allmacht keine Schranken und band sich an kein Gesetz, als an das seines göttlichen und gerechtesten Wohlgefallens.

227. Weil aber über alle diese Tugenden und Gnaden sowie über die Betätigungen derselben im Verlauf dieser Lebensgeschichte der allerseligsten Jungfrau Maria noch vieles gesagt werden wird, darum will ich hier nur einiges von denjenigen Akten namhaft machen, die sie mit Hilfe der ihr eingegossenen Tugenden und des ihr aktuell verliehenen Lichtes im Augenblick ihrer Empfängnis gewirkt hat. Sie übte die göttlichen Tugenden, von denen bereits die Rede war sowie die Tugend der Religion oder Gottesverehrung und die damit in Verbindung stehenden Kardinal- oder Grundtugenden, indem sie Gott erkannte, sowohl wie er in sich selber ist wie auch als Schöpfer und Seligmacher. Sie verrichtete heldenmütige Akte der Ehrfurcht, des Lobes und der Danksagung dafür, dass er sie erschaffen hatte. Sie erweckte Anmutungen der Liebe, der Furcht, der Anbetung und brachte ihm das Opfer des Lobpreises und der Verherrlichung wegen seiner unwandelbaren Wesenheit. Sie erkannte auch die Gaben, die sie selber empfangen hatte, wiewohl einiges hiervon ihr verborgen blieb, und sagte Gott dafür in demütigster Weise Dank, indem sie im Schoß ihrer Mutter mit ihrem so kleinen Leib wiederholt auf das tiefste sich verbeugte. Durch diese schon im Mutterschoß verrichteten Akte erwarb sich Maria größere Verdienste als alle Heiligen auf der höchsten Stufe ihrer Vollkommenheit und Heiligkeit.

228. Abgesehen von den Akten des eingegossenen Glaubens, erhielt die allerseligste Jungfrau noch eine andere Erkenntnis von dem göttlichen Wesen und den drei göttlichen Personen. Zwar schaute sie in jenem Augenblick ihrer Empfängnis die göttliche Wesenheit nicht intuitiv, d. h. im Licht der beseligenden Anschauung, sie schaute aber dieselbe abstraktiv, d. h. in dem Licht einer Anschauung, die zwar unter der beseligenden Anschauung steht, die aber doch erhabener ist als alle anderen Erkenntnisweisen, durch welche sich Gott einem erschaffenen Verstand offenbaren kann oder wirklich offenbart. Sie erhielt nämlich so klare und deutliche Erkenntnisbilder (species intelligibiles) von der Gottheit, dass sie mittels derselben die unwandelbare Wesenheit Gottes und in ihm alle Geschöpfe mit hellerem Licht und größerer Klarheit erkannte, als irgendein Geschöpf das andere erkennt. Diese Erkenntnisbilder waren einem höchst klaren Spiegel vergleichbar, welcher die ganze Gottheit und in ihr die Geschöpfe widerstrahlte. Sie erkannte also mittels dieses Lichtes und mittels der Erkenntnisbilder von der göttlichen Wesenheit alle Geschöpfe und zwar mit größerer Deutlichkeit und Klarheit, als sie dieselben vermöge eingegossener Wissenschaft nach ihrem Wesen oder in sich selber (in propria specie) erkannte.

229. Auf eine jede dieser Arten erkannte die allerseligste Jungfrau vom ersten Augenblick ihrer Empfängnis an alle Menschen und alle Engel, ihren Rang, ihre Würde und ihre Werke; auch alle unvernünftigen Geschöpfe kannte sie samt ihrer Natur und ihren Eigenschaften. Sie schaute die Erschaffung, den ersten Zustand und den Fall der Engel; sie sah, wie die guten geheiligt und beseligt, die bösen aber für ihre Sünde gestraft wurden. Sie sah den Stand der Unschuld, in welchem Adam und Eva sich ursprünglich befanden, wie sie aber, von der Schlange getäuscht, sündigten und dadurch in das Elend gerieten und mit ihnen das ganze Menschengeschlecht. Sie erkannte, dass Gott den Ratschluss gefasst hatte, das Menschengeschlecht zu erlösen, und wie nunmehr die Zeit der Rettung herannahte und die Vorbereitungen dazu getroffen wurden. Sie erkannte die Ordnung und die Beschaffenheit der Himmel, der Sterne und Planeten, die Natur und Verhältnisse der Elemente; das Fegfeuer. die Vorhölle und die Hölle. Sie erkannte, wie diese Dinge samt allem, was sie in sich schließen, durch die göttliche Allmacht erschaffen worden waren und wie sie durch dieselbe Allmacht, aus reiner, unendlicher Güte Gottes im Dasein erhalten werden, ohne dass Gott irgendeines Dinges bedarf. Ganz besonders aber wurden ihr die tiefsten Geheimnisse über das Werk der Menschwerdung Gottes erschlossen und ihr gezeigt, wie Gott mittels desselben das ganze Menschengeschlecht erlösen wolle, während er den bösen Engeln dieses Rettungsmittel nicht gewährt hatte.

230. Indem die heiligste Seele Mariä schon im Augenblick ihrer Vereinigung mit dem Leib alle diese Wunderwerke der Reihe nach schaute, übte sie alsogleich heldenmütige Akte verschiedener Tugenden, Akte unaussprechlicher Bewunderung, Lobpreisung, Verherrlichung, Anbetung und Liebe Gottes, Akte der Verdemütigung und der Trauer über die Sünden, welche gegen das höchste Gut, das sie als den Ursprung und das Ziel aller dieser Wunderwerke erkannte, begangen werden. Alsbald brachte sie sich Gott als ein ihm wohlgefälliges Opfer dar und fing schon damals an, dem Allerhöchsten durch die feurigsten Anmutungen des Lobpreises, der Liebe und der Ehrfurcht Ersatz zu leisten für die Unbilden, welche, wie sie wohl wusste, die bösen Engel und Menschen durch Vorenthaltung ihrer Ehrfurcht und Liebe dem Schöpfer zufügten. An die heiligen Engel aber stellte sie, da sie damals schon ihre Königin war, die Bitte, ihr in der Verherrlichung des Schöpfers und Herrn aller Dinge zu helfen und für sie zu beten.

231. In dem nämlichen Augenblick zeigte ihr der Herr auch die Schutzengel, die er ihr angewiesen hatte. Sie sah und erkannte sie, bezeigte ihnen ihr Wohlwollen und ihre Bereitwilligkeit, ihnen zu dienen und lud sie ein, mit ihr abwechslungsweise den Allerhöchsten durch Lobgesänge zu verherrlichen. Sie sagte ihnen zum voraus, dass dieses für die ganze Zeit ihres sterblichen Lebens, in dem sie ihr schützend zur Seite stehen würden. ihre Aufgabe sein werde. Die seligste Jungfrau erkannte auch ihr ganzes Geschlechtsregister und überhaupt das ganze heilige und auserwählte Volk Gottes, die Patriarchen und Propheten und sah, wie wunderbar die göttliche Majestät in den Gaben, Gnaden und Auszeichnungen sich gezeigt hatte, die sie ihnen verlieh. Ganz besonders wunderbar aber ist dies, dass die allerseligste Jungfrau schon in jenem ersten Augenblick, da ihre heiligste Seele erschaffen wurde und die äußern Organe ihres heiligsten Leibes kaum unterscheidbar waren, über den Fall des Menschengeschlechts vor Schmerz weinte und im Schoß ihrer Mutter Tränen vergoss, wohl wissend, wie schrecklich es ist, gegen das höchste Gut zu sündigen. Dieser Vorfall war ein Wunder, welches Gott in seiner Allmacht wirkte, damit kein einziger, noch so wunderbarer Gnadenvorzug, welcher der auserwählten Mutter zur Ehre gereichen konnte, ihr mangle.

232, In dieser wunderbaren Liebe ihres Herzens bat die seligste Jungfrau schon im ersten Augenblick um Rettung für die Menschen und trat damit schon damals in ihr Amt ein, Mittlerin, Fürsprecherin und Wiederherstellerin des Menschengeschlechtes zu sein. Sie opferte Gott das Rufen der Altväter und aller Gerechten der Erde auf, damit er in seiner Barmherzigkeit die Erlösung der Menschen, die sie bereits als ihre Brüder ansah, nicht länger verschiebe. So liebte sie also die Menschen mit der glühendsten Liebe, bevor sie noch in ihre Gesellschaft eingetreten war; ja, im selben Augenblick, da sie ihr natürliches Dasein erhielt, war sie auch schon die Wohltäterin der Menschen durch die heilige Liebe. die sie zu ihnen als ihren Brüdern in ihrem feurigen Herzen trug. Der Allerhöchste nahm diese Bitten an, und zwar mit größerem Wohlgefallen als die Bitten aller Engel und Heiligen. Dies wurde ihr, die ja dazu erschaffen war, um Mutter Gottes zu werden, auch alsbald geoffenbart; denn obwohl sie den Ausgang noch nicht wusste, so erkannte sie doch die Liebe des Herrn und sein Verlangen, vom Himmel herabzusteigen, um die Menschen zu erlösen. Es war auch ganz gerecht, dass der Herr zur Beschleunigung seiner Ankunft am allermeisten durch die flehentlichen Bitten derjenigen bewegt werde, um derentwillen er hauptsächlich kam, in deren Schoß er Fleisch annahm und in der er das wunderbarste aller seiner Werke, ja das Ziel aller seiner Großtaten wirken wollte.

233. In dem nämlichen Augenblick ihrer Empfängnis betete sie auch für ihre leiblichen Eltern Joachim und Anna; denn wiewohl sie dieselben mit körperlichen Augen noch nicht sehen konnte, so schaute sie dieselben doch in Gott, und als zweite Ursache ihres natürlichen Daseins sie erkennend, übte sie ihnen gegenüber die Tugenden kindlicher Liebe, Ehrfurcht und Dankbarkeit. Außerdem trug sie Gott noch viele andere Bitten vor, sowohl im allgemeinen als auch im besondern für verschiedene Bedürfnisse. Mit Hilfe der eingegossenen Wissenschaft, die sie besaß, ehrte sie Gott damals schon in ihrem Geist und Herzen durch Loblieder, ihm dankend, dass sie schon an der Pforte des Lebens die Drachme gefunden, die wir alle in unserem ersten Ursprung schon verloren haben (Lk 15, 9). Sie fand die Gnade, die ihr entgegenkam (Sir 15, 2); sie fand die Gottheit, die an der Schwelle des Lebens sie erwartete (Weish 6,15). Ihre Seelenkräfte richteten sich schon in ihrem ersten Augenblick auf den erhabensten Gegenstand, auf Gott. Er war es, der sie an sich zog, denn nur für ihn waren sie erschaffen; und da sie in allem nur ihm angehören sollten, so gebührten auch ihm die Erstlinge ihrer Werke, welche keine anderen waren als die Erkenntnis und Liebe Gottes. So war denn diese Herrin keinen Augenblick ohne Erkenntnis Gottes, ihre Erkenntnis aber war nie ohne Liebe und ihre Liebe nie ohne Verdienst. Und alle diese Tugenden waren in ihr niemals klein, niemals begrenzt durch die Schranken der gewöhnlichen Gesetze und allgemeinen Regeln. An ihr war alles groß; groß ging sie hervor aus der Hand des Allerhöchsten, um zu laufen, zu wachsen und zu solch erhabener Größe aufzusteigen, dass Gott allein größer war als sie. Wie schön waren deine Schritte, o Fürstentochter (Hld 7, 1), da schon der erste dich zur Gottheit führte! Doppelt schön bist du, denn deine Gnade und deine Schönheit übertrifft alle Schönheit und Gnade. Himmlisch schön sind deine Augen (Hld 4, 1), und deine Gedanken sind wie Königspurpur (Hld 7, 5); du hast ihm das Herz geraubt, du hast ihn verwundet und gefangen durch diese deine Haare (Hld 4, 9), d. i. deine heiligen Gedanken. Du hast ihn, der durch deine Liebe gefesselt war, herabgezogen in das Heiligtum deines jungfräulichen Schoßes und deines jungfräulichen Herzens.

234. Nun ging in Erfüllung, was im Hohenlied von der Braut des Königs gesagt ist, dass sie schlafe, ihr Herz aber wache (Hld 5, 2). Es schlummerten noch ihre körperlichen Sinne; denn sie hatten kaum ihre natürliche Gestaltung, und noch nie hatten sie das materielle Licht der Sonne gesehen. Jenes wunderbare Herz aber, unfassbarer in der Größe seiner Gaben als in der Kleinheit seiner natürlichen Gestalt, es wachte im Brautgemach seiner Mutter, eingetaucht in das Licht der Gottheit, welche mit dem Feuer ihrer unendlichen Liebe es entzündete. Nicht war es geziemend, dass bei diesem himmlischen Geschöpf die niederen Kräfte eher sich betätigten als die höheren Kräfte der Seele, noch war es angemessen, dass die letzteren in einer Weise wirkten, welche durch das Wirken einer anderen Kreatur erreicht oder gar übertroffen worden wäre; denn wenn das Wirken eines Dinges immer seinem Wesen entspricht, so musste folgerichtig jene, welche alle Geschöpfe an Würde und Erhabenheit allezeit übertraf, auch in entsprechend vollkommnerer Weise wirken als jede englische und menschliche Kreatur. Nicht nur durfte somit die Auszeichnung der englischen Geister, welche schon im Augenblick ihrer Erschaffung den Gebrauch ihrer Seelenkräfte besaßen, jener erhabensten Kreatur mangeln, sondern es gebührte ihr, die zur Königin und Beherrscherin aller Engel erschaffen war, auch eine entsprechend höhere Fülle von Vorzügen und Auszeichnungen. Und diese Auszeichnungen mussten jene der Engel in um so höherem Grade übertreffen, als der Name und die Würde einer Mutter Gottes die der Diener und die Hoheit einer Königin die der Untertanen übertrifft; denn zu keinem der Engel hat das ewige Wort gesprochen: Meine Mutter bist du! Und keiner von ihnen konnte zum Wort sagen: Mein Sohn bist du (Hebr 1, 4ff)! Nur zwischen Maria und dem ewigen Worte fand dieses Verhältnis und diese Wechselbeziehung statt, und sie ist es, nach welcher die Größe Mariä zu bemessen und zu erforschen ist, ähnlich wie der Apostel die Größe Christi bemaß.

235. Indem ich diese Geheimnisse des Königs niederschreibe - denn seine Werke zu offenbaren ist ja ehrenvoll (Tob 12, 7) -, muss ich als arme Jungfrau meine Unwissenheit und Beschränktheit bekennen; ja, ich betrübe mich selber darüber, dass ich mit so gemeinen, leeren und unzureichenden Worten dasjenige beschreibe, was ich in dem meiner Seele mitgeteilten Licht über diese Geheimnisse schaue. Um eine solche Größe nicht herabzusetzen, wären besondere und eigene Worte, Ausdrücke und Bezeichnungen nötig; allein in meiner Unwissenheit finde ich sie nicht. Und wenn ich sie fände, so würden sie die menschliche Gebrechlichkeit übersteigen und erdrücken. So möge denn der Mensch in seiner Schwachheit anerkennen, dass er unvermögend und unfähig ist, sein Auge auf diese göttliche Sonne zu richten, welche, unter der Wolke des mütterlichen Schoßes der heiligen Anna verhüllt, aber von den Strahlen der Gottheit umflossen in die Welt eintritt. Und wollen wir alle der Gnade gewürdigt werden, näher hinzutreten und dieses «große Gesicht» schauen zu dürfen, so müssen wir frei und losgeschält kommen, die einen von kleinlicher Engherzigkeit, die anderen von ängstlicher Furcht, auch wenn sie sich den Schein der Demut gäbe; alle aber mit höchster Andacht und frei vom Geist des Widerspruchs (Röm 13, 13). Dann wird es uns gewährt werden, von der Nähe aus das Feuer der Gottheit im Dornbusch zu sehen, welcher brennt, aber nicht verbrennt (Ex 3, 2).

236. Ich habe gesagt, die heiligste Seele Mariä habe im ersten Augenblick ihrer reinsten Empfängnis die göttliche Wesenheit durch abstraktive Vision gesehen; denn es ist mir nicht geoffenbart worden, dass sie die wesenhafte Glorie geschaut hätte; im Gegenteil ist mir klar, dass dies ein ausschließliches Vorrecht der allerheiligsten Seele Christi war, welches ihr wegen der wesenhaften Einigung mit der Gottheit in der Person des Wortes gebührte und zukam. Denn um dieser Einigung willen durfte es für die Seele Christi keinen Augenblick geben, in welchem sie nicht samt ihren Fähigkeiten auf der höchsten Stufe der Gnade und Glorie mit der Gottheit vereinigt gewesen wäre. Und obwohl der Mensch Christus, unser höchstes Gut, vom ersten Augenblicke an Mensch und Gott zugleich war, so war er auch in der Erkenntnis und Liebe Gottes schon im ersten Augenblick beseligt (comprehensar). Die Seele seiner heiligsten Mutter aber war nicht wesentlich mit der Gottheit vereinigt, und darum begann sie ihr Wirken nicht im Stand der Beseligung; sie trat in das Leben ein, um Erdenpilgerin (viatrix) zu sein. Da sie aber der hypostatischen Union am nächsten stand, so hatte sie, wenn auch auf der Stufe der Pilgerschaft, dennoch eine Vision, welche ihrem Verhältnis zur hypostatischen Union angemessen war und der beseligenden Anschauung am allernächsten stand, eine Vision, die zwar niedriger war als die eben genannte, aber höher als alle Visionen und Offenbarungen, welche, abgesehen von der beseligenden Anschauung Gottes, jemals ein Geschöpf gehabt hat. Indes übertraf jene Anschauung Gottes, welche die Mutter Christi in ihrem ersten Augenblick genoss, dennoch in gewisser Hinsicht sogar die klare Anschauung, welche andere haben, insofern nämlich, als die seligste Jungfrau in der abstraktiven Vision mehr Geheimnisse schaute, als andere in der intuitiven oder beseligenden Anschauung erkennen. Wenn sie aber auch in jenem Augenblicke der Empfängnis die Gottheit nicht von Angesicht zu Angesicht geschaut hat, so ist damit nicht ausgeschlossen, dass sie, wie ich am gehörigen Ort sagen werde, später, im Verlaufe ihres Lebens, diese Anschauung zu wiederholten Malen gehabt habe.

LEHRE welche mir die Himmelskönigin über dieses Hauptstück gegeben hat

237. Ich habe im bisherigen schon öfter gesagt, dass mir die Königin und Mutter der Barmherzigkeit versprochen habe, sie werde mir, wenn ich an die Beschreibung ihrer Tugenden und ihrer ersten Akte komme, eine Unterweisung oder Lehre geben, damit ich in dem reinsten Spiegel ihres Lebens das meinige ordne; dies sollte nämlich der Hauptzweck dieses Unterrichtes sein. Da aber diese große Herrin in ihren Worten höchst getreu ist und bei Erklärung dieser Geheimnisse mir ohnedies mit ihrer beseligenden Gegenwart stets beisteht, so hat sie bei diesem Hauptstück den Anfang gemacht, ihr Versprechen zu erfüllen. Sie hat mir gesagt, sie werde dies auch in der Folge tun, solange ich an diesem Leben schreibe. Ich werde demnach die Ordnung einhalten, dass ich am Schluss eines jeden Hauptstückes die Lehre niederschreibe, welche Ihre Majestät mir mitteilen wird, wie sie mir eben jetzt eine solche gegeben hat, indem sie zu mir sprach:

238. «Meine Tochter! Ich will, dass du aus der Beschreibung meines heiligsten Lebens für dich selber die Frucht ziehest, die du wünschest. Der Lohn deiner Bemühungen soll kein anderer sein als eine größere Reinheit und Vollkommenheit deines Lebens. Diese wirst du erlangen, wenn du mit der Gnade des Allerhöchsten das Deinige tust, um mich nachzuahmen und das auszuführen, was du hörst. Es ist der Wille meines allerheiligsten Sohnes, dass du alle deine Kräfte aufbietest, um die Lehren, die ich dir geben werde, zu befolgen. Darum sollst du mit aller Ehrfurcht deines Herzens meine Tugenden und Werke betrachten. Höre mich aufmerksam und gläubig an, denn Worte des ewigen Lebens werde ich zu dir reden. Ich werde dir zeigen, welches die höchste Stufe christlicher Vollkommenheit und Heiligkeit und was in Gottes Augen am wohlgefälligsten ist. Fange darum sogleich an, dich für die Aufnahme des Lichtes empfänglich zu machen, in welchem dir die verborgenen Geheimnisse meines heiligsten Lebens und die Lehren, die du wünschest, geoffenbart werden. Fahre mit dieser Übung fort und schreibe nieder, was ich dir zu diesem Zweck sagen werde, Nun höre!»

239, «Es ist eine Pflicht der Gerechtigkeit gegen den ewigen Gott, dass das Geschöpf, sobald es den Gebrauch der Vernunft erhält, sogleich seine ersten Anmutungen auf Gott richte, ihn als seinen Schöpfer, als seinen einzigen wahren Herrn erkenne, liebe, ehre und anbete. Die Eltern aber haben die natürliche Pflicht, ihre Kinder von zartester Jugend an zur Erkenntnis Gottes zu führen und sie sorgfältigst anzuleiten, dass sie gleich von Anfang an ihr letztes Ziel suchen und durch die ersten Akte des Verstandes und Willens mit ihm sich vereinigen. Die Eltern sollten darauf bedacht sein, ihre Kinder von den jugendlichen Unarten und Spielereien abzuhalten, zu denen die verdorbene Natur, wenn sie nicht durch einen Erzieher geregelt wird, von selber hinneigt. Würden Vater und Mutter bedacht sein, diesen Verirrungen und Unarten ihrer Kinder vorzubeugen, würden sie dieselben vom zartesten Alter an unterweisen und ihnen frühzeitig die Erkenntnis ihres Gottes und Schöpfers beibringen, dann würde es für die Kinder später viel leichter sein. Gott allzeit zu erkennen und anzubeten. Meine heilige Mutter, welche damals meine Weisheit und meinen Zustand noch nicht kannte, hat diese Pflicht mit solcher Pünktlichkeit und so frühzeitig an mir erfüllt, dass sie, während sie mich noch unter ihrem Herzen trug, den Schöpfer in meinem Namen anbetete und ihm den ehrerbietigsten, schuldigsten Dank dafür abstattete, dass er mich erschaffen hatte. Auch bat sie ihn flehentlich, dass er mich behüte. beschütze und aus meinem damaligen Zustand glücklich befreie. So sollten alle Eltern mit möglichstem Eifer Gott anrufen, dass er durch seine Vorsehung es so füge, dass jene kleinen Geschöpfe glücklich zur heiligen Taufe gelangen und aus der Sklaverei der Erbsünde befreit werden.»

240. «Sollte aber ein vernünftiges Geschöpf es versäumt haben, gleich beim Erwachen der Vernunft den Schöpfer zu erkennen und anzubeten, so ist es schuldig, dies in jenem Augenblick nachzuholen, da es durch den Glauben zur Erkenntnis des einzigen und höchsten Gutes, das es zuvor nicht kannte, gelangt. Und sobald die Seele einmal diese Erkenntnis erlangt hat, muss sie sich Mühe geben, Gott niemals mehr aus den Augen zu verlieren, sondern ihn allzeit zu fürchten, zu ehren und zu lieben. Du, meine Tochter, bist die ganze Zeit deines Lebens hindurch Gott diese Anbetung schuldig gewesen, jetzt aber will ich. dass du sie ihm fortan mit größerer Vollkommenheit leistest, gemäß den Lehren, die ich dir geben werde. Richte das innere Auge deiner Seele auf die unwandelbare Wesenheit Gottes, die weder Anfang noch Ende hat. Betrachte, wie er unendlich ist in seinen Eigenschaften und Vollkommenheiten; er allein ist die wahre Heiligkeit, das höchste Gut, der erhabenste Gegenstand für ein Geschöpf. Er hat alles erschaffen, was da ist; und ohne dass er dessen bedürftig wäre, erhält und regiert er es. Er ist die vollendete Schönheit ohne Makel und Fehl; er ist ewig in der Liebe, wahrhaftig in seinen Worten, höchst getreu in seinen Verheißungen. Ja, er hat zum Heil seiner Geschöpfe sein eigenes Leben geopfert und den Peinen sich hingegeben, ohne dass eines solche Gnade verdient hätte. Auf diesem unabsehbaren Gebiet der Güte Gottes und seiner Wohltaten lass dein Auge umherschweifen; strenge deine Fähigkeiten an, diesen Gegenstand nie mehr zu vergessen, nie von ihm abzuweichen. Denn nachdem du einmal in solcher Weise das höchste Gut erkannt hast, wäre es abscheuliche Gefühllosigkeit und Untreue, wenn du es wieder vergessen würdest; ja es wäre eine verabscheuungswürdige Undankbarkeit, wenn dein Verstand und dein Wille von dem Pfad der göttlichen Liebe wieder abirren würden, nachdem du doch das höhere, göttliche Licht des eingegossenen Glaubens in einem außergewöhnlichen und außerordentlichen Grad empfangen hast. Solltest du aber in deiner Schwachheit jemals solches tun, so kehre alsbald um, suche schleunigst und sorgfältigst wieder den rechten Pfad, bete den Allerhöchsten demütigst an und bringe ihm Ehre, Verherrlichung und ewige Lobpreisung dar. Beachte wohl, dass du dies unablässig in deinem Namen und im Namen aller Geschöpfe tust; das sollst du als deine ganz besondere Aufgabe ansehen, und ich will, dass du auf deren Erfüllung alle deine Sorge verwendest.»

241. «Damit du dich hierin mit um so größerem Eifer übest, so erwäge in deinem Herzen, was dir über mein Verhalten geoffenbart worden ist; betrachte, wie jene erste Anschauung des höchsten Gutes mein Herz derart mit Liebe verwundete, dass ich mich ganz und gar ihm hingab und niemals mehr von ihm abwich. Trotzdem lebte ich in steter Sorge und gönnte mir keine Ruhe, sondern schritt immer vorwärts, bis ich zum Ziel aller meiner Wünsche und Begierden gelangte; denn weil der Gegenstand ein unendlicher ist, so darf die Liebe sich weder ein Ziel setzen noch Ruhe sich gönnen, bis sie das höchste Gut besitzt. Auf die Erkenntnis und Liebe Gottes muss sodann die Selbstkenntnis folgen, zu welcher du gelangst, wenn du deine Geringfügigkeit und Niedrigkeit aufmerksam erwägst. Wisse, dass diese Wahrheiten, wenn sie wohl verstanden und oftmals erwogen werden, wunderbare Wirkungen in den Seelen hervorbringen.»

Nachdem ich diese und andere Lehren von der Himmelskönigin vernommen. sprach ich zu ihr:

242. «O meine Gebieterin, deren Dienerin ich bin, und der ich mich aufs neue als Dienerin schenke und weihe, nicht ohne Grund hat mein Herz, von deiner mütterlichen Liebe angezogen, sehnsüchtig nach diesem Tag verlangt, um in dem Spiegel deiner heiligen Werke die unaussprechliche Erhabenheit deiner Tugenden zu sehen und die Süßigkeit deiner heilbringenden Worte zu vernehmen. O meine Königin, von ganzem Herzen bekenne ich, dass ich nicht ein gutes Werk aufzuweisen habe, das mit einer solchen Gnade belohnt zu werden verdiente. Und wenn ich auch dein heiligstes Leben beschreibe, so würde ich dies eher für eine große, unverzeihliche Verwegenheit als für ein gutes Werk ansehen, wenn ich hierin nicht deinem und deines allerheiligsten Sohnes Willen gehorchen würde. O so nimm doch, meine Herrin, dieses Opfer des Lobes an und rede, denn deine Dienerin hört (1 Sam 3,10). O meine süßeste Herrin. lass deine lieblichste Stimme in meine Ohren klingen (Hld 2,14), denn du hast Worte des Lebens (Joh 6, 69). Fahre fort, meine Frau, mich zu belehren und zu erleuchten, damit mein Herz in dem unermessenen Meere deiner Vollkommenheiten sich erweitere und würdigen Stoff finde. den Allmächtigen zu lobpreisen. In meinem Herzen brennt das Feuer, das deine Güte in mir angefacht hat, die feurige Begierde nämlich nach dem, was in jeder Tugend das Vollkommenste, Lauterste und dir Wohlgefälligste ist. Allein in dem niederen Teile fühle ich das Gesetz der Glieder, das dem Gesetz des Geistes widerstreitet (Röm 7, 23) und mich fesselt und aufhält; und ich fürchte nicht umsonst, es könnte mich von jenem Gute abhalten, das du, o liebste Mutter. mir anbietest. Darum, liebe Frau, sieh mich an als deine Tochter, lehre mich als deine Schülerin, weise mich zurecht als deine Magd und treibe mich an als deine Sklavin, wenn ich etwa zurückbleiben oder gar widerstehen sollte. Zwar ist es nicht mein Wille, dies zu tun, aber aus Schwachheit werde ich wieder zurückfallen. Ich will meine Augen erheben zur Erkenntnis der Wesenheit Gottes und mit seiner göttlichen Gnade will ich die Anmutungen meines Herzens regeln, dass sie in Liebe zu seinen unendlichen Vollkommenheiten entbrennen; und wenn ich ihn besitze, werde ich ihn nicht mehr entlassen (Hld 3, 4). Du aber, o Herrin. du Mutter der Erkenntnis und schönen Liebe (Sir 24, 24), bitte für mich bei deinem Sohn, meinem Herrn, dass er mich nicht verlasse, um jener freigebigsten Liebe willen, in welcher er herabgesehen hat auf deine Demut (Lk 1, 48), o Königin und Herrin des Weltalls!»

SIEBZEHNTES HAUPTSTÜCK: Erklärung des 21. Kapitels der Apokalypse

Von dem Geheimnis der unbefleckten Empfängnis der allerseligsten Jungfrau Maria. Fortsetzung. Erklärung des einundzwanzigsten Kapitels der geheimen Offenbarung, Erster Teil dieses Kapitels.

243. Das Vorrecht der allerseligsten Jungfrau Maria, in der Gnade empfangen zu sein, schließt so viele und so große Geheimnisse in sich, dass Seine göttliche Majestät, um mir ein besseres Verständnis von diesem Wunderwerk beizubringen, viele von jenen Geheimnissen eröffnet hat, welche der heilige Evangelist Johannes in dem einundzwanzigsten Kapitel der geheimen Offenbarung beschrieben hat. Durch die Erkenntnis der letzteren sollte ich nämlich die ersteren verstehen lernen. Ich werde darum einiges von dem, was mir zu verstehen gegeben wurde, hier darlegen. Um aber nicht zu ermüden und lästig zu fallen, was wohl geschehen könnte, wenn ich ein so inhaltsreiches Kapitel in ununterbrochener Reihenfolge wiedergeben würde, will ich die Erklärung desselben in drei Teile zerlegen. Zuerst aber werde ich den Wortlaut anführen; er ist folgender:

244. «Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde waren vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich, Johannes, sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, herabsteigen von Gott aus dem Himmel, zubereitet, wie eine Braut für ihren Bräutigam geschmückt ist. Und ich hörte eine starke Stimme vom Thron, welche sprach: Siehe den Tabernakel Gottes bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen; und sie werden sein Volk sein und er, Gott selbst mit ihnen wird ihr Gott sein. Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen; der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer, noch Klage, noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen, Und es sprach, der auf dem Throne saß: Siehe, ich mache alles neu! Und er sprach zu mir: Schreib, denn dies sind wahrhaftige und gewisse Worte! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen! Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende. Dem Dürstenden will ich geben von der Quelle lebendigen Wassers umsonst. Wer überwindet, wird dieses zum Besitz erhalten, und ich will ihm Gott sein und er wird mir Sohn sein. Den Verzagten aber, den Ungläubigen, den Gräuelhaften, den Mördern, den Buhlern, den Zauberern, den Götzendienern und allen Lügnern wird ihr Anteil werden im Pfuhle, der mit Feuer und Schwefel brennt; und dies ist der zweite Tod (Offb 21, 1-9).»

245. Dies ist der Wortlaut des ersten der drei Teile, den ich in diesem Hauptstück Wort für Wort erklären werde. Der Evangelist sagt: «Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde.» Nachdem die reinste Jungfrau Maria aus der Hand des allmächtigen Gottes hervorgegangen und die Materie erschaffen war, von welcher die heiligste Menschheit des Wortes, das für den Menschen sterben wollte, unmittelbar gebildet werden sollte, konnte der Evangelist sagen, dass er «einen neuen Himmel und eine neue Erde» gesehen habe. Ganz bezeichnend konnte nämlich jenes Geschöpf, jener jungfräuliche Schoß, in welchem und von welchem die heiligste Menschheit gebildet werden sollte, ein «neuer Himmel» genannt werden (Jer 31, 22). Denn es war ein Himmel, in welchem Gott auf neue Weise zu wohnen begann, ganz anders, als er bisher in dem alten Himmel und in allen übrigen Geschöpfen gewohnt hatte. Aber auch der Himmel der Heiligen wird nach der Menschwerdung ein neuer Himmel genannt; denn durch die Menschwerdung des Wortes wurde, was bisher nicht gesehen ward, bewirkt, dass nämlich sterbliche Menschen in dem Himmel wohnen dürfen. Durch die Menschwerdung wurde bewirkt, dass die Glorie der heiligsten Menschheit Christi und die seiner reinsten Mutter den Himmel erneuerten; denn diese Glorie ist, nächst der wesentlichen Glorie, so groß, dass sie hinreichte, die Himmel zu erneuern und ihnen neue Schönheit und neuen Glanz zu verleihen. Freilich waren die guten Engel schon im Himmel; allein dies war sozusagen etwas Altes. Etwas Neues aber war es, dass der Eingeborne des Vaters durch seinen Tod den Menschen das durch die Sünde verlorene Anrecht auf die Seligkeit wieder verdiente und gewährte; neu war es, dass er sie in den Himmel einführte, der ihnen zuvor verschlossen war und den sie aus sich selber nicht wieder verdienen konnten. Weil nun alle diese Vorgänge, die für den Himmel neu waren, in Maria ihren Anfang nahmen, darum sagt der Evangelist, er habe einen neuen Himmel gesehen, als er sah, dass Maria ohne Sünde empfangen sei; denn die Sünde war es eben, welche den Himmel verschlossen hatte.

246. Der Evangelist sagt ferner, er habe eine neue Erde gesehen. Die alte Erde Adams war nämlich verflucht, befleckt, der Sünde und ewigen Verdammnis schuldig. Die heilige und gesegnete Erde Mariä aber war eine neue Erde, frei von der Schuld und dem Fluch Adams, eine Erde, so neu. dass seit der ursprünglichen Schöpfung bis auf die allerseligste Jungfrau Maria eine ebenso neue Erde in der Welt nicht gesehen ward. So neu, so frei vom Fluch der alten Erde war diese neue Erde, dass die ganze Nachkommenschaft Adams durch sie erneuert wurde; denn durch die gesegnete Erde Mariä, mit ihr und in ihr ward die ganze irdische Masse Adams (Das ist das ganze Menschengeschlecht), die bis dahin verflucht und im Fluch alt geworden war, gesegnet, erneuert und zum Leben erweckt. Die ganze Nachkommenschaft Adams wurde durch die heiligste Jungfrau Maria und durch ihre Unschuld erneuert. Weil diese Erneuerung der menschlichen, irdischen Natur in Maria ihren Anfang nahm, darum sagt der heilige Johannes, dass er in der Person der unbefleckt empfangenen Jungfrau Maria einen neuen Himmel und eine neue Erde gesehen habe.

247. «Denn der erste Himmel und die erste Erde waren vergangen.» Es war notwendig, dass, als die neue Erde und der neue Himmel, d. i. die heiligste Jungfrau Maria und ihr Sohn, wahrer Gott und wahrer Mensch, in der Welt erschienen, der alte Himmel und die alte, durch die Sünde verdorbene Erde der menschlichen Natur verschwanden. Es entstand ein neuer Himmel für die Gottheit in der menschlichen Natur, indem diese, weil kraft der hypostatischen Vereinigung in der Person des Wortes von jeder Schuld frei und rein, für Gott eine neue Wohnung darbot. Darum hörte der erste Himmel, den Gott in Adam erschaffen hatte, jetzt auf, da er befleckt und deshalb unwürdig war, dass Gott in ihm wohne; er verging, und dafür kam ein anderer, neuer Himmel mit der Ankunft Mariä. Es entstand aber auch ein neuer Himmel der Glorie für das Menschengeschlecht; nicht als wäre der Lichthimmel entrückt worden oder verschwunden, aber er hörte auf, menschenleer zu sein, wie er es so viele Jahrhunderte hindurch gewesen war. In diesem Sinne hörte der erste Himmel auf, indem er erneuert wurde durch die Verdienste Christi, welche in seiner heiligsten Mutter Maria, der Morgenröte der Gnade, ihren Glanz bereits zu verbreiten begannen. So war denn also der erste Himmel und die erste Erde, welche bis dahin ohne Heilmittel gewesen war, vergangen.

«Auch das Meer ist nicht mehr.» Das Meer der Sünden und Gräuel, welches die Welt überschwemmt und die Erde, d. i. das Menschengeschlecht. unter sich begraben hatte, hörte auf, als die heiligste Jungfrau Maria und Christus auf Erden erschienen. Das Meer seines Blutes war mächtiger und überschwänglicher an Kraft als das Meer der Sünden; denn es ist gewiss, dass vor der Kraft und Wirksamkeit des kostbaren Blutes jede Sünde weichen muss. Würden die Menschen dieses unendliche Meer der Barmherzigkeit Gottes und der Verdienste unseres Herrn Jesu Christi sich zunutze machen, dann würden alle Sünden der Welt verschwinden; ist ja das Lamm Gottes gekommen, sie alle wegzunehmen und zu tilgen.

248. «Und ich, Johannes, sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, herabsteigen von Gott aus dem Himmel, zubereitet, wie eine Braut für ihren Bräutigam geschmückt ist.» Weil alle die genannten Geheimnisse von der heiligsten Jungfrau Maria ihren Anfang nahmen und auf ihr wie auf dem Fundament ruhten, darum sagt der Evangelist, dass er sie unter dem Bild der heiligen Stadt Jerusalem gesehen habe; denn unter diesem Bild sprach er von der Himmelskönigin. Ihm war vergönnt, dies im Gesicht zu schauen, damit er den Schatz, der ihm am Fuß des Kreuzes übergeben und anvertraut worden war, um so besser erkenne und mit würdiger Hochschätzung behüte. Zwar konnte keine Vorsorge die Gegenwart des Sohnes der Jungfrau ersetzen; da aber der heilige Johannes an die Stelle des wahren Sohnes der Jungfrau zu treten hatte, so war es geziemend, dass er im Verhältnis zu der Würde und dem Amt, das er übernahm, über den Wert dieses Schatzes ganz besonders erleuchtet werde.

249. Die heilige Stadt Jerusalem war wegen der Geheimnisse, die Gott in ihr gewirkt hatte, das allergeeignetste und sprechendste Sinnbild der Mutter Gottes, welche der Mittelpunkt und Inbegriff aller Wunderwerke des Allmächtigen ist. Jerusalem ist aus dem genannten Grunde auch ein Sinnbild der streitenden und triumphierenden Kirche; und auf alle diese verschiedenen, durch Jerusalem vorgebildeten geistlichen Städte hat der hochherzige Adler Johannes sein Auge gerichtet, weil alle einander verwandt und ähnlich sind. Ganz besonders aber hat er seinen Blick auf das höchste Jerusalem geheftet, auf die seligste Jungfrau Maria, in welcher alle Gnaden und Gaben, alle Wunder und Auszeichnungen der streitenden und triumphierenden Kirche eingeschlossen und zusammengefasst sind. Alles, was in jenem Jerusalem, der Hauptstadt Palästinas, Wunderbares gewirkt wurde, alles, was durch Jerusalem und seine Bewohner vorgebildet war, alles dieses ist in der heiligen Stadt Gottes, in der allerreinsten Jungfrau Maria in weit wunderbarerer und ausgezeichneterer Weise enthalten und begriffen als im ganzen Himmel und in der ganzen Erde samt deren Bewohnern. Darum nennt er auch Maria ein neues Jerusalem, weil alle ihre Gaben, Auszeichnungen und Tugenden neu sind und neue Bewunderung unter den Heiligen hervorrufen. Ein neues Jerusalem war sie; denn sie erschien, nachdem alle Altväter, alle Patriarchen und Propheten bereits gekommen waren, und die Bitten und Seufzer, die Aussprüche und Verheißungen der letzteren wurden in ihr erfüllt und erneuert. Ein neues Jerusalem ist sie; denn sie kommt ohne Ansteckung der Schuld und steigt herab vom Ursprung der Gnade auf einem neuen, ihr allein vorbehaltenen Weg, fern von dem allgemeinen Gesetz der Sünde. Ein neues Jerusalem ist sie, denn sie tritt ein in diese Welt, triumphierend über den Satan und seine erste Verführung, was das Allerneueste ist, das in der Welt seit ihrem Anbeginn jemals gesehen wurde.

250. Weil all dieses neu war auf Erden und nicht von der Erde abstammen konnte, darum sagt der Evangelist, dass die seligste Jungfrau «aus dem Himmel herabstieg». Zwar stammt sie ihrer Natur nach wie alle von Adam ab; allein sie kommt nicht auf der gewöhnlichen, von ihren Vorfahren, den Abkömmlingen des ersten Übertreters ausgetretenen Landstraße der Sünde. Für diese Königin und nur für sie, war in der göttlichen Vorherbestimmung ein besonderer Ratschluss gefasst und ein neuer Pfad eröffnet worden, auf welchem sie mit ihrem allerheiligsten Sohn in die Welt kommen sollte, ein Pfad, auf welchem, was Gnade betrifft, kein Sterblicher ihnen vorangegangen war und keiner ihnen folgen wird. Sie stieg also neu aus dem Himmel, von dem Geist und Ratschluss Gottes herab. Und während die andern Kinder Adams von der Erde stammen und durch sie irdisch und befleckt sind, kommt die Königin des Weltalls vom Himmel herab, durch ihre Gnade und Reinheit sozusagen von Gott allein abstammend. Denn gewöhnlich sagt man, es komme jemand von diesem oder jenem Haus oder Geschlecht her, von dem er abstammt; jeder stammt aber von dem ab, welchem er das Dasein verdankt. Nun aber wird das natürliche Sein der heiligsten Jungfrau Maria, das sie von Adam empfangen hat, kaum beachtet, wenn man sie betrachtet als Mutter des ewigen Wortes, und wenn man bedenkt, wie sie infolge der Gnadenfülle, die sie um jener Würde willen durch Teilnahme aus der Gottheit empfangen hat, gleichsam zur Seite des himmlischen Vaters steht (Ps 45, 10). Dies ist ihre eigentliche und hauptsächliche Seinsweise, während ihre menschliche Natur gleichsam die Nebensache, das minder Wichtige an ihr ist. Der Evangelist aber sah auf das Hauptsächliche, das vom Himmel herabstieg, nicht auf das Nebensächliche, das von der Erde stammt.

251. Der Evangelist fährt fort: «Zubereitet, wie eine Braut für ihren Bräutigam geschmückt ist.» Die Menschen pflegen zur Ausstattung einer irdischen Braut für den Tag der Vermählung den schönsten Schmuck und das reichste Geschmeide herbeizuschaffen, das sich finden lässt; ja sie zögern nicht, die kostbarsten Kleinodien sogar zu entlehnen, damit doch nichts an der standesgemäßen Ausstattung fehle. Wenn wir nun aber, wie wir es schuldig sind, bekennen, dass die reinste Jungfrau Maria in der Weise die Braut der allerheiligsten Dreifaltigkeit war, dass sie zugleich Mutter der (menschgewordenen) Person des Sohnes war, wenn wir ferner bekennen, dass sie für diese Würden von dem allmächtigen. unendlichen und unermesslich reichen Gott selber ausgestattet und vorbereitet wurde, mit welchem Schmuck. mit welcher Zier, mit welchen Kleinodien wird er wohl seine Braut und Mutter ausgestattet haben, auf dass sie seine würdige Braut und seine würdige Mutter sei? Wird er wohl eine Kostbarkeit in seinen Schätzen zurückbehalten haben? Wird er wohl eine Gnade, mit der er in seiner Allmacht sie ausrüsten und zieren konnte, ihr vorenthalten haben? Wird er sie in irgendeiner Hinsicht, in irgendeinem Augenblick unschön, ungeordnet, befleckt gelassen haben? Wird er seiner Mutter und Braut gegenüber karg und geizig gewesen sein, er, der doch in wunderbarer Freigebigkeit die Schätze seiner Gottheit über die Seelen ausgießt, die im Vergleich mit ihr weniger als Dienerinnen und Sklavinnen ihres Hauses sind? Alle bekennen mit dem Herrn selber, dass nur eine die Auserwählte, die Vollkommene ist (Hld 6, 8), welche die übrigen als die Unbefleckte, als die Gebenedeiteste unter den Frauen anerkennen, preisen und verherrlichen müssen. Voll Bewunderung fragen sie, im Jubel des Herzens lobsingend: «Wer ist die, welche hervorkommt wie die aufsteigende Morgenröte, schön wie der Mond, auserkoren wie die Sonne, furchtbar wie ein geordnetes Heerlager (Hld 6, 9) ?» Es ist die heiligste Jungfrau Maria, die einzige Braut und Mutter des Allmächtigen, die herabsteigt auf die Welt, geschmückt und zubereitet als die Braut der allerheiligsten Dreifaltigkeit für ihren Bräutigam und für ihren Sohn. Bei dieser ihrer Ankunft war sie mit so reichen Gaben der Gottheit geziert, dass sie im Glanz lieblicher war als die Morgenröte, schöner als der Mond, auserlesener und ausgezeichneter vor allen als die Sonne, stärker und mächtiger als alle Heerscharen der Engel und Heiligen des Himmels. Sie stieg herab, geschmückt und zubereitet für Gott, der ihr alles gab, was er wollte, alles geben wollte, was er konnte, und alles geben konnte, was nicht Gott selbst ist. Er gab ihr, was seiner Gottheit unmittelbar am nächsten und von der Sünde am entferntesten ist, soweit eine reine Kreatur solches zu empfangen fähig war.

Diese Ausrüstung war vollständig und vollkommen; das wäre sie aber nicht gewesen, wenn etwas daran gefehlt hätte, und es hätte etwas gefehlt, wenn auch nur ein Pünktchen an ihr ohne Unschuld und Gnade gewesen wäre. Und auch dies hätte nicht genügt, sie vollkommen schön zu machen, wenn die Zierden und Kleinodien der Gnade auf ein hässliches Angesicht oder auf ein beschmutztes Kleid aufgetragen, d. h. auf eine von der Sünde befleckte Natur verwendet worden wären. Immer wäre ein Fehl geblieben, und keine Sorgfalt hätte genügt, um alle Spuren und Makel zu tilgen. Alles dieses ziemte sich nicht für Maria, die Mutter und Braut Gottes, und war es ungeziemend für sie, so war es auch ungeziemend für Gott. Denn er hätte sie nicht mit der Liebe eines Bräutigams noch mit der Sorgfalt eines Sohnes geschmückt und zubereitet, wenn er, im Besitz eines höchst reichen und kostbaren Kleides, ein anderes, beschmutztes und altes hervorgesucht hätte, um seine Mutter und Braut, ja sich selber damit zu bekleiden.

252. Nun ist es endlich Zeit, dass der menschliche Geist die Fesseln ängstlicher Zaghaftigkeit wegwerfe und unserer großen Königin die Ehre gebe, die ihr gebührt; Zeit ist es, dass, wer auf falsche Gründe sich stützend das Gegenteil verficht, sich endlich einmal ein Gewissen daraus mache, der Himmelskönigin die Zierde unbefleckter Reinheit zu rauben, die im Augenblick ihrer heiligsten Empfängnis ihr verliehen wurde. Mit der ganzen Kraft der Wahrheit und des Lichtes, worin ich diese unaussprechlichen Geheimnisse schaue. bekenne ich hundert- und tausendmal, dass nach dem, was mir hierüber zu verstehen gegeben wurde, alle Privilegien, Gnaden, Vorzüge, Auszeichnungen und Gaben der heiligsten Jungfrau Maria, ihre göttliche Mutterschaft miteingeschlossen, davon abhängen und darin ihren Ursprung haben, dass sie in ihrer reinsten Empfängnis unbefleckt und voll Gnade gewesen ist. Wäre sie dies nicht gewesen, dann wären alle die genannten Gnadenvorzüge unvollkommen und mangelhaft; sie würden einem prachtvollen Gebäude gleichen, das kein entsprechendes, festes Fundament hat. Alle jene Gnaden stehen mit der reinsten und heiligsten Empfängnis in engster Verbindung, und darum war es nötig, im Verlauf dieser Geschichte, angefangen von dem göttlichen Ratschluss, nach welchem Maria und die heiligste Menschheit ihres Sohnes erschaffen wurden, so oft von diesem Geheimnis zu sprechen. Ich werde mich nun nicht mehr weiter darüber verbreiten; dies aber sage ich allen: Die Königin des Himmels hat den Schmuck und die Schönheit, welche ihr Sohn und Bräutigam ihr bei ihrer reinsten Empfängnis verliehen hat, so hochgeschätzt, dass nach Maßgabe dieser Hochschätzung auch ihr Unwille gegen jene groß sein wird, welche aus Stumpfsinn oder Streitsucht verwegen genug sind, dieses Schmuckes sie zu entkleiden und im gleichen Augenblick sie mit Schmach zu bedecken, in welchem ihr allerheiligster Sohn sich gewürdigt hat, zu seiner Verherrlichung und zum Trost aller Sterblichen sie in so unermesslicher Zier und Schönheit der Welt zu offenbaren.

253. «Und ich hörte eine starke Stimme vom Thron, welche sprach: Siehe den Tabernakel Gottes bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen; und sie werden sein Volk sein, und er, Gott selbst mit ihnen wird ihr Gott sein.» Die Stimme des Allerhöchsten ist stark und mächtig, lieblich und wirksam, um jede Kreatur in Bewegung zu setzen und an sich zu ziehen. Dieser Art war auch die Stimme, welche der heilige Johannes vom Thron der allerheiligsten Dreifaltigkeit ausgehen hörte; indem sie ihn aufforderte, den Tabernakel Gottes zu betrachten, zog sie seine ganze Aufmerksamkeit auf diesen Gegenstand hin, so dass er das Geheimnis, das ihm geoffenbart wurde, vollkommen durchschaute. Er sah den Tabernakel Gottes bei den Menschen; er sah, wie Gott bei ihnen wohnte und ihr Gott war und wie sie mit ihm wohnten. Dieses ganze Geheimnis war in dem Gesichte enthalten, in welchem er die heiligste Jungfrau unter dem oben genannten Bild vom Himmel herabsteigen sah. Nachdem nämlich einmal der heilige Tabernakel Gottes auf Erden weilte, war es nicht anders denkbar, als dass auch Gott selber bei den Menschen wohne; denn er lebte ja in seinem Tabernakel, unzertrennlich mit ihm vereint. Es war darum, als würde dem Evangelisten gesagt: Der König hat seinen Palast, seinen Hof auf Erden; daraus folgt, dass er sich anschickt, Wohnung darin zu nehmen. Gott wollte aber in der Weise in diesem seinem Tabernakel wohnen, dass er von ihm jene menschliche Natur annahm, in welcher er auf Erden weilen und bei den Menschen wohnen wollte. In dieser Natur wollte er ihr Gott sein; in ihr wollte er sie zu seinem Volk haben als Erbschaft von seinem Vater und seiner Mutter. Erbschaft des ewigen Vaters waren wir für den allerheiligsten Sohn Gottes nicht nur deshalb, weil der himmlische Vater in ihm und durch ihn alles erschaffen (Joh 1, 3) und in der ewigen Zeugung ihm alles als Erbschaft übergeben hat, sondern auch deshalb, weil der Sohn als Mensch in unserer eigenen Natur uns erlöst, uns als sein Volk und als sein väterliches Erbe erworben (Tit 2, 14) und zu seinen Brüdern gemacht hat. Dieselbe menschliche Natur ist ferner der Grund, weswegen wir von Seiten seiner heiligsten Mutter ihm als gesetzliches Erbe angehören. Seine Mutter war es ja, welche ihm das menschliche Fleisch gab, durch welches er uns für sich erworben hat. Und indem sie seine Mutter und zugleich Tochter und Braut der allerheiligsten Dreifaltigkeit war, war sie auch Herrin alles Erschaffenen, und darum musste ihr Eingeborner alles dieses von ihr erben; denn was menschliche Gesetze auf Grund natürlichen Rechtes zugestehen, musste auch im göttlichen Gesetz seine Anwendung finden.

254. Diese Stimme ging vom Thron Gottes aus mittels eines Engels, welcher, meines dünkens, nicht ohne heilige Eifersucht zum Evangelisten sprach: Hab acht, siehe den Tabernakel Gottes bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein. Er wird ihr Bruder sein und ihre Gestalt annehmen, und zwar mittels dieses Tabernakels, d. i. Maria, welche du in ihrer Empfängnis und Erschaffung vom Himmel herabsteigen siehst. Allein freudigen Angesichts können wir den himmlischen Geistern erwidern, dass der Tabernakel Gottes ganz passend bei uns sich befinde; denn er gehört ja uns an und durch ihn wird auch Gott uns angehören. Er wird ja aus ihm das Leben und das Blut annehmen, das er für uns aufopfern und durch das er uns erkaufen und zu seinem Volke machen will. Durch seine menschliche Natur wird er auch in uns wohnen; denn indem wir ihn in dem allerheiligsten Altarssakrament empfangen, wird er uns zu seinem Tabernakel machen. Mögen also die himmlischen Geister sich damit zufriedengeben, dass sie die älteren Brüder (Lk 15, 25) und nicht in den Nöten sind wie wir Menschen. Wir sind die jüngeren, die schwächeren, und bedürfen gar sehr der süßen Gaben, die unser Vater und Bruder uns bietet. O möge er doch kommen in den Tabernakel seiner und unserer Mutter! Möge er aus ihrem jungfräulichen Schoß die Gestalt des menschlichen Fleisches annehmen! Möge er seine Gottheit darin verhüllen, um bei uns und in uns zu leben! Wir wollen ihn so eng an uns schließen, dass er unser Gott und wir sein Volk, seine Wohnung seien. Die englischen Geister mögen sich hierüber verwundern und durch solche Wunder entzückt den Herrn preisen; wir Sterblichen aber wollen ihn genießen und in gleicher Bewunderung mit den Engeln ihn loben und lieben! Der Evangelist sagt weiter:

255. «Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen; der Tod wird nicht mehr sein noch Trauer, noch Klage, noch Schmerz wird mehr sein.» Durch die Früchte der Erlösung, die uns durch die Empfängnis der heiligsten Jungfrau Maria aufs sicherste verbürgt wurden, werden die Tränen getrocknet werden, welche die Sünde uns Sterblichen in die Augen getrieben hat. Denn wer sich die Erbarmungen des Allerhöchsten zunutze macht, wer an dem Blut und an den Verdiensten seines Sohnes sowie an den Sakramenten und Gnadenschätzen seiner heiligen Kirche teilnimmt, wer, um all der genannten Gnaden sich teilhaftig zu machen, der Fürsprache und Vermittlung der heiligsten Mutter Gottes sich würdig macht. für den gibt es keinen Tod, keinen Schmerz, keine Trauer mehr, da der Tod der Sünde und alles «Alte», d. h. die alten Folgen der Sünde, vergangen sind und ein Ende genommen haben. Die wahre Trauer ist mit den Kindern des Verderbens hinabgestiegen in die Tiefe, wo es keine Erlösung mehr gibt. Der Schmerz, den die Leiden verursachen, ist nicht mehr Gegenstand der Trauer, er ist kein eigentlicher, er ist ein scheinbarer Schmerz, der mit der wahren und höchsten Freude zugleich bestehen kann; mit Gleichmut ertragen, ist er von unschätzbarem Wert und ein Unterpfand der Liebe, das der Sohn Gottes für sich wie für seine Mutter und Brüder erwählt hat.

256. Man wird auch kein Jammer-, kein Klagegeschrei mehr hören; denn die Gerechten und Weisen werden es verstehen. nach dem Beispiel ihres Meisters und seiner demütigsten Mutter zu schweigen wie ein einfältiges Schäflein, das zur Schlachtbank geführt wird (Jes 53, 7). Auf das der gebrechlichen Natur zugestandene Recht, in dem Ruf der Klage einige Linderung zu suchen, werden die Freunde Gottes verzichten, wenn sie sehen, wie der Sohn Gottes, ihr Haupt und ihr Vorbild. erniedrigt ist bis zum schmählichen Tod des Kreuzes (Phil 2, 8), um den Schaden wiedergutzumachen, den unsere Ungeduld und unser geringes Vertrauen verursacht hat. Wie sollte man es unserer Natur nachsehen, dass sie angesichts eines solchen Vorbildes im Leiden sich betrübe und jammere? Wie sollte es ihr gestattet sein, Regungen zu nähren, die der Eintracht und Liebe widerstreiten, da doch Jesus Christus kommt, um das Gesetz der brüderlichen Liebe zu gründen? Der Evangelist fügt bei «kein Schmerz wird mehr sein». Wenn es je noch einen Schmerz unter Menschen geben sollte, müsste es der Schmerz des bösen Gewissens sein; allein für diesen Schmerz hat uns der Herr durch seine Menschwerdung im Schoß der heiligsten Jungfrau Maria ein so liebliches Heilmittel geboten, dass derselbe kein wahrer Schmerz, sondern angenehm und eine Ursache der Freude ist, weil er die höchste, die wahre Freude in sich schließt. Denn mit der heiligsten Menschwerdung des Wortes ist «alles Alte vergangen». Vergangen sind nämlich die Pein und die unwirksamen Strengheiten des alten Gesetzes, indem durch die überschwängliche Gnade des evangelischen Gesetzes alles gemildert und vollendet wurde. Darum heißt es weiter: «Siehe. ich mache alles neu»; Diese Stimme ging von demjenigen aus, der auf dem Thron saß; denn er bezeichnet sich selber als den Urheber aller Geheimnisse des neuen, evangelischen Gesetzes. Da ein so neues, den Menschen so unerwartetes Wunder sich zu vollziehen begann, indem der Eingeborne des Vaters Mensch wurde und zur Mutter die reinste Jungfrau erhielt, war es durchaus notwendig, dass, wenn hierbei alles neu war, auch in seiner heiligsten Mutter nichts Altes sich finde. Nun ist es aber gewiss, dass die Erbsünde fast ebenso alt ist als die Natur selbst. Hätte also die Mutter des menschgewordenen Wortes die Erbsünde gehabt, so hätte er nicht alles neu gemacht.

257. «Und er sprach zu mir: Schreib, denn dies sind wahrhaftige und gewisse Worte! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen !» Menschlich geredet, tut es dem Herrn sehr weh, dass die großen Werke der Liebe, die er in der Menschwerdung und Erlösung gewirkt hat, vergessen werden. Um sie darum unserem Gedächtnis einzuprägen und um unserer Undankbarkeit vorzubeugen, befielt er, sie aufzuschreiben. So sollten also auch die Sterblichen diese Geheimnisse in ihre Herzen schreiben und sich scheuen, durch eine so rohe, verdammungswürdige Vergesslichkeit Gott zu beleidigen. Wohl besitzen die Katholiken den Glauben an diese Geheimnisse; allein die Geringschätzung, die sie durch ihren Undank und ihre Vergesslichkeit an den Tag legen, ist nichts anderes als eine stillschweigende Leugnung derselben; denn sie leben ja, als glaubten sie nicht daran. Damit sie aber doch einen Ankläger ihrer schändlichen Undankbarkeit haben, darum spricht der Herr: «Dies sind wahrhaftige und gewisse Worte.» Wenn sie dies sind - und sie sind es -, dann mag man auch sehen, wie groß der Stumpfsinn und die Taubheit der Sterblichen ist, die da tun, als verständen sie diese Wahrheiten gar nicht. Denn wie sie höchst wahrhaftig sind, so wären sie auch wirksam, das menschliche Herz zu bewegen und sein Widerstreben zu brechen, wenn man sie als «höchst wahrhaftige und gewisse» dem Gedächtnis einprägen und immer wieder betrachten würde, wenn man sie als gewisse und unfehlbare Wahrheiten wohl erwägen und dabei bedenken würde, dass Gott dieselben für einen jeden von uns gewirkt hat.

258. Weil aber die Gaben Gottes ihn nicht gereuen (Röm 11, 29) - denn das Gute, das er schenkt, nimmt er um des Undankes der Menschen willen nicht wieder zurück -, darum spricht er: «Es ist geschehen !,» gleich als wollte er damit sagen, dass er trotz unseres Undankes, durch den wir ihn erzürnten, in seiner Liebe doch nicht rückwärtsgehen wolle; im Gegenteil gibt er zu erkennen, dass, nachdem er einmal die heiligste Jungfrau Maria ohne Sünde empfangen, in die Welt gesendet habe, alles, was zum Geheimnis der Menschwerdung gehört, bereits entschieden und geschehen sei. Denn nachdem einmal die allerreinste Jungfrau Maria auf Erden weilte, konnte sozusagen das ewige Wort nicht mehr allein im Himmel bleiben, es musste herabsteigen, um in ihrem Schoß menschliches Fleisch anzunehmen. Dessen versichert er uns noch nachdrücklicher, wenn er sagt: «Ich bin das Alpha und das Omega», der erste und der letzte Buchstabe, in denen, als dem Anfang und dem Ende, die Vollendung aller Werke eingeschlossen ist; denn wenn ich, sagt der Herr, meine Werke beginne, so geschieht es, um sie bis zu ihrem letzten Ziel vollkommen durchzuführen. So werde ich tun bei diesem Werke, das ich durch Jesus und Maria ausführe; durch dieses habe ich begonnen und werde auch vollenden alle Werke der Gnade. Ich werde durch sie den Menschen und mit ihm alle Geschöpfe an mich ziehen als an ihr letztes Ziel und an das Zentrum, in dem sie ihre Ruhe finden.

259. «Dem Dürstenden will ich umsonst von der Quelle lebendigen Wassers geben. Wer überwindet, wird dieses erhalten.» Wer unter allen Menschen ist Gottes Ratgeber gewesen? Oder wer hat ihm zuerst etwas gegeben, dass es ihm wieder vergolten werde (Röm 11, 34.35) ? Mit diesen Worten wollte der Apostel zu verstehen geben, dass alles, was Gott für die Menschen tut und getan hat, aus reiner Gnade und ohne jegliche Verpflichtung gegen irgend jemanden geschehen sei. Die Quelle ist ihre Gewässer keinem schuldig, der da kommt, daraus zu trinken; umsonst und aus reiner Gnade gibt sie einem jeden, der kommt. Wenn aber nicht alle an ihren Gewässern teilnehmen, so ist dies nicht Schuld der Quelle, sondern Schuld derjenigen, die nicht kommen, um zu trinken; denn mit Freuden ladet sie alle ein, an ihrem Überfluss sich zu laben. Ja, weil man nicht kommt, sie zu suchen, so geht sie selber hin, um solche zu suchen, die etwas von ihr wollen (Joh 7, 37; Jes 55, 1). Ohne sich aufhalten zu lassen, fließt sie dahin; so begierig ist sie, ihre Gewässer freigebigst und umsonst mitzuteilen. O sträfliche Lauheit der Menschen! O abscheuliche Undankbarkeit! Nichts ist der Herr uns schuldig, und alles hat er uns gegeben, und zwar alles umsonst. Unter all seinen Gnaden und Wohltaten ist aber keine größer als die, dass er für uns Mensch geworden und gestorben ist; denn damit hat er sich selber uns ganz und gar hingegeben, indem der Strom seiner Gottheit wie mit Gewalt sich ergoss (Ps 46, 5), um sich mit der menschlichen Natur und also mit uns zu vereinigen. Wie ist es nun möglich, dass wir, die wir doch so sehr nach Ehre, Ruhm und Vergnügen dürsten, nicht hingehen, um alles dieses zu schöpfen aus dieser Quelle, die uns alles umsonst anbietet? Doch ich weiß den Grund; wir dürsten nicht nach dem wahren Ruhm, nach der wahren Ehre und nach der wahren Ruhe; wir schmachten nach trügerischen, scheinbaren Gütern und verschmähen die Quellen der Gnade, welche unser höchstes Gut, Jesus Christus, durch die Verdienste seines Leidens und Sterbens uns eröffnet hat (Jes 12, 3). Wer aber nach Gott und nach der göttlichen Gnade dürstet, dem sagt der Herr, dass er ihm umsonst geben werde von der Quelle lebendigen Wassers. O welch traurige Sache ist dies; die Quelle des Lebens ist eröffnet und so wenige sind, die darnach dürsten, dagegen so viele, welche zu den Quellen des Todes laufen (Jer 2, 13) ! Wer aber in sich selbst den Satan, die Welt und das eigene Fleisch überwindet, der wird dies zum Besitz erhalten. Es wird gesagt, er werde es zum Besitz, als Eigentum erhalten; denn weil die Gewässer der Gnade umsonst gegeben werden, so könnte man etwa fürchten, sie könnten einmal verweigert oder zurückverlangt werden; um uns also mehr zu versichern, wird gesagt, dass sie zum unbeschränkten, unverkürzten Besitz gegeben werden.

260. Der Herr verbürgt uns seine Verheißung durch einen weiteren, noch stärkeren Grund, indem er sagt: «Ich will ihm Gott sein und er wird mir Sohn sein»;Wenn er unser Gott ist und wir seine Kinder sind, so ist klar, dass er uns zu Kindern Gottes gemacht hat; sind wir aber Kinder, so sind wir folgerichtig auch Erben seiner Güter (Röm 8,17), und darum ist uns die Erbschaft, wiewohl sie übrigens ganz und gar aus reiner Gnade verliehen wird, dennoch ebenso sicher wie den Kindern das Erbgut ihres Vaters. Und da er, unser Vater, zugleich der unendlich vollkommene Gott ist, wer vermag da die Größe jener Gaben zu ermessen, die er durch Annahme an Kindesstatt uns anbietet. In dieser einen Gnade ist eingeschlossen die väterliche Liebe, die Erhaltung, die Berufung, die Lebendigmachung und Rechtfertigung, die Mittel hierzu und endlich die Beseligung, d. i. jene Seligkeit, welche kein Auge gesehen, kein Ohr gehört und in keines Menschen Herz gekommen ist (1 Kor 2, 9). Alles dieses ist jenen verheißen, welche überwinden und sich als wahre, herzhafte Kinder erzeigen.

261. «Den Verzagten aber, den Ungläubigen den Gräuelhaften den Mördern den Buhlern, den Zauberern den Götzendienern und allen Lügnern wird ihr Anteil werden im Pfuhle»; In dieses entsetzliche Register haben sich unzählige Kinder des Verderbens mit eigenen Händen eingeschrieben. Unendlich ist ja die Zahl der Toren (Koh 1,15), die da blindlings den Tod erwählt, den Weg des Lebens aber sich versperrt haben. Nicht als wäre dieser Weg denen, die Augen haben, verborgen, sondern sie verschließen freiwillig ihre Augen dem Licht, sie haben sich betören lassen und lassen sich betören und verblenden durch die Betrügereien des Satans (Weish 4, 12), welcher sein verstecktes Gift in verschiedenen Mischungen anbietet, je nach den Neigungen und sündhaften Begierden des Menschen.

Die Verzagten sind jene, welche bald wollen, bald nicht wollen. Sie haben das Manna der Tugend nicht verkostet und den Weg des ewigen Lebens nicht ernstlich betreten; darum kommt ihnen die Tugend als etwas Abgeschmacktes, Schreckliches vor, während doch das Joch des Herrn süß und seine Bürde sehr leicht ist (Mt 11, 30). Durch diese ihre Furcht betrogen, lassen sie sich nicht so sehr von den Mühen als vielmehr von ihrer Feigheit überwinden. Die Ungläubigen sind jene, welche die geoffenbarten Wahrheiten nicht annehmen, ihnen keinen Glauben schenken wie die Ketzer, die Heiden und die anderen Ungläubigen. Es sind aber auch jene gemeint, welche, wie die Katholiken, jene Wahrheiten zwar glauben, sie aber gleichsam nur von ferne anhören oder sie bloß für andere, nicht auch für sich selber glauben; diese haben einen toten Glauben (Jak 2,17), und ihre Werke sind wie die der Ungläubigen.

262. Die Gräuelhaften sind jene, welche ohne Scheu und Rückhalt sich allen Lastern hingeben, ja ihrer Bosheit sich noch rühmen und ihre Lastertaten für nichts halten (Spr 2,14; 18, 3; Ps 52, 3). Diese ziehen sich die Verachtung, den Abscheu und den Fluch Gottes zu; sie werden Empörer und machen es sich gleichsam unmöglich Gutes zu tun. Sie entfernen sich vom Weg des ewigen Lebens, als wären sie gar nicht für dasselbe geschaffen. Sie fliehen vor Gott und entziehen sich seinen Wohltaten und Segnungen und so werden sie ein Gegenstand des Abscheues vor Gott und den Heiligen. Unter den Mördern sind jene verstanden welche, ohne Furcht und Schrecken vor der göttlichen Gerechtigkeit, die oberste Gewalt, das Weltall zu regieren und Unrecht zu züchtigen und zu rächen, Gott absprechen und sich selber anmaßen. Diese verdienen, dass ihnen mit demselben Maß gemessen werde, mit dem sie andere gemessen, und dass sie gerichtet werden, wie sie andere gerichtet haben (Lk 6, 37.38). Die Buhler sind jene, welche für ein kurzes, unreines Vergnügen, das, kaum genossen, schon verschmäht wird und niemals befriedigt, die Freundschaft Gottes dahingeben und die ewigen Freuden verachten, welche sättigen und doch immer begehrt werden, befriedigen und niemals entzogen werden. Die Zauberer sind jene, welche den falschen Versprechen des Satans, der sich ihnen unter dem Deckmantel der Freundschaft nähert, Glauben und Vertrauen schenkend, sich betrügen und verführen lassen um sodann auch andere zu betrügen und zu verführen. Die Götzendiener sind jene, welche Gott suchen und nicht finden obwohl er doch jedem von uns nahe ist (Apg 17, 27). Sie schreiben die Gottheit Götzenbildern zu (Weish 13; Bar 6), die sie selbst verfertigen und die nur Schatten der Wahrheit und durchlöcherte Zisternen (Jer 2,13) sind, unfähig, die Größe des wahren Gottes zu fassen. Die Lügner endlich sind jene, welche sich der höchsten Wahrheit, d. h. Gott selber, widersetzen. Indem sie sich der Lüge, dem geraden Gegensatz der Wahrheit zuwenden, berauben sie sich des Lichtes und der Kraft der Wahrheit und vertrauen mehr der Lüge als dem Urheber der Wahrheit und dem Geber alles Guten.

263. Von allen diesen sagt der Evangelist, er habe gehört, dass «ihr Anteil sein werde im Pfuhl, der mit Feuer und Schwefel brennt; und dies ist der zweite Tod». Niemand wird der göttlichen Gerechtigkeit einen Vorwurf machen können. Gott hat durch die Größe seiner Wohltaten und durch eine Unzahl von Erbarmungen seine Sache gerechtfertigt. Er ist vom Himmel niedergestiegen, um unter den Menschen zu leben und für sie zu sterben. Er hat uns erlöst, indem er Blut und Leben für uns hingab. Er hat so viele Gnadenquellen in seiner heiligen Kirche uns hinterlassen, damit wir daraus umsonst schöpfen könnten. Er hat uns insbesondere die heiligste Jungfrau Maria, die Mutter der Gnade, die Quelle des Lebens gegeben, damit wir durch sie die Gnade erlangen. Wenn nun die Sterblichen all dieser Wohltaten, all dieser Schätze sich nicht teilhaftig machen wollten, wenn sie die Erbschaft des Lebens hingaben, um durch ein augenblickliches Vergnügen sich die Erbschaft des Todes zu erwerben, dann ist es kein Wunder, dass sie ernten, was sie gesät, und dass ihr Anteil und ihr Erbe kein anderes ist als das ewige Feuer in jenem furchtbaren Abgrund voll Schwefel, wo es keine Erlösung, keine Hoffnung des Lebens mehr gibt, weil die Unglücklichen dem zweiten Tod, dem Tod der Strafe, verfallen sind. Wiewohl dieser Tod wegen seiner ewigen Dauer ein unendliches Übel ist, so war doch noch schändlicher und abscheulicher der erste Tod, der Tod der Sünde, den die Verworfenen freiwillig mit eigenen Händen sich zugezogen haben; denn dieser Tod war der Tod der Gnade, verursacht durch die Sünde, welche sich der unendlichen Güte und Heiligkeit Gottes widersetzt und ihn beleidigt, während man ihn in tiefster Ehrfurcht anbeten sollte. Der Tod der Strafe ist darum eine gerechte Vergeltung für den, der seine Verdammnis verdient und schuld ist, dass Gottes allerheiligste Gerechtigkeit an ihm geoffenbart werde. Dadurch wird dann Gott erhöht und verherrlicht, gleich wie er durch dIe Sünde verachtet und beleidigt worden war. Er sei in tiefster Ehrfurcht angebetet von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

ACHTZEHNTES HAUPTSTÜCK: Fortsetzung davon

Fortsetzung der Lehre über das Geheimnis der unbefleckten Empfängnis der heiligsten Jungfrau Maria. Erklärung des zweiten Teils des einundzwanzigsten Kapitels der geheimen Offenbarung.

264. Der Evangelist fährt in dem einundzwanzigsten Kapitel der geheimen Offenbarung wörtlich also fort: «Und es kam einer der sieben Engel, welche die sieben Schalen halten, voll von den letzten sieben Plagen, und redete mit mir und sprach: Komm, ich will dir die Braut zeigen, die Braut des Lammes!

Und er führte mich im Geist auf einen großen, hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem, welche von Gott aus dem Himmel herabstieg. Sie hatte die Klarheit Gottes, und ihr Licht war gleich einem köstlichen Steine, wie Jaspisstein, wie Kristall. Sie hatte eine große, hohe Mauer mit zwölf Toren, auf den Toren zwölf Engel und Namen darauf geschrieben, welches die Namen der zwölf Stämme der Kinder Israels sind. Von Morgen drei Tore, von Mitternacht drei Tore, von Mittag drei Tore, von Abend drei Tore. Die Mauer der Stadt hatte zwölf Grundsteine, und darauf waren die zwölf Namen der zwölf Apostel des Lammes. Und der mit mir sprach, hatte ein goldenes Messrohr, dass er die Stadt und ihre Tore und die Mauer messe. Und die Stadt war viereckig gebaut, ihre Länge so groß als ihre Breite, und er maß die Stadt mit dem goldenen Messstab zu zwölftausend Stadien; und ihre Länge und Höhe und Breite sind gleich. Und er maß ihre Mauer zu hundertvierundvierzig Ellen nach Menschenmaß, nach welchem der Engel sich richtete. Und der Bau ihrer Mauer war aus Jaspis; die Stadt selbst aber war reines Gold gleich reinem Glas (Offb 21, 9-19).»

265. Die Engel, von denen der Evangelist hier redet, sind jene sieben, welche in besonderer Weise vor dem Thron Gottes stehen und denen Seine Majestät Auftrag und Vollmacht gegeben hat, einzelne Sünden der Menschheit zu züchtigen. Diese Züchtigung, welche der Allerhöchste in seinem Zorn schicken wird, wird in den letzten Weltzeiten geschehen, und sie wird eine so unerhörte sein, dass die Welt weder vorher eine größere gesehen noch nachher eine solche sehen wird (Offb 15, 1). Weil aber diese Geheimnisse sehr verborgen sind und ich nicht über alle belehrt worden bin, da sie sich nicht alle auf diese Geschichte beziehen, so halte ich mich nicht weiter dabei auf, sondern gehe auf meinen Gegenstand über. Jener eine Engel, von dem der heilige Johannes spricht, ist derjenige, durch welchen Gott ganz besonders die gegen seine heiligste Mutter begangenen Kränkungen züchtigen wird, und diese Züchtigung wird eine ganz fürchterliche sein; denn die Verachtung, mit welcher die Menschen in wahnwitziger Frechheit die Mutter Gottes behandelten, hat den Zorn des Allerhöchsten herausgefordert. Die ganze heiligste Dreifaltigkeit hat alles getan, um die Königin des Himmels zu ehren, sie über alle Menschen und Engel zu erhöhen und sie in diese Welt zu setzen als einen Spiegel der Gottheit und als die einzige Mittlerin der Sterblichen.

Darum wird aber auch Gott es sich zur besonderen Aufgabe machen, alle Ketzereien, Irrtümer, Lästerungen und Widrigkeiten zu rächen, welche die Menschen gegen seine heiligste Mutter sich zuschulden kommen ließen. Er wird Rache dafür nehmen, dass ihn die Menschen in diesem seinem Tabernakel nicht erkannt, verherrlicht und angebetet und dass sie eine so unaussprechliche Barmherzigkeit sich nicht zunutze gemacht haben. In Betreff dieser Strafgerichte gibt es in der heiligen Kirche verschiedene Vorhersagen. Die geheime Offenbarung verhüllt zwar die furchtbare Strenge dieser Strafgerichte unter dem Dunkel geheimnisvoller Worte; wehe aber den Unglücklichen, welche davon getroffen werden! Wehe auch mir, dass ich einen Gott beleidigt habe, der so stark, so gewaltig ist im Bestrafen! Ich bin ganz außer mir, wenn ich die furchtbaren Strafgerichte betrachte, welche der Herr androht.

266. Der Engel sprach zum Evangelisten: «Komm, ich will dir die Braut zeigen die Braut des Lammes!.» Der Engel erklärt hier, dass die heilige Stadt Jerusalem, die er dem Evangelisten zeigte, die Braut des Lammes sei und dass er, wie schon oben (Nr. 248) gesagt wurde, unter dem Bild der heiligen Stadt die heiligste Jungfrau Maria gemeint habe. Der heilige Johannes sah Maria sowohl als Mutter wie auch als Braut des Lammes, das ist Christi. Sie bekleidete und versah nämlich diese beiden Ämter auf wunderbare Weise. Sie war die Braut der Gottheit, und zwar die einzige und auserwählte Braut (Hld 6, 8), wegen der außerordentlichen, ganz einzigen Treue und Liebe, in der diese Vermählung vollzogen worden war (Vgl. Hos 2, 20). Sie war auch Mutter des menschgewordenen Gottes, indem sie ihm ihre eigene Wesenheit und ihr sterbliches Fleisch mitteilte und ihn in derselben menschlichen Natur, die sie ihm gegeben, ernährte und pflegte.

Um diese erhabenen Geheimnisse zu schauen und zu verstehen, wurde der Evangelist im Geiste auf einen hohen Berg der Heiligkeit und des Lichtes erhoben; denn ohne aus sich selbst auszugehen und über die menschlicheSchwäche erhoben zu werden, hätte er dieselben nicht fassen können, wie auch wir unvollkommenen, irdischen und niedrigen Geschöpfe solche Geheimnisse nicht fassen können. Nachdem er erhoben war, zeigte ihm der Engel «die heilige Stadt Jerusalem, welche von Gott aus dem Himmel herabstieg». Diese heilige Stadt ward nicht auf Erden erbaut - hier war sie sozusagen fremd und ausländisch -, sie ward vielmehr im Himmel erbaut, wo sie nicht aus irdischem, gewöhnlichem Stoff gebildet sein konnte; denn wenn auch ihre Natur von der Erde genommen war, so wurde dieselbe doch alsbald zum Himmel erhoben, wo diese geheimnisvolle Stadt auf eine himmlische, englische Weise und mit einer so vollkommenen Gott- Ebenbildlichkeit erbaut wurde, wie nur Gott selbst eine solche zu geben vermochte.

267. Darum heißt es auch weiter: «Sie hatte die Klarheit Gottes». Die heiligste Seele Mariä erhielt nämlich durch Gottes Gnade eine so vollkommene Teilnahme an den göttlichen Vollkommenheiten und Eigenschaften dass, wenn man sie in ihrer Wesenheit sehen könnte, sie uns vom Strahlenglanz der ewigen Klarheit Gottes durchglänzt erscheinen würde. Großes und Preiswürdiges ist in der katholischen Kirche über diese Stadt Gottes und über die Klarheit, die sie vom Herrn empfing, schon gesagt worden (Ps 87, 3); doch ist alles nur wenig, und alle Ausdrücke, die ein Mensch finden kann, sind unzulänglich. Der menschliche Verstand muss sich für überwunden geben und bekennen, dass die heiligste Jungfrau Maria sozusagen etwas Göttliches an sich hatte; auf diese Weise bekennt man den Kern der Wahrheit, zugleich aber auch das eigene Unvermögen, das, was man als wahr bekennt, zu erklären. Wurde diese Stadt im Himmel erbaut, so wird nur ihr Erbauer und sonst niemand ihre Größe verstehen. Gott allein erkennt und weiß die innigste Verwandtschaft, in welche die heiligste Jungfrau Maria zu ihm getreten ist, indem sie Vollkommenheiten empfing, die das treueste Abbild jener Vollkommenheiten sind, welche der unendlich große Gott in sich schließt.

268. «Ihr Licht war gleich einem köstlichen Stein, wie Jaspisstein wie Kristall.» Leichter ist es zu verstehen, wie die seligste Jungfrau dem Kristall und dem Jaspis, also zwei von einander sehr verschiedenen Edelsteinen, gleiche, als zu fassen, in welch erhabenem Grad sie Gott gleichförmig ist. Doch wird uns der erste Vergleich einigen Aufschluss geben über den zweiten. Der Jaspis hat viele Farben und gar mannigfache Schattierungen; der Kristall dagegen ist sehr hell, rein und durchaus einförmig; beide zusammen aber bilden eine ganz seltene, liebliche Mannigfaltigkeit und Abwechslung. So besaß die reinste Jungfrau Maria im Augenblick ihrer Erschaffung die mannigfachsten Tugenden und Vollkommenheiten mit denen der Herr ihre Seele geschmückt und gleichsam durchwoben hatte. Alle diese Gnaden und Vollkommenheiten aber, ja ihre ganze heiligste Seele gleicht in ihrer makellosen Reinheit und vollkommensten Sündelosigkeit dem reinsten Kristall; in ihrer Klarheit und Reinheit sendet sie Strahlen aus, ähnlich den Strahlen der Gottheit, so dass, wer sie zu sehen vermöchte, die Gottheit zu schauen vermeinte; denn auch der Kristall ist, wenn er von der Sonne beschienen wird, ein Abbild derselben und wirft Strahlen zurück wie sie, so dass man meinen möchte, er schließe die Sonne in sich.

Dieser Kristall-Jaspis hat auch Schattierungen. Die seligste Jungfrau ist nämlich eine Tochter Adams und ein bloßes Geschöpf; alles, was sie an Schönheit besitzt, ist ein Abglanz der Sonne der Gottheit, und obwohl sie eine göttliche Sonne zu sein scheint, so ist sie dies doch nicht von Natur, sondern durch Mitteilung aus Gnade. Sie ist eine Kreatur, erschaffen und gebildet durch die Hand Gottes, aber dazu erschaffen, seine Mutter zu sein.

269. «Die Stadt hatte eine große, hohe Mauer mit zwölf Toren». Die Geheimnisse, welche durch die Mauer und die Tore der geistlichen Stadt, der seligsten Jungfrau Maria, angedeutet werden, sind so tief und zugleich so erhaben, dass ich unwissendes, eingeschränkte Frau wohl schwerlich werde imstande sein, dasjenige in Worte zu fassen, was mir hierüber gezeigt wurde. Ich werde es sagen, so gut ich es mit der Gnade Gottes zu sagen vermag. Zum voraus sei bemerkt, dass die allerheiligste Dreifaltigkeit in demselben Augenblick, in welchem die seligste Jungfrau Maria empfangen wurde und in welchem sie auf die oben beschriebene Weise durch eine Vision die Erkenntnis Gottes erhielt, gleichsam die ewigen Ratschlüsse ihrer Erschaffung und Verherrlichung erneuerte und mit ihr sozusagen ein Übereinkommen traf oder einen Vertrag abschloss, dessen Bedeutung der seligsten Jungfrau damals freilich noch nicht klar war. Es war, als wenn die drei göttlichen Personen in gegenseitiger Beratung folgendes zueinander sprächen:

270. «Da wir diesem reinen Geschöpfe die Würde verleihen, unsere Braut und zugleich die Mutter des ewigen Wortes zu sein, so ist es geziemend und notwendig, dass wir sie zur Königin und Herrin der ganzen Schöpfung erheben. Es ist angemessen, dass wir ihr außer jenen Gaben und Reichtümern unserer Gottheit, mit denen wir sie für ihre eigene Person ausstatten, auch noch die weitere Vergünstigung verleihen, dass sie über die Schätze unserer unendlichen Erbarmungen volle Gewalt besitze, so dass sie nach freiem Wohlgefallen den Menschen jene Gnaden und Gaben verleihen und austeilen kann, deren sie zu ihrem Heil bedürfen. Ganz besonders soll es ihr freistehen, jene zu bereichern, welche wie treu ergebene Kinder sie andächtig anrufen. Es soll in ihrer Macht stehen, die Armen zu bereichern, die Sünder zu retten, die Gerechten zu erheben und eine Zuflucht aller zu sein. Damit alle Geschöpfe sie als Königin und Gebieterin anerkennen und wissen, dass sie die Schatzmeisterin unserer unendlichen Reichtümer ist und volle Gewalt besitzt, davon mitzuteilen, darum übergeben wir ihr die Schlüssel unseres Herzens; durch sie wollen wir alles das ausführen, was wir nach unserem Wohlgefallen an den übrigen Geschöpfen tun werden. Außerdem werden wir ihr volle Herrschaft und Gewalt über den Drachen, unseren Feind, und über alle mit ihm verbündeten bösen Geister verleihen. Diese sollen ihre Gegenwart und ihren Namen fürchten; in ihrem Namen sollen die Anschläge der bösen Geister vereitelt und zuschanden werden, und alle Menschen, welche in dieser Stadt der Zuflucht Schutz suchen, sollen ihn finden, und zwar so sicher und gewiss, dass sie die Teufel und ihre Fallstricke nicht zu fürchten brauchen.»

