Theresa von Avila: Autobiografie

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Das Leben der heiligen Theresia

Leben von ihr selbst beschrieben

Theresia von Avila, vollendet im Juni 1562

Quelle: Das Leben der heiligen Theresia, Verlag Kösel-Pustet München 1933, Erster Band (445 Seiten, Imprimatur Monachii, die 11 Julii 1933 F. Buchwieser Vic. Gen.); aus der Sammlung: Sämtliche Schriften der Heiligen Theresia von Jesus (in Fraktur). Neue deutsche Ausgabe übersetzt und bearbeitet nach der spanischen kritischen Ausgabe des P. Silverio de S. Teresa O.C.D. von P. Aloysius Alkhofer O. Carm. Disc..

Gesamtwerk:


Inhaltsverzeichnis

Vorwort der heiligen Verfasserin

Man hat mir befohlen, die Gebetsweise und die Gnaden, die mir der Herr verliehen, zu beschreiben, und es wurde mir dazu eine große Freiheit eingeräumt. Ich wünschte aber, man hätte mir die nämliche Freiheit auch dazu gestattet, um recht ausführlich und klar meine großen Sünden und mein böses Leben zu schildern; dies wäre mir ein großer Trost gewesen. Allein man hat es nicht gewollt, sondern in diesem Stücke mich sehr gebunden. Deshalb bitte ich um der Liebe des Herrn willen jeden, der diese Beschreibung meines Lebens liest, nicht außer acht zu lassen, wie böse es gewesen ist, so dass ich unter allen Heiligen, die zu Gott sich bekehrt, keinen gefunden habe, an dem ich mich trösten könnte. Denn ich sehe, wie diese, nachdem der Herr sie einmal gerufen, ihn fernerhin nicht mehr beleidigten. Ich aber wurde nicht nur wieder schlimmer, sondern schien mich sogar geflissentlich den mir von der göttlichen Majestät erwiesenen Gnaden zu widersetzen; denn einerseits sah ich ein, dass mir aus dem Empfange dieser Gnaden die Verpflichtung erwüchse, dem Herrn vollkommener zu dienen, anderseits aber war ich überzeugt, ihm auch nicht im geringsten einen Entgelt dafür bieten zu können.

Er, der so lange meiner geharrt, sei in Ewigkeit gepriesen! Es ist, wie ich weiß, schon seit langer Zeit sein Wille, dass ich mein Leben beschreibe, doch habe ich bisher nicht den Mut dazu gehabt. Jetzt aber, nachdem mir auch meine Beichtväter den Auftrag dazu gegeben, bitte ich von ganzem Herzen den Herrn, er wolle mir die Gnade verleihen, diesen Bericht mit aller Klarheit und Wahrheit zu verfassen. Möge er zu seinem Ruhme und Lobe gereichen und dazu dienen, dass meine Beichtväter, die mich daraus besser kennenlernen, fortan meiner Schwachheit aufhelfen, damit ich so dem Herrn durch Eifer in seinem Dienste wenigstens etwas von dem abtragen kann, was ich ihm schulde! Ihn sollen alle Geschöpfe preisen in Ewigkeit! Amen.

Erstes Hauptstück

Wie der Herr diese Seele in ihrer Kindheit zur Übung der Tugenden zu erwecken begann. Es ist dabei von großer Bedeutung, wenn die Eltern selbst der Tugend ergeben sind.

1. Der Besitz tugendhafter und gottesfürchtiger Eltern sowie die besonderen Gaben und Gnaden, die der Herr mir verliehen, wären für mich hinreichende Mittel gewesen, um auch ein tugendhaftes Leben zu führen, wenn ich nicht so böse gewesen wäre. Mein Vater las mit Vorliebe gute Bücher; er hatte deren einige in spanischer Sprache, die auch seine Kinder lesen sollten. Diese Bücher sowohl wie nicht minder die Sorgfalt unserer Mutter, mit der sie uns zum Beten anhielt und zur Andacht zu Unserer Lieben Frau und einigen anderen Heiligen ermunterte, waren mir, wie ich meine, im Alter von sechs oder sieben Jahren die erste Anregung zum Guten. Dazu trug noch die Wahrnehmung bei, dass meine Eltern nur der Tugend ihre Gunst zuwandten. Sie selbst waren reich an Tugenden. So hatte mein Vater eine besondere Liebe zu den Armen und großes Mitleid mit den Kranken und den Dienstboten. Gegen letztere ging sein Mitleid so weit, dass man ihn nie dazu bringen konnte, sich Sklaven zu halten; denn diese erbarmten ihn gar sehr. Eine Sklavin eines seiner Brüder, die sich einmal in unserem Hause aufhielt, behandelte er so gut wie seine eigenen Kinder; und er sagte, er könne es vor Betrübnis nicht ertragen, dass sie nicht frei sei. Er war ferner sehr wahrheitsliebend; niemand hörte ihn je fluchen oder anderen übel nachreden; der Zucht und Ehrbarkeit war er in besonderer Weise ergeben. Auch meine Mutter besaß viele Tugenden; ihr Leben floß unter schweren Leiden dahin. Sie liebte Züchtigkeit im höchsten Grade; und wiewohl sie von ausnehmender Schönheit war, so konnte man doch nie an ihr bemerken, dass sie einen Wert darauf legte. Als sie starb, war sie erst dreiunddreißig Jahre alt, und doch trug sie sich in der Kleidung immer so einfach wie eine betagte Matrone. Sie war sehr sanften Charakters und hatte einen scharfen Verstand. Zeitlebens hatte sie große Trübsale erduldet und ist sehr christlich gestorben.

2. Wir waren drei Schwestern und neun Brüder. Alle glichen durch Gottes Gnade in der Tugend ihren Eltern, nur ich nicht. Dennoch war ich meinem Vater die liebste, und mir scheint, ehe ich anfing, Gott zu beleidigen, nicht ohne einigen Grund; denn mit Wehmut denke ich daran, welch gute Neigungen mir der Herr verliehen hatte, und wie schlecht ich es verstanden, diese zu meinem Heile anzuwenden. Meine Geschwister aber hinderten mich durchaus nicht, Gott zu dienen.

3. Obschon ich zu allen, wie sie zu mir, eine große Liebe trug, so liebte ich doch einen Bruder, der fast gleichen Alters wie ich war, mehr als die übrigen. Wir beide lasen miteinander die Lebensgeschichten der Heiligen. Wenn ich nun die Martern betrachtete, die die Heiligen meines Geschlechtes um Gottes willen erduldet hatten, so schien es mir, sie hätten den Hingang zum Genusse Gottes sehr wohlfeil erkauft, und ich wünschte sehnlich, auch so zu sterben; jedoch geschah dies nicht so fast aus Liebe zu Gott, die ich in mir empfunden hätte, als vielmehr, um auf so kurzem Wege zum Genusse jener großen Güter zu gelangen, die, wie ich las, im Himmel aufbewahrt sind. Ich besprach mich deshalb mit diesem meinem Bruder darüber, welches Mittel auch uns dahin führen könnte. Wir kamen miteinander überein, dass wir um der Liebe Gottes willen Almosen bettelnd in das Land der Mauren ziehen wollten, damit uns dort das Haupt abgeschlagen würde. Ich glaube auch, der Herr hätte uns in einem noch so zarten Alter Mut genug verliehen, unsern Entschluss auszuführen, hätten wir nur irgendwie eine Möglichkeit dazu gefunden. Das größte Hindernis schien uns der Umstand zu sein, dass wir unsere Eltern noch hatten. Wir verwunderten uns auch sehr darüber, als wir lasen, dass jenseits Pein und Glorie ewig dauern. Gar oft war dies der Gegenstand unserer Unterhaltung, wobei es uns ein Vergnügen machte, oft die Worte zu wiederholen: »ewig, ewig, ewig!« Durch das häufige Aussprechen dieser Worte gefiel es dem Herrn, dass mir in jenem kindlichen Alter der Weg der Wahrheit eingeprägt blieb. Da ich nun die Unmöglichkeit einsah, dahin zu gelangen, wo wir für Gott den Tod erleiden könnten, so beschlossen wir, Einsiedler zu werden. Wir suchten also in einem Garten, der beim Hause war, so gut wir es vermochten, Einsiedeleien zu bauen, indem wir kleine Steine aufeinanderlegten. Da aber diese immer gleich wieder zusammenfielen, so fanden wir auch hier kein Mittel mehr, unser Verlangen ins Werk zu setzen.

4. Noch jetzt stimmt es mich zur Andacht, wenn ich erwäge, wie Gott mir das so frühe schon verliehen hatte, was ich in der Folge durch meine Schuld verlor. Ich gab Almosen, soviel ich konnte, wiewohl dies nur wenig war. Um meine vielen mündlichen Gebete zu verrichten, suchte ich die Einsamkeit auf. Besonders gern betete ich den Rosenkranz, zu dem meine Mutter eine große Andacht trug, die sie auch uns Kindern eingeflößt hatte. Wenn ich mit anderen Mädchen spielte, machte es mir ein großes Vergnügen, Klöster aufzurichten und mit ihnen die Nonnen nachzuahmen. Ich glaube auch, dass ich damals gern eine Nonne hätte werden mögen, wenngleich dieses Verlangen nicht so groß war wie jenes (nach dem Martyrium und dem Einsiedlerleben).

5. Ich erinnere mich auch noch des Folgenden: Ich war nicht ganz zwölf Jahre alt, als meine Mutter starb. Kaum hatte ich erkannt, was ich an ihr verloren, so ging ich in meiner Betrübnis zu einem Bilde Unserer Lieben Frau und bat sie unter vielen Tränen, sie möchte von nun an meine Mutter sein. Zwar tat ich dies, wie ich meine, nur so in kindlicher Einfalt, aber doch scheint es mir genützt zu haben; denn augenscheinlich habe ich den Beistand dieser erhabenen Jungfrau erfahren, in was immer für einem Anliegen ich mich ihr empfahl, und schließlich hat sie mich auch wieder an sich gezogen. Jetzt schmerzt es mich, wenn ich sehe und bedenke, was die Ursache gewesen, dass ich in den anfänglich guten Begierden nicht beharrlich geblieben bin.

6. O mein Herr! Du scheinst wohl bei dir beschlossen zu haben, dass ich selig werde; o so lasse es Deiner Majestät gefallen, dass es wirklich geschehe! Da du mir aber so viele Gnaden erweisen wolltest, wie du sie mir in Wirklichkeit erwiesen, warum gefiel es dir nicht auch, zwar nicht wegen meines eigenen Vorteiles, sondern um deiner Ehre willen, zu verhüten, dass die Wohnung in der du so beständig weiten solltest, so sehr verunreinigt würde? Doch auch dies zu sagen, schmerzt mich, o Herr, da ich weiß, dass die ganze Schuld an mir allein lag. Denn ich glaube nicht, dass du mehr noch hättest tun können, als du getan hast, damit ich von jenem Alter an ganz dein geblieben wäre. Ebensowenig kann ich mich über meine Eltern beklagen; denn an ihnen sah ich nur Gutes und nur Sorgfalt für mein Heil. Ich aber habe, sobald ich nach meinen Kinderjahren die natürlichen Gaben erkennen konnte, womit der Herr, wie man sagte, mit reichlich ausgestattet hatte, auch schon begonnen, all diese Gaben zu seiner Beleidigung zu missbrauchen, anstatt ihm dafür dankbar zu sein. Davon werde ich nun weiter erzählen.

Zweites Hauptstück

Wie sie die erwähnten Tugenden allmählich wieder verlor und wie viel daran gelegen ist, dass man in der Jugend nur mit tugendhaften Personen umgehe.

1. Folgendes scheint für mich der Anfang großen Schadens gewesen zu sein. Ich denke öfters darüber nach wie übel die Eltern handeln, wenn sie nicht dafür sorgen, dass ihre Kinder immer und überall nur Tugendbeispiele vor Augen haben. Meine Mutter war, wie gesagt, sehr tugendhaft, und doch habe ich, nachdem ich den Gebrauch der Vernunft erlangt, von dem Guten, das ich an ihr wahrgenommen, nicht sonderlich viel, ja fast gar nichts angenommen; das Fehlerhafteste aber, das sie an sich hatte, schadete mir sehr. Sie las nämlich gern Rittergeschichten, machte jedoch von diesem Zeitvertreib keinen so üblen Gebrauch wie ich, weil sie dadurch ihre Geschäfte nicht vernachlässigte. Wir Kinder aber trachteten nur mit unseren Arbeiten bald fertig zu werden, um auch in solchen Büchern zu lesen. Sie selbst tat dieses vielleicht nur deshalb, um ihre Gedanken von den schweren Leiden, die sie zu erdulden hatte, abzulenken; ihren Kindern aber mochte sie es darum gestattet haben, damit sie nicht auf andere Dinge verfielen, wodurch sie hätten zugrunde gehen können. Meinen Vater indes verdroß diese Beschäftigung sehr; deshalb mussten wir achthaben, dass er nichts davon wahrnahm. Ich ließ mir die Lesung dergleichen Bücher allmählich zur Gewohnheit werden; so war denn der geringe Fehler, den ich an meiner Mutter bemerkte, Ursache, dass ich in meinen guten Begierden zu erkalten und auch im übrigen nachlässig zu werden begann. Es schien mir nicht unrecht zu sein, ohne Wissen meines Vaters viele Stunden des Tages und der Nacht in dieser eitlen Beschäftigung zuzubringen; ja so sehr war ich in diese Neigung verstrickt, dass ich mich unzufrieden zeigte, wenn ich nicht immer wieder ein neues Buch hatte.

2. Nunmehr fing ich auch an, schön gekleidet zu erscheinen und durch ein wohlgepflegtes Äußere mich der Gefallsucht hinzugeben. Zu diesem Zwecke pflegte ich mit besonderer Sorgfalt Hände und Haupthaar und bediente mich wohlriechender sowie aller möglichen eitlen Dinge, die ich mir verschaffen konnte; diese waren nicht wenige, da ich sehr putzsüchtig war. Doch hatte ich keine böse Absicht dabei; denn ich hätte nie gewollt, dass irgendjemand meinetwegen Gott beleidigen würde. Von da an blieb mir viele Jahre lang eine große Sorgfalt für übertriebene Reinlichkeit und für Dinge, die mir nie als Sünde erschienen. Jetzt freilich sehe ich ein, wie unrecht dies alles gewesen sein musste.

3. Außer einigen Anverwandten, die Geschwisterkinder zu mir waren, hatte im Hause meines Vaters niemand Zutritt; denn er war in dieser Beziehung sehr vorsichtig. Wollte Gott, er wäre es auch diesen Verwandten gegenüber gewesen! Denn jetzt sehe ich ein, wie gefährlich es ist, wenn man in einem Alter, in dem man anfangen sollte, Tugenden zu pflanzen, mit Personen umgeht, die, anstatt die Eitelkeit der Welt zu erkennen, dazu anreizen, sich ihr in die Arme zu werfen. Diese Verwandten, die fast in gleichem Alter mit mir standen und nur wenig älter waren als ich, hatten eine große Liebe zu mir und waren meine beständigen Gesellschafter. Ich meinerseits unterhielt sie in allem, was ihnen Freude machte, und hörte ihnen zu, wenn sie mir von ihren Liebeleien und Kindereien, die keineswegs zu loben waren, erzählten. Das schlimmste aber war, dass sich dadurch meine Seele an etwas gewöhnte, das für sie die Ursache alles Unheils wurde.

4. Hätte ich den Eltern einen Rat zu geben, so würde ich ihnen sagen, sie sollten ja recht achthaben, mit welchen Personen ihre Kinder in diesem Alter umgehen; denn da unsere Natur mehr zum Bösen als zum Guten geneigt ist, so kann dieser Umgang großen Schaden bringen. So ist es auch mir widerfahren. Von der großen Sittsamkeit und Tugendhaftigkeit einer Schwester, die bedeutend älter war als ich, nahm ich nichts an. Dagegen gereichte mir eine Base, die häufig in unserem Hause verkehrte, zu großem Verderben. Diese war so leichtfertig in ihrem Betragen, dass schon meine Mutter, die geahnt zu haben schien, welches Unheil durch sie über mich kommen würde, sich viele Mühe gegeben hatte, ihren Eintritt in unser Haus zu verhindern. Sie fand aber so viele Gelegenheit, immer wieder zu kommen, dass das Bemühen der Mutter fruchtlos blieb. Ich verkehrte sehr gerne mit dieser Base und hatte immer mit ihr zu reden und zu tun, denn sie verhalf mir zu jedem Zeitvertreib, den ich wünschte; ja sie selbst veranlasste mich dazu und teilte mir ihre eigenen Unterhaltungen und Eitelkeiten mit. Als dieser freundschaftliche und vertraute Verkehr mit jener Person stattfand, war ich, soviel ich glaube, vierzehn Jahre alt oder etwas darüber. Bis dahin hatte ich meines Erachtens durch keine Todsünde Gott verlassen noch die Furcht vor ihm verloren. Mehr jedoch war ich für meine Ehre besorgt, und diese Sorge bewirkte, dass ich sie nicht ganz verlor. Ja, ich hielt so viel auf meine Ehre, dass ich glaube, nichts in der Welt hätte diese Gesinnung in mir ändern können; und so wäre denn auch nie die Liebe zu einer Person in der Welt imstande gewesen, mich zur Nachgiebigkeit zu bewegen. Hätte ich doch die nämliche Standhaftigkeit bewahrt, um nie gegen Gottes Ehre zu handeln, wie sie mir von Natur aus in der Befolgung dessen eigen war, worin nach meiner Meinung die Ehre vor der Welt bestand! Dabei merkte ich aber nicht, wie ich diese Ehre einfach in anderer Weise verlor. In eitlem Sinne liebte ich sie aufs äußerste; von den Mitteln aber, die zu ihrer Bewahrung notwendig gewesen wären, wendete ich keines an. Nur darauf gab ich sorgsam acht, dass ich mich nie gänzlich ins Verderben stürzte.

5. Meinem Vater und meiner Schwester missfiel jene Freundschaft sehr, und sie wiesen mich oftmals darüber zurecht. Da sie aber für jene Person die Gelegenheit zum Betreten unteres Hauses nicht aufheben konnten — ich war nämlich zu allem Schlimmen sehr geschickt —, so blieben ihre Bemühungen fruchtlos. Wenn ich zuweilen bedenke, welchen Schaden eine schlechte Gesellschaft mit sich bringt, so erschrecke ich darüber; ja, ich könnte es gar nie glauben, hätte ich nie selbst diese Erfahrung gemacht. In der Jugendzeit insbesondere muss das ärgste Unheil daraus entstehen. Möchten doch die Eltern, durch meinen Schaden belehrt, es sich angelegen sein lassen, in dieser Hinsicht ja recht auf der Hut zu sein! Denn der Umgang mit jener Verwandten veränderte mich wirklich so sehr, dass von meiner natürlichen Anlage zur Tugend fast nichts mehr in meiner Seele blieb; ja es schien, als hätte ich durch den Verkehr mit dieser und noch einer anderen Verwandten, die ebenso der Eitelkeit ergeben war, deren schlimme Gesinnung angenommen.

6. Daraus schließe ich zugleich auf den großen Nutzen, den eine gute Gesellschaft mit sich bringt. Ja, ich bin überzeugt, dass ich auf gutem Wege geblieben wäre, wenn ich in jenem Alter mit tugendhaften Personen Umgang gepflogen hätte. Wäre mir damals jemand zur Seite gestanden, der mich zur Furcht Gottes angeleitet hätte, so würde meine Seele Kraft gewonnen haben, um nicht zu fallen. Nachdem aber diese Furcht später ganz in mir geschwunden war, blieb mir nur noch die Besorgnis für meine Ehre, die mich bei allem quälte, was ich tat. Indessen wagte ich vieles zu tun, was sowohl wider diese Ehre als auch wider Gott verstieß, weil ich dachte, es werde verborgen bleiben.

7. In dem bisher Gesagten glaube ich die ersten Ursachen des Schadens finden zu müssen, den ich an meiner Seele genommen habe. Indessen dürfte die Schuld nicht so fast den erwähnten Personen als mir selbst beizumessen sein; denn in der Folge genügte allein schon mein verkehrter Sinn zur Verübung des Bösen, zumal wir auch Mägde hatten, an denen ich gefügige Werkzeuge zu allem Bösen fand. Wäre unter diesen nur eine gewesen, die mir heilsamen Rat gegeben hätte, so würde ich mir diesen vielleicht zunutze gemacht haben. Aber der Eigennutz hatte sie geblendet, wie mich meine ungeordnete Neigung. Zu etwas sehr Bösem war ich jedoch niemals geneigt; denn unehrbare Dinge verabscheute ich von Natur aus. Was ich suchte, war nur Zeitvertreib durch angenehme Unterhaltung. Weil ich mich aber hier in der Gelegenheit befand, so lag die Gefahr für mich sehr nahe, und ich gefährdete dadurch auch die Ehre meines Vaters und meiner Geschwister. Doch Gott errettete mich aus diesen Gefahren, und zwar in einer Weise, dass deutlich zu erkennen war, er habe selbst gegen meinen Willen dafür gesorgt, dass ich nie ganz zugrunde ging. Immerhin aber konnte mein Verhalten nicht so geheim bleiben, dass ich dadurch nicht Schaden genug an meiner Ehre gelitten und Argwohn bei meinem Vater erweckt hätte. Denn ich glaube nicht drei Monate in jenen Eitelkeiten verlebt zu haben, als man mich in ein Kloster der Stadt brachte, wo Personen meines Alters und Standes, nur keine so bösgesitteten wie ich, erzogen wurden. Dies geschah mit so geschickter Verheimlichung des wahren Grundes, dass außer mir und einem Verwandten niemand um diesen wusste. Man hatte nämlich, um kein Aufsehen zu erregen, eine günstige Gelegenheit abgewartet, die sich in der Verehelichung meiner Schwester darbot; da ich keine Mutter mehr hatte, wäre es ohnehin nicht ratsam gewesen, mich allein im Hause zu lassen.

8. Indes verlor ich ob des Geschehenen doch nicht die Gunst meines Vaters. Da dieser eine so außerordentliche Liebe gegen mich hegte und ich auch alles so gut vor ihm zu verbergen wusste, konnte er so Schlimmes nicht von mir glauben. Zudem hatte ich nur kurze Zeit in jenen Eitelkeiten verlebt, und sollte man auch etwas davon bemerkt haben, so dürfte ihm dies doch nicht mit Gewissheit hinterbracht worden sein; denn äußerst besorgt für meine Ehre, wie ich war, hatte ich jede Vorsicht gebraucht, damit ja alles geheim bliebe, und bedachte nicht, dass vor dem, der alles sieht, nichts verbergen konnte. O mein Gott! Welchen Schaden bringt doch die Geringachtung dieser Wahrheit sowie der Gedanke in der Welt hervor, es werde verborgen bleiben, was wider dich geschieht! Ich halte für gewiss, dass große Übel vermieden werden würden, wenn wir einsähen, wie es nicht darauf ankommt, uns vor den Menschen in acht zu nehmen, sondern uns vor dem zu hüten, was dir missfällt.

9. Die ersten acht Tage meines Aufenthaltes im Kloster waren sehr qualvoll für mich, mehr jedoch wegen der Besorgnis, es möchte mein bisheriges eitles Betragen ruchbar geworden sein, als weil ich hier eingeschlossen war. Denn der Eitelkeiten, denen ich nachging, war ich bereits müde, und ich hatte nun beständig eine große Furcht vor Gott wegen der Zeit, in der ich ihn beleidigte; deshalb suchte ich auch bald zu beichten. Es war eine große Unruhe in mir, bis ich mich nach Verlauf von acht Tagen, oder vielleicht schon eher, weit glücklicher fühlte als daheim bei meinem Vater. Alle Bewohnerinnen des Klosters waren zufrieden mit mir; denn diese Gnade hatte mir der Herr verliehen, dass ich überall, wo ich hinkam, gern gesehen und darum sehr beliebt war. Obwohl dem Berufe zum Ordensstande damals äußerst abhold, freute ich mich doch, in diesem Kloster so tugendhafte Nonnen zu sehen; sie waren es auch in hohem Grade und zeichneten sich besonders durch große Ehrbarkeit, klösterliche Zucht und Eingezogenheit aus. Doch bei dem allem unterließ es der böse Feind auch hier nicht, mich anzufechten, indem er mich mit Aufträgen auswärtiger Personen zu beunruhigen suchte. Weil aber diese keine Erwiderung fanden, so hatte das Treiben bald ein Ende. Meine Seele begann nunmehr sich wieder dem Guten zuzuwenden, wie es meiner Kindheit eigen war, und ich erkannte, welch große Gnade Gott denen erweist, die er in die Gesellschaft tugendhafter Menschen versetzt. Mir scheint, seine Majestät habe kein Mittel unversucht gelassen, um mich wieder an sich zu ziehen. Gepriesen seist du, o Herr, dass du mich so lange ertragen hast. Amen.

10. Ein Punkt hätte nach meinem Dafürhalten einigermaßen als Entschuldigungsgrund für mich gelten können, wären nicht so viele andere Fehler dabei unterlaufen. Ich meine jenen freundschaftlichen Verkehr, von dem ich weiter oben gesprochen. Dieser hätte nämlich dem Anscheine nach mittels einer Heirat ein glückliches Ende finden können. Auch hatte ich über verschiedene Punkte meines Verhaltens meinen Beichtvater und andere Personen befragt und von ihnen zur Antwort erhalten, dass ich hierin Gott nicht beleidigte.

11. Bei uns Zöglingen hatte eine Nonne die Aufsicht im Schlafzimmer, und durch diese wollte der Herr anscheinend sein Werk beginnen, mich zu erleuchten, wie ich nun erzählen werde.

Drittes Hauptstück

Wie die gute Gesellschaft, in die sie kam, dazu beitrug, dass wieder gute Begierden in ihr erwachten, und wie der Herr ihr in ihrer Täuschung einiges Licht zu verleihen begann.

1. An der guten und heiligen Gesellschaft jener Nonne fand ich bald Gefallen. Da sie sehr geistreich und heilig war, verstand sie es so vortrefflich von Gott zu reden, dass ich ihr mit inniger Freude zuhörte. Übrigens hatte mir, soviel ich meine, das Anhören solcher Gespräche noch zu jeder Zeit große Freude gemacht. Die fromme Dienerin Gottes erzählte mir, wie sie dazu gekommen sei, Nonne zu werden, nämlich durch das bloße Lesen der Worte des Evangeliums: »Viele sind berufen, aber wenige auserwählt.« Auch sprach sie von dem Lohne, den der Herr jenen verleiht, die aus Liebe zu ihm alles verlassen. Diese gute Gesellschaft bewirkte, dass die schlimmen Gewohnheiten, die ich im Umgange mit weltlich gesinnten Personen angenommen hatte, allmählich verschwanden. Das Verlangen nach den ewigen Gütern kehrte wieder in meine Seele zurück und auch meine Abneigung gegen den Ordensberuf, die bisher sehr stark gewesen war, verminderte sich allmählich. Bemerkte ich damals, dass eine der Nonnen unter dem Gebete Tränen vergoß, oder gewahrte ich andere Tugenden an ihr, so beneidete ich sie darob sehr; denn mein Herz war in dieser Hinsicht so hart, dass ich die ganze Leidensgeschichte des Herrn hätte lesen können, ohne auch nur eine einige Träne zu vergießen. Dies schmerzte mich sehr.

2. Anderthalb Jahre verweilte ich in diesem Kloster und wurde dadurch um vieles gebessert. Ich fing an, viele mündliche Gebete zu verrichten, und ersuchte alle, mich Gott zu empfehlen, damit er mich jenem Stande zuführe, in dem ich ihm dienen solle. Doch hatte ich kein Verlangen, Nonne zu werden; vielmehr hegte ich den Wunsch in mir, Gott möge mich nicht zu diesem Stande berufen. Gleichwohl schreckte ich auch vor einer Heirat zurück. Als jedoch mein Aufenthalt im Kloster zu Ende ging, war ich schon mehr geneigt, Nonne zu werden, aber nicht in diesem Hause, und zwar wegen gewisser Tugendübungen, die man, wie ich in der Folge vernahm, hier beobachtete und die mir äußerst übertrieben vorkamen. Einige der jüngeren Nonnen bestärkten mich in meiner Ansicht. Wären sie alle einer Meinung gewesen, so hätte mir dies viel genützt. Auch hatte ich in einem anderen Kloster eine sehr innige Freundin; deshalb wollte ich, wenn ich je Nonne werden sollte, nur ihr Kloster wählen. Ich sah also mehr auf das, was meiner Sinnlichkeit und Eitelkeit zusagte, als was zum Heile meiner Seele gewesen wäre. Diese guten Gedanken, mich dem Ordensstande zu widmen, kamen mir zuweilen, verließen mich aber bald wieder, ohne dass ich einen festen Entschluss hätte fassen können.

3. Obwohl ich in jener Zeit für mein Heil nicht sorglos war, so wendete doch der Herr noch weit größere Sorgfalt an, mich zu dem mir heilsamsten Stande vorzubereiten. Er schickte mir eine schwere Krankheit, die mich veranlasste, in mein väterliches Haus zurückzukehren. Als ich wieder genesen war, brachte man mich zu meiner Schwester, die in einem Dorfe wohnte, und die ich dort besuchen wollte; denn sie hatte mich über die Maßen lieb, und wäre es nach ihrem Wunsche gegangen, so hätte ich sie wohl nie mehr verlassen. Auch ihr Mann war mir sehr zugetan, wenigstens erwies er mir alles Liebe und Gute. Dafür bin ich nämlich dem Herrn gleichsam zum Danke verpflichtet, dass ich überall geliebt war, aber leider habe ich mich gegen ihn, wie es meine Art ist, nur wenig erkenntlich gezeigt.

4. Der Weg zu meiner Schwester führte mich durch den Wohnort eines Bruders meines Vaters, der ein sehr verständiger und tugendhafter Mann und Wittwer war. Auch diesen bereitete der Herr allmählich für seinen Dienst. Noch in seinem hohen Alter verließ er alles, was er besaß, wurde Ordensmann und endete so heilig, dass ich glaube, er befinde sich nunmehr im Genusse Gottes. Dieser Oheim wollte, dass ich einige Tage bei ihm bliebe. Seine Beschäftigung bestand im Lesen guter Bücher in spanischer Sprache; seine Gespräche handelten meist von Gott und von der Eitelkeit der Welt. Er ließ sich von mir aus seinen Büchern vorlesen. Diese waren zwar nicht nach meinem Geschmacke, aber ich zeigte doch Interesse daran, sowie ich denn überhaupt jederzeit aufs höchste beflissen war, mich anderen gefällig zu erweisen, seit dann, wenn ich etwas nicht gern tat. Bei anderen wäre dies Tugend gewesen, bei mir aber war es ein großer Fehler, weil ich dabei oftmals viel zu weit ging. O guter Gott! Welche Wege hat doch Seine Majestät eingeschlagen, um mich zu dem Stande zu bereiten, in dem sie sich meiner bedienen wollte; denn ob ich auch keine Neigung dazu hatte, so nötigte mich der Herr doch, dass ich mir Gewalt antat. Er sei in Ewigkeit gepriesen! Amen.

5. Nur wenige Tage brachte ich bei meinem Oheim zu; aber die göttlichen Worte, die ich da gelesen und gehört, und die gute Gesellschaft, in der ich mich befand, wirkten mit einer solchen Kraft in meinem Herzen, dass ich die Wahrheit, die ich schon in meiner Kindheit erkannt hatte, mehr und mehr wieder erfasste, die Wahrheit nämlich, wie alles so nichtig und wie eitel die Welt sei und wie alles in kurzer Zeit ein Ende nehme. Zugleich ergriff Schrecken meine Seele bei dem Gedanken, dass ich auf dem Wege zur Hölle gewesen wäre, wenn mich der Tod überrascht hätte. Ich sah jetzt ein, dass der Ordensstand der beste und sicherste für mich sei; wenn auch mein Wille noch nicht ganz dazu geneigt war, so kam ich auf solche Weise doch allmählich zu dem Entschlusse, mir selbst Gewalt anzutun, um diesen Stand zu ergreifen und Nonne zu werden.

6. Drei Monate dauerte der Kampf, den ich in meinem Innern zu bestehen hatte. In diesem Kampfe ermunterte ich mich durch die Betrachtung, dass die Beschwerden und die Pein, die ich als Nonne auszustehen haben würde, ja doch nicht größer sein könnten als die Pein des Fegfeuers, indes ich mit Recht schon die Hölle verdient hätte; darum, so dachte ich mir, wäre es gewiss nicht zu viel, wenn ich jetzt wie im Fegfeuer lebte, um dann, wie ich ja wünschte, geraden Wegs in den Himmel einzugehen. Jedoch scheint mich bei dieser Anregung zum Eintritt in den Ordensstand mehr knechtische Furcht als Liebe geleitet zu haben. Der böse Feind dagegen gab mir ein, ich würde, weil so sehr an Wohlstand und Bequemlichkeit gewöhnt, die Beschwerlichkeiten des Ordensstandes nicht ertragen können. Dieser Einflüsterung stellte ich die Leiden entgegen, die Christus erduldet, indem ich mir dachte, es wäre nicht zu viel, wenn auch ich aus Liebe zu ihm etwas leiden würde. Er selbst, mochte ich mir auch gedacht haben, werde mir alle Beschwerden tragen helfen; doch kann ich mich des letzteren nicht mehr erinnern. Zu den vielen Anfechtungen in jenen Tagen kamen auch noch häufig Fieberanfälle, die mit schweren Ohnmachten verbunden waren; denn ich hatte von jeher eine sehr schwächliche Gesundheit. Ich gewann nun Vorliebe zu guten Büchern, und dadurch erhielt ich Mut und Kraft. Insbesondere waren es die Briefe des hl. Hieronymus, die mich in einer Weise ermutigten, dass ich mich entschied, den von mir gefassten Entschluss meinem Vater mitzuteilen. Dies war bei mir fast ebensoviel, als wenn ich schon das Ordenskleid angenommen hätte; denn ich hielt so sehr auf meine Ehre, dass ich meines Erachtens eine Erklärung, die ich einmal abgegeben, um keinen Preis mehr zurückgenommen haben würde. Mein Vater aber liebte mich so sehr, dass ich auf keine Weise seine Einwilligung erhalten konnte, und auch die Bitten anderer, die ich um Vermittlung ansprach, halfen nichts. Nur das eine war von ihm zu erreichen, dass er sagte, ich könnte nach seinem Tode tun, was ich wollte. Weil ich jedoch mir selbst nicht viel zutraute und meiner Schwachheit wegen fürchtete, ich möchte wieder zurückgehen, so hielt ich einen solchen Aufschub nicht für ratsam. Ich suchte darum auf andere Weise mein Ziel zu erreichen, wie ich es im folgenden erzählen werde.

Viertes Hauptstück

Wie der Herr ihr Kraft verlieh, sich selbst Gewalt anzutun, das geistliche Ordenskleid zu nehmen, und wie Seine Majestät sie mit vielen Krankheiten heimzusuchen begann.

1. Während ich in jenen Tagen mich mit solchen Gedanken beschäftigte, hatte ich auch einen meiner Brüder, dem ich die Eitelkeit der Welt vor Augen stellte, zum Eintritt in den geistlichen Ordensstand beredet. Wir beide kamen demnach miteinander überein, an einem bestimmten Tage in aller Frühe uns zu dem Kloster zu begeben, in dem die bereits erwähnte Freundin sich befand, zu der ich so große Zuneigung trug. Doch wäre ich jetzt auch bereit gewesen, in jedes andere Kloster zu treten, wenn ich erkannt hätte, dass ich dort Gott besser würde dienen können, oder wenn es mein Vater gewünscht hätte; denn ich sah jetzt nur noch auf das Heil meiner Seele und nicht mehr auf die Befriedigung meiner Eigenliebe. Der Augenblick, in dem ich das väterliche Haus verließ, schwebt noch meinem Gedächtnisse vor. Es war mir damals nach meinem ganzen Dafürhalten und in Wahrheit so zumute, dass ich glaube, der Tod könnte nie furchtbarer für mich sein; denn es kam mir vor, als würden mir alle Gebeine aus den Gelenken gerissen. Weil nämlich meine Liebe zu Gott noch nicht stark genug war, um die Liebe zu Vater und Verwandten in mir zu ersticken, so stürmte jetzt die ganze Macht dieser Liebe mit solcher Gewalt auf mich ein, dass alle meine Vorstellungen nicht vermocht hätten, mich weiterzubringen, wenn der Herr mir nicht beigestanden wäre. Aber er verlieh mir einen solchen Mut, mich selbst zu überwinden, dass ich meinen Entschluss ausführte.

2. Sobald ich das Ordenskleid genommen hatte, ließ mich der Herr auch schon innewerden, mit welchen Gnaden er jene überhäuft, die sich Gewalt antun in seinem Dienste. Niemand sah es mir an, welch harten Kampf ich zu bestehen hatte, vielmehr gewahrten alle die höchste Wonne an mir. Von dieser Stunde an empfand ich die innigste Freude an meinem neuen Stande, die mich bis heute nie mehr verlassen hat. Gott verwandelte die Trockenheit meiner Seele in die süßeste Wonne. Alle im Orden gebräuchlichen Übungen freuten mich, sogar das Kehren des Hauses nicht ausgenommen. Zuweilen traf es sich, dass ich dieser Beschäftigung gerade in jenen Stunden oblag, die ich sonst auf die Pflege und den Schmuck meines Leibes verwendet hatte. Bei dem Gedanken dass ich jetzt von einer solchen Eitelfeit frei sei, überkam mich in Wahrheit eine neue Freude, so dass ich darüber staunte und gar nicht begreifen konnte, woher dies wohl kommen möge.

3. Denke ich an das Gesagte zurück, so gibt es für mich keine Schwierigkeit, wie groß sie auch immer sei, die ich gegebenen Falls nicht auf mich zu nehmen wagte, ohne irgendein Bedenken dagegen zu tragen. Denn wenn ich gleich anfangs mutvoll mich entschließe, eine Sache, die rein für Gott ist, zu unternehmen, so weiß ich schon in vielen Fällen durch die Erfahrung, dass der Erfolg nicht minder gedeihlich für mich ist wie damals, als ich in das Kloster trat. Gott will zwar, dass die Seele zur Vermehrung ihrer Verdienste so lange, bis sie einmal den Anfang gemacht hat, ein gewisses Gefühl des Entsetzens in sich verspüre; überwindet sie aber, so wird das Werk mit um so größerer Freudigkeit von ihr vollbracht werden und ihr Lohn um so höher sein, je größer ihr Entsetzen vorher gewesen. Ja, schon in diesem Leben belohnt die göttliche Majestät eine solche Überwindung in einer Weise, dass nur der es begreift, dem dieser Lohn zuteil wird. Ich weiß das, wie gesagt, aus der Erfahrung in vielen und sehr schwierigen Dingen. Wenn ich daher eine Meinung sagen dürfte, so würde ich niemals raten, eine oftmals wiederkehrende gute Einsprechung aus Furcht vor Schwierigkeiten zurückzuweisen; denn unternimmt man etwas rein nur um Gottes willen, so hat man keinen Grund zu fürchten, dass es schlimmer ausfallen werde, da ja Gott mächtig ist, uns in allem zu helfen. Er sei in Ewigkeit gepriesen! Amen.

4. O du mein höchstes Gut und meine Ruhe, die Gnaden, die du mir bis dahin erwiesen hattest, wären schon genug gewesen! Führte mich doch deine Güte und Macht durch so viele Umwege zu einem so sicheren Stande und an eine Stätte, wo so viele Dienerinnen deiner Majestät waren, von denen ich hätte lernen können, in deinem Dienste stetig zuzunehmen. Wenn ich an die Seelenstimmung denke, mit der ich meine Ordensgelübde ablegte, an die große Entschlossenheit und Freude, die mich dabei beseelten, und an die geistige Verlobung, die ich mit dir einging, so weiß ich nicht, wie ich weiter fortfahren soll. Ich kann dies nicht ohne Tränen aussprechen. Ja, blutige Tränen sollte ich weinen, und das Herz sollte mir zerspringen; denn ob der Beleidigungen, die ich dir nachmals zufügte, wäre kein Reueschmerz zu groß. Nun scheint es mir, ich habe guten Grund gehabt, mir eine zu hohe Würde nicht zu wünschen, weit es leider geschehen sollte, dass ich ihr so schlecht entsprach. Du aber, o Herr, wolltest beinahe zwanzig Jahre lang, während derer ich deine Gnade missbrauchte, diese Unbill ertragen, damit ich noch gebessert würde. O mein Gott! Es hat den Anschein, als ob ich versprochen hätte, nichts von dem zu halten, was ich dir gelobte. Zwar hatte ich damals diese Absicht nicht, aber wenn ich auf meine nachmaligen Werke sehe, so weiß ich nicht, mit welcher Gesinnung ich meine Gelübde abgelegt habe. Dies sollte indessen dazu dienen, damit um so offenbarer würde, wer du bist, o mein Bräutigam, und wer ich bin. Ich kann darum mit voller Wahrheit sagen: Was meinen Schmerz über meine großen Verschuldungen oftmals lindert, ist der Trost, den mir der Gedanke einflößt, dass man daraus die Menge deiner Erbarmungen erkennen kann. Denn an wem, o Herr, könnte wohl deine Barmherzigkeit so strahlend erglänzen wie an mir, die ich mit meinen bösen Werken die großen Gnaden, die du mir zu erweisen begonnen, so sehr verdunkelte? Ach, mein Schöpfer! Wollte ich eine Entschuldigung vorbringen, so weiß ich keine; niemand trägt die Schuld als ich allein. Denn würde ich dir die Liebe, die du mir zu erzeigen begonnen, nur einigermaßen vergolten haben, so hätte ich unmöglich etwas anderes lieben können als dich allein, und damit wäre alles Übel verhütet worden. Weil ich aber dies nicht verdiente und mir ein so großes Glück nicht beschieden ward, so helfe mir, o Herr, wenigstens jetzt deine Barmherzigkeit!

5. Die Veränderung der Lebensweise und der Speisen wirkten nachteilig auf meine Gesundheit; wenn auch meine Freude groß war, so reichte dies doch nicht hin, eine so schlimme Folge zu verhüten. Die Ohnmachten nahmen zu, und es stellte sich neben vielen anderen Übeln ein Herzleiden von so außerordentlicher Heftigkeit ein, dass alle, die mich in dieser Verfassung sahen, darüber erschraken. So brachte ich das erste Jahr in sehr schlechter Gesundheit zu; doch habe ich in dieser Zeit, wie ich meine, Gott nicht viel beleidigt. Die Heftigkeit meines Leidens hatte mich in einen Zustand versetzt, der beständig an Bewusstlosigkeit grenzte; ja öfter geschah es, dass ich dadurch des Sinnengebrauches ganz beraubt war. Mein Vater war darum eifrigst bemüht, Hilfe für mich zu suchen, und da er sie bei den Ärzten der Stadt nicht fand, so traf er Anstalten, dass ich an einen Ort gebracht wurde, der wegen anderer dort schon erfolgter Krankenheilungen sehr berühmt war. Man hatte nämlich die Hoffnung ausgesprochen, dass auch ich an diesem Orte meine Gesundheit wieder erlangen werde. Jene Freundin, die ich, wie bereits gemeldet, im Kloster hatte und die hier eine der älteren Schwestern war, begleitete mich; denn in dem Kloster, in dem ich als Nonne lebte, wurde keine Klausur gelobt. Ich war fast ein Jahr abwesend, litt aber während der drei Monate meines Aufenthaltes an jenem Orte infolge des strengen Heilverfahrens, das man bei mir anwandte, eine so furchtbare Marter, dass ich nicht weiß, wie ich sie ertragen konnte. Zwar ertrug ich sie, aber am Ende musste meine Natur doch erliegen, wie ich dies später noch erzählen werde.

6. Da die beabsichtigte Kur mit Beginn des Sommers angewendet werden sollte, ich aber schon zu Anfang des Winters abgereist war, so brachte ich die ganze Zwischenzeit bei meiner Schwester zu, die, wie schon gesagt, in einem Dorfe wohnte, und erwartete hier den Monat April. Jener Ort lag nämlich in der Nähe, und ich vermied so ein wiederholtes Hin und Herreisen. Auch diesmal hatte ich unterwegs jenen Oheim wieder besucht, von dem ich schon erzählt habe. Derselbe gab mir ein Buch, das den Titel »Drittes Abc« führt und eine Unterweisung über das Gebet der Sammlung enthält. Ich hatte zwar schon während der Noviziatsjahres gute Bücher gelesen und ließ alle anderen beiseite, da ich den Schaden einsah, den sie mir gebracht; aber noch verstand ich es nicht, wie ich es anzustellen hätte, das innerliche Gebet zu üben und mich dabei zu sammeln. Ich war darum recht herzlich erfreut über jenes Buch und beschloß, den darin vorgezeichneten Weg mit Aufwand aller meiner Kräfte zu verfolgen. Vom Herrn bereits mit der Gabe der Tränen begnadigt und der Lesung geistlicher Bücher zugetan, widmete ich besondere Zeiten der Einsamkeit; auch beichtete ich häufig und begann nun den Weg zu wandeln, den mir das genannte Buch angab. Es diente mir anstatt eines Lehrmeisters; denn von diesem Zeitpunkte an gerechnet habe zwanzig Jahre lang trotz meines Suchens keinen solchen, ich will sagen, keinen Beichtvater gefunden, der mich verstanden hätte. Dieser Mangel hat mir viel geschadet, weil ich deshalb oftmals wieder rückwärts ging; ja, ich hätte dabei auch ganz zugrunde gehen können, während ein kluger Beichtvater mir doch immerhin aus den Gelegenheiten, Gott zu beleidigen, geholfen haben würde.

7. Während der neun Monate, die ich in jener Einsamkeit zubrachte, belohnte seine Majestät meinen anfänglichen Eifer mit vielen Gnaden. Zwar war ich damals nicht so frei von Beleidigungen Gottes, wie das erwähnte Buch es forderte; ich ging vielmehr über diesen Punkt hinweg, weil mir eine so große Bedeutsamkeit fast unmöglich schien. Bloß vor der Todsünde hütete ich mich und wollte Gott, es wäre wenigstens dies immer der Fall gewesen; aus den lässlichen Sünden aber machte ist mir wenig, und eben dies war mein Verderben. Nichtsdestoweniger ließ mich Gott gegen das Ende jener neun Monate auf dem betretenen Wege seine Süßigkeiten in so reichlichem Maße kosten, dass er mich sogar mit dem Gebete der Ruhe und einigemal auch mit dem der Vereinigung begnadigte. Ich hatte jedoch damals weder von dem einen noch von dem anderen Gebete ein Verständnis und wusste nicht, wie hoch beides zu schätzen sei. Hätte ich es verstanden, so würde es mir, wie ich glaube, viel genützt haben. Es ist wahr, das Gebet der Vereinigung hielt nur so kurze Zeit an, dass ich nicht weiß, ob es auch nur ein Ave Maria lang war. Immerhin aber ließ dieses Gebet so auf erhebliche Wirkungen in mir zurück, dass ich, obwohl damals noch nicht zwanzig Jahre alt, die ganze Welt unter den Füßen zu haben glaubte; so bedauerte ich denn auch, wie ich mich noch erinnere, jene, die sich, wenngleich in erlaubten Dingen, der Welt hingeben. Ich befliß mich, so gut ich konnte, Jesus Christus, unser höchstes Gut und unseren Herrn, in mir zu vergegenwärtigen; dies war meine Weise, innerlich zu beten. Wenn ich irgendein Geheimnis des Leidens Christi betrachtete, so stellte ich es mir in meinem inneren vor. Die meiste Zeit brachte ich indessen mit dem Lesen guter Bücher zu, was zugleich meine ganze Erholung ausmachte; denn Gott hatte mir nicht die Fähigkeit verliehen, mit dem Verstande nachzudenken noch mich mit Nutzen der Einbildungskraft zu bedienen. Letztere insbesondere ist so unbeholfen bei mir, dass ich es niemals fertigbrachte, mir auch nur von der Menschheit des Herrn, den ich als in mir gegenwärtig zu betrachten mich bemühte, ein deutliches Bild vorzustellen. Die eben erwähnte Weise des innerlichen Gebetes, wobei man nämlich mit dem Verstande nicht nachsinnen kann, führt zwar eher zur Beschauung, vorausgesetzt, dass man darin beharrlich ist; doch ist dieser Weg sehr beschwerlich und mühsam. Denn wenn es dem Willen an Beschäftigung fehlt und der Liebe an Nahrung, um sich mit passenden Anmutungen dem vorgestellten Gegenstande zuwenden zu können, so bleibt die Seele gleichsam ohne Stütze und ohne Tätigkeit, und es verursachen ihr Einsamkeit und Trockenheit große Pein und die zerstreuenden Gedanken den härtesten Kampf.

8. Personen von solcher Art müssen sich einer größeren Reinheit des Gewissens befleißigen als jene, die mit dem Verstande wirken können. Denn wer erwägt, was die Welt ist, was er Gott schuldet, wieviel dieser Gott für ihn gelitten hat, wie wenig er ihm dient und was Gott denen gibt, die ihn lieben: der schöpft aus diesen Betrachtungen Lehre genug, um sich gegen die zerstreuenden Gedanken sowohl, als auch gegen die Gefahren und Gelegenheiten zur Sünde zu schützen. Wer sich aber dieses Mittels nicht bedienen kann, der ist in größerer Gefahr und muss sich darum, weil er für sich selbst nichts zur Erbauung Dienliches zu ersinnen vermag, viel mit Lesen beschäftigen. Für einen solchen ist die Lesung eine sehr nützliche Beihilfe zur Sammlung im Gebete; ja, es ist ihm sogar notwendig, dass er anstatt des innerlichen Gebetes, das er nicht üben kann, etwas, und sei es auch nur Weniges, lese. Denn für Seelen, die mit dem Verstande nicht nachsinnen können, ist die Übung des innerlichen Gebetes ohne Beihilfe eines Buches eine recht mühsame Beschäftigung. Wollte der geistliche Führer eine solche Seele drängen, dass sie, ohne etwas erbauliches zu lesen, lange dem innerlichen Gebet obliege, so würde sie auf die Dauer unmöglich in dieser Übung verharren und ihre Gesundheit schädigen, falls sie doch fortfahren sollte, sich Gewalt anzutun; denn es ist dies wirklich eine sehr harte Aufgabe.

9. Jetzt scheint es mir, der Herr habe es so gefügt, dass ich niemand finden sollte, der mich unterrichtete; denn da ich, wie gesagt, mit dem Verstande nicht nachsinnen konnte, hätte ich, falls mir der Gebrauch eines Buches versagt worden wäre, meiner Ansicht nach unmöglich achtzehn Jahre lang in dieser Prüfung und unter so großen Trockenheiten aushalten können. Ich habe es in der Tat diese ganze Zeit hindurch nicht gewagt, mich ohne Buch zum innerlichen Gebete zu begeben, außer wenn ich eben kommuniziert hatte. Denn meine Seele schreckte vor dieser Übung ohne Beihilfe eines Buches so sehr zurück, als gelte es zum Kampfe gegen ein zahlreiches Kriegsheer zu ziehen; mit einem Buch aber, das mir gleichsam zum Gefährten diente oder als Schild, damit die Streiche der vielen fremdartigen Gedanken aufzufangen, fand ich mich getröstet. Es war nämlich Trockenheit nicht mein gewöhnlicher Zustand beim innerlichen Gebete; immer aber, wenn ich kein Buch zur Hand hatte, geschah es, dass meine Seele bald zerstreut war und meine Gedanken sich verloren. Durch Benützung eines Buches dagegen sammelte ich meine Gedanken und zog meine Seele wie durch eine Lockspeise an; ja, es genügte zu diesem Zwecke oftmals schon das bloße Öffnen des Buches, ohne dass mehr noch nötig gewesen wäre. Zuweilen las ich wenig, zuweilen viel, je nachdem mir der Herr zum Gebete seine Gnade verlieh.

10. Als ich damals in der erwähnten Weise begonnen, schien es mir, als ob keine Gefahr mich von einem so großen Gute abwendig machen könnte, wenn ich nur Bücher und Gelegenheit zur Einsamkeit hätte; es wäre dies, wie ich glaube, mit Gottes Hilfe auch der Fall gewesen, würde mir ein geistlicher Führer oder sonst jemand zur Seite gestanden sein, der mich von Anfang an unterwiesen hätte, die Gelegenheit zu fliehen, und mir, wenn ich in sie geraten, schnell wieder herausgeholfen hätte. Ebenso glaubte ich damals, ich würde in keiner Weise in eine schwere Sünde einwilligen, sollte auch der böse Feind mich offen versuchen wollen. Doch dieser war so arglistig und ich so schlimm, dass alle meine Vorsätze wenig fruchteten; in den Tagen aber, da ich Gott gedient, waren sie mir sehr dazu behilflich, um die furchtbaren Krankheiten, die ich zu leiden hatte, mit so unerschütterlicher Geduld zu ertragen, wie seine Majestät sie mir verlieh. Oft schon gedachte ich mit Staunen der großen Güte Gottes, und meine Seele weidete sich an der Betrachtung seiner großen Freigebigkeit und Barmherzigkeit. Er sei gepriesen für alles! Denn ich habe klar gesehen, wie er mir sogar in diesem Leben schon jedes gute Verlangen belohnt hat. So armselig und unvollkommen auch meine Werke waren: dieser mein Herr hat sie immer verbessert und vervollkommnet und ihnen Wert verliehen; meine Übeltaten und meine Sünden aber hat er sogleich verdeckt, und jetzt noch lässt er die Blendung derer zu, die Zeugen davon waren, und tilgt sie aus ihrem Gedächtnisse. Er übergoldet gleichsam meine Fehler und macht, dass eine Tugend an mir hervorglänze, die er selbst mir gibt und gewissermaßen aufdrängt.

11. Ich will nun wieder zu dem mich wenden, was mir aufgetragen worden ist. Dabei bekenne ich mein Unvermögen, im einzelnen zu beschreiben, wie freigebig und barmherzig der Herr in jener ersten Zeit sich gegen mich erzeigt hat. Denn es bedürfte eines fähigeren Geistes als des meinigen, um einerseits alle Wohltaten, die ich dem Herrn in dieser Hinsicht zu verdanken habe, und andererseits die Größe meines Undankes und meiner Bosheit die mich jene vergessen ließ, gebührend zu schildern. Er, der mich so lange ertragen hat, sei in Ewigkeit gepriesen! Amen.

Fünftes Hauptstück

Sie erzählt weiter von den schweren Krankheiten, die sie zu leiden hatte, und welche Geduld ihr der Herr dabei verlieh. Gott lässt aus dem Bösen Gutes hervorgehen, wie aus einem Ereignisse zu ersehen ist, das sich an dem Orte zutrug, wohin sie sich zum Gebrauche einer Kur begeben hatte.

1. Ich habe vergessen zu sagen, dass ich während meines Noviziatsjahres gewisser an sich unbedeutender Dinge wegen, die man mir oftmals unverdienterweise zum Vorwurf machte, große Unruhen gelitten habe. Über solche Vorwürfe wurde ich sehr betrübt und duldete sie mit großer Unvollkommenheit; doch die außerordentliche Freude, die ich des Glückes wegen empfand, Nonne zu sein, ließ mich alles ertragen. Da man nämlich bemerkte, wie ich die Einsamkeit aufsuchte, und man mich einigemale meiner Sünden wegen weinen sah, so meinte und sagte man, dass ich unzufrieden sei. Nun war ich zwar allem, was das Ordensleben betraf, mit Liebe zugetan, aber eines konnte ich nie ertragen, wenn mir nämlich eine Behandlung zuteil wurde, die ich als Geringschätzung ansah. Dagegen freute ich mich, wenn ich geachtet wurde, und ich verwendete darum auf meine Verrichtungen die größte Sorgfalt. Dies hielt ich für Tugend; doch werde ich deshalb nicht zu rechtfertigen sein, weil ich wusste, dass ich auf solche Weise in allem meine eigene Befriedigung suchte und somit Unwissenheit mich nicht freispricht von Schuld. Einigermaßen ist diese allerdings dem Umstande zuzuschreiben, dass man es schon bei Gründung des Klosters, dem ich angehörte, auf die Erreichung einer hohen Vollkommenheit nicht abgesehen hatte; ich amte aber, weil ich böse war, das Fehlerhafte nach, dass ich gewahrte; dass Gute dagegen, wie ich sah, unterließ ich.

2. Um jene Zeit lag eine Nonne desselben Klosters an einer sehr schweren und schmerzlichen Krankheit darnieder. Sie hatte offene Wunden im Unterleibe, die von Verstopfung herrührten, und durch die alles, was sie genossen, wider von ihr ging. Sie ist auch bald an dieser Krankheit gestorben. Während nun alle, mit ich sah, davor zurückschreckten, verursachte mir die Geduld der Kranken großen Neid; ich bat Gott um Krankheit nach seinem Belieben, wenn er mir nur auch so viel Geduld verleihen wolle wie ihr. Ich scheute, wie ich meine, keine Art von Leiden; denn ich hatte ein so glühendes Verlangen nach den ewigen Gütern, dass ich entschlossen war, sie um jeden Preis zu erringen. Darob staune ich jetzt, weil ich meines Erachtens damals noch nicht so von Liebe Gottes entzündet war wie in der Folge, nachdem ich das innerliche Gebet zu üben begann. Ich hatte nur eine tiefe Erkenntnis, die mir zeigte, dass alles, was ein Ende nimmt, gering zu achten, jene Güter aber, die damit gewonnen werden können, von großem Werte seien, weil sie ewig dauern. Die göttliche Majestät erhörte auch meine Bitte; denn ehe noch zwei Jahre vergingen, ward ich so elend, dass meines Erachtens die Krankheit, obwohl verschieden von dem Übel der genannten Nonne, doch nicht minder qualvoll und lästig gewesen; drei Jahre lang erduldete ich dieses Übel, das ich jetzt schildern will.

3. Als die zur Kur geeignete Zeit, auf die ich an dem bereits erwähnten Orte bei meiner Schwester gewartet, gekommen war, brachten mich mein Vater, meine Schwester und jene Nonne, meine Freundin, die in ihrer außerordentlichen Liebe zu mir, mich auf der Reise begleitet hatte, unter großer Obsorge für meine Pflege an den Ort, wo man meine Heilung erhoffte. Hier nun begann der böse Feind Unordnung in meiner Seele zu stiften; aber Gott ließ etwas sehr Gutes daraus hervorgehen. So befand sich nämlich an diesem Orte ein Priester, der von sehr edler Abkunft war und einen vortrefflichen Verstand hatte. Er besaß auch Wissenschaft, wenngleich sie nicht groß war. Da ich von jeher die Wissenschaft liebte, so begann ich bei ihm zu beichten. Es waren aber gerade halbgelehrte Beichtväter, die meiner Seele großen Schaden brachten; denn von so gründlicher Gelehrsamkeit, wie ich es gewünscht hätte, konnte ich sie nicht immer finden. Aus Erfahrung weiß ich, dass Beichtväter, wenn sie nur tugendhaft sind und einen heiligen Wandel führen, besser gar keine Wissenschaft besitzen als eine geringe; denn dann haben sie kein Vertrauen auf ihre eigene Ansicht, sondern fragen andere um Rat, die in der Wissenschaft gut bewandert und auch ich würde mich nicht auf sie verlassen. Ein echter Gelehrter hat mich noch nie getäuscht. Ebensowenig dürften jene Halbgelehrten mich haben täuschen wollen; sie verstanden nur ihre Sache nicht besser, indes ich meinte, sie verständen sie, so dass ich zu nichts Weiterem verpflichtet wäre, als ihnen zu glauben; ich tat das um so lieber, als ihre Aussprüche das Gewissen erweiterten und die Freiheit begünstigten. Hätten sie mich nach strengeren Grundsätzen geleitet, so würde ich wohl schlimm genug gewesen sein, mir andere Beichtväter zu suchen. Was lässliche Sünde war, erklärten sie mir für gar keine, und was die schwerste Todsünde war, nur für eine lässliche Sünde. Dies hat mir so viel geschadet, dass hier eine Erwähnung davon für andere zur Warnung vor einem so großen Übel nicht überflüssig ist. Indessen sehe ich wohl ein, dass ich vor Gott keine Entschuldigung verdiene, da die Dinge, um die es sich handelte, ihrer Natur nach nicht gut waren; dies aber hätte genügen sollen, um mich davor zu hüten. Ich glaube, Gott habe es meiner Sünde wegen zugelassen, dass jene Beichtväter und mich täuschten; ich aber habe auch viele andere Personen dadurch getäuscht, dass ich ihnen wieder sagte, was ich von jenen gehört. Über siebzehn Jahre lang, glaube ich, habe ich in dieser Blindheit verharrt, bis zuerst ein sehr gelehrter Dominikanerpater mich über die Bosheit jener Dinge aufklärte und die Väter der Gesellschaft Jesu mir vollends die Binde von den Augen nahmen. Letztere insbesondere redeten mir wegen so schlimmer Grundsätze scharf ins Gewissen und flößten mir dadurch eine große Furcht ein. Ich werde später noch davon erzählen.

4. Ich begann also bei jenem Priester zu beichten, der aus dieser Veranlassung eine außerordentliche Zuneigung zu mir fasste; denn damals, wie überhaupt seitdem ich Nonne geworden, hatte ich im Verhältnis zu späterer Zeit nur Weniges zu beichten. An sich war diese seine Zuneigung zwar nicht böse; sie war aber auch nicht gut ihres Übermaßes wegen. Er wusste von mir, dass ich um alles in der Welt mich nicht entschließen würde, Gott durch eine schwere Sünde zu beleidigen, und er war derselben Gesinnung, wie er mich in Hinsicht seiner versicherte. Auf Grund dessen unterhielten wir beide einen häufigen wechselseitigen Verkehr. Ich war damals beständig in Gott vertieft, und so sprach ich denn bei unseren Zusammenkünften von nichts lieber als von göttlichen Dingen. Dies beschämte ihn, da ich noch so jung war, tief, und in seiner großen Liebe zu mir begann er mir sein Verderben zu entdecken, das keineswegs gering war; denn fast sieben Jahre schon hatte er in einem sehr gefährlichen Zustande dahingelebt, indem er mit einer Frauenperson desselben Ortes ein unerlaubtes Liebesverhältnis unterhielt und dabei doch die Messe las Die Sache war so allgemein bekannt, dass der Unglückliche Ehre und guten Namen bereits verloren hatte, aber niemand wagte et, ihm darüber Vorstellungen zu machen. Da ich ihn sehr lieb hatte, so erregte er in hohem Grade mein Mitleid. In meiner großen Leichtfertigkeit und Blindheit hielt ich es nämlich für Tugend, gegen jene, die mich liebten, dankbar zu sein und ihnen Treue zu bewahren. Verflucht sei aber eine Treue, die zwar bis zur Untreue gegen Gott erstreckt! Diese in der Welt herrschende Torheit hatte auch mir den Sinn verwirrt. Haben wir doch alles Gute, das uns die Menschen erweisen, Gott zu verdanken; und da halten wir es für Tugend, eine Freundschaft nicht zu brechen, die wider ihn ist! O Blindheit der Welt! Hättest du, o Herr, mich immerhin die Undankbarste gegen die ganze Welt sein lassen, wenn ich nur gegen dich nicht im mindesten undankbar gewesen wäre! So aber geschah meiner Sünden wegen völlig das Gegenteil.

5. Um mich über den Zustand dieses Priesters genauer zu unterrichten, erkundigte ich mich bei seinen Hausgenossen, durch die ich Näheres über sein Verderben erfuhr. Aus ihren Mitteilungen ersah ich, dass der Armselige minder schuldbar war; denn jene unheilvolle Weibsperson hielt ihn an sich gefesselt, indem sie gewisse Zaubermittel in ein kleines Götzenbild von Kupfer eingeschlossen und ihn gebeten hatte, es ihr zuliebe an seinem Halse zu tragen, was er auch tat. Niemand vermochte ihn zu bestimmen, diesen Gegenstand abzulegen. Ich halte zwar nicht unbedingt für wahr, was man von solchen Zaubereien sagt, sondern ich erzähle nur, was ich gesehen habe, den Männern zur Warnung, damit sie vor Weibspersonen, die ein derartiges Verhältnis anzuknüpfen trachten, hüten. Ja, sie dürfen es glauben, dass Frauenpersonen, die mehr noch als die Männer zur Ehrbarkeit verpflichtet sind, in keiner Weise mehr zu trauen ist, wenn sie einmal die Scheu vor Gott abgelegt haben. Um zu ihrem Ziele zu gelangen und die Neigung zu befriedigen, die der Teufel ihnen einflößt, schrecken sie vor nichts zurück. In so etwas bin ich nun freilich, so schlimm ich auch war, doch niemals geraten. Nie bin ich darauf ausgegangen, Böses zu tun; nie hätte ich, selbst wenn es in meiner Macht gestanden wäre, dem Willen anderer Gewalt antun mögen, mich zu lieben; davor hat mich der Herr bewahrt. Hätte aber Gott mich verlassen, so würde ich auch hierin das Böse getan haben wie in anderen Stücken; denn es ist mir in gar nichts zu trauen.

