Nostis et nobiscum

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Enzyklika
Nostis et nobiscum

von Papst
Pius IX.
an die Erzbischöfe und Bischöfe Italiens
über die Religion in Italien und die Irrtümer der Gegenwart
8. Dezember 1849

(Offizieller Text: AP IX., I 1 198-223)

(Quelle: Die katholische Sozialdoktrin in ihrer geschichtlichen Entfaltung, Hsgr. Arthur Utz + Birgitta Gräfin von Galen, I 1-33, Scientia humana Institut Aachen 1976, Imprimatur Friburgi Helv., die 2. decembris 1975 Th. Perroud, V.G.)

Allgemeiner Hinweis: Die in der Kathpedia veröffentlichen Lehramtstexte dürfen nicht als offizielle Übersetzungen betrachtet werden, selbst wenn die Quellangaben dies vermuten ließen. Nur die Texte auf der Vatikanseite können als offiziell angesehen werden (Schreiben der Libreria Editrice Vaticana vom 21. Januar 2008).


Ehrwürdige Brüder,
Gruß und Apostolischen Segen !

Inhaltsverzeichnis

1. Der Angriff auf die Glaubenseinheit in Italien

1 Ihr wisst und seht wie Wir, Ehrwürdige Brüder, mit welcher Bosheit neuerlich die ruchlosen Feinde der Wahrheit, Gerechtigkeit und Sittlichkeit, sei es durch alle Art von Täuschung und List, sei es Unverhohlen, gleich wilden überschäumenden Meeresfluten, ihre verworrenen Ideen hinausschleudern in dem Bestreben, ihre ungehemmte Zügellosigkeit im Denken, Reden und Vollbringen aller möglichen Freveltaten überall unter dem gläubigen Volk Italiens zu verbreiten, und alles in Bewegung setzen, um die katholische Religion in Italien zu erschüttern und, wenn es möglich wäre, bis auf den Grund zu zerstören. Das ganze Ausmaß ihrer teuflischen Pläne wurde an vielen Orten, vor allem aber in der heiligen Stadt, dem Sitz unseres höchsten Pontifikats, offenbar; nachdem sie Uns gezwungen hatten, die Stadt zu verlassen, konnten sie dort, wenn auch nur während einiger Monate, ihrer Raserei freien Lauf lassen. In ruchloser Verwegenheit haben sie göttliche und menschliche Angelegenheiten vermischt und ihre Raserei so weit getrieben, dass sie den ehrwürdigen Stadtklerus und die hohen Geistlichen, die dort auf Unser Geheiß hin furchtlos ihren heiligen Dienst versahen, in ihrem Wirken behinderten und ihre Autorität missachteten, dass sie sogar die Schwerkranken, die mit dem Tode rangen, aller Tröstungen der Religion beraubten und sie zwangen!, unter den Lockungen einer aufdringlichen Dirne ihre Seele auszuhauchen.

2 Wenn auch seitdem die Stadt Rom und die übrigen unter päpstlicher Oberhoheit stehenden Provinzen durch Gottes Erbarmen und die Waffen der katholischen Nationen Unserer zeitlichen Herrschaft wieder unterstellt wurden und die Wirren des Krieges auch in den anderen Gebieten Italiens aufhörten, so setzten jene ruchlosen Feinde Gottes und der Menschen ihr frevelhaftes Tun weiterhin fort, zwar nicht mehr mit offener Gewalt, sondern mit hinterhältigen, aber oft leicht durchschaubaren Mitteln. In diesen schwierigen Zeiten, da Uns trotz Unserer Schwachheit die Sorge für die gesamte Herde des Herrn anvertraut ist und Wir durch die vor allem die Kirchen Italiens bedrohenden Gefahren aufs heftigste erschüttert sind, finden Wir in Unserer Bedrängnis nicht geringen Trost in Eurem Hirteneifer, Ehrwürdige Brüder, von dem Wir inmitten der vergangenen Stürme und Wirren, wie auch jetzt noch täglich neue und immer glänzendere Beweise empfangen haben. Jedoch drängt Uns der Ernst der gegenwärtigen Lage, Euch, Ehrwürdige Brüder, die Ihr zur Teilnahme an unseren Sorgen berufen seid, durch Unsere Mahnungen und Beschwörungen, wie es die Pflicht Unseres Amtes ist, noch mehr anzueifern, standhaft mit Uns den Kampf des Herrn weiterzukämpfen und in Eintracht alle Mittel bereitzustellen und anzuwenden, durch welche mit Gottes Hilfe die Schäden, die der heiligen Religion in Italien entstanden sind, wiedergutgemacht und für die Zukunft drohende Gefahren abgewendet werden können.

3 Eine der zahlreichen Lügen, deren sich die erwähnten Feinde der Kirche gewöhnlich bedienen, um die Seelen der Italiener dem katholischen Glauben zu entfremden, besteht in der ohne Scham nach allen Seiten laut verkündeten Behauptung, dass die katholische Religion ein Hindernis für den Ruhm, die Größe und die Wohlfahrt des italienischen Volkes bedeute und dass es daher angebracht sei, an ihrer Stelle die Lehren der Protestanten einzuführen, gesetzlich zu verordnen und zu verbreiten, wodurch Italien den Glanz der alten, d. h. der heidnischen Zeiten wiedergewinnen könne. Es ist nicht leicht zu entscheiden, was an dieser Behauptung mehr zu verabscheuen ist, die Bosheit einer so grenzenlosen Niedertracht oder die Schamlosigkeit einer so verlogenen Unredlichkeit.


2. Der Segen der katholischen Religion und des Papsttums für Italien

4 Denn der geistige Gewinn, der darin besteht, dass wir aus der Macht der Finsternis in das Licht Gottes versetzt worden sind und, durch die Gnade Christi gerechtfertigt, wie wir hoffen, Erben des ewigen Lebens geworden sind, dieser Gewinn für die Seelen, der aus der Heiligkeit der katholischen Religion entspringt, ist von so hohem Wert, dass aller Ruhm und alles Glück dieser Welt im Vergleich mit ihm wie nichts zu erachten sind. "Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber Schaden leidet an seiner Seele? Oder was kann der Mensch für seine Seele eintauschen?[1]

Aber so wenig es zutrifft, dass die zeitlichen Drangsale des italienischen Volkes durch das Bekenntnis des wahren Glaubens entstanden, so sehr ist es dagegen zweifellos der katholischen Religion zuzuschreiben, dass es beim Zerfall des römischen Reiches nicht in jenen Zustand verfiel, in den die Assyrer und Chaldäer, die Meder, Perser und Mazedonier, die vorher durch viele Jahre hindurch unter seiner Herrschaft gestanden hatten, durch die Ungunst der Zeiten hinabstürzten. Kein Rechtgesinnter kann leugnen, dass es durch die heilige Religion Christi geschehen ist, dass Italien nicht nur den zahlreichen schweren Irrtümern, denen es verfallen war, entrissen wurde, sondern dass es unter den Ruinen des alten Imperiums und den in ganz Europa wütenden Einfällen der Barbaren darüber hinaus noch vor allen übrigen Nationen der ganzen Welt Ruhm und Ansehen erlangte, weil der Heilige Stuhl Petri durch besondere Fügung Gottes in ihm errichtet wurde, so dass es durch die göttliche Religion eine weiterreichende und stärkere Vorrangstellung einnahm, als es jemals zuvor durch irdische Herrschaft besessen hatte.