271. Der Herr offenbarte der Seele der heiligsten Jungfrau Maria in jenem ersten Augenblicke noch nicht alles, was dieser Ratschluss oder diese Zusage in sich schloss. Er befahl ihr aber doch schon damals, dass sie für alle Seelen aufs innigste bete und sich bemühe, ihnen das ewige Heil zu erflehen; ganz besonders solle sie diesen Dienst jenen erweisen, welche im Verlauf ihres Lebens sich ihr anempfehlen würden. Die heiligste Dreifaltigkeit machte ihr die Zusage, dass vor ihrem gerechtesten Richterstuhl keine Bitte ihr abgeschlagen werde; sie möge dem Satan befehlen und ihn durch die Kraft ihres Befehls von den Seelen abhalten, denn der Arm des Allmächtigen werde ihr in allem helfen. Der Grund aber, warum sie diese und alle anderen darin enthaltenen Gnaden empfing, wurde ihr damals noch nicht geoffenbart. Dieser Grund war aber kein anderer, als weil sie zur Mutter des ewigen Wortes auserwählt war. Indes deutet der heilige Johannes mit den Worten, dass die heilige Stadt eine «große, hohe Mauer habe», eben diese Gnadenauszeichnung an, welche Gott seiner Mutter verlieh, indem er sie zu der geheiligten Zufluchtsstätte machte, in welcher alle Menschen wie in einer befestigten, von sicheren Mauern eingeschlossenen Stadt Schutz und Hilfe gegen ihre Feinde finden sollten. Zu ihr, als der mächtigen Königin und Herrin alles Erschaffenen zu ihr, als der Ausspenderin aller Gnadenschätze des Himmels, sollten alle Kinder Adams die Zuflucht nehmen.

Es wird gesagt, diese Mauer sei sehr hoch gewesen. Die Macht der reinsten Jungfrau Maria, den Satan zu überwinden und die Seelen in den Stand der Gnade zu erheben, ist nämlich so groß, dass nur die Allmacht Gottes sie übertrifft. Diese heilige Stadt ist sowohl für sich als für alle, welche in ihr Schutz suchen, so gut befestigt, geschützt und gesichert, dass keine erschaffene Macht imstande wäre, ihre Mauern zu erstürmen oder zu ersteigen.

272. Diese Mauer der heiligen Stadt hatte «zwölf Tore». Der Zutritt zu ihr steht allen Völkern und allen Geschlechtern offen. Niemand ist ausgeschlossen, vielmehr sind alle eingeladen (Spr 9, 3), durch Vermittlung der Königin und Mutter der Barmherzigkeit sich der göttlichen Gnadengaben und der ewigen Seligkeit teilhaftig zu machen und nicht durch eigene Schuld sich davon auszuschließen. «Auf den zwölf Toren waren zwölf Engel.» Es sind dies jene zwölf heiligen Himmelsfürsten, welche ich oben unter den tausend Engeln genannt habe (Nr. 201), die zum Schutz der Mutter des menschgewordenen Wortes bestimmt wurden. Die Aufgabe dieser zwölf Engel besteht außer dem Beistand, den sie ihrer Königin zu leisten haben, darin, dass sie allen jenen Seelen, welche Maria andächtig um ihre Hilfe anrufen und durch Andacht. Ehrfurcht und Liebe zu ihr sich besonders auszeichnen, im Auftrag Mariä durch gute Einsprechungen und durch besonderen Schutz zu Hilfe kommen. Darum sagt auch der Evangelist, er habe sie auf den Toren der Stadt gesehen. Sie sind nämlich die Diener und Boten, welche die Menschen zu ermuntern, zu unterstützen und zu leiten haben, dass sie durch die Pforten der Barmherzigkeit Mariä in die ewige Seligkeit eingehen. Oftmals sendet die seligste Jungfrau dieselben aus, damit sie durch Einsprechungen und sonstigen Beistand ihre andächtigen Verehrer, welche demütig sie anrufen, aus Gefahren des Leibes und der Seele erretten und vor mancherlei Unglück und Leiden bewahren.

273. Der Evangelist sagt: «Namen waren darauf geschrieben welches die Namen der zwölf Stämme der Kinder Israels sind.» Die Engel erhalten nämlich ihre Namen nach dem Dienst oder dem Amt, zu dem sie auf die Erde gesendet werden. Diese zwölf Himmelsfürsten waren der Königin des Himmels besonders deshalb zu Diensten, um in ihrem Namen und Auftrag den Menschen zur ewigen Seligkeit zu verhelfen. Die Auserwählten werden aber in ihrer Gesamtheit als die «zwölf Stämme Israels» bezeichnet, weil diese das heilige Volk Gottes ausmachen, und darum sagt der Evangelist, dass die Engel die zwölf Namen der zwölf Stämme der Kinder Israels tragen. Jeder von ihnen ist einem besonderen Stamme zugewiesen, und alle zusammen haben die Aufgabe, denjenigen ihren Schutz und ihre Sorge zuzuwenden, welche aus allen Nationen und Geschlechtern der Erde auserwählt und vorherbestimmt sind, durch die Pforten der Vermittlung Mariä in das himmlische Jerusalem einzugehen.

274. Während ich, in Bewunderung der Größe der allerseligsten Jungfrau Maria versenkt, darüber nachdachte, wie sie für alle Auserwählten die Mittlerin und Pforte des Heiles sei, wurde mir zu erkennen gegeben, dass diese ihre hohe Stellung dem Amt entsprach, das sie als Mutter Christi bekleidete, sowie den Diensten, die sie als Mutter ihrem allerheiligsten Sohn und damit auch allen Menschen geleistet hat. Sie hat aus ihrem reinsten Blut dem Sohn Gottes den menschlichen Leib gegeben, in welchem er für die Menschen leiden und ihre Erlösung wirken sollte. Und darum hat sie vermöge dieser Einheit des Fleisches und Blutes in Christus mitgelitten und isl sozusagen mit ihm gestorben. Überdies war sie dem Erlöser bei seinem Leiden und Sterben stets zur Seite und hat in ihrer Weise mit unaussprechlicher Demut und übernatürlichem Starkmut sein ganzes Leiden wirklich freiwillig mitgelitten. Eben deswegen nun, weil sie in der Passion des Herrn mittätig war und weil sie ihrem Sohn den Leib gab, in welchem er für das Menschengeschlecht litt, darum hat ihr der Herr auch die Würde einer Mit-Erlöserin verliehen und hat ihr die Verdienste und Früchte der Erlösung übergeben, dass sie dieselben verteile und dass nur allein durch ihre Hand diese Früchte den Erlösten zufließen. O wunderbare Schatzmeisterin Gottes, wie sicher sind in deinen heiligsten Händen die Reichtümer des allmächtigen Gottes aufgehoben, wie reichlich fließen sie den Sterblichen zu !

Diese Stadt hat nämlich «von Morgen drei Tore, von Mitternacht drei Tore, von Mittag drei Tore, von Abend drei Tore». Drei Tore sind nach jeder der vier Himmelsgegenden. Die Dreizahl deutet an, dass durch diese Tore uns Sterblichen der freie Zutritt zu allem offen steht, was Himmel und Erde in sich schließen, und selbst zu demjenigen, der alles Erschaffene ins Dasein gerufen hat, d. h. zu den drei göttlichen Personen, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist. Jede der drei göttlichen Personen will und verordnet, dass die seligste Jungfrau freien Zutritt habe, um den Sterblichen die Schätze der Gottheit zu erflehen; und wiewohl alle drei Personen nur ein Gott sind, so gewährt doch jede der drei göttlichen Personen eigens für sich der reinsten Königin freien, ungehinderten Zutritt zum Thron der unwandelbaren Wesenheit der allerheiligsten Dreifaltigkeit, damit sie für alle ihrer Verehrer auf der ganzen Welt, welche sie suchen und ihr dienen, Fürbitte einlege und ihnen die Gnadengaben des Himmels zuwende. Darum hat auch kein Mensch auf der ganzen Welt, wo immer er sich befinden, welchem Volk, welchem Geschlecht er immer angehören mag, eine gerechte Entschuldigung, wenn er es versäumt, der Gnaden Gottes sich teilhaftig zu machen; denn nach jeder Seite hin sind nicht bloß ein, sondern drei Tore. In eine Stadt, deren Tore offen stehen, ist der Eintritt sehr leicht, und wenn jemand das Eintreten versäumt, so liegt die Schuld nicht an den Toren, sondern an dem, der freiwillig zögert und sich nicht in Sicherheit stellen will. Was werden darum wohl einst die Ungläubigen, die Ketzer und Heiden sagen? Womit werden sich die schlechten Christen und die verstockten Sünder entschuldigen? Die Schätze des Himmels sind in die Hand unserer Mutter und Königin gelegt. Sie selbst ruft uns und treibt uns an durch ihre Engel. Sie ist die Pforte des Himmels, ja sie eröffnet viele Pforten zum Himmel. Warum doch gibt es so viele, welche draußen stehenbleiben, und so wenige, welche durch diese Pforten eingehen?

275. «Die Mauer der Stadt hatte zwölf Grundsteine, und darauf waren die zwölf Namen der zwölf Apostel des Lammes.» Die unerschütterlich festen Grundsteine, auf welchen Gott diese heilige Stadt, seine Mutter Maria, auferbaute, waren alle Tugenden sowie eine ganz besondere Leitung des Heiligen Geistes, welche der Fülle jener Tugend entsprechend war. Der Evangelist sagt aber, es seien zwölf Grundsteine gewesen mit den zwölf Namen der Apostel. Dies hat einen doppelten Grund. Fürs erste war diese Stadt auferbaut auf der höchsten Heiligkeit der Apostel, denn die Apostel sind die größten Heiligen, nach dem Ausspruch Davids, dass die Grundfesten der Stadt Gottes auf den heiligen Bergen gelegt sind (Ps 87, 1). Fürs zweite war die Heiligkeit und Weisheit Mariä nach dem Tod und der Himmelfahrt Christi gleichsam das Fundament und die Stütze der Apostel. Maria war zwar jederzeit Lehrmeisterin und Vorbild der Apostel; damals aber war sie allein die festeste Stütze der anfangenden Kirche. Und weil sie kraft der ihr verliehenen Tugenden und Gnaden diese Bestimmung schon vom ersten Augenblick ihrer unbefleckten Empfängnis an gehabt hat, darum sagt die Heilige Schrift, dass sie zwölf Grundsteine gehabt habe.

276. «Und der mit mir sprach, hatte ein goldenes Messrohr ... und er maß die Stadt mit dem goldenen Messstab zu zwölftausend Stadien.» Mit dem Bild dieser Messung deutet der Evangelist große Geheimnisse an in Bezug auf die Würde, die Gnadenfülle und die Verdienste der Muttergottes. Das Maß, mit dem ihre Würde und die ihr vom Herrn verliehene Gnadenfülle gemessen wurde, war zwar sehr groß, allein dennoch war es im Verhältnis ganz passend.

«Sie waren gleich: ihre Länge war so groß als ihre Breite»; nach allen Seiten hin war sie im rechten Verhältnisse und sich gleich; kein Mangel, keine Ungleichheit, kein Missverhältnis war an ihr zu entdecken. Indes will ich mich jetzt hierbei nicht aufhalten, sondern verweise auf das, was ich im ganzen Verlaufe dieser Lebensgeschichte sagen werde. Nur dies sei jetzt schon bemerkt, dass der Messstab, mit welchem die Würde, die Verdienste, die Gnadenfülle der heiligsten Jungfrau Maria gemessen wurden, kein anderer war als die mit dem ewigen Worte vereinigte Menschheit ihres gebenedeitesten Sohnes.

277. Der Evangelist nennt die Menschheit Christi ein «Rohr», wegen der Gebrechlichkeit unserer im schwachen Fleisch wohnenden Natur; er nennt dies Rohr «golden», wegen der Gottheit des ewigen Wortes. Nach der Würde Christi, des wahren Gottes und wahren Menschen, nach den Gaben seiner mit der Gottheit vereinigten Natur sowie nach den von ihm erworbenen Verdiensten wurde seine heiligste Mutter vom Herrn selber gemessen. Er bemaß sie nach sich selbst, und da sie durch ihn gemessen war, schien sie ihm gleich zu sein und im richtigen Verhältnis bezüglich der Höhe ihrer Mutterwürde. In der Länge, d. i. in der Fülle ihrer Gaben und Gnaden, und in der Breite, d. i. in der Menge ihrer Verdienste, war sie ebenfalls gleich, ohne irgendwelches Gebrechen oder Missverhältnis. Allerdings konnte sie mit ihrem allerheiligsten Sohn nicht im absoluten Sinne verglichen werden, d. h. die Gleichheit, die zwischen beiden stattfand, war keine mathematische, wie. soviel mir bekannt, die Gelehrten sich auszudrücken pflegen; denn Christus unser Herr war Mensch und wahrer Gott zugleich; sie aber war ein bloßes Geschöpf, und darum übertraf der Messstab das Gemessene an Größe unendlich. Allein die reinste Jungfrau Maria besaß doch eine gewisse verhältnismäßige Gleichheit mit ihrem allerheiligsten Sohn; denn wie ihm nichts mangelte, was er als wahrer Sohn Gottes Geziemenderweise besitzen musste, so fehlte auch ihr nichts, was ihr als der wahren Mutter Gottes gebührte. So waren also Maria als Mutter und Christus als Sohn verhältnismäßig einander gleich an Würde, an Gnade, an Gaben und an Verdiensten; keine erschaffene Gnade war in Christus unserem Herrn, welche verhältnismäßig nicht auch seine reinste Mutter besessen hätte.

278. Die Heilige Schrift sagt: «Er maß die Stadt mit dem goldenen Messstab zu zwölftausend Stadien.» Durch den Ausdruck «Stadien» und die Zahl «zwölftausend» - dies war das Maß, welches die Himmelskönigin bei ihrer Empfängnis hatte - sind sehr hohe Geheimnisse angedeutet. «Stadien» nannte der Evangelist das Vollmaß, nach welchem die Höhe der Heiligkeit der Auserwählten bemessen wird, und dieses Vollmaß ist kein anderes als das Maß der Gnade und Glorie, welches Gott in seiner unendlichen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit seinen Auserwählten von Ewigkeit her vorherbestimmt und durch seinen menschgewordenen Sohn zu verleihen beschlossen hat. Mit diesen Stadien oder mit diesem Messstab werden alle Auserwählten, d. h. ihre Tugenden und Verdienste, vom Herrn gemessen. Höchst unglücklich ist aber derjenige, welcher dieses Maß nicht erreicht hat, wenn der Herr ihn misst. Die Zahl «zwölftausend» bezeichnet die Gesamtzahl der Auserwählten. Diese werden hier auf die zwölf Häupter jener Tausende, d. i. auf die zwölf Apostel, die Fürsten der katholischen Kirche, zurückgeführt, gleichwie sie im siebten Kapitel der geheimen Offenbarung (Offb 7, 4) mit den zwölf Stämmen Israels bezeichnet werden, wie ich oben schon bemerkt habe (Nr. 273). Denn alle Auserwählten müssen sich der Lehre unterwerfen, welche die Apostel des Lammes verkündigt haben.

279. Aus dem Gesagten ist ersichtlich, wie groß die Stadt Gottes, die heiligste Jungfrau Maria, gewesen sein muss; wenn wir nämlich annehmen, dass ein Stadium zum wenigsten 125 Schritte habe, so muss eine Stadt, welche nach allen Seiten hin zwölftausend Stadien zählt, ungeheuer groß erscheinen. Unsere Liebe Frau, die allerseligste Jungfrau Maria, wurde aber mit demselben Maß gemessen, mit welchem Gott die Gesamtheit aller Auserwählten zumal bemisst, und dennoch war die Höhe, die Länge und die Breite aller dieser zusammen nicht größer als die der seligsten Jungfrau; sie war allen insgesamt gleich, ja sie allein konnte ein größeres Maß von Gnade und Heiligkeit fassen als die ganze übrige Schöpfung. War sie ja die Mutter Gottes, die Königin und Herrin aller Geschöpfe.

280. «Und er mass ihre Mauern zu hundertvierundvierzig Ellen nach Menschenmaß, nach welchem der Engel sich richtete.» Dieses Maß der Mauer der Stadt Gottes war nicht das Maß ihrer Länge, sondern ihrer Höhe; denn wenn die viereckig gebaute Stadt sowohl der Länge als der Breite nach zwölftausend Stadien maß, so müsste die Mauer notwendig noch etwas über dieses Maß hinausgehen, wenn sie die ganze Stadt ringsum einschließen sollte. Hundertvierundvierzig Ellen, mögen nun diese was immer für Ellen gewesen sein, wären ein viel zu kurzes Längenmaß für die Mauern einer so ausgedehnten Stadt gewesen; dagegen waren sie für die Höhe der Mauern gerade das rechte Maß, so dass, wer innerhalb derselben wohnte, vollkommen gesichert war. Durch diese Höhe der Mauer ist angedeutet. wie alle Gaben und Gnaden sowohl der Heiligkeit als der Würde, welche Gott in der seligsten Jungfrau Maria niederlegte, in ihr vollkommen gesichert waren. Und um dies noch deutlicher auszudrücken, sagt der Evangelist, die Höhe der Mauer habe hundertvierundvierzig Ellen betragen. Es ist dies nicht eine runde, sondern eine aus drei Ziffern zusammengesetzte Zahl, womit angedeutet wird, dass die Stadt drei Mauern gehabt habe, eine große, eine mittlere und eine kleine; und diese drei Mauern deuten wiederum auf die dreifach verschiedenen Werke, welche die Himmelskönigin in großen in gewöhnlichen und in kleinen Dingen verrichtet hat. Es ist dies freilich nicht so zu verstehen, als hätte es in ihr etwas Kleines oder Geringfügiges gegeben, sondern nur die Gegenstände, auf welche sich ihr Wirken bezog, waren verschieden, und in diesem Sinn waren es auch ihre Werke. Die einen waren wunderbar und ganz außerordentlich, andere gehörten dem Gebiete der Tugenden an, und diese waren teils innerlich, teils äußerlich. Alle diese Werke aber verrichtete sie mit solcher Vollkommenheit, dass sie um der großen willen die pflichtschuldigen geringeren nicht unterließ noch auch um der letzteren willen die ersteren versäumte; alle verrichtete sie mit solcher Heiligkeit und so genau nach dem Willen des Herrn, dass sie sowohl rücksichtlich der natürlichen als der übernatürlichen Gaben mit ihrem allerheiligsten Sohn verglichen werden konnte. Darum war der Messstab kein anderer als der des Gottmenschen selbst. Dieser ist der Engel des großen Rates, erhaben über alle Menschen und Engel; und wie der Sohn alle Engel und Menschen übertraf, so übertraf sie im Verhältnis auch die Mutter. Der Evangelist sagt ferner:

281. «Und der Bau ihrer Mauer war aus Jaspis.» Die Mauern der Stadt sind das nächste, was sich den Augen des Beschauers darbietet. Nun waren aber die Mauern der Stadt Gottes, der reinsten Jungfrau Maria, aus Jaspis, einem Edelstein, welcher mannigfache Farben und Schattierungen zeigt. Durch den Jaspis wird darum die unaussprechliche Demut angedeutet, welche alle Gnaden und Auszeichnungen der Himmelskönigin begleitete und gleichsam verdeckte. Obwohl sie die würdige Mutter ihres Schöpfers war, frei von jedem Makel der Sünde und der Unvollkommenheit, so zeigte sie sich doch den Augen der Menschen als Schuldnerin und handelte so, als stünde auch sie im Schatten des allgemeinen Gesetzes, welches für die übrigen Adamskinder Geltung hat; denn sie unterwarf sich, wie wir im folgenden sehen werden, allen Mühseligkeiten, welche das gewöhnliche Leben unabweislich mit sich bringt.

Im Innern aber war die Stadt nach dem Zeugnis des Evangelisten «reines Gold gleich reinem Glase». Weder in ihrer Empfängnis noch im Verlauf ihres unschuldigsten Lebens hat sich die allerseligste Jungfrau Maria einen Makel zugezogen, durch welchen ihre kristall helle Reinheit getrübt worden wäre. Wenn bei der Fertigung eines Kristallgefäßes in den Kristall hinein ein schmutziger Gegenstand kommen würde, und wäre er auch nur so groß wie ein Sonnenstäubchen, so würde er nie mehr ganz daraus zu entfernen sein; immer noch würde man wenigstens die Spuren desselben wahrnehmen, und die Reinheit und Klarheit des Kristalls würde stets in etwas getrübt sein. Ähnlich verhält es sich mit der reinsten Jungfrau Maria. Hätte sie sich bei ihrer Empfängnis den Makel der Erbsünde zugezogen, so wäre derselbe stets an ihr kenntlich geblieben; sie wäre für immer entstellt und könnte nicht mit dem reinsten durchscheinenden Glase verglichen werden. Auch wäre sie nicht mehr dem reinen Gold vergleichbar; denn das Gold ihrer Heiligkeit und Gnadenfülle würde durch die Legierung (Vermischung) mit der Erbsünde um viele Karate heruntersinken. Allein die Stadt Gottes war Gold und Glas, denn sie war im höchsten Grade rein und Gott ähnlich.

NEUNZEHNTES HAUPTSTÜCK: Schluss davon

Erklärung des letzten Teils des einundzwanzigsten Kapitels der geheimen Offenbarung und dessen Anwendung auf die Empfängnis der allerseligsten Jungfrau Maria.

282. Der dritte Teil des einundzwanzigsten Kapitels der geheimen Offenbarung, das ich eben erkläre, hat folgender Wortlaut:

«Die Grundsteine der Stadtmauern waren mit allerlei Edelsteinen geschmückt. Der erste Grundstein war ein Jaspis, der zweite ein Saphir, der dritte ein Chalcedon, der vierte ein Smaragd, der fünfte ein Sardonyx, der sechste ein Sardis, der siebte ein Chrysolith, der achte ein Beryll, der neunte ein Topas, der zehnte ein Chrysopras, der elfte ein Hyazinth, der zwölfte ein Amethyst. Und die zwölf Tore waren zwölf Perlen, jegliches Tor war aus einer Perle; und die Gassen der Stadt reines Gold, wie durchscheinendes Glas. Einen Tempel sah ich nicht darin; denn ihr Tempel ist der Herr, der allmächtige Gott, und das Lamm. Und die Stadt bedarf weder der Sonne noch des Mondes, dass sie leuchten in ihr; denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie und ihre Leuchte ist das Lamm. Und die Völker werden in ihrem Licht wandeln; und die Könige der Erde werden ihre Herrlichkeit und Ehre in sie bringen. Ihre Tore werden am Tage nicht geschlossen werden; denn Nacht wird nicht geben. Und man wird die Ehre und Herrlichkeit der Völker in sie bringen. Nichts Unreines wird in sie eingehen, noch wer Gräuel übt und Lüge, sondern nur die, welche im Lebensbuch des Lammes eingeschrieben sind (Offb 21, 19 bis Ende).» So lautet der Text des oben genannten einundzwanzigsten Kapitels.

283. Nachdem einmal der höchste Gott diese heilige Stadt, nämlich die seligste Jungfrau Maria, zu seiner Wohnung, und zwar zur würdigsten und angenehmsten Wohnung, die er in einem bloßen Geschöpf finden konnte, auserwählt hatte, war es nicht mehr zu verwundern, wenn er die Schätze seiner Gottheit eröffnete und alle Verdienste seines heiligsten Sohnes verwendete, um die Grundsteine der Mauer seiner Stadt mit allen Arten von Edelsteinen zu schmücken. Ihre Stärke und Sicherheit, welche durch die Mauern versinnbildet ist, die Schönheit und Größe ihrer Heiligkeit und Gnadenfülle, die durch die Edelsteine angedeutet sind, und ihre Empfängnis, welche das Fundament bildet, mussten sowohl unter sich selber als auch mit dem höchsten Zweck, zu dem sie erschaffen war, im vollsten Einklang stehen. Dieser Zweck war aber kein anderer als der, dass Gott selbst in ihr Wohnung nehmen wollte, und zwar nicht bloß durch die Liebe, sondern auch vermöge der menschlichen Natur, die er in ihrem jungfräulichen Schoß annahm. Alles dieses hat der Evangelist in den angeführten Worten angedeutet, wie er es in Maria erkannte. Weil Gott selber in ihr wie in einer unüberwindlichen Festung wohnen wollte, musste notwendig ihre Würde, Heiligkeit und Stärke der Größe und Heiligkeit Gottes entsprechen, und darum mussten auch schon die Fundamente der Mauer aus allen Arten der kostbarsten Edelsteine erbaut werden, so dass kostbarere nicht zu finden gewesen wären, d. h., die seligste Jungfrau musste schon im ersten Augenblick ihrer unbefleckten Empfängnis mit Tugenden aller Art, und zwar im höchsten Grad geziert werden.

284. «Der erste Grundstein war ein Jaspis.» Der Jaspis ist verschiedenfarbig und hart. Darum ist er ein treffendes Sinnbild der Standhaftigkeit und Festigkeit, welche der großen Königin Maria schon im Augenblick ihrer heiligsten Empfängnis verliehen wurden und welche sie für die ganze Zeit ihres Lebens befähigten, alle Tugenden mit unüberwindlicher Hochherzigkeit und Beharrlichkeit zu üben. Da mit den eingegossenen Tugenden, welche der heiligsten Jungfrau Maria im Augenblick ihrer Empfängnis verliehen wurden und welche durch die zwölf Edelsteine bezeichnet werden, ganz besondere Vorrechte verbunden waren, so werde ich dieselben nach meinem Vermögen erklären, damit die Geheimnisse, welche durch die zwölf Grundsteine der Stadt Gottes angedeutet sind, besser erkannt werden.

In der Tugend des Starkmuts, welche der seligsten Jungfrau verliehen wurde, war eine ganz besondere Herrschaft und Gewalt über die alte Schlange miteingeschlossen. Kraft dessen war es in ihre Macht gegeben, den Satan zu bändigen, zu überwinden und zu unterjochen. Ja sie vermochte allen bösen Geistern solchen Schrecken einzuflößen, dass dieselben vor ihr flohen, von weitem sie fürchteten und sozusagen zitterten, in ihre heiligste Nähe zu kommen; und wenn sie sich je ihrer heiligsten Person näherten, verursachte ihnen dies große Pein. So war der gütigste Gott gegen seine heiligste Mutter überaus freigebig, indem er sie nicht bloß vor der Erbsünde und der damit verbundenen Unterwerfung unter den Satan bewahrte und sie dadurch von den für die übrigen Adamskinder geltenden Gesetzen ausnahm, sondern ihr überdies noch die Herrschaft über die bösen Geister verlieh, welche alle übrigen Menschen durch den Sündenfall verloren hatten. Der Sohn des ewigen Vaters, der vom Himmel herab in den Schoß der reinsten Jungfrau gekommen war, um das Reich Satans, das Reich der Bosheit, zu vernichten (Joh 12, 31), er verlieh seiner Mutter, der hehren Himmelskönigin, eine an sich nur ihm zustehende königliche Gewalt über die bösen Geister, kraft deren sie diese bändigte und, wie später erzählt wird (Siehe Teil 2. Nr. 318.370.1189.1421; Teil3, Nr. 144 f. 492), öfters in die höllischen Abgründe schleuderte.

285. «Der zweite war ein Saphir.» Der Saphir ist ein Edelstein von der Farbe des reinen, klaren Himmels. Auf seiner Oberfläche sind Pünktchen sichtbar, welche wie Gold schimmern. Dieser Edelstein ist ein Sinnbild der ungetrübten Ruhe und des tiefsten Seelenfriedens, den der Allerhöchste der allerseligsten Jungfrau nächst den übrigen Gnadengaben verliehen hat. Gleichsam ein unveränderlicher, stets klarer Himmel, erfreute sie sich allezeit eines heiteren Friedens, der nie durch eine Unruhe gestört wurde. Ihre heiligste Seele war vom Augenblick der unbefleckten Empfängnis an der reinste Spiegel der Gottheit, und ihre Tugenden waren der Abglanz der Vollkommenheiten Gottes, insbesondere seiner Unveränderlichkeit. Auch wurde sie, wie ich später (Nr. 620) noch sagen werde, schon als Erdenpilgerin öfters der Gnade gewürdigt, das Angesicht Gottes unverhüllt zu schauen. Zugleich mit dieser Gnade erhielt die seligste Jungfrau von Gott das besondere Vorrecht, allen, welche sie darum bitten, die Ruhe und Klarheit des Verstandes zu erlangen. Würden die Katholiken, die, von den Stürmen der Leidenschaften und Sünden hin und her geworfen, in steter Unruhe sich befinden, zu Maria ihre Zuflucht nehmen, sie würden ohne Zweifel die Ruhe finden.

286. «Der dritte war ein Chalcedon.» Dieser Edelstein hat seinen Namen von dem Lande, in dem er sich findet, nämlich von Chalcedonien. An Farbe gleicht er dem Karfunkel, und bei Nacht glänzt er wie das Licht einer Laterne. Das Geheimnis dieses Edelsteines ist dies, dass er die Bedeutung und Kraft des Namens der allerseligsten Jungfrau Maria anzeigt. Maria erhielt ihren Namen von dem Land, in dem sie weilte, ich meine von dieser Erde, indem sie, wie alle übrigen Menschen, ein Kind Adams genannt wurde. Auch wurde sie «Maria» genannt, was durch Veränderung des Akzentes das lateinische Wort mária gibt. Maria aber bedeutet soviel als «Meere». In der Tat war Maria ein Ozean von göttlichen Gnaden und Gaben. Im Augenblick ihrer reinsten Empfängnis kam sie in diese Welt, um die Welt mit Gnaden zu überschwemmen, die Bosheit der Sünde und ihre Wirkungen zu tilgen und die Finsternis der Hölle durch das Licht ihres von den Strahlen der göttlichen Weisheit erleuchteten Geistes in den Abgrund der Hölle zurückzudrängen. Im Zusammenhang mit dieser Gnadenausrüstung verlieh ihr der Herr die besondere Kraft, mittels ihres heiligsten Namens Maria die dichten Wolken des Unglaubens zu zerstreuen, die Irrtümer der Ketzereien, des Heidentums und des Götzendienstes auszurotten und alle Zweifel in Bezug auf den katholischen Glauben zu lösen. Würden die Ungläubigen sich diesem Licht zuwenden, würden sie Maria um ihre Hilfe anrufen, gewiss, die Finsternisse ihrer Irrtümer würden gar schnell aus ihrem Geiste weichen, alle Irrtümer würden in diesem Meer untergehen und verschwinden infolge der Gnadenfülle, welche der Herr seiner heiligsten Mutter gerade zu diesem Zweck gegeben hat.

287. «Der vierte Grundstein war ein Smaragd.» Der Smaragd ist von lieblich grüner Farbe. Er erfreut das Auge, ohne es zu ermüden. Damit ist geistlicherweise die Gnade angedeutet, welche die heiligste Jungfrau Maria in ihrer Empfängnis erhalten hat, in den Augen Gottes wie in den Augen aller Geschöpfe höchst liebenswürdig und anmutig zu sein. Ihr süßester Name hat nichts Widriges, ihr Andenken nichts Ermüdendes; ihre Heiligkeit, ihre Tugenden und die ihr verliehenen Gaben verblieben stets in lieblichem Grün, in ungeschwächter Kraft. Im Zusammenhang mit dieser Gnade verlieh der Allerhöchste seiner heiligsten Mutter das Vorrecht, dieselbe Gnade in entsprechendem Grad auch ihren frommen Verehrern mitzuteilen, wenn diese zu ihr die Zuflucht nehmen und sie um Beharrlichkeit und Standhaftigkeit in der Freundschaft Gottes und in der Übung der Tugenden anflehen.

288. «Der fünfte war ein Sardonix.» Dieser Edelstein ist durchsichtig; seine Farbe hat große Ähnlichkeit mit dem Inkarnat (der Fleischfarbe), ist aber eigentlich aus drei verschiedenen Farben gemischt: unten ist er schwarz, in der Mitte weiß, oben perlmutterfarbig, was zusammen ein liebliches Farbenspiel gibt. Das Geheimnis dieses Edelsteines und seiner Farben ist dies, dass er Jesus und Maria, den menschgewordenen Sohn Gottes und seine heiligste Mutter zugleich sinnbildet. Das Schwarz deutet in Maria auf das, was an ihr irdisch ist, nämlich auf ihren Leib, der durch Kasteiungen und Leiden gleichsam geschwärzt war, in Jesus deutet es gleichfalls auf seinen unserer Sünden wegen verwundeten und entstellten Leib. Das Weiß deutet auf die Reinheit der Seele der jungfräulichen Mutter und ihres heiligsten Sohnes, unseres Herrn Jesu Christi. Das Inkarnat (Carneol), die Fleischfarbe, deutet auf die mit der Gottheit persönlich vereinigte Menschheit Jesu Christi, und in Maria deutet es auf den Glanz ihrer Heiligkeit, insbesondere auf das Feuer der Liebe, das von ihrem allerheiligsten Sohn auf sie überging. Im Zusammenhang mit diesen Gnaden, welche durch den fünften Grundstein angedeutet werden, wurde der großen Königin des Himmels das Vorrecht verliehen, dass auf ihre Vermittlung und ihre Bitten die Gnaden der Menschwerdung und Erlösung, welche zur Beseligung aller Menschen an und für sich hinreichend sind, in den Verehrern Mariä wirksam werden; und damit sie eben dieser Gnaden teilhaftig werden, kann ihnen Maria eine innige Andacht zu den Geheimnissen des Lebens und Leidens unseres Herrn Jesu Christi einflößen.

289. «Der sechste war ein Sardis.» Dieser Edelstein ist ebenfalls durchsichtig; seine Farbe gleicht der Farbe des helllodernden Feuers, und darum ist dieser Edelstein ein Sinnbild des Feuers der göttlichen Liebe, welches im Herzen der Himmelskönigin fort und fort brennt. Dieses göttliche Feuer war in ihr niemals untätig, vielmehr war es vom Augenblick seines Entstehens an, d. h. von dem Augenblick der unbefleckten Empfängnis Mariä an, in stetem Wachsen begriffen, bis es jenen höchsten Grad erreichte, den es in einem bloßen Geschöpf erreichen kann. In diesem höchsten Grade brennt es jetzt und wird es brennen in alle Ewigkeit. Im Zusammenhang hiermit wurde der heiligsten Jungfrau Maria das besondere Vorrecht verliehen, alle Gaben des Heiligen Geistes, insbesondere seine Liebe, allen mitzuteilen, welche durch ihre Vermittlung darum bitten.

290. «Der siebte war ein Chrysolith.» Dieser Edelstein gleicht an Farbe dem schimmernden Gold; auch hat er etwas Feuriges an sich, was jedoch mehr bei Nacht als bei Tag sichtbar hervortritt. Er ist darum ein Sinnbild der brennenden Liebe, welche die heiligste Jungfrau Maria zur streitenden Kirche und zu ihren Geheimnissen, insbesondere zum Gesetz der Gnade, getragen hat. Diese Liebe leuchtete besonders in jener Nacht hervor, welche mit dem Leiden und Sterben des allerheiligsten Erlösers über die Kirche gekommen ist. Sie offenbarte sich aber auch in jener Zeit, da das heilige Gesetz des Evangeliums im Entstehen begriffen war; denn damals war die allerseligste Jungfrau die Lehrmeisterin der Apostel und flehte unaufhörlich mit innigster Sehnsucht um das Heil und die Wohlfahrt der Kirche. Mit jener glühenden Liebe, von der sie für das Heil der Menschen entzündet war, wirkte sie damals, wie ich an den betreffenden Orten sagen werde, zur Gründung der Kirche auf jede Weise mit. Auch war sie allein imstande, das heiligste Gesetz ihres göttlichen Sohnes in vollkommen würdiger Weise zu schätzen. Mit dieser Liebe war sie schon im Augenblick ihrer unbefleckten Empfängnis ausgerüstet worden, damit sie fähig würde, die Gehilfin unseres Herrn Jesu Christi im Werke der Erlösung zu sein. Zugleich erhielt sie das besondere Vorrecht, allen, welche sie anrufen, die Gnade einer würdigen Vorbereitung auf den Empfang der heiligen Sakramente zu erlangen, wodurch sie befähigt werden, der Früchte derselben in reichem Maße teilhaftig zu werden.

291. «Der achte war ein Beryll.» Dieser Edelstein ist von grünlich-gelber Farbe; das Grün ist indes vorherrschend, so dass er an Farbe große Ähnlichkeit mit einer Olive hat; auch schimmert er ungemein lebhaft. Er ist darum ein Symbol der Tugenden des Glaubens und der Hoffnung, welche der allerseligsten Jungfrau Maria bei ihrer Empfängnis in ganz außerordentlich hohem Grade verliehen wurden, damit sie dadurch in den Stand gesetzt würde, schwierige, die gewöhnlichen Kräfte übersteigende Werke zu unternehmen und auszuführen, wie sie denn auch in der Tat zur Ehre ihres Schöpfers solche Werke vollbracht hat. Zu gleicher Zeit erhielt sie auch das Vorrecht, ihren Verehrern die Gabe der Stärke und die Tugend der Geduld in den Leiden und Trübsalen dieses Lebens zu verleihen, und zwar in Kraft der Treue, mit welcher der Herr mit ihr vereinigt war.

292. «Der neunte war ein Topas.» Der Topas ist durchsichtig, von brauner Farbe und sehr kostbar. Er war ein Sinnbild der allerreinsten Jungfrauschaft, mit welcher Unsere Liebe Frau neben ihrer göttlichen Mutterschaft geziert war. Beides hielt sie in höchsten Ehren und sagte dafür ihr ganzes Leben lang dem Herrn in demütigster Weise Dank. Schon im Augenblick ihrer Empfängnis hatte sie den Allerhöchsten um die Tugend der Keuschheit gebeten und auch alsbald die Zusage erhalten, dass ihre Bitte für die ganze Zeit ihres Lebens erhört sei. Sie ward inne, dass ihr Gebet in einer Weise erhört sei, dass all ihre Wünsche weit übertroffen seien. Denn der Herr verlieh ihr nicht bloß für sich selbst diese Tugend, sondern er machte sie auch zur Lehrmeisterin und Führerin der Jungfrauen und aller keuschen Seelen und verlieh ihr das Vorrecht, die Tugenden jungfräulicher Reinheit und Keuschheit sowie die Beharrlichkeit in denselben allen ihren Verehrern zu erlangen.

293. «Der zehnte war ein Chrysopras.» Der Chrysopras ist grün, hat aber dabei auch etwas von der Farbe des Goldes. Er bedeutet die Tugend des unerschütterlichen Gottvertrauens, welches der heiligsten Jungfrau Maria in ihrer Empfängnis verliehen wurde und welches durch ihre Liebe zu Gott gleichsam in noch helleres Licht gestellt war. Durch diese Tugend besaß unsere Königin eine unerschütterliche Festigkeit, wie dies vonnöten war, um alle übrigen Tugenden in unabänderlicher Standhaftigkeit und Beharrlichkeit zu üben. Denn diese Standhaftigkeit gründete sich auf die unerschütterliche Festigkeit ihrer Großmut und Hochherzigkeit, welche sie in allen Mühsalen und in allen Handlungen ihres heiligsten Lebens offenbarte, ganz besonders aber während des Leidens und Sterbens ihres gebenedeitesten Sohnes. Zugleich erhielt sie das Vorrecht, allen ihren Verehrern eine Mittlerin bei dem Allerhöchsten zu sein, durch deren wirksame Fürbitte sie die Tugend eines unerschütterlichen Gottvertrauens erhalten können.

294. «Der elfte war ein Hyazinth.» Dieser Edelstein hat eine rein violette Farbe. Er bedeutet das brennende Verlangen nach der Erlösung des Menschengeschlechts, das der allerseligsten Jungfrau in ihrer Empfängnis eingeflößt wurde und das eine Teilnahme an jenem Verlangen war, welches ihr Sohn, unser allerheiligster Erlöser, nach unserem Heil hatte und welches ihn antrieb, für uns Menschen zu sterben. Gleichwie die Erlösung, Rechtfertigung und Heiligung der Seelen einzig und allein in diesem brennenden Verlangen unseres Heilandes ihren Ursprung hat, so war auch bei der allerseligsten Jungfrau dieses vom ersten Augenblick an stets wachsende Verlangen nach unserem Heil Grund und Ursache eines ganz besonderen Vorrechtes; es ward ihr nämlich das Vorrecht verliehen, dass kein Sünder der Welt, so verkommen und verabscheuungswürdig er auch sein möge, von der Frucht der Erlösung und der Rechtfertigung ausgeschlossen sein sollte, wenn er mit wahrem Ernste die Vermittlung der Himmelskönigin anrufen würde. Durch diese mächtige Herrin und Fürsprecherin sollte allen Sündern der Weg offen stehen, zum ewigen Leben zu gelangen.

295. «Der zwölfte war ein Amethyst.» Dieser Edelstein ist von hellglänzender Farbe und violett schimmernd. Das Geheimnis dieses Grundsteines steht mit dem des ersten Grundsteines in einigem Zusammenhang; er bedeutet nämlich eine gewisse Kraft, welche der allerseligsten Jungfrau Maria in ihrer Empfängnis den Mächten der Hölle gegenüber mitgeteilt wurde. Gott wollte, dass die bösen Geister fühlten, wie von Maria, auch wenn sie ihnen nicht befehlend gegenüberträte, eine Kraft ausgehe, welche sie peinigte und quälte, so oft sie ihr zu nahen versuchten. Diese Gnade wurde ihr verliehen als Belohnung für den brennenden Eifer, welchen Maria für die Verteidigung und Ausbreitung der Ehre Gottes gehabt hat. Vermöge dieser Gnadenausrüstung besitzt die allerseligste Jungfrau Maria auch eine besondere Macht, die bösen Geister aus den Leibern der Menschen auszutreiben, wenn ihr süßester Name zu diesem Zweck angerufen wird. Ihr Name hat nämlich eine solche Kraft gegen die bösen Geister, dass, wenn sie ihn nur hören, all ihre Macht gebrochen ist.

Dies sind der Hauptsache nach die Geheimnisse der zwölf Grundsteine, auf welche Gott seine heilige Stadt, Maria, auferbaut hat. Dieselben schließen freilich noch viele andere Geheimnisse und Sinnbilder von den Gnadenauszeichnungen in sich, welche der allerseligsten Jungfrau verliehen wurden; ich vermag sie nicht alle zu erklären. Sie werden im Verlauf dieser Geschichte dargelegt werden, soweit mir der Herr Licht und Kraft dazu geben wird.

296. Der Evangelist fährt also weiter: «Und die zwölf Tore waren zwölf Perlen, jegliches Tor war aus einer Perle.» Durch die große Anzahl der Tore dieser Stadt wird angedeutet, dass durch die heiligste Jungfrau Maria, durch ihre unaussprechliche Würde und ihre unermesslichen Verdienste der Eintritt zum ewigen Leben ebenso leicht als offen und frei gemacht worden ist. Es war aber auch gerecht und der Erhabenheit dieser hehren Königin ganz und gar entsprechend, dass die unendliche Barmherzigkeit des Allerhöchsten in ihr und durch sie verherrlicht werde und dass in ihr so viele Wege eröffnet wurden, auf denen Gott den Menschen sich mitteilen wollte und auf denen alle Sterblichen zur Vereinigung mit Gott gelangen können, sofern sie nur durch Vermittlung der reinsten Jungfrau Maria, durch ihre Verdienste und mächtige Fürbitte zum ewigen Leben einzugehen trachten.

Die Kostbarkeit, Pracht, Schönheit und Herrlichkeit der zwölf Tore, welche alle aus Perlen waren, zeigt die unermessliche Größe der Würde und Gnadenfülle der Kaiserin des Himmels an sowie die Lieblichkeit ihres süßesten Namens, durch welchen die Sterblichen zu Gott gezogen werden. Die allerseligste Jungfrau Maria kannte gar wohl die Würde, die der Herr ihr verlieh, indem er sie zur einzigen Mittlerin des Menschengeschlechtes und zur Ausspenderin aller Gnadenschätze der Gottheit machte, die er mittels seines eingebornen Sohnes den Menschen zukommen lassen wollte. Darum wusste diese weise und liebreiche Herrin die Verdienste ihrer erhabenen Werke so kostbar und schön zu machen, dass die Seligen des Himmels in alle Ewigkeit darüber erstaunen. Die Tore dieser Stadt waren also Perlen, kostbar sowohl für den Herrn als für die Menschen.

297. Hiermit stimmt überein, was weiter gesagt wird: «Der Platz der Stadt war reines Gold, wie durchsichtiges Glas.» Der Platz dieser Stadt Gottes, der heiligsten Jungfrau Maria, war ihr reinstes Herz. Gleichwie nämlich in einer Stadt der Marktplatz der öffentliche Versammlungsort ist, wo Handel getrieben und die Angelegenheiten der Gemeinde beraten werden, so ist das Herz des Menschen der Mittelpunkt, in dem alle Seelenkräfte sich vereinigen, wo der Verkehr mit der Außenwelt geleitet, wo der Haushalt der Seele geordnet und alles überlegt wird, was durch die Sinne oder sonst wie in die Seele eingeht. Dieser «Platz» war in der seligsten Jungfrau Maria reinstes, durchscheinendes Gold; ihr Herz war voll Weisheit und göttlicher Liebe. In ihm war weder Lauheit noch Unwissenheit, noch Unachtsamkeit je zu finden. Alle ihre Gedanken waren höchst erhaben, ihre Anmutungen entflammt durch das Feuer unermesslicher Liebe. Auf diesem «Platz» wurden die höchsten Geheimnisse der Gottheit beraten. Hier wurde jenes Fiat mihj («Es geschehe mir nach deinem Worte») gesprochen, durch weiches das größte Werk, das Gott jemals gewirkt hat und jemals wirken wird, seinen Anfang nahm. Hier wurden zahllose Bitten formuliert, um zum Heil des Menschengeschlechtes vor dem Thron Gottes niedergelegt zu werden. Hier sind Reichtümer aufgehäuft, groß genug, um der ganzen Welt aus ihrer Armut herauszuhelfen, wenn nur alle Menschen kommen wollten, um auf diesem Platz ihre Geschäfte zu machen (Spr 8,18 ff). Dieser Platz ist aber auch ein Waffenplatz gegen den Satan und gegen alle Laster; denn in dem reinsten Herzen Mariä waren Gnaden und Tugenden vereinigt, welche nicht nur sie selber der Hölle furchtbar machten (Hld 6, 9), sondern auch uns Kraft und Stärke mitzuteilen vermögen, um den Satan zu überwinden.

298. Der Evangelist fährt fort: «Einen Tempel sah ich nicht darin; denn ihr Tempel ist der Herr, der allmächtige Gott, und das Lamm.» Der Tempel in einer Stadt dient dazu, um darin Gott anzurufen und ihm die gebührende Verehrung zu bezeigen, und es wäre ein großer Mangel gewesen, wenn sich in der Stadt Gottes nicht auch ein Tempel gefunden hätte, welcher zu ihrer Größe und Herrlichkeit im Verhältnis stand. Nun aber war in dieser Stadt, in der seligsten Jungfrau Maria, ein unendlich heiliger Tempel: der allmächtige Gott selbst und das Lamm, d. h. die Gottheit und Menschheit ihres eingebornen Sohnes, waren ihr Tempel, ein Tempel, wie er dieser Stadt würdig war; denn hier war dieser Tempel wie an seiner eigentlichen Stelle. Hier wurden die Gottheit und Menschheit Christi «im Geist und in der Wahrheit angebetet» (Joh 4, 23) und würdiger verehrt als in allen Tempeln der Welt. Die Gottheit und Menschheit Christi waren aber auch aus dem Grund der Tempel Mariä, weil sie, die reinste Jungfrau, von der Gottheit und Menschheit gleichsam umgeben und umschlossen war und weil sie in ihnen ihre Wohnung und ihren Aufenthalt hatte. In dieser Wohnung weilend, hörte sie keinen Augenblick auf, Gott und das in ihrem Schoß menschgewordene Wort anzubeten und zu verehren, und darum war sie in Gott und im Lamm wie in einem Tempel; denn einem Tempel geziemt nichts anderes als Heiligkeit zu allen Zeiten (Ps 93, 5). Damit wir nun von dieser himmlischen Herrin eine würdige Anschauung erhalten, müssen wir uns vorstellen, wie sie immer in der Gottheit und in ihrem heiligsten Sohn wie in einem Tempel eingeschlossen ist; dann werden wir verstehen, welche Akte der Liebe, der Anbetung und der Verehrung sie erweckt, welche Süßigkeiten sie im Herrn gekostet, welch flehentliche Bitten sie zum Heile des Menschengeschlechtes in diesem Tempel Gott vorgetragen haben mag; denn da sie die große Not und Hilfsbedürftigkeit des Menschengeschlechtes in Gott erkannte, entbrannte ihr Herz in solcher mitleidsvollen Liebe, dass sie aus dem tiefsten Grunde ihres Herzens für das Heil der Sterblichen zu Gott betete und flehte.

299. Der Evangelist fügt bei: «Und die Stadt bedarf weder der Sonne noch des Mondes, dass sie leuchten in ihr; denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm.» Ist irgendwo ein Licht, welches Sonne und Mond an Klarheit und Glanz übertrifft, so bedarf man dort weder der Sonne noch des Mondes. Dies trifft im Himmel zu; denn dort ist der Glanz zahlloser Sonnen, und die Sonne, welche uns erleuchtet, wird, so schön und glänzend sie auch ist, dort gar nicht vermisst. Die heiligste Jungfrau Maria, unsere Königin, bedurfte ebenfalls weder der Sonne noch des Mondes, d. h., sie bedurfte keines erschaffenen Wesens, welches sie zu lehren und zu erleuchten gehabt hätte. Sie besaß ja das Wohlgefallen Gottes in ganz einziger Weise, und es war gar nicht möglich dass ihre Weisheit, ihre Heiligkeit, ihre Vollkommenheit irr Handeln einen anderen Lehrmeister und Schiedsrichter habe als die Sonne der Gerechtigkeit, ihren allerheiligsten Sohn bloße Geschöpfe waren viel zu unwissend, um ihr zu zeigen auf welche Weise sie verdienen könnte, die würdige Mutter ihres Schöpfers zu werden. In dieser Schule ihres heiligsten Sohnes aber lernte sie, unter den Demütigen die Demütigste, unter den Gehorsamen die Gehorsamste zu sein; denn hatte sie auch keinen geringeren Lehrmeister als Gott selbst, so verschmähte sie es doch nicht, auch die Geringsten zu fragen und den Niedrigsten zu gehorchen in Dingen, wo der Gehorsam am Platz war; ja sie lernte diese göttliche Philosophie als einzige Schülerin des Lehrmeisters der Weisen (Weish 7, 15). Und sie gelangte zu solcher Weisheit, dass der Evangelist sagen konnte:

300. «Und die Völker werden in ihrem Licht wandeln.» Unser Herr Jesus Christus nennt die heiligen Lehrer und die Heiligen überhaupt «Lichter», welche auf den Leuchter der Kirche gestellt sind, um dieselbe mit ihrem Glanz zu erleuchten (Mt 5,14 f). Und in der Tat haben die Patriarchen und Propheten, die Apostel, Martyrer und Kirchenlehrer die katholische Kirche mit solchem Glanz erfüllt, dass sie einem Himmel gleicht, an welchem zahllose Sonnen und Monde scheinen. Was wird nur aber erst von der heiligsten Jungfrau Maria zu sagen sein, deren Licht das Licht aller Lehrer der Kirche, ja aller Engel des Himmels ohne Vergleich übertrifft? Hätten die Sterblichen klare Augen, um dieses Licht in Maria, der heiligsten Jungfrau, zu schauen, Maria allein würde genügen, um alle Menschen, die in die Welt kommen, zu erleuchten und sie auf den rechter Pfaden zur seligen Ewigkeit zu führen. Und weil alle diejenigen welche je zur Erkenntnis Gottes gelangt sind, in dem Lichte dieser heiligen Stadt gewandelt sind, darum sagt der heilige Johannes, dass «die Völker in ihrem Licht wandeln werden» Hiermit hängt zusammen, was weiter gesagt wird:

301. «Und die Könige der Erde werden ihre Herrlichkeit und Ehre in sie bringen.» Überaus glücklich werden jene Könige und Fürsten sein, welche in heiligem Eifer sich bemühen, für ihre Person sowohl als auch durch ihre Untertanen diese Weissagung zu erfüllen. Alle wären schuldig, es zu tun. Selig aber werden jene sein, welche es wirklich tun und mit der innigsten Liebe ihres Herzens der seligsten Jungfrau Maria sich zuwenden, indem sie ihr Leben, ihre Ehre, ihre Reichtümer, ihre und ihrer Staaten Macht dazu verwenden, diese Stadt Gottes zu schützen, ihre Herrlichkeit auf Erden auszubreiten, ihre Namen in der heiligen Kirche zu verherrlichen und gegen die unsinnige Frechheit der Ungläubigen und Ketzer zu verteidigen. Mit tiefstem Schmerz muss ich meine Verwunderung darüber ausdrücken, dass die katholischen Fürsten sich nicht befleißen, die Himmelskönigin anzurufen und ihre Gunst sich zu erwerben, damit sie in ihren Gefahren, welche bei Fürsten wahrlich noch größer sind als bei anderen, an ihr eine Zuflucht und Beschützerin, eine Mittlerin und Fürsprecherin haben. Sind aber bei Königen und Gewalthabern die Gefahren groß, so mögen sie bedenken, dass ihre Dankespflicht nicht weniger groß ist. Sagt ja diese himmlische Herrin und Königin von sich selbst, dass durch sie die Könige regieren, dass durch sie die Fürsten herrschen und die Gewaltigen Gerechtigkeit verordnen (Spr 8,15 ff). Sie liebt diejenigen, die sie lieben, und jene, welche sie ins Licht setzen, werden das ewige Leben erlangen; denn in ihr wirkend werden sie nicht sündigen (Sir 24, 31).

302. Ich kann nicht umhin, die Wahrheiten, welche mir oftmals und besonders bei dieser Gelegenheit von Gott geoffenbart worden sind, damit ich sie bekanntmache, hier offen auszusprechen. Es ist mir nämlich im Herrn gezeigt worden, dass alle Trübsale, von denen die katholische Kirche jemals heimgesucht, alle Nöte, von denen das christliche Volk jemals bedrängt wurde, jedes Mal hinweggenommen worden sind durch die Vermittlung und Fürsprache der allerseligsten Jungfrau Maria. Es ist mir gezeigt worden, dass es in den gegenwärtigen traurigen Zeiten, in denen sich der Stolz der Ketzer gegen Gott und gegen seine in Trauer und Not versenkte Kirche so mächtig erhebt, nur ein Heilmittel für so bejammernswerte Übelstände gebe; und dieses Heilmittel besteht darin, dass alle katholischen Könige und Reiche sich an die allerseligste Jungfrau Maria, die Mutter der Gnade und Barmherzigkeit, wenden und durch eine außerordentliche Dienstleistung ihre Huld zu erwerben suchen, durch eine Dienstleistung, welche die Vermehrung ihrer Ehre und die Ausbreitung ihrer Andacht auf dem ganzen Erdkreis zur Folge hat. Dann würde sie sich zu uns neigen und barmherzig uns anschauen; vor allem würde sie uns die Gnade ihres heiligsten Sohnes erlangen, kraft deren die Laster, welche der Feind des Menschengeschlechtes unter dem christlichen Volk in solchem Übermaß ausgesät hat, ausgerottet würden. Sie würde durch ihre Vermittlung den Zorn des Allmächtigen besänftigen, welcher so gerechterweise uns züchtigt und mit noch härteren Geißeln und schwereren Strafgerichten uns droht. Aus dieser Verbesserung der Sitten und Bekehrung von unseren Sünden würde dann als zweites erfolgen der Sieg über die Ungläubigen und die Ausrottung der gottlosen Sekten, welche die heilige Kirche so hart bedrängen. Die allerseligste Jungfrau Maria ist ja das Schwert, welches allen Ketzereien auf der ganzen Welt das Haupt abzuschlagen bestimmt ist.

303. Die Welt lernt heutzutage aus Erfahrung das Unheil kennen, welches aus dem Vergessen dieser Wahrheiten entspringt; denn wenn die katholischen Fürsten bei Regierung ihrer Reiche in Erhaltung und Förderung des katholischen Glaubens, in Bekämpfung ihrer Feinde, in den Kriegen gegen die Ungläubigen keine glücklichen Erfolge erzielen, so kommt dies nur daher, weil sie nicht auf diesen Stern schauen, der ihnen den rechten Weg zeigen würde, weil sie nicht Maria zum Anfang und unmittelbaren Endziel ihrer Gedanken und Werke machen, ganz und gar vergessend, dass diese Königin auf den Wegen der Gerechtigkeit wandelt (Spr 8, 20 f), um alle Gerechtigkeit zu lehren, um alle auf den Pfaden der Gerechtigkeit zu leiten und um jene reich zu machen, die sie lieben.

304. O Fürst und Haupt der heiligen katholischen Kirche! O ihr Prälaten, die ihr gleichfalls Fürsten der Kirche genannt werdet! O katholischer Fürst und Monarch Spaniens, an den ich aus natürlicher Schuldigkeit, aus besonderer Liebe und auf Befehl des Allerhöchsten diese demütigen, aber wahren Mahnworte richte! Lege deine Krone und deine Herrschaft nieder zu den Füßen dieser Königin und Beherrscherin des Himmels und der Erde! Suche die Wiederherstellerin des ganzen Menschengeschlechtes! Fliehe zu derjenigen, welche durch die göttliche Allmacht erhaben ist über alle Macht der Menschen und über alle Gewalt der Hölle! Wende deine Liebe derjenigen zu, welche die Schlüssel zum Herzen Gottes und zu den Schätzen des Allerhöchsten in ihrer Hand trägt! Bringe deine Ehre und Herrlichkeit in diese heilige Stadt Gottes; sie sucht dieselbe nicht deshalb, als ob sie deren bedürftig wäre, um ihre eigene Ehre zu vermehren, sondern nur deshalb, um die deine zu erhöhen und zu verbreiten. Bringe ihr in deiner katholischen Frömmigkeit aus ganzem Herzen ein großes, angenehmes Werk der Huldigung dar; unendliche Güter sind ihm als Belohnung zugesichert, Bekehrung der Heiden, Sieg über die Ketzer und Ungläubigen, Friede und Ruhe der Kirche, neues Licht und neue Gnadenhilfe zur Verbesserung der Sitten; du selbst aber wirst ein großer und glorreicher König werden in diesem und im andern Leben.

305. O Königreich! O katholische und aus diesem Grunde höchst glückliche Monarchie Spanien! Möchtest du doch zur Festigkeit und zum Eifer deines Glaubens, den du reichlicher, als du verdientest, aus der Hand des Allmächtigen empfangen hast, noch die heilige Furcht Gottes hinzufügen, eine Furcht, wie sie dem Bekenntnis dieses unter allen Völkern des Erdkreises hervorleuchtenden Glaubens entspräche! Möchten doch, damit dieses Ziel erreicht und deinem Glück die Krone aufgesetzt würde, alle deine Bewohner sich mit glühendem Eifer der Andacht zur allerseligsten Jungfrau weihen ! O wie würde dann dein Ruhm erglänzen ! Wie würdest du alsdann in neuem Licht dastehen ! Wie würde die Himmelskönigin dich schützen und schirmen, wie würde sie deine katholischen Könige mit himmlischen Gnadenschätzen bereichern, auf dass durch ihre Hand das milde Gesetz des Evangeliums unter allen Nationen verbreitet werde ! Bedenke, dass diese große Königin diejenigen ehrt, die sie ehren, diejenigen bereichert, welche sie suchen, diejenigen ins Licht setzt, welche sie ins Licht setzen, und jene verteidigt, welche auf sie ihre Hoffnung setzen (Spr 8,17.21; Sir 24, 31). Diese Beweise zarter Mutterliebe will sie auch dir, und zwar in ganz besonderer Weise erzeigen; sie will dir außerordentliche Erbarmungen zuwenden, und darum, ich versichere dich, wünscht und erwartet sie, dass du ihre Huld suchst und um ihre Mutterliebe dich bewirbst. Bedenke aber zugleich, dass Gott keines Menschen bedarf (Ps 16, 2 ). Er kann aus Steinen Kinder Abrahams erwecken (Lk 3, 8). Wenn du dich also so großer Gnaden unwürdig machst, so kann er diese Ehre solchen zukommen lassen, die ihm besser dienen und weniger ihn beleidigen.

306. Damit es dir aber nicht verborgen bleibe, durch welche Huldigung die Gunst der Königin und Herrin des Weltalls heutzutage erworben werden kann, so will ich unter den vielen Arten der Huldigung, welche deine Andacht und Frömmigkeit dir eingeben wird, auf eine dich aufmerksam machen. Bedenke, in welchem Stand sich das Glaubensgeheimnis ihrer unbefleckten Empfängnis in der ganzen Kirche befindet und was noch zu tun erübrigt, damit die Fundamente dieser Stadt Gottes unerschütterlich feststehen !

(Wir machen darauf aufmerksam, dass zur Zeit, da die ehrwürdige Maria von Jesus obige Worte schrieb, König Philipp IV. auf dem Thron Spaniens saß. Dieser König gab sich während seiner ganzen Regierung (1621 bis 1665) sehr viel Mühe, beim Apostolischen Stuhl zu erwirken, dass das erhabene Geheimnis der unbefleckten Empfängnis Mariä zum Glaubenssatz erhoben werde. Er schickte wiederholt Gesandtschaften mit dringenden Bittschriften nach Rom und setzte in seinem Reich eine eigene Kommission von Bischöfen und Theologen nieder, welche sich mit dieser Angelegenheit zu befassen hatte. Seine viel jährigen Bemühungen hatten endlich den Erfolg, dass im Jahre 1661 die hochberühmte Bulle Alexanders V.«. «Sollicitudo omnium Ecclesiatum» erschien, in welcher unter strengen Strafen verboten wurde, gegen das Geheimnis der unbefleckten Empfängnis fortan irgend etwas zu reden oder zu schreiben. Es war dies freilich noch nicht die endgültige Entscheidung - diese war von der göttlichen Vorsehung dem glorreichen Papst Pius IX. vorbehalten -, es war aber eine höchst wichtige Tatsache, weil infolge davon den Gegnern dieses heiligen Geheimnisses Stillschweigen auferlegt war. Wenn wir nun bedenken, dass der genannte König Philipp IV. gegen die ehrwürdige Maria von Agreda, die er persönlich kannte und besuchte, die größte Verehrung trug, jahrzehntelang in den wichtigsten Angelegenheiten sich nach ihrem Rat richtete und die «Mystische Stadt Gottes» mit tiefstet Ehrfurcht las, so werden wir sagen müssen, dass obige Ermahnung nicht ohne Erfolg blieb, dass vielmehr die ehrwürdige Verfasserin sehr viel dazu beigetragen hat, den ewig denkwürdigen Tag herbeizuführen, an welchem zur Ehre der allerheiligsten Dreifaltigkeit, zur Verherrlichung der allerseligsten Jungfrau und zur Freude der ganzen Christenheit das heilige Geheimnis der unbefleckten Empfängnis Mariä als Glaubenssatz ausgesprochen wurde. Der Übersetzer).

Niemand möge diese meine Mahnung als von einer schwachen, unwissenden Jungfrau kommend verurteilen oder denken, dieselbe sei mir bloß von der Vorliebe für meinen Orden eingegeben worden, weil dieser den Titel der Unbefleckten Empfängnis trägt. Was mich betrifft, so genügt mir der Glaube, den ich an dieses Geheimnis habe, und das Licht, das ich bei Abfassung dieses Lebens erhalten habe. Nein, nicht von mir kommt diese Ermahnung, und nie wollte ich bloß auf mein Urteil und mein Gutdünken hin dieselbe geben. Indem ich sie gebe, gehorche ich dem Herrn, welcher «den Mund der Stummen öffnet und die Zungen der Kinder beredt macht (Welsh 10, 21)».

Sollte sich jemand über so große Barmherzigkeit und Freigebigkeit der Himmelskönigin verwundern, so betrachte er, was der Evangelist im folgenden Verse von ihr sagt:

307. «lhre Tore werden am Tage nicht geschlossen werden; denn Nacht wird nicht dort sein.» Die Tore der Barmherzigkeit Mariä waren und sind niemals geschlossen; denn niemals, vom Augenblick ihrer Erschaffung und Empfängnis an, gab es in ihr, wie bei den übrigen Heiligen, eine Nacht der Schuld, welche die Tore dieser Stadt Gottes geschlossen hätte. Gleichwie nun in eine Stadt, deren Tore immer offen stehen, jeder, der nur will, frei und ungehindert eintreten kann, und zwar zu jeder Stunde, ebenso ist es auch keinem einzigen Sterblichen verwehrt, durch die Pforten der Barmherzigkeit der reinsten Jungfrau Maria frei und ungehindert einzutreten, um sich dort die Schätze der Gottheit anzueignen; denn hier, und hier allein, werden die Schätze des Himmels einem jeden angeboten, wessen Alters oder Geschlechtes er sei, zu welcher Zeit, aus welcher Gegend er kommen mag. Seitdem diese Stadt gegründet ist, war es stets jedermann vergönnt. in sie einzugehen; denn gerade zu diesem Zwecke hat sie ja der Allerhöchste mit so vielen Toren versehen, mit Toren, welche niemals geschlossen, sondern allezeit geöffnet und groß genug sind, um leicht gesehen zu werden. Dies sind die Tore, durch welche alle Erbarmungen und Wohltaten Gottes auf das ganze Menschengeschlecht herabgekommen sind, seitdem Maria unbefleckt empfangen ist. Obwohl jedoch die heilige Stadt Gottes so viele Tore hat, durch welche die Reichtümer der Gottheit den Menschen zukommen, so ist sie nichtsdestoweniger gegen alle Feinde gesichert. Der Evangelist sagt nämlich:

308. «Nichts Unreines wird in sie eingehen, noch wer Gräuel übt und Lüge, sondern nur die, welche im Lebensbuch des Lammes eingeschrieben sind.» Der Evangelist schließt dieses einundzwanzigste Kapitel, indem er die Gnadenvorzüge und Vorrechte Mariä, dieser heiligen Stadt Gottes, nochmals kurz zusammenfasst. Er versichert uns, dass nie etwas Unreines in sie eingegangen ist; denn an Leib und Seele war sie von Anfang an unbefleckt. Hätte sie die Makel der Erbsünde gehabt, so könnte man nicht sagen, es sei nichts Unreines in sie eingegangen. Aber auch die Makel aktueller Sünden konnten nie in diese Pforte eingehen. Und nichts anderes ist in diese heilige Stadt eingegangen, als was geschrieben steht im Leben des Lammes. Das Muster und Vorbild, nach welchem Maria geschaffen wurde, war kein anderes als ihr allerheiligster Sohn; und in keiner Tugend, so klein sie an sich sein mochte, wenn überhaupt in Maria von etwas Kleinem die Rede sein kann, konnte jemand anders ihr Vorbild sein als er. Wenn nun aber Maria eine Pforte des Heils und eine Stätte der Zuflucht für die Sterblichen ist, so gilt dies nicht für diejenigen, welche «Gräuel und Lüge üben». Diese haben keinen Teil an ihr und können nicht in sie eingehen. Indes ist es den schuldbefleckten, mit Sünden beladenen Kindern Adams deswegen nicht verwehrt, den Toren dieser heiligen Stadt Gottes sich zu nähern; denn wenn sie demütig und reumütig kommen, in der Absicht, die Reinheit der heiligmachenden Gnade zu suchen, so werden sie sie an den Pforten der großen Königin wieder finden, und nirgends anders. Sie ist makellos, sie ist rein, sie ist reich und überreich, sie ist, und dies müssen wir vor allem beachten, Mutter der Barmherzigkeit, eine Mutter voll Milde, voll Liebe und Macht, um unsere Armut zu bereichern und die Makel all unserer Schulden abzuwaschen.

LEHRE welche mir die Himmelskönigin zu diesen Kapiteln gegeben hat

309. «Meine Tochter, die Geheimnisse dieser Kapitel schließen wichtige Lehren und große Wahrheiten in sich. Zwar hast du vieles zu sagen unterlassen; bemühe dich aber, wenigstens aus dem, was du vernommen und niedergeschrieben hast, Nutzen zu ziehen, damit du das Licht der Gnade nicht umsonst empfängst. Worauf ich dich kurz aufmerksam machen will, ist dieses: Da du als ein Kind dieser Erde in Sünde empfangen und mit irdischen Neigungen behaftet bist, so darfst du im Kampf gegen die Leidenschaften den Mut nicht sinken lassen. Höre nicht auf, zu streiten, bis du sie überwunden und damit deine Feinde besiegt hast; denn mit dem mächtigen Beistand der göttlichen Gnade wird es dir gelingen, dich über dich selbst zu erheben und ein Kind des Himmels zu werden, von woher die Gnade kommt. Damit du dieses Ziel erreichst, muss deine Wohnung stets im Himmel sein; dein Geist muss unverwandt gerichtet sein auf die Erkenntnis der unwandelbaren Wesenheit Gottes und seiner Vollkommenheiten. Nie darfst du freiwillig geschehen lassen, dass der Gedanke an irgend etwas Erschaffenes, und wäre es auch etwas Pflichtschuldiges, dich vom Gedanken an Gott abbringe. Dieses ununterbrochene Andenken an Gott, dieser stete Hinblick des Geistes auf seine Größe wird dich befähigen, auch in allen übrigen Tugenden das zu tun, was das Vollkommenste ist; du wirst dich tauglich machen, den Heiligen Geist und seine Gaben in dich aufzunehmen und zur vertrautesten Freundschaft und innigsten Vereinigung mit Gott zu gelangen. Damit du nun die Erfüllung dieses seines heiligen Willens, der dir oftmals kundgeworden ist, nicht hinderst, so musst du dich bemühen, den niederen Teil der Natur, in welchem die ungeordneten Neigungen und Leidenschaften ihren Sitz haben, abzutöten. Stirb allem Irdischen ab, bringe alle deine irdischen Neigungen dem Allerhöchsten zum Opfer und gib keiner einzigen davon nach. Tue nicht deinen Willen, sondern gehorche. Gehe nicht hinaus aus dem Kämmerlein deines Herzens, wo die Leuchte des Lammes dir Licht spenden wird. Schmücke dich, um in das Gemach deines Bräutigams einzugehen; lasse dich also zurichten, wie die Hand des Allmächtigen es tun wird, wenn du deinerseits mitwirkst und kein Hindernis in den Weg legst. Reinige deine Seele durch viele Akte der Reue darüber, dass du ihn beleidigt hast. Lobe und preise ihn mit glühendster Liebe. Suche ihn und ruhe nicht, bis du ihn gefunden, den deine Seele liebt. Hast du ihn aber gefunden, dann lasse ihn nicht (Hld 3, 2.4). Ich will, dass du in deiner Pilgerschaft lebst wie diejenigen, welche ihr Ziel bereits erreicht haben, und derjenige, der diese beseligt, sei der Gegenstand all deiner Gedanken. Dies muss die Richtschnur deines ganzen Lebens sein, dass du im Lichte des Glaubens und mit der Klarheit des allmächtigen Gottes, der dich erleuchten wird, ohne irgendwelche Unterbrechung ihm Liebe, Ehrfurcht und Anbetung erzeigst. Dies ist es, was der Allerhöchste von dir verlangt. Bedenke wohl, was du gewinnen, aber auch, was du verlieren kannst, und setze nicht aus eigener Schuld solchen Gewinn auf das Spiel. Unterjoche deinen Willen und unterwirf dich ganz und gar dem, was dein Bräutigam, was ich und was der Gehorsam dir sagen werden; denn nach dem Gerhorsam hast du alles einzurichten.»

Dies ist die Lehre, welche die Mutter des Herrn mir gegeben hat. Voll Beschämung antwortete ich ihr:

310. «O Königin und Herrin alles Erschaffenen, ich bin dein Eigentum und verlange, es zu bleiben in alle Ewigkeit. Von Ewigkeit zu Ewigkeit wünsche ich zu lobpreisen die Allmacht des Allerhöchsten, welcher dich so hoch erheben wollte. Und weil du, o meine Gebieterin, bei Seiner Majestät soviel vermagst, darum bitte ich dich flehentlich, du wollest mit Barmherzigkeit auf diese deine arme, elende Dienerin herabsehen. Mit den Gnaden, welche der Herr in deine Hände niedergelegt hat, damit du sie an die Bedürftigen verteilest, hilf meinem Elend ab und bereichere meine so große Armut und Dürftigkeit. Als Herrin treibe mich so lange an, bis ich das Vollkommenste wirksam will und tue und bis ich Gnade gefunden habe in den Augen deines heiligsten Sohnes, meines Herrn. Verschaffe dir selbst die Ehre, das unnützeste aller Geschöpfe aus dem Staub erhoben zu haben. In deine Hände lege ich mein Heil. Würdige dich, o meine Herrin und Königin, dasselbe in wirksamer Weise zu wollen; denn dein Wollen ist heilig und mächtig, kraft der Verdienste deines heiligsten Sohnes und kraft des göttlichen Wortes. Hat ja doch die allerheiligste Dreifaltigkeit ihr Wort zum Pfand gegeben, dass sie deinen Willen tun und deine Bitten erhören wolle, ohne irgendeine abzuweisen. Ich kann nichts tun, was mir deine Gnade zu erwerben würdig wäre, denn ich bin ja ganz unwürdig; ich stelle dir aber, o Herrin, deine eigene Heiligkeit und deine Güte vor.»

ZWANZIGSTES HAUPTSTÜCK: Heilige Mutter Anna

Vorgänge während der Zeit, da die allerseligste Jungfrau im Schoß ihrer Mutter weilte. Beschäftigungen Mariä und der heiligen Mutter Anna während jener neun Monate.

311. Sobald die allerseligste Jungfrau Maria ohne Erbsünde, wie gesagt wurde, empfangen war, wurde ihr Geist durch die erste Anschauung der Gottheit, welche sie in jenem Augenblick erhielt, ganz verzückt und von dem Gegenstand ihrer Liebe hingerissen. Schon in dem ersten Augenblick, da ihre glücklichste Seele in dem Heiligtum des mütterlichen Schoßes erschaffen wurde, nahm die Liebe Mariä ihren Anfang, um fortan nie mehr unterbrochen zu werden, um vielmehr fort und fort die ganze Ewigkeit hindurch zu brennen in jener höchsten Herrlichkeit, deren ein bloßes Geschöpf fähig ist und die sie nun genießt, sitzend zur Rechten ihres heiligsten Sohnes. Schon durch die erste Vision der allerheiligsten Dreifaltigkeit hatte die seligste Jungfrau nebst vielen anderen Erkenntnisbildern (species intelligibiles infusae) auch die von den erschaffenen Dingen erhalten, und infolge dieser Erkenntnis übte sie schon im Mutterschoß zahlreiche Tugendakte, zu denen sie damals befähigt war. Damit sie aber in der Betrachtung und Liebe Gottes immerfort wachse, so erneuerte der Herr das Wunder jener ersten Vision, nämlich der abstraktiven Anschauung Gottes, noch zweimal, so dass sie schon vor ihrer Geburt dreimal die allerheiligste Dreifaltigkeit in besagter Weise schaute; das erste Mal im Augenblick der Empfängnis, das zweite Mal um die Mitte jener neun Monate, die sie im Mutterschoß verweilte, das dritte Mal am Tag vor ihrer Geburt(Über die Visionen der allerseligsten Jungfrau vergleiche man, was weiter unten, namentlich im vierzehnten Hauptstück des zweiten Buches [Nr.612ff] gesagt wird. Der Übersetzer). Daraus aber, dass diese Art der Vision nicht ununterbrochen fortdauerte, darf man nicht schließen, sie habe überhaupt keine andauernde Vision gehabt. Sie hatte allerdings eine solche Vision, die zwar nicht so hohen Ranges als die erste, aber doch immerhin sehr hoch und über alle gewöhnlichen Visionen unvergleichlich erhaben war, vermöge deren sie die Wesenheit Gottes durch den Glauben in einem außergewöhnlichen Licht schaute. Diese Art der Beschauung war in der seligsten Jungfrau Maria ununterbrochen und andauernd und zugleich erhabener als alle Arten der Beschauung, welche ein Erdenpilger, ja alle insgesamt jemals gehabt haben.

312. Die erstgenannte abstraktive Vision der Gottheit war zwar noch dem Stand der Pilgerschaft entsprechend, aber dennoch so erhaben und an die wesenhafte (intuitive) Anschauung Gottes so unmittelbar angrenzend, dass eine ununterbrochene Andauer derselben in diesem sterblichen Leben, in welchem die beseligende Anschauung durch gute Werke verdient werden muss, nicht angemessen gewesen wäre. Immerhin war sie ein höchst kostbares, zum Erreichen der beseligenden Anschauung überaus wirksames Gnadengeschenk; denn sie ließ in der Seele so erhabene Vorstellungen (species) von Gott zurück, dass sie ganz verzückt und vom Feuer der göttlichen Liebe wie verschlungen war. Diese Wirkungen erneuerten sich in der seligsten Jungfrau während ihres Verweilens im Schoß der heiligen Anna jedes Mal, so oft sie eine derartige Vision hatte. Daher kam es auch, dass sie, weil mit dem Gebrauch der Vernunft aufs vollkommenste begabt, ununterbrochen damit beschäftigt war, für das Menschengeschlecht zu beten, mit den Engeln zu verkehren und heldenmütige Akte der Verehrung, Anbetung und Liebe Gottes zu erwecken. Dies war auch der Grund, warum sie die naturgemäße Einschränkung im Mutterschoß nicht fühlte, den Gebrauch der Sinne nicht vermisste und überhaupt die natürlichen Beschwerden ihrer damaligen Lage keineswegs schmerzlich empfand. Alles dieses beachtete sie nicht, weil sie mehr in ihrem Geliebten als im Schoß ihrer Mutter und in sich selber lebte.

313. Die letzte der drei genannten Visionen war von neuen, noch wunderbareren Gunstbezeigungen des Herrn begleitet, Gott offenbarte ihr, dass die Zeit gekommen sei, an das Licht der Welt, in Verkehr mit den Sterblichen zu treten. Gehorsam gegen den göttlichen Willen antwortete sie dem Herrn: «Allerhöchster Gott Herr meines ganzen Wesens, du Seele meines Lebens und Leben meiner Seele, unendlich in deinen Vollkommenheiten, unfassbar, mächtig und reich an Erbarmen, mein König und Herr! Aus nichts hast du mich erschaffen und mir alles gegeben, was ich bin und habe. Ohne dass ich etwas verdienen könnte hast du mich mit den Schätzen deiner göttlichen Gnade und Erleuchtung bereichert, damit ich mit deren Hilfe alsbald dein, unwandelbare Wesenheit und deine göttlichen Vollkommenheiten erkenne und in dieser Erkenntnis dich zum ersten Gegenstand meiner Betrachtung und meiner Liebe wähle und damit ich kein anderes Gut suche außer dir, der du das höchste, da wahre Gut und meine ganze Wonne bist. Du befiehlst mir, o mein Herr, dass ich hinaustrete an das körperliche Licht, um mit den Geschöpfen zu verkehren. Ich habe aber in deiner Wesenheit, in welcher alle Dinge wie in einem klaren Spiegel geschaut werden, den gefahrvollen Zustand des sterblichen Lebens und sein mannigfaches Elend gesehen. Wenn ich nun infolge meiner schwachen, gebrechlichen Natur während dieses Lebens auch nur einen Augenblick in deiner Liebe und in deinem Dienste nachlassen und dann sterben sollte, so lasse mich lieber jetzt sterben, bevor ich in die Lage komme, dich verlieren zu können. Wenn es aber, o mein Herr, doch dein Wille ist, dass ich in das stürmische Meer dieser Welt hinausgehe, so bitte ich dich flehentlich, o Allerhöchster und Allmächtiger, einziges Gut meiner Seele, du wollest mein Leben regieren meine Schritte leiten und alle meine Werke nach deinem höchsten Wohlgefallen einrichten! Ordne in mir die Liebe (Hld 2, 4), damit durch den ungewohnten Verkehr mit den Geschöpfen meine Liebe zu dir und zu den Geschöpfen vervollkommnet werde. In dir habe ich gesehen, wie so viele Seelen undankbar sind und nicht ohne Grund fürchte ich - bin ich ja doch von derselben Natur wie sie -, in dieselbe Schuld zu fallen. In diesen engen Raum des mütterlichen Schoßes habe ich an der unendlichen Größe deiner Gottheit meine Freude gefunden; hier besitze ich alles Gute in dir, meinem Geliebten; jetzt bist du allein mein Anteil und mein Besitz, und ich weiß nicht, ob ich nicht außerhalb dieses Gefängnisses, beim Anschauen eines anderen Lichtes und beim Gebrauch meiner Sinne, dich etwa verlieren werde. Wäre es möglich und geziemend, dem Lebensverkehr, der mich erwartet, zu entsagen, ich würde es gerne tun und wollte gerne dessen entbehren; doch nicht mein Wille geschehe, sondern der deine! Da du es aber so willst, so gib mir deinen Segen und deinen Befehl, zur Welt geboren zu werden, und entziehe mir nicht deinen göttlichen Schutz in dem irdischen Leben, in das du mich versetzest.»

Nachdem das süßeste Kind Maria dieses Gebet verrichtet hatte, gab ihr der Allerhöchste seinen Segen und erteilte ihr gleichsam Befehl, an das irdische Licht der Sonne zu treten. Zugleich ließ er sie erkennen, was sie zu tun habe, um die Erfüllung ihrer Wünsche zu erlangen.

314. Die selige Mutter Anna war während der ganzen Zeit, da sie ihr Kind unter dem Herzen trug, durch göttliche Gnadeneinflüsse und Tröstungen, die sie in ihrer Seele empfand, ganz vergeistigt. Damit aber ihre Krone um so schöner und ihre Fahrt durch das Meer dieses Lebens um so sicherer wäre, fügte es die göttliche Vorsehung, dass ihr Schifflein durch den Ballast der Leiden beschwert wurde; denn ohne Leiden lassen sich die Früchte der Gnade und Liebe nicht vollkommen genießen.

Zum besseren Verständnis dessen, was diese höchst heilige Mutter gelitten hat, ist zu beachten, dass der Satan seit jener Zeit, da er samt seinem bösen Anhang vom Himmel in die höllischen Peinen geworfen worden war, immer darauf bedacht war, den Frauen im Alten Bunde, welche sich durch Heiligkeit auszeichneten, Fallstricke zu legen; denn so hoffte er auf diejenige zu kommen, die er in jenem «großen Zeichen» im Himmel gesehen hatte und deren Fuß seinen Kopf zertreten sollte. Der Groll Luzifers war so heftig, dass er die Sorge hierfür keinem der niederen Teufel überließ; er bediente sich zwar derselben, um einzelne tugendhafte Frauen zu versuchen, diejenigen aber, die er als besonders tugendhaft und gottbegnadigt erkannte, fasste er selber ins Auge, um sie zu versuchen.

315. In dieser Bosheit und Hinterlist richtete er sein Augenmerk ganz besonders auf die außerordentliche Heiligkeit der großen Mutter Anna und auf all das, was in ihr und um sie vorging, soweit er es verstehen konnte. Zwar vermochte er die Kostbarkeit des Schatzes, der im Schoß der heiligen Anna eingeschlossen war, nicht zu erkennen - denn dieses und viele andere Geheimnisse hatte ihm der Herr verborgen -; er fühlte aber, wie von der heiligen Anna eine unwiderstehliche Gewalt gegen ihn ausging, und da es ihm nicht gelang, derselben auf den Grund zu kommen, so war er manchmal vor Wut wie außer sich. Zuweilen beruhigte er sich dann wieder mit dem Gedanken, der gesegnete Zustand der Heiligen habe eben auch seine natürliche Ursache, und er habe davon nichts Besonderes zu befürchten. Der Herr aber ließ es zu, dass er sich in seiner Unwissenheit täuschte und in den Wogen seiner Hoffart und seines Zornes von einem Zweifel in den andern geschleudert wurde. Immerhin war es seinem verruchten Herzen ärgerlich zu sehen, welch tiefen Frieden die heilige Anna in ihrem Zustand bewahrte, und, was zuweilen geschah, wahrzunehmen, dass zahlreiche Engel ihr beistanden. Ganz besonders aber erschreckte ihn die Wahrnehmung, dass er gegenüber der Kraft, die von der gnadenreichen Mutter Anna ausging, ganz machtlos sei, und dies rief in ihm die Vermutung wach, dass nicht sie allein die Ursache davon sei.

