Plurimum significans

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Apostolischer Brief
Plurimum significans

von Papst
Johannes Paul II.
an alle Bischöfe, Priester und Gläubigen der Kirche
zur 1400-Jahrfeier der Wahl des hl. Gregors des Großen zum Papst
29. Juni 1990

(Offizieller lateinischer Text: AAS 82 [1990] 1469-1475)

(Quelle: Der Apostolische Stuhl, 1990, S. 966-969)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne und Töchter,
Gruß und Apostolischen Segen !

Die bevorstehende 1400-Jahrfeier der Wahl des hl. Gregor des Großen zum Bischof von Rom ist ein bedeutungsvolles Ereignis, das von allen Gläubigen der Kirche und zumal von den Bischöfen und Priestern bedacht zu werden verdient. Einige unter den hervortretenden Zügen an seiner einzigartigen Persönlichkeit, die kraft ihrer Beispielhaftigkeit bis heute beeindrucken, obwohl zwischen seiner Zeit und der unseren viele Jahrhunderte liegen, sind folgende: der Ehrentitel "der Große", den ihm die Geschichte zugeschrieben hat; das ganz ausgesprochen pastorale Empfinden, das als oberster Bezugspunkt und unaufgebbare Pflicht über seine Sorgen und Aufgaben als Staatsmann, die ihm ebenfalls zugefallen waren, immer den Vorrang behielt; und schließlich die Entsendung von Augustinus und seinen Mönchen zu den Angeln, um dort die ebenso schwierige wie fruchtbare Aufgabe der Evangelisierung zu übernehmen.

Die Gestalt Gregors steht uns in ihren menschlichen und priesterlichen Zügen weiter vor Augen und weckt unsere Bewunderung. Trotz des gewandelten, um nicht zu sagen neuen sozio-kulturellen Klimas von heute bietet sie ein nachdrückliches Zeugnis für die Treue zum Evangelium und eine mächtige Anregung für unseren Eifer und unseren Gedankenreichtum als Seelenhirten.

SERVUS SERVORUM DEI (Diener der Diener Gottes): bekanntlich hat er dieser Formulierung seit der Zeit, da er Diakon war, den Vorzug gegeben und sie in nicht wenigen seiner Briefe verwendet. Sie wurde dann später zum traditionellen Titel und geradezu zur Definition der Person des Bischofs von Rom. Es steht im übrigen fest, dass er in aufrichtiger Demut sein Amt in diesem Sinn ausübte, gerade wegen seiner universalen Aufgabe in der Kirche Christi, dass er sich immer als obersten und ersten Diener betrachtete und erwies - als Diener der Diener Gottes, als Diener aller nach dem Beispiel Christi selbst, der ausdrücklich betont hat, er sei nicht gekommen, "um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele" (Mt 20,28). Er hatte ein sehr tiefes Bewusstsein von seiner Würde, die er nur sehr zögernd übernahm, nachdem er sich vergeblich bemüht hatte, ihr zu entgehen, verborgen zu bleiben; sehr klar war er sich aber zugleich seiner Verpflichtung zum Dienen bewusst. Für sich selbst verstand er dies so, und er sorgte auch dafür, dass die anderen es in gleicher Weise verstanden: Jede Autorität, zumal in der Kirche, ist wesentlich Dienst. Eine solche Auffassung von seinem bischöflichen Amt und entsprechend von jedem pastoralen Dienst, läßt sich in dem Wort "Verantwortung" zusammenfassen: wer immer ein kirchliches Dienstamt ausübt, muss für das, was er tut, nicht nur den Menschen, nicht nur den ihm anvertrauten Seelen "antworten", sondern auch und an erster Stelle Gott und seinem Sohn, in dessen Namen er jedesmal dann handelt, wenn er die übernatürlichen Schätze der Gnade austeilt, die Wahrheiten des Evangeliums verkündet sowie Leitungs- und Regierungsaufgaben erfüllt. Diese Auffassung, die ein waches Bewusstsein persönlicher Verantwortung ist, finden wir nicht nur in der Arbeit bestätigt, die er in den Jahren seines Pontifikats geleistet hat, sondern auch in seinen Schriften, zumal in dem Buch, das die Jahrhunderte hindurch bis heute ein unvergleichlicher Text für Seelsorger geblieben ist und bleibt und auch nachdrücklich von nicht wenigen Synoden und Konzilien empfohlen wurde. Wenn gewisse Aussagen der "Regula pastoralis" des hl. Gregor wohlbekannt sind, wie zum Beispiel jene: "Die Kunst aller Künste ist die Seelenführung", wie könnte man dann die mahnenden strengen Worte, die ihnen voraufgegangen und folgen, vergessen: "Wie kommen manche dazu, den seelsorglichen Lehrauftrag ohne Vorbereitung zu übernehmen? ... Manche, die nie die Gesetze des Geistes kennengelernt haben, scheuen sich oft nicht, sich als Seelenärzte anzubieten." Und weiter: "Niemand richtet in der Kirche größeren Schaden an, als wer einen heiligen Namen trägt oder eine heilige Weihe besitzt, aber unehrenhaft handelt" (vgl. Reg. Past. I, Kap 1 u. 2). Fünfundzwanzig Jahre nach Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils, das als Antwort auf die Anliegen der modernen Zeit weder verkürzend noch oberflächlich geurteilt, sondern eine klare operative Entscheidung gefällt hat, und das als "pastoral" bezeichnet wurde - nämlich als ausdrücklich im Dienst des Evangeliums vom Heil stehend -, nach diesem Konzil also wäre es sehr nützlich und ratsam, dieses wahrhaft goldene Buch erneut in die Hand zu nehmen, um ihm Weisungen, die heute noch gültig sind, und praktische Hinweise pastoraler Erfahrung zu entnehmen und sozusagen die tieferen Geheimnisse einer Kunst zu erlernen, die man unbedingt erst kennen muss, wenn man sie später ausüben möchte.