5 Aus diesem einzigartigen Privileg, den Apostolischen Stuhl zu besitzen, und aus der Tatsache, dass die katholische Religion seitdem unter den Völkern Italiens immer fester Wurzeln fasste, sind für Italien weitere bedeutende Vorteile erwachsen. Denn die heilige Religion Christi, die Lehrmeisterin der wahren Weisheit, Hüterin der Menschlichkeit und fruchtbare Mutter aller Tugenden, hat viele Italiener von jenem unglückseligen Ruhmesglanz ferngehalten, den die meisten von ihnen in unaufhörlichen Kriegswirren, in der Unterdrückung der Nachbarn und in der Versklavung der weitaus größten Zahl der Menschen aufgrund des geltenden Kriegsgesetzes suchten; sie hat vielmehr die Italiener durch das Licht der katholischen Wahrheit erleuchtet und sie zugleich zu Gerechtigkeit und Barmherzigkeit und zu den höchsten Werken der Frömmigkeit gegenüber Gott und der Wohltätigkeit gegenüber den Menschen angehalten. Daher kann man in allen großen Städten Italiens Gotteshäuser und andere Denkmäler aus der christlichen Ära sehen, die nicht aus den blutbefleckten Mühen unter dem Joch der Sklaverei seufzender Menschen entstanden, sondern aus dem frommen Eifer lebendiger Liebe, sowie auch alle Arten frommer Institutionen, die zur religiösen Übung, zur Erziehung der Jugend, zur Pflege der Literatur, der Künste, der Wissenschaften, zur Linderung der Leiden und Nöte der Armen eingerichtet worden sind. Soll nun diese göttliche Religion, die soviel Heil, Glück und Ruhm für das italienische Volk in sich beschließt, soll diese Religion durch das italienische Volk, wie man laut ruft, abgeschafft werden? Wir können die Tränen nicht zurückhalten, Ehrwürdige Brüder, wenn Wir sehen, wie sich nun einige Italiener finden, die derartig schamlos und in erbärmlicher Weise getäuscht sind, dass sie nicht davor zurückschrecken, den falschen Lehren pflichtvergessener Menschen Beifall zu spenden und sich dadurch in einer für Italien so verderblichen Sache mit ihnen zu verschwören.

3. Das tiefere Motiv für den Angriff auf den katholischen Glauben: Einführung von Sozialismus und Kommunismus

6 Es ist Euch wahrlich nicht unbekannt, Ehrwürdige Brüder, dass die hauptsächlichen Urheber dieser abscheulichen Winkelzüge einzig im Sinne haben, die von allen Stürmen falscher Lehren hin und her getriebenen Völker zum Umsturz der Ordnung aller menschlichen Dinge zu bewegen und sie den verderblichen neuen Systemen des Sozialismus und Kommunismus zuzuführen. Sie wissen aber aus der langen Erfahrung vieler Jahrhunderte, dass sie von der katholischen Kirche kein Einverständnis hierzu erhoffen können; denn sie kann es im Hinblick auf die Bewahrung der ihr anvertrauten göttlichen Offenbarung nicht dulden, dass von den verkündeten Glaubenswahrheiten irgendetwas getilgt oder dass ihnen durch neue menschliche Einfälle irgendetwas hinzugefügt wird. Daher beschlossen sie, das italienische Volk für die Lehren und Beschlüsse der Protestanten zu gewinnen; um es zu täuschen, behaupten sie, dass es sich dabei um nichts anderes handle als um eine andere Form derselben christlichen Religion, in der man, genauso wie in der katholischen Kirche, Gott gefallen könne. Im übrigen wissen sie sehr gut, dass nichts ihrer gottlosen Sache nützlicher sein kann als jenes oberste Prinzip der Protestanten, das die Bibelauslegung gemäß eigenem individuellem Urteil erlaubt. Sie erhoffen sich davon eine Erleichterung in dem Bestreben, mit Hilfe der falsch interpretierten Heiligen Schrift ihre Irrtümer gewissermaßen im Namen Gottes zu verbreiten, um danach die Menschen, die der Stolz auf die Ungebundenheit im Urteil über göttliche Dinge aufgebläht hat, selbst an den allgemeinen Prinzipien von Recht und Sittlichkeit zweifeln zu lassen.

4. Ermahnung zu pastoralem Eifer

7 Möge es niemals geschehen, Ehrwürdige Brüder, dass Italien, aus dem andere, noch unverdorbene Völker, dank dem in Rom residierenden Apostolischen Lehramt, die Wasser der heilbringenden Lehre zu schöpfen pflegen, diesen in Zukunft zum Stein des Anstoßes und zum Ärgernis wird; möge es niemals geschehen, dass dieser geliebte Teil des Weinbergs des Herrn zur Beute aller Tiere des Feldes wird; möge es niemals geschehen, dass die Völker Italiens vom giftigen Trank aus dem Kelche Babylons berauscht werden und gegen die heilige Mutter die Kirche ihre mörderischen Waffen erheben. Wir, wie auch Ihr, die Gott in seinem unerforschlichen Ratschluss für diese Zeit großer Gefahren bestimmt hat, müssen uns ganz und gar davor hüten, die Täuschungen und Angriffe der Verschwörer gegen den Glauben Italiens allzu sehr zu fürchten, so als müssten wir sie mit unseren eigenen Kräften überwinden; denn unsere Hilfe und unser Schutz ist Christus; und wenn wir auch ohne ihn nichts vermögen, so vermögen wir doch alles durch ihn.[2] Handelt also, Ehrwürdige Brüder, und wacht mit noch größerer Sorgfalt über die Euch anvertraute Herde; bemüht Euch, sie vor den Nachstellungen und Angriffen der reißenden Wölfe zu schützen. Teilt Euch gegenseitig Eure Beschlüsse mit und fahret fort, wie Ihr es bereits getan habt, Zusammenkünfte abzuhalten, damit Ihr die Anfänge der Übel und die für die verschiedenen Gegenden typischen Gefahrenquellen gemeinsam ergründen und unter der Autorität und Leitung dieses Heiligen Stuhles wirksamere Gegenmittel bereitstellen könnt und damit Ihr so in Eintracht mit Uns und in der Kraft Eures Hirteneifers Eure Sorgen und Mühen mit Gottes Hilfe dazu vereinigt, alle Anschläge, Listen, Nachstellungen und Anstrengungen der Feinde der Kirche zunichte zu machen.