316. Von solchen Besorgnissen und Zweifeln hin und her geworfen, beschloss der Drache, der seligsten Mutter Anna womöglich das Leben zu nehmen und, sollte ihm dies nicht gelingen, wenigstens zu bewirken, dass die bevorstehende Geburt eine unglückliche werde. Der Stolz Luzifers war nämlich so grenzenlos, dass er sich einbildete, sogar die Mutter des menschgewordenen Wortes, sofern sie ihm nur nicht verborgen bliebe, ja sogar den Messias, den Erlöser der Welt, überwinden und ums Leben bringen zu können. Diese grenzenlose Anmaßung hatte ihren Grund darin, dass er dachte, seine Natur als die eines Engels sei der menschlichen Natur wie an Würde, so auch an Macht weit überlegen. Daran dachte er aber nicht, dass über der einen wie über der andern Natur die Gnade stehe und beide dem Willen ihres Schöpfers untergeordnet seien. So war er denn frech genug, die heilige Anna durch mannigfache Einflüsterungen, Schrecknisse und Ängste anzufechten und ihr den Gedanken einzuflüstern, ihre Mutterschaft sei eine eingebildete, denn sie sei zu alt und zu lange unfruchtbar gewesen. Alle diese Anstrengungen machte Satan zu dem Zweck, um die Tugend der Heiligen auszukundschaften und zu versuchen, ob es ihm nicht durch solche Einflüsterungen gelinge, sich ein Türchen zu öffnen, durch das er eindringen könnte, um den Willen der Heiligen unversehens in eine Sünde zu verstricken.

317. Allein die unüberwindliche Frau leistete diesen Anfechtungen mannhaften Widerstand durch Demut und Starkmut, durch Geduld, durch ununterbrochenes Gebet und lebendigen Glauben an den Herrn. Dadurch zerriss sie das Lügengewebe des Drachen, und alles gereichte ihr nur zur Vermehrung der Gnade und des Schutzes Gottes. Sie sammelte sich große Verdienste, und die englischen Geister, welche ihrer heiligsten Tochter zum Schutz gegeben waren, verteidigten auch die Mutter und trieben die bösen Geister aus ihrer Nähe.

Indes gab sich die unersättliche Bosheit des Feindes hiermit nicht zufrieden. Da sein Stolz und seine Anmaßung größer ist als seine Stärke (Jes 16, 6), so versuchte er es, sich der Mitwirkung von Menschen zu bedienen; denn von dem Gebrauch solcher Werkzeuge verspricht er sich immer die größten Siege. Zuerst suchte er das Haus des heiligen Joachim und der heiligen Anna einzustürzen, um die gesegnete Mutter dadurch in Schrecken zu versetzen. Als ihm dies wegen des Widerstandes der heiligen Engel nicht gelang, hetzte er einige bösartige Frauen, welche der heiligen Anna bekannt waren, auf, mit ihr Streit anzufangen. Dies taten sie auch, indem sie mit argem Zorn und mit heftigen Schmähworten über die Heilige herfielen, über ihre Mutterschaft spotteten und höhnten und ihr vorhielten, bei ihrem hohen Alter sei die ganze Sache nichts als ein Betrug des Teufels.

318. Die heilige Anna ließ sich durch diese Anfechtung nicht aus der Fassung bringen. Sie ertrug die Widrigkeiten mit aller Sanftmut und Liebe und tat denen, welche ihr dieselben zufügten, Gutes. Von jener Zeit an begegnete sie diesen Frauen mit noch größerer Liebe und erwies ihnen nur noch ansehnlichere Wohltaten. Allein so schnell legte sich ihr Zorn nicht; war es ja der Satan, welcher sie in Besitz genommen und ihren Zorn gegen die Heilige entflammt hatte. Wenn man sich aber einmal diesem grausamen Tyrannen hingibt, so bekommt er solche Gewalt, dass er sein Werkzeug nach seinem Wunsch regiert. Darum trieb er jene bösen Personen an, sich selbst an Leib und Leben der heiligen Anna zu vergreifen; allein sie konnten ihren Plan nicht ausführen, denn die Kraft Gottes schwächte die ohnedies geringen Kräfte dieser Frauen, so dass sie der Heiligen nichts anzuhaben vermochten; vielmehr überwand die Heilige ihre Feindinnen durch ihre Zusprüche und brachte sie durch ihre Gebete dahin, dass sie ihr Unrecht einsahen und ihr Leben besserten.

319. So war denn der Drache besiegt; aber er wollte sich noch nicht ergeben; er machte sich nun alsbald an eine Magd, welche im Haus der heiligen Eheleute diente, und hetzte sie in der Weise gegen die heilige Anna auf, dass sie noch schlimmer war als die ersten Frauen; denn die Magd war ein Hausfeind und darum hartnäckiger und gefährlicher. Ich will mich aber nicht aufhalten mit Erzählung dessen, was der böse Feind mittels dieser Magd auszuführen suchte; es war ja ohnedies nichts anderes, als was er schon durch die andern Frauen hatte bewerkstelligen wollen, nur war der letzte Anschlag mit größeren Beschwerden und Gefahren für die heilige Anna verbunden. Allein mit der Gnade Gottes überwand sie diese Versuchung noch glorreicher als die andern; denn es schlummerte nicht der «Beschützer Israels» (Ps 121, 4), der seine heilige Stadt bewachte und ihr die Stärksten aus seinen Heerscharen zu Wächtern gegeben hatte. Diese schlugen den Luzifer und seine Diener in die Flucht, so dass sie die glückliche Mutter fortan nicht mehr zu belästigen vermochten. Die Heilige sah nunmehr der gnadenreichsten Geburt der Himmelskönigin entgegen, auf die sie sich durch heldenmütige Tugendwerke und durch die Verdienste, welche sie in den Kämpfen erwarb, vorbereitet hatte. So kam sie dem ersehnten Ziel immer näher.

Auch ich sehne mich nach dem Ende dieser Kapitel, um die heilbringende Lehre meiner Meisterin und Herrin zu hören. Zwar kommt alles, was ich schreibe, von ihr; allein was mir am meisten frommt, das ist ihre mütterliche Unterweisung; diese erwarte ich mit höchster Freude, im Jubel meines Geistes.

320. So rede denn, o Herrin, deine Dienerin hört ! Und wenn du es mir gestattest, so will ich, obgleich nur Staub und Asche (Gen 18, 27), dir einen Zweifel vortragen, der mir in diesem Hauptstück aufgestossen ist. Denn in allen meinen Zweifeln wende ich mich an dich, meine gütigste Mutter, Lehrerin und Herrin. Mein Zweifel ist folgender: Du, die Herrin der ganzen Schöpfung, bist ohne Sünde empfangen worden und besaßest infolge jener Vision, welche deine heiligste Seele in jenem Augenblick gehabt hat, eine ganz erhabene Kenntnis von allen Dingen; wie ist es nun erklärlich, dass du bei so großer Gnade dennoch so große Angst und Furcht gehabt hast, Gott zu beleidigen und seine Freundschaft zu verlieren? Wenn schon beim ersten Schritte, im ersten Augenblick deines Daseins die Gnade dir zuvorgekommen ist, wie konntest du schon beim Beginn deines Lebens fürchten, sie wieder zu verlieren? Wenn der Allerhöchste dich von der ersten Schuld ausnahm, wie konntest du besorgt sein, in andere zu fallen und denjenigen zu beleidigen, welcher vor der ersten dich bewahrt hatte?

LEHRE UND ANTWORT der Himmelskönigin

321. Meine Tochter, vernimm die Antwort auf deinen Zweifel ! In der Vision, welche ich in meinem ersten Augenblick von der Gottheit hatte, habe ich allerdings auch die Erkenntnis meiner Unschuld und unbefleckten Empfängnis erhalten. Allein diese Gnadenvorzüge aus der Hand des Allerhöchsten sind derart, dass, je größer die Zuversicht ist, die sie verleihen, und je größer die Klarheit, mit der sie erkannt werden, um so größer auch die dadurch hervorgerufene Sorgfalt und Wachsamkeit ist, diese zu bewahren und den Geber, der sie aus reiner Güte dem Geschöpf mitteilt, nicht zu beleidigen. Sie bringen mit sich die klarste Erkenntnis, dass sie nur durch die Kraft von oben und um der Verdienste meines heiligsten Sohnes willen verliehen werden. Das Geschöpf sieht an sich selbst nichts als seine Unwürdigkeit und sein Unvermögen; es erkennt ganz klar, dass es empfängt, was es nicht verdient, und dass, was es empfängt, fremdes Eigentum ist, das es sich selber nicht zuschreiben darf und nicht zuschreiben kann. Das Geschöpf erkennt dass der Spender solcher Gnaden ein so großer Herr ist, dass, was er aus freigebiger Güte gegeben, er auch wieder nehmen und einem anderen nach Belieben verleihen kann. Hieraus entsteht dann notwendig die gewissenhafteste Sorgfalt, die empfangene Gnade nicht zu verlieren, vielmehr alles zu tun, was zur Erhaltung und Vermehrung des erhaltenen Talentes dienlich ist; und die Seele sieht klar ein, dass dies das einzige Mittel ist, um das ihr zur Verwahrung übergebene Gut nicht zu verlieren. Sie erkennt auch, dass ihr die Gnade zu dem Zwecke gegeben wurde, damit sie sich dafür dankbar erzeige und für die Verherrlichung ihres Schöpfers sich bemühe. Die Sorgfalt, diesen Zweck zu erfüllen, ist eine notwendige Bedingung zur Bewahrung der empfangenen Gnadengaben.

322. Überdies erkennt man alsdann auch die Gebrechlichkeit der menschlichen Natur und deren Wahlfreiheit, sich für das Gute und Böse zu entscheiden. Diese Erkenntnis hat mir aber der Allerhöchste nicht entzogen; und er entzieht sie keinem Menschen, solange er noch auf Erden lebt; er lässt sie vielmehr allen Menschen, denn sie ist notwendig, damit die heilige Furcht, in eine wenn auch noch so geringe Sünde zu fallen, angesichts dieser Wahrheit mehr und mehr in der Seele Wurzel fasse. In mir war aber diese Erkenntnis viel klarer; ich wusste gar wohl, dass ein geringerer Fehler einem anderen, größeren den Weg bereitet und dass der zweite eine Strafe ist für den ersten. Allerdings ist es wahr, dass es bei der Gnadenfülle, mit welcher der Herr meine Seele bereichert hatte, unmöglich war, in eine Sünde zu fallen; allein die göttliche Vorsehung hatte ihre Gnadengaben so eingerichtet, dass die absolute Sicherheit, nicht zu sündigen, mir verborgen blieb. Ich erkannte, dass, soweit es auf mich allein ankomme, die Sünde möglich sei und dass es nur vom göttlichen Willen abhänge, wenn ich in der Tat nicht sündige. So behielt also der Herr die Erkenntnis sich vor, dass ich gewiss nicht sündige, mir aber ließ er die Sorge und die heilige Furcht, ich möchte als Erdenpilgerin sündigen. Diese heilige Furcht habe ich von meiner Empfängnis an bis zu meinem Tod nie verloren, vielmehr wuchs sie in mir während meines ganzen Lebens.

323. Überdies hat mir der Allerhöchste auch Klugheit und Demut verliehen, so dass ich ihn über dieses Geheimnis nicht befragte und auch nicht darüber nachforschte. Ich war nur darauf bedacht, seiner Güte und Liebe zu vertrauen und seinen Beistand zu erwarten, um nicht zu sündigen. Hieraus ergaben sich zwei Wirkungen, welche beide im christlichen Leben notwendig sind; einerseits bewahrte ich in meiner Seele die Ruhe, anderseits verlor ich auch niemals die Furcht und die eifrige Sorgfalt, den mir anvertrauten Schatz zu erhalten. Und da diese Furcht eine kindliche war, so tat sie der Liebe keinen Eintrag, vielmehr entzündete sie diese noch mehr und erweiterte sie. Diese beiden Wirkungen, Liebe und Furcht, bildeten in meiner Seele eine himmlische Harmonie, so dass ich bei all meinen Handlungen darauf bedacht war, mich vom Bösen fern zu halten und an das höchste Gut mich anzuklammern.

324. Liebste Tochter, die sicherste Probe in geistlichen Dingen ist, dass sie mit dem Licht der Wahrheit und mit gesunder Lehre kommen und dass sie zu größerer Vollkommenheit in den Tugenden anhalten und mit großer Kraft den Willen bewegen, diese Vollkommenheit anzustreben. Das ist das Merkmal, welches die Gnaden, die vom Vater der Lichter hinabsteigen, an sich tragen: sie beruhigen, indem sie verdemütigen, sie verdemütigen, ohne mutlos zu machen, sie flößen Vertrauen ein, verbunden mit Eifer und Wachsamkeit, sie geben Eifer, vereinigt mit Ruhe und Frieden, damit alle diese Stimmungen die Erfüllung des göttlichen Willens nicht hindern.

Du aber, o Seele, bringe dem Herrn das Opfer demütiger und eifriger Dankbarkeit dar, dass er trotz deiner Armut an Verdiensten so freigebig gegen dich gewesen ist. Er hat dich mit seinem göttlichen Licht erleuchtet, hat dir seine verborgensten Geheimnisse aufgeschlossen und ist dir mit der Gnade zuvorgekommen, sein Missfallen zu fürchten. Was diese Furcht betrifft, so halte darin Maß; was aber die Liebe betrifft, so erweitere sie. Furcht und Liebe, das sind die zwei Flügel, mit denen du dich erheben musst über alles Irdische und über dich selbst. Trachte, jede ungeordnete Stimmung, welche eine übertriebene Furcht in dir hervorbringt, sogleich zu vertreiben. Überlass deine Sache dem Herrn, und seine Sache mache zu der deinigen. Fürchte so lange, bis du gewaschen und gereinigt bist von deinen Sünden und Unwissenheiten. Liebe den Herrn, bis du ganz in ihn umgewandelt bist und er der Herr und Lenker aller deiner Handlungen ist; du darfst es in keiner sein. Verlass dich nicht auf dein eigenes Urteil und sei nicht weise in deinen Augen (Spr 3, 7). Denn das eigene Urteil wird leicht von den Leidenschaften verdunkelt und umstrickt, so dass das Urteil, mit den Leidenschaften verbündet, den Willen zum Fall bringt. Man fürchtet sich dann da, wo nichts zu fürchten ist, und übt Freiheit, wo diese nicht am Platze ist. Handle mit Zuversicht, jedoch so, dass du nicht in Leichtsinn dir selbst gefällst. Sorge und fürchte so lang, bis du in Ruhe und Vorsicht die rechte Mitte in allem gefunden hast. Diese wirst du aber immer finden, wenn du dich dem Gehorsam unter deine Oberen sowie den inneren Antrieben und Unterweisungen des Allerhöchsten unterwirfst. Was aber die inneren Antriebe betrifft, so müssen dieselben, mag auch ihr Ziel ein noch so gutes sein, alle nach der Weisung des Gehorsams und nach der Richtschnur eingeholten Rates beurteilt werden; ohne diese Leitung gibt es lauter Missgeburten und unnützes Tun. In allem sei deine Absicht auf das Heiligste und Vollkommenste gerichtet.

EINUNDZWANZIGSTES HAUPTSTÜCK: Gnadenreiche Geburt Mariä

Von der gnadenreichen Geburt der allerseligsten Jungfrau Maria, Unserer Lieben Frau, von den besonderen Gnaden, die sie damals aus der Hand des Allerhöchsten empfing, und wie ihr im Himmel und auf Erden ein Name gegeben wurde.

325. Der für die Welt so gnadenreiche, freudenvolle Tag brach an, an welchem die heilige Anna gebären sollte, der Tag, an welchem jenes Kind das Licht der Welt erblicken sollte, welches dazu geheiligt, bestimmt und bereitet war, Mutter Gottes zu werden.

Diese Geburt erfolgte am achten Tage des Monats September, genau neun Monate nach der Empfängnis der heiligsten Seele unserer Königin und Herrin. Die heilige Mutter Anna wurde durch eine innere Erleuchtung darauf vorbereitet, indem ihr der Herr zu erkennen gab, dass die Stunde ihrer Geburt gekommen sei. Voll Freude des Heiligen Geistes hörte sie auf die göttliche Stimme und warf sich dann auf das Angesicht nieder, um den Herrn anzurufen. Sie bat, er möge ihr mit seiner Gnade und seinem Schutze beistehen, damit ihre Geburt eine glückliche sei. Dann empfand sie in ihrem heiligen Schoß eine Bewegung, wie sie bei einer Geburt natürlich ist.

Das mehr als glückliche Kind Maria kam in demselben Augenblick durch göttliche Kraft und Vorsehung in eine überaus hohe Verzückung, und in dieser Verzückung ward sie, aller Sinnentätigkeit entrückt zur Welt geboren. Sie hatte von ihrer Geburt keine sinnliche Wahrnehmung, wie sie bei dem Vernunftgebrauch, den sie besaß, eine solche hätte haben können, wenn sie im Zustand natürlicher Sinnestätigkeit gelassen worden wäre. Der Allerhöchste versetzte sie aber in die Ekstase, damit sie, die Königin des Himmels, über jede sinnliche Wahrnehmung des natürlichen Vorganges erhoben wäre.

326. Maria war bei ihrer Geburt rein, makellos, schön und voll von Gnaden und gab schon dadurch kund, dass sie frei vom Gesetz der Schuld, frei vom Sold der Sünde in diese Welt eintrete. Ihre Geburt war zwar im wesentlichen nicht verschieden von der Geburt anderer Adamskinder, allein sie war durch Gottes besondere Gnade von solchen Umständen begleitet, dass sie ein Wunder zu nennen ist, welches der ganzen Schöpfung zum Erstaunen, dem Schöpfer aber zur ewigen Verherrlichung gereicht. Es war zwölf Uhr in der Nacht als dieser erhabene Morgenstern aufging und die Nacht und Finsternis des alten Gesetzes vom anbrechenden Tag der Gnade zu scheiden begann. Das süßeste Kind wurde in Windeln gewickelt, niedergelegt und gepflegt, wie dies bei andern Kindern geschieht, dabei war es aber im Geist in die Gottheit versenkt. Wie ein Kind wurde diejenige gepflegt, welche alle Menschen, ja selbst die Engel an Weisheit übertraf. Die heilige Mutter Anna ließ nicht zu, dass das heilige Kind von fremden Händen gepflegt werde, sie wickelte es mit eigenen Händen in die Windeln, ohne dass etwa die Folgen der Geburt sie daran gehindert hätten; denn sie war frei von allen Beschwerden und Mühsalen, denen andere Mütter in solcher Lage unterworfen sind.

327. Die heilige Anna nahm das Kind in ihre Hände, dieses Kind, das ihre Tochter und - soweit ein bloßes Geschöpf dies sein kann - zugleich der größte Schatz Himmels und der Erde war; denn es war geringer nur als Gott, höher aber als die ganze Schöpfung. Mit glühender Andacht und unter Tränen opferte Anna das Kind der göttlichen Majestät auf, indem sie in ihrem Herzen sprach: «O Herr von unendlicher Weisheit und Macht, Schöpfer aller Dinge, ich opfere dir auf die Frucht meines Leibes, die ich von deiner Güte empfangen habe, und sage dir ewigen Dank dafür, dass du sie mir ohne all mein Verdienst gegeben hast. Tue an der Tochter und an der Mutter nach deinem heiligsten Willen und sieh vom Thron deiner erhabenen Majestät herab auf unsere Niedrigkeit. In Ewigkeit sollst du gepriesen sein, dass du die Welt mit einer Kreatur beglückt hast, welche in deinen Augen so wohlgefällig ist, und dass du in ihr dem ewigen Worte eine Wohnung, einen Tabernakel bereitet hast. Ich wünsche meinen heiligen Voreltern sowie den Propheten und in ihnen dem ganzen Menschengeschlecht Glück zu diesem sicheren Unterpfand ihrer Erlösung, das du ihnen gibst. Aber wie soll ich diejenige, die du mir zur Tochter gegeben, behandeln, da ich nicht würdig bin, ihre Dienerin zu sein? Wie darf ich die wahre Bundeslade berühren? Gib mir, mein Herr und König, das Licht, dessen ich bedarf, um deinen Willen zu erkennen und zu erfüllen, zu deinem Wohlgefallen und zum Dienste meiner Tochter!»

328. Hierauf gab der Herr der heiligen Mutter als Antwort die innerliche Weisung, sie solle das heilige Kind behandeln, wie eine Mutter ihre Tochter behandelt, ohne ihr im äußeren Benehmen Zeichen der Ehrfurcht zu geben; sie solle die Ehrfurcht in ihrem Herzen bewahren. In der Erziehung und Pflege solle sie alle Pflichten einer wahren Mutter erfüllen und mit Sorgfalt und Liebe ihre Tochter pflegen. Alles dieses befolgte die glückliche Mutter. Von ihrer Befugnis Gebrauch machend, behandelte und liebkoste sie ihre heiligste Tochter ebenso, wie andere Mütter bei ihren Kindern dies zu tun pflegen, ohne indes die schuldige Ehrfurcht außer acht zu lassen; immer hatte sie mit würdiger Ehrerbietigkeit das verborgene göttliche Geheimnis im Auge, welches zwischen Tochter und Mutter bestand.

Die Schutzengel des süßen Kindes brachten ihm, während es auf den Mutterarmen ruhte, mit vielen anderen heiligen Engeln ihre ehrfurchtsvolle Huldigung dar und stimmten eine himmlische Musik an, die auch von der heiligen Anna teilweise gehört wurde. Die tausend Engel, welche zum Schutz der großen Königin ausersehen und bestimmt waren, stellten sich ihr vor und boten sich zu ihrem Dienste an. Es war dies das erste Mal, dass die erhabene Herrin diese Engel in körperlicher Gestalt mit den Abzeichen und Zierden versehen erblickte, welche ich in einem späteren Hauptstück beschreiben werde (Hauptstück 23). Das Kind bat sie, mit ihm und in seinem Namen der Allerhöchsten zu lobpreisen.

329. In demselben Augenblick, in welchem Maria, unsere Königin, geboren wurde, sandte der Allerhöchste den heiligen Erzengel Gabriel in die Vorhölle mit dem Auftrag, den heiligen Altvätern die ihnen so erfreuliche Nachricht hiervon zu bringen. Schleunig stieg der Himmelsbote hinab, indem er jene Räume mit seinem Licht erleuchtete und die darin harrenden Gerechten erfreute. Er verkündete ihnen, dass der von den heiliger Altvätern so sehnlich erwartete, von den Propheten vorausgesagte Tag, an welchem das Menschengeschlecht erlöst und eine ewige Glückseligkeit herbeigeführt werden soll, anzubrechen beginne; denn diejenige, welche Mutter des verheißenen Messias sein werde, sei schon geboren; bald würden sie das Heil sehen und die Herrlichkeit des Allerhöchsten schauen. Der Himmelsfürst machte sie auch mit den erhabener Vorzügen der allerseligsten Jungfrau und mit den wunderbaren Gnaden, welche die Hand des Allmächtigen in ihr zu wirken begonnen hatte, bekannt, damit sie den glücklichen Anfang des Geheimnisses, welches ihre lange Gefangenschaft beendigen sollte, besser erkennen würden. Diese Nachricht erfüllte die Patriarchen und Propheten und überhaupt alle Gerechten in der Vorhölle mit geistiger Freude. Sie lobten und priesen den Herrn für diese Wohltat mit neuen Lobliedern.

330. Alles dieses war in kurzer Zeit vor sich gegangen. Nachdem unsere Königin das Licht der irdischen Sonne erblickt hatte, lernte sie ihre leiblichen Eltern und andere Geschöpfe mittels der Sinne kennen, und dies war der erste Schritt ihres Lebens bei ihrem Eintritt in die Welt. Nun aber begann der mächtige Arm des Allerhöchsten neue Wunder in ihr zu wirken, Wunder, welche alle Gedanken der Menschen weit übersteigen. Das erste war, dass Gott unzählbare Engel absandte mit dem Auftrag, die auserkorene Mutter des ewigen Wortes mit Leib und Seele in den Himmel hinaufzutragen, damit an ihr geschehe, was der Herr beschlossen hatte. Die heiligen Himmelsfürsten vollzogen diesen Befehl; sie nahmen das Kind Maria von den Armen seiner heiligen Mutter Anna und ordneten eine wunderbare, feierliche Prozession, in welcher sie unter himmlischen Jubelliedern die wahre Arche des Neuen Bundes emportrugen, damit sie eine Zeitlang aufgestellt würde, nicht im Hause Obededoms, sondern in dem Tempel des höchsten Königs der Könige, des Herrn der Herren, da wo sie später für die ganze Ewigkeit aufgestellt werden sollte. Dies war der zweite Schritt, den die heiligste Jungfrau in ihrem Leben machte, von der Welt hinauf zum obersten Himmel(Die nähere Erklärung und Begründung des hier Gesagten. wird in Nr. 338 ff gegeben. Der Übersetzer).

331. Wer wäre wohl imstande, dieses großartige Wunderwerk des Allmächtigen würdig zu preisen? Wer vermöchte die Freude und Bewunderung zu schildern, mit der die himmlischen Geister erfüllt wurden, als sie dieses bisher nie gesehene Wunderwerk des Allerhöchsten sahen und es durch neue Loblieder verherrlichten? Dort haben sie Maria als ihre Königin und Herrin anerkannt und ihr gehuldigt; war sie ja auserwählt zur Mutter desjenigen, welcher ihr Haupt sein sollte und die Ursache der Gnade und Glorie war, die sie besaßen; denn er hatte sie ihnen erworben durch seine Verdienste, welche Gott voraussah und gleichsam als empfangen betrachtete. Welche menschliche Zunge oder welcher menschliche Geist wäre aber erst imstande, in das Geheimnis des Herzens jenes zarten Kindes einzudringen und zu fassen oder zu beschreiben, was es bei einer so unerhörten Gunstbezeigung gefühlt hat? Ich überlasse dies der Frömmigkeit der Katholiken oder vielmehr denen, welche es einstens im Herrn zu schauen gewürdigt sein werden; auch wir werden es einstens sehen, wenn wir durch Gottes unendliche Barmherzigkeit dazu gelangt sein werden, ihn von Angesicht zu Angesicht zu schauen.

332. Auf den Händen der Engel ging das Kind Maria in den Himmel ein; es warf sich in Liebe vor dem Thron des Allerhöchsten nieder, und nun ging, nach menschlicher Vorstellungsweise, in Erfüllung, was nach der Erzählung der Heiligen Schrift (1 Kön 2, 19) mit Salomon und Batseba einst geschehen war. Als nämlich Batseba zu ihrem Sohn, dem Könige Salomon, eintrat, während er von seinem Thron aus das Volk Israel richtete, da stand der König auf, empfing seine Mutter, erwies ihr große Ehren und gab ihr einen königlichen Thron zu seiner Rechten. Dasselbe tat, nur noch viel glorreicher und wunderbarer, die Person des ewigen Wortes an dem Kinde Maria, das der Sohn Gottes selbst zu seiner Mutter auserkoren hatte. Er erhob sie auf seinen Thron, setzte sie zu seiner Rechten und führte sie ein in den Besitz der Würde, seine Mutter und Königin der ganzen Schöpfung zu sein, wiewohl ihr selber die eigene Würde und der Zweck so erhabener Geheimnisse und Gunstbezeichnungen noch verborgen blieben, zu deren Empfang ihre schwachen Vermögen durch Gottes Kraft gestärkt worden waren. Der Herr verlieh ihr neue Gnadengaben, durch welche ihre Kräfte in entsprechender Weise erhoben wurden. Die inneren Vermögen aber, welche durch das neue Gnadenlicht vorbereitet waren, erhöhte der Herr in solcher Weise, dass sie befähigt waren, zu schauen, was er ihr offenbaren wollte. Nach Mitteilung des notwendigen Lichtes enthüllte er nämlich seine Gottheit und zeigte sich ihr in klarer, unverhüllter Anschauung, auf unaussprechlich erhabene Weise. Es war dies das erste Mal, dass die heiligste Seele Mariä die allerheiligste Dreifaltigkeit durch die klare, beseligende Anschauung sah(Dass die allerseligste Jungfrau Maria schon während ihres sterblichen Lebens zuweilen und vorübergehend [transeunter] der intuitiven oder klaren Anschauung Gottes gewürdigt worden sei, behaupten ausdrücklich auch der heilige Antonin, der heilige Bernhard, der heilige Bernhardin von Siena, der heilige Thomas von Villanova; ferner Dionysius der Kartäuser, Abt Rupertus, Gerson, Medina, Salazar u. a. Dieselbe Ansicht vertreten und beweisen P. Suarez [tom. II. in III. P. disp. 19. sect. 4.] und P. Vigilius Sedlmayr in seiner vortrefflichen Theologia Mariana [P. III. q. I. a. 6.], wo sich die betreffenden Zitate finden. Und wenn der heilige Thomas von Aquin [P.I. q. 12 a. 11. ad 2], der heilige Augustin. der heilige Ambrosius und der heilige Basilius dieselbe Gnadenauszeichnung dem Moses und dem heiligen Apostel Paulus zuerkennen, so lässt sie sich viel weniger der Mutter Gottes und Königin aller Heiligen absprechen. Was die leibliche Entrückung in den empyreischen Himmel betrifft, so ist diese noch weniger zu beanstanden als die zeitweilige intuitive Anschauung Gottes, weil letztere nach der allgemeinen Lehre der Theologen als das Formale oder Wesentliche der Visio beatifica aeterna eine unvergleichlich höhere Gnadenauszeichnung ist als ein zeitweiliger leiblicher Aufenthalt im empyreischen Himmel. Die Kongruenzgründe für beides werden in der nächstfolgenden Lehre [Nr. 338 ff.] ebenso klar als überzeugend dargelegt. Der Übersetzer).

333. Von der Seligkeit, welche das Kind Maria in dieser Vision genoss, von den Geheimnissen, die ihm damals neuerdings geoffenbart wurden, und von den Wirkungen, die in ihrer reinsten Seele dadurch hervorgebracht wurden, war nur derjenige Zeuge, der ein so unerhörtes Wunder gewirkt hatte, und nächst ihm die Engel, welche im Herrn selber etwas von diesen Geheimnissen voll Bewunderung schauten.

Während nun die Königin zur Rechten des Herrn, der ihr Sohn werden sollte, war und ihn von Angesicht zu Angesicht schaute, da bat sie, mit glücklicherem Erfolge als einst Batseba (1 Kön 2, 21), er möge die unberührte Sunamitin Abisag, d. h. seine unnahbare Gottheit der menschlichen Natur - ihrer eigenen Schwester - geben und sein Wort erfüllen, indem er vom Himmel auf die Erde hinabsteige, um die Vermählung der hypostatischen Vereinigung in der Person des ewigen Wortes zu feiern, wie er durch die Patriarchen und Propheten von alters her so oftmals schon versprochen hatte. Sie bat, Er möge die seit vielen Jahrhunderten ersehnte Erlösung beschleunigen, weil die Sünden sich mehrten und immer mehr Seelen verlorengingen. Der Allerhöchste hörte diese Bitte mit größtem Wohlgefallen an und gab seiner Mutter das Versprechen, ein besseres, als Salomon seiner Mutter gegeben hatte, dass er bald seine Verheißung erfüllen, auf die Erde hinabsteigen und menschliches Fleisch annehmen werde, um die Welt zu erlösen.

334. Nun wurde in dem göttlichen Rat der allerheiligsten Dreifaltigkeit beschlossen, der jugendlichen Königin einen Namen zu geben. Weil nämlich nur diejenigen Namen vollkommen zutreffend sind, welche in der unwandelbaren Wesenheit Gottes geschöpft werden - denn in ihr werden alle Dinge mit Gerechtigkeit und Billigkeit, nach Maß und Gewicht, in unendlicher Weisheit verordnet und ausgeteilt -, darum wollte Seine Majestät selbst der Himmelskönigin den Namen im Himmel geben. Es wurde also den englischen Geistern geoffenbart, dass die drei göttlichen Personen für Sohn und Mutter die süßesten Namen Jesus und Maria bestimmt und festgesetzt hätten, und zwar schon vor aller Weltzeit dass sie an diesen Namen die ganze Ewigkeit hindurch ihr Wohlgefallen gehabt und dieselben für ewig ihrem Gedächtnis eingeprägt und bei allem, was sie schufen, vor Augen gehabt, weil ja alles, was erschaffen sei, zum Dienste Jesu und Mariä erschaffen worden. Während die heiligen Engel dieses und viele andere Geheimnisse inne wurden, vernahmen sie gleichzeitig vom Thron Gottes her eine Stimme, welche im Namen des ewigen Vaters sprach: «Maria wird der Name unserer Auserwählten sein. Dieser Name soll wunderbar und herrlich sein. Alle, die ihn andächtig anrufen, werden die reichlichsten Gnaden empfangen; diejenigen, welche ihn hochschätzen und mit Ehrfurcht nennen, werden in ihm Trost und Leben finden. Alle werden an ihm ein Heilmittel in ihrem Leiden, einen Schatz zu ihrer Bereicherung und ein Licht haben, das ihnen den Weg zum ewigen Leben zeigt. Er wird furchtbar sein für die Hölle, er wird den Kopf der Schlange zermalmen und über die Fürsten der Finsternis glorreiche Siege erringen.»

Hierauf befahl der Herr den Engeln, diesen gnadenreichen Namen der heiligen Anna zu verkünden, damit, was im Himmel beschlossen war, auf Erden vollzogen werde. Das himmlische Kind warf sich voll Liebe vor dem Thron Gottes nieder und brachte dem Ewigen seinen innigsten, demütigsten Dank dar. Unter den süßesten, wunderbaren Lobgesängen empfing es den Namen. Sollten aber die Gnaden und Vorzüge, welche Maria damals empfing, beschrieben werden, so wäre hierzu ein eigenes, großes und bändereiches Buch vonnöten.

Nun brachten die Engel dem heiligsten Kind auf dem Thron des Allerhöchsten als der zukünftigen Mutter des ewigen Wortes und als ihrer eigenen Königin und Gebieterin aufs neue ihre Huldigung dar. Sie bezeigten auch dem Namen Maria ihre Ehrfurcht, indem sie, während die Stimme des ewigen Vaters auf dem Thron ihn aussprach, sich auf das Angesicht niederwarfen. Darin zeichneten sich besonders diejenigen aus, welche diesen Namen als Abzeichen auf der Brust trugen. Alle miteinander lobten und priesen Gott für so große, erhabene Geheimnisse. Bei all dem aber war der kleiner Himmelskönigin der Grund dessen, was sie sah, verborgen, denn ihre Würde als Mutter des menschgewordenen Wortes wurde ihr erst in der Stunde der Menschwerdung geoffenbart.

Unter Jubel und mit größter Ehrfurcht brachten dann die heiligen Engel das Kind in die Arme seiner Mutter zurück. Der heiligen Mutter Anna war der ganze Vorgang und die Abwesenheit ihrer Tochter verborgen geblieben; denn einer vor den Schutzengeln Mariä hatte einen Luftleib angenommen und ihre Stelle ersetzt. Auch hatte die heilige Mutter, während ihr heiligstes Kind im Himmel war, eine lang andauernde, sehr hohe Ekstase, in welcher ihr große Geheimnisse über die Würde der Mutter Gottes, zu der ihr Kind auserkoren war, geoffenbart wurden, ohne dass sie jedoch inne ward, was unterdessen mit ihrem Kind geschah. Die weise Frau bewahrte alle diese Geheimnisse stets in ihrem Herzen und erwog sie, um ihr Verhalten gegen das heiligste Kind darnach einzurichten.

335. Am achten Tage nach der Geburt der großen Himmelskönigin stieg von der Höhe des Himmels eine große Menge Engel hernieder, alle überaus schön und majestätisch. Sie trugen einen Schild, auf welchem der Name Maria wunderbar glänzend geschrieben stand. Indem sich alle der gnadenreichen Mutter Anna zeigten, sagte sie zu ihr, der Name ihrer Tochter sei der, den sie hier mit sich brächten: Maria. Die göttliche Vorsehung habe ihr denselben gegeben und angeordnet, dass auch sie mit dem heiligen Joachim ihrem Kind nunmehr diesen Namen gebe. Die Heilige rief ihren Gemahl und eröffnete ihm den Willen Gottes, ihrer Tochter einen Namen zu geben. Der überaus glückliche Vater nahm mit innigster Freude und Andacht den Namen auf. Darauf beschlossen sie, ihre Verwandten und einen Priester zu rufen. Nachdem dies geschehen, hielten sie ein reiches Gastmahl und legten unter großen Feierlichkeiten dem neugebornen Kind den Namen Maria bei. Die Engel feierten dies Fest durch eine gar liebliche, himmlische Musik, die jedoch nur von der heiligen Mutter Anna und ihrer heiligsten Tochter gehört wurde. So hatte also unsere himmlische Königin einen Namen, der ihr im Himmel von der allerheiligsten Dreifaltigkeit gegeben worden war am Tage ihrer Geburt, auf Erden aber acht Tage darnach. Derselbe wurde zu den übrigen Namen in die öffentliche Tabelle eingetragen, als die heilige Mutter Anna in den Tempel ging, um, wie noch erzählt werden wird, die Vorschrift des Gesetzes zu erfüllen.

Dies war die neue Geburt, wie die Welt eine ähnliche bis dahin nicht erlebt hatte und bei einem bloßen Geschöpf nicht erleben konnte. Dies war die gnadenreichste Geburt, welche der Natur zuteil werden konnte; denn sie brachte der Welt ein Kind, das, noch keinen Tag alt, nicht bloß unbefleckt war von den Makeln der Sünde, sondern reiner und heiliger als die höchsten Seraphim. Die Geburt des Moses war einst feierlich begangen worden wegen der Schönheit und Anmut des Knaben (Ex 2, 2); aber seine ganze Schönheit war nur eine äußerliche und vergängliche. Wie schön ist aber unser hehres Kind! O wie schön ! Ganz schön ist es und lieblich in seiner Zier (Hld 4, 1.7.; 7, 6), denn es besitzt alle Anmut und alle Schönheiten, ohne dass eine ihm mangelt !

Groß war das «Lachen» und die Freude im Hause Abrahams (Gen 21, 6), als der verheißene Isaak, von einer unfruchtbaren Mutter empfangen, zur Welt geboren wurde, und doch hatte diese Geburt keine andere Bedeutung, als die sie von unserem mit königlicher Würde geschmückten Kind entlehnt und empfangen hatte, auf welches jene so lang ersehnte Freude abzielte. Wenn nun jene Geburt in der Familie des Patriarchen so wunderbare Freude hervorrief, weil sie gleichsam eine Vorbereitung auf die Geburt des süßesten Kindes Maria war, so ist es angemessen und gerecht, dass in dieser Geburt Himmel und Erde sich erfreuen; denn das Kind, das da geboren ist, ist gekommen, um die leergewordenen Sitze des Himmels wieder zu besetzen und die Welt zu heiligen. Als Noe geboren wurde, ward sein Vater Lamech getröstet (Gen 5, 29); denn die Geburt dieses Kindes war das Unterpfand, dass Gott mittels der Arche das Menschengeschlecht erhalten und seine Segnungen, welche die Menschen durch ihre Sünden verscherzt hatten, wieder erneuern werde. Aber alles dieses geschah nur, damit dieses Kind zur Welt geboren würde, welches die wahre Wiederherstellerin des Menschengeschlechtes sein sollte; denn Maria war die geistliche Arche, welche den neuen, wahren Noe in sich schloss und ihn vom Himmel herabzog, um alle Erdenbewohner mit Segnungen zu erfüllen. O gnadenreiches Kind, o selige Geburt! Du bist das größte Wohlgefallen der allerheiligsten Dreifaltigkeit in allen vergangenen Zeiten, du bist das Frohlocken der Engel, die Hoffnung der Sünder, die Freude der Gerechten und ein wunderbarer Trost für die Heiligen, welche in der Vorhölle auf dich harrten!

336. O kostbare, reiche Perle, die du, eingeschlossen in die raue Muschel dieser Welt an die Sonne getreten bist! O hehres Kind, kaum haben dich im Licht der Sonne menschliche Augen gesehen, und schon bist du in den Augen des allerhöchsten Königs und seines ganzen himmlischen Hofes an Würde und Erhabenheit größer als alles, was nicht Gott selbst ist! Alle Geschlechter sollen dich preisen, alle Nationen sollen dir huldigen und deiner Anmut und Schönheit lobsingen. Die Erde werde erleuchtet durch diese Geburt, und die Sterblichen mögen frohlocken, weil ihre Retterin ihnen geboren ist, sie, welche den Schaden wiedergutmachen wird, den die erste Sünde gebracht hat! Gebenedeit und verherrlicht sei die Barmherzigkeit, die du mir, der verächtlichsten Kreatur erzeigst, die ich nur Staub und Asche bin! Wenn du, meine Herrin, mir erlaubst, in deiner Gegenwart zu reden, so werde ich dir einen Zweifel vortragen, der mir bei diesem Geheimnis deiner wunderbaren, heiligen Geburt aufgestiegen ist und der die Gnadenvorzüge betrifft, welche der Allerhöchste dir in der Stunde deiner Geburt verliehen hat.

337. Meine Frage ist die: Wie ist es erklärlich, dass du durch die Hände der Engel leiblicherweise bis in den obersten Himmel emporgetragen und der Anschauung Gottes gewürdigt wurdest? Nach der Lehre der heiligen Kirche und ihrer Lehrer war der Himmel verschlossen und der Zutritt zu ihm den Menschen verwehrt, bis dein heiligster Sohn durch sein Leben, Leiden und Sterben ihn geöffnet und, von Toten erstanden, am Tag seiner wunderbaren Auffahrt als Erlöser und Haupt aller Menschen seinen Einzug in den Himmel gehalten hatte. Er war der erste, für den die ewigen Pforten sich öffneten, die durch die Sünde verschlossen waren.

ANTWORT UND LEHRE der Himmelskönigin

338. Es ist wahr, dass die göttliche Gerechtigkeit wegen der ersten Sünde den Sterblichen den Himmel verschlossen hatte, bis ihn mein heiligster Sohn wieder öffnete, nachdem er durch sein Leben und Sterben für die Menschen überfließende Genugtuung geleistet hatte. Darum war es auch ganz angemessen und gerecht, dass der Erlöser, welcher die Erlösten mit sich wie Glieder mit dem Haupte vereinigt und ihnen den Himmel geöffnet hatte, zuerst und vor allen anderen Adamskindern in den Himmel eingehe. Hätte Adam nicht gesündigt, dann wäre die Beobachtung dieser Reihenfolge nicht notwendig gewesen, und die Menschen hätten auch sonst zur Anschauung Gottes in den Himmel eingehen können. Allein mit Rücksicht auf den Fall des Menschengeschlechtes hat die allerheiligste Dreifaltigkeit die Ordnung beschlossen, welche jetzt tatsächlich eingehalten wird. Dieses große Geheimnis hat David in dem vierundzwanzigsten Psalm angedeutet, wo er, die Geister des Himmels anredend, zweimal die Worte spricht: «Hebet eure Tore, ihr Fürsten, erhebet euch, ihr ewigen Tore, dass einziehe der König der Herrlichkeit » (Ps 24, 7) ! Der Psalmist sagt zu den Engeln «eure Tore», weil dieselben nur für die Engel geöffnet, für die Menschen aber geschlossen waren. Jene Himmelsfürsten wussten zwar wohl, dass das menschgewordene Wort die infolge der Sünde angelegten Riegel und Schlösser von den Himmelspforten weggenommen hatte und dass er, der Erlöser, glorreich zum Himmel aufstieg mit der reichen Beute, die er dem Tod und der Sünde abgenommen hatte, begleitet von den heiligen Vätern aus der Vorhölle, deren Glorie die erste, herrliche Frucht seines Leidens war. Allein nichtsdestoweniger waren nach der Darstellung des Psalmisten die Engel über ein so neues, noch nie gesehenes Wunder gleichsam überrascht und fragten voll Erstaunen: «Wer ist dieser König der Herrlichkeit» (Ps 24, 8) ? Ihr Erstaunen hatte seinen Grund darin, weil er ein Mensch war und der Natur desjenigen angehörte, welche das Recht, in den Himmel aufzusteigen, für sich und sein ganzes Geschlecht verloren hatte.

339. Die gestellte Frage beantworten die Engel selbst mit den Worten: «Es ist der Herr, der starke und mächtige im Krieg; der Herr der Heerscharen, dieser ist der König der Herrlichkeit» (Ps 24, 8 u. 10) ! Mit diesen Worten wollen die Engel ausdrücken, wie es ihnen gar wohl bekannt sei, dass dieser Mensch, der von der Erde heraufsteige, um die ewigen Pforten zu öffnen, kein bloßer Mensch und dem Gesetze der Sünde keineswegs unterworfen sei, dass er vielmehr wahrer Mensch und wahrer Gott zugleich sei, dass er, «stark und mächtig im Krieg», den «starken Bewaffneten» (Lk 11, 22), der die Welt beherrschte, überwunden und ihn seiner Herrschaft wie seiner Waffenrüstung beraubt habe. Er wird «Herr der Heerscharen» oder «Herr der Tugenden - Dominus virtutum» genannt, weil er die Tugenden als ihr Herr mit unumschränkter Macht geübt hatte, ohne dass die Sünde und deren Folgen ihm dabei Hindernisse bereiten konnten. Als Herr der Tugend und König der Glorie kommt er triumphierend, Tugenden und Glorie an seine Erlösten verteilend. Als Mensch hatte er Leiden und Tod für sie erduldet, als Gott aber erhob er sie zur ewig beseligenden Anschauung, nachdem er die ewigen Schlösser und Riegel gebrochen, welche die Sünde an die Himmelspforte gelegt hatte.

340. Dies, meine Tochter, ist es, was mein geliebter Sohn, wahrer Gott und wahrer Mensch, gewirkt hat. Als Herr der Tugenden und Gnaden hat er mich von dem ersten Augenblick meiner unbefleckten Empfängnis an mit solchen reichlichst ausgestattet und geziert. Und weil die erste Sünde mich nicht berührte, darum bestand für mich nicht, wie für die übrigen Sterblichen, ein Hindernis, durch die ewigen Pforten des Himmels einzugehen; vielmehr hat der allmächtige Arm meines Sohnes an mir getan, was sich für die Herrin der Tugenden und Königin des Himmels geziemte. Weil ich überdies auserwählt war, ihn mit meinem Fleisch und Blut zu bekleiden und ihm die menschliche Natur zu geben, darum wollte seine Güte mir mit Gnaden zuvorkommen und mich in der Reinheit, in der Freiheit von der Schuld und in anderen göttlichen Gaben und Vorzügen zu seinem Ebenbild machen. Da ich also keine Sklavin der Schuld war, so übte ich auch die Tugenden nicht als eine unter dem Joch der Sünde Stehende, sondern als Herrin, ohne Widerstand, mit ungehinderter Herrschaft, nicht als Ebenbild der Kinder Adams, sondern als Ebenbild des Sohnes Gottes, der auch mein Sohn war.

341. Das ist der Grund, warum die himmlischen Geister die ewigen Tore, die sie als die «ihrigen» betrachteten, mir öffneten; sie wussten, dass der Herr mich reiner erschaffen hatte als die höchsten Engel des Himmels insgesamt und dass er mich zu ihrer Königin und zur Herrin aller Geschöpfe gemacht hatte. Überdies wisse, meine liebste Tochter, dass derjenige, der das Gesetz gegeben, mit Fug und Recht davon dispensieren konnte; und eben dies hat der höchste Herr und Gesetzgeber bei mir getan. Gnädiger als Assuerus der Esther (Est 4,11) hat der Herr mir das Zepter seiner Gnade entgegengehalten, zum Zeichen, dass hinsichtlich der Schuld die für die übrigen Menschen allgemein geltenden Gesetze keine Anwendung finden auf mich, die ich zur Mutter des Urhebers der Gnade auserwählt war. Zwar konnte ich als bloßes Geschöpf diese Gnadenvorzüge nicht verdienen, aber die Milde und Güte Gottes neigten sich aus freier Liebe zu mir und sahen auf mich herab als auf eine demütige Magd, damit ich den Urheber so großer Werke in alle Ewigkeit lobpreise. Von dir aber, meine Tochter, will ich, dass auch du den Herrn um derselben willen lobst und benedeist.

342. Die Lehre, die ich heute dir gebe, ist die: Da ich aus reiner Güte dich, die Arme und Hilfsbedürftige, zu meiner Schülerin und Gefährtin auserwählt habe, so musst du alle deine Kräfte aufbieten, um mich in einer Übung nachzuahmen, die ich vom Tag meiner Geburt an mein ganzes Leben lang täglich vorgenommen habe, ohne sie auch nur ein einziges Mal, selbst unter den schwersten Sorgen und Anstrengungen, zu unterlassen. Diese Übung war aber folgende. Sobald der Tag anbrach, warf ich mich jedes Mal in der Gegenwart des Allerhöchsten auf mein Angesicht nieder und sagte ihm Lob und Dank für seine unwandelbare Wesenheit und seine unendlichen Vollkommenheiten sowie für die Liebe, in der er mich aus dem Nichts erschaffen hatte. Indem ich mich als ein Geschöpf und als das Werk seiner Hände bekannte, brachte ich ihm, dem ewigen Gott, Preis, Anbetung, Ehre und Verherrlichung dar, als dem allerhöchsten Herrn und Schöpfer aller Dinge, der auch mich ins Dasein gerufen hat. Ich erhob meinen Geist und empfahl ihn in seine Hände, in welche ich mit tiefer Demut und vollkommener Hingabe mich aufopferte. Ich bat ihn, er wolle heute und alle Tage meines ganzen übrigen Lebens über mich verfügen nach seinem Willen und wolle mich lehren, was ihm am meisten wohlgefällig sei, um dies zu tun. Dies wiederholte ich oftmals während der äußeren Werke des Tages; und bei meinen inneren Übungen wendete ich mich zuerst an Seine Majestät und bat um Rat, Erlaubnis und Segen für alle meine Handlungen.

343. Zu meinem süßesten Namen sollst du eine große Andacht tragen. Du musst wissen, dass die Vorzüge und Gnaden, welche der Allmächtige demselben verlieh, so groß und zahlreich sind, dass, als ich in der Anschauung Gottes dieselben sah, ich meine höchste Dankesschuld dafür erkannte und besorgt war, wie ich diese Schuld abtragen möge. Sooft mir der Name Maria in die Erinnerung kam, und dies geschah oft, und sooft ich mich mit ihn nennen hörte, wurde in mir aufs neue die Dankbarkeit und der Entschluss rege, schwere Dinge im Dienste des Herrn, der mir denselben gegeben hatte, zu unternehmen. Denselben Namen trägst auch du, und ich wünsche, dass er dieselben Anmutungen nach Verhältnis auch in dir hervorrufe. Was ich dich in diesem Hauptstück gelehrt habe, musst du von heute an pünktlich nach meinem Beispiel tun und darfst es in keinem Stück mangeln lassen, was immer für ein Entschuldigungsgrund sich dir etwa darbieten möchte. Solltest du aber einmal aus Schwäche saumselig sein, so raffe dich alsbald wieder auf, bekenne vor dem Herrn und vor mir deine Schuld und klage dich in Schmerz über diese an. Durch diese Sorgfalt und durch oftmaliges Wiederholen der Akte dieser heiligen Übung wirst du viele Unvollkommenheiten vermeiden und nach und nach den höchsten Gipfel der Tugenden und des Wohlgefallens Gottes erreichen. Der Herr aber wird dir seine göttliche Gnade hierzu nicht verweigern, sofern du nur auf sein Licht achtest und nicht aus den Augen verlierst, was deinen und meinen Wünschen am vollkommensten entspricht; dies ist aber nichts anderes, als dass du aus allen Kräften darnach trachtest, auf deinen Bräutigam und Herrn allezeit zu hören, zu sehen und ihm zu gehorchen. Er verlangt von dir die größtmögliche Reinheit, Heiligkeit und Vollkommenheit und den guten, tatkräftigen Willen, sie zu erreichen.

ZWEIUNDZWANZIGSTES HAUPTSTÜCK: Erste Kindheit Mariä

Die heilige Anna erfüllt nach der Geburt ihres Kindes die Vorschrift des mosaischen Gesetzes. Verhalten Mariä in ihrer Kindheit.

344. Das Gesetz schrieb im zwölften Hauptstück des Buches Levitikus (Lev 12, 5-7) vor, dass die Mutter nach der Geburt eines Mägdleins sich zwei Wochen lang als unrein betrachten und sechsundsechzig Tage in der Reinigung von der Geburt bleiben solle, doppelt so lange, als nach der Geburt eines Knäbleins. Wenn die Tage ihrer Reinigung erfüllt waren, musste sie ein jähriges Lamm für den Sohn oder die Tochter als Brandopfer und eine junge Taube oder Turteltaube als Sündopfer vor die Türe des Zeltes bringen und dem Priester übergeben, damit dieser es dem Herrn opfere, für sie bitte und sie also gereinigt werde. Die Geburt der glückseligsten Anna war nun allerdings so rein gewesen, als es ihrer himmlischen Tochter geziemte, deren Reinheit auf die Mutter überströmte. Aus diesem Grunde bedurfte sie also keiner weiteren Reinigung. Gleichwohl genügte sie dem Gesetz und erfüllte dasselbe pünktlich; sie handelte vor den Augen der Menschen, als wäre sie unrein, obwohl sie von all den Armseligkeiten, wofür das Gesetz Reinigung vorschrieb, vollkommen frei war.

345. Nach den sechzig Tagen der Reinigung ging die heilige Anna zum Tempel, das Herz von Liebe zu Gott entflammt, ihr gesegnetes Kind auf den Armen. Von unzähligen Engeln begleitet ging sie mit der gesetzlichen Opfergabe zur Tür des Zeltes und sprach mit dem Hohenpriester. Dies war der heilige Simeon(Viele Exegeten nehmen an, dass der heilige Simeon Priester gewesen sei, so der sel. Kanisius, Lyranus, Kajelanus, Tolelus usw. mil dem heiligen Athanasius, dem heiligen Cyrill von Jerusalem und dem heiligen Epiphanius. Wenn Simeon hier "Hohepriester", genannt wird, so ist damit nicht gesagt, dass er damals das Hohepriesteramt wirklich bekleidet habe; denn "Hohepriester", wurden auch jene genannt, welche das Hohepriesteramt überhaupt einmal versehen hatten. Der Übersetzer). Da er nämlich so viele Zeit im Tempel zubrachte, wurde ihm die Gnade zuteil, dass, wenn das Kind Maria im Tempel dargestellt und dem Herrn aufgeopfert wurde, dies jedes Mal in seiner Gegenwart und auf seinen Armen geschah. Zwar erkannte der heilige Priester bei diesen Gelegenheiten nie die Würde dieses hehren Kindes, wie in der Folge gesagt wird (Nr. 423.710.742), doch ward er immer durch große Rührung und Erleuchtung inne, dass dieses Kind groß sei in den Augen Gottes.

346. Die heilige Anna übergab ihm das Lamm, die Turteltaube und was sie sonst noch mitgebracht. Auch bat sie mit demutsvollen Tränen, er möge für sie und ihre Tochter beten, damit, wenn sie eine Sünde auf sich hätten, der Herr sie ihnen verzeihe. Doch an ihnen war nichts, was einer Verzeihung von Seiten Gottes bedurft hätte, da ja beide, Mutter und Tochter, Gottes Gnade in so reicher Fülle besaßen. Wohl aber war eines großen Lohnes ihre Demut würdig, in welcher sie als sündige Menschen erscheinen wollten, sie, die so heilig waren! Während der heilige Priester die Opfergabe in Empfang nahm, wurde seine Seele von außerordentlicher Freude erfüllt und entflammt. Er wusste nichts weiteres, sprach auch nicht aus, was er fühlte, sondern sagte nur bei sich selbst: «Was ist dies für eine ungewohnte Rührung, die ich empfinde? Sind etwa diese Frauen Verwandte des Messias, der kommen soll?» In diesem Gefühle freudigen Erstaunens bezeigte er beiden großes Wohlwollen. Die heilige Anna trat dann mit ihrer heiligsten Tochter auf den Armen ein und opferte diese unter heißen Tränen der Andacht dem Herrn auf. Sie allein in der Welt kannte ja den ihr anvertrauten Schatz.

347. Sie erneuerte dann das Gelübde, ihre Erstgeborne, wenn dieselbe das passende Alter erreicht habe, dem Tempel aufzuopfern. Sie erhielt dabei neue Gnade und Erleuchtung und vernahm in ihrem Herzen eine Stimme, welche ihr sagte, sie solle binnen drei Jahren dies Gelübde erfüllen. Diese Stimme war gleichsam das Echo der heiligsten Königin, welche durch ihr Gebet das Herz Gottes bewegte, dass es im Herzen ihrer Mutter widerhallte. Als nämlich beide in den Tempel eintraten und das holdselige Kind mit leiblichen Augen die Größe und Majestät des dem Dienste Gottes geweihten Tempels sah, wurde ihre Seele wunderbar ergriffen. Gerne hätte sie sich niedergeworfen und den Boden des Tempels geküsst, um den Herrn anzubeten. Darum ersetzte sie durch innere Akte, was sie äußerlich nicht tun konnte; sie betete Gott an und pries ihn mit glühenderer Liebe und mit tieferer Ehrfurcht, als je ein bloßes Geschöpf vor oder nach ihr dies tun konnte. Sie richtete innerlich folgendes Gebet an Gott:

348. «Allerhöchster, unbegreiflicher Gott, mein König und Herr, aller Ehre, alles Lobes, aller Ehrfurcht würdig, ich bin zwar niedriger Staub, aber doch dein Geschöpf. Ich bete dich an dieser heiligen Stätte, in deinem Tempel, an; ich preise und verherrliche dich, da du in deinem Wesen und deinen Vollkommenheiten unendlich bist. Ich danke nach meinen schwachen Kräften deiner Güte für die Gnade, dass meine Augen diesen heiligen Tempel schauen dürfen, dieses Haus des Gebetes, in welchem deine Propheten und meine Voreltern dich lobten und priesen, diesen Tempel, in welchem deine freigebige Barmherzigkeit so große Wunder und Geheimnisse an ihnen vollbracht hat. Nimm mich an, o Herr, damit ich dir hier diene, wann es dein heiliger Wille sein wird.»

349. Die Königin des Weltalls opferte sich also demütig als Dienerin des Herrn auf. Zum Beweise, dass Gott ihr Opfer annehme, kam ein überaus klares Licht vom Himmel, welches sich über Tochter und Mutter auf sinnenfällige Weise ergoss und sie mit neuen Erleuchtungen und Gnaden erfüllte. Die heilige Anna erkannte aufs neue, dass sie in drei Jahren ihre Tochter im Tempel darbringen solle. Denn das Wohlgefallen, welches Gott an diesem Opfer finden sollte, ließ keinen längeren Aufschub zu, ebenso wenig das sehnsüchtige Verlangen des Kindes. Die heiligen Schutzengel Mariä und unzählige andere, welche bei diesem Akte gegenwärtig waren, sangen dem Urheber dieser Wunder die süßesten Loblieder. Doch nur das heiligste Kind und seine Mutter Anna hatten von allen diesen wunderbaren Vorgängen vollkommene Kenntnis, indem sie teils innerlich, teils äußerlich wahrnahmen, was auf geistige oder auch auf sinnliche wahrnehmbare Weise vor sich ging. Nächst ihnen nahm auch der heilige Simeon von dem sinnenfälligen Licht etwas wahr. Darauf kehrte die heilige Anna, mit ihrem Schatz und mit neuen Gnadengeschenken Gottes bereichert, in ihr Haus zurück.

350. Alle diese Vorgänge beobachtete die alte Schlange mit der gespanntesten Aufmerksamkeit. Der Herr verbarg ihr nämlich, was sie nicht wissen durfte, und ließ sie nur soviel erkennen, als nötig war, damit sie in ihren Zerstörungsplänen mit sich selbst in Widerspruch käme und so als Werkzeug für die Ausführung der geheimen Ratschlüsse Gottes dienen könnte. Der böse Feind ließ sich in viele Vermutungen ein wegen der ungewöhnlichen Dinge, die er an Mutter und Tochter bemerkte. Doch als er sah, dass sie ein Opfer zum Tempel brachten und wie Sünderinnen das Gesetz beobachteten, auch den Priester ersuchten, er möge ihnen Verzeihung erbitten, wurde er getäuscht und seine Wut gestillt; er glaubte, Mutter und Tochter seien, wenn auch vollkommener und heiliger, doch denselben Gesetzen unterworfen, wie die übrigen Frauen, und diesen überhaupt gleich.

351. Das himmlische Töchterchen wurde behandelt wie die übrigen Kinder in diesem Alter. Ihre Speise war die gewöhnliche, jedoch in sehr geringer Quantität, ebenso schlief sie wenig, wenn man sie auch zur Ruhe legte. Sie fiel niemandem lästig; auch weinte sie nicht aus Unwillen nach Art anderer Kinder, sondern war äußerst freundlich und sanft. Jedoch blieb dieses Wunder verborgen, da sie im Hinblick auf die Sünden der Welt, im Flehen um ein Heilmittel gegen dieselben und im Sehnen nach der Ankunft des Erlösers oftmals weinte und schluchzte, jedoch immer mit der Würde und dem Anstand einer Königin und Herrin, soweit ihr Alter dies zuließ. Schon in dieser zarten Kindheit war ihre Miene bei aller Freundlichkeit ernst und voll ungewöhnlicher Majestät. Ihr Benehmen war niemals kindisch, obwohl sie manchmal einige Liebkosungen zuließ. Diejenigen jedoch, welche nicht von ihrer Mutter ausgingen und darum weniger gemessen waren, wurden durch eine besondere Kraft und den würdevollen Ernst, den sie zeigte, in Schranken gehalten. Die weise Mutter Anna behandelte das Kind mit unvergleichlicher Sorgfalt und Zärtlichkeit. Auch ihr Vater Joachim liebte sie als Vater und als Heiliger, obwohl er damals noch nicht um das Geheimnis wusste. Die Tochter aber zeigte sich gegen ihn liebevoller, da sie wusste, dass er ihr Vater und Gott so wohlgefällig war. Sie nahm auch von ihm mehr Liebkosungen an als von andern. Jedoch flößte Gott sowohl ihrem Vater als anderen schon damals eine außerordentliche Ehrfurcht und Scheu vor derjenigen ein, die er zu seiner Mutter erwählt hatte. Deshalb war selbst die reine Zuneigung und Liebe ihres Vaters in den äußeren Kundgebungen immer sehr gemäßigt.

352. Die kleine Königin war in allem holdselig, ganz vollkommen und wunderbar. So folgte allerdings in ihrer Kindheit den gewöhnlichen Gesetzen der Natur, doch diese hemmten die Gnade nicht. Während des Schlafes verrichtete sie ununterbrochen Akte der Liebe sowie andere Akte, die nicht von den äußeren Sinnen abhängen. Diese Gunst war ja für andere Seelen möglich und wurde ihnen durch Gottes Allmacht zuteil. Darum hat Gott dieselbe ohne Zweifel derjenigen, welche er zu seiner Mutter und zur Königin aller Geschöpfe erwählte, auch in höherem Grade, ja über jede Vorstellung der übrigen Geschöpfe verliehen. Gott redete mit Samuel, wie auch mit anderen Heiligen und Propheten, während ihres natürlichen Schlafes (1 Sam 3, 4; Gen 37, 5.6). Vielen gab er geheimnisvolle Träume und Gesichte. Will er nämlich den Verstand erleuchten, so ist seiner Macht wenig daran gelegen, ob die äußeren Sinne in natürlichem Schlaf ruhen oder ob ihre Tätigkeit in einer Entzückung mit Gewalt aufgehoben ist. Denn in dem einen wie in dem anderen Fall sind dieselben untätig, und der Geist verkehrt ohne Gebrauch derselben mit den bezüglichen Wesen, hört sie, merkt auf und spricht mit ihnen. Es war ein beständiges Gesetz bei der Himmelskönigin, von ihrer Empfängnis an bis jetzt und in alle Ewigkeit, dass solche Gnaden bei ihr schon während ihrer irdischen Pilgerschaft keine Unterbrechung kannten wie bei den übrigen Geschöpfen. War sie allein oder wurde sie zur Ruhe gelegt - welche sie nur sehr spärlich genoss -, dann erwog sie die göttlichen Geheimnisse, lobte Gott mit ihren heiligen Engeln und erfreute sich der göttlichen Gesichte und Ansprachen. Da sie so häufig mit den Engeln im Verkehr war, so werde ich im folgenden Hauptstück die Art bezeichnen, wie sich diese ihrer offenbarten, und auch einiges über deren hohe Eigenschaften beifügen.

353. O Königin und Beherrscherin des Himmels, wenn du, als meine gütige Mutter und Lehrmeisterin, auf meine Unwissenheit hörst und sie dir nicht missfällt, so werde ich dir einige Zweifel vorlegen, welche mir in diesem Hauptstück aufgestiegen sind. Falls aber meine Unwissenheit und Verwegenheit fehlerhaft wäre, so weise mich, anstatt zu antworten, mit deiner mütterlichen Barmherzigkeit zurecht. Ich zweifle nämlich, ob du als Kind die Hilflosigkeit und den Hunger fühltest, welchen andere Kinder naturgemäß empfinden. Wenn ja, auf welche Weise hast du diese Beschwerde ertragen? Wie verlangtest du die nötige Nahrung und Hilfe, da deine Geduld so wunderbar gewesen, während bei den übrigen Kindern das Weinen die Sprache der Worte ersetzt? Auch weiß ich nicht, ob die natürlichen Beschwerden dieses Alters dir peinlich waren, z. B. dass dein jungfräulicher Leib in Windeln gewickelt, dann wieder aus den Windeln herausgenommen wurde; dass man dir die Nahrung der Kinder reichte und anderes, was die übrigen ohne Vernunftgebrauch, also ohne davon zu wissen, empfangen, während dir, o Herrin, nichts verborgen war? Wenn ich dich so betrachte, wie du dem Alter nach ein Kind, aber groß an Verstand warst, um alles nach Gebühr zu überlegen, so scheint es mir beinahe unmöglich, dass hinsichtlich der Zeit, der Weise, der Quantität und der anderen Umstände gar kein Übermaß oder Mangel vorgekommen sei. Vermöge deiner himmlischen Klugheit bewahrtest du eine würdevolle, majestätische Haltung; dein Alter, die Natur und ihre Gesetze verlangten das Notwendige. Du aber hast es weder mit Weinen begehrt, wie die Kinder, noch mit Worten, wie die Großen. Dein Verlangen war den anderen nicht bekannt, und sie behandelten dich nicht nach dem Vernunftgebrauch, den du besaßest. Sogar deine heilige Mutter wusste nicht alles; auch konnte sie nicht alles tun und stets das Richtige erraten, da ihr die Zeit und Weise unbekannt waren. Darum konnte sie dir auch nicht in allem zu Diensten sein. Alles dieses setzt mich in Staunen und erregt in mir das Verlangen, die hier vorliegenden Geheimnisse zu kennen.

LEHRE UND ANTWORT der Himmelskönigin

354. Meine Tochter, gerne antworte ich auf dein Staunen. Ich hatte allerdings die Gnade und den vollkommenen Vernunftgebrauch vom ersten Augenblick meiner Empfängnis an, wie ich dir so oftmals gezeigt habe; anderseits fühlte ich die Beschwerden der Kindheit und erhielt Pflege und Behandlung wie alle anderen Kinder. Ich empfand Hunger, Durst, Bedürfnis des Schlafes und körperliche Leiden; all diesem war ich unterworfen als Tochter Adams. Denn es war angemessen, dass ich meinen heiligsten Sohn, der diese Gebrechen und Leiden auf sich nehmen wollte, nachahme, um dadurch nicht nur Verdienste zu sammeln, sondern auch zugleich mit meinem Sohn den Sterblichen ein Beispiel zur Nachahmung zu geben. Von der göttlichen Gnade geleitet, genoss ich Nahrung und Ruhe mit Maß. Ich begnügte mich mit wenigerem als die übrigen, nämlich mit dem, was für die Erhaltung des Lebens und der Gesundheit sowie zum Wachstum durchaus notwendig war. Denn das Übermaß in diesen Dingen verstößt nicht nur gegen die Tugend, sondern auch gegen die Natur, welche dadurch in Unordnung gerät und Schaden leidet. Wegen meiner vollkommenen und zarten Leibesbeschaffenheit empfand ich Hunger und Durst schmerzlicher als andere Kinder; auch war mir der Abgang der Nahrung schädlicher als anderen. Wenn mir aber die Nahrung nicht zur rechten Zeit oder nicht im gehörigen Maße gereicht wurde, so blieb ich ruhig und geduldig, bis sich eine passende Gelegenheit bot, auf schickliche Weise darum zu bitten. Die Entbehrungen des Schlafes dagegen fühlte ich weniger, weil es mir dann, wenn ich allein war, freistand, die Engel zu sehen und mich mit ihnen über die göttlichen Geheimnisse zu unterhalten.

355. Dass ich in Windeln eingeengt und gebunden war, bereitete mir nicht sowohl Qual als vielmehr große Freude, weil ich wusste, dass das menschgewordene Wort den schimpflichsten Tod leiden und schmählich gebunden werden sollte. Schon in jenem Alter betete ich, wenn ich allein war, in der Form des Kreuzes; denn ich wusste, dass mein Geliebter an dem Kreuz sterben sollte, obwohl mir damals unbekannt war, dass der Gekreuzigte mein Sohn sein werde. Bei allen Widerwärtigkeiten war ich von meiner Geburt an gleichmütig und heiter, weil stets eine Erwägung meinem Geist gegenwärtig war, die es auch dem deinigen beständig sein soll. Du sollst nämlich deinem Herzen die großen Wahrheiten, welche ich betrachtete, tief einprägen, um über alle Dinge ohne Täuschung zu urteilen und jedem nach Gebühr Wert und Gewicht beizulegen. Hierin sind die Menschen gewöhnlich verblendet und irren. Ich möchte aber nicht, dass dies auch bei dir, meiner Tochter, der Fall sei.

356. Sobald ich das Licht der Welt erblickte, gewahrte ich die Wirkungen der Elemente, die Einflüsse der Planeten und Gestirne, die Erde, welche mich aufnahm, die Nahrung, welche mein Leben erhielt, und alle übrigen zum Leben notwendigen Dinge. Ich dankte dem Schöpfer aller dieser Dinge und betrachtete seine Werke als eine Wohltat, die er mir schenkte, nicht als eine Schuld, zu welcher er verpflichtet wäre. Deswegen bekannte ich auch, wenn mir etwas Notwendiges mangelte, ohne Verwirrung, ja mit Freude, dass mir Recht widerfahre, da ich alles ohne Verdienst, aus Gnade empfange und es gerecht sei, mich desselben zu berauben. Nun sage an, o Seele: wenn ich dies sagte und damit eine Wahrheit bekannte, welche der menschlichen Vernunft weder unbekannt sein noch von ihr geleugnet werden kann, wo ist dann der Verstand der Menschen, wenn sie beim Mangel einer heißbegehrten, vielleicht nicht einmal zuträglichen Sache traurig werden, gegen einander in Wut geraten, ja über Gott selbst zürnen, als ob er ihnen Unrecht tue? Sie mögen sich fragen, welche Schätze, welche Reichtümer sie besaßen, ehe sie das Leben erhielten? Welche Dienste sie dem Schöpfer erwiesen, damit er ihnen das Leben schenke? Wenn aber das Nichts sich nichts verschaffen konnte, wenn es das Dasein, welches ihm aus nichts verliehen wurde, sich nicht verdienen konnte, wie sollte dann der Schöpfer aus Gerechtigkeit verpflichtet sein, ein Leben zu erhalten, das er aus Gnade gegeben hat? Wenn Gott ein Geschöpf ins Dasein ruft, so ist dies nicht für ihn selbst eine Wohltat, sondern für das Geschöpf, und zwar eine so große, als das Leben und dessen Endziel es ist. Hat aber der Mensch schon mit dem Leben eine Schuld auf sich geladen, die er niemals abzahlen kann, welches Recht kann er nun geltend machen, dass man ihm das unverdient geschenkte Leben erhalte, nachdem er sich oft desselben unwürdig erwiesen hat? Wo hat er denn ein verbrieftes Recht, eine Versicherung, dass ihm nichts mangeln darf?

357. War schon seine erste Bewegung und Tätigkeit ein Geschenk, das seine Schuld vergrößerte, wie verlangt er dann ungeduldig eine zweite? Wenn trotzdem Gott in seiner höchsten Güte den Menschen aus Huld mit dem Notwendigsten versieht, warum ist dieser dann ungehalten, falls ihm das Überflüssige abgeht? O meine Tochter, welch fluchwürdige Verkehrtheit, welch verdammliche Blindheit ist dies von Seiten der Menschen! Für das, was der Herr ihnen aus Gnade gibt, wissen sie keinen Dank; wegen dessen aber, was er ihnen aus Gerechtigkeit und manchmal aus größter Barmherzigkeit verweigert, werden sie ungehalten, ja toben sie, verschaffen sich es durch ungerechte, unerlaubte Mittel und jagen so dem Unglück nach, welches vor ihnen flieht. Schon durch die erste Sünde, welche der Mensch begeht, verliert er mit der Freundschaft Gottes zugleich die Freundschaft aller Geschöpfe. Würde der Herr die Geschöpfe nicht zurückhalten, so würden sich alle erheben, um für die ihrem Schöpfer zugefügte Beleidigung Rache zu nehmen und dem Menschen die Guttaten und Dienste zu entziehen, durch welche sie ihm das Leben fristen. Der Himmel würde ihm sein Licht und seine heilsamen Einflüsse, das Feuer seine Wärme versagen, die Luft würde nicht mehr das Atmen ermöglichen und alle anderen Dinge würden je in ihrer Art dasselbe tun; denn sie wären dies aus Gerechtigkeit schuldig. Wenn also mit Recht die Erde ihre Früchte verweigern könnte, wenn die Elemente ihre wohltätigen, harmonischen Einflüsse einstellen und alle übrigen Geschöpfe sich bewaffnen könnten (Weish 5,18), um die ihrem Schöpfer zugefügten Ungerechtigkeiten zu rächen, dann hat der undankbare, elende Mensch allen Grund, sich zu verdemütigen, damit er nicht Schätze des Zornes sich aufhäufe (Röm 2, 5) für den unausbleiblichen Tag der Rechenschaft, an welchem seine ganze, furchtbare Schuld ihm vorgehalten werden wird.

358. Du aber, meine Freundin, fliehe solch ungeheure Undankbarkeit, bekenne demütig, dass du aus Gnade Dasein und Leben empfangen hast und dass der Urheber deines Lebens aus Gnade es dir erhält; bekenne, dass du aus Gnade und ohne dein Verdienst auch alle anderen Wohltaten empfängst. Ja bekenne, dass du viel empfängst und gar wenig vergiltst, dass also mit jedem Tag deine Würdigkeit abnimmt, die Freigebigkeit Gottes aber und deine Dankesschuld sich mehrt. Ich will, dass du dies beständig erwägest und durch diese Erwägung zu vielen Tugendakten angetrieben werdest. Hast du etwas von Seiten der vernunftlosen Geschöpfe zu leiden, so erfreue dich in dem Herrn, danke ihm und preise jene Geschöpfe, weil sie ihrem Schöpfer gehorchen. Verfolgen dich aber die vernünftigen Geschöpfe, so liebe sie von ganzem Herzen und achte sie als Werkzeuge der göttlichen Gerechtigkeit, damit du deine Schuld gegen diese wenigstens in etwas abtragest. Leiden, Widerwärtigkeiten und Trübsale nimm mutig und freudig an, denn sie sind nicht bloß die verdiente Strafe deiner Sünden, sondern auch der Schmuck deiner Seele und ihr kostbarstes Geschmeide in den Augen deines Bräutigams.

359. Dies ist die Antwort auf deinen Zweifel. Ich will dir aber auch die Lehre geben, wie ich sie dir für jedes Hauptstück versprochen habe. Beachte, o Seele, mit welcher Pünktlichkeit meine heilige Mutter Anna zum größten Wohlgefallen des Herrn die Vorschrift des göttlichen Gesetzes erfüllte. Du sollst sie hierin nachahmen, indem du die Vorschriften deiner Regeln und Konstitutionen, alle und jede, unverletzt beobachtest. Gott belohnt diese Treue freigebig, dagegen betrachtet er die Nachlässigkeit hierin als ein Unrecht. Ich war ohne Sünde empfangen und hatte nicht nötig, zum Priester zu gehen, damit der Herr mich reinige. Auch meine Mutter hatte dies nicht vonnöten, denn sie war sehr heilig. Dennoch haben wir demütig dem Gesetze gehorcht, wodurch wir großen Zuwachs an Tugend und Gnade verdienten. Wenn man die gerechten und wohlgeordneten Gesetze gering achtet und alle Augenblicke davon dispensiert, so hat es mit dem Dienste und der Frucht Gottes ein Ende, und jedes menschliche Regieren wird verwirrt, ja unmöglich gemacht. Dispensiere nicht leicht weder dich noch andere von den Verpflichtungen deines Ordens. Wenn dies jedoch wegen Krankheit oder aus einem andern gerechten Grunde zulässig ist, so geschehe es mit Maß und nach dem Rat deines Beichtvaters, so dass deine Handlung vor Gott und den Menschen als gerechtfertigt erscheint und vom Gehorsam gut geheißen wird. Bist du ermüdet oder entkräftet, so lass deswegen nicht alsbald nach von der Strenge; denn Gott wird dich nach dem Maße deines Glaubens Kräfte verleihen. Wegen der Beschäftigungen aber dispensiere niemals. Der Geringere muss dem Höheren, das Geschöpf dem Schöpfer dienen und abwarten. Du wärest wegen deines Amtes als Oberin weniger zu entschuldigen, denn du musst zuerst das Beispiel geben in Beobachtung der Gesetze. Darum darfst du für dich niemals einen menschlichen Grund gelten lassen, wenn du auch deine Schwestern und Untergebenen das eine oder andere Mal dispensierst. Beachte wohl, Teuerste, ich verlange von dir das Beste und Vollkommenste. Hierzu aber ist solche Strenge nötig; denn die Beobachtung der Gebote ist eine Pflicht gegen Gott und die Menschen. Und niemand denke, es sei genug, wenn man nur Gott befriedige, möge man auch die Pflichten gegen den Nächsten verletzen. Nein, wir sind schuldig, dem Nächsten gutes Beispiel zu geben und uns zu hüten, ihm Stoff zu wahrem Ärgernis zu bieten.

O Königin und Herrin aller Geschöpfe, hätte ich doch die Reinheit und Stärke der himmlischen Geister, damit auch der niedere Teil, welcher die Seele beschwert (Weish 9, 15), behende wäre, diese himmlische Lehre zu befolgen. Ich bin mir selbst zur Last (Job 7, 20). Doch mit deiner Fürsprache und mit dem Beistand der Gnade Gottes werde ich trachten, o Herrin, deinem und seinem Willen rasch und freudig zu gehorchen. Möge deine Fürsprache, dein Schutz und deine heilige, erhabenste Lehre mir niemals mangeln!

DREIUNDZWANZIGSTES HAUPTSTÜCK: Die heiligen Schutzengel Mariä

Von den Abzeichen, mit welchen der allerseligsten Jungfrau ihre heiligen Schutzengel erschienen. Vollkommenheiten dieser Engel.'

360. Es ist bereits oben (Nr. 201 ff) gesagt worden, dass, während die übrigen Menschen je einen Schutzengel zur Seite haben, der allerseligsten Jungfrau tausend Engel zum Schutze beigegeben waren. Diese tausend Engel behüteten und bedienten aber, wie wir aus der Würde der heiligsten Jungfrau schließen müssen, ihre Herrin mit größerer Wachsamkeit, als irgendein anderer Schutzengel die ihm anvertraute Seele behütet. Außer diesen tausend Engeln, welche für gewöhnlich und ohne Unterbrechung die Leibwache der Himmelskönigin bildeten, standen ihr bei verschiedenen einzelnen Gelegenheiten, namentlich nachdem sie das menschgewordene Wort in ihrem Schoß empfangen hatte, noch viele andere Engel zu Diensten. Was die Ernennung und Auswahl der genannten tausend Engel betrifft, so ist oben (Nr. 114) gleichfalls gesagt worden, dass Gott dieselbe schon im Anfang unmittelbar nach der Erschaffung aller Engel vorgenommen habe. Während sich nämlich die Engel noch im Stand der Prüfung befanden, wurde ihnen zuerst die Gottheit geoffenbart; dann wurde ihnen die heiligste Menschheit des Wortes und dessen reinste Mutter (im Bilde) vorgestellt, damit sie beide als ihre Häupter anerkennen möchten, und hier war es, wo die guten sich bewährten, die bösen aber fielen.

361. Die abtrünnigen Engel wurden alsdann von dem gerechtesten Gott nach Gebühr bestraft, die gehorsam gebliebenen aber wurden ebenso belohnt. Was nun die akzidentelle oder außerwesentliche Belohnung der heiligen Engel betrifft, so war sie, wie ich ebenfalls schon (Nr. 106 ff) gesagt habe, nicht bei allen dieselbe; sie richtete sich nach den verschiedenen Gesinnungen, welche sie gegenüber den Geheimnissen des menschgewordenen Wortes und seiner reinsten Mutter, die ihnen vor und nach dem Fall der bösen Engel der Reihe nach geoffenbart wurden, an den Tag gelegt hatten. Diese akzidentelle Belohnung bestand teilweise darin, dass Gott gewisse Engel auswählte, welche das menschgewordene Wort und seine heiligste Mutter zu begleiten und zu bedienen hatten. Die Gestalt, welche diese heiligen Engel annahmen, wenn sie sich ihrer Königin sichtbar zeigten und ihr dienten, war nach der Art ihrer Belohnung verschieden. Und eben dieses ist es, was ich in diesem Hauptstück auseinandersetzen möchte. Ich muss jedoch hier mein Unvermögen bekennen; denn es ist schwer, die Vollkommenheiten und Werke so erhabener, reiner Geister in Worten und Ausdrücken zu schildern, die nur für körperliche Dinge zutreffend sind. Würde ich aber diesen Gegenstand mit Stillschweigen übergehen, so würde damit ein großer Teil der erhabensten Beschäftigungen, welche die Himmelskönigin während ihrer irdischen Pilgerfahrt verrichtete, in dieser Lebensgeschichte gar nicht zur Sprache kommen. Nächst dem Verkehr, welchen die heiligste Jungfrau mit dem Herrn gepflogen hat, war der Verkehr mit dessen Dienern, den englischen Geistern, ihre Hauptbeschäftigung, und darum wäre die Erzählung ihres heiligsten Lebens lückenhaft, wenn dieser hervorragende Teil desselben nicht besprochen würde.

362. Indem ich alles, was über die Chöre, Hierarchien und Unterschiede dieser tausend Engel bisher berichtet wurde, voraussetze, spreche ich jetzt von der körperlichen Gestalt, in welcher sich die Engel ihrer Königin und Herrin zeigten. Von den rein geistigen und imaginären Erscheinungen wird in einem späteren Hauptstück die Rede sein, wo die verschiedenen Arten der Visionen der Himmelskönigin eigens zur Sprache kommen werden (Nr. 612 ff).

Die neunhundert Engel, welche aus den neun Chören, je hundert aus einem Chor, genommen wurden, waren aus denjenigen ausgewählt, welche sich durch ganz besondere Hochachtung, Liebe und Ehrfurcht gegen die heiligste Jungfrau Maria ausgezeichnet hatten. Wenn sie sich ihrer Herrin sichtbar zeigten, so hatten sie eine Gestalt, wie sie dem anfangenden Jünglingsalter entspricht, waren aber von außerordentlicher Schönheit und Anmut. Ihr Leib hatte nicht viel Irdisches an sich; er war gleichsam ein lebendiger Kristall, im höchsten Grad rein, von Glorie ganz umflossen und an Glanz den verklärten Leibern ähnlich. Ihre Schönheit war gepaart mit hoher Würde, ehrfurchtsvoller Haltung und liebenswürdigem Ernste. Ihr Gewand war majestätisch und wallend, gleichsam ganz Licht, funkelnd wie lauteres Glanzgold und durchwoben mit den reinsten Farben, so dass sie dem Auge einen wunderbar schönen Anblick darboten. Zugleich war leicht zu erkennen, dass die ganze Gestalt mit ihrem Schmuck, wenn auch den Augen sichtbar, doch nicht greifbar, noch einer körperlichen Berührung fähig sei, ähnlich dem Sonnenstrahl, der durch ein Fenster dringend die Sonnenstäubchen beleuchtet. Nur war der Glanz der Engel unvergleichlich schöner und herrlicher als der Glanz des Sonnenstrahls.