6. Nachdem ich über den Armen erfahren, was ich eben mitgeteilt, suchte ich ihm noch mehr meine Liebe zu erzeigen. Die Absicht, die ich dabei hatte, war zwar gut, aber dennoch tat ich unrecht; denn um etwas Gutes zu erzielen, wie vortrefflich es auch sein mochte, durfte ich auch ein geringes Übel nicht begehen. Ich sprach sehr häufig von Gott zu ihm, und es wohl anzunehmen, dass diese Gespräche einen heilsamen Einfluss auf ihn ausübten. Gleichweg glaube ich, dass seine große Liebe zu mir noch wirksamer war; denn um sich mir gefällig zu erweisen, ließ er sich herbei, mir das kleine Götzenbild einzuhändigen, das ich sofort in einen Fluss werfen ließ. Als dieses Zaubermittel entfernt war, begann er wie einer, der aus tiefem Schlafe erwacht, sich allmählich alles dessen zu erinnern, was er jene Jahre hindurch begangen hatte. Schrecken vor sich selbst und Reue über seine Missetaten ergriffen seine Seele, und er begann jetzt jene Person zu verabscheuen. Unsere Liebe Frau dürfte ihm viel dabei geholfen haben; denn er war ein großer Verehrer ihrer Empfängnis, deren Fest er stets sehr feierlich beging. Endlich mochte er die Buhlerin gar nicht mehr sehen und konnte fortan Gott für seine Erleuchtung nicht genug danken. Gerade ein Jahr später — von dem Tage an gerechnet, an dem ich ihn zum erstenmal gesehen — starb er. In der Zwischenzeit hatte er Gott noch sehr eifrig gedient.

7. Die große Zuneigung, die er zu mir trug, hatte ich selbst niemals für etwas Böses gehalten. Immerhin aber hätte diese reiner sein können, und es ist nicht zu leugnen, dass bei einem solchen Verkehre die Gelegenheiten zur Hand waren, die zu den schweren Beleidigungen Gottes führen konnten, hätten wir ihn nicht recht lebendig vor Augen gehabt. Wie schon gesagt, würde ich damals nichts getan haben, wovon ich erkannt hätte, dass es Todsünde sei; und eben diese Gesinnung, die jener kannte, scheint mir dazu beigetragen zu haben, dass er mich liebte. Ich glaube auch, es müssten überhaupt die Männer mit Vorliebe jenen Frauen zugetan sein, bei denen sie Liebe zur Tugend wahrnehmen, und es müssten letztere ebendadurch, dass sie der Tugend ergeben sind, bei ersteren, auch in irdischen Dingen, um so leichter das erreichen, was sie anstreben. Ich halte für gewiss, dass jener Priester auf dem Wege zur Seligkeit sei. Er starb eines sehr guten Todes und völlig getrennt von der Gelegenheit. Es scheint, der Herr habe sich der erwähnten Umstände als Mittel bedienen wollen, um ihn zu retten.

8. An dem Orte, wohin man mich zur Herstellung meiner Gesundheit gebracht hatte, blieb ich drei Monate. Da die hier angewandte Kur für meine Körperbeschaffenheit zu stark war, so hatte ich diese ganze Zeit über die größten Leiden zu erdulden; ja, ich befand mich durch den Gebrauch der verordneten Arzneien binnen zwei Monaten am Rande des Grabes. Das Herzleiden, zu dessen Heilung ich gekommen war, nahm an Heftigkeit um vieles zu, so dass es mir zuweilen vorkam, als würde ich am Herzen von scharfen Zähnen gepackt; man fürchtete sogar, ich möchte rasend werden. Aus übergroßem Ekel konnte ich keine Speise mehr genießen und nur noch etwas Getränke zu mir nehmen. Dieser Mangel an Nahrung sowie ein lange anhaltendes Fieber und der Gebrauch eines Abführmittels, das mir fast einen Monat hindurch täglich gereicht wurde und mich ganz erschöpfte, hatten eine außerordentliche Abnahme meiner Kräfte zur Folge. Ich war darum so ausgezehrt, dass auch meine Nerven unter unerträglichen Schmerzen, die mir Tag und Nacht keine Ruhe ließen, einzuschrumpfen begannen. Eine sehr tiefe Traurigkeit, die sich allem dem noch zugesellte, machte das Übel voll.

9. Mit solchem Gewinne brachte mich mein Vater nach Hause zurück, und es besuchten mich wieder die Ärzte der Stadt. Sie alle gaben mich auf, indem sie sagten, ich habe zum ganzen Übel auch noch die Schwindsucht. Doch daraus machte ich mir wenig; nur die Schmerzen, die mich unaufhörlich am ganzen Körper von der Fußsohle bis zum Scheitel quälten, gingen mir sehr nahe; denn die Nervenschmerzen sind nach Aussage der Ärzte unerträglich. Und fürwahr, da sich bei mir alle Schmerzen zusammenzogen, so wäre dieses Leiden ein sehr schmerzvolles Martyrium für mich genesen, hätte ich nicht durch meine Schuld die Gelegenheit zur Erwerbung eines so großen Verdienstes verscherzt. Diese schmerzliche Pein wird kaum drei Monate angedauert haben, und es schien unmöglich, dass man so viele Leiden zugleich ertragen könne. Jetzt wundere ich mich selbst darüber und halte es für eine große Gnade vom Herrn, dass seine Majestät mir solche Geduld verlieh; denn augenscheinlich kam sie von ihm. Der Umstand, dass ich in den Moralbüchern des heiligen Gregor die Geschichte des Job gelesen hatte, war mir zur Bewahrung der Geduld von großem Nutzen. Der Herr scheint es so gefügt zu haben, dass ich dieses Werk in die Hände bekam und auch mit der Übung des innerlichen Gebetes begonnen hatte, um meine Leiden in so vollkommener Gleichförmigkeit mit seinem Willen tragen zu können. Ich unterhielt mich nur mit Gott und sehr häufig wiederholte ich in Gedanken und mit dem Munde die Worte Jobs: »Haben wir das Gute empfangen von der Hand des Herrn, warum sollten wir das Üble nicht ertragen?« Diese Worte, meine ich, haben mich gestärkt.

10. Es kam das Fest Mariä Himmelfahrt herbei. Zeit April hatte mein Leiden, das die letzten drei Monate am heftigsten war, schon gedauert. Dringend begehrte ich jetzt zu beichten, wie ich denn von jeher sehr gern oftmals es getan. Da meinte man aber, die Furcht vor dem Sterben treibe mich dazu, und um mir nicht die Ruhe zu rauben, gab es mein Vater nicht zu. O übermäßige Liebe von Fleisch und Blut! Mein Vater war ein so katholischer Mann, dabei auch so unterrichtet, dass man nicht sagen kann, er habe aus Unwissenheit gehandelt, und doch hätte mir seine Liebe großen Schaden bringen können. Noch in derselben Nacht bekam ich einen verschärften Krankheitsanfall, infolge dessen ich fast ganze vier Tage ohne alles Bewusstsein dalag. In diesem Zustande erteilte man mir das Sakrament der Ölung. Jede Stunde oder jeden Augenblick meinte man, ich würde den Geist aufgeben; darum betete man mir immer, als verstände ich etwas, das Kredo vor. Einigemal hielt man mich so gewiss für tot, dass man sogar Wachs auf meine Augen träufeln ließ, das ich nachher noch gefunden habe.

11. Der Schmerz meines Vaters darüber, dass er mich nicht hatte beichten lassen, war groß, und er rief und bettelte viel zu Gott. Gepriesen sei der Herr, der dieses Flehen erhören wollte! Schon seit anderthalb Tagen stand in meinem Kloster das Grab offen, das meinen Leichnam aufnehmen sollte, und schon hatte man an einem anderen Orte in einem unserer Brüderkonvente den Leichengottesdienst für mich abgehalten, als der Herr wollte, dass ich wieder zu mir kam. Ich verlangte sogleich zu beichten und empfing unter vielen Tränen die Kommunion. Es entquollen aber diese Tränen, wie mir scheint, nicht jenem Reueschmerze, der bloß die Beleidigung Gottes zum Beweggrunde hat und zu meinem Heile genügt hätte; denn meine Schmerzen waren allzu heftig und ließen mich nur wenig zum Bewusstsein kommen. Nur der Umstand wäre mir vielleicht zugute gekommen, dass ich getäuscht war, da man mir in betreff einiger Dinge, die ich später mit Gewissheit als Todsünde erkannt habe, gesagt hätte, sie wären reine. Doch glaube ich, meine Beichte sei damals vollständig gewesen in Bezug auf alles, wodurch ich Gott beleidigt zu haben meinte; denn unter anderen Gnaden hat mir seine Majestät auch diese verliehen, das ich von meiner ersten Kommunion an nie zu beichten unterließ, was ich als Sünde, wenn auch nur als lässliche, erkannte. Gleichwohl scheint es mir außer Zweifel zu sein, dass mein ewiges Heil sehr in Frage gestanden wäre, würde ich damals gestorben fein; denn einerseits waren meine Beichtväter zu wenig gelehrt, und andrerseits war ich selbst aus vielen anderen Ursachen sehr böse.

12. Während ich dieses erzähle und betrachte, wie mich der Herr vom Tode wieder zum Leben erweckt hat — denn nicht anders scheint es gewesen zu sein —, glaube ich vor Entsetzen innerlich gleichsam zu beben. Dies ist gewiss und wahr. O meine Seele, wie heilsam — so däucht mir — würde es für dich gewesen sein, wenn du die Gefahr, aus der dich der Herr befreit hat, vor Augen gehabt hättest; wenn auch nicht die Liebe, so hätte die doch die Furcht von einer Beleidigung Gottes abhalten sollen; denn er hätte dich in einem noch tausendmal gefährlicheren Zustande sterben lassen können. Ich glaube nicht zuviel zu behaupten, wenn ich sage: »noch tausendmal«. Zwar werde ich von dem einen Verweis erhalten, der mir befohlen hat, mich in der Schilderung meiner Sünden zu mäßigen, trotzdem sie beschönigend genug erscheinen. Ich bitte ihn aber um der Liebe Gottes willen, er wolle von dem, was in diesem Berichte über meine Fehler enthalten ist, nichts hinwegtun; denn man ersieht daraus um so klarer, wie groß Gott im Erbarmen und wie langmütig in Ertragung einer Seele ist. Er sei in Ewigkeit gepriesen! Möchte es seiner Majestät gefallen, mich eher zu vernichten, als dass ich aufhören sollte, sie immer mehr zu lieben!

Sechstes Hauptstück

Zu welch großem Danke sie sich dem Herrn verpflichtet fühlte für die ihr verliehene Gleichförmigkeit mit seinem Willen bei so schweren Leiden. Welch großen Nutzen ihr die Wahl des glorreichen hl. Joseph zum Vermittler und Fürsprecher gehabt hat.

1. Von jenem viertägigen Paroxysmus blieb ich so schwach, dass der Herr allein wissen kann, welch unerträgliche Qualen ich zu leiden hatte. Meine Zunge war ganz zerbissen. Da ich so lange keine Speise zu mir genommen hatte und sehr abgemagert wurde, war mir der Schlund zum Ersticken eingeschrumpft, so dass ich nicht einmal Wasser schlucken konnte. Es war mir, als ob alle Glieder meines Leibes verrenkt wären; mein Kopf war ganz verwirrt und mein Leib zusammengezogen wie ein Knäuel. So übel hatte mir das Leiden jener Tage zugesetzt. Ich konnte weder das Haupt, noch Arme, noch Hände und Füße bewegen, sondern lag regungslos da wie ein Toter, wenn nicht andere mich bewegten. Bloß einen Finger der rechten Hand, meine ich, konnte ich noch rühren. Man wusste gar nicht, wie man mich nur anfassen sollte, weil alles an mir so schmerzhaft war, dass ich es nicht hätte ertragen können; ihrer zwei mussten mich daher in einem Bettuche, das die eine an einem Ende, die andere an dem anderen hielt, heben und legen. So dauerte es bis Ostern. Nur dann fand ich eine Erleichterung, wenn mich niemand anrührte, weil da die Schmerzen oftmals aufhörten. Wollte ich also etwas Ruhe genießen, so stelle ich mich, als wäre mir wohl; denn ich fürchtete, es möchte mir, wenn man mich anrührte, die Geduld ausgehen. Ich war schon sehr froh, als wenigstens die durchdringenden und anhaltenden Schmerzen endlich einmal aufhörten. Diese waren jedoch beim Eintreten der Schauer eines doppelten viertägigen Fiebers, das mir noch in der heftigsten Weise zusetzte, unerträglich. Auch der große Ekel vor jeder Speise dauerte noch fort.

2. Als ich mich insoweit besser fühlte, verlangte ich sogleich und so dringend in mein Kloster zurück, dass ich mich trotz meines so elenden Zustandes dahin tragen ließ. Die man hier als Leiche erwartet hatte, empfing man jetzt lebendig wieder; aber der Leib befand sich in einem übleren Zustande, als wenn er tot gewesen wäre; schon der bloße Anblick flößte Mitleid ein. Es lässt sich gar nicht sagen, wie abgemagert ich war; ich hatte nur noch Haut und Bein an mir.

3. Wie schon gesagt, dauerten die geschilderten Leiden über acht Monate; ungefähr drei Jahre aber blieb ich gelähmt, obwohl es auch in dieser Hinsicht allmählich besser mit mir ging. Ich lobte Gott, als ich, auf Händen und Füßen kriechend, mich wieder etwas fortbewegen konnte. Diese ganze Zeit brachte ich in großer Gleichförmigkeit mit dem göttlichen Willen und, die erste Zeit ausgenommen, in großer Freude zu; denn im Vergleiche mit den Schmerzen und Martern, die ich am Anfang zu erdulden hatte, achtete ich alle übrigen Leiden für nichts. Ich war ganz ergeben in Gottes Willen, selbst auch für den Fall, dass er mich für immer in einem solchen Zustande hätte belassen wollen. Wenn ich mich aber dennoch darnach sehnte, wieder gesund zu werden, so war es meines Erachtens nur deshalb, um, wie ich unterwiesen war, dem innerlichen Gebete in der Einsamkeit obliegen zu können; denn dazu fehlte es an dem für die Kranken bestimmten Orte an Gelegenheit. Ich beichtete sehr oft und redete viel von Gott, so dass ich alle erbaute. Man staunte nur über die Geduld, die mir der Herr verlieh; denn von der Hand Seiner Majestät ist sie gekommen, sonst wäre es allem Anschein nach unmöglich gewesen, eine so schwere Krankheit so freudigen Mutes zu ertragen.

4. Diese Gabe des Gebetes, die mir der Herr verliehen, gereichte mir zu großem Nutzen, da er mich erkennen ließ, was es heißt, ihn zu lieben; von da an gewahrte ich in kurzer Zeit neue Tugenden an mir, obwohl sie noch nicht stark genug waren, mich auf dem Wege der Gerechtigkeit zu erhalten. Ich redete von niemand auch nur das mindeste Böse und verhinderte sogar für gewöhnlich jede üble Nachrede; ich hatte mir den Grundsatz tief eingeprägt, über keinen Menschen etwas erfahren zu wollen oder zu sagen, wovon ich nicht wollte, dass man es von mir sage. Diesen Grundsatz befolgte ich bei vorkommenden Gelegenheiten mit der äußersten Gewissenhaftigkeit, obwohl ich nicht so vollkommen war, dass ich ihm nicht manchmal von den Umständen gedrängt, in etwa untreu geworden wäre; in der Regel aber hielt ich fest daran, so dass ich auch andere, die mit mir zusammenlebten oder mit mir verkehrten, dahin brachte, dass sie sich die nämliche Gewohnheit aneigneten. Es war darum bekannt, dass man in meiner Gegenwart vor üblen Nachreden gesichert sei. Des gleichen Rufes erfreuten sie jene, die mit mir verwandt oder befreundet waren und die ich zu besagter Tugend angeleitet hatte. Leider aber habe ich diesen in anderen Stücken wieder ein schlechtes Beispiel gegeben, weshalb mir eine schwere Verantwortung bei Gott bevorsteht. Seine Majestät möge mir vergeben, dass ich zu so vielem Bösen Anlass gegeben, wenn auch die Absicht meines Handelns nicht so schlimm gewesen, als die Folge davon schädlich war.

5. Ich hatte ferner Verlangen nach der Einsamkeit und redete und unterhielt mich gern über Gott. Fand ich jemand, mit dem ich eine solche Unterhaltung pflegen konnte, so gewährte mir dies mehr Freude und Erholung als alle Artigkeiten, oder besser gesagt, Unartigkeiten weltlicher Unterhaltungen. Ich beichtete und kommunizierte viel häufiger als sonst und erwartete mit Sehnsucht die Gelegenheit dazu. In der Lesung geistlicher Bücher fand ich meine größte Wonne. Hatte ich Gott beleidigt, so empfand ich die bitterste Reue darüber; ja ich erinnere mich, es oftmals gar nicht gewagt zu haben, dem innerlichen Gebete obzuliegen, weil ich mich vor der außerordentlichen Pein, die ich ob des Bewusstseins, Gott beleidigt zu haben, dabei hätte ausstehen müssen, wie vor einer schweren Züchtigung fürchtete. Diese Pein nahm in der Folge so sehr zu, dass ich nicht weiß, womit ich sie vergleichen soll. Nie war jedoch die Furcht die Ursache davon; diese lag in etwas ganz anderem. Wenn ich nämlich der vom Herrn im Gebete empfangenen Gunstbezeigungen und der für mich daraus entspringenden Verbindlichkeiten gedachte und nun sah, wie übel ich ihm vergalt, so verursachte mir das Bewusstsein so großen Undankes eine unerträgliche Marter. Ich war dann äußerst ärgerlich über die vielen Tränen, die ich des begangenen Fehlers wegen schon geweint hatte, weil ich sah, wie wenig ich mich besserte; weder die gefassten Vorsätze noch der Schmerz, den ich empfunden, waren wirksam genug, mich vor dem Rückfalle zu bewahren, wenn ich mich wieder in der Gelegenheit dazu befand. Meine Tränen kamen mir trügerisch vor, und ich glaubte, die neue Schuld würde ob der erkannten großen Gnade, die mir der Herr durch diese Tränen und durch eine so große Reue verliehen hatte, nur um so größer sein. Ich trachtete dann bald zu beichten und tat meines Erachtens alles, was in meinen Kräften stand, um mich wieder mit Gott zu versöhnen. Das ganze Unheil kam aber daher, dass ich das Böse nicht mit der Wurzel ausrottete und die Gelegenheiten nicht mied, und dass die Beichtväter mir in dieser Hinsicht wenig behilflich waren. Hätten diese mich auf die Gefahr, in der ich schwebte, und auf die Pflicht, gewisse freundschaftliche Verbindungen abzubrechen, aufmerksam gemacht: ich glaube gewiss, dem Übel wäre gesteuert gewesen; denn willentlich hätte ich keineswegs auch nur einen einzigen Tag in einer Todsünde bleiben können. Alle diese Merkmale der Furcht Gottes erwarb ich mir durch das innerliche Gebet; das Schätzenswerteste aber war, dass diese Furcht in die Liebe gehüllt war, denn ich dachte dabei an keine Strafe.

6. Während der ganzen Zeit, in der ich so krank war, wachte ich beständig mit großer Sorgfalt über mein Gewissen, um ja keine Todsünde zu begehen. Aber, o Gott! ich verlangte nach der Gesundheit, um ihm besser dienen zu können, und gerade die Gesundheit war die Ursache meines ganzen späteren Verderbens. Da ich mich in so jugendlichem Alter des Gebrauchs aller Glieder beraubt und durch die Behandlung der irdischen Ärzte so übel zugerichtet sah, entschloß ich mich, zu den himmlischen Ärzten meine Zuflucht zu nehmen, damit diese mich heilen möchten; obschon ich meine Leiden mit großer Freude trug, so wünschte ich doch die Gesundheit wieder zu erlangen. Manchmal war mir freilich der Gedanke gekommen, die Gesundheit könnte Ursache der Verdammnis für mich werden, und es wäre darum besser, wenn ich in meinem kranken Zustande verbliebe; dennoch aber meinte ich, Gott weit mehr dienen zu können, wenn ich wieder gesund würde. So betrügen wir uns selbst dadurch, dass wir uns nicht in allem gänzlich der Führung des Herrn überlassen, der doch am besten weiß, was uns nützlich ist.

7. Ich fing also an, durch MessAndachten und sonstige gutgeheißene Gebetsübungen Hilfe in meinem Anliegen zu suchen. Andere, mit gewissen Zeremonien verbundene Andachten, deren sich einige Personen, namentlich aus dem weiblichen Geschlechte, bedienten, hatte ich nie geliebt. Zwar fühlten sich jene durch diese Zeremonien zur Andacht gestimmt, mir aber sagten sie nicht zu. Später wurde es auch bekanntgegeben, dass diese Andachten, weil abergläubisch, sich nicht geziemten. Zu meinem Fürsprecher und Herrn erwählte ich den glorreichen heiligen Joseph und empfahl mich ihm recht inständig. Und in der Tat, ich habe klar erkannt, dass dieser mein Vater und Herr es gewesen, der mich sowohl alle meiner damaligen Not, als auch aus anderen noch größeren Nöten, die meine Ehre und das Heil meiner Seele betrafen, gerettet und mir sogar mehr noch verschafft hat, als ich zu bitten gewusst. Ich erinnere mich nicht, ihn bis jetzt um etwas gebeten zu haben, was er mir nicht gewährt hätte. Ja, es ist zum erstaunen, welch große Gnaden mir Gott durch die Vermittlung dieses glückseligen Heiligen verliehen und aus wie vielen Gefahren des Leibes und der Seele er mich durch ihn befreit hat. Anderen Heiligen scheint der Herr die Gnade gegeben haben, nur in einem bestimmten Anliegen helfen zu können; diesen glorreichen Heiligen aber habe ich in allen Stücken als Nothelfer kennengelernt. Der Herr will uns ohne Zweifel zeigen, dass er ihm im Himmel alles gewähre, was er von ihm begehrt, nachdem er ihm auf Erden als seinem Nähr und Pflegevater, der das Recht hatte, zu befehlen, untertänig gewesen war. Dies haben auch einige andere Personen, denen ich geraten, sich ihm zu empfehlen, erfahren. Jetzt ist die Zahl derer, die diesen Heiligen aufs neue verehren, schon eine große, und sie alle finden die Wahrheit des hier Gesagten an sich bestätigt. Seinen Festtag trachtete ich stets mit aller Feierlichkeit zu begehen, soweit mir dies nur möglich war. Dabei war ich jedoch weniger vom Geiste wahrer Andacht beseelt, als von Eitelkeit erfüllt, da ich wollte, dass alles recht schön und glänzend veranstaltet werde. Meine Absicht dabei war zwar gut; aber dass Üble hatte ich einmal, dass ich bei allem Guten, wozu mir der Herr seine Gnade verlieh, lauter Unvollkommenheiten und viele Fehler einschlichen. Im Bösen dagegen, in der Prunksucht und in der Eitelkeit, war mir eine große Geschicklichkeit und Sorgfalt eigen. Der Herr wolle es mir verzeihen! Ich möchte jedermann zureden, diesen glorreichen Heiligen zu verehren, weil ich aus vieler Erfahrung weiß, wie viele Gnaden er bei Gott erlangt. Niemals habe ich jemand kennengelernt, der eine wahre Andacht zu ihm trug und durch besondere Übungen ihm diente, an dem ich nicht auch einen größeren Fortschritt in der Tugend wahrgenommen hätte; denn er fördert die Seelen, die sich ihm anempfehlen, gar sehr. Soviel ich glaube, flehe ich ihn schon seit einigen Jahren, jedesmal an seinem Festtage um eine besondere Gnade an, und immer sehe ich meine Bitte erfüllt. Ist dieselbe nicht ganz rechter Art, so lenkt er sie zu etwas Besserem für mich.

8. Wäre ich eine Person, deren Schriften ein Ansehen hätten, so wollte ich gern die Gnaden, die dieser glorreiche Heilige mir und anderen Personen schon erwiesen hat, im Einzelnen recht umständlich erzählen. Es mag aber sein, dass ich mich, um die Grenzen meines Auftrages nicht zu überschreiten, in vielen Stücken kürzer fasse, als mir selbst lieb ist; in anderen Stücken dagegen bin ich vielleicht weitläufiger, als notwendig wäre, sowie es mir bei allem Guten sehr an Verständnis fehlt. Wer immer meinen Worten nicht glauben will, den bitte ich um der Liebe Gottes willen, einen Versuch zu machen; er wird dann erfahren, welch großen Nutzen es bringt, wenn man sich diesem glorreichen Patriarchen empfiehlt und ihn mit Andacht verehrt. Insbesondere sollten jene, die dem innerlichen Gebete ergeben sind, ihm allzeit in Liebe zugetan sein; denn ich weiß nicht, wie man sich der Königin der Engel erinnern und jener Zeit gedenken kann, in der sie mit dem Kinde Jesus so vieles ausgestanden, ohne dem heiligen Joseph für die Wohltat des Beistandes, den er ihnen geleistet hat, Dank zu erstatten. Wer etwa keinen Lehrmeister zur Unterweisung in der Übung des innerlichen Gebetes findet, der wähle sich als solchen diesen glorreichen Heiligen, und er wird keinen Irrweg gehen. Der Herr gebe, dass ich durch meine Kühnheit, von ihm zu sprechen, nicht gefehlt habe! Denn wenn ich mich auch öffentlich als dessen Verehrerin bekenne, so bin ich doch in seinem Dienste und in seiner Nachahmung immer nachlässig gewesen. Dieser Heilige bewirkte also in seiner gewohnten Güte, dass ich wieder vom Bette aufstehen und gehen konnte und nicht mehr gelähmt war. Ich aber habe in meinem Undanke diese Wohltat übel angewendet.

9. Wer hätte es vorausgesagt, dass ich nach so vielen und so großen von Gott empfangenen Gnadengeschenken so schnell fallen würde? Wie hätte dies noch möglich geschienen, nachdem Seine Majestät mir Tugenden geschenkt, die selbst wieder eine Aufforderung für mich waren, ihm zu dienen; nachdem ich mich so nahe dem Tode und in so großer Gefahr der ewigen Verdammnis gesehen, und nachdem mich der Herr an Leib und Seele wieder erweckt hatte, so dass alle, die mich sahen, sich darüber wunderten, dass ich noch lebe? O mein Herr, was ist doch das? Ein so gefahrvolles Leben müssen wir leben! Jetzt, da ich dieses schreibe, meine ich zwar, durch deine Gnade und Erbarmung mit dem heiligen Paulus, wenn auch nicht mit so vollkommener Wahrheit wie er, sagen zu können: nicht ich lebe mehr, sondern du, mein Schöpfer, lebst in mir. Sind es ja doch schon einige Tage, seitdem du mich, soweit ich es erinnern kann, an deiner Hand hältst. Ich gewahre Begierden und Entschlüsse in mir, die sich viele Jahre hindurch schon in manchen Stücken wenigstens einigermaßen als wirksam erwiesen haben, Begierden und Entschlüsse, auch nicht im geringsten etwas zu tun, mal gegen deinen Willen ist, wobei ich freilich unbewussterweise Deine Majestät oft genug noch beleidigen werde. Auch glaube ich gegebenenfalls aus Liebe zu dir selbst das Schwerste mit großem Mute unternehmen zu können; und in der Tat habe ich mit deiner Hilfe schon so manche Dinge glücklich vollbracht. Ich liebe nicht die Welt, noch was in ihr ist und ich glaube mich in nichts zu erfreuen außer in dem, was von dir kommt; alles übrige scheint mir nur ein schweres Kreuz zu sein. Freilich kann ich mich auch täuschen und es ist möglich, dass ich die erwähnten guten Eigenschaften nicht besitze; doch siehst du wohl, o Herr, dass ich, soviel ich es erkennen kann, nicht lüge. Dennoch fürchte ich, du möchtest mich wieder verlassen, und zwar nicht ohne Grund; denn ich weiß es bereits, wie weit meine eigene Kraft reicht und wie schwach meine Tugend ist, wenn du nicht immer mir beistehst und mich stärkest, dass ich nicht von dir lasse. Ja, gebe deine Majestät, dass ich nicht auch jetzt, da es dem Anscheine nach so gut mit mir geht, von dir verlassen sei! Ach, ich weiß nicht, wie wir dieses Leben noch lieben können, da doch alles so unsicher in ihm ist. O mein Herr! Ich hielt es schon für unmöglich, so ganz von dir zu lassen, und doch bin ich so oft von dir gewichen. Dies ist Ursache, warum ich mich fortwährend fürchten muss; denn zögest zu dich auch nur ein wenig von mir zurück, so fiele ich mit allem guten, das ich schon empfangen habe, elend zu Boden. Doch sei gepriesen in Ewigkeit! Wiewohl ich dich verließ, so hast doch Du mich nicht so gänzlich verlassen, dass du mir nicht stets deine Hand gereicht hättest, um mich, wenn ich gefallen, wieder zu erheben. Aber oftmals, o Herr wollte ich diese Hand nicht ergreifen und deine Stimme nicht hören, die mich so oft aufs neue rief. Dies will ich nun im folgenden erzählen.

Siebentes Hauptstück

Wie sie die vom Herrn empfangenen Gnaden allmählich wieder verlor und in welch neue Verirrungen sie geriet. Nachteile, die sich für Nonnenklöster daraus ergeben, wenn daselbst keine strenge Klausur beobachtet wird.

1. Ich fing an, mich von einem Zeitvertreib in den anderen, von einer Eitelkeit in die andere und von einer Gelegenheit in die andere zu werfen. Zuletzt geriet ich in so gefährliche Gelegenheiten, und meine Seele war in eine Menge von Eitelkeiten so sehr verstrickt, dass ich mich scheute, fernerhin mit Gott so vertraulich zu verkehren, wie es beim innerlichen Gebete geschieht. Dazu kam, dass mit dem Anwachsen meiner Sünden der Geschmack und die Freude an Tugendübungen immer mehr in mir schwand. Ich erkannte ganz klar, dass dies daher rührte, weil ich dir, o mein Herr, nicht getreu geblieben bin. Es war aber die furchtbarste Täuschung, in die mich der Teufel unter dem Scheine der Demut versetzen konnte, dass ich mich vor der Übung des innerlichen Gebetes scheute, weil ich mich so böse sah. Als die Schlimmste unter den Schlimmen hielt ich es für besser, mit dem großen Haufen zu gehen und bloß noch die schuldigen mündlichen Gebete zu verrichten, als im innerlichen Gebete so vertrauten Umgang mit Gott zu pflegen, da ich vielmehr verdiente, in der Gesellschaft der höllischen Geister zu sein. Auch glaubte ich durch diese Übung nur die Leute zu täuschen; denn äußerlich hatte ich immer nee den Schein des Guten an mir bewahrt. Aus diesem Grunde ist auch dem Kloster, in dem ich mich befand, wegen meiner keinerlei Schuld beizumessen; durch mein geschicktes Benehmen hatte ich es dahin gebracht, dass man nur die beste Meinung von mir hegte. Doch verfolgte ich nicht absichtlich diesen Zweck, indem ich etwa ein christliches Leben geheuchelt hätte; denn, Gott sei die Ehre, ich erinnere mich nicht, ihn je durch Heuchelei oder eitle Ruhmsucht beleidigt zu haben; wenigstens bin ich mir dessen nicht bewusst. Sobald mir auch nur die erste Regung dazu kam, war mir dies gleich so zuwider, dass der Teufel mit Verlust abzog, indes mir der Gewinn verblieb. Es hat mich darum auch der höllische Geist in dieser Hinsicht von jeher nur wenig angefochten. Hätte ihm aber Gott so heftige Angriffe gegen mich gestattet wie in anderen Dingen, so wäre ich vielleicht auch hier unterlegen. Doch Seine Majestät hat mich bis jetzt davor bewahrt; sie sei dafür in Ewigkeit gepriesen! Weit entfernt also, mich absichtlich zu verstellen, war es mir vielmehr sehr lästig, dass man eine so gute Meinung von mir hege; denn nur zu gut war mir selbst bewusst, was anderen an mir verborgen war. Diese beurteilten mich nur nach dem, was sie äußerlich Lobenswertes an mir gewahrten, und so kam es, dass sie mich nicht für so schlimm hielten, als ich es selbst erkannte. Sie sahen nämlich, wie ich noch so jung und trotz so vieler Gelegenheiten zur Zerstreuung oftmals in die Einsamkeit mich zurückzog, um da meine mündlichen Gebete zu verrichten oder in frommen Büchern zu lesen; wie ich häufig von Gott redete und gern das Bildnis des Herrn an vielen Orten malen ließ; wie ich mein eigenes Oratorium hatte und es mit Gegenständen der Andacht auszustatten trachtete; wie ich von niemand Übles sprach und andere dergleichen Gewohnheiten hatte, die den Schein der Tugend an sich trugen. Dazu verstand ich es, eitel wie ich war, durch solche Vorzüge, auf die die Welt einen Wert zu legen pflegt, die Achtung anderer zu gewinnen. Kein Wunder also, wenn man mir großes Vertrauen schenkte und ebensoviel, ja noch mehr Freiheit gestattete als selbst den älteren Nonnen. Denn selber mir eine Freiheit herauszunehmen und unerlaubterweise etwas zu tun, wie z. B. durch die Mauerlücken oder bei der Nachtzeit mit Auswärtigen zu verkehren, dies, glaube ich, hätte ich im Kloster nicht über mich bringen können. So etwas habe ich niemals getan; denn der Herr hielt mich an seiner Hand. Ich hatte vieles absichtlich und genau betrachtet, und demnach würde ich es für eine große Übeltat gehalten haben, durch die Bosheit meiner Person die Ehre so vieler braver Nonnen aufs Spiel zu setzen. So betete ich, gleich als ob mein übriges Verhalten gut gewesen wäre. Um aber der Wahrheit Zeugnis zu geben, muss ich doch bekennen, dass das Böse, das ich getan, soviel es auch gewesen, nicht mit so vollkommener Überlegung geschah, wie es bei Übertretungen genannter Art der Fall gewesen wäre.

2. Sehr nachteilig für mich war meines Erachtens der Umstand, dass das Kloster, in dem ich mich befand, dem Zutritt auswärtiger Personen nicht verschlossen war. Da man hier keine Klausur gelobte und darum auch zu keiner gröberen Strenge verpflichtet war, so konnten sich andere brave Nonnen der ihnen gestatteten Freiheit, mit Auswärtigen zu verkehren, mit gutem Gewissen bedienen; mich aber, die ich böse bin, würde diese Freiheit sicher in die Hölle geführt haben, hätte der Herr mich nicht durch so viele Mittel und Wege, ja durch ganz besondere Gnaden, die er mir verlieh, aus dieser Gefahr errettet. Daraus schließe ich, dass es überhaupt um die besagte Freiheit in einem Nonnenkloster etwas sehr gefährliches ist. Eine solche Freiheit ist meiner Ansicht nach für jene, die böse sein wollen, mehr ein gebahnter Weg zur Hölle als ein Mittel zur Abhilfe ihrer Schwächen. Man wolle indessen das Gesagte nicht so nehmen, als gelte es meinem Kloster; denn hier befinden sie sehr viele, die dem Herrn in aller Wahrheit und mit großer Vollkommenheit dienen, so dass Seine Majestät in ihrer gewohnten Güte nicht umhin kann, sie mit Gnadenschätzen zu bereichern. Auch gehört dieses Kloster nicht zu jenen, die gar zu offen stehen, und es wird in ihm die klösterliche Zucht vollständig beobachtet. Ich rede hier nur von anderen Klöstern, die mir bekannt sind und die ich gesehen habe. Die Nonnen dieser Klöster bedauere ich sehr. Sollen sie gerettet werden, so ist es notwendig, dass der Herr sie auf besondere Weise rufe, und zwar nicht bloß einmal, sondern oftmals rufe; denn der Genuss weltlicher Ehren und Unterhaltungen besteht hier so zu recht, und die diesen Dingen nachgehen, verstehen so wenig ihre Verpflichtungen, dass Gott gebe, sie möchten das, was Sünde ist, nicht gar noch für Tugend halten, wie ich es selbst oftmals getan habe. Auch ist es so schwer, sie hierin aufzuklären, so dass der Herr selbst sehr ernstlich eingreifen muss. Würden die Eltern meinen Rat befolgen und wäre ihnen das Seelenheil ihrer Töchter nicht gleichgültig, so würden sie doch wenigstens die Ehre (ihrer Familien) berücksichtigen und diese nicht in ein Kloster geben, wo sie auf dem Wege des Heiles größere Gefahr laufen als selbst in der Welt. Sie würden weit besser tun, sie zu verheiraten, und sei es auch weit unter ihrem Stande, als sie in dergleichen Klöstern unterzubringen, wenn sie nicht etwa rum Guten sehr geneigt sind; und da gebe Gott, dass wenigstens noch dies ihre Rettung sei. Ja, lieber würden sie auch noch ihre Kinder zu Hause bei sich behalten; denn wollen diese hier böse sein, so wird es nur kurze Zeit verborgen bleiben können, im Kloster aber sehr lange, bis es der Herr zuletzt doch noch aufdecken wird. Auch schaden sie im Kloster nicht nur sich selbst, sondern allen anderen. Indes haben die armen Kinder zuweilen keine Schuld; denn sie halten sich nur an das Bestehende. Es ist beklagenswert, dass diese bei der guten Absicht, die sie leitet, es ja übel treffen. Sie wollen die Welt verlassen, und indem sie meinen, sie gingen hin, um fern von den Gefahren der Welt dem Herrn zu dienen, befinden sie sich in zehn Welten auf einmal, so dass sie für sich keine Hilfe und keine Rettung wissen; denn ihre Jugend, die Sinnlichkeit und der Teufel laden sie ein und veranlassen sie, Dingen nachzugehen, die von der nämlichen Welt sind, die sie verlassen haben. Und siehe, so geschieht es dann, dass sie diese Dinge sozusagen sogar für gut halten. In dieser Hinsicht kommen sie mir gewissermaßen vor wie die unglücklichen Ketzer. Gleich diesen wollen auch sie blind sein und sich einreden, das, was sie tun, sei gut, und sie seien davon überzeugt, während sie es in Wahrheit doch nicht sind, da eine innere Stimme ihnen zuruft, dass ihre Handlungsweise böse ist.

3. O schreckliches Übel, schreckliches Übel, wenn in den Ordenshäusern — der Männer nicht minder wie der Frauen — die Ordenszucht nicht beobachtet wird; wenn in einem Kloster zwei Wege sind, der Weg der Tugend und der klösterlichen Zucht und der Weg der Erschlaffung dieser Zucht, und wenn beide Wege fast gleichmäßig betreten werden! Doch was sage ich, gleichmäßig? Nein, nicht gleichmäßig. Denn um unserer Sünden willen geschieht es, dass der unvollkommenere Weg mehr gegangen und darum auch mehr begünstigt wird. Dagegen wandeln auf dem Wege wahrer klösterlicher Vollkommenheit so wenige, dass ein Ordensmann oder eine Nonne, die ernstlich beginnen wollen, ihrem Berufe vollständig nachzukommen, die eigenen Hausgenossen mehr zu fürchten haben als alle höllischen Geister zusammengenommen. Sie müssen mehr Vorsicht und Verdeckungskunst anwenden, wenn sie von der Freundschaft sprechen wollen, die sie mit Gott zu unterhalten verlangen, als wenn sie von anderen Freundschaften und Zuneigungen redeten, die der Teufel in den Klöstern einführt. Ich begreife nicht, wie wir uns noch darüber wundern mögen, dass es in der Kirche so viele und große Übel gibt, wenn sogar jene, die allen übrigen als Tugendmuster hätten dienen sollen, das Werk, das der Geist der Heiligung vergangener Zeiten in den Ordensständen hinterlassen hat, so gründlich zerstört haben. Möge es der göttlichen Majestät gefallen, diesem Unheile abzuhelfen, wie sie es für notwendig erkennt! Amen.

4. Als ich mich in Unterhaltungen mit weltlichen Personen einzulassen begann, meinte ich nicht, dass sie in der gebräuchlichen Art, wie ich sie sah, meiner Seele einen so großen Nachteil und so viele Zerstreuungen bringen würden, wie ich dies später erkannt habe. Ich glaubte, ein so allgemeiner Gebrauch, wie die in vielen Klöstern üblichen Besuche auswärtiger Personen, könnte mir auch nicht mehr schaden als den übrigen, die mir als tugendhafte Nonnen bekannt waren. Dabei beachtete ich jedoch nicht, dass jene viel besser waren als ich und dergleichen Besuche für sie keine so große Gefahr mit sich brachten wie für mich; denn einige Gefahr befürchte ich immerhin, und bestände auch der Schaden, den sie bringen, in nichts anderem als in bloßem Zeitverlust. Einstmals nun befand ich mich eben in der Unterhaltung mit einer Person, die ich erst kurz zuvor kennengelernt hatte, als mich der Herr davon überzeugen wollte, dass solche Freundschaften unpassend für mich wären; zugleich wollte er mich warnen und mich in meiner so großen Blindheit erleuchten. Es erschien vor mir Christus mit sehr ernstem Antlitze und gab mir zu verstehen, dass ihn so etwas verdrieße. Ich sah ihn mit den Augen der Seele, und zwar viel deutlicher, als ich ihn mit leiblichen Augen hätte sehen können. Seine Gestalt blieb mir so tief eingeprägt, dass es mir jetzt nach mehr als sechsundzwanzig Jahren noch immer ist, als sähe ich ihn gegenwärtig. Ich war darüber sehr erschrocken und bestürzt und wollte mit der Person, mit der ich mich unterhielt, nicht mehr verkehren.

5. Leider wusste ich damals noch nicht, dass man etwas auch anders als mit leiblichen Augen sehen könne. Dies war mir ein großer Nachteil, zumal auch der böse Feind sich bemühte, in mir den Glauben an die Wirklichkeit dieser Vision nicht aufkommen zu lassen. Er flüsterte mir ein, dass so etwas unmöglich wäre, dass ich mir die Vision bloß eingebildet hätte, dass sie auch vom Teufel gewesen sein könnte, und anderes dergleichen mehr. Zwar schien es mir immer, die gehabte Vision sei von Gott und nicht eine bloße Einbildung gewesen; weil aber diese Erkenntnis nicht nach meinem Geschmacke war, suchte ich mich ihrer zu entschlagen. Auch getraute ich mir nicht, mit jemand darüber zu sprechen. Als man nun in der Folge wieder sehr in mich drang und mich versicherte, der Verkehr mit einer solchen Person sei nichts Unrechtes, und es würde dadurch meine Ehre eher gewinnen als verlieren, nahm ich die Beziehungen zu ihr wieder auf. Später ließ ich mich auch in Unterhaltungen mit anderen Personen ein; denn viele Jahre überließ ich mich einem so pestartigen Vergnügen. Indes, solange ich diesem ergeben war, hielt ich es nicht für so böse, wie es an sich gewesen, obwohl ich obwohl ich zuweilen einsah, dass es nichts Gutes sei. Niemand aber verursachte mir mehr Zerstreuung als gerade die Person, von der ich eben gesprochen, da ich eine große Zuneigung zu ihr hege.

6. Ein andermal unterhielt ich mich mit derselben Person; wir sahen mit anderen Anwesenden, wie etwas auf uns zukam, das einer großen Kröte glich, sich aber viel schneller bewegte, als es diesen Tieren eigen ist. Ich kann nicht begreifen, wie sich so ein abscheuliches Tier mitten am Tage dort aufhalten konnte, wo sonst niemals ein solches gesehen wurde, und woher es kam. Der Eindruck, den dieses Vorkommnis auf mich machte, lässt mich vermuten, dass es nicht ohne geheime Bedeutung gewesen sei; es ist mir auch ebenso, wie die erwähnte Vision, niemals aus dem Sinne gekommen. O großer Gott, mit welcher Sorgfalt und Liebe hast du mich doch auf alle mögliche Weise gewarnt und wie wenig Nutzen habe ich daraus gezogen!

7. Im Kloster hatte ich eine Verwandte, die im Alter schon weit vorgerückt, eine große Dienerin Gottes und eine der klösterlichen Zucht sehr ergebene Nonne war. Auch von dieser wurde ich mehrmals gewarnt; doch weit entfernt ihr zu glauben, ward ich vielmehr ungehalten über sie und meinte, sie nehme ohne Grund ein Ärgernis. Dies alles habe ich deshalb erzählt, damit man daraus meine Bosheit und die große Güte Gottes erkenne und sich überzeuge, wie sehr ich durch einen so großen Undank die Hölle verdiente. Auch wurde ich von dem Wunsche angetrieben, es möchten sich die Nonnen, die diese Erzählung — sollte es der Herr fügen und es ihm gefallen — einmal lesen werden, mein Beispiel zur Mahnung dienen lassen. Um der Liebe unseres Herrn willen bitte ich sie also, dergleichen Unterhaltungen zu fliehen. Möchte es Seiner Majestät gefallen, dass wenigstens einige von denen, die durch mich getäuscht worden sind, durch mich wieder enttäuscht werden! Ich rede ihnen nämlich vor, solche Unterhaltungen seien nichts Unrechtes, und flößte ihnen auf diese Weise mitten in so großer Gefahr eine falsche Sicherheit ein; doch tat ich dieses nur, weil ich selbst mit Blindheit geschlagen war, nicht aber um sie absichtlich zu täuschen. Und so verhielt es sich auch mit dem Beispiele, dass ich ihnen, wie gesagt, gegeben habe; denn dadurch bin ich die Ursache von vielem Bösen geworden, ohne jedoch daran zu denken, dass ich so Schlimmes täte.

8. Es war zur Zeit meiner Krankheit, in den Tagen meines ersten Eifers, als mir, noch ehe ich mir selbst zu helfen wusste, ein heftiges Verlangen kam, andere zu fördern. Dies ist eine bei Anfängern sehr häufig vorkommende Versuchung, die jedoch bei mir eine glückliche Folge hatte. Da ich nämlich die innigste Liebe zu meinem Vater hegte, wünschte ich auch ihm das hohe Gut, das er, wie ich glaubte, in der Übung des innerlichen Gebetes finden würde; denn in diesem Leben schien es mir kein größeres Gut geben zu können als diese Übung. Ich suchte ihn daher, so gut ich es vermochte, durch Zureden dafür zu gewinnen und gab ihm auch Bücher dazu. Da er, wie schon gesagt, sehr tugendhaft war, entsprach er meinen Bemühungen und widmete sich jener Übung mit glücklichem Erfolge; in fünf oder sechs Jahren — ja lange wird es nach meinem Dafürhalten gewesen sein — hatte er solche Fortschritte gemacht, dass ich darüber großen Trost empfand und den Herrn aus ganzem Herzen dafür lobte. Die Leiden, die in verschiedener Weise über ihn kamen, waren außerordentlich; aber er ertrug sie alle mit größter Ergebung in den göttlichen Willen. Da es ihm Trost gewährte, sich über göttliche Dinge zu unterhalten, so kam er oftmals, mich zu besuchen.

9. Später nun ließ ich mich in Zerstreuungen ein und gab das innerliche Gebet ganz auf; da mir aber die gute Meinung, die, wie ich sah, mein Vater von mir hegte, als wäre ich noch ebenso fromm wie früher, unerträglich vorkam, so wollte ich ihn nicht länger in seinem Irrtum belassen. Bereits über ein Jahr hatte ich das innerliche Gebet nicht mehr geübt, und zwar aus dem Grunde, weil mir dessen Unterlassung der Demut mehr zu entsprechen schien. Dies war unter allen Versuchungen, die mir je zugestoßen sind, wie ich noch erklären werde, die gefährlichste; denn dadurch, dass ich ihr nachgab, war ich auf dem Wege, ganz zugrunde zu gehen. Zwar bin ich auch vorher, als ich das innerliche Gebet noch übte, nicht frei von Fehlern geblieben; hatte ich aber damals an einem Tage Gott beleidigt, so sammelte ich mich die folgenden Tage wieder und hütete mich desto sorgfältiger vor der Gelegenheit. Als mich nun der heiligmäßige Mann eines Tages in der guten Meinung, als pflegte ich wie gewöhnlich vertrauten Umgang mit Gott, wieder besuchte, fiel es mir schwer, ihn so getäuscht zu sehen. Ich sagte ihm also, dass ich jetzt das innerliche Gebet nicht mehr übe; die Ursache davon gestand ich ihm aber nicht, sondern schützte meine Krankheiten als Hindernis vor. Und in der Tat, obschon ich von jener schweren Krankheit, die ich bereits geschildert habe, wieder genesen war, so hatte ich doch bis dahin und habe ich noch jetzt mit nicht geringen Leiden zu kämpfen. Erst in jüngster Zeit treten diese nicht mehr mit so großer Heftigkeit auf, aber immerhin hängen sie mir in mancher Weise noch nach. Insbesondere litt ich zwanzig Jahre hindurch alle Morgen an Erbrechen, so dass ich erst am Nachmittage, und zuweilen auch später, etwas genießen konnte. Jetzt, seitdem ich häufiger kommuniziere, stellt sich das Erbrechen erst nachts vor dem Schlafengehen ein, ist aber mit viel größerer Beschwerde verbunden, als es des Morgens der Fall war. Ich muss nämlich dem Reize dazu mit Federn oder anderen dergleichen Dingen nachhelfen; unterlasse ich dieses, dann fühle ich mich sehr unwohl. Auch sonst befinde ich mich, wie ich meine, fast nie ohne mancherlei Schmerzen, die mitunter sehr heftig sind, besonders wenn ich von dem schon erwähnten Herzleiden befallen werde. Letzteres indessen stellt sich jetzt, während mich früher fast unaufhörlich quälte, nur von Zeit zu Zeit ein; die starke Gliederlähmung und die vormals so häufigen Fieberanfälle sind seit acht Jahren ganz von mir gewichen. Was immer aber mir von Leiden noch geblieben ist, achte ich so wenig, dass ich mich vielmehr oftmals von Herzen darüber freue, weil ich meine, dem Herrn wenigstens in etwa damit dienen zu können.

10. Mein Vater glaubte mir, was ich ihm gesagt, das nämlich meine Krankheiten die Ursache wären, warum ich das innerliche Gebet nicht mehr übte. Da er selbst nie eine Unwahrheit redete, so hätte auch ich ihm, zumal in einer solchen Sache, keine sagen sollen. Ich sah wohl ein, dass der von mir angegebene Grund zu meiner Entschuldigung nicht hinreichte; darum fügte ich, um meine Aussage glaubwürdiger zu machen, die Bemerkung bei, es sei viel, dass ich nur dem Chore noch beiwohnen könne. Trotzdem aber wären meine Krankheiten doch kein genügender Grund gewesen, eine Übung zu unterlassen, die nicht körperliche Kräfte, sondern nur Liebe und Angewöhnung erheischt, zumal der Herr auch immer günstige Gelegenheit dazu verschafft, wenn man nur will. Ich sage »immer«; denn wenn er auch bisweilen zulässt, dass Krankheiten oder Unpäßlichkeiten uns hindern, lange in der Einsamkeit zu beten, so gibt er uns doch zu anderen Zeiten wieder hinreichende Gesundheit dazu. Bei Unpäßlichkeiten aber und in der Krankheit ist schon das ein wahres Gebet, wenn die Gott liebende Seele ihm ihre Leiden aufopfert, wenn sie sich erinnert, für wen sie leidet, und sich dabei in Gottes Willen ergibt oder andere Akte erweckt, die sich ihr in Menge darbieten werden. Auf solche Weise wird die Liebe geübt, und man hat dazu nicht so viele Kraft nötig als zu einem längeren Gebete, das man in der Einsamkeit und mit Beobachtung der übrigen Förmlichkeiten, worin das Wesen des Gebetes nicht besteht, verrichtet. Es gehört nur ein klein wenig Sorgfalt dazu, um und auch dann, wenn der Herr uns durch Leiden die Zeit zur Übung des innerlichen Gebetes nimmt, mit großen Gütern zu bereichern. Solange ich ein reines Gewissen bewahrte, habe ich dies an mir selbst erfahren. Mein Vater aber, der nur die beste Meinung von mir hatte und die innigste Liebe zu mir trug, glaubte mir alles und hatte sogar noch Mitleid mit mir. Doch das tat er, dass er sich fortan nicht mehr so lange bei mir aufhielt, sondern, nachdem er mich gesehen hatte, sich bald wieder entfernte; denn er stand bereits auf einer sehr hohen Stufe der Vollkommenheit und sagte, es wäre nur Zeitverlust, sich mit mir länger zu unterhalten. Ich aber, die ich die Zeit in anderen Eitelkeiten zubrachte, achtete einen solchen Verlust wenig. Es war indes mein Vater nicht der einzige, den ich für die Übung des innerlichen Gebetes gewann; ich suchte auch andere Personen dafür zu gewinnen, selbst dann noch, als ich schon in Eitelkeiten verstrickt war. Da ich nämlich sah, wie gern jene mündlich beteten, unterrichtete ich sie über die Art und Weise der Betrachtung, half ihnen darin weiter und gab ihnen Bücher dazu; denn das Verlangen, es möchten auch andere Gott dienen, hatte ich bis dahin immer bewahrt, seitdem ich selbst begonnen, das innerliche Gebet zu üben. Ich dachte mir, dass doch auf solche Weise das, was Seine Majestät mich gelehrt, nicht verloren sei und dem Herrn dann wenigstens andere statt meiner dienen würden, wenn ich ihm auch selbst nie so diente, wie ich es als meine Pflicht erkannte. Ich bemerke dies deshalb, damit man die große Blindheit erkenne, mit der ich geschlagen war, indem ich mein eigenes Heil vernachlässigte, während ich fremdes zu fördern trachtete.

11. Um jene Zeit fiel mein Vater in seine letzte Krankheit, an der er schon nach einigen Tagen starb. Ich ging hin, ihn zu pflegen, war aber, weil in eine Menge Eitelkeiten versunken, der Seele nach kränker als er am Leibe. Doch waren nach meinem Dafürhalten meine Verirrungen in der ganzen Zeit, von der ich hier spreche und in der es am schlimmsten mit mir stand, nicht von der Art, das ich mich im Stande der Todsünde befunden hätte; denn in einem solchen Stande würde ich, sobald ich ihn erkannt hätte, um keinen Preis länger mehr verblieben sein. Während der Krankheit meinen Vaters unterzog ich mich großer Mühe und Beschwerde, so dass ich glaube, ihm dadurch wenigstens etwas von jenen Mühen vergolten zu haben, die er in meinen eigenen Krankheiten auf sich genommen hatte. Obwohl ich selbst sehr leidend war, raffte ich doch meine Kräfte zusammen, ihn zu pflegen. Ich fühlte es, dass mit seinem Hingange alles Wohl und alle Freude für mich dahin sein würde; denn ich war zu einem Sein mit ihm verbunden. Dennoch war ich starkmütig genug, um vor ihm meinen Schmerz zu verbergen und mich, bis er ausgehaucht hatte, so zu verhalten, als wäre ich unempfindlich. Es war mir aber, als ich ihn verscheiden sah, so zumute, dass ich meinte, die Seele würde mir aus dem Leibe gerissen; denn ich hatte ihn außerordentlich lieb. Er nahm ein so schönes und erbauliches Ende und starb so gern, dass wir Ursache hatten, den Herrn zu loben. Rührend waren die Ermahnungen, die er nach dem Empfange der Letzten Ölung uns noch gab. Er trug uns auf, ihn Gott zu empfehlen und dessen Barmherzigkeit für ihn anzuflehen, und er ermahnte uns, allzeit Gott zu dienen und niemals die Wahrheit aus den Augen zu verlieren, dass alles einmal ein Ende nimmt. Unter Tränen bekannte er uns seinen großen Schmerz darüber, dass er Gott nie in rechter Weise gedient habe; er wünsche jetzt als Ordensmann im allerstrengsten Orden gelebt zu haben, den es gebt. Ich halte es für ganz gewiss, der Herr habe ihn vierzehn Tage vor seinem Tode erkennen lassen, dass er nicht länger mehr leben werde; denn vorher, obschon bereits erkrankt, meinte er dies nicht; nachher aber, als es schon wieder besser mit ihm geworden war und die Ärzte selbst ihm dies erklärten, gab er nichts darauf, sondern beschäftigte sich nur noch damit, seine Seele in Ordnung zu bringen.

12. Ein Hauptleiden bestand in einem äußerst heftigen Rückenschmerze, der gar nicht aufhörte und ihm zuweilen so stark zusetzte, dass er deshalb sehr niedergedrückt war. Da er mit besonderer Andacht das Geheimnis der Kreuztragung unseres Herrn verehrte, riet ich ihm, er solle denken, der Herr wolle ihn etwas von dem Schmerz empfinden lassen, den er selbst in diesem Leiden erduldet hat. Dadurch wurde er so getröstet, dass ich ihn, wie ich meine, nie mehr klagen hörte. Drei Tage lang hatte er das Bewusstsein fast gänzlich verloren; aber am Tage seines Hinscheidens gab es ihm der Herr so vollständig wieder, dass wir darüber staunten. Es verblieb ihm sodann, bis er, nachdem er selbst noch das Kredo zur Hälfte gebetet hatte, seinen Geist aufgab. Nach seinem Verscheiden lag er da so schön wie ein Engel. Der Seele nach und der guten Verfassung wegen, in der er sich befand, schien er mir auch wirklich, wie man so zu sagen pflegt, ein Engel gewesen zu sein.

13. Doch ich weiß nicht, wozu diese Erzählung dienen soll, wenn nicht etwa dazu, dass ich ob meines schlimmen Lebens um so schuldbarer erscheine; denn nachdem ich Zeuge eines so erbaulichen Todes gewesen und mir ein so tugendhaftes Leben vor Augen gestanden, hätte ich das meinige bessern sollen, um einem solchen Vater wenigstens, einigermaßen ähnlich zu werden. Sein Beichtvater, ein sehr gelehrter Dominikaner, dem er seit einigen Jahren gebeichtet hatte, lobte die Reinheit seines Gewissens und sagte, er zweifle nicht, dass mein Vater geraden Weges in den Himmel eingegangen sei.

14. Durch diesen DominikanerPater, der zugleich sehr tugendhaft und gottesfürchtig war, sollte mir ein großer Nutzen erwachsen. Da ich fortan bei ihm beichtete, so nahm er sich mit Sorgfalt um das Heil meiner Seele an. Er machte mich auf das Verderben aufmerksam, dem ich entgegenging, und ließ mich alle vierzehn Tage kommunizieren. Nachdem ich schon mehreres mit ihm besprochen, teilte ich ihm auch mein Verhalten in betreff des innerlichen Gebetes mit. Er trug mir auf, es ferner nicht mehr zu unterlassen, weil es mir für jeden Fall nur nützen könnte; und so nahm ich es denn aufs neue auf, um nie mehr davon abzulassen. Die Gelegenheiten aber, die sich mir fortwährend darboten, gab ich noch nicht auf. Ich führte darum ein höchst qualvolles Leben; denn die Fehler, die ich infolge dieser Gelegenheiten beging, traten mir jetzt im Gebete klarer vor Augen. Auf der einen Seite rief mich Gott, auf der anderen folgte ich der Welt; während ich große Freude an allen göttlichen Dingen hatte, fesselten mich die weltlichen. Ich schien damals zwei so entgegengesetzte und sich so feindlich gegenüberstehende Dinge, wie das geistliche Leben und die sinnlichen Freuden, Genüsse und Unterhaltungen, miteinander vereinigen zu wollen. Unter dem Gebete litt ich große Pein; denn weil der Geist nicht Herr war, sondern Sklave, so konnte nicht, wie dies meine ganze Gebetsweise war, in mich selbst verschließen, ohne zugleich tausend Eitelkeiten mit mir einzuschließen. Auf diese Weise brachte ich viele Jahre hin, so dass ich mich selbst darüber wundere, wie ich dies aushalten konnte, ohne das eine oder das andere zu lassen. Indessen weiß ich wohl, dass es nicht mehr in meiner Gewalt stand, dass innerliche Gebet aufzugeben; denn der mich liebte, hielt mich in seinen Händen, um mir noch größere Gnaden mitzuteilen.

15. O Gott, wie könnte ich alle Gelegenheiten aufzählen, denen mich der Herr in diesen Jahren entrissen hat, in die ich aber wieder aufs neue geraten bin! Wie könnte ich alle Gefahren beschreiben, meinen guten Ruf gänzlich zu verlieren, aus denen er mich errettet hat! Meine Werke waren so beschaffen, dass sie die Bosheit meines Herzens verrieten; der Herr aber deckte zu, was ich böses tat, während er eine geringe Tugend, wenn eine solche an mir sich fand, alle erkennen ließ und sich groß machte vor ihren Augen, so dass ich immer von allen hochgeachtet ward. Blickten auch zuweilen meine Eitelkeiten hervor, so glaubte man sie nicht, weil man wieder anderes an mir gewahrte, was man für Tugend hielt. Der Allwissende hatte vorausgesehen, dass dies allen darum so sein musste, damit man später meinen Worten, durch die ich zu seinem Dienst aufmunterte, Glauben schenkte. Seine höchste Freigebigkeit sah nicht auf meine Sünden, sondern auf die oftmals gehegten frommen Begierden, ihm zu dienen, und auf den Schmerz, den ich darüber empfand, dass mir die Kräfte fehlten, diese Begierden ins Werk zu setzen.

16. O Herr meiner Seele! Wie könnte ich die Wohltaten hoch genug preisen, die du mir in jenen Jahren erwiesen? Wie hast du mich doch gerade zu der Zeit, in der ich dich am meisten beleidigte, durch Verleihung einer so außerordentlichen Reue binnen kurzem zum Empfange deiner süßen Tröstungen und besonderen Gnaden bereitet! Wahrhaftig, o mein König! Du hast dich eines Mittels bedient, das die empfindlichste und peinlichste Strafe war, die mich treffen konnte, da du gar wohl wusstest, was mich am schmerzlichsten berühren würde. Du züchtigst meine Missetaten mit großen Geschenken deiner Gnade. Ich glaube nicht, dass ich irre rede, obschon es nicht zu verwundern wäre, wenn ich jetzt bei der erneuten Erinnerung an meine Undankbarkeit und Bosheit den Verstand verloren hätte. Meine Gemütsart empfand es weit schmerzlicher, wenn ich nach begangenen schweren Fehlern Gnaden von Gott empfing, als wenn er mich gestraft hätte; ja ich glaube mit Gewissheit sagen zu können, dass eine einzige solche Gnade mich mehr vernichtete, beschämte und schmerzte, als wenn ich viele Krankheiten und zahlreiche andere Leiden hätte erdulden müssen. In diesen sah ich eine verdiente Strafe, und ich glaubte, durch sie etwas von meinen Sünden abzubüßen, wenn auch im Vergleiche mit deren Menge alles, was ich litt, nur wenig war; der Empfang neuer Gnaden aber, nachdem ich die früher empfangenen so übel vergolten, war für mich eine furchtbare Art von Marter. Ich glaube, es würden alle, die nur einige Erkenntnis und Liebe Gottes besitzen, dasselbe empfinden; denn es liegt dies in der Natur eines tugendhaften Gemütes. Daher meine Tränen und mein Verdruss, wenn ich sah, was ich litt, und wenn ich mich dennoch dem Rückfalle so nahe erblickte, obschon meine guten Entschlüsse und Begierden für den Augenblick feststanden.