a) Religiöse Unterweisung

8 Um sie zunichte zu machen, muss insbesondere dafür gesorgt werden, dass das Volk über die christliche Lehre und das Gesetz des Herrn hinreichend unterrichtet ist und nicht durch die Hemmungslosigkeit der bei vielen seit langem verbreiteten Laster abgestumpft wird, damit es die Fallen, die ihm gestellt werden, und die Verkehrtheit der vorgetragenen Irrlehren rasch erkennen kann. Von Eurer Hirtensorge fordern Wir daher mit allem Nachdruck, Ehrwürdige Brüder, dass Ihr niemals nachlasst, alle Eure Mühe darauf zu verwenden, dass die Euch anvertrauten Seelen in den Lehren und Geboten unserer heiligen Religion, soweit ein jeder sie zu fassen vermag, sorgfältig unterrichtet und zugleich auf jede Weise ermahnt und angehalten werden, Leben und Sitten ihren Normen gemäß zu gestalten. Entflammt zu diesem Ziel auch den Eifer der Kleriker, vor allem jener, denen die Seelsorge übertragen ist; sie mögen ernsthaft die Aufgabe bedenken, die sie im Herrn empfangen haben, und sich die Vorschriften des Konzils von Trient[3] stets vor Augen halten, damit sie sich mit stets größerem Eifer, wie es die Zeitlage verlangt, der Unterweisung des christlichen Volkes widmen und die heiligen Worte und frommen Ermahnungen in alle Herzen einpflanzen, indem sie die Laster, die es zu meiden, und die Tugenden, die es zu üben gilt, um der ewigen Strafe zu entgehen und die himmlische Glorie zu gewinnen, in kurzen und leicht verständlichen Ansprachen darlegen.

b) Gemeinsame Dankandachten, Sakramentenempfang, geistliche Exerzitien, Hebung der öffentlichen Sittlichkeit

9 Vor allem ist dafür zu sorgen, dass die Gläubigen das Dogma unserer heiligen Religion von der Notwendigkeit des katholischen Glaubens für die Erlangung des Heils fest und unausrottbar in ihren Herzen bewahren.[4] Zu diesem Zweck ist es vor allem angebracht, dass die Laien zusammen mit dem Klerus von Zeit zu Zeit in öffentlichen Andachten Gott für die unermessliche Gnade des katholischen Glaubens, die er ihnen allen in seiner Güte erwiesen hat, in besonderer Weise danken und den Vater aller Erbarmungen inständig bitten, er möge das Bekenntnis dieses Glaubens in unserem Lande schützen und unverletzt erhalten.

10 Gleichzeitig wird es Eure besondere Sorge sein, dass alle Gläubigen durch Euch, Ehrwürdige Brüder, zu angemessener Zeit das Sakrament der Firmung empfangen, denn es verleiht durch Gottes Heilswirken die besondere Gnade und Kraft, den katholischen Glauben auch unter großen Gefahren standhaft zu bekennen. Ihr wisst auch, dass es dem gleichen Zwecke dienlich ist, wenn sie, vom Schmutz der Sünde durch aufrichtige Reue und das Sakrament der Buße befreit, häufiger andächtig das heilige Sakrament der Eucharistie empfangen, das in Wahrheit die geistige Nahrung der Seelen ist und ein Heilmittel, durch das wir von unseren täglichen Sünden befreit und vor schweren Sünden bewahrt werden; auch ist es das Symbol des einen Leibes, dessen Haupt Christus ist und dem er uns gleichsam als Glieder durch das so enge Band des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe einverleiben wollte, auf dass wir alle das gleiche bekennen und keinerlei Spaltung unter uns bestehe.[5]

11 In der Tat zweifeln Wir nicht, dass die Pfarrer, ihre Vikare und andere Priester, die zu bestimmten Zeiten, insbesondere während der Fastenzeit, das Predigtamt zu übernehmen pflegen, Euch in allen diesen Dingen wirksam unterstützen werden. Ihr Wirken sollte jedoch gelegentlich durch geistliche Exerzitien und Volksmissionen ergänzt werden, die, sofern geeignete Priester damit betraut wurden, sich mit Gottes Segen als sehr wirksam erwiesen haben, um das Tugendleben der Frommen zu stärken wie auch Sünder und seit langem im Laster verstrickte Menschen zur heilsamen Buße zu bewegen; dadurch mögen die Gläubigen in der Gotteserkenntnis wachsen und durch gute Werke Frucht bringen und so, mit immer reicheren Hilfsmitteln himmlischer Gnade versehen, die falschen Lehren der Feinde der Kirche um so heftiger verabscheuen.

12 Des weiteren möge Eure und der Euch unterstützenden Priester Sorge sich unter anderem auch darauf richten, den Gläubigen einen größeren Abscheu vor jenen Vergehen einzuflößen, die zum Ärgernis der anderen verübt werden. Ihr wisst, dass an vielen Orten die Zahl derjenigen zunimmt, die die Heiligen des Himmels und selbst den allerheiligsten Namen Gottes öffentlich zu lästern wagen, oder die öffentlich im Konkubinat und oft zugleich auch im Inzest leben, oder die an Feiertagen knechtliche Arbeit verrichten und ihre Geschäfte geöffnet halten, oder die die Fasten- und Abstinenzgebote der Kirche in Gegenwart anderer Personen übertreten, oder in ebenso öffentlicher Weise andere Verbrechen zu begehen wagen. Das gläubige Volk möge sich auf Eure Ermahnungen hin daran erinnern und ernstlich darüber nachdenken, wie schwerwiegend derartige Sünden sind und wie streng die Strafen, die diejenigen, die sie begehen, zu erwarten haben, sowohl wegen der eigenen Sünden als auch wegen der seelischen Gefahr, in die sie ihre Brüder, die ihr schlechtes Beispiel nachahmen könnten, bringen. Es steht nämlich geschrieben: „Wehe der Welt der Ärgernisse wegen ... Wehe dem Menschen, durch den das Ärgernis kommt."[6]