363. Alle diese Engel hatten auf ihren Häuptern Blumenkronen, geflochten aus den lebhaftesten, zartesten Blumen, welche die süßesten Wohlgerüche verbreiteten, jedoch nicht irdische, sondern himmlische. In den Händen hielten sie prachtvolle, vielfarbige Palmen als Sinnbilder der Tugenden, welche die heiligste Jungfrau Maria üben, sowie der Kronen von Glorie, welche sie in ihrer erhabenen Heiligkeit verdienen sollte; und alles dieses boten sie ihr mit höchster Freude zum voraus gleichsam an, ohne ihr jedoch die Bedeutung davon anzuzeigen. Auf der Brust hatten sie ein gewisses Abzeichen, ähnlich den Wappen militärischer Orden, worauf eine geheime Inschrift stand, welche besagte: «Maria, Mutter Gottes». Für diese heiligen Himmelsfürsten war diese Inschrift eine überaus herrliche Zier; ihre Bedeutung aber blieb der Himmelskönigin Maria verborgen bis zu jener Stunde, in der sie das ewige Wort in ihrem Schoß empfing.

364. Dieses Abzeichen mit der Inschrift bot einen wunderbar schönen Anblick dar wegen des außerordentlichen Glanzes, den es verbreitete und durch den es aus dem übrigen Lichtschmuck der Engel hervorleuchtete. Auch schimmerte es in den verschiedensten Farben, wodurch die Verschiedenheit der in der heiligen Stadt Gottes enthaltenen Geheimnisse und Gnadenvorzüge angedeutet war. Es enthielt in sich den höchsten Ehrentitel, die erhabenste Würde, welche einem bloßen Geschöpfe zukommen kann: «Maria, Mutter Gottes». Durch diesen Titel ehrten die Engel ihre und unsere Königin am höchsten; aber auch sie waren dadurch geehrt, indem sie als ihre Diener bezeichnet waren zum Lohn für die Ehrfurcht und Unterwürfigkeit, welche sie in ganz außergewöhnlicher Weise derjenigen erzeigt hatten, welche von allen Geschöpfen verehrt zu werden verdient. Glücklich, tausendmal glücklich jene, welche gewürdigt waren, den Lohn bevorzugter Liebe von Maria und ihrem heiligsten Sohn zu empfangen!

365. Was die Wirkungen betrifft, welche die heiligen Himmelsfürsten mit ihrem Schmuck in der Seele unserer Königin hervorbrachten, so wäre wohl niemand außer ihr selbst imstande, dieselben zu schildern. Die Engel zeigten ihr in geheimnisvollen Bildern die Größe Gottes und seine Vollkommenheiten; ferner die Wohltaten, welche er ihr erwiesen hatte und immer noch erwies, indem er sie erschuf, auserwählte und mit so vielen himmlischen Gaben und Schätzen bereicherte. Da durch entzündeten sie ihr Herz mit den Flammen der feurigster Liebe und Lobpreisung Gottes. Diese Wirkungen nahmen im Verlauf der Zeit und der Ereignisse immer mehr zu. Ganz besonders aber wurden der seligsten Jungfrau von den heiliger Engeln die größten Geheimnisse geoffenbart, als sich in ihr die Menschwerdung des Wortes vollzog. Denn damals enthüllter sie ihr die geheimnisvolle Inschrift auf ihrer Brust, welche bis zu jener Stunde der Himmelskönigin verborgen geblieben war. Unmöglich ist es, auf würdige Weise zu schildern, welche Liebesglut, welch tiefe Demut, welch zarte Anmutungen der Dankbarkeit in dem unschuldigen Herzen der heiligsten Jungfrau Maria erregt wurden, als ihr die Engel jene entzückende Inschrift entzifferten und ihre unaussprechliche Würde ihr offenbarten. Sie erkannte sich als zu niedrig und unwürdig, dass ein so erhabenes Geheimnis in ihr gewirkt und sie zur Würde einer Mutter Gottes erhoben werde.

366. Die siebzig Seraphim, welche zur Ehrenwache der Himmelskönigin gehörten, waren aus jenen genommen, welche dem Thron Gottes am nächsten stehen und sich durch ganz besondere Verehrung und Bewunderung des Geheimnisses der hypostatischen Vereinigung ausgezeichnet hatten, dieses erhabenen Geheimnisses, vermöge dessen die göttliche und menschliche Natur in der Person des ewigen Wortes sich vereinigten. Denn da sie durch Erkenntnis und Liebe am innigsten mit Gott vereinigt waren, so sehnten sie sich auch mehr als die andern, dass das Geheimnis der Menschwerdung im Schoß der Jungfrau vollzogen werde. Ihrer außerordentlichen Sehnsucht entsprach auch ihr Lohn, sowohl was die wesentliche (essentielle) als was die außerwesentliche (akzidentelle) Glorie betrifft. Zu letzterer aber, und von dieser ist eben die Rede, gehörte die Auszeichnung, der allerseligsten Jungfrau Maria dienen und Zeugen der Geheimnisse sein zu dürfen, welche sich in ihr vollzogen ...

367. Wenn diese siebzig Seraphim der Himmelskönigin sichtbar erschienen, so sah sie dieselben in der nämlichen Gestalt, in welcher Jesaja sie in imaginärer Vision geschaut hatte (Jes 6, 2) nämlich mit sechs Flügeln. Mit zweien bedecken sie ihr Angesicht; sie deuteten durch diese demütige Haltung an, dass ihr Verstand zu schwach sei, um die Geheimnisse, zu deren Dienste sie berufen waren, zu erreichen, und dass sie, niedergeworfen vor der Majestät und Größe ihres Urhebers, sie glauben und durch den Schleier einer dunklen Erkenntnis sie wahrnehmen. Darum verherrlichen sie die unerforschlichen heiligen Ratschlüsse des Allerhöchsten in ewigen Lobpreis. Mit zwei weiteren Flügeln bedecken sie die Füße, den untersten Körperteil, der die Erde berührt. Damit deuteten sie an, dass ihre Königin, wiewohl Herrin des Himmels, doch von menschlicher, irdischer Natur sei. Sie bedeckten die Füße, um dadurch die Ehrfurcht auszudrücken, die sie vor Maria, als der höchsten Kreatur, sowie vor ihrer unvergleichlichen Würde und ihrer unermesslichen Größe hatten, einer Größe, welche nur von der Größe Gottes überragt wird und von keinem erschaffenen Verstand erreicht werden kann. Auch deswegen bedecken sie die Füße, um anzudeuten, dass, wenn sie, die erhabenen Seraphim, mit Maria Schritt halten sollten, d. h., wenn ihre Würde mit der Würde und Hoheit Mariä verglichen würde, sie gleichsam keinen Fuß zu bewegen vermöchten.

368. Mit den zwei Flügeln auf der Brust flogen sie; sie breiteten also dieselben aus und deuteten damit zwei Dinge an: erstens den ununterbrochenen Flug, den nie ruhenden Eifer ihrer ehrfurchtsvollsten Liebe und Lobpreis Gottes; zweitens deuteten sie an, dass sie das Innerste ihres Herzens, welches in seinem Wesen und Wirken gleich dem reinsten Spiegel die Strahlen der Gottheit zurückwarf, der allerseligsten Jungfrau Maria aufdecken; denn es war weder möglich noch angemessen, dass die allerseligste Jungfrau zur Zeit ihrer irdischen Pilgerschaft die Wesenheit Gottes stets unmittelbar schaute. Dies war der Grund, warum die allerheiligste Dreifaltigkeit es so ordnete, dass ihre Tochter und Braut Seraphim um sich habe, d. h. Geschöpfe, welche am unmittelbarsten und innigsten mit Gott vereinigt sind, damit sie, diese große Königin, in lebendigen Abbildern schaue, was im Urbild zu schauen ihr nicht immer möglich war.

369. Auf diese Weise erfreute sich die Braut Gottes während ihrer irdischen Pilgerschaft an dem Abbild ihres Geliebten. Der Anblick der erhabenen, liebeentflammten Himmelsfürsten und der Verkehr mit ihnen entzündete auch ihr Herz ganz mit dem Feuer seiner heiligen Liebe. Die Art und Weise, wie sie mit den Engeln verkehrte, war, abgesehen von dem durch die Sinne vermittelten Verkehr, ganz dieselbe, wie die Engel unter sich selber miteinander verkehren, indem nämlich, wie bei einer anderen Gelegenheit (Nr. 202) gesagt wurde, die höheren Engel eines Chores die unter ihnen stehenden erleuchten. Nun war freilich, was Würde und Gnade betrifft, die Himmelskönigin über alle Engel weit erhaben, allein was die Natur betrifft, hat Gott nach den Worten Davids (Ps 8, 6 ) den Menschen ein wenig unter die Engel erniedrigt; die Ordnung aber, in welcher die Erleuchtungen vermittelt und die göttlichen Einflüsse empfangen werden, richtet sich für gewöhnlich nicht nach der Gnade, sondern nach der Natur.

370. Die weiteren zwölf Engel, welche, wie oben (Nr. 272) gesagt wurde, den zwölf Toren entsprechen, von denen der heilige Johannes im einundzwanzigsten Kapitel der geheimen Offenbarung (Offb 21,12) redet, hatten sich besonders deshalb durch Liebe und Lobpreis Gottes ausgezeichnet, weil sie sahen, dass Gott Mensch werden würde, um die Menschen zu belehren, mit ihnen zu verkehren, sie zu erlösen und durch seine Verdienste ihnen die Tore des Himmels zu öffnen, und dass die heiligste Mutter des Erlösers seine Gehilfin bei diesem wunderbaren Geheimnisse sein sollte. Diese heiligen Engel richteten ihr Augenmerk hauptsächlich auf die wunderbaren Werke der Erlösung und auf die durch die «zwölf Tore» versinnbildeten Wege zum ewigen Leben, welche Gott den Menschen, die durch die zwölf Stämme Israels angedeutet sind, zeigen wollte. Zum Lohn für diese ausgezeichnete Verehrung wurden diese heiligen Engel zu Zeugen und gleichsam zu Sekretären der Geheimnisse der Erlösung bestellt und beauftragt, der großen Himmelskönigin in ihrem Amt als Mutter der Barmherzigkeit und Mittlerin aller bei ihr Rettung und Heil suchenden Menschen zu Diensten zu sein. Die Himmelskönigin bedient sich darum, wie oben (Nr. 272 f) gesagt wurde, dieser zwölf Engel besonders dazu, um durch sie ihren Verehrern, welche zu ihr und zu diesen Engeln ihre Zuflucht nehmen, Schutz, Erleuchtung und Hilfe in allen Nöten angedeihen zu lassen, namentlich um den Stand der Sünde zu verlassen.

371. Diese zwölf Engel zeigten sich wie die zuerst genannten der seligsten Jungfrau in körperlicher Gestalt; sie unterschieden sich aber von ersteren dadurch, dass sie zahlreiche Kronen und Palmen in Händen trugen, als Sinnbilder der Belohnungen, welche den Verehrern der Himmelskönigin vorbehalten sind. Ihre Dienstleistung bestand darin, dass sie der seligsten Jungfrau die unaussprechliche Barmherzigkeit. welche der Herr gegen das Menschengeschlecht trägt, zu erkennen gaben und sie bewogen, Gott dafür zu loben und ihn zu bitten, dass er diese Barmherzigkeit den Menschen zuwenden möge. Zu diesem Zweck sandte Maria diese Engel an den Thron des ewigen Vaters, um ihm solche Bitten vorzutragen. Auch ihren Verehrern, welche sie anriefen oder denen sie Schutz und Hilfe zukommen lassen wollte, sandte die Himmelskönigin diese Engel zu, damit sie ihnen Licht und Hilfe brächten. Dies geschah namentlich zur Zeit, da die heilige Kirche im Entstehen begriffen war; denn damals brachte sie oftmals mittels der Engel den heiligen Aposteln in ihren Mühsalen Hilfe. Und auch jetzt noch üben diese zwölf Engel vom Himmel her dieses Amt aus, indem sie den Dienern ihrer und unserer Königin ihren Beistand angedeihen lassen.

372. Die achtzehn Engel, welche die Zahl Tausendvollmachten, waren aus denjenigen ausgewählt, welche sich durch besonderes Mitgefühl für die Leiden des menschgewordenen Wortes ausgezeichnet hatten. Sie empfingen dafür einen großen Lohn in der Glorie. Diese Engel zeigten sich der allerseligsten Jungfrau in wunderbarer Schönheit. Als Schmuck trugen sie viele Sinnbilder des Leidens Christi und anderer Geheimnisse der Erlösung. Insbesondere hatten sie auf der Brust und am Arm je ein Kreuz, beide von ungewöhnlicher Schönheit und leuchtendem Glanz. Der Anblick dieser außerordentlichen Ausrüstung erweckte im Herzen der Himmelskönigin hohe Bewunderung, frommes Andenken und zartestes Mitleid mit dem künftigen Leiden des Erlösers und innigstes Dankgefühl für die Wohltaten, welche den Menschen durch die Geheimnisse der Erlösung aus der Knechtschaft der Sünde zuteil werden sollten. Unsere Liebe Frau bediente sich dieser Engel oftmals dazu, ihrem heiligsten Sohn mancherlei Botschaften und Bitten zum Heil der Seelen zu senden.

373. Bei Beschreibung der Gestalt und der Abzeichen dieser himmlischen Geister, habe ich bereits auch einiges über ihre Vollkommenheiten und ihre Dienstleistungen gesprochen; doch ist das Gesagte nur sehr wenig im Vergleich zur Wirklichkeit. Denn diese Geister sind unsichtbare Strahlen der Gottheit, sehr flink in ihren Bewegungen und Werken, sehr mächtig in ihrer Kraft, sehr vollkommen und ohne Irrung in ihrem Erkennen, unveränderlich in ihrem Charakter und Willen. Was sie einmal wissen, vergessen sie niemals, verlieren sie niemals aus dem Auge. Sie sind bereits mit Gnade und Glorie erfüllt, ohne Gefahr, diese zu verlieren. Will Gott den Menschen die Gunst gewähren, diese Engel zu sehen, so nehmen sie, da sie unkörperlich und unsichtbar sind, einen Scheinleib von Luft an, welcher für die Sinne wahrnehmbar ist und dem Zweck ihrer Erscheinung entspricht. Alle jene tausend Engel der Himmelskönigin waren aus den höchsten in ihren Chören, und dieser höhere Rang besteht hauptsächlich in der Gnade und Glorie. Sie begleiteten und behüteten Unsere Liebe Frau, ohne auch nur einen Augenblick ihres heiligsten Lebens zu fehlen. Jetzt genießen sie im Himmel durch die Anschauung und die Gesellschaft ihrer Königin eine besondere akzidentelle Freude. Freilich werden vorzüglich einige von diesem von ihr abgesandt; doch werden bei einzelnen Gelegenheiten auch alle tausend zu diesem Dienste verwendet, wenn Gott es so will.

LEHRE welche mir die Himmelskönigin gab

374. Meine Tochter, ich gebe dir drei Ermahnungen für dieses Hauptstück. Fürs erste, sei Gott dankbar und preise ihn ewiglich für die Wohltat, dass er dir Engel beigegeben, welche dich begleiten, unterweisen und in deinen Trübsalen und Mühen leiten. Die Menschen vergessen gewöhnlich diese Wohltat mit schändlicher, roher Undankbarkeit; sie achten nicht auf diese Barmherzigkeit und Güte Gottes, dass er diesen heiligen Fürsten geboten, irdische Geschöpfe, voll Elend und Sünde, zu begleiten und zu beschützen, während sie, die Engel, doch von viel edlerer, geistiger Natur sind, voll von Herrlichkeit, Würde und Schönheit. Die undankbaren Menschen berauben sich durch dies Vergessen vieler Gnaden von Seiten der Engel und erzürnen den Herrn. Du dagegen, Teuerste, anerkenne die dir erwiesene Wohltat und zeige dich dafür dankbar aus allen Kräften.

375. Die zweite Ermahnung ist: Hege jederzeit und an jedem Ort für diese himmlischen Geister dieselbe Liebe und Ehrfurcht, wie wenn du sie mit leiblichen Augen sehen würdest. Sei also in deinem Benehmen behutsam und umsichtig, weil diese Himmelsfürsten zugegen sind. Wage nicht, in ihrer Gegenwart zu tun, was du nicht öffentlich tun würdest. Lass nicht ab, im Dienste Gottes zu tun, was sie tun und von dir verlangen. Bedenke, dass sie als Selige immerfort das Angesicht Gottes schauen (Mt 18,10), und darum wäre es nicht recht, dass, wenn sie zugleich auch dich sehen, sie etwas Ungeziemendes bemerken. Danke ihnen dafür, dass sie dich behüten, verteidigen und beschützen.

376. Die dritte Ermahnung ist: Sei aufmerksam auf die Eingebungen, Einsprechungen und Warnungen, durch welche sie dich erleuchten und anspornen, Herz und Sinn auf das Andenken an Gott und auf die Übung aller Tugenden zu richten. Erwäge wohl: du rufst sie so oft an, und sie antworten dir; du suchst und findest sie; wie oft hast du sie über die Eigenschaften deines geliebten Bräutigams befragt, und sie haben dir dieselben genannt. Wie oft haben sie dich angespornt, deinen Bräutigam zu lieben, wie oft dich wegen deiner Nachlässigkeit und deiner Fehler liebreich zurechtgewiesen! Hattest du in deinen Versuchungen, bei deiner Schwäche den Pfad des Lichtes verloren, so haben sie dich geduldig ertragen, haben gewartet, dir die Augen geöffnet und dich auf den rechten Weg der Satzungen und Zeugnisse des Herrn zurückgeführt. O Seele, vergiss nicht, wie viel du für solche Wohltaten der Engel Gott schuldig bist, mehr als viele Völker und Geschlechter! Bemühe dich daher, deinem Herrn und den Engeln, seinen Dienern, dankbar zu sein!

VIERUNDZWANZIGSTES HAUPTSTÜCK: Kindheit Mariä

Die heiligen Übungen und Beschäftigungen der Himmelskönigin in den ersten anderthalb Jahren ihrer Kindheit

377. Bei andern Kindern ist das Stillschweigen und das unbeholfene Stammeln der ersten Jahre etwas Naturnotwendiges, da sie zum Sprechen weder Verstand noch Kraft besitzen. Bei unserer kleinen Königin dagegen war dieses Stillschweigen eine heldenmütige Tugend. Denn wenn die Worte Früchte des Verstandes und Kundgebungen des Denkens sind, die Himmelskönigin aber vom Augenblick ihrer Empfängnis an den vollkommensten Gebrauch ihrer Seelenkräfte besaß, so hatte das Stillschweigen, das sie nach der Geburt beobachtete, seinen Grund nicht im Unvermögen zu reden, sondern im freien Willen. Den übrigen Kindern fehlen allerdings auch die körperlichen Kräfte, um den Mund zu öffnen, die zarte Zunge zu bewegen und die Worte auszusprechen. Doch das Kind Maria war auch diesem Gebrechen nicht unterworfen; denn einerseits war sie kräftigerer Natur, anderseits besaß sie eine vollkommene Herrschaft über alle Dinge, weswegen auch ihre eigenen Kräfte jedem ihrer Befehle Folge geleistet hätten. Ihr Stillschweigen war also hohe Tugend und Vollkommenheit. So hielt sie ihre Weisheit und Gnade Geziemenderweise verborgen und vermied jedes Aufsehen, welches das Reden eines neugebornen Kindes notwendig hätte erregen müssen. Übrigens weiß ich nicht, ob das anderthalb Jahre lang andauernde Stillschweigen eines Kindes, das schon bei seiner Geburt der Rede fähig war, nicht ein größeres Wunder zu nennen ist als das Reden eines Kindes, das natürlicherweise noch nicht zu sprechen vermag.

378. Es war aber der Wille des Allerhöchsten, dass unser himmlisches Kind während jener Zeit, da die andern Kinder der Sprache noch nicht fähig sind, Stillschweigen beobachtete. Eine Ausnahme von dieser Regel fand nur in dem Fall statt, wenn sie mit ihren heiligen Schutzengeln verkehrte, oder wenn sie mündlich zum Herrn betete; dies tat sie aber nur dann, wenn sie allein war. Denn dass sie auch Gott dem Urheber dieser Gnade, und den Engeln, seinen Gesandten, gegenüber dieses Stillschweigen beobachtete in den Fällen, wo letztere ihr in körperlicher Gestalt erschienen, dafür war nicht derselbe Grund vorhanden, wie er den Menschen gegenüber obwaltete. Im Gegenteil, es war geziemend, dass sie mündlich betete, da ihr Sprachvermögen nicht gehemmt war und sie deshalb nicht so lange Zeit müßig sein durfte. Die heilige Mutter Anna aber hörte ihr Kind niemals sprechen, ja sie wusste gar nicht, dass es damals schon sprechen konnte; dies ist ein Umstand, welcher noch deutlicher erkennen lässt, dass das Stillschweigen, das Maria in den ersten anderthalb Jahren ihrer Kindheit beobachtete, eine Tugend war.

In jener Zeit kam es auch vor, dass die Mutter Anna, wenn sie es für gut fand, dem Kind Maria Hände und Arme losband; dann ergriff das Kind schnell die Hände seiner Eltern und küsste sie mit großer Unterwürfigkeit und demütiger Ehrerbietigkeit. Es war dies eine Gewohnheit, welcher sie treu blieb, so lange ihre Eltern am Leben waren. Zuweilen gab sie ihren Eltern durch Zeichen zu verstehen, dass sie um ihren Segen bitte; dabei wollte sie lieber zum Herzen ihrer Eltern reden, um ihren Segen zu erbitten, als dass sie ihr Verlangen mit Worten ausdrückte. Ihre Ehrfurcht gegen die Eltern war so groß, dass sie es hierin niemals auch nur in einem Pünktchen fehlen ließ; ebenso wenig ließ sie es am Gehorsam fehlen. Nie fiel sie ihren Eltern lästig, nie machte sie ihnen irgendeine Beschwerde; sie kannte ja deren Gedanken und kam im Gehorsam ihren Wünschen zuvor.

379. In allen ihren Handlungen und Bewegungen war sie vom Heiligen Geiste geleitet und darum tat sie immer das Vollkommenste. Allein mit der bloß äußeren Ausführung des Vollkommensten war ihre glühendste Liebe noch nicht zufrieden; sie erweckte ununterbrochen feurige Anmutungen der Liebe und beeiferte sich so um immer vorzüglichere Gaben (1 Kor 12, 31).

Die göttlichen Offenbarungen und rein geistigen Visionen waren bei diesem himmlischen Kind fast ununterbrochen; denn der Allerhöchste war ihm immer nahe. Und wenn der Herr in seiner Vorsehung manchmal die eine oder andere Art der Visionen oder Erkenntnisse zeitweilig aufhob, so richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf andere. Denn von jener klaren Anschauung Gottes, welche sie unmittelbar nach ihrer Geburt hatte, da sie, wie gesagt, von den Engeln in den Himmel entrückt wurde, waren die Vorstellungen oder Erkenntnisbilder (species intelligibiles) des Geschauten in ihrem Geist zurückgeblieben. Und nachdem sie einmal diesen «Weinkeller» (Hld 2, 4), in dem die Liebe geordnet wird, verlassen hatte, war ihr Herz so von Liebe verwundet, dass, sooft sie sich zur Betrachtung des Geschauten hinwendete, sie ganz in Liebe erglühte. Da aber ihr Körper zart und schwach, die Liebe dagegen stark war wie der Tod (Hld 8, 6), so litt sie den heftigsten Liebesschmerz, an dem sie gestorben wäre, wenn der Allerhöchste nicht durch eine wunderbare Kraft den niederen Teil der Seele und das natürliche Leben ihr gestärkt und erhalten hätte. Doch ließ der Herr oftmals zu, dass dieser zarte, jungfräuliche Leib durch die Heftigkeit der Liebe der Ohnmacht nahekam. Dann wurde Maria von den heiligen Engeln gestärkt und erquickt, und es erfüllte sich das Wort der Braut im Hohenlied: «Fulcite me floribus, quia amore langueo - Erquicket mich mit Blumen, denn ich bin krank vor Liebe (Hld 2, 5)». Dies war für die Himmelskönigin ein tausendmal wiederholtes Martyrium der edelsten Art, ein Martyrium, in dem sie mehr Verdienste erwarb, aber auch mehr Schmerzen litt als alle Märtyrer.

380. Der Schmerz der Liebe ist etwas so Süßes, so Wünschenswertes, dass, wer ihn empfindet, um so sehnlicher von der geliebten Person reden zu hören wünscht, je mehr er Grund hat, sie zu lieben; er will die Wunde heilen, indem er sie erneuert. Durch diese lieblichste Täuschung wird dann die Seele in der Schwebe erhalten zwischen einem peinvollen Leben und einem süßen Tod. Dies erfuhr das Kind Maria. Sie sprach nämlich mit ihren Engeln von Gott, dem über alles geliebten Gut, und diese gaben ihr Antwort. Oftmals richtete sie an dieselben die Worte: «Ihr Diener und Boten meines Herrn, die ihr die schönsten Werke seiner Hände und Funken jenes göttlichen Feuers seid, welches mein Herz entflammt! Da ihr seine ewige Schönheit ohne Schleier und Hülle schaut, so beschreibt mir doch die Kennzeichen und Eigenschaften meines Geliebten. Sagt mir, ob ich ihm etwa missfallen habe. Tut mir zu wissen, was er von mir begehrt. Erleichtert meine Pein ohne Zögern, denn ich verschmachte vor Liebe.»

381. Die himmlischen Geister antworteten ihr: «Braut des Allerhöchsten, dein Geliebter ist einzig; er ist allein durch sich selbst, er bedarf niemandes, aber alle bedürfen seiner. Unendlich sind seine Vollkommenheiten, seine Größe ist unermesslich. Seine Macht kennt keine Schranken, seine Weisheit keine Grenzen, seine Güte kein Maß. Er hat allem Geschaffenen den Anfang gegeben, ist aber selbst ohne Anfang. Er regiert das Weltall, ohne zu ermüden. Er erhält es, ohne desselben zu bedürfen. Er bekleidet alle Geschöpfe mit Schönheit; seine eigene Schönheit aber kann niemand begreifen. Er beseligt jene, welche dieselbe von Angesicht zu Angesicht schauen dürfen. Die Vollkommenheiten deines Bräutigams, o Herrin, sind unendlich; sie übersteigen unseren Verstand, und seine hohen Ratschlüsse sind unerforschlich für das Geschöpf.»

382. In solchen und ähnlichen, unsere Fassungskraft ganz und gar übersteigenden Unterredungen mit den Engeln und mit Gott, in welchen sie ganz umgestaltet war, brachte die heiligste Jungfrau ihre Kindheit zu. Ihr sehnsüchtiges Verlangen, das höchste Gut, welches sie über alle Vorstellung liebte, zu schauen, wuchs mehr und mehr, wie sich wohl denken lässt. Deshalb wurde sie nach Gottes Willen und durch die Hände der Engel oftmals körperlich zum empyreischen Himmel emporgetragen und erfreute sich dort der Gegenwart Gottes. Manchmal hatte sie da die klare Anschauung der Gottheit, andere Male aber sah sie Gott nur durch eingegossene Erkenntnisbilder (species infusas), die aber die erhabensten und klarsten in ihrer Art waren. Auch die Engel erkannte sie durch die klare oder wesenhafte Anschauung; sie schaute ihre Rangordnungen, ihre Chöre und Hierarchien nebst vielen anderen Geheimnissen. Da diese Gnade sich oftmals wiederholte, so erlangte sie infolgedessen und durch die dabei erweckten Akte eine so feurige und starke Liebe, dass sie mehr ein göttliches Wesen als ein erschaffener Mensch zu sein schien. Keine andere Kreatur wäre fähig gewesen, diese und andere damit zusammenhängenden Gnaden zu fassen; und auch die sterbliche Natur der Himmelskönigin selbst wäre nicht imstande gewesen, ohne Todesgefahr dieselben zu empfangen, wenn sie nicht wunderbar am Leben erhalten worden wäre.

383. War das heiligste Kind Maria in der Lage, von ihren heiligen Eltern oder von irgendeinem anderen Geschöpf eine Dienstleistung oder irgendeine Wohltat empfangen zu müssen, so nahm sie dies allzeit mit demütigem und dankbarem Herzen an und bat den Herrn, dieselben für das Gute zu belohnen, welches sie ihr aus Liebe zu ihm erwiesen. Obwohl sie nämlich einen so hohen Grad der Heiligkeit erreicht hatte und von himmlischen Erleuchtungen über Gott und seine Geheimnisse ganz überströmte, betrachtete sie sich doch als das geringste aller Geschöpfe und stellte sich auf den letzten Platz. Ja selbst der Nahrung für das leibliche Leben erachtete sie sich unwürdig, sie, die doch Königin und Gebieterin des Weltalls war.

LEHRE DER HIMMELSKÖNIGIN

384. Meine Tochter, je mehr jemand empfängt, für um so ärmer muss er sich ansehen, denn seine Dankesschuld ist um so größer. Und wenn alle sich demütigen müssen, weil sie aus sich selbst nichts sind, nichts können und nichts besitzen. so muss sich doch aus dem gleichen Grunde derjenige am allermeisten in den Staub erniedrigen, der, obwohl Staub und Asche, durch die allmächtige Hand Gottes erhöht worden ist. Denn einerseits bleibt er an und für sich das, was er zuvor war, nämlich ein Nichts, das aus sich selbst nichts vermag, anderseits aber ist seine Verpflichtung und seine Dankesschuld demjenigen gegenüber größer, dem er aus sich selber nichts vergelten kann. Das Geschöpf soll anerkennen, was es von sich selbst ist. Niemand wird sagen können: «Ich habe mich selbst geschaffen; ich erhalte mich am Leben; ich kann mein Leben verlängern und den Tod fernhalten.» Unser Sein und Fortbestehen hängt ganz und gar von Gottes Hand ab. Darum verdemütige sich das Geschöpf vor ihm, und du, Teuerste, vergiss diese Lehren nicht!

385. Es ist auch mein Wille, dass du die Tugend des Stillschweigens als ein kostbares Kleinod hochschätzst. Ich habe dieselbe von meiner Geburt an geübt. Denn da ich infolge des Lichtes, das ich vom Herrn empfing, in Gott selbst alle Tugenden erkannte, so schenkte ich gerade dieser Tugend meine besondere Zuneigung und nahm mir vor, dieselbe für mein ganzes Leben als Begleiterin und Freundin zu behalten. Deshalb beobachtete ich unverletzliches Stillschweigen, obwohl ich sprechen konnte, sobald ich das Licht der Welt erblickte. Das unmäßige und unüberlegte Reden ist ein zweischneidiges Schwert; es verwundet mit der einen Schneide den, der spricht, mit der andern den, der zuhört; mit beiden zugleich zerstört oder hemmt es die Liebe nebst allen anderen Tugenden. Hieraus ersiehst du, wie sehr das Laster einer zügellosen Zunge Gott verhasst ist und wie er mit Recht seinen Geist abwendet und sein Angesicht verbirgt vor geschwätzigem Lärm und Geplauder; denn wo viel geredet wird, geht es nicht ohne schwere Sünde ab (Spr 10, 19). Nur mit Gott und seinen Heiligen kann man ungefährdet reden, und auch hierbei ist weise Umsicht nötig. Im Umgang mit den Menschen dagegen ist es sehr schwer, auf dem goldenen Mittelweg zu bleiben und nicht von dem, was gerecht und notwendig ist, zum Überflüssigen und Ungerechten überzugehen.

386. Das Mittel, das dich vor dieser Gefahr schützen wird, besteht darin, dass du dich mehr dem entgegengesetzten Extrem näherst, d. h., dass du eher im Schweigen als im Reden zuviel tust. Denn die kluge Mitte, nur zu sprechen, soviel als notwendig ist, liegt dem vielen Schweigen näher als dem übermäßigen Reden. Beachte wohl, o Seele: Du kannst unnötigen und freigewollten Unterhaltungen mit den Geschöpfen nicht nachgehen, ohne Gott in deinem Innern zu verlassen. Was du aber keinem Menschen tun könntest, ohne dich schämen und den Vorwurf der Unhöflichkeit fürchten zu müssen, das darfst du dir auch Gott gegenüber nicht erlauben, welcher dein und aller Herr ist. Verschließe deine Ohren den trügerischen Unterhaltungen, welche dich verleiten können, Ungehöriges zu reden; denn du hast kein Recht, mehr zu sprechen, als was dein Gott und Herr dir befiehlt. Höre auf sein heiliges Gesetz, welches er mit gütiger Hand in dein Herz geschrieben hat. Horche dort auf die Stimme deines Hirten; antworte ihm und ihm allein. Ich mache dich aufmerksam: Willst du meine Schülerin und Gefährtin sein, so musst du dich in der Tugend des Stillschweigens im höchsten Grade auszeichnen. Schweige viel; schreibe jetzt diese Ermahnung in dein Herz und suche diese Tugend immer mehr liebzugewinnen. Denn zuerst verlange ich von dir Liebe zum Stillschweigen; nachher werde ich dich lehren, wie du reden sollst.

387. Damit will ich dir jedoch nicht verbieten, mit deinen Töchtern und Untergebenen zu sprechen, um sie zu ermahnen und zu trösten. Auch mit denjenigen sollst du sprechen, welche mit dir von Gott und seinen Vollkommenheiten reden können und seine Liebe in dir entzünden. Bei solchen Unterredungen wirst du das ersehnte, deiner Seele so heilsame Stillschweigen erwerben; denn dadurch werden dir die menschlichen Unterhaltungen zum Ekel, du wirst nur daran noch Freude finden, von dem ewigen Gute zu sprechen, nach welchem du dich sehnst. Dann wird durch die Macht der Liebe, welche dein ganzes Wesen in Gott, den Gegenstand deiner Liebe, umgestalten wird, die Heftigkeit der Leidenschaften gebrochen werden, und du wirst etwas von jenem süßen Martyrium erfahren, das ich erlitt, als ich über meinen Leib und das Leben klagte. Denn diese erschienen mir als harte Gefängnisse, welche zwar nicht meine Liebe, aber doch meinen Flug zu Gott hemmten. O meine Tochter, vergiss alles Irdische in deinem Stillschweigen und folge mir nach mit all deinem Eifer, mit all deinen Kräften, damit du den Stand, zu welchem dein Bräutigam dich einladet, erreichest und dort jene tröstlichen Worte hörst, welche mich in meinem Liebesschmerz aufrecht hielten: «Meine Taube, erweitere dein Herz! Teuere, nimm diese süße Qual an; denn mein Herz ist durch deine Liebe verwundet.» So sprach der Herr zu mir, und auch du hast es wiederholt gehört; denn Gott spricht zu dem, der einsam ist und das Stillschweigen liebt.

FÜNFUNDZWANZIGSTES HAUPTSTÜCK: Maria beginnt zu sprechen

Das heiligste Kind Maria beginnt mit anderthalb Jahren zu sprechen. Seine Beschäftigungen bis zu seinem Eintritt in den Tempel.

388. Inzwischen kam die Zeit, wo das heilige Stillschweigen der reinsten Jungfrau in heilsamer und gottgefälliger Weise gebrochen werden und man auf unserer Erde die Stimme dieser himmlischen Turteltaube (Hld 2,12) hören sollte, der treuesten Vorbotin des Frühlings der Gnade. Doch ehe sie von Gott die Erlaubnis erhielt, mit den Menschen zu reden, im Alter von achtzehn Monaten, hatte sie eine intellektuelle Vision der Gottheit, jedoch nicht durch Anschauung, sondern durch Gedankenbilder. Dabei wurden die Visionen, welche sie früher erhalten hatte, erneuert und die Gnadengeschenke vermehrt. In dieser Vision fand zwischen dem Kindlein und dem höchsten Herrn eine gar süße Unterredung statt, die ich nur mit Bangen in Worte zu fassen mich erkühne.

389. Die kleine Königin sprach zu Gott: «Höchster Herr, unbegreiflicher Gott, wie erweisest du dem unnützesten und ärmsten Geschöpf so große Huld? Warum lässt sich deine Größe mit solch liebenswürdiger Güte zu deiner Dienerin herab, die doch unfähig ist, dafür den gebührenden Dank abzustatten? Der Allerhöchste sieht auf die Magd nieder? Der Allmächtige bereichert die Arme? Der Heilige der Heiligen neigt sich zum Staub? Ich, o Herr, bin klein unter allen Geschöpfen; ich verdiene am wenigsten deine Huld. Was soll ich tun in deiner göttlichen Gegenwart? Womit soll ich abzahlen, was ich dir schulde ? Was habe ich, o Herr, das nicht dir gehörte? Du gibst mir ja das Sein, das Leben, die Bewegung. Aber ich will mich darüber erfreuen, mein höchstgeliebtes Gut, dass du alles Gute besitzest, das Geschöpf dagegen nichts hat außer dir und dass es zu deinem Wesen und deiner Glorie gehört, den Niedrigsten zu erhöhen, dem Unnützesten huldreich zu sein, dem Nichts das Sein zu schenken, damit auf diese Weise deine Größe besser erkannt und verherrlicht werde.»

390. Der Herr antwortete ihr: «Meine Taube, meine Teure, du hast Gnade gefunden in meinen Augen. Du bist meine süße Freundin, auserwählt für meine Wonne. Ich will dir offenbaren, was ich am meisten von dir wünsche und begehre.» Diese Worte des Herrn verwundeten das höchst zarte, doch starke Herz der kleinen Königin mit neuem Liebesschmerz. Der Allerhöchste sah dies mit Wohlgefallen und fuhr fort: «Ich bin der Gott der Erbarmungen, und meine Liebe zu den Menschen ist unermesslich groß. Unter so vielen, die mich durch ihre Sünden beleidigt haben, zähle ich einige Gerechte und Freunde, die mir von Herzen gedient haben und noch dienen. Ich habe beschlossen, ihnen zu helfen und ihnen meinen Eingebornen zu senden, damit ihnen meine Glorie und mir ihr ewiges Lob nicht mehr mangle.»(Die innigste geistige Verbindung, in welche die allerseligste Jungfrau mit Gott trat, wird in der Theologie als Vermählung, als Brautschaft aufgefasst. Maria ist mit Auszeichnung die im Hohenlied dargestellte Braut und wird dort mit der Taube verglichen [columba Dei]. Dieses Bild erinnert uns an ihre unbefleckte Unschuld, an ihre einzig auf Gott gerichtete Liebe, wird aber besonders treffend und rührend, wenn der göttliche Heiland selbst zur seligsten Jungfrau sagt: «Meine Taube» [columba Christi]; denn wir werden erinnert, dass mit Jesus, dem Lamm Gottes, auch Maria, das unschuldige Täubchen, am Opfer der Erlösung teilnehmen und für uns leiden sollte [gemitus columbae]. Siehe Matthias Joseph Scheeben, Dogm. III., 1. S. 84 ff. 470. 490. 593. 603. Der Übersetzer).

391. Das heiligste Kind Maria gab zur Antwort: «Höchster Herr, allmächtiger König, dein sind die Geschöpfe, dein ist die Macht. Du allein bist der Heilige, der höchste Lenker aller Geschöpfe. Lass dich, o Herr, durch deine Güte bewegen, die Ankunft deines Eingebornen für die Erlösung der Kinder Adams zu beschleunigen. Dass doch der von meinen Voreltern ersehnte Tag erschiene und die Menschen dein ewiges Heil schauten! O Gott meines Herzens, du bist doch ein mitleidsvoller Vater der Erbarmungen, warum verzögerst du so lange dieses Heil, nach welchem deine gefangenen und bedrückten Kinder so sehnsüchtig verlangen? Kann mein Leben etwas zu demselben beitragen, gerne gebe ich es für sie hin.»

392. Mit großem Wohlwollen befahl ihr nun der Allerhöchste, fortan alle Tage, und zwar oftmals um die Beschleunigung der Menschwerdung des ewigen Wortes und um die Erlösung des ganzen Menschengeschlechtes zu beten und die Sünden zu beweinen, durch welche die Menschen ihre Rettung und Erlösung hinderten. Dann erklärte er ihr, es sei jetzt Zeit, dass sie von allen Sinnen Gebrauch mache, und es diene zu seiner größeren Glorie, dass sie mit den Menschen spreche. Um diesem Befehle nachzukommen, sprach das Kind zu Gott:

393. «Allerhöchster Herr von unbegreiflicher Majestät, wie soll der Staub sich erkühnen, von Geheimnissen zu reden, die so tief, so erhaben und deinem Herzen so unaussprechlich teuer sind? Ich bin ja die Geringste von allen, die zur Welt geboren sind. Wie soll also ich ihnen deine Huld erwerben? Was werde ich ihnen zu erlangen vermögen, ich, ein Geschöpf, das in nichts dir gedient hat? Doch du, o Gott meines Herzens, wirst dich durch die Not bewegen lassen! Die Kranke wird also Genesung suchen, die Dürstende wird nach den Quellen deiner Barmherzigkeit verlangen und deinem göttlichen Willen gehorchen. Wenn du, mein Herr, befiehlst, dass ich meine Lippen öffne und mit anderen rede außer mit dir, der du all mein Gut, all mein Verlangen bist, o so schaue, ich bitte dich, auf meine Gebrechlichkeit und auf die Gefahr, der ich entgegengehe. Es ist ja sehr schwer für ein vernunftbegabtes Geschöpf, in den Worten nicht zu fehlen. Deshalb möchte ich, wenn es dir gefällt, mein ganzes Leben lang schweigen, um mich nicht der Gefahr auszusetzen, dich zu verlieren. Denn geschähe dies, so wäre es mir unmöglich, auch nur einen Augenblick zu leben.»

394. Dies war die Antwort des heiligen Kindes, das diese ungewohnte, gefahrvolle Tätigkeit, das Sprechen, fürchtete, zu welchem es aufgefordert wurde. Soviel bei ihr stand, hätte Maria mit der Zustimmung Gottes verlangt, unverbrüchliches Stillschweigen beobachten und ihr Leben lang stumm sein zu dürfen. O erhabenes, beschämendes Beispiel für die Torheit der Menschen! Die im Sprechen nicht sündigen konnte, fürchtet die Gefahr der Zunge, und wir, die wir nicht sprechen können ohne Sünde, wir vergehen, wir sterben vor Verlangen zu sprechen ! Aber liebstes Kindlein, Königin der Welt, warum willst du schweigen? Bedenkst du nicht, o Herrin, dass dein Schweigen das Verderben der Welt, Trauer für den Himmel und - menschlich geredet - selbst für die heiligste Dreifaltigkeit ein großer Verlust wäre? Weißt du nicht, dass du durch deine Antwort an den heiligen Erzengel, nämlich durch das eine Wort «Fiat mihi - Es geschehe mir» allem, was da ist, die Vollendung geben sollst, dem ewigen Vater eine Tochter, dem ewigen Sohn eine Mutter, dem Heiligen Geiste eine Braut, den Engeln die Wiederherstellung der Vollzahl, den Menschen Erlösung, dem Himmel Glorie, der Erde Frieden, der Welt eine Sachwalterin, den Kranken Gesundheit, den Toten das Leben, kurz, dass du den Willen und das Wohlgefallen Gottes in allem erfüllen sollst, was er außer sich selbst wünschen kann? Hängt also von deinem Worte allein das größte Werk der göttlichen Allmacht ab und das Glück der ganzen Schöpfung, wie willst du dann, o Herrin, schweigen, da du so gut sprechen sollst? Rede also, o Kindlein, und der ganze Umkreis des Himmels möge deine Stimme vernehmen ! (Nach der Lehre der heiligen Väter hat Gott die Ausführung seines Ratschlusses, zum Heil der Menschen Mensch zu werden von der freien Zustimmung der allerseligsten Jungfrau Maria abhängig gemacht. Bei der geistlichen Vermählung des Sohnes Gottes mit der menschlichen Natur sollte Maria, die gebenedeiteste Jungfrau, nach den Worten des heiligen Thomas [P. III q. 30. a. 1. in corp.] im Namen der ganzen menschlichen Natur den Konsens geben, damit sie dadurch nicht nur sich selbst unermessliche Verdienste erwerbe, sondern auch für das ganze Menschengeschlecht die Ursache des Heiles werde. "Warum wird das Geheimnis der Menschwerdung nicht ohne die Zustimmung Mariä vollzogen 1» fragt der heilige Irenäus (1. 3. contr. Valent. c. 33.). Und der Heilige gibt selbst die Antwort: "Weil es Gottes Wille ist, dass Maria die Ursache alles Guten sei.» Um seine heiligste Mutter zu ehren, wollte Gott, dass wir alles Gute, das wir von ihm empfangen, nächst ihm seiner heiligsten Mutter zu verdanken hätten. Indem Maria ihr "Fiat mihi - Es geschehe mir» sprach, hat sie nach den Worten des heiligen Laurentius Justiniani [Serm. de Annunt.] «den Himmel mit Freude, alle Engel mit Frohlocken, die in der Knechtschaft der Sünde seufzende Welt mit Hoffnung, die ganze Hölle mit Schrecken erfüllt». Sie hat dadurch, wie der heilige Petrus Chrysologus [Serm. 143] sich ausdrückt "den Himmeln die Herrlichkeit, der Erde ihren Gott, den Völkern den Glauben, den Lastern das Ende, dem Leben die Ordnung, den Sitten die Zucht gebracht». Ähnlich reden der heilige Augustin [Serm. 17. de Nativ.], der heilige Bernhard [homil. 4. super Missus], der heilige Fulgentius [Serm. 18. de Sanctis inter Opp. S. August.], der heilige Thomas von Villanova [Cont. 1. de Annunt.] und andere.
Wenn die ehrwürdige Maria von Jesus überdies sagt, die allerseligste Jungfrau habe durch ihre Zustimmung zur heiligsten Menschwerdung sogar der allerheiligsten Dreifaltigkeit eine gewisse Vollendung gegeben, so ist dieser Gedanke weder neu noch, im rechten Sinne verstanden, unrichtig. Er schließt vielmehr eine Wahrheit in sich, welche von vielen Theologen ausführlich erörtert und begründet wird, der allerseligsten Jungfrau aber zu höchster Ehre gereicht. Wenn es nämlich gewiss ist, dass die allerheiligste Dreifaltigkeit aus keinen anderen ihrer Werke (ad extra) größere Ehre empfängt als aus dem Werke der Menschwerdung, und wenn es ferner gewiss ist, dass Maria durch ihr «Fiat» nächst Gott die Ursache der Menschwerdung ist, so ist offenbar, dass Gott die unendliche Ehre und Verherrlichung, die er aus diesem allerheiligsten Geheimnisse empfängt und in alle Ewigkeit empfangen wird, durch Maria, die makellose Jungfrau, empfangen wollte. Mit Rücksicht auf diese Wahrheit nennen die Theologen nach dem Vorgang des heiligen Hesychius [homil. 2, de B. V.] Maria das Complementum Ss. Trinitatis, eine Bezeichnung, welche von Nicolas ["Die allers. Jungfrau Maria», Bd. 1, drittes Buch, Kap. 3.] ausführlich erklärt und von Contenson in seiner Theologia mentis et cordis [lib.10. diss. 6. cap. 2. spec. 2.] theologisch begründet wird. Vgl. auch das herrliche Werk: Divozioni per onorare la Ss. Trinita vom ehrw. Januarius Sarnelli, C. ss. R., Opere, tom. 10. Practica 5.; ferner Scheeben, Handbuch der Dogmat. Bd. 3. Nr. 772. All das Gesagte fasst der honigfließende Lehrer, der heilige Bernhard [Sign. magn. n. 2.], in den wenigen, aber sehr schönen Worten zusammen: "Maria ist allen alles geworden. Allen öffnet sie den Schoß ihrer Barmherzigkeit, auf dass aus ihrer Fülle alle empfangen, der Gefangene die Erlösung, der Kranke die Heilung, der Traurige die Tröstung, der Sünder Verzeihung, der Gerechte mehr Gnade, der Engel die Freude, endlich die ganze Dreifaltigkeit Verherrlichung und die Person des Sohnes die Wesenheit des menschlichen Fleisches.» Der Herausgeber).

395. Gott sah mit Wohlgefallen auf die höchst weise Schüchternheit seiner Braut, und sein Herz wurde aufs neue verwundet durch die liebevolle Furcht dieses hehren Mägdeleins. Deshalb erwog die heiligste Dreifaltigkeit, gleichsam vollkommen befriedigt, dessen Bitte und sprach die Worte des Hohenliedes: «Unsere Schwester ist klein und hat noch keine Brüste; was sollen wir mit unserer Schwester tun am Tag, wenn man sie anspricht? Ist sie eine Mauer, so wollen wir silberne Bollwerke darauf bauen (Hld 8, 8+9). Unsere liebe Schwester, du bist klein in deinen Augen, aber groß bist du und wirst du sein in den unsrigen. Durch diese Geringachtung deiner selbst hast du mit einem deiner Haare unser Herz verwundet (Hld 4, 9). Du bist klein in deiner eigenen Meinung, und gerade dadurch gewinnst du unsere Liebe. Du hast keine Brüste, um durch deine Worte Nahrung zu spenden; aber du bist auch keine Frau, das unter dem Gesetz der Sünde steht, denn wir wollten und wollen nicht, dass dieses dir gelte. Du hast dich erniedrigt, da du doch erhaben bist über alle Geschöpfe; du fürchtest, da du sicher bist. Du weichst der Gefahr aus, welche dir nicht schaden kann. Was sollen wir mit unserer Schwester tun am Tag, da sie nach unserem Willen ihre Lippen öffnen wird, um uns zu preisen, während die Menschen den Mund öffnen, um unseren heiligen Namen zu lästern? Was werden wir tun, um einen so festlichen Tag zu feiern, wie der ist, da sie sprechen wird? Wie werden wir die demütige Schüchternheit derjenigen belohnen, welche unseren Augen stets wohlgefällig gewesen? Lieblich war ihr Stillschweigen, doch ihre Stimme wird unseren Ohren noch lieblicher klingen. Ist sie eine starke Mauer, auferbaut durch die Kraft unserer Gnade, befestigt durch die Kraft unseres Armes, so wollen wir auf eine so große Feste neue Bollwerke von Silber bauen, neue Geschenke zu den alten häufen, und zwar von Silber, damit sie desto reicher werde. Und wenn sie reden wird, so seien ihre Worte im höchsten Grad rein, unschuldig, heilig und wohlklingend in unseren Ohren; unsere Gnade sei ausgegossen über ihre Lippen (Ps 45, 3), und unsere mächtige Hand sei schützend über ihr.»

396. Während - nach unserer Vorstellung - die drei göttlichen Personen in dieser Weise Rat hielten, wurde unsere kleine Königin ermutigt und in ihrer demütigen Besorgnis wegen des Sprechens beruhigt. Denn der Herr versprach ihr, dass er ihre Worte lenken und ihr beistehen werde, damit alle zu seinem Wohlgefallen dienen. Daraufhin bat sie nochmals um Gottes Segen, um ihre gnadenvollen Lippen zu öffnen. Um in allem mit Klugheit und Umsicht vorzugehen, richtete sie dann das erste Wort an ihre heiligen Eltern Joachim und Anna und bat dieselben um ihren Segen, da diese nächst Gott ihr das Leben geschenkt hatten. Die glücklichen Eltern hörten sie voll Freude an; zugleich sahen sie, wie das Kind allein zu gehen anfing. Da nahm Anna, die glückliche Mutter, das Kind mit Frohlocken auf ihre Arme und sagte: «Meine herzlich geliebte Tochter, möge es dir zum Heil und Gott zur Ehre gereichen, dass wir deine Stimme und deine Worte hören und dass du beginnst, zu gehen, um in seinem Dienste fortzuschreiten. Deine Reden und Worte seien wenige, wohl erwogen und ernst. Deine Schritte seien stets gerade und auf den Dienst und die Ehre unseres Schöpfers gerichtet.»

397. Das heiligste Kind hörte diese und andere Worte seiner Mutter, der heiligen Anna, und prägte dieselben seinem zarten Herzen ein, um sie mit tiefer Demut und größter Unterwürfigkeit zu befolgen. Es sprach während der folgenden anderthalb Jahre bis zum Eintritt in den Tempel sehr wenig, außer wenn die heilige Anna, um es sprechen zu hören, ihm rief und befahl, von Gott und den göttlichen Geheimnissen mit ihr zu reden. Denn dann gehorchte das himmlische Kind, indem es auf seine heilige Mutter hörte und ihr Fragen stellte. Sie, die an Weisheit alle Menschen übertraf, wollte belehrt und unterrichtet werden, und dabei fanden zwischen Tochter und Mutter die süßesten Unterredungen über Gott statt.

398. Schwer, ja unmöglich wäre es, zu sagen, was Maria, die himmlische Kleine, während dieser achtzehn Monate tat, welche sie noch bei ihrer Mutter zu brachte. Diese vergoss manchmal reichliche, doch süße Tränen der Liebe und der Dankbarkeit, wenn sie ihr Kind betrachtete, das weit verehrungswürdiger war als die vorbildliche Bundeslade. Allein niemals entdeckte sie derselben das Geheimnis ihres Herzens, dass sie nämlich zur Mutter des Messias erwählt sei, obwohl dieses unaussprechliche Geheimnis oftmals den Gegenstand ihres Gespräches bildete. Die kleine Königin wurde dadurch von glühendster Liebe entflammt, und sie sagte erhabene Dinge über dieses Geheimnis und ihre eigene Würde, deren Besitz ihr noch unbekannt war. Im Herzen der glücklichen Mutter Anna aber wurde die Freude, die Liebe und die Sorgfalt für ihre Tochter, diesen kostbaren Schatz, immer größer.

399. Die zarten Kräfte der kleinen Königin waren den niedrigen Arbeiten noch nicht gewachsen, zu welchen ihre tiefe Demut und ihre freudige Liebe sie antrieb. Weil nämlich die Herrin der ganzen Schöpfung sich als das geringste aller Geschöpfe betrachtete, so wollte sie dies auch in der Tat zeigen durch Verrichtung der niedrigsten Arbeiten des Hauses. Sie glaubte, wenn sie nicht allen diene, trage sie ihre Schuld nicht ab und genüge nicht dem Willen Gottes. In der Tat aber blieb sie nur hinter ihrem glühenden Verlangen zurück, weil ihre körperlichen Kräfte nicht ausreichten. Und die höchsten Seraphim küssten den Boden, den ihre heiligen Füße betraten. Trotzdem versuchte sie öfters, Werke der Demut zu verrichten, wie das Haus zu scheuern und zu kehren. Da man ihr dies jedoch nicht zuließ, trachtete sie es zu tun, wenn sie allein war; dann halfen ihr die heiligen Engel, damit sie doch in etwas die Frucht ihrer Demut erlange.

400. Die Familie Joachims war nicht sehr reich, aber auch nicht arm. Indes wollte die heilige Anna, entsprechend der hohen Abkunft ihrer Familie, ihre heiligste Tochter aufs beste kleiden, soweit dies mit der Sittsamkeit und Bescheidenheit zu vereinigen war. Das demütige Kind nahm diesen Beweis mütterlicher Zärtlichkeit ohne Widerstand hin, solange es nicht redete. Als es aber zu sprechen begann, bat es seine Mutter demütig, ihm keine teuren, prächtigen Kleider anzulegen, sondern grobe, arme, womöglich bereits getragene und von aschgrauer Farbe, ähnlich dem Kleid, das heutzutage die Nonnen der heiligen Klara tragen. Die heilige Mutter, welche ihre Tochter als ihre Herrin betrachtete und verehrte, antwortete ihr: «Meine liebe Tochter, betreffs der Farbe und Form deiner Kleidung werde ich tun, was du verlangst. Dagegen kannst du als schwaches Kind kein so grobes Kleid tragen, wie du es begehrst, und hierin wirst du mir gehorchen.»

401. Das gehorsame Kind widersprach dem Willen seine heiligen Mutter nicht, denn sie tat dies niemals. Sie nahm willig die Kleider an, die man ihr gab; nur was Farbe und Schnitt betrifft, so hatte man ihren Wunsch erfüllt. Ihr Gewand hatte Ähnlichkeit mit dem Anzug, den man heutzutage den Kindern gibt für welche man ein Gelübde gemacht hat. Freilich hätte sie ein raueres, ärmeres gewünscht; allein was hierin abgehen mochte, ersetzte sie durch den Gehorsam, der ja besser ist als Opfer (1 Sam 15, 22). So war das heiligste Kind Maria seiner Mutter gehorsam und doch dem Verlangen nach arm, indem es sich alles dessen für unwürdig hielt, was ihm zur Erhaltung des natürlichen Lebens diente. Überhaupt bezeigte die Königin ihren Eltern während der drei Jahre, die sie in ihrer Mitte zubrachte, den vollkommensten und bereitwilligsten Gehorsam; denn sie kannte deren Gedanken und Wünsche durch göttliche Erleuchtung und war schon zum voraus bereit, augenblicklich zu gehorchen. Ehe sie aber etwas aus sich tat, bat sie allzeit um die Erlaubnis und den Segen ihrer Mutter und küsste dabei deren Hand mit großer Ehrfurcht und Demut. Die weise Mutter ließ dies zwar äußerlich zu, doch innerlich war sie voll Ehrfurcht für die hohe Gnade und die Würde ihrer Tochter.

402. Diese zog sich öfters bei günstiger Gelegenheit zurück, um sich ungestörter des Anblickes und der Unterredung mit ihren heiligen Engeln erfreuen zu können und ihnen auch äußerlich ihre glühende Liebe zu Gott kundzugeben. Sie verrichtete dann mehrere Übungen; sie warf sich auf die Erde nieder, weinte, züchtigte ihren so zarten, unschuldsvollen kleinen Leib für die Sünden der Menschen und flehte zur göttlichen Barmherzigkeit um große Gnaden, welche sie von da an für dieselben zu verdienen begann. Dieser innere Schmerz über die Sünden und dessen Ursache, nämlich ihre heftige Liebe zu Gott, bereiteten zwar dem himmlischen Kind schon die bitterste Pein; aber nicht zufrieden damit, verwendete sie auch die ersten körperlichen Kräfte, über welche sie verfügen konnte, alsbald zu Werken der Buße und Abtötung, um in allem die Mutter der Barmherzigkeit, die Mittlerin der Gnade zu sein und keinen Augenblick, kein Werk zu versäumen, wodurch sie für sich und uns Gnaden erwerben konnte.

403. Im Alter von zwei Jahren begann sie durch große, zärtliche Liebe zu den Armen sich auszuzeichnen. Sie bat ihre heilige Mutter um Almosen für sie. Diese, voll Güte und Mitleid, befriedigte zu gleicher Zeit ihre heiligste Tochter und die Armen und ermahnte die Meisterin der Liebe und Vollkommenheit, die Armen zu lieben und zu ehren. Außer dem, was sie zur Verteilung unter die Armen von den Eltern erhielt, legte sie trotz ihres zarten Alters einen Teil von ihren eigenen Speisen für die Armen zurück, so dass sie mit mehr Recht als der heilige Job sagen konnte: «Von meiner Kindheit an wuchs das Mitleiden mit mir auf (Job 31,18).» Sie gab das Almosen nicht, als ob sie den Armen eine unverdiente Wohltat erwiese, sondern als bezahle sie eine Schuld der Gerechtigkeit. Sie sprach nämlich dabei in ihrem Herzen: «Dies gehört diesem meinem Bruder und Herrn; er hat es nicht, ich aber habe es, ohne es zu verdienen.» Während sie dann das Almosen überreichte, küsste sie die Hand und, wenn sie allein war, auch die Füße der Armen oder, falls dies nicht möglich war, den Boden, welchen der Arme betreten hatte. Niemals aber reichte sie einem Armen ein Almosen, ohne dass sie ein noch größeres seiner Seele zugewendet hätte, indem sie für ihn betete. So kam es, dass die Armen, an Leib und Seele erquickt, aus ihrer heiligen Nähe schieden.

404. Nicht geringe Bewunderung verdient die Demut und der Gehorsam, womit das heiligste Kind sich im Lesen und in anderen Dingen unterrichten ließ, gerade so wie andere Kinder in diesem Alter naturgemäß einen Unterricht zu empfangen haben. Die heiligen Eltern erteilten ihr diesen Unterricht, und sie nahm denselben an. Obgleich voll der eingegossenen Wissenschaft in allen Dingen, lernte sie und hörte alle schweigend an, so dass die Engel staunten, in einem Kind solch überaus große Weisheit zu sehen. Die heilige Anna war gemäß ihrer Liebe und himmlischen Erleuchtung voll Aufmerksamkeit auf die himmlische Königin und pries den Herrn ob ihrer Handlungen. Da jedoch die Zeit nahte, dieselbe zum Tempel zu bringen, wuchs mit der Liebe auch der Schmerz bei dem Gedanken, dass die von Gott bestimmte Frist von drei Jahren bald vorbei sei und sie dann ihr Gelübde erfüllen müsse. Um die Mutter darauf vorzubereiten, eröffnete ihr Maria sechs Monate zuvor ihr Verlangen, bald im Tempel zu wohnen. Sie stellte ihr vor, wie viele Wohltaten sie von Gottes Hand empfangen und wie sehr sie daher verpflichtet seien, Gottes heiligsten Willen zu erfüllen. Auch fügte sie bei, sie werde, im Tempel weilend und Gott ganz aufgeopfert, ihrer Mutter weit inniger angehören, als wenn sie im elterlichen Hause wohnte,

405. Die heilige Mutter Anna hörte diese verständigen Worte ihres heiligsten Töchterleins Maria. Sie war allerdings in Gottes Willen ergeben und wollte ihr Versprechen erfüllen, ihm ihr liebes Kind aufzuopfern, Doch die so starke natürliche Liebe zu diesem einzig teuren Schatz, dessen unaussprechlichen Wert sie kannte, stritt in ihrem treuesten Herzen mit dem Schmerz ob der so nahe bevorstehenden Trennung. Ohne Zweifel wäre ihr Leben einer so harten, heftigen Pein unterlegen, wenn nicht Gottes allmächtige Hand ihr Stärke verliehen hätte. Denn die Gnade und Würde ihrer himmlischen Tochter, die nur ihr bekannt waren, hatten ihr das Herz geraubt; die Gegenwart ihres Kindes und der Umgang mit ihm waren ihr teurer als das eigene Leben. In diesem Schmerz antwortete sie manchmal dem Töchterlein: «Meine liebe Tochter, viele Jahre lang habe ich mich nach dir gesehnt; nur wenige soll ich deiner Gesellschaft mich erfreuen, damit Gottes Wille geschehe. Doch obwohl ich dem Versprechen, dich zum Tempel zu bringen, nicht untreu werde, so bleibt mir doch noch Zeit übrig, dasselbe zu erfüllen. Habe darum Geduld, bis der Tag erscheint, an welchem dein Begehren erfüllt wird.»

406. Einige Tage, ehe die heilige Jungfrau das Alter von drei Jahren erreichte, hatte sie eine abstraktive Vision der Gottheit. Da wurde ihr geoffenbart, es sei Zeit, dass sie nach Gottes Willen zum Tempel gebracht werde, um dort, seinem Dienste geweiht, zu leben. Bei dieser Kunde erfüllten außergewöhnliche Wonne und Dankbarkeit ihr reinstes Herz; sie dankte Gott und sagte: «Höchster Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, mein höchstes, ewiges Gut, ich kann dich nicht würdig loben; deshalb mögen alle himmlischen Geister es tun im Namen dieser niedrigen Dienerin! Sie mögen dich preisen, dass du, unermesslicher Herr, der du keines Menschen bedarfst, mit deiner großen, freigebigen Barmherzigkeit dies elende Würmchen angesehen hast. Woher kommt mir eine so große Gnade, dass du mich in dein Haus, zu deinem Dienste aufnimmst, da ich nicht einmal verdiene, dass der verächtlichste Winkel der Erde mich berge? Lässest du dich jedoch durch deine eigene Güte bewegen, so bitte ich dich flehentlich, o mein Herr, du wollest den Herzen meiner Eltern den Entschluss einflößen, deinen heiligen Willen auszuführen.»

407. Bald darauf hatte auch die heilige Anna eine Vision, in welcher ihr der Herr befahl, ihr Versprechen zu erfüllen und ihre Tochter zum Tempel zu bringen, um dieselbe Seiner Majestät gerade an dem Tag darzustellen, da sie drei Jahre alt werde. Dieser Befehl war ohne Zweifel für die Mutter schmerzlicher, als es für Abraham der Befehl gewesen war, seinen Sohn Isaak zu opfern. Doch der Herr selbst tröstete und stärkte sie, indem er ihr den Beistand seiner Gnade für ihre Einsamkeit und Trennung von der geliebten Tochter versprach. Die heilige Matrone zeigte sich ergeben und bereitwillig, dem Befehl Gottes nachzukommen, und gehorsam verrichtete sie folgendes Gebet: «Ewiger Gott, Herr meines ganzen Wesens, ich habe meine Tochter für deinen Tempel, für deinen Dienst aufgeopfert. Du hast sie mir gegeben in unaussprechlicher Barmherzigkeit, dein Eigentum ist sie; ich gebe sie dir zurück, indem ich dir danke für die Zeit, da ich sie besaß, und für die Gnade, sie empfangen und aufgezogen zu haben. Doch sei eingedenk, o Herr und Gott, dass ich reich war, solange ich deinen unaussprechlich kostbaren Schatz behütete. An ihr hatte ich eine Gefährtin im Land der Verbannung und im Tal der Tränen; ich hatte Freude in meiner Trauer, Trost in meinem Leiden, einen Spiegel, um mein Leben zu ordnen, Ich hatte an ihr ein Beispiel von erhabener Vollkommenheit, welches meine Lauigkeit anspornte, meinen Eifer entflammte. Durch dieses Geschöpf allein erwartete ich von dir Gnade und Barmherzigkeit, und jetzt fürchte ich, dass mir dies allzumal abgehe, wenn ich sie verliere. O Herr, heile die Wunde meines Herzens; handle nicht an mir, wie ich's verdiene, sondern sieh mich an als mitleidsvoller Vater der Erbarmungen! Ich werde meine Tochter zum Tempel bringen, wie du, o Herr, es mir befiehlst.»

408. Zu gleicher Zeit war auch der heilige Joachim mit einer Vision begnadigt, in welcher Gott ihm denselben Befehl erteilte wie der heiligen Anna. Nachdem sie darauf die Angelegenheit miteinander besprochen und den Willen Gottes erkannt hatten, beschlossen sie, denselben mit Unterwürfigkeit auszuführen, und bestimmten den Tag, an welchem sie das Kind zum Tempel bringen wollten. Der Schmerz, den der heilige Greis im Grunde seines Herzens dabei empfand, war zwar nach Verhältnis ebenso groß, doch nicht so heftig wie der Schmerz der heiligen Anna; denn das erhabene Geheimnis, dass Maria zur Mutter Gottes auserwählt sei, war dem heiligen Joachim damals noch verborgen.

LEHRE DER HIMMELSKÖNIGIN

409. Meine teuerste Tochter, bedenke, dass allen Lebenden schon bei ihrer Geburt bestimmt ist, zu sterben; das Ende ihres Lebens aber wissen sie nicht. Sie wissen jedoch gewiss, dass ihr Lebenslauf kurz, die Ewigkeit aber endlos ist. Sie wissen, dass sie in der Ewigkeit nur dasjenige ernten, was sie jetzt in der Zeit säen an guten oder bösen Werken; denn diese werden alsdann ihre Frucht bringen, sei es zum ewigen Tod, sei es zum ewigen Leben, Es ist aber der Wille Gottes, dass kein Mensch, solange er sich auf dieser gefahrvollen Wanderschaft befindet, gewiss wisse, ob er der Liebe oder des Hasses würdig sei (Koh 9,1). Gott will nämlich, dass diese Ungewissheit dem Menschen, sofern er nur vernünftig denkt, zum Sporn diene, die Freundschaft des Herrn mit aller Sorgfalt und mit Aufbietung aller seiner Kräfte zu suchen.

Gott aber rechtfertigt seine Sache von dem Augenblick an, da die Seele den Gebrauch der Vernunft erlangt. Denn in demselben Augenblick zündet er in der Seele ein Licht an und gibt ihr eine Stimme, welche die Seele zur Tugend anleitet und anspornt, vom Bösen aber abhält. Diese Stimme lehrt die Seele, zwischen «Feuer und Wasser (Sir 15,17)» zu unterscheiden, denn sie billigt das Gute und tadelt das Böse, sie wählt die Tugend und verwirft das Laster. Außerdem weckt und ruft Gott selbst die Seele durch heilige Einsprechungen, durch beständige Antriebe, durch die heiligen Sakramente, Glaubensartikel und Gebote, durch die Engel, die Prediger, Beichtväter, Eltern und Lehrer. Er bedient sich der Leiden und Wohltaten, sowie des Beispiels anderer, der Unglücks- und Todesfälle und verschiedener anderer Ereignisse und Mittel; all dies leitet seine Vorsehung, um alle an sich zu ziehen; denn er will, dass alle Menschen selig werden (1 Tim 2, 4). Aus all dem bildet er eine Kette von kräftigen Gnadenhilfen. welche der Mensch benützen kann und soll.

410. Diesen Antrieben Gottes wirkt aber der niedere, sinnliche Teil des Menschen entgegen. Durch den Zunder der Sünde neigt er den Menschen zu den sinnenfälligen Dingen hin und erregt in ihm die Affekte der Zuneigung und der Abneigung, der Liebe und des Hasses (passiones partis concupiscibilis et irascibilis), dass diese die Vernunft verwirren und den blinden Willen fortreißen, sich ungebunden dem Vergnügen hinzugeben. Der Satan aber verdunkelt durch den Zauber der Eitelkeit und durch boshafte, trügerische Vorspiegelungen den inneren Sinn und verbirgt das tödliche Gift jenes vergänglichen Vergnügens. Allein Gott verlässt seine Geschöpfe nicht so bald. Er erneuert vielmehr seine Erbarmungen und Gnadenhilfen und ruft die Seelen durch neue Gnaden zurück. Entsprechen sie diesen ersten Einladungen, dann fügt er gemäß seiner Gerechtigkeit noch größere hinzu, und seine Gnaden werden immer zahlreicher und stärker, je besser man dieselben benützt. Zum Lohn dafür, dass die Seele sich selbst überwunden hat, verlieren die Leidenschaften und bösen Neigungen an Kraft, der Geist aber wird freier, um sich in die Höhe emporzuschwingen und seinen Neigungen und dem bösen Feinde weit überlegen zu werden.

411. Wenn sich dagegen der Mensch von dem Vergnügen und dem Leichtsinn verleiten lässt und dem Feind Gottes, der auch sein Feind ist, die Hand reicht, dann wird er der himmlischen Einsprechungen um so unwürdiger und selbst für große Gnaden unempfänglicher, je weiter er sich von Gottes Güte entfernt. Denn der Satan und die Leidenschaften haben dann eine größere Herrschaft über die Vernunft erlangt, so dass dieselbe der Gnade Gottes weniger zugänglich wird. In dieser Lehre, meine Tochter und Freundin, habe ich dir dasjenige genannt, was vor allem anderen über die Rettung und Verdammnis der Seelen entscheidet. Diese Entscheidung hängt nämlich hauptsächlich davon ab, ob man die Gnadenhilfen sogleich im Anfang annimmt oder zurückweist (Die oben stehenden Sätze über das Geheimnis der Gnadenwahl stimmen genau mit der Lehre des heiligen Kirchenlehrers Alphons Maria von Liguori [Tridentin. Anhang zur 6. Sitzung] überein, wonach jeder Mensch durch Benützung der hinreichenden Gnade sich die wirksame verschaffen kann). Vergiss also nie diese Lehre, damit du den zahlreichen Einsprechungen, die du vom Allerhöchsten empfängst, Folge leistest. Sei stark im Widerstand gegen deine Feinde. Sei gewissenhaft und tatkräftig in Ausführung dessen, was der Herr von dir verlangt. Dadurch wirst du ihm wohlgefallen und auf seinen Willen achten, den du im himmlischen Licht erkennst. Ich trug große Liebe zu meinen Eltern, und die zärtlichen Worte meiner Mutter verwundeten mein Herz. Allein da ich wusste, es sei der Wille Gottes, dass ich sie vergesse, vergaß ich ihr Haus und mein Volk (Ps 45,11), um nur meinem Bräutigam zu folgen. Die gute Erziehung und Unterweisung in der Kindheit ist sehr wichtig für die Zukunft; denn wenn das Geschöpf vom ersten Erwachen seiner Vernunft an diesem wahren und zuverlässigen Leitstern folgt. dann erlangt es größere Freiheit und Fertigkeit in Übung der Tugend.

ZWEITES BUCH

ERSTES HAUPTSTÜCK: Aufopferung Mariä im Tempel

Von der Aufopferung der allerseligsten Jungfrau Maria im Tempel, als sie drei Jahre alt war.

412. Unter den Vorbildern, welche im geschriebenen Gesetz die allerseligste Jungfrau Maria darstellten, war keines so deutlich und so bezeichnend wie die Bundeslade, sowohl wegen des Stoffes, woraus dieselbe verfertigt war, als auch wegen ihres Inhaltes, wegen des Zweckes, zu welchem sie dem Volke Gottes diente, und endlich wegen der Wunder, welche Gott durch und für diese Lade in der alten Synagoge wirkte. Denn alles dieses war ein treues Vorbild dieser großen Königin und von dem, was der Herr durch sie und mit ihr in der neuen Kirche des Evangeliums wirken wollte (Ex 25,10 ff). Der Stoff der unverweslichen Zeder, welche nicht durch eine Wirkung des Zufalls, sondern nach einer besonderen Anordnung der göttlichen Weisheit zur Anfertigung der Bundeslade verwendet wurde, versinnbildet recht klar unsere geheimnisvolle Bundeslade Maria, die da frei ist von dem Verderbnis der persönlichen Sünde sowie von dem geheimen Makel der Erbsünde und den davon untrennbaren Regungen der Begierlichkeit und Leidenschaften. Das feinste und reinste Gold, womit sie von innen und außen (Ex 25,11) überzogen war, bezeichnet offenbar die höchste Vollkommenheit und Erhabenheit der Gnaden und göttlichen Gaben, welche aus den Gedanken, Werken, Sitten, Gewohnheiten und Kräften unserer erhabenen Königin so sehr hervorleuchteten, dass man, mochte man das Innere oder das Äußere dieser wunderbaren Bundeslade betrachten, keinen Teil, keine Zeit und keinen Augenblick entdecken konnte, wo sie nicht mit Gnade, und zwar mit Gnade von der höchsten Kostbarkeit, erfüllt und geziert erschienen wäre.

413. Die steinernen Gesetzestafeln, das Gefäß mit Manna und der wunderbare Stab (Hebr 9, 4), welche die alte Bundeslade enthielt, waren die deutlichsten Vorbilder des ewigen, menschgewordenen Wortes, das in dieser lebendigen Bundeslade, in der allerseligsten Jungfrau Maria, eingeschlossen war. Ihr eingeborner Sohn war ja der lebendige Grundstein im Gebäude der Kirche des Evangeliums (1 Kor 3, 11), der Eckstein (Eph 2, 20), der die beiden voneinander so weit getrennten Völker, die Juden und Heiden, zu einem vereinigte und welcher deshalb vom Berge der ewigen Zeugung (Dan 2, 34) losgetrennt worden war, damit auf ihn das neue Gesetz der Gnade mit dem Finger Gottes geschrieben und er in der jungfräulichen Bundeslade, in der allerseligsten Jungfrau Maria, hinterlegt werde und man erkenne, dass diese große Königin die Bewahrerin alles dessen sei, was der Allerhöchste ist und was er in den Geschöpfen wirkt. Ebenso schloss sie das Manna der Gottheit und der Gnade, die Macht und den Stab der Wunderwerke in sich. Denn die Quelle der Gnaden, die Wesenheit Gottes selbst, sollte sich ausschließlich in dieser göttlichen und geheimnisvollen Bundeslade befinden; von ihr aus sollen sich die Gnaden auf die übrigen Menschen ergießen; in ihr und durch sie will der Allmächtige seine Wunder wirken, und jeder soll wissen, dass alles, was der Herr will, ist und wirkt, in unserer erhabenen Jungfrau eingeschlossen und hinterlegt ist.

414. Diesem entsprechend musste auch die Bundeslade, nicht wegen des Vorbildes, sondern wegen der Wahrheit, welche sie andeutete, zum Fußgestell der Sühnestätte (Ex 26, 34) dienen, auf welchem der Herr den Thron seiner Barmherzigkeit errichtet hatte, um sein Volk anzuhören, ihm zu antworten, dessen Bitten zu erhören und Gnaden zu verleihen. Denn in keiner anderen Kreatur als allein in der allerseligsten Jungfrau Maria hat Gott einen Thron der Gnaden aufgerichtet, und er konnte darum auch nicht unterlassen, aus dieser geheimnisvollen und wahren Bundeslade eine Sühnestätte zu machen. Er hatte sie ja dazu erbaut, um sich darin einzuschließen. So erscheint der Richterstuhl der Gerechtigkeit als in Gott verbleibend, der Thron der Gnade aber und der Richterstuhl der Barmherzigkeit ist in Maria aufgeschlagen, damit wir zu ihr als dem Thron der Gnade mit vollem Vertrauen kommen und ihr unsere Bitten um Gaben, Gnaden und Erbarmungen überreichen. Nur vor diesem Gnadenthron und an keinem anderen Ort, d. h., nur bei der großen Königin Maria werden die Bitten aller Menschen angehört und zu ihren Gunsten entschieden.

415. Eine so geheimnisvolle Bundeslade, welche durch die Hand des Herrn zu seiner eigenen Wohnung und zum Gnadenthron für sein Volk erbaut und geheiligt war, wäre aber nicht schicklich außerhalb seines Tempels aufgestellt worden, jenes Tempels, in welchem die andere, materielle Lade, das Vorbild dieser wahren und geistlichen Lade des Neuen Bundes, aufbewahrt wurde. Darum ordnete der Urheber dieser Wunderwerke selbst an, dass die allerreinste Jungfrau Maria drei Jahre nach ihrer glückseligen Geburt in seine Wohnung und seinen Tempel versetzt werde. Ich bin übrigens, ich gestehe es, sehr verwundert darüber, dass die erste, die vorbildliche Bundeslade in ganz anderer Weise übertragen wurde als die zweite, die wahre Bundeslade. Denn als der König David jene Bundeslade, welcher kein anderer Vorzug zukam, als dass sie unsere erhabene Königin und ihre Geheimnisse versinnbildete, an verschiedenen Orten aufstellte und als sein Sohn Salomon endlich sie im Tempel einen bleibenden Standort anwies, da fanden diese Übertragungen mit der größten Pracht und unter allgemeinen Freudenbezeigungen des Volkes statt, wie uns die feierlichen Aufzüge beweisen, welche zuerst David anordnete, um die Bundeslade vom Haus des Abinadab in das des Obededom und von da an in das Zelt von Sion (2 Sam 6,10.12), der Stadt Davids, zu bringen, sowie die Feste, welche zuletzt Salomon bei deren Übertragung von Sion in den neuen Tempel feierte, den er auf Befehl des Herrn als ein Haus Gottes und des Gebetes erbaut hatte (1 Kön 8, 5).

416. Diese Übertragungen der alten Bundeslade fanden statt unter Bezeigung der allgemeinen Verehrung und der lebhaftesten Freude der Fürsten und des Volkes von ganz Israel, mit einem ganz feierlichen Kult, begleitet von Musik, Tänzen und Opfern, wie es die heilige Geschichte im ersten Buch Samuel und ersten Buch der Könige und im ersten und zweiten Buch der Chronik berichtet. Dagegen wurde unsere geheimnisvolle und wahre Bundeslade, die reinste Jungfrau Maria, obwohl sie die reichste, erhabenste und verehrungswürdigste aller Kreaturen war, doch nicht in so feierlichem Gepränge und der Öffentlichkeit in den Tempel geführt; kein Opfer von Tieren ward bei dieser geheimnisvollen Übertragung gebracht, und nichts von königlicher Pracht und Majestät war zu sehen, nein, sie wurde vom Haus ihres Vaters Joachim auf den demütigen Armen ihrer Mutter Anna in den Tempel getragen, ihrer Mutter, welche zwar nicht zur Klasse der ganz Armen gehörte, aber doch bei dieser Gelegenheit auf eine der Demut und Armut entsprechende Weise ihre vielgeliebte Tochter auf ihre Arme nahm, um sie ohne Begleitung und äußerlichen Prunk im Tempel darzustellen und aufzuopfern. Es war der Wille des Allerhöchsten, dass die ganze Herrlichkeit und Majestät dieser Prozession unsichtbar und göttlich sei, weil die Geheimnisse der heiligsten Jungfrau so verborgen und erhaben waren, dass viele davon bis auf den heutigen Tag noch unbekannt sind, und zwar nach den unerforschlichen Ratschlüssen des Herrn, der für alles und jedes Zeit und Stunde bestimmt hat(Dass die allerseligste Jungfrau Maria im Alter von drei Jahren in den Tempel getragen, dort von Ihren heiligen Eltern dem Herrn aufgeopfert und dort erzogen wurde, ist eine ganz alte und von vielen heiligen Vätern bezeugte Überlieferung. Und der heilige Evodius, der heilige Epiphanius und viele andere heilige Väter sehen in dieser Aufopferung einen Akt der Gottesverehrung, wie keiner jemals so vollkommen geübt wurde. Maria hat unvergleichlich mehr geopfert und mit unvergleichlich größerer Liebe gehandelt als irgendeine Ordensperson, welche durch ihre Profess Maria nachahmt. Der Übersetzer).

417. Während ich diese wunderbare Sache in Gegenwart des Herrn anstaunte und seine Ratschlüsse lobte und pries, würdigte mich der Herr folgender Ansprache: «Wisse, o Seele, wenn nach meiner Anordnung die Lade des Alten Bundes durch eine solche Feierlichkeit geehrt wurde, so geschah dieses deshalb, weil dieselbe ein ganz sprechendes Vorbild der künftigen Mutter des menschgewordenen Wortes war. Jene vorbildliche Lade war vernunftlos und materiell und konnte darum wohl ohne jegliche Gefahr durch eine solche Pracht verherrlicht werden. Was aber die wahre, lebendige Bundeslade betrifft, so Iieß ich nicht zu, dass ihr, solange sie im sterblichen Fleisch lebte, ähnliche Ehre erwiesen wurde. Ich wollte nämlich durch dieses Beispiel dir und allen anderen eine Lehre geben, welche ihr während eures Erdenwandels vor Augen haben sollt. Ich will nämlich meine Auserwählten, welche ich angenommen und für ewig meinem Gedächtnisse eingeschrieben habe, nicht Gelegenheiten aussetzen, wo allzu große Ehren und außergewöhnlicher Beifall von Seiten der Welt ihnen in diesem sterblichen Leben als Lohn für die Mühe dienen könnten, denen sie sich für meine Ehre und meinen Dienst unterziehen. Und noch weniger dürfen sie der Gefahr preisgegeben sein, ihre Liebe zu teilen zwischen dem, der sie rechtfertigt und heiligt, und jenen, welche ihre Heiligkeit anerkennen und bekanntmachen. Einer ist der Schöpfer, der sie ins Dasein gerufen hat, der sie erhält, erleuchtet und beschirmt. Einzig muss darum auch ihre Liebe, einzig das Ziel ihres Strebens sein; und sie dürfen diese Liebe nicht teilen, und wäre es auch nur, um jene Ehrenbezeigungen zu erwidern, welche frommer Eifer ihnen spendet. Die göttliche Liebe ist zartfühlend, der menschliche Wille dagegen äußerst gebrechlich, beschränkt und bringt, wenn er geteilt wird, nur Unbedeutendes und sehr Unvollkommenes zustande, das er leicht wieder verliert. Deshalb wollte ich, dass jene, welche unter meinem Schutz eine unwandelbare Heiligkeit besaß, als Vorbild dastehe und darum auch während ihres Lebens der Anerkennung und Ehren entbehre und ohne äußerlichen Prunk in den Tempel geführt werde.»

418. «Überdies habe ich meinen eingebornen Sohn vom Himmel herab gesendet und seine zukünftige Mutter erschaffen, damit diese die Welt ihrem Irrtum entreißen und den Menschen die Augen öffnen. Nach den ganz ungerechten und nur durch die Sünde entstandenen Grundsätzen der Welt werden aber die Armen verachtet, die Reichen dagegen geehrt, die Demütigen unterdrückt, die Stolzen aber erhöht, die Rechtschaffenen verspottet, die Gottlosen aber belobt, die Friedfertigen und Sanftmütigen als töricht, die Gewalttätigen dagegen als hochherzig angesehen; die Armut wird für Schande und Unglück gehalten, der Reichtum aber, die Pracht, der Prunk, die Ehren und vergänglichen Freuden werden gesucht und von den törichten und fleischlich gesinnten Menschen geschätzt. Das menschgewordene Wort nun und seine Mutter sind gekommen, um alle diese Dinge als Täuschung und Lüge zu kennzeichnen und zu verdammen. Die Menschen sollten einsehen, welch schrecklicher Gefahr sie sich aussetzen, wenn sie diese Dinge lieben und blindlings dem trügerischen Lügenwerk der sinnlichen Dinge und Ergötzlichkeiten nachjagen. Denn diese unsinnige Liebe ist schuld, dass sie mit so großer Anstrengung die Demut, die Sanftmut und Armut fliehen und alles von sich fern halten, was den Geschmack der wahren Tugend der Buße und der Bezähmung der Leidenschaften hat. Und doch ist es gerade dieses, was meine Gerechtigkeit besänftigt und in meinen Augen wohlgefällig ist, weil es heilig, ehrbar, gerecht und des Lohnes und der Vergeltung mit der ewigen Herrlichkeit würdig ist, während das Gegenteil eine niemals endende Strafe verdient.»