17. Es ist ein großer Nachteil für die Seele, wenn sie unter so vielen Gefahren allein steht. Würde ich jemand gehabt haben, dem ich dies alles hätte mitteilen können, ich glaube, ich hätte mich vor dem Rückfalle zu hüten gesucht; es hätte mich alsdann, wenn nicht die Scheu vor Gott, so doch wenigstens die Beschämung vor einem Menschen davon zurückgehalten. Aus diesem Grunde möchte ich denen, die das innerliche Gebet üben, insbesondere den Anfängern, den Rat geben, die Freundschaft und den Umgang anderer zu suchen, die der nämlichen Übung ergeben sind. Es ist dies eine Sache von höchster Wichtigkeit, und sollte dadurch auch nichts anderes erzielt werden, als dass die einen den anderen mit ihren Gebeten zu Hilfe kommen. Doch dieser Vorteil ist es nicht allein; es sind noch viele andere, die daraus erwachsen. Sieht man sich zum Zwecke weltlicher Unterhaltungen und Vergnügen, auch wenn sie nicht viel taugen, nach Freunden um, sich bei ihnen zu erholen und durch Mitteilung seiner eitlen Freuden deren Genuss zu verdoppeln, so sehe ich nicht ein, warum es einem, der ernstlich anfängt, Gott zu lieben und ihm zu dienen, verwehrt sein sollte, gleichfalls seine Freuden und Leiden, wie sie dem Gebete ergebenen Seelen überhaupt zukommen, anderen mitzuteilen. Ist die Freundschaft, die er mit Gott unterhalten will, eine wahre, dann braucht er sich solcher Mitteilungen halber vor eitler Ehrsucht nicht zu fürchten, und sollte er auch davon angefochten werden, so wird er schon ihre erste Regung mit Verdienst überwinden. Wer immer aus reiner Absicht mit seinen Freunden Dinge dieser Art bespricht, der wird nach meiner Ansicht sowohl sich selbst als auch den Zuhörenden nützen; er wird an eigenem Verständnis gewinnen und zugleich auch ohne es zu beabsichtigen, seine Freunde belehren. Wer aber bei dergleichen Unterredungen von eitler Ehrsucht beschlichen wird, dem mag dies auch dann widerfahren, wenn er im Beisein anderer der Messe mit Andacht beiwohnt oder sonst einer Pflicht genügt, die er als Christ notwendig erfüllen muss, und die er aus Furcht vor eitler Ehre nicht unterlassen darf. Für Seelen, die in der Tugend noch nicht erstarkt sind, ist so vielen Widersachern und selbst Freunden gegenüber, die sie zum Bösen anreizen, an diesem Verkehre so viel gelegen, dass ich dessen Wichtigkeit nicht genug hervorheben kann. Es scheint mir ein Kunstgriff des bösen Feindes zu sein, durch den er viel für sich gewinnt, dass er jene, die in Wahrheit Gott zu lieben und ihm wohlzugefallen streben, veranlasst, dies ja recht geheim zu halten. Dagegen stachelt er die Menschen an, andere, unehrbare Liebesneigungen einander mitzuteilen; und dies ist jetzt so ganz und gar der Brauch, dass man es für guten Ton zu halten scheint und seinen Anstand nimmt, die Beleidigungen Gottes, deren man sich in dieser Beziehung schuldig macht, öffentlich zu erzählen.

18. Ich weiß nicht, ob ich hier nicht etwa töricht rede. Wenn dies der Fall wäre, so bitte ich Euer Gnaden, zerreißen sie, was ich in dieser Weise geschrieben; wenn nicht, so helfen sie meiner Einfalt nach und fügen sie nur recht vieles noch hinzu. Herrscht ja doch jetzt im Dienste Gottes so große Lauheit, dass jene, die Gott dienen, einander schützen müssen, um voranzuschreiten; denn so weit ist es schon gekommen, dass man die Eitelkeiten und Freuden dieser Welt sogar für gut und recht hält. Auf solche zwar, die diesen Dingen nachgehen, achten nur wenige; wenn aber einer anfängt, sich Gott hinzugeben, dann gibt es so viele, die dagegen murren, dass es ihm notwendig ist, sich nach Gefährten umzusehen, bei denen er Schutz findet, die er selbst so viel Kraft gewonnen hat, dass er vor Leiden nicht mehr zurückschreckt. Ohne diesen Schutz wird er sich in großer Bedrängnis finden. Dies dürfte, wie mir scheint, bei manchen Heiligen der Grund gewesen sein, warum sie sich in Wüsteneien zurückgezogen haben. Auch ist es eine Art Demut, wenn jemand nicht auf sich selbst vertraut, sondern glaubt, Gott werde ihm seinen Beistand um der Freunde willen verleihen, mit denen er umgeht. Nebstdem gewinnt die Liebe dadurch, dass sie sich anderen mitteilt, an Wachstum, und tausend Güter sind es, die der Umgang mit gottseligen Freunden mit sich bringt. Ich würde nicht so zu sprechen wagen, wüßte ich nicht aus langer Erfahrung, wieviel an einem solchen Umgange gelegen ist. Es ist zwar wahr, ich bin die Schwächste und Elendeste unter allen Menschenkindern; dennoch halte ich dafür, dass auch eine starke Seele nicht verliert, wenn die demütig ist und sich selbst nicht für stark hält, sondern meiner Erfahrung glaubt. Von mir selbst aber kann ich sagen, dass ich bei meinem beständigen Fallen und Wiederaufstehen zuletzt in die Hölle gestürzt wäre, wenn mir der Herr die eben dargelegte Wahrheit nicht zu erkennen gegeben und die Gelegenheiten nicht geboten hätte, recht häufig mit Personen zu verkehren, die das innerliche Gebet übten; zuvor hatte ich zwar viele Freunde, die mir zum Fallen halfen, zum Wiederaufstehen aber fand ich mich allein, so dass ich mich jetzt wundere, wie ich nicht für immer liegen geblieben bin. Gott allein hat mir die Hand gereicht, darum lobe ich seine Barmherzigkeit. Er sei gepriesen in alle Ewigkeit! Amen.

Achtes Hauptstück

Großer Nutzen, der sich für sie daraus ergab, dass sie das innerliche Gebet nicht ganz unterließ, da dadurch ihre Seele vom Verderben bewahrt wurde. Welch ein vortreffliches Mittel dieses Gebet ist, um das Verlorene wieder zu erlangen! Sie redet allen zu, das innerliche Gebet zu üben, und erklärt, welch großen Gewinn es verschafft und wie nützlich, es ist, es eine Zeitlang geübt zu haben, auch wenn man wieder davon ablassen sollte.

1. Nicht ohne Ursache habe ich diesen Zeitabschnitt meines Lebens so ausführlich beschrieben, obwohl ich einsehe, dass niemand eine Freude daran haben wird, ein so häßliches Gemälde vor sich ausgerollt zu sehen. Und wahrlich, ich wünschte auch, meine Leser müssen mich verabscheuen, wenn sie mich als eine Seele kennenlernen, die gegen den, der ihr so viele Wohltaten erwiesen, so widersetzlich und undankbar gewesen ist. O dürfte ich doch erzählen, wie oft ich während dieser Zeit gegen Gott untreu gewesen bin, weil ich mich nicht an die feste Säule des Gebetes lehnte!

2. Auf diesem ungestümen Meere trieb ich mich fast zwanzig Jahre herum, beständig fallend und mich wieder erhebend, leider aber nur, um darnach aufs neue zu fallen. Ich führte ein so unvollkommenes Leben, dass ich die lässlichen Sünden fast gar nicht beachtete. Die Todsünden fürchtete ich zwar noch, doch nicht so, wie es hätte sein sollen, weil ich ihre Gefahren nicht mied. Ich kann sagen, dass diese Lebensweise eine der peinlichsten ist, die man sich meines Erachtens denken kann. Ich fand keinen Genuss in Gott und hatte auch keine Freude an der Welt. Gab ich mich weltlichen Vergnügungen hin, so peinigte mich die Erinnerung an das, was ich Gott schuldig wäre; beschäftigte ich mich mit Gott, so ließen mir die weltlichen Neigungen keine Ruhe. Das ist ein so harter Kampf, dass ich nicht weiß, wie ich ihn einen Monat, geschweige denn so viele Jahre aushalten konnte. Indessen erkenne ich doch klar auch die große Barmherzigkeit, die mir der Herr erwies, da ich, obgleich der Welt ergeben, dennoch die Kühnheit hatte, das innerliche Gebet zu üben. Ich sage »Kühnheit«; denn ich weiß nicht, wozu unter allen Dingen in der Welt mehr Kühnheit gehört als dazu, dass man mit Verrat gegen seinen König umgeht und doch mit dem Bewusstsein, dass er es wisse, fortwährend vor seinen Augen erscheint. Zwar stehen mir allezeit vor Gottes Angesicht, aber, wie mir scheint, jene, die das innerliche Gebet üben, auf eine andere Weise als die übrigen; denn erstere tragen immer das Bewusstsein in sich, dass Gott sie sieht, während letztere wohl mehrere Tage darauf vergessen können.

3. Es ist wahr, dass ich mich während dieser Jahre oft Monate, ja einmal, wie ich glaube, ein ganzes Jahr lang hütete, Gott zu beleidigen, mich emsig auf das innerliche Gebet verlegte und mehrfach erteile Vorsichtsmaßregeln anwendete, um mich vor jeder Beleidigung Gottes zu bewahren. Ich bemerkte auch dieses, weil ich in allem, was ich hier schreibe, die ganze Wahrheit offenbaren will. Doch sind mir solche gut verlebte Tage nur noch schwach im Gedächtnis; darum werden ihrer nur wenige, der böse verlebten dagegen viele gewesen sein. Indessen vergingen doch nur wenige Tage, an denen ich nicht viele Zeit auf die Übung des innerlichen Gebetes verwendete, ich müsste denn schon sehr krant oder sonst viel beschäftigt gewesen sein. War ich aber krank, so verweilte ich in Gedanken, und war mehr als sonst bei Gott und suchte auch meine Umgebung für diese Übung zu gewinnen; ich bat für sie den Herrn darum und redete oft von ihm. Das erwähnte Jahr ausgenommen, habe ich während der achtundzwanzig Jahre, seit dem ich die Übung des innerlichen Gebetes begonnen, mehr als achtzehn in jenem Kampf und Streit zugebracht, in dem ich es mit Gott und der Welt zugleich hielt. In den übrigen Jahren, über die ich noch zu sprechen habe, änderte sich die Ursache des Kampfes. Dieser war auch hier nicht gering; weil ich aber, wie ich wenigstens glaube, dem Dienste Gottes ergeben und von der Erkenntnis der Welteitelkeit durchdrungen war, so ist mir alles, wie ich noch erzeigen werde, süß gewesen.

4. Ich bin mit dieser Schilderung deshalb so ausführlich gewesen, damit man, wie schon gesagt, daraus einerseits die Barmherzigkeit Gottes und meinen Undank gegen ihn ersehen und andererseits erkennen möge, welch ein großes Gut Gott einer Seele verleiht, wenn er ihr den Willen einflößt, das innerliche Gebet zu üben, mag sie auch noch nicht dazu bereitet sein, so wie es notwendig wäre. Wenn sie nur — trotz der Sünden, Versuchungen und tausenderlei Fehler, die der böse Feind anstiftet — in dieser Übung verharrt, so wird sie der Herr, dessen bin ich gewiss, zuletzt doch noch in den Hafen des Heiles einführen, wie er auch mich dem jetzigen Anscheine nach dahin geführt hat. Seine Majestät verleihe nur, dass ich mich nicht selbst wieder ins Verderben stürze!

5. Über das Gut, das der besitzt, der das innerliche Gebet übt, haben viele heilige und fromme Männer geschrieben; Gott sei Ehre dafür! Wäre dieses aber auch nicht der Fall, so würde ich, obgleich nur wenig demütig, doch nicht so hoffärtig sein, dass ich es wagte, davon zu sprechen. Ich will darum nur meine eigene Erfahrung mitteilen, und dieser gemäß kann ich sagen: wer einmal das innerliche Gebet zu üben begonnen hat, der gebe es, so viel Böses er auch tun mag, doch nicht wieder auf; denn es ist das Mittel, durch dass er sich wieder bessern kann, was ohne dasselbe weit schwerer der Fall sein wird. Ein solcher lasse sich auch nicht, wie mir geschehen, vom bösen Feinde bereden, aus Demut davon abzusehen. Er glaube vielmehr, dass die Worte Gottes nie trügen können, dass er uns nämlich, sobald wir wahre Reue haben und uns ernstlich vornehmen, ihn nie mehr zu beleidigen, wieder in die vorige Freundschaft aufnimmt. Der Herr wird uns dann die zuvor erwiesenen Gnaden, ja zuweilen, wenn unsere Reue es verdient, noch viel größere schenken. Wer aber mit dieser Übung noch nicht begonnen hat, den bitte ich um der Liebe des Herrn willen, sich ein so großes Gut nicht entgehen zu lassen. Hier gibt es nichts zu fürchten, hier gibt es nur Verlangenswertes. Wenn er auch nicht vorwärtsschreiten und die zur Erwerbung der Vollkommenheit nötige Gewalt sich nicht antun sollte, um auf solche Weise der Freuden und Wonnen, die der Herr vollkommenen Seelen verleiht, würdig zu werden, so wird er doch bald so viel gewinnen, dass er den Weg zum Himmel kennenlernt; und harrt er in der begonnenen Übung aus, so hoffe ich für ihn zur Barmherzigkeit Gottes, den noch niemand, ohne von ihm belohnt zu werden, zum Freunde erwählt hat. Meiner Ansicht nach ist nämlich das innerliche Gebet nichts anderes als ein Freundschaftsverkehr, bei dem wir uns oftmals im geheimen mit dem unterreden, von dem wir wissen, dass er uns liebt. Und sei es auch, dass ihr ihn noch nicht liebt; denn da wahre Liebe und bauerhafte Freundschaft notwendig eine Übereinstimmung der Gemüter voraussetzen, zwischen dem Herrn aber, der bekanntlich keinen Fehler an sich haben kann, und uns, die wir fehlerhaft, sinnlich und undankbar sind, eine solche Übereinstimmung nicht besteht, so könnt ihr es doch niemals dahin bringen, ihn so vollkommen zu lieben, dass eure Liebe der seinigen gleichkommt. Weil ihr aber seht, wie wichtig seine Freundschaft für euch ist und wie sehr er euch liebt, so ertraget die Pein, die ihr empfindet, wenn ihr viel bei einem Freunde weilt, der so verschieden von euch ist.

6. O unendliche Güte meines Gottes! So erscheinst du mir, und von solcher Art erblicke ich mich. O Sonne der Engel, wie sehr wünschte ich bei dieser Erwägung ganz in Liebe zu dir aufzugehen! Wie wahr ist es: wer deine Nähe nicht erträgt, den erträgst du! Welch ein treuer Freund, o mein Herr, bist du ihm doch! Wie beschenkst du ihn, wie duldest du ihn, wie wartest du zu, bis er deine Art annimmt, indem du inzwischen die seine erträgst! Du, o mein Herr, rechnest ihm die Stunden in denen er dich liebt, zum Verdienste an, und auf eine augenblickliche Reue hin vergissest du alles, womit er dich beleidigt hat. Unverkennbar habe ich dieses an mir selbst erfahren. Ja begreife darum nicht, o mein Schöpfer, warum nicht die ganze Welt darnach strebt, durch diese besondere Freundschaft mit dir in Verbindung zu treten. Die Bösen, die nicht nach deiner Art sind, sollten dir deshalb nahen, damit du sie, wenn sie dich täglich auch nur zwei Stunden bei sich litten, gut machest; und sei es auch, dass sie nur mit tausend beunruhigenden Sorgen und weltlichen Gedanken erfüllt bei dir verweilten, wie ich ehemals. Um der Gewalt willen, die sie sich antun, in einer so guten Gesellschaft auszuharren — denn du siehst schon, dass sie am Anfange, und manchmal auch später noch, nicht mehr tun können —, übst auch du, o Herr, Gewalt an den bösen Geistern, dass sie ihnen nicht mehr so heftig zusetzen und von Tag zu Tag immer mehr die Kraft gegen die Seelen verlieren; diesen aber verleihst du Stärke zum Siege über die bösen Geister. Nein, du Leben des Lebens aller, die auf dich vertrauen und dich zum Freunde haben wollen, du verursachst keinem von ihnen den Tod; du erhältst sogar, während du der Seele das Leben gibst, auch das Leben bei besserer Gesundheit.

7. Ich weiß nicht, was jene fürchten, die sich scheuen, dem innerlichen Gebete sich hinzugeben, und sehe nicht ein, warum sie sich fürchten. Der böse Feind geht hier meisterhaft zu Werke, um uns in Wahrheit zu schaden, wenn er uns Furcht vor dem Gebete einflößt und dadurch bewirkt, dass wir nicht darüber nachdenken, wie oft und schwer wir Gott beleidigt haben, wieviel wir ihm schulden, dass es eine Hölle und eine ewige Glorie gibt, und wie große Mühseligkeiten und Schmerzen der Herr für uns erduldet hat. In solchen Betrachtungen bestand mein ganzes Gebet, solange ich noch in den Gefahren lebte, über die ich gesprochen habe; über diese Wahrheiten dachte ich, wenn es mir möglich war, nach. Gleichwohl beschäftigte ich mich einige Jahre hindurch mehr mit dem Verlangen nach dem Ende der Gebetsstunde, die ich für mich zu halten mir vorgenommen hatte, und mit Horchen auf den Schlag der Uhr als mit anderen guten Gedanken. Ja, ich kann mir keine so schwere Buße denken, die man mir hätte auflegen können und die ich oftmals nicht lieber auf mich genommen hätte, als mich zum Gebete zu sammeln. Wahrhaftig, die Gewalt, mit der mich der böse Feind oder meine schlimme Gewohnheit vom Gebete abhalten wollte, und die Traurigkeit, die mich beim Eintritt in das Oratorium befiel, war fast unerträglich. Man sagt von mir, dass ich nicht geringen Mut besitze, und es hat sich auch in der Tat schon gezeigt, dass mir Gott einen weit größeren Mut als den eines Weibes verliehen hat, den ich aber leider übel angewendet habe; und doch musste ich meine ganze Kraft aufbieten, um mich zu überwinden, bis mir der Herr zuletzt doch noch geholfen hat. Hatte ich mir aber einmal diese Gewalt angetan, so fühlte ich größere Ruhe und Wonne in mir als sonst manchmal, wenn ich dem Verlangen nachgab, mündlich zu beten.

8. Hat nun der Herr mich, obwohl ich so böse war, doch so lange ertragen, und sieht man klar, dass allen meinen Übeln durch dieses Mittel des innerlichen Gebetes abgeholfen wurde: wie sollte denn jemand, so böse er auch sei, noch Furcht davor haben können? Denn so groß auch seine Bosheit ist, er würde darin doch nie so viele Jahre hindurch verharren, wie ich es getan nach dem Empfang so vieler und so großer Gnaden, die mir der Herr erwiesen. Wer wird noch Mißtrauen in den Herrn setzen können, nachdem er ja so lange mich ertragen hat, bloß darum, weil ich Verlangen nach ihm trug und mich bemühte, einen Ort und eine Zeit zu finden, ihn bei mir zu haben? Und auch dieses geschah oftmals nur mit Unlust und mit großer Gewalt, die ich, oder vielmehr der Herr selbst mir antat.

9. Wenn nun aber das innerliche Gebet denen, die Gott nicht dienen, sondern ihn beleidigen, so nützlich, ja so notwendig ist, und wenn in Wahrheit niemand finden kann, dass es irgendwie schaden könnte; wenn dagegen der Schaden aus der Unterlassung dieses Gebetes sehr groß ist: warum sollen es die nicht üben, die Gott dienen oder zu dienen verlangen? Ich wüßte wahrlich nicht, warum; es müsste nur sein, damit sich die Mühseligkeiten dieses Lebens desto härter empfinden und Gott die Türe verschließen, auf dass er ihnen durch sie keine Freude zukommen lasse. Solche Seelen dauern mich in Wahrheit; denn sie dienen Gott auf eigene Kosten, während für jene, die das innerliche Gebet üben, der Herr selbst die Kosten trägt, da er ihnen für eine kleine Beschwerde, die sie auf sie nehmen, einen solchen Trost verleiht, dass dadurch ihre Mühseligkeiten erträglich werden.

10. Ich werde von den Tröstungen, die der Herr Denen mitteilt, die im Gebete beharrlich sind, noch ausführlich sprechen; darum sage ich an dieser Stelle weiter nichts darüber. Nur das eine sei hier erwähnt, dass das innerliche Gebet die Pforte zu jenen so großen Gnaden, war, die mir der Herr erwiesen hat; ist aber diese Türe verschlossen, so weiß ich nicht, wie er solche Gnaden einer Seele mitteilen sollte. Wollte er auch eintreten, um sich an ihr zu ergötzen und sie mit seinen Tröstungen zu erfreuen, so fände er keinen Zugang; er will eben die Seele einsam, lauter und nach solchen Tröstungen begierig haben. Wenn wir ihm dagegen viele Hindernisse in den Weg legen und keinen Fleiß anwenden, sie zu beseitigen, wie soll er dann zu uns kommen, und wie können wir verlangen, dass er uns große Gnaden mitteile?

11. Damit man aber die Barmherzigkeit Gottes erkenne und sehe, welch ein großes Glück es für mich gewesen, dass ich das innerliche Gebet und die Lesung nicht wieder aufgab, so will ich, weil an dieser Erkenntnis so viel gelegen ist, hier schildern, welchen Kampf der böse Feind einer Seele bereitet, um sie zu gewinnen, sowie auch, welcher Kunstgriffe der Herr sich bedient und wie barmherzig er ist, die Seele wieder an sich zu ziehen. Diese Schilderung soll zugleich eine Mahnung sein, dass man sich vor den Gefahren hüte, vor denen ich selbst mich nie gehütet habe. Ja, vor allem bitte ich um der Liebe unseres Herrn willen, besonders um jener großen Liebe willen, mit der er stetig bemüht ist, uns zu sich zu bekehren, dass man die Gelegenheiten zur Sünde meide; denn solange wir uns darin befinden, können mir den Angriffen so mächtiger Feinde gegenüber und bei so vielen Schwachheiten, denen wir unterworfen sind, auf unsere eigene Verteidigung kein Vertrauen setzen. Ich wünschte nur, ich könnte meinen Lesern recht lebhaft die Gefangenschaft vor Augen führen, in der meine Seele damals schmachtete. Dass ich gefangen war, erkannte ich wohl, aber worin, dies war mir nicht recht klar; ich konnte es nicht völlig glauben, dass das, worüber mir die Beichtväter selbst kein so schweres Gewissen machten, ein so großes Übel sei, wie ich es in meiner Seele fühlte. Einer von ihnen, dem ich meinen Zweifel in dieser Hinsicht vortrug, erklärte mir sogar, die Gelegenheiten und Unterhaltungen, die ich pflegte, wären für mich selbst dann nicht unpassend, wenn ich die Gabe einer hohen Beschauung hätte. Es war dies bereits am Ende jener Zeit, in der ich mich mit der Gnade Gottes schon mehr von größeren Gefahren fernhielt, aber doch die Gelegenheit, Gott zu beleidigen, noch nicht ganz vermied. Weil die Beichtväter gute Begierden in mir gewahrten und sahen, wie ich mich auf die Übung des innerlichen Gebetes verlegte, so meinten sie, ich täte viel damit; meine Seele aber erkannte gut, dass sie damit noch nicht tue, was sie für den, dem sie so viel schuldete, zu tun verpflichtet wäre. Sie dauert mich jetzt noch, die arme Seele, dass sie so viel zu leiden hatte und nirgends, außer bei Gott, auch nur ein bißchen Hilfe fand, und dass man ihr zu ihren Unterhaltungen und Vergnügungen so sehr freien Lauf ließ; man sagte ihr, diese Dinge seien erlaubt.

12. Eine andere, keineswegs geringe Pein war für mich das hören von Predigten. Ich hörte die Predigten so außerordentlich gern an, dass ich, wenn einer geistreich und gut predigte, unwillkürlich und ohne zu wissen, wie dies zuging, eine besondere Liebe zu ihm gewann. Und wenn auch ein Prediger, wie andere Zuhörer sagten, nicht gut predigte, so kam mir doch fast nie eine Predigt so schlecht vor, dass ich sie nicht gern hörte. War aber eine Predigt gut, dann machte sie mir eine ganz besondere Freude; dieses Gute hatte ich an mir, dass ich, seitdem ich das innerliche Gebet zu üben begonnen hatte, fast nie satt wurde, von Gott zu reden oder reden zu hören. Einerseits nun empfand ich in den Predigten großen Trost, anderseits verursachten sie mir große Pein; denn da erkannte ich, dass ich bei weitem nicht so war, wie ich hätte sein sollen. Ich bat darum den Herrn mir zu helfen; indessen musste es, wie mir jetzt scheint, daran gefehlt haben, dass ich mein Vertrauen nicht gänzlich auf Seine Majestät setzte und das Vertrauen auf mich noch nicht völlig aufgegeben hatte. Ich suchte Heilung und wendete Mittel dazu an; aber ich musste nicht erkannt haben, dass alles wenig nütze, wenn wir nicht das Vertrauen auf uns selbst ganz aufgeben und es auf Gott allein setzen. Ich verlangte nach Leben; denn ich sah wohl ein, dass ich nicht lebte, sondern mit einer Art Todesschatten rang, aber ich fand niemand, der mir das Leben gegeben hätte, und ich selbst konnte es mir nicht geben; er aber, der es geben konnte, hatte Ursache, mir nicht zu helfen, weil er mich so oft schon zu sich zurückgeführt, ich aber ihn jedesmal wieder verlassen hatte.

Neuntes Hauptstück

Durch welche Mittel der Herr ihre Seele erweckte und sie in so großen Finsternissen erleuchtete; wie er ihre Tugend kräftigte, um ihn nicht zu beleidigen.

1. Meine Seele war also bereits müde, und gern wäre sie zur Ruhe gekommen, aber ihre bösen Gewohnheiten ließen es nicht zu. Als ich nun eines Tages ins Oratorium ging, da geschah es, dass mein Blick auf ein Bild fiel, das für ein gewisses Fest des Klosters entlehnt und dorthin zur Aufbewahrung gebracht werden war. Dieses Bild stellte Christus mit vielen Wunden bedeckt dar und war so andachterweckend, dass ich bei dessen Betrachtung ganz darüber bestürzt wurde, den Heiland so zugerichtet zu erblicken; denn es war hier lebendig zum Ausdruck gebracht, was er für uns gelitten. Bei dem Gedanken an die Undankbarkeit, womit ich ihm diese Wunden vergolten, war mein Schmerz so groß, dass mir das Herz zu brechen schien. Ich warf mich vor ihm nieder, und indem ich einen Strom von Tränen vergoß, dass ich ihn, er möge mich doch endlich einmal stärken, damit ich ihn nicht mehr beleidige.

2. Ich hatte eine große Andacht zur glorwürdigen Magdalena und dachte sehr oft an ihre Bekehrung, besonders wenn ich kommunizierte. Weil ich da gewiss wusste, dass der Herr in mir gegenwärtig sei, warf ich mich ihm zu Füßen in der Hoffnung, er werde meine Tränen nicht verschmähen. Was ich ihm aber in solchen Augenblicken sagte, wusste ich nicht; denn allzu groß war die Gnade, dass er mir um seinetwillen zu weinen gestattete, da ich diese Rührung immer so bald wieder vergaß. Dabei empfahl ich mich jener glorreichen Heiligen, mir Verzeihung zu erlangen. Dieses letztemal aber, bei dem Anblicke des erwähnten Bildes, glaube ich größeren Nutzen geschöpft zu haben; denn ich hatte schon großes Mißtrauen auf mich selbst und setzte jetzt mein ganzes Vertrauen auf Gott. Ich meine, damals zu ihm gesagt zu haben, ich würde nicht eher aufstehen, als bis er meine Bitte erhört hätte; und wirklich hat er mir auch, wie ich sicher glaube, geholfen, denn von da an wurde es nach und nach viel besser mit mir.

3. Meine Gebetsweise war damals folgende. Da ich mit dem Verstande nicht nachsinnen konnte, so befliß ich mich, mir Christus als in mir gegenwärtig vorzustellen, und zwar war es mir, wie ich meine, bei der Vorstellung jener Geheimnisse am wohlsten, bei denen ich ihn mehr einsam sah. Mir schien es da, er würde, weil so einsam und betrübt, mich um so lieber in seiner Nähe dulden, wie jemand, der des Trostes bedarf. Dergleichen einfältige Vorstellungen hatte ich viele; am meisten aber sagte es mir zu, mir ihn betend im Garten vorzustellen. Hier gesellte ich mich ihm gewöhnlich bei, indem ich seines Schweißes und seiner Betrübnis gedachte und wünschte, wenn es möglich wäre, ihm diesen so schmerzlichen Schweiß abzutrocknen. Doch erinnere ich mich nicht, einen wirklichen Entschluss dazu gewagt zu haben, weil mir meine so schweren Sünden vor Augen schwebten. Ich hielt mich hier so lange bei ihm auf, als meine zerstreuten Gedanken es zuließen; denn diese plagten mich in Menge. Viele Jahre hindurch habe ich in den meisten Nächten vor dem Einschlafen, wenn ich mich für die Ruhe Gott empfahl, immer ein wenig an dieses Geheimnis des Gebetes im Garten gedacht. Dies hatte ich schon zur Zeit, in der ich noch nicht Nonne war, getan, weil man mir sagte, es wären viele Ablässe dadurch zu gewinnen. Ich glaube, dass meine Seele aus dieser Übung einen großen Nutzen zog; denn auf diese Weise fing ich an, das innerliche Gebet zu üben, ohne dass ich wusste, was es sei. Diese Übung war mir bereits so zur Gewohnheit geworden, dass ich sie ebensowenig unterließ, als mich vor dem Schlafengehen zu bekreuzen.

4. Um wieder auf die erwähnte Pein zu kommen, die mir die zerstreuten Gedanken verursachten, so hat jene Weise des Gebetes, bei der man nicht mit dem Verstande nachsinnt, das Eigene, dass die Seele entweder viel gewinnt, oder dass ihr die Betrachtung verlorengeht. Schreitet sie voran, so gewinnt sie viel, weil sie in der Liebe zunimmt. Um aber bis dahin zu gelangen, kostete es sie viel. Eine Ausnahme machen nur jene Seelen, die der Herr recht bald zum Gebete der Ruhe erheben will, dergleichen ich mehrere kenne. Es ist aber für jene, die diesen Weg gehen, gut, ein Buch bei der Hand zu haben, um sich durch Lesen schnell wieder sammeln zu können. Für mich war es auch von Nutzen, wenn ich das Feld, oder Wasser, oder Blumen anblickte. Diese Dinge weckten mich auf und verhalfen mir zur Sammlung; sie dienten mir statt eines Buches, da ich bei ihrem Anblicke des Schöpfers sowie meiner Undankbarkeit und meiner Sünden gedachte. Himmlische und erhabene Dinge aber mir vorzustellen, dazu war mein Verstand stets zu ungeschickt, bis sie mir der Herr auf eine andere Weise zeigte.

5. Überhaupt hatte ich so wenig Geschicklichkeit, mir mit dem Verstande etwas vorzustellen, dass mir, wenn ich es nicht mit Augen sah, meine Einbildungskraft gar nichts half, während andere sich verschiedene Vorstellungen machen können, um zur Sammlung zu gelangen. Nur das eine vermochte ich, mir Christus in seiner Menschheit zu denken, war aber nicht imstande, mir seine Gestalt in meinem Inneren vorzustellen, soviel ich auch von seiner Schönheit schon gelesen und so oft ich seine Bildnisse betrachtet hatte. Ich glich in dieser Beziehung einem Menschen, der blind oder im Finsteren ist und mit einem anderen spricht, den er als gegenwärtig erkennt; er weiß gewiss, dass er bei ihm ist, ich will sagen, er merkt es und glaubt es, aber er sieht ihn nicht. In ähnlicher Weise erging es mir, wenn ich an unseren Herrn dachte. Darum hatte ich die Bilder so gern. O die Unglücklichen, die durch ihre Schuld sich eines so großen Gutes berauben! Es scheint wohl, dass sie den Herrn nicht lieben; denn liebten sie ihn, so würden sie sich freuen, sein Bild zu sehen, wie man sich ja hienieden auch freut, das Bild dessen zu sehen, den man innig liebt.

6. In jener Zeit gab man mir die Bekenntnisse des heiligen Augustin. Es scheint, der Herr habe dies so gefügt; denn ich hatte mir sie nicht zu verschaffen gesucht und sie auch noch nie gesehen. Ich habe eine große Liebe zum heiligen Augustin, weil das Kloster, in dem ich als weltliche Person eine Zeitlang weilte, seinem Orden angehörte. Zudem war auch er ein Sünder gewesen, und an den Heiligen, die der Herr nach einem sündhaften Leben wieder an sich gezogen, fand ich einen großen Trost. Es schien mir nämlich, ich würde bei ihnen Hilfe finden, und der Herr würde, so wie er ihnen verziehen, auch mir verzeihen können. Nur das eine betrübte mich, wie ich schon gesagt habe, dass der Herr diese nur einmal rief, worauf sie nie wieder gefallen sind; bei mir aber geschah dies so oft, dass es mir eine Pein war. Wenn ich indessen seine Liebe zu mir betrachtete, so fasste ich wieder Mut; denn an seiner Barmherzigkeit habe ich noch nie verzweifelt, an mir selbst aber oft.

7. Mein Gott, wie staune ich über die Härte meiner Seele, da ich doch so vielfache Hilfe von ihm empfing! Wenn ich bedenke, wie wenig ich über mich vermochte und in welchen Fesseln ich mich befand, die mich von dem Entschlusse, mich ganz Gott hinzugeben, zurückhielten, so macht mich das furchtsam. Ich begann also die Bekenntnisse des heiligen Augustin zu lesen. Dabei kam es mir vor, als sähe ich mich selbst darin geschildert, und ich fing an, mich diesem glorreichen Heiligen angelegentlich zu empfehlen. Als ich aber zu seiner Bekehrung kam und las, wie er jene Stimme im Garten hörte, da meinte ich nicht anders, als dass der Herr die nämliche Stimme auch mich in meinem Herzen vernehmen ließ. Ich zerfloß eine gute Weile ganz in Tränen, während mein Inneres große Betrübnis und Pein empfand. O Gott, was steht doch eine Seele aus, und welche Peinen erleidet sie, wenn sie die Freiheit verliert, die sie als Herrin bewahren sollte! Ich verwundere mich jetzt darüber, wie ich in so großer Pein leben konnte. Gepriesen sei Gott, der mir Leben gab, um mich aus einem so furchtbaren Tode herauszuwinden! Meine Seele erhielt, wie mir schien, große Kräfte von der göttlichen Majestät, die meine Rufe gehört und ob so vieler Tränen Mitleid mit mir gehabt haben musste.

8. Ich begann jetzt, mit größerer Lust mehr Zeit dem Umgange mit Gott zu widmen und mich von den Gelegenheiten fernzuhalten; denn sobald ich diese aus den Augen hatte, kehrte ich sogleich zur Liebe seiner Majestät zurück; und wie ich meine, erkannte ich auch gut, dass ich Gott liebte. Gleichwohl verstand noch nicht so recht, wie ich es hätte verstehen sollen, worin die wahre Liebe zu Gott bestehe. Doch kaum schien ich bereit gewesen zu sein, ihm dienen zu wollen, als Seine Majestät mich auch schon aufs neue mit Gnaden zu beschenken anfing. Ja es scheint, als habe der Herr sich nur meine Geneigtheit erwerben wollen, das anzunehmen, was andere mit großer Mühe erlangen trachten; denn schon in diesen letzten Jahren war es, dass er mich mit Süßigkeiten und Tröstungen heimsuchte. Ihn aber um diese Gnaden oder auch nur um zärtliches Andachtsgefühl zu bitten, habe ich nicht gewagt; bloß um die Gnade habe ich gebeten, dass er mir meine großen Sünden verzeihen und ich ihn nicht mehr beleidigen möchte. Da ich die Größe meiner Sünden erkannte, so getraute ich mir nach Tröstungen und Süßigkeiten mit Bewusstsein nicht einmal zu verlangen. Ich glaubte, Gottes erbarmende Liebe habe ohnehin genug an mir getan; und wahrlich hat er mir schon dadurch große Barmherzigkeit erwiesen, dass er mich in seine Gegenwart zog und bei sich duldete. Dies sah ich wohl ein und war überzeugt, dass ich nicht zu ihm gekommen wäre, wenn er selbst nicht so sehr dafür bemüht gewesen wäre. Nur ein einziges Mal in meinem Leben erinnere ich mich, ihn um Süßigkeiten gebeten zu haben. Ich befand mich damals in großer Trockenheit. Sobald ich aber bemerkte, dass ich tat, fühlte ich mich so beschämt, dass gerade der Schmerz darüber, so geringe Demut in mir zu erblicken, mir das verlieh, um was ich zu bitten mich erkühnt hatte. Ich wusste gar wohl, dass es erlaubt sei, um so etwas zu bitten; doch hielt ich dafür, dass dies nur jenen gestattet sei, die sich in der Weise dazu fähig gemacht, dass sie sich aus allen Kräften um die wahre Andacht bemüht haben, mit anderen Worten nur jenen, die Gott nicht beleidigen und bereit und entschlossen sind zu allem Guten.

9. Die Tränen, die ich geweint, kamen mir weibisch und kraftlos vor, weil ich dadurch das nicht erreichte, nach was ich Verlangen trug. Trotzdem glaube ich, dass sie mir genützt haben; denn besonders nach dieser zweimaligen tränenvollen Zerknirschung und Herzensbetrübnis begann ich, wie gesagt, mich mehr dem Gebete zu widmen und mich weniger mit Dingen zu beschäftigen, die mir schaden konnten. Ich ließ zwar noch nicht ganz von diesen Dingen ab, allmählich aber machte ich mich mit Gottes Hilfe doch davon los. Da Seine Majestät nur auf einige Zubereitung von meiner Seite gewartet hatte, so nahmen von nun an die geistlichen Gnaden, so wie ich es jetzt beschreiben werde, stetig in mir zu. Dies war freilich etwas ganz Außerordentliches; denn für gewöhnlich pflegt der Herr solche Gnaden nur denen zu erteilen, die ein reineres Gewissen haben, als es das meinige war.

Zehntes Hauptstück

Sie beginnt die Gnaden zu erklären, die der Herr ihr im Gebete verlieh. Inwiefern wir selbst zum Empfange solcher Gnaden etwas beitragen können, und wieviel daran gelegen ist, sie zu erkennen, wenn der Herr sie uns verleiht. Sie bittet ihren Beichtvater, die Gnaden, die ihr der Herr verlieh, und die sie nur aus besonderem Auftrage beschreibt, geheimzuhalten.

1. Wie ich bereits mitgeteilt habe, wurden mir die anfänglichen Gnaden, von denen ich nun sprechen werde, schon früher einige Male zuteil, aber sie waren nur von sehr kurzer Dauer. Es begegnete mir nämlich, wenn ich mich durch die erwähnte Vorstellung in die Nähe Christi versetzte und bisweilen auch unter der Lesung, dass mich plötzlich ein Gefühl der Gegenwart Gottes überkam, so dass ich ganz und gar nicht zweifeln konnte, er sei in mir oder ich sei ganz in ihn versenkt. Dies war jedoch keine Art von Vision, sondern das, was man, wie ich glaube, mystische Theologie nennt. Dadurch wird die Seele so in Staunen versetzt, dass sie außer sich zu sein scheint. Der Wille liebt, das Gedächtnis scheint mir beinahe verloren, der Verstand denkt, wie mir scheint, nicht nach, verliert sich aber auch nicht, sondern ist, wie gesagt, nur untätig und wie von Staunen hingerissen über das viele, das er hier gewahrt, da Gott ihn erkennen lässt, dass er nichts von dem begreift, was Seine Majestät ihm vorstellt.

2. Vorher schon hatte ich sehr häufig ein gewisses zärtliches Andachtsgefühl empfunden, das man sich, wie mir scheint, zum Teil selbst etwas verschaffen kann. Es ist dies eine Wonne, die weder ganz sinnlich, noch ganz geistig, immerhin aber gänzlich eine Gabe Gottes ist. Indessen können wir meines Erachtens doch auch viel dazu beitragen, wenn wir unsere Niedrigkeit und Undankbarkeit gegen Gott, seine vielen und erwiesenen Wohltaten, sein so schmerzvolles Leiden, sein so mühseliges Leben betrachten; oder wenn wir uns erfreuen in der Betrachtung der Werke Gottes, seiner Größe, seiner Liebe gegen uns, und vieler anderer Dinge, die sie dem, der sorgfältig auf seinen Fortschritt bedacht ist, oftmals darbieten, auch wenn er nie sonderlich darauf acht hat. Falls nur einige Liebe solche Betrachtungen begleitet, ergötzt sich die Seele; das Herz wird gerührt, und es fließen Tränen. Manchmal scheint es, als pressten wir diese Tränen mit Gewalt aus; andere Male scheint der Herr und Gewalt anzutun, so dass wir nicht widerstehen können. Es hat hier den Anschein, als vergelte Seine Majestät jene geringe Mühe mit einem so großen Geschenke, wie der Trost, den er der Seele im Hinblick darauf verleiht, dass sie um eines so erhabenen Herrn willen weint. Dieser Trost wundert mich nicht; die Seele hat also guten Grund dazu. Ja, da labt sie sich, da freut sie sich.

3. Ein Vergleich, der mir eben einfällt, scheint mir gut zu passen. Diese Freuden des Gebetes mögen den Freuden der Himmelsbewohner ähnlich sein. Da diese noch nicht mehr geschaut haben, als ihnen der Herr ihren Verdiensten gemäß zu schauen gibt, und da sie zugleich einsehen, wie gering diese sind, so ist jeder mit seinem Platze zufrieden. Denn zwischen der einen und der anderen Freude im Himmel besteht ein überaus großer Unterschied, ein weit größerer als hienieden zwischen den einen und den anderen geistlichen Freuden, die ebenfalls außerordentlich voneinander verschieden sind. So wie mit den Himmelsbewohnern verhält es sich auch mit der Seele, die anfängt, die genannten ihr von Gott beschiedenen Freuden zu genießen. Es kommt ihr dabei in Wahrheit fast so vor, als sei jetzt für sie nichts mehr zu wünschen übrig. Sie hält sich für alles, womit sie Gott gedient, reichlich belohnt, und sie hat vollkommen recht. Diese Tränen sind, wie gesagt, im gewissen Sinne die Frucht eigener Anstrengung, freilich mit Hilfe der Gnade Gottes, ohne die nichts geschieht; aber alle Mühen der Welt können nach meinem Dafürhalten mit keiner einzigen dieser Tränen verglichen werden, da man dadurch soviel gewinnt. Oder gibt es einen größeren Gewinn für uns, als irgendein Zeugnis zu besitzen, dass wir Gott gefallen? So lobe denn, wer es soweit gebracht hat, höchlich den Herrn und erkenne sich als dessen großen Schuldner! Scheint es ja, dass er ihn zu seinem Reiche auserwählt habe und in sein Haus aufnehmen wolle, wenn er nicht mehr umkehrt.

4. Man achte nicht gewisse Versuchungen, die unter dem Scheine der Demut hier auftauchen und worüber ich mich näher erklären will. Manchen scheint es nämlich Demut zu sein, wenn sie die Gaben, die der Herr ihnen verleiht, nicht anerkennen. Fassen wir aber die Sache recht auf, so wie sie ist. Gott erteilt uns diese Gnaden ohne unser Verdienst, und mir sollen Seiner Majestät dafür dankbar sein; denn wenn mir nicht erkennen, was wir von ihm empfangen haben, so werden wir auch nicht zu seiner Liebe erwachen. Dagegen ist es ganz gewiss, dass wir, je reicher wir uns bei der Erkenntnis unserer eigenen Armut erblicken, um so mehr gewinnen und sogar um so mehr noch in der wahren Demut zunehmen. Das andere hieße die Seele nur entmutigen, wenn man ihr glauben machen würde, sie sei ja großer Güter nicht fähig; und dies geschieht, wenn sie in dem Augenblick, wo sie ihr Gott mitzuteilen beginnt, aus Furcht vor eitler Ehre davor zurückschreckt. Glauben wir es doch, dass der, der uns diese Güter spendet, uns auch die Gnade geben wird, dass wir in dieser Versuchung zu eitler Ehre das Werk des bösen Feindes erkennen, und Stärke, zu widerstehen. Nur müssen mir in Einfalt vor Gott wandeln und ihm allein, nicht den Menschen, zu gefallen suchen.

5. Es ist ganz klar, dass wir jemand, der uns Wohltaten erwiesen hat, um so mehr lieben werden, je öfter wir uns ihrer erinnern. Ist es nun erlaubt, ja sogar sehr verdienstlich, immerdar der Wohltaten eingedenk zu sein, die uns Gott dadurch erwiesen hat, dass er uns aus dem Nichts gezogen, uns das Sein verliehen und uns erhält, sowie aller übrigen Wohltaten, die er uns durch seine Leiden und seinen Tod, und zwar längst zuvor, ehe er uns erschuf, bereitet hat, um sie jedem einzelnen der gegenwärtig Lebenden zuzuwenden: warum sollte ich nicht auch erkennen und einsehen und oftmals betrachten dürfen, wie mir Gott, nachdem ich vorher über Eitelkeiten mich zu unterhalten pflegte, nunmehr die Gnade verliehen hat, nur von ihm reden zu wollen? Sieh, das ist ein Kleinod, das mit Gewalt mich zum Lieben antreibt, sooft ich mich erinnere, das es mir geschenkt wurde und das ich es jetzt besitze; in dieser Liebe aber besteht das ganze Gut des auf Demut gegründeten Gebetes. Und wie erst, wenn man sich im Besitze anderer, noch kostbarerer Kleinodien sieht, dergleichen einige Diener Gottes schon empfangen haben, z. B. der Verachtung der Welt und seiner selbst? Es ist klar, dass solche Seelen sich als größere Schuldner Gottes und zu seinem Dienste noch mehr verpflichtet halten müssen wie zuvor, da sie sehen, dass sie von dergleichen Gütern nichts besessen, sondern alles der Freigebigkeit des Herrn zu verdanken haben. Diese aber ist so groß, dass er auch einer so armen, bösen und alles Verdienstes baren Seele, wie die meinige es ist, für die schon das erstgenannte Kleinod genug, ja überflüssig genug gewesen wäre, noch größere Reichtümer geschenkt hat, als sie zu wünschen gewusst hätte.

6. Man muss jedoch aus solchen Gnaden von neuem Kräfte sammeln, Gott zu dienen, und sich befleißen, nicht undankbar zu sein; denn unter dieser Bedingung schenkt sie uns der Herr. Machen wir aber keinen guten Gebrauch von diesem Schatze und dem hohen Stande, in den uns Gott versetzt, so wird er uns alles wieder nehmen, und wir werden dann viel ärmer sein als zuvor. Seine Majestät wird alsdann diese Kleinodien einer anderen Seele geben, die sie an sich erglänzen lassen und zu ihrem und anderer Nutzen gebrauchen wird. Wie soll aber der, der seinen Reichtum nicht erkennt, für sich selbst einen Gewinn daraus ziehen oder anderen freigebig davon mitteilen? Nach meinem Dafürhalten ist es bei der Beschaffenheit unserer Natur unmöglich, mutig große Dinge zu unternehmen, wenn man nicht erkennt, dass man bei Gott in Gnaden steht. Wir sind so elend und so sehr zu den Dingen dieser Erde geneigt, dass jemand nicht wohl alles Irdische in der Tat wird verachten und sich vollkommen davon losschälen können, wenn er nicht erkennt, dass er ein Unterpfand vom Himmlischen besitzt, womit uns der Herr zugleich die durch unsere Sünden verlorene Kraft wieder verleiht. So wird auch jemand wenig darnach verlangen, allen zu missfallen und von allen verabscheut zu werden, noch sich viel um die Übung aller sonstigen großen Tugenden kümmern, die vollkommenen Seelen eigen sind, wenn er nicht selbst einem lebendigen Glauben auch noch ein Unterpfand der Liebe bat, die Gott zu ihm trägt. Denn unsere Natur ist so abgestumpft, dass wir gern nur dem nachgehen, was wir vor uns gegenwärtig sehen. Darum sind es gerade die Gnadengaben, die den Glauben in uns erwecken und stärken.

7. Es kann sein, dass ich, die ich so böse bin, nur nach mir urteile, da ich wegen meines Elendes dies alles nötig gehabt habe, während andere zur Ausübung auch sehr vollkommener Werke vielleicht nicht mehr bedürfen als die Wahrheit des Glaubens. Dies mögen jene selbst sagen. Ich meinesteils berichte bloß meine eigenen Erlebnisse, so wie es mir befohlen wurde. Sollte das Geschriebene nicht richtig sein, so mag es der, dem ich es zusende, zerreißen; er wird es besser wissen als ich, was etwa Unrichtiges darin enthalten ist. Zugleich bitte ich ihn um der Liebe des Herrn willen, das, was ich bisher von meinem bösen Leben und von meinen Sünden gesagt habe, zu veröffentlichen; dazu gebe ich sowohl ihm als auch allen meinen übrigen Beichtvätern fortan die Erlaubnis. Wenn sie wollen, so mögen sie es gleich zu meinen Lebzeiten tun, damit ich die Welt nicht länger mehr täusche, indem die Leute glauben, es sei etwas Gutes an mir. Ich beteuere in Wahrheit, dass mir dies, wenigstens nach meiner jetzigen Verfassung, ein großer Trost sein würde. Zur Veröffentlichung dessen aber, was ich von nun an sagen werde, gebe ich den Benannten keine Erlaubnis; und sollten sie es jemand zeigen, so will ich nicht, dass sie die Person nennen, der es begegnet ist und die es geschrieben hat. Deswegen nenne ich auch weder mich selbst noch irgend jemand, sondern will dieses nach Möglichkeit so schreiben, dass ich nicht erkannt werde. Ich bitte also um der Liebe Gottes willen, meinem Wunsche zu willfahren. Verleiht mir der Herr die Gnade, etwas Gutes zu sagen, so reicht das Ansehen so geleerter und gewichtiger Männer zu dessen Bestätigung hin. Denn ist es wirklich gut, so rührt es vom Herrn, nicht von mir her, da es mir sowohl an Wissenschaft als auch an einem tugendhaften Leben gebricht, und ich weder von einem Gelehrten noch von jemand anderem angeleitet werde. Man weiß nicht einmal, dass ich dieses schreibe, jene ausgenommen, von denen ich dazu den Auftrag habe, und selbst diese befinden sich gegenwärtig nicht hier. Zudem muss ich mir die Zeit zum Schreiben gleichsam stehlen, und nur mühsam komme ich dazu. Denn ich lebe in einem armen Kloster und werde durch Spinnen abgehalten, der vielen anderen Geschäfte, die mich in Anspruch nehmen, gar nicht zu gedenken. Es würde mir demnach, selbst wenn mir der Herr größere Fähigkeiten und ein treueres Gedächtnis verliehen hätte, um Gehörtes oder Gelesenes benützen zu können, auch dieses aus Mangel an Zeit nur wenig helfen. Ich habe aber in der Tat ein sehr schwaches Gedächtnis. Werde ich also in der Folge etwas Gutes sagen, so will es der Herr eines guten Zweckes wegen. Das Schlechte ist von mir, und euer Gnaden werden es tilgen. In keiner Hinsicht aber würde es von Nutzen sein, meinen Namen zu nennen. Denn solange ich noch lebe, ist es offenbar unstatthaft, von dem etwas zu sagen, was ich Gutes besitze; nach meinem Tode aber würde die Kundmachung meines Namens zu weiter nichts dienen, als dass das Gute dadurch sein Ansehen und seine Glaubwürdigkeit verlöre, weil es von einer so schlechten und verächtlichen Person gesagt wurde.

8. Weil ich also glaube, dass sowohl euer Gnaden als auch jene, die sonst noch diesen Bericht zu lesen bekommen, meine um der Liebe des Herrn willen gestellte Bitte erfüllen werden, so gehe ich beim Schreiben frei zu Werke. Andernfalls würde es — die Mitteilung meiner Sünden, die ich ohne Bedenken sage, ausgenommen — nur mit großer Ängstlichkeit geschehen. Übrigens sollte mir schon der Umstand, dass ich ein Weib und noch dazu ein böses Weib bin, den Mut zum Schreiben benehmen. Was daher außer der einfachen Erzählung meines Lebens vorkommt, das wollen euer Gnaden als an Sie gerichtet ansehen, da Sie mich so sehr gedrängt haben, die mir vom Herrn erwiesenen Gunstbezeigungen zu beschreiben; ich setze natürlich voraus, dass es mit den Wahrheiten unseres heiligen katholischen Glaubens übereinstimmt, wo nicht, so verbrennen sie es nur gleich, ich bin dann damit einverstanden. Denn was ich hier von den mir zuteil gewordenen Gnaden mitteile, hat nur den Zweck, dass es, wenn es mit der katholischen Wahrheit übereinstimmt, euer Gnaden zu einigem Nutzen diene. Stimmt es aber nicht damit überein, so werden Sie meine Seele enttäuschen, damit nicht etwa da, wo der Gewinn mein zu sein scheint, der böse Feind gewinne; denn wie der Herr weiß und ich später noch sagen werde, war es überhaupt immer mein Bestreben, Personen zu finden, die mir Aufklärung verschafften.

9. So klar ich auch die mir zuteil gewordenen Gottesgnaden darlegen möchte, so werden sie doch für den, der seine Erfahrung in diesen Dingen hat, immerhin noch sehr dunkel bleiben. Ich will auch auf einige Hindernisse, die meines Erachtens den Fortschritt auf dem Wege des Gebetes hemmen, sowie auf manche andere Gefahren aufmerksam machen. Dazu werde ich mich sowohl meiner eigenen Erfahrung, durch die ich vom Herrn belehrt worden bin, als auch der Einsicht bedienen, die ich aus einem vieljährigen Verkehre mit großen Gelehrten und dem geistlichen Leben ergebenen Personen gewonnen habe. Diese finden, dass mir die göttliche Majestät bloß in den siebenundzwanzig Jahren, die ich in der Übung des innerlichen Gebetet zugebracht, trotz so vielen Strauchelns und eines so schlimmen Wandels ebensoviel Erfahrung darin verliehen hat als anderen, die siebenunddreißig und siebenundvierzig Jahre lang diesen Weg bußfertig und in steter Übung der Tugend gewandelt sind. Der Herr sei gepriesen für alles! Möge er sich meiner um seines Namens willen bedienen; denn er, mein Herr, weiß wohl, dass ich bei meinem Unternehmen nichts anderes suche, als dass er ein wenig gepriesen und verherrlicht werde, wenn man sieht, wie er aus einer so garstigen und übelriechenden Sammelstätte des Unrates einen Garten von so lieblich duftenden Blumen machen wollte. Seine Majestät wolle gnädig verleihen, dass ich diese Blumen nicht wieder durch meine Schuld ausreute und dass der Garten nicht wieder werde, was er zuvor gewesen! Ich bitte euer Gnaden um der Liebe des Herrn willen, Sie möchten mir dies von ihm erflehen; denn Sie selbst wissen es, und zwar besser, als Sie mir hier zu sagen erlaubt haben, wie ich bin.

Elftes Hauptstück

Ursachen, warum man nicht in kurzer Zeit zur vollkommenen Liebe Gottes gelangt. Vier Stufen des innerlichen Gebetes, die sie durch einen Vergleich zu erklären beginnt. Erklärung der ersten Stufe. Dieses Hauptstück ist sehr nützlich für die Anfänger und für solche, die im Gebete keine Süßigkeiten empfinden.

1. Ich rede jetzt von solchen, die anfangen, sich in den Dienst der Liebe zu begeben; denn nichts anderes tun wir nach meiner Ansicht, wenn wir uns entschließen, auf dem Wege des Gebetes dem zu folgen, der uns so sehr geliebt hat. Dies ist eine so hohe Würde, dass mich schon der Gedanke daran mit wunderbarer Wonne erfüllt; denn wenn wir in diesem edlen Stande wandeln, wie wir sollen, so schwindet bald die knechtische Furcht. O Herr meiner Seele und mein höchstes Gut, warum willst du eine Seele, die sich entschließt, dich zu lieben, nicht sogleich zum Besitze dieser vollkommenen Liebe erheben, obwohl sie nach Möglichkeit alles verlässt, um sich desto ungehinderter mit der Liebe Gottes zu beschäftigen? Doch ich habe nicht recht gesprochen; ich sollte seufzend sagen: warum wollen wir selbst nicht? Die ganze Schuld liegt an uns, wenn wir nicht sofort einer so hohen Würde uns erfreuen und nicht gleich aller Güter teilhaftig werden, die die wahre Gottesliebe, sobald man sie vollkommen besitzt, mit sich bringt. Wir gehen so schwer und so zaudernd daran, uns ganz Gott hinzugeben, dass wir deshalb zum Empfange eines so kostbaren Schatzes nie gehörig bereitet sind; denn die göttliche Majestät will uns diesen nur um einen hohen Preis genießen lassen.

2. Wohl sehe ich ein, dass es nichts gibt auf Erden, womit dieser große Schatz erkauft werden könnte. Wenn wir jedoch unser Möglichstes täten, um keinem irdischen Dinge anzuhangen, und unsere ganze Sorge und unser ganzer Wandel im Himmel wären; wenn wir ferner ohne Zaudern und Vorbehalt uns dazu bereiteten, wie einige der Heiligen es getan, so halte ich gewiss dafür, dass uns dieses Gut in sehr kurzer Zeit gegeben würde. Aber da meinen wir, Gott alles hinzugeben, wenn wir ihm nur den Zins und die Früchte darbringen, die Wurzel und den Boden aber für uns behalten. Wir entschließen uns zur Armut, was allerdings etwas sehr Verdienstliches ist; aber oftmals wenden wir wieder Sorge und Fleiß an, damit uns, ich will nicht sagen, das Notwendige, sondern sogar Überflüssiges nicht fehle. Deshalb sehen wir uns nach Freunden um, damit wir es von ihnen erhalten, und beladen uns, auf dass uns ja nichts abgehe, mit größerer Sorge, und setzen uns vielleicht größerer Gefahr aus als zuvor, da wir noch im Besitze unserer Güter waren. So meinen mir auch, unserer Ehre entsagt zu haben, als wir in den Ordensstand traten, oder als wir ein geistliches Leben zu führen und nach der Vollkommenheit zu trachten begannen; aber kaum berührt man uns auch nur ein wenig an der Ehre, so denken wir nicht mehr daran, dass wir sie Gott bereits zum Opfer gebracht; wir wollen sie uns aufs neue aneignen und sie ihm sozusagen wieder aus den Händen reißen, nachdem wir ihn doch dem Anscheine nach zum Herrn unseres Willens gemacht haben. Und so verhält es sich in allen übrigen Stücken.

3. Eine schöne Art fürwahr, die Liebe Gottes zu suchen! Und da wollen wir sie sozusagen gleich mit vollen Händen fassen. Wir behalten unsere Neigungen; wir suchen nicht unsere Begierden ins Werk zu setzen und sie vollends von der Erde zu erheben und verlangen zugleich viele geistige Tröstungen zu haben. Das reimt sich doch wohl nicht zusammen; das eine ist, wie mir scheint, mit dem anderen unvereinbar. Weil wir also nicht alles völlig auf einmal hergeben, darum wird auch der Schatz der vollkommenen Liebe uns nicht auf einmal zuteil. Möge es indes dem Herrn gefallen, uns diesen Schatz wenigstens tropfenweise zukommen zu lassen, und sollte es uns auch alle Mühen der Welt kosten!

4. Seine Majestät erweist dem eine sehr große Barmherzigkeit, dem sie die Gnade und den Mut zu dem Entschlusse verleiht, mit allen Kräften nach diesem Gute zu streben; ist er nur beharrlich hierin, so versagt es ihm Gott gewiss nicht, sondern allmählich wird er seinen Geist befähigen, dass dieser endlich den Sieg erlangt. Ich habe mich des Wortes »Mut« bedient, weil es sehr viele Dinge gibt, die der böse Feind den Anfängern entgegenstellt, um sie abzuhalten, diesen Weg wirklich zu beginnen; denn er weiß, welchen Schaden er dadurch erleidet, da er nicht bloß die Seele eines einzelnen, sondern mit dieser auch die Seelen vieler anderer verliert. Wenn nämlich so ein Anfänger sich bemüht, mit Gottes Hilfe zum Gipfel der Vollkommenheit zu gelangen, so geht er meines Erachtens niemals allein in den Himmel ein, sondern zieht immer auch viele andere nach sich; denn als einem tapferen Feldherrn teilt ihm Gott Seelen zu, die sich ihm anschließen. Deswegen bereitet der böse Feind den Anfängern so viele Gefahren und Schwierigkeiten, dass sie nicht wenig, sondern sehr viel Mut und ganz besonderen Beistand Gottes nötig haben, um nicht wieder umzukehren.

5. Ich will das, was ich über die mystische Theologie, wie man es meines Wissens nennt, zu sagen begonnen habe, späterhin fortsetzen; für jetzt werde ich von den Erstlingsanstrengungen derer sprechen, die entschlossen sind, das erwähnte Gut anzustreben und nicht nachzulassen, bis sie dieses Ziel erreicht haben. Die größte Schwierigkeit liegt ganz in diesen Anfängen. Die Anfänger selbst sind es, die die Arbeit tun müssen; der Herr gibt nur die Fähigkeit dazu. Bei den übrigen Gebetsstufen ist der Genuss vorherrschend, obschon alle Stufen, die ersten, die mittleren und die letzten, ihr eigentümliches Kreuz haben; denn auf dem Wege, den Christus gegangen ist, müssen alle wandeln, die ihm nachfolgen, wenn sie nicht verlorengehen wollen. Glückselige Mühen aber, die sogar in diesem Leben schon so überreich belohnt werden! Ich muss mich hier eines Gleichnisses bedienen, was ich freilich gern unterlassen möchte, da ich ein Weib bin und einfach nur das zu schreiben habe, was man mir aufgetragen hat; aber für Leute, die wie ich keine Wissenschaft besitzen, ist es so schwer, diese Sprache des Geistes zu erklären, dass ich einen Ausweg suchen muss, der mir dies erleichtert. Es kann sein, dass mein Gleichnis nur sehr selten zutrifft; dann mag meine Ungeschicklichkeit Euer Gnaden zur Erheiterung dienen. Mich dünkt, ich habe dieses Gleichnis schon einmal gelesen oder gehört; ob meines schlechten Gedächtnisses aber weiß ich nicht mehr wo, noch auf welchen Gegenstand es angewendet wurde. Indessen tut dies nichts zur Sache; für meinen Zweck wenigstens ist es mir gerade recht.

6. Das Gleichnis ist folgendes. Der Anfänger stelle sich vor, als beginne er auf einem sehr unfruchtbaren, mit vielem Unkraut überwucherten Boden einen Garten anzulegen, an dem der Herr seine Lust haben soll. Seine Majestät selbst rodet das Unkraut aus und setzt gute Pflanzen ein. Nehmen wir an, es sei dies bereits geschehen, wenn die Seele sich dem innerlichen Gebete hinzugeben entschließt und diese Übung schon begonnen hat. Als gute Gärtner haben wir sodann mit der Hilfe Gottes dafür zu sorgen, dass die Pflanzen wachsen. Wir müssen sie darum fleißig begießen, damit sie nicht verwelken, sondern Blumen hervorbringen, die geeignet sind, durch, ihren Wohlgeruch unseren Herrn zu erfreuen, auf dass er recht oft in den Garten komme, um sich zu ergötzen und unter diesen Tugendblumen seine Wonne zu finden.

7. Sehen wir jetzt, auf welche Weise der Garten bewässert werden kann, damit wir wissen, was wir zu tun haben, welche Mühe es uns koste, ob auch der Gewinn sie lohne und wie lange wir die Arbeit fortsetzen müssen! Meines Erachtens kann die Bewässerung des Gartens auf vierfache Weise geschehen. Entweder schöpft man das Wasser mit großer Mühe aus einem Brunnen; oder man schöpft es, wie ich selbst schon öfter getan, mit geringerer Mühe und in größerer Menge mittels eines mit Schöpfgefäßen versehenen Rades, das man dreht; oder man leitet das Wasser aus einem Flusse oder einem Bache in den Garten, was noch besser ist, weil die Erde dadurch mehr befeuchtet wird, das Gießen nicht so oft notwendig ist und somit der Gärtner weniger Mühe aufzuwenden hat; oder endlich es geschieht die Bewässerung des Gartens durch einen ergiebigen Regen, wenn nämlich der Herr selbst ohne irgendeine Bemühung von unserer Seite den Garten mit Wasser tränkt. Die letzte Art ist unvergleichlich besser als alle vorhergenannten.