c) Sorge um kirchliche Bibelausgaben und gute Bücher

13 Unter den verschiedenen Täuschungsversuchen, mit denen die hinterlistigen Feinde der Kirche und der menschlichen Gesellschaft das Volk zu verführen trachten, spielt der Missbrauch der Buchdruckerkunst eine besondere Rolle, gleichsam als ob diese vor langer Zeit erfundene Kunst eigens für ihre unheilvollen Pläne zur Verfügung stände. Dabei setzen sie sich derartig ein, dass sie nicht aufhören, ihre lügnerischen, verleumderischen und verführerischen gottlosen Bücher, Zeitschriften und Flugblätter in täglich größerer Zahl unter die Menge zu bringen. Auch schrecken sie nicht davor zurück, mit Unterstützung der Bibelgesellschaften, die vom Heiligen Stuhl seit langem verurteilt worden sind,[7] die Heilige Schrift entgegen den Bestimmungen der Kirche,[8] in Landessprachen übersetzt und sogar unvollständig oder in ruchloser Dreistigkeit entstellt, zu verbreiten und ihre Lesung unter dem Deckmantel der Frömmigkeit dem gläubigen Volk zu empfehlen. In Eurer Weisheit versteht Ihr sehr gut, Ehrwürdige Brüder, mit welcher Wachsamkeit und Hingabe Ihr Euch abmühen müsst, damit die Gläubigen Eurer Herde vor ihrer verderbenbringenden Lesung ganz und gar zurückschrecken und damit sie sich daran erinnern, dass namentlich bezüglich der Heiligen Schrift niemand sich anmaßen darf, allein auf seine eigene Einsicht gestützt, sie in seinem Sinne zurechtzulegen, entgegen jenem Sinn, den die heilige Mutter die Kirche immer gehalten hat und hält; denn sie allein hat von Christus dem Herrn den Auftrag erhalten, die Glaubenshinterlage zu hüten und über den Sinn und die Auslegung der göttlichen Worte zu urteilen.[9]

14 Um aber der Gefahr der Ansteckung durch die schlechten Bücher entgegenzuwirken, wird es angebracht sein, Ehrwürdige Brüder, dass hervorragende und besonnene Gelehrte, sofern Ihr solche zur Verfügung habt, in gleichem Umfang mit Eurer Approbation versehene Schriften zur Stützung des Glaubens und heilsamen Unterweisung des Volkes veröffentlichen. Und es wird Eure Aufgabe sein, dass diese Schriften wie auch Bücher anderer Autoren, die jedoch die gleiche unverfälschte Doktrin vertreten und ihre Nützlichkeit erwiesen haben, je nach den örtlichen und persönlichen Umständen, unter den Gläubigen verbreitet werden.

d) Ehrfurcht vor dem Lehramt des Papstes

15 Alle aber, die mit Euch in der Verteidigung des Glaubens zusammenarbeiten, mögen vor allem danach trachten, die Treue, Verehrung und Ergebenheit gegenüber dem Heiligen Stuhle Petri, die Euch, Ehrwürdige Brüder, in so hohem Maße auszeichnen, in die Seelen Eurer Gläubigen einzusenken, sie zu pflegen und tiefer darin zu verwurzeln. Die Gläubigen mögen bedenken, dass hier an diesem Ort der Apostelfürst Petrus in seinen Nachfolgern lebt und regiert,[10] dessen Würde selbst in einem unwürdigen Nachfolger nicht vermindert wird.[11] Sie mögen bedenken, dass Christus der Herr mit diesem Stuhle Petri das unerschütterliche Fundament seiner Kirche gelegt hat[12] und Petrus die Schlüssel des Himmelreiches gegeben hat;[13] dass er darum gebetet hat, dass sein Glaube nicht wanke, und ihm geboten hat, die Brüder darin zu bestärken;[14] dass daher der Nachfolger Petri, der Papst, auf der ganzen Erde den Primat innehat und der wahre Stellvertreter Christi, das Haupt der ganzen Kirche und der Vater und Lehrer aller Christen ist.[15]

16 Der geradeste und kürzeste Weg, die Völker im Bekenntnis der katholischen Wahrheit zu erhalten, besteht darin, ihre Anhänglichkeit und Ergebenheit gegenüber dem Papst zu stärken. Es ist nämlich unmöglich, dass jemand sich auch nur teilweise dem katholischen Glauben widersetzt, ohne zugleich auch die Autorität der römischen Kirche abzulehnen, die das vom göttlichen Erlöser begründete unwandelbare Lehramt dieses Glaubens besitzt und deshalb auch die von den Aposteln überlieferte Lehre immer bewahrt hat. Nicht nur die Häretiker des Altertums, sondern auch die Protestanten der Neuzeit, unter denen doch sonst soviel Uneinigkeit bezüglich ihrer übrigen Lehrmeinungen herrscht, stimmen darin überein, dass sie die Autorität des Apostolischen Stuhles bekämpfen, den sie zu keiner Zeit, durch keinen Kunstgriff und keine Anstrengung dazu bringen konnten, auch nur einen einzigen ihrer Irrtümer zu tolerieren. Deshalb lassen die heutigen Feinde Gottes und der menschlichen Gesellschaft nichts unversucht, um die Völker Italiens von der Ergebenheit gegen Uns und diesen Heiligen Stuhl abzubringen; sie sind zweifellos sicher, dass es ihnen so schließlich gelingen kann, ganz Italien mit ihrer gottlosen Lehre und ihren unheilvollen Systemen zu infizieren.

e) Warnung vor den Gefahren des Sozialismus und Kommunismus

17 Bezüglich dieser falschen Lehre und der Systeme, die mit ihr zusammenhängen, weiß jeder, dass sie vor allem bezwecken, unter Missbrauch der Worte Freiheit und Gleichheit die verderblichen Ideen des Kommunismus und des Sozialismus im Volke zu verbreiten. Es steht nämlich fest, dass die Lehrer sowohl des Kommunismus als auch des Sozialismus, wenn auch mit verschiedenen Mitteln und Methoden, das gleiche Ziel verfolgen, die Arbeiter und andere Menschen von niederem Stande durch Lügen zu täuschen und durch die Aussicht auf bessere Lebensbedingungen zu verlocken, um sie so zu unaufhörlichem Aufruhr anzustacheln und allmählich an immer schwerere Verbrechen zu gewöhnen, auf dass sie später mit ihrer Hilfe die Oberherrschaft jedweder höheren Autorität bekämpfen, die Güter zunächst der Kirche und dann aller ~deren stehlen, rauben und beschlagnahmen, alle göttlichen und menschlichen Rechte verletzen, den Gottesdienst beseitigen und alle Ordnung in den bürgerlichen Gesellschaften zerstören können. Angesichts einer so großen Gefahr für Italien ist es Eure Aufgabe, Ehrwürdige Brüder, alle Kräfte Eures Hirteneifers anzuspannen, damit das gläubige Volk erkenne, dass es, wenn es sich von diesen falschen Lehren und Systemen täuschen lässt, sein ewiges Heil wie seine irdische Wohlfahrt verlieren wird.