419. «Die Weltkinder fassen mit ihren fleischlichen Augen diese Wahrheit nicht, und auf das Licht, das sie hierüber aufklären würde, wollen sie nicht achten. Du aber, o Seele, höre diese Wahrheit und schreibe sie in dein Herz, diese Wahrheit, welche das Beispiel des menschgewordenen Wortes und das Beispiel seiner Mutter und treuesten Schülerin dich lehrt. Diese war heilig, ja sie war nächst Christus die Erste in meinen Augen und der Gegenstand meines größten Wohlgefallens. Sie war deshalb auch aller Verehrung und Huldigung von Seiten der Menschen würdig: ja es konnte ihr so viel, als ihr gebührte, gar nicht erwiesen werden. Und doch habe ich es schon zum voraus so gefügt und geordnet, dass sie damals weder geehrt noch erkannt wurde. Ich wollte sie nämlich als Muster und Vorbild alles dessen aufstellen, was das Heiligste, das Vollkommenste, das Kostbarste und Sicherste ist und was meine Auserwählten nachahmen und von dieser Lehrmeisterin der Wahrheit erlernen sollten, nämlich die Demut das Stillschweigen, die Verborgenheit die Verachtung der trügerischen, gefährlichen Eitelkeit der Welt die Liebe zum Kreuze, zu den Widerwärtigkeiten, Unbilden, Drangsalen und zur Verachtung von Seiten der Geschöpfe. Weil nun alle diese Dinge unvereinbar sind mit dem Beifall, den Ehren und der Achtung der Menschen, so wurde nach meinem Willen der reinsten Jungfrau Maria nichts dergleichen zuteil; und ebenso ist es mein Wille, dass auch meine Freunde Ähnliches nicht empfangen oder annehmen. Und lasse ich dieselben bisweilen zu meiner Verherrlichung vor der Welt glänzen, so geschieht es nicht, weil sie solches wünschen oder darnach haschen, sondern damit sie in Demut und Zufriedenheit in ihrer eingeschränkten Stellung verharren und sich meiner Anordnung und meinem Willen unterwerfen, aus und für sich selber aber dasjenige wünschen, was die Welt verabscheut, was aber das menschgewordene Wort und seine Mutter getan und gelehrt haben.»

Dies war die Antwort des Herrn auf meine Verwunderung und meinen Zweifel; und damit war ich befriedigt und unterrichtet über das, was zu vollbringen meine Pflicht und mein Wunsch ist.

420. Nach Ablauf der drei vom Herrn bestimmten Jahre machten sich die heiligen Eltern Joachim und Anna von Nazareth, nur von wenigen ihrer Verwandten begleitet, auf die Reise nach Jerusalem, um ihr heiligstes Kind Maria, die wahre und lebendige Bundeslade, auf den mütterlichen Armen Annas in den Tempel zu bringen. In der Sehnsucht feurigster Liebe eilte das holdselige Kind dem Wohlgeruch der Salben ihres Vielgeliebten (Hld 1, 3) entgegen, um ihn, den sie im Herzen trug, im Tempel zu suchen. Die demütige Prozession zog, von den Erdenbewohnern nur wenig beachtet und ohne allen äußeren Glanz, ihres Weges; aber es umschwebte sie eine glänzende Schar himmlischer Geister, welche zur Feier dieses Festes in größerer Anzahl vom Himmel gekommen waren, als die ihrer Schutzengel war, welche für gewöhnlich ihre jugendliche Königin umgaben. Unter neuen Lob- und Preisgesängen in himmlischen Weisen gaben sie der heiligen Prozession das Geleite von Nazareth bis zur heiligen Stadt Jerusalem. Die Königin des Himmels, welche ihre Gott wohlgefälligsten Schritte der Betrachtung des Allerhöchsten, des wahren Salomon, entgegenrichtete (Hld 7,1), sah und hörte sie alle. Die glücklichen Eltern des Kindleins Maria aber empfanden hohe Freudigkeit und Trost in ihrem Herzen.

421. So kamen sie zum heiligen Tempel. Die glückliche Mutter Anna nahm ihr Kind, das zugleich ihre Herrin war, bei der Hand, um es in den Tempel einzuführen; der heilige Joachim stand ihnen hilfreich zur Seite. Dann verrichteten alle drei ein andächtiges, feuriges Gebet zum Herrn, die Eltern, ihm ihr Kind darbringend, das heilige Kind aber, in tiefster Demut, Anbetung und Ehrerbietung sich selber zum Opfer weihend. Dem Kind allein ward es offenbar, wie sein Opfer von Gott an- und aufgenommen wurde; es sah einen himmlischen Glanz, welcher den Tempel erfüllte, und hörte eine Stimme, welche sprach: «Komme, meine Braut, meine Auserwählte, komme zu meinem Tempel! Ich will, dass du mich hier lobst und preisest.» Nach Beendigung des Gebetes standen sie auf und gingen zum Priester. Diesem übergaben die Eltern ihr Töchterlein Maria. Der Priester gab ihnen seinen Segen, und dann begleiteten sie alle miteinander Maria nach der Wohnung der Tempeljungfrauen, die hier in Abgeschiedenheit zur Gottseligkeit erzogen wurden, bis sie die Reife des Alters zur Verehelichung erlangt hatten. Es waren vornehmlich die erstgebornen Töchter aus dem königlichen Stamm Juda und aus dem priesterlichen Stamme Levi, welche sich hierher zurückzuziehen pflegten.

422. Der Aufgang zu dieser Wohnung hatte fünfzehn Stufen, über welche herab andere Priester entgegenkamen, um Maria, das gebenedeite Kind, zu empfangen. Der Priester aber, der das Kind führte - er musste einer der gewöhnlichen sein - und es zuerst von seinen Eltern in Empfang genommen hatte, geleitete dasselbe auf die erste Stufe, wo es ihn bat, von seinen Eltern Abschied nehmen zu dürfen. Dann bat es kniend Joachim und Anna um den heiligen Segen und küsste beiden die Hände mit der Bitte, seiner vor Gott im Gebete eingedenk bleiben zu wollen. In tiefster Rührung und unter reichlichen Tränen gaben ihr die Eltern den Segen; Maria aber eilte, ohne umzublicken und ohne eine Träne zu vergießen, in heiligstem Eifer und voll Freudigkeit allein die fünfzehn Stufen hinan. Es war an ihr weder ein Zeichen irgendwelchen kindischen Wesens noch einer Traurigkeit über die Trennung von ihren Eltern wahrzunehmen; im Gegenteil riss sie durch ihre in so zartem Alter ganz ungewöhnliche Hoheit und Festigkeit alle zur Bewunderung hin. Die Priester empfingen sie und führten sie der Schar der anderen Jungfrauen zu. Der Hohepriester, der heilige Simeon, übergab sie den Lehrmeisterinnen, unter denen sich die Prophetin Anna befand. Diese heilige Matrone war im voraus vom Allerhöchsten einer besonderen Gnade und Erleuchtung gewürdigt worden, um die Sorge für die Tochter Joachims und Annas auf sich zu nehmen. Sie tat dies also auf göttliche Anordnung; durch ihre Heiligkeit und ihre Tugenden hatte sie die Gnade verdient, jene zur Schülerin zu haben, welche die Mutter Gottes und die Lehrmeisterin aller Kreaturen werden sollte.

423. Die Eltern Joachim und Anna kehrten voll Schmerz, arm und des reichen Schatzes ihres Hauses beraubt, nach Nazareth zurück. Der Allerhöchste aber flößte ihnen Stärke und Trost ein. Der heilige Priester Simeon wusste zwar nicht, welche Geheimnisse in dem Kinde Maria eingeschlossen waren; doch empfing er vom Herrn viele Erleuchtung über ihre Heiligkeit und Auserwählung. Auch die anderen Priester konnten sie nur mit hoher Ehrfurcht betrachten. Das Aufsteigen des heiligen Kindes über die Stufen wurde zur vollkommenen Erfüllung des Gesichtes des Patriarchen Jakob von der Himmelsleiter, denn auf jenen Stufen stiegen Engel auf und nieder (Gen 28, 12 ff), die einen zum Geleit, die andern zum Empfang ihrer Königin; in der Höhe aber war Gott selbst, um seine Tochter und Braut bei sich aufzunehmen; und diese erkannte aus den Wirkungen seiner Liebe, dass hier wahrhaft die Wohnung Gottes und die Pforte des Himmels sei.

424. Als das heilige Kind Maria seiner Lehrmeisterin übergeben und anvertraut war, warf es sich vor ihr auf die Knie nieder und flehte in tiefer Demut um ihren Segen. Dann bat es dieselbe, sie unter ihren Gehorsam aufzunehmen, sie durch Lehre und guten Rat zu unterweisen und in den vielen Mühen und Beschwerden, die sie ihr verursachen werde, Geduld zu tragen. Die Prophetin Anna, ihre Meisterin, nahm sie mit großer Freundlichkeit auf und sprach zu ihr: «Meine Tochter, du sollst, soweit es auf mich ankommt, an mir eine Mutter und Beschützerin finden. Ich werde auf dich und deine Erziehung alle mögliche Sorgfalt verwenden.» Hierauf stellte sich Maria mit derselben Demut auch allen Jungfrauen vor, welche sich dort aufhielten, begrüsste und umarmte jede einzelne, bot sich ihnen als Dienerin an und bat, sie möchten als die älteren und fähigeren in dem, was sie an diesem Ort zu tun haben, sie unterweisen und ihr befehlen. Auch dankte sie ihnen, dass sie, obwohl unwürdig, in ihre Gesellschaft habe eintreten dürfen.

LEHRE der allerseligsten Jungfrau Maria

425. Meine Tochter, das höchste Glück, welches einer Seele in diesem sterblichen Leben zuteil werden kann, ist, dass der Allerhöchste sie in sein Haus beruft und gänzlich seinem Dienste weiht. Denn durch diese Gnade befreit er dieselbe von einer gefahrvollen Sklaverei und entreißt sie der entehrenden Knechtschaft der Welt, wo man sein Brot im Schweiß seines Angesichtes (Gen 3,19) ißt, ohne sich jemals einer vollkommenen Freiheit zu erfreuen. Wer ist so töricht und verblendet, dass er nicht einsieht, wie gefahrvoll das Leben in der Welt ist, wo es so viele verabscheuungswürdige, ganz und gar verkehrte Grundsätze und Gebräuche gibt, welche durch die Arglist des Teufels und die Bosheit der Menschen eingebürgert sind? Der «beste Teil» ist der Ordensstand und die Zurückgezogenheit. - Da findet man einen sicheren Hafen; alles andere ist voll Qual, Sturm, Unruhe, Schmerz und Elend. Wenn die Menschen für diese Wahrheit blind und für diese ausgezeichnete Wohltat undankbar sind, so verrät dies eine abscheuliche Härte des Herzens und eine große Geringschätzung des eigenen Heils. Du nun, meine Tochter, sei nicht taub gegen die Stimme des Allerhöchsten, höre darauf und handle darnach. Denn ich sage dir, eine der Hauptsorgen des Teufels geht dahin, die Seelen, welche der Herr zu seinem Dienste beruft und vorbereitet, von dem Gehorsam gegen den göttlichen Ruf abzuhalten.

426. Schon jene öffentliche und heilige Handlung, wodurch jemand das Ordenskleid empfängt und in den Ordensstand eintritt, sollte dies auch nicht immer mit dem erforderlichen Eifer und der gebührenden Reinheit der Absicht geschehen, versetzt die höllische Schlange und ihren Anhang in Wut und Raserei, teils weil durch diese Handlung der Herr verherrlicht und die heiligen Engel erfreut werden, teils weil der Ordensstand jenen Akt heiligt und vervollkommnet, was dem Todfeind der Seelen gar wohl bekannt ist. Und in der Tat geschieht es sehr oft, dass, selbst wenn jemand aus menschlichen und irdischen Rücksichten in den Ordensstand eingetreten ist, die Gnade doch nachher wirkt und alles verbessert und in Ordnung bringt. Vermag aber die Gnade selbst in dem Fall solches zu wirken, wenn ursprünglich die Absicht nicht so rein war, wie es sich gebührte, so wird das Licht und die Kraft des Herrn in Vereinigung mit der Ordenszucht noch mächtiger wirken, wenn die Seele rein aus Liebe zu Gott in den Ordensstand tritt, beseelt von dem lebhaften und aufrichtigen Verlangen, Gott zu finden, ihm zu dienen und ihn zu lieben.

427. Soll nun aber der Allerhöchste jemanden, der aus was immer für einem Beweggrund in den Ordensstand eintritt, zur Besserung und Vollkommenheit führen, so muss dieser, nachdem er der Welt den Rücken gekehrt, nicht mehr auf dieselbe zurückblicken, aus seinem Gedächtnisse alle Vorstellungen derselben entfernen und das vergessen, was er mit vollem Recht in der Welt verlassen hat. Wer auf diese Lehre nicht achtet und sich undankbar und treulos gegen den Herrn benimmt, der zieht sich ohne Zweifel die Strafe zu, von welcher die Frau Loths getroffen wurde (Gen 19, 26). Sollte diese Strafe auch aus göttlicher Barmherzigkeit nicht ebenso sichtbar und für die äußeren Augen wahrnehmbar sein, innerlich erfährt er dieselbe sicher, indem er kalt, trocken, ohne Eifer und Tatkraft bleibt. Die Folge dieser Verlassenheit von der Gnade ist, dass solche Unglückliche das Ziel ihres Berufes nicht erreichen, im Ordensleben keine Fortschritte machen, keinen geistlichen Trost darin finden und nicht verdienen, dass der Herr sie als seine Kinder ansehe und heimsuche; vielmehr überlässt sie der Herr als treulose, flüchtige Sklaven ihren Verirrungen. Bedenke also, Maria (Gemeint ist Maria von Jesus von Agreda), dass die Welt mit all ihren Gütern dir abgestorben und gekreuzigt sein muss, und du der Welt, und dass du darum deine Gedanken und Vorstellungen, dein Sinnen und Trachten auf nichts Irdisches mehr richten darfst. Und solltest du bisweilen ein Liebeswerk gegen den Nächsten zu üben genötigt sein, so verfahre dabei so, dass du vor allem das Heil deiner Seele vor Augen habest sowie die Sicherheit, die Ruhe, den Frieden und die Stille deines Innern. Und willst du meine Schülerin bleiben, so ermahne ich dich und befehle dir, dass du bei diesen Vorschriften in allem bis auf das Äußerste gehest, soweit es nicht fehlerhaft ist.

ZWEITES HAUPTSTÜCK: Die Gelübde der allerseligsten Jungfrau

Von einer außerordentlichen Gunstbezeichnung, welche der Allerhöchste der seligsten Jungfrau Maria alsbald nach ihrer Aufopferung im Tempel gewährte.

428. Nachdem das himmlische Kind Maria sich von seinen Eltern verabschiedet hatte, um im Tempel zurückzubleiben, wies ihm die Lehrmeisterin ein abgesondertes Kämmerlein bei den andern Jungfrauen an, von denen eine jede ein solches hatte. Kaum sah sich die Königin des Himmels allein, so warf sie sich auch schon zur Erde nieder, küsste beim Gedanken, dass der Ort zum Tempel gehöre, den Boden, betete den Herrn an und dankte ihm für diese neue Wohltat; ja sie dankte selbst dem Boden, dass er sie aufnehme und trage, sie, die doch nicht die Wohltat verdiene, denselben zu betreten und darauf zu stehen. Hierauf wendete sie sich zu ihren heiligen Engeln und sprach: «O ihr himmlischen Fürsten, ihr Boten des Allerhöchsten, ihr meine treuesten Freunde und Begleiter, ich bitte euch mit aller Inbrunst meiner Seele, dass ihr in diesem heiligen Tempel meines Herrn gegen mich das Amt wachsamer Beschützer ausübt, indem ihr mich lehrt, was ich zu tun habe, mich unterrichtet und als Meister und Lenker meiner Handlung mich führt, damit ich in allem den vollkommensten Willen desAllerhöchsten erfülle, den heiligen Priestern Freude mache und meiner Lehrmeisterin und meinen Genossinnen gehorche.» Sodann wandte sie sich besonders an die zwölf Engel, welche, wie oben in Nr. 201 und 272 gesagt worden ist, in der Offenbarung erwähnt sind, und sprach: «Ich bitte euch, meine Gesandten, geht, wenn der Allerhöchste es erlaubt, zu meinen Eltern und tröstet sie in ihrer Trauer und Verlassenheit!»

429. Die zwölf Engel vollzogen den Befehl ihrer Königin. Während aber diese mit den anderen sich über göttliche Dinge unterhielt, fühlte sie eine höhere Kraft, stark und lieblich, welche sie bewegte, vergeistigte und in eine feurige Ekstase versetzte. Sofort gebot der Allerhöchste den Seraphim, die bei ihr waren, ihre heiligste Seele zu erleuchten und vorzubereiten. Und sogleich empfing Maria ein Licht und eine übernatürliche Gabe, welche ihren Seelenkräften die entsprechende Vollkommenheit und Fähigkeit verlieh, um den ihr zu offenbarenden Gegenstand zu erfassen. Nach dieser Vorbereitung wurde das heilige Kind, von ihren und vielen anderen Engeln begleitet und in eine kleine Lichtwolke eingehüllt, mit Leib und Seele in den empyreischen Himmel erhoben, wo sie von der allerheiligsten Dreifaltigkeit mit würdiger Liebe und Güte empfangen wurde. Sie warf sich, wie sie in ihren andern Visionen zu tun pflegte, in Gegenwart des allmächtigen und allerhöchsten Herrn nieder und betete ihn mit tiefster Demut und Ehrfurcht an. Nun wurde ihr eine neue Kraft, ein neues Licht mitgeteilt, mittels dessen sie die Gottheit klar (intuitiv) schaute; es war dies das zweite Mal in den drei ersten Lebensjahren, dass sie eine solche klare Anschauung hatte (vgl. oben Nr. 332).

430. Kein Verstand und keine Zunge ist imstande, die Wirkungen dieser Vision und Teilnahme an der göttlichen Natur auszusprechen. Die Person des ewigen Vaters redete die künftige Mutter seines Sohnes also an: «Meine Taube und meine Vielgeliebte, ich will, dass du die Schätze und unermesslichen Vollkommenheiten meiner unwandelbaren Wesenheit schauest sowie die verborgenen Gaben, welche ich für die Seelen bereithalte, die zu meiner Seligkeit auserwählt sind und welche das Blut des für sie sterbenden Lammes erlösen wird. Siehe, meine Tochter, wie freigebig ich bin gegen meine Geschöpfe, welche mich erkennen und lieben, wie wahrhaft in meinen Worten, wie getreu in meinen Verheissungen, wie mächtig und wunderbar in meinen Werken ! Merke wohl, meine Braut, wie es unfehlbare Wahrheit ist, dass, wer mir folgt, nicht in Finsternis leben wird. Ich will darum, dass du als meine Auserwählte Augenzeugin seist von den Schätzen, die ich bereithalte, um die Demütigen zu erhöhen, die Armen zu bereichern, die Bedrängten aufzurichten und alles zu vergelten, was die Sterblichen für meinen Namen tun und leiden werden.»

431. Noch andere große Geheimnisse erkannte das heiligste Kind Maria in dieser Anschauung der Gottheit; denn der Gegenstand der Geheimnisse ist unendlich, und hat er sich auch schon mehrmals klar geoffenbart, so bleibt in ihm doch immer noch unendlich vieles zurück, was er von neuem zur größeren Liebe und Bewunderung dessen mitteilen kann, der diese Gnade empfängt.

Die allerseligste Jungfrau Maria antwortete dem Herrn und sprach: «O allerhöchster und ewiger Gott, unbegreiflich bist du in deiner Größe, reich in deiner Barmherzigkeit, unerschöpflich in deinen Schätzen, unaussprechlich in deinen Geheimnissen, höchst treu in deinen Verheißungen, wahrhaft in deinen Worten und ganz vollkommen in deinen Werken. Denn du bist ein unendlicher Herr, ewig in deinem Wesen und in deinen Vollkommenheiten. Aber, o allerhöchster Herr, was soll meine Wenigkeit anfangen vor dem Angesicht deiner Hoheit? Ich erkenne mich des Anblicks deiner Größe unwürdig, aber ebenso bedürftig, dass du mit derselben auf mich niederblickst. Vor dir, o Herr, sind alle Kreaturen nichts; was soll also deine Dienerin anfangen, die Staub ist? Erfülle an mir all dein Verlangen und dein Wohlgefallen; und wenn in deinen Augen die Widerwärtigkeiten, die Verachtung von Seiten der Menschen, die Demut, die Geduld und Sanftmut im Leiden so kostbar sind, so gib nicht zu, mein höchstes Gut, dass ich dieses so reichen Schatzes, dieses Unterpfandes deiner Liebe entbehre, den Lohn dafür aber gibt deinen Dienern und Freunden, welche es besser verdienen werden; denn ich habe noch nichts zu deinem Dienst und deinem Wohlgefallen vollbracht.»

432. Der Allerhöchste nahm die Bitte des heiligen Kindes Maria mit großem Wohlgefallen auf und gab ihr zu erkennen, wie er sie erhöre und ihr verleihe, dass sie im Verlauf ihres Lebens aus Liebe zu ihm Beschwerden und Leiden ertragen dürfe; aber in welcher Ordnung und Art und Weise dieses geschehen sollte, zeigte er ihr noch nicht. Die Königin des Himmels dankte Gott für die Wohltat und Gnade, dass sie zu Mühseligkeiten und Leiden für den Namen und die Ehre des Herrn auserwählt sei, und ganz entzündet von der Begierde darnach, bat sie Seine Majestät um die Erlaubnis, in seiner

Gegenwart vier Gelübde ablegen zu dürfen, nämlich das der Keuschheit, der Armut, des Gehorsams und der beständigen Klausur im Tempel, in den er sie geführt habe. Der Herr aber antwortete ihr also: «Meine Braut, erhaben über alle Geschöpfe sind meine Gedanken; und noch ist es dir, meine Auserwählte nicht bekannt, was im Verlauf deines Lebens dir zuteil werden wird und dass es unmöglich ist, deine eifrigen Begierden in allem auf jene Weise zu erfüllen, wie du es dir vorstellst; das Gelübde der Keuschheit nehme ich an, und ich verlange, dass du es ablegest. Ebenso will ich, dass du von jetzt an allem irdischen Reichtum entsagest. Was aber die übrigen Gelübde betrifft, so ist es mein Wille, dass du soviel als möglich dich in deinen Werken darnach richtest, gerade so, wie wenn du sie alle abgelegt hättest. Dein Verlangen wird übrigens später, zu Zeit des Gesetzes der Gnade, an sehr vielen Jungfrauen in Erfüllung gehen, welche meinem Dienst und deiner Nachfolge sich widmen, dieselben Gelübde ablegen und in Genossenschaften vereinigt leben werden; und so wirst du die Mutter vieler Jungfrauen sein.»

433. Hierauf legte das heiligste Kind in Gegenwart des Herrn das Gelübde der Keuschheit ab(Über das Gelübde der Keuschheit Mariä siehe Suarez in 3. P. S. Thom qu. 28. disp. 6. sect. 1. - Über das Gelübde der Armut und des Gehorsams Summa aut. de Laud. B. M. V. tom. IV. p. 1406. Ferner die heilige Birgitta, Revelationes I. 1. c. 10 und die «Herrlichkeiten Mariä» vom heiligen Alphonsus [Abhandlung über die Opferung Mariä]. Der Herausgeber) und entsagte, ohne sich zu den andern Gelübden zu verpflichten, jeder Neigung zu irdischen und erschaffenen Dingen und fasste den Vorsatz, aus Liebe zu Gott einer jeglichen Kreatur zu gehorchen. Und in Ausführung dieser Vorsätze war sie weit pünktlicher, eifrige und treuer als alle jene, welche jemals durch ein Gelübde zu solchen Dingen sich verpflichtet haben oder sich verpflichten werden. Hierauf verschwand die klare Anschauung Gottes doch wurde Maria nicht sogleich auf die Erde versetzt; denn es folgte in einem andern, etwas niedrigeren Zustande einen imaginäre Vision des Herrn, während sie sich immer noch in empyreischen Himmel befand, so dass der Anschauung der Gottheit noch mehrere imaginäre Visionen nachfolgten.

434. Während dieser zweiten, imaginären Vision nahten sich einige jener Seraphim, welche Gott am nächsten sind, der allerseligsten Jungfrau und schmückten und zierten sie nach dessen Befehl in folgender Weise: Zuerst wurden alle ihre Sinne wie mit einer Klarheit oder einem Licht erleuchtet, welches sie mit Anmut und Schönheit erfüllte. Hierauf legten sie ihr ein überaus glänzendes Gewand oder Kleid an und sodann einen mit sehr vielen verschiedenfarbigen, ganz durchsichtigen, hellglänzenden und funkelnden Edelsteinen besetzten Gürtel, was ihr eine die menschlichen Begriffe übersteigende Schönheit verlieh und die fleckenlose Reinheit sowie die verschiedenen heroischen Tugenden ihrer heiligsten Seele bezeichnete. Auch legten sie ihr ein Halsband um, das von sehr hohem, unschätzbarem Wert und mit drei Edelsteinen verziert war, den Sinnbildern ihrer drei größten und vorzüglichsten Tugenden, nämlich des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. Und diese hingen vom Halsband auf die Brust nieder und deuteten damit den Ort an, wo diese so großen Schätze sich fanden. Überdies brachten sie sieben Ringe von seltener Schönheit, welche der Heilige Geist an ihre Finger steckte zum Zeichen, dass er sie mit seinen Gaben im allerhöchsten Grad ausrüste. Außer diesem Schmuck setzte die heiligste Dreifaltigkeit eine Kaiserkrone von kostbarem Stoff, mit unschätzbaren Edelsteinen verziert, auf ihr Haupt, wodurch sie als Braut Gottes und als Kaiserin des Himmels erklärt wurde. Und zur Bestätigung alles dessen war das weiße, glänzende Kleid besetzt mit einer Schrift oder mit Buchstaben vom feinsten, hellstrahlendsten Gold, welche bedeuteten: Maria, Tochter des ewigen Vaters, Braut des Heiligen Geistes und Mutter des wahren Lichtes. Was diese letzte Bezeichnung oder Titulatur bedeute, verstand die heiligste Jungfrau nicht; wohl aber wussten es die heiligen Engel, welche dieser so außergewöhnlichen, noch nie gesehenen Feierlichkeit voll Lob und Bewunderung gegen den Urheber derselben beiwohnten. Zum Schluss des Ganzen versetzte der Allerhöchste die himmlischen Geister in neues Erstaunen. Es ließ sich nämlich vom Thron der allerheiligsten Dreifaltigkeit her eine Stimme vernehmen, welche zur seligsten Jungfrau Maria sprach: «Du wirst unsere Braut, unsere Vielgeliebte, unsere Auserwählte sein aus allen Kreaturen durch die ganze Ewigkeit; die Engel werden dir dienen und alle Völker und Geschlechter dich selig preisen.»

435. Sobald das erhabene Kind auf diese Weise mit den Festgewändern der göttlichen Brautschaft geschmückt war, fand die Vermählung statt, und zwar so feierlich und wunderbar, wie keiner der höchsten Cherubim und Seraphim sich diese hätte vorstellen können. Denn der Allerhöchste nahm sie zu seiner einzigen und ganz besonderen Braut an(Über die mystische Verlobung und Vermählung der Seelen mit Gott siehe unter andern Giovanni Battista Scaramelli, Anleitung zur mystischen Theologie, Teil 1, Abtl. 3, Hauptstück 22 ff. Gott verleiht hierbei den Seelen ganz wunderbare Gnaden, aber er gewährt sie bloß jenen Seelen, die er zu großen Arbeiten und Leiden für seine Ehre und das Heil der Seelen bestimmt hat und die durch heroische Abtötung und Tugendübung darauf vorbereitet sind. Sowenig wir darum imstande sind, die erhabene Bestimmung Mariä als Mutter Gottes, Mithelferin am Erlösungswerk und Retterin des Menschengeschlechts sowie ihre wunderbare Reinheit und Heiligkeit zu erfassen, eben so wenig vermögen wir auch das Maß der Gnaden zu schätzen, welche Maria bei ihrer Verlobung mit dem Herrn empfangen hat. Dass auch ihr heiliger Leib hierbei in den Himmel versetzt war (siehe oben Nr. 429), darf uns nicht wundern; denn aus diesem sollte der Sohn Gottes jenen Leib annehmen, den er zum Heile der Welt hinopfern und seinen geliebten Seelen zur Speise reichen wollte. Es war also ganz in der Ordnung, wenn Maria ihren Leib jetzt dem Herrn übergab und der Heilige Geist, der nach dem Ausspruch der heiligen Kirche den Leib wie die Seele Mariä auf die Menschwerdung vorbereitete, gerade bei der Verlobung, welche einen feierlichen und besonders wichtigen Akt dieser Vorbereitung bildete, auch den Leib Mariä besonders heiligte. Der Herausgeber) und erhob sie dadurch zur höchsten Würde, die je einer einfachen Kreatur zuteil werden kann, um in ihr die Person des Wortes und damit seine Gottheit und alle Schätze der Gnade niederzulegen, welche einer so erhabenen Würde entsprechen.

Durch solche Gnaden und Auszeichnungen wurde die Demütigste unter den Demütigen in einen Abgrund von Liebe und Bewunderung versenkt; und in Gegenwart des Herrn sprach sie: «O allerhöchster König und unbegreiflich großer Gott, wer bist du und wer bin ich, dass du auf jene zu blicken dich würdigest, die nur Staub ist und solche Barmherzigkeit nicht verdient? Ich erkenne in dir, o Herr, wie in einem reinen Spiegel deine unveränderliche Wesenheit; ich sehe und erkenne darin aber auch ohne Täuschung meine Hinfälligkeit und Niedrigkeit; ich erblicke deine Unermesslichkeit und meine Nichtigkeit; und im Bewusstsein derselben bin ich wie vernichtet und außer mir vor Verwunderung, dass deine unermessliche Majestät sich zu einem so niedrigen Würmlein herablässt, das nichts verdient als nur Verachtung und Zurücksetzung unter alle Kreaturen. O mein Herr und mein Gut, wie sehr wirst du verherrlicht und gepriesen werden in diesem Werk ! Welche Verwunderung erregst du um meinetwillen in deinen heiligen Engeln, welche deine unendliche Güte, Größe und Barmherzigkeit erkennen, womit du mich, diesen Staub, diese arme Kreatur, erhebst und neben die Fürsten setzt (Ps 113, 7). O mein König und mein Herr, ich nehme dich zu meinem Bräutigam an und bringe mich dir dar als deine Dienerin. Mein Verstand soll keinen andern Gegenstand, mein Gedächtnis keine andere Vorstellung, mein Wille keine andere Absicht, kein anderes Verlangen mehr haben als dich, meine Liebe, mein höchstes, wahres und einziges Gut. Meine Augen sollen niemals nach menschlichen Kreaturen schauen, meine Fähigkeiten sollen einzig auf dich und auf das gerichtet sein, was deine Majestät mir befiehlt. Du allein, o mein Geliebter, sollst deiner Braut und diese dir allein gehören (Hld 2,16), der du das unveränderliche und ewige Gut bist.»

436. Mit unaussprechlichem Wohlgefallen vernahm der Herr die Einwilligung der Himmelskönigin zu dieser neuen Vermählung, die er mit ihrer heiligsten Seele gefeiert hatte. Als seiner wahren Braut und der Herrin über alle Kreaturen übergab er ihren Händen alle Schätze seiner Macht und Gnade mit der Aufforderung, um alles zu bitten, was sie wünsche, und mit der Versicherung, dass nichts ihr versagt werde. Dieser Aufforderung entsprechend, bat nun die demütigste Taube mit der größten Inbrunst den Herrn, dass er seinen Eingebornen zur Erlösung der Menschen auf die Welt senden wolle; dass er alle erleuchten und zur wahren Erkenntnis seiner Gottheit führen, in ihren leiblichen Eltern Joachim und Anna die Liebe und die Gaben seiner göttlichen Macht vermehren, den Armen und Betrübten Trost und Stärke in ihren Leiden verleihen, ihr selber aber die Gnade gewähren möge, seinen heiligen Willen zu erfüllen und ihm zu gefallen. Das waren die besonderen Bitten, welche die neue Braut Maria bei dieser Gelegenheit an die allerheiligste Dreifaltigkeit richtete. Alle englischen Geister stimmten nun voll Verwunderung neue Lobgesänge zum Preis des Allerhöchsten an, und jene, welche Seine Majestät damit beauftragt hatte, begleiteten das heiligste Kind vom empyreischen Himmel an den ihr im Tempel angewiesenen Platz wieder zurück, von dem sie dieselbe entrückt hatten.

437. Um aber alsbald ins Werk zu setzen, was sie vor dem Herrn versprochen hatte, begab sich die heiligste Jungfrau zu ihrer Meisterin und übergab derselben, einige Bücher und Kleider ausgenommen, alles, was ihre Mutter Anna ihr zum Unterhalt oder zur Erholung mitgegeben hatte, mit der Bitte, dasselbe an die Armen zu verteilen oder nach Gutdünken sonst zu verwenden und ihr zu befehlen und vorzuschreiben, was sie zu tun habe. Die verständige Meisterin aber - es war, wie schon erwähnt, die Prophetin Anna - nahm nach einer göttlichen Eingebung bereitwillig an, was das holdselige Kind Maria ihr übergeben hatte, und ließ sie ganz arm und mit Ausnahme ihrer Kleider von allem entblößt von sich gehen, nahm sich jedoch vor, eine besondere Sorge für sie zu tragen, welche ja die Bedürftigste und Ärmste war; denn jede der anderen Jungfrauen hatte für sich ihr Geld in Verwahrung sowie auch ihre Einrichtung, Kleider und andere Dinge zum beliebigen Gebrauch.

438. Sodann schrieb die Meisterin im Einverständnis mit dem Hohenpriester dem holdseligen Kind eine bestimmte Lebensordnung vor. Durch diese vollständige Entäußerung von allen Dingen erlangte die Königin und Herrin der Kreaturen die Gnade, dass sie von allen Geschöpfen und von sich selbst entblößt und losgeschält blieb und nichts mehr verlangte und besaß als die feurigste Liebe zum Herrn und zur Erniedrigung und Verdemütigung ihrer selbst. Ich bekenne meine äußerste Unwissenheit, meine Niedrigkeit, Unfähigkeit und Unwürdigkeit, so erhabene und verborgene Geheimnisse auszusprechen, wozu weder die beredten Zungen der Weisen. noch die Wissenschaft und die Liebe der höchsten Cherubim und Seraphim imstande sind. Was soll also eine unnütze und niedrige Frau sagen, wie ich bin? Ich erkenne, wie sehr ich diese so erhabenen und verehrungswürdigen Geheimnisse entbehren würde, falls mich der Gehorsam nicht entschuldigte; aber selbst dieser nimmt mir nicht alle Furcht; denn ich bin überzeugt, dass ich den größten Teil von den einzelnen Geheimnissen und Vorkommnissen dieser Stadt Gottes, der heiligsten Jungfrau Maria, nicht kenne und sie verschweige und nur das wenigste davon verstehe und ausspreche.

LEHRE der seligsten Jungfrau Maria

439. Meine Tochter, zu den großen und unaussprechlichen Gunstbezeigungen, welche mir im Verlauf meines Lebens aus der Hand des Allmächtigen zukamen, gehört diejenige, welche du soeben erkannt und beschrieben hast. Denn in der klaren Anschauung der Gottheit und der unbegreiflichen Wesenheit des Allerhöchsten habe ich die verborgensten Geheimnisse erkannt, und durch diesen Schmuck und diese Vermählung wurde mir eine unermessliche Wohltat zuteil und mein Geist mit der Süßigkeit göttlicher Wirkungen erfüllt. Mein Verlangen, die vier Gelübde der Armut, des Gehorsams, der Keuschheit und der beständigen Klausur abzulegen, war Gott überaus angenehm, und ich habe dadurch verdient, dass in der Kirche und im Gesetz der Gnade die bis heute noch bestehende Gewohnheit sich bildete, wonach gottesfürchtige Jungfrauen sich durch diese Gelübde verpflichteten. (Wenn Gott Heilige zur Stiftung von religiösen Orden erweckt und beruft und diese durch treue Mitwirkung mit seiner Gnade, durch die Heiligkeit ihres Lebens und durch ihre Gebete gewissermaßen jene Gnaden verdienen, welche Gott zur Gründung, Befestigung, Erhaltung und Ausbreitung ihres Ordens seiner Zeit verleiht, warum sollte man es unwahrscheinlich finden, dass die allerseligste Jungfrau Maria ebenfalls, aber in erhöhtem Maße durch ihre Bitten und Verdienste für alle Orden Ähnliches leistete? Der Herausgeber). Damals also wurde begonnen, was ihr Klosterfrauen heute noch tut gemäß den Worten des königlichen Psalmisten: «Nach ihr werden Jungfrauen dem König zugeführt werden (Ps 45,15).» Gott hat nämlich angeordnet, dass jenes mein Verlangen die Grundlage der religiösen Orden im Gesetz des Evangeliums sei. Und was ich in Gottes Gegenwart mir vorgenommen habe, das habe ich auch ganz und aufs vollkommenste erfüllt, soweit Lebensweise und Stand es mir erlaubten. Niemals habe ich einem Mann ins Gesicht geschaut, selbst meinem Bräutigam Joseph nicht, ja nicht einmal den Engeln, wenn diese in menschlicher Gestalt vor mir erschienen; - ich habe sie aber alle in Gott gesehen und gekannt. Ebenso habe ich mich niemals von einer besonderen Zuneigung zu irgendeiner geschaffenen Sache oder Person in meinen Werken oder Wünschen leiten lassen; ich hatte auch keinen eigenen Willen, so dass ich jemals «ja oder nein, ich werde es tun oder nicht tun» gesagt hätte. Denn in allem leitete mich der Allerhöchste, teils unmittelbar selbst, teils durch die Befehle der Geschöpfe, denen ich aus freiem Willen gehorchte.

440. Du musst wohl wissen, meine Tochter, dass der Allerhöchste den Ordensstand geheiligt und eingesetzt hat, damit durch denselben die Lehre von der christlichen Vollkommenheit sowie die vollkommene Nachahmung des heiligsten Lebens meines Sohnes erhalten werde. Darum ist er auch aufs höchste erzürnt gegen jene Ordensleute, welche, uneingedenk einer so außerordentlichen Gunst, dem Schlaf sich überlassen und ganz sorglos, ja in größerer Ungebundenheit als manche Weltleute dahinleben. Solche Ordensleute haben ein strengeres Gericht und eine schwerere Strafe zu gewärtigen als die Weltleute. Auch der Teufel, die alte und listige Schlange, wendet größere Mühe und Umsicht an, um Ordensmänner und Klosterfrauen zu versuchen und zu besiegen, als er dieses bei den übrigen Weltleuten zusammengenommen tut. Und fällt eine Ordensperson, so gebraucht die gesamte Hölle wirksamere Mittel und größere Sorgfalt, damit dieselbe ja nicht mit Hilfe der im Ordensstande reichlicher dargebotenen Heilsmittel, wie solche der Gehorsam, die heiligen Übungen, der häufige Empfang der heiligen Sakramente sind, von ihrem Fall sich erhebe. Und damit diese Mittel alle nutzlos bleiben und die gefallene Ordensperson nicht aufstehe, greift der Feind zu solchen Kunstgriffen und Mitteln, dass man bei Wahrnehmung derselben erschrecken würde. Es tritt jedoch vieles davon in den Bewegungen und Handlungen zutage, welche eine solche Ordensperson vornimmt, um ihre Nachlässigkeiten zu verteidigen, indem sie dieselben womöglich mit irgendeinem schönen Vorwand oder, falls dies nicht möglich ist, durch Hinweis auf gröberen Ungehorsam und ärgere Unordnungen und Sünden zu entschuldigen sucht.

441. Darum, meine Tochter, beachte und fürchte eine so entsetzliche Gefahr! Trachte durch die Kraft der göttlichen Gnade dich über dich selber zu erheben und dulde in deinem Willen keine ungeordnete Anhänglichkeit oder Neigung. Ich will, dass du mit aller Anstrengung deine Leidenschaften abtötest und im geistlichen Leben immer mehr erstarkest, damit du, wenn alles Irdische in dir erstorben ist, zu einem englischen Leben und Wandel gelangest. Willst du den Namen einer Braut Christi tragen, so musst du dich über den Gesichtskreis des menschlichen Lebens erheben und zu einem höheren Zustand, zu einem göttlichen Leben erschwingen. Du bist zwar Erde, aber du sollst ein gesegnetes Erdreich sein, ohne die Dornen der Leidenschaften, ein Erdreich, dessen reichliche Früchte ganz seinem Herrn, dem Allerhöchsten, gehören. Und weil du den höchsten und mächtigsten Herrn, den König der Könige und den Herrn der Herren zum Bräutigam hast, so darfst du dich nicht herabwürdigen und deine Augen und viel weniger dein Herz den niedrigen Dienern, d. h. den Menschen, zuwenden; denn selbst die Engel lieben und ehren dich um der Würde einer Braut des Allerhöchsten willen. Und gilt es bei den Menschen als eine große Verwegenheit und Unschicklichkeit, wenn ein niedriger Mensch seine Augen auf die Gemahlin eines Fürsten wirft, welch ein Verbrechen müsste es nicht sein, würde er sie auf die Braut des allmächtigen und himmlischen Königs werfen? Und würde diese so etwas zulassen oder ein Wohlgefallen daran zeigen, ihre Schuld wäre nicht geringer. Denke ernstlich hierüber nach und sei versichert, dass die von Gott für eine solche Sünde bestimmte Strafe ebenso schrecklich als unbegreiflich ist. Ich will sie dir nicht vor Augen halten; deine Schwäche vermöchte ja ihren Anblick nicht zu ertragen. Meine Belehrung sei dir genug, damit du in allem nach meinem Befehl handelst und als Schülerin nach Maßgabe deiner Kräfte mir nachfolgest. Trachte auch, diese Belehrungen deinen Nonnen einzuprägen und dieselben zu deren Befolgung zu ermuntern.

442. Meine gütigste Herrin und Königin, mit der größten Freude der Seele vernehme ich deine süßesten Worte, die voll Geist und Leben sind; und ich wünsche sie mit der Gnade deines heiligsten Sohnes, um deren Erlangung ich dich anflehe, in das Innerste meines Herzens einzuschreiben. Willst du es mir aber erlauben, so will ich in deiner Gegenwart reden, wie eine unwissende Schülerin vor ihrer Herrin und Meisterin. Damit ich meine vier Ordensgelübde dem Befehl deiner Majestät und meiner Verpflichtung gemäß erfülle, so bitte ich, obwohl ich so unwürdig und lau bin, dass du, o meine Mutter und Lehrmeisterin, mir eine weitläufigere Unterweisung erteilest, die mir als Richtschnur und Anleitung bei Ausübung dieser Pflicht und bei Ausführung des Verlangens diene, das du meiner Seele eingeflößt hast.

DRITTES HAUPTSTÜCK: Lehre Mariä über die heiligen Ordensgelübde

Lehre der Himmelskönigin über meine vier Ordensgelübde.

443. Meine Tochter und Freundin, ich will dir die erbetene Unterweisung, die du zu befolgen verlangst, nicht versagen: nimm sie aber mit Hochachtung, mit andächtigem Herzen und mit der Bereitwilligkeit an, darnach zu handeln. Der Weise spricht: «Mein Sohn, bist du Bürge geworden für deinen Freund, hast du einem Fremden deine Hand gegeben, so bist du durch deines Mundes Worte gebunden und gefangen durch die eigenen Reden (Spr 6,1.2).» Gemäß dieser Wahrheit hat der, welcher Gott etwas gelobt hat, die Hand seines eigenen Willens angenagelt, so dass er nicht mehr nach freier Wahl, sondern nur nach dem Willen und Wohlgefallen dessen handeln darf, gegen den er sich durch seinen eigenen Mund und die Worte seiner Profess verpflichtet hat. Vor seiner Gelübdeablegung stand ihm die Wahl seines Weges frei; hat aber eine Ordensperson sich einmal durch die Gelübde gebunden und verpfändet, dann muss sie wissen, dass sie ihre Freiheit gänzlich verloren und sich vollkommen Gott in der Person ihres Obern übergeben hat. Das ganze Heil oder das Verderben der Seelen hängt von dem Gebrauch ihrer Freiheit ab; weil aber die meisten dieselbe missbrauchen und sich dadurch ins Verderben stürzen, hat der Allerhöchste die Ordensstände eingesetzt und ihnen mittels der Gelübde Festigkeit verliehen, damit die Kreatur ein für allemal von ihrer Freiheit nach vollkommener und kluger Wahl Gebrauch mache und der göttlichen Majestät in jenem einen Akte das weihe, was sie durch mehrere verlieren würde, falls sie die Freiheit hätte, zu wollen oder nicht zu wollen.

444. Durch diese Gelübde wird in glücklicher Weise die Freiheit für das Böse verloren und für das Gute befestigt und gesichert; denn sie sind gleichsam ein Zaun, der von Gefahren zurückhält und auf den ebenen und sicheren Weg führt. Es entgeht die Seele dem Sklavenjoch ihrer Leidenschaften und erlangt über dieselben eine neue Herrschaft wie eine Herrin und Königin über den ihr unterworfenen Staat. Sie bleibt nur mehr der Gnade und den Anregungen des Heiligen Geistes unterworfen, der sie, wenn sie anders gänzlich seinem Willen sich unterwirft, bei allen ihren Verrichtungen leitet, damit sie nach ihren Gott gemachten Versprechen handle. Dadurch erhebt sich die Kreatur aus dem Stand und der Lage einer Dienerin zur Würde einer Tochter des Allerhöchsten und von dem irdischen Stand in den englischen. Die Fehler ihrer Gebrechlichkeit sowie die Strafen der Sünde berühren sie nicht mehr. Unmöglich kannst du im sterblichen Leben verstehen und begreifen, wie viele und große Güter und Schätze die Seele sich sammelt, welche aus allen Kräften ihre Ordensgelübde vollkommen zu beobachten sich bemüht. Darum versichere ich dich, meine teuerste Tochter, dass vollkommene und observante Ordenspersonen das Verdienst der Martyrer, ja selbst ein noch höheres zu erlangen vermögen.

445. Du, meine Tochter, hast den glücklichen Anfang dieser so großen Güter an jenem Tag erlangt, wo du den besten Teil erwählt hast. Aber bedenke wohl, dass du dich gegen einen ewigen, allmächtigen Gott verpflichtet hast, dem auch das Verborgenste des Herzens offenbar ist. Und wenn es eine so abscheuliche und schon von der natürlichen Vernunft verurteilte Sache ist, einen irdischen Menschen zu täuschen und gerechte Versprechen nicht zu halten, was muss es erst um die Untreue gegen Gott in den gerechtesten und heiligsten Versprechungen für eine schwere Sache sein? Als deinem Schöpfer, Erhalter und Wohltäter schuldest du ihm Dankbarkeit, als deinem Vater kindliche Ehrfurcht, als deinem Bräutigam Treue, als deinem Freunde wohlwollendes Entgegenkommen, als dem Wahrhaftigen und Getreuen Glauben und Hoffnung, als dem höchsten und ewigen Gute Liebe, als dem Allmächtigen Unterwürfigkeit und als dem gerechtesten Richter demütige und heilige Furcht. Du würdest also gegen diese und viele andere Verpflichtungsgründe fehlen und treulos handeln, wolltest du nachlässig sein und die bei der Profess gemachten Versprechungen nicht halten. Und ist es für alle Nonnen wegen ihrer Verpflichtungen zu einem geistlichen Lebenswandel eine ganz entsetzliche Sache, Bräute Christi zu heißen und Glieder und Dienerinnen des Teufels zu sein, so wäre das bei dir noch abscheulicher. Denn du hast mehr als alle anderen empfangen, du musst deshalb auch die anderen an Liebe, Eifer und Dankbarkeit für solch unvergleichliche Gnaden und Wohltaten übertreffen (Die Worte «Du hast mehr als alle anderen empfangen» sind, wie P. Samaniĕgo des weiteren erklärt [Adnot. 28. ad I. Part.], nicht so zu verstehen, als hätte die ehrwürdige Maria von Jesus überhaupt mehr Gnaden empfangen als alle anderen Heiligen, sondern sie sind in dem Sinn aufzufassen, in welchem die heilige Kirche von einzelnen heiligen Bekennern sagt: «Keiner ist ihm ähnlich befunden worden.» Jeder Heilige hat nämlich besondere Gnaden, welche andere Heilige gar nicht oder nicht in gleichem Grade empfangen haben. Dass übrigens die Ehrwürdige eine der begnadigsten Seelen war, wird wohl jeder erkennen, der ihr Leben aufmerksam liest. Joseph Görres sagt: «Maria von Agreda hatte es zu einer inneren Klarheit, Reinheit und Höhe gebracht, die kaum irgendwo übertroffen wurden.» Der Herausgeber).

446. Merke also wohl, o Seele, wie verabscheuungswürdig dich eine solche Schuld machen würde vor dem Herrn, vor mir, vor den Engeln und Heiligen, die wir alle Zeugen sind von der Liebe und Treue dieses reichen, wohlwollenden und freigebigen Bräutigams gegen dich. Sei darum mit aller Sorgfalt bedacht, ihn niemals weder im Großen noch im Kleinen zu beleidigen, und zwinge ihn ja nicht, dich den wilden Tieren, d. i. den bösen Leidenschaften, zu überlassen. Denn du musst wohl wissen, dass dieses für dich ein größeres Unglück und eine größere Strafe wäre, als wenn er dich der Wut der Elemente und aller wilden und reissenden Tiere, ja selbst der Teufel überließe, damit alle miteinander ihre Bosheit an dir auslassen und die ganze Welt alle erdenklichen Qualen und Widerwärtigkeiten gegen dich anwende. Alles dieses würde dir weniger schaden als die Beleidigung Gottes durch eine einzige lässliche Sünde. Denn du bist in allem und durch alles ihm zu dienen und ihn zu lieben verbunden. Jedwede Strafe dieses Lebens ist geringer als die Schuld; denn jene wird mit diesem sterblichen Leben endigen, die Schuld aber kann ewig bleiben und mit ihr auch die Strafe und Züchtigung.

447. In diesem Leben haben die Menschen große Furcht und Angst vor jeglicher Strafe und Trübsal, weil sie dieselben vor Augen haben und gleichsam mit Händen greifen; die Sünde aber kümmert und schreckt sie nicht. Denn ganz in das Sichtbare verstrickt, schauen sie nicht auf das, was unmittelbar auf die Sünde folgt, nämlich auf die ewige Strafe der Hölle. Und obwohl diese in der Sünde selber eingeschlossen und mit ihr verbunden ist, so ist doch das menschliche Herz so schwerfällig und träge, dass es sich mit der Sünde berauscht und die Strafe nicht achtet, weil es die Hölle nicht mit den Sinnen wahrnimmt. Wohl könnte der Mensch mittels des Glaubens die Hölle sehen und gleichsam mit Händen greifen; aber er lässt den Glauben untätig und tot, als ob er gar keinen hätte. O überaus unselige Verblendung der Menschen! O Trägheit und Nachlässigkeit, welche so viele Seelen, die mit Vernunft begabt und einer ewigen Seligkeit fähig sind, so schmählich unterdrücken ! Es gibt keine Worte, keine Ausdrücke, welche hinreichend wären, eine so schaudervolle, entsetzliche Gefahr nach Gebühr zu schildern. Meide und fliehe darum, meine Tochter, mit heiliger Furcht einen so unglücklichen Zustand und ertrage lieber alle Mühen und Martern dieses flüchtigen Lebens, als dass du dich einer solchen Gefahr näherst; denn an nichts wird es dir mangeln, wenn du nur Gott nicht verlierst. Ein sehr kräftiges Mittel aber zur Bestärkung im Guten wird es für dich sein, wenn du vor Augen hast, dass an dir und deinem Stand kein Fehler gering ist. Auch vor dem kleinen musst du große Furcht haben; es weiß ja der Allerhöchste, dass das Geschöpf durch die Nichtbeachtung der geringen Fehler anderen und größeren den Weg zu seinem Herzen öffnet. Auch ist eine Liebe nicht preiswürdig, wenn sie nicht mit Sorgfalt es vermeidet, der geliebten Person irgendwie zu missfallen.

448. Die Ordnung, welche die Ordenspersonen bei Ausführung ihrer Vorsätze einhalten sollen, ist folgende: Vor allem sollen sie in Beobachtung der Gelübde und in Übung aller darin enthaltenen Tugenden sorgfältig und pünktlich sein. Die zweite Stelle nehmen die freiwilligen Werke oder die sogenannten Werke der Übergebühr ein. Diese Ordnung pflegen manche Seelen zu verkehren; mit einem unklugen Eifer im Streber nach Vollkommenheit vom Teufel getäuscht, begehen sie durch Vernachlässigung ihrer Standespflichten schwere Sünden, während sie freiwillige Werke und Beschäftigungen hinzufügen wollen, welche gewöhnlich nur unbedeutend oder unnütz sind und dem Geist des Hochmutes oder der Sonderbarkeit entspringen. Denn sie wollen bewundert und als besonders eifrig und vollkommen unter allen angesehen werden, während sie sogar vom Anfang der Vollkommenheit noch sehr weit entfernt sind. Ich will nicht, meine Tochter, dass du einem solchen Fehler verfallest; ich fordere vielmehr, dass du an erster Stelle deine Gelübde und das gemeinschaftliche Leben beobachtest und dann erst beifügest, was du mit der Gnade Gottes und nach deinen Kräften darüber noch vermagst; denn beides zusammen schmückt und vervollkommnet die Seele und macht sie wohlgefällig in Gottes Augen.

449. Das Gelübde des Gehorsams ist das vorzüglichste unter den Ordensgelübden; denn es schließt eine vollkommene Entsagung und Verleugnung des eigenen Willens in sich, dergestalt, dass einer Ordensperson keinerlei Gewalt oder Recht mehr über sich selbst bleibt, um zu sagen: «Ich will, oder ich will nicht; ich werde es tun, oder ich werde es nicht tun.» Alles dessen hat sie sich durch das Gelübde des Gehorsams beraubt und begeben und hat alles in die Hände ihres Obern niedergelegt. Und willst du diesem nachkommen, so darfst du nicht auf deine eigene Weisheit bauen und dich als die Herrin deiner Neigungen, deines Willens und deines Verstandes betrachten. Denn der wahre Gehorsam muss aus der Wurzel des Glaubens hervorgehen; und das vom Obern Befohlene soll man ehrerbietig annehmen und glauben, ohne sich anzumaßen, es untersuchen oder verstehen zu wollen. Du musst demnach, willst du gehorsam sein, dich so betrachten, als ob du ohne Vernunft, Leben und Urteil, ja ein entseelter Leichnam wärst, den man beliebig bewegen und behandeln kann, und als ob du nur lebest, um schnell in allem den Willen des Obern zu vollziehen. Niemals denke bei dir selbst hin und her, was du etwa tun sollst, denke vielmehr nur daran, wie du dasjenige ausführst, was dir befohlen worden ist. Bringe deinen eigenen Willen zum Opfer und schlage allen deinen Begierden und Leidenschaften den Kopf ab. Und bist du durch diesen wirksamen Entschluss deinen Neigungen abgestorben, so lasse den Gehorsam die Seele und das Leben deiner Werke sein. Den Willen deines Obern musst du auch als den deinigen mit allen deinen Regungen, Worten und Werken anschauen. Bei allem verlange, dass dein eigenes Ich dir entrissen werde und ein anderes, ein neues an seine Stelle komme, so dass nichts mehr dein sei, sondern alles nach dem Gehorsam ohne irgendeine Widerrede oder eine Widersetzlichkeit geschehe.

450. Die vollkommenste Art und Weise zu gehorchen merke es dir wohl - besteht in der Sorge, dass der Obere kein Widerstreben wahrnehme, das ihn betrüben müsste. Man schuldet ihm ja einen solchen Gehorsam, der ihn befriedigt und ihm beweist, dass man mit Bereitwilligkeit, ohne ein Wort des Widerspruches oder Murrens oder andere Zeichen der Unzufriedenheit gehorche. Der Obere vertritt die Stelle Gottes, und wer den Vorgesetzten gehorcht, der gehorcht Gott selber, der in ihnen ist, sie leitet und in dem erleuchtet, was sie den Untergebenen zum Wohl und Heile ihrer Seelen befehlen. Ebenso fällt auch die Verachtung gegen den Vorgesetzten auf Gott zurück, welcher durch denselben und in demselben dir seine Anordnungen gibt und seinen Willen offenbart. Und du musst wissen, dass der Herr selber ihre Zunge bewegt oder dass ihre Zunge die Zunge des Allmächtigen selber ist. Sei darum, meine Tochter, auf den Gehorsam eifrig bedacht; dann wirst du von Siegen reden (Spr 21, 28). Fürchte nichts beim Gehorsam; denn er ist der sichere Weg, und zwar in dem Grad, dass Gott die Fehler der Gehorsamen nicht in seinem Gedächtnis bewahrt für den Tag der Rechenschaft, sondern vielmehr um dieses einzigen Opfers des Gehorsams willen auch ihre übrigen Sünden verzeiht. Auch hat mein heiligster Sohn dem ewigen Vater sein kostbares Leiden und seinen Tod mit besonderer Liebe für die Gehorsamen aufgeopfert, damit sie durch diese Tugend eine vollkommene Verzeihung und größere Gnaden erhalten und bei allem, was sie aus Gehorsam unternehmen, zum vorgesteckten Ziel und zur Vollkommenheit gelangen. Und damit er seinen Vater zur Versöhnung gegen die Menschen bewege, stellt er ihm auch jetzt noch öfter vor, wie er für sie gehorsam geworden ist bis zum Tod am Kreuze (Phil 2, 8), und dadurch wird der Herr besänftigt. Und weil ihm der Gehorsam Abrahams und seines Sohnes Isaak so wohlgefällig war (Gen 22,16 ff), so hielt er sich für verpflichtet, nicht bloß seinen so gehorsamen Sohn dem Tod zu entreissen, sondern ihn auch zum Ahnherrn seines menschgewordenen Sohnes zu machen und aus allen anderen zum Haupt und Fundament so großer Segnungen zu erwählen.

451. Das Gelübde der Armut ist eine großmütige Entsagung und Lostrennung von der schweren Last des Zeitlichen; es ist eine Erleichterung des Geistes, eine Erquickung der menschlichen Schwachheit und eine edle Freiheit des Herzens, welches ewiger und geistiger Güter fähig ist. Es ist eine Befriedigung und Sättigung, in welcher die nach irdischen Schätzen lechzende Begierlichkeit unterdrückt wird; es ist eine Herrschaft, ein Besitz und ein überaus edler Gebrauch von allen Reichtümern. Meine Tochter, alle diese und noch viel größere Güter schließt die freiwillige Armut in sich. Aber die Kinder der Welt, die Liebhaber des Reichtums und die Feinde der reichen und heiligen Armut, wissen von all diesem nichts, weil sie dessen entbehren. So sehr sie auch darunter seufzen und gequält werden, so bemerken sie doch das schwere Joch der Reichtümer nicht, das sie bis auf den Boden, ja sogar bis in die Eingeweide der Erde niederdrückt, um dort Gold und Silber mit Sorgen, Nachtwachen, Mühen und Schweiß auszugraben, wie sie nicht für vernünftige Menschen, sondern nur für vernunftlose Tiere passen, die nicht wissen, was sie tun und was sie leiden. Und wenn sodann die Reichtümer schon solche Beschwerden verursachen, noch bevor man sie besitzt, um wie viel mehr werden sie erst drücken, wenn man sie einmal aufgehäuft hat? Mögen jene dieses beantworten, welche diese Last bis in die Hölle hinabgedrückt hat; mögen die unaufhörlichen Sorgen es sagen, welche mit deren Bewahrung verbunden sind, und namentlich jene unerträglichen Gesetze, welche der Reichtum und seine Besitzer in dieser Welt eingeführt haben.

452. Wenn alles dieses den Geist erstickt, seine Schwachheit tyrannisch unterdrückt und die so edle Empfänglichkeit der Seele für die ewigen Güter und für Gott selber entehrt, so ist es gewiss, dass die freiwillige Armut es ist, welche die Kreatur widerum zu ihrem erhabenen Rang erhebt, sie aus ihrer so schmählichen Sklaverei befreit und in die edle Freiheit versetzt, in der sie zur Herrin aller Dinge geschaffen worden ist. Niemals ist sie vollkommener Herrin über diese, als wenn sie dieselben verachtet; und sie übt dann das vollkommenste Eigentumsrecht und macht den edelsten Gebrauch von ihren Reichtümern, wenn sie dieselben verteilt oder freiwillig verlässt. Vollkommen gesättigt ist ihr Verlangen aber dann, wenn sie sich freut, nichts zu besitzen. Noch mehr. Durch eine solche Losschälung bleibt das Herz des Menschen fähig und weit genug, dass der Herr die Schätze seiner Gottheit in ihm niederlege, für welche es von Gott mit einer gleichsam unendlichen Fassungskraft erschaffen worden ist.

453. Meine Tochter, ich wünsche, dass du dich mit allem Fleiß auf das Studium dieser heiligen Philosophie, dieser göttlichen Wissenschaft verlegst, einer Wissenschaft, welche von der Welt, und nicht bloß von der Welt, sondern sogar von vielen gottgeweihten und durch Gelübde dazu verbundenen Personen ganz und gar vergessen ist. Groß ist der Zorn Gottes über ein solches Vergehen, und schwere Strafe trifft dafür alsbald solche Seelen. Freilich beachten die Übertreter dieses Gelübdes diese Strafe nicht, weil sie mit Verwerfung der freiwilligen Armut den Geist Christi, meines heiligsten Sohnes, von sich entfernt und jene Lehren verworfen haben, welche er und ich in Armut und Not den Menschen verkündigt haben. Wenn sie aber auch jetzt, da der gerechte Richter noch Nachsicht trägt und sie selbst des erwünschten Überflusses sich erfreuen, die Strafe nicht fühlen, so werden sie doch am Tag der ihnen bevorstehenden Rechenschaft sich beschämt sehen und die richtige Vorstellung bekommen von der Strenge der göttlichen Gerechtigkeit, die sie hienieden nicht bedacht, nicht erwogen und nicht beherzigt haben.

454. Die zeitlichen Güter hat der Allerhöchste dazu erschaffen, damit sie den Menschen einzig und allein zum Lebensunterhalt dienen; ist dieser Zweck erreicht, so ist kein Grund für ihre Notwendigkeit mehr vorhanden. Und weil das Leben begrenzt, schnell vorüber und zur Fristung desselben wenig erfordert ist, während die Seele bleibt und ewig lebt, so ist es unvernünftig, wenn die Menschen für die Seele nur zeitweilig und wie im Vorbeigehen sorgen, das Verlangen aber und die Sorge um Anhäufung der Reichtümer beständig und ewig unterhalten. Höchst verkehrt ist es, wenn der Mensch bei Dingen, die so weit voneinander abstehen und wo es sich um so vieles handelt, die Ziele und die Mittel verwechselt, wenn er in seiner Unwissenheit dem kurzen und höchst unsicheren Leben seines Leibes alle Zeit, alle Sorge, die Anstrengung aller seiner Kräfte und die ganze Sorgfalt seines Geistes zuwendet, seiner armen Seele aber in vielen Jahren seines Lebens nichts weiter schenken will als ein Stündlein, und zwar oftmals nur das letzte und schlechteste seines Lebens.

455. Ziehe darum, meine teuerste Tochter, aus dem wahren Licht und der von Gott dir verliehenen Erkenntnis dieses so verderblichen Irrtums für dich Nutzen. Lege jede Neigung zu irgendeiner irdischen Sache ab. Auch unter dem Vorwand und Scheingrunde der Not und Armut deiner Ordensgemeinde darfst du dich nicht mit einer unordentlichen Sorge für das zum Lebensunterhalt Erforderliche quälen. Und verwendest du auch nach Schuldigkeit eine mäßige Sorge darauf, so geschehe es doch so, dass du, falls das Gewünschte mangelt, den Frieden nicht verlierest und nicht mit sorgender Unruhe es wünschest, sollte es auch den Anschein haben, als gereiche es zur Ehre Gottes. Du wirst ihn ja um so weniger lieben, je mehr du anderes neben ihm lieben willst. Dem Zuviel musst du entsagen, weil es überflüssig ist und du desselben nicht bedarfst; dasselbe nutzlos behalten, wäre Sünde. Das Wenige aber muss man auch wenig schätzen; denn es wäre eine noch größere Verirrung, das Herz mit dem zu beschweren, was nichts wert und dennoch ein Hindernis ist. Wenn du alles, was dir nach deinem menschlichen Ermessen notwendig ist, erlangst, so bist du nicht wahrhaft arm; denn die Armut, im strengen und eigentlichen Sinne genommen, besteht darin, dass man nicht einmal das Notwendige hat; und nur jener wird reich genannt, dem nichts mangelt. Denn Überfluss haben bereitet mehr Unruhe und verwirrt den Geist, und Überflüssiges verlangen und aufbewahren, ohne es zu gebrauchen, das ist eine Armut ohne Ruhe und Frieden.

456. Ich verlange von dir diese Freiheit des Geistes, so dass du an nichts eine Anhänglichkeit bewahrest, mag es nun klein oder groß, überflüssig oder notwendig sein. Von dem zur Erhaltung des menschlichen Lebens Notwendigen sollst du nur so viel gebrauchen, als gerade hinreicht, um das Leben und die Wohlanständigkeit zu bewahren. Zur Kleidung soll dir das Geringste und Abgetragenste dienen; zur Nahrung ganz gewöhnliche Gerichte, ohne dass du Verlangen trägst nach ausgesuchten Dingen. Suche nur das, was mehr fad und minder schmackhaft ist, und wünsche für dich eher zu erhalten, was deinem Gaumen nicht entspricht, und zu entbehren, wonach ihn gelüstet; und tue in allem das Vollkommenste.

457. Das Gelübde der Keuschheit begreift die Reinheit der Seele und des Leibes in sich. Es ist leicht, sie zu verlieren; dagegen ist es sehr schwer, und nach Umständen sogar unmöglich, sie wiederherzustellen. Dieser überaus kostbare Schatz ist in einer mit zahlreichen Toren und Fenstern versehenen Burg aufbewahrt und schwebt darum in großer Gefahr, wenn diese nicht gut bewacht und verteidigt werden. Willst du, meine Tochter, dieses Gelübde vollkommen beobachten, so musst du notwendig mit deinen Sinnen einen unverletzlichen Vertrag schließen, dass du dich ihrer nur bedienest, insoweit es die Vernunft und die Ehre des Schöpfers erfordern. Hast du deine Sinne abgetötet, so ist der Sieg über deine Feinde leicht, weil diese nur durch die Sinne über dich Herr zu werden vermögen.

Denn keine Gedanken können da aufsteigen und erwachen, wo keine durch die äußeren Sinne hervorgebrachten Bilder und Vorstellungen Eingang finden. Keine menschliche Person, wer es auch sei, Mann oder Frau, sollst du berühren oder anschauen noch auch mit ihr sprechen, damit nicht Vorstellungen oder Bilder davon in deine Phantasie kommen. Von dieser Vorsichtsmaßregel, deren Beobachtung ich dir zur strengen Pflicht mache, hängt die Bewahrung dieser Reinheit ab, die ich von dir verlange. Und musst du aus Liebe oder Gehorsam sprechen, denn nur aus diesen zwei Gründen sollst du mit Geschöpfen verkehren, so soll es mit allem Ernste, mit aller Bescheidenheit und Zurückhaltung geschehen.

458. Für deine eigene Person lebe so, als ob du der Welt fremd wärst und ihr gar nicht angehörtest. Sei arm, abgetötet, geduldig und zufrieden bei allen zeitlichen Drangsalen, ohne nach Erholung oder Annehmlichkeit zu verlangen; betrachte dich wie eine, die von Heimat und Vaterland verstoßen und zur Arbeit und zum Kampf gegen mächtige Feinde gedungen ist. Und weil unter diesen das Fleisch der heftigste und gefährlichste ist, so musst du deinen natürlichen Neigungen und in denselben den Versuchungen des Teufels stets sorgfältig widerstehen. Erhebe dich über dich selber und richte dir eine über alles Irdische weit erhabene Wohnung ein, damit du unter dem Schatten desjenigen wohnest (Hld 2, 3), nach welchem du verlangst und unter seinem Schutze Ruhe und wahren Frieden genießest. Übergib dich aus ganzem Herzen und aus allen Kräften seiner keuschen und heiligen Liebe und stelle dir vor, es gebe für dich gar keine Geschöpfe außer nur insoweit, als sie dich unterstützen und antreiben, deinen Herrn zu lieben und ihm zu dienen; in jeder anderen Hinsicht müssen sie dir ein Gegenstand des Abscheues sein.

459. Obwohl derjenigen, welche sich eine Braut Christi nennt und durch ihre Profess es wirklich ist, keine Tugend mangeln darf, so steht ihr doch die Keuschheit am meisten an und macht sie ihrem Bräutigam ähnlich. Denn diese macht sie geistlich, entzieht sie dem irdischen Verderben und erhebt sie zu einem englischen Stand, ja gewissermaßen zur Teilnahme an der göttlichen Natur. Sie ist eine Tugend, welche allen andern Schmuck verleiht, den Körper in einen höheren Zustand erhebt, den Verstand erleuchtet und die Seelen in ihrem über alles Verwesliche erhabenen Adel erhält. Und weil diese Tugend eine besondere Frucht der Erlösung ist, die mein Sohn am Kreuze, wo er die Sünden der Welt hinwegnahm, verdient hat, so heißt es deshalb besonders von den Jungfrauen, dass sie das Lamm begleiten und ihm folgen (Offb 14, 4).

460. Das Gelübde der Klausur ist die Schutzmauer der Keuschheit und aller Tugenden, die Einfassung, wodurch sie in ihrem Glanz erhalten werden, und ein Privilegium des Himmels, wodurch die gottgeweihten Bräute Jesu Christi von dem schweren und gefährlichen Tribut ausgenommen werden, welchen die Freiheit der Welt an den Fürsten ihrer Eitelkeiten entrichtet. Durch dieses Gelübde leben die Jungfrauen in einem ganz sicheren Hafen, während die anderen Seelen von gefahrvollen Stürmen herumgeworfen werden und jeden Augenblick Gefahr laufen, zugrunde zu gehen. In Anbetracht so großer Vorteile ist die Klausur wahrhaftig kein enger Ort; denn in ihr eröffnen sich der Ordensperson die weiten Gefilde der Tugenden, der Erkenntnis Gottes, seiner unendlichen Vollkommenheiten sowie der Geheimnisse und Wunderwerke, die er für die Menschen vollbracht hat und immer noch vollbringt. Auf diesen ausgedehnten Gefilden, auf diesen weiten Räumen darf und muss man lustwandeln und sich erholen, und nur dann, wenn man dies nicht tut, erscheint die höchste Freiheit als ein enges Gefängnis. Für dich, meine Tochter, gibt es keinen anderen Spielraum mehr; ich will nicht, dass du dich auf ein so enges Gebiet einschränkst, wie die ganze Welt es ist. Steig empor in die Höhe der Erkenntnis und der Liebe Gottes. Dort sind keine Grenzen und Schranken, welche dich einengen. Dort lebst du in den weiten Räumen der Freiheit. Von dort aus wirst du auch sehen, wie alles Erschaffene viel zu beschränkt, zu gemein und verächtlich ist, als dass deine Seele sich darin erweitern könnte.

461. Mit dieser strengen Klausur des Leibes musst du auch die deiner Sinne verbinden, um dadurch, wie durch ebenso viele vorhergehenden Werke, deine innere Reinheit und in dieser das Feuer des Heiligtums (Lev 6, 12) zu bewahren, welches du beständig unterhalten und niemals erlöschen lassen sollst. Und um die Sinne besser zu bewahren und Nutzen aus der Klausur zu ziehen, nähere dich niemals der Pforte noch dem Sprechzimmer, noch den Fenstern, ja denke nicht einmal daran, dass das Kloster solche habe, es sei denn, dass dein Amt oder der Gehorsam etwas anderes verlangt. Verlange nichts, denn du wirst es ja doch nicht erhalten; und bemühe dich nicht um das, was du nicht verlangen darfst. In der Zurückgezogenheit, Abgeschlossenheit und Behutsamkeit wirst du Glück und Frieden finden; dort wirst du mir Freude machen und als reichliche Frucht und Belohnung jene Liebe und Gnade verdienen, nach der du verlangst.

VIERTES HAUPTSTÜCK: Gehorsam Mariä im Tempel

Von der Vollkommenheit, womit die allerseligste Jungfrau Maria die Gebräuche des Tempels beobachtete, und von den Übungen, welche ihr vorgeschrieben wurden.

462. Um wieder auf unsere heilige Geschichte zu kommen, so begann das heiligste Kind, nachdem es durch seine Gegenwart und seinen Aufenthalt den Tempel geheiligt hatte, in voller Wahrheit an Weisheit und Gnade vor Gott und den Menschen zu wachsen. Die mir mitgeteilte Erkenntnis dessen, was die mächtige Hand Gottes an dieser himmlischen Fürstin während jener Jahre wirkte, versetzte mich ans Ufer eines ganz ungeheuren und grenzenlosen Meeres, so dass ich voll Erstaunen nicht weiß, an welcher Stelle ich mich auf diesen unermesslichen Ozean hinauswagen soll, um das Ziel zu erreichen. Vieles muss ich notwendig übergehen, und mit wenigem das vorgesteckte Ziel zu erreichen, ist schwer. Ich werde also anführen, was mir Gott bei einer gewissen Gelegenheit in folgender Ansprache erklärte.

463. «Die Werke, welche die künftige Mutter des menschgewordenen Wortes im Tempel verrichtete, waren in jeder Beziehung höchst vollkommen, und kein menschlicher oder englischer Verstand vermag sie gehörig zu fassen. Die Akte der innerlichen Tugenden waren so groß, so verdienstlich und feurig, dass sie selbst alle Akte der Seraphim übertrafen. Und du,o Seele, wirst dieselben eher mit dem Verstand erkennen als durch deine Worte und deine Sprache zu beschreiben vermögen. Aber ich will, dass du während der Zeit deiner Wanderschaft im sterblichen Leib die allerseligste Jungfrau Maria zum Anfang deiner Freude machest (Ps 137, 6) und ihr durch die Wüste der Entsagung und Verschmähung aller irdischen und sichtbaren Dinge nachfolgest. Folge ihr nach, indem du nach deinen Kräften und dem empfangenen Licht sie nachahmst; sie wird deine Führerin und Lehrerin sein und dir meinen Willen kundmachen. In ihr wirst du mein heiligstes Gesetz, über das du Tag und Nacht betrachten sollst, von meiner mächtigen Hand geschrieben finden. Durch ihre Vermittlung wird sie an den Felsen der Menschheit Christi schlagen (Num 20,11), damit in dieser Wüste die Wasserströme der göttlichen Gnade und des Lichtes sich auf dich ergießen und dadurch dein Durst gelöscht, dein Verstand erleuchtet und dein Wille entflammt werde. Sie wird eine Feuersäule sein, welche dir zur Leuchte dient, und eine Wolke, welche dir bei der Hitze deiner Leidenschaften und der Wut deiner Feinde Schatten und Erfrischung gewährt (Ex 13, 21). In ihr wirst du einen Engel zum Wegweiser haben (Ex 23, 20), der dich weit von den Gefahren Babyions und Sodoms wegführt, so dass dich meine Strafgerichte nicht treffen. Du wirst an ihr eine liebevolle Mutter und eine tröstende Freundin und eine leitende Herrin und hilfreiche Beschützerin, aber auch eine Königin finden, der du wie eine Dienerin dienen und gehorchen musst. In den Tugenden, welche diese Mutter meines eingebornen Sohnes im Tempel übte, wirst du ein allgemeines Vorbild jener ganz hohen Vollkommenheit haben, wonach du dein Leben einrichten sollst, sowie einen makellosen Spiegel, woraus das lebendige Abbild des menschgewordenen Wortes hervorleuchtet und ein vollkommen getreues Abbild seiner Heiligkeit. Du erblickst an ihr die Schönheit der Jungfräulichkeit, den Glanz der Demut, die Bereitwilligkeit der Andacht und des Gehorsams, die Festigkeit des Glaubens, die Sicherheit der Hoffnung, den Feuereifer der Liebe und den vollkommensten Inbegriff aller Wunderwerke meiner Rechten. Nach dieser Richtschnur sollst du dein Leben einrichten und mittels dieses Spiegels durch Wachstum an Anmut und Gnade dasselbe ordnen und dich gleich einer Braut schmücken, die nach dem Eintritt in das Brautgemach ihres Bräutigams sich sehnt.»

464. «Und wenn der Adel und die Tüchtigkeit des Lehrers dem Schüler zum Eifer dienen muss und der Lehre selber mehr Anziehungskraft verleiht, was vermöchte dich da wohl noch mit größerer Gewalt anzuziehen als gerade diese Lehrmeisterin, die Mutter deines Bräutigams, sie, die als die Reinste, Heiligste, von jedem Sündenmakel Freie auserwählt ist, als jungfräuliche Mutter den Eingebornen des ewigen Vaters, den wesenhaften Abglanz seiner Gottheit, zu gebären? Höre darum auf eine so erhabene Meisterin, tritt treu und eifrig in ihre Fußstapfen und betrachte ohne Unterlass ihre wunderbaren Vorzüge und Tugenden. Und merke wohl, dass ihr Leben und Wandel im Tempel das Hauptvorbild gewesen ist, welches alle Seelen an sich nachbilden müssen, die nach ihrem Beispiele als Bräute sich Christus geweiht haben.» Dieses war die Erkenntnis und Belehrung, welche mir Gott im allgemeinen über die Tätigkeit der seligsten Jungfrau während ihres Verweilens im Tempel mitteilte.

465. Nun aber wollen wir auf die besonderen Beschäftigungen der seligsten Jungfrau etwas näher eingehen. Von jener im zweiten Hauptstück erwähnten Anschauung der Gottheit an, und nachdem sie sich Gott vollkommen geweiht, ihrer Meisterin aber alles, was sie besaß, übergeben hatte, wer sie schon vollkommen arm und ganz den Anordnungen des Gehorsams unterworfen. Unter dem Schleier dieser Tugenden verbarg sie die Schätze der Weisheit und Gnade, wodurch sie selbst die erhabensten Seraphim übertraf. Demütig bat sie den Priester und ihre Meisterin, ihr die Ordnung ihres Lebens und der ihr zukommenden Beschäftigungen vorschreiben zu wollen Mittels eines besonderen, ihnen von Gott verliehenen Lichtes berieten diese die Sache unter sich und fassten den Beschluss, die Übungen des heiligsten Kindes ihrem Alter von drei Jahren anzupassen. Hierauf ließen der Hohepriester und Anna es vor sich rufen. Die Königin warf sich vor ihnen auf die Knie nieder, um sie anzuhören, und bat, als man sie aufstehen hieß, mit der größten Bescheidenheit, dass sie unter einer solchen Ehrfurchtsbezeigung vor dem Diener und Priester des Allerhöchsten und ihrer Meisterin um ihres Amtes und ihrer Würde willen verharren dürfe.

466. Alsdann redete der Priester Maria also an: «Meine Tochter, schon als zartes Kind hat dich der Herr in sein Haus und in seinen heiligen Tempel geführt; darum erzeige dich dankbar für diese Gunst, suche Fortschritte zu machen und bemühe dich, wahrhaft und mit vollkommenem Herzen ihm zu dienen und alle Tugenden dir zu erwerben, damit du später, wenn du einmal diesen heiligen Ort verlassest, stark und kräftig seist, um die Mühseligkeiten der Welt zu ertragen und ihren Gefahren zu entgehen. Gehorche deiner Meisterin Anna und beuge dich schon frühzeitig unter das sanfte Joch der Jugend (Klgl 3, 27), damit dir dasselbe in der übrigen Zeit deines Lebens um so leichter werde.» Hierauf gab das heiligste Kind zur Antwort: «Du, o Herr, wirst als Priester und Diener des Allerhöchsten, dessen Stelle du vertrittst, zugleich mit meiner Meisterin mir befehlen und zeigen, was ich zu tun habe, damit ich nicht irregehe. Ich bitte euch darum und bin vom Wunsche beseelt, in allem nach eurem Willen zu handeln.»

467. Sowohl der Priester als die Meisterin Anna fühlten sich durch eine große innere Erleuchtung und göttliche Stärkung angetrieben, dem heiligsten Kind eine weit größere Sorgfalt als den anderen Jungfrauen zuzuwenden. Ohne sich von dem Geheimnis dieses innerlichen Antriebes Rechenschaft geben zu können, teilten sie sich gegenseitig ihre hohe Meinung von dem heiligsten Kind mit und beschlossen, mit besonderer Sorgfalt ihm zur Seite zu stehen und dessen Leitung zu führen. Da aber diese Leitung sich bloß auf die äußeren und sichtbaren Handlungen erstreckte, so konnten sie über die inneren Akte und die Anmutungen des Herzens, dessen Leitung Gott allein mittels seines besonderen Gnadenschutzes übernahm, nichts bestimmen. Darum behielt dieses reinste Herz der Himmelskönigin seine Freiheit und konnte so innerlich an Tugenden wachsen und zunehmen, ohne einen Augenblick zu verlieren, wo sie nicht überaus vollkommen und erhaben gehandelt hätte.

468. Hierauf wies ihr der Priester ihre Beschäftigungen an und sprach: «Meine Tochter, wohne dem Lob Gottes und den Preisgesängen zu Ehren des Herrn mit aller Ehrfurcht und Andacht bei und unterlasse niemals, dem Allerhöchsten die Anliegen seines heiligen Tempels und seines Volkes zu empfehlen und um die Ankunft des Messias zu beten. In der achten Stunde der Nacht begib dich zur Ruhe; bei der ersten Morgendämmerung aber stehe auf, um bis zur dritten Stunde - diese entspricht unserer neunten Stunde - zu beten und den Herrn zu preisen. Die Zeit von der dritten Stunde bis zur Vesper verwende auf irgendeine Handarbeit, damit du in allem unterrichtet werdest. Bei der Mahlzeit, welche du nach der Arbeit einnehmen wirst, beobachte die geziemende Mäßigkeit, alsdann höre den Unterricht deiner Meisterin, den Rest des Tages aber verwende auf die Lesung der heiligen Schriften. Bei allem zeige dich demütig, leutselig und gehorsam gegen die Anordnungen deiner Meisterin»(Siehe hierüber S. Bonav. Medit. de vita Jes. Cap. 3., wo nach dem heiligen Hieronymus fast dieselbe Tagesordnung angeführt wird. Der Übersetzer).

469. Immer noch kniend hörte das heiligste Kind den Priester an, bat um seinen Segen, küsste ihm und der Meisterin die Hand und nahm sich im Herzen fest vor, die bezeichnete Lebensordnung während der ganzen Dauer seines Aufenthaltes im Tempel genau zu beobachten, wenn ihm nicht etwas anderes befohlen würde. Und diesem ihrem Vorsatz gemäß handelte sie auch, sie, die Lehrerin der Heiligkeit und Tugend, und zwar gerade so, als wäre sie die letzte Schülerin gewesen. Freilich verlangten ihre Wünsche und ihre so feurige Liebe noch weit mehr äußere Werke als die vorgeschriebenen; allein sie unterwarf sich dem Diener des Herrn, indem sie so das Opfer eines vollkommenen und heiligen Gehorsams dem eigenen Eifer und Verlangen vorzog. Sie wusste ja als die Lehrmeisterin der ganzen Vollkommenheit recht gut, dass man durch demütigen, unterwürfigen Gehorsam den Willen Gottes sicherer erfüllt als durch die erhabensten Begierden nach anderen Tugenden. Und alle Seelen, vorzüglich aber Ordenspersonen, können an diesem so seltenen Beispiele lernen, dass wir nicht unserem aufwallenden Eifer und unserer eigenen Ansicht mit Hintansetzung des Gehorsams und des Willens der Obern folgen sollen. Denn durch diese tut uns Gott seinen Willen und sein Wohlgefallen kund; in unseren Begierden aber folgen wir bloß unseren eigenen Einfällen. In den Obern wirkt Gott; in uns aber haben, wenn wir gegen ihren Willen handeln, die Versuchungen, die blinde Leidenschaft und die Täuschung die Oberhand.