8. Wendet man diese vier Arten der Bewässerung, die den Garten erhalten muss und ohne die er verkommen würde, auf den zu behandelnden Gegenstand an, so lassen sich dadurch nach meinem Dafürhalten die vier Stufen des Gebetes, auf die der Herr in seiner Güte auch meine Seele öfter erhoben hat, einigermaßen erklären. Möchte er mir die Gnade verleihen, bei dieser Erklärung das Rechte zu treffen, so dass es einem von denen nütze, die mir dazu den Auftrag erteilt haben! Diesen hat der Herr in vier Monaten viel weiter gefördert, als ich es in siebzehn Jahren gebracht hatte. Er hat sich eben besser bereitet, und darum bewässert er jetzt ohne Anstrengung den Lustgarten auf alle vier Weisen. Zwar fließt ihm auf diese letzte Weise das Wasser zur Zeit nur tropfenweise zu; es steht aber so mit ihm, dass er sich mit der Hilfe des Herrn bald ganz darin vertiefen wird. Mag er immerhin lachen, wenn ihm meine Erklärungsweise als etwas Ungereimtes vorkommt; es wird mir dies nur angenehm sein.

9. Von denen, die erst das innerliche Gebet zu üben beginnen, kann man sagen, dass sie jenen gleichen, die das Wasser aus dem Brunnen schöpfen. Dies geschieht, wie gesagt, nur mit großer Mühe von ihrer Seite; denn sie müssen mit ermüdender Anstrengung ihre Sinne einsammeln, was bei deren gewohntem Umherschweifen etwas sehr Hartes für sie ist. Sie müssen sich nach und nach gewöhnen, nichts sehen und hören zu wollen und ihren in dieser Beziehung gefassten Entschluss während der Gebetsstunden in Ausführung zu bringen. Deshalb müssen sie die Einsamkeit aufsuchen und da abgesondert von allem über ihr vergangenes Leben nachdenken. Dies sollen zwar alle häufig tun, sowohl jene, die auf den ersten, als auch jene, die auf den letzten Gebetsstufen stehen; doch gilt es, wie ich noch sagen werde, von den einen mehr als von den anderen. Anfangs wird es ihnen auch peinlich sein, nicht recht zu wissen, ob sie eine wahre Reue über ihre Sünden haben. Aber sicher ist dies der Fall, da sie ja so ernstlich entschlossen sind, Gott zu dienen. Nebstdem müssen sie Fleiß anwenden, das Leben Christi zu betrachten; dies aber ermüdet den Verstand. Bis hierher können wir selbst gelangen, natürlich mit der Gnade Gottes, ohne die wir bekanntlich nicht einmal einen guten Gedanken fassen können. Dies heißt anfangen, Wasser Brunnen auch Wasser habe! Indessen fehlt es wenigstens nicht an uns, wenn wir hingehen, um zu schöpfen, und unser Möglichstes tun, um die Blumen zu begießen. Auch ist Gott gütig; falls er aus Gründen, die Seiner Majestät bekannt sind, und vielleicht zu unserem eigenen großen Nutzen will, dass der Brunnen versiegt sei, so wird er, wenn wir nur als gute Gärtner tun, was in unseren Kräften steht, auch ohne Wasser die Blumen erhalten und das Wachstum der Tugenden fördern. Ich nenne hier Wasser die Tränen ober, wenn es auch gerade diese nicht wären, so doch die Rührung des Herzens und das innere Gefühl der Andacht.

10. Was soll hier aber der tun, der lange Zeit nur Trockenheit, Ekel und Überdruss und eine so große Unlust zum Wasserschöpfen in sich verspürt, dass er versucht wird, alles aufzugeben? Er würde es wohl auch tun, wenn ihn nicht der Gedanke, dass er durch seine Ausdauer dem Herrn des Gartens einen Dienst erweist und Freude bereitet, sowie die Rücksicht auf seine bisherigen Bemühungen, die alle umsonst gewesen wären, und die Hoffnung auf den aus seiner so harten Arbeit zu erzielenden Gewinn stärkten. Denn es ist wirklich eine harte Arbeit, den Eimer so oft in den Brunnen hinabzulassen und ihn immer wieder ohne Wasser heraufzuziehen. Oftmals wird es sich ereignen, dass man nicht einmal dazu die Arme aufheben, d. h. einen guten Gedanken fassen kann. Es ist nämlich hier unter Wasserschöpfen aus dem Brunnen das Nachdenken mit dem Verstande gemeint. Was soll also in diesem Falle der Gärtner tun? Er freue und tröste sich und halte es für die größte Gnade, in dem Garten eines so erhabenen Gebieters arbeiten zu dürfen. Weil er weiß, dass er diesem dadurch Freude bereitet, und seine Absicht dahin gehen muss, nicht sich, sondern ihm zu gefallen, so lobe er ihn höchlich für das Vertrauen, das er in seinen Gärtner setzt, den er auch ohne Lohn so großen Fleiß auf die anbefohlene Arbeit verwenden sieht. Er helfe dem Herrn das Kreuz tragen und beherzige, das dieser sein ganzes Leben lang damit belastet war; er verlange dessen Reich nicht hienieden schon und gebe das Gebet niemals auf. Mag darum die Trockenheit, die er zu leiden hat, auch das ganze Leben hindurch andauern, so soll doch sein Entschluss feststehen, Christum mit dem Kreuz nicht fallen zu lassen. Es wird die Zeit kommen, in der ihm alles auf einmal bezahlt wird; darum fürchte er nicht, dass seine Arbeit vergebens sei. Er dient ja einem guten Herrn, der ihm dabei zusieht. Die bösen Gedanken aber achte er nicht und bedenke, dass der böse Feind auch dem heiligen Hieronymus in der Wüste solche eingegeben hat.

11. Diese Mühen haben ihren Wert. Auch ich habe viele Jahre in einer Weise darin zugebracht, dass ich es schon für eine Gnade von Gott hielt, wenn ich auch nur einen Tropfen Wassers aus diesem gebenedeiten Brunnen zu schöpfen bekam. Ich weiß also, dass die Mühen sehr groß sind; ja, es scheint, dass sie zu ihrer Ertragung mehr Mut erfordern als viele andere Mühseligkeiten in der Welt. Ich habe aber auch klar erkannt, dass Gott diese Mühen selbst in diesem Leben schon nicht ohne großen Lohn lässt. Denn fürwahr, mit einer einzigen der Stunden, in denen mir der Herr nachmals seine Süßigkeiten zu kosten gab, schienen mir alle Beschwerden, die ich durch Ausharren im Gebete lange Zeit erduldet hatte, bezahlt gewesen zu sein. Ich halte dafür, der Herr wolle oftmals im Anfang und zuweilen auch am Ende solche Qualen und viele andere mitunterlaufende Anfechtungen über seine Liebhaber verhängen, damit er vor Erteilung seiner großen Gnadenschätze sie prüfe und sehe, ob sie imstande seien, den Kelch zu trinken und ihm das Kreuz tragen zu helfen. Auch glaube ich, dass Seine Majestät und zu unserem Besten solche Wege führen wolle, damit wir nämlich gründlich erkennen mögen, wie wenig wir aus uns selbst sind. Denn die Gnaden, die der Herr in der Folge mitteilt, sind von so hohem Wert, dass Gott vor denen Erteilung will, wir sollen uns erst durch eigene Erfahrung von unserem Elende überzeugen, damit es uns nicht ergehe wie dem Luzifer.

12. O mein Herr, was tust zu wohl, das nicht zum Besten der Seele wäre, die du bereits als die deinige erkennst, da sie sich dir zu eigen ergeben hat, um dir auf deinem Wege zum Tode am Kreuze zu folgen, entschlossen, dir es tragen zu helfen und dich nicht allein damit zu lassen? Wer von euch, ihr geistig gesinnten Seelen, diesen Entschluss in sich bemerkt, der hat nichts, ja nichts mehr zu fürchten. Wer sich schon so hoch erschwungen hat, dass er die eitlen Unterhaltungen flieht und einsam nur mit Gott verkehren will, der hat keinen Grund, sich zu betrüben; denn das schwerste ist überstanden. Darum lobet die göttliche Majestät und vertrauet auf ihre Güte, an der sie es ihren Freunden noch niemals fehlen ließ. Schließt die Augen, wenn der Gedanke euch kommt: warum gibt Gott diesem oder jenem die Gnade der Andacht in so wenigen Tagen und mir nicht einmal in so vielen Jahren? Seien wir überzeugt, es geschieht alles zu unserem Besten. Die göttliche Majestät führe uns den Weg, der ihr gefällt; denn wir gehören nicht mehr uns selbst, sondern Gott an. Der Herr erweist uns Gnade genug dadurch, dass er uns den Willen einflößt, in seinem Garten zu graben und in seiner Gegenwart zu bleiben; denn es ist gewiss, dass er uns zur Seite steht. Gefällt es ihm, dass bei den einen die Pflanzen und Blumen wachsen, indem er ihnen Wasser gibt, das sie aus dem Brunnen schöpfen können, bei den anderen aber dadurch, dass er ihnen solches vorenthält: was kümmert‘s mich? Ja, tue, o Herr, immerhin, was dir gefällig ist; wenn ich nur dich nicht beleidige und die Tugenden nicht verliere, die du mir aus lauter Güte etwa schon verliehen hast. Ich will leiden, o Herr, weil auch du gelitten hast; dein Wille geschehe an mir in jeglicher Weise. Möge Deine Majestät nicht zulassen, dass ein so kostbares Gut, wie es deine Liebe ist, denen gegeben werde, die dir bloß deiner Süßigkeiten halber dienen!

13. Hier ist wohl zu beachten, was ich jetzt sagen, und zwar deshalb sagen will, weil ich es aus Erfahrung weiß. Wenn nämlich eine Seele, die den Weg des innerlichen Gebetes entschieden zu wandeln beginnt, soviel über sich gewinnen kann, dass sie sich weder allzu sehr darüber freut, wenn ihr der Herr süße Tröstungen und zärtliches Andachtsgefühl verleiht, noch auch übermäßig darüber trauert, wenn dieses nicht der Fall ist, und sich also aus beidem nur wenig macht, so hat sie schon eine große Strecke des Weges zurückgelegt. Sie braucht alsdann nicht zu fürchten, dass sie wieder umkehren werde, und sollte sie auch noch so oft straucheln; denn das Gebäude strebt auf einem festen Grund empor. Ja, nicht in Vergießung von Tränen, nicht in jenen Süßigkeiten und zärtlichen Andachtsgefühlen, wornach wir meistens verlangen und worüber wir uns freuen, befielt die Liebe Gottes, sondern darin, dass wir ihm dienen in Gerechtigkeit, mit Seelenstärke und in Demut. Ersteres wäre meines Erachtens mehr ein Empfangen als ein Geben. Für schwache Weiblein, die wie ich nur geringe Stärke besitzen, scheint es mir allerdings angemessen zu sein, wenn sie der Herr mit Wonnegenüssen unterstützt. Solche verleiht Seine Majestät gegenwärtig auch mir, damit ich gewisse Leiden, die sie über mich verhängt, ertragen könne. Vernehme ich aber, wie Diener Gottes, die doch ernste, gelehrte und verständige Männer sind, so viel Aufhebens davon machen, wenn ihnen Gott seine fühlbare Andacht verleiht, so missfällt es mir. Ich sage nicht, dass sie eine solche Andacht nicht annehmen und nicht hochschätzen sollen, wenn Gott sie ihnen gibt; denn da wird Seine Majestät wissen, dass sie ihnen nützlich ist. Aber sie sollen sich keinen Kummer machen, wenn ihnen diese Andacht fehlt, sondern sollen eben daraus, dass sie ihnen die göttliche Majestät versagt, den Schluss ziehen, dass sie für sie nicht notwendig ist, und sich selbst beherrschen. Möchten sie doch glauben, dass eine gegenteilige Annahme verkehrt ist; ja, möchten sie davon überzeugt sein, dass es Unvollkommenheit, Mangel an Geistesfreiheit und Schwäche im Handeln verrät! Ich habe es selbst erfahren und erkannt.

14. Wiewohl ich auch bei Anfängern auf das Gesagte großes Gewicht lege, weil für sie viel daran liegt, dass sie mit solcher Freiheit und Entschlossenheit sich ans Werk begeben, so habe ich doch nicht so fast diese, als vielmehr andere dabei im Auge. Denn viele wird es geben, die schon lange das innerliche Gebet zu üben begonnen haben und doch nie zum rechten Ziel gelangen. Dies kommt meines Erachtens großenteils daher, weil sie nicht gleich von Anfang an das Kreuz umfassten. Darum sind sie nun so betrübt, weil sie meinen, sie richteten nichts aus. Hört ihr Verstand auf, tätig zu sein, so ist ihnen dies etwas Unerträgliches; und doch wird vielleicht gerade dann ihr Wille unvermerkt gefördert und gekräftigt. Wir müssen bedenken, dass der Herr nicht auf Dinge sieht, die keine Fehler sind, wenn sie auch in unseren Augen als solche erscheinen. Gott kennt unser Elend und unsere armselige Natur besser als wir selbst. Er kennt auch das Verlangen der Seele, immer an ihn zu denken und ihn zu lieben, und gerade dieser Wille ist es, was Seine Majestät von uns fordert. Jener Kummer aber, den wir uns machen, dient nur dazu, die Seele zu beunruhigen; und wenn sie vorher eine Stunde unfähig war, etwas Gutes zu tun, so wird sie es nachher vier Stunden lang sein. Sehr oft nämlich rührt diese Unfähigkeit von körperlichem Unwohlsein her. Ich habe in dieser Hinsicht sehr viele Erfahrung gemacht und weiß also, dass es wahr ist; ich habe sorgfältig darauf achtgegeben und mich nochmals auch mit geistlichen Personen darüber besprochen. Wir sind so armselige Menschen, dass unsere arme, in diesen Körper eingekerkerte Seele an seinem mannigfachen Elend teilnimmt. Die Veränderungen der Witterung und der Umlauf der Körpersäfte üben oftmals einen solchen Einfluss auf die Seele, dass sie ohne ihre Schuld nicht tun kann, was sie will, sondern auf alle mögliche Weise leidet; und je mehr man zu solchen Zeiten der Seele Gewalt antun will, desto mehr verschlimmert sich das Übel und desto länger hält es an. Man muss darum unterscheiden und sehen, ob die Unfähigkeit zu betrachten in den erwähnten Umständen ihren Grund habe, um in diesem Falle die arme Seele nicht weiter zu quälen. Man begreife es alsdann, dass man krank ist und verlege die Stunde des Gebetes, was sehr oft mehrere Tage hindurch wird geschehen müssen. Man ertrage so gut, als man es vermag, diese Verbannung; denn für eine Seele, die Gott liebt, ist es gewiss ein überaus hartes Los, zu sehen, dass sie in einem solchen Elend lebt und nicht tun kann, was sie will, weil sie bei einem so schlimmen Wirte, wie dieser Leib ist, wohnen muss. Ich sagte, man müsse unterscheiden, weil nämlich bisweilen auch der böse Feind Ursache dieses Zustandes sein kann. Darum ist es nicht immer gut, bei großer Zerstreuung und Verwirrung des Verstandes vom Gebete abzulassen, noch auch die Seele zu martern, indem man sie zu etwas zwingen will, was ihr unmöglich ist. Man wende sie dann zu äußeren Beschäftigungen, als da sind Werke der Liebe oder fromme Lesung. Bisweilen wird aber die Seele auch dazu nicht fähig sein. Alsdann diene sie aus Liebe zu Gott dem Körper, damit auch dieser wieder recht oft der Seele diene. Man gestatte sich nach dem Rate des Beichtvaters Erholung durch heilige Gespräche oder ergehe sich im Freien. Die Erfahrung, die in allem eine Hauptsache ist, wird uns zu erkennen geben, was gut für uns ist; und tun wir das, so ist Gott mit allem zufrieden. Sein Joch ist ja süß; und um die Seele zu fördern, ist es nötig, sie nicht mit Gewalt, sondern sanft zu leiten. Ich sage es also noch einmal, denn es schadet nicht, wenn ich es auch noch so oft wiederhole: viel ist daran gelegen, dass man sich wegen Trockenheiten, Unruhe oder Zerstreuung der Gedanken nicht ängstige oder betrübe. Wer die Freiheit des Geistes erringen und nicht immer betrübt sein will, der schrecke nicht zurück vor dem Kreuze. Er wird dann sehen, wie der Herr es ihm tragen hilft, welche Zufriedenheit er dabei genießen und welch großen Gewinn er aus allem ziehen wird. Ist es doch klar, dass wir dem Brunnen kein Wasser geben können, wenn seine Quelle versiegt ist. Hat er aber Wasser, dann allerdings ist es wahr, dass wir nicht nachlässig sein dürfen, daraus zu schöpfen; denn da will Gott durch ebendieses Mittel die Tugenden in uns vermehren.

Zwölftes Hauptstück

Sie setzt ihre Erklärung der ersten Stufe des Gebetes weiter fort und gibt an, wie weit wir mit der Hilfe Gottes durch eigenes Bemühen gelangen können. Schaden, der daraus entsteht, wenn man selbst den Geist zu übernatürlichen und außerordentlichen Dingen erheben will, bevor der Herr es tut.

1. Im vorigen Hauptstücke bin ich viel auf andere Dinge abgekommen, die zu besprechen mir sehr notwendig schienen; eigentlich aber wollte ich zeigen, wie weit wir durch eigenes Bemühen gelangen und wie wir selbst zum Erwerb jener ersten Art von Andacht etwas beitragen können. Nehmen wir hier Beispiele. Das Nachdenken und Forschen über das, was der Herr für uns gelitten hat, bewegt uns zum Mitleide, und dieser Schmerz und die daraus entspringenden Tränen sind etwas Süßes. Die Betrachtung der Glorie, die wir hoffen, der Liebe, die der Herr zu uns getragen, und seiner Auferstehung erweckt in uns eine Freude, die weder ganz geistig, noch ganz sinnlich, immerhin aber eine tugendhafte Freude ist, sowie auch jener Schmerz sehr verdienstlich ist. Gleiche Bewandtnis hat es mit allem, was diese Andacht, die zum Teil durch Verstandestätigkeit erworben wird, hervorruft, obschon sie nicht verdient oder errungen werden kann, wenn nicht Gott sie gibt. Eine Seele, die noch nicht weiter gelangt ist als bis hierher, tut sehr gut daran, wenn sie nicht selbst höher zu steigen sich bemüht. Man beachte dieses wohl; denn durch das Gegenteil würde die Seele nur verlieren. Sie kann, solange sie sich in diesem Stande befindet, häufig Akte erwecken, um sich zu entschließen, viel für Gott zu tun, oder um die Liebe anzufachen, oder auch andere Akte, die zum Wachstum in den Tugenden behilflich sind. Anleitung dazu gibt ein Buch, das den Titel führt: »Die Kunst, Gott zu dienen.« Dieses Buch ist sehr gut und geeignet für jene, die auf dieser ersten Stufe des Gebetes stehen, wo der Verstand tätig ist. Die Seele kann sich Christum als gegenwärtig vorstellen und sich angewöhnen, seine heilige Menschheit recht innig zu lieben, ihn stets mit sich herumzuführen, mit ihm zu reden, ihm ihre Bedürfnisse mitzuteilen, ihre Leiben zu klagen, sich mit ihm zu freuen, wenn es ihr wohl ergeht, und in diesem Wohlergehen seiner nicht zu vergessen. Dazu bedarf sie keiner künstlich ausgedachten Gebete; es genügen ganz einfache Worte, die ihre Bedürfnisse und Wünsche ausdrücken. Dies ist eine vortreffliche Weise, in sehr kurzer Zeit voranzuschreiten. Ja, wer sich bemüht in dieser kostbaren Gesellschaft zu wandeln; wer sich diese recht zunutze macht und wahre Liebe zu einem solchen Herrn, dem wir so vieles schuldig sind, gewinnt: von dem sage ich, dass er schon vorangeschritten ist. Wir sollen uns darum, wie ich schon gesagt habe, nicht ängstigen, wenn wir keine Andacht empfinden; vielmehr sollen wir dem Herrn danken, dass er in uns das Verlangen erhält, ihm zu gefallen, wenn auch unsere Werke noch mangelhaft sind. Diese Weise, Christum gegenwärtig zu haben, ist bei jeder Gebetsstufe nützlich; sie ist ein zuverlässiges Mittel, sowohl um auf der ersten Stufe voranzuschreiten und in kurzer Zeit die zweite zu erreichen, als auch um auf den folgenden Stufen sicher zu sein vor den Gefahren, die der böse Feind hier heraufbeschwören kann.

2. Dies also ist es, was wir zu tun vermögen. Wer darüber hinausgehen und den Geist zum Kosten von Süßigkeiten erheben wollte, die ihm nicht gegeben werden, der würde meines Erachtens das eine mit dem anderen verscherzen. Denn hier handelt es sich um eine übernatürliche Sache, die durch natürliches Bemühen nicht gewonnen wird; und wenn nun auch die Tätigkeit des Verstandes aufhört, so bleibt die Seele verlassen und in großer Trockenheit. Dieses ganze Gebäude gründet sich auf die Demut. Darum muss man auch, je mehr man sich Gott nähert, desto mehr in dieser Tugend zunehmen, sonst ist alles verloren. Es scheint aber eine Art Hochmut zu sein, wenn wir uns zu höheren Dingen erschwingen wollen, da doch Gott uns übergroße Gnade schon dadurch erweist, dass er uns Unwürdigen in seine Nähe zu treten gestattet. Indessen ist das Gesagte nicht so zu verstehen, als dürfe man sich mit den Gedanken nicht emporschwingen, um über hohe Dinge, wie über den Himmel und seine Herrlichkeiten, über Gott und seine erhabene Weisheit Betrachtungen anzustellen. Ich selbst zwar habe dieses niemals getan, weil ich, wie gesagt, dazu nicht fähig war. Auch habe ich durch Gottes Gnade die Wahrheit erkannt, dass es bei meinem schlimmen Leben keine geringe Kühnheit von mir wäre, auch nur über irdische Dinge, geschweige denn über himmlische nachzudenken. Andere jedoch werden es mit Nutzen tun, besonders jene, die Gelehrsamkeit besitzen; denn diese ist, wenn Demut sie begleitet, meines Erachtens ein großer Schatz bei dieser Übung. Davon habe ich mich erst vor wenigen Tagen an einigen Gelehrten überzeugt, die noch gar nicht lange der Betrachtung sich hingegeben und es doch schon recht weit gebracht haben. Dies erweckte in mir den sehnlichsten Wunsch, es möchten recht viele Gelehrte ein geistliches Leben führen. Ich werde später noch darauf zurückkommen.

3. Wenn ich nun sage, die Seele dürfe sich nicht eher emporschwingen wollen, als bis Gott sie höher stellt, so ist dies eine mystische Redeweise. Wer in dieser Beziehung nur einige Erfahrung hat, der wird mich verstehen; wem aber diese Sache noch unverständlich ist, dem kann ich sie nicht anders erklären. In der mystischen Theologie, von der ich zu reden angefangen habe, verliert nämlich der Verstand seine Tätigkeit, weil Gott ihn aufhebt; wenn ich es vermag und Gott mir seine Gnade dazu gibt, werde ich mich in der Folge noch weiter darüber verbreiten. Was ich daher sagen will, ist dies, dass man sich nicht anmaßen, ja nicht einmal daran denken soll, selbst den Verstand aufheben oder seine Tätigkeit einstellen zu wollen; denn da blieben wir sumpfsinnig und kalt und würden weder in der einen noch anderen Gebetsart etwas zustande bringen. Wenn aber der Herr den Verstand aufhebt und untätig macht, so stellt er ihm Dinge vor, die ihn fesseln und in Staunen versetzen. Alsdann geschieht es, dass er ohne Nachdenken in der Zeit eines Kredo mehr ernennt, als wir sonst mit allen unseren irdischen Bemühungen in vielen Jahren zu erkennen imstande wären. Wollten wir selbst die Seelenkräfte hemmen und zum Stillstande bringen, so wäre dies Torheit und, ich wiederhole es, ein Zeichen von geringer Demut, wenn man es auch nicht meinen sollte. Ein solches Bemühen mag zwar ohne Sünde sein, aber büßen muss man es immerhin; denn es ist vergebens und lässt in der Seele nur Mißbehagen zurück. Es ist, wie wenn einer springen will, aber von rückwärts festgehalten wird. Wenn er schon seine Kraft angestrengt zu haben meint, so muss er doch sehen, dass sein Versuch vergeblich war. Wer darauf achtgeben will, der wird aus dem schlechten Gewinn, der hier zu machen ist, auch den erwähnten kleinen Mangel an Demut erkennen. Denn diese vortreffliche Tugend hat die Eigenschaft an sich, dass kein Werk, das von ihr begleitet ist, ein Mißbehagen in der Seele zurücklässt. Ich glaube, ich habe die Sache verständlich gemacht, vielleicht aber nur für mich allein. Möge der Herr denen, die dieses lesen, durch Erfahrung die Augen öffnen! Mag diese auch noch so gering sein, so werden sie das Gesagte doch sogleich verstehen.

4. Viele Jahre lang habe ich eine Menge von Dingen gelegen, aber nichts von ihnen verstanden; und auch dann, als mir der Herr das Verständnis dieser Dinge eröffnet hatte, konnte ich mich noch lange Zeit hindurch mit keinem Worte darüber erklären. Jeder Versuch in dieser Beziehung kostete mich nicht geringe Mühe. Wenn aber die göttliche Majestät es will, lehrt sie in einem Augenblicke alles, so dass ich mich darüber verwundere. In dieser Beziehung kann ich eines mit Gewissheit sagen: obschon ich mit vielen geistlichen Personen sprach, die mir die vom Herrn erhaltenen Gnaden zu erklären suchten, damit ich mich darüber auszudrücken vermöchte, so war doch meine Unbeholfenheit fürwahr so groß, dass mir dies weder viel noch wenig nützte. Es kann auch sein, dass der Herr, der selbst immer mein Lehrmeister war, es so wollte, damit ich außer ihm niemand etwas zu verdanken hätte. Seine Majestät sei für alles gepriesen, wenngleich es mir große Beschämung verursacht, dies mit Wahrheit sagen zu können! In einem Augenblick gab mir Gott alles mit voller Klarheit und in einer Weise zu verstehen, dass ich mich darüber auch ausdrücken konnte, und zwar ohne dass ich darnach verlangt oder darum gebeten hätte; während ich in anderen, eitlen Dingen wissbegierig war, bin ich es in diesem Punkte nicht gewesen, weil es hier Tugend gewesen wäre. Meine Beichtväter staunten und ich selbst noch mehr, da ich meine Unbeholfenheit besser kannte als sie. Dies ist noch nicht lange her. Seitdem kümmere ich mich nicht mehr um Dinge, die der Herr mich nicht lehrt, es sei denn, sie berühren mein Gewissen.

5. Nochmals also wiederhole ich es: viel ist daran gelegen, dass man den Geist nicht höher zu erheben trachte, sondern warte, bis der Herr ihn erbebt, was man gegebenenfalls sogleich erkennt. Die Nichtbeachtung dieser Warnung würde insbesondere für weibliche Personen, und zwar mehr als für andere, gefährlich sein, weil der böse Feind sie mit irgendeinem Blendwerke täuschen könnte. Dagegen halte ich es für gewiss, dass der Herr ihm nicht gestatten werde, dem zu schaden, der sich mit Demut Seiner Majestät die nahen sucht. Ein solcher wird vielmehr aus dem, womit der böse Feind ihm Verderben zu bereiten beabsichtigt, nur größeren Nutzen und Gewinn ziehen.

6. Weil der Weg, den die Anfänger wandeln, der gewöhnlichste ist und die gegebenen Erinnerungen so wichtig sind, darum habe ich mich so weitläufig darüber verbreitet. Indessen werden diese Dinge in anderen Büchern weit besser erklärt sein als hier. Ich gebe dieses gerne zu und gestehe zugleich, dass ich nur mit großer, wenn auch noch zu geringer Schüchternheit und Beschämung das Vorstehende geschrieben habe. Der Herr, der gestattet, ja sogar will, dass eine Person wie ich von folgen Dingen rede, die ihn berühren und so erhaben sind, sei für alles gepriesen!

Dreizehntes Hauptstück

Fortsetzung der Erklärung der ersten Gebetsstufe. Warnung vor einigen Versuchungen, die der Teufel zuweilen erregt; Ratschläge, wie man sich dagegen zu verhalten habe. Die Lesung dieses Hauptstückes ist sehr nützlich.

1. Ich halte es für gut, auf einige Anfechtungen aufmerksam zu machen, denen, wie ich an anderen wahrgenommen und zum Teil an mir selbst erfahren habe, Anfänger unterworfen sind. Zugleich will ich über gewisse Punkte einige Anweisungen beifügen, die mir notwendig scheinen.

2. Man trachte gleich von Anfang an, den Weg mit Freudigkeit und Freiheit zu wandeln; denn gewisse Personen meinen da, die Andacht, die sie empfinden, würde ihnen wider entschwinden, sobald sie nur ein wenig außer Sorge wären. Allerdings ist es gut, wegen seiner selbst in Furcht zu sein, so dass man sich weder häufig noch selten in eine Gelegenheit zu begeben wagt, in der man gewöhnlich Gott beleidigt. Ja, es ist dies höchst notwendig, solange man in der Tugend noch nicht ganz fest begründet ist, und deshalb wird es auch nur wenige geben, die sich den Gelegenheiten, die ihren natürlichen Neigungen entsprechen, unbesorgt übertagen dürften. Solange wir leben, wird es immer, und sei es auch nur der Demut wegen, gut für uns sein, die Armseligkeit unserer Natur vor Augen zu haben. Indessen gibt es doch mancherlei Umstände, in denen, wie bereits gesagt, eine Erholung erlaubt ist, und schon der Grund genügt, um wieder mit neuen Kräften die Übung die Übung des Gebetes aufzunehmen. Wie in allem, so muss man auch hier mit Klugheit zu Werke gehen. Wir müssen aber auch mit großer Zuversicht wandeln. Denn es ist viel daran gelegen, dass wir unseren frommen Begierden keine engen Grenzen setzen, sondern uns der Überzeugung hingeben, mit Gottes Gnade und durch eigene Anstrengung, wenn auch nicht gleich, so doch allmählich dahin gelangen zu können, wohin so viele Heilige mit seiner Hilfe gelangt sind. Diese würden es nie so weit gebracht haben, wenn sie ihre Begierden nicht so hoch gespannt und sich nicht entschlossen hätten, sie allmählich ins Werk zu setzen. Die göttliche Majestät will und liebt beherzte Seelen, wenn sie nur in Demut handeln und nicht auf sich selbst vertrauen. Unter solchen Seelen habe ich noch keine gekannt, die auf dem Wege des Gebetetes zurückgeblieben wäre. Ich habe aber auch noch keine zaghafte, in den Deckmantel der Demut sich hüllende Seele kennengelernt, die in vielen Jahren so weit vorangeschritten wäre wie jene anderen in sehr wenigen. Ich staune darüber, wieviel auf diesem Wege darauf ankommt, dass man sich zu großen Dingen ermutige. Hat die Seele auch noch nicht die Kräfte, sie sogleich in Ausführung zu bringen, so macht sie doch schon einen Flug und kommt weit voran, wenn sie auch, einem Vöglein gleich, das noch zu wenig flügge ist, müde wird und ausruht.

3. Ehemals dachte ich in der festen Überzeugung, dass ich aus mir selbst nichts vermöge, oft an das Wort des heiligen Paulus, dass man in Gott alles könne. Dieses Wort sowie der Ausspruch des heiligen Augustin: »Gib mir, o Herr, was du befielst, und befiel alsdann, was du willst«, hat mir viel genützt. Auch daran dachte ich oft, wie der heilige Petrus dadurch nichts verloren hat, dass er sich ins Meer warf, obschon er darnach in Furcht geriet. Von den Entschlüssen, die man gleich anfangs fasst, hängt vieles ab. Doch muss man sich auf dieser ersten Stufe immerhin noch mäßigen und an die Regeln der Klugheit sowie an das Gutachten des geistlichen Führers halten. Man sehe aber zu, dass dieser keiner von jenen sei, die uns den langsamen Krötengang lehren und sich schon damit zufrieden geben, wenn die Seele im Jagen nach Eidechsen sich tapfer erweist. Auch müssen wir beständig die Demut vor Augen haben, um einzusehen, dass wir die Kräfte zur Ausführung unserer Entschlüsse nicht aus uns selbst haben.

4. Es ist jedoch wohl zu beachten, wie diese Demut beschaffen sein müsse; denn ich glaube, der böse Feind richtet großen Schaden dadurch an, dass er den Seelen, die sich auf die Übung des innerlichen Gebetes verlegen, eine falsche Auffassung von der Demut beibringt, damit sie ja keine großen Fortschritte machen. Er lässt es uns nämlich als Stolz erscheinen, hohe Begierden zu hegen, die Heiligen nachahmen zu wollen und Verlangen nach dem Martyrium zu tragen. Gleich flüstert er uns da ein oder macht uns glauben, was die Heiligen getan, seien Dinge, die wohl zu bewundern, aber von uns Sündern nicht nachzuahmen seien. Dieses sage auch ich, jedoch mit dem Bemerken, dass wir unterscheiden müssen zwischen dem, was an den Heiligen bloß zu bewundern, und dem, was an ihnen nachzuahmen ist. Denn es wäre allerdings nicht gut getan, wollte z. B. eine schwache und kränkliche Person sich mit vielem Fasten und anderen strengen Bußübungen belasten und sich zu diesem Zwecke in eine Wüste begeben, wo sie weder ein Obdach zum Schlafen noch Speise zur Nahrung hätte, oder anderen dergleichen Entbehrungen ausgesetzt wäre. Aber daran müssen wir denken, dass wir uns mit der Gnade Gottes Gewalt antun können, um die Welt recht gründlich zu verachten, die Ehre nicht hochschätzen und frei von Anhänglichkeit an irdische Güter zu sein. Doch da sind unsere Herzen so eng und kleinmütig, dass wir meinen, die Erde würde unseren Füßen entschwinden, wenn wir nur ein wenig die Sorge für unseren Körper aufgeben und sie dem Geiste zuwenden wollten. Weil die Sorgen um das Zeitliche beim Gebete beunruhigen, so meinen wir gleich, es trage zur Sammlung bei, wenn wir mit allem Notwendigen recht wohl versehen wären.

5. Ich bedauere es, dass wir so wenig Vertrauen auf Gott und so viel Eigenliebe haben, dass uns diese Sorgen beunruhigen. Aber es ist einmal so: wo der Geist noch so wenig fortgeschritten ist wie hier, da machen uns Kleinigkeiten so viel zu schaffen als anderen große und wichtige Dinge. Und dabei lebt in unserem Gehirn die Einbildung, als führten wir ein geistliches Leben! Eine solche Handlungsweise kommt mir im Augenblicke vor, als wollten Leib und Seele ein gegenseitiges Übereinkommen treffen, um hier die Ruhe nicht zu verlieren und doch auch jenseits Gott zu genießen. Allerdings werden wir auch so dahin gelangen, wenn wir nur gerecht und tugendhaft leben; aber das sind nur Hühnerschritte, mit welchen man nimmermehr zur Freiheit des Geistes gelangt. Eine solche Lebensweise scheint mir für Personen verheirateten Standes, die nach ihrem Berufe leben müssen, sehr gut zu sein; aber für Personen eines anderen Standes wünsche ich diese Art des Fortschreitens durchaus nicht. Es wird mir auch niemand den Glauben beibringen, dass diese gut sei; denn ich kenne sie aus der Erfahrung. Noch immer würde ich auf diesem Wege wandeln, hätte mir der Herr in seiner Güte nicht einen andern gezeigt. Zwar hatte ich mich immer mit hohen Begierden getragen; allein mein Bestreben ging, wie schon gesagt, bloß dahin, das Gebet zu üben und im übrigen nach meinem Gefallen zu leben. Hätte ich jemand gehabt, der mich angetrieben hätte, höher zu fliegen, ich glaube, ich würde mich beflissen haben, jene Begierden in Ausführung zu bringen. Aber um unserer Sünden willen sind die Seelenführer, die in dieser Hinsicht nicht mit übertriebener Vorsicht zu Werke gehen, so selten und so gezählt, dass dies meines Erachtens viel dazu beiträgt, wenn die Anfänger nicht schon in kürzerer Zeit zu großer Vollkommenheit gelangen. Der Herr lässt es an sich niemals fehlen, und an ihm liegt die Schuld nicht; aber wir lassen es fehlen, wir sind die Elenden.

6. Man kann die Heiligen auch dann nachahmen, dass man sich der Einsamkeit, des Stillschweigens und vieler anderer Tugenden befleißt, die unseren leidigen Körper nicht töten werden. Dieser verlangt deshalb eine so außerordentliche Pflege, um die Seele in Unordnung zu bringen. Doch trägt auch der böse Feind viel dazu bei, um diesen unseren Leib unfähig zu machen. Wenn er nur ein wenig Furcht bemerkt, so genügt ihm dies, um uns die Meinung beizubringen, wir würden durch alles Gesundheit und Leben einbüßen. Ja, wenn wir nur Tränen vergießen, flößt er uns schon die Furcht ein, wir möchten dadurch erblinden. Dies habe ich selbst erfahren, darum weiß ich es. Doch weiß ich nicht, zu welch besserem Zwecke wir uns Gesicht und Gesundheit wünschen könnten, als beides um solcher Ursache willen zu verlieren. Bei meinen so vielen und schweren Krankheiten war ich immer gebunden, ohne etwas zu vermögen, bis ich mich endlich entschloß, weder auf den Körper noch auf die Gesundheit zu achten. Zwar tue ich auch jetzt noch sehr wenig. Nachdem aber Gott gewollt, dass ich die List des bösen Feindes einsehen sollte, sprach ich zu diesem, wenn er mir den Verlust der Gesundheit vorstellte: »Wenn ich auch sterbe, so ist wenig daran gelegen.« Ja, aber die Ruhe? »Ich bedarf jetzt keiner Ruhe, sondern des Kreuzes.« Dies und anderes erwiderte ich ihm auf seine Einflüsterungen. Obwohl in der Tat sehr leidend, erkannte ich doch in vielen Fällen klar die Versuchung des bösen Feindes oder meine eigene Schwachheit; denn seitdem ich weniger Bedacht auf mich nehme und mich weniger pflegte, bin ich viel gesünder als vorher. Es ist also für die Anfänger, die das innerliche Gebet zu üben beginnen, eine Sache von großer Wichtigkeit, sich keinen mutlosen Gedanken hinzugeben. Dies möge man mir glauben, weil ich durch die Erfahrung darüber unterrichtet bin; und so könnte denn diese Erzählung meiner Fehler noch den Nutzen haben, dass andere sich ein warnendes Beispiel an mir nehmen.

7. Eine andere, sehr gewöhnliche Versuchung ist folgende. Kaum hat man von der Ruhe und dem Glücke des geistlichen Lebens etwas zu genießen begonnen, so regt sich auch schon der Wunsch, es sollten alle Leute sich mit Eifer diesem Leben widmen. Dieses Verlangen ist zwar nicht unrecht; aber das Bestreben nach dessen Verwirklichung könnte übel ausfallen, wenn man nicht mit großer Klugheit zu Werke geht und nicht den Anschein vermeidet, als wolle man belehren. Wer in dieser Hinsicht einen Nutzen schaffen will, der muss in den Tugenden schon sehr erstarkt sein, um anderen keine Versuchung zu bereiten. Auch darüber bin ich durch eigene Erfahrung belehrt, die ich damals machen musste, als ich, wie schon erwähnt, bemüht war, andere zur Übung des innerlichen Gebetes zu bewegen. Auf der einen Seite hörten mich diese großen Dinge von dem hohen Gute reden, das durch diese Übung erworben wird; auf der anderen Seite aber sahen sie mich selbst dabei so arm an Tugenden, und dies war Grund genug, dass sie durch mich in Versuchung und Verwirrung gerieten, wie sie selbst in der Folge mir bekannten. Sie wussten nämlich nicht, wie sich das eine mit dem anderen vertragen könne, und so kam es, dass sie das, was an sich böse war, nicht für böse hielten, weil sie es mitunter auch an mir gewahrten und deshalb meinten, es sei etwas Gutes.

8. Aber so macht es der böse Feind. Er bedient sich, wie es scheint, unserer echten Tugenden, um dem Bösen, wozu er verleiten will, nach Möglichkeit den Stempel des guten aufzudrücken. Ist ein Fehler auch noch so gering, so muss er dadurch, dass er in einem Kloster vorkommt, viel gewinnen. Wie weit mehr aber wird er durch mich gewonnen haben, da ich des Bösen so viel getan! Daher kam es auch, dass in vielen Jahren bloß drei Personen, später dagegen, als mich der Herr in der Tugend schon mehr gekräftigt hatte, in zwei oder drei Jahren ihrer viele aus meinen Belehrungen Nutzen schöpften, wovon ich noch erzählen werde. Ein anderer großer Nachteil, der sich aus einem vorzeitigen Eifer für das geistliche Wohl des Nächsten ergibt, ist der, dass die eigene Seele dadurch Einbuße erleidet. Denn was uns im Anfang hauptsächlich beschäftigen soll, ist die bloße Sorge für unsere Seele allein, indem wir uns denken, außer Gott und ihr wäre sonst niemand auf der Welt. Dies ist es, was der Seele großen Nutzen schafft.

9. Es gibt noch eine andere Versuchung, die gleich allen übrigen unter dem Scheine von Tugendeifer auftaucht, was man, um sich davor in acht zu nehmen, wissen muss. Ich meine den Schmerz über die Sünden und die Fehler, die man an anderen wahrnimmt. Der böse Feind gibt nämlich den Anfängern ein, dieser Schmerz komme nur aus dem Verlangen, dass Gott nicht beleidigt werde, und er sei nichts anderes als Trauer um seiner verletzten Ehre willen; und sogleich möchten sie einem solchen Übel abhelfen. Dabei geraten sie aber in eine so große Unruhe, dass sie im Gebete gestört werden. Den größten Schaden jedoch erleiden sie dadurch, dass sie meinen, es sei dies Tugend, Vollkommenheit und großer Eifer für Gott. Ich rede hier nicht von jenem Schmerze, den öffentliche Sünden, die etwa in einer Gemeinde Gewohnheit sind, oder die Drangsale der Kirche durch die jetzigen Irrlehren verursachen, wodurch wir so viele Seelen verlorengehen sehen. Ein solcher Schmerz ist vielmehr ganz gut; und weil er gut ist, bringt er auch keine Unruhe mit sich. Im übrigen aber wird für eine Seele, die das innerliche Gebet üben will, dies das sicherste sein, dass sie unbekümmert um alte Dinge und um alle Menschen bloß auf sich selbst und auf das Wohlgefallen Gottes bedacht ist. Dies ist eine Sache von sehr großer Wichtigkeit; denn wenn ich die Fehler alle aufzählen wollte, die ich begehen sah, weil man sich auf seine gute Absicht verließ, so käme ich an kein Ende.

10. Darum wollen wir uns bemühen, immer nur auf die Tugenden und guten Werke anderer zu sehen, ihre Fehler aber mit unseren großen Sünden zu bedecken. Wenn dies auch gleich anfangs nicht so vollkommen von uns geschieht, so werden wir und dadurch doch allmählich eine große Tugend erwerben, nämlich die, dass wir alle Menschen für besser halten als uns selbst. Der Anfang ist alsdann schon gemacht, um mit der Gnade Gottes dahin zu gelangen. Ich sage: mit der Gnade Gottes; denn dieser bedürfen wir zu allem, und ohne sie sind unsere Bemühungen vergebens. Deshalb müssen wir Gott bitten, dass er uns diese Tugend verleihen wolle. Er aber lässt es keinem an seiner Hilfe mangeln, wenn nur wir selbst auch das Unsrige tun.

11. Jene, die viel mit dem Verstande nachsinnen können und in einem Gegenstande reichen Stoff zu Erwägungen und eine Fülle von Gedanken finden, mögen auch noch die folgende Mahnung beachten. Ihrer bedürfen jene nicht, die, wie dies bei mir der Fall war, mit dem Verstande nicht tätig zu sein vermögen. Diese sind bloß zu ermuntern, dass sie Geduld tragen, bis der Herr ihrem Verstande Licht und Beschäftigung gibt; denn aus sich vermögen sie so wenig, dass ihnen ihr Verstand eher zum Hindernis als zur Förderung dient. Was aber die ersteren betrifft, so sage ich, sie sollen nicht die ganze Zeit des Gebetes mit Nachsinnen zubringen. Es ist zwar diese Gebetsweise sehr verdienstlich; weil sie aber zugleich sehr angenehm ist, so meinen solche Seelen, sie dürften gar nicht Sonntag halten und keinen Augenblick von der Arbeit ausruhen. Dies schiene ihnen gleich Zeitverlust zu sein. Ich aber halte einen solchen Verlust für großen Gewinn. Sie sollen sich nur, wie ich schon gesagt habe, Christum vorstellen und, ohne den Verstand zu ermüden, zu ihm reden und seiner genießen. Da mögen sie ihm ohne mühsam zusammengesetzte Worte ihre Anliegen vortragen und ihm bekennen, wie gerechte Ursache er hätte, sie in seiner Gegenwart gar nicht zu dulden. So soll man bald die eine, bald die andere Übung vornehmen, damit die Seele keinen Überdruss bekommt, wenn sie immer die nämliche Speise genießen muss. Die genannten Speisen sind, wenn der Geschmack einmal daran gewöhnt ist, sehr angenehm und gedeihlich. Sie enthalten kräftige Nahrung in sich, um der Seele Leben mitzuteilen, und bringen auch sonst manchen Gewinn.

12. Ich will mich noch besser erklären; denn die Dinge, die das innerliche Gebet betreffen, sind alle schwierig und, wenn man keinen Lehrmeister findet, sehr schwer zu verstehen. Zwar möchte ich mich gern kurz fassen, und für den hohen Verstand dessen, der mir über diese Dinge zu schreiben aufgetragen hat, wäre es auch genug, sie nur einfach zu berühren. Allein bei der erwähnten Schwierigkeit lässt es meine Ungeschicklichkeit nicht zu, mich über etwas, an dessen richtiger Erklärung so viel gelegen ist, mit wenigen Worten auszudrücken und es dadurch verständlich zu machen. Da ich selbst sehr viel ausgestanden, habe ich Mitleid mit jenen Seelen, die bloß durch Bücher geleitet das innerliche Gebet beginnen; denn es ist erstaunlich, wie so ganz anders man diese Dinge versteht, wenn man sie später aus der Erfahrung kennenlernt.

13. Um also auf das Gesagte zurückzukommen, so wollen wir annehmen, der Gegenstand der Betrachtung sei ein Geheimnis aus dem Leiden des Herrn, z. B. die Geißelung, bei der er an die Säule gebunden dasteht. Der Verstand forscht nach den Ursachen, die ihm die Größe der Schmerzen und die Pein zu erkennen geben, die der Herr in dieser Verlassenheit erduldet hat, und nach vielem anderen, was ein tätiger oder wissenschaftlich gebildeter Verstand in diesem Geheimnisse finden kann. Dies ist die Gebetsweise, mit der alle beginnen, fortfahren und enden müssen. Sie ist ein vortrefflicher und sicherer Weg, den alle gehen müssen, bis der Herr sie zu anderen, übernatürlichen Dingen erhebt. Ich sage: alle, wenn es auch viele Seelen gibt, die mehr Nutzen aus anderen Betrachtungen als aus jenen über das heilige Leiden Christi ziehen. Denn wie es im Himmel viele Wohnungen gibt, so gibt es auch viele Wege dahin. Einigen ist es nützlich, wenn sie über die Hölle, anderen, für die der Gedanke an die Hölle zu betrüblich ist, wenn sie über den Himmel, und wieder anderen, wenn sie über den Tod Betrachtungen anstellen. Einige sind so weichherzig, dass es ihnen sehr schwer wird, immer über das Leiden Christi nachzudenken. Dagegen betrachten sie mit Freude und Nutzen die Macht und Größe Gottes in den Geschöpfen sowie die Liebe, die er zu uns getragen und die aus allem hervorleuchtet. Dies ist ein vortreffliches Verfahren; nur darf auch die oftmalige Betrachtung des Lebens und Leidens Christi nicht unterlassen werden, denn durch diese kam und kommt uns alles Gute zu.

14. Der Anfänger muss achthaben, um zu sehen, was für ihn das Förderlichste ist. Dazu bedarf er notwendig des geistlichen Führers, der aber selbst Erfahrung besitzen muss; denn wenn er diese nicht hat, so könnte er große Fehlgriffe machen und der armen Seele, die er leitet, aber nicht versteht, auch die Möglichkeit nehmen, sich selbst zu verstehen. Es weiß nämlich die Seele, welch großes Verdienst es ist, dem geistigen Führer unterworfen zu sein; darum wagt sie es nicht, von dem abzuweichen, was er ihr befiehlt. So habe ich Seelen getroffen, die ganz mutlos und niedergeschlagen waren, weil der geistliche Führer, der sie unterwies, keine Erfahrung hatte. Diese Seelen dauerten mich. Eine von ihnen wusste gar nicht mehr, was sie mit sich anfangen sollte; denn solche Führer, die in geistigen Dingen kein Verständnis haben, quälen Seele und Leib und hemmen den Fortschritt. Eine andere erzählte mir, wie sie ihr geistlicher Führer acht Jahre lang so gefesselt hielt, dass er ihr nicht gestattete, über die Erkenntnis ihrer selbst hinauszugehen, obwohl sie der Herr schon im Gebete der Ruhe erhoben hatte; darum litt sie große Pein.

15. Zwar darf man von der Selbsterkenntnis niemals ablassen, und es gibt keine so große Riesenseele auf diesem Wege, die nicht oftmals wieder ein Kind werden und an der Brust saugen müsste. Dies ist eine Wahrheit, die man nicht vergessen möge und auf die ich ihrer großen Wichtigkeit halber vielleicht noch öfter zu sprechen kommen werde; denn keine Gebetsstufe ist so erhaben, dass es dabei nicht oftmals nötig wäre, wieder zum Anfange zurückzukehren. Die Betrachtung der Sünden und die Erkenntnis seiner selbst ist das Brot, das man auf dem Wege des Gebetes allen Speisen, so köstlich sie auch sein mögen, genießen muss; ja ohne dieses Brot könnte man sich gar nicht erhalten. Doch muss es mit Maß genossen werden. Denn wenn eine Seele sich schon gedemütigt sieht und klar erkennt, dass sie von sich selbst nichts Gutes hat; wenn sie sich beschämt fühlt vor einem so großen Könige und sieht, wie wenig sie ihm das viele Gute lohnt, das sie ihm verdankt: warum soll sie dann die Zeit mit solchen Betrachtungen verlieren und nicht vielmehr zu anderen Dingen übergehen, die der Herr ihr vorstellt und die abzuweisen sie keinen Grund hat? Seine Majestät weiß doch wohl besser als wir, welche Speisen uns zuträglich sind.

16. Es liegt also viel daran, dass der geistliche Führer klug sei, ich will sagen, dass er einen guten Verstand und Erfahrung besitze. Verbindet er mit diesen Eigenschaften auch noch Gelehrsamkeit, so ist dies von ungemein großem Vorteile. Kann man aber diese drei Stücke in einer Person nicht vereinigt finden, so ist an den zwei ersteren mehr gelegen; denn im Falle der Not kann man wohl sonst noch Gelehrte finden, um sich bei ihnen Rat zu holen. Ich behaupte sogar, dass Anfängern gelehrte Führer wenig nützen, wenn diese nicht selbst auch das innerliche Gebet üben. Doch sage ich nicht, dass nicht auch Anfänger mit gelehrten Männern sich besprechen sollen; denn eine Seele, die nicht den rechten Weg eingeschlagen hat, würde ich lieber auf die Übung des innerlichen Gebetes verzichten sehen. Ja, es ist etwas Großes um die Wissenschaft; denn diese unterweist uns, die wir wenig wissen; sie erleuchtet uns und sind wir durch sie zur Kenntnis der Heiligen Schrift gelangt, so tun wir auch, was wir schuldig sind. Vor albernen Andachten aber bewahre uns Gott!

17. Ich will mich deutlicher erklären, obschon ich glaube, mich in zu viele Dinge einzulassen; denn immer haftet mir der Fehler an, dass ich, wie schon gesagt, mich nicht anders verständlich machen kann als mit Aufwand von vielen Worten. Da ist z. B. eine Nonne, die anfängt, das innerliche Gebet zu üben. Wenn nun ein unverständiger Führer sie leitet und es ihm einfällt, so wird er ihr beibringen, es wäre besser, ihm zu gehorchen als ihrem Oberen. Dies tut er nicht aus Bosheit, sondern weil er meint, das Rechte zu treffen; denn wenn er nicht selbst auch dem Ordensstande angehört, so mag es ihm wohl so scheinen. Ist es aber eine verheiratete Frau, die sich seiner Leitung unterworfen hat, so wird er ihr sagen, sie tue besser daran, anstatt ihre Hausgeschäfte zu besorgen, dem Gebete obzuliegen, wenngleich sie ihren Gatten dadurch unzufrieden macht. Ein solcher Führer weiß weder Zeit noch Dinge zu ordnen; ihm sei fehlt es an Licht, und darum kann er auch anderen keines mitteilen, wenn er auch will. Obschon nun für Dinge dieser Art keine Gelehrsamkeit notwendig zu sein scheint, so war es doch immer meine Meinung, und sie wird es auch bleiben, dass jeder Christ nach Möglichkeit trachten soll, sie bei tüchtigen Gelehrten Rats zu erholen; je mehr Wissenschaft sie besitzen, desto besser wird es sein. Am meisten aber bedürfen dies jene, die den Weg des Gebetes wandeln; und je mehr sie im geistlichen Leben vorangeschritten sind, um so dringender in dieses Bedürfnis für sie. Man sage nicht, Gelehrte, die das innerliche Gebet nicht üben, seien nicht für jene, die ihm ergeben sind; denn da würde man sich täuschen. Ich selbst habe mit vielen Gelehrten verkehrt, da ich ihnen von jeher zugetan war, seit einigen Jahren aber des größeren Bedürfnisses halber mich noch häufiger mit ihnen zu besprechen suchte. Gibt es auch solche unter ihnen, die keine Erfahrung haben, so sind diese doch dem geistlichen Leben nie abhold und in diesen Dingen nicht unwissend, da sie in der Heiligen Schrift, mit der sie vertraut sind, allzeit die Wahrheit des guten Geistes finden. Ja, ich halte dafür, dass eine dem Gebete ergebene Person, die bei Gelehrten sich Rats erholt, sicher ist vor den Täuschungen und dem Betruge des bösen Feindes, außer sie will sich selbst betrügen; denn ich glaube, die bösen Geister fürchten die Wissenschaft, die mit Demut und Tugend verbunden ist, gar sehr, weil sie wissen, dass sie dadurch entdeckt werden und mit Verlust abziehen müssen.

18. Dies habe ich gesagt, weil manche meinen, Gelehrte, die nicht selbst im geistlichen Leben erfahren sind, seien nicht für Personen, die das innerliche Gebet üben. Wie ich schon bemerkt habe, ist ein geistlicher Führer notwendig; wenn dieser aber keine Wissenschaft besitzt, so ist dies ein nicht geringer Übelstand. Darum wird es eine große Beihilfe sein, wenn man auch Gelehrte zu Rate zieht, falls sie nur tugendhaft sind. Ein solcher Gelehrter, sei es auch, dass er dem geistlichen Leben nicht ergeben ist, wird mir immerhin nützen. Gott wird ihm eingeben, was er mich lehren will; ja, Seine Majestät wird bewirken, dass auch er dem geistlichen Leben sich hingibt, um uns helfen zu können. Ich rede hier nicht ohne tatsächlichen Grund; denn bei mehr als zweien habe ich diese Erfahrung gemacht. Ich sage also: eine Seele, die sich ganz und gar der Leitung eines Führers allein unterwerfen will, geht weit irre, wenn sie nicht einen aussucht, der dazu geeignet ist. Muß sie als Ordensperson unter einem Oberen stehen, dem zufällig alle drei oben genannten Eigenschaften fehlen, so wird sie ohnehin kein geringes Kreuz haben, ohne dass sie noch obendrein freiwillig ihren Verstand einem unvernünftigen Menschen unterwirft. Ich wenigstens habe dies nie über mich vermocht, und es scheint mir auch nicht gut zu sein. Ist es aber eine weltliche Person, die sich einem geistlichen Führer ganz unterwerfen will, so preise sie Gott, dass sie ihn frei wählen kann, und mache sich diese heilige Freiheit zunutze. Sie bleibe lieber ohne Führer, bis sie den geeigneten gefunden hat; denn der Herr wird ihr noch einen geben, wenn anders ihr Bestreben ganz auf Demut und das Verlangen gegründet ist, das Rechte bei ihrer Wahl zu treffen.

19. Ich preise den Herrn von ganzem Herzen, und wir Frauenpersonen, wie überhaupt alle Ungelehrten, sollten ihm ohne Unterlass unendlichen Dank dafür sagen, dass es Männer gibt, die sie mit so vielen und großen Mühen die Kenntnis der Wahrheit erworben haben, die uns Unwissenden verborgen ist. Gar oft bewundere ich die Gelehrten, besonders jene aus dem Ordensstande, wie so mühevoll sie sich das erworben haben, was mir ohne alle Mühe meinerseits durch bloßes Fragen zugute kommt. Und da sollte es noch Personen geben, die sich dies nie zunutze machen wollten? Das möge Gott verhüten! Ich sehe, wie jene Männer sich den Beschwerden des Ordenslebens, die keineswegs gering sind, unterziehen; wie sie strengen Bußübungen sich ergeben, mit schlechter Kost zufrieden sind und sich unter das Joch des Gehorsams beugen, so dass wir dies bisweilen zu großer Beschämung dient. Ich sehe, wie unbequem sie schlafen und wie ihr ganzes Leben lauter Mühe, lauter Kreuz ist. Darum schiene es mir übel getan, wenn jemand aus eigener Schuld sich ein so großes Gut entgehen ließe. Und doch kann es geschehen, dass manche von uns, die wir, frei von solchen Mühen, die geistige Speise sozusagen schon gekocht vorgesetzt bekommen, und die wir nach unserem Gefallen leben, sich dem Gedanken hingeben, wir seien jenen Vielgeplagten vorzuziehen, weil wir ein wenig mehr dem Gebete obliegen. Gepriesen seist du, o Herr, dass du mich zu einem so unfähigen und nutzlosen Wesen gemacht hast! Aber noch mehr preise ich dich, dass du so viele erweckst, auf dass sie uns erwecken. Wir sollten für die, die uns Licht bringen, recht anhaltend beten. Was wären wir wohl ohne sie bei den großen Stürmen, die sich gegenwärtig in der Kirche erheben? Hat es unter ihnen auch schlechte gegeben, so leuchten die guten um so mehr. Der Herr wolle diese an seiner Hand halten und ihnen beistehen, damit sie uns helfen mögen! Amen.

20. Ich bin nun weit von meinem Gegenstande abgekommen; doch ist alles für die Anfänger berechnet, damit sie nämlich den so erhabenen Weg in der Weise antreten, dass sie nicht irregehen. Um daher nochmals auf das zurückzukommen, was ich von der Bertachtung Christi an der Säule sagte, so ist es gut, wenn man eine Weile darüber nachdenkt, welche Peinen er da gelitten und für wen er sie gelitten, wer der ist, der sie auf sich genommen, und mit welcher Liebe er sie erduldet hat. Man soll sich aber nicht immerfort mit solchem Nachdenken abmühen, sondern den Verstand auch ruhen lassen und so vor dem Herrn verweilen. Wenn es möglich ist, halte man den Geistesblick auf den Herrn gerichtet, der auch uns ansieht; man leiste ihm Gesellschaft, rede ihn an, und trage ihm seine Bitten vor; man verdemütige sich vor ihm; man ergötze sich an ihm und erinnere sich dabei, dass man nicht wert sei, in seiner Gesellschaft zu weilen. Kann man sich in solcher Weise beschäftigen, und sei es auch schon zu Anfang des Gebetes, so wird man großen Nutzen finden. Ja, diese Art zu beten bringt viele Vorteile, wie wenigstens meine Seele es erfahren hat.

21. Ich weiß nun nicht, ob ich mit dem Gesagten das Rechte getroffen habe; euer Gnaden werden es sehen. Der Herr gebe, dass ich es wenigstens recht treffe in immerwährender Erfüllung seines Willens! Amen.

Vierzehntes Hauptstück

Sie beginnt mit der Erklärung der zweiten Gebetsstufe, auf der Gott die Seele schon mehr besondere Süßigkeiten zu kosten gibt. Ihre Absicht dabei ist, zu zeigen, wie es sich hier um übernatürliche Dinge handelt. Diese Erklärung ist von großer Wichtigkeit.

1. Nachdem bereits erklärt ist, mit welcher Mühe der Garten bewässert werde, wenn man das Wasser mit den Armen aus dem Brunnen schöpft, so wollen wir jetzt von der zweiten Art des Wasserschöpfens reden. Der Herr des Gartens hat nämlich angeordnet, dass der Gärtner mittels einer aus einem Schöpfrade und Leitungsröhren bestehenden Vorrichtung mehr Wasser gewinnt, dabei weniger Mühe hat und, ohne beständig arbeiten zu müssen, auch ausruhen kann. Diese Art, Wasser zu schöpfen, auf das Gebet angewendet, bezeichnet jene Stufe, die man das Gebet der Ruhe nennt, und von diesem will ich jetzt handeln.

2. Die Seele beginnt hier sich zu sammeln, indem sie schon etwas Übernatürliches berührt; denn durch sich selbst kann sie dies in keiner Weise erreichen, soviel sie sich dazu auch anstrengen mag. Zwar ist es wahr, dass sie sich scheinbar mit dem Treiben des Rades und dem Füllen der Röhren, d. i. durch die Tätigkeit ihres Verstandes, eine Weile abgemüht hat; aber das Wasser steht hier schon höher, und darum plagt sie sich auf diese Weise schon viel weniger als durch Schöpfen aus dem Brunnen. Ich sage, das Wasser stehe hier näher, weil die Gnade sich der Seele schon klarer zu erkennen gibt. Dabei geschieht es, dass die Seelenkräfte, ohne sich zu verlieren oder zu entschlafen, sich in sich selbst zurückziehen, damit die Seele das Vergnügen, das sie hier empfindet, mit größerer Wonne genießt. Der Wille allein wird hier eingenommen, so dass er, ohne zu wissen wie, gefangengehalten wird; nur gibt er seine Zustimmung dazu, dass Gott ihn in Haft halte, indem er wohl weiß, dass er ein Gefangener dessen sei, den er liebt. O Jesus, mein Herr, was vermag doch hier deine Liebe über uns! Sie hält die unsrige so gebunden, dass sie ihr in diesem Zustande keine Freiheit lässt, etwas anderes zu lieben als dich.

3. Die anderen zwei Kräfte helfen dem Willen, sich mehr und mehr zum Genusse eines so großen Gutes fähig zu machen. Dennoch geschieht es zuweilen, dass diese beiden Kräfte den Willen, trotzdem er mit Gott vereinigt ist, nicht wenig stören. Das achte aber der Wille nicht, sondern verharre in seinem Genusse und in seiner Ruhe; denn wollte er die anderen Kräfte sammeln, so würde er sich samt ihnen verlieren. Letztere sind da den Tauben ähnlich, die sich mit dem Futter, dass ihnen der Eigentümer des Taubenschlages ohne ihr Zutun vorstreut, nicht begnügen, sondern anderwärts Nahrung suchen; was sie aber finden, sagt ihnen so wenig zu, dass sie wieder zurückkehren. So entfernen sich auch jene Seelenkräfte und kommen wieder zurück, um zu sehen, ob nicht etwa der Wille von seiner Süßigkeit ihnen etwas mitteile. Will ihnen alsdann der Herr etwas Futter vorgeben, so bleiben sie; wenn nicht, so fliegen sie wieder aus, sich eines zu suchen. Es kommt auch vor, dass das Gedächtnis oder die Einbildungskraft den Willen mit dem beschäftigen wollen, was er genießt; sie müssen meinen, ihm dadurch zu nützen, werden ihm aber oft nur schaden. Darum muss der Wille, wie ich noch sagen werde, sich vorsichtig gegen sie verhalten. Es ist also der ganze Verlauf des in Rede stehenden Gebetes voll des süßesten Trostes, und man braucht sich dabei so wenig anzustrengen, dass es auch bei langer Dauer nicht ermüdet; denn der Verstand ist hier nur in einer sehr sanften und ruhigen Weise tätig, und doch gewinnt er viel mehr Wasser, als da er aus dem Brunnen schöpfte. Die Tränen, die Gott hier gibt, fließen mit lauter Wonne; man merkt sie zwar, ruft sie aber nie absichtlich hervor.