Die von Gregor mit glücklichem pastoralem Weitblick gewollte Aussendung von Missionaren zur "gens Anglorum", die dann vom Mönch Augustinus durchgeführt wurde, bietet mir Anlass zu einem ökumenischen Gedanken, den ich nicht nur den Gläubigen der Katholischen Kirche, sondern auch den Brüdern und Schwestern der anglikanischen Gemeinschaft vortragen möchte. Wie ergriffen lesen wir im Geschichtswerk des hl. Beda des Ehrwürdigen die Seiten, die der Ankunft des Dieners Gottes Augustinus und seiner Mönche in Britannien und der ständigen Sorge gewidmet sind, mit der der Papst in Rom sie selbst und ihre Aufgabe mit liebevollen und wachsamen Augen begleitet hat! "Ihr unternehmt eine gefahrvolle und mühsame Pilgerfahrt mit ungewissem Ausgang." Die Missionare hatten sogar schon daran gedacht, sie zu unterbrechen, nahmen sie aber nach dem ermunternden Wort des Mannes, der sie gesandt hatte, mutig wieder auf, da er sie aufforderte, das schon begonnene Werk "mit allen Kräften und mit allem Eifer" weiterzuführen. Mit Gottes Hilfe war dem Unternehmen ein glücklicher Erfolg beschieden, und die Insel wurde in friedlicher Weise für das Reich Christi gewonnen. So erklärt sich dann auch die dankbare und liebevolle Erwähnung, die im gleichen Buch der Tod des Heiligen findet: "Mit gutem Recht - so heißt es dort - können und müssen wir ihn als unseren Apostel betrachten. Denn er machte aus unserer Nation, die zuvor den Götzen verfallen war, eine Kirche Christi, und man darf auf sie wohl das Wort des Apostels (vgl. 1 Kor 9,2) anwenden. Mag er auch für andere kein Apostel gewesen sein, so ist er es doch für uns. Wir sind im Herrn das Siegel seines Apostolates" (vgl. Historia eccJes. gentis AngJorum, I, Kap. 23ff.; II, Kap. 1).

Dieses heilige "Siegel" gilt bis heute weiter, und zwar nicht nur aus den angegebenen historischen Gründen und Verhältnissen, sondern zugleich wegen der vielfältigen Verbindungen, die nach der schmerzlichen Trennung geblieben sind, und es kann daher weiter wirksam werden und uns drängen, in Liebe und Wahrhaftigkeit die gesegneten Wege der Einheit und des brüderlichen Verstehens fortzusetzen. Auf Gregor schauen mit gleicher Bewunderung und Verehrung Anglikaner und Katholiken, die auf dem begonnenen Weg der ökumenischen Suche in dieser Gestalt einen eifrigen Hirten erblicken und erneut sein Wort hören können, das sie anregt, ermuntert und stärkt.

Es sind ferner drei Dinge zu nennen, die die Botschaft dieses großen Papstes für unsere Zeit noch aktueller machen. Wie er als römischer Bürger und Angehöriger einer der ältesten und berühmtesten Familien für die Bedürfnisse der Stadt Rom besonders aufgeschlossen war, so veranlaßten ihn seine Berufung als Christ und seine Sendung als Papst, unermüdlich auch für das Wohl der ganzen Kirche zu sorgen. Dieses vielfältige Bemühen bildet einen klaren Hinweis für drei bevorstehende kirchliche Ereignisse, die ich bereits angekündigt habe: die Synode der Diözese Rom, die schon weit vorangekommen ist; die demnächst stattfindende Bischofssynode über die Ausbildung der Priester in der Welt von heute und die besondere Versammlung der Synode der Bischöfe Europas.