470. Darin aber ging unsere Königin und Herrin über das Gebotene hinaus, dass sie ihre Meisterin bat, allen andern Jungfrauen dienen und die niedrigsten Verrichtungen, wie das Auskehren und Reinigen des Hauses und das Abwaschen des Geschirres, besorgen zu dürfen. Freilich mochte dieses als etwas Neues erscheinen, ganz besonders an den Erstgebornen, weil man diese mit größerer Auszeichnung und Achtung behandelte; aber dessen ungeachtet konnte die unvergleichliche Demut der himmlischen Fürstin nicht widerstehen und sich nicht in den Schranken ihrer Majestät zurückhalten, ohne zu den allerniedrigsten Verrichtungen sich herabzulassen. Sie unterzog sich demnach ihm mit so vorsichtiger Demut, dass sie die Zeit und Gelegenheit benützte, um andern, wenn sie derlei Verrichtungen vornehmen sollten, darin zuvorzukommen. Wegen der ihr eingegossenen Wissenschaft erkannte sie alle Geheimnisse und Gebräuche des Tempels, gleichwohl aber erlernte sie dieselben durch Unterricht und Übung gerade so, als ob sie gar nichts davon gewusst hätte; und niemals Iieß sie es an irgendeiner wenn auch noch so unbedeutenden Zeremonie oder Handlung fehlen. Ganz besonders eifrig war sie in Verdemütigung ihrer selbst und vollkommen ergeben bei Zurücksetzung. Täglich bat sie morgens und abends ihre Meisterin um den Segen, wobei sie derselben die Hand küsste. Das nämliche beobachtete sie auch, sooft ihr eine Übung der Demut aufgetragen oder Gelegenheit dazu geboten oder etwas Ähnliches zu tun war; ja bisweilen küsste sie ihrer Meisterin, wenn diese es zugab, aus tiefster Demut die Füße.

471. Die erhabene Fürstin war so gelehrig, so ruhig und sanft in ihren Handlungen, so dienstfertig, unterwürfig und besorgt, sich gegen die andern Jungfrauen demütig, bescheiden und ehrerbietig zu benehmen, dass sie alle Herzen für sich einnahm und dass sie denselben geradeso gehorchte, als ob jede von ihnen ihre Meisterin gewesen wäre. Und mit ihrer unbeschreiblichen himmlischen Klugheit ordnete sie alle ihre Handlungen in der Art, dass sie keine Gelegenheit zu irgendeiner niedrigen Handarbeit oder zu einer Gefälligkeit gegen ihre Genossinnen oder zur Erfüllung des göttlichen Willens vorbeigehen ließ.

472. Aber was soll ich ganz verächtliche Kreatur, was sollen wir Kinder der katholischen Kirche miteinander sagen, wenn wir dieses Beispiel der Demut beschreiben und erwägen? Bei uns gilt es schon als hohe Tugend, wenn der Untergebene dem Obern und der Niedrige dem Höheren dient, und als große Demut, wenn jemand dem Befehl eines ihm Gleichgestellten sich unterwerfen will. Aber wenn die Geringere befiehlt und die Höhere gehorcht, wenn die Königin sich einer Dienerin, die heiligste und vollkommenste Kreatur einem armen Wurm, die Herrin des Himmels und der Erde einer niedrigen Frau, und zwar mit so geradem und aufrichtigem Herzen unterwirft, wer sollte darüber nicht staunen und sich wegen seiner eitlen Selbstüberhebung nicht schämen? Wer könnte sich in diesem reinsten Spiegel beschauen, ohne seinen elenden Dünkel zu erkennen? Wer könnte sich einbilden, dass er die wahre Demut auch nur erkannt, geschweige denn geübt habe, wenn er dieselbe in ihrem eigentlichen Mittelpunkte, in der heiligsten Jungfrau sieht und betrachtet? O nahen wir uns, die wir unter dem durch ein Gelübde versprochenen Gehorsam leben, nahen wir uns doch diesem Licht, damit wir unsere Fehler erkennen und verbessern, wenn der Gehorsam gegen die Obern, die Stellvertreter Gottes, uns lästig und schwerfällt, sooft er unsern Launen nicht zusagt. Überwinden wir also unsere Widerspenstigkeit und unsere Aufgeblasenheit durch Demut und schämen wir uns unserer schmählichen Hoffart; und jene, die sich für gehorsam und demütig hält, weil sie etwa dem Obern manchmal nachgibt, möge ihre Anmaßung ablegen, weil sie noch nicht soweit gekommen ist, zu denken, dass sie die Geringste von allen und keiner einzigen gleich sei, ein Urteil, das doch diejenige über sich fällte, welche die Höchste von allen war.

473. Die Schönheit, Güte, Anmut und Liebenswürdigkeit unserer Königin war über allen Vergleich; sie hatte ja alle Vorzüge und natürlichen Gaben des Leibes und der Seele in ganz ausgezeichnetem Grad empfangen, und diese waren nicht allein, sondern es wirkte in denselben zugleich auch der Glanz der übernatürlichen und göttlichen Gnade. Und so entstand daraus eine wunderbare Vereinigung der Gnade und Schönheit in ihrem Wesen wie in ihren Handlungen. Dadurch gewann sie die Bewunderung und Zuneigung aller. Jedoch schränkte die göttliche Weisheit ihre Kundgebung ein, welche sich ihre Umgebung, entflammt vom Feuer der Liebe zu dieser erhabenen Königin, erlaubt hätte. Hinsichtlich der Nahrung und des Schlafes benahm sie sich, wie in allen andern Tugenden, ganz vollkommen. Die Mäßigkeit galt ihr als Richtschnur, und niemals ging sie darüber hinaus und konnte es auch nicht; ja sie entzog sich eher etwas von dem Notwendigen. Und obwohl der kurze Schlaf, den sie sich gönnte, ihre so erhabene Betrachtung nicht hinderte, wie wir schon (Oben Nr. 352) gesehen haben, so hätte sie doch sehr gerne sich denselben versagt. Aus Gehorsam legte sie sich zur bestimmten Zeit auf ihr kleines und armes Bettlein nieder, das mit den Blumen der Tugenden geziert (Hld 1, 15) und von der Schildwache der Seraphim und ihrer Schutzengel umgeben war; und dann empfing sie erhabenere Erleuchtungen, die beseligende Anschauung ausgenommen, und eine feurigere Liebe als alle jene miteinander(Dass die Geistestätigkeit, also die Akte der Liebe usw., bei Maria durch nichts, selbst nicht durch den Schlaf unterbrochen wurde, ist eine von gewichtigen Autoren verteidigte Ansicht. Siehe Cornel. a Lap. in Proverb. 5, 2. und Suarez 3. P. Quaest. 37. art. 4. disp. 18. Sect. 2. sub fin.).

474. Mit seltener Klugheit teilte sie die Zeit ein, so dass sie für jede ihrer Handlungen und Beschäftigungen den erforderlichen Teil bestimmte. Mit Lesung der heiligen Schriften des Alten Testamentes war sie viel beschäftigt und wegen der ihr eingegossenen Wissenschaft verstand sie dieselben alle sowie auch die tiefen darin enthaltenen Geheimnisse, so zwar, dass ihr keines derselben entging. Der Allerhöchste hatte ihr ja alle seine Geheimnisse und verborgenen Dinge geoffenbart, worüber sie sich dann später mit ihren heiligen Schutzengeln besprach und dadurch in denselben bestärkt wurde. Auch legte sie mit unvergleichlicher Schärfe und Feinheit des Geistes manche Fragen vor. Hätte diese höchste Lehrmeisterin niedergeschrieben, was sie erkannte, so hätten wir noch viele andere heilige Schriften und zugleich ein vollständiges Verständnis von dem tiefen Sinn und den Geheimnissen, welche in den in der Kirche heute noch vorhandenen Schriften enthalten sind. Die ganze Fülle der Wissenschaft gebrauchte sie aber nur zum Lob und zur Verehrung und Liebe Gottes; alles bezog sie auf dieses Endziel, und kein Lichtstrahl blieb in ihr untätig und nutzlos. Sie war sehr schnell beim Untersuchen, sehr tief im Auffassen, ganz erhaben und edel in ihren Gedanken, überaus klug im Wählen und Anordnen, sehr tatkräftig und lieblich im Handeln und endlich in allem eine ganz vollkommene Richtschnur und ein außerordentlicher Gegenstand der Bewunderung für die Menschen und Engel, ja gewissermaßen für den Herrn selber, der sie ganz und gar nach seinem Herzen und Wohlgefallen gebildet hatte.

LEHRE DER HIMMELSKÖNIGIN

475. Meine Tochter, die menschliche Natur ist unvollkommen und träge bei der Ausübung der Tugend und ermattet leicht; denn sie ist äußerst geneigt zur Ruhe und widerstrebt aus allen Kräften der Anstrengung. Wenn nun aber die Seele den Neigungen der sinnlichen Natur das Ohr leiht, wenn sie gegen dieselbe nachgiebig ist und ihr die Hand reicht, so ergreift die Sinnlichkeit die dargebotene Hand so fest, dass sie die Oberhand über die Kräfte der Vernunft und des Geistes gewinnt und diesen in Bälde in eine gefährliche und niedrige Sklaverei versetzt. Und ist diese Unordnung der Natur an allen Seelen hässlich und schimpflich, so verabscheut sie doch Gott unvergleichlich mehr an seinen Dienern und an Ordenspersonen. Diese sind ja strenger zum Streben nach Vollkommenheit verbunden und erleiden darum auch einen größeren Schaden, wenn sie nicht allezeit als Sieger aus dem Kampf mit den Leidenschaften hervorgehen. Aus dieser Nachlässigkeit im Widerstand und den wiederholten Niederlagen entsteht eine gewisse Kleinmütigkeit und Verkehrtheit des Urteils, so dass sie sich schon zufriedengeben und einer falschen Sicherheit überlassen, weil sie einige ganz leichte Übungen der Tugend verrichten; ja sie wähnen Berge zu versetzen, wiewohl sie im Grunde nichts tun, was der Rede wert wäre. Dazu fügt der Teufel auch andere Zerstreuungen und Versuchungen, und bei ihrer Geringschätzung gegen die allgemeinen Vorschriften und Gebräuche des Ordens kommen sie dann dahin, dass sie es fast in allem fehlen lassen, jeglichen Regelpunkt für unbedeutend anschauen, die Erkenntnis der Tugend verlieren und in einer falschen Sicherheit dahinleben.

476. Du aber, meine Tochter, sollst dich vor einer so gefährlichen Täuschung in acht nehmen und dir wohl merken, dass eine freiwillige Nachlässigkeit in einer Unvollkommenheit zu einer andern vorbereitet und den Weg bahnt, diese aber den lässlichen Sünden und solche hinwiederum den Todsünden die Pforte öffnen. Und so stürzt man von einem Abgrund in den andern und gelangt zur Geringschätzung jeden Übels. Will man einem solchen Schaden zuvorkommen, so muss man schon in weiter Ferne seinen Lauf hemmen; denn jede Handlung und jeder Gebrauch, auch wenn sie unbedeutend scheinen bildet eine Vormauer, die den Feind von fern abhält. Die Vorschriften und Satzungen aber in wichtigen Dingen bilden die eigentliche Schutzmauer des Gewissens; durchbricht und erobert der Teufel die erste Verteidigungslinie, so rückt er näher heran, um die zweite zu nehmen, und gelingt es ihm auch hier, durch eine wenn auch nicht gerade besonders schwere Sünde eine kleine Türe zu öffnen, dann ist ihm der Weg zum inneren Reich der Seele leichter und sicherer. Und weil diese durch fehlerhafte Handlungen und Gewohnheiten geschwächt ist und zugleich der Gnadenhilfe entbehrt, so leistet sie keine kräftige Gegenwehr, und der Teufel nimmt sie ein, unterjocht und bezwingt sie ohne Widerstand.

477. Erwäge darum jetzt, meine teuerste Tochter, welche Sorgfalt du bei so vielen Gefahren anwenden und wie sehr du dabei alle Nachlässigkeit vermeiden musst. Du bist, bedenke es wohl, eine Ordensperson, eine Braut Christi, eine Vorsteherin, belehrt und erleuchtet und mit so vielen besonderen Wohltaten überhäuft. Nach diesen und andern Gründen, die du in denselben erwägen sollst, bemiss deine Sorgfalt; denn wegen aller schuldest du deinem Herrn Gegenliebe und Dienst. Bemühe dich, in Beobachtung aller Gebräuche und Vorschriften des Ordens genau zu sein. Keine Vorschrift, keine Übung der Vollkommenheit darf dir geringfügig scheinen. Verachte und vergiss keine, sondern beobachte streng eine jede; denn was immer zum Dienste Gottes geschieht, ist kostbar und groß in seinen Augen. Und sicher erfreut er sich, seine Befehle vollzogen zu sehen, wird aber durch ihre Übertretung beleidigt. Bei allem habe vor Augen, dass du einen Bräutigam hast, dem du gefallen, einen Gott, dem du dienen, einen Vater, dem du gehorchen, einen Richter, den du fürchten, und eine Lehrmeisterin, der du folgen sollst.

478. Damit du aber alles dieses vollziehest, musst du in deinem Geist den festen und wirksamen Entschluss erneuern, weder auf deine Neigungen zu achten noch einer gewissen Saumseligkeit und Trägheit der Natur nachzugeben, noch auch wegen einer etwaigen Schwierigkeit eine Handlung oder Übung zu unterlassen, und wäre es auch nur das Küssen des Bodens, das du nach dem Gebrauch des Ordens vorzunehmen pflegst. Mit Entschiedenheit und Standhaftigkeit vollziehe das Kleine wie das Große, so wirst du den Augen meines Sohnes und mir gefallen. Bei den Werken der Übergebühr hole den Rat deines Seelenführers und Obern ein und bitte zuvor Gott, dass er sie hierüber erleuchte. Lege jede Neigung und jeden Wunsch nach einer bestimmten Sache ab. Wird dir etwas aufgetragen, so höre es an, präge es deinem Herzen ein und vollführe es pünktlich. Steht dir der Gehorsam oder Rat zu Gebote, so beschließe nichts für dich allein, so gut es dir auch erscheinen mag; denn der Wille Gottes wird dir immer mittels des heiligen Gehorsams kundwerden.

FÜNFTES HAUPTSTÜCK: Tugenden der allerseligsten Jungfrau

Von dem höchst vollkommenen Grad der Tugenden der heiligsten Jungfrau Maria im allgemeinen und von der Art und Weise, wie sie dieselben ausübte.

479. Die Tugend ist eine gewisse Fertigkeit (habitus), welche die vernünftige Fähigkeit einer Kreatur schmückt, veredelt und zum guten Handeln geneigt macht(Zum besseren Verständnis der Sache dürfte manchem Leser folgende Bemerkung erwünscht sein. Unsere Seele übt ihre Tätigkeit mittels der Fähigkeiten oder Kräfte (facultates, potentiae) aus, ähnlich wie z. B. ein Baum seine Früchte mittels der Zweige hervorbringt. Diese Fähigkeiten sind verschieden, je nach der Verschiedenheit ihrer Tätigkeit und der Gegenstände derselben. Jede derselben hat von Natur aus eine auf die Erreichung des von Gott ihr bestimmten Zweckes hinzielende Neigung; die höheren Fähigkeiten, der Verstand und der Wille, können zum Guten oder zum Bösen eine stärkere Neigung und eine bleibende Fertigkeit in ihrer Tätigkeit erlangen, welche habitus heißt und sich durch Handlungen [actus] äußert. Die Fertigkeit im Guten nennt man Tugend [virtus], die Fertigkeit im Bösen aber Laster [vitium]. Es gibt aber zwei Arten von Tugenden: a) erworbene, welche durch öfters wiederholt, Tugendakte erlangt werden und den Akten selber eine immer größere Leichtigkeit, Gleichförmigkeit und Annehmlichkeit verleihen; und b) eingegossene d. h. durch die heiligmachende Gnade von Gott uns mitgeteilte, welche wir am rein natürlichen Kräften nicht zu erlangen und zu üben vermögen. Sie befähigen uns zu übernatürlich guten und für den Himmel verdienstlichen Werken und wachsen oder gehen verloren (Glaube und Hoffnung ausgenommen) mit dem Wachstum oder dem Verluste der heiligmachenden Gnade. Der Herausgeber). Sie wird Fertigkeit genannt, weil sie eine bleibende Eigenschaft ist, welche der Fähigkeit (potentia) nicht so leicht entzogen wird, zum Unterschied von einer Handlung (actus), welche alsbald vorübergeht und nicht bleibt. Sie macht geneigt zu Handlungen und diese selbst leicht und gut, was die Fähigkeit aus sich allein nicht bewirkt, da sie sich gleichgültig (indifferenter) zu guten wie zu bösen Handlungen verhält. Die allerseligste Jungfrau Maria nun war schon vom ersten Augenblick ihres Lebens an mit der Fertigkeit aller Tugenden in sehr hohem Grade geschmückt, und dieselbe wurde unaufhörlich vermehrt durch neue Gnaden sowie durch ihre höchst vollkommenen Handlungen, wodurch sie alle von Gott ihr eingegossenen Tugenden in verdienstlichster Weise ausübte.

480. Und waren auch die Fähigkeiten dieser höchsten Königin und Herrin ganz geordnet und frei von jedem Widerstreben, welches wir andere Adamskinder zu bekämpfen haben - sie war ja weder von der Schuld noch von der zum Bösen anreizenden und dem Guten widerstrebenden Begierlichkeit berührt worden -, so waren doch diese wohIgeordneten Fähigkeiten so beschaffen, dass sie durch die Fertigkeit der Tugend eine Hinneigung zum Besten, Vollkommensten, Heiligsten und Lobenswertesten erlangen konnten. Überdies war sie eine leidensfähige und reine Kreatur und darum auch gegen das Leiden empfindlich und zu einer erlaubten Erholung geneigt sowie auch zur Unterlassung gewisser Werke, wenigstens von den Werken der Übergebühr, eine Neigung, der sie ohne Schuld nachgeben konnte. Zur Überwindung dieser natürlichen Neigung und dieses Verlangens diente ihr nun die so vollkommene Fertigkeit der Tugenden. Und die Himmelskönigin entsprach den Antrieben derselben so mannhaft, dass sie niemals die Kraft wirkungslos machte oder hemmte, die sie bewegte und alle ihre Werke veredelte.

481. Ausgerüstet mit dieser durch die Fertigkeit aller Tugenden gebildeten Harmonie und Schönheit, war die heiligste Seele Mariä ganz erleuchtet, geadelt und auf das Gute und das für die Kreatur bestimmte Endziel hin gerichtet und bei Ausübung des Guten so bereitwillig, tatkräftig und freudig, dass, wenn wir mit unsern schwachen Augen in das verborgene Heiligtum ihres Herzens zu schauen vermöchten, wir eine Schönheit erblickten, welche nächst Gott der Gegenstand höchster Bewunderung und größter Wonne für alle Geschöpfe sein würde. Alles war in der reinsten Jungfrau Maria wie in seinem eigentlichen Mittelpunkt und in seiner eigentlichen Sphäre, und alle die genannten Tugenden erreichten in ihr ihre höchste Vollendung, so dass man unmöglich hätte sagen können: dieses oder jenes fehlt noch zur Schönheit und zur Vollkommenheit.

Außer den eingegossenen Tugenden besaß sie auch die erworbenen, welche sie durch Übung und eigene Tätigkeit erlangte. Und pflegt man auch von den übrigen Seelen zu behaupten, dass eine einzige Handlung noch keine Fertigkeit in einer Tugend mache, sondern mehrere und wiederholte Handlungen dazu erfordert werden, so waren doch die Werke der seligsten Jungfrau Maria so wirksam, intensiv und vollkommen, dass ein jedes derselben sämtliche Tugendakte aller andern Kreaturen übertraf. Welche Fertigkeit in der Tugend musste nun diesem gemäß die himmlische Herrin durch ihre eigenen Werke erworben haben, sie, welche die Akte der Tugenden so oft wiederholte, und zwar so, dass auch nicht ein Pünktlein oder ein Grad an deren vollkommenster Wirksamkeit mangelte. Das Endziel ihres Handeins, das ebenfalls die Handlungen tugendhaft macht - denn eine Handlung muss nicht bloß an sich gut sein, sondern auch gut verrichtet werden -, war bei Maria das, was das Höchste bei allen Werken ist, nämlich Gott selbst. Sie handelte ja nur nach dem Antrieb der Gnade und zur größeren Ehre und nach dem Wohlgefallen dieses Herrn, der für sie Beweggrund und Endziel war.

482. Diese beiden Arten von Tugenden, nämlich die eingegossenen und erworbenen, stützen sich auf eine andere Tugend, welche man eine natürliche nennt, weil sie in uns durch die vernünftige Natur selbst entsteht. Sie heißt Synderesis(Nach dem heiligen Thomas ist dieses keine eigentliche Tugend, sondern nur ein Keim und Anfang derselben [inchoatio et semen virtutis]. Siehe Summa 2. 2. q. 51. art. 1. Der Übersetzer) und besteht in einer Erkenntnis, welche das Licht der Vernunft von den ersten und ursprünglichen Grundsätzen der Tugend besitzt, und zugleich in einer Hinneigung zur Tugend, die jenem Licht entsprechend in unserm Willen sich findet. Dahin gehört z. B. die Erkenntnis, dass wir die Wohltäter lieben müssen; dass wir andern nicht tun dürfen, wovon wir wünschen, dass es uns nicht geschehe und dergleichen. Diese natürliche Tugend der Synderesis war bei der allerseligsten Jungfrau überaus vollkommen. Aus den natürlichen Grundsätzen machte sie mit sehr großer und tiefer Klarheit Schlussfolgerungen auf alles Gute, wenn dieses auch noch so fern lag; denn sie urteilte mit unglaublicher Lebhaftigkeit und Richtigkeit. Bei diesen Vernunftschlüssen bediente sie sich der eingegossenen Kenntnis der Kreaturen, namentlich der vorzüglichsten und allgemeinen, des Himmels, der Sonne, des Mondes, der Sterne, der Ordnung alle; Himmelskreise und Elemente. Und bei allem ging ihre Untersuchung vom Anfang bis zum Ende, wobei sie alle diese Geschöpfe einlud, den Schöpfer zu loben, den Menschen hierin sich nachzuziehen, ihm jene Erkenntnis mitzuteilen, die er aus der Kreatur schöpfen kann, und ihn ja nicht am Aufflug zum Schöpfer und Urheber aller Dinge zu hindern.

483. Die eingegossenen Tugenden werden in zwei Klassen eingeteilt. Die erste bilden nur jene, welche Gott zum unmittelbaren Gegenstand haben und darum göttliche heißen; nämlich der Glaube, die Hoffnung und die Liebe. Die zweite Klasse umfasst alle jene Tugenden, welche zu ihrem nächsten Gegenstand ein Mittel oder ein ehrbares Gut haben, welches die Seele zu ihrem letzten Ziel, das Gott selbst ist, hinführt; sie heißen sittliche Tugenden, weil sie die Sitten betreffen. Es sind ihrer zwar der Zahl nach sehr viele; allein sie lassen sich auf vier Haupttugenden zurückführen, welche deshalb Kardinaltugenden genannt werden, es sind dies die Klugheit, die Gerechtigkeit, die Stärke und die Mäßigkeit. Über alle diese Tugenden und ihre Arten will ich, soweit ich es vermag, später sprechen und erklären, auf welche Art und Weise alle und jede in den Fähigkeiten der erhabenen Königin sich fanden. Jetzt bemerke ich nur im allgemeinen, dass sie dieselben alle im vollkommensten Grad besaß und zugleich auch die Gaben des Heiligen Geistes sowie die Früchte und Seligkeiten. Es gab keine Art von Gnaden und Gaben, welche zu der so überaus schönen Vollkommenheit ihrer Seele und deren Fähigkeiten notwendig war, die Gott nicht schon im ersten Augenblick ihrer Empfängnis über sie ausgegossen hätte, und zwar sowohl über ihren Willen als auch über ihr Erkenntnisvermögen, in welchem sie die Fertigkeiten und Kenntnisse in den Wissenschaften besaß. Und um es mit einem Wort zu sagen, so gab ihr Gott alles Gute, was er ihr als der Mutter seines Sohnes, aber als reiner Kreatur mitteilen konnte, in einem ganz ausnehmenden Grad. Zudem wuchsen alle ihre Tugenden noch immer, die eingegossenen, weil sie dieselben durch ihre Verdienste vermehrte, die erworbenen aber, weil sie dieselben durch die ungemein kräftigen Akte, welche sie bei ihren Verdiensten erweckte und vermehrte.

LEHRE der heiligsten Gottesmutter und Jungfrau Maria

484. Meine Tochter, allen Menschen ohne Unterschied gibt der Allerhöchste das Licht der natürlichen Tugenden; und jenen, welche sich mittels derselben und mit Hilfe der Gnade vorbereiten, verleiht er durch die Rechtfertigung auch die eingegossenen. Als Urheber der Natur und der Gnade gewährt er diese Gaben bald in größerem, bald in geringerem Maß, je nach seinem Wohlgefallen und seiner Güte. In der Taufe gießt er die Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe und mit denselben auch andere ein, damit das Geschöpf mit allen mitwirke und das Gute tue und die durch die Kraft des Sakramentes empfangenen Gaben nicht bloß bewahre, sondern durch seine eigenen Werke und Verdienste auch noch andere erlange. Es wäre für die Menschen die höchste Glückseligkeit, wenn sie sich die Liebe zunutze machen würden, welche ihr Schöpfer und Erlöser ihnen dadurch erweist, dass er ihre Seelen schmückt und mittels der eingegossenen Fertigkeiten ihrem Willen die Übung der Tugend leichtmacht. Weil sie aber einer so unschätzbaren Wohltat nicht entsprechen, so sind sie äußerst unglücklich; denn eben diese Untreue ist der erste und größte Sieg, den der Satan über sie erringt.

485. Von dir aber, o Seele, verlange ich, dass du dich mit beharrlichem Fleiß in den natürlichen und übernatürlichen Tugenden übst, um dir auch die Fertigkeit in den andern Tugenden zu erwerben, welche du mittels häufiger Übung der durch Gottes Gnade und Freigebigkeit dir mitgeteilten erlangen kannst. Denn die eingegossenen Gaben bilden in Verbindung mit jenen, welche die Seele selbst gewinnt und erwirbt, einen mannigfachen Schmuck von wunderbarer Schönheit, der den Augen Gottes überaus wohl gefällt. Und ich mache dich, geliebteste Tochter, darauf aufmerksam, wie die allmächtige Hand deines Herrn gegen deine Seele mit diesen Wohltaten so freigebig war und wie sie mit dem großen Kleinod seiner Gnade dich so bereichert hat, dass, solltest du dich undankbar erzeigen, deine Sünde und Verantwortung weit schwerer wäre als die vieler Geschlechter. Betrachte und erwäge darum die Erhabenheit der Tugenden, bedenke, wie sehr sie schon an und für sich die Seele erleuchten und zieren, so dass, würden sie auch keinen andern Zweck haben und keinen andern Lohn erlangen, ihr Besitz schon um ihrer Erhabenheit willen etwas Großes wäre. Nun aber wird ihr Wert dadurch ungemein erhöht, dass sie Gott selbst zu ihrem Endziel haben, nach welchem sie mit der ihnen innewohnenden Vollkommenheit und Wahrheit streben; wenn sie aber einmal ihres erhabenen Lohnes teilhaftig werden, welcher kein anderer ist als die Ruhe in Gott, dann machen sie eben dadurch das Geschöpf glücklich und selig.

SECHSTES HAUPTSTÜCK: Der Glaube Mariä

Von der Tugend des Glaubens der allerseligsten Jungfrau Maria und von der Übung desselben.

486. Die heilige Elisabeth drückte nach dem Bericht des heiligen Lukas (Lk 1, 45) die Größe des Glaubens Mariä in wenigen Worten aus, indem sie sprach: «Selig bist du, weil du geglaubt hast; denn an dir wird in Erfüllung gehen, was dir vom Herrn gesagt worden ist.» Nach dem Glück und der Seligkeit dieser großen Herrin und ihrer unaussprechlichen Würde muss man die Größe ihres Glaubens bemessen; denn um ihres so großen und ausgezeichneten Glaubens willen wurde sie zur größten Würde nach Gott erhoben. Sie glaubte an das größte aller Geheimnisse, das in ihr gewirkt werden sollte. Und so groß war die Klugheit und göttliche Wissenschaft beim Glauben Unserer Lieben Frau an diese so neue und unerhörte Wahrheit, dass dieses jede menschliche und englische Fassungskraft überstieg. Ihr Glaube konnte seine Quelle nur im göttlichen Verstand haben, gleichwie in der Werkstätte der unermesslichen Kraft des Allerhöchsten, wo alle Tugenden dieser Königin durch den Arm seiner Hoheit hervorgebracht wurden. Ich fühle mich allezeit gehemmt und unfähig, um über diese Tugenden, namentlich die innern, zu sprechen. Denn das mir hierüber erteilte Verständnis und Licht ist ungemein groß, die menschlichen Ausdrücke aber sind zu beschränkt, um die Begriffe und Akte des Glaubens zu erklären, die im Verstand und im Geist derjenigen hervorgebracht wurden, welche unter sämtlichen Kreaturen die gläubigste war und alle zusammen an Glauben übertraf. Was ich jedoch vermag, will ich sagen, gestehe aber ein, dass ich unfähig bin, dasjenige auseinanderzusetzen, was meinem Wunsch entsprechen, und noch mehr, was der Gegenstand selber erfordern würde.

487. Der Glaube der seligsten Jungfrau Maria war ein Gegenstand des Erstaunens für die ganze geschaffene Natur und ein auffallendes Wunderwerk der göttlichen Allmacht. Denn diese Tugend des Glaubens erreichte in ihr den höchstmöglichen Grad von Vollkommenheit; zum großen Teil ersetzte er in gewisser Weise bei Gott das, was am Glauben der Menschen mangelhaft ist. Der Allerhöchste hat diese erhabene Tugend den Erdenpilgern verliehen, damit sie ohne Hindernis von Seiten des sterblichen Fleisches eine so gewisse, unfehlbare und untrüglich wahre Erkenntnis der Gottheit, ihrer Geheimnisse und ihrer Wunderwerke erhalten, wie wenn sie gleich den Engeln des Himmels Gott von Angesicht zu Angesicht schauen würden. Den nämlichen Gegenstand und dieselbe Wahrheit, welche jene klar und offen schauen, glauben wir verhüllt unter dem Schleier und dem Dunkel des Glaubens.

488. Ein Blick auf die Welt zeigt uns aber, wie viele Nationen, Reiche und Provinzen sich schon seit Anfang der Welt dieser so großen, von den undankbaren Menschen wenig erkannten und noch weniger geschätzten Wohltat unwürdig gemacht und wie viele dieselbe unglücklicherweise von sich gestoßen haben, nachdem der Herr aus reiner Barmherzigkeit sie ihnen gegeben hatte. Und wie viele Gläubige gibt es, welche diese ohne Verdienst empfangene Gnade missbrauchen, missachten und sie müßig, nutz- und fruchtlos liegen lassen, ohne dem letzten Ziel und Ende zuzustreben, zu welchem der Glaube sie hinführt und anleitet. Deshalb war es der göttlichen Gerechtigkeit angemessen, dass für diesen bedauernswerten Verlust eine Ersatzleistung und für eine so unvergleichliche Wohltat eine angemessene und entsprechende Gegenleistung geschehe, soweit dies von Seiten der Kreaturen möglich ist, und dass unter diesen sich eine finde, welche als Vorbild und Messstab für alle andern die Tugend des Glaubens im höchsten Grad besitze.

489. Alles das fand sich in dem großen Glauben der allerseligsten Jungfrau, und es wäre vollkommen angemessen gewesen, wenn Gott, falls sie allein auf Erden gelebt hätte, um ihretwillen und für sie allein diese erhabene Tugend des Glaubens erschaffen und hervorgebracht hätte. Denn die reinste Jungfrau Maria bewirkte allein, dass die göttliche Vorsehung ihre gebührende Ehre empfing und dass dieselbe, nach unseren Begriffen, nicht von Seiten der Menschen beeinträchtigt werde oder ihre bei Verleihung dieser Tugend gehegte Absicht wegen der geringen Treue der Menschen gegen dieselbe nicht unerreicht blieb. Diesen Mangel ersetzte der Glaube der erhabenen Königin, welche die göttliche Idee dieser Tugend mit der höchstmöglichen Vollkommenheit in sich darstellte. Alle übrigen Gläubigen können den Glauben dieser Herrin als Richtschnur und Messstab für den ihrigen nehmen, und sie werden mehr oder weniger gläubig sein, je nachdem sie die Vollkommenheit ihres unvergleichlichen Glaubens mehr oder weniger erreichen. Und deshalb wurde sie zur Lehrmeisterin und zum Vorbild aller Gläubigen, der Patriarchen, Propheten, Apostel, Martyrer und aller auserwählt, welche gleich diesen die christlichen Glaubensartikel geglaubt haben und bis zum Ende der Welt noch glauben werden.

490. Es könnte die Schwierigkeit erhoben werden, wie sich bei der Himmelskönigin die Übung des Glaubens mit ihren vielen Visionen vereinigen lasse; denn, wie ich früher gesagt habe und in der Folge noch oft sagen werde, hatte sie oftmals die klare Anschauung der Gottheit und noch öfter die abstraktive, welch letztere gleichfalls die Evidenz von dem verleiht, was der Verstand erkennt. Dieser Zweifel hat seinen Grund darin, dass der Glaube nach dem Ausspruch des Apostels (Hebr 11, 1) die Substanz jener Dinge ist, die wir hoffen, und ein Beweis für das, was wir nicht sehen. Dies heißt aber gerade soviel als behaupten, dass wir, solange wir auf der Wanderschaft sind, von den Dingen, die wir jetzt als das Endziel der ganzen Seligkeit hoffen, keine andere Gegenwart und Substanz oder Wesenheit haben als jene, welche uns der Glaube und der geglaubte Gegenstand nur dunkel und wie in einem Spiegel gibt. Gleichwohl verleiht die Kraft dieser eingegossenen Fertigkeit, welche zum Glauben an das für uns Unsichtbare hinneigt, sowie die unfehlbare Gewissheit dessen, was wir glauben, dem Verstand einen unfehlbaren und zwingenden Beweisgrund und dem Willen Sicherheit, so dass er ohne Zweifel glaubt, was er wünscht und hofft. Wenn nun die allerseligste Jungfrau in diesem Leben Gott klar, ohne den Schleier des dunklen Glaubens, geschaut und besessen hat, denn diese beiden fallen in eines zusammen, so ist es nach dieser Lehre nicht ersichtlich, wie bei ihr noch eine Dunkelheit zurückbleiben konnte, um mittels der Fertigkeit des Glaubens das zu glauben, was sie klar von Angesicht zu Angesicht geschaut hatte. Und ganz besonders gilt dieses, wenn die durch die klare Anschauung oder die Evidenz erlangten Vorstellungen von der Gottheit in ihrem Verstande zurückblieben.

491. Allein durch diesen Zweifel wird dem Glauben der allerseligsten Jungfrau nicht bloß kein Eintrag getan, sondern vielmehr Auszeichnung und Hoheit verliehen, Denn nach dem Willen des Herrn sollte seine Mutter hinsichtlich der Tugend des Glaubens, und dieses gilt auch von der Hoffnung, ein Vorrecht besitzen, welches die ganze gewöhnliche Ordnung der übrigen Erdenpilger übersteigt. Gott wollte, dass sie die Lehrmeisterin und Ausspenderin dieser großen Tugenden sei, und darum sollte ihr hocherhabener Geist bald durch die vollkommensten Akte des Glaubens und der Hoffnung, bald auch, obwohl nur vorübergehend, mit der Anschauung und dem Besitz des Endzieles und Gegenstandes ihres Glaubens und ihrer Hoffnung erleuchtet werden. Sie sollte die Wahrheiten, zu deren gläubiger Annahme sie als Lehrerin die Gläubigen aneifern sollte, in ihrem Urquell erkennen und kosten. Diese beiden Dinge in der heiligsten Seele Mariä zu vereinigen, war für die Macht Gottes leicht und darum gleichsam eine Schuldigkeit gegen seine reinste Mutter, da ihr jedes auch noch so große Vorrecht geziemte und deshalb auch nicht mangeln durfte(vgl. Matthias Joseph Scheeben, Handb. d. Dogm. 3. Bd. § 278 Der Übersetzer).

492. Es ist allerdings wahr, dass die Dunkelheit des Glaubens, mittels dessen wir für wahr halten, was wir nicht sehen, mit der klaren Erkenntnis eines Gegenstandes unvereinbar ist und ebenso auch die Hoffnung mit dem Besitz. Folglich hat die allerseligste Jungfrau Maria, während sie sich derlei klarer Anschauungen erfreute oder sich ihrer Vorstellungen bediente, welche mit Evidenz, wenn auch nur mit abstraktiver, die Gegenstände zeigten, keine dunklen Glaubensakte erweckt oder sich der Fertigkeit (habitus) des Glaubens bedient, sondern bloß die Fertigkeit der eingegossenen Wissenschaften angewendet. Allein deshalb war die Fertigkeit jener zwei göttlichen Tugenden, nämlich des Glaubens und der Hoffnung, doch nicht untätig. Denn damit sich Maria derselben bediente, hielt Gott mit seiner Einwirkung inne oder hemmte den Gebrauch jener klaren und evidenten Bilder. Damit hörte aber auch die tatsächliche klare Erkenntnis auf, und der dunkle Glaube war wiederum tätig. Und in diesem ganz vollkommenen Zustand des Glaubens verblieb die Himmelskönigin zu gewissen Zeiten, indem Gott sich vor ihr verbarg und ihr alle klare Erkenntnis entzog, wie dieses beim erhabenen Geheimnis der Menschwerdung geschah, wovon ich am geeigneten Ort sprechen werde (Teil 2. Nr. 119.133).

493. Es war nicht geziemend, dass die Mutter Gottes des Lohnes der eingegossenen Tugenden des Glaubens und der Hoffnung entbehrte. Um aber diesen Lohn zu erhalten, musste sie ihn verdienen, und um ihn zu verdienen, musste sie die Akte dieser Tugenden in einer dem Lohn entsprechenden Weise ausüben. Da nun aber der Lohn dieser großen Herrin unvergleichlich groß war, so waren auch ihre Akte des Glaubens an alle katholischen Wahrheiten insgesamt und an jede einzelne insbesondere unvergleichlich wertvoll. Sie erkannte und glaubte zur Zeit ihrer irdischen Pilgerschaft sämtliche Wahrheiten, und zwar ausdrücklich, mit der höchsten und vollkommensten Gesinnung des Glaubens. Bekanntlich wartet der Verstand, um zu glauben, nicht erst die Zustimmung des Willens ab, sobald ihm das, was er erkennt, offenbar ist, weil er ja schon vor dem Befehl des Willens durch die Klarheit selber zur festen Zustimmung genötigt wird. Darum entbehrt ein Akt des Glaubens an das, was man nicht leugnen kann, auch des Verdienstes. Indem nun Maria der Botschaft des Engels zustimmte, hat sie sich einer unvergleichlichen Belohnung würdig gemacht, eben weil sie durch ihre gläubige Zustimmung zu einem so großen Geheimnis sich ein Verdienst erwarb. Dasselbe war der Fall bei allem andern, was sie glaubte, sooft sie nämlich nach dem Willen Gottes sich nur des eingegossenen Glaubens, nicht aber der Wissenschaft bediente. Jedoch hat sie auch mittels der Wissenschaft sich Verdienste erworben, wegen der Liebe, welche sie mit Hilfe derselben übte, wie ich schon mehrfach angedeutet habe (Oben Nr. 230.379.382).

494. Auf dieselbe Weise wurde ihr auch beim Verlust ihres Sohnes der Gebrauch der eingegossenen Wissenschaft entzogen, wenigstens hinsichtlich seines Aufenthaltsortes, obwohl sie durch jenes Licht vieles andere erkannte. Auch entbehrte sie damals des Gebrauches der klaren Vorstellungen (species) der Gottheit. Dasselbe war auch am Fuß des Kreuzes der Fall, wo der Herr die Anschauung und Tätigkeit hemmte, welche den Schmerz von der heiligsten Seele seiner Mutter ferngehalten hätte. Es war nämlich geziemend, dass damals Schmerz sie erfülle und der Glaube und die Hoffnung allein tätig seien. Dagegen hätte die aus jedweder wenn auch nur abstraktiven Anschauung und Erkenntnis der Gottheit geschöpfte Freude natürlicherweise den Schmerz vermindert, außer es hätte Gott durch ein neues Wunder den Schmerz und die Freude miteinander vereinigt. Es war aber nicht angemessen, dass Seine Majestät ein solches Wunder wirkte, da durch das Leiden in der Himmelskönigin das Verdienst und die Nachfolge ihres heiligsten Sohnes mit den Gnaden und der Würde einer Mutter vereinigt werden sollte. - Darum hat sie, wie sie selbst sagte (Lk 2, 48), mit Schmerzen und lebendig glaubend und hoffend ihren Sohn gesucht. Die nämlichen Tugenden hat sie auch bei dem Leiden und der Auferstehung ihres eingebornen und geliebtesten Sohnes geübt. An ihn glaubte sie, auf ihn hoffte sie, und zwar in der Weise, dass der Glaube der Kirche in ihr allein verblieb und dass diese Tugend damals ausschließlich auf die Lehrmeisterin und Gründerin der Kirche beschränkt blieb(Hiermit stimmt der heilige Thomas von Aquin vollkommen überein, wenn er sagt, dass zur Zeit des Todes Christi der Glaube seinem ganzen Umfang nach in Maria allein verblieben sei: Servamus (Sabbatum) in veneratione Virginis gloriosae, in qua remansit tota fides tali die in morte Christi. [In decem praecepta Decal. Opusc. 11/. Praec. tert.] Der Übersetzer).

495. Am Glauben der allerheiligsten Jungfrau kann man drei besondere Eigenschaften oder Vorzüge wahrnehmen, die Dauer, die Stärke und die Einsicht, womit sie glaubte. Was die Dauer betrifft, so wurde diese nur dann unterbrochen, wenn sie, wie schon gesagt wurde, die Gottheit mittels der klaren Anschauung oder mit abstraktiver Evidenz schaute. Um aber die inneren Akte der Erkenntnis Gottes bei der Himmelskönigin der Ordnung nach auseinanderzusetzen - freilich konnte nur der Herr selber, der sie leitete, wissen, wann und zu welchen Zeiten seine heiligste Mutter die einen oder andern Akte übte -, so ist zu bemerken, dass ihr Verstand niemals müßig war und sie während ihres ganzen Lebens vom ersten Augenblicke ihrer Empfängnis an nicht einen einzigen Augenblick vorbeigehen ließ, ohne ihre Augen auf Gott zu richten (Siehe die Anmerkung zu Nr. 473). Denn wenn ihre Glaubenstätigkeit zeitweilig aufgehoben wurde, so geschah es nur deshalb, weil ihr alsdann eine klare Anschauung der Gottheit oder eine Evidenz mittels einer ganz hohen eingegossenen Wissenschaft zuteil wurde. Entzog ihr aber der Herr diese Erkenntnis, so trat der Glaube wiederum wirkend an deren Stelle. Und die Aufeinanderfolge und Abwechslung dieser Akte bildete im Geist Unserer Lieben Frau eine so erhabene Harmonie, dass der Allerhöchste die englischen Geister zu deren Bewunderung einlud nach den Worten des Hohenliedes: «Du, die du in den Gärten wohnst, die Freunde hören auf dich; lass mich deine Stimme vernehmen (Hld 8, 13).»

496. Hinsichtlich der Wirksamkeit oder Stärke des Glaubens übertraf die erhabene Königin alle Apostel, Propheten und Heiligen zusammen und gelangte zum höchsten für eine bloße Kreatur erreichbaren Grad. Ja, sie überragte nicht bloß alle Gläubigen, sondern besaß auch jenen Glauben, welcher allen Ungläubigen, die niemals geglaubt haben, mangelt; und durch den Glauben Mariä könnten alle erleuchtet werden. Und deshalb blieb er in ihr zur Zeit des Leidens Christi, wo die Apostel wankten, so fest, unwandelbar und standhaft, dass alle Versuchungen, Täuschungen, Irrtümer und Betrügereien der Welt zusammen es nicht vermocht hätten, den unbesiegbaren Glauben der Königin der Gläubigen zu erschüttern oder zu trüben, die Mutter und Lehrmeisterin der Gläubigen hätte alles überwunden und glorreich besiegt.

497. Die Klarheit oder Einsicht, womit sie alle göttlichen Wahrheiten ausdrücklich glaubte, kann man nicht in Worte fassen, ohne dieselbe dadurch zu verdunkeln. Die allerseligste Jungfrau wusste alles, was sie glaubte, und glaubte alles, was sie wusste, weil in ihr die eingegossene göttliche Wissenschaft von der Glaubwürdigkeit der Geheimnisse zugleich mit der Erkenntnis derselben im höchsten für eine bloße Kreatur möglichen Grade sich fand. Sie besaß eine unaufhörlich tätige Wissenschaft und ein englisches Gedächtnis, so dass sie das einmal Vernommene nie wieder vergaß. Zudem gebrauchte sie diese Fertigkeit und diese Gaben allezeit, um fest zu glauben, ausgenommen, wenn der Glaube, wie schon gesagt (Nr. 492 u. 495), nach göttlicher Anordnung durch andere Akte gehemmt wurde. War sie auch nicht im Zustand der Vollendung durch die Glorie, so besaß sie doch im Zustand der Pilgerschaft die zum Glauben an Gott und für seine Erkenntnis erforderliche Einsicht im höchsten Grade, welche zwar immer noch dem Gebiete des Glaubens angehörte, aber der klaren Anschauung Gottes ganz nahe kam. So übertraf sie den Stand aller Erdenpilger und bildete für sich allein eine eigene Klasse und einen für jeden andern unerreichbaren Stand der Pilgerschaft.

498. Wenn nun die allerseligste Jungfrau Maria selbst zu jenen Zeiten, da sie die Tugenden des Glaubens und der Hoffnung übte und sich demgemäß in dem für sie gewöhnlichen und niedrigsten Zustand befand, alle Heiligen und alle Engel an Liebe und an Verdiensten übertraf, wie wird sie erst gewirkt, verdient, geliebt haben in jenen Augenblicken, da sie durch Gottes Allmacht zu größeren Gnadengaben, in den höchsten Stand der beseligenden Anschauung und klaren Erkenntnis der Gottheit erhoben war? Wenn kein englischer Verstand dieses zu verstehen und zu erfassen vermag, woher soll eine irdische Kreatur Worte nehmen, um dasselbe zu erklären? Aber mein Wunsch geht wenigstens dahin, dass alle Menschen den hohen Wert der Tugend des Glaubens erkennen und schätzen und darum dieselbe in diesem himmlischen Vorbild betrachten möchten, in welchem sie die höchste Stufe ihrer Vollkommenheit erreicht und genau dem Zweck entsprochen hat, zu dem sie gegeben worden ist. O möchten doch die Ungläubigen, die Ketzer, die Heiden und Götzendiener zur Lehrmeisterin des Glaubens, zu Maria kommen, um über ihre Täuschungen und gräulichen Irrtümer Aufklärung zu erhalten! Sie würden den sicheren Weg finden, um zu dem letzten Ziel zu gelangen, für das sie erschaffen sind. Möchten aber auch die Katholiken ihr nahen, das unschätzbare Verdienst dieser erhabenen Tugend erkennen und gleich den Aposteln den Herrn bitten, dass er ihnen den Glauben vermehre (Lk 17, 5), nicht zwar um Maria im Glauben zu erreichen, sondern um sie nachzuahmen und ihr zu folgen. Denn durch ihren Glauben belehrt sie uns und gibt uns zugleich auch Hoffnung, denselben durch ihre so großen Verdienste zu erlangen.

499. Der heilige Paulus nennt den Patriarchen Abraham den «Vater aller Gläubigen» (Röm 4,11), weil er der Erste war, welcher die Verheißung des Messias empfing und alles glaubte, was der Herr ihm versprochen hatte, ja sogar wider die Hoffnung glaubte und hoffte (Röm 5,18). Damit will der Apostel zeigen, wie außerordentlich der Glaube des Patriarchen war, weil er zuerst den Verheißungen des Herrn glaubte, und das selbst dann, als er Menschlicherweise nichts mehr von den Wirkungen der natürlichen Ursachen erwarten konnte, dass nämlich seine Frau Sarai, die doch unfruchtbar war, einen Sohn gebären und dass aus diesem Sohn, den er später nach dem Befehl Gottes zu Opfer bringen sollte, eine zahllose Nachkommenschaft gemäß der Verheißung des Herrn hervorgehen würde. Alles dieses, was natürlicherweise unmöglich war, und noch manche andere Aussprüche und Verheißungen, welche nur durch die übernatürliche Macht Gottes möglich waren, glaubte Abraham; und um dieses Glaubens willen verdiente er, der Vater aller Gläubigen genannt zu werden und das Zeichen des Glaubens, d. h. die Beschneidung, zu empfangen, wodurch er gerechtfertigt wurde.

500. Aber unsere erhabene Herrin Maria besitzt noch größere Titel und Vorzüge als Abraham, um die Mutter des Glaubens und aller Gläubigen genannt zu werden und die Fahne und das Banner des Glaubens allen Gläubigen im Gesetz der Gnade in ihrer Hand voranzutragen. Der Patriarch Abraham war der Erste nach der Ordnung der Zeit und wurde nach der ersten Anordnung als Vater und Haupt des israelitischen Volkes aufgestellt; groß und erhaben war sein Glaube an die Verheißungen über unseren Herrn Jesus Christus. Aber in allen diesen Dingen war der Glaube Mariä noch unvergleichlich wunderbarer, und so ist sie die Erste der Würde nach. Denn es erscheint schwerer oder unvereinbarer, dass eine Jungfrau, als dass eine bejahrte, unfruchtbare Frau empfange und gebäre; und der Patriarch Abraham war nicht so sicher, dass das Opfer seines Isaak vollzogen würde, wie Maria darüber gewiss war, dass ihr heiligster Sohn wirklich geopfert werde. Und doch glaubte sie alle Geheimnisse und hoffte darauf und zeigte so der ganzen Kirche, wie man an den Allerhöchsten und das Erlösungswerk glauben soll. Und wie wir an Unserer Lieben Frau diesen Glauben erkennen, so sehen wir in ihr auch die Mutter der Gläubigen und das Vorbild des katholischen Glaubens und der heiligen Hoffnung.

Um dieses Hauptstück abzuschließen, bemerke ich noch, dass Christus, unser Erlöser und Lehrmeister, eben deshalb, weil er bereits beseligt (comprehensor) war und seine heiligste Seele der höchsten Verherrlichung und beseligenden Anschauung sich erfreute, den Glauben nicht besaß und darum unmöglich denselben üben oder durch Akte desselben, Lehrmeister dieser Tugend sein konnte. Was aber der Herr durch sich selbst nicht zu tun vermochte, das tat er durch seine heiligste Mutter, indem er sie zur Begründerin zur Mutter und zum Vorbild des Glaubens für seine heilige Kirche aufstellte, damit diese höchste Herrin und Königin am Tag des allgemeinen Gerichtes ihrem göttlichen Sohn als Richterin besonders zur Seite stehe, um jene zu richten, welche nicht geglaubt haben, obwohl ihnen in der Welt ein solches Vorbild gegeben war.

LEHRE der heiligen Gottesmutter, unserer Herrin

501. Meine Tochter, der überaus kostbare Schatz der Tugend des göttlichen Glaubens ist jenen Menschen verborgen, welche alles nur mit fleischlichen und irdischen Augen ansehen. Sie wissen nicht, welche Hochschätzung diese Gabe und unvergleichlich kostbare Wohltat verlangt. Bedenke und erwäge aber, meine Teuerste, was die Welt ohne den Glauben war und was sie heutzutage sein würde, wenn mein Sohn und Herr denselben nicht bewahrte. Wie viele Große, Mächtige und Weise der Welt haben sich, weil ihnen das Licht des Glaubens fehlte, aus der Finsternis ihres Unglaubens in abscheuliche Sünden und von diesen in die ewigen Finsternisse der Hölle gestürzt! Und wie viele Königreiche und Länder gibt es, welche blind diesen noch blinderen Führern gefolgt sind und heute noch folgen, bis alle miteinander in den Abgrund der ewigen Verdammnis hinabstürzen! Ihnen folgen die schlechten Gläubigen, welche diese Gnade und unschätzbare Wohltat des Glaubens empfangen haben, aber gerade so leben, als wäre er niemals ihren Seelen verliehen worden.

502. Unterlasse ja nicht, meine Freundin, die Kostbarkeit dieser Perle dankbar anzuerkennen, welche der Herr dir als ein Unterpfand und ein Band der mit dir geschlossenen Vermählung geschenkt hat, um dich dadurch in das Brautgemach seiner heiligen Kirche und von da zu seiner ewigen glückseligen Anschauung zu führen. Übe aber auch beständig diese Tugend des Glaubens; denn sie bringt dich deinem letzten Ziel, dem du entgegengehest, sowie dem Gegenstand deines Verlangens und deiner Liebe nahe. Der Glaube ist es, der den sichern Weg zur ewigen Seligkeit zeigt; er ist es, der die Erdenpilger in der Finsternis des sterblichen Lebens erleuchtet und sie sicher zum Besitze ihres Vaterlandes führt, dem sie zuwandern sollten, wenn sie nicht in Unglauben und Sünde erstorben dahinlebten. Er ist es, der die andern Tugenden hervorbringt, der dem Gerechten zur Nahrung dient und ihn bei seinen Mühseligkeiten mit Trost unterstützt. Er ist es, welcher die Ungläubigen beschämt und aufschreckt und den lauen Gläubigen, welche nachlässig in guten Werken sind, heilsame Furcht einflößt; denn er zeigt ihnen in diesem Leben ihre Sünden und die bevorstehende Strafe im andern. Der Glaube ist mächtig zu allem; denn dem, der glaubt, ist nichts unmöglich, im Gegenteil, er kann alles und erreicht alles. Der Glaube ist es, der den menschlichen Verstand erleuchtet und veredelt; denn er leitet ihn richtig, damit er sich in den Finsternissen seiner natürlichen Unwissenheit nicht verirre, und er erhebt den Menschen über sich selbst, damit er das, was er mit seinen natürlichen Kräften nicht zu erfassen vermag, mit unfehlbarer Gewissheit sehe und verstehe und mit solcher Sicherheit glaube, als ob es ganz offen vor seinem Blick läge. Der Glaube benimmt dem Menschen die grobe Schwerfälligkeit und niedrige Beschränktheit, welche ihn nur dasjenige glauben lassen, was er mit seiner schwachen Einsicht erreicht. Diese ist aber ganz gering, solange die Seele im Gefängnis ihres verweslichen Leibes lebt und bei ihrem Erkennen an den Gebrauch der schwerfälligen Sinne gebunden ist. Schlage darum, meine Tochter, die kostbare Perle des katholischen Glaubens, welche dir Gott geschenkt hat, hoch an, bewahre und gebrauche sie mit Sorgfalt und heiliger Furcht.

SIEBENTES HAUPTSTÜCK: Die Hoffnung Mariä

Von der Tugend der Hoffnung der allerseligsten Jungfrau und von der Übung derselben.

503. Auf die Tugend des Glaubens folgt die Hoffnung, die zum Glauben in enger Beziehung steht. Wenn nämlich der Allerhöchste uns das Licht des göttlichen Glaubens eingießt durch welches wir alle ohne Unterschied und ohne Aufwand von Zeit zur unfehlbaren Erkenntnis seiner Gottheit, seiner Geheimnisse und seiner Verheißungen gelangen, so ist die Absicht Gottes dabei diese: wir sollen alle insgesamt und jeder für sich Gott als unser letztes Ziel und als unsere Glückseligkeit erkennen und auch die Mittel zur Erreichung dieses Zieles erfahren, damit wir uns zu einem heftigen Verlangen nach ihm erheben. Dieses Verlangen nun und das dadurch bewirkte Streben nach Erreichung des höchsten Gutes nennt man Hoffnung. Die Hoffnung wird als Kraft und Fertigkeit (habitus) bei der heiligen Taufe unserem Willen der auch vernünftiges Begehrungsvermögen genannt wird, eingegossen; denn es ist Sache des Willens, nach der ewigen Glückseligkeit als nach seinem höchsten Endziel und Gut zu begehren sowie mittels der göttlichen Gnade an dessen Erreichung zu arbeiten und die bei diesem Ringen sich erhebenden Schwierigkeiten zu überwinden.

504. Die Erhabenheit der Tugend der Hoffnung erkennt man daraus, dass sie Gott als unser letztes und höchstes Gut zum Gegenstand hat. Allerdings schaut und betrachtet sie dieses Gut als abwesend, aber dennoch als möglich und mittels der Verdienste Jesu Christi und der guten Werke des Hoffenden erreichbar. Die Akte und Tätigkeiten dieser Tugend richten sich nach dem Licht des göttlichen Glaubens und der besonderen Klugheit, mittels deren wir die unfehlbaren Verheißungen des Herrn auf uns selber anwenden. Nach dieser Richtschnur wirkt die eingegossene Hoffnung, indem sie zwischen den zwei einander entgegengesetzten Lastern der Verzweiflung und der Vermessenheit den vernünftigen Mittelweg einschlägt, in der Weise, dass der Mensch die ewige Glorie weder in törichter Vermessenheit durch seine eigenen Kräfte und ohne verdienstliche Werke zu erreichen sich vermisst noch auch in Furcht und Misstrauen gerät, ob er dieselbe dem Versprechen und der Versicherung des Herrn gemäß auch wirklich erreichen werde, wenn er die verdienstlichen Werke zu verrichten entschlossen ist. Und diese allen gemeinsame und auf den Glauben begründete Sicherheit wendet der Mensch, welcher hofft, mittels der Klugheit und eines richtigen, über sich selbst gebildeten Urteils auf sich selbst an, so dass er von Vermessenheit wie von Verzweiflung fernbleibt.

505. Daraus erhellt, dass die Verzweiflung entweder daraus entspringt, dass man den Verheißungen des Glaubens keinen Glauben schenkt, oder aber daraus, dass man zwar glaubt, aber die Gewissheit der göttlichen Verheißungen nicht auf sich selbst anwendet, sondern irrtümlicherweise wähnt, man vermöge derselben nicht teilhaftig zu werden. Zwischen diesen beiden Irrtümern geht die Hoffnung sicher einher; denn sie nimmt als gewiss an und glaubt, Gott wird mir nicht versagen, was er allen verheißen hat; diese Verheißung ist aber nicht unbedingt, sondern an die Bedingung gebunden, dass ich meinerseits mich anstrenge und dieselbe zu verdienen suche insoweit es mir mit Hilfe der göttlichen Gnade möglich ist. Denn wenn Gott den Menschen mit der Fähigkeit, ihn zu schauen und die ewige Glorie zu erlangen, geschaffen hat, so ist es doch nicht geziemend, dass er zu einer so großen Seligkeit gelange, obwohl er diese Fähigkeiten, womit er Gott genießen sollte, zur Sünde missbraucht. Er muss vielmehr diese Fähigkeiten in einer Weise gebrauchen, welche mit dem Ziel das er durch ihre Hilfe erreichen soll, im Einklang steht. Dieser Einklang findet aber statt, wenn der Mensch die Tugenden gehörig übt; denn durch diese befähigt er sich zur Erreichung des höchsten Gutes, indem er dasselbe schon in diesem Leben durch die Erkenntnis und Liebe Gottes sucht.

506. Diese Tugend der Hoffnung erreichte in der allerseligsten Jungfrau Maria den höchstmöglichen Grad der Vollkommenheit und zwar sowohl an sich als in Hinsicht auf alle ihre Wirkungen Umstände und Eigenschaften. Denn das Verlangen und Streben nachdem Endziel, nach der Anschauung und dem Genuss Gottes beruhte in ihr auf stärkeren Beweggründen als bei allen anderen Geschöpfen. Und weit entfernt, deren Wirkungen zu hindern, förderte diese überaus treue und kluge Herrin dieselben mit der höchsten, für ein bloßes Geschöpf möglichen Vollkommenheit. Sie besaß ja nicht bloß den eingegossenen Glauben an die göttlichen Verheißungen, und zwar im höchsten Grad, und demgemäß auch die Hoffnung in der höchsten Vollkommenheit, sondern sie hatte ausser dem Glauben auch die beseligende Anschauung, mittels welcher sie die unendliche Wahrhaftigkeit und Treue des Allerhöchsten durch Erfahrung kannte. Und bediente sie sich auch der Hoffnung nicht, solange sie Gott schaute oder besaß, so gewährte ihr doch nachher, wenn sie wieder in ihren gewöhnlichen Zustand zurückkehrte, das Andenken an das genossene höchste Gut eine große Hilfe, um dasselbe in seiner Abwesenheit mit größerer Kraftanstrengung zu hoffen und zu begehren. Und dieses Verlangen bildete bei der Königin der Tugenden eine Art neuer und ganz besonderer Hoffnung.

507. Aber auch aus einem andern Grund übertraf die Hoffnung Mariä an Größe die aller Gläubigen miteinander. Es sollte nämlich diese erhabene Königin in der Belohnung und Glorie, welche den Hauptgegenstand dieser Tugend bilden, alle Engel und Heiligen zusammen übertreffen. Und gemäß der ihr von Gott verliehenen Erkenntnis dieser so großen Glorie fasste sie auch die größte Hoffnung und das größte Verlangen nach deren Erreichung. Und damit sie zur höchsten Vollkommenheit in dieser Tugend gelange und auf eine würdige Weise alles das hoffe, was die allmächtige Hand Gottes in ihr wirken wollte, war sie schon zum voraus ausgerüstet mit dem Licht eines höchst vollkommenen Glaubens, mit den entsprechenden Fertigkeiten, Gnadenhilfen und Gaben sowie mit einem besonderen Antrieb des Heiligen Geistes.

Was wir von ihrer außerordentlichen Hoffnung hinsichtlich ihres Hauptgegenstandes sagen, gilt auch von den andern Gegenständen derselben, den so genannten zweiten oder untergeordneten. Es waren ja der Himmelskönigin so große Gnaden, Gaben und Geheimnisse mitgeteilt, dass der Arm der göttlichen Allmacht sich nicht mehr wirksamer zeigen konnte (Vgl. Nr. 491). Und weil diese große Herrin dieselben mittels des Glaubens und der Hoffnung auf die göttliche Verheißung empfangen musste, indem sie sich nämlich durch diese Tugenden zu deren Empfang befähigte, so musste der Glaube und die Hoffnung bei ihr notwendig den höchsten für eine bloße Kreatur möglichen Grad erreichen.

508. Und wenn, wie ich oben (Nr. 497) gesagt habe, da von der Tugend des Glaubens die Rede war, die Himmelskönigin alle geoffenbarten Wahrheiten, Geheimnisse und Werke des Allmächtigen ausdrücklich erkannte und glaubte und wenn ferner die Akte der Hoffnung denen des Glaubens entsprechen, wer mag dann wohl außer dem Herrn noch erfassen, wie zahlreich und kräftig die Akte der Hoffnung waren, welche diese Königin der Tugenden erweckte? Sie kannte ja alle Geheimnisse ihrer eigenen Glorie und ewigen Seligkeit sowie auch jene, welche in ihr und in der ganzen übrigen Kirche des Evangeliums durch die Verdienste ihres heiligsten Sohnes sich noch erfüllen sollten. Wegen seiner Mutter Maria allein hätte Gott diese Tugend verliehen und, wie es denn auch geschehen ist, dem ganzen Menschengeschlecht mitgeteilt, gleichwie vorhin von der Tugend des Glaubens gesagt wurde (Nr. 489).

509. Aber eben darum nennt der Heilige Geist Maria die «Mutter der schönen Liebe und der heiligen Hoffnung» (Sir 24, 24); und wie sie die Mutter Christi geworden ist, weil sie dem göttlichen Worte das Fleisch gab, so ist sie auch vom Heiligen Geist zur Mutter der Hoffnung aufgestellt, weil sie durch ihre besondere Mithilfe und Tätigkeit diese Tugend zum Wohl der Kinder der heiligen Kirche empfing und zur Welt brachte. Es war ja eine gleichsam aus der Mutterschaft unseres Herrn Jesu Christi hervorgehende und damit verbundene Sache, dass sie die Mutter der heiligen Hoffnung sei; denn sie wusste wohl, dass sie uns in ihrem Sohn jedwede sichere Hoffnung gebe. Die heiligste Königin hat nämlich durch diese Empfängnis und Geburt eine Art Herrschaft und Gewalt über die Gnadenschätze und göttlichen Verheißungen erlangt, welche durch den Tod Christi, unseres Erlösers und ihres Sohnes, erfüllt werden sollten; denn alles hat sie uns geschenkt, da sie mit freier Zustimmung das menschgewordene Wort und in ihm auch unsere Hoffnung empfing und gebar. Und so ging genau der Ausspruch des Bräutigams in Erfüllung: «Deine Schösslinge sind ein Hain von Granatbäumen (Hld 4,13)» Denn was immer von dieser Mutter der Gnade kam, war für uns eine Glückseligkeit, ein Paradies (Hain) und eine sichere Hoffnung auf dessen Besitz.

510. Die heilige Kirche hatte einen himmlischen und wahren Vater in Jesus Christus, ihrem Stifter und Gründer, der sie durch seine Verdienste und Leiden mit Gnaden, Beispielen und Lehren bereichert hat, wie das für den Vater und Urheber eines so wunderbaren Werkes geziemend war. Zu ihrer Vollendung aber war es, kann man sagen, notwendig, dass die Kirche auch eine Mutter habe, eine liebliche und zärtliche Mutter, welche die kleinen Kinder an ihrer Brust mit Süßigkeiten, Liebkosungen, mütterlichem Wohlwollen und durch ihre Fürbitte ernähre und ihnen leichte und süße Speise reiche, solange sie ihrer Kindheit wegen eine kräftigere und stärkere Kost noch nicht zu ertragen ermögen (1 Kor 3, 2). Diese süße Mutter ist aber die allerseligste Jungfrau Maria, welche schon beim Beginn der Kirche den zarten Kindern des Gesetzes der Gnade als eine liebevolle Mutter die süße Milch des Lichtes und der Lehre zu reichen begann. Und dasselbe Amt wird sie auch bis zum Ende der Welt gegen ihre zarten und unmündigen Kinder fortsetzen, welche durch die Verdienste des Blutes Jesu Christi und die Fürsprache der Mutter der Barmherzigkeit unaufhörlich zum Leben der Gnade geboren werden. Sie gibt ihnen dieses Leben; sie erzieht und nährt sie. Sie ist ja unsere süße Mutter, unser Leben und unsere Hoffnung, das Muster und Vorbild unserer Hoffnung, das wir nachahmen sollen. Durch ihre Vermittlung hoffen wir die von ihrem Sohn uns verdiente ewige Seligkeit sowie die Gnadenhilfe zu erreichen, die er uns zu diesem Zweck durch Maria mitteilt.

LEHRE der allerseligsten Jungfrau Maria

511. Meine Tochter, mittels der beiden Tugenden des Glaubens und der Hoffnung erhob sich mein Geist wie mit zwei Flügeln in unermüdetem Flug und suchte das unumschränkte und höchste Gut, bis er in der Vereinigung mit ihm durch die innigste und vollkommenste Liebe Ruhe fand. Ich verkostete zwar öfters die klare Anschauung und den Genuss desselben; allein diese Gunstbezeigung währte keineswegs ununterbrochen, weil ich mich ja noch im Zustand der reinen Wanderschaft befand. Und darum übte ich den Glauben und die Hoffnung. Da diese außer der Anschauung und dem Besitze Gottes mir verblieben, so fand ich sie alsbald in meinem Geist und unterließ keinen Augenblick, mittels derselben tätig zu sein. Die Wirkungen aber, welche die Sehnsucht, das Verlangen und Streben nach dem ewigen Besitz und Genuss Gottes in meinem Geist hervorbrachten, kann kein erschaffener Verstand in seiner Beschränktheit hinreichend begreifen. Wer aber zur Anschauung Gottes im Himmel zu gelangen verdient, wird sie in diesem erkennen und ihn ewig dafür loben.

512. Du, meine teuerste Tochter, hast so viele Erleuchtung über die Erhabenheit dieser Tugend und meiner durch sie geübten Werke empfangen. Darum sei ohne Unterlass bemüht, mittels der göttlichen Gnadenhilfe sie nachzuahmen. Erinnere dich allezeit an die Versprechen des Allerhöchsten und präge sie tief deinem Gedächtnis ein; und durch die Gewissheit des Glaubens, welche du von deren Wahrheit hast, erhebe dein Herz mit einem heiligen Verlangen und seufze nach deren Erfüllung. Mit dieser sicheren Hoffnung kannst du durch die Verdienste meines heiligsten Sohnes darauf rechnen, eine Bewohnerin des himmlischen Vaterlandes und Genossin aller jener zu sein, welche dort in unvergänglicher Glorie das Angesicht des Allerhöchsten schauen. Und erhebst du mit dieser dir gebotenen Hilfe dein Herz über das Irdische und richtest du deinen ganzen Geist unverwandt auf das ersehnte, unwandelbare Gut, so wird dir alles Sichtbare zur Last und Beschwernis werden und als nichtig und verächtlich erscheinen. Du wirst nach nichts mehr verlangen können als nach dem liebenswürdigsten und wonnevollen Gegenstand deiner Wünsche. In meiner Seele brannte allezeit dieser Eifer der Hoffnung, weil ich durch den Glauben für wahr hielt und durch die Erfahrung gekostet hatte, was Sprache und Worte nicht zu erklären oder auszudrücken vermögen.

513. Um deinen Eifer noch mehr anzuspornen, bedenke und beweine mit innigem Schmerz die Unglückseligkeit so vieler Seelen, welche zwar Ebenbilder Gottes und seiner Herrlichkeit fähig sind, ihrer Sünden wegen aber der wahren Hoffnung, ihn einst zu genießen, beraubt sind. Würden die Kinder der heiligen Kirche ihre eitlen Gedanken ein wenig beiseite lassen und sich eine Zeitlang damit beschäftigen, zu bedenken und zu erwägen, welche Wohltat ihnen durch das Geschenk des unfehlbaren Glaubens und der untrüglichen Hoffnung geworden ist, dass sie nämlich dadurch den Finsternissen entrissen und ohne ihr Verdienst mit diesem Merkmal ausgezeichnet sind, während die Ungläubigen in ihrer Verblendung verlorengehen, so würden sie wohl über ihre so schimpfliche Vergessenheit erröten und sich wegen ihres schwarzen Undankes Vorwürfe machen. Sie mögen aber überzeugt sein, dass ihrer die schrecklichste Pein wartet und dass sie vor Gott und seinen Heiligen besonders verabscheuungswürdig sind, weil sie das heilige, von Christus für sie vergossene Blut, die Quelle dieser Wohltaten, verunehren. Die Frucht der Wahrheit verachten sie gleich einer Fabel; inzwischen verfließt ihre ganze Lebenszeit. und sie nehmen sich nicht einen Tag, ja viele nicht einmal eine Stunde Zeit, um über ihre Pflichten und über die Gefahr, in der sie schweben, nachzudenken. Beweine darum, meine Seele, dieses beklagenswerte Unglück und bemühe dich nach Kräften und flehe bei meinem heiligsten Sohn um Abhilfe und sei überzeugt, dass Seine Majestät deine Sorgfalt und Mühe in dieser Angelegenheit belohnen wird.

ACHTES HAUPTSTÜCK: Die Liebe Mariä

Von der Tugend der Liebe der allerseligsten Jungfrau Maria, unserer Herrin.

514. Die überaus erhabene Tugend der Liebe ist die Herrin die Königin die Mutter, die Seele, das Leben und die Schönheit aller andern Tugenden. Die Liebe beherrscht dieselben alle, regt sie an und führt sie auf ihr wahres und letztes Ziel hin; sie bringt dieselben zu ihrer Vollkommenheit, vermehrt, erhält, erleuchtet und schmückt sie und gibt ihnen Leben und Kraft. Und verleihen alle anderen Tugenden der Kreatur eine Vollkommenheit und Zierde, so verdanken sie es ihrer Verbindung mit der Liebe, welche dieselben vervollkommnet. Denn ohne Liebe sind alle unförmlich, unansehnlich, untätig, tot und unnütz, weil ihnen noch die Bewegung und Tätigkeit des Lebens abgeht. Die Liebe ist gütig, geduldig, sanftmütig, ohne Eifersucht, ohne Neid und Bitterkeit, sie eignet sich nichts an, gibt alles her und bringt alles Gute hervor und stimmt ihrerseits keiner Bosheit zu (1 Kor 13, 2 ff). Sie besteht ja in der innigsten Teilnahme am wahren und höchsten Gute. O du Tugend der Tugenden, du Inbegriff der Schätze des Himmels! Du allein besitzt die Schlüssel des Paradieses! Du bist das Morgenrot des ewigen Lichtes und die Sonne des Tages der Ewigkeit! Du bist ein Feuer, das da reinigt, ein Wein der berauscht, indem er neue Empfindung mitteilt, ein kostbarer Trank, der erquickt, eine Süßigkeit. welche sättigt und dennoch keinen Ekel verursacht, ein Brautgemach, worin die Seele ruht, ein Band, so eng, dass du uns eins machst mit Gott selbst, gleichwie der ewige Vater eins ist mit dem Sohn, und wie beide eins sind mit dem Heiligen Geiste (Joh 17, 21 Vgl. 1 Kor 6,17).

515. Wegen der unvergleichlichen Schönheit dieser Königin der Tugenden will Gott der Herr selber, nach unserer Begriffsweise, sich mit dem Namen derselben beehren oder will vielmehr sie ehren, indem er sich nach dem Ausspruch des heiligen Johannes (1 Joh 4,16) «die Liebe» nennt. Aus vielen Gründen schreibt die heilige Kirche von den göttlichen Vollkommenheiten dem Vater die Allmacht, dem Sohn die Weisheit und dem Heiligen Geiste die Güte zu. Der Vater ist ja der Ursprung ohne Ursprung, der Sohn ist durch die Erkenntnis vom Vater gezeugt und der Heilige Geist geht durch den Willen von beiden aus. Aber den Namen und die Vollkommenheit der Liebe legt sich der Herr selber ohne Unterschied der Person bei, indem der Evangelist ohne Unterschied sagt: «Gott ist die Liebe.» Diese Liebe ist in Gott der End- und Zielpunkt aller seiner Tätigkeit in sich selbst und nach außen (ad intra et ad extra); denn alle Werke Gottes nach innen, d. h. die Tätigkeit Gottes in sich selbst, haben ihren Endpunkt in der Einheit des Wohlwollens und der Liebe der drei göttlichen Personen gegen einander, so dass sie nicht bloß durch die Einheit der unteilbaren Natur, wegen deren sie einen Gott ausmachen, sondern auch noch durch ein anderes unauflösliches Band miteinander verbunden sind. Alle Werke Gottes nach außen (ad extra), d. h. die Geschöpfe, verdanken ihren Ursprung der göttlichen Liebe und beziehen sich auf dieselbe, so dass sie, vom unermesslichen Meer dieser unendlichen Güte ausgehend, mittels der Liebe und des Wohlwollens wiederum zu ihrem Urquell zurückströmen. Von allen Tugenden und Gaben aber hat die Tugend der Liebe das Eigentümliche, dass sie eine vollkommene Teilnahme an der göttlichen Liebe ist. Sie entspringt derselben Quelle, verfolgt dasselbe Endziel und steht auch in näherer Beziehung zu derselben als die andern Tugenden. Und nennen wir Gott unsere Hoffnung, unsere Geduld, unsere Weisheit, so hat dieses darin seinen Grund, weil wir dieselben von Gott empfangen, nicht aber, weil diese Tugenden in Gott sind, wie sie in uns sind. Die Liebe aber empfangen wir nicht bloß vom Herrn, und er wird nicht bloß darum die Liebe genannt, weil er uns dieselbe mitteilt, sondern weil er dieselbe wesenhaft in sich besitzt. Und von dieser göttlichen Vollkommenheit, die wir als Form und Eigenschaft seiner göttlichen Natur betrachten, entspringt unsere Liebe mit einer größeren Vollkommenheit und Ähnlichkeit als jede andere Tugend.

516. Die Liebe Gottes gegen uns hat aber auch noch andere wunderbare Eigenschaften. Da sie nämlich die Quelle ist, welche alles Gute, das wir an uns selbst haben, und dazu dann noch das höchste Gut, Gott selbst, uns mitgeteilt hat, so muss sie auch der Antrieb und das Vorbild unserer Liebe und unserer Hingabe an Gott sein. Denn wenn uns die Erkenntnis dass er in sich das unendliche, höchste Gut ist, nicht anspornt und antreibt, ihn zu lieben, so soll uns wenigstens der Gedanke dazu verpflichten und antreiben, dass er unser höchstes Gut ist. Und vermochten und wussten wir ihn nicht zu lieben, bevor er uns noch seinen eingebornen Sohn geschenkt hat, so dürfen wir doch jetzt, nachdem er uns denselben geschenkt hat, der Mangel unserer Liebe zu entschuldigen nicht die Kühnheit haben. Denn waren wir auch entschuldbar, dass wir die Wohltat nicht zu verdienen wussten, so haben wir jetzt, nachdem wir dieselbe ohne unser Verdienst empfangen haben, keine Entschuldigung mehr, wenn wir sie nicht wenigstens mit Gegenliebe vergelten.

517. Das Vorbild, welches die göttliche Liebe der unsrigen bietet, zeigt die Vortrefflichkeit dieser Tugend noch weit mehr ich vermag dieses aber nicht leicht mit meinen Worten auszudrücken. Als Christus unser Herr sein so vollkommenes Gesetz der Liebe und Gnade aufstellte, stellte er an uns die Forderung die Vollkommenheit seines himmlischen Vaters nachzuahmen der seine Sonne ohne Unterschied über die Guten und die Bösen aufgehen lässt (Mt 5, 45). Nur der Sohn des ewigen Vaters selber konnte den Menschen eine solche Lehre und ein solches Beispiel geben. Unter allen sichtbaren Kreaturen zeigt uns nämlich keine die Liebe Gottes so deutlich und fordert uns zu deren Nachahmung so auf wie gerade die Sonne. Denn die Sonne, dieses edelste Gestirn, ergießt ihr Licht nach allen Seiten hin und ohne Unterschied auf alle, welche zu dessen Aufnahme fähig sind. Sie tut dies dank ihrer Natur, ohne einen andern Grund, bloß gemäß der ihr anerschaffenen Neigung; und soviel an ihr liegt, versagt und entzieht sie dasselbe keinem. Und das tut sie, ohne dass sie dazu gegen jemanden verpflichtet ist oder dafür eine Wohltat oder eine Vergeltung empfängt, deren sie etwa bedürfte. Auch findet sie in den Gegenständen, die sie erleuchtet und erwärmt, keineswegs schon zum voraus etwas Gutes, das geeignet wäre, sie zu bewegen und anzuziehen. Sie hat auch keinen eigenen Vorteil zu erwarten als eben den, dass sie die ihr innewohnende Kraft ausströmt, auf dass alle gemeinsamen Anteil daran haben.

518. Wer sollte nun bei Betrachtung der Eigenschaften dieser so erhabenen Kreatur nicht ein Abbild der unerschaffenen Liebe darin erblicken, das er nachahmen soll? Und wer sollte sich nicht schämen, wenn er dasselbe nicht nachahmt? Und wer könnte sich im Besitz der wahren Liebe Gottes wähnen, wenn er es nicht nachahmt? Unsere Liebe und unser Wohlwollen sind nicht imstande, in dem Gegenstand der Liebe etwas Gutes hervorzubringen, wie die unerschaffene Liebe des Herrn es tut. Vermögen wir es aber auch nicht, jene, die wir lieben, besser zu machen, so können wir wenigstens alle lieben ohne eigenen Vorteil und ohne Rücksicht und Auswahl der Person, die wir lieben, und können ihnen ohne Hoffnung auf Wiedervergeltung Gutes erweisen. Ich behaupte keineswegs, die Liebe sei unfrei oder Gott vollbringe irgendein Werk nach außen aus Naturnotwendigkeit, und das angewendete Beispiel ist in diesem Punkt nicht zutreffend. In Gott sind ja alle Werke nach außen, solches sind die Schöpfungswerke, frei. Allein der freie Wille darf die Neigung und den Antrieb der Liebe nicht mit Gewalt zurück- oder anhalten; im Gegenteil, er muss demselben folgen, nach dem Vorbild des höchsten Gutes, dessen Natur sich mitzuteilen verlangt, dabei aber kein Hindernis in seinem göttlichen Willen findet, sondern sich vielmehr gerade von dieser seiner Neigung leiten lässt und jedem Geschöpf nach seiner Fassungskraft die Strahlen seines unzugänglichen Lichtes mitteilt. Und so verfährt er, ohne dass von unserer Seite irgend etwas Gutes oder ein Verdienst oder eine Wohltat vorausgegangen oder später zu hoffen wäre; Gott ist ja keines Menschen bedürftig.

519. Wir haben nun die Beschaffenheit der Liebe zum Teil in ihrer Quelle, nämlich in Gott, erkannt. Außer dem Herrn selber aber finden wir dieselbe in ihrer ganzen, für ein bloßes Geschöpf möglichen Vollkommenheit in der allerseligsten Jungfrau Maria, deren Liebe als unmittelbares Vorbild der unsrigen dienen kann. Es ist klar, dass die Strahlen des Lichtes und der Liebe der unerschaffenen Sonne, in der sie ohne Maß und Grenzen ist, auf alle, auch die entferntesten Kreaturen sich nach der Ordnung, dem Maß und Grad ergießen, wie er der Stufe entspricht, welche eine jede von ihnen nach Maßgabe ihrer näheren und entfernteren Beziehung zu Gott, dem Urgrund ihres Daseins, einnimmt. Und gerade diese Ordnung ist es, welche die unbegrenzte Vollkommenheit der göttlichen Vorsehung offenbart; denn ohne sie wäre die Harmonie de Geschöpfe, welche Gott dazu ins Dasein gerufen hat, damit sie an seiner Güte und Liebe teilnehmen, in gewisser Weise, mangelhaft, getrübt und einseitig. Die erste Stufe nun in diese Ordnung muss nach Gott jene Seele oder Person einnehmen, welche unerschaffener Gott und erschaffener Mensch zugleich ist, damit die vollkommenste Vereinigung der Naturen auch die höchste Gnade und Teilnahme an der Liebe zu ihrer Folge habe, wie es denn bei Christus unserm Herrn der Fall war und ist.

520. Die zweite Stufe nimmt seine heiligste Mutter Maria ein. In ihr fand die göttliche Liebe und Güte in ganz einziger Weise ihre Wohnstätte. Denn die unerschaffene Liebe wäre, nach unseren Begriffen, nicht vollkommen befriedigt gewesen, hätte sie sich nicht einer reinen Kreatur in solcher Fülle mitgeteilt, dass dieselbe die Liebe und Güte des ganzen Menschengeschlechtes in sich vereinigte, das der reinen Natur Fehlende allein ergänzte, nach Möglichkeit Gegenleistung gewährte und an der unerschaffenen Liebe ohne jene Mängel und Unvollkommenheiten teilnahm, welche sich bei allen andern, von der Sünde angesteckten Menschen einschleichen. Maria allein war unter allen Geschöpfen «auserkoren wie die Sonne (Hld 6, 9)» der Gerechtigkeit, damit sie diese in der Liebe nachahme, und zwar in der Weise, dass sie in dieser Tugend ein vollkommen treues Abbild des Urbildes werde. Sie allein verstand es, Gott mehr und inniger zu lieben als alle Kreaturen zusammen; denn sie liebte Gott rein, vollkommen, auf das innigste und höchste um seiner selbst willen, die Geschöpfe aber nur um Gottes willen und so, wie er selbst dieselben liebt. Sie allein leistete dem Antrieb der göttlichen Liebe und deren heiligem Drang vollkommen rückhaltslos Folge, indem sie das höchste Gut um des höchsten Gutes willen und aus keiner andern Absicht liebte, die Geschöpfe aber nur, insofern sie an Gott teilhaben, nicht aber um der Wiedervergeltung und des Lohnes willen. Und damit ihre Nachahmung der unerschaffenen Liebe in jeder Hinsicht vollkommen sei, so war es wiederum Maria, welche allein in der Weise zu lieben vermochte und zu lieben verstand, dass sie den, welchen sie liebte, auch besser machte; denn mit ihrer Liebe wirkte sie derart, dass sie Himmel und Erde samt allem, was da ist, vervollkommnete, Gott allein ausgenommen.