4. Das Wasser der großen Güter und Gnaden, das der Herr in diesem Gebete spendet, befördert das Wachstum der Tugenden unvergleichlich mehr als jenes der vorigen Gebetsweise; denn die Seele hebt sich jetzt allmählich aus ihrem Elende empor, und es wird ihr schon ein kleiner Vorgeschmack von den Genüssen der ewigen Glorie gegeben. Dies, meine ich, bewirkt, dass die Tugenden mehr wachsen. Auch kommt hier die Seele der wahren Tugend, von der alle Tugenden ihren Ursprung haben, und die Gott ist, näher; denn Seine Majestät beginnt nunmehr, sich ihr mitzuteilen, und will, dass die diese Mitteilung auch fühle. Sobald daher die Seele auf dieser Stufe angelangt ist, beginnt auch schon das Verlangen nach dem Irdischen sich in ihr zu verlieren, und zwar ohne besonderes Verdienst von ihrer Seite. Sieht sie ja klar, dass in den Dingen dieser Erde auch nicht auf einen Augenblick ein solcher Genuss zu finden sei, und dass kein Reichtum, keine Herrschermacht, keine Ehre und keine Lust auch nur eine Sekunde lang das Vergnügen gewähren kann, dass man hier genießt; denn es ist dieses ein wahres Vergnügen, eine Freude, die offenbar befriedigt. Dagegen ist es, wie mich dünkt, schwer einzusehen, wo denn in den irdischen Freuden eine solche Befriedigung sei, da bei ihnen neben dem Ja stets ein Nein zu finden ist. Hier aber ist, solange der Genuss währt, alles Ja; das Nein kommt erst später, wenn die Seele sieht, dass dieser glückliche Zustand vorüber ist, ohne dass es in ihrer Macht stände und ohne dass sie ein Mittel wüßte, ihn wieder zu gewinnen. Mag sie auch durch Bußwerke und Gebet sich aufzehren und alles andere tun, so wird es ihr doch wenig helfen, wenn nicht der Herr aufs neue ihr diese Seligkeit verleihen will. Gott will nämlich seiner Größe wegen der Seele zu erkennen geben, wie innigst nahe er ihr ist, so dass sie nicht nötig hat, ihm Boten zu senden, sondern dass sie selbst mit ihm sprechen kann, und zwar ohne laut die Stimme zu erheben, da er ihr so nahe ist, dass er sie schon versteht, wenn sie nur die Lippen bewegt.

5. Das eben Gesagte scheint eine unnütze Bemerkung zu sein, da wir ja ohnehin wissen, dass uns Gott allzeit gegenwärtig ist und uns hört. Dies ist unzweifelhaft wahr. Aber hier will dieser unser höchster Gebieter und Herr, wir sollen innewerden, dass er uns hört, und erkennen, was seine Gegenwart tut, sowie auch, dass er anfangen will, auf besondere Weise in der Seele zu wirken. Dies ist zu entnehmen aus der großen inneren und äußeren Befriedigung, die Gott der Seele gewährt, und aus dem Unterschiede, der, wie gesagt, zwischen dieser Wonne und den irdischen Freuden besteht. Scheint es doch, dass hier die Leere wieder ausgefüllt werde, die durch unsere Sünden in der Seele entstanden ist. Tief in ihrem Innersten fühlt die Seele diese Befriedigung, ohne zu wissen, woher oder wie sie gekommen ist. Oftmals weiß sie auch nicht, was sie tun oder wünschen oder um was sie noch bitten soll. Es scheint ihr, sie habe alles Gute samt und sonders gefunden, und doch kann sie nicht sagen, was sie gefunden. Ich selbst weiß es nicht verständlich zu machen; denn dazu bedürfte ich der Wissenschaft der Gelehrten. Da viele es nicht wissen, so wäre es hier gut, zu erklären, was der allgemeine und was der besondere Gnadenbeistand ist, und wie der Herr will, hat die Seele auf dieser Gebetsstufe den besonderen Gnadenbeistand gleichsam mit Augen sehe. Zu dieser Erklärung aber mangelt mir die erforderliche Wissenschaft, und dasselbe muss ich in betreff vieler anderer Dinge bekennen, die ich eben deshalb vielleicht unrichtig erkläre. Glücklicherweise darf ich außer Sorge sein, da diese Schrift Männern zu Gesicht kommt, die, wenn wirklich etwas Irriges darin enthalten ist, es entdecken werden. Ich weiß ja, dass ich sowohl der Wissenschaft dieser Männer als auch ihren Erfahrungen in geistlichen Dingen vertrauen kann, und darum zweiste ich nicht, dass sie vorkommende Unrichtigkeiten erkennen und ausstreichen werden.

6. Ich möchte aber diesen Gebetszustand deshalb erklären, weil es sich hier um die ersten Anfänge (des übernatürlichen Gebetes) handelt, und weil es die Seele, wenn der Herr ihr diese Gnade die erteilen beginnt, noch nicht versteht und auch nicht weiß, wie sie sich dabei die zu verhalten hat. Es wird ihr darum, falls sie der Herr gleich mir den Weg der Furcht führt, eine große Pein sein, wenn sie niemand hat, der sie versteht. Dagegen wird sie großen Trost empfinden, wenn sie sich selbst hier geschildert sieht; sie wird alsdann klar erkennen, dass auch sie diesen Weg wandelt. Zudem ist es von großem Nutzen, zu wissen, dass man auf jeder Gebetsstufe zu tun hat, um deren Früchte einzuernten. Dadurch, dass ich vieles nicht wusste, habe ich vieles ausgestanden und viele Zeit verloren. Daher habe ich mit Seelen, die, hier angelangt, sich so allein sehen, großes Mitleid; denn die geistlichen Bücher, von denen ich schon viele gelesen, erklären von diesem Gegenstande, wenn sie ihn auch berühren, nur sehr weniges. Indessen würde eine Seele, die hierin nicht selbst schon sehr erfahren ist, auch aus einer ausführlichen Erklärung nur mit großer Mühe sich klar werden.

7. Ich wünschte sehr, der Herr möchte mir beistehen, die Wirkungen zu schildern, die diese Dinge, mit denen schon das Übernatürliche beginnt, in der Seele hervorbringen, damit man daraus, soviel es hienieden möglich ist, den Geist Gottes erkennen könne, obschon es immer gut sein wird, in Furcht und mit Vorsicht zu wandeln. Mag auch das Gebet von Gott sein, so kann doch zuweilen der böse Feind in einen Engel des Lichtes sich kleiden, so bat die Seele den Betrug nicht entdeckt, falls ihr nicht eine große Erfahrung, ja eine solche Erfahrung zu eigen ist, wie sie nur der besitzen kann, der die höchste Stufe des Gebetes schon erreicht hat. Mit der geringen Zeit, die ich übrig habe, ist mir für diese Arbeit wenig gedient; und so muss denn die göttliche Majestät tun, was ich selbst nicht vermag. Ich bin nämlich verpflichtet, den gemeinsamen Übungen beizuwohnen, und bin außerdem von einer Menge anderweitiger Geschäfte in Anspruch genommen, da das Kloster, in dem ich mich befinde, erst neu gegründet wurde, wie man später noch ersehen wird. Ich kann also nur selbst wenig beim Schreiben verbleiben und mich nur auf kurze Augenblicke dazu niedersetzen, so sehr ich auch wünschte, es mit Muße tun zu können; denn dann geschieht es leichter und fällt auch besser aus, vorausgesetzt, dass der Herr den Geist dazu verleiht. Ist es doch alsdann, als hätte man ein Muster vor sich, nach dem man seine Arbeit fertigt. Mangelt aber dieser Geist, so kann man diese Sprache ebensowenig sprechen, als sozusagen die arabische, und wollte man auch schon viele Jahre in der Übung des Gebetes zugebracht haben. Daher scheint es mir ein großer Vorteil zu sein, wenn ich mich während des Schreibens im Gebete befinde; denn da sehe ich klar, dass nicht ich es bin, die das sagt, was ich schreibe, weil ich es weder mit dem Verstande ordne, noch auch nachher weiß, wie ich es richtig habe ausdrücken können. Dies widerfährt mir gar oft.

8. Kehren wir nun zu unserem Baum oder Blumengarten zurück und sehen wir, wie die Bäume sich mit Saft zu füllen beginnen, um Blüten zu treiben und späterhin Frucht zu tragen, und die Nelken und sonstigen Blumen desgleichen, um ihren Geruch von sich zu geben. Dieser Vergleich erweckt in mir ein süßes Gefühl, wenn ich jener Zeit gedenke, in der das Leben, das ich jetzt erzählen werde, in mir seinen Anfang genommen hat; der Herr gebe nur, dass ich jetzt auch begonnen habe, Seiner Majestät zu dienen! Damals nämlich war es mir oft ein großes Vergnügen, meine Seele als einen Garten zu betrachten, in dem der Herr lustwandelt. Ich bat ihn, er wolle den Geruch der Tugendblumen, die, wie es schien, hervorkommen wollten, vermehren, und es möge dies zu seiner Ehre sein. Auch bat ich ihn, er wolle diese Blümchen, nicht zwar für mich, sondern für sich erhalten und davon abschneiden, was ihm beliebte, da ich schon wusste, dass alsdann vollere und duftendere wieder nachwachsen würden. Ich sage: abschneiden, denn es kommen für die Seele Zeiten, in denen nichts mehr an diesen Garten erinnert. Es scheint da alles verdorrt und kein Wasser zur Erhaltung des Gartens vorhanden zu sein; ja, es ist, als wäre in der Seele nie etwas von Tugend gewesen. Dieser Zustand in sehr leidensvoll; denn der Herr will, dass es dem armen Gärtner scheine, es sei alles, was er zur Erhaltung und Pflege des Gartens getan, verloren. Gerade da aber wird das zurückgebliebene Unkraut, so klein es auch sein mag, wahrhaft ausgejätet und mit der Wurzel ausgereutet. Dies geschieht dadurch, dass wir erkennen, dass aller eigene Fleiß nicht ausreicht, wenn Gott uns das Wasser der Gnade entzieht, und dass wir unser eigenes Nichts gering, ja uns selbst für geringer achten als nichts. Man gewinnt also hier eine tiefe Demut, und die Blumen wachsen wieder aufs neue.

9. O mein Herr und mein höchstes Gut! Nicht ohne Tränen und nicht ohne große Wonne meiner Seele kann ich es aussprechen, dass du, o Herr, gleichwie zu im Sakramente zugegen bist, so auch in uns selbst wohnen willst. Dies kann mit aller Gewissheit geglaubt werden; denn es ist wirklich so, und darum können wir und auch mit Wahrheit dieses Vergleiches bedienen. Wenn mir es durch eigene Schuld nicht verscherzen, so können wir deiner genießen; ja du selbst findest deine Freude in uns, da du uns versicherst, es sei deine Wonne, bei den Menschenkindern zu sein. O mein Herr! Was ist doch das? Sooft ich dieses Wort vernehme, ist es mir ein großer Trost; ja, selbst damals schon empfand ich ihn, als ich noch sehr in der Irre war. Ist es möglich, o Herr, dass es eine Seele gebe, der du solche Gnaden und Tröstungen erweisest, und die trotz ihrer Erkenntnis, dass Du dich an ihr erfreuest, dich dennoch wieder beleidigt, nachdem sie so viele Gunstbezeigungen und so große, weil klar erkannte, darum unzweifelhafte Beweise deiner Liebe empfangen hat? Ja, es gibt eine solche Seele, die dich nicht bloß einmal, sondern oftmals wieder beleidigt hat, und diese Seele bin ich. O mein Herr! Möchte es doch deiner Güte gefallen, dass ich, die einzige Undankbare wäre, die eine so große Bosheit begangen und eines so grenzenlosen Undankes sich schuldig gemacht hat! Denn schon aus dieser hat deine unendliche Güte etwas Gutes erzielt, da nun an ihr das große Gut deiner Erbarmungen desto herrlicher erglänzt, je größer das Übel auf ihrer Seite war. Wie gerechte Ursache habe ich demnach, diese Erbarmungen ewig zu preisen! Ich bitte dich, o mein Gott, mache, dass es also geschehe; lass mich das Lob deiner Erbarmungen ohne Ende singen! Hat es dir ja gefallen, sie mir in so außerordentlicher Weise zu erzeigen, dass alle, die davon Zeugen sind, darüber staunen, ja, ich bin selbst oftmals außer mir und kann dich dann so besser loben und preisen; denn aus mir selbst und ohne dich könnte ich nichts, als die Blumen, die du in deinen Garten gepflanzt, wieder ausreißen, so dass dieser elende Boden abermals zu einer Sammelstätte des Unrates diente wie vorher. Gestatte dieses nicht, o Herr, und lasse nicht zu, dass eine Seele verlorengeht, die du mit so vielen und großen Schmerzen erkauft, die du so oft aufs neue erlöst und den Zähnen des schrecklichen Drachen entrissen hast!

10. Euer Gnaden wollen mir diese Abschweifung verzeihen und sich nicht darüber wundern, da ich nur dem Drange meines Herzens gefolgt bin. Denn was ich hier schreibe, ergreift so mächtig meine Seele, dass es ihr bei der gleichzeigen Erinnerung an ihre große Verpflichtung gegen Gott bisweilen schwer genug fällt, sich nicht noch weiter in seinem Lobe zu verbreiten. Ich glaube auch, euer Gnaden werden kein Mißfallen daran haben, weil wir ja beide, wie ich meine, das gleiche Lob singen können, wenngleich auf verschiedene Weise; denn ich bin Gott weit mehr schuldig als euer Gnaden, weil er mir, wie Sie wissen, auch mehr verziehen hat.

Fünfzehntes Hauptstück

Fortsetzung des nämlichen Gegenstandes. Unterweisungen, wie man sich im Gebete der Ruhe zu verhalten habe. Viele Seelen gibt es, die bis zu dieser Stufe des Gebetes gelangen, wenige aber, die von da weiter fortschreiten. Die Kenntnis dessen, was hier berührt wird, ist sehr notwendig und nützlich.

1. Kehren wir nun zu unserem Gegenstande zurück. Die Ruhe und Sammlung bei diesem Gebete ist etwas, das sich in der Seele durch das Genügen, das sie empfindet, durch den Frieden, der sich über sie ergießt, durch die vollkommene Befriedigung und Ruhe ihrer Kräfte, und durch die überaus süße Wonne, mit der sie erfüllt wird, ganz deutlich zu erkennen gibt. Weil die Seele noch nichts Höheres gekostet hat, so meint sie, es bleibe ihr nichts mehr zu wünschen übrig, und gern möchte sie mit dem heiligen Petrus bitten, hier ihre Wohnung aufschlagen zu dürfen. Aus Furcht, es könnte ihr dieses Gut unter den Händen zerrinnen, wagt sie es nicht, sich zu bewegen oder zu regen; ja, manchmal möchte sie nicht einmal Atem schöpfen. Die Arme denkt nicht daran, dass sie, gleichwohl sie selbst zur Erlangung eines so großen Gutes nichts tun konnte, es noch weniger länger behalten kann, als der Herr es will. Ich habe es bereits erwähnt, dass bei dieser ersten Sammlung und Ruhe die Seelenkräfte ihre natürliche Tätigkeit nicht einstellen. Es findet aber die Seele ein so vollkommenes Vergnügen in Gott, dass sie während der Dauer dieses Gebetes, weil der Wille mit Gott vereinigt ist, ihre Ruhe und Stille nicht verliert, wenn auch die beiden anderen Kräfte umherschweifen; diese, Verstand und Gedächtnis, werden vielmehr vom Willen allmählich wieder gesammelt. Denn obgleich letzterer noch nicht ganz und gar in Gott versenkt ist, wird er doch, ohne zu wissen wie, so von ihm eingenommen, dass die anderen Kräfte, wie sehr sie sich auch bemühen mögen, ihm doch seine Zufriedenheit und Ruhe nicht rauben können; ohne jegliche Anstrengung trachtet er vielmehr darnach, dass dieses Fünklein der Liebe Gottes nicht erlösche.

2. Die göttliche Majestät verleihe mir diese Gnade, dies deutlich zu erklären! Denn es gibt viele Seelen, die bis zu diesem Stande gelangen, aber wenige finden sich, die von da weiter fortschreiten, und ich weiß nicht, an was die Schuld liegt. Sicherlich fehlt es nicht an Gott. Verleiht ja Seine Majestät die Gnade, bis hierher zu gelangen, darum glaube ich auch, dass Gott nicht aufhören werde, viele weitere Gnaden zu spenden, wenn wir nicht durch unsere Schuld ihn hindern. In dieser Hinsicht ist viel daran gelegen, dass die Seele, die bis hierher gelangt ist, ihre hohe Würde und die große Gnade, die ihr der Herr erwiesen hat, erkenne und einsehe, wie ihr Wandel billigermaßen nicht auf Erden sein dürfe, da die göttliche Güte sie jetzt schon zu einer Bürgerin des Himmels zu machen scheint, wenn sie dieses Glück nicht durch eigene Schuld verscherzt. Unglücklich aber wird sie sein, wenn sie wieder umkehrt; alsdann fürchte ich, sie werde dem Abgrunde zugehen, in den auch ich geraten wäre, bitte mich nicht die Barmherzigkeit des Herrn zurückgeführt. Denn nach meinem Dafürhalten sind meistens schwere Verschuldungen die Ursache davon. Ja, man kann von einem so großen Gute unmöglich lassen ohne große, unheilvolle Verblendung.

3. Um der Liebe des Herrn willen bitte ich daher die Seelen, denen Seine Majestät eine so große Gnade, diesen Stand zu erreichen, erwiesen hat, sie möchten doch sich selbst erkennen und in demütigem und heiligem Stolze sich hochachten, um nicht wieder zu den Töpfen Ägyptens zurückzukehren. Sollten sie aber aus Schwäche oder aus Bosheit oder wegen ihrer verderbten und armseligen Natur fallen, wie auch ich gefallen bin, so mögen sie doch fest des verlorenen Gutes eingedenk sein und im Grund fürchten, vom Schlimmen zum Schlimmen zu kommen, — — — wenn sie nicht zur Übung des innerlichen Gebetes zurückkehren. Denn jene Seele nenne ich schon eine wirklich gefallene, die den Weg scheut, auf dem sie ein so großes Gut erlangt hat; und Seelen dieser Art sind es, zu denen ich spreche. Ich sage nicht, sie müssten fortan so vollkommen sein, dass sie Gott gar nicht mehr beleidigen und in gar keine Sünde mehr fallen; denn obschon jene, die bereits so große Gnaden erlangt haben, besondere Ursache hätten, sich sorgfältig vor jeder Sünde zu hüten, so sind wir doch armselige Menschen. Wozu ich aber solche Seelen dringend ermahne, ist dies, dass sie nicht vom innerlichen Gebet ablassen sollen; denn so werden sie ihre begangenen Untreuen erkennen und vom Herrn die Gnade der Reue und Kraft erhalten, sie wieder zu erheben. Würden sie dagegen das Gebet aufgeben, so würde es gefährlich um sie stehen. Dies möge man mir glauben. Ich weiß jedoch nicht, ob ich in dieser Sache das rechte Verständnis habe; denn ich urteile, wie gesagt, nur nach meiner eigenen Erfahrung.

4. Das Gebet der Ruhe ist, wie ich sagte, ein Fünklein der wahren Liebe Gottes, die der Herr in der Seele zu entzünden beginnt, indem er zugleich will, dass die Seele erkenne, was diese mit Wonne verbundene Liebe ist. Wer Erfahrung hat, muss sogleich erkennen, dass diese Ruhe und Sammlung, dass dieses Fünklein, wenn es vom Geiste Gottes herrührt und nicht ein vom bösen Feinde eingeflößtes oder von uns selbst hervorgerufenes Ergötzen ist, keine Sache sei, die man sich durch eigenes Bemühen verschaffen könne. Unsere Natur jedoch ist nach schmackhaften Dingen so lüstern, dass sie alles versucht. Da stellt sich aber gar bald in der Seele eine große Kälte ein; denn wie sehr sie sich auch, um die Süßigkeit dieses Gebetes zu kosten, bemühen mag, das Feuer anzufachen, so scheint es doch, als schütte sie Wasser auf das Fünklein, um es auszulöschen. Dieses Fünklein nun, das von Gott in die Seele gesenkt wird, macht, so klein es auch sei, ein starkes Geprassel, und wenn man es nicht durch eigene Schuld auslöscht, so zündet es allmählich jenes große Feuer an, das in Flammen der glühendsten Liebe Gottes auflodert, die seine Majestät vollkommenen Seelen verleiht. Ich werde davon noch an passender Stelle sprechen.

5. Dieses Fünklein ist ein Unterpfand, das Gott der Seele als ein Zeichen gibt, dass er sie nun in großen Dingen auserwählt, wenn sie sich dafür bereitet; es ist ein großes Geschenk, viel größer, als ich es aussprechen kann. Ich kenne, wie gesagt, viele Seelen, die bis hierher gelangt sind; von denen aber, die von da weiter schreiten, wie sie sollten, kenne ich so wenige, dass ich mich schäme, es zu sagen. Dies schmerzt mich sehr. Ich sage jedoch nur, was ich wahrgenommen habe, und behaupte nicht, dass es in der Tat nur wenige solcher Seelen gibt; vielmehr glaube ich, es müssen ihrer immerhin viele sein, weil ja doch etwas die Ursache ist, warum uns Gott noch erhält. Die Seelen aber, die der Herr zu diesem Stande erhoben hat, möchte ichdringend ermahnen, achtzuhaben, dass sie das empfangene Talent nicht vergraben; denn es scheint, Gott wolle sie erwählen, vielen anderen zu nützen, besonders in diesen Zeiten, die starke Gottesfreude erheischen, um die Schwachen zu unterstützen. Ja, für Freunde Gottes sollen sich jene halten, die diese Gnade in sich erkennen, wenn sie nur auch den Gesetzen zu entsprechen wissen, deren Beobachtung schon eine gute Freundschaft in der Welt bedingt. Tun sie das nicht, so mögen sie, wie gesagt, fürchten, sich zu schaden, und gebe Gott, sie schadeten dann nur sich allein!

6. Zur Zeit des Ruhegebetes hat nun die Seele nichts anderes zu tun, als sich in stiller Hingabe und ohne Geräusch zu verhalten. Geräusch nenne ich hier, wenn man mit dem Verstande viele Erwägungen anstellt und nach vielen Worten sucht, um für diese Wohltat zu danken; aber wenn man seine Sünden und Fehler zusammenhäuft, um sich seine Unwürdigkeit zu Gemüte zu führen. Das alles regt sich hier. Der Verstand stellt es der Seele vor, und das Gedächtnis ist beständig damit beschäftigt. Diese Seelenkräfte ermüden mich in Wahrheit zu Zeiten gar sehr; und so schwach auch mein Gedächtnis ist, so kann ich es doch nicht bezwingen. Da soll aber der Wille, der ruhig ist und weise, begreifen, dass es nicht gut ist, sich der Kraft der Arme zu bedienen, um mit Gott zu verkehren, und dass diese nur großen Holzscheiten gleichen, die, unklugerweise auf das Fünklein geworfen, es ersticken. Das erkenne der Wille und in Demut spreche er, tief durchdrungen von der Erkenntnis, dass seine Worte Wahrheit sind: »Herr! Was kann ich hier tun? Welches Verhältnis besteht zwischen dem Diener und dem Herrn, zwischen der Erde und dem Himmel?« Oder andere, Liebe atmende Worte, die sich ihm hier darbieten; auf den Verstand aber, der doch nur ein lästiger Narr ist, achte er nicht. Oft nämlich wird man sehen, dass der Wille mit Gott vereinigt und ruhig ist, der Verstand dagegen sehr umherschweift. Wollte hier der Wille den Verstand seines Genusses teilhaftig machen oder sich bemühen, ihn zu sammeln, so würde er nichts ausrichten; darum ist es besser, er lässt ihn gehen, als dass er ihm nachgebe. Es verbleibe also der Wille, der klugen Biene gleich, in seiner Zurückgezogenheit und genieße der ihm verliehenen Gnade. Würde keine von den Bienen in den Korb gehen, sondern immer eine der anderen nachfliegen, so stünde es mit der Honigbereitung schlecht. Ebenso würde auch die Seele viel verlieren, falls sie sich in dieser Hinsicht nicht klug verhielte, besonders wenn sie einen scharfen Verstand hat; denn sobald dieser einmal anfängt, Gespräche zu ordnen und Worte zu suchen, so wird er, falls ein dies nur ein wenig gelingt, gleich meinen, er tue etwas Großes.

7. Der Grund, warum uns Gott eine so große Gnade erweist, ist kein anderer als seine Güte. Dies sollen wir hier klar erkennen und bedenken, wie so nahe wir der göttlichen Majestät sind. Dabei sollen wir von ihr Gnaden erflehen und sie bitten für die Kirche, für die unserem Gebete empfohlenen und für die Seelen im Fegfeuer. Doch muss dies alles ohne Wortgeräusch, wohl aber mit dem innigen Verlangen gesehen, erhört zu werden. Ein solches Gebet sagt vieles in sich, und man erlangt dadurch mehr als durch weitläufige Auseinandersetzungen des Verstandes. Um die Liebe zu entflammen, bediene sich der Wille einiger Worte, die sich ihm beim Anblicke einer so großen Bevorzugung von selbst darbieten, und in zärtlichen Anmutungen bringe er dem Herrn, dem er so hoch verbunden ist, seine Entschlüsse dar. Dem Verstande aber gestatte er, wie gesagt, nicht, dass er durch Suchen nach hohen Dingen Geräusch mache. Einige Strohhälmchen — wenn überhaupt unserem Tun auch nur so viel Wert beizulegen ist — in Demut auf dieses Fünklein der göttlichen Liebe gelegt, sind geeigneter und helfen mehr, es zu entzünden, als ein ganzer Holzstoß von Redensarten, die unserer Meinung nach recht gelehrt sind, die aber das Fünklein in der Zeit eines Kredo auslöschen würden. Diese Erinnerung ist besonders jenen Gelehrten nütze, die mir dieses zu schreiben aufgetragen haben; denn da sie alle durch Gottes Güte hierher gelangt sind, so könnte es gesehen, dass sie die Zeit mit Anwendung von Schriftstellen verbrächten. Zwar wird ihnen die Wissenschaft vorher und nachher immerhin sehr nützlich sein; zur Zeit des Ruhegebetes aber ist sie ihnen meines Erachtens wenig notwendig und dient nur dazu, die Glut des Willens abzukühlen. Denn hier ist der Verstand, weil so nahe beim Lichte, von einer solchen Klarheit durchströmt, das selbst ich, die ich doch so unwissend bin, eine andere zu sein scheine. So verstehe ich von dem, was ich in lateinischer Sprache, besonders aus den Psalmen rezitiere, fast nichts, und doch ist es mir während des Gebetes der Ruhe schon begegnet, dass ich den Vers, wie er in der Muttersprache lautet, verstanden und noch obendrein den darin enthaltenen Sinn mit Süßigkeit gekostet habe. Zum Predigen jedoch und zur Unterweisung anderer mögen sich diese Gelehrten immerhin des Schatzes ihrer Wissenschaft bedienen; denn da ist es gut, um armen Unwissenden, wie ich eine bin, zu helfen. Ja, es ist etwas Großes um die Liebe und die stete Förderung der Seele, wenn man dabei Gottes willen zu Werke geht.

8. Man soll also zur Zeit des Ruhegebetes die Seele ungestört in ihrer Ruhe lassen und die Wissenschaft beiseitesetzen. Es wird schon die Zeit kommen, in der die Gelehrten dem Herrn damit dienen können; dann werden sie dieselbe so hochschätzen, dass sie ihrer um keinen Preis der Welt entbehren möchten, nur allein um der göttlichen Majestät damit zu dienen; denn dazu hilft sie viel. Vor der unendlichen Majestät selbst aber, das mögen sie mir glauben, gilt ein bißchen Studium der Demut, ja ein einziger Akt dieser Tugend mehr als alle Wissenschaft der Welt. Da handelt es sich nicht darum, Beweise zu führen und Folgerungen zu ziehen; da sollen wir nur uns aufrichtig als das erkennen, was wir sind, und in Einfalt vor Gott weilen, der da will, dass die Seele, wie sie es vor seiner Gegenwart in Wahrheit auch zur Törin mache. Läßt sich ja die göttliche Majestät selbst so sehr herab, dass sie die Seele trotz all ihrer Armseligkeit neben sich duldet.

9. Der Verstand regt sich auch, um eine recht schön geordnete Danksagung darzubringen; aber der Wille, der in seiner Ruhe verharrt und mit dem Zöllner es nicht wagt, die Augen zu erheben, dankt eben dadurch weit besser, als der Verstand es vermöchte, auch wenn er die Rhetorik nach allen Seiten hin in Anwendung brächte. Endlich ist hier das innerliche Gebet nicht ganz zu unterlassen, und man darf auch einige Worte mit dem Munde aussprechen, wenn man will und es zu tun imstande ist; denn bei tiefer Ruhe kann man kaum und nur mit großer Beschwerde sprechen.

10. Meines Erachtens kann man es wohl unterscheiden, ob die Ruhe und Süßigkeit der Seele vom Geiste Gottes herrührt oder ob sie nur die Frucht unserer eigenen Bemühung ist, wenn wir uns nämlich, wie schon gesagt, von jener anfänglichen Andacht, die Gott uns verleiht, zu dieser Ruhe des Willens erheben wollen. In diesem Falle ist sie ohne alle Wirkung, endet bald und lässt nur Trockenheit des Geistes zurück. Ist es aber der Teufel, der die Seele in einen derartigen Zustand versetzt, so wird sie es, wenn sie Erfahrung hat, meiner Ansicht nach gleichfalls merken; denn er hinterlässt nur Unruhe, geringe Demut und wenig Befähigung für die Wirkungen, die der Geist Gottes hervorbringt; die Seele bleibt ohne Licht im Verstande und ohne Befestigung in der Wahrheit.

11. Wenn jedoch, wie bereits angedeutet wurde, die Seele die Lust und Süßigkeit, die sie hier empfindet, auf Gott lenkt und zu ihm ihre Gedanken und Begierden erhebt, so kann ihr der Teufel wenig oder gar nicht schaden. Er wird alsdann mit seiner Täuschung nichts gewinnen, vielmehr wird Gott es fügen, dass gerade das Vergnügen, das er in der Seele anregt, die Ursache großen Verlustes für ihn ist, weil die Seele, in der Meinung, dieser Genuss komme von Gott, aus Verlangen darnach sie oftmals ins Gebet begibt. Ist übrigens die Seele demütig, nicht vorwitzig und auf Wonnegenüsse, wenn auch geistliche, nicht erpicht; sie ist im Gegenteil eine Liebhaberin des Kreuzes, so wird sie das Wonnegefühl, das der Teufel in ihr verursacht, wenig achten. Dies kann sie nicht, wenn der Geist Gottes in ihr wirkt; vielmehr wird sie in diesem Falle das Vergnügen, das sie empfindet, sehr hochschätzen. Der Teufel aber, der lauter Trug ist, wird, wenn er bemerkt, dass die Seele aus dem von ihm angeregten Genuss nur Veranlassung zu ihrer Verdemütigung nimmt, sein Spiel nicht wiederholen; denn er sieht dabei nur seinen Verlust. Darum in sehr darauf zu achten, dass man bei wonnevollen Genüssen, wie bei allen außerordentlichen Vorkommnissen im Gebete überhaupt, die Demut zu bewahren trachte. Aus diesem sowie auch aus vielen anderen Gründen habe ich bei Erklärung der ersten Gebetsstufe oder der ersten Weise, den Garten zu bewässern, darauf aufmerksam gemacht, wie wichtig es ist, dass die Seelen, die das Gebet zu üben beginnen, zugleich anfangen, sich (des Verlangens nach) jeder Art von wonnigen Genüssen zu entschlagen, und den Weg antreten mit dem Entschlusse, nichts anderes zu suchen, als Christus das Kreuz tragen zu helfen. So sollen sie es edlen Rittern nachtmachen, die ihrem Könige dienen, ohne einen Sold zu begehren, da dieser ihnen ohnehin gesichert ist. Darum in die Höhe den Blick zu dem wahren und ewigen Königreiche, das wir zu erringen streben!

12. Es ist von sehr großer Wichtigkeit, diese Gedanken stets vor Augen zu haben. Besonders gilt dies für den Anfang; denn später sieht man ohnehin klar genug ein, von welch kurzer Dauer und wie nichtig alles auf Erden ist, und wie auch die Ruhe hienieden nichts bedeutet, so dass es, um dieses Leben ertragen zu können, eher nötig ist, darauf zu vergessen, als die Erinnerung daran eigens wachzurufen. Das Gesagte scheint etwas sehr Niedriges zu sein, und in Wahrheit ist es auch so. Denn jene, die in der Vollkommenheit schon weiter vorangeschritten sind, würden es für eine Schande halten und sich innerlich schämen, wenn sie dächten, sie verließen deshalb die Güter dieser Welt, weil sie doch einmal ein Ende nehmen werden; sie würden vielmehr diese Güter auch dann mit Freude um Gottes willen verlassen, wenn sie ewig dauern sollten. Ja, je vollkommener solche Seelen sind, desto mehr freuen sie sich, die Güter dieser Welt zu verlassen, und je länger diese dauern würden, um so freudiger würden sie darauf verzichten.

13. In solchen Seelen hat die Liebe bereits zugenommen, und diese ist es, die hier wirkt. Für Anfänger jedoch ist die Beherzigung der genannten Wahrheiten von größter Wichtigkeit, und sie dürfen diese durchaus nie für etwas Geringfügiges halten; denn dadurch gewinnen sie ein großes Gut. Deshalb ermahne ich so nachdrücklich dazu. Doch nicht bloß Anfängern, sondern auch solchen, die schon auf einer sehr hohen Stufe des Gebetes gehen, werden zu gewissen Zeiten, in denen Gott sie prüfen will und Seine Majestät sie zu verlassen scheint, dergleichen Erwägungen notwendig sein. Wie ich schon gesagt habe, — und ich wünsche, man möchte es nie vergessen: in diesem Leben wächst die Seele nicht in gleicher Weise wie der Körper, wenn wir auch sagen, dass sie wächst, und wenn auch dieses Wachstum Wahrheit ist. Der Körper nämlich wächst und wird, nachdem er die Größe einen ausgewachsenen Menschen erreicht hat, nicht wieder klein wie der Körper eines Kindes; anders aber verhält es sich hier, wo der Herr will, dass die Seele wieder klein werde. So habe ich wenigstens bei mir wahrgenommen; denn anderswoher weiß ich es nicht. Dies geschieht wahrscheinlich deshalb, damit wir uns zu unserem eigenen großen Nutzen Demütigen und, solange wie in dieser Verbannung weilen, nicht sorglos seien; denn je höher einer steht, desto mehr hat er sich zu fürchten und desto weniger darf er auf sich selbst vertrauen. Ja, es kommen Zeiten, in denen jene, die ihren Willen in den göttlichen schon so vollkommen hingegeben haben, dass sie sich lieber martern ließen und tausendmal den Tod erlitten, als selbst nur eine Unvollkommenheit zu begehen, sich sehr von Versuchungen und Verfolgungen bestürmt sehen. Um sich vor Beleidigungen Gottes frei zu bewahren und keine Sünden zu begehen, haben sie nötig, wieder zu den ersten Waffen des Gebetes zu greifen und daran zu denken, dass alles hienieden ein Ende nimmt, dass es einen Himmel und eine Erde gibt, und an dergleichen Wahrheiten mehr.

14. Es ist also, um auf das zurückzukommen, was ich von den Ränken des bösen Feindes und den von ihm eingegebenen Süßigkeiten gesagt habe, ein sehr wirksames Mittel, sich davor zu bewahren, wenn man gleich anfangs den entschiedenen Entschluss fasst, den Weg des Kreuzes zu wandeln, und kein Verlangen nach Süßigkeiten trägt. Unser Herr selbst hat uns diesen Weg der Vollkommenheit gezeigt mit den Worten: »Nimm dein Kreuz auf dich und folge mir nach!« Er ist unser Vorbild, und wer seinen Ratschlägen folgt, rein um ihm zu gefallen, der hat nichts zu fürchten. Aus dem Nutzen, den solche Seelen in sich wahrnehmen, werden sie erkennen, dass nicht der böse Feind es ist (von dem die genannten Süßigkeiten Herrühren). Und sollten sie (darnach) auch wieder fallen, so ist doch aus ihrem sofortigen Aufstehen sowie aus anderen Zeichen, die ich jetzt anführen will, zu entnehmen, dass der Herr in ihnen gewirkt hat.

15. Wenn der Geist Gottes in der Seele wirkt, braucht man nicht erst nach Beweggründen zu suchen, um sich zu demütigen und selbst zu beschämen; der Herr selbst verleiht uns dies alsdann auf eine ganz andere Weise, als wir es mit unseren armseligen Betrachtungen erzielen könnten. Diese sind nichts im Vergleiche mit jenem Lichte, in dem der Herr eine wahre Demut lehrt, so dass man vor Beschämung vergehen möchte. Die von Gott verliehene Erkenntnis, dass wir aus uns selbst nichts Gutes haben, ist eine sehr klare; und je größer die Gnaden sind, die der Herr der Seele mitteilt, desto klarer ist in ihr diese Erkenntnis. Wirkt der Geist Gottes in der Seele, dann flößt er ihr auch ein großes Verlangen ein, im Gebete voranzuschreiten, und den festen Entschluss, nicht davon abzulassen trotz aller Mühen und Beschwerden, die sich ihr entgegenstellen könnten; sie bietet sich zu allem an. Weiter verleiht er ihr eine mit Demut und Furcht gepaarte Sicherheit, dass sie selig werde; er vertreibt sofort die knechtische Furcht aus ihr und verschafft ihr eine große Zunahme der kindlichen Furcht. Die Seele nimmt hier wahr, dass ihre Liebe zu Gott eine ganz uneigennützige zu sein beginnt, und sie verlangt nach Zeiten der Einsamkeit, um das ihr zuteil gewordene Gut besser genießen zu können. Kurz, — um mich nicht durch weitere Aufzählung zu ermüden — die Gnade, die Gott der Seele in diesem Gebete erweist, ist für sie eine Quelle aller Güter. Die Blumen sind jetzt ihrer Entfaltung nahe, und es fehlt fast nichts mehr, als dass sich ihre Knospen erschließen. Die Seele wird dies ganz deutlich wahrnehmen. Sie wird auch in keiner Weise zweifeln können, dass Gott in ihr gewirkt, bis sie sich wieder mit Fehlern und Unvollkommenheiten bedeckt sieht; dann aber fürchtet sie alles, und es ist gut, dass sie fürchtet. Gleichwohl gibt es Seelen, die aus der sicheren Überzeugung, Gott habe in ihnen gewirkt, größeren Nutzen ziehen als aus aller Furcht, die man ihnen einjagen könnte. Denn ist eine Seele von Natur aus zur Liebe und Dankbarkeit geneigt, so ist die Erinnerung an die ihr von Gott erwiesene Gnade wirksamer, sie wieder zu ihm zurückzuführen, als wenn man ihr alle Strafen der Hölle vorhielte; wenigstens war dies bei mir der Fall, so böse ich auch bin.

16. Über die Kennzeichen des guten Geistes, die ich nur mit vieler Mühe ermittelt habe, werde ich mich später ausführlicher verbreiten; darum will ich für jetzt nicht weiter davon sprechen. Ich glaube, ich werde dann mit der Gnade Gottes das Rechte wenigstens einigermaßen treffen; denn abgesehen von meiner eigenen Erfahrung, aus der ich vieles weiß, sind mir diese Zeichen aus der Mitteilung hochgelehrter Männer und sehr heiliger Personen, denen mit Grund zu glauben ist, bekannt. Und so werden denn die Seelen, die durch die Güte des Herrn auf dieser Stufe des Gebetes angekommen sind, nicht jene Qualen zu erdulden haben, die ich auszustehen hatte.

Sechzehntes Hauptstück

Von der dritten Stufe des Gebetes. Erklärung sehr erhabener Dinge, und was die Seele vermag, die bis zu dieser Stufe gelangt ist. Wirkungen dieser so großen vom Herrn verliehenen Gnaden. Was in diesem Hauptstück gesagt wird, regt den Geist mächtig zum Lobe Gottes an und gereicht dem, der bis hierher gelangt ist, zu großem Troste.

1. Sprechen wir jetzt von der dritten Art, den Garten zu bewässern, die darin besteht, dass man das Wasser aus einem Flusse oder aus einer Quelle hineinleitet. Diese Art ist weit weniger mühsam als die vorhergehenden, wenn auch das Leiten des Wassers in den Garten immerhin einige Arbeit macht. Der Herr will hier dem Gärtner in einer Weise helfen, dass er gewissermaßen selbst der Gärtner ist und selbst alles tut. Die Seelenkräfte befinden sich in einem Zustande des Schlafes, wobei sie sich zwar nicht ganz verlieren, aber auch nicht begreifen, wie sie wirken. Das Vergnügen, die Süßigkeit und die Wonne ist hier unvergleichlich größer als bei der vorigen Gebetsstufe. Es ist, als ob der Seele das Wasser der Gnade bis an die Kehle reiche, so dass sie weder vor noch rückwärts gehen kann und nicht weiß, wie sie es imstande wäre. Sie möchte nur die überaus große Herrlichkeit genießen, die ihr hier zuteil wird. Es ist ihr wie einem Sterbenden, der schon die Kerze in der Hand hält und dem wenig mehr fehlt, des ersehnten Todes zu sterben. In dieser Todesart genießt sie eine größere Wonne, als man es aussprechen kann; denn nichts anderes scheint mir dieser Zustand zu sein als ein gänzliches Absterben für alle Dinge dieser Welt und ein gleichzeitiger Genuss Gottes. Ich kann dies nicht mit anderen Worten ausdrücken und erklären. Die Seele weiß alsdann auch nicht, was sie tun soll; sie weiß nicht, ob sie sprechen oder schweigen, lachen oder weinen soll. Es ist dies eine glorreiche Verrücktheit, eine himmlische Torheit, in der man die wahre Weisheit erlernt; es ist dies für die Seele ein überaus wonnevoller Genuss.

2. Seit fünf oder sechs Jahren hat mir der Herr, wie ich glaube, dieses Gebet oftmals in reichlicher Fülle verliehen; doch verstand ich es nicht und wusste mich auch nicht darüber auszudrücken. Deshalb hatte ich auch gedacht, ich wollte, wenn ich im Berichte hierher gelangen würde, nur sehr wenig oder gar nichts davon sagen. Ich sah wohl ganz klar ein, dass bei diesem Gebete zwar noch keine vollständige Vereinigung aller Seelenkräfte mit Gott stattfinde, dass jedoch diese Vereinigung eine vollkommenere sei als bei der vorigen Gebetsstufe; worin aber der Unterschied bestehe, dies, ich bekenne es, konnte ich nicht bestimmt angeben und auch nicht erkennen. Da geschah es nun heute — ich glaube, es war um der Demut willen, in der euer Gnaden sich einer so großen Einfalt wie der meinigen zu ihrer Belehrung bedienen wollten —, dass der Herr mir nach der Kommunion dieses Gebet abermals verlieh, so dass ich (in meiner begonnenen Andacht) nicht weiter fortfahren konnte. Zugleich gab er mir die angeführten Vergleiche ein und lehrte mich, in welcher Weise ich mich ausdrücken solle und wie sie die Seele in diesem Gebete zu verhalten habe. In einem Augenblicke verstand ich alles, so dass ich fürwahr darüber staunte. Schon oft war ich wie von Sinnen und berauscht von göttlicher Liebe; aber niemals konnte ich verstehen, wie dieses zuging. Ich erkannte wohl, dass hier Gott in mir wirke; aber ich konnte nicht begreifen, wie er wirke. Denn die Seelenkräfte sind in Wahrheit fast gänzlich mit Gott vereinigt, jedoch nicht so mit ihm verbunden, dass sie gar nicht mehr tätig wären. Ich war außerordentlich erfreut darüber, dies nunmehr verstanden zu haben. Gepriesen sei der Herr, der mir eine so große Freude bereitet hat!

3. Bei diesem Gebete sind die Seelenkräfte zu nichts anderem fähig, als sich nur mit Gott allein zu beschäftigen. Keine von ihnen scheint es zu wagen, sich zu regen, und wir könnten auch nicht bewirken, dass sie sich regen, außer wir machten große Anstrengungen, um uns zu zerstreuen, und selbst dann, glaube ich, würde es uns nicht ganz gelingen. Man spricht hier viele Worte zum Lobe Gottes, jedoch ohne Ordnung, wenn nicht der Herr selbst sie ordnet; der Verstand wenigstens vermag dabei nichts. Die Seele möchte in laute Lobeserhebungen ausbrechen; sie weiß sich nicht zu fassen und schwebt in süßer Unruhe. Jetzt, ja jetzt erschließen sich die Blumen, jetzt fangen sie an, ihren Geruch zu verbreiten. Hier wünschte die Seele, dass alle sie sehen und ihre Glückseligkeit begreifen möchten, um mit ihr Gott zu preisen; sie möchte alle teilnehmen lassen an ihrer Freude, weil diese zu groß ist, als dass sie allein sie ertragen kann. Sie kommt mir vor wie das Weib im Evangelium, das seine Nachbarinnen zusammenrufen wollte oder zusammenrief. Die nämliche Freude muss wohl auch der bewunderungswürdige Geist des königlichen Propheten David empfunden haben, als er zum Lobe Gottes auf der Harfe spielte. Zu diesem glorreichen Könige habe ich eine große Andacht, und ich wünschte, dass alle sie hätten, vorzüglich jene, die Sünder sind gleich mir.

4. O mein Gott, wie ist es doch meiner Seele in diesem Zustande! Um den Herrn zu loben, möchte sie aus lauter Zungen bestehen. Sie redet tausend heilige Torheiten, damit immer ihr Ziel treffend, nämlich dem zu gefallen, der in solcher Weise ihr seine Gunst erzeigt. Ich kenne eine Person, die, obwohl sie keine Dichtergabe hat, doch mit Schnelligkeit sehr gefühlvolle Verse machte, worin sie in gelungener Weise die Pein ausdrückte, die sie empfand. Diese Verse waren weniger ein Erzeugnis ihres Verstandes als vielmehr Klagerufe zu ihrem Gott, um die Seligkeit besser zu genießen, die ihr eine so süße Pein verlieh. Sie wünschte, man möchte ihren ganzen Leib samt ihrer Seele in Stücke zerreißen, um die Freude an den Tag zu legen, die sie bei dieser Pein empfand. Welche Marter könnte der Seele hier auch vorgehalten werden, die sie um ihres Herrn willen nicht freudig ausstände? Sie sieht klar ein, dass die Märtyrer bei Erduldung ihrer Qualen ihrerseits fast nichts getan haben; denn sie erkennt recht wohl, dass die Stärke zu deren Ertragung von einer anderen Seite herkam. Was wird sie aber empfinden, wenn sie, um in der Welt zu leben, wieder zu Verstand kommt und zu den weltlichen Sorgen und Pflichterfüllungen zurückkehren muss? Denn ich glaube nicht, etwas übertrieben zu haben; vielmehr bleibt alles hinter der Wirklichkeit zurück, mag ich über diese Art von Freude, die der Herr eine Seele in dieser Verbannung genießen lassen will, gesagt habe. Gepriesen seist du, o Herr, in Ewigkeit! Alle Geschöpfe sollen dich preisen in Ewigkeit! O mein König! Durch deine Güte und Barmherzigkeit bin ich, während ich dieses schreibe, nicht ohne jene heilige und himmlische Torheit. Da du mir also ohne jegliches Verdienst von meiner Seite diese Gnade erweisest, so wolle nun auch, ich bitte dich, dass alle, mit denen ich umgehe, gleichfalls Toren deiner Liebe seien, oder lass mich mit niemand mehr verkehren, oder ordne es so, o Herr, dass ich mich um kein Ding der Welt mehr zu kümmern habe, oder nimm mich hinweg von ihr. O mein Gott! Deine Magd hier kann so große Leiden, weil sie ihr aus dieser Abwesenheit erstehen, nicht mehr ertragen. Muß sie aber doch noch leben, so verlangt sie keine Ruhe in diesem Leben, und gib ihr auch du keine. Diese Seele da möchte sie schon in Freiheit sehen. Das Essen ist ihr eine Marter, der Schlaf eine Qual. Sie sieht, dass ihr die Lebenszeit unter Behaglichkeiten dahinschwindet, und doch kann sie an nichts sich ergötzen, außer an dir. Es scheint, sie lebe wider die Natur, da sie nicht mehr in sich, sondern in dir zu leben verlangt.

5. O zu mein wahrer Herr und meine Glorie! Welch ein leichtes und zugleich ungemein schweres Kreuz hast du denen bereitet, die bis zu diesem Stande gelangen. Leicht ist dieses Kreuz, weil süß; schwer aber ist es, weil Zeiten kommen, in denen keine Schuld es zu ertragen vermag. Und doch möchte deine Magd niemals frei davon sein, es sei denn, um sich schon bei dir zu sehen. Wenn sie sich erinnert, dass sie dir bisher in nichts gedient hat, bei längerem Leben aber dir noch dienen könnte, so wünschte sie sich eine noch weit schwerere Bürde und möchte bis zum Ende der Welt nicht sterben; um dir auch nur einen geringen Dienst zu erweisen, achtet sie nicht ihre eigene Ruhe. Sie weiß nicht, was sie verlangen soll; das aber sieht sie wohl ein, dass sie nichts anderes verlangt als dich.

6. O mein Sohn, der sie mir diesen Bericht zu schreiben aufgetragen haben und an den er gerichtet ist! Finden sie, dass ich in solchen Herzensergießungen manchmal zu weit gehe, so seien diese für sie allein; denn es gibt keinen Grund, der hinreichend wäre, mich zurückzuhalten, wenn der Herr mich über mich selbst erbebt. Ich glaube auch nicht, dass ich es bin, die da spricht, seitdem ich heute morgen kommuniziert habe. Dabei kommt mir alles, was ich sehe, wie ein Traum vor, und ich möchte nur Kranke der nämlichen Art sehen, wie ich es jetzt bin. Ich bitte Euer Gnaden, lassen sie uns doch alle Toren werden aus Liebe zu ihm, der unsertwegen sich so nennen ließ. Euer Gnaden sagen, sie seien mir zugetan; wohlan also, ich wünsche, sie möchten mir dies dadurch bekunden, dass sie sich bereiten, von Gott diese Gnade zu erlangen. Denn ach! Ich sehe gar so wenige, an denen ich nicht da, wo es sich um ihr eigenes Interesse handelt, eine übermäßige Klugheit fände. Indessen kann es sein, dass ich selbst, und zwar mehr als alle anderen, mit diesem Fehler behaftet bin. Dulden aber Euer Gnaden, der sie mein Vater sind, einen solchen Fehler nicht an mir; denn sie sind mein Beichtvater, dem ich meine Seele anvertraut habe. Öffnen Sie mir also dadurch die Augen, dass Sie mir die Wahrheit sagen; denn solche Wahrheiten bekommt man sehr selten zu hören.

7. Ich wünschte, dass wir fünf, die wir jetzt in Christo einander lieben, uns verbündeten. Gleichwie nämlich andere in diesen Zeiten sich heimlich zusammentun, um sich gegen die göttliche Majestät zu erheben und Bosheiten und Ketzereien anzustiften, so sollten auch wir manchmal im geheimen uns zu versammeln trachten, um uns gegenseitig unsere Fehler aufzudecken und einander mitzuteilen, worin wir uns bessern und Gott wohlgefallen könnten; denn niemand kennt sich so gut, wie jene, die uns kennen, die uns beobachten, wenn nur die Liebe und die Sorge, uns zu nützen, sie leitet. Ich sage »im geheimen«; denn eine solche Sprache ist jetzt nicht mehr üblich. Sogar die Prediger richten ihre Vorträge so ein, dass sie niemand missfallen. Wohl mögen sie eine gute Absicht dabei haben, und das Werk selbst mag gut sein; indessen werden auf diese Weise nur wenige gebessert. Warum aber sind es nicht viele, die durch Predigten bewogen werden, von öffentlichen Lastern abzustehen? Wollen sie mein Urteil wissen? Ich meine, es komme dies daher, dass die Prediger mit zu viel Klugheit zu Werke gehen. Weil sie auf diese übertriebene Klugheit nicht verzichten, sind sie auch nicht von jenem großen Feuer der Liebe Gottes entzündet, wie die Apostel es waren; deshalb gibt die Flamme ihrer Liebe auch so wenig Wärme. Ich sage nicht, sie müssten eine gleich große Liebe haben, wie die Apostel sie gehabt; ich wünschte nur, ihre Liebe möchte größer sein, als ich es wahrnehme. Wissen Euer Gnaden, woran viel gelegen sein muss? Es ist der Abscheu vor diesem Leben und die Geringschätzung der eigenen Ehre. Dahin hatten es die Apostel bereits gebracht, so dass ihnen nichts daran lag, ob sie durch die Verkündigung oder Verteidigung einer Wahrheit zur Ehre Gottes alles verloren aber alles gewannen; denn wer wahrhaft alles für Gott daran wagt, der erträgt gleichmäßig das eine wie das andere. Ich sage nicht, dass ich auch so bin; ich möchte aber doch so werden.

8. O erhabene Freiheit, in der man es für Sklaverei erachtet, nach den Gesetzen der Welt leben und handeln zu müssen! Wenn man diese Freiheit vom Herrn erlangt, gibt es keinen Sklaven mehr, der nicht alles daransetzte, um erlöst zu werden und in sein Vaterland zurückzukehren. Und weil dies der wahre Weg ist, darf man nie darauf stillestehen; denn dieses großen Schatzes werden wir nicht eher vollkommen habhaft, als bis unser Leben zu Ende ist. Der Herr verleihe uns dazu seinen Beistand! Betrachten euer Gnaden diese Zeilen als einen Brief an Sie; zerreißen Sie diesen, wenn es ihnen gut scheint, und verzeihen Sie mir meine große Keckheit.

Siebzehntes Hauptstück

Sie setzt die Erklärung der dritten Stufe des Gebetes weiter fort. Schluss der Erklärungen der Wirkungen dieses Gebetes. Hindernis, dass die Einbildungskraft und das Gedächtnis eier bereiten.

1. Ich habe nun ziemlich viel über diese Gebetsweise und über das gesprochen, was die Seele dabei zu tun hat, oder besser gesagt, was Gott in ihr wirkt; denn er in es, der nunmehr das Geschäft des Gärtners besorgt und will, dass die Seele unterdessen ausruhe. Der Wille stimmt nur den Gnaden zu, die die Seele genießt. Dabei soll er in allem bereit sein, was immer die wahre Weisheit in der Seele wirken will. Dazu aber ist gewiss Mut notwendig: denn die Freude, die der Seele zuteil wird, ist bisweilen so groß, dass sie ganz nahe daran zu sein scheint, auf dem Leibe zu scheiden; und welch ein glückseliger Tod wäre dies!

2. Hier, glaube ich, ist der Rat am Platze, der euer Gnaden gegeben wurde, dass man sich nämlich ganz den Armen Gottes überlassen solle. Will Gott die Seele in den Himmel erbeben, so sei es; will er sie in die Hölle hinabführen, so empfindet sie darüber keinen Schmerz, wenn sie nur mit ihrem höchsten Gute dahin geht; will er ihrem Leben ganz und gar ein Ende machen, so ist sie damit einverstanden; will er endlich, dass sie noch tausend Jahre lebe, so ist sie auch dazu bereit. Der Herr mag über die Seele verfügen wie über sein Eigentum, sie gehört nicht mehr sich selbst an, sondern ist ganz dem Herrn ergeben; möge sie darum ganz unbekümmert sein! Wenn Gott der Seele ein so erhabenes Gebet verleiht, so kann sie dies alles und noch weit mehr; denn das sind die Wirkungen dieses Gebetes. Die Seele gewahrt dabei, dass sie es ohne Ermüdung des Verstandes übt. Dieser, scheint mir, steht nur wie verwundert da und sieht zu, wie der Herr das Geschäft des Gärtners so gut besorgt und nicht will, dass er im geringsten eine Mühe auf sich nehme, sondern sich nur an dem ersten Blumendufte ergötze. Eine einzige dieser Heimsuchungen, so kurz ihre Dauer auch sein mag, reicht für einen solchen Gärtner hin, um der Seele überfließend Wasser zu verschaffen, da er ja schließlich selbst dessen Schöpfer ist. Was die arme Seele mit ihrer Arbeit, vielleicht mit zwanzigjähriger Ermüdung ihres Verstandes, nicht erreichen konnte, das wirkt dieser himmlische Gärtner in einem Augenblicke. Er verleiht den Früchten Wachstum und Reife, so dass sich die Seele von ihrem Garten nähren kann; denn so will es der Herr. Er gestattet ihr jedoch nicht eher diese Früchte anderen mitzuteilen, als bis sie selbst von deren Genusse stark genug geworden ist; diese würden ihr sonst beim Verteilen ausgehen, und sie würde, während sie andere, ohne irgendeinen Nutzen davon zu haben und ohne Bezahlung dafür zu empfangen, auf eigene Kosten speiste und ernährte, vielleicht selbst vor Hunger sterben. Männer von so hohem Verstande begreifen wohl, was ich damit sagen will; sie werden die Anwendung davon besser zu machen wissen als ich, und darum will ich mich nicht vergebens abmühen.

3. Die Tugenden erstarken hier mehr als bei dem vorigen Gebete der Ruhe. Die Seele sieht sich ganz verändert und weiß selbst nicht, wie sie durch den Geruch, den die Blumen von sich geben, so erstarkt ist, dass sie so große Dinge zu wirken anfängt; denn der Herr will, dass sich die Blumen aufschließen, damit die Seele es glaube, dass sie Tugenden besitzt. Sie erkennt aber auch ganz klar, dass sie diese Tugenden nicht durch eigenen Fleiß gewinnen konnte und in vielen Jahren nicht hätte gewinnen können, dass sie ihr vielmehr der himmlische Gärtner in einer so kurzen Zeit verliehen hat. Jetzt ist auch die Demut der Seele viel größer und tiefer als zuvor; denn sie sieht weit klarer ein, dass sie weder viel noch wenig getan, sondern nur dem Herrn ihre Zustimmung zur Spendung seiner Gnaden gegeben und diese mit ihrem Willen umfasst hat.

4. Diese Gebetsweise in meines Erachtens eine ganz offenbare Vereinigung der ganzen Seele mit Gott; nur scheint Seine Majestät den Seelenkräften gestatten zu wollen, das Außerordentliche, was er hier wirkt, zu erkennen und sich darüber zu freuen.

5. In dieser Vereinigung des Willens geschieht es zuweilen, ja sehr häufig, dass man erkennt, dieser allein sei gebunden und im Genusse der Freude, und er allein sei in tiefer Ruhe, während anderseits Verstand und Gedächtnis so frei bleiben, dass sie mit Geschäften sich befassen und Werke der Liebe ausüben können. Ich bemerke dieses, damit euer Gnaden sehen, dass es möglich ist, und damit Sie es gegebenenfalls verstehen; denn mich wenigstens hat es anfangs verwirrt gemacht. Diese Art des Gebetes scheint zwar ganz eins zu sein mit dem Gebete der Ruhe, von dem ich schon gesprochen habe; dennoch aber ist sie zum Teil davon verschieden. Dort nämlich gibt es die Seele, die sich weder rühren noch bewegen möchte, mit Maria in heiliger Muße nur dem Genusse hin; bei diesem Gebete aber kann sie zugleich auch Marta sein. Also verbindet sie gewissermaßen das tätige mit dem beschaulichen Leben und kann, während der Wille mit Gott vereinigt ist, auch mit Werken der Liebe, mit ihren Berufsgeschäften und mit Lesen sich befassen. Gleichwohl sind Verstand und Gedächtnis nicht ganz Herr ihrer selbst und fühlen es gut, dass der vorzüglichere Teil der Seele anderswo sich befindet. Es ist gerade so, wie wenn wir mit jemand reden, indessen zugleich auch ein anderer zu uns spricht, so dass wir weder auf diesen noch auf jenen recht achthaben können. Man nimmt diesen Zustand sehr deutlich wahr und empfindet dabei große Befriedigung und Freude. Dieser Zustand ist zugleich eine sehr treffliche Vorbereitung, damit die Seele, wenn sie Zeit zur Einsamkeit hat und frei von Geschäften ist, und zu einer recht tiefen Ruhe gelange. Die Seele gleicht hier einem Menschen, der satt ist und keiner Speise mehr bedarf. Sein Magen ist so befriedigt, dass er nicht nach jedweder Speise mehr ein Verlangen hat; er ist aber doch nicht so vollkommen gesättigt, dass er von besonders guten Speisen, die er sieht, nicht gern noch genösse. So verlangt auch die Seele nach keiner Freude der Welt, weil sie den in sich hat, der sie vollkommener befriedigt; aber was sie noch ersehnt, dass sind noch höhere Freuden in Gott, noch heißere Begierden nach Befriedigung ihres Verlangens nach ihm und noch innigerer Genuss seiner Gegenwart.

6. Noch eine andere Art von Vereinigung gibt es. Diese ist zwar keine vollständige Vereinigung; sie ist aber doch, wenngleich minder vollkommen als jene, die ich mit dem dritten Wasser verglichen habe, vollkommener als die zuletzt erwähnte. Wenn Euer Gnaden diese Arten von Vereinigung nicht schon alle besitzen, so wird es für sie, sollte der Herr sie Ihnen noch verleihen, sehr angenehm sein, sie hier beschrieben zu finden und zu verstehen. Denn eine Gnade ist die Verleihung der Gnade; eine zweite Gnade ist die Erkenntnis dieser Gnade; und eine dritte Gnade endlich ist die Fähigkeit, diese Gnade auch auszudrücken und anderen verständlich machen zu können. Zwar scheint außer der ersten Gnade keine andere notwendig zu sein; dennoch ist es sehr nützlich und keine geringe Wohltat, wenn man die empfangene Gnade auch versteht. Dies dient der Seele zur Bewahrung vor Verwirrung und Furcht, damit sie desto mutiger den Weg des Herrn fortschreite und alle Dinge der Welt mit Füßen trete. Es hat aber jeder Ursache, den Herrn für diese Gnade hochzupreisen: der eine, der sie besitzt, weil er sie besitzt, und jener, der sie nicht besitzt, weil der Herr sie einem anderen der mit uns Lebenden verliehen hat, damit dieser uns dadurch nützlich sei. Bei der Vereinigung nun, von der ich jetzt reden will und die der Herr besonders mir sehr oft verleiht, geschieht es, dass Gott nebst dem Willen, wie mir scheint, auch den Verstand erfasst; denn dieser denkt hier nicht mehr nach, sondern ist nur mit dem Genusse Gottes beschäftigt. Es ist ihm da wie einem Menschen, der umherblickt und so vieles sieht, dass er nicht weiß, wohin er seinen Blick wenden soll. Dabei kommt ihm eines nach dem anderen aus dem Gesichte, so dass er keine Beschreibung von etwas geben könnte.

7. Das Gedächtnis bleibt hier frei und, wie mir scheint, auch die Einbildungskraft. Wenn sich nun das Gedächtnis allein sieht, so erregt es einen solchen Kampf und sucht alles so sehr in Verwirrung zu bringen, dass es zum Staunen ist. Dies ist mir so lästig und so zuwider, dass ich oftmals den Herrn bitte, er wolle dieses Vermögen, wenn es mich doch so sehr hemmen muss, zu diesen Zeiten von mir nehmen. Ich sage dann manchmal zum Herrn: Wann endlich, o mein Gott, wird meine Seele mit deinem Lobe ganz beschäftigt und mehr so zerteilt sein, ohne sich helfen zu können? Hier sehe ich, welches Unheil uns die Sünde gebracht; denn sie hat uns in eine solche Sklaverei versetzt, dass wir nicht vermögen, was wir so gern wollten, nämlich beständig mit Gott beschäftigt zu sein.