18 Erinnert daher die Eurer Sorge anvertrauten Gläubigen daran, dass es zur Natur der menschlichen Gesellschaft gehört, dass alle der Autorität, die in ihr rechtmäßig konstituiert ist, gehorchen müssen, dass nichts an den diesbezüglichen Geboten des Herrn geändert werden kann, die in der Heiligen Schrift niedergelegt sind. Denn es steht geschrieben: „Unterwerft euch jeder menschlichen Ordnung um des Herrn willen, sei es dem Kaiser als dem Oberherrn, sei es dem Statthalter als von ihm gesandt zur Bestrafung der Übeltäter und zum Lobe der Rechtschaffenen. Denn das ist der Wille Gottes, dass ihr durch gutes Verhalten die Unwissenheit törichter Menschen zum Schweigen bringt, und zwar als Freie, als Knechte Gottes, die ihre Freiheit nicht zum Deckmantel des Bösen mißbrauchen.“[16] Und weiterhin heißt es: ,Jedermann unterwerfe sich der obrigkeitlichen Gewalt. Denn es gibt keine Gewalt außer von Gott. Die bestehenden Gewalten sind von Gott angeordnet. Wer sich daher der Gewalt widersetzt, widersetzt sich der Anordnung Gottes; die sich aber widersetzen, ziehen sich selbst das Gericht zu.“[17]

19 Sie sollen darüber hinaus auch wissen, dass es ebenso zur: natürlichen und daher unabänderlichen Beschaffenheit der menschlichen Verhältnisse gehört, dass auch unter denen, die keine höhere Autorität besitzen, einige den andern aufgrund geistiger Begabung oder körperlicher Vorzüge, durch Reichtum oder sonstige äußere Güter überlegen sind; dass es auch unter dem Deckmantel der Freiheit und Gleichheit niemals erlaubt ist, sich fremdes Eigentum anzueignen oder fremdes Recht in irgendeiner Weise zu verletzen. Die betreffenden göttlichen Gebote, die sich hierzu an verschiedenen Stellen der Heiligen Schrift finden, sind eindeutig; sie verbieten nicht nur aufs strengste, sich fremdes Gut anzueignen, sondern sogar, es zu begehren.[18]

f) Unterweisung über die Haltung der Kirche gegenüber den Armen und den Herrschern

20 Vor allem die Armen und Notleidenden mögen daran denken, wie viel sie der katholischen Religionsgemeinschaft verdanken, in der die Lehre Christi unverletzlich gilt und öffentlich gelehrt wird, der erklärt hat, dass er alle den Armen und Notleidenden erwiesenen Wohltaten betrachten werde, als seien sie ihm selbst erwiesen,[19] und der allen angekündigt hat, dass er am Tage des Gerichtes von einem jeden Rechenschaft über die Werke der Barmherzigkeit fordern werde, sei es, um denen, die sie vollbracht haben, den Lohn des ewigen Lebens zu verleihen, sei es, um jene, die sie unterlassen haben, mit dem ewigen Feuer zu bestrafen.[20]

21 Aufgrund dieser Ankündigung Christi sowie auch seiner weiteren strengen Verwarnungen in Bezug auf den Gebrauch des Reichtums und seine Gefahren,[21] die in der katholischen Kirche unverfälscht überliefert wurden, ist es auch geschehen, dass die Armen und Notleidenden bei katholischen Völkern weitaus besser gestellt waren als bei anderen. Auch würden sie in unseren Gegenden selbst heute noch größere Unterstützung finden, wenn nicht zahlreiche Institutionen, die durch die Frömmigkeit unserer Vorfahren zu ihrer Hilfe gegründet worden waren, durch die wiederholten Erschütterungen der öffentlichen Ordnung in jüngster Zeit zerstört oder ausgeplündert worden wären. Im übrigen mögen sich unsere Armen daran erinnern, dass sie sich, wie Christus selbst es gelehrt hat, über ihr Schicksal nicht betrüben sollen: denn in der Armut selbst ist ihnen ein Weg bereitet, auf dem sie leichter das Heil erlangen, sofern sie nur ihre Armut in Geduld ertragen und nicht nur der Sache nach, sondern auch im Geiste arm sind. Er hat nämlich gesagt: „Selig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich.“[22]

22 Auch soll das ganze gläubige Volk wissen, dass die früheren Könige der heidnischen Völker und die übrigen Staatenlenker ihre Macht sehr viel weitgehender und häufiger missbrauchten; daraus möge es erkennen, dass es zweifellos unserer heiligen Religion zuzuschreiben ist, wenn die Fürsten der christlichen Ära, durch die Religion gemahnt, „das sehr strenge Gericht" fürchteten, das über „jene, die Vorsteher sind, abgehalten wird", sowie die für die Sünder bestimmte ewige Strafe, die „umso härter ist, je mehr Macht sie besessen haben“,[23] sodass sie über die ihnen unterstellten Völker eine gerechtere und mildere Herrschaft ausübten.

g) Unterweisung über die wahre Freiheit und Gleichheit

23 Schließlich mögen alle Eurer und Unserer Sorge anvertrauten Gläubigen erkennen, dass die wahre und vollkommene Freiheit und Gleichheit der Menschen auf der Befolgung des christlichen Gesetzes beruht; denn der allmächtige Gott, der „den Kleinen und den Großen" geschaffen hat und der „in gleicher Weise für alle sorgt",[24] „kennt kein Ansehen der Person noch fürchtet er irgendeines Größe“;[25] er hat vielmehr einen Tag festgesetzt, „an dem er die Welt in Gerechtigkeit richten wird",[26] in seinem eingeborenen Sohn Christus Jesus, der „in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen Engeln kommen und dann einem jeden nach seinen Werken vergelten wird“.[27]

24 Sollten aber die Gläubigen die väterlichen Ermahnungen ihrer Hirten und die oben genannten Gebote des göttlichen Gesetzes missachten, sich von den oben erwähnten neuerlich auftretenden Unruhestiftern täuschen lassen und sich in Übereinstimmung mit ihnen den falschen Systemen des Sozialismus und Kommunismus zuwenden, so sollen sie wissen und ernsthaft bedenken, dass sie sich vor dem höchsten Richter eine Fülle von Strafen für den Tag des Zornes ansammeln und dass in der Zwischenzeit durch diese Konspiration nicht das zeitliche Wohl des Volkes vermehrt wird, sondern nur neue Nöte und Bedrängnisse entstehen. Es ist nämlich den Menschen nicht gegeben, neue Gesellschaften und Gemeinschaften zu schaffen, die den natürlichen Bedingungen des menschlichen Daseins zuwiderlaufen; daher können auch alle diese Konspirationen, wenn sie sich über ganz Italien ausbreiten sollten, keinen anderen Ausgang finden als jenen, dass die gegenwärtige göttliche Ordnung durch die Kämpfe der Bürger gegeneinander, durch widerrechtliches Besitzergreifen und Morden erschüttert und von Grund auf umgestürzt wird und einige wenige, die sich durch Beraubung der vielen bereichert haben, im allgemeinen Zusammenbruch die Herrschaft an sich reißen.