521. Würde man die Liebe dieser Herrin auf die eine Schale einer Waage legen, auf die andere aber die Liebe aller Engel und Menschen zusammen, so würde die Liebe dieser reinsten Mutter schwerer wiegen als die aller übrigen Kreaturen; denn diese insgesamt haben keine solche Erkenntnis von der Natur und Beschaffenheit der göttlichen Liebe erlangt wie Maria, und eben darum vermochte auch Maria allein und besser als alle reinen, vernünftigen Geschöpfe dieselbe mit der entsprechenden Vollkommenheit nachzuahmen. Und mittels dieses Übermaßes der Liebe bezahlte sie hinreichend an Gott, was die Kreaturen für seine unermessliche Liebe ihm schulden, soweit dieses nämlich von denselben gefordert werden konnte; denn ein Ersatz von unendlichem Wert war, weil unmöglich, nicht erforderlich. Und wie die Liebe und Güte der heiligsten Seele Jesu Christi, soweit dieses möglich war, einen der persönlichen Vereinigung entsprechenden Grad erreichte, so war auch die Liebe Mariens an Größe jener Güte entsprechend, womit der ewige Vater ihr seinen heiligsten Sohn übergab, damit sie zugleich dessen Mutter würde und ihn zur Erlösung der Welt empfange und gebäre (Dass die allerseligsIe Jungfrau Maria schon auf Erden alle Engel und Heiligen zusammen an Liebe übertraf, ist allgemeine Ansicht der Theologen und ausdrückliche Lehre der Heiligen. So lehren z. B. der ehrw. P. Eusebius Nieremberg in seinem wunderschönen Werkchen über die Liebe zu Maria (De la aficion y amor de Maria, c. 4. u. c. 18.), der ehrwürdige Diener Gottes Johannes Eudes, Stifter der Eudisten. in seinem Werke über das heiligste Herz Mariä [Le Coer admirable de la très s. Mère de Dieu, p. I. II. III ch. 3.], der heilige Bernhardim von Siena [Pro festis B. V. M. s. 1. a. 1. c. 2], der heilige Kirchenlehrer Alfons in seinen «Herrlichkeiten Mariä» [Von den Tugenden der heiligsten Jungfrau § 2.] und der heilige Thomas von Aquin in seinem Werke über die göttlich Liebe [Opusc. 54. -alias 51 in fine primae partis]. Die Worte des englische Lehrers lauten: "Gloriosissima Virgo in cognoscendo et diligendo omnium creaturam personarum communitatem inaestimabiliter excessit - Sie übertraf an Erkenntnis und Liebe die Gesamtheit aller vernünftigen Geschöpfe in unfassbarer Weise.» Man vergleiche Suarez [De Incarn. disp. 18. s. 4]. Sedlmaier [Theol. Marian. p. 1. q. X. 8. 2.]. Contenson (Theol. mentis. I. X. diss. 6. c. 1. spec. 2.), Vega [Theol. Mar. n. 1157.], Cornelius a Lapide [Proverb. c. 3: v. 29.]. Der Herausgeber).

522. Hieraus können wir aber abnehmen, wie alles Gute und die ganze Glückseligkeit der Kreaturen in gewissem Sinn in der Liebe der allerseligsten Jungfrau Maria gegen Gott enthalten ist. Durch sie hat diese Tugend und Teilnahme an der göttlichen Liebe bei den Kreaturen ihre letzte und höchste Vollendung erlangt. Und bevor noch jemand die schuldige Zahlung leistete, ja diese Schuld nur anerkannte, hat sie dieselbe in aller Namen abgetragen. Durch die vollkommene Liebe nötigte sie gewissermaßen den ewigen Vater, ihr seinen heiligsten Sohn zu geben, sowohl für sich selbst als für das ganze Menschengeschlecht. Denn wäre die Liebe der reinsten Jungfrau Maria geringer oder mit irgendeinem Mangel behaftet gewesen, so hätte der menschlichen Natur die nötige Vorbereitung auf die Menschwerdung des Wortes gefehlt. Weil sich aber unter den Geschöpfen Gottes eines fand, welches die göttliche Liebe in dem höchsten Grade nachahmte, so war es gleichsam unausbleiblich, dass Gott selbst auf dieses Geschöpf herabstieg, was denn auch wirklich geschehen ist.

523. Der Heilige Geist fasst alles dieses in jenen Worten zusammen, womit er Maria die »Mutter der schönen Liebe nennt (Sir 24, 24); denn sie ist es, von welcher der Heilige Geist an dieser Stelle redet, wie oben bezüglich der heiligen Hoffnung bereits gesagt wurde (Siehe oben Nr. 509). Maria ist die Mutter unserer süßesten Liebe nämlich Jesu, unseres Herrn und Erlösers, welcher der Schönste unter allen Menschenkindern ist, sowohl wegen seiner Gottheit, welche ja die unendliche, unerschaffene Schönheit ist, als auch wegen seiner Menschheit, in der weder Sünde noch Trug gefunden ward (1 Petr 2, 22) und welche alles besitzt, was seine Gottheit nur immer an Gnade ihr mitteilen konnte. Sie ist auch die Mutter der schönen Liebe, weil sie allein in ihrem Geiste die Güte und vollkommenste und schönste Liebe, wie sie kein anderes Geschöpf jemals hervorzubringen vermochte, mit all ihrer Schönheit und ohne irgendeinen jener Mängel hervorbrachte, um dessentwillen man sie nicht unbedingt schön nennen könnte. Sie ist aber auch die Mutter unserer Liebe; sie hat ja dieselbe für uns auf die Welt herabgezogen und gewonnen und lehrt uns dieselbe kennen und üben. Denn außer der reinen Jungfrau gibt es weder im Himmel noch auf Erden eine einfache Kreatur, in deren Schule die Menschen und Engel die schöne Liebe zu erlernen vermocht hätten. Darum sind alle Heiligen Strahlen dieser Sonne und Bächlein, welche von diesem Meer ausströmen; und um so mehr verstehen sie zu lieben, je mehr sie an der Liebe der allerseligsten Jungfrau teilnehmen und je vollkommener sie ihre Liebe nach Verhältnis in sich abbilden.

524. Die Ursachen dieser großen Liebe und Güte Unserer Lieben Frau waren ihre überaus tiefe Erkenntnis und ihre erhabene Weisheit, welche sie sowohl aus dem eingegossenen Glauben und der Hoffnung als auch aus den Gaben des Heiligen Geistes, nämlich der Weisheit, des Verstandes und der Wissenschaft, vor allem aber aus der ihr verliehenen intuitiven und abstraktiven Anschauung der Gottheit schöpfte. Durch alle diese Mittel gelangte sie zur erhabensten Erkenntnis der unerschaffenen Liebe, welche sie an ihrer eigenen Quelle kostete. Und wie sie erkannte, dass man Gott um seiner selbst, die Kreaturen aber um Gottes willen lieben müsse, so vollbrachte und übte sie auch beides mit der stärksten und feurigsten Liebe. Zudem fand die göttliche Macht kein durch eine Sünde oder eine Unachtsamkeit oder durch Unwissenheit oder Unvollkommenheiten oder Saumseligkeit entstandenes Hindernis im Willen dieser Königin; sie vermochte darum nach ihrem Wohlgefallen in ihr alles zu wirken, was sie bei andern Kreaturen nicht wirkt, welche eine solche Vorbereitung wie Maria nicht besitzen.

525. Diese Liebe Mariä war das Wunder der Allmacht Gottes, der größte und deutlichste Beweis seiner unerschaffenen Liebe gegen eine reine Kreatur und die Erfüllung jenes großen natürlichen und göttlichen Gebotes: «Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben aus deinem ganzen Herzen, aus deiner ganzen Seele, aus deinem ganzen Gemüt und aus allen deinen Kräften (Dtn 6, 5).» Denn Maria erfüllte im Namen aller Kreaturen dieses Gebot, dem diese, solange sie noch leben und nicht zur Anschauung Gottes gelangt sind, nicht vollkommen nachzukommen vermögen. Diese Herrin aber erfüllte dasselbe während ihres Erdenlebens weit vollkommener als selbst die Seraphim, welche doch schon im Himmel sind. Zudem wahrte sie gewissermaßen auch die Interessen Gottes bei diesem Gebot, dass es nämlich nicht umsonst gegeben wäre und von Seiten der Menschen während des Lebens unerfüllt bliebe. Denn Maria allein hielt dasselbe heilig, erfüllte es für alle und leistete überreichen Ersatz für deren Mängel. Und hätte Gott nicht unsere Königin Maria vor Augen gehabt, als er den Menschen dieses so große Gebot der Liebe auferlegte, er hätte es wohl in dieser Form nicht gegeben. Aber es gefiel ihm, allein, um dieser Herrin willen dasselbe so zu geben; und ihr schulden wir darum wie die Erteilung, so auch die entsprechende Erfüllung des Gebotes der vollkommenen Liebe.

526. O süßeste und schönste Mutter der schönen Liebe, möchten doch alle Völker dich erkennen, alle Geschlechter dich preisen und alle Kreaturen dich erheben und loben! Du allein bist die Vollkommene, du allein die Vielgeliebte und zur Mutter der unerschaffenen Liebe Auserwählte. Denn diese hat dich gebildet als «die Einzige», als die «Auserwählte wie die Sonne (Hld 6, 8.9)», damit du in deiner schönsten und vollkommensten Liebe erglänzest! O nahen wir elenden Kinder Evas uns doch alle dieser Sonne, damit sie uns erleuchte und entflamme! Nahen wir um dieser Mutter, damit sie uns in Liebe wiedergebäre ! Gehen wir zu dieser Lehrmeisterin, damit sie uns unterweise, wie wir die Liebe zu üben haben, die Liebe des Wohlgefallens, die Liebe der Auswahl und die schöne, fleckenlose (göttliche) Liebe der Hochschätzung. Die Liebe des Wohlgefallens (amor) bezeichnet einen Affekt, dank dessen die Seele am geliebten Gegenstand ihr Wohlgefallen und ihre Befriedigung findet. Die Liebe der Auswahl (dilectio) wirkt mit freier Wahl und sondert das Geliebte von allem andern aus. Die Liebe der Hochschätzung (charitas) schließt außerdem noch eine hohe Wertschätzung und Achtung des geliebten Gutes in sich(Die von der ehrwürdigen Verfasserin hier gegebenen Begriffsbestimmungen und Unterscheidungen stehen mit der Lehre der scholastischen Theologie in vollkommenem Einklang. Der heilige Thomas definiert die "Liebe des Wohlgefallens» oder die «Liebe im allgemeinen» [amor] in folgender Weise: «Amor .. nihil est aliud quam complacentia appetibilis; et ex hac complacenlia sequitur motus in appetibile, qui est desiderium; et ultimo quies, quae esl gaudium.» [1.2. q. 26. a. 2. in c.] Über die dilectio und die charitas in ihrem Unterschied von dem amor sagt er: "Omnis dilectio vel charitas est amor, sed non e converso; addit enim dilectio supra amorem electionem praecedentem, ut ipsum nomen sonat; unde dilectio non est in concupiscibili, sed in voluntate tantum, et est in sola rationali natura. Charitas autem addit supra amorem perfectionem quandam amoris,in quantum id quod amatur, magni pretii aestimatur, ut ipsum nomen designat.» [Ibid. a. 3. in c.] Der Herausgeber). Alles dieses wird uns die «Mutter der schönen Liebe» lehren, welche dieses deshalb ist, weil sie alle diese Vollkommenheiten der Liebe besitzt. Bei ihr werden wir lernen, Gott um Gottes willen zu lieben und ihm unser ganzes Herz samt allen seinen Neigungen zu schenken; bei ihr werden wir lernen, ihn von allem anderen zu unterscheiden, was nicht das höchste Gut selber ist; denn wer außer ihm noch etwas anderes liebt, der liebt ihn viel zu wenig. Wir werden ihn höher schätzen lernen als Gold und jegliche Kostbarkeit; im Vergleich mit ihm ist ja jede Kostbarkeit gering, jede Schönheit hässlich und alles für leibliche Augen Große und Schätzbare verächtlich und wertlos. Von den Wirkungen der Liebe der allerseligsten Jungfrau Maria rede ich im Verlauf dieser ganzen Geschichte, und Himmel und Erde sind davon erfüllt; darum will ich mich nicht dabei aufhalten, im einzelnen zu erzählen, was keine Zunge und keine Sprache, weder von Menschen noch von Engeln, zu schildern vermag.

Lehre der Himmelskönigin

527. Wenn ich, meine Tochter, mit mütterlichem Wohlwollen verlange, dass du durch Übung aller anderen Tugenden mir nachfolgest, so geht doch hinsichtlich der Liebe, welche das Endziel und die Krone aller andern ist, mein Wunsch und Wille dahin, dass du mit aller Kraftanstrengung in deiner Seele ganz vollkommen nachbildest, was du in der meinigen wahrgenommen hast. Zünde darum das Licht des heiligen Glaubens und der Vernunft an und suche diese unendlich kostbare Drachme zu finden (Lk 15, 8); und hast du sie gefunden, dann vergiss und verachte alles Irdische und Vergängliche, und betrachte und erwäge wiederholt in deinem Geist, welch zahllose Gründe und Ursachen Gott in sich selber hat, um über alles geliebt zu werden. Und damit du erkennest, wie du ihn deinem Verlangen gemäß vollkommen lieben sollst, so merke dir die Kennzeichen und Wirkungen der vollkommenen und wahren Liebe; es sind folgende: wenn deine Betrachtungen und Gedanken sich ununterbrochen mit Gott beschäftigen; wenn du seine Gebote und Räte bereitwillig und unverdrossen beobachtest; wenn du fürchtest, ihn zu beleidigen, und, falls dieses geschehen ist, ihn alsbald zu versöhnen suchst; wenn dir seine Beleidigung Trauer bereitet, dagegen die Wahrnehmung, dass alle Geschöpfe ihm dienen, dir Freude verursacht; wenn dir das beständige Sprechen von seiner Liebe erwünscht ist; wenn dich sein Andenken und seine Gegenwart mit Wonne, seine Vergessenheit aber und seine Abwesenheit mit Trauer erfüllt; wenn du liebst, was er liebt, und verabscheust, was er verabscheut; wenn du alle für seine Freundschaft und Gnade zu gewinnen dich bemühst; wenn du mit Vertrauen zu ihm betest, seine Wohltaten mit Dank empfängst, dieselben treu bewahrst und zu seiner Ehre und Verherrlichung verwendest; wenn du das Verlangen hast und dir Mühe gibst, in dir selber die Neigungen der Leidenschaften zu unterdrücken, welche dich im Eifer der Liebe und in der Ausübung der Tugenden aufhalten oder hindern.

528. Diese und andere Wirkungen sind gleichsam der Gradmesser für die geringere oder größere Vollkommenheit der Liebe in einer Seele. Und ist die Liebe stark und feurig, so lässt sie vor allem die Seelenkräfte nicht untätig sein und duldet keinen Fehler im Willen, sie reinigt und vervollkommnet alsbald dieselben alle und ruht nicht, bis sie die Süßigkeit des geliebten höchsten Gutes kostet. Denn ohne dieses schmachtet sie, ist verwundet und krank und dürstet nach jenem Wein, welcher das Herz berauscht (Hld 5,1), indem er alles Irdische und Vergängliche vergessen macht. Und weil die Liebe die Mutter und die Wurzel aller andern Tugenden ist, so bemerkt man in der Seele, in welcher sie wohnt und lebt, schnell ihre Fruchtbarkeit. Denn sie erfüllt und schmückt die Seele mit den Fertigkeiten der übrigen Tugenden, die sie durch wiederholte Akte hervorbringt(Allerdings bringt die Liebe den Glauben und die Hoffnung nicht in der Seele eigentlich hervor, weil diese der Liebe vorangehen und auch nicht immer durch die Todsünde mit derselben verlorengehen. Allein die Liebe vervollkommnet den Glauben und die Hoffnung und macht sie verdienstlich wie alle übrigen Tugenden. Der heilige Thomas sagt [1. 2. q. 62. 8. 4.]: «Caritas est mater omnium virtutum et radix, in quantum est omnium virtutum forma.» Der Herausgeber), wie der Apostel andeutet (1 Kor 13, 4). Zudem besitzt die Seele, welche «in der Liebe bleibt», nicht bloß die Anmutungen dieser Tugend, womit sie dem Herrn ihre Liebe bezeigt, sondern weil sie in der Liebe weilt, wird sie von Gott wiedergeliebt; sie erfährt jene Rückwirkung der göttlichen Liebe, wegen welcher Gott in demjenigen bleibt, der ihn liebt (1 Joh 4,16 ), und dank welcher der Vater, der Sohn und der Heilige Geist kommen und in ihm wie in ihrem Tempel Wohnung nehmen (Joh 14, 23).

Das aber ist eine so erhabene Wohltat, dass man zu deren Erkenntnis im sterblichen Leben weder Worte noch Beispiele findet.

529. Die Ordnung dieser Liebe erfordert, dass wir vor allem Gott lieben, der über den Geschöpfen steht, dann uns selbst und sodann das, was uns am nächsten steht, d. h. den Mitmenschen. Ferner muss man Gott lieben mit dem ganzen Verstand ohne Irrtum, mit dem ganzen Willen ohne Falschheit und Geteiltheit, mit dem ganzen Gemüt ohne Vergesslichkeit und mit allen Kräften ohne Nachlässigkeit, Trägheit und Saumseligkeit. Der Beweggrund der Liebe zu Gott und zu allem andern, worauf sie sich erstreckt, ist Gott selbst; denn ihn muss man lieben wegen seiner selbst, da er ja das höchste, unendlich vollkommene und heilige Gut ist. Liebt ein Mensch Gott aus diesem Beweggrund, so folgt daraus, dass er auch sich selbst und den Nächsten wie sich selber liebe; denn er und sein Nächster gehören nicht so sehr sich selbst als vielmehr dem Herrn an, von dessen Güte sie Dasein, Leben und Bewegung empfangen. Und liebt jemand Gott wahrhaft, weil er Gott ist, so liebt er auch alles, was Gott angehört und einigermaßen an dessen Güte teilnimmt. Die Liebe sieht darum im Nächsten ein Werk Gottes und eine Teilnahme an ihm und macht keinen Unterschied zwischen Freund und Feind. Sie schaut ja nur auf das, was er von Gott besitzt, sowie darauf, dass er Gottes Eigentum ist. Ob nun ein Mensch Freund oder Feind, gut oder übel gesinnt ist, darauf sieht diese Tugend nicht. Den ganzen Unterschied bildet die geringere oder größere Teilnahme an der unendlichen Liebe Gottes; und nach dieser richtigen Ordnung liebt sie alle in Gott und um Gottes willen.

530. Jede Liebe aber, welche die Menschen aus andern Absichten oder Beweggründen hegen, z. B. in der Hoffnung auf Vorteil, Nutzen oder Wiedervergeltung, ist entweder eine ungeordnete und eigennützige oder eine rein menschliche und natürliche Liebe; und sollte sie auch eine tugendhafte und wohlgeordnete sein, so gehört sie doch nicht zur eingegossenen göttlichen Liebe. Weil aber gewöhnlich die Menschen sich durch derlei besondere Güter und andere auf ihren Vorteil gerichtete irdische Absichten leiten lassen, so gibt es nur sehr wenige, welche die Erhabenheit dieser edlen Tugend beachten, verstehen und erkennen und dieselbe mit der geziemenden Vollkommenheit üben. Und es ist dies nicht zu verwundern, da sie Gott selber nur um zeitlicher Güter oder etwa um der Wohltat geistlichen Trostes willen suchen und anrufen.

Von dir aber, meine Tochter, verlange ich, dass du dein Herz von all dieser ungeordneten Liebe fernhälst und nur die gutgeordnete Liebe darin herrschen lassest, wonach dir Gott der Allerhöchste ein Verlangen eingeflößt hat. Und wiederholst du es so oft, dass diese Tugend so schön und lieblich ist und von allen Kreaturen gesucht und geschätzt zu werden verdient, so musst du dich auch eifrig um ihre Erkenntnis bemühen. Hast du aber diese so kostbare Perle erkannt, so verschaffe dir dieselbe, indem du in deinem Herzen jede nicht ganz vollkommene Liebe vergissest und entfernst. Du sollst kein Geschöpf lieben außer wegen Gott und um dessentwillen, was du an ihm als einen Hinweis auf Gott und als dessen Eigentum erkennst, und so, wie eine Braut alle Diener und Hausgenossen ihres Bräutigams liebt, weil sie nämlich ihm angehören. Lässt du dich aber herbei, ein Geschöpf zu lieben, ohne darin Gott zu erkennen, und willst du es nicht um dieses Herrn willen lieben, so sei überzeugt, dass du ihn nicht mit der wahren christlichen Liebe (charitas) und so liebst, wie ich es von dir verlange und der Allerhöchste es dir befohlen hat. Dasselbe Urteil musst du auch fällen, wenn du bei deiner Nächstenliebe einen Unterschied zwischen Freund und Feind, zwischen dem Friedfertigen und dem Streitsüchtigen, zwischen dem mehr oder minder Höflichen und zwischen jenem machst, der gewisse natürliche Vorzüge besitzt, und jenem, dem dieselben abgehen. Alle derartigen Unterscheidungen kennt die wahre Liebe nicht, sondern nur die natürliche Neigung und die natürlichen Begierden. Diese aber musst du mittels dieser Tugend bemeistern, ertöten und ersticken.

NEUNTES HAUPTSTÜCK: Die Klugheit Mariä

Von der Tugend der Klugheit der heiligsten Himmelskönigin.

531. Wie der Verstand in seiner Tätigkeit dem Willen vorangeht und diesen in den seinigen leitet, so gehen die Tugenden, welche dem Verstand innewohnen, denen des Willens voran. Weil nun aber die Abgabe des Verstandes im Erkennen und Begreifen der Wahrheit besteht, so könnte der Zweifel erhoben werden, ob seine Fertigkeiten wahre Tugenden seien, da ja das Wesen der Tugend in der Neigung zum Guten und dessen Ausübung besteht. Allein es ist dessen ungeachtet gewiss, dass es auch Tugenden des Verstandes (virtutes intellectuales) gibt, deren Tätigkeit lobenswert und gut ist, wenn sie nur durch die Vernunft und die Wahrheit, welche der Verstand als das ihm eigentümliche Gute erkennt, geregelt ist. Und wenn der Verstand dem Willen ein solches Gut zeigt und vorstellt, damit er darnach verlange, und wenn er ihm Verhaltungsmassregeln für das Handeln gibt, so ist alsdann der Akt des Verstandes gut und tugendhaft und zwar entweder in der Ordnung der theologischen Tugenden, wie es beim Glauben der Fall ist, oder im Gebiet des Sittlich-Guten, wie es bei der Klugheit zutrifft, welche durch ihre Einsicht die Tätigkeit des Begehrungsvermögens leitet und regiert. Aus diesem Grunde ist die Tugend der Klugheit die erste und gehört dem Verstande an; sie bildet gleichsam die Wurzel der drei andern sittlichen oder Kardinaltugenden, insofern deren Übung durch die Klugheit lobenswert, ohne dieselbe aber fehlerhaft und tadelnswert ist.

532. Unsere Liebe Frau nun besaß die Tugend der Klugheit im höchsten Grad, nämlich entsprechend dem Grad ihrer übrigen Tugenden, von denen schon früher die Rede war. Und eben wegen der Erhabenheit dieser Tugend wird sie von der Kirche die weiseste Jungfrau genannt. Weil aber diese Haupttugend alle Übungen der andern Tugenden leitet, regiert und anordnet und weil in der ganzen Darstellung dieser Geschichte von den Tugendwerken der allerseligsten Jungfrau gehandelt wird, so wird deshalb auch die ganze Abhandlung von dem wenigen angefüllt sein, was ich über diesen Ozean von Klugheit sagen und schreiben kann; es leuchtet ja aus allen ihren Werken der Glanz dieser Tugend hervor, womit sie dieselben regelte. Ich werde deshalb jetzt nur im allgemeinen über die Tugend der Klugheit Mariä sprechen und ihre Bestandteile und Eigenschaften nach der Lehre der Gottesgelehrten und Heiligen auseinandersetzen, damit man dieselben besser erkenne.

533. Von den drei Arten der Klugheit von denen die eine die politische, die andere die reinigende Klugheit und die dritte die Klugheit des schon gereinigten und vollkommenen Gemütes genannt wird, mangelte Unserer Lieben Frau keine einzige. Freilich waren ihre Fähigkeiten schon ganz gereinigt oder bedurften, besser gesagt, der Neigung von der Sünde oder von einem Widerstreben gegen die Tugend ganz und gar nicht; allein sie mussten doch gereinigt werden hinsichtlich der natürlichen Unwissenheit und des Fortschrittes vom Guten und Vollkommenen zum Vollkommensten und Heiligsten. Dieses muss man aber in Betreff ihrer eigenen Werke verstehen, indem man diese miteinander, nicht aber mit denen der andern Kreaturen vergleicht. Denn im Vergleich mit den andern Heiligen gab es kein minder vollkommenes Werk in dieser heiligen Stadt Gottes, deren Grundfesten auf den heiligen Bergen erbaut waren (Ps 87,1). An und für sich aber waren, da die seligste Jungfrau vom Augenblick ihrer Empfängnis an in der Liebe und Gnade wuchs, einzelne ihrer Werke, welche an sich zwar höchst vollkommen und erhabener waren als alle Werke der Heiligen, dennoch weniger vollkommen im Vergleiche mit anderen, höheren, zu denen sie aufstieg.

534. Die politische Klugheit im allgemeinen ist jene, die alles überlegt und abwägt, was zu tun ist, und alles mit der Vernunft in Übereinstimmung bringt und nichts tut, was nicht recht und gut ist. Die reinigende Klugheit (prudentia purgatoria) ist jene, welche alles Sichtbare geringschätzt und das Herz davon losreißt und zur Betrachtung Gottes und aller himmlischen Dinge erhebt. Die Klugheit des schon gereinigten Gemütes hat das höchste Gut im Auge, nach welchem sie ihr ganzes Verlangen richtet, damit sie mit ihm vereinigt werde und darin so ruhe, als ob außer ihm gar nichts existierte. Mit allen diesen Arten der Klugheit war der Verstand Unserer Lieben Frau ausgerüstet, so dass er ohne Täuschung zu unterscheiden, zu erkennen und auch anzuordnen wusste und ohne Nachlässigkeit und Saumseligkeit zu dem bei diesen Akten Erhabensten und Vollkommensten anzutreiben vermochte. Niemals konnte das Urteil dieser erhabenen Königin in irgendeiner Sache etwas vorschreiben oder anstreben, was nicht das Beste und Vollkommenste gewesen wäre. Niemand hat alles Irdische und Sichtbare in der Weise hintangesetzt und abgewiesen oder abzuweisen vermocht, wie sie dies getan hat, um ihr Herz der Betrachtung der himmlischen Dinge zuzuwenden. Und da sie die letzteren auf so mannigfache Weise erkannte, so war sie mit dem höchsten, unerschaffenen Gut in dem Grade vereinigt, dass nichts anderes sie beschäftigte und dass nichts sie hinderte, in diesem Mittelpunkt ihrer Liebe zu ruhen.

535. Es ist aber auch einleuchtend, dass Unsere Liebe Frau die zur Klugheit gehörigen Bestandteile im höchsten Grade der Vollkommenheit besaß(Der heilige Themas von Aquin zählt drei Arten von Bestandteilen der Klugheit auf: a) die wesentlichen (partes substantiales), welche die besonderen Arten der Klugheit bilden. Von diesen ist unten in Nr. 543 die Rede [siehe S. Thom. Summa 2. 2. q. 47. art. 10 et 11. u. q. 50.]; b) die integrierenden [p. integrales], «welche die Tugend vervollkommnen oder ergänzen, ihr eine größere Vollkommenheit geben und sie allseitig durchbilden». Von diesen ist die Rede in Nr. 535 bis 543 [S. Thom. I. c. q. 49.]; c) die potentiellen [p. potentiales], «welche eine gewisse Disposition für die Tugend verleihen und erhöhen. ohne aber das ganze Wesen derselben zum Ausdruck zu bringen. Sie sind vorbereitende und insofern untergeordnete Tugenden.» Dr. Schwane, Spez. Moraltheol. 1. u. 2. Teil, S. 236-38. Von diesen ist in Nr. 547 die Rede. [S. Thom. I. c. q. 51.] Der Herausgeber). Der erste ist das Gedächtnis (memoria). Mittels dessen hält man die vergangenen und durch die Erfahrung wahrgenommenen Dinge fest und leitet daraus für das zukünftige und gegenwärtige Benehmen und Handeln verschiedene Regeln ab. Denn diese Tugend beschäftigt sich mit den einzelnen Handlungen. Weil es aber keine allgemeine Regel für alle einzelnen gibt, so muss man notwendig viele solche aus vielerlei Beispielen und Erfahrungen ableiten; und dazu ist das Gedächtnis erforderlich. Dieses war aber bei Unserer Lieben Frau so treu, dass es niemals der natürlichen Unvollkommenheit der Vergesslichkeit unterworfen war. Denn was sie einmal gehört oder erfahren hatte, behielt sie allzeit fest und gegenwärtig in ihrem Gedächtnis. Hinsichtlich dieser Wohltat besaß die reinste Jungfrau Maria einen Vorzug vor der ganzen menschlichen, ja selbst der englischen Natur, indem Gott in ihr das Vollkommenste von beiden vereinigte. Von der menschlichen Natur besaß sie das Wesentliche und vom Unwesentlichen das, was das Vollkommenste, was von der Sünde am weitesten entfernt und notwendig ist, um Verdienste zu sammeln. Von den natürlichen und übernatürlichen Gaben der englischen Natur aber besaß sie durch eine besondere Gnade viele im höheren Grade als die Engel selbst. Eine dieser Gaben war das zuverlässige und treue Gedächtnis, mittels dessen sie das einmal Wahrgenommene nicht mehr vergessen konnte. Und soweit sie den Engeln an Klugheit überhaupt überlegen war, ebensoweit übertraf sie dieselben auch hinsichtlich des Gedächtnisses.

536. Nur in einem Punkt wurde diese Auszeichnung durch die demütige Reinheit der heiligsten Jungfrau Maria wunderbarerweise beschränkt. Da nämlich die Vorstellungen von allen Dingen ihrem Gedächtnis fest eingeprägt bleiben sollten und es nicht anders möglich war, als dass sie unter denselben auch so viele von den Geschöpfen verübte Abscheulichkeiten und Sünden erkannte, so bat die demütigste und reinste Königin den Herrn, dass sich die Wohltat des Gedächtnisses nicht auf die Bewahrung derartiger Vorstellungen erstreckte, außer insoweit, als es die Übung der Nächstenliebe und der übrigen Tugenden erforderte. Der Allerhöchste entsprach dieser Bitte, mehr zur Anerkennung ihrer reinsten Demut als wegen der Gefahr für sie; die Sonne wird ja durch das Unreine, auf das ihre Strahlen fallen, nicht beschmutzt, und ebenso wenig werden die Engel durch unsere Armseligkeiten beirrt; denn für die Reinen ist alles rein (Tit 1,15). Allein hinsichtlich dieser Wohltat wollte der Herr der Engel seine Mutter mehr als diese bevorzugen und deshalb in ihrem Gedächtnis nur die Vorstellungen von all dem bewahren, was heilig, ehrbar, lauter, ihre Reinheit lieblicher entsprechend und dem Herrn angenehmer war. Mit einem Wort, ihre heiligste Seele war, auch hinsichtlich dieses Punktes, schöner und ihr Gedächtnis mit den Vorstellungen von den reinsten und liebenswürdigsten Dingen geziert.

537. Ein anderer Bestandteil der Klugheit ist die so genannte Einsicht (intelligentia). welche vorzüglich das im Auge hat, dass man tief und nach der Wahrheit die Gründe und Grundsätze, worauf die Ausübung tugendhafter Handlungen beruht, für neue Handlungen ausstellt und nach dieser Erkenntnis deren Ausführung regelt, sowohl in dem, was der Verstand hinsichtlich der Tugend im allgemeinen vorschreibt, als auch hinsichtlich dessen, was man im einzelnen zu beachten hat, falls man richtig und vollkommen handeln will. Wenn ich z. B. eine recht klare Erkenntnis von dem Grundsatz habe: «Was du nicht willst, dass man dir tue, das füge auch keinem andern zu», so folgere ich alsbald, dass ich meinen Mitmenschen nicht mit dieser oder jener besonderen Kränkung beleidigen darf, die ich, wenn ich sie von ihm oder sonst jemand erfahren sollte, für etwas Böses halten würde. Diese Einsicht nun besaß Unsere Liebe Frau in einem um so höheren Grad als alle andern Kreaturen, je zahlreichere sittliche Wahrheiten sie erkannte und je vollkommener sie deren unfehlbare Richtigkeit und ihren Ausfluss aus der göttlichen Wahrheit durchschaute. In diesem so klaren, durch die Strahlen des göttlichen Lichtes erleuchteten Verstand konnte weder von Täuschung noch von Unwissenheit, noch von Zweifel oder Meinung die Rede sein, wie das bei andern Menschen der Fall ist. Sie durchschaute ja alle Wahrheiten, namentlich in den praktischen, die Tugend betreffenden Gegenständen, wie im allgemeinen, so im besondern, und verstand dieselben so, wie sie in sich selbst sind. In einem so unvergleichlich hohen Grade besaß sie diesen Bestandteil der Klugheit.

538. Der dritte Bestandteil der Klugheit wird Voraussicht (providentia) genannt. Dieselbe nimmt unter den Teilen der Klugheit die wichtigste Stelle ein. Es ist nämlich bei Regelung der menschlichen Handlungen das Hauptgeschäft, das Gegenwärtige auf das Zukünftige hinzulenken, wodurch dann alles gehörig eingerichtet wird. Dieses nun ist die Wirkung der Voraussicht. Und diesen Bestandteil der Klugheit besaß unsere Königin und Herrin in einem womöglich noch höheren Grad als alle übrigen. Denn außer der Erinnerung an das Vergangene und einer ganz tiefen Einsicht in das Gegenwärtige hatte sie eine unfehlbare Wissenschaft und Erkenntnis von sehr vielen zukünftigen Dingen, auf welche sich ihre große Voraussicht erstreckte. Wegen dieser ihrer Kenntnis und des ihr eingegossenen Lichtes ordnete sie schon zum voraus die zukünftigen Dinge und die bevorstehenden Ereignisse, so zwar, dass keines derselben für sie plötzlich oder unvorhergesehen eintreten konnte. Alles sah sie voraus, überwachte und erwog es nach dem Gewicht des Heiligtums ihres durch das eingegossene Licht(Jedoch ist zu beachten, dass Gott für die seligste Jungfrau manchmal den Gebrauch der Scientia infusa aufhob und sie im Stand des reinen Glaubens ließ, ihr ein künftiges Ereignis verbarg oder über ein eingetretenes keinen Aufschluss gab, z. B. beim Verlust des zwölfjährigen Jesusknaben [illi ad meritum, nobis ad exemplum, wie Suarez sagt: De Incarn. q. 37. disp. 19. sect. 6.]. Der Herausgeber). erleuchteten Geistes. Auf diese Weise sah sie, nicht mit Zweifel oder Ungewissheit, wie dieses bei andern Menschen zu geschehen pflegt, jeglichem Vorkommnis entgegen, bevor es noch eintrat. Deshalb war auch für eine jede Sache Ort, Zeit und Gelegenheit passend gewählt und alles gut geordnet.

539. Diese drei Bestandteile der Klugheit umfassen jene Tätigkeiten, womit sich der Verstand hinsichtlich dieser Tugend beschäftigt, indem er sie auf die dreifache Zeit, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, verteilt. Betrachtet man aber alle Arten dieser Tugend, insofern sie die Mittel für die andern Tugenden im Auge hat und die Tätigkeit des Willens regelt, so fügen die Gottesgelehrten und Philosophen derselben noch fünf andere Stück bei, nämlich die Gelehrigkeit, das richtige Urteilen, die Geschicklichkeit, die Umsicht und die Vorsicht. Die Gelehrigkeit (docilitas) ist eine gute Eingebung (dictamen) und Vorbereitung, dank deren sich der Mensch von Verständigeren belehren lässt und sich nicht selbst für weise hält noch auf das eigene Urteil und die eigene Weisheit baut. Das richtige Urteilen (ratio), auch Schlussfolgern genannt, besteht darin, dass man gehörig untersucht und aus dem, was man als etwas Allgemeines erkannt, für die tugendhaften Handlungen die besondern Gründe oder das ableitet, was sie rätlich erscheinen lässt. Die Geschicklichkeit (Scharfsinn, solertia) besteht in der sorgfältigen Aufmerksamkeit und genauen Achtsamkeit auf alles Vorkommende, wie die Gelehrigkeit auf das achtet, was man uns lehrt, um ein richtiges Urteil zu fällen und die Regeln aufzufinden, nach denen wir bei unsern Handlungen das Gute treffen. Die Umsicht (circumspectio) besteht im Beurteilen und Erwägen der zu einer guten Handlung erforderlichen Umstände. Denn eine gute Absicht macht eine Handlung noch nicht lobenswert, falls die dabei erforderlichen und passenden Umstände fehlen. Die Vorsicht (cautela) bezeichnet jene vernünftige Aufmerksamkeit, womit man die Gefahren und Hindernisse, welche etwa unter dem Deckmantel der Tugend oder unvermutet sich erheben könnten, bemerkt und ihnen vorbeugt, so dass sie uns nicht unbemerkt und unvorbereitet antreffen.

540. Diese Bestandteile der Klugheit fanden sich sämtlich bei der Himmelskönigin ohne Mangel und in ihrer höchsten Vollkommenheit. Die Gelehrigkeit fand sich in ihr als die rechtmäßige Tochter ihrer unvergleichlichen Demut. Zwar hatte sie vom ersten Augenblick ihrer unbefleckten Empfängnis an eine große Fülle von Wissenschaft empfangen und war die Lehrerin und Mutter der wahren Weisheit; allein dessen ungeachtet ließ sie sich von den Vorgesetzten, von Gleichgestellten und selbst von Niedrigeren unterrichten, indem sie sich für die Allergeringste achtete und die Schülerin derjenigen zu sein wünschte, welche im Vergleich mit ihr ganz und gar unwissend waren. Diese Gelehrigkeit zeigte sie während ihres ganzen Lebens, indem sie, diese unschuldigste Taube, ihre Weisheit mehr als mit Schlangenklugheit verbarg (Mt 10,16). Als Kind ließ sie sich von ihren Eltern unterrichten, später im Tempel von ihrer Lehrmeisterin und ihren Gefährtinnen, sodann von ihrem Bräutigam, dem heiligen Joseph, und von den Aposteln. Von allen wollte sie lernen, um uns dieses wunderbare Beispiel dieser Tugend und der Demut zu geben, wie ich schon anderwärts gesagt habe (Siehe oben Nr. 404 u. 470).

541 Der kluge Gebrauch der Vernunft oder das richtige Urteilen zeigte sich bei der allerseligsten Jungfrau Maria darin, dass sie nach dem Bericht des heiligen Lukas (Lk 2,19.51) alles in ihrem Herzen bewahrte und überlegte, was im Lauf der Zeit bei den Taten und Geheimnissen ihres heiligsten Sohnes sich zutrug. Dieses Überlegen scheint eine Tätigkeit der Vernunft zu sein, mittels deren sie die früheren Dinge andern eben vorkommenden oder nachfolgenden gegenüberstellte und dann sie miteinander verglich. Dadurch bildete sie in ihrem Herzen sehr kluge Schlüsse und wendete sie auf das an, was zur erfolgreichen Ausübung ihrer Handlungen passend war. Allerdings erkannte sie viele Dinge auch ohne Untersuchung, bloß durch einen einfachen Blick oder durch ihre jede menschliche Untersuchung übersteigende Einsicht; aber hinsichtlich der Tugendübung konnte sie Schlüsse machen und mittels der Untersuchung die allgemeinen Gründe der Tugenden auf die ihnen eigentümlichen Übungen anwenden.

542. Auch hinsichtlich der Geschicklichkeit und sorgsamen Aufmerksamkeit der Klugheit besaß unsere Königin ein besonderes Vorrecht. Denn frei vom schweren Gewicht der Leidenschaften und der verdorbenen Natur, kannte sie auch keine Schwäche und Langsamkeit an ihren Fähigkeiten; im Gegenteil, sie konnte leicht, flink und ohne alle Schwierigkeit alles bemerken und beobachten, was zur Bildung eines richtigen Urteiles und eines passenden Rates bei Ausübung der Tugend in jedem vorkommenden Fall dienlich war, leicht und schnell ersah sie die rechte Mitte der Tugend und deren Übung. Nicht minder bewunderungswürdig war die Umsicht der allerseligsten Jungfrau. Denn alle ihre Werke waren so vollkommen, dass an keinem von ihnen irgendein guter Umstand mangelte, sondern vielmehr alle die höchsten Vorzüge, welche sie überaus lobenswert machten, in sich vereinigten. Ihre Werke erstreckten sich größtenteils auf die Nächstenliebe und waren dem Bedürfnis und Zweck so entsprechend, dass bei ihrem Lehren, Trösten, Ermahnen, Bitten oder Zurechtweisen die wirksame Süßigkeit ihrer Gründe und die Anmut ihrer Handlungen allezeit das Ziel erreichten.

543. Der letzte Bestandteil, nämlich die Vorsicht, womit man den Hindernissen entgegentritt, welche etwa die Tugend stören oder vernichten könnten, musste notwendig bei der Königin der Engel vollkommener als bei diesen sein. Denn ihre so hohe Weisheit und die derselben entsprechende Liebe machten sie so vorsichtig und bedachtsam, dass kein Vorfall und kein auftauchendes Hindernis sie unvorbereitet finden und stören konnte, so dass sie nicht mit der höchsten Vollkommenheit bei allen Tugenden gehandelt hätte. Da nämlich der böse Feind ihre Leidenschaften nicht aufregen konnte und deshalb, wie wir in der Folge noch sehen werden, sich alle Mühe gab, um ihr andere, ganz besondere und ausgesuchte Hindernisse im Guten zu bereiten, so übte die weiseste Jungfrau gerade diesen Bestandteil der Klugheit, nämlich die Vorsicht sehr oft, zur Verwunderung aller heiligen Engel. Der Teufel dagegen geriet wegen dieser so vorsichtigen Klugheit der heiligen Jungfrau ebenso in Wut wie in Furcht und Neid und suchte jene Macht auszuspähen, mittels deren sie seine vielen Kunstgriffe und schlauen Anschläge zuschanden machte, die er plante, um sie im Guten zu hindern oder auf Abwege zu bringen, die er aber allezeit vereitelt sah, weil Maria, die Königin der Tugenden in allen Tugenden das Vollkommenste übte, und zwar in jedem Gegenstand und bei jedem Vorkommnis.

Wir haben nun die Bestandteile kennengelernt welche zur Vollständigkeit der Klugheit gehören. Diese nun wird in verschiedene Arten eingeteilt mit Rücksicht auf ihre Gegenstände und die von ihr angestrebten Zwecke. Die Leitung durch die Klugheit kann sich auf uns selber oder auf andere erstrecken, und darum teilt man sie in eine solche ein, welche zur eigenen, und in eine solche, welche zur Leitung anderer dient. Jene, weIche einem jeden zur Regelung der ihm besonders zustehenden Handlungen dient, nennt man meines Wissens die enarchische Klugheit (prud. enarchica). Ich brauche aber über diese nichts mehr demjenigen beizufügen, was ich schon oben von der besonderen Herrschaft der Himmelskönigin über sich selber gesagt habe. Jene Klugheit aber, welche zur Regierung von einer Menge anleitet, wird polyarchisch (prud. polyarchica) genannt; sie wird in vier Arten eingeteilt, nach der verschiedenen Beschaffenheit der Menge, welche regiert wird. Die erste nennt man die regierende Klugheit (prud. regnativa), weil sie die Könige anleitet, mittels weiser und passender Gesetze zu regieren; sie kommt den Königen, Fürsten, Monarchen und obersten Gewalthabern zu. Die zweite wird politische (politica) Klugheit genannt und gibt wie ihr Name andeutet, Anleitung zur Regierung der Städte und Staaten. Die dritte wird ökonomische genannt (oeconomica); sie lehrt und befähigt zur Leitung einzelner Familien und Haushaltungen. Die vierte endlich ist die militärische (militaris) Klugheit; diese lehrt die rechte Kriegs- und Heerführung.

544. Keine dieser Arten von Klugheit mangelte unserer erhabenen Königin; denn die Fertigkeit in allen wurde ihr schon im Augenblick ihrer Empfängnis und der damit verbundenen Heiligung mitgeteilt; sie sollte ja keiner Gnade, Tugend und Vollkommenheit entbehren, welche geeignet war, sie an Würde und Schönheit über alle Geschöpfe zu erhöhen. Darum hat der Allerhöchste sie zur Vorrats- und Schatzkammer aller seiner Gaben gemacht, aber auch zum Vorbild für alle Menschen und zum Meisterwerke seiner Allmacht und Größe, damit man im himmlischen Jerusalem klar erkenne, wie Großes er in einer reinen Kreatur zu wirken vermochte und wirken wollte. Die Fertigkeiten dieser Tugenden blieben aber in Maria nicht untätig; denn sie übte bei verschiedenen, im Verlauf ihres Lebens vorkommenden Gelegenheiten alle aus. Was die ökonomische Klugheit betrifft, so ist es eine bekannte Sache, in welch unvergleichlichem Grade sie dieselbe bei Führung ihrer Haushaltung mit dem heiligen Joseph, ihrem Bräutigam, und ihrem heiligsten Sohn bewies, bei dessen Erziehung und Bedienung sie sich so klug benahm, wie es dem erhabensten und verborgensten aller jemals den Menschen anvertrauten Geheimnisse entsprach. Soweit Verstand und Kräfte reichen, will ich später hierüber sprechen.

545. Die regierende oder monarchische Klugheit übte sie, indem sie als die einzige Beherrscherin der Kirche die heiligen Apostel beim Beginn derselben belehrte, ermahnte und leitete, damit sie dieselbe gründeten und die zu ihrer Ausbreitung und ihrem Bestand besonders erforderlichen und ersprießlichen Gesetze, Gebräuche und Zeremonien feststellten. Allerdings gehorchte sie den Aposteln in den einzelnen Dingen und befragte besonders den heiligen Petrus als den Stellvertreter Christi und das Oberhaupt der Kirche sowie den heiligen Johannes als ihren Hauskaplan. Aber diese erholten sich miteinander bei ihr Rat und gehorchten ihr, wie auch die andern Apostel, in den allgemeinen Angelegenheiten und in allen andern Dingen, welche die Regierung der Kirche betrafen. Desgleichen unterwies sie auch die christlichen Könige und Fürsten, welche sie um Rat fragten. Es hatten nämlich schon manche nach der Himmelfahrt ihres Sohnes mit ihr bekannt zu werden gesucht. Namentlich bedienten sich die Heiligen Drei Könige, als sie ihren göttlichen Sohn in seiner Kindheit anbeteten, ihres Rates; und sie antwortete und zeigte ihnen in allen Stücken, wie sie bei der Leitung ihrer eigenen Person und der ihrer Reiche verfahren sollten; und sie tat dieses mit solcher Klugheit und Geschicklichkeit, dass sie ihnen als Stern und Wegweiser zum Himmel diente (Teil 2. 8. 4. Hauptstück 5. 25. 30). Sie kehrten darum voll Licht, Trost und Staunen über die Weisheit, Klugheit und übersüße Kraft der von einer so zarten Jungfrau vernommenen Wort in ihre Heimat zurück. Und zum Beweise alles dessen, was hier noch weitläufiger angeführt werden könnte, genüge es, diese Königin selbst zu hören, welche spricht: «Durch mich regieren die Könige; durch mich befehlen die Fürsten und beschließen die Gesetzgeber, was Recht ist'.»

546. Gleicherweise übte sie auch die politische Klugheit, indem sie die Gemeinden und Völker, insbesondere die ersten Gläubigen belehrte, wie sie bei öffentlichen Angelegenheiten und bei der Verwaltung zu Werke gehen, den Königen und weltlichen Fürsten, namentlich aber dem Statthalter Christi und Oberhaupte der Kirche und deren Vorstehern und Bischöfen, gehorchen sollten; ferner wie sie die Konzilien abhalten und die darauf gefassten Beschlüsse und Bestimmungen ausführen sollten. Auch die militärische Klugheit war dieser erhabenen Königin eigen. Denn auch hierin erteilte sie allen Gläubigen, die es wünschten, ihren Rat und zeigte ihnen, was man bei den gegen Feinde gerechterweise unternommenen Kriegen zu beobachten habe, um desto gerechter und gottgefälliger vorzugehen. Man könnte hier auch jenen so hochherzigen Edelmut und jene Klugheit anführen, womit diese mächtige Königin den Fürsten der Finsternis besiegt und durch ihre so hohe Weisheit und Klugheit gezeigt hat, wie man ihn besser bekämpfen könne, als David den Goliath, Judith den Holfernes und Esther den Aman überwanden (1 Sam 17, 50; Jud 13,10; Est 7, 6). Und hätten auch diese Arten und Fertigkeiten der Klugheit zu allen bisher angeführten Handlungen der Mutter der Weisheit nicht gedient, so hätte es sich, auch abgesehen von dem Schmuck, den sie ihrer heiligsten Seele verliehen, doch geziemt, dass sie alle besitze, und zwar dazu, um die Mittlerin und einzige Fürsprecherin der Welt zu sein. Sie sollte alle Wohltaten erflehen, welche Gott den Menschen gewähren wollte; und diesen sollte nichts gewährt werden, ohne dass es ihnen durch die Hände und Fürsprache dieser Jungfrau zukäme. Aber ebendeshalb war es auch geziemend, dass sie mit der vollkommenen Erkenntnis aller jener Tugenden ausgerüstet sei, welche sie für die Menschen erflehte, und dass diese Tugenden nächst Gott dem Herrn, in welchem sie als in ihrem unerschaffenen Ursprung sich finden, auch von dieser Herrin wie von ihrem Urbild und ihrer Quelle ausfließen.

547. Der Klugheit werden auch andere Hilfsmittel zugeschrieben, die gleichsam ihre Instrumente bilden und potentielle Bestandteile (partes potentiales) heißen (Siehe oben die Anmerkung zu Nr. 535) und mittels deren sich die Klugheit betätigt. Es sind folgende: die Gewandtheit oder Fertigkeit in Bildung eines Urteils, syntesis (richtige Beurteilung) genannt; jene, welche beim gehörigen Beraten leitet und hilft, wird eubulia (Wohlberatenheit) genannt; jene, welche in besondern Fällen, wo die allgemeinen Regeln nicht mehr ausreichen, handeln lehrt, heißt gnome (der richtige Takt) und ist notwendig zur Epikeja, d. h. zur Auslegung des Gesetzes, welche gewisse Vorkommnisse nach höheren und außergewöhnlichen Grundsätzen beurteilt. Mit allen diesen Vollkommenheiten und Tugenden war die Klugheit der allerseligsten Jungfrau ausgerüstet; und niemand, auch nicht der höchste Engel, konnte für die einzelnen Fälle so richtig wie sie in allen Stücken Rat erteilen oder urteilen. Besonders erfasste unsere Königin die höheren Gründe und Grundsätze, wonach man bei solchen Fällen verfahren muss, welche über die gewöhnlichen und allgemeinen Gesetze hinausgehen. Es würde aber zu weit führen, wollten wir hier diese alle aufzählen; viele derselben werden noch im Lauf ihres Lebens vorkommen. Zum Schluss dieser ganzen Abhandlung über die Klugheit Mariä sage ich, dass der Messstab zur Bemessung derselben die Klugheit der heiligsten Seele unseres Herrn Jesu Christi ist, dem sie in entsprechendem Verhältnis in allem gleichförmig und ähnlich war. Sie war ja zu einer Gehilfin für ihn bei dem Werke der höchsten Klugheit und Weisheit erschaffen, welches der Herr aller Kreaturen, der Erlöser der Welt, vollbrachte.

Lehre der Himmelskönigin

548. Was du, meine Tochter, in diesem Hauptstück beschrieben und sonst noch vernommen hast, soll dir nach meinem Willen zur Lehre und Ermahnung dienen, welche ich dir zur Regelung aller deiner Handlungen gebe. Die dir mitgeteilte Erkenntnis meiner Klugheit bei all meinem Denken, Wollen und Handeln präge deinem Geist tief ein und bewahre sie treu im Gedächtnis. Dieses Licht wird dich mitten in den Finsternissen der menschlichen Unwissenheit leiten, so dass dich die Blendwerke der Leidenschaften nicht verwirren und stören und noch viel weniger das, was deine Feinde mit äußerster Bosheit und Emsigkeit deinem Verstand einzuflößen suchen. Wenn der Mensch nicht alle Regeln der Klugheit kennt, so ist das für ihn noch keine Sünde; versäumt er es aber aus Nachlässigkeit, sie so zu erlernen, dass er sich bei allem mit der geziemenden Klugheit zu benehmen weiß, so ist das eine schwere Verschuldung und die Ursache vieler Täuschungen und Irrtümer beim Handeln. Von dieser Vernachlässigung kommt es her, dass die Leidenschaften, welche die Klugheit zerstören und hindern, zur Herrschaft kommen, namentlich die ungeordnete Traurigkeit und ungeordnete Freude, welche das zu einer klugen Schätzung des Guten und des Bösen erforderliche richtige Urteil verkehren. Daraus, sage ich, entstehen zwei gefährliche Fehler, nämlich die Übereilung beim Handeln ohne Berücksichtigung der geeigneten Mittel, und die Unbeständigkeit bei den guten Vorsätzen und den begonnenen Werken. Übermäßiger Zorn oder unbescheidener Eifer treiben bei manchen äußeren, ohne Plan und Maß unternommenen Handlungen ihr Spiel. Leichtsinn beim Beurteilen aber sowie Mangel an Fertigkeit beim Handeln sind Ursache,dass die Seeie von dem einmal Begonnenen wieder ablässt, weil sie auf das eingeht, was ihr von entgegengesetzter Seite daherkommt, und weil sie leichtsinnigerweise bald an dem wahren Gute, bald an dem scheinbaren und trügerischen Gute ihre Freude findet, das die Leidenschaften begehren und der Satan vorspiegelt.

549. Gegen alle diese Gefahren möchte ich dir Vorsicht und Klugheit anempfehlen. Und du wirst diese auch anwenden, wenn du auf das Beispiel meiner Werke achtest und die Lehren und Ratschläge befolgst, welche dir der Gehorsam gegen deinen Seelenführer an die Hand gibt, ohne den du nichts tun sollst, damit du planmäßig und auf gelehrige Weise vorgehest. Auch das musst du wohl wissen, dass dir durch den Gehorsam große Weisheit vom Allerhöchsten zufließt; denn ein zartes, unterwürfiges und gelehriges Herz ist Gott unaussprechlich gefällig. Erinnere dich beständig an das Schicksal jener törichten und unklugen Jungfrauen, welche aus unvorsichtiger Nachlässigkeit die Sorgfalt und den guten Rat da versäumten, wo sie diesen gerade am meisten hätten anwenden sollen. Später aber, als sie es wünschten, fanden sie die Pforte der Rettung verschlossen (Mt 25,1 ff). Trachte darum, meine Tochter, die Einfalt der Taube mit der Klugheit der Schlange zu verbinden (Mt 10,16); dann werden deine Werke vollkommen sein.

ZEHNTES HAUPTSTÜCK: Die Gerechtigkeit Mariä

Von der Tugend der Gerechtigkeit der allerseligsten Jungfrau Maria.

550. Die große Tugend der Gerechtigkeit dient vorzüglich der Liebe Gottes und des Nächsten und ist darum für den Verkehr und die Gesellschaft der Menschen ganz besonders notwendig. Denn sie ist eine Fertigkeit, welche den Willen geneigt macht, einem jeden das Seinige zu geben, und hat zur Materie und zum Gegenstand die Gleichheit, das richtige Ebenmaß oder das Recht, das man den Nächsten und Gott selbst gegenüber wahren muss. Und weil der Mensch diese Gerechtigkeit gegen den Nächsten so vielfach und auf so verschiedene Weise üben oder verletzen kann, so ist der Gegenstand der Gerechtigkeit sehr umfangreich, und hat diese Tugend viele Arten oder Gattungen. Insofern sie sich auf das öffentliche und allgemeine Wohl bezieht, heißt sie gesetzliche Gerechtigkeit (justitia legalis); und weil sie alle andern Tugenden auf dieses Ziel hinzulenken vermag, wird sie eine allgemeine Tugend genannt, obwohl sie das Wesen der andern Tugenden nicht hat. Ist aber der Gegenstand der Gerechtigkeit eine bestimmte Sache, welche bloß einzelne Personen betrifft, unter denen sie einer jeden ihr Recht wahrt, so wird sie besondere Gerechtigkeit genannt (justitia particularis et specialis).

551. Die Herrin der Welt nun übte diese Tugend nach ihrem ganzen Umfang, mit all ihren Teilen, Gattungen oder Arten allen Geschöpfen gegenüber, und zwar unvergleichlich vollkommener als irgendeines der letzteren. Denn sie allein erkannte in höherem Grad und begriff vollkommen, was einer jeden gehöre. Diese Tugend der Gerechtigkeit bezieht sich zwar nicht unmittelbar auf die natürlichen Leidenschaften wie die Stärke und Mäßigkeit, wovon später die Rede sein wird, allein nichtsdestoweniger haben die Ungerechtigkeiten gegen den Nächsten oftmals, ja sogar für gewöhnlich ihren Grund darin, dass man die Leidenschaften nicht beherrscht und zügelt. Wir sehen dieses an jenen, welche, von ihrer ungeordneten Habsucht oder Sinnenlust getrieben, fremdes Gut an sich bringen. Die allerseligste Jungfrau nun war frei von ungeordneten Leidenschaften und von der Unwissenheit; darum erkannte sie bei den Dingen die rechte Mitte, worin die Gerechtigkeit besteht, und beobachte diese auch gegen alle, indem sie gegen jeden einzelnen nach Recht und Gerechtigkeit verfuhr. Sie belehrte aber auch andere, dass sie dasselbe tun, nämlich alle diejenigen, welche das Glück hatten, ihre Worte und ihre Lehren des Lebens zu hören. Was die gesetzliche Gerechtigkeit betrifft, so beobachtete sie diese nicht bloß durch die Erfüllung der allgemeinen Gesetze, wie sie bei ihrer Reinigung und bei andern Vorschriften des Gesetzes tat, obwohl sie als die Königin und Sündelose davon frei war; sondern mit Ausnahme ihres heiligen Sohnes war niemand so sehr auf das öffentliche und allgemeine Wohl der Menschen bedacht wie diese Mutter der Barmherzigkeit. Denn sie richtete alle Tugenden und Handlungen, wodurch sie die göttliche Barmherzigkeit verdienen und dem Nächsten durch anderweitige Wohltaten nützen konnte, auf dieses Ziel hin.

552. Die beiden Arten der Gerechtigkeit, nämlich die zuteilende und austauschende (distributiva et commutativa), erglänzten an Maria gleichfalls in heroischem Grade. Die zuteilende Gerechtigkeit regelt die Handlungen, wodurch die gemeinschaftlichen Dinge an einzelne Personen verteilt werden. Diese Gerechtigkeit beobachtete Maria bei vielen Dingen, welche nach ihrem Willen oder ihrer Unordnung unter den Gläubigen der ersten Kirche geschahen, wie z. B. beim Verteilen der gemeinschaftlichen Güter zum Unterhalt und zu anderen Bedürfnissen der einzelnen Personen. Geld teilte sie zwar niemals eigenhändig aus, weil sie niemals solches berührte; allein es wurde nach ihrer Anordnung und oft nach ihrem Rat ausgeteilt. Bei diesen und ähnlichen Dingen beobachtete sie jederzeit die strengste Billigkeit und Gerechtigkeit mit Berücksichtigung der Bedürfnisse und der Verhältnisse der einzelnen. Dasselbe beobachtete sie auch bei Austeilung der Ämter und Würden oder Verrichtungen, welche unter den Schülern und den ersten Söhnen des Evangeliums auf den allgemeinen hierfür anberaumten Versammlungen und Zusammenkünften verteilt wurden. Alles dieses ordnete und leitete diese weiseste Meisterin nach vollkommener Billigkeit. Denn alles, was sie tat, tat sie nach speziellem Gebet und mit Hilfe besonderer göttlicher Erleuchtung, die ihr außer der gewöhnlichen Wissenschaft und Erkenntnis, die sie ohnedies von allen Personen und Sachen hatte, noch zuteil ward. Deshalb wandten sich die Apostel bei solchen Handlungen an sie, und ebenso baten sie auch andere mit der Regierung betraute Personen um Rat; und was immer nach diesem angeordnet war, wurde mit vollkommener Gerechtigkeit und ohne Ansehen der Person vollzogen.

553. Die austauschende Gerechtigkeit (justitia commutativa) lehrt die gegenseitige Gleichheit in dem beobachten, was einzelne Personen gegenseitig geben und empfangen, z. B. für je zwei wieder zwei geben oder den gerechten Preis einer Sache nach ihrem Werte geben. Diese Art der Gerechtigkeit übte die Himmelskönigin weniger aus als die übrigen Tugenden, weil sie in eigener Person weder etwas kaufte noch verkaufte. Denn wenn etwas einzukaufen oder zu vertauschen war, so tat es der heilige Patriarch Joseph, solange er am Leben war, und später der heilige Evangelist Johannes oder ein anderer von den Aposteln. Es wollte nämlich der Lehrer der Heiligkeit, der gekommen war, um die Habsucht, «die Wurzel aller Übel (1 Tim 6,10)», auszurotten und zu vernichten, von sich selbst und seiner heiligen Mutter jene Handlungen und Geschäfte fernhalten, durch welche dieses Feuer der menschlichen Habsucht entzündet und unterhalten zu werden pflegt. Und darum versah nach der Anordnung seiner göttlichen Vorsehung weder er noch seine reinste Mutter eigenhändig die Geschäfte des menschlichen Verkehrs durch Kaufen und Verkaufen, selbst dann nicht, wenn es sich um die zur Erhaltung des natürlichen Lebens notwendigen Dinge handelte. Aber dessen ungeachtet unterließ sie nicht, alles das zu lehren, was zu dieser Tugend der austauschenden Gerechtigkeit gehört, damit jene, welche unter den Aposteln und ersten Gläubigen dieselbe ausüben mussten, vollkommen darnach handeln könnten.

554. Diese Tugend begreift noch andere Handlungen in sich, welche in Bezug auf den Nächsten geschehen. Dergleichen sind alle jene Akte, durch welche ein Mensch über einen andern urteilt, sei es in einem öffentlichen und bürgerlichen Gericht, sei es durch Privaturteil. Von dem Laster, das der Gerechtigkeit in dieser Hinsicht entgegensteht, hat der Herr gesprochen, als er bei Matthäus sagte: «Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet (Mt 7,1).» Bei derlei richterlichen Handlungen wird einem jeden gegeben, was ihm nach dem Urteil des Richters gebührt. Und solche Handlungen sind gerecht, wenn sie mit der Vernunft übereinstimmen, dagegen ungerecht, wenn sie derselben widersprechen. Unsere Liebe Frau übte kein öffentliches oder bürgerliches Richteramt aus, obwohl sie die Gewalt besaß, die Richterin des ganzen Weltalls zu sein; aber sie erfüllte während ihrer Lebenszeit durch ihre so richtigen Ratschläge und später durch ihre Fürbitte und ihre Verdienste dasjenige, was von ihr in den Sprichwörtern geschrieben steht: «Ich wandle auf den Wegen der Gerechtigkeit; und durch mich entscheiden die Mächtigen nach der Gerechtigkeit (Spr 8, 20 u. 16).»

555. Was die Privaturteile betrifft, so konnte im reinsten Herzen der heiligsten Jungfrau Maria niemals eine Ungerechtigkeit vorkommen. Denn niemals konnte sie weder leichthin Verdacht schöpfen noch vorschnell ein Urteil fällen; auch Zweifel hatte sie nicht, oder wenn sie solche hatte, so entschied sie sich nicht ungerechterweise für das Schlimmere. Diese ganz ungerechten Fehler sind den Kindern Adams eigen und gewissermaßen natürlich; denn in diesen herrschen die ungeordneten Leidenschaften des Hasses, des Neides, der verkehrten Eifersucht und andere Laster, deren schmählicher Sklaverei sie unterworfen sind. Aus diesen so verdorbenen Wurzeln entstehen die Ungerechtigkeiten des bösen Verdachtes aus unzureichenden Gründen, der freventlichen Urteile und der schlimmen Deutung dessen, was zweifelhaft ist; denn ein jeder glaubt leicht von seinem Bruder jene Fehler, deren er selber schuldig ist. Und wenn man sich aus Hass oder Neid über das Gute seines Nächsten betrübt und über das Böse sich freut, so glaubt man dieses leicht ohne Grund, weil man es wünscht und das Urteil nach der Neigung ausfällt. Von all diesen Folgen der Sünde war unsere Königin frei, da sie an der Sünde selbst keinen Teil hatte. Was immer in ihrem Herzen aus- und einging war lauter Liebe, Reinheit, Heiligkeit und vollkommenes Wohlwollen. In ihr befand sich die Gnade aller Wahrheit und der Weg des Lebens (Sir 24, 25). Und dank der Fülle ihrer Wissenschaft und ihrer Heiligkeit war sie fern von Zweifel und Argwohn. Sie erkannte und durchschaute ja alle Herzen, und zwar im Licht, der Wahrheit und mit Barmherzigkeit, ohne von jemandem Böse zu vermuten oder jemanden einer Sünde zu zeihen, deren er nicht schuldig war. Dagegen kam sie vielen mit Sünden Behafteten zu Hilfe, gab allen und jedem nach Recht und Billigkeit, was ihnen gehörte, und war in ihrem gütigen Herzen immer bereit alle Menschen mit Gnaden und mit der Süßigkeit der Tugend zu erfüllen.

556. In den beiden Gattungen der austeilenden und austauschenden Gerechtigkeit sind mehrere verschiedene Arten der Tugend enthalten, die ich aber nicht weiter ausführen will. Denn die allerseligste Jungfrau besaß alle ihr zukommenden der Fertigkeit wie der Übung nach in einem ganz hohen und ausgezeichneten Grad. Es gibt aber auch noch andere Tugenden, welche man deshalb der Gerechtigkeit zuzählt, weil sie dem Nebenmenschen gegenüber geübt werden und die Eigenschaften der Gerechtigkeit in etwas, jedoch nicht in allem an sich haben, entweder weil wir die ganze Schuld nicht nach ihrem ganzen Umfang zu bezahlen vermögen oder weil, im Fall wir dies vermöchten, die Schuldigkeit und Verpflichtung dazu nicht so streng ist, wie die Strenge der austauschenden und austeilenden Gerechtigkeit eine solche begründet. Von diesen Tugenden, deren es viele und verschiedene gibt, will ich nicht alles darauf Bezügliche anführen; um aber nicht alles zu übergehen, will ich ganz kurz einiges sagen, damit man wisse, wieweit unsere Herrin und erhabene Königin diese besaß.

557. Es ist eine Gerechtigkeitspflicht, unsere Vorgesetzten zu ehren. Und je nach der Größe ihres Ranges und ihrer Würde und der von ihnen empfangenen Wohltaten ist diese Verpflichtung und die ihnen gebührende Ehrfurchtsbezeigung größer oder geringer, obwohl unser Gegendienst dem, was wir empfangen, sowie ihrer Würde nicht gleichkommt. Hierzu dienen drei Tugenden, entsprechend den drei Graden der Hoheit, welche wir an jenen sehen, die wir zu ehren verbunden sind. Die erste ist die Tugend der Gottesverehrung (religio), durch die wir Gott den ihm gebührenden Dienst und die schuldige Verehrung erweisen, obwohl seine Größe unendlich erhabener ist und seine Wohltaten kein entsprechender Ersatz des Dankes und Lobes geboten werden kann. Dieses ist die vorzüglichste unter den sittlichen Tugenden wegen ihres Gegenstandes, welcher der Dienst Gottes ist, und wegen ihres so weiten Umfanges, der ebenso groß ist als vielfach die Art und Weise und die Dinge, wodurch Gott unmittelbar geehrt und verherrlicht werden kann. Diese Tugend der Gottesverehrung begreift in sich die innerlichen Handlungen des Gebetes, der Beschauung, der Andacht mit allen ihren Teilen, Eigenschaften, Ursachen, Wirkungen, Gegenständen und ihrem Endziel. Unter ihren äußeren Handlungen ist die vorzüglichste die Anbetung (Iatria), welche Gott allein gebührt, samt ihren Arten oder den damit verbundenen Teilen. Diese sind: das Opfer, die Obligationen, Zehnten, Gelübde, Eide und die äußeren und mündlichen Lobgebete. Denn durch alle diese Handlungen wird Gott, wenn man sie gehörig verrichtet, von den Menschen geehrt und verherrlicht, durch die entgegengesetzten Laster aber nicht wenig beleidigt.

558. Die zweite Stelle nimmt die Pietät (pietas) ein. Mittels dieser Tugend ehren wir unsere Eltern, denen wir nächst Gott Dasein und Erziehung verdanken, und ebenso auch jene, welche hierzu Mitursache sind, wie unsere Verwandten und das Vaterland, das uns erhält und regiert. Diese Tugend der Pietät ist so groß, dass man sie, wo ihre Verpflichtung eintritt, den freiwilligen Akten der Tugend der Gottesverehrung vorziehen muss, gemäß der Lehre unseres Herrn Jesu Christi beim heiligen Matthäus (Mt 15, 3), wo er die Pharisäer tadelt, weil sie unter dem Vorwand der Gottesverehrung lehrten, man dürfe die Liebe gegen die leiblichen Eltern hintansetzen.

An dritter Stelle kommt die Ehrfurcht (observantia). Dieses ist eine Tugend, mittels deren wir jenen Ehre und Achtung bezeigen, welche eine höhere, von der unserer leiblichen Eltern oder des Vaterlandes verschiedene Auszeichnung oder Würde besitzen. Zu dieser Tugend rechnen die Gelehrten die Dulia und den Gehorsam als ihre Arten. Die Dulia ehrt jene, welche einigermaßen teilnehmen an der Erhabenheit oder der Herrschaft des höchsten Herrn, nämlich Gottes, dem allein die Verehrung durch die Anbetung gebührt. Darum ehren wir die Heiligen mittels der Dulia, der Verehrung, und ebenso auch die höheren Würdenträger, indem wir uns als ihre Diener bezeigen. Durch den Gehorsam unterwerfen wir unsern Willen dem der Obern, indem wir den ihrigen, nicht den unsrigen zu erfüllen suchen. Und weil die eigene Freiheit so kostbar ist, so ist diese Tugend deshalb auch so bewunderungswürdig und vorzüglich unter den sittlichen Tugenden. Denn mittels dieser verlässt der Mensch für Gott mehr als in jeder anderen.

559. Diese Tugenden der Gottesverehrung, Pietät und Ehrfurcht (religio, pietas, observantia) fanden sich in Maria in solcher Fülle und Vollkommenheit, dass nichts daran mangelte, insoweit dieses bei einer bloßen Kreatur möglich ist. Welcher Verstand vermöchte wohl die Ehrfurcht, die Hochachtung und die Hingebung erfassen, womit diese Herrin ihrem geliebtesten Sohn diente, indem sie ihn als wahren Gott und Menschen, als Schöpfer, Erlöser, Belohner, als den Höchsten, Unendlichen, Unermesslichen in seinem Wesen, seiner Güte und allen seinen Vollkommenheiten anerkannte und anbetete? Von allem diesem besaß sie eine höhere Erkenntnis als irgendein bloßes Geschöpf, ja als alle Geschöpfe zusammen, und nach Verhältnis dieser Erkenntnis erzeigte sie Gott die schuldige Verehrung, so dass sie hierin selbst den Seraphim eine Lehrmeisterin war. In dieser Tugend war sie in der Art Meisterin, dass schon ihr Anblick durch eine geheimnisvolle Kraft jedermann antrieb und ermunterte, den höchsten Herrn und Schöpfer des Himmels und der Erde zu verehren. Und viele bewog sie schon dadurch allein, ohne eine andere Bemühung, zur Verehrung Gottes. Ihr Gebet, ihre Betrachtung und Andacht sowie die Kraft, welche ihre Bitten hatten und allezeit haben, erkennen alle Engel und Seligen mit ewiger Bewunderung, vermögen es aber nicht, dieses zu beschreiben. Sämtliche vernünftigen Geschöpfe sind ihr zum Dank verpflichtet, weil sie nicht bloß ihre Fehler gebüßt und ersetzt hat, sondern auch das, was sie nicht zu erlangen, zu bewirken und zu verdienen vermochten. Diese Herrin beschleunigte die Erlösung der Welt; und wäre sie nicht gewesen, so wäre das Wort nicht vom Schoß seines ewigen Vaters hinabgestiegen. Sie übertraf schon vom ersten Augenblick an die Seraphim in der Betrachtung, im Gebet, in der Fürbitte und im Eifer für den Dienst Gottes. Wie es geziemend war, brachte sie Opfer, Gaben und Zehnten; und dieses alles war Gott so wohlgefällig, dass außer dem Opfer ihres heiligsten Sohnes von Seiten des Opfernden niemals ein anderes Opfer Gott so wohlgefällig war. In Verrichtung der beständigen Lobgesänge, Hymnen, Lieder und mündlichen Gebete übertraf sie alle Patriarchen und Propheten; und würde die streitende Kirche diese ihre Lobgesänge besitzen, wie sie in der triumphierenden Kirche geoffenbart werden, so wäre das ein Gegenstand höchster Bewunderung für die Welt.

560. Die Tugend der Pietät und Ehrfurcht besaß ihre Majestät, insofern sie aufs klarste erkannte, was sie ihren Eltern schuldete, und ebenso auch deren heroische Heiligkeit vollkommen durchschaute. Dasselbe beobachtete sie gegen ihre Verwandten, indem sie sie mit besonderen Gnaden überhäufte, wie den heiligen Johannes den Täufer und seine heilige Mutter Elisabeth und die übrigen zum Apostolat Berufenen. Ihr Vaterland hätte sie vollkommen glücklich gemacht, wäre nicht die Undankbarkeit und die Hartherzigkeit der Juden entgegengestanden; nichtsdestoweniger erwies sie ihm viele große Gnaden und geistige und leibliche Wohltaten, soweit die göttliche Gerechtigkeit dies erlaubte. Bewunderungswürdig war ihre Ehrfurcht vor den Priestern. Sie allein kannte ja die hohe Würde der Gesalbten des Herrn und vermochte sie gebührend zu ehren. Und so lehrte sie alle handeln; und dann zeigte sie auch, wie man die Patriarchen, die Propheten und Heiligen und endlich auch die obersten weltlichen Herren ehren soll. Keinen dieser Tugendakte unterließ sie in verschiedenen Zeiten und Gelegenheiten zu üben und lehrte sie auch andere, namentlich die ersten Gläubigen der eben entstandenen und gegründeten christlichen Kirche, indem sie nicht bloß ihrem göttlichen Sohn oder ihrem Bräutigam, solange sie gegenwärtig waren, sondern auch den Dienern der Kirche gehorchte. Dadurch aber gab sie der Welt das Beispiel eines ganz wunderbaren Gehorsams, weil gerade damals alle Geschöpfe ihr Gehorsam schuldeten, und zwar aus ganz besonderen Gründen, weil sie nämlich als Herrin und Königin auf der Welt verweilte, um sie zu leiten.

561. Es gibt auch noch andere Tugenden, welche ebenso der Gerechtigkeit beigezählt werden, weil wir mittels derselben andern geben, was wir ihnen nach einer moralischen Verbindlichkeit schulden, welche einen ehrbaren und anständigen Titel bildet. Diese sind: die Dankbarkeit (genannt Gnade, Gunst), die Wahrheit oder Wahrhaftigkeit, die Ahndung des Unrechtes, die Freigebigkeit, die Freundlichkeit im Umgang und die Leutseligkeit. Mittels der Dankbarkeit üben wir eine Gleichheit gegen die Wohltäter, indem wir ihnen Dank sagen nach der Beschaffenheit der Wohltat und der Gesinnung - diese ist die Hauptsache bei der Wohltat - sowie nach dem Stand und den Verhältnissen des Gebers; denn die Danksagung muss zu allem diesem im Verhältnis stehen und kann durch verschiedene Handlungen bezeigt werden. Die Wahrhaftigkeit macht geneigt, mit jedermann aufrichtig zu verkehren, wie es für das Leben und den notwendigen Verkehr der Menschen erforderlich ist, wobei man alle Lüge, welche in keinem Fall erlaubt ist, alle trügerische Verstellung, Heuchelei, Prahlerei und Ironie fernhält. Alle diese Laster sind der Wahrhaftigkeit entgegengesetzt. Freilich ist es auch erlaubt, ja sogar schicklich, dass wir weniger vorbringen, wenn wir von unseren eigenen Vorzügen oder Tugenden sprechen, damit wir nicht durch übertriebenes Rühmen Missfallen erregen. Allein es ist durchaus unerlaubt, etwas mittels einer Unwahrheit zu erdichten, indem man sich einen Fehler beilegt, den man nicht hat.

Die Ahndung des Unrechtes ist eine Tugend, welche lehrt, wie man durch eine Strafe den eigenen oder den einem Mitmenschen durch einen andern zugefügten Schaden wieder ersetze und gutmache. Diese Tugend ist für die Menschen sehr schwierig; denn diese lassen sich für gewöhnlich von unmäßigem Zorn oder Hass gegen den Mitmenschen hinreißen, und dadurch verletzten sich die Liebe und die Gerechtigkeit. Wird jedoch der Schaden des Nächsten nicht beabsichtigt, sondern nur das besondere und allgemeine Beste, so ist diese Tugend nicht unbedeutend; denn unser Heiland selbst hat ja dieselbe geübt, als er jene aus dem Tempel trieb, die ihn durch ihren unehrerbietigen Handel entehrten (Joh 2,15). Ebenso riefen Elias und Elisäus Feuer vom Himmel zur Bestrafung gewisser Sünden (2 Kön 1,10); und in den Sprichwörtern heißt es: «Wer die Rute spart, der hasst seinen Sohn (Spr 13, 24).»

Die Freigebigkeit dient dazu, um mit Klugheit Geld oder andere ähnliche Dinge auszuteilen, ohne in das Laster des Geizes oder der Verschwendung zu fallen. Die Freundlichkeit oder Leutseligkeit besteht in der anständigen und geziemenden Art des Umganges und Verkehrs mit andern, ohne Streit und Schmeichelei, welche die dieser Tugend entgegengesetzten Laster sind.

562. Keine dieser Tugenden, und wenn es noch andere gibt, die man zur Gerechtigkeit zählt, mangelte der Himmelskönigin, alle besaß sie der Fertigkeit nach und übte sie in ganz vollkommenen Akten bei vorkommender Gelegenheit aus. Und als Lehrerin und Herrin aller Heiligkeit unterrichtete sie auch viele Seelen und gab ihnen Licht, um vollkommen sie zu üben und darnach zu handeln. Die Tugend der Dankbarkeit gegen Gott übte sie mittels der Akte der Gottesverehrung und seines Dienstes, wie ich schon erwähnt habe; denn dieses ist die vorzüglichste Art und Weise der Danksagung. Und wie die Würde der reinsten Jungfrau und ihre derselben entsprechende Heiligkeit jeden erschaffenen Verstand übersteigen, so leistete sie auch die der Wohltat entsprechende Danksagung, soweit dieses für eine bloße Kreatur möglich ist. Und das tat sie auch, wie gesagt, in ihrer Verehrung gegen ihre Eltern und ihr Vaterland. Andern gegenüber bedankte sich die demütigste Königin für jede Wohltat, als ob ihr gar nichts gebührte; und während ihr alles von Rechts wegen zukam, vergalt sie es mit der größten Dankbarkeit und Huld. Sie war die einzige, welche es verstand und dahin brachte, die Widrigkeiten und Beleidigungen als große Wohltaten zu betrachten und dafür Dank zu sagen. Denn ihre unvergleichliche Demut erkannte niemals die Widrigkeiten als solche an und glaubte sich für jede zum Dank verpflichtet. Und wie sie die Wohltaten niemals vergaß, so hörte sie auch niemals auf, für dieselben zu danken.

563. Was man über die von Maria geübte Wahrhaftigkeit sagen kann, ist kurz zusammengefasst; denn jene, welche über den Teufel, den Vater der Lüge und des Betruges, eine so große Herrschaft besaß, konnte ein so verabscheuungswürdiges Laster nicht an sich dulden. Den Messstab, wonach man bei Unserer Lieben Frau diese Tugend der Wahrhaftigkeit bemessen muss, bilden ihre Liebe und Taubeneinfalt, welche jede Doppelsinnigkeit und Täuschung beim Verkehr mit den Menschen fernhielten. Und wie hätte auch eine Sünde oder Täuschung im Mund dieser Herrin sich finden können, welche mit einem Wort ihrer wahren Demut jenen in ihren Schoß herabzog, der die Wahrheit und Heiligkeit selbst ist? Sie übte auch mehrere sehr vollkommene Akte der so genannten Ahndung des Unrechtes. Denn als Meisterin lehrte sie diese, wie es bei vorkommenden Gelegenheiten am Anfang der Kirche des Evangeliums notwendig war; sodann zeigte sie selbst auch einen großen Eifer für die Ehre Gottes und suchte manche Sünder durch ihre Zurechtweisung auf bessere Wege zu bringen, wie sie das oft bei Judas tat. Auch befahl sie manchmal den Geschöpfen - denn alle gehorchten ihr -, gewisse Sünden zu bestrafen, zum Wohl derjenigen, welche dadurch die ewige Verdammnis verdient hatten. Allein auch bei derlei Handlungen war sie ganz süß und sanftmütig, unterließ aber dessen ungeachtet die Züchtigung nicht, wann und wo diese zur Beseitigung der Sünde ein wirksames Mittel bot. Am meisten aber übte sie die Ahndung des Unrechts dem Satan gegenüber, um das Menschengeschlecht aus seiner Sklaverei zu befreien.

564. Die allerseligste Jungfrau übte ebenso auch ganz erhabene Akte der Freigebigkeit und Leutseligkeit; denn ihre Freigebigkeit beim Geben und Austeilen war die der obersten Königin der ganzen Schöpfung; zudem wusste sie alles, das Sichtbare wie das Unsichtbare, gehörig zu schätzen. Niemals besaß diese Herrin etwas, was die Freigebigkeit austeilen konnte und was sie nicht für eine mehr dem Nächsten als sich selbst angehörige Sache gehalten hätte; und ebenso schlug sie niemandem etwas davon ab, noch wartete sie seine Bitten ab, wenn sie seinen Wünschen zuvorkommen konnte. Die Nöte und das Elend der Armen, denen sie abhalf, die gespendeten Wohltaten und Beweise der Barmherzigkeit, welche sie auch in zeitlichen Dingen gab, könnten selbst in einem ungeheuren Buch nicht aufgezählt werden. Ihre freundliche Leutseligkeit gegen jedermann war so ausnehmend und wunderbar, dass sie, wenn sie diese nicht mit seltener Klugheit geübt hätte, durch ihren so süßen Umgang die ganze Welt eingenommen und an sich gezogen haben würde. Denn ihre durch einen heiligen Ernst und eine himmlische Weisheit gemilderte Lieblichkeit und Sanftmut ließen alle, welche mit ihr in Berührung kamen, etwas Übermenschliches an ihr erkennen. Der Allerhöchste ordnete in seiner Braut diese Gnade mit einer solchen Vorsicht an, dass sie, wenn hie und da Anzeichen vom Geheimnis des Königs, das in ihr verborgen war, den Besuchern sich darboten, alsbald den Schleier darüber deckte und sie verbarg, um dadurch den Beifall der Menschen zu verhindern und dem Leiden Raum zu geben. Zudem war dieses alles zu wenig im Verhältnis zu dem, was ihr gebührte, und die Menschen hätten es auch nicht verstanden, die Mutter des Schöpfers als Kreatur auf die rechte Weise, weder zu wenig noch zuviel, zu ehren, solange die Zeit noch nicht gekommen war, um die Kinder der heiligen Kirche durch den christlichen und katholischen Glauben zu unterweisen.

565. Um diese große Tugend der Gerechtigkeit noch vollkommener und der Billigkeit mehr angemessen zu üben, schreiben ihr die Gelehrten noch einen andern Bestandteil zu, nämlich die so genannte Epikeja (Billigkeit - oder Auslegung des Gesetzes nach der Billigkeit), mittels deren man gewisse über die allgemeinen Regeln und Gesetze hinausgehende Werke ordnet. Denn diese vermögen nicht alle Fälle und die damit verbundenen Umstände zum voraus zu berücksichtigen; zudem muss man bei manchen Gelegenheiten nach höheren und außerordentlichen Rücksichten verfahren. Diese Tugend war für Maria notwendig; und sie bediente sich dieser bei manchen Vorkommnissen ihres Lebens, sowohl vor als nach der Himmelfahrt ihres geliebtesten Sohnes, namentlich aber nach derselben, um die Angelegenheiten der neu entstandenen Kirche zu ordnen, wie ich später mit Hilfe des Allerhöchsten sagen werde.