8. Manchmal begegnet es mir wie eben erst heute, weshalb ich es noch im Gedächtnis habe: Ich sehe da, wie meine Seele zerfließt vor Begierde, ganz dort zu sein, wo ihr edlerer Teil sich befindet; aber es ihr nicht möglich, weil das Gedächtnis und die Einbildungskraft einen solchen Kampf heraufbeschwören, dass sie ihr keine Oberhand lassen. Weil indessen die anderen Kräfte nicht bei ihnen sind, so vermögen sie nichts und können also auch der Seele nicht schaden; jedoch beunruhigen sie diese gar sehr. Ich sage, sie können der Seele nicht schaden; denn sie haben keine Kraft und sind nur selbst in beständiger Bewegung. Weil der Verstand auf das, was das Gedächtnis ihm vorstellt, weder viel noch wenig eingeht, darum bleibt es bei keinem Gegenstande stehen, sondern wendet sich von einem zum anderen. Dieses Vermögen kommt mir hier vor wie die kleinen unruhigen und lästigen Nachtschmetterlinge, die unstet überall herumflattern. Dies scheint mir ein ganz passender Vergleich zu sein; denn obwohl das Gedächtnis hier keinen Schaden anrichten kann, so ist es doch lästig. Dagegen weiß ich kein Mittel; Gott hat mir bisher noch keines erkennen lassen, sonst würde ich es bei der Pein, die mir, wie gesagt, das Gedächtnis oftmals verursacht, für mich gern gebrauchen. Hier zeigt sich einerseits unser eigenes Elend, andererseits aber offenbart sie sehr deutlich Gottes große Macht; denn während das Vermögen, das frei bleibt, uns so sehr beunruhigt und ermüdet, verschaffen uns die anderen Vermögen, die mit Gott vereinigt sind, eine so große Ruhe.

9. Nachdem ich mich viele Jahre lang bemüht hatte, fand ich endlich das als das beste Mittel, was ich schon bei der Erklärung des Gebetes der Ruhe gesagt habe, dass man nämlich auf das Gedächtnis nicht mehr achte als auf einen Narren. Man lasse ihm seine Eigenart, denn nur Gott kann ihm diese benehmen, und zuletzt ist diese Kraft hier ja doch nur eine Sklavin. Ertragen wir sie also mit Geduld, wie Jakob die Lia ertragen hat; denn der Herr erweist uns Gnade genug, dass er uns die Rachel genießen lässt. Ich nannte das Gedächtnis eine Sklavin, weil es die anderen Kräfte trotz aller Bemühungen nicht an sich ziehen kann, während diese es oft ohne jegliche Mühe an sich fesseln. Manchmal nämlich gefällt es Gott, Mitleid mit dem Gedächtnis zu haben, wenn er sieht, wie verirrt und unruhig es ist und welch ein Verlangen es hat, mit den anderen Kräften vereint zu sein. Seine Majestät gestattet alsdann, dass es sie an dem Feuer jener göttlichen Liebe verbrenne, wovon die anderen Kräfte schon zu Asche geworden sind, da sie ihr natürliches Wesen gleichsam verloren haben, indem sie auf übernatürliche Weise so große Güter genießen.

10. Bei allen diesen Gebetsweisen, die ich unter dem Bilde des letzten, aus einer Quelle geleiteten Wassers erklärt habe, ist die Herrlichkeit und Ruhe der Seele so groß, dass ganz augenscheinlich auch der Leib an ihrer Freude und Wonne teilnimmt; die Tugenden aber wachsen so, wie ich es beschrieben habe. Ich glaube, der Herr habe die Zustände, in denen sich die Seele hier befindet, durch mich so deutlich erklären wollen, als sie nur immer in diesem Leben begreiflich gemacht werden können. Reden Euer Gnaden mit einem Gelehrten, der im geistlichen Leben erfahren und schon die hierher gelangt ist, über das von mir Geschriebene. Sagt er Ihnen, dass es richtig ist, so glauben Sie, dass hier Gott zu ihnen gesprochen habe, und rechnen Sie dies seiner Majestät hoch an; denn, wie ich schon gesagt habe, seiner Zeit wird Ihnen das Verständnis dieser Gnaden, wenn der Herr sie Ihnen zu genießen geben sollte, große Freude machen, solange Seine Majestät nicht selbst es Ihnen verleiht. Haben Sie alsdann die erste Gnade, des Genusses nämlich, erlangt, so werden sie diese immerhin mit Ihrem Verstande und Ihrer Wissenschaft aus dem verstehen, was ich hier niedergeschrieben habe. Der Herr sei für alles gepriesen in alle Ewigkeit! Amen.

Achtzehntes Hauptstück

Von der vierten Stufe des Gebetes. Sie beginnt die große Würde zu erklären, zu der der Herr die Seele auf dieser Stufe erhebt. Dies soll jenen, die sich auf die Übung des innerlichen Gebetes verlegen, hohen Mut einflößen, um nach einem so erhabenen Stande zu trachten, da dieser auf Erden zwar nicht auf eigenes Verdienst, wohl aber durch die Güte des Herrn erreicht werden kann. »Man lese (dieses Hauptstück) mit Aufmerksamkeit, da es sehr genaue Erklärungen und sehr merkwürdige Dinge enthält.«

1. Der Herr gebe mir Worte in den Sinn, dass ich jetzt auch zum vierten Wasser etwas zu sagen vermöge. Seine Gnade ist hier noch mehr notwendig als bei der Erklärung des vorigen Wassers; denn dort fühlt die Seele noch, dass sie nicht ganz tot ist. Dieses Ausdruckes können mir uns bedienen, weil die Seele wenigstens der Welt vollständig gestorben ist. Aber wie gesagt, hat sie noch so viel Empfindung, um wahrzunehmen, dass sie in der Welt ist, und um ihre Einsamkeit zu fühlen; auch bedient sie sich des Äußeren, um wenigstens durch Zeichen anzudeuten, was sie empfindet. Bei allen Gebetsweisen, von denen ich bisher gesprochen habe, tut der Gärtner noch etwas zur Sache, wiewohl bei den letzterwähnten die Arbeit mit solch innerer Seligkeit und so großem Troste der Seele verbunden ist, dass der Gärtner niemals davon ablassen möchte; man fühlt also die Arbeit nicht als Beschwerde, sondern als Beseligung. Hier aber, auf der vierten Gebetsstufe, merkt man gar nichts von einer Arbeit, sondern hat nur Genuss, ohne jedoch zu verstehen, was man genießt. Man erkennt zwar, dass man ein Gut genießt, in dem alle Güter zusammen eingeschlossen sind, aber man begreift nicht dieses Gut. Alle Sinne sind so sehr in diesen Genuss verschlungen, dass es keinem von ihnen möglich ist, sich, sei es innerlich oder äußerlich, mit etwas anderem zu beschäftigen. Auf der vorigen Gebetsstufe war es den Sinnen, wie gesagt, noch gestattet, von der großen Wonne, die sie dort empfanden, einige Andeutung zu geben; hier aber, wo die Seele eine unvergleichlich größere Wonne genießt, kann sie diese weit weniger kundgeben, weil weder dem Leibe noch der Seele soviel Kraft bleibt, dass ihr eine Mitteilung möglich wäre. Solange dieser Zustand dauert, wäre ihr alles ein großes Hindernis, eine Marter und eine Störung ihrer Ruhe. Ja, ich sage: findet eine Vereinigung aller Vermögen statt, dann kann die Seele, solange diese Vereinigung dauert, unmöglich mit etwas Äußerem sich beschäftigen, wenn sie auch wollte; kann sie es, so ist die Vereinigung noch keine vollständige.

2. Wie nun das ist, was man Vereinigung nennt, und was es ist, kann ich nicht erklären. In der mystischen Theologie wird eine Erklärung davon gegeben; mir selbst sind nicht einmal die dieser Wissenschaft eigentümlichen Ausdrücke bekannt. So kann ich auch nicht verstehen, was eigentlich der Verstand ist, noch wie sich dieser von der Seele oder dem Geiste unterscheidet. Es scheint mir dies alles ein und dasselbe zu sein. Die Seele erbebt sich zwar manchmal über sie selbst, wie ein Feuer, das da brennt und flammt, manchmal mit Gewalt emporschlägt; aber obschon die Flamme sich hoch über das Feuer erbebt, so ist sie darum von dem Feuer doch nicht verschieden, sondern ist dieselbe Flamme, die im Feuer ist. Euer Gnaden werden dies mit Ihrer Wissenschaft verstehen; ich selbst kann es nicht besser sagen.

3. Ich möchte bloß erklären, was die Seele im Zustande dieser göttlichen Vereinigung empfindet. Vereinigung überhaupt ist bekanntlich das Einswerden zweier Dinge, die vorher voneinander getrennt waren. O mein Herr, wie gut bist du doch! Sei gepriesen in Ewigkeit! Alle Dinge sollen dich preisen, o mein Gott! Denn so sehr hast du uns geliebt, dass wir in Wahrheit von einer solchen Verbindung sprechen können, die du mit den Seelen, die sich noch in dieser Verbannung befinden, eingehst. Wenn du diese Verbindung nur mit den Guten unterhieltest, so wäre dies schon eine große Freigebigkeit und Großmut von deiner Seite und, um es kurz zu sagen, eine Gnade, wie sie deiner Größe würdig ist. O du unendliche Freigebigkeit, wie herrlich sind deine Werke! Sie setzen jeden in Staunen, dessen Geist von den Dingen dieser Erde nicht so eingenommen ist, das er von dem, was Wahrheit ist, gar kein Verständnis hat. Wie magst du aber Seelen, die dich so sehr beleidigt haben, so hohe Gnaden mitteilen? Hier steht mir wahrlich der Verstand still, und wenn ich anfange, darüber nachzudenken, so komme ich nicht weiter. Wohin auch sollte die Seele sich wenden, ohne wieder umkehren zu müssen? Will sie dir aber Dank sagen für ja große Gnaden, so weiß ich nicht, wie. Ich helfe mir zuweilen mit allerlei Torheiten, die ich ausspreche.

4. Zur Zeit des Genusses dieser Gnaden ist es, wie ich schon gesagt habe, unmöglich, etwas zu tun; darnach aber oder auch schon vorher, wenn sie mir nämlich der Herr zu erweisen beginnt, sage ich oftmals zu ihm: »Herr, sieh zu, was du tust, und vergiß nicht so bald meine großen Missetaten! Wenn du sie auch vergessen hast, um meiner zu schonen, so erinnere dich doch ihrer, ich bitte dich, um in Erteilung deiner Gnaden Maß zu halten. Gieße doch nicht, o mein Schöpfer, eine so kostbare Flüssigkeit in ein so zerbrechliches Gefäß; du hast ja bei anderen Gelegenheiten gesehen, dass ich sie wieder verschütte. Lege doch nicht einen solchen Schatz in eine Seele, die dem Verlangen nach den Tröstungen diese Lebens noch nicht so ganz, wie es sein sollte, erstorben ist; sie würde ihn nur vergeuden. Warum vertrauest du doch die Hauptwehr der Stadt und die Schlüssel ihrer Festung einem so feigen Befehlshaber an, der die Feinde gleich bei der ersten Bestürmung einlässt? O ewiger König, gehe doch in deiner Liebe nicht so weit, dass du so kostbare Kleinodien der Gefahr aussetzt! O mein Herr! Es scheint ein Anlass zu sein, dass man diese Handlungsweise geringschätzt, weil du sie in die Gewalt eines so bösen, niedrigen, schwachen, erbärmlichen und geringfügigen Geschöpfes legst. Und sei es auch, dass ich mir Mühe gäbe, diese Kleinodien mit einer ganz besonderen Hilfe von deiner Seite, die mir bei meiner Schwachheit notwendig wäre, nicht zu verlieren, so vermag ich doch niemand damit zu nützen; denn ich bin ein Weib und obendrein kein gutes, sondern ein böses Weib. Es scheint mir, als würden die Talente nicht bloß verborgen, sondern vergraben, wenn du sie in ein so unfruchtbares Erdreich legst. Du o Herr, pflegst ja doch einer Seele nur dazu dergleichen große Gaben und Gnaden zu erteilen, damit sie dadurch vielen anderen nütze. Du weißt es, o mein Gott, was ich für gut halte und um was ich dich schon öfter gebeten habe und auch jetzt mit aller Entschiedenheit und aus ganzem Herzen wieder bitte: Nimm dieses größte Gut, das man auf Erden besitzen kann, von mir und gib es einem anderen, der zur Vermehrung deiner Ehre mehr Nutzen damit schafft.« So und auf ähnliche Weise sprach ich oft. Darnach sah ich freilich meine Torheit und geringe Demut ein; denn der Herr weiß wohl, was gut und nützlich ist, und dass meine Seele zu schwach wäre, ihr Heil zu wirken, wenn nicht Seine Majestät sie durch so große Gnaden kräftigen würde.

5. Ferner möchte ich von den Gnaden und Wirkungen reden, die in der Seele zurückbleiben, und was die Seele ihrerseits tun kann, oder ob sie etwas dazu beiträgt, um zu einem so erhabenen Stande zu gelangen.

6. Die Erhebung oder Vereinigung des Geistes wird durch die himmlische Liebe, von der die Seele innerlichst durchglüht ist, bewirkt; jedoch ist, wie ich es verstehe, zwischen der Vereinigung selbst und zwischen der Erhebung in dieser Vereinigung ein Unterschied. Wer letztere, die Erhebung, noch nicht erfahren hat, dem wird es freilich nicht so scheinen; aber meines Erachtens wirkt der Herr, obgleich beide Gnaden wesentlich das nämliche sind, doch bei jeder auf verschiedene Weise, und es wird der Seele beim Geistesfluge eine weit vollkommenere Losschälung von den Geschöpfen zuteil, als dies bei der einfachen Vereinigung der Fall ist. Ich habe klar erkannt, dass die Erhebung eine besondere Gnade ist, obschon ich wiederholt bekenne, dass diese Gnade und die Vereinigung dem Wesen nach ein und Dasselbe sind oder zu sein scheinen. Ein kleines Feuer ist ebenso Feuer wie ein großes; und doch in es klar, dass zwischen dem einen und dem anderen ein Unterschied besteht. Es dauert lange, bis auch nur ein kleines Stück Eisen in einem kleinen Feuer glühend wird; in einem großen Feuer dagegen verliert selbst ein größeres Stück Eisen in sehr kurzer Zeit dem Anscheine nach gänzlich sein Wesen. So scheint es mir auch mit dieser zweifachen Gnade des Herrn zu sein. Wer schon Verzückungen gehabt hat, der wird, soviel ich weiß, das Gesagte gut verstehen; wer aber selbst noch keine Erfahrung hierin gemacht hat, dem werden meine Worte als albernes Gerede vorkommen. Ein solcher könnte allerdings auch recht haben; denn es wäre kein Wunder, wenn eine Person wie ich Torheiten vorbrächte, indem sie von einem so erhabenen Gegenstande sprechen und etwas erklären will, bei dem man dem Anscheine nach unmöglich Worte finden kann, um eine Erklärung auch nur zu beginnen.

7. Doch der Herr weiß es, dass ich hierbei nächst dem Gehorsame keine andere Absicht habe, als die Seele zu einem so großen Gute anzulocken; darum habe ich das Vertrauen, seine Majestät werde mir bei dieser Erklärung helfen, bei der ich nur sagen will, was ich selbst schon oft erfahren habe. Und so ist es auch in der Tat. Als ich von diesem letzten Wasser zu schreiben anfing, schien es mir geradeso unmöglich, etwas darüber zu sagen, als wenn ich griechisch reden sollte — so schwer ist es. Ich ließ daher das Schreiben sein und ging zur Kommunion. Aber gepriesen sei der Herr, der den Unwissenden so gnädig beisteht! O Tugend des Gehorsams, bei ist alles möglich! Gott erleuchtete meinen Verstand, teils durch Worte, teils dadurch, dass er mir in den Sinn gab, wie ich mich ausdrücken sollte. Es scheint also, Seine Majestät wolle, wie bei der vorigen Gebetsweise, so auch hier das sagen, was ich nicht weiß und nicht ausdrücken kann. Dies ist die reinste Wahrheit, und darum ist das, was hier Gutes vorkommt, Gottes Lehre; was sich aber Schlechtes hier findet, kommt, wie es klar ist, von mir, dem Abgrund alles Schlechten. Ohne Zweifel wird es viele Seelen geben, denen der Herr die nämlichen Gebetsgnaden erweist, die er mir Armseligen erwiesen hat. Sollten nun einige davon meinen, sie befänden sich nicht auf dem rechten Wege, und sich deshalb mit mir beraten wollen, so wird der Herr seiner Dienerin beistehen, ihnen durch seine Wahrheit zu nützen!

8. Ich spreche also jetzt von diesem Wasser, das vom Himmel kommt, damit es mit seinen Fluten den ganzen Garten überschwemmt und durchdringe. Wollte der Herr dieses Wasser jedesmal, sooft man dessen bedarf, geben, so könnte der Gärtner offenbar in voller Ruhe leben. Und wer sieht nicht ein, welche Freude es für den Gärtner wäre, wenn niemals Winter, sondern allzeit milde Witterung sein würde, und es folglich an Blumen und Früchten nie mangelte? Aber das ist, so lange wir hienieden leben, nicht möglich; mir müssen immer, wenn es an dem einen Wasser fehlt, das andere herbeizuschaffen trachten. Das vom Himmel kommende Wasser fällt oftmals hernieder, wenn der Gärtner sich dessen am wenigsten versieht; am Anfange jedoch geschieht dies fast immer nur nach einem fangen innerlichen Gebete, da der Herr das Vöglein von einer Stufe zur anderen fliegen lässt, bis er es endlich nimmt und in das Netz setzt, damit es darin ruhe. Wenn er sieht, dass die Seele einem Vöglein gleich schon lange geflogen ist und mit dem Verstande, dem Willen und allen ihren Kräften Gott zu suchen und ihm zu gefallen sich bemüht hat, so will er ihr sogar in diesem Leben schon ihren Sohn geben. Und welch ein großer Lohn ist dies! Ein einziger Augenblick reicht da hin, um der Seele alle Mühen, die sie auf Erden erdulden kann, zu vergelten.

9. Während also die Seele in besagter Weise Gott sucht, fühlt sie, wie sie in übergroßer, süßer Wonne fast ganz dahinschmachtet und in eine Art Ohnmacht versinkt. Der Atem stockt, und alle Körperkräfte schwinden, so dass sie nicht imstande ist, auch nur die Hände zu rühren, außer nur mit großer Pein. Die Augen schließen sich, ohne dass sie es will; und hält sie diese offen, so sieht sie fast nichts. Will sie lesen, so kann sie keinen Buchstaben recht aussprechen; und kaum kennt sie noch die Buchstaben, die sie vor sich hat. Sie sieht zwar, dass Buchstaben da sind; weil aber der Verstand nicht nachhilft, so kann sie auch nicht lesen, selbst wenn sie wollte. Sie hört, versteht aber das nicht, was sie hört. Ihre Sinne nützen ihr also nichts, sondern schaden ihr vielmehr, weil sie ihr zum Hindernisse sind, vollkommen in ihrer Ruhe zu bleiben. Vergebens würde sie sich zu sprechen bemühen; denn sie kann weder ein Wort gehörig bilden, noch hat sie zum Aussprechen desselben die Kraft. Es schwindet nämlich alle äußere Kraft, indes die Kräfte der Seele zunehmen, damit diese ihre innere Seligkeit um so besser genießen könne. Aber auch die äußere Wonne, die man empfindet, ist sehr groß und ganz unverkennbar.

10. Dieses Gebet verursacht der Gesundheit keinen Schaden, wenn es auch noch so lange dauern sollte. Mir wenigstens hat es noch nie geschadet, und ich kann mich nicht erinnern, dass ich auch nur ein einziges Mal, wenn mir der Herr diese Gnade verlieh, ein Unwohlsein gefühlt hätte, so krank ich auch gewesen sein mochte; im Gegenteil, ich befand mich darnach weit besser. Welchen Schaden könnte aber auch ein so großes Gut bringen? Die äußeren Wirkungen dieses Gebets sind so unverkennbar, dass man an dem Walten einer außerordentlichen Ursache gar nicht zweifeln kann; denn auf solche Weise benimmt es dem Körper unter so großem Wonnegenusse die Kräfte, dass es ihm diese gestärkter wieder zurückgibt.

11. Anfangs geht dieses Gebet, wie es wenigstens bei mir der Fall war, in so kurzer Zeit vorüber, dass man bei dieser kurzen Dauer von den genannten äußeren Zeichen und dem Schwinden der Sinne nicht so viel wahrnimmt; auf den zurückgebliebenen Gnaden aber ist deutlich zu erkennen, mit glühend hier die Sonne der göttlichen Liebe gestrahlt hat, da die Seele so von ihr zerschmolzen ward. Indessen ist überhaupt zu bemerken, dass die Zeit, während der alle Vermögen der Seele zugleich aufgehoben sind, auch in ihrer längsten Dauer meines Erachtens nur sehr kurz ist. Hält es eine halbe Stunde an, so ist dies schon sehr viel; bei mir hat es, wie mich dünkt, nie so lange gedauert. Man kann zwar die Zeit nicht wohl bemessen, weil man davon kein Bewusstsein hat; dennoch sage ich, dass es in einemfort gar nicht lange wärt, bis eine oder die andere Kraft wieder zu sich kommt. Der Wille hält sich hier am besten. Die anderen zwei Kräfte werden bald wieder unruhig und lästig. Weil aber der Wille in seiner Ruhe verharrt, so hebt er eben dadurch jene Kräfte wieder auf, die sie bald darauf abermals zum Leben zurückkehren. Auf diese Weise können, wie dies auch wirklich geschieht, allerdings mehrere Stunden des Gebetes vergehen; denn sobald die beiden Vermögen, Verstand und Gedächtnis, von jenem köstlichen Weine zu kosten und trunken zu werden beginnen, gehen sie leicht wieder sich selbst verloren, um ein weit größeres Gut zu gewinnen. Da gesellen sie sich alsdann dem Willen bei, und es ergötzen sich alle drei zugleich. Von diesem gänzlichen Verlorensein sämtlicher Seelenvermögen zugleich also sage ich, dass es nur eine kurze Zeit anhält; dabei stellt auch die Einbildungskraft, die sich meines Wissens gleichfalls gänzlich verliert, jegliche Tätigkeit ein. Es kehren jedoch jene Vermögen nicht so vollständig zurück, dass nicht ein gewisser, mehrere Stunden lang andauernder Betäubungszustand bei ihnen möglich wäre, wobei sie Gott in kurzen Zwischenräumen immer wieder an sich fesselt.

12. Wir kommen jetzt auf das, was die Seele hier innerlich empfindet. Wer es vermag, der spreche es aus; denn man kann es nicht verstehen und viel weniger aussprechen. Als ich mich nach der Kommunion in dem hier besprochenen Gebete befunden hatte und nun über diesen Punkt schreiben wollte, dachte ich darüber nach, was doch die Seele in dieser Zeit tue. Da sprach der Herr die Worte zu mir: »Tochter! Die Seele wird völlig zunichte, damit sie besser in mich eindringe; nicht mehr sie ist es, die da lebt, sondern ich bin es; und weil sie das, was sie erkennt, nicht begreifen kann, so ist es, als wenn sie verstände und doch nicht verstände.« Wer es selbst erfahren hat, der wird dies einigermaßen verstehen; denn was bei dieser Vereinigung in der Seele vorgeht, ist so dunkel, dass es nicht klarer gesagt werden kann. Ich könnte nur das eine noch beifügen: die Seele nimmt wahr, dass sie mit Gott vereint ist; und davon bleibt ihr eine solche Gewissheit, dass sie von diesem Glauben durchaus nicht lassen kann. Hier schwinden alle Seelenkräfte und werden derart aufgehoben, dass man an ihnen, wie schon gesagt, durchaus keine Tätigkeit wahrnimmt. Hatte die Seele vorher über irgendein Geheimnis nachgedacht, so verliert sie es jetzt aus dem Gedächtnisse, und es ist, als hätte sie gar niemals daran gedacht. Hatte sie vorher gelesen, so vergißt sie jetzt das Gelesene und ist unfähig, ihre Aufmerksamkeit darauf zu richten. Ebenso ist es, wenn sie zuvor mündlich betete. Der kleine lästige Schmetterling des Gedächtnisses verbrennt sich also hier die Flügel und kann nicht mehr unruhig umherflattern. Der Wille ist zweifelsohne ganz mit Lieben beschäftigt, versteht aber nicht, wie er liebt. Wenn der Verstand erkennt, so versteht er doch nicht, wie er erkennt; wenigstens kann er von dem, was er erkennt, nichts begreifen. Mir scheint aber nicht, dass er erkennt; denn, wie gesagt, man merkt nichts davon. Ich kann mir über diesen Punkt nicht klar werden.

13. Anfangs war ich in einer gewissen Unwissenheit befangen. Ich wusste nämlich nicht, dass Gott in allen Dingen ist, und es schien mir unmöglich, dass er mir so innig gegenwärtig sei, wie es mir vorkam; doch konnte ich mich des Glaubens nicht entschlagen, dass Gott mir wirklich gegenwärtig war, da ich meinte, seine persönliche Gegenwart fast klar in mir erkannt zu haben. Ungelehrte sagten mir zwar, Gott sei uns doch bloß durch seine Gnade gegenwärtig; aber ich konnte es nicht glauben, weil mir, wie gesagt, schien, er selbst sei in mir gegenwärtig. Diese Ungewissheit war mir peinlich. Da half mir aber ein sehr gelehrter Mann aus dem Orden des glorreichen Heiligen Patriarchen Dominikus aus meinem Zweifel. Dieser sagte mir, dass Gott wesentlich in allen Dingen gegenwärtig sei, und erklärte mir zugleich, in welcher Weise Gott sich uns mitteile. Dadurch ward ich ungemein getröstet.

14. Noch ist zu bemerken und zu beachten, dass dieses himmlische Wasser, diese überaus große Gunstbezeigung des Herrn, die Seele allzeit mit den köstlichsten Früchten bereichert, von denen ich jetzt sprechen werde.

Neunzehntes Hauptstück

Fortsetzung des nämlichen Gegenstandes. Sie beginnt die Wirkungen zu erklären, die diese Stufe des Gebetes hervorbringt. Dringende Mahnung, nie wider zurückzukehren und von der Übung des innerlichen Gebetes nicht abzulassen, wenn man auch nach dem Empfange dieser Gnade wieder fallen sollte. Nachteile, die aus der Nichtbeachtung dieser Mahnung entstehen. Was in diesem Hauptstück gesagt wird, ist wohl zu beachten; es gereicht den Schwachen und Sündern zu großem Troste.

1. Von diesem Gebete und dieser Vereinigung bleibt die Seele außerordentlich gerührt; sie möchte zerfließen, nicht vor Schmerz, sondern vor süßen Tränen, worin sie sich gebadet sieht, und die sie, ohne es zu merken und zu wissen, wann und wie, vergossen hat. Es ist ihr eine große Freude, zu sehen, wie jene Gewalt des Feuers mit einem Wasser gedämpft wird, das seine Glut vermehrt. Dies scheint zwar wie arabisch gesprochen zu sein, aber es ist dennoch so. Ich war manchmal nach diesem Gebete so außer mir, dass ich nicht wusste, ob die Seligkeit, die ich empfunden, nur ein Traum gewesen oder ob sie mir wirklich zuteil geworden sei. Da ich mich aber ganz mit Tränen übergossen sah, die ohne Anstrengung so gewaltig und schnell meinen Augen entströmten, dass es schien, als ob sich jene Himmelswolke über mich entleerte, wurde es mir klar, dass ich nicht geträumt habe. Übrigens zweifelte ich bloß am Anfange, als die neue Gebetsgnade noch von ganz kurzer Dauer bei mir war. Die Seele ist nach dem Empfang dieser Gnade so mutvoll und beherzt, dass es ihr, wenn man sie in diesem Augenblick um Gottes willen in Stücke zerhauen würde, ein großer Trost wäre. Da macht sie heldenmütige Vorsätze und Versprechungen; da hegt sie flammende Begierden; da erkennt sie ganz klar die Eitelkeit der Welt und fängt an, sie zu verabscheuen. Auf dieser Stufe des Gebetes ist die Seele schon viel weiter und höher geschritten als auf den vorhergehenden. Da hat auch ihre Demut zugenommen; denn sie sieht klar ein, dass ihr eine so überschwengliche, hohe Gnade nicht durch eigenes Bemühen zuteil geworden ist, und dass sie weder zu deren Erwerb noch zu ihrer Bewahrung etwas beigetragen hat. Klar erkennt sie sich als die Unwürdigste; denn wenn in eine Wohnung die Sonne hell hineinstrahlt, kann kein Spinnengewebe verborgen bleiben. Sie fühlt ihre Armseligkeit und ist soweit von eitler Ruhmsucht entfernt, dass ihr diese unmöglich scheint; denn sie sieht augenscheinlich, wie wenig oder nichts sie zur Erlangung dieser Gnade zu tun vermag, ja, wie sie dazu fast nicht einmal ihre Zustimmung dazu geben hatte; ja, es scheint vielmehr, es sei allen ihren Sinnen die Pforte auch ohne ihren Willen verschlossen worden, damit sie um so ungestörter den Herrn genießen könne. Sie befindet sich da ganz allein mit ihm; was anderes wollte sie also tun, als ihn lieben? Sieht sie ja nicht und hört sie nicht, es sei denn, sie strengte sich mit Gewalt dazu an. Sie hat also ganz und gar keine Ursache, hier irgendwie stolz auf sich selbst zu sein. Nachher stellt sich der Seele ihr vergangenes Leben und die große Barmherzigkeit Gottes in aller Wahrheit vor Augen, und zwar ohne dass der Verstand erst suchen müsste, da er die Speise, die er genießen, d. i. was er erkennen soll, schon bereitet findet. Sie sieht von selbst ein, dass sie die Hölle verdiente, indes sie dafür mit Glückseligkeit gestraft wird. Sie ergießt sich, in Lobpreisungen Gottes, und auch ich möchte mich jetzt ganz darin erschöpfen. Sei gepriesen, o Herr, dass du in dieser Weise eine so schmutzige Pfütze wie mich in eine so klare Quelle verwandelst, damit sie Wasser gebe für deinen Tisch! Sei gepriesen, o Wonne der Engel, dass zu einen so niedrigen und verächtlichen Wurm so hoch erheben willst!

2. Diese vorteilhaften Wirkungen dauern eine Zeitlang in der Seele an. Da sie jetzt klar erkennt, dass die Früchte des Gartens nicht von ihr sind, so kann sie anfangen, davon auszuteilen, ohne einen Mangel für sich selbst befürchten zu müssen. Sie verrät durch verschiedene Zeichen, dass sie himmlische Schätze in sich verwahrt; sie trägt Verlangen darnach, diese mit anderen zu teilen, und bittet Gott, dass er sie nicht für sich allein reich sein lasse. Fast ohne es zu bemerken und ohne selbst etwas dabei zu tun, fängt sie nun an, ihren Nebenmenschen nützlich zu werden. Aber jene bemerken es wohl; denn der Geruch der Blumen hat so sehr zugenommen, dass er in anderen das Verlangen erweckt, sich ihnen zu nähern. Sie nehmen wahr, dass die Seele Tugenden besitzt; sie sehen, wie wünschenswert ihre Früchte sind, und möchten gern mit ihr davon genießen. Wenn das Erdreich durch Leiden, Verfolgungen, üble Nachreden und Krankheiten — Prüfungen, ohne die wenige bis hierher gelangen werden — gut umgegraben und durch gänzliche Losschälung von allem Eigennutze gehörig erweicht ist, dann dringt das Wasser so tief in dasselbe ein, dass es fast nie wieder austrocknet. Wenn es aber, wie ich anfänglich war, ein noch an dieser Erde haftender, mit Dornen überwucherter und von den Gelegenheiten zu sündigen noch nicht abgesonderter Boden ist; wenn es ein Boden ist, der nicht jene Dankbarkeit an den Tag legt, die eine so große Gnade verdient, so trocknet das Erdreich wieder aus. Kommt dann noch Sorglosigkeit von seiten des Gärtners hinzu und sendet der Herr nicht aus lauter Güte wieder Regen, so ist der Garten für verloren zu halten. Dies geschah mir selbst einigemal, und denke ich daran, so entsetze ich mich jetzt noch darüber; ich könnte es gar nicht glauben, hätte nicht ich selbst es erfahren. Ich schreibe dieses zum Troste für jene Seelen, die schwach sind gleich mir, damit sie niemals verzweifeln und nie vom Vertrauen auf Gottes große Barmherzigkeit ablassen. Sind sie auch, nachdem der Herr sie auf eine so hohe Stufe erhoben, gefallen, so dürfen sie doch nicht verzagen, wollen sie nicht ganz zugrunde gehen. Durch Tränen gewinnt man alles wieder; denn ein Wasser zieht das andere nach sich.

3. Was ich hier sage, ist eine der Ursachen, die mich bei meiner Armseligkeit ermutigen, dem Gehorsame nachzukommen und Rechenschaft zu geben über mein böses Leben und über die Gnaden, die der Herr mir erwiesen hat, obwohl ich ihm nicht gedient, sondern ihn mehr beleidigt habe. Und wahrlich, ich möchte hier ein großes Ansehen haben, damit man mir Glauben schenke; ich bitte den Herrn, Seine Majestät wolle meinen Worten Kraft verleihen. Ich sage also: keiner von denen, die einmal begonnen haben, das innerliche Gebet zu üben, verzage und spreche: wenn ich doch wieder falle, so wird es nur um so schlimmer für mich sein, diese Übung fortzusetzen. Letzeres ist nach meiner Ansicht der Fall, wenn man das innerliche Gebet aufgibt und seine Fehler nicht bessert; bleibt man aber dieser Übung treu, so glaube man mir, dass man so in den Hafen des Lichtes geführt werde. In dieser Hinsicht hat mir der böse Feind eine schwere Niederlage bereitet. Weil ich es nämlich für Mangel an Demut hielt, bei meinem schlimmen Leben das innerliche Gebet zu üben, hatte ich soviel dabei zu leiden, dass ich es endlich, wie schon gesagt, ein und ein halbes Jahr oder wenigstens ein Jahr lang — denn des halben kann ich mich nicht mehr so genau erinnern — unterließ. Mehr aber hätte und hat es nicht gebraucht, um von selbst der Hölle zuzugehen, ohne dass die Teufel nötig gehabt hätten, mich in sie hinabzustürzen. O Gott, welch große Blindheit! Wie gut trifft es der Teufel, wenn er zur Erreichung seines Zweckes hier seine Kraft einsetzt! Der Verräter weiß es, dass eine Seele für ihn verloren ist, wenn sie in der Übung des innerlichen Gebetes ausharrt; denn alle Fehler, wozu er sie verleitet, dienen ihr dann durch Gottes Güte nur dazu, sich seinem Dienste wieder mit um so größerem Eifer zu weihen; darum ist ihm daran gelegen, sie von dieser Übung abwendig zu machen.

4. O mein Jesus, was ist es doch um des Anblick einer Seele, die, auf eine so hohe Stufe erhoben, in eine Sünde gefallen ist, wenn du ihr in deiner Barmherzigkeit die Hand reichst und sie wieder aufhebst. Wie erkennt sie da die Menge deiner großen Gnaden und Erbarmungen einerseits und ihr eigenes Elend andererseits! Ja, da wird sie bei der Erkenntnis deiner Größe in Wahrheit zunichte. Da wagt sie nicht, ihre Augen zu erheben; sie öffnet sie nur, um zu erkennen, was sie dir schuldig ist. Da wendet sie sich in Andacht zur Himmelskönigin, damit sie dich besänftige. Da ruft sie jene Heiligen an, die nach ihrer Berufung wieder gefallen sind, damit sie ihr beistehen. Da erscheint ihr alles zuviel, was du ihr gibst, weil sie sich der Erde für unwürdig erachtet, auf die sie tritt. Da eilt sie zu den Sakramenten. Da wird der Glaube in ihr lebendig, wenn sie die Kraft wahrnimmt, die Gott in die Sakramente gelegt hat. Da lobt und preist sie dich dafür, dass du eine so wirksame Arznei und Salbe für unsere Wunden hinterlassen hast, die diese nicht bloß oberflächlich zuheilt, sondern ganz hinwegnimmt. Darüber staunt die Seele; und wer, o Herr meiner Seele, sollte über eine so große Barmherzigkeit, über eine solche Fülle von Gnade nach einem so häßlichen und abscheulichen Verrate nicht staunen? Ich weiß nicht, wie mir beim Schreiben dieser Zeilen nicht das Herz zerspringt, da ich doch so böse bin.

9. Mit diesen winzigen Zähren da, die ich jetzt weine, und die dein Geschenk, meinerseits aber nur Wasser aus einem so schlechten Brunnen sind, scheine ich die genugtun zu wollen für den Verrat, den ich so oft an dir begangen habe, da ich fortwährend Böses tat und dich herausforderte, dein Gnadenwerk in mir wider zu vernichten. Gib doch, o Herr, meinen Tränen Kraft und läutere dieses trübe Wasser, damit es wenigstens niemand eine Versuchung zu freventlichen Urteilen sei! Ich selbst blieb ja nicht frei von solcher Versuchung. Denn so dachte ich bei mir: warum, o Herr, lässest du andere, sehr heilige Seelen, die dir allezeit gedient und für dich gearbeitet haben, die im Ordensstande auferzogen und wahre Ordenspersonen sind, nicht aber, wie ich, bloß den Namen tragen, leer ausgehen? Sah ich doch klar, dass zu ihnen jene Gnade nicht erwiesest, die du mir erwiesen hast. Jetzt, o mein höchstes Gut, erkenne ich wohl, dass du diesen die Belohnung aufbewahrst, um sie ihnen auf einmal zu geben, dass aber meine Schwachheit einer solchen Hilfe bedarf. Als starke Seelen dienen sie dir auch ohne diese Gnade, und du behandelst sie wie starke Seelen und solche, die keine bloßen Lohndiener sind.

6. Was aber jene betrifft, die übel von mir redeten, so ist es dir, o Herr, bekannt, wie oft ich zu dir gerufen und entschuldigt habe; denn es schien mir, sie hätten allzu guten Grund dazu. Dies geschah, als du, o Herr, in deiner Güte mich schon zurückhieltest, dass ich dich nicht mehr so viel beleidigte und ich schon alles mied, was dich nach meinem Dafürhalten hätte erzürnen können; denn da erschlossest du, o Herr, deiner Dienerin die Schätze deiner Gnade. Du scheinst nämlich auf nichts anderes gewartet zu haben, als auf den Willen und die Zubereitung in mir, diese Schätze zu empfangen; war nur einmal dieses der Fall, so beeiltest du dich auch schon, sie mir nicht bloß mitzuteilen, sondern auch die Blicke anderer darauf hinzulenken. Die Folge war, dass man eine gute Meinung von mir fasste; denn nicht alle kannten mich so genau, dass sie gewusst hätten, wie böse ich war, obschon viel davon sich an mir kundgab. Aber plötzlich trat auch die Verfolgung ein, und es erhob sich ein tadelndes Gerede über mich, wozu meines Erachtens allerdings Grund genug vorhanden war. Darum trug ich auch gegen niemand (von denen, die mich verurteilten) Feindschaft, sondern bat dich o Herr, zu berücksichtigen, wieviel Ursache sie dazu hätten. Man sagte nämlich, ich wolle für eine Heilige gelten und bringe Neuerungen auf, während ich doch noch lange nicht meine Regel vollkommen hatte und anderen, sehr tugendhaften und heiligen Nonnen meines Klosters weit nachstehe. Ich glaube fest, dass ich diese nicht erreichen werde, wenn nicht Gott in seiner Güte alles tut, was an ihm ist. Ja, weit entfernt von einer solchen Vollkommenheit, hätte ich vielmehr das Gute allmählich zunichte gemacht und schlechte Gewohnheiten aufgebracht; wenigstens tat ich dazu mein Möglichstes, und im Bösen vermochte ich viel. Deshalb tadelten mich nicht nur Nonnen, sondern auch andere Personen, ohne sich dadurch eine Schuld zugezogen zu haben; sie entdeckten mir nur Wahrheiten, weil du es so zugelassen hast.

7. Von der erwähnten Versuchung wurde ich öfter geplagt. Da trug sich einmal, als ich eben die Horen betete, folgendes mit mir zu. Bei dem Verse: »Justus es Domine, es rectum judicium tuum« dachte ich darüber nach, wie vollkommen wahr diese Worte sind. Denn hierin vermochte der böse Feind mich niemals zu versuchen; ich hatte nie daran gezweifelt, dass Du, o mein Herr, der Inbegriff aller Vollkommenheiten bist; niemals hatte er Macht, mich gegen den Glauben anzufechten. Ja, ich sage sogar: je weniger eine Glaubenswahrheit der natürlichen Ordnung entsprach, desto fester glaubte ich sie und eine um so größere Andacht schien sie in mir zu erwecken. In deiner Allmacht war mir die Möglichkeit aller deiner Wundertaten eingeschlossen. Daran also hatte ich, wie gesagt, niemals gezweifelt. Als ich nun darüber nachdachte, wie du mit Gerechtigkeit so vielen deiner treuen Dienerinnen die Wonnen und Gnaden nicht zukommen lässest, die du mir trotz meiner Sündhaftigkeit erweisest, da gabst du, o Herr, mir die Antwort: »Diene du mir und mische dich nicht in diese Sache.« Es waren diese ersten Worte, die ich von dir vernahm, und ich erschrak darum sehr. Später werde ich diese Art göttlicher Mitteilungen mit noch anderen Dingen erklären; deshalb sage ich an dieser Stelle weiter nichts davon, um nicht ganz von meinem Gegenstande abzukommen. Ich glaube ohnehin schon weit genug davon abgewichen zu sein, so dass ich fast nicht mehr weiß, was ich darüber gesagt habe. Aber ich kann nun einmal nicht anders, und euer Gnaden müssen schon diese Abschweifungen mit Geduld ertragen. Denn wenn ich bedenke, wie lange Gott mich geduldet, und wenn ich hinsehe auf den erhabenen Stand, zu dem er mich erhoben hat, so ist es kein Wunder, wenn ich mich bei dem, was ich sage und ferner noch sagen werde, verliere. Gebe der Herr, dass meine Abirrungen immer nur von solcher Art seien wie hier, und Seine Majestät lasse nicht mehr zu, dass ich sie auch nur im mindesten zu beleidigen vermöge; lieber vertilge sie mich auf der Stelle.

8. Um seine großen Erbarmungen zu erkennen, genügt es schon, dass mir der Herr einen solchen Undank nicht bloß einmal, sondern des öfteren verziehen hat. Dem heiligen Petrus hat er bloß einmal, mir aber so oft seine Verzeihung angedeihen lassen, dass der böse Feind mit Recht mich versuchte, wenn er mir eingab, ich dürfte keine so innige Freundschaft mit dem Suchen, gegen den ich so offene Feindschaft getragen. O wie groß war doch meine Blindheit! Wo dachte ich hin, o mein Herr, wenn ich meinte, ein Heilmittel zu finden außer bei dir! Welche Torheit, dass Licht zu fliehen, nur um stets zu straucheln! Welch eine hoffärtige Demut flüsterte mir doch der Teufel ein, da er mich verleitete, mich nicht mehr an die Säule zu lehnen und auf den Stab zu stützen, die mich vor dem so tiefen Fall bewahrt hätten! Wenn ich jetzt daran denke, so bekreuze ich mich. Unter allen Gefahren, in denen ich mich je befunden, halte ich diese erdichtete Demut, die der Teufel mir eingab, für die größte. Er stellte mir in Gedanken vor, wie ich es denn als ein so sündhaftes Wesen — und dies nach Empfang so vieler Gnaden — noch wagen dürfe, das innerliche Gebet zu üben; es sei für mich genug, wenn ich gleich den übrigen nur das schuldige mündliche Gebet verrichte; ich erfüllte ja nicht einmal diese Pflicht nach Gebühr, wie wollte ich noch etwas darüber tun? Mein Unterfangen verrate wenig Ehrfurcht vor Gott und sei nichts anderes als eine Geringschätzung der göttlichen Gnaden. Wenn ich dies nur gedacht aber erkannt hätte, wäre es noch gut gewesen; dass ich aber demgemäß auch handelte (und das innerliche Gebet wirklich unterließ), dies war für mich das größte Übel. Gepriesen seist du, o Herr, dass du mich so gnädig wieder daraus errettet hast!

9. Dies scheint mir der Anfang jener Versuchung gewesen zu sein, die der Teufel dem Judas eingegeben hat, nur dass der Arge sich nicht so offen an mich heranwagte; allmählich aber hätte er auch mich in dasselbe Verderben gestürzt wie jenen. Möchten doch alle, die das innerliche Gebet einmal zu üben begonnen haben, um der Liebe Gottes willen, dies wohl beachten! Ja, sie sollen wissen, dass in der Zeit, in der ich das innerliche Gebet unterließ, mein Leben weit schlimmer war als zuvor. Man sehe also, welch wirksames Mittel mir der Teufel mit dieser fauleren Demut eingegeben und welch große Unruhe er mir dadurch bereitet hat. Wo hätte aber auch meine Seele noch Ruhe finden können? Die Armselige hatte sich ja getrennt von dem, der vordem ihre Ruhe war; vor ihren Augen schwebten die vordem empfangenen Gnaden und Gunsterweisungen, indes ihr die Freuden dieser Erde ein Abscheu waren. Ich wundere mich nur, wie ich diesen Zustand aushalten konnte. Nur die Hoffnung war es, die mir dies ermöglichte; denn soviel ich mich jetzt nach mehr als einundzwanzig Jahren — so lange wird es sein — noch erinnern kann, hatte ich nicht die Absicht, das innerliche Gebet für immer zu unterlassen; vielmehr war ich stets des Willens, es wieder aufzunehmen, wenn ich einmal, wie ich hoffte, ganz rein von Sünden wäre. Aber wie sehr betrog mich diese Hoffnung!

10. Bis zum Tage des Gerichtes hätte mich der Teufel in ihr gewiegt, um mich von da in die Hölle zu führen. Denn wenn ich schon damals, als mir das innerliche Gebet und die Lesung die ewigen Wahrheiten und den schlimmen Weg zeigten, den ich wandelte, wenn ich schon damals, als ich den Herrn oft unter Tränen bestürmte, mir zu helfen, so böse war, dass ich mich nicht selbst zu überwinden vermochte, was konnte ich dann noch hoffen, als ich mitten unter eitlen Zerstreuungen, bei so vielen Gelegenheiten zur Sünde und bei so geringer Hilfe — ich darf wohl sagen, gar keiner Hilfe als nur zum Fallen — diese Übungen unterließ? Wie anders als was ich soeben sagte? Ich glaube, ein sehr gelehrter Pater aus dem Orden des heiligen Dominikus habe sich dadurch, das er mich aus diesem Schlafe erweckte, großes Verdienst bei Gott erworben. Dieser ließ mich, wie ich schon gesagt zu haben meine , alle vierzehn Tage kommunizieren und trug dazu bei, das ich nicht mehr soviel Böses tat. Allmählich kam ich zu mir selbst zurück, obschon ich noch nicht aufhörte, den Herrn zu beleidigen. Doch hatte ich den Weg nicht mehr verloren, und wenn ich auch nur langsam vorwärts ging und bald fiel, bald wieder aufstand, so schritt ich doch voran; und wer nicht ablässt zu geben und seine Schritte vorwärts zu lenken, der gelangt, wenn auch spät, endlich doch zum Ziele. Meiner Ansicht nach ist nämlich das Gebet aufgeben und den Weg verlassen ein und dasselbe. Möge Gott in seiner Güte uns davor bewahren!

11. Aus dieser Erzählung ist ersichtlich und man beachte es um der Liebe des Herrn willen wohl, dass eine Seele, auch wenn ihr Gott hohe Gnaden im Gebet erweist, noch fallen kann. Darum darf sie auf sich durchaus kein Vertrauen setzen und sich in keiner Weise den Gelegenheiten zum Falle aussetzen. Man beachte dies wohl, weil viel daran gelegen ist. Denn wenn auch die der Seele zuteil gewordene Gnade unzweifelhaft von Gott ist, so kann sie der Verräter nachher doch noch dadurch betrügen, dass er ebendiese Gnade, soviel es in seiner Macht steht, zu seinem Vorteile benützt. Dies haben besonders jene Personen zu beachten, die in der Tugend noch nicht (vollkommen) herangewachsen, (sich selbst) nicht (völlig) erstorben und noch nicht (ganz vom Irdischen) losgeschält sind. So brennend auch ihre Begierden und so fest auch ihre Vorsätze sein mögen, so sind sie doch auf dieser Stufe des Gebetes, wie ich nachher erklären werde, noch nicht stark genug, um sich in die Gelegenheiten und Gefahren wagen zu können. Es ist dies eine vortreffliche Lehre, die ich nicht selbst erdacht, sondern von Gott empfangen habe; darum wünschte ich, dass jene, die unwissend sind gleich mir, sie wüßten. Wenn also eine Seele auch schon auf dieser Stufe sich befindet, so darf sie es doch nicht wagen, sich (aus freier Wahl) in einen Kampf zu begeben; sie wird ohnehin Mühe genug haben, sich (in den unfreiwilligen Kämpfen) zu verteidigen. Hier hat man Waffen zur Verteidigung gegen die bösen Geister nötig, und die Seele hat die Kräfte noch nicht, um mit solchen Feinden zu Dingen und sie unter die Füße zu bringen, wie jene es vermögen, die schon in dem Stande sich befinden, von dem ich noch sprechen werde.

12. Die List aber, deren sich der Teufel bedient, um die Seele zu fangen, ist folgende: Sieht sich die Seele so nahe bei Gott und erkennt sie den Unterschied, der zwischen den himmlischen Gütern und den irdischen besteht, so entspringt aus der Wahrnehmung einer so großen Liebe, die der Herr ihr erzeigt, eine Zuversicht und Sicherheit in ihr, als könne sie von der Höhe des Glückes, dass sie genießt, nicht mehr herabsinken. Sie meint schon klar den Lohn zu schauen (den sie durch siegreichen Kampf verdienen werde), und es scheint ihr unmöglich, um einer so niedrigen und schmutzigen Sache willen, wie die sinnliche Lust ist, von einem Gute zu lassen, dass schon in diesem Leben so süß und wonnevoll ist. Durch diese Zuversicht aber benimmt ihr der Teufel das Mißtrauen, dass sie auf sich selbst setzen soll. Die Seele gibt sich nun, wie gesagt, in der Meinung, dass sie nichts mehr zu fürchten habe, den Gefahren preis und beginnt, mit gutem Eifer zwar, aber ohne Maß von ihren Früchten auszuteilen. Dies geschieht gerade nicht aus Hochmut, denn die Seele erkennt gar wohl, dass sie aus sich selbst nichts vermag; sie tut es nur aus übergroßem Vertrauen auf Gott und aus Mangel an Klugheit, nicht beachtend, dass sie (einem jungen Vöglein gleich) noch zu schwach befiedert ist. Sie kann darum wohl aus ihrem Neste hüpfen, und Gott selbst hebt sie heraus; aber zum Fliegen ist sie noch nicht geschickt, weil ihre Tugenden nicht stark genug sind. Auch fehlt ihr der geübte Blick, um die ihr drohenden Gefahren zu erkennen, und sie weiß nicht, welchen Schaden ihr das Vertrauen auf sich selbst bringt.

13. Dieses übergroße Selbstvertrauen hat auch mir Verberben gebracht. Man ersieht daraus zugleich, wie notwendig man hierin und in allem anderen der Leitung eines geistigen Führers und der Besprechung mit Personen bedarf, die selbst im geistlichen Leben erfahren sind. Ich will zwar gerne glauben, dass Gott nicht aufhören werde, eine Seele, die er einmal zu einem so erhabenen Stande erhoben hat, auch ferner mit seinen Gnaden heimzusuchen, dass er sie nicht zugrunde gehen lassen werde, wenn sie selbst nicht gänzlich ihn verlässt. Sollte sie aber, wie gesagt, dennoch fallen, so habe sie um der Liebe des Herrn willen acht, ja sie habe acht, dass sie der Teufel nicht wie mich mit der Einflüsterung betrüge, aus falscher Demut das innerliche Gebet aufzugeben. Vor diesem Betruge, vor dem ich schon gewarnt habe, möchte ich oft und oft wieder warnen. Eine solche Seele vertraue vielmehr der Güte Gottes, die größer ist als alle Sünden, die wir begehen können. Gott vergißt unseren Undank, wenn wir in uns gehen und zu seiner Freundschaft zurückkehren wollen. Alsdann gedenkt er auch nicht der uns gespendeten Gnaden, um uns ihretwegen zu strafen; vielmehr werden ebendiese Gnaden ihn bewegen, uns, die wir schon seine Hausgenossen waren und, wie man zu sagen pflegt, sein Brot aßen, um so eher zu vergeben. Man denke nur an seine Verheißungen und erwäge, was er mir getan; denn eher wurde ich müde, ihn zu beleidigen, als Seine Majestät aufgehört hätte, mir zu verzeihen. Er ermüdet nicht, zu geben, und unerschöpflich sind seine Erbarmungen; ermüden nur auch wir nicht, zu empfangen. Er sei gepriesen in Ewigkeit, Amen; es sollen ihn loben alle Geschöpfe!

Zwanzigstes Hauptstück

Unterschied zwischen der (einfachen) Vereinigung und der Verzückung. Erklärung der Verzückung. Welch ein Glück ist es, wenn die Seele durch die Güte des Herrn dahin gelangt. Die Wirkungen der Verzückung sind sehr bewunderungswürdig.

1. Ich wünschte mit Gottes Hilfe den Unterschied erklären zu können, der zwischen der (einfachen) Verzückung und der Vereinigung und der Verzückung besteht. Letztere wird auch Geisteserhebung oder Geistesflug, Entrückung, Ekstase genannt, was alles (dem Wesen nach) eine und dieselbe Sache bedeutet, die mit diesen verschiedenen Namen bezeichnet wird. Diese Verzückung übertrifft weit die (einfache) Vereinigung; ihre Wirkungen sind weit größer, und sie bringt vieles andere hervor. Die (einfache) Vereinigung scheint in ihrer Anfangs und Mittelstufe, ja selbst in ihrer höchsten Stufe, gleicher Art zu sein, und ihr Wirken beschränkt sich (mehr) auf das Innere; die Verzückungen aber wirken, weil sie einer höheren Gebetsstufe angehören, innerlich und äußerlich zugleich. Der Herr selbst wolle diesen Gegenstand erklären, wie er es auch bei dem Vorhergehenden getan hat; denn fürwahr, hätte Seine Majestät mich nicht die Art und Weise gelehrt, wie ich mich ausdrücken sollte, so würde ich nicht vermocht haben, etwas darüber zu sagen.

2. Betrachten wir jetzt, wie das letzte Wasser, von dem wir gesprochen, bei entsprechendem Erdboden in so reichlicher Fülle vorhanden ist, dass wir glauben können, die Wolke der großen Majestät selbst sei in uns auf diesem Boden. Wenn mir nun für dieses große Gut uns dankbar erweisen und ihm, soweit unsere Kräfte reichen, durch Werke entsprechen, dann zieht der Herr die Seele an sich, gleichwie, so wollen wir sagen, die Wolken die Dünste der Erde an sich ziehen, und hebt sie ganz von da empor. Die Wolke schwebt zum Himmel auf, nimmt die Seele mit sich und beginnt nun, ihr die Herrlichkeiten jenes Reiches zu zeigen, das sie ihr bereitet hat. Ich weiß nicht, ob dieser Vergleich passend ist, aber die Seele verhält sich wirklich so. Bei diesen Verzückungen scheint die Seele den Leib nicht mehr zu beleben, und man fühlt darum auch ganz deutlich, wie die natürliche Wärme im Leib abnimmt und er allmählich erkaltet, obgleich dies mit einer außerordentlichen Wonne und Süßigkeit verbunden ist.

3. Bei der (einfachen) Vereinigung stehen wir immer noch auf unserem eigenen Boden, wodurch uns fast jederzeit die Möglichkeit gegeben ist, dieser Gnade, wenn auch nur mit Gewalt und Schmerz, zu widerstehen. Dies ist bei der Verzückung nicht mehr der Fall, so dass wir also meistens gar keines Widerstandes fähig sind. Da wirst du oftmals, ohne daran gedacht zu haben und ohne in irgendeiner Weise selbst mitzuwirken, von einem so plötzlichen und starken Ungestüm erfasst, dass du siehst und fühlst, wie jene Wolke sich erhebt, oder wie jener gewaltige Adler sich emporschwingt und dich auf seinen Flügeln dahinträgt.

4. Ich sagte, du merkst und siehst, wie du erhoben wirst; aber zu weißt nicht, wohin. Daher kommt es, dass du, wenngleich mit Wonne erfüllt, ob der Schwachheit unserer Natur anfangs von Furcht ergriffen wirst. Die Seele muss darum hier weit mutvoller und entschlossener sein als bei dem vorher besprochenen Zustande, um sich mit Hintansetzung jeglichen Bedenkens, komme was da wolle, willig den Händen Gottes zu überlassen und dahin zu folgen, wohin wir von ihm geführt werden; denn du magst wollen oder nicht, zu wirst doch erhoben. Mir selbst sind diese Erhebungen oft äußerst unlieb, so dass ich alle meine Kräfte aufbiete, um zu widerstehen, besonders wenn sie, wie das schon einigemal der Fall war, öffentlich geschehen; aber auch wenn ich allein bin, strenge ich mich oft an, aus Furcht, ich möchte getäuscht werden. Zuweilen konnte ich etwas erreichen; aber ich war darnach so abgemattet und erschöpft, als hätte ich mit einem starken Riesen gerungen. Zu anderen Zeiten war es unmöglich; die Seele wurde mir erhoben, und fast immer folgte ihr, ohne dass ich es verhindern konnte, das Haupt, manchmal auch der ganze Körper nach, so dass dieser frei über der Erde schwebte. Letzteres indessen begegnete mir bisher nur selten.

5. Einmal geschah es, als ich mich mit den übrigen Nonnen im Chore befand und daselbst kniend auf den Empfang der Kommunion vorbereitete; ich empfand darüber die größte Pein, weil mir dies als etwas ganz Ungewöhnliches und als eine Sache erschien, die sofort großes Aufsehen erregen musste. Da dieser Fall sich erst ereignete, seitdem ich Priorin bin, so befahl ich den Nonnen zu schweigen. Ein anderes Mal — es war am Feste unseres Kirchenpatrons unter der Predigt — widerfuhr mir in Gegenwart mehrerer vornehmer Damen das nämliche. Hier warf ich mich, sobald ich gewahrte, dass der Herr mich erheben wolle, der Länge nach auf den Boden; aber desungeachtet und trotzdem die herbeigeeilten Nonnen mich zu halten versuchten, wurde die Verzückung dennoch bemerkt. So erging es mir noch bei mehreren anderen Gelegenheiten. Deshalb bat ich den Herrn recht inständig, er wolle mir doch ferner nicht Gnaden erteilen, die das Aufsehen anderer erregen; denn ich war es bereits müde, immer in so großer Sorge zu sein, und die göttliche Majestät konnte mir die Gnade der Verzückung ja auch erweisen, ohne dass es andere merkten. Nun scheint es dem Herrn in seiner Güte gefallen zu haben, mich zu erhören; denn seitdem ist mir nichts solches mehr widerfahren. Freilich ist dies auch noch nicht lange her.

6. Die Kraft, die mich unter den Füßen emporhob, wenn ich widerstehen wollte, kam mir so gewaltig vor, dass ich sie mit nichts vergleichen kann. Der Ungestüm, mit dem dies geschah, war weit größer als bei den übrigen Antrieben des Geistes (und der Widerstand dagegen griff mich so stark an), dass ich vor Ermattung hinsank. Ja, es ist ein furchtbarer Kampf (dieses Widerstreben), und am Ende richtet man nur wenig damit aus, wenn der Herr die Erhebung trotzdem will; denn gegen seine Macht kommt keine andere auf. Manchmal jedoch ist Seine Majestät zufrieden, wenn wir nur sehen, dass sie uns diese Gnade erzeigen wolle und es also an ihr nicht fehle. Widerstehen wir in solchem Falle aus Demut, so lässt die dargebotene Gnade die nämlichen Wirkungen in uns zurück, als wenn wir zu ihrem Empfange vollkommen beigestimmt hätten.

7. Diese Wirkungen sind außerordentlich. Fürs erste offenbart sie die große Macht des Herrn, und es zeigt sich, dass wir den Leib ebensowenig als die Seele zurückzuhalten imstande sind, wenn die göttliche Majestät auch ihn erheben will. Mag es uns auch nicht lieb sein, so erfahren wir es hier doch, dass wir nicht Herr über uns selbst sind, dass wir vielmehr einen Höheren über uns haben, von dem uns diese Gnaden gegeben werden, indes wir aus uns selbst nichts vermögen. Dadurch aber prägt sie der Seele eine tiefe Demut ein. Ich bekenne auch, dass mich eine große Furcht ergriff, die anfangs außerordentlich war. Denn während man sieht, wie der Körper so über die Erde erhoben wird, verliert man — obschon der Geist, wenn man nicht widersteht, ihn mit Wonne nachzieht — doch die Empfindung noch nicht; wenigstens war ich so bei mir, dass ich die Erhebung gewahren konnte. Hier offenbart sich die Majestät dessen, der solches wirken kann, dass die Haare des Hauptes sich sträuben und eine große Furcht vor der Beleidigung eines so großen Gottes in der Seele bleibt. Diese Furcht ist aber in die glühendste Liebe eingehüllt, die aufs neue durch die Betrachtung jener großen Liebe entzündet wird, die Gott zu einem der Fäulnis unterworfenen Wurme trägt. Scheint es ja doch, Gott sei nicht zufrieden damit, die Seele in aller Wahrheit zu sich zu erheben, da er auch noch den sterblichen Leib, diese durch so viele Sünden verunreinigte Erde, haben will.

8. Nebstdem bleibt eine ganz ungewöhnliche, nicht zu erklärende Losschälung von allen Dingen zurück; ja ich glaube sagen zu dürfen, dass diese Losschälung in gewisser Weise sich von jeder anderen unterscheidet, ich meine, dass sie vollkommener ist als jene, die die rein geistlichen Gnaden in uns wirken. Durch diese ist die Seele zwar dem Geiste nach von den Dingen dieser Erde schon gänzlich losgeschält; durch die Verzückungen aber soll, wie es scheint, dem Willen des Herrn gemäß auch der Leib dasselbe ins Werk setzen. Man wird also den Dingen dieser Erde auf eine bisher ungewohnte Weise entfremdet, die das Leben noch weit unerträglicher macht als zuvor, und in der Folge eine Pein bewirkt, die wir selbst weder in uns hervorrufen, noch, wenn einmal davon ergriffen, wieder von uns entfernen können.

9. Gern möchte ich mich über diese große Pein recht verständlich erklären, allein ich glaube dazu nicht fähig zu sein. Indessen will ich doch, soweit ich es vermag, etwas davon sagen. Zuvor muss ich bemerken, dass mir diese Dinge erst jetzt und ganz zuletzt nach all den Visionen und Offenbarungen, die ich noch beschreiben werde, und nach der Zeit, in der mir der Herr im Gebete so große Süßigkeiten und Wonnegenüsse zu erteilen pflegte, widerfahren sind. Letzteres ist zwar auch jetzt noch zuweilen der Fall; öfter aber und am häufigsten empfinde ich die Pein, von der ich eben sprechen will. Diese ist bald größer, bald geringer. Ich will sie hier erklären, mit sie sich in ihrem höchsten Grad äußert. Später werde ich noch von den gewaltigen Antrieben sprechen, die über mich kamen, wenn mich der Herr in Verzückung versetzen wollte. Nach meinem Dafürhalten ist zwischen jenen heftigen Antrieben und der Pein, von der hier die Rede ist, ein Unterschied wie zwischen etwas ganz Körperlichem und ganz Geistigem. Ich glaube nicht zu übertreiben, wenn ich so spreche. Dort nämlich scheint die Seele den Schmerz, obgleich sie ihn fühlt, doch mit dem Leibe zu teilen, so dass also beide gemeinsam ihn tragen und die Seele sich nicht in jener äußersten Verlassenheit befindet wie hier. Diese Pein rufen wir, wie gesagt, nicht selbst in uns hervor, sondern plötzlich und unvermutet überkommt uns oft ein Verlangen, von dem ich selbst nicht weiß, wie es entsteht. In einem Augenblicke ist die ganze Seele davon durchdrungen und sie wird so heftig gequält, dass sie sich hoch über sich selbst und über alles Erschaffene erhebt. Zugleich versetzt sie Gott in eine so große Verlassenheit von allen Geschöpfen, dass es ihr scheint, es gebe niemand auf Erden, der ihr, so sehr sie sich auch darum bemühte, Gesellschaft leisten könnte. Dies will sie aber auch nicht; vielmehr wünscht sie nur, in dieser Vereinsamung zu sterben. Wollte man sie anreden oder wollte sie selbst alle mögliche Kraft aufbieten, um zu sprechen, so würde ihr wenig damit gedient sein; und was sie auch sonst noch tun wollte: ihr Geist bleibt einsam und verlassen. Dennoch teilt ihr mitunter Gott, obwohl er mir aufs weiteste von ihr entfernt zu sein scheint, seine Herrlichkeiten in der wunderbarsten Weise mit, die nur gedacht werden kann, so dass es unmöglich ist, davon zu reden. Übrigens würde es nach meinem Dafürhalten doch niemand verstehen oder glauben, wenn er es nicht selbst schon erfahren hat; denn diese Mitteilung geschieht nicht, um die Seele zu trösten, sondern um ihr zu zeigen, dass sie allen Grund hat, sich zu ängstigen, weil sie von dem Gute, dass alle Güter in sich schließt, fern ist.