h) Ermahnung bezüglich der Priester und Ordensleute

25 Um aber das gläubige Volk vor den Nachstellungen der Gottlosen zu bewahren, es im Bekenntnis der katholischen Religion zu erhalten und es zur Übung der wahren Tugend anzuhalten, ist, wie Ihr zur Genüge wisst, das Leben und Beispiel derer, die sich ganz dem Gottesdienste widmen, von großer Bedeutung. Aber leider gab es in Italien einige, wenn auch nicht viele Angehörige des Klerus, die zu den Feinden der Kirche übergelaufen sind und diesen eine nicht geringe Hilfe bei der Täuschung der Gläubigen waren. Für Euch, Ehrwürdige Brüder, war ihr Abfall sicherlich ein erneuter Ansporn, mit täglich wachsendem Eifer die Disziplin im Klerus zu überwachen. Da Wir, wie es Unsere Pflicht ist, diesbezügliche Maßnahmen in Aussicht nehmen wollen, so können Wir es Uns nicht versagen, von neuem zu empfehlen, was Wir bereits in Unserer ersten Enzyklika an die Bischöfe des ganzen Erdkreises eingeschärft haben,[28] nämlich dass ihr niemandem vorschnell die Hände auflegen möget,[29] sondern in der Auswahl der Streiter für die Kirche die größte Sorgfalt anwendet. Lange Prüfungen und eingehende Untersuchungen vor allem bezüglich jener, die in den Klerikerstand eintreten wollen, sind notwendig, um sicher sein zu können, dass sie sich durch Wissenschaft, Ernst der Sitten und Eifer für den Gottesdienst empfehlen, und um die begründete Hoffnung zu haben, dass sie wie brennende Leuchten im Hause des Herrn durch ihre Lebensweise und ihre Werke zur Erbauung und zum geistigen Nutzen Eurer Herde beitragen werden.

26 Da nun der Kirche aus gut geführten Klöstern unermesslicher Ruhm und Vorteil erwachsen und der Regularklerus Euch in der Seelsorge hilfreiche Dienste leisten kann, so beauftragen Wir Euch, Ehrwürdige Brüder, als erstes den Ordensfamilien in Euren Diözesen in Unserem Namen zur Kenntnis zu bringen, dass Wir die besonderen Drangsale, die viele von ihnen in den vergangenen schweren Zeiten durchgemacht haben, sehr beklagt haben, zugleich aber auch nicht geringen inneren Trost empfangen haben aus der tapferen Geduld und Standhaftigkeit im Eifer für die Tugend und die Religion, wofür viele Ordensleute ein Beispiel gegeben haben, zumal es auch andere gab, die ihre Gelübde vergessen und zum großen Ärgernis für die Gutgesinnten und zu Unserem und Unserer Brüder Schmerz aufs schändlichste ihre Pflicht verletzt haben. Des weiteren beauftragen Wir Euch, dass Ihr die Vorsteher und Oberen dieser Ordensfamilien, wo es nötig ist, in Unserem Namen ermahnt, weder Mühen noch Fleiß zu sparen, wie sie es ihrem Amte schulden, um die Ordensdisziplin dort, wo sie bewahrt wurde, täglich mehr zum Gedeihen und Blühen zu bringen, dort, wo sie Schaden erlitten hat, neu zu beleben und wiederherzustellen. Die Oberen sollen durch Ermahnung, Unterweisung und Zurechtweisung die jungen Angehörigen ihrer Orden dazu anhalten, die Gelübde, durch die sie sich Gott gegenüber verpflichtet haben, ernsthaft zu bedenken und gewissenhaft zu erfüllen, die Regeln ihrer Institution unverletzt zu befolgen, das Leiden Christi an ihrem Leibe sichtbar werden zu lassen, indem sie alles vermeiden, was ihrer Berufung nicht angemessen ist, und bei all jenen Werken mitwirken, die die Gottes- und Nächstenliebe und das Tugendstreben fördern. Vor allem mögen sich die Leiter der genannten Orden davor hüten, irgendjemand in die religiösen Institutionen aufzunehmen, bevor sie sein Leben, seine moralische Haltung und seinen Charakter eingehend geprüft haben; fernerhin sollen sie nur jene zur Ordensprofess zulassen, die in einer den Regeln entsprechenden Probezeit den Beweis ihrer echten Berufung erbracht haben, sodass man zu Recht annehmen kann, dass sie ausschließlich deshalb das Ordensleben erwählt haben, um nur für Gott zu leben und für ihr eigenes und das Heil ihrer Mitmenschen gemäß der Regel ihres jeweiligen Ordens zu wirken. Diesbezüglich bleibt Unsererseits beschlossen und bestimmt, dass all das befolgt werden muss, was zum Wohle der Ordensfamilien in den Dekreten festgelegt und vorgeschrieben wurde, die von Unserer Kongregation über den Ordensstand am 25. Januar vergangenen Jahres erlassen und durch Unsere Apostolische Autorität bestätigt wurden.

i) Erziehung und Bildung des Klerus

27 Wenn Wir Uns nun der Auswahl der Weltpriester zuwenden, so wollen Wir Euch, Ehrwürdige Brüder, vor allem die Ausbildung und Erziehung der Alumnen anempfehlen; denn die Kirche findet nun einmal kaum geeignetere Diener als unter denen, die seit ihrer Kindheit und Jugend in rechter Weise für den heiligen Dienst herangebildet wurden. Fahret also fort, Ehrwürdige Brüder, allen Fleiß und alle Mühe darauf zu verwenden, dass die Anwärter der heiligen Miliz möglichst frühzeitig in die kirchlichen Seminarien aufgenommen werden und dort, in der Nähe des Tabernakels des Herrn wie junge Sprösslinge heranwachsend, zu einem untadeligen Leben, zu Frömmigkeit, Bescheidenheit und kirchlicher Gesinnung erzogen und zugleich in den Sprachen und in den anderen Fächern des unteren und oberen Lehrganges, vor allem in der Religion, von hervorragenden Lehrern, die eine von jedem Verdacht des Irrtums freie Doktrin vertreten, unterrichtet werden.

j) Sorge um die Heranbildung der katholischen Jugend und um die Schulen

28 Da es Euch nicht eben leicht sein wird, alle Alumnen in den Seminarien auszubilden, und da natürlich auch die Jugendlichen aus dem Laienstande Eurer Hirtensorge anvertraut sind, so kümmert Euch auch, Ehrwürdige Brüder, um alle übrigen öffentlichen und privaten Schulen und sorgt, soweit es Euch möglich ist, mit Sorgfalt und Eifer dafür, dass in ihnen der Unterricht ganz nach den Normen der katholischen Lehre erteilt wird und die Jugend von geeigneten rechtschaffenen und frommen Lehrern in der wahren Tugend, in Kunst und Wissenschaft unterrichtet und mit allen Hilfsmitteln ausgestattet wird, die es ihr ermöglichen, die Fallen, die ihr von den Gottlosen gestellt werden, zu erkennen, deren verderbliche Irrtümer zu vermeiden und so für sich selbst wie auch für die christliche und die bürgerliche Gesellschaft ein ehrenvolles und nutzbringendes Leben zu führen.