LEHRE DER HIMMELSKÖNIGIN

566. Meine Tochter, du kennst zwar, was diese umfangreiche Tugend der Gerechtigkeit betrifft, vieles von der ihr gebührenden Hochschätzung; aber das meiste von ihr bleibt dir im Zustand des sterblichen Fleisches noch unbekannt. Und darum können auch deine Worte keine vollkommene Erkenntnis von ihr geben. Nichtsdestoweniger wirst du darin alles finden, was dir notwendig ist, um mit den Geschöpfen gut zu verkehren und dem Dienst Gottes gebührend nachzukommen. Und diesbezüglich bemerke ich dir, Teuerste, dass die höchste Majestät des Allmächtigen mit gerechtem Unwillen wegen der Beleidigung erfüllt wird, welche ihm die Menschen antun, wenn sie die ihm gebührende Verehrung, Anbetung und Huldigung vergessen oder wenn sie bei Darbietungen derselben so roh, leichtsinnig und unordentlich sich benehmen, dass sie eher Strafe als Belohnung verdienen. Den Fürsten und Großen der Welt erweisen sie große Ehrfurcht und Achtung, erflehen von denselben Gnaden und wenden hierzu ausgesuchte Mittel und Sorgfalt an; und haben sie das Gewünschte erlangt, so bezeigen sie großen Dank und verpflichten sich zu lebenslänglicher Erkenntlichkeit. Aber dem höchsten Herrn, der ihnen Dasein, Leben und Bewegung gibt, ihm, der sie erhält und ernährt, ihm, der sie erlöst und zur Würde seiner Kinder erhoben hat und seiner eigenen Herrlichkeit teilhaftig machen will, ihm, dem höchsten und unendlichen Gut, der unendlichen Majestät, wissen sie keinen Dank. Weil sie ihn mit leiblichen Augen nicht sehen, darum vergessen sie ihn, und gerade so, als ob sie nicht alles Gute von ihm empfingen, begnügen sie sich im besten Fall mit einer lauen Erinnerung und eilfertigen Danksagung. Davon will ich jetzt gar nicht sprechen, wie sehr jene den gerechtesten Lenker des Weltalls beleidigen, die auf die ungerechteste Weise die Ordnung der Gerechtigkeit gegen den Mitmenschen zerstören und mit Füßen treten. Denn indem sie ihren Brüdern wünschen, was sie für sich selbst nicht wollen, handeln sie geradezu gegen alle natürliche Vernunft.

567. Verabscheue, meine Tochter, diese fluchwürdigen Laster und leiste nach deinen Kräften durch deine Werke Ersatz für das, was durch diese Treulosigkeit dem Dienste des Allerhöchsten entzogen wird. Und weil du durch deine Profess dem Dienst Gottes dich geweiht hast, so lass dies deine erste Beschäftigung und Sorge sein, indem du dich den englischen Geistern ähnlich machst, welche unaufhörlich den Herrn fürchten und ihm dienen. Behandle mit Ehrerbietung die göttlichen und heiligen Dinge, selbst die zu diesem Dienst bestimmten Ornament und Gefäße. Bei den göttlichen Tagzeiten, beim heiliger Messopfer und beim Gebet trachte allezeit, zu knien. Bitte mit Glauben und empfange mit demütigem Dank und handle ebenso gegen alle Menschen, selbst gegen deine Beleidiger Gegen alle zeige dich mitleidig, leutselig, freundlich, einfältig und wahrhaftig, ohne Verstellung und Doppelsinnigkeit, mit Vermeidung aller Ehrabschneidung und Verleumdung und jeder freventlichen Urteils über den Nächsten. Und damit du dieser Pflicht der Gerechtigkeit nachkommst, so halte sie beständig in deinem Gedächtnis fest und wünsche mit deinem Nächster so zu verfahren, wie du wünschest, dass andere gegen dich verfahren; und noch mehr denke an das, was mein heiligster Sohn und nach seinem Vorbild ich für alle Menschen getan haben.

ELFTES HAUPTSTÜCK: Der Starkmut Mariä

Von der Tugend des Starkmutes der allerseligsten Jungfrau Maria.

568. Die Tugend des Starkmutes nimmt unter den Kardinaltugenden die dritte Stelle ein und dient zur Mäßigung jener Handlungen, welche jemand besonders mittels der zornmütigen Leidenschaft (passio irascibilis) an sich selber übt(Im gewöhnlichen Leben versteht man unter Leidenschaft eine den Menschen beherrschende böse Gewohnheit. Aber in der eigentlichen und ursprünglichen Bedeutung, wie dieses Wort von den Gelehrten und hier von der ehrwürdigen Maria von Agreda genommen wird, bezeichnet es etwas anderes. Der Mensch besitzt nämlich außer seinem höheren, durch die Vernunft geleiteten Willen auch noch ein niedriges, sinnliches Begehrungsvermögen. welches von der Phantasie geleitet wird. Dieses letztere zerfällt in zwei Kräfte. Die eine derselben nennt man die begierliche Kraft (concupiscibilis), und diese bezieht sich auf das sinnlich Gute, um es zu erlangen, oder auf das Gegenteil, um es zu fliehen. Die andere heißt die zornmütige Kraft (irascibilis) und ist gleichsam die Gehilfin der ersteren, indem sie bei Erreichung des Guten sich erhebenden Hindernisse und Schwierigkeiten zu überwinden trachtet. Diese doppelte Kraft nun ist aus sich selbst untätig, wird aber angeregt mittels der durch die Phantasie bewirkten Vorstellungen vom Guten und Zusagenden oder Schädlichen, und sie folgt, weil sie selber blind ist, blindlings und notwendig der Phantasie. Erfolgt nun ein Akt oder eine Regung des sinnlichen Begehrungsvermögens, so nennt man diesen Akt Leidenschaft, welcher immer mit einer körperlichen Veränderung verbunden ist, z. B. äußern sich Schmerz und Freude stets in Gesicht und Miene. Die Leidenschaften der Liebe, des Hasses, des Verlangens, des Abscheues, der Freude und der Traurigkeit gehören der begierlichen Kraft an; die andern dagegen, nämlich die der Hoffnung, der Verzweiflung, der Kühnheit, der Furcht und des Zornes, gehören der zürnenden Kraft an. Die Leidenschaften nun können die Verstandes- und höhere Willenstätigkeit befördern, aber auch mindern, ja ganz und gar hemmen, eine plötzliche Zornaufwallung z. B. kann zu einer vollkommen unüberlegten Handlung veranlassen. Aber mit der Gnade kann und muss der Mensch seine Leidenschaften beherrschen, sie der Vernunft und dem Willen Gottes unterwerfen, dieselben auf gute und heilige Güter hinlenken und ihre Regungen tugendhaft machen. Der Herausgeber). Es ist wohl wahr, dass die begierliche Leidenschaft (passio concupiscibilis), auf welche die Mäßigkeit sich bezieht, der zornmütigen vorangeht, weil aus dem Streben nach dem, was man begehrt, der Widerstand der zornmütigen Kraft in Bekämpfung dessen entsteht, was an der Erreichung des Begehrten hindert. Allein dessen ungeachtet ist die Sprache zuerst von der zornmütigen Leidenschaft und der sie leitenden Tugend, d. h. dem Starkmut, und zwar deshalb, weil bei der Ausübung gewöhnlich das Begehrte mittels der zornmütigen Leidenschaft erreicht wird, welche die Hindernisse beseitigt. Und deshalb ist der Starkmut ein edlere und vorzüglichere Tugend als die Mäßigkeit, von der ich im folgenden Hauptstück sprechen werde.

569. Die Beherrschung der zornmütigen Leidenschaft mittels des Starkmuts umfasst zwei Teile oder Arten der Wirksamkeit, nämlich, dass man den Zorn der Vernunft gemäß und unter den erforderlichen Umständen anwende, welche ihn lobenswert und ehrbar machen; und dass man den Unwillen durch Unterdrückung der Leidenschaft zurückhalte, sooft seine Bezähmung angemessener ist als seine Äußerung. Der ersten dieser Handlungen oder Arten gibt man den Namen Stärke und nach einigen Gelehrten auch Tapferkeit. Die zweite dagegen heißt Geduld, und diese ist edler und höher als die Stärke. Die Geduld fand und findet sich vorzüglich bei den Heiligen. Die Weltleute jedoch verkehren gewöhnlich Urteil und Namen und nennen darum die Geduld Kleinmut, die Verwegenheit dagegen Starkmut, weil sie die wahren Akte dieser Tugend nicht verstehen.

570. In Maria fanden sich keine ungeordneten Regungen der zornmütigen Leidenschaft, zu deren Beherrschung die Tugend des Starkmutes erforderlich war; denn in dieser unschuldigsten Königin waren alle Leidenschaften geordnet und der Vernunft und diese wiederum Gott unterworfen, der sie bei allen ihren Handlungen und Regungen leitete. Sie bedurfte jedoch dieser Tugend zur Überwindung der Hindernisse, welche ihr der Teufel auf verschiedene Weise in den Weg legte, damit sie nicht alles erreichen sollte, was sie auf so kluge und geordnete Weise für sich selbst oder für ihren heiligsten Sohn anstrebte. Und bei diesem tapferen Widerstand und Streit zeigte sie sich stärker als alle andern Menschen, welche insgesamt die Stärke Mariä nicht zu erreichen vermochten, da sie so viele Kämpfe und Anfechtungen von Seiten des gemeinschaftlichen Feindes nicht zu bestehen hatten. Wenn sie jedoch diese Stärke oder Tapferkeit Menschen gegenüber zeigen musste, so benahm sie sich ebenso sanft als starkmütig, oder besser gesagt, sie war ebenso stark als lieblich im Handeln. Denn diese himmlische Herrin vermochte allein von allen Geschöpfen bei ihren Werken jene Eigenschaft des Allerhöchsten nachzuahmen, der da bei den Seinigen «mächtig und lieblich (Weish 8, 1)» zugleich ist. Diese Handlungsweise beobachtete Unsere Liebe Frau hinsichtlich des Starkmuts, ihr edles Herz kannte keine ungeordnete Furcht; es war ja über alles Geschaffene erhaben. Sie war aber auch nicht übermäßig kühn und furchtlos; sie konnte in diese beiden einander entgegenstehenden Fehler nicht fallen, weil sie mit höchster Weisheit jede Furcht erkannte, welche sie überwinden, sowie auch die Kühnheit, welche sie vermeiden musste. Und so war sie in ganz einziger Weise als die starke Frau «bekleidet mit Stärke und Anmut (Spr 31, 25)».

571. Hinsichtlich jenes Teiles des Starkmutes, welcher die Geduld betrifft, war Maria noch bewunderungswürdiger, indem sie allein in der erhabensten Weise an der Geduld ihres heiligsten Sohnes Jesu Christi teilnahm, der da litt und duldete ohne Sünde, und zwar mehr erduldete als alle, welche solche begangen haben. Das ganze Leben Unserer Lieben Frau war ein ununterbrochenes Ertragen von Mühseligkeiten, namentlich beim Leben und Sterben unseres Erlösers Jesu Christi, wo ihre Geduld jeden erschaffenen Verstand übersteigt. Der Herr allein, der ihr sie verlieh, vermag sie nach Gebühr zu offenbaren. Niemals wurde diese reinste Taube gegen irgendeine Kreatur unwillig und ungeduldig, noch war ihr eine Beschwerde oder Mühseligkeit zu groß, obwohl sie deren unzählige leiden musste. Niemals war sie deshalb traurig, sondern nahm alle freudig und mit Danksagung hin. Und wenn die Geduld nach der vom Apostel (1 Kor 13, 4 u. Sir 24, 24) angeführten Ordnung die erste Frucht der Liebe und ihre Erstgeborene, und unsere Herrin die Mutter der Liebe ist, so war sie auch die Mutter der Geduld, welche nach jener zu bemessen ist. Denn je mehr wir das ewige Gut lieben und höher schätzen als alles Sichtbare, um so mehr sind wir auch für seine Erlangung und Bewahrung zu leiden bereit, was immer beschwerlich ist; die Geduld erträgt alles. Demgemäß war Maria die Geduldigste von allen Menschen und mit Rücksicht auf uns die Mutter dieser Tugend; nehmen wir zu ihr unsere Zuflucht, so finden wir den «Turm Davids», an dem tausend Schilde der Geduld hängen zur Waffenrüstung der Starken in der Kirche und im Kriegsheer unseres Herrn Jesu Christi (Hld 4, 4).

572. Niemals gab unsere geduldigste Königin äußere Zeichen weiblicher Schwäche oder des Zornes; denn allen derartigen Dingen verwehrte sie mittels des göttlichen Lichtes und der Weisheit den Eingang. Freilich verhinderten diese den Schmerz nicht, sondern vermehrten ihn vielmehr; denn niemand vermochte die Last der Sünden und unermesslichen Beleidigungen Gottes so klar zu erkennen wie eben diese Herrin. Allein dessen ungeachtet konnte ihr unüberwindliches Herz weder durch die Bosheit des Judas noch durch die Widrigkeiten und Grobheiten de Pharisäer aufgeregt werden; und niemals veränderte sie die Miene und noch viel weniger das Innere. Und schienen auch beim Tod ihres heiligsten Sohnes alle Kreaturen und selbst die leblosen Elemente die Geduld gegen die Menschen zu verlieren indem sie die Ungerechtigkeit und die Beleidigungen gegen ihren Schöpfer nicht mehr zu ertragen vermochten, so blieb doch Maria allein unbeweglich und bereit, den Judas, die Pharisäer und Priester aufzunehmen, wenn sie nach der Kreuzigung unseres Herrn Jesu Christi zur Mutter der Güte und Barmherzigkeit ihre Zuflucht genommen hätten.

573. Wohl hätte die sanftmütigste Herrscherin des Himmel! sich gegen jene, welche ihren heiligsten Sohn einem so schmählichen Tod überliefert hatten, erzürnen und erbittern können ohne bei diesem Zorn die Grenzen der Vernunft und Tugend zu überschreiten; später hat ja der Herr selbst die gerechte Strafe für diese Sünde verhängt. Allein als ich hierüber nachdachte erhielt ich zur Antwort, dass bei dieser großen Herrin nach einer Anordnung des Allerhöchsten derlei Regungen und Handlungen nicht stattgefunden haben, obwohl es ganz gut hätte sein können. Er wollte nämlich nicht, dass sie das lnstrument der Züchtigung und gleichsam die Anklägerin der Sünder sei, weil er sie zur Mittlerin und Fürsprecherin derselben sowie zur Mutter der Barmherzigkeit auserwählt hatte, damit durch sie alle Erbarmungen, welche er den Adamskindern erweisen wollte an die Menschen gelangen und jemand da wäre, der durch seine Fürbitte für die Schuldigen den Zorn des gerechten Richters auf würdige Weise besänftige. Nur gegen den Teufel zeigte unser, Herrin ihren Zorn, sowohl wenn es zur Geduld und Gelassenheit notwendig war als auch wenn es sich um Überwindung der Hindernisse handelte, welche diese alte, feindliche Schlange der Ausübung des Guten entgegenstellte.

574. Zur Tugend des Starkmuts werden ferner der Großmut (magnanimitas) und die Opferwilligkeit (magnificentia) gerechnet, weil sie an dessen Eigenschaft in gewisser Hinsicht teilnehmen; sie verleihen nämlich dem Willen Festigkeit in der sie betreffenden Sache. Der Großmut (magnanimitas, Hochherzigkeit) besteht darin, dass man große Dinge verrichtet, Dinge welchen die große Ehre der Tugendhaftigkeit auf dem Fuß folgt. Darum wird gesagt, dass ihr eigentlicher Gegenstand die großen Ehren (die ehrenvollsten Werke) seien, woraus denn viele Eigenschaften, welche den Großmütigen eigen sind, für diese Tugend entspringen, wie das Verabscheuen der Schmeicheleien, der Heuchelei und Verstellung, woran nur niedrige und gemeine Seelen Gefallen finden, nicht habsüchtig oder interessiert sein, noch ein Freund des Nützlichsten, sondern des Ehrenhaftesten und Großherzigsten; nicht prahlerisch von sich sprechen; mit geringen Sachen sich weniger abgeben und seine Kräfte mehr auf Großes verwenden; mehr zum Geben als zum Empfangen geneigt sein; denn derlei Dinge sind der höchsten Ehre würdig. Allein deswegen ist diese Tugend nicht gegen die Demut; denn keine Tugend kann einer andern entgegengesetzt sein. Die Großmut zielt ja dahin, dass der Mensch mittels der Gaben und Tugenden sich großer Ehren würdig mache, ohne aber ehrsüchtig zu sein und Ungeordneterweise nach Ehre zu haschen. Die Demut lehrt alles auf Gott beziehen und sich selbst wegen seiner Fehler und seiner eigenen Natur gering achten. Und wegen der Schwierigkeiten bei großen und ehrenvollen Tugendwerken wird eine besondere Stärke erfordert, welche eben Großmut genannt wird und deren Medium darin besteht, dass wir die großen Handlungen nach unseren Kräften bemessen und weder aus Kleinmut sie unterlassen noch aus Verwegenheit oder Anmaßung oder ungeordneter Ruhmbegierde sie unternehmen. Denn alle diese Fehler verabscheut die Großmut.

575. Die Opferwilligkeit (magnificentia) bezeichnet ebenfalls das Vollbringen großer Dinge, und in dieser so weiten Bezeichnung kann sie eine allgemeine Tugend sein, welche in allen tugendhaften Dingen Großes vollbringt. Weil es aber mit großen Ausgaben, auch wenn sie vernünftig sind, eine besondere Bewandtnis und Schwierigkeit hat, so wird Opferwilligkeit besonders jene Tugend genannt, welche zu großen Ausgaben gehörig geneigt macht, indem sie diese nach der Klugheit regelt, so dass das Herz nicht zu sparsam ist, wo man der Vernunft große Ausgaben anrät, noch auch, wo es nicht am Platz ist, sich freigebig zeige und unnötig etwas verbrauche und verschleudere. Und scheint auch diese Tugend eine und dieselbe mit der Freigebigkeit zu sein, so unterscheiden doch die Philosophen beide. Denn die Opferwilligkeit sieht nur auf große Dinge, ohne auf anderes zu achten; die Freigebigkeit aber hat nur die Liebe im Auge sowie den mäßigen Gebrauch des Geldes. Und es kann jemand freigebig sein, ohne dass er opferwillig ist, wenn er sich beim Austeilen das vorbehält, was größer und wertvoller ist.

576. Diese beiden Tugenden der Großmut und der Opferwilligkeit fanden sich in der Königin des Himmels mit gewissen Eigenschaften versehen, wie sie andere, welche diese Tugend besitzen, nicht zu erreichen vermögen. War es doch Maria allein, welche bei allen großen Dingen nichts von Schwierigkeiten oder Widerstreben kannte. Sie allein handelte bei allem, selbst bei geringfügigen Dingen, großartig; sie allein erfasste vollkommen die Natur und den Charakter dieser sowie aller übrigen Tugenden. So vermochte sie auch alle Tugenden in der höchsten Vollkommenheit zu üben, ohne dass etwa eine Neigung zu verschiedenen, entgegengesetzten Dingen dieser Vollkommenheit Eintrag getan hätte. Sie wusste ja gar wohl die Art und Weise, wie sie zu wirken hatte, und brauchte nie zu einer Tugend gleichsam wie zu einem Auskunftsmittel ihre Zuflucht zu nehmen, wie dieses bei den heiligsten und einsichtsvollsten Menschen der Fall ist, welche da, wo sie nicht das Ganze zu vollbringen vermögen, wenigstens das wählen und ausüben, was ihnen besser erscheint. Bei allen diesen Tugendwerken zeigte Maria eine solche Großmut, dass sie allzeit das Größte und das an meisten der Ehre und des Ruhmes Würdige vollbrachte. Aber noch großmütiger zeigte sie sich dadurch, dass sie die Ehre, die sie von Seiten aller Kreaturen verdiente, verachtete, von sich ablehnte und auf Gott allein bezog und so gerade durch diese ihre Demut den größten und hochherzigsten Akt dieser Tugend ausübte. Diese Werke der heldenmäßigen Demut kämpften gleichsam in einem heiligen Wettstreit mit der aus ihren andern Tugenden hervorleuchtenden Großmut; und alle miteinander bildeten sozusagen kostbare Edelsteine, welche in ihrer schönen Mannigfaltigkeit die Tochter des Königs, deren ganze Herrlichkeit nach dem Ausspruch ihres Vaters David im Innern verborgen war (Ps 45,14), miteinander wetteifernd schmückten.

577. Nicht minder groß war Unsere Liebe Frau durch ihr, Opferwilligkeit. Freilich war sie arm, besonders im Geist, da sie frei war von Liebe zu irgendeinem geschaffenen Dinge. Allein von allem, was der Herr ihr zukommen ließ, teilte sie opferwillig mit, wie es der Fall war mit jenen kostbaren Gaben, welche die Heiligen Drei Könige dem Jesuskind opferten (Mt 2,11), und ebenso auch im Verlaufe jener Zeit, wo sie nach der Himmelfahrt des Herrn noch in der Kirche lebte. Am schönsten aber bewies sie ihre Opferwilligkeit dadurch, dass sie, die Herrin aller Kreaturen soweit es auf ihren Willen ankam, alles großmütig dazu bestimmte, dass es für die Bedürfnisse der Armen und zur Ehre und zum Dienst Gottes verwendet werde. Und manche unterwies sie in dieser Lehre und dieser Tugend und machte sich dadurch zur Lehrerin der Vollkommenheit in jenen Werken, welche die Menschen nur infolge ihrer niedrigen Gewohnheiten und Neigungen verrichten, ohne dabei der Klugheit den ihr gebührenden Anteil einzuräumen. Für gewöhnlich wünschen die Menschen gemäß ihren Neigungen die Ehre und den Ruhm der Tugend und wollen für große Persönlichkeiten gelten. Aber diese Neigung und dieses Verlangen bringt sie auf eine verkehrte Bahn; und so beziehen sie die Ehre dieser Tugend nicht auf den Herrn aller Dinge und irren sich in Anwendung der Mittel. Und bietet sich eine Gelegenheit zur Ausführung irgendeines großmütigen oder mit großen Opfern verbundenen Werkes, so verlieren sie den Mut und unterlassen es; es sind eben feige und niedrige Seelen. Und weil sie anderseits zugleich groß, ausgezeichnet und hoher Ehre würdig erscheinen wollen, so greifen sie, um zum Ziele zu gelangen, zu andern Mitteln, deren Anwendung auf Betrug beruht und in Wahrheit unerlaubt ist. So z. B. zeigen sie sich zornig, eitel, ungeduldig, launenhaft, ehrgeizig und prahlerisch. Doch alle diese Laster sind von der Großmut weit entfernt und zeugen vielmehr von einem gemeinen, niedrigen Herzen; und deshalb erlangen sie statt der angestrebten Ehre und Achtung von Seiten verständiger Menschen nur Tadel und Verachtung. Die Ehre findet man viel eher, wenn man sie flieht als wenn man sie sucht, und mehr durch Werke als durch Wünsche.

LEHRE welche mir die Himmelskönigin gab

578. Wenn du, meine Tochter, meinem Befehl gemäß die Eigenschaften und die Notwendigkeit der Tugend des Starkmutes mit Aufmerksamkeit betrachtest, so wirst du in ihr einen Zügel zur Bändigung des Zornes haben, der schneller als andere Leidenschaften sich erhebt und die Vernunft verdunkelt. Und zugleich wirst du in ihr ein Werkzeug zur Vollbringung dessen haben, was an den Tugenden das Erhabenste und Vollkommenste ist und deinem Verlangen entspricht. Du wirst damit die Hindernisse überwinden und beseitigen, welche deine Feinde dir entgegenstellen, um dich bei den schwierigsten Punkten der Vollkommenheit zu entmutigen. Wie nun aber - merke dies wohl, Teuerste - die zornmütige Kraft der begierlichen zur Bekämpfung dessen dient, was der Erreichung der gewünschten Sache entgegensteht, so geschieht es auch, dass die begierliche Leidenschaft, wenn sie sich verirrt und das liebt, was böse oder bloß scheinbar gut ist, alsbald auch die zornmütige Leidenschaft nach sich zieht und diese dann, wenn sie einmal in Unordnung ist, nicht zum tugendhaften Starkmut, sondern zu vielen abscheulichen und schimpflichen Lastern führt. Und hieraus kannst du entnehmen, wie aus dem ungeordneten Verlangen nach eigener Auszeichnung und eitler Ehre, der Tochter des Stolzes und der Eitelkeit, so große Laster in der zürnenden Leidenschaft entstehen, nämlich: Zwietracht, Uneinigkeit, Streitigkeiten, Prahlerei, Klagen, Ungeduld, Starrsinn; dazu dann noch andere Laster in der begierlichen Leidenschaft selber, wie Heuchelei, Lüge, eitle Begierden, Neugierde, das Verlangen, größer zu erscheinen als andere Menschen und nicht als das, was man in Wahrheit wegen seiner Sünden und natürlichen Armseligkeit ist.

579. Von allen diesen abscheulichen Fehlern wirst du frei bleiben, wenn du dich bemühst, die ungeordneten Regungen der Begierlichkeit mittels der Mäßigkeit, von der du im folgenden sprechen wirst, abzutöten und zu bändigen. Verlangst und liebst du aber, was recht und schicklich ist, so musst du zu dessen Erreichung dich zwar des Starkmutes und der wohIgeordneten zürnenden Leidenschaft bedienen, jedoch so, dass du das Maß nicht überschreitest. Denn es ist immer etwas Gefährliches, sich im Eifer für die Tugend zu erzürnen, solange man noch ungeordneter Selbstliebe unterworfen ist. Und bisweilen verstellt und verbirgt sich dieses Laster unter dem Vorwand des Eifers für das Gute, und der Mensch lässt sich täuschen, indem er sich wegen etwas erzürnt, was er für sich selber sucht, dabei aber will, man solle das als Eifer für Gott und das Wohl des Nächsten anschauen. Darum ist die Geduld so notwendig und ruhmreich, welche aus der Liebe entspringt und die Begleiterin eines weiten und großmütigen Herzens ist. Denn wer das höchste und wahre Gut liebt, erträgt leicht den Verlust der Ehre und des eitlen Ruhmes, den er als eine niedrige und verächtliche Sache großmütig verachtet. Und wenn ihm die Menschen Ehre erweisen, so achtet er nicht darauf, und ebenso zeigt er sich bei den übrigen Beschwerden unbesiegbar und standhaft und verdient sich dadurch, soweit dieses möglich ist, das Gut der Beharrlichkeit und Geduld.

ZWÖLFTES HAUPTSTÜCK: Die Mäßigkeit Mariä

Von der Tugend der Mäßigkeit der allerseligsten Jungfrau Maria.

580. Von den beiden Neigungen des Menschen, deren er nach dem sinnlich wahrnehmbaren Guten strebt und das Übel flieht, wird die letztere durch den Starkmut gemäßigt, welcher nach dem bereits Gesagten dazu dient, dass der Wille sich nicht von der zornmütigen Leidenschaft hinreißen lässt, sondern vielmehr sie kühn überwindet und darum zur Erreichung des Guten und Anständigen jedwedes fühlbare Übel erträgt. Zur Überwindung der übrigen Regungen der Begierlichkeit dient nun die Mäßigkeit. Diese ist die letzte und geringste der Kardinaltugenden; denn das durch sie erreichte Gut ist nicht so allgemein wie jenes, worauf die andern Tugenden hinzielen. Ja die Mäßigkeit hat nur das besondere Gut desjenigen, der sie besitzt, zu ihrem unmittelbaren Zweck. Die Gelehrten betrachten die Mäßigkeit, sofern dieselbe eine allgemeine Mäßigung sämtlicher natürlicher Begierden bedeutet; und in diesem Sinne genommen, ist sie eine allgemeine Tugend und umfasst alle Tugenden, welche das Begehrungsvermögen nach der Vernunft regeln. Wir sprechen aber jetzt von der Mäßigkeit nicht in dieser allgemeinen Bedeutung, sondern sofern sie zur Regelung der Begierlichkeit in Sachen des Tastsinnes dient, wo die Ergötzlichkeit stärker sich regt; dann reden wir auch von der Mäßigkeit in anderen ergötzlichen Dingen, die mit der Ergötzlichkeit des Tastsinnes Ähnlichkeit haben, jedoch nicht so stark wirken wie diese.

581. In dieser Hinsicht also nimmt die Mäßigkeit die letzte Stelle unter den Tugenden ein, weil ihr Gegenstand weniger edel ist als der der andern. Dessen ungeachtet werden ihr aber einige noch größere Vorzüge beigelegt, insofern sie nämlich von den hässlichsten und abscheulichsten Dingen abzieht, nämlich von der Unmäßigkeit in sinnlichen, den Menschen und unvernünftigen Tieren gemeinsamen Ergötzungen. Und darum sagt David (Ps 49,13.21), dass der Mensch dem Tiere ähnlich werde, wenn er sich von der sinnlichen Ergötzlichkeit hinreißen lasse. Aus demselben Grund nennt man das Laster der Unmäßigkeit ein kindisches; denn ein Kind wird nicht von der Vernunft, sondern vom Trieb der Begierlichkeit geleitet und lässt sich nur durch die Zuchtrute in Schranken halten. Dasselbe ist bei der sinnlichen Begierlichkeit notwendig, um sie bei derartigen Ergötzlichkeiten in Schranken zu halten. Von einer solchen Schmach und Erniedrigung nun befreit die Tugend der Mäßigkeit den Menschen, weil sie ihn lehrt, sich von der Vernunft und nicht von der Ergötzlichkeit leiten zu lassen. Deshalb wird dieser Tugend mit Recht eine gewisse Ehrbarkeit, Wohlanständigkeit oder Schönheit zugeschrieben, welche im Menschen daraus entsteht, dass er sich in den Schranken der Vernunft hält einer so unbändigen Leidenschaft gegenüber, welche nur selten auf die Vernunft hört und ebenso selten ihr gehorcht. Wenn dagegen der Mensch sich unter das Joch des tierischen Triebes beugt, so zieht er sich große Schmach zu, eben weil er sich den Tieren und Kindern ähnlich macht.

582. Die Mäßigkeit begreift in sich die Enthaltsamkeit und Nüchternheit, welche den Lastern der Gaumenlust im Essen und der Unmäßigkeit im Trinken entgegengesetzt sind; die Enthaltsamkeit schließt auch das Fasten in sich. Diese nehmen die erste Stelle ein, weil die sinnliche Begierde vor allem nach der Speise, dem Gegenstand des Geschmackes, zur Erhaltung des Lebens verlangt. Hierauf folgen jene, welche die natürliche Fortpflanzung regeln, nämlich die Keuschheit und Schamhaftigkeit samt den dazugehörigen Teilen der Jungfräulichkeit (virginitas) und der Selbstbeherrschung (continentia), welche den Lastern der Unlauterkeit und der Unenthaltsamkeit und ihren Arten entgegengesetzt sind. Diesen Tugenden, den hauptsächlichsten Arten der Mäßigkeit, schließen sich andere an, welche die Begierlichkeit hinsichtlich anderer, geringerer Ergötzlichkeiten regeln; so gehören auch jene, welche den Sinn des Geruches, des Gesichtes und des Gehöres regeln, zu den Tugenden, welche den Gefühlssinn regeln.

Außer diesen gibt es noch andere ihnen ähnliche, die aber einen andern Gegenstand haben; es sind die Milde und die Sanftmut, welche den Zorn und die übermäßige Strenge im Bestrafen zügeln und dem Laster der unmenschlichen, tierischen Grausamkeit entgegengesetzt sind, wozu der Zorn und die Strenge hinneigen können. Eine weitere Tugend ist die Mäßigung (modestia), welche wiederum vier andere Tugenden in sich begreift. Die erste derselben ist die Demut, welche den Menschen vom Stolz fern hält, damit er nicht unordentlich nach eigener Auszeichnung strebe. Die zweite ist die Mäßigung im Wissen (studiositas), welche macht, dass man nicht mehr wissen will, als sich geziemt, und dies nur auf geziemende Weise. Diese Tugend ist der Neugierde entgegengesetzt. Die dritte ist die Mäßigung oder der Ernst in der Lebensart (moderatio), welche macht, dass man überflüssigen Prunk und Großtuerei in Kleidung und äußerem Aufzug vermeidet. Die vierte endlich ist jene, welche das unmäßige Verlangen nach Erholung und Erheiterung im Zaum hält, z. B. bei Spielen, Körperbewegungen, Scherzen, Tänzen usw. Obwohl diese Tugend keinen eigenen Namen hat, so ist sie dennoch sehr notwendig und wird mit dem allgemeinen Namen(Im Deutschen haben wir für diese Tugend den besondern Namen: Sittsamkeit. Der Herausgeber) modestia oder temperantia bezeichnet.

583. Die gewöhnlichen Ausdrücke und Worte, womit wir uns zur Bezeichnung der Tugenden anderer Menschen bedienen, scheinen mir allezeit unzulänglich, um die Erhabenheit dieser Tugenden der Himmelskönigin - von den andern habe ich dasselbe behauptet - auszusprechen. Die Tugenden und Gaben der allerseligsten Jungfrau kommen ja denen ihres geliebtesten Sohnes, und diese hinwiederum den göttlichen Vollkommenheiten weit näher als alle Tugenden und alle Heiligkeit der Heiligen den Tugenden dieser höchsten Königin der Tugenden. Und darum ist dasjenige immerhin sehr ungenügend, was wir von ihr mit jenen Worten sagen, womit wir die Gnaden und Tugenden der andern Heiligen ausdrücken. Denn mögen diese auch noch so vollkommen sein, so gehören sie doch solchen Personen an, welche unvollkommen, der Sünde und der daraus entspringenden Unordnung unterworfen sind. Wenn es darum im Buch Sirach heißt (Sir 26, 20), dass nichts zu vergleichen sei mit dem Adel eines enthaltsamen Menschen, was sollen wir dann sagen von der Mäßigkeit der Herrin der Gnaden und Tugenden? Was sollen wir sagen von der Schönheit ihrer heiligsten, mit allen Gnaden und Tugenden im höchsten Grad geschmückten Seele? Alle Hausgenossen dieser starken Frau waren mit doppeltem Gewand bekleidet (Spr 31,21), d. h., ihre Fähigkeiten waren geschmückt mit einer doppelten Fertigkeit oder Vollkommenheit von unvergleichlicher Schönheit und Stärke, die eine war die ursprüngliche Gerechtigkeit, wodurch die Begierlichkeit der Vernunft und Gnade unterworfen war; die andern waren die eingegossenen Fertigkeiten, welche neue Schönheit und neue Kraft hinzufügten, um mit höchster Vollkommenheit zu wirken.

584. Alle übrigen Heiligen, welche durch ihre ganz besondere Mäßigkeit sich auszeichneten, haben es nur dahin gebracht, dass sie die ungebundene Begierlichkeit bezähmten und der Botmäßigkeit der Vernunft unterwarfen, so dass sie nichts Unordentlicherweise begehrten, was sie später mit Bedauern über ihre Begierlichkeit hätten wieder gut machen müssen. Und wenn jemand es hierin noch weiterbrächte, so käme er höchstens dazu, dass er der Begierlichkeit alles dasjenige versagt, was sich der menschlichen Natur entziehen lässt, ohne sie zu zerstören. Ein solcher würde jedoch bei allen derartigen Handlungen eine gewisse Schwierigkeit erfahren, welche das Streben des Willens hemmt oder wenigstens so sehr erschwert, dass er sein Verlangen nicht ganz und vollkommen erfüllen könnte, sondern mit dem Apostel sich über die unglückseligste Last seines Leibes beklagen müsste (Röm 7, 24).

In der heiligsten Jungfrau Maria aber fand ein solcher Zwiespalt nicht statt; denn ihre Begierden, weit entfernt, sich zu widersetzen oder der Vernunft zuvorzukommen, gestatteten ihr die Ausübung aller Tugenden mit einer Harmonie und Gleichförmigkeit, welche dieselbe stark wie ein geordnetes Heerlager (Hld 6, 3) machten und einen Chor von himmlischer Melodie bildeten. Und eben weil sie von den Abirrungen der Begierden verschont war und dieselben nicht zu bekämpfen brauchte, so übte sie die Werke der Mäßigkeit in der Art, dass ihrem Geist sich gar keine Vorstellung oder Erinnerung von einer ungeordneten Regung aufzudrängen vermochte. Im Gegenteil ahmte sie die göttlichen Vollkommenheiten nach; und darum waren ihre Handlungen diesem höchsten Vorbilde nachgebildet, davon abgeleitet und auf dasselbe hingerichtet als auf die einzige Richtschnur ihrer Vollkommenheit und auf das ihnen vorgesteckte letzte Ziel.

585. Die Enthaltsamkeit und Nüchternheit Mariä war für die Engel ein Gegenstand der Bewunderung. Denn sie war zwar die Königin der ganzen Welt und empfand die natürlichen Regungen des Hungers und Durstes; aber dessen ungeachtet verlangte sie niemals nach Speisen, wie solche ihrer Macht und Größe entsprechend gewesen wären; sie bediente sich derselben nur um der Notwendigkeit, nicht um des Geschmackes willen. Und auch der Notwendigkeit genügte sie mit solcher Mäßigkeit, dass sie niemals mehr nahm, ja nicht einmal mehr nehmen konnte, als was zur Erhaltung der ursprünglichen Säfte(Unter den ursprünglichen Säften [humidum radicale] versteht der heilige Thomas [1. q. 119. a. 1. ad 3.] dasjenige, was schon wirklich in die menschliche Natur oder näherhin in den menschlichen Leib übergegangen ist zum Unterschied von solchen aus der Nahrung kommenden Teilen, welche zwar auch zu diesem Ziele gelangen können und sollen, aber noch nicht wirklich gelangt sind. Das Humidum radicale kann nicht wiederhergestellt werden, wenn es verlorengeht. z. B. wenn eine Hand abgehauen wird; wohl aber kann das Humidum nutrimentale ersetzt werden. z. B. das Blut durch neue Nahrung. Der Herausgeber). und des Lebens erforderlich war. Und auch dieses nahm sie in der Weise zu sich, dass sie zuerst das Schmerzgefühl des Hungers und Durstes ertrug und neben der natürlichen Wirkung der spärlich genossenen Nahrung der Gnade noch Raum ließ. Niemals kam bei ihr Stoffwechsel und Zersetzung wegen Überfluss an Speise oder Trank vor; nie empfand sie um solcher Ursache willen ein größeres Bedürfnis, noch fühlte sie ein solches an einem Tag mehr als an einem anderen; und selbst der Mangel an Nahrung verursachte ihr niemals derlei Störung. Denn entzog sie sich etwas von dem zur natürlichen Wärme Erforderlichen, so wurde dieses durch die göttliche Gnade ersetzt, denn der Mensch lebt ja auch von dieser und nicht vom Brot allein (Mt 4, 4). Allerdings hätte Gott die heiligste Jungfrau auch ohne Speise und Trank am Leben erhalten können; allein er tat es nicht, weil dies weder für sie noch für uns ersprießlich gewesen wäre. Sie hätte das Verdienst im Gebrauch der Nahrung versäumt und wäre nicht Muster in der Mäßigkeit geworden; wir aber wären eines so großen Gutes, so kostbarer Verdienste verlustig geworden. Welche Speise Unsere Liebe Frau genoss und zu welcher Zeit, wird an verschiedenen Stellen dieser Geschichte noch gesagt (Teil 2. Nr. 196. 424. 898). Soviel von ihr abhing, aß sie niemals Fleisch und speiste nur einmal des Tages, außer solange sie mit dem heiligen Joseph lebte oder wenn sie ihren göttlichen Sohn auf seinen Wanderungen begleitete, in welchem Fall es nötig war, sich in die anderen zu fügen, weswegen sie dann den Weisungen unseres Herrn folgte. Doch allezeit war ihre Mäßigkeit wunderbar.

586. Was die jungfräuliche Reinheit und Schamhaftigkeit der Jungfrau der Jungfrauen betrifft, so sind die höchsten Seraphim nicht imstande, in würdiger Weise davon zu reden; denn in dieser Tugend, die bei ihnen etwas Natürliches ist, sind sie von ihrer Königin und Herrin übertroffen. Die heiligste Jungfrau Maria war ja durch das Vorrecht der Gnade und durch die Macht des Allerhöchsten viel reiner von jedem Makel des entgegengesetzten Lasters als selbst die Engel, die doch ihrer Natur nach für letzteres unzugänglich sind. Wir Sterblichen aber sind in diesem Leben außerstande, von der Reinheit der Himmelskönigin uns den rechten Begriff zu bilden; es hindert uns daran gar sehr die schwerfällige Masse unseres Leibes, welche die Klarheit und den kristallhellen Lichtglanz der Keuschheit vor den Augen unserer Seele verdunkelt. Unsere große Königin besaß diese Tugend in so hohem Grad, dass sie dieselbe mit Recht der Würde einer Mutter Gottes hätte vorziehen können, wenn nicht gerade diese Tugend es gewesen wäre, welche sie zu dieser unaussprechlichen Größe am meisten befähigte. Bemessen wir aber die jungfräuliche Reinheit Mariä nach ihrer Hochschätzung für sie und nach der Würde, zu welcher sie dadurch erhoben wurde, so erkennen wir wenigstens zum Teil, wie erhaben diese Tugend in ihrem jungfräulichen Leib und Geist war. Sie hat sich sie seit ihrer unbefleckten Empfängnis vorgenommen, seit ihrer Geburt hat sie sie durch ein Gelübde versprochen und so vollkommen beobachtet, dass nie eine Handlung, Bewegung oder Gebärde in ihr sie auch nur durch einen Schatten trübte. Deshalb redete sie niemals mit einem Mann ohne den Willen Gottes und schaute niemandem, weder Männern noch Frauen, ins Gesicht; nicht als wäre hierin für sie eine Gefahr gelegen, sie tat es vielmehr wegen des Verdienstes, zu unserem Beispiel und in der Überfülle ihrer himmlischen Klugheit, Weisheit und ihrer Liebe.

587. Von ihrer Milde und Sanftmut sagte Salomon: «Das Gesetz der Milde ist auf ihrer Zunge (Spr 31, 26)»; denn sie bewegte diese nie, außer um die Gnade auszuteilen, welche über ihre Lippen ausgegossen war (Ps 45, 3). Die Sanftmut bezähmt den Zorn, die Milde mäßigt die Strafe. Unsere sanftmütigste Königin hatte keinen Zorn zu bezähmen; sie machte von dieser natürlichen Anlage niemals anders Gebrauch als, wie ich im vorausgehenden Hauptstück gesagt habe, in Ausübung des Starkmutes gegen die Sünde und den Satan. In Bezug auf die Menschen jedoch hatte sie niemals ein Verlangen, diese zu strafen; kein Anlass erregte ihren Zorn. Sie verlor niemals ihre vollkommenste Sanftmut. Unveränderlich und unnachahmlich blieb ihre innere und äußere Ruhe. Niemals bemerkte man an ihr eine Veränderung in der Miene, in der Stimme oder in den Bewegungen, welche eine innere Regung des Zornes bekundet hätten. Unser Herr benützte diese ihre Sanftmut und ihre Milde als Werkzeug für seine eigene und teilte durch sie alle Wohltaten und Wirkungen seiner ewigen Erbarmungen aus. Darum war es notwendig, dass die Milde Unserer Lieben Frau, um ein entsprechendes Werkzeug zu sein, im Verhältnis stehe zur Milde unseres Herrn gegen die Seelen. Erwägt man also aufmerksam und gründlich, was die göttliche Milde für die Sünder tut und dass die heiligste Jungfrau das geeignete Werkzeug zur Ausführung all dieser Werke gewesen, so wird man wenigstens zum Teil einen Begriff von ihrer Milde erhalten. Alle ihre Zurechtweisungen waren mehr Bitten und belehrende Ermahnungen als Strafen. Sie hatte um diese Gnade den Herrn gebeten, und seine Vorsehung fügte es so, damit das Gesetz der Milde in dieser erhabenen Königin wie im Original sich finde und gleichsam in einer Schatzkammer verwahrt sei, deren Seine Majestät sich bedienen könnte und in welcher die Sterblichen diese, wie alle anderen Tugenden sich verschaffen sollten.

588. Um von den anderen, in der Mäßigung (modestia) eingeschlossenen Tugenden, namentlich von der Demut, der Lebensstrenge und der Armut, der heiligsten Jungfrau einigermaßen würdig zu sprechen, würden viele Bücher und die Zungen der Engel erfordert. Von dem, was ich darüber zu sagen vermag, ist die ganze vorliegende Lebensgeschichte voll; denn aus allen Handlungen der Himmelskönigin leuchtet vor jeder andern Tugend ihre unvergleichliche Demut hervor. Ich fürchte gar sehr, der Größe dieser ganz einzigen Tugend zu nahe zu treten, wenn ich es versuche, in die engen Grenzen kurzer Worte das Meer einzuschließen, welches imstande war, den Unbegreiflichen, den Unermesslichen in sich aufzunehmen und zu umschließen. Alles, was die Heiligen und selbst die Engel mit dieser Tugend der Demut zu erkennen und zu wirken vermocht haben, erreicht noch nicht den niedrigsten Grad der Demut unserer Königin. Wen unter den Heiligen und Engeln konnte Gott seine Mutter nennen? Wer, außer Maria und dem ewigen Vater, konnte das menschgewordene Wort Sohn nennen? Wenn nun aber diejenige, welche in solcher Würde dem ewigen Vater zur Seite stand und die einer solchen Würde entsprechenden Gnaden und Gaben besaß, sich in ihrer Schätzung an den letzten Platz unter allen Kreaturen setzte und alle als über ihr stehend betrachtete, wie süß, wie lieblich muss dem Herzen Gottes der Wohlgeruch dieser demütigen Narde gewesen sein, während sie den König der Könige in ihrem Herzen umschloss (Hld 1,11) !

589. Dass die Säulen des Himmels zittern und beben vor dem unzugänglichen Licht der unendlichen Majestät (Job 26,11), das ist kein Wunder; denn sie haben den Sturz ihrer Gefährten gesehen, und sie wurden davor bewahrt durch Gnaden und aus Gründen, welche allen gemeinsam waren. Dass die stärksten und unüberwindlichsten Heiligen sich erniedrigten, die Verachtung umfingen, der geringsten Gnade und selbst der Dienstleistung der Geschöpfe sich für unwürdig erachteten, dies war alles ganz gerecht und vernunftgemäß, denn wir alle sündigen und ermangeln der Ehre bei Gott (Röm 3, 23). Keiner war so heilig oder so groß, dass er nicht noch größer hätte sein können. Keiner war so vollkommen, dass ihm nicht eine Tugend gemangelt hätte. Keiner war so schuldlos, dass Gottes Auge nichts Tadelnswertes an ihm gefunden hätte. Und gesetzt, es wäre auch einer in allem ganz und gar vollkommen gewesen, so blieben doch alle in der Sphäre der gewöhnlichen Gnade, und keiner wäre über alle in jedem Stück erhaben.

590. Die Demut der reinsten Jungfrau Maria aber war hierin ohnegleichen. Maria war die Morgenröte der Gnade, der Anfang alles Guten in den Geschöpfen, die Höchste von allen Kreaturen, das Wunderwerk der Vollkommenheiten Gottes, der Mittelpunkt seiner Liebe, der Wirkungskreis seiner Allmacht; sie nannte Gott ihren Sohn und hörte von ihm sich Mutter nennen, und dennoch erniedrigte sie sich zum letzten Platz unter allen Geschöpfen. Sie erfreute sich der höchsten Auszeichnung unter allen bloßen Geschöpfen Gottes, und es blieb ihr keine höhere mehr zu erreichen - und dennoch erniedrigte sie sich und hielt sich nicht würdig der geringsten Achtung, Auszeichnung und Ehre, welche man dem mindesten aller Menschen erweisen könnte. Nicht nur erachtete sie sich unwürdig der Würde einer Mutter Gottes und der darin eingeschlossenen Gnaden, sondern sogar der Luft, welche sie einatmete, der Erde, welche sie trug, der Nahrung, welche sie genoss, jeder Dienstleistung der Geschöpfe, all dessen erachtete sie sich unwürdig und dankte dafür, als wäre sie wirklich alles dessen unwürdig gewesen. Um vieles in wenigen Worten zu sagen: dass der Mensch nicht nach der Auszeichnung verlangt, welche ihm durchaus nicht zukommt und die er aus keinem Grund verdient, das ist keine besonders großherzige Demut, obwohl Gott in seiner unendlichen Güte dieselbe annimmt und auf denjenigen, welcher sich auf diese Weise verdemütigt, mit Wohlgefallen blickt. Wunderbar jedoch ist es, dass jene, welcher alle Majestät und Auszeichnung gebührt, solche nicht verlangte, nicht suchte, sondern sich tiefer erniedrigte als alle Geschöpfe zusammen. Obwohl würdige Mutter Gottes, vernichtete sie sich in ihrer Meinung und verdiente durch diese Demut, gleichsam aus Gerechtigkeit zur Herrschaft über alle Geschöpfe erhoben zu werden.

591. Dieser unvergleichlichen Demut entsprachen in der heiligsten Jungfrau Maria die übrigen in der Mäßigung (modestia) eingeschlossenen Tugenden. Denn das Verlangen, mehr zu wissen, als sich geziemt, kommt gewöhnlich her vom Mangel an Demut oder Liebe; dieser Fehler bringt keinen Nutzen, wohl aber großen Schaden, wie dies Dina erfahren hat, welche, von unnützer Neugierde getrieben, ausging, um zu sehen, was zu nichts nützte, und dabei gesehen wurde, zum größten Schaden ihrer Ehre (Gen 34,1). Aus derselben Wurzel des vermessenen Stolzes entsprossen gewöhnlich der überflüssige Prunk und Aufwand in der Kleidung, die ungeordneten Handlungen, Gebärden und Bewegungen, welche der Eitelkeit und Sinnlichkeit dienen und die Leichtfertigkeit des Herzens bekunden, gemäß den Worten des weisen Mannes: «Die Kleider am Leib, das Lachen des Mundes und der Gang des Menschen verraten, was er innerlich ist (Sir 19, 27 - 3).» Alle diesen Lastern entgegengesetzten Tugenden waren in der heiligsten Jungfrau unversehrt; sie wurden durch keine wiederstrebende Regung gehemmt oder getrübt. Als Töchter und Gefährtinnen ihrer tiefsten Demut, ihrer Liebe und ihrer Reinheit zeigten sie vielmehr in dieser erhabenen Königin gewisse Spuren eines mehr himmlischen als menschlichen Wesens.

592. Obwohl ohne Neugierde, war sie doch sehr lernbegierig; denn wiewohl sie an Weisheit die Cherubim übertraf, ließ sie sich doch von allen belehren, als wäre sie unwissend. Wenn sie die ihr von Gott verliehene Kenntnis benützte oder den Willen Gottes erforschte, tat sie dies mit solcher Klugheit, mit so erhabenen Absichten, mit solcher Vollkommenheit in allen Umständen, dass ihr Verlangen allzeit das Herz Gottes verwundete und ihn zu ihrem wohlgeordneten Willen hinzog.

Wunderbar war auch ihre Armut und Lebensstrenge. Sie konnte über alle Geschöpfe als deren Herrin verfügen; aber auf alles, was der Herr in ihre Hände gelegt hatte, verzichtete sie, um ihren heiligsten Sohn nachzuahmen. Denn gleichwie der Vater dem menschgewordenen Wort alles in die Hände gegeben (Joh 13, 3), so legte dieser alles in die Hände seiner Mutter; sie aber tat so wie er, sie verzichtete auf alles im Herzen und in der Tat zur Ehre ihres Sohnes und Herrn. Bezüglich ihrer Sittsamkeit im Benehmen, ihrer Sanftmut im Reden, ihres ganzen Äußeren wird es genügen, zu sagen: man hätte sie wegen der unaussprechlichen Würde, welche in all dem zutage trat, für ein übermenschliches Wesen gehalten, hätte der Glaube nicht gelehrt, dass sie ein bloßes Geschöpf sei.

LEHRE DER HIMMELSKÖNIGIN

593. Meine Tochter, du hast einiges gesagt von dem, was du erkannt hast über die Würde dieser Tugend der Mäßigkeit und über die Art, wie ich sie übte. Doch es ist noch vieles zu sagen, damit die Menschen vollständig verstehen, wie unentbehrlich ihnen diese Tugend bei ihren Handlungen ist. Zur Strafe für die erste Sünde hat nämlich der Mensch den vollkommenen Gebrauch der Vernunft verloren, die Leidenschaften waren ihm nicht mehr untertänig, sondern empörten sich gegen ihn, der sich gegen seinen Gott aufgelehnt und dessen höchst gerechtes Gebot verachtet hatte. Damit nun dieser Schaden gutgemacht würde, war die Tugend der Mäßigkeit notwendig sie soll die Leidenschaften bezähmen, deren lockende Regungen zügeln und mäßigen; sie soll den Menschen aufs neue lehren, den vollkommenen Mittelweg einzuhalten mit seinen Begehrungsvermögen, und ihn aufs neue bewegen, als ein der Teilnahme an Gott fähiges Wesen der Vernunft zu folgen nicht aber einem unvernünftigen Tiere gleich dem Vergnügen nachzugehen. Ohne diese Tugend ist es unmöglich, den alten Menschen auszuziehen und sich für die Geschenke der göttlichen Gnade und Weisheit vorzubereiten; denn diese geht nicht in eine Seele ein, welche in einem der Sünde unterworfener Leibe wohnt (Weish 1, 4). Wer dagegen seine Leidenschaften durch die Mäßigkeit zu bezähmen versteht und ihnen das ungeordnete, tierische Vergnügen, wonach sie begehren, verweigert, der kann sagen und erfahren, dass der König ihn in den Keller seine: köstlichen Weines (Hld 2, 4) und in die Schatzkammer der Weisheit und der geistlichen Gaben einführt. Denn diese Tugend ist gleichsam eine allgemeine Vorratskammer, voll der schönsten uni gottgefälligsten Tugenden.

594. Zwar musst du dir viele Mühe geben, um diese alle zu erwerben, doch ganz besonders erwäge die Schönheit und den Wohlgeruch der Keuschheit, die Kraft der Enthaltsamkeit und die Mäßigkeit in Speise und Trank, die Lieblichkeit und die segensreichen Wirkungen der Sittsamkeit in Wort und Tat, endlich den Adel der äußersten Armut im Gebrauch der Dinge. Durch diese Tugenden wirst du das göttliche Licht, den Frieden und die Ruhe deiner Seele, die Freiheit deiner Seelenkräfte und die Herrschaft über deine Neigungen erlangen. Du wirst durch die Strahlen der göttlichen Gnade und der Gaben ganz erleuchtet und von dem sinnlichen und tierischen Leben erhoben werden zu dem Leben und Wandel der Engel. Ein solches Leben verlange ich von dir, und du selbst begehrst es durch die Gnade Gottes. Sei darum, Teuerste, eifrig bedacht, immer mit dem Licht der Gnade zu wirken; gebrauche deine Fähigkeiten niemals zu ihrem Vergnügen allein, sondern handle immer der Vernunft gemäß und zur Ehre Gottes. In allem, was zum Leben notwendig ist, im Essen, im Schlafen, in der Kleidung, im Sprechen, Hören, Verlangen, Zurechtweisen, Befehlen, Bitten, kurz, in allem muss dich das Licht und das Wohlgefallen deines Herrn und Gottes leiten, nicht aber das deine.

595. Damit du aber die Schönheit und Anmut dieser Tugend noch mehr liebgewinnst, so betrachte auch die Hässlichkeit der entgegengesetzten Laster. Erwäge mit dem Licht, welches du empfängst, wie hässlich, wie verabscheuungswürdig, wie verwerflich und entsetzlich vor den Augen Gottes und der Heiligen die Welt ist wegen so vieler abscheulichen Gräuel, welche die Menschen gegen diese liebenswürdige Tugend begehen. Sieh, wie viele, vernunftlosen Tieren gleich, der schändlichen Sinnlichkeit folgen, andere der Schwelgerei und Trunksucht; die einen dem Spiel und der Eitelkeit, die anderen der Hoffart, wieder andere dem Geiz und der Habsucht; im allgemeinen gesprochen folgen alle dem Drang ihrer Leidenschaften und suchen für jetzt nur das Vergnügen. Dadurch sammeln sie sich aber für das Jenseits Schätze ewiger Qualen und berauben sich der beseligenden Anschauung ihres Gottes und Herrn.

DREIZEHNTES HAUPTSTÜCK: Die Gaben des Heiligen Geistes in Maria

Von den sieben Gaben des Heiligen Geistes, welche die seligste Jungfrau besaß.

596. Nach dem mir verliehenen Licht dünkt mich, dass die sieben Gaben des Heiligen Geistes etwas hinzufügen zu den Tugenden, auf welche sie sich beziehen, und gerade dadurch von den letzteren sich unterscheiden, obwohl beide einen und denselben Gegenstand haben. Man kann zwar jede Wohltat Gottes, auch die natürlichen, eine Gabe oder ein Geschenk seiner Hand nennen. Doch hier sprechen wir nicht von Gaben in diesem allgemeinen Sinne, wären es auch eingegossene Tugenden und Gaben. Denn nicht jeder, der eine oder mehrere Tugenden besitzt, erhält auch die Gnade der Gaben im betreffenden Gegenstand, wenigstens erreicht nicht jeder jenen Grad der Tugenden, in welchem sie vollkommene Gaben genannt werden, gemäß der Auslegung, welche die heiligen Lehrer den Worten des Jesaja geben. Dieser sagt nämlich, der Geist des Herrn werde auf Christus, unserem Erlöser, ruhen, und zählt sieben Gnaden auf, die gewöhnlich Gaben des Heiligen Geistes genannt werden. Diese sind der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Wissenschaft und der Frömmigkeit und der Geist der Furcht des Herrn (Jes 11, 2.3). Diese Gaben waren, als ein Ausfluss der göttlichen Wesenheit, in der heiligsten, mit der Gottheit persönlich vereinigten Seele Christi wie das Wasser in der Quelle, von der es ausfließt, um allen sich mitzuteilen. Wir alle schöpfen ja Wasser aus den Quellen des Heilands (Jes 12, 3), Gnade über Gnade (Joh 1,16), Gabe über Gabe; in ihm sind alle Schätze der Weisheit und Wissenschaft Gottes verborgen (Kol 2, 3).

597. Die Gaben des Heiligen Geistes entsprechen den Tugenden, auf welche sie sich beziehen. Bezüglich dieses Verhältnisses der Gaben zu den Tugenden sind die Theologen zwar verschiedener Ansicht, jedoch hinsichtlich des Zweckes, den die Gaben haben, ist eine solche Meinungsverschiedenheit nicht möglich. Dieser Zweck ist nämlich kein anderer, als den Geisteskräften eine gewisse besondere Vollkommenheit zu verleihen, damit der Mensch in dem Gebiet der betreffenden Tugenden die vollkommensten und heldenmütigsten Handlungen und Werke zu verrichten vermöge. Sonst könnten sie ja nicht besondere Gaben heißen, vollkommener und ausgezeichneter als die anderen Gaben, mit denen man die Tugenden in gewöhnlicher Weise übt. Diese Vollkommenheit der Gaben muss namentlich in einer besonderen und starken Einflößung und Anregung des Heiligen Geistes bestehen, welche auf wirksamere Weise die Hindernisse überwindet, den freien Willen bewegt und ihm größere Kraft verleiht, nicht nachlässig, sondern mit großer Vollkommenheit und Tatkraft die Tugend zu üben, auf welche die Gabe sich bezieht. Zu allem diesem ist der freie Wille nicht fähig, wofern er nicht durch eine besondere, kräftige Einwirkung des Heiligen Geistes erleuchtet und stark, lieblich und süß gedrängt wird, dieser Erleuchtung zu folgen und mit Freiheit jene Handlung zu wollen und zu vollbringen, welche durch die Kraft des göttlichen Geistes im Willen bewirkt zu sein scheint, wie der Apostel im Brief an die Römer (8. Hauptstück) sagt. Deshalb wird auch diese Anregung ein Antrieb des Heiligen Geistes genannt, weil der Wille, obgleich er frei und ohne Zwang wirkt, doch bei diesen Werken einem mit freiem Willen begabten Werkzeug sehr ähnlich ist; denn er richtet sich dabei nicht so sehr nach den Regeln der gewöhnlichen Klugheit, wie dies die Tugenden tun, obwohl die Erkenntnis und die Freiheit nicht vermindert ist.

598. Ich will mich durch ein Beispiel einigermaßen verständlich machen. Zwei Dinge sind in den Geisteskräften tätig, um den Willen zu einem Tugendwerk zu bewegen. Das erste ist die dem Willen selbst innewohnende Kraft oder Neigung, die ihn trägt und bewegt, ähnlich wie die Schwere den Stein und wie die Leichtigkeit das Feuer bewegt, dass diese Gegenstände ihrem Mittelpunkt zustreben. Die tugendhaften Fertigkeiten (habitus virtuosi) erhöhen diese Neigung im Willen mehr oder weniger, was in ihrer Weise auch die Laster tun; denn indem sie auf die Liebe wirken, stärken sie den Willen; die Liebe ist ja die Kraft, welche mit Wahrung der Freiheit den Willen trägt.

Das zweite, was auf die Bewegung des Willens wirkt, bezieht sich auf den Verstand; es ist nämlich eine Erleuchtung über die Tugenden, wodurch der Wille bewegt und geleitet wird. Diese Erleuchtung steht im Verhältnis zu den tugendhaften Fertigkeiten und Akten des Willens. Für die gewöhnlichen Handlungen genügt die gewöhnliche Klugheit und Überlegung, für erhabenere Akte aber ist auch eine höhere Erleuchtung und Bewegung durch den Heiligen Geist dienlich und notwendig, und diese gehört zu den Gaben. Weil aber die Liebe und Gnade eine übernatürliche Fähigkeit und Fertigkeit (habitus supernaturalis) ist und von Gottes Willen abhängt, ähnlich wie der Strahl von der Sonne ausgeht, darum übt Gott auch einen besonderen Einfluss auf die Liebe; dadurch wird diese bewegt, und sie selbst bewegt die anderen Tugenden und Fertigkeiten des Willens, und zwar in höherem Grad, wenn sie mit den Gaben des Heiligen Geistes wirkt.

599. Demgemäß erkenne ich in den Gaben des Heiligen Geistes auf Seiten des Verstandes eine besondere Erleuchtung, bei welcher er sich sehr passiv verhält und der Wille bewegt wird, dessen Fertigkeiten einen Grad von Vollkommenheit erhalten, welcher über die gewöhnliche Kraft der Tugend hinaus zu sehr heroischen Handlungen anregt. Gibt man einem Stein zu seiner Schwere hin noch einen anderen Antrieb, so bewegt er sich mit größerer Leichtigkeit. Geradeso werden auch im Willen, wenn die Vollkommenheit oder der Antrieb der Gaben des Heiligen Geistes hinzutritt, die Akte der Tugenden ausgezeichneter und vollkommener.

Die Gabe der Weisheit verleiht der Seele einen gewissen Geschmack, mittels dessen sie Göttliches und Menschliches ohne Täuschung unterscheidet und jedem seinen Wert beilegt, im Gegensatz zu dem Geschmack, welcher von der menschlichen Unwissenheit und Torheit herstammt. Diese Gabe gehört zur Tugend der Liebe.

Die Gabe des Verstandes gibt Licht, um die göttlichen Dinge zu erforschen und zu verstehen, trotz der Schwerfälligkeit und Trägheit unseres Verstandes.

Die Gabe der Wissenschaft dringt in das Dunkelste ein und macht vollkommene Lehrmeister; sie ist gegen die Unwissenheit gerichtet. Diese letzteren zwei Gaben gehören zur Tugend des Glaubens.

Die Gabe des Rates leitet auf dem rechten Weg und hält die menschliche Voreiligkeit zurück; sie ist gegen die Unklugheit gerichtet und gehört zu ihrer eigenen Tugend.

Die Gabe der Stärke verbannt die ungeregelte Furcht und stärkt die Schwäche. Sie gehört zur gleichnamigen Tugend.

Die Gabe der Frömmigkeit macht das Herz mild und sanft, nimmt ihm die Härte und schützt es vor Gottvergessenheit und Gefühllosigkeit. Sie gehört zur Tugend der Gottesverehrung.

Die Gabe der Furcht des Herrn verdemütigt auf liebliche Weise, im Gegensatz zur Hoffart; sie bezieht sich auf die Demut.

600. Die heiligste Jungfrau Maria besaß alle Gaben des Heiligen Geistes in vorzüglichem Grad. Denn als Mutter des ewigen Wortes stand sie in besonderer Beziehung zu ihnen und hatte ein gewisses Recht auf deren Besitz, da der Heilige Geist, dem diese Gaben zugeschrieben werden, vom ewigen Wort ausgeht. Wenn nun aber diese Gaben in Maria nach ihrer ganz einzigen Mutterwürde zu bemessen sind, so ist klar, dass dieselben in einer dieser Würde entsprechenden Weise in ihr sich fanden, in einer Weise, welche sich von dem Gnadenmaß aller übrigen Seelen gerade soviel unterscheidet, als sie, die Mutter Gottes, sich unterscheidet von allen andern, die nur Geschöpfe Gottes sind. Die große Königin aber steht mit dem Heiligen Geist in engster Beziehung nicht bloß wegen ihrer göttlichen Mutterwürde, sondern auch wegen ihrer vollkommenen Sündelosigkeit, während alle übrigen Geschöpfe ihm gar fern stehen, sowohl durch die Sünde als auch durch ihre Natur und Wesenheit, wegen deren sie in keiner näheren Beziehung oder Verwandtschaft zum Heiligen Geist stehen.

Waren nun diese Gaben in Christus unserem Herrn wie in ihrer Quelle, so waren sie in seiner würdigen Mutter Maria wie in einem Teich oder Meer, um von da aus allen Geschöpfen mitgeteilt zu werden; denn aus ihrer überströmenden Fülle fließen sie der ganzen Kirche zu. Salomon drückt dies in den Sprichwörtern durch ein anderes Gleichnis aus, indem er sagt, die Weisheit habe sich ein Haus auf sieben Säulen gebaut, darin ihren Tisch zugerichtet, den Wein gemischt, die Kleinen und Unweisen eingeladen, um sie aus dem Zustand der Kindheit hinauszuführen und sie Klugheit zu lehren (Spr 9,1-6). Ich will mich nicht länger mit Erklärung dieser Worte aufhalten, da ja jeder Katholik wohl weiß, dass niemand anders als die heiligste Jungfrau Maria diese herrliche Wohnung des Allerhöchsten war, die da auferbaut und gegründet war auf die sieben Gaben des Heiligen Geistes, sowohl zu ihrer eigenen Zier und Festigkeit als auch dazu, dass in dieser geistlichen Wohnung das allgemeine Gastmahl für die ganze Kirche zubereitet würde. In Maria wurde nämlich der Tisch zugerichtet, damit wir unwissenden Kinder Adams an ihm durch die Mitteilung und die Gaben des Heiligen Geistes alle gesättigt würden.

601. Erwirbt man diese Gaben durch Übung der Tugenden und durch Überwindung der entgegengesetzten Laster, dann nimmt die Furcht die erste Stelle ein. Jesaja nennt jedoch, da er von unserem Herrn redet, die Gabe der Weisheit, also die höchste, an ihrer Stelle; denn Jesus Christus erhielt dieselben als Lehrer und Haupt, und nicht als Jünger, der sie erst zu erwerben hätte. In derselben Ordnung müssen wir diese Gaben auch bei seiner heiligsten Mutter betrachten; denn bezüglich der Gaben war sie ihrem heiligsten Sohn mehr ähnlich, als die übrigen Geschöpfe ihr gleichen.

Die Gabe der Weisheit enthält eine liebliche Erleuchtung, durch welche der Verstand die Wahrheit der Dinge in ihren innersten und höchsten Gründen erkennt und der Wille mit einem Geschmack für die Wahrheit das wahre Gut unterscheidet von dem falschen und scheinbaren. Denn derjenige ist wahrhaft weise, welcher ohne Irrtum das wahre Gut erkennt, um es zu genießen, und es genießt, indem er es erkennt. Dieser Genuss der Weisheit besteht darin, dass man sich des höchsten Gutes durch innige Liebesvereinigung erfreut; darauf folgt dann der Geschmack und die Freude an dem erschaffenen Guten, d. h. an dem sittlichen Guten, das geübt wird durch jene Tugenden, welche unter der Liebe stehen. Darum wird derjenige noch nicht weise genannt, welcher die Wahrheit nur mit dem Verstand erkennt, auch wenn er sich an dieser Erkenntnis freut; ebenso wenig ist weise, wer Tugendakte allein wegen dieser Erkenntnis verrichtet, und noch weniger, wenn er dies aus anderer Ursache tut. Dagegen ist derjenige wahrhaft weise, welcher das höchste und wahre Gut und in demselben und durch dasselbe alle ihm untergeordneten Wahrheiten ohne Täuschung erkennt und aus Freude an ebenjenem höchsten Gute mit innigster, vereinigender Liebe handelt. Diese Erkenntnis wird aber der Weisheit geboten durch die Gabe des Verstandes, welche ihr vorhergeht und sie begleitet. Die Gabe des Verstandes besteht in einem tiefen Eindringen sowohl in die göttlichen als in alle jene Wahrheiten, welche sich auf die göttlichen beziehen und hinordnen lassen; denn der Geist erforscht, wie der Apostel sagt (1 Kor 2,10), alles, auch die Tiefen der Gottheit.

602. Eben dieser Geist wäre nötig, um wenigstens etwas zu begreifen und zu sagen von den Gaben der Weisheit und des Verstandes, wie die Beherrscherin des Himmels sie besessen hat. Der gewaltige Strom, den die höchste Güte so viele Jahrhunderte der Ewigkeit hindurch in sich zurückgehalten hatte, erfreute diese Stadt Gottes (Ps 46, 5), indem er mittels ihres und des ewigen Vaters Eingebornen, der in ihr wohnte, seine Gewässer mit solcher Gewalt in ihre heiligste Seele ergoss, dass es, menschlich geredet, scheinen konnte, es habe sich das unendliche Meer der Gottheit in diesen Ozean der Weisheit ganz ausgegossen, und zwar schon in demselben Augenblick, da sie den Geist der Weisheit rufen konnte. Damit sie ihn aber rufe, kam er zu ihr, auf dass sie Weisheit lerne ohne Falsch und ohne Neid dieselbe austeile (Weish 7,13). Und dies hat sie auch getan; denn durch ihre Weisheit ist der Welt offenbar geworden das Licht des ewigen, menschgewordenen Wortes. Die weiseste Jungfrau verstand die Einrichtung der Welt, die Eigenschaften der Elemente, den Anfang, die Mitte und das Ende der Zeiten und deren Wechsel, den Lauf der Sterne, die Natur der zahmen und die Wut der wilden Tiere, die Gewalt der Winde, die Natur und die Gedanken der Menschen, die Kräfte der Kräuter, der Pflanzen, Bäume, Früchte und Wurzeln, alles, was verborgen und für Menschengedanken unerreichbar ist, die Geheimnisse und unbekannten Wege des Allerhöchsten (Weish 7,17-21); alles dieses verstand Maria, unsere Königin, alles dieses kostete sie durch die Gabe der Weisheit, die sie in ihrer tiefsten Quelle getrunken und deren geheime Gedanken in ihr gleichsam zum Ausdrucke kamen.

603. Dort nahm sie in sich auf den «Hauch der Kraft Gottes, den reinen Ausfluss seiner Klarheit (Weish 5, 25 ff)», welcher sie unbefleckt machte, vor jedem Makel, der die Seele verunreinigt, bewahrte und bewirkte, dass sie der makellose Spiegel der Herrlichkeit Gottes wurde. Dort empfing sie den Geist des Verstandes, den die Weisheit in sich schließt und der da heilig ist, einfach vielfältig, fein, scharfsinnig, beredt, beweglich, unbefleckt, untrüglich, lieblich, das Gute liebend, frei wirkend, wohltätig, freundlich, gütig, fest und sicher; denn alle diese Tugenden schließt die Weisheit in sich, alles erreicht sie, alles begreift sie mit jener reinsten Klarheit und Feinheit, durch welche sie überall hindringt (Weish 5, 22-24). Alle diese Eigenschaften, welche der Weise dem Geist der Weisheit beilegte, fanden sich in der heiligsten Jungfrau Maria nächst ihrem göttlichen Sohn auf einzig vollkommene Weise. Mit der Weisheit aber kamen zu ihr alle Güter zumal, und bei allen ihren Handlungen gingen diese erhabensten Gaben der Weisheit und des Verstandes vor ihr her (Weish 5,11.12), damit alle Werke der anderen Tugenden von diesen geleitet und von ihrer unvergleichlichen Weisheit durchdrungen würden.

604. Von den übrigen Gaben wurde einiges gesagt, als von den Tugenden die Rede war, zu welchen sie gehören. Doch lässt sich immer noch vieles beifügen, weil alles, was wir denken und sagen können, weit hinter dem zurückbleibt, was in dieser geistlichen Stadt Gottes enthalten ist. Auf die Gabe des Verstandes folgt bei Jesaja die des Rates; diese besteht in einer übernatürlichen Erleuchtung, durch welche der Heilige Geist das Innere des Menschen über alle gewöhnliche, menschliche Einsicht hinaus erleuchtet, damit derselbe stets das Nützlichste, Geziemendste und Gerechteste wähle, das Gegenteil verwerfe und den Willen nach den Regeln des ewigen, unbefleckten, göttlichen Gesetzes zur Einheit einer einzigen Liebe und zur Gleichförmigkeit mit dem vollkommenen Willen des höchsten Gutes bringe. Infolge dieser himmlischen Belehrung soll sich nämlich der Mensch losmachen von den vielen und mannigfachen Affekten, Zuneigungen und Anhänglichkeiten an äußere, irdische Güter, welche das menschliche Herz zurückhalten oder hindern können, auf diesen göttlichen Antrieb und Rat zu hören, ihm zu folgen und Christus dem Herrn, unserem lebendigen Muster, gleichförmig zu werden, welcher nach dem vollkommensten Rat zum ewigen Vater sprach: «Nicht mein, sondern dein Wille geschehe! (Lk 22, 42)»

605. Die Gabe der Stärke ist eine Teilnahme an der göttlichen Kraft, welche der Heilige Geist dem geschaffenen Willen verleiht, damit er voll heiligen Mutes sich über alles erhebe, was die menschliche Schwachheit fürchten kann und gewöhnlich fürchtet von den Versuchungen, Schmerzen, Trübsalen und Widerwärtigkeiten. Über alles dieses soll sich der menschliche Wille mit Hilfe dieser Gabe hinwegsetzen, alles soll er besiegen, um das Schwerste und Erhabenste in der Übung der Tugenden zu erringen und zu bewahren; er soll sich erheben, aufsteigen und sich erschwingen über alle Tugenden, Gnaden, inneren geistlichen Tröstungen; über alle Offenbarungen, über alle Süßigkeiten der heiligen Liebe, so edel und erhaben sie auch sein mögen, alles dieses soll er hinter sich zurücklassen und mit einer heiligen Gewalt sich nach dem vorgesteckten Ziel ausstrecken (Phil 3,13), bis er zur innigsten, erhabensten Vereinigung mit dem höchsten Gute gelangt, nach dem er mit den glühendsten Begierden schmachtet. Dann geht in Wahrheit in Erfüllung, was im Buch der Richter gesagt ist, dass vom Starken Süßigkeit ausgehe (Rich 14,14), wenn er nämlich alles überwunden hat in dem, der ihn stärkt (Phil 4,13).

Die Gabe der Wissenschaft ist eine Kenntnis, welche unfehlbar richtig urteilt über alles, was man bezüglich der Tugenden glauben und tun muss. Sie unterscheidet sich von der Gabe des Rates; denn dieser wählt, sie aber urteilt; von ihr kommt das richtige Urteil, von dem andern die kluge Wahl. Auch von der Gabe des Verstandes ist sie verschieden; denn diese erkennt die tiefen Wahrheiten, welche den Glauben und die Tugenden betreffen, in sich und gleichsam durch einen einfachen Erkenntnisakt; die Gabe der Wissenschaft aber erkennt die aus jenen Wahrheiten sich ergebenden Folgerungen und zwar auf schulgerechte Weise; sie regelt die äußeren Tätigkeiten der Seelenkräfte nach der Vollkommenheit der Tugend. So ist die Gabe der Wissenschaft bei Übung der Tugend gleichsam die Wurzel und die Mutter der Klugheit.

606. Die Gabe der Frömmigkeit (pietas) ist eine göttliche Kraft oder ein göttlicher Einfluss, durch welchen der Heilige Geist den Willen des Menschen sanft und weich, gleichsam flüssig macht und ihn zu allem bewegt, was den Dienst Gottes und die Werke der Nächstenliebe betrifft. Infolge dieser Milde und lieblichen Süßigkeit ist unser Wille bereit und unser Gedächtnis aufmerksam, Gott das höchste Gut an jedem Ort, zu jeder Zeit, bei allen Begebnissen zu loben, zu preisen, ihm Dank und Ehre darzubringen, mit den Geschöpfen aber zartes und liebevolles Mitleiden zu empfinden, so dass man sie in ihren Leiden und Nöten nicht im Stich lässt. Der Neid kann diese Gabe der Frömmigkeit nicht aufhalten; sie kennt weder Hass noch Geiz, weder Lauheit noch Engherzigkeit. Denn sie gibt dem Herzen eine liebliche und zugleich kräftige Neigung, kraft deren der Mensch mit Freuden zu allen Werken der Gottes- und Nächstenliebe schreitet. Sie macht wohlwollend, nachgiebig, dienstfertig und sorgsam. Deshalb sagt der heilige Apostel Paulus, die Frömmigkeit sei zu allem nützlich und habe die Verheißung des ewigen Lebens (1 Tim 4, 8), denn sie ist ein ausgezeichnetes Werkzeug der göttlichen Liebe.

607. An letzter Stelle kommt die Gabe der Gottesfurcht. die so oft in der Heiligen Schrift und von den heiligen Lehrern gepriesen und dringendst empfohlen wird als Grundlage der christlichen Vollkommenheit und als Anfang der wahren Weisheit (Ps 111,10; Spr 1, 7; 9,10; Sir 1,16). Denn die Gottesfurcht ist es, welche zuerst der törichten Anmaßung der Menschen Widerstand leistet und sie mit größter Kraft niederhält und verschwinden macht. Diese so wichtige Gabe besteht in einem liebevollen Sichzurückziehen, in einer sehr edlen Selbstbeschämung und Selbstverdemütigung, wegen deren die Seele sich in sich selbst und in die Niedrigkeit ihres eigenen Wesens zurückzieht und dieselbe im Vergleich mit der höchsten Größe und Majestät Gottes betrachtet. Auf diese Weise kommt sie dazu, von sich selbst nicht hoffärtig zu denken, sondern zu fürchten, wie der Apostel lehrt (Röm 11, 20).

Die heilige Furcht hat ihre Grade; sie wird im Anfang beginnende, sodann kindliche Furcht genannt. Sie beginnt nämlich damit, die Sünde, als den Gegensatz des höchsten Gutes, das sie in Ehrfurcht liebt, zu fliehen; dann schreitet sie fort zur Erniedrigung und Verachtung ihrer selbst, indes sie ihr eigenes Wesen mit Gottes Majestät, ihre Unwissenheit mit seiner unendlichen Weisheit, ihre Armut mit seinem unermesslichen Reichtum vergleicht. Infolgedessen ganz in Gottes Willen ergeben, verdemütigt und unterwirft sie sich allen Geschöpfen um Gottes willen, handelt mit innigster Liebe zu ihm und zu ihnen und gelangt so zur Vollkommenheit der Kinder Gottes und zur höchsten geistigen Vereinigung mit dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geiste.

608. Wenn ich länger bei Erklärung dieser Gaben verweilte, würde ich meinen Plan weit überschreiten und übermäßig breit werden. Das Gesagte genügt meines Erachtens, um die Natur und die Eigenschaften derselben zum Verständnis zu bringen. Hat man diese erfasst, so muss man erwägen, dass die erhabene Himmelskönigin alle Gaben des Heiligen Geistes nicht etwa bloß in dem hinreichenden und gewöhnlichen Grade besaß, den jede einzelne derselben in ihrer Art hat - in dieser Weise können sie sich ja auch bei anderen Heiligen finden -; vielmehr waren sie in dieser Herrin in ganz besonderer, ja einziger Auszeichnung, so dass kein anderer Heiliger fähig wäre, sie in ähnlicher Vollkommenheit zu fassen, und dass es auch nicht geziemend sein könnte, dass ein anderes, weniger heiliges Geschöpf als Maria sie in solchem Grad empfange.

Hat man erkannt, worin die heilige Furcht, die Frömmigkeit, die Stärke, die Wissenschaft und der Rat, soweit sie besondere Gaben des Heiligen Geistes sind, bestehen, dann erweitere sich der Verstand der Menschen und die Einsicht der Engel und denke sich das Höchste, das Edelste, das Ausgezeichnetste, das Vollkommenste, das Gottähnlichste; die Gaben, die Maria besaß, gehen über alles hinaus, was alle Kreaturen insgesamt zu begreifen vermögen; die niedrigste Stufe derselben ist das Höchste, was ein erschaffener Verstand zu erreichen vermag, gleichwie anderseits die höchste Stufe der Gaben, welche die Herrin und Königin der Tugenden besaß, in gewisser Weise an die niedrigste Stufe jener Gnadenfülle grenzt, welche sich in Christus und in der Gottheit befindet.

LEHRE der heiligsten Königin Maria

609. Meine Tochter, diese überaus edlen und ausgezeichneten Gaben des Heiligen Geistes, welche dir zu erkennen gegeben wurden, sind der Erguss, wodurch sich die Gottheit den heiligen Seelen mitteilt und in sie sich ergießt. An sich sind sie darum nicht beschränkt; sie sind beschränkt nur durch die Person, die sie empfängt. Würden aber die Menschen ihre Herzen losmachen von den irdischen Neigungen und Anhänglichkeiten, dann würden sie - so klein auch ihr Herz ist - ohne Maß teilnehmen an dem Strom der unendlichen Gottheit mittels der Gaben des Heiligen Geistes. Die Tugenden reinigen die Seele von dem Schmutz und den Makeln der Laster, wenn sie solche hatte. Durch Übung der Tugenden stellt die Seele nach und nach die harmonische Ordnung ihrer Kräfte, welche zuerst durch die Erbsünde und darnach durch die eigenen aktuellen Sünden verloren war, wieder her; die Tugenden verleihen der Seele Schönheit, Kraft und Freude am Guten tun. Die Gaben des Heiligen Geistes aber erheben die Tugenden selbst zu einer hohen Vollkommenheit, Zierde und Schönheit, und dadurch wird die Seele bereitet, geziert und geschmückt, um einzutreten in das Gemach des Bräutigams, wo sie, durch das Band des ewigen Friedens, auf wunderbare Weise mit der Gottheit zu einem Geist (1 Kor 6, 17) vereinigt wird. Aus diesem überaus glücklichen Zustand tritt sie dann treu und sicher heraus zur Übung heldenmütiger Tugenden; und mit diesen zieht sie sich wieder zurück zu dem, von dem sie ausging, zu Gott; unter seinem Schatten (Hld 2, 3) ruht sie alsdann in ungestörtem Frieden aus, ohne dass die tobenden Stürme der Leidenschaften und ungeordneten Neigungen sie verwirren könnten. Allein zu diesem Glück gelangen nur wenige, und es wird nur durch Erfahrung von dem erkannt, der desselben teilhaftig wird.

610. Erwäge deshalb, Teuerste, mit größter Aufmerksamkeit, wie du zum Gipfel dieser Gaben emporsteigen kannst. Denn es ist der Wille Gottes und mein Wille, dass du weiter hinauf rückst (Lk14,10) bei dem Gastmahl, welches die Güte Gottes dir bereitet mit den Segnungen der Gaben, die du zu diesem Zweck von seiner Freigebigkeit empfangen hast. Bedenke wohl: nur zwei Wege gibt es in die Ewigkeit. Der eine führt zum ewigen Tod durch die Verachtung der Tugend und durch die Unkenntnis Gottes. Der andere führt zum ewigen Leben durch die fruchtbringende Erkenntnis Gottes; denn das ist das ewige Leben, dass man ihn erkennt und seinen Eingebornen, den er in die Welt gesandt hat (Joh17, 3). Dem Weg des Todes folgen zahllose Toren, welche in schauderhaftem Unverstand nichts wissen von ihrer eigenen Unwissenheit, von ihrer Selbstüberschätzung und ihrem Stolz. Denjenigen aber, welche er barmherzig zu seinem wunderbaren Licht berufen (1 Petr 2, 9) und als Kinder des Lichtes wiedergeboren hat, verlieh er bei dieser Wiedergeburt ein neues Leben durch den Glauben, die Hoffnung und die Liebe, wodurch sie seine Kinder und Erben des ewigen Besitzes Gottes wurden. Nachdem sie seine Kinder geworden, gab er ihnen die Tugenden, welche bei der ersten Rechtfertigung eingegossen werden, damit sie als Kinder des Lichtes in entsprechender Weise auch Werke des Lichtes vollbringen (Eph 5, 8); nächst den Tugenden aber hält er die Gaben des Heiligen Geistes für sie bereit. Wie nun die materielle Sonne niemandem ihre Wärme und ihr Licht verweigert, falls man nur fähig und empfänglich ist, die Kraft ihrer Strahlen aufzunehmen, ebenso wenig entzieht und verbirgt sich die göttliche Weisheit für niemanden. Sie ruft vielmehr auf den Höhen, auf den Landstraßen, wie auf den verborgensten Pfaden; bei den Toren und auf den Plätzen der Städte ladet sie alle ein (Spr 8,1-3). Allein die Torheit macht die Menschen taub, die gottlose Bosheit macht sie zu Spöttern, und ungläubige Verkehrtheit trennt sie von Gott, dessen Weisheit keine Stätte findet in einem böswilligen Herzen noch im Leib, welcher der Sünde dient (Weish 1, 4).

611. Du aber, meine Tochter, achte auf deine Versprechen, auf deinen Beruf, auf dein Verlangen. Denn der Mund, welcher Gott belügt, ist ein schändlicher Mörder seiner Seele. Lauf nicht dem