10. Durch diese Mitteilung wächst in der Seele das Verlangen (nach Gott) und das Gefühl ihrer äußersten Verlassenheit noch mehr, und sie empfindet einen so feinen und durchdringenden Schmerz, dass sie, obschon in dieser Vereinsamung weilend, wohl buchstäblich mit dem königlichen Propheten von sich sprechen kann: Vigilavi, et factus sum sicut passer solitarius in tecto. Vielleicht befand sich jener, als er diese Worte sprach, in der nämlichen Verlassenheit; aber da er ein Heiliger war, so ließ ihn der Herr diese ohne Zweifel noch weit mehr fühlen als mich. An diesen Vers denke ich alsdann; ich meine, ihn an mir selbst erfüllt zu sehen, und es ist mir tröstlich, dass auch andere und noch dazu so heilige Personen dieselbe äußerste Verlassenheit empfunden haben. Dem Sperling auf dem Dache gleich scheint hier die Seele nicht in sich, sondern auf dem Dache ihrer selbst und hoch über allem Erschaffenen zu sein; denn sie scheint sogar über dem höchsten Teile ihrer selbst zu weilen.

11. Zuweilen kommt es mir vor, als gebe die Seele wie in größter Not umher, sich selbst fragend und sprechend: »Wo ist dein Gott?« Und merkwürdig! Zuvor verstand ich diese Verse in der Muttersprache nicht gut; nachdem ich sie aber verstanden, war es mir tröstlich, zu sehen, wie der Herr sie mir ohne mein Zutun ins Gedächtnis gerufen. Öfter gedachte ich auch der Worte des heiligen Paulus, er sei der Welt gekreuzigt. Ich sage nicht, dass ich dies ebenso sei, denn ich sehe klar das Gegenteil an mir. Indessen scheint sich hier die Seele in einem Zustande zu befinden, dass sie einerseits weder im Himmel ist, noch vom Himmel einen Trost erhält, und anderseits weder auf Erden ist, noch von der Erde einen Trost haben möchte; sie schwebt also gleichsam gekreuzigt zwischen Himmel und Erde und leidet, ohne dass ihr von irgendeiner Seite Hilfe kommt. Denn die Hilfe, die sie vom Himmel hat — und das ist, wie gesagt, eine so wunderbare Erkenntnis Gottes, die alles, was immer wir begehren können, weit übertrifft —, vermehrt nur ihre Qual. Dadurch nimmt nämlich ihre Sehnsucht (nach Gott) in einer Weise zu, dass nach meinem Dafürhalten die Heftigkeit der daraus entspringenden Pein sie manchmal, wenn auch nur auf kurze Zeit, der Sinne beraubt. Solche Zustände kommen mir wie Todesnöten vor; nur bringt hier das Leiden eine so große Wonne mit sich, dass ich nicht weiß, womit ich sie vergleichen soll. Es ist eine bittere, aber auch süße Marter; denn was immer von der Erde sich der Seele darbieten mag, auch wenn es ihr sonst noch so süß und angenehm zu sein pflegt, die Seele nimmt es nicht an, sondern scheint es unverzüglich von sich zu stoßen. Sie erkennt wohl, dass sie nichts liebt als ihren Gott; aber sie liebt nicht irgend etwas in Sonderheit an ihm, sondern alles zusammen, was in ihm ist, ohne zu wissen, was sie an ihm liebt. Ich sage, sie wisse es nicht; denn die Einbildungskraft stellt ihr nichts vor. Aber auch die anderen Vermögen sind während dieses Zustandes, wie ich meine, eine geraume Zeit hindurch außer Tätigkeit; sie sind, wie bei der Vereinigung und Verzückung durch die Wonne, so hier durch den Schmerz aufgehoben.

12. O Jesus! Könnte ich doch euer Gnaden diesen Zustand genau erklären, wenn auch nur dazu, dass sie mir sagten, was er sei; denn in ihm befindet sich meine Seele jetzt immer. Die meiste Zeit, in der sie sich frei von Geschäften sieht, wird sie von diesen Todesängsten gequält. Ihr Herannahen versetzt sie in Furcht, weil sie doch nicht vom Leibe scheiden kann; ist sie aber einmal darin versenkt, so möchte sie ihr ganzes Leben in diesem Leiden verharren, obschon es so überaus heftig ist, dass die Natur es kaum zu ertragen vermag. Öfter schlägt darum kein Puls mehr in mir, wie dies jene Schwestern, die sich mir zuweilen nähern und denen die Sache schon mehr bekannt ist, sagen. Die Handgelenke sind ganz auseinander und die Hände so starr, dass ich sie bisweilen nicht halten kann. Noch am folgenden Tage fühle ich den Schmerz an den Pulsen und im ganzen Körper, so dass es mir vorkommt, als wären alle meine Glieder verrenkt. Manchmal denke ich, es werde dem Herrn gefallen, dass ich an diesem Zustande, falls er so fortdauern sollte wie jetzt, noch sterbe; denn der Schmerz, den ich dabei empfinde, scheint mir groß genug dafür zu sein, nur dass ich es nicht wert bin. Mein ganzes Verlangen ist es alsdann, zu sterben, wobei ich weder des Fegfeuers noch meiner großen Sünden, wodurch ich die Hölle verdient habe, mich erinnere; dies alles ist vergessen über dem Verlangen, Gott zu schauen. Auch scheint mir die Verlassenheit und Einsamkeit, die hier die Seele erleidet, lieber zu sein als alle Gesellschaft der Welt. Der einzige Trost, den die Seele von da etwa noch erwarten könnte, wäre nur der Umgang und die Unterredung mit jemand, der die nämliche Pein gleichfalls schon erfahren hat; denn es scheint ihr, dass sonst niemand aus allen, denen sie klagen wollte, ihr glauben würde.

13. Auch das martert die Seele, dass sie bei der Größe dieser Pein nicht mehr wie sonst die Einsamkeit wünscht. Sie verlangt jedoch keine andere Gesellschaft als jemand, dem sie ihr Leid klagen könnte. Dieses Verlangen scheint mir von unserer Schwachheit herzurühren; es ist, wie wenn einer, dem der Strick schon um den Hals gelegt und der nahe dem Ersticken ist, sich noch bemüht, Atem zu schöpfen. Und in der Tat, diese Pein bringt uns wirklich in Todesgefahr. Da ich mich, wie gesagt, schon öfter infolge schwerer Krankheiten in solcher Gefahr befunden habe, so kann ich dies mit Bestimmtheit behaupten; ja, ich glaube, sagen zu können, dass diese Todesgefahr so groß sei wie die anderen alle. Das natürliche Widerstreben, voneinander getrennt zu werden, dass Leib und Seele empfinden, ist es darum, was Hilfe begehrt, um Atem zu holen. Dieses Widerstreben sucht durch Mitteilung, durch Klagen, durch Hinwenden auf andere Dinge ein Mittel, das Leben zu erhalten, und zwar ganz gegen den Willen des Geistes oder des höheren Teiles der Seele, der sie dieser Pein nicht entledigen möchte.

14. Ich weiß nicht, ob ich mit meiner Erklärung das Rechte treffe und ob ich alles gut zu sagen verstehe; doch trägt sich meiner Ansicht nach alles genau so zu. Und nun sehen euer Gnaden, welche Ruhe ich in diesem Leben noch haben kann, da jene Ruhe, die ich früher in der Einsamkeit und im Gebete bei den mir da vom Herrn gespendeten Tröstungen fand, jetzt meist in diese Marter verwandelt ist. Doch diese zugleich wonnevoll, und die Seele erkennt in ihr einen solchen Wert, dass sie diese höher schätzt als alle Süßigkeiten, die sie sonst gewöhnlich empfand. Dieser Zustand scheint ihr der sicherste zu sein, weil er, obschon mit einer Wonne vermischt, die meines Erachtens einen hohen Wert hat, doch der Weg des Kreuzes ist; denn der Körper fühlt nichts als Pein, und nur die Seele, die gleichfalls leidet, genießt die Freude und die Wonne, die in diesem Leiden liegen. Ich weiß nicht, wie dies möglich ist; dennoch ist es so. Ich würde, wie mir scheint, die Gnade, die mir der Herr hier erweist, nicht um alle anderen Gnaden vertauschen, von denen ich noch sprechen werde; denn sie kommt von seiner Hand und ist, wie schon erwähnt, nicht von mir erworben und darum etwas ganz Übernatürliches. Ich meine jedoch jene Gnaden nicht in ihrer Gesamtheit, sondern jede einzelne für sich genommen. Auch lasse man, wie schon erwähnt, nicht außer acht, dass diese gewaltigen Antriebe mir erst nach all den mir vom Herrn gespendeten Gnaden widerfahren sind, die in diesem Buche teils schon beschrieben sind, teils noch beschrieben werden; dies ist der Zustand, in dem mich der Herr gegenwärtig hält.

15. Anfangs fürchtete ich mich, wie dies fast bei jeder Gnade, die der Herr mir erweist, solange der Fall ist, die Seine Majestät in ihrem weiteren Verlaufe mir darüber Sicherheit verleiht. Er aber sprach zu mir, ich sollte mich nicht fürchten und diese Gnade höher schätzen als alle anderen bisher empfangenen. In dieser Pein werde die Seele gereinigt, bearbeitet aber geläutert wie das Gold im Feuerofen, auf dass sie mit dem Schmelze seiner Gaben reichlicher geschmückt werden könne, und es gehe hier jene Reinigung vor sich, die sonst im Fegfeuer geschehen müsste. Zwar hatte ich schon vorher erkannt, dass dieser Zustand eine große Gnade sei; jetzt aber besaß ich noch größere Sicherheit, zumal auch mein Beichtvater mir sagte, dass dieser Zustand etwas Gutes sei. Ich fürchtete mich bloß, weil ich so böse bin; aber trotzdem konnte ich es doch nie glauben, dass hier etwas Schlimmes im Spiele sei, und nur die Überschwenglichkeit eines solchen Gutes flößte mir Furcht ein, weil ich meiner Unwürdigkeit gedachte. Gepriesen sei der Herr, der so gütig ist! Amen.

16. Ich bin zwar, wie es scheint, von meinem Gegenstande abgewichen, da ich von den Verzückungen sprechen wollte; das Gesagte ist aber noch mehr als eine Verzückung und lässt darum die nämlichen Wirkungen zurück, die ich erwähnt habe.

17. Betrachten wir jetzt die Verzückung wieder in ihrem gewöhnlichen Verlaufe. Oftmals kam es mir vor, mein Leib verliere gänzlich seine Schwere und werde ganz leicht; ja zuweilen fühlte ich beinahe nicht einmal, dass meine Füße den Erdboden berührten. Solange die Verzückung währt, ist der Leib wie tot, so dass ihm gar oft jede Tätigkeit unmöglich ist; und wie ihn die Verzückung überfällt, sitzend, mit offenen oder geschlossenen Händen, so bleibt er in ihr beständig. Selten jedoch verliert man den Gebrauch der Sinne, wiewohl es bei mir schon einigemal, wenn auch selten und immer nur auf kurze Zeit, der Fall war, dass ich ihn gänzlich verlor; gewöhnlich sind sie nur verwirrt, und obschon man unfähig ist, nach außen etwas zu tun, so hört und vernimmt man doch wie von der Ferne. Ich sage nicht, dass man auch dann etwas hört oder vernimmt, wenn die Verzückung ihren Höhepunkt erreicht hat — ich verstehe darunter das (gänzliche) Verlorensein der Seelenkräfte infolge ihrer vollständigen Vereinigung mit Gott —; denn sobald dies der Fall ist, hört und vernimmt und fühlt man meiner Ansicht nach gar nichts mehr. Diese gänzliche Umgestaltung der Seele in Gott dauert aber, wie ich schon bei dem Gebete der vorigen Vereinigung gesagt habe, nur kurze Zeit; solange sie indessen dauert, ist sich kein Vermögen seiner selbst bewusst, und keines weiß, was hier vorgeht. Es muss dies etwas sein, was wir, solange wir auf Erden leben, nicht verstehen sollen; wenigstens will Gott nicht, dass wir es verstehen, und wahrscheinlich sind wir auch nicht fähig dazu. Dies habe ich an mir selbst erfahren.

18. Euer Gnaden werden mir da entgegnen und mich fragen, wie es denn komme, dass die Verzückung manchmal so viele Stunden lang anhält? Darauf antworte ich, indem ich wiederholte, was ich schon bei Erklärung des vorigen Gebetes gesagt habe. Wie ich nämlich aus oftmaliger Erfahrung weiß, genießt man die Wonne der Verzückung mit Unterbrechungen. Nicht bloß einmal, sondern oft versenkt sich hier die Seele in Gott oder, besser gesagt, der Herr versenkt sie in sich; und hat er sie kurze Zeit festgehalten, so lässt er sie wieder frei und behält bloß noch ihren Willen, indes die beiden anderen Kräfte sich unruhig hin und her bewegen. Diese Unruhe kommt mir vor wie das Zittern des Züngleins in unseren Sonnenuhren, das niemals stillsteht. Gefällt es aber der Sonne der Gerechtigkeit, so bringt sie die unruhigen Seelenkräfte (abermals) in Ruhe. Und von diesem Vorgang behaupte ich, dass er nur kurze Zeit währt. Weil aber die Gewalt des Antriebes, wodurch der Geist erhoben wurde, groß war, darum bleibt, wenn auch die anderen Kräfte wieder unruhig werden, doch der Wille noch versenkt und bringt als Herr über alles auch im Körper die besagte Wirkung hervor. Denn wenn auch die beiden anderen Kräfte durch ihre Unruhe den Willen stören möchten, so sollen doch nicht auch die Sinne, seine schwächeren Feinde, ihn stören; er bewirkt darum, dass sie aufgehoben bleiben, weil der Herr es so haben will. Deshalb bleiben auch die Augen die meiste Zeit hindurch unwillkürlich geschlossen; sind sie aber zuweilen geöffnet, so erkennt und beachtet man nicht, wie schon gesagt wurde, das, was sie sehen.

19. Im Zustande der Verzückung ist also die Fähigkeit des Leibes, aus sich selbst etwas zu tun, sehr gering; wenn aber die Seelenkräfte sich wieder vereinigen, geht dies um so leichter vor sich. Darum soll der, dem der Herr die Gnade der Verzückung erweist, sich nicht betrüben, wenn er sieht, dass sein Leib viele Stunden lang so gebunden ist, während Verstand und Gedächtnis dabei öfter zerstreut sind. Gewöhnlich besteht hier die Zerstreuung in nichts anderem, als dass die genannten Kräfte in das Lob Gottes versenkt sind, oder dass sie sich bemühen, das zu erfassen oder zu erkennen, was mit ihnen vorgegangen ist. Aber auch dazu sind sie nicht munter genug, sondern sie gleichen einem Menschen, der aus einem tiefen, traumvollen Schlafe noch nicht recht erwacht ist.

20. Ich erkläre mich deshalb so ausführlich hierüber, weil ich weiß, dass es jetzt auch hier Personen gibt, denen der Herr diese Gnade erweist. Wenn da jene, die solche Personen leiten, nicht selbst ein Gleiches erfahren haben, so werden sie, besonders wenn sie nicht gelehrt sind, vielleicht meinen, man müsste in der Verzückung wie tot sein. Ja, es ist zum Erbarmen, dass man, wie ich später noch sagen werde, mit Beichtvätern leiden muss, die solche Zustände nicht verstehen. Doch vielleicht habe ich selbst nicht das richtige Verständnis von dem, was ich sage. Euer Gnaden werden erkennen, ob ich das Rechte in etwa treffe; denn der Herr hat Ihnen bereits Erfahrung hierin verliehen, wenngleich diese erst neu ist, und Sie deshalb diese Vorgänge noch nicht so viel beobachtet haben wie ich.

21. Trotz aller Bemühungen besitzt der Körper noch lange nach der Verzückung nicht soviel Kraft, um sich bewegen zu können, da alle Kraft die Seele an sich gezogen hat. War der Leib vorher auch ganz krank und voll großer Schmerzen, so ist er nachher oftmals gesünder und rüstiger als sonst; denn die Wirkung der Verzückung ist groß, und der Herr will zuweilen, dass, wie gesagt, auch der Leib diese Wirkung genieße, weil er jetzt den Wünschen der Seele so willig sich fügt. Kommt die Seele wieder zu sich, so ist sie, wenn die Verzückung stark war, einen, zwei, auch wohl drei Tage lang wie verblüfft, da die Vermögen so von Staunen hingerissen sind, dass es den Anschein hat, die Seele sei nicht bei sich.

22. Hier ist es eine Pein, wieder zum Leben zurückkehren zu müssen. Hier hat die Seele den schwachen Flaum verloren und Flügel zu hohem Fluge angelegt. Hier wird nunmehr die Fahne Christi ganz erhoben; denn es scheint nicht anders zu sein, als steige der Befehlshaber der Festung zum höchsten Turme auf, oder als werde er dahin emporgetragen, um daselbst die Fahne Gottes aufzupflanzen. Wie einer, der in Sicherheit ist, blickt er auf die Untenstehenden herab und fürchtet nicht mehr die Gefahren (des Kampfes); ja, er verlangt sogar darnach, gleich einem, der von seinem hohen Standpunkte aus des Sieges gewissermaßen versichert ist. Hier erkennt er ganz klar, wie nichtig alles hienieden und wie gering es darum zu achten ist. Wer hoch steht, erreicht ja mit seinem Blicke viele Dinge. Er will auch nichts anderes mehr verlangen und keinen anderen Willen mehr haben, als den Willen unseres Herrn zu erfüllen; um dieses bittet er ihn und übergibt ihm die Schlüssel zu seinem eigenen Willen. Sieh da! So ist der Gärtner nun auch Befehlshaber geworden, der nichts anderes mehr will als den Willen seines Herrn. Weder über sich selbst noch über etwas anderes, und sei es auch nur über einen Apfel seines Gartens, möchte er Herr sein; sondern wenn etwas Gutes darin ist, soll es die göttliche Majestät austeilen; denn er selbst will fortan nichts eigenes haben, sondern über alles soll der Herr ganz nach seinem Willen und zu seiner Ehre verfügen.

23. Sind die Verzückungen echt, so trägt sich dies alles in Wahrheit so zu; die Seele empfindet alsdann die Wirkungen und den Gewinn, wovon ich gesprochen habe. Andernfalls würde ich selbst daran zweifeln, ob die Verzückungen von Gott sind; vielmehr würde ich fürchten, sie möchten nichts anderes sein als jene Rasereien, von denen der heilige Vinzenz spricht. Denn soviel weiß ich aus Erfahrung, dass die Seele, wenn sie von Gott verzückt wird, in einer Stunde und in noch kürzerer Zeit eine so vollständige Freiheit und Herrschaft über alles erlangt, dass sie sich selbst nicht mehr zu erkennen vermag. Sie sieht wohl ein, dass ein so großes Gut nicht von ihr selbst herrührt, und sie weiß auch nicht, wie ihr dieses zugekommen ist; aber so viel nimmt sie mit Gewissheit wahr, dass ihr mit jeder einzelnen Entrückung aufs neue ein außerordentlicher Gewinn zufließt. Niemand wird dies glauben, wenn er nie selbst es erfahren hat; und so glaubt man auch der armen Seele nicht, wenn man betrachtet, wie sie zuvor so böse gewesen ist und wenn man nun sieht, wie sie jetzt auf einmal nach heldenmütigen Tugenden strebt. Denn von nun an begnügt sie sich nicht mehr damit, dem Herrn nur im kleinen zu dienen, sondern sie will ihm die größtmöglichen Opfer bringen. Man meint, es sei dies Versuchung und Torheit; wüßte man aber, dass diese Handlungsweise der Seele nicht von ihr selbst, sondern vom Herrn herrührt, dem sie schon die Schlüssel zu ihrem Willen übergeben hat, so würde man sich nicht darüber wundern.

24. Ich meinerseits halte dafür, dass über dem ganzen Tun einer Seele, die zu diesem Stande gelangt ist, die Fürsorge ihres höchsten Königs waltet. O Gott! Wie klar erscheint hier doch der Sinn jenes Verses, worin der königliche Sänger sich Taubenflügel wünscht. Wie begreiflich ist es da, warum er darum bat und warum alle darum bitten sollten! Man erkennt es klar, dass hier der Geist seinen Flug nimmt, um sich über alles Erschaffene und vorab über sich selbst zu erheben; aber es in ein sanfter Flug, ein wonnevoller Flug, ein Flug ohne Geräusch.

25. Welch eine Herrschaft behauptet doch eine Seele, die der Herr zu dieser Höhe erhebt, von wo sie über alles herabschaut, ohne darein verwickelt zu sein! Wie schämt sie sich jener Zeit, in der sie dies noch war! Wie staunt sie über ihre vorige Blindheit! Wie bemitleidet sie jene, die noch mit der gleichen Blindheit behaftet sind, besonders, wenn es dem Gebete ergebene Personen sind und solche, denen Gott schon seine süßen Tröstungen verleiht! Sie möchte laut ihre Stimme erheben, um ihnen zuzurufen, wie sehr sie sich täuschen. Manchmal tut sie es auch; dann aber bricht ein ganzer Hagel von Verfolgungen über ihrem Haupte los. Man wirft ihr Mangel an Demut vor und sagt, sie wolle andere belehren, von denen sie lernen sollte. So ergeht es besonders einer weiblichen Person; eine solche wird erst recht verdammt, und zwar nicht ohne Grund, da man den Antrieb nicht kennt, der sie bewegt. Dieser ist zu Zeiten so stark, dass die Seele ihrer selbst nicht mehr mächtig ist; sie kann sich nicht enthalten, jene zu enttäuschen, die sie lieb hat und deshalb aus der Gefangenschaft dieses Lebens befreit sehen möchte; denn nichts anderes ist in ihren Augen und in der Tat der Zustand, in dem sie selbst einst geschmachtet hat.

26. Die Seele betrübt sich ob der Zeit, in der sie auf Ehrenpunkte etwas hielt und sich der Täuschung hingab, zu glauben, dass das wirklich Ehre sei, was die Welt Ehre nennt. Sie sieht nun ein, dass dies die größte Lüge ist, mit der wir gleichwohl alle behaftet sind. Sie erkennt, dass die echte Ehre nicht Lüge, sondern Wahrheit ist, indem man nämlich das als etwas achtet, was wirklich etwas ist, und das für nichts achtet, was wirklich nichts ist; alles Vergängliche aber und alles Gott Mißfällige ist nichts, ja weniger als nichts. — Sie, die Seele, lacht über sich selbst, dass sie früher auf Geld etwas hielt und darnach Verlangen trug. Ich meine zwar, und es ist auch in Wahrheit so, dass ich in dieser Hinsicht niemals eine Sünde zu beichten hatte; aber es war schon Unrecht genug, dass ich auf Geld etwas hielt. Könnte man damit das Gut erkaufen, das ich jetzt in mir gewahre, so würde es die Seele hochachten; so aber erkennt sie, dass man dieses Gut erst dann gewinnt, wenn man alles verlässt.

27. Was kauft man denn mit dem Gelde, nach dem wir verlangen? Ist es etwas Kostbares, etwas Dauerhaftes? Oder wozu wollen wir es? Ach, eine erbärmliche Ruhe ist es, die uns so teuer zu stehen kommt! Oft handelt man sich durch Geld die Hölle ein und erkauft sich damit ein unauslöschliches Feuer und eine Qual ohne Ende. O dass doch alle Menschen das Geld für nutzlosen Erdenstaub hielten! Welch friedliche Ordnung herrschte dann in der Welt, und wie viele Sorgenlasten wären daraus verbannt! Mit freundschaftlich würden alle Menschen untereinander verkehren, wenn sie frei von Ehr und Geldsucht wären! Ich glaube, allem würde damit abgeholfen sein.

28. Ferner erkennt die Seele, welch große Blindheit es ist, den sinnlichen Lüsten zu frönen, und wie man sich damit nur Unruhe und Leiden schon für dieses Leben erwirbt. Ach, welch eine Unruhe! Welch geringe Befriedigung! Welch vergebliches Bemühen! Auf dieser Stufe sieht die Seele nicht bloß die Spinnengewebe, d. i. ihre größeren Fehler, sondern sie entdeckt hier auch das kleinste Stäubchen, dass sich in ihr vorfindet; denn die Sonne (der Gerechtigkeit) strahlt ganz hell in ihr. Mag darum eine Seele noch so sehr an ihrer Vervollkommnung arbeiten, so wird sie sich, wenn diese Sonne in Wahrheit sie erfasst, doch ganz trübe finden. Es ist mit ihr wie mit dem Wasser in einem gläsernen Gefäße. Solange die Sonne nicht in dasselbe scheint, meint man, es sei ganz klar; sobald aber diese ihre Strahlen hineinwirft, sieht man, dass es ganz voll von kleinen Stäubchen ist. Dieser Vergleich trifft buchstäblich zu. Solange der Seele die Gnade der Ekstase noch nicht zuteil geworden ist, meint sie wohl, sie tue in der Sorgfalt, Gott nicht zu beleidigen, ihr Möglichstes; hat sie aber einmal jene Stufe erreicht, wo die Sonne der Gerechtigkeit sie durchleuchtet und ihr die Augen öffnet, dann sieht sie noch so viele Stäubchen (geringer Fehler und Unvollkommenheiten) in sich, dass sie ihre Augen gern wieder schließen möchte. Noch ist der kleine Adler nicht so fähig wie der große, dass er mit unverwandten Augen in diese Sonne blicken könnte; auch wenn die Seele nur ein wenig ihre Augen auftut, erkennt sie schon, dass sie ganz unrein ist, und es kommen ihr die Worte der Schrift in den Sinn: »Wer wird vor dir gerechtfertigt werden?«

29. Schaut sie die göttliche Sonne an, so wird sie von deren Klarheit geblendet; richtet sie aber auf sich selbst ihren Blick, so klebt ihr der Kot die Augen zu. Das arme Täubchen sieht also nicht mehr. Ja, sehr oft geschieht es, dass die Seele durch den Anblick so großer Dinge, die sich ihren Augen darbieten, ganz geblendet, davon hingerissen, bestürz und vernichtet wird. Hier gewinnt sie jene wahre Demut, die sie ganz gleichgültig macht, ob sie nun Gutes von sich selbst redet oder aus dem Munde anderer hört. Der Herr des Gartens, nicht sie, teilt ja die Früchte aus, und darum bleibt ihr auch nichts an den Fingern kleben. Alles Gute, das sie hat, führt sie auf Gott zurück; und so ist denn auch alles Gute, dass sie von sich selbst spricht, auf Gottes Ehre gerichtet. Die Seele weiß, dass in dieser Beziehung nichts ihr Eigentum ist; sie sieht dies ganz offenbar, und darum kann sie es, selbst wenn sie wollte, unmöglich leugnen. Sie mag wollen oder nicht, ihre Augen sind der Erkenntnis der Wahrheit geöffnet, während sie für die Dinge dieser Welt geschlossen sind.

Einundzwanzigstes Hauptstück

Fortsetzung und Schluss der letzten Gebetsstufe. Was die Seele, die diese Stufe erreicht hat, empfindet, wenn sie wieder zum Leben in der Welt zurückkehren muss, und welches Licht ihr der Herr verleiht, die Täuschungen der Welt zu erkennen. Dieses Hauptstück enthält eine vortreffliche Lehre.

1. Am Schlusse meiner Erklärung angekommen, bemerke ich, dass der Herr bei dieser Gebetsstufe der Zustimmung der Seele nicht bedarf. Sie hat sich ihm schon hingegeben, und er weiß es, dass sie sich freiwillig seinen Händen überlassen hat und ihn nicht täuschen kann, weil er der Allwissende ist. Hier ist es nicht wie in dieser Welt, wo das ganze Leben voll Betrug und Falschheit ist. Meint man da den Willen eines Menschen nach dem, wie er sich zeigt, gewonnen zu haben, so wird man hinterher inne, dass alles nur Lüge war. Bei solchen Täuschungen, die man besonders da erfährt, wo einiger Eigennutz sich einmischt, möchte man nimmer leben.

2. Glücklich ist die Seele, die der Herr zur Erkenntnis der Wahrheit führt. O welch ein vortrefflicher Zustand wäre dies für die Könige! Wie weit nützlicher wäre es ihnen, nach dieser Gnade zu trachten, als nach Vergrößerung ihrer Herrschaft! Welche Ordnung und Gerechtigkeit würde in ihrem Reiche walten! Wieviel Böses würde verhindert werden und schon verhindert worden sein! Hier scheut man weder Leben noch Ehre aus Liebe zu Gott verlieren. O welch ein großes Gut wäre das für jene, die mehr als alle unter ihnen Stehenden verpflichtet sind, die Ehre des Herrn zu fördern; denn die Könige sollen Muster der Nachahmung für ihre Untergebenen sein. Auch nur für geringe Ausbreitung des Glaubens oder für einige Belehrung der Irrgläubigen sollten sie gern tausend Königreiche verlieren wollen, und zwar mit gutem Grunde; denn dadurch gewännen sie ein anderes Königreich, das nimmermehr ein Ende nimmt. Kostet die Seele auch nur einen Tropfen von dem Wasser dieses Reiches, so wird ihr alles Irdische zum Ekel; was erst, wenn sie in dieses Wasser ganz versenkt ist?

3. O Herr! Würdest du mich instand setzen, dies laut auszurufen, so würde man mir es ebensowenig glauben wie vielen anderen, die es weit besser verkündigen können als ich; aber ich würde doch wenigstens dem Drange meines Herzens Genüge leisten. Ich würde, wie mir scheint, mein Leben wenig achten, wenn ich es daran geben könnte, um auch nur eine einzige der Wahrheiten zu verkünden, von denen die Seele hier durchdrungen ist. Zwar weiß ich nicht, was ich tun würde, wenn es wirklich darauf ankäme; denn auf mich ist kein Verlass. Dennoch fühle ich mich trotz meiner Armseligkeit so mächtig angetrieben, diese Wahrheiten den Machthabern zu verkünden, dass ich vor Verlangen darnach vergehe. Weil ich aber dieses nicht kann, darum wende ich mich zu dir, o mein Herr, und bitte dich, hilf doch allem Übel ab! Du weißt es, wie gern ich mich der Gnaden, die zu mir verliehen hast, berauben und sie den Königen überlassen wollte, wenn ich nur in einem solchen Zustande bliebe, dass ich dich nicht beleidigte. Ich bin überzeugt, dass sie dann unmöglich ihre Zustimmung zu Dingen geben könnten, in die sie jetzt einstimmten, und dass die größten Güter daraus hervorgehen würden. O mein Gott! Gib ihnen doch zu erkennen, wozu sie verpflichtet sind. Du hast sie auf Erden in einer Weise auszeichnen wollen, dass selbst, wie ich sagen hörte, Zeichen am Himmel gesehen, wenn zu einen aus ihnen von dieser Welt hinwegnimmt. Dieser Gedanke allein stimmt mich zur Andacht. Ohne Zweifel willst du, o mein König, dadurch, dass zu beim Tode der Könige dieser Erde Zeichen am Himmel erscheinen lässt, diesen ihre Pflicht zu erkennen geben, dir im Leben nachzufolgen.

4. Ich bin freilich sehr dreist. Zerreißen darum euer Gnaden diese Seiten, wenn Ihnen meine Sprache unrecht scheint; aber seien Sie versichert, dass ich vor dem Angesichte der Könige selbst noch kühner sprechen würde, wenn ich könnte und dächte, dass sie mir Glauben schenkten; denn ich empfehle sie Gott gar sehr und wünsche, dass mein Gebet auch etwas nütze. Gern würde ich deshalb mein Leben wagen; ja, oftmals wünsche ich sogar, es zu verlieren, um für einen so geringen Preis soviel zu gewinnen, zumal man ohnehin nicht mehr leben mag, wenn man die große Täuschung vor Augen sieht, worin wir uns befinden, und die Blindheit, in der wir stecken.

5. Ist eine Seele auf dieser Stufe des Gebetes angelangt, so in sie nicht bloß mit Begierden erfüllt, für Gott zu wirken, seine Majestät verleiht ihr auch Kräfte, ihre Begierden ins Werk zu setzen. Was immer sich ihr darbieten mag: sie wagt sich an alles, wenn sie meint, Gott einen Dienst damit zu erweisen; sie tut nur, was Gott gefällt, da sie, wie schon gesagt, klar erkennt, dass alles andere keinen Wert hat. Ein Kreuz in es nur, dass sich Seelen, die so unnütz sind wie ich, keine Gelegenheit darbietet, etwas für Gott zu tun. Lass doch, o mein höchstes Gut, einmal eine Zeit kommen, in der ich dir von der großen Summe, die ich dir schulde, wenigstens eine kleine Münze abzahlen kann! Füge es, o Herr, auf eine dir gefällige Weise, dass diese kleine Magd dir wenigstens in etwas diene! Andere aus dem weiblichen Geschlechte haben aus Liebe zu dir Heldentaten verrichtet; ich aber kann nur Worte machen, und darum willst du, o mein Gott, mich auch nicht zu Werken gebrauchen. Der ganze Dienst, den ich dir erweisen darf, besteht nur in Begierden und in Worten, und selbst zu diesen habe ich nicht volle Freiheit, weil ich vielleicht in allem fehlen würde.

6. O mein Jesus, du allerhöchstes Gut! Bereite meine Seele und stärke sie und verschaffe ihr alsdann Gelegenheit, etwas für dich tun zu können; denn wer könnte es ertragen, soviel von dir zu empfangen, ohne dir etwas dafür zu vergelten? Es koste, o Herr, was es wolle; lass mich nur nicht mit so leeren Händen vor dir erscheinen, da ja der Lohn den Werken entsprechend erteilt werden muss. Sieh, hier ist mein Leben, meine Ehre und mein Wille: alles habe ich dir schon übergeben; dein bin ich; verfüge mit mir nach deinem Wohlgefallen! Ich sehe zwar, o mein Herr, wie wenig ich zu tun imstande bin; aber wenn ich in deiner Nähe auf jenem Turme stehe, von dessen Höhe aus man die Wahrheit schaut, und wenn du nicht von mir weichst, so vermag ich alles. Entfernst du dich aber nur ein wenig von mir, so werde ich dorthin geben, wo ich schon einmal war — in die Hölle.

7. O wie ist doch einer Seele, die sie auf dieser Stufe erblickt, zumute, wenn sie wieder zum Verkehre mit den Menschen zurückkehren, die Komödie dieses unordentlichen Lebens ansehen, die Zeit in der Pflege des Körpers mit Schlafen und Essen zubringen muss! Alles ist ihr zur Last, und sie weiß nicht, wie sie dieser entgehen kann, da sie sich gefangen und gefesselt sieht. Alsdann fühlt sie noch viel lebendiger die Gefangenschaft, in der uns unsere Leiber zurückhalten, und dass Elend des Lebens. Sie begreift den Grund, warum der heilige Paulus um Befreiung davon gebeten, und sie ruft mit ihm zu Gott und bittet ihn um Freiheit. Ich habe früher schon einigemal von diesem Verlangen gesprochen; hier aber regt es sich oftmals mit solchem Ungestüm, dass die Seele den Leib zu verlassen scheint, um sich jene Freiheit zu verschaffen, die man ihr verweigert. Es ist ihr, als wäre sie in ein fremdes Land verkauft. Am meisten aber schmerzt sie, dass sie so wenige findet, die in gleicher Sehnsucht mit ihr klagen und bitten, sondern vielmehr sehen muss, dass die meisten Menschen noch hienieden zu leben wünschen. O wenn wir an keiner Sache hafteten und in nichts Irdischem unsere Befriedigung suchten, wie würde da die Pein, immer fern von Gott leben zu müssen, unsere Furcht vor dem Tobe durch das Verlangen nach dem Genusse des wahren Lebens in uns mindern!

8. Manchmal erwäge ich: wenn ein Geschöpf wie ich, dessen Liebe so lau ist und dessen Werke aus Mangel an Verdienst die wahre Ruhe so ungewiss machen, auf die ihr vom Herrn gewordene Erleuchtung hin diese Verbannung oftmals so schmerzlich empfindet, wie bitter müssen sie erst die Heiligen empfunden haben? Was müssen der heilige Paulus, die heilige Magdalena und andere ähnliche Heilige, in denen das Feuer der Liebe Gottes so heftig entzündet war, gelitten haben? Es muss dies für sie eine ununterbrochene Marter gewesen sein. Wenn mir da etwas einige Linderung verschafft und mein Herz erleichtert, so ist es, wie mich dünkt, nur der Umgang mit Personen, bei denen ich dasselbe Verlangen finde. Ich meine jedoch ein werktätiges Verlangen; denn manche gibt es, die ihrer Meinung nach von allem Irdischen losgeschält sind und dafür ausgeben, die es auch ihrem Stande gemäß und nach so vielen Jahren, die sie mitunter auf dem Wege der Vollkommenheit zugebracht haben, sein sollen und es dennoch nicht sind. Diese Seele aber erkennt schon von weitem gar wohl jene, die nur den Worten nach vom Irdischen losgeschält sind, und jene, bei denen viele Worte durch Werke bekräftigt sind; denn sie sieht, wie geringen Fortschritt die einen und wie großen die anderen machen. Wer Erfahrung hat, nimmt dies ganz deutlich wahr.

9. Ich habe nun die Wirkungen geschildert, die die Verzückungen hervorbringen, wenn sie vom Geiste Gottes herrühren. Um indessen die Wahrheit zu sagen, so gibt es hierin ein Mehr und ein Weniger. Ich tage »ein Weniger«; denn obschon die Verzückungen die erwähnten Wirkungen hervorbringen, so sind sie doch im Anfang noch nicht durch Werke erprobt und darum auch an der Seele nicht so wahrnehmbar. Zudem wächst diese in der Vollkommenheit nach und nach, und bis sie auch jede Spur eins Spinnengewebes in sich vertilgt, ist immerhin einige Zeit erforderlich. Je mehr aber die Liebe und die Demut in der Seele wachten, einen desto stärkeren Duft geben die Tugendblumen für sie und für andere von sich. Wahr ist es jedoch, dass der Herr durch eine einzige Verzückung in der Seele in der Weise wirken kann, dass ihr zur Erlangung der Vollkommenheit nur wenig Mühe übrigbleibt. Ja, wer es nicht selbst erfährt, kann gar nicht glauben, was der Herr hier gibt. Meines Erachtens würden wir es mit all unseren Kräften niemals soweit bringen. Ich behaupte zwar nicht, dass man mit Hilfe des Herrn durch große Anstrengungen sowie durch Befolgung der Wege und Mittel, die die Geisteslehrer in ihren Schriften über das Gebet für die Anfänger und Fortschreitenden angeben, in vielen Jahren nicht auch zur Vollkommenheit und zu einer großen Losschälung gelangen könne; aber in so kurzer Zeit geschieht es nicht; denn hier wirkt der Herr ohne irgendwelche Anstrengung von unserer Seite, da er der Seele eine entschiedene Losschälung von der Erde verleiht und ihr die Herrschaft über alles Irdische gibt. Und dies verleiht der Herr, auch wenn die Seele so arm an Verdiensten wäre wie ich; mehr aber könnte ich wahrlich nimmer sagen, da ich selbst gar kein Verdienst hatte. Der Grund, warum die göttliche Majestät so handelt, ist, weil es ihr so gefällt; und wie es ihr gefällt, so macht sie es. Ist auch die Seele zum Empfange des Gutes, das ihr der Herr verleihen will, nicht bereitet, so bereitet er selbst sie dazu. Er gibt also die Schätze seiner Gnade nicht immer bloß deshalb, weil man sich ihrer durch fleißige Bearbeitung und sorgsame Pflege des Gartens würdig gemacht hat; obschon er ganz gewiss nicht unterlässt, den, der dies tut und sein Berg von allen Dingen loszureißen sich bemüht, freigebig zu belohnen; nein, manchmal wird er seine Größe und Macht, wie schon gesagt, auch an dem schlechtesten Boden offenbaren und ihn zu allem guten bereiten, so dass es der Seele gewissermaßen unmöglich scheint, zu einem Leben zurückzukehren, dass, wie früher, in Beleidigungen Gottes.

10. Das Denken der Seele ist jetzt so beständig der Erkenntnis der reinen Wahrheit zuwendet, dass ihr alles übrige wie Kinderspiel vorkommt. Sie lacht zuweilen bei sich selbst, wenn sie sieht, wie ernste, dem Gebete ergebene Personen und auch Ordensleute gewisse Ehrenpunkte, die sie selbst schon unter den Füßen hat, so hoch anschlagen. Jene sagen zwar, es geschehe dies aus Klugheit und um des ihrem Stande gebührenden Ansehens willen, damit sie so mehr Nutzen schaffen; aber die erleuchtete Seele weiß gar wohl, dass sie an einem Tage mehr Gutes wirkten als mit diesem Ansehen in zehn Jahren, wenn sie das Ansehen ihres Standes um der Liebe Gottes willen hintansetzten.

11. So schreitet denn die Seele auf dieser Stufe immer weiter voran, obschon sie ein peinliches Leben führt und nie ohne Kreuz ist. Meinen jene, die mit solchen Seelen verkehren, sie hätten bereits den höchsten Gipfel der Vollkommenheit erreicht, so sind sie doch in kurzem noch viel höher gestiegen, da der Herr sie immer mehr mit Gnaden bereichert. Die Seele gehört Gott an. Er ist es, der für sie Sorge trägt und sie darum erleuchtet; denn es scheint, er stehe ihr beständig zur Seite, sie schützend und bewahrend, damit sie ihn nicht beleidige, und sie stärkend und ermunternd zu seinem Dienste. Sobald wir Gott die so große Gnade der Verzückung gewährte, hörten meine schlimmen Gewohnheiten auf. Der Herr gab mir Stärke, um mich davon loszuwinden, und die Gelegenheiten und Personen, die mich zuvor zerstreuten, wirkten nun so wenig nachteilig auf mich ein, als wenn ich ihnen ferngeblieben wäre; ja, was mir sonst schadete, nützte mir jetzt. Alles diente mir nun als Mittel zur vollkommeneren Erkenntnis und Liebe Gottes; als Mittel zur Erkenntnis dessen, was ich ihm schuldete, und zur Bereuung meines vergangenen Lebens.

12. Ich erkannte sehr wohl, dass dieses nicht von mir kam, und dass ich mir dies alles nicht mit meinem Eifer erwarb; denn dazu wäre mir schon die Zeit zu kurz gewesen. Die Güte Gottes allein war es, die mich in solcher Weise stärkte. Diese Stärke hat von der Zeit an, da der Herr mich mit Verzückungen zu begnadigen begann, stetig zugenommen, und er hat mich in seiner Güte an der Hand gehalten, dass ich nicht wieder zu meinem vorigen Leben zurückkehrte. Mir scheint, und es ist auch wirklich so, dass ich meinerseits fast gar nichts dabei tue; vielmehr sehe ich klar, dass der Herr es ist, der in mir wirkt. Darum glaube ich auch, dass eine mit diesen Gnaden von Gott begünstigte Seele, wenn sie nur in Demut und Furcht wandelt und stets der Wahrheit eingedenk ist, dass der Herr in uns wirkt und wir selbst fast nichts tun, sich unter alle Arten von Menschen, und seien sie auch die zerstreutesten und lasterhaftesten, begeben könne. Es wird ihr dies nicht schaden und sie nicht wankend machen, vielmehr wird es ihr ein Mittel sein und dazu verhelfen, weit mehr noch voranzuschreiten. Solche bereits erstarkten Seelen sind es, die der Herr erwählt, dass sie anderen nützen; doch haben sie ihre Stärke nicht von sich.

13. Hat der Herr eine Seele auf diese Stufe erhoben, so enthüllt er ihr nach und nach sehr hohe Geheimnisse. Hier in der Ekstase finden die wahren Offenbarungen, die großen Gnadenerzeigungen und Visionen statt. Dieses alles dient dazu, um die Seele zu verdemütigen und zu kräftigen, sowie dazu, dass sie die Dinge dieses Lebens geringachte und klarer die Herrlichkeiten des Lohnes erkenne, den der Herr denen bereitet hat, die ihn lieben. Seine Majestät wolle verleihen, dass die außerordentliche Freigebigkeit, die sie mir armen Sünderin erzeigte, denen, die dieses lesen, ein Antrieb sei, sie zu ermutigen und Gewalt anzutun, um aus Liebe zu Gott alles ganz und gar zu verlassen; denn seine Majestät vergilt so reichlich, dass schon in diesem Leben der Lohn und Gewinn klar zu sehen ist, der jenen zuteil wird, die ihr dienen. Was wird erst im anderen Leben auf sie warten?

Zweiundzwanzigstes Hauptstück

Welch ein sicherer Weg für beschauliche Seelen es ist, den Geist nicht zu hohen Dingen zu erbeben, wenn nicht der Herr ihn erbebt. Das Mittel zur höchsten Beschauung muss die Menschheit Christi sein. Sie spricht von einer Täuschung, in der sie eine Zeitlang befangen war. Die Lesung dieses Hauptstücks ist sehr nützlich.

1. Ich will hier etwas besprechen, was mir sehr wichtig scheint. Wenn euer Gnaden es gutheißen, mag es ihnen zur Unterweisung dienen, die Sie vielleicht brauchen können. In einigen Büchern, die vom Gebete handeln, heißt es nämlich, die Seele könne zwar nicht aus sich selbst zu dem Stande gelangen, von dem bisher die Rede gewesen, weil das, was der Herr hier in ihr wirkt, etwas ganz übernatürliches sei; allein sie könne doch, nachdem sie viele Jahre hindurch den Weg der Reinigung gewandelt und auch auf dem der Erleuchtung vorangeschritten sei, durch Erhebung des Geistes über alles Geschaffene und durch demütigen Aufschwung (zur Gottheit) dazu etwas beitragen. Ich weiß zwar nicht recht, was jene Lehrer unter dem Wege der Erleuchtung verstehen; ich denke mir aber, sie meinen damit den Stand jener, die in den Tugenden voranschreiten. Solchen Personen nun raten sie dringend an, sich von jeder körperlichen Vorstellung loszumachen und zur Beschauung der Gottheit zu erheben; denn, so sagen sie, die körperlichen Vorstellungen, selbst jene von der Menschheit Christi nicht ausgenommen, würden denen, die schon so weit vorangeschritten sind, an der vollkommenen Beschauung hindern und sie davon zurückhalten. Sie führen dabei an, was der Herr zu den Aposteln sagte, als (er ihnen) die Ankunft des heiligen Geistes (verhieß), ich will sagen, als er zum Himmel auffuhr. Aber ich halte dafür, die sichtbare Gegenwart des Herrn würde den Aposteln kein Hindernis gewesen sein, wenn sie jenen Glauben gehabt hätten, den sie nach der Herabkunft des Heiligen Geistes gehabt, dass nämlich Christus Mensch und Gott zugleich sei. Wurden doch diese Worte der Mutter Gottes nicht gesagt, obschon sie zu ihrem Sohne eine größere Liebe hatte als alle Apostel. Jene Lehrer meinen also, es könne alles Körperliche die vollkommene Beschauung nur hemmen und hindern, weil diese ein rein geistiges Werk sei; man solle sich darum auf allen Seiten von Gott umgeben und ganz in ihn versenkt betrachten. Dies scheint mir allerdings bisweilen gut zu sein; aber sich ganz von Christus abzuwenden und seinen göttlichen Leib unter unsere Armseligkeiten und unter alles Geschaffene schlechthin zu rechnen, das kann ich nicht ertragen. Der Herr verleihe, dass ich mich verständlich machen könne.

2. Ich widerspreche jenen Lehrern nicht, denn sie sind gelehrte und im geistlichen Laben erfahrene Männer, die also wissen, mit die sagen; und Gott führt die Seelen auf verschiedenen Wegen. Ich will hier nur sagen, wie er meine Seele geführt hat, und in welche Gefahr ich geraten bin, weil ich mich an das halten wollte, was ich gelesen hatte; in das übrige mische ich mich nicht ein. Wohl wird nach meiner Ansicht einer, der nur bis zu dem Gebete der Vereinigung und nicht weiter gelangt ist, nämlich zu den Verzückungen, Visionen und anderen Gnaden, die Gott den Seelen erweist, die erwähnte Anleitung ebenso, wie ich es getan, für das Beste halten. Wäre ich aber dabei stehengeblieben, so würde ich, wie ich glaube, nie zu dem Stande gelangt sein, in dem ich mich jetzt befinde; denn nach meinem Dafürhalten ist jene Lehre ein Irrtum. Es kann aber auch der Irrtum auf meiner Seite sein. Nichtsdestoweniger will ich erzählen, wie es mir ergangen ist.

3. Da ich keinen Führer hatte, so las ich in besagten Büchern, indem ich hoffte, allmählich von ihrem Inhalte etwas zu verstehen. Aber bald sah ich ein, dass ich, wenn nicht der Herr mich unterrichten würde, aus Büchern wenig lernen könnte; denn ich verstand soviel wie nichts, bis Seine Majestät mich durch die Erfahrung belehrte. Ich wusste darum auch nicht, wie ich mich verhalten sollte. Sobald ich aber ein wenig das übernatürliche Gebet, ich meine das Gebet der Ruhe, kostete, suchte ich mich von allen körperlichen Gegenständen abzuwenden. Doch wagte ich nicht, meine Seele höher zu erheben; denn darin erblickte ich, weil ich immer so böse war, eine Vermessenheit. Desungeachtet befliß ich mich, da ich Gottes Gegenwart zu fühlen glaubte und auch wirklich fühlte, in ihm gesammelt zu bleiben. Diese Gebetsweise ist, wenn Gott dazu hilft, sehr schmackhaft und wonnevoll; augenscheinlich gewahrt man biesen Gewinn und diese Wonne in sich. Deshalb hätte mich auch niemand bewegen können, zur Betrachtung der Menschheit Christi zurückzuführen, da ich damals wirklich meinte, es wäre mir dies ein Hindernis. O Herr meiner Seele und mein höchstes Gut, du gekreuzigter Jesus! Wie denke ich ohne Schmerz an diesen von mir gehegten Wahn, der mir wie ein großer Verrat vorkommt, den ich, obgleich unwissend, an dir begangen habe.

4. Mein ganzes Leben lang hatte ich eine so große Andacht zu Christus getragen, und zuletzt nun, d. i. bevor der Herr mir die Gnade der Verzückungen und Visionen zu erweisen begann, ein solcher Irrtum! Doch dauerte dieser nur sehr kurze Zeit, und ich nahm meine vorige Gewohnheit, mich stets meines Herrn zu erfreuen, wieder auf, besonders wenn ich kommuniziert hatte. Ich hätte jetzt sein Bild immer vor meinen Augen haben mögen, da ich es doch nicht so fest, als ich gewünscht, meiner Seele eindrücken konnte. O mein Herr! Ist es möglich, dass auch nur eine Stunde lang der Gedanke in mir Platz fand, du könntest mir an der Erreichung eines größeren Gutes hinderlich sein? Woher sind mir denn alle Güter gekommen, wenn nicht von dir? Ich will nicht denken, dass ich hierin eine Schuld hatte; mein Schmerz darüber ist ohnehin groß genug. Ja gewiss, es war bloß Unwissenheit. Darum wolltest du mir auch in deiner Güte wieder daraus helfen, da du mir jemand fandest, der mir meinen Irrtum benahm, und dich später so oft meinen Blicken zeigtest, wie ich noch berichten werde. Dies geschah, damit ich um so klarer erkennen möchte, wie groß dieser Irrtum war, und damit ich dies auch noch vielen anderen, denen ich es bereits gesagt, mitteilen und es hierher setzen könnte. Meines Erachtens ist die Ursache, warum viele Seelen, die schon bis zum Gebete der Vereinigung gekommen sind, nicht weiter voranschreiten und nicht zu einer recht großen Freiheit des Geistes gelangen, in dem erwähnten Irrtum gelegen.

5. Zwei Gründe sind es, auf die ich meine Ansicht stützen zu können glaube. Vielleicht hat das, was ich sage, keinen Wert; doch rede ich aus der Erfahrung, da sich meine Seele sehr übel befand, bis der Herr mich endlich erleuchtete. Sie kostete alle ihre Tröstungen nur tropfenweise, und waren sie vorüber, so hatte sie bei ihren Leiden und Versuchungen keinen Gefährten, der ihr, wie es später der Fall war, zur Seite gestanden wäre. Der erste Grund ist, dass hier ein kleiner Mangel an Demut mit unterläuft, der so verdeckt und verborgen ist, dass man ihn gar nicht merkt. Wer wird aber so hoffärtig und elend sein wie ich, dass er, wenn er auch sein ganzes Leben unter allen erdenklichen Bußübungen, Gebeten und Verfolgungen zugebracht hätte, sich nicht für unaussprechlich reich und übergenug belohnt hielte, wenn der Herr ihm gestattet, mit dem heiligen Johannes unter dem Kreuze zu stehen? Ich weiß nicht, welchem Kopfe es einfallen könnte, mit einer solchen Gnade nicht zufrieden zu sein, außer dem meinigen, mit dem ich noch überall zu Schaden kam, wo ich hätte gewinnen können.

6. Zwar mag der Gemütszustand oder Krankheit nicht immer gestatten, das Leiden Christi zu betrachten, weil dies immerhin etwas anstrengend ist; aber was hindert uns an der Betrachtung des Auferstandenen? Haben wir ihn doch so nahe im Sakramente. Da ist er jetzt verherrlicht; da sehen wir ihn nicht mehr so betrübt und zerschlagen, nicht mit Blut überronnen, nicht ermüdet von seinen Wegen, nicht verfolgt von jenen, denen er Gutes getan, nicht verraten von den Aposteln. Ja, es ist wahr: man kann nicht immer den Gedanken an so viele und große Schmerzen, die der Heiland gelitten hat, ertragen. Aber sieh, in der Auferstehung hast du ihn ohne alle Pein und voll der Glorie, die einen stärkend, die anderen ermunternd, bis er zum Himmel auffährt. Im Allerheiligsten Sakramente in er unser beständiger Gefährte, dem es unmöglich zu sein scheint, sich auch nur einen Augenblick von uns zu trennen; und ich, o mein Herr, wie habe ich mich von dir trennen können in dem Wahne, dir dadurch vollkommener zu dienen? Damals, als ich dich noch beleidigte, war dies kein Wunder, denn da kannte ich dich noch nicht. Aber wie konnte ich auch dann, nachdem ich dich gekannt, noch denken, durch Trennung von dir mehr zu gewinnen? Ach Herr, welchen schlechten Weg ging ich da! Ja, mir scheint, ich befand mich auf gar keinem Wege mehr. Du aber führtest mich auf den rechten Pfad zurück und als ich dich wieder bei mir sah, fand ich alles Gute. Kein Leiden kam über mich, dass ich nicht leicht ertrug, wenn ich dich vor den Richtern stehen sah. In der Gegenwart eines so treuen Freundes und tapferen Feldherrn, der im Leiden sich an die Spitze gestellt hat, kann man alles ertragen. Er hilft uns und stärkt uns, er verließ uns nie, er ist uns ein wahrer Freund. Jetzt erkenne ich klar und ich habe es auch schon bald nach der Befreiung von meinem Irrtum eingesehen: um Gott zu gefallen und große Gnaden von ihm zu erlangen, ist es seinem Willen gemäß notwendig, dass sie durch die Hände dieser heiligsten Menschheit gehen, an der Seine Majestät, wie sie selbst sagt, ihr Wohlgefallen hat. Dies habe ich selbst oft durch die Erfahrung bestätigt gefunden, und auch der Herr selbst hat es mir gesagt. Ich habe deutlich gesehen, dass wir durch diese Pforte eingehen müssen, wenn wir wollen, dass die allerhöchste Majestät uns große Geheimnisse offenbare.

7. Suchen also euer Gnaden keinen anderen Weg, und wenn Sie auch auf der höchsten Stufe der Beschauung ständen; denn hier wandelt man sicher. Dieser unser Herr ist es, durch den uns alle Güter zukommen. Er wird Sie unterweisen, wenn Sie sein Leben, das allerbeste Vorbild, betrachten. Was können wir mehr verlangen, als einen so treuen Freund an der Seite zu haben, der uns in Leiden und Bedrängnissen nicht verlässt, wie Freunde in der Welt es tun? Selig, wer ihn in Wahrheit liebt und allzeit bei sich hat! Sehen wir den glorreichen heiligen Paulus an, der Jesum ohne Unterlass im Munde führte, weil er ihn beständig in seinem Herzen trug. Ich habe, seitdem ich diese Wahrheit erkannt, mehrere Heilige, die auf einer hohen Stufe der Beschauung standen, mit Aufmerksamkeit betrachtet und gefunden, dass sie keinen anderen Weg gegangen sind als diesen. Der heilige Franziskus beweist es durch seine Wundmale, der heilige Antonius von Padua durch seine Vertrautheit mit dem Jesukinde, der heilige Bernhard, die heilige Katharina von Siena und viele andere Heilige fanden ihre Sonne in der Betrachtung der Menschheit Christi, wie Euer Gnaden besser wissen werden als ich.

8. Gewiss wird es gut sein, sich der Vorstellung körperlicher Gegenstände zu entschlagen, weil es Männer anraten, die im geistlichen Leben so erfahren sind; aber meines Erachtens darf dies erst dann geschehen, wenn die Seele (im Gebete) schon weit vorangeschritten ist; denn es ist klar, dass man bis dahin den Schöpfer durch die Geschöpfe suchen müsse. Übrigens hängt alles von der Gnade ab, die der Herr einer jeden Seele verleiht; in dieses aber mische ich mich nicht ein, sondern ich möchte nur begreiflich machen, dass man die allerheiligste Menschheit Christi nicht unter jene allgemeine Regel fassen dürfe. Diesen Punkt, über den ich mich erklären zu können wünsche, beachte man wohl.

9. Es ist klar, dass uns die Vergegenwärtigung der Menschheit Christi selbst wider unseren Willen benommen wird, wenn Gott, wie wir in den besprochenen Gebetsweisen gesehen haben, sämtliche Seelenkräfte aufheben will. In diesem Falle mag es immerhin geschehen. Ja, glückseliger Verlust, den wir alsdann erleiden, um mehr noch zu genießen, als wir zu verlieren scheinen! Denn dann gibt sich die Seele ganz der Liebe dessen hin, den ihr Verstand zu erkennen sich bemühte; sie liebt, was sie nicht begriffen hat, und sie genießt, was sie nicht zu genießen vermöchte, wenn sie nicht sich selbst verlöre, um, wie gesagt, desto mehr zu gewinnen. Dass wir uns aber absichtlich und mit Fleiß an die Absonderung von der heiligsten Menschheit des Herrn gewöhnen und nicht vielmehr aus allen Kräften uns bemühen sollten, sie immer — ja, gebe Gott, immer — bei uns zu haben, dies scheint mir nicht gut zu sein. Es ist dies gerade so, als wollten wir die Seele sozusagen in der Luft schwebend erhalten; und so sehr sie auch von Gott erfüllt zu sein meinte, sie wäre alsdann doch ohne Stütze. Es ist also wichtig, dass mir, solange wir leben und Menschen sind, den Herrn als Menschen vor Augen haben. Damit habe ich auch schon den zweiten Übelstand erwähnt, den das gegenteilige Verhalten mit sich bringt. Der erste, von dem ich zu sprechen begonnen, ist ein kleiner Mangel an Demut. Man will nämlich die Seele erheben, bevor der Herr sie erhebt; man ist nicht zufrieden mit der Betrachtung einer so kostbaren Sache (wie die allerheiligste Menschheit Christi ist); man will mit Maria genießen, ehe man mit Martha gearbeitet hat. Will der Herr, und sei es auch gleich am ersten Tage, dies haben, so ist für uns nichts zu fürchten; wir selbst aber sollen, wie ich es schon gesagt zu haben glaube, bescheiden sein. So unbedeutend dieser kleine Mangel an Demut auch zu sein scheint, er ist doch der Seele, die in der Beschauung voranschreiten will, sehr nachteilig.

10. Um nun wieder auf den zweiten Punkt zu kommen, so sind wir keine Engel, sondern haben einen Leib. Es ist Torheit, uns selbst zu Engeln machen zu wollen, während wir noch auf Erden, und noch dazu so tief in sich versunken sind, wie ich es war. Der gewöhnlichen Ordnung gemäß muss unser Denken einen Stützpunkt haben, obwohl manchmal die Seele auch aus sich selbst hinausgeht oder oftmals so von Gott erfüllt ist, dass sie keines Geschöpfes bedarf, um sich zu sammeln. Letzteres ist jedoch nicht für gewöhnlich der Fall. Wir müssen den Geschäften obliegen, es bestürmen uns Verfolgungen und Leiden, es treten Trockenheiten ein — lauter Umstände, in denen wir eine so vollkommene Ruhe nicht genießen können. Da ist nun Christus ein sehr guter Freund für uns; denn wir sehen ihn als Menschen, wir sehen ihn in Schwachheiten und Leiden, wir haben ihn also zum Genossen. Es ist auch leicht, sich ihn zu vergegenwärtigen, wenn man nur einmal daran gewöhnt ist. Indessen werden auch Zeiten kommen, in denen man weder das eine noch das andere tun kann. Alsdann ist es gut und sehr wichtig, dass man, wie ich schon gesagt habe, nicht nach geistlichen Tröstungen hasche, sondern das Kreuz umfasse, komme, was da wolle. Auch der Herr war alles Trostes bar, da man ihn allein ließ in seinen Leiden; aber verlassen wenigstens wir ihn nicht. Er wird uns die Hand reichen, und wir werden höher steigen, als wir durch eigene Anstrengung es vermöchten; er wird sie verbergen, wenn er sieht, dass es uns heilsam ist, und wenn er, wie gesagt, die Seele aus ihr selbst entrücken will.

11. Gott hat großes Wohlgefallen an einer Seele, die in Demut seinen Sohn zum Mittler nimmt und ihn so sehr liebt, dass sie sich auch dann, wenn Seine Majestät sie zu einer sehr hohen Beschauung erheben will, dessen für unwürdig erkennt und mit dem heiligen Petrus redet: »Herr, gehe weg von mir, denn ich bin ein sündhafter Mensch.« Dies habe ich selbst erprobt; auf diese Weise hat Gott meine Seele geführt. Andere mögen, wie gesagt, einen anderen Pfad gehen; aber ich habe erkannt, dass die ganze Grundlage des Gebetes die Demut und dass Gott eine Seele um so höher erhebt, je tiefer sie sich im Gebete erniedrigt. Ich erinnere mich nicht, auch nur eine jener ausgezeichneten Gnaden, die ich noch erwähnen werde, von Gott erhalten zu haben, ohne dass ich mich beim Anblicke meines so großen Elendes vernichtet fühlte. Auch suchte mich seine Majestät, um mir durch Selbsterkenntnis behilflich zu sein, über manche Einzelheiten aufzuklären, zu deren Kenntnis ich aus mir selbst nicht hätte gelangen können. Wenn die Seele ihrerseits etwas tut, um sie im Gebete der Vereinigung voranzuhelfen, so mag ihr dies für den Augenblick förderlich erschienen; aber meines Erachtens wird das, was sich dadurch erhielt, gleich einem Gebäude ohne Grund, sehr bald wieder zerfallen. Außerdem fürchte ich, eine solche Seele werde nie zur wahren Geistesarmut gelangen. Diese aber besteht darin, dass man nach Entsagung der irdischen Tröstungen auch im Gebete keinen Trost und keine Wonne sucht, sondern seinen Trost in den Leiden allein finden will aus Liebe zu dem, der sein ganzes Leben lang damit behaftet war. Die Seele, die arm im Geiste ist, bleibt in Leiden und Trockenheiten ruhig; sie wird wohl schmerzlich davon berührt, gibt sich aber der Unruhe und der Traurigkeit nicht so hin wie manche Personen, die da meinen, es sei alles verloren, wenn sie nicht immer mit dem Verstande tätig sind und keine Andacht empfinden, gleich als ob man sich durch eigene Anstrengung ein so großes Gut erwerben könnte. Ich sage nicht, dass man nicht nach dieser Andacht trachten und nicht mit Sorgfalt vor Gott stehen solle; wenn man aber trotzdem auch keinen guten Gedanken fassen kann, so soll man sich deshalb nicht zutode kümmern, wie ich dies schon anderwärts erwähnt habe. Wir sind ja unnütze Knechte; was meinen wir doch ausrichten zu können?