Möge die Erinnerung an den großen Seelsorger den Eifer seines Nachfolgers erhalten und den Einsatz seiner Mitarbeiter, der Pfarrer und aller anderen anregen, die als Priester, Ordensleute und Laien direkt mit der seelsorglichen Arbeit in Rom und seinem ganzen Territorium beschäftigt sind. Möge sie ihnen Weitblick und Mut zum Aufgreifen der schweren Probleme im Bereich von Religion, Moral und Spiritualität schenken, die mit dem Wachstum der Stadt, mit dem kulturellen Wandel und ferner mit den Problemen des Staates und der Verwaltung verbunden sind.

Was er für "sein" Rom in recht schwierigen Zeiten getan hat, ermuntert uns zu weiterem Eifer und zur Vervielfältigung unserer Kräfte, zur guten Koordinierung und Leitung der Initiativen, die schon ergriffen sind oder noch ergriffen werden müssen, damit auch in der modernen Weltstadt Rom das Antlitz des christlichen Roms unverändert hervorleuchtet.

Beim Thema der Synode im Oktober sind wir alle überzeugt: das Zurückgreifen auf den hl. Gregor als Lehrer des pastoralen Lebens wird sich für die Ausbildung der Priester als unwandelbar gültig und recht nützlich erweisen. Seine Lehre umfaßt nämlich auch und empfiehlt besonders eine entsprechende und sorgfältige Vorbereitung auf die Ausübung der "Kunst" der Seelsorge; sie sieht ebenso vor und empfiehlt die Fähigkeit, sich an die verschiedenen Situationen anzupassen und gründlich die inneren und äußeren, persönlichen und umweltbezogenen Voraussetzungen kennenzulernen, unter denen die Hirten ihre Arbeit zu verrichten haben; vor allem betont sie und erinnert daran, dass die Seelenführung mit all ihren Aufgaben und Sorgen, nicht nur nicht das innere Leben stören oder gar auflösen darf, vielmehr aus diesem entspringen muss. Aus diesem Zentrum, nämlich aus dem Herzen des Hirten, das vom Licht des Glaubens erleuchtet und von der Flamme der Liebe erfüllt ist, steigt jede gute Initiative auf. Von ihm inspiriert und an ihm ausgerichtet muss daher auch das Bemühen um die Ausbildung des künftigen Priesters sein, denn nur so kann dieser, einmal für die seelsorgliche Arbeit verfügbar, ein guter Hirt seiner Herde werden.

Die besondere Synode der europäischen Bischöfe - ich hatte bereits mehrfach Gelegenheit, dies zu betonen - muss auf zweit Hauptfragen eine Antwort suchen: die eine gilt der Vergangenheit und den besonderen Gaben, die die Kirchen Ost- und Westeuropas bisher gegenseitig austauschen konnten und weiter austauschen können (vgl. Lumen gentium, Nr. 13); die andere gilt der Zukunft, wie wir diesen gegenseitigen Austausch der Gaben für die neue Evangelisierung des Kontinents fördern und entwickeln können.

Auf alle diese drei Ereignisse rufe ich den besonderen Schutz des hl. Gregors des Großen herab. Er möge gemeinsam mit der Schar der heiligen Hirten der Kirche von Rom mir, und mit mir all jenen zur Seite stehen, die in den verschiedenen über die Welt zerstreuten Kirchen mit mir die Verantwortung für die Seelsorgearbeit tragen, auf dass wir die neuen Erfordernisse und die neuen Probleme erkennen und die sich bietenden Möglichkeiten ausnützen, um auf sie zu antworten, sowie Mittel und Methoden anbieten, um die Kirche schon jetzt auf das dritte christliche Jahrtausend vorzubereiten. Dabei soll die ewig währende Botschaft vom Heil unversehrt bleiben, die wir als unvergleichlichen Schatz der Wahrheit und Gnade den kommenden Generationen weiterzugeben haben.

Möge das, wenn auch der Zeit nach weit zurückliegende Beispiel des großen Papstes unsere Bemühungen unterstützen und sie zum Aufbau und zur Entwicklung der Kirche Christi wirksam machen! Mit meinem Apostolischen Segen.

Aus dem Vatikan, am 29. Juni, dem Hochfest der hll. Petrus und Paulus,

im Jahre 1990, dem zwölften meines Pontifikates.

Johannes Paul II. PP.

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