29 Deshalb sollt Ihr auch die absolute und freie Autorität über die Religionslehrer für Euch beanspruchen, sowie überhaupt über alles, was die Religion angeht oder irgendwie mit ihr zusammenhängt. Wacht darüber, dass im Schulunterricht und vor allem im Religionsunterricht nur solche Bücher verwendet werden, die von jedem Verdacht des Irrtums frei sind. Ermahnt die Seelsorger, Euch eifrig in allem zu unterstützen, was die Schulen der Kinder und Jugendlichen angeht. Es sollen in ihnen nur Lehrer und Lehrerinnen von erwiesener Rechtschaffenheit angestellt werden, und im Religionsunterricht für die Knaben und Mädchen sollen nur vom Heiligen Stuhl approbierte Bücher benutzt werden. Wir zweifeln nicht, dass die Pfarrgeistlichen hierin ein Beispiel geben und dass sie sich auf Eure eindringlichen Ermahnungen hin täglich mehr dem Unterricht der Kinder in den Grundbegriffen der christlichen Lehre widmen, eingedenk der Tatsache, dass dieser Unterricht zu den wichtigsten Aufgaben ihres Amtes gehört.[30] Ihr sollt sie dazu ermahnen, dass sie es bei der Unterweisung der Kinder wie auch der übrigen Gläubigen nicht unterlassen, den Römischen Katechismus zu berücksichtigen, der aufgrund eines Dekrets des Konzils von Trient und auf Anordnung des hl. Pius V., Unseres Vorgängers seligen Angedenkens, herausgegeben und von. den übrigen Päpsten, insbesondere von Clemens XIII. seligen Angedenkens, allen Seelenhirten wiederholt empfohlen wurde als „äußerst geeignetes Hilfsmittel, um Täuschungen durch falsche Lehren abzuwenden und die wahre und gesunde Lehre zu verbreiten und zu festigen“.[31]

30 Wundert Euch nicht, Ehrwürdige Brüder, dass Wir Euch ein wenig ausführlich über alles dieses schreiben. Denn es wird Eurer Klugheit nicht entgehen, dass Ihr, wie auch Wir, in dieser gefahrvollen Zeit mit allem Eifer, Fleiß und Starkmut über alles wachen müssen, was die Schulen und die Unterweisung und Erziehung der Kinder und Jugendlichen beiderlei Geschlechts angeht. Denn Ihr wisst, dass gegenwärtig die Feinde der Religion und der menschlichen Gesellschaft in wahrhaft diabolischer Gesinnung alle ihre Kunstgriffe darauf verwenden, Geist und Herz der Jugendlichen schon im zarten Alter zu verderben. Deshalb lassen sie nichts unversucht und setzen sie alles daran, um die Schulen und die der Erziehung der Jugend bestimmten Institute der Autorität der Kirche und der Wachsamkeit der Geistlichen gänzlich zu entziehen.

5. Vertrauen auf die Unterstützung der Fürsten

31 Wir haben aber die feste Hoffnung, dass Unsere in Christo geliebten Söhne, die Fürsten Italiens, Euch, Ehrwürdige Brüder, mit ihrem mächtigen Schutz beistehen werden, wodurch Ihr in all den genannten Angelegenheiten noch wirkungsvoller Eurem Amte obliegen könnt; Wir zweifeln auch nicht, dass sie gewillt sind, die Kirche selbst und alle ihre geistlichen und weltlichen Rechte zu schützen. Es entspricht nämlich der Religion und der Frömmigkeit ihrer Vorfahren, von der auch sie beseelt sind. Ihrer Weisheit wird es nicht verborgen sein, dass der Anfang aller Übel, von denen wir jetzt so schwer bedrängt sind, auf den Schaden zurückzuführen ist, der der Religion und der katholischen Kirche schon seit langem, besonders seit dem Beginn des Protestantismus, zugefügt wird. Sie erkennen nämlich, dass mit dem Niedergang der Autorität der Bischöfe und der täglichen Zunahme der ungestraften Übertretungen der Gebote Gottes und der Kirche in gleichem Maße auch der Ungehorsam der Völker gegenüber der staatlichen Gewalt wuchs und dass dadurch den Feinden der öffentlichen Ordnung größere Möglichkeiten gegeben sind, Aufstände gegen die Fürsten herbeizuführen. Sie erkennen auch, dass durch die Beschlagnahme, die Entwendung und die öffentliche Versteigerung der zeitlichen Güter der Kirche, die ihr doch aufgrund eines legitimen Besitzrechtes zustehen, die Achtung des Volkes vor dem durch seine religiöse Bestimmung geheiligten Besitz abnahm und dass viele daher leichter den zudringlichen Vertretern des neuen Sozialismus und Kommunismus ihr Ohr leihen, die behaupten, auch das Eigentum der übrigen könne beschlagnahmt, verteilt oder in anderer Weise zum Gemeinbesitz gemacht werden. Sie erkennen darüber hinaus, dass nach und nach all die Fesseln, die ehedem mit vielfältigen Ränken den Hirten der Kirche angelegt wurden, um sie in der freien Ausübung ihrer geistlichen Autorität zu behindern, nunmehr auf die staatliche Gewalt zurückfallen. Sie erkennen schließlich, dass es gegen all die Nöte, die uns bedrängen, keine bessere und wirkungsvollere Abhilfe gibt, als dass in ganz Italien der Glanz der katholischen Religion und der katholischen Kirche neu erblüht; denn sie allein besitzt ohne Zweifel alle Hilfsmittel, um den Menschen in allen Lebenslagen und allen Bedürfnissen beistehen zu können.

6. Das segensreiche soziale Programm der Kirche, dargestellt mit den Worten des hl. Augustinus

32 Denn (Wir benutzen hier die Worte des hl. Augustinus) „die katholische Kirche richtet ihre Zuneigung und Liebe nicht nur auf Gott, sondern auch auf den Nächsten, sodass sie für alle Krankheiten, an denen die Seelen um ihrer Sünden willen leiden, alle Heilmittel in Fülle besitzt. So leitet und lehrt sie die Kinder auf kindliche Weise, die Jugendlichen mit Kraft und die Greise mit Ruhe, so wie es einem jeden nicht nur seinem körperlichen, sondern auch seinem seelischen Alter nach angemessen ist. Sie unterstellt die Frauen ihren Männern durch einen reinen und treuen Gehorsam, nicht um der Zügellosigkeit zu dienen, sondern um die Nachkommenschaft zu mehren und die häusliche Gemeinschaft zu bewahren; so stellt sie die Männer über ihre Frauen, nicht damit sie mit dem schwachen Geschlecht ein falsches Spiel treiben, sondern nach den Gesetzen aufrichtiger Liebe. Sie hat die Kinder den Eltern in einer Art freier Knechtschaft unterworfen, die Eltern den Kindern durch liebevolle Herrschaft übergeordnet. Sie hat die Brüder mit den Brüdern durch das Band der Religion fester und inniger als durch das Band des Blutes verbunden. Alle Bande der Verwandtschaft und Freundschaft hat sie unter Achtung der natürlichen und freiwilligen Bindung durch die gegenseitige Liebe noch fester geknüpft. Sie lehrt die Sklaven, ihren Herren nicht so sehr unter dem Zwang ihrer Stellung, sondern aus Pflichttreue zu dienen; sie macht, dass die Herren in dem Bewusstsein, dass Gott der gemeinsame Herr aller ist, ihre Sklaven mit Milde und mehr durch Rat als durch Zwang beherrschen. Sie vereint die Bürger mit den Bürgern, die Völker mit den Völkern und alle Menschen untereinander nicht nur wie Glieder einer Gesellschaft, sondern auch wie Brüder im Gedenken an die gemeinsamen Ureltern. Sie lehrt die Könige, dem Wohl ihrer Völker zu dienen, die Völker, den Königen untertan zu sein. Sie lehrt unablässig, wem Ehre, wem Zuneigung, wem Ehrfurcht, wem Furcht, wem Trost, wem Tadel, wem Ermahnung, wem Unterweisung, wem Züchtigung, wem Strafe gebührt, sie zeigt, dass nicht allen alles zusteht, dass aber allen Liebe geschuldet ist und niemandem Unrecht zugefügt werden darf“.[32]

Schlussermahnung und Segen

33 Es ist Unsere und Eure Pflicht, Ehrwürdige Brüder, keine Mühe zu scheuen, vor keiner Schwierigkeit zurückzuschrecken, alle Kraft des Hirteneifers darauf zu verwenden, in den Völkern Italiens die Verehrung der katholischen Religion zu erhalten und nicht nur den Angriffen der Gottlosen, die alles daransetzen, ganz Italien der Kirche zu entreißen, kraftvoll zu widerstehen, sondern auch die entarteten Söhne Italiens, die, durch ihre Ränke getäuscht, sich bereits verführen ließen, auf den Weg des Heils zurückzuführen.

34 Da aber jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk von oben kommt, wollen wir uns vertrauensvoll dem Thron der Gnaden nähern, Ehrwürdige Brüder, und nicht aufhören, den himmlischen Vater des Lichtes und der Erbarmungen in öffentlichen und privaten Gebeten inständig zu bitten und anzuflehen, dass er durch die Verdienste seines Eingeborenen Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus, sein Angesicht von unseren Sünden abwendet, Geist und Herzen aller in seiner Milde durch die Kraft seiner Gnade erleuchtet, auch den widerspenstigen Willen zu sich hinzieht und seiner heiligen Kirche neue Siege und Triumphe verleiht, auf dass in ganz Italien und auf der ganzen Welt das Volk, das ihm dient, nicht nur an Zahl, sondern auch an Verdiensten wächst. Wir wollen auch die heilige Mutter Gottes, die Unbefleckte Jungfrau Maria anrufen, die durch ihre machtvolle Fürsprache bei Gott alles erlangt, worum sie bittet, und die nicht enttäuscht werden kann, sowie den Apostelfürsten Petrus, seinen Mitapostel Paulus und alle Heiligen des Himmels, auf dass der barmherzige Gott auf ihre Fürbitten hin die Geißel seines Zornes vom gläubigen Volke abwendet und allen, die den christlichen Namen tragen, durch seine Gnade gewährt, dass sie alles verabscheuen, was diesem Namen nicht entspricht, und alles suchen, was ihm angemessen ist.

35 So empfangt denn, Ehrwürdige Brüder, zum Zeichen Unseres großen Wohlwollens den Apostolischen Segen, den Wir aus tiefstem Herzen Euch selbst und den Eurer treuen Wachsamkeit anvertrauten Geistlichen und Laien voll Liebe spenden.

Gegeben zu Neapel, in der Vorstadt Portici,

am 8. Dezember des Jahres 1849,
dem vierten Jahr Unseres Pontifikats

Pius IX. PP.

Anmerkungen

  1. Mt 16,26 EU.
  2. Vgl. Leo der Große, Epist. ad Rusticum Narbonensem.
  3. Sess. V, cap. 2; Sess XXIV, cap. 4 et 7 de Ref.
  4. Dieses von Christus empfangene und von den Vätern und den Konzilien nachdrücklich eingeschärfte Dogma ist auch in den verschiedenen Formulierungen des Glaubensbekenntnisses enthalten, und zwar sowohl in jener, die bei den Lateinern, als auch in jener, die bei den Griechen, und ebenso in jener, die bei den übrigen orientalischen Katholiken in Gebrauch ist.
  5. Trid. Sess. XIII Decr. de SS. Euch. Sacr. cap. 2.
  6. Mt 18,7 EU.
  7. Hierüber gibt es außer anderen früheren Dekreten die Enzyklika Gregors XVI. vom 10. Mai 1844, die mit den Worten "Inter praecipuas machinationes" beginnt, deren Bestimmungen Wir auch in Unsere Enzyklika vom 9. Nov. 1846 aufgenommen haben.
  8. Siehe Reg. 4 in den Akten, die von den im Trienter Konzil erwählten Vätern verfasst und von Pius IV. in der Konstitution "Dominici gregis" vom 24. März 1564 approbiert worden sind, ebenso den von der Indexkongregation im Auftrag Benedikts XIV. am 17. Juni 1757 gemachten Zusatz (der gewöhnlich dem Index der verbotenen Bücher vorangestellt wird).
  9. Vgl. Trid. Sess. IV in Decret. "De editione et usu sacrorum librorum".
  10. Aus den Akten des Konzils von Ephesus, Act. III und aus dem Brief des hl. Petrus Chrysologus an Eutyches.
  11. Leo der Große, Serm. in Anniv. Assumpt. suae.
  12. Vgl. Mt 16,18 EU.
  13. Mt 16,19 EU.
  14. Lk 22,31.32 EU.
  15. Conc. Oecum. Florent. in Definit. seu Decr. Unionis.
  16. 1 Petr 2,13 ff EU.
  17. Röm 13,13]1 ff EU.
  18. Ex 20,15 17; Dtn 5,19.21 EU.
  19. Mt 17,15 EU; Mt 25,10 45.
  20. Mt 25,34 ff EU.
  21. Mt 19,23 ff EU; Lk 6,4 EU, Lk 18,22 ff EU; Jak 5,1 ff EU.
  22. Mt 5,3 EU.
  23. Weish 6,6.7 EU.
  24. Weish 6,8 EU.
  25. A.a.O.
  26. Apg 12,31 EU.
  27. Mt 16,27 EU.
  28. 9. November 1846.
  29. 1 Tim 5,22 EU.
  30. Trid. Sess. XXIX, 4; Benedikt XIV., const. "Etsi minime", 7. Februar 1742.
  31. In der diesbezüglichen Enzyklika an alle Bischöfe vom 14. Juni 1761.
  32. Augustinus, De Moribus Catholicae Ecclesiae I.

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