12. Der Herr will aber, dass wir dies erkennen und uns Mühe geben, das oben erwähnte Wasserrad zu drehen, gleich jenen Eselein, die mit verbundenen Augen und ohne zu verstehen, was sie tun, doch mehr Wasser schöpfen als der Gärtner mit all seinem Fleiße. Man muss mit Freiheit auf diesem Wege wandeln und sich den Händen Gottes überlassen. Will Seine Majestät uns zu ihren Hofleuten und zu Vertrauten ihrer Geheimnisse erheben, so lasst uns diesem Rufe gerne folgen; wenn nicht, so wollen wir ihr auch in niedrigen Ämtern dienen und uns nicht selbst an den obersten Platz setzen, wie ich dies schon einigemal gesagt habe. Gott trägt mehr Sorge für uns als wir selbst, und er weiß auch, wozu ein jeder tauglich ist. Warum will sich einer noch selbst regieren, der seinen Willen schon ganz an Gott hingegeben hat? Dies geht meines Erachtens hier weit weniger an und schadet viel mehr, als bei der ersten Gebetsstufe; denn hier handelt es sich um übernatürliche Güter. Wenn jemand eine schlechte Stimme hat, so macht er sie, wie sehr er sich auch im Singen abmühen mag, dadurch doch nicht gut; will aber Gott ihm eine gute Stimme geben, so braucht er sich nicht erst mit Schreien zu plagen. Bitten wir also Gott immerhin um Verleihung seiner Gnaden; es bleibe aber die Seele, obwohl vertrauend auf seine Freigebigkeit, dennoch ergeben in seinem Willen. Da es ihr gestattet ist, zu den Füßen Christi zu weilen, gehe ihre Sorge nur dahin, nicht von da zu weichen, sondern auszuharren, in welcher Weise es auch sein mag. Sie ahme die Magdalena nach, bis Gott auch sie, wenn sie einmal erstarkt ist, in die Einsamkeit führt.

13. Halten sich also euer Gnaden an das Gesagte, bis Sie jemand finden, der mehr Erfahrung hat und die Sache besser versteht als ich. Glauben Sie jenen Personen nicht, die erst anfangen, Gott zu genießen, und die da meinen, ihr eigenes Bemühen sei ihnen zur Erlangung eines höheren Genusses förderlich. O wenn Gott will, wie augenscheinlich kommt er dann auch ohne die armseligen Bemühungen! Was wir alsdann auch immer dagegen tun mögen: er entrückt den Geist, gleichwie ein Riese einen Strohhalm aufhebt, und es hilft kein Widerstreben. Welche Torheit, zu glauben, Gott werde, wenn er will, dass die Kröte fliege, erst abwarten, bis sie selbst sich emporschwinge! Meines Erachtens ist es für unseren Geist noch schwieriger und härter, sich zu erheben, wenn nicht Gott ihn erhebt; denn er ist mit Erde beladen und wird von tausend Hindernissen niedergehalten, so dass ihm also der Wille zu fliegen wenig nützt. Ist er auch seiner Natur nach zum Fliegen fähiger als die Kröte, so steckt er doch jetzt so tief im Kote, dass er diese Fähigkeit durch seine Schuld verloren hat.

14. Zum Schlusse will ich noch bemerken, dass wir allzeit, wenn wir an Christus denken, uns auch der Liebe erinnern sollen, wodurch er uns so viele Gnaden erwiesen, sowie der großen Liebe, die Gott gegen uns durch Gewährung eines so kostbaren Unterpfandes seiner eigenen Liebe zu uns gezeigt hat; denn Liebe erweckt wieder Liebe. Wenn wir auch noch ganz am Anfang und selbst böse wären, sollten wir uns doch bemühen, diese Liebe allzeit vor Augen zu haben, um uns dadurch zur Gegenliebe zu ermuntern; denn erweist uns der Herr einmal die Gnade, dass seine Liebe unserem Herzen sich eindrückt, so wird uns alles leicht werden, und mit ganz geringer Mühe werden wir in sehr kurzer Zeit (viel) erreichen. Möge Gott uns diese Liebe verleihen, denn Seine Majestät weiß es, wie sehr wir ihrer bedürfen! Möge er sie uns verleihen um der Liebe willen, die er zu uns getragen, und um seines glorreichen Sohnes willen, der es sich so viel hat kosten lassen, sie uns zu offenbaren! Amen.

15. Ich möchte euer Gnaden eine Frage vorlegen. Wie kommt es, dass eine Seele, der der Herr so erhabene Gnaden wie die der vollkommenen Beschauung zu erweisen beginnt, nicht sogleich ganz vollkommen ist? Dies sollte man ja doch billigerweise erwarten. Denn billig ist es fürwahr, dass, wer einmal eine so große Gnade empfangen hat, keine irdischen Tröstungen mehr verlange. Warum treten aber, wie es scheint, an der Seele die Wirkungen der Verzückungen nur nach dem Maße hervor, als die Seele an den Empfang dieser Gnaden gewöhnt ist, und warum schreitet sie nur nach dem Grade dieser Wirrungen in der Losschälung voran? Der Herr könnte ja die Seele, wenn er sie heimsucht, gleich auf einmal heilig machen, wie er dies in der Folge dadurch tut, dass er sie allmählich in den Tugenden vervollkommnet. Dies möchte ich gern erfahren, denn ich weiß es nicht. Doch weiß ich wohl, dass zwischen der Stärke, die der Herr der Seele am Anfang verleiht, wo die erteilte Gnade nur einen Augenblick währt und fast nur aus den zurückbleibenden Wirkungen erkannt wird, und zwischen der Stärke, die die Seele empfängt, wenn diese Gnade länger dauert, ein Unterschied ist. Ich denke mir oft, ob dies nicht etwa darum geschehe, weil die Seele sich nicht gleich vollständig bereitet; deshalb muss der Herr selbst sie erst allmählich heranziehen, bis er ihr endlich den Entschluss und mannhafte Stärke verleiht, alles, was sie an der Erreichung der Vollkommenheit hindert, gänzlich abzuwerfen, wie er es bei Magdalena in kurzer Zeit zuwege gebracht hat. Bei anderen wirkt der Herr in dem Maße, wie sie ihn in sich wirken lassen. Leider glauben wir noch nicht recht, dass Gott schon in diesem Leben hundert gibt für eins.

16. Ich stelle mir auch folgendes Gleichnis vor. Gesetzt den Fall, es wäre alles, was den Anfängern und den schon weiter Vorangeschrittenen gegeben wird, ganz dasselbe, so kann man dies mit einer Speise vergleichen, von der viele essen. Denen, die nur wenig davon kosten, bleibt eine Zeitlang bloß ein angenehmer Geschmack; die mehr davon genießen, fristen dadurch ihr Leben; denen aber, die viel davon essen, gibt sie Leben und Kraft. Man kann auch von dieser Speise des Lebens so oft und so reichlich genießen, dass man nur noch an ihr einen Wohlgeschmack findet; denn man gewahrt, wie zuträglich sie ist, und hat den Geschmack an ihre Süßigkeit schon so sehr gewöhnt, dass man lieber nicht mehr leben, als von anderen Dingen essen möchte, die doch nur den vom Genusse der guten Speise zurückgebliebenen Geschmack hinwegnehmen würden. Ein anderer Vergleich mag dieser sein. Der Umgang mit einer heiligen Person an nur einem Tage nützt nicht so viel als der Umgang mit ihr in vielen Tagen. Man kann aber auch mit einer solchen Person so lange Zeit umgehen, dass man ihr mit der Gnade Gottes ganz gleich wird. Indessen kommt schließlich alles darauf an, was Gott geben will und wem er es geben will. Für den aber, der einmal angefangen hat, die Gnade einer vollkommenen Beschauung zu genießen, ist viel daran gelegen, dass er sie entschließt, sie von allem loszuschälen und diese Gnade nach Verdienst zu schätzen.

17. Nebst dem Gesagten scheint mir auch noch, Gott wolle erproben, wer ihn lieb hat. Darum offenbart er in so himmlischer Wonne bald diesem, bald jenem, wer er ist, um dadurch den vielleicht erstorbenen Glauben an das, was er uns dereinst geben will, zu beleben. Es ist, als ob er sagte: »Sieh, das ist nur ein Tropfen aus dem unermesslichen Meere aller Güter!« Der Herr tut dies, um an jenen, die er lieb hat, ja nichts zu versäumen. Je nachdem er aber sieht, wie man ihm aufnimmt, gibt er seine Gnaden und sich selbst. Wer ihn liebt, den liebt er wieder; und welch ein auserwählter Liebhaber, welch ein guter Freund ist er! O Herr meiner Seele, hätte ich doch Worte, um zu erklären, was du denen gibst, die sich dir anvertrauen, und was jene verlieren, die bis zu diesem Stande gelangen und dennoch nicht von sich selbst lassen! Lass, o Herr, dies nimmermehr an mir geschehen! Tust du mir denn nicht noch weit mehr, da du in einer so elenden Herberge, wie die meinige ist, Einkehr nimmst? Sei gepriesen in Ewigkeit!

18. Wenn nun Euer Gnaden das, was ich über das Gebet geschrieben habe, mit geistlichen Personen besprechen wollen, so bitte ich von neuem darauf zu sehen, dass diese auch wirklich im geistlichen Leben erfahren sind. Denn würden sie nur einen Weg kennen oder wären sie in der Mitte stehengeblieben, so könnten sie nicht richtig darüber urteilen. Es gibt auch einige, die Gott gleich von Anfang an auf einem sehr erhabenen Wege führt, und die da meinen, andere könnten auf dem nämlichen Wege voranschreiten; sie sollten darum den Verstand ruhen lassen und sich auch seiner körperlichen Vorstellungen bedienen. Dabei bliebe man aber so trocken wie ein Stock. Andere, die das Gebet der Ruhe ein wenig gekostet haben, meinen gleich, es sei ihnen, weil sie das eine besitzen, auch das andere möglich; aber anstatt vorwärts zu kommen, schreiten sie, wie gesagt, rückwärts. Es ist also in allem Erfahrung und richtiges Urteil notwendig. Der Herr wolle uns in seiner Güte beides verleihen!

Dreiundzwanzigstes Hauptstück

Sie nimmt die Erzählung ihres Lebens wieder auf. Sie fängt an nach größerer Vollkommenheit zu streben; Mittel, die sie dazu verwendet. Für die Führer jener Seelen, die dem innerlichen Gebete ergeben sind, ist es nützlich zu wissen, wie sie sich am Anfang zu verhalten haben. Nutzen, den es ihr gebracht, dass man sie zu leiten verstand.

1. Ich will nun wieder mit der Erzählung meines Lebens da fortfahren, wo ich sie abgebrochen habe. Wie ich glaube, bin ich bei dem inzwischen besprochenen Gegenstande länger als notwendig verweilt; aber es geschah, damit man das Folgende um so besser verstehe. Es ist dies ein anderes, neues Buch, oder vielmehr ein neues Leben. Jenes, das ich zuvor beschrieben habe, war mein eigenes Leben; dieser aber, dass ich von der Zeit an gelebt, in der ich die erklärten Gebetszustände erfahren habe, ist das Leben Gottes in mir. So kommt es mir wenigstens vor; denn soweit ich es erkenne, wäre es unmöglich gewesen, in so kurzer Zeit von so schlimmen Gewohnheiten und Werken loszuwerden. Gepriesen sei der Herr, der mich von mir selbst erlöst hat!

2. Sobald ich anfing, die Gelegenheiten zu fliehen und mehr dem Gebete obzuliegen, begann auch der Herr mir seine Gnaden mitzuteilen. Es hatte den Anschein, er verlange weiter nichts, als dass ich diese Gnaden annehmen wolle. Seine Majestät verlieh mir nämlich sehr häufig das Gebet der Ruhe und oftmals auch das der Vereinigung, das eine geraume Zeit anhielt. Weil es aber in diesen Zeiten vorgekommen ist, dass Frauenspersonen vom bösen Feinde arg getäuscht und betrogen wurden, begann ich furchtsam in werden; denn die Süßigkeit und Wonne, die ich im Gebete empfand, war allzu groß, und ich konnte dies oftmals gar nicht verhindern. Andrerseits aber gewahrte ich, besonders im Gebete selbst, doch auch eine große Sicherheit in mir, dass Gott es sei, der so in mir wirke. Auch sah ich, dass ich dadurch sehr gebessert und im guten mehr gekräftigt wurde. Sobald ich mich aber nur ein wenig zerstreute, erwachte auch schon wieder die Furcht in mir. Ich dachte mir dabei, es möchte etwa doch der böse Feind sein, der meinen Verstand aufhebe und mir vorspiegele, es sei dies etwa Gutes, damit er mich so vom innerlichen Gebete abhalte und ich weder an das Leiben Christi denken, noch überhaupt mit meinem Verstande tätig sein könne. Dies kam mir, weil ich von solchen Zuständen noch kein Verständnis hatte, als der größte Verlust vor.

3. Zudem hatte es dem Herrn bereits gefallen, mich zu erleuchten und erkennen zu lassen, wie hoch ich ihm verbunden sei, um ihn nie mehr zu beleidigen. Deshalb nahm meine Furcht um so mehr zu, und ich fühlte mich angetrieben, mich sorgfältig nach Männern zu erkundigen, die im geistigen Leben erfahren wären, um mich mit ihnen zu besprechen. Zwar hatte ich schon Kunde von einigen: es waren dies die Väter der Gesellschaft Jesu, die sich hier niedergelassen hatten. Ohne einen von ihnen zu kennen, war ich ihnen sehr zugetan, und war allein deshalb, weil ich von ihrer Lebensweise und Gebetsart gehört hatte. Ich hielt mich aber nicht für würdig, mit ihnen zu sprechen, noch für stark genug, ihnen in gehorchen, so dass also zu der erwähnten Furcht auch diese noch hinzu kam; denn so, wie ich war, mit ihnen zu verkehren, kam mir schwer vor.

4. In solcher Angst brachte ich einige Zeit zu. Endlich nach hartem Kampfe und nach Ablegung aller Besorgnisse entschloß ich mich, mit einem im geistlichen Leben erfahrenen Manne mich zu besprechen und ihn zu fragen, welche Bewandtnis es mit meinem Gebete habe, und bat ihn, mir die Augen zu öffnen, wenn ich im Irrtum sein sollte; denn ich war jetzt bereit, alles zu tun, was in meinen Kräften stünde, um ja Gott nicht zu beleidigen. Was mich zuvor (in dieser Beziehung) so furchtsam gemacht hatte, war, wie gesagt, der Mangel an Stärke, den ich in mir fühlte. O Gott, welch große Täuschung war es doch, dass ich mich, um gut sein zu wollen, vom Guten fernhielt! Der Teufel muss einer Seele, die den Tugendweg zu wandeln beginnt, gewaltig zusetzen, damit sie ja den Freunden Gottes sich nicht mitteile, da ich mich so schwer dazu entschließen konnte. Er weiß eben, dass darauf alle Wohlfahrt der Seele sich gründet; darum zauderte ich so sehr, bis ich zu einem festen Entschluss kam. So wie damals, als ich das innerliche Gebet unterließ, wollte ich auch jetzt erst warten, bis ich mich gebessert hätte. Vielleicht aber wäre dies gar niemals geschehen; denn ich war an gewisse kleine Fehler so sehr gewöhnt, dass ich sie nicht einmal als solche recht erkannte und darum zu meiner Besserung notwendig der Hilfe anderer bedurfte. Gepriesen sei der Herr, denn im Grunde war doch er es, der als der erste seine Hand mir reichte!

5. Da ich sah, wie die Furcht in mir um so größer wurde, je mehr mein Gebet sich vertiefte, meinte ich, es müsse sich hier entweder um ein großes Gut oder um das größte Übel handeln. Denn dass das, was ich erfuhr, etwas Übernatürliches sei, erkannte ich schon daraus, dass mir einerseits der Widerstand dagegen öfter unmöglich war, während es mir andererseits nicht gegeben wurde, wenn ich es haben wollte. Da dachte ich bei mir, es gehe für mich kein anderes Mittel, als mit Sorgfalt über die Reinheit meines Gewissens zu machen und mich von jeder Gelegenheit auch zu lässlichen Sünden fernzuhalten. Wirke der Geist Gottes in mir, so liege der Gewinn klar vor Augen; treibe aber der Teufel sein Spiel mit mir, so könne er mir, wenn ich mich befleiße, dem Herrn zu gefallen und ihn nicht zu beleidigen, wenig schaden, vielmehr würde dann der Schaden auf seiner Seite sein. So entschlossen, bat ich den Herrn ohne Unterlass, mir beizustehen. Nachdem ich aber einige Tage bemüht war, den gefassten Vorsatz auszuführen, sah ich ein, dass meine Seele die Kraft nicht habe, ohne Hilfe eines Führers eine so große Vollkommenheit zu erreichen. Der Grund davon lag in gewissen Neigungen, die ich zu Dingen trug, die zwar an sich nicht sehr böse waren, aber doch hinreichten, mein ganzes Streben zu vereiteln.

6. Nun hatte man mir von einem gelehrten Priester hiesiger Stadt erzählt, dessen Frömmigkeit und tugendhaftes Leben der Herr unter um Volke kundbar werden ließ. Mit diesem suchte ich durch die Vermittlung eines heiligen Edelmannes, der gleichfalls hier wohnt, zu sprechen. Letzterer ist zwar verheiratet; er führt aber ein so tugendhaftes und mustergültiges Leben und ist dem Gebete und den Werken der Liebe so sehr ergeben, dass seine Tugend und Vollkommenheit in allem hervorleuchtet. Durch die besonderen Gaben, die er besitzt und trotz der Hindernisse seines Standes nicht unbenützt lassen kann, dass er schon vielen Seelen großen Nutzen gebracht. Er hat ein großes Verständnis und ist sehr freundlich gegen jedermann. Seine Umgangsweise ist nicht lästig, sondern lieblich und angenehm, zugleich aber so gerade und heilig, dass er allen, die mit ihm verkehren, sehr wohlgefällt. In allem ist seine Absicht auf das Heil der Seelen gerichtet, mit denen er in Berührung kommt, und er scheint kein anderes Bestreben zu haben, als allen, mit denen er umgeht, nach Möglichkeit zu dienen und Freude zu bereiten.

7. Dieser heilige und gesegnete Mann war meines Erachtens durch seine Bemühungen die erste Ursache der Rettung meiner Seele. Ich staune über seine Demut, in der er sich zu mir herabließ, da er doch beinahe schon vierzig Jahre lang — ob zwei oder drei Jahre weniger, weiß ich nicht — das innerliche Gebet geübt und so vollkommen gelebt hatte, als sein Stand es erlaubte. Auch seine Gattin ist eine sehr große Dienerin Gottes und von solcher Liebe zu Gott erfüllt, dass er durch sie in keiner Weise am Guten gehindert wird. Sie ist, um es kurz zu sagen, eine Frau, die Gott für den erwählt hatte, von dem er wusste, dass er ihm so vollkommen dienen würde.

8. Einige seiner Verwandten waren mit Verwandten von mir verheiratet; auch stand er mit einem anderen frommen Diener Gottes, der mit einer Base von mir verheiratet war, in häufigem Verkehre. Durch diese Verwandten bemühte ich mich um seine Vermittelung bei jenem Priester, der mit ihm innig befreundet und ein ebenso großer Diener Gottes war wie er, damit dieser zu mir komme und ich mit ihm sprechen könne. Ich gedachte ihn zu meinem Beichtvater und geistlichen Führer zu wählen. Als nun der Edelmann ihn zu mir brachte, war ich voll Beschämung, mich in der Gegenwart eines so heiligen Mannes zu sehen. Ich erzählte ihm, wie es mit meiner Seele und mit meinem Gebete stehe. Er hörte mich an, aber mein Beichtvater wollte er nicht werden, weil er, wie er sagte, zu sehr mit anderen Geschäften überladen sei, was auch wirklich der Fall war. Da er mich, wie er es meinem Gebete nach mit Recht voraussehen musste, für eine starke Seele hielt, verlangte er mit heiliger Entschiedenheit von mir, dass ich Gott in keiner Weise beleidige. Weil ich aber nicht die Kraft in mir fühlte, dieser Forderung so auf einmal auch in kleinen Dingen mit so großer Vollkommenheit zu entsprechen, betrübte ich mich sehr. Wie ich sah, hielt er die Angelegenheit meiner Seele für eine Sache, die mit einem Male abgetan werden könnte, indes ich doch fühlte, dass sie eines weit längeren Heilverfahrens bedürfe. Kurz, ich sah ein, dass die Mittel, die er mir angab, nicht die rechten waren, durch die mir geholfen werden konnte. Sie waren für eine vollkommenere Seele berechnet; ich aber stand bezüglich der Übung der Tugenden und der Abtötung noch am Anfang, wenn ich auch den von Gott empfangenen Gnaden nach vorangeschritten war. Fürwahr, ich glaube, meiner Seele wäre nicht Heil geworden, hätte ich mich mit keinem anderen beraten können; denn die Traurigkeit, die ich darüber empfand, dass ich nicht tat und nicht tun zu können glaubte, was jener mir sagte, hätte genügt, mir alle Hoffnung zu benehmen und mich dahin zu bringen, dass ich endlich alles aufgegeben hätte. Ich wundere mich zuweilen darüber, wie dieser Priester, der doch sonst eine besondere Gabe hat, die Seelen zu Gott zu führen, die meinige nicht verstand und sich mit ihrer Leitung nicht befassen mochte. Aber ich sehe ein, dass dies alles zu meinem Besten war, damit ich nämlich so heilige Männer, wie die Väter der Gesellschaft Jesu sind, kennenlernen und mit ihnen verkehren sollte.

9. Damals kam ich mit dem erwähnten heiligen Edelmanne überein, dass er mich zuweilen besuche. In dieser Bereitwilligkeit, mit einer so elenden Person, wie ich bin, verkehren zu wollen, zeigte sich seine große Demut. Bei seinen Besuchen machte er mir Mut, indem er sagte, ich sollte nicht denken, dass ich mich gleich an einem Tage von allem freimachen müsste; Gott werde mir allmählich dazu verhelfen. Er selbst habe mit ganz geringen Dingen mehrere Jahre zu tun gehabt und sich darin nicht überwinden können. O Demut, welch große Güter verschaffst du denen, die dich besitzen, und denen, die mit diesen umgehen! Dieser Heilige — so glaube ich ihn mit Recht nennen zu können — bekannte mir in seiner Demut zu meiner Ermutigung einige seiner Schwachheiten, die es freilich nur in seinen Augen waren. Für mich zwar in meinem Stande wären diese Dinge die größten Fehler gewesen, für ihn aber in seinem Stande waren sie weder Fehler noch Unvollkommenheiten. Dies sage ich nicht ohne Absicht, mag es auch scheinen, als halte ich mich bei unbedeutenden Dingen gar zu lang auf; denn gerade diese Dinge sind am Anfang für die Förderung und den Aufschwung einer Seele, die sozusagen noch keine Federn zum Fliegen hat, so wichtig, dass niemand es glauben wird, der nicht selbst es erfahren hat. Und weil ich zu Gott hoffe, es werde dazu beitragen, da Euer Gnaden vielen Seelen nützen, darum gestehe ich hier: Mein ganzes Heil hing davon ab, dass jener fromme Mann mich zu heilen verstand, und dass er so viel Demut und Liebe hatte, sich meiner anzunehmen, und so viel Geduld, mich zu ertragen, obwohl er sah, dass ich mich nicht sogleich in allem besserte. Er ging mit Bescheidenheit zu Werke, indem er mich Schritt für Schritt lenkte und mir die Mittel an die Hand gab, den bösen Feind zu überwinden. Darum gewann ich auch eine so große Liebe zu ihm, dass es für mich keinen größeren Trost gab, als ihn wiederzusehen, wiewohl dies nur selten war. Dagegen betrübte ich mich gleich sehr, wenn er länger als gewöhnlich ausblieb, weil ich meinte, er besuche mich deshalb nicht, weit ich so böse wäre, obwohl es viel besser mit mir wurde, seitdem ich mit ihm verkehrte.

10. Wie gesagt, wünschte ich über die Gnaden, die Gott mir erwies, Aufklärung zu erhalten; darum teilte ich sie dem Diener Gottes mit. Zu dieser aber auch meine großen Unvollkommenheiten, die vielleicht sogar Sünden waren, kennengelernt hatte, gab er mir den Bescheid, dass diese zwei Dinge sich nicht zusammenreimten. Solche besondere Gnaden, sagte er, würden nur denen erteilt, die in der Tugend und Abtötung schon weit vorangeschritten wären. Er müsse darum sehr fürchten, weil ihm in einigen Dingen kein guter Geist zu walten scheine; doch wolle er noch kein bestimmtes Urteil fällen. Er riet mir, einstweilen genau über alles nachzudenken, was in meinem Gebete vorkomme, und es ihm dann zu sagen. Nun war es aber vom Übel, dass ich mich über mein Gebet gar nicht auszudrücken vermochte; denn die Gnade, es zu verstehen und auch sagen zu können, was es sei, hat mir Gott erst seit kurzer Zeit verliehen.

11. Meine Betrübnis, über das, was der Edelmann mir sagte, war bei der Furcht, die ich ohnehin schon hatte, groß, und ich vergoß darum viele Tränen. Denn wenn ich auch ernstlich danach verlangte, Gott zu dienen, und durchaus nicht glauben konnte, dass der Teufel in mir wirkt, fürchtete ich doch, ich möchte meiner großen Sünden wegen von Gott mit Blindheit gestraft sein, so dass ich die Wahrheit nicht erkenne. Als ich mich daher in verschiedenen Büchern umsah, um irgendwo etwas zu finden, womit ich mein Gebet erklären könnte, fand ich in einem derselben, »Aufstieg zum Berge« betitelt, hinsichtlich der Vereinigung der Seele mit Gott alle Zeichen, die ich an mir wahrnahm, wenn ich mich im Gebete ohne alles Nachdenken befand; so nämlich drückte ich mich zumeist aus, dass ich bei jenem Gebete über nichts nachdenken könne. Ich merkte die Stelle an, wo diese Zeichen angegeben waren, und gab dem Edelmanne das Buch, damit er und jener andere heilige Diener Gottes, der erwähnte Priester, davon Einsicht nehmen und mir dann sagen möchten, was ich tun sollte. Zugleich erklärte ich mich bereit, dass innerliche Gebet ganz aufzugeben, wenn sie es für gut fänden; denn warum, so meinte ich, sollte ich mich solchen Gefahren aussetzen? Wenn ich nach einer fast zwanzigjährigen Übung des innerlichen Gebetes keinen anderen Gewinn davon haben sollte, als vom Teufel betrogen zu sein, so wäre es ja besser, es zu unterlassen. Doch auch dieses kam mir entsetzlich vor; denn ich hatte schon erfahren, wie sich meine Seele ohne Übung des innerlichen Gebetes befand. Ich sah mich also von allen Seiten geängstigt, und es war mir wie einem, der mitten in einem Strome schwimmend nahe dem Ertrinken ist und überall, wohin er sich auch wenden möchte, eine größere Gefahr fürchtet. Dies ist eine sehr harte Pein, und solche Peinen habe ich viele ausgestanden. Ich werde in der Folge noch davon erzählen. Denn wenn es auch etwas Unbedeutendes zu sein scheint, so kann es vielleicht noch dazu dienen, dass man erkenne, wie die Geister zu prüfen sind.

12. Die Angst, die man hier aussteht, ist wahrlich groß, und man muss bei denen, die sie leiden, behutsam sein. Dies ist besonders bei weiblichen Personen ihrer natürlichen Schwäche wegen wohl zu beachten. Sagt man diesen ganz unumwunden heraus, der Teufel wirke in ihnen, so kann ihnen dadurch viel geschadet werden. Man muss vielmehr die Sache selbst genau untersuchen, ihnen alle etwaigen Gefahren aus dem Wege räumen und sie ermahnen, die Dinge, die in ihnen vorgehen, in tiefes Schweigen zu hüllen. Aber auch jene dürfen nichts davon offenbaren, die die Pflicht haben, zu schweigen. In dieser Hinsicht rede ich als eine, die viel gelitten hat, weil einige, mit denen ich mich über mein Gebet beraten, die Sache nicht geheim hielten, sondern bald diese, bald jene um Rat fragten. Dadurch aber schadeten sie mir sehr, weil auf diese Weise Dinge verbreitet wurden, die nicht für jedermann sind und darum besser geheim geblieben wären. Nebst dem gewann es den Anschein, als breite ich selbst sie aus. Ich glaube nicht, dass jene eine Schuld gehabt, sondern dass der Herr es so zugelassen habe, damit ich etwas zu leiden hätte. Auch sage ich nicht, dass sie etwas von dem entdecken, was ich ihnen in der Beicht mitgeteilt hatte. Aber als Männer, denen ich meiner Beängstigungen wegen diese Dinge anvertraute, damit sie mich darüber aufklären möchten, hätten sie meines Erachtens schweigen sollen. Trotzdem habe ich mir niemals getraut, solchen Männern etwas zu verheimlichen. Ich wiederhole also, dass man mit Frauenspersonen sehr behutsam verfahren, ihnen Mut machen und die Zeit abwarten soll, bis der Herr ihnen hilft, wie er auch mir geholfen hat. Wäre dies nicht der Fall gewesen, so hätte die Behandlung, die ich erfuhr, da ich sehr furchtsam und zaghaft war, recht schädlich für mich werden können. Ich wundere mich nur, wie ich bei meinem heftigen Herzleiden von einem noch größeren Übel verschont geblieben bin.

13. Ich hatte also das erwähnte Buch dem Edelmann übergeben und ihm zugleich über mein Leben und meine Sünden, so gut ich konnte, Bericht erstattet. Dies geschah zwar nur so im allgemeinen, da ich ihm als einem Laien nicht beichtete; immerhin aber gab ich ihm klar zu verstehen, wie böse ich war. Beide Diener Gottes, der Edelmann und jener Priester, berieten sich nun mit großer Liebe, was mir zuträglich sei. Unterdessen harrte ich mit großer Furcht der Antwort entgegen. Auch hatte ich mehrere Personen ersucht, mich Gott zu empfehlen, und ich selbst betete in dieser Zeit viel. Endlich brachte mir der Edelmann mit großer Betrübnis die Antwort, dass die beiden vollkommen der Ansicht seien, der Teufel wirke in mir. Es sei gut für mich, mit einem gewissen Pater der Gesellschaft Jesu meine Angelegenheit zu besprechen; wenn ich ihn rufen und ihm sagen lasse, dass ich seiner bedürfe, werde er kommen. Ihm sollte ich dann in einer Generalbeichte über mein ganzes Leben und über den Zustand meiner Seele, und zwar in allem recht klar, Rechenschaft geben; denn abgesehen davon, dass die Väter der Gesellschaft Jesu ohnehin in geistlichen Dingen sehr erfahren seien, würde ihm Gott durch die Kraft des Sakramentes der Beichte noch mehr Licht verleihen. Auch sollte ich in allem genau seine Vorschriften befolgen; denn ohne Führer sei ich in großer Gefahr.

14. Diese Antwort erfüllte mich mit solcher Furcht und Pein, dass ich nicht wusste, was ich anfangen sollte; ich konnte nichts als weinen. Als ich darauf ganz betrübt in einem Oratorium weilte und nicht wusste, was noch aus mir werden würde, las ich in einem Buche, dass der Herr mir in die Hand gegeben zu haben scheint, die Worte des heiligen Paulus, dass Gott sehr getreu sei und jene, die ihn lieben, niemals vom bösen Feinde betrogen werden lasse. Dies tröstete mich recht sehr. Ich begann nun, mich auf meine Generalbeichte vorzubereiten und so klar wie möglich meinen Lebenslauf, alles Böse, und alles Gute, das mir einfiel, aufzuschreiben, ohne irgend etwas auszulassen. Ich erinnere mich, dass ich äußerst betrübt war und den größten Schmerz empfand, als ich nachher das Geschriebene nochmals durchlas und dann so viel Böses, dagegen aber fast gar nichts Gutes fand. Auch war ich in Sorge, man möchte es im Kloster innewerden, wenn ich mit so heiligen Männern, wie die Väter der Gesellschaft Jesu sind, verkehren würde; denn da mir schien, ich sei darum desto mehr verpflichtet, meine Fehler abzulegen und mich von den gewohnten Unterhaltungen zurückzuziehen, fürchtete ich meine Schwachheit und meinte, es sei dann um so schlimmer, wenn ich es nicht tue. Deswegen bat ich die Sakristanin und die Pförtnerin, sie möchten niemand etwas davon sagen. Doch dies half mir wenig; denn als ich gerufen wurde, war gerade eine Schwester an der Pforte, die es im ganzen Konvente sagte. Wie viele Besorgnisse und Ungelegenheiten verursacht doch der Teufel denen, die sich Gott nähern wollen!

15. Ich besprach mich mit diesem Manne, der ein sehr großer Diener Gottes und überaus erleuchtet war. Nachdem ich ihm meine ganze Seele erschlossen, klärte er mich, da er die Sprache des Geistes gut verstand, über meinen Zustand auf und ermutigte mich sehr. Er sagte, dass hier ganz offenbar der Geist Gottes wirke, dass ich aber dennoch zur Übung den gewöhnlichen innerlichen Gebeten zurückkehren müsse, weil ich noch keinen rechten Grund gelegt habe und noch nicht von Abtötung wisse. Und in der Tat hatte ich, wie mir scheint, bis dahin nicht einmal den Namen dieser Tugend verstanden. Ferner sagte er mir, ich solle das innerliche Gebet ja nicht unterlassen, sondern großen Mut fassen, da Gott mir so besondere Gnaden erweise; denn, fügte er bei, man wisse nie, ab nicht etwa der Herr sich meiner zum Nutzen vieler anderer bedienen wolle. Letzteres und noch manches andere scheint er in prophetischem Geiste gesprochen zu haben, da es der Herr nachmals wirklich an mir in Erfüllung gehen ließ. Zugleich machte er mich auf die große Schuld aufmerksam, die ich haben würde, wenn ich den von Gott mir erwiesenen Gnaden nicht entspräche. Alle seine Worte drangen so in mich ein, dass ich meinte, der Heilige Geist selbst rede durch ihn, um meine Seele zu heilen, und ich fühlte mich durch sie selbst beschämt. Er aber führte mich in einer Weise, dass ich eine ganz andere geworden zu sein schien. O was ist es doch Großes, eine Seele zu verstehen! Er sagte mir auch, ich möchte täglich mein Gebet über ein Geheimnis des Leidens Christi anstellen; dies sollte ich zu meinem Nutzen anwenden und an nichts anderes denken als an die Menschheit Christi. Jenen inneren Sammlungen und Genüssen sollte ich nach Möglichkeit widerstehen und keinen Raum geben, bis er mir etwas anderes sagen würde. Als er mich verließ, war ich ganz getröstet und gestärkt; denn der Herr half mir und stand auch ihm bei, dass er meinen Zustand erkannte und mich zu leiten verstand. Ich war nun fest entschlossen, seinen Verordnungen in seiner Sache entgegenzuhandeln, und so hielt ich es meinen Beichtvätern gegenüber bin auf den heutigen Tag. Gepriesen sei der Herr, dass er mir die Gnade verliehen hat, ihnen zu gehorchen, wenngleich es nur unvollkommen geschehen ist! Sie waren von nun an fast immer aus der Reihe jener gesegneten Väter der Gesellschaft Jesu; ich folgte ihnen aber, wie gesagt, nur unvollkommen. Es begann nun in meiner Seele eine augenscheinliche Besserung einzutreten, wie ich dies jetzt weiter erzählen werde.

Vierundzwanzigstes Hauptstück

Fortsetzung des Vorigen. Wie ihre Seele immer mehr gefördert wurde, seitdem sie sich dem Gehorsam unterwarf. Wie wenig ihr der Widerstand gegen die von Gott ihr verliehenen Gnaden nützte, und wie Seine Majestät ihr diese nur um so reichlicher spendete.

1. Nach jener Beichte war meine Seele so fügsam, dass ich meinte, es gebe nichts, wozu ich nicht bereit sein würde; und so fing ich denn auch an, mich in vielen Stücken zu ändern, obwohl der Beichtvater mich gar nicht dazu drängte, sondern im Gegenteil auf alles, was ich hierin tat, dem Anscheine nach nur wenig Gewicht legte. Gerade dadurch aber fühlte ich mich noch mehr angetrieben; denn er führte mich den Weg der Liebe zu Gott, indem er mich frei und ungezwungen bloß dem Zuge dieser Gabe folgen ließ. Auf diese Weise brachte ich fast drei Monate zu, während der ich bemüht war, den göttlichen Tröstungen und Gnaden mit allen Kräften zu widerstehen. Was das Äußere betrifft, so war meine Änderung sichtbar; denn der Herr hatte mir jetzt Mut verliehen, manches zu vollbringen, was den Personen, die mich kannten, und selbst denen im Hause als außerordentlich vorkam. Sie hatten wohl recht, wenn sie es mit dem verglichen, was ich früher tat; aber in Anbetracht der Verpflichtung, die mir das Ordenskleid und die Ordensprofeß auferlegten, tat ich damit noch zu wenig.

2. Mein Widerstand gegen die mir von Gott verliehenen Süßigkeiten und Tröstungen brachte mir den Gewinn, dass Seine Majestät mir eine Belehrung gab. Zuvor nämlich meinte ich, ich müsste, um solcher Tröstungen teilhaftig zu werden, ganz einsam und zurückgezogen bleiben, und ich wagte mich dabei kaum zu rühren. Jetzt aber erkannte ich, dass dies nur wenig dazu beitrage; denn je mehr ich mich davon abzuwenden bemühte, desto mehr überhäufte mich der Herr mit Wonne und Seligkeit, so zwar, dass ich glaubte, ganz von Herrlichkeit umgeben zu sein und ihr nach seiner Seite hin entgehen zu können. Und so waren in der Tat, obgleich ich so große Sorge anwendete, um zu widerstehen, dass es mir zur Qual wurde. Noch größere Sorge aber trug der Herr in Mitteilung seiner Gnaden, da er sich mir während dieser zwei Monate häufiger offenbarte, als dies sonst der Fall gewesen war. Auf diese Weise sollte ich mein Unvermögen, zu widerstehen, um so klarer einsehen. Ich gewann aufs neue Liebe zur allerheiligsten Menschheit, und mein Gebet begann sich zu festigen, einem Gebäude gleich, das auf sicherem Grunde ruht. Auch bekam ich mehr Liebe zur Buße, die ich meiner so schweren Krankheit wegen zu üben unterlassen hatte.

3. Der heilige Mann, dem ich beichtete, sagte mir nämlich, gewisse Bußübungen könnten mir nicht schaden. Weil ich selbst keine Buße übte, darum habe mir Gott vielleicht so viele Krankheiten geschickt und mir dadurch selbst eine Buße auflegen wollen. Zugleich trug er mir einige Abtötungen auf, die mir aber nicht gar angenehm waren. Doch tat ich alles, was er mir befahl, indem ich mir dachte, der Herr selbst befehle es mir. Seine Majestät gab ihm auch die Gnade, mir in einer Weise zu befehlen, dass ich gehorchen konnte. Meine Seele empfand jetzt alles, auch das Geringste, was eine Beleidigung Gottes sein könnte, so zwar, dass ich mich z. B., wenn ich etwas Überflüssiges hatte, nicht eher im Gebete sammeln konnte, als bis ich mich dieser Dinge entäußerte. Ich betete viel zum Herrn, er möge mich an seiner Hand halten und nicht zulassen, dass ich unter der Leitung seiner Diener wieder zurückschreite; denn ich hätte es für ein großes Vergehen gehalten, sie auf solche Weise um ihr Ansehen zu bringen.

4. In jener Zeit kam der Pater Franziskus hierher, der einige Jahre zuvor als Herzog von Gandia alles verlassen und sich der Gesellschaft Jesu angeschlossen hatte. Mein Beichtvater verschaffte mir Mittel und Wege, mit diesem zu sprechen und ihm Rechenschaft über mein Gebet abzulegen; er wusste nämlich sehr gut, wie hoch jener von Gott begnadigt war, der ihn schon in diesem Leben dafür belohnte, dass er so vieles um seinetwegen verlassen. Auch der oben erwähnte Edelmann besuchte mich aus demselben Grunde. Nachdem der Diener Gottes mich angehört, sagte er zu mir, es sei der Geist Gottes, der in mir wirke, und er halte es nicht für gut, diesem Geiste ferner zu widerstehen, obgleich ich bisher recht gehandelt habe. Ich müsste allzeit mein Gebet mit der Betrachtung eines Geheimnisses aus dem Leiden Christi beginnen, und wenn dann der Herr meinen Geist erheben wolle, dürfte ich ihm nicht widerstreben, sondern von Seiner Majestät ihn erbeben lassen, ohne mich jedoch darum zu bemühen. Da er selbst weit vorangeschritten war und ihm also die Erfahrung, worauf hier sehr viel ankommt, gut zustatten kam, gab er mir Rat und Mittel zugleich. Auch sagte er mir, es wäre gefehlt, ferner noch zu widerstehen. Was er sprach, gereichte mir und dem Edelmanne zu großem Troste. Letzterer freute sie sehr über das von dem Diener Gottes ausgesprochene Urteil, dass der Geist Gottes in mir wirke, und er stand mir stets, soviel er vermochte, mit Rat und Tat bei. Es war aber, was er vermochte, wirklich viel.

5. Um dieselbe Zeit wurde mein Beichtvater von hier an einen anderen Ort versetzt. Dies war mir sehr schmerzlich, weil ich glaubte, einen solchen Beichtvater nicht mehr finden zu können, und weil ich fürchtete, ich möchte wieder in meinen vorigen schlimmen Zustand geraten. Meine Seele befand sich wie in einer Wüste, ganz trostlos und voll Furcht, und ich wusste nicht, was ich anfangen sollte. Da setzte es eine meiner Verwandten durch, mich in ihr Haus nehmen zu dürfen. Diese Gelegenheit benützte ich, mich sogleich nach einem anderen Beichtvater aus der Gesellschaft Jesu umzusehen. Der Herr fügte es, dass ich mit einer vornehmen und dem Gebete sehr ergebenen Witwe, die mit jenen Vätern viel verkehrte, befreundet ward. Diese riet mir an, zu meinem Beichtvater den ihrigen zu wählen. Da ich mich eine geraume Zeit in ihrem Hause aufhielt, dass in der Nähe des Kollegiums lag, so genoß ich die Freude, mich oft mit diesen Vätern zu besprechen. Schon die bloße Beobachtung ihres heiligen Wandels brachte meiner Seele großen Nutzen. Mein neuer Beichtvater begann, mich zu größerer Vollkommenheit zu führen. Er sagte, ich dürfe nichts zu tun unterlassen, um Gott ganz zu gefallen. Doch leitete er mich mit großer Klugheit und Milde, da meine Seele noch nicht stark und noch sehr zart war. Insbesondere hing ich gar zu sehr an gewissen Freundschaften, wobei ich jedoch Gott nicht beleidigte. Sie aufzugeben, hielt ich für Undank; deshalb sagte ich zum Beichtvater, warum ich wohl je undankbar sein und sie aufgeben sollte, da ja doch keine Beleidigung Gottes dabei vorkomme. Daraufhin riet er mir, diese Angelegenheit einige Tage Gott zu empfehlen und dabei den Hymnus Veni Creator zu beten, damit Seine Majestät mich erleuchte und mir zu erkennen gebe, was das Beste sei. Als ich nun eines Tages lange im Gebete verharrte und zum Herrn gefleht hatte, er möchte mir doch helfen, ihm in allem zu gefallen, überfiel mich, während ich noch den Hymnus sprach, eine so plötzliche Entrückung, dass sie mich fast außer mich versetzte. Ich konnte an ihrer Wirklichkeit nicht zweifeln, da sie ganz unverkennbar stattfand. Es war dies das erstemal, dass mir der Herr die Gnade der Verzückung verlieh. Dabei vernahm ich die Worte: »Ich will, dass zu fortan nicht mehr mit Menschen, sondern mit Engeln verkehrst.« Da die Regung meiner Seele sehr heftig war und mir diese Worte ganz im Innern des Geistes gesagt wurden, ergriff mich ein großer Schrecken, und ich fürchtete mich sehr. Nachdem aber die Furcht, die nach meinem Dafürhalten von der Neuheit dieser Gnade hervorgerufen wurde, von mir gewichen war, verblieb mir ein großer Trost.

6. Was der Herr zu mir gesprochen, ging vollkommen in Erfüllung; denn seitdem kann ich keine besondere Freundschaft mehr unterhalten und Trost darin suchen, noch eine besondere Liebe gegen jemand hegen, außer wenn ich erkenne, dass die Personen Gott lieben und ihm zu dienen beflissen sind. Anders mich zu verhalten, steht nicht in meiner Gewalt, selbst wenn die Personen Verwandte und ehemalige Freunde wären. Finde ich, dass eine Person nicht so ist, wie ich gesagt habe, oder hat sie das Gebet nicht übt, so ist mir der Umgang mit ihr ein peinliches Kreuz. Dies ist nach meinem ganzen Dafürhalten in aller Wahrheit so.

7. Seit jenem Tage, an dem es dem Herrn gefallen hat, seine Magd in einem Augenblicke — länger kam es mir nicht vor — in eine andere umzuwandeln, hatte ich Mut genug, um Gottes Willen alles zu verlassen. Es war darum kein Befehl des Beichtvaters mehr notwendig, besagte Freundschaften aufzugeben. Er hatte es nämlich vorher nicht gewagt, dies entschieden von mir zu verlangen, weil er gesehen, dass ich noch allzusehr daran hing. Wahrscheinlich wollte er zuwarten, bis der Herr selbst es bewirkte, wie es in der Tat auch geschah. Zuvor meinte ich, mich nicht so weit überwinden zu können; denn ich hatte es schon versucht, aber soviel Schwierigkeit dabei gefunden, gab ich den Kampf gegen diese Neigung als gegen etwas, das mir doch nicht unrecht schien, wieder aufgab. Jetzt aber machte der Herr mich davon frei und gab mir Kraft, das zu vollbringen, was ich vorher nicht vermochte. Ich teilte dies meinem Beichtvater mit und gab alle Freundschaften in der mir von ihm angegebenen Weise auf. Als jene, mit denen ich umging, diese entschiedene Änderung an mir gewahrten, schöpften auch sie großen Nutzen daraus. Gott sei in Ewigkeit dafür gepriesen! Er gab mir in einem Augenblick die Freiheit, die ich in diesen Jahren trotz aller Anstrengungen nicht erreichen konnte, ja selbst dann nicht, wenn ich mir oft so große Gewalt antat, dass meine Gesundheit nicht wenig darunter litt. Als dies aber durch den geschah, der allmächtig und der wahre Herr über alles ist verursachte es mir gar keine Schwierigkeit.

Fünfundzwanzigstes Hauptstück

Auf welche Weise man die Ansprachen Gottes an die Seele vernimmt, ohne sie (mit leiblichen Ohren) zu hören. Von einigen Täuschungen, die hier vorkommen können, und wie sie zu erkennen sind. Diese Erklärung ist für solche, die sich auf dieser Gebetsstufe befinden, sehr nützlich, denn sie ist sehr klar und enthält vieles zur Belehrung.

1. Es wird, wie ich glaube, gut sein, die Natur der Worte, die Gott an die Seele richtet, sowie auch den Eindruck, den diese in ihr hervorriefen, zu erklären, damit Euer Gnaden es verstehen. Denn seitdem mir der Herr diese Gnade in der oben erwähnten Weise zum erstenmal erwiesen hat, wurde sie mir bis jetzt, wie aus dem ferneren Bericht zu erleben ist, sehr häufig zuteil. Es sind ganz deutlich gebildete Worte, die man zwar nicht mit den Ohren des Leibes hört, aber doch viel klarer vernimmt, als wenn man sie auf diese Weise hörte; ja, wie sehr man sich auch dagegen sträubte, man würde sie doch vernehmen. Wollen wir sonst etwas nicht hören, so können mir uns die Ohren verstopfen, oder auf etwas anderes merken, so dass wir es zwar hören, aber nicht verstehen. Wenn aber Gott zur Seele spricht, kann man es durch nichts verhindern, seine Worte zu vernehmen und zu verstehen. Auch wenn es mir zuwider ist, muss ich sie doch vernehmen, und der Verstand mag ganz auf das merken, was Gott ihm sagen will, so dass von einem Wollen oder Nichtwollen gar keine Rede mehr ist. Denn es ist der Wille dessen, der es vermag, dass wir einsehen, es müsse das, was er will, auch geschehen. Ja, hier zeigt er sich so recht als den wahren Herrn über uns, wie ich selbst dies sehr wohl erfahren habe. Fast drei Jahre lang widerstand ich seinen Ansprachen, da ich in großer Furcht war, getäuscht zu werden; und auch jetzt noch versuche ich es zuweilen, aber immer vergebens.

2. Ich möchte nun auf die Täuschungen aufmerksam machen, die hier vorkommen können, obschon ich glaube, dass jemand, der große Erfahrung hat, in dieser Hinsicht wenig oder gar nichts zu fürchten braucht. Auch möchte ich den Unterschied angeben, der zwischen den verschiedenen Ansprachen besteht, damit man erkenne, ob sie vom guten oder vom bösen herrühren, oder ob sie, was wohl auch vorkommen könnte, eine bloße Einbildung des Verstandes sind und also der eigene Geist sich selbst anredet. Zwar meine ich nicht, ob letzteres möglich ist, doch hat es mir heute noch so geschienen. Wenn Gott zur Seele spricht, gehen seine Worte auch in Erfüllung. Davon habe ich mich in vielen Fällen aufs gewisseste überzeugt; und ist auch etwas, was mir gesagt wurde, erst zwei und drei Jahre später eingetroffen, so hat sich doch bis jetzt noch kein Wort als unwahr erwiesen. Aber auch aus anderen Zeichen, die ich noch angeben werde, kann man es klar erkennen, ob Gottes Geist es ist, von dem die Ansprache herrührt.

3. Meines Erachtens kann wohl jemand, der im Gebete mit großem Eifer und mit Innigkeit Gott ein Anliegen empfiehlt, meinen, er vernehme etwas, wie z. B. es werde geschehen, oder auch, es werde nicht gesehen; dies ist leicht möglich. Wer jedoch schon göttliche Ansprachen vernommen hat, der wird klar erkennen, was an jenen Worten ist, denn der Unterschied ist ein großer. Wenn der Verstand die Worte bildet, so merkt er, dass er selbst etwas ordnet und spricht, mag dies auch noch so fein von ihm geschehen. Mit anderen Worten, im letzteren Fall redet einer selbst, im ersteren dagegen hört er nur, was ihm ein anderer sagt. Der Verstand wird erkennen, dass er nicht zuhört, sondern tätig ist. Auch sind die Worte, die er selbst bildet, undeutlich, phantastisch und haben nicht die Klarheit wie jene, die Gott spricht. Bei ersteren steht es in unserer Macht, uns davon abzuwenden, gerade so, wie wir im Reden einhalten und schweigen können; letzteren aber können wir keinen Einhalt tun. Ein weiteres Kennzeichen, und zwar das sicherste von allen, ist dieses, dass so eine Selbstansprache ohne Wirkung bleibt, während die Ansprachen des Herrn Worte und Werke zugleich sind. Wenn diese auch nicht den Zweck haben sollten, unsere Andacht zu wecken und zu beleben, sondern zu unserer Zurechtweisung dienen, so sind sie doch von der Art, dass sie gleich beim ersten Worte die Seele zubereiten, empfänglich und weich machen, sie erleuchten, erquicken und beruhigen. War die Seele vorher in Trockenheit, Verwirrung und Unruhe, so wird dies wie mit der Hand weggewischt, und noch mehr als dieses; denn es scheint, der Herr wolle uns erkennen lassen, wie mächtig er ist, und dass seine Worte Werke sind.

4. Es besteht also, wie mich dünkt, zwischen den Worten Gottes und jenen, die der Verstand bildet, genau der Unterschied wie zwischen hören und reden. Wenn ich selbst rede, so ordne ich, wie gesagt, mit den Verstande das, was ich rede; wenn aber ein anderer zu mir spricht, so höre ich bloß zu und habe sonst keine Arbeit. Bei der Selbstansprache kann man nicht bestimmt sagen, ob man wirklich etwas vernimmt; es ist vielmehr, wie wenn einer im Halbschlafe sich befindet. Die Ansprachen Gottes aber vernimmt man so deutlich, dass auch nicht eine Silbe davon überhört wird. Diese finden auch zu Zeiten statt, in denen der Verstand und die Seele so verwirrt und zerstreut sind, dass man unmöglich auch nur einen einzigen ordentlichen Satz bilden könnte. Und doch vernimmt die Seele hier in fertiger Form wichtige und erhabene Wahrheiten, die sie selbst auch bei großer Sammlung nicht hätte ersinnen können. Auch wird sie, wie gesagt, schon beim ersten Worte ganz verändert. Und wie könnte wohl die Seele, insbesondere wenn sie in der Verzückung ist, bei der ihre Kräfte aufgehoben sind, Dinge vernehmen, an die sie auch vorher noch nicht gedacht hatte, wenn nicht Gott zu ihr spräche? Wie könnte da dem Gedächtnisse etwas einfallen, wo es fast untätig und die Einbildungskraft wie betäubt ist? Man muss nämlich wissen, dass man meines Erachtens Erscheinungen nicht sieht und göttliche Ansprachen nicht vernimmt in der Zeit, in der die Seele in der Verzückung selbst mit Gott vereinigt ist; denn in dieser Zeit verlieren sie, wie ich oben — ich glaube bei der Erklärung des zweiten Wassers — schon gesagt habe, alle Seelenkräfte gänzlich; und man kann also, wie mich dünkt, weder sehen noch hören und verstehen. Die Seele steht da ganz in der Gewalt eines anderen, und der Herr scheint ihr in dieser Zeit, die freilich sehr kurz ist, zu nichts eine Freiheit zu lassen. Ist aber diese kurze Zeit vorüber und die Seele gleichwohl noch in der Verzückung, so geschieht das, wovon ich eben spreche. Die Verzückung dauert insofern noch fort, als die Seelenkräfte, obwohl nicht mehr gänzlich verloren, doch in einem fast untätigen Zustande sich befinden; sie sind vor Staunen wie außer sich und unfähig, Worte passend miteinander zu verbinden.

5. Es gibt so viele Kennzeichen, den Unterschied zwischen den göttlichen Ansprachen und jenen des eigenen Verstandes wahrzunehmen, dass man, sollte auch einmal eine Täuschung vorkommen, doch nicht oft sich täuschen kann; ja, ich behaupte, dass eine erfahrene und behutsame Seele dies ganz klar erkennen wird. Denn abgesehen von allem übrigen, woraus die Ansprachen des eigenen Verstandes erkannt werden können, bleiben diese ohne Wirkung und werden von der Seele nicht angenommen; die Ansprachen Gottes aber muss sie annehmen, sie mag wollen oder nicht. Auch schenkt sie den eigenen Ansprachen keinen Glauben; vielmehr erkennt sie, dass diese nichts weiter als ein Gefasel des Verstandes sind, auf das sie darum kein größeres Gewicht legt als auf die Worte eines Wahnsinnigen. Bei den Ansprachen Gottes dagegen ist es, als wenn wir einen sehr heiligen oder gelehrten Mann von großem Ansehen reden hörten, von dem wir wissen, dass er uns nicht anlügen kann. Doch auch dieser Vergleich ist zu schwach; denn die Worte Gottes haben manchmal eine solche Majestät in sich, dass sie, auch wenn wir nicht daran denken, wer sie spricht, uns zittern machen, falls sie Strafworte sind; sind es aber Worte der Liebe, so bewirken sie, dass man in Liebe vergeht. Sie betreffen ferner Dinge, die, wie schon gesagt, bis dahin unserem Gedächtnisse ganz fremd waren, und es werden durch sie mit der größten Schnelligkeit große und erhabene Wahrheiten ausgesprochen, wozu wir selbst lange Zeit gebraucht hätten; wir müssen also da meines Erachtete notwendigerweise einsehen, dass diese Worte kein Erzeugnis unseres eigenen Verstandes sind. Doch ich brauche mich hier nicht weiter aufzuhalten; denn es scheint mir ein Wunder zu sein, dass bei jemand, der hierin Erfahrung hat, eine Täuschung (besagter Art) vorkommen könnte, wenn er nicht selbst wissentlich sich täuschen wollte.

6. Oft begegnete es mir, dass mir ein Zweifel kam und ich das, was mir gesagt wurde, nicht glaubte, sondern dachte, es möchte meinerseits etwa eine Täuschung obwalten. Dies geschah aber immer erst, nachdem die göttliche Ansprache vorüber war; denn während ihrer Dauer ist ein Zweifel unmöglich. Da sah ich denn das mir Gesagte nach langer Zeit noch in Erfüllung gehen; denn der Herr macht, dass seine Worte im Gedächtnisse bleiben und man sie nicht vergessen kann. Was vom Verstande kommt, ist wie die erste Regung eines Gedankens, der vorübergeht und vergessen wird. Die Worte Gottes aber sind wie Taten. Denkt man auch eine Zeitlang nicht mehr daran, so vergißt man sie doch nicht so vollkommen, dass man schließlich keine Erinnerung mehr daran hätte, außer es wäre schon eine lange Zeit verflossen, oder es wären Worte des Wohlwollens und der Belehrung gewesen. Waren es Weissagungen, so kann man sie meines Erachtens gar nicht mehr vergessen; wenigstens konnte ich es nicht, obwohl ich sonst ein schwaches Gedächtnis habe.

7. Ich sage also nochmals, dass mir eine Täuschung (von Seiten des eigenen Geistes) unmöglich scheint, wenn nicht eine Seele so gewissenlos ist, dass sie etwas erdichten und dann sagen wollte, sie habe es vernommen, was ein großer Frevel wäre. Denn ich sehe nicht ein, wie sie hier nicht erkennen sollte, dass sie selbst die Worte zusammengesetzt und in ihrem Inneren spricht, wenn sie je Ansprachen des göttlichen Geistes vernommen hat. War letzteres noch nicht der Fall, dann allerdings wird sie vielleicht ihr ganzes Leben lang in der Täuschung verharren und meinen können, sie vernehme solche Worte, obwohl ich auch hier nicht begreife, wie dieses möglich wäre. Entweder will die Seele etwas vernehmen oder sie will nichts vernehmen. Achtet sie nicht auf das, was sie vernimmt, und will sie durchaus nichts vernehmen, weil sie tausend Ängsten fürchtet und viele andere Gründe hat, um lieber ruhig ihrem Gebete obzuliegen, als dergleichen Ansprachen zu vernehmen: wie kann sie dann dem Verstande so viel Zeit lassen, um Worte zusammenzustellen? Denn dazu ist Zeit erforderlich. Spricht aber Gott zu uns, dann werden wir ohne Zeitverlust belehrt und vernehmen Dinge, die wir in einem Monat nicht hätten zusammensinnen können, und von denen manche der Art sind, dass sie den Verstand und die Seele in Staunen setzen. Dies verhält sich wirklich so; wer Erfahrung hat, wird finden, dass alles buchstäblich so ist, wie ich es gesagt habe. Ich preise Gott, dass ich mich so darüber erklären konnte.

8. Zum Schlusse nur noch folgende Bemerkung: Ansprachen, die vom eigenen Verstande herrühren, könnten wir meines Erachtens nach Belieben vernehmen; jedesmal, sooft wir uns im Gebete befinden, könnten mir meinen, etwas zu vernehmen. Dies ist aber bei den göttlichen Ansprachen nicht der Fall. Da mag ich vergeblich viele Tage lang wünschen, etwas zu vernehmen, während ich es zu anderen Zeiten, wie schon gesagt, auch gegen meinen Willen vernehmen muss. Wollte aber jemand absichtlich andere betrügen und sagen, er habe das, was sein eigener Geist zu sich selbst gesprochen, von Gott vernommen, so könnte er nach meinem Dafürhalten ebenso leicht auch sagen, er habe es mit leiblichen Ohren gehört. Ich selbst hatte, um die Wahrheit zu bekennen, nie gedacht, dass es auch noch eine andere Art des Hörens und Vernehmens gebe, bis ich es an mir selbst erfahren. Diese Erfahrung aber kam mir, wie schon erwähnt, teuer zu stehen.

9. Kommt die Ansprache vom Teufel, so lässt sie keine guten, sondern sogar schlechte Wirkungen zurück. Dies ist mir jedoch nicht öfter als ein oder zweimal widerfahren, und ich wurde sogleich vom Herrn belehrt, dass der böse Feind zu mir gesprochen habe. Um nichts zu sagen von der großen Trockenheit, die hier zurückbleibt, entsteht in der Seele eine Unruhe, jener ähnlich, die ich oftmals erfahren habe, wenn der Herr schwere Anfechtungen und Seelenleiden verschiedener Art in mir zuließ, und die mich, wie ich später noch sagen werde, auch jetzt noch oftmals quält. Es in eine Unruhe, von der man nicht weiß, woher sie kommt. Die Seele scheint sich zu widersetzen, sie ist verwirrt und betrübt und weiß noch nicht warum; denn was der Teufel hier spricht, in nicht böse, sondern gut. Ich meine, ein Geist spüre den anderen. Die Süßigkeit und Wonne, die der böse Feind gibt, ist meines Erachtens (von jener, die eine Folge der göttlichen Ansprachen ist,) sehr verschieden, und er könnte mit den von ihm angeregten Wonnegefühlen nur den betrügen, der noch keine anderen, göttlichen, gehabt hat.

10. Ich rede da von wahren Wonnegefühlen, die in einer lieblichen, kräftigen, tief eingeprägten, wonnevollen und ruhigen Erquickung der Seele bestehen; nicht aber meine ich gewisse unbedeutende Regungen der Andacht, die Tränen hervorrufen, noch auch andere flüchtige Gefühle, die wie Blüten vom ersten Lüftchen der Verfolgung verweht werden; diese nenne ich noch nicht Andacht. Sie mögen heilige Empfindungen und ein guter Anfang sein; aber zur Unterscheidung der Wirkungen des guten Geistes von jenen des bösen reichen sie nicht hin. Darum muss man allzeit sehr behutsam sein; denn Personen, die im Gebete noch nicht weiter gekommen sind als bis zu diesen kleinen Tröstungen, könnten bei vorkommenden Visionen oder Offenbarungen leicht betrogen werden. Was mich betrifft, so habe ich von solchen Dingen nicht eher etwas erfahren, als bis mir Gott aus lauter Güte das Gebet der Vereinigung verliehen hatte; ich nehme da jene erste Vision Jesu Christi aus, die ich, wie schon gesagt, vor vielen Jahren hatte. Wollte Gott, ich hätte schon damals erkannt, was ich erst später einsah, dass dies nämlich eine echte Vision war; es wäre mir von großem Nutzen gewesen. Spricht der Teufel zur Seele, so lässt er keine zärtliche Empfindung in der Seele zurück, die dann wie erschrocken ist und ein großes Missbehagen in sich fühlt.

11. Ich glaube ganz gewiss, Gott werde nicht zulassen, dass der böse Feind eine Seele betrüge, die in keinem Stücke auf sich selbst vertraut und im Glauben so befestigt ist, dass sie sich bereit findet, für jeden Artikel desselben tausendmal zu sterben; die aus Anhänglichkeit zu diesem ihr unmittelbar von Gott eingegossenen Glauben, der ein lebendiger und starker Glaube ist, immer in Gleichförmigkeit mit dem zu sein strebt, was die Kirche glaubt, und darum bald da, bald dort sich Rat erholt; und die an den Wahrheiten des Glaubens so fest hält, dass alle erdenklichen Offenbarungen, und sollten sie auch den Himmel offen sehen, nicht hinreichten, sie von einem einzigen Punkte abzubringen, den die Kirche lehrt. Würde sie sich aber hierin bisweilen wankend fühlen oder sich bei dem Gedanken aufhalten: »Wenn mir Gott dieses sagt, kann es ja ebenso wahr sein, wie das, was er zu dem Heiligen geredet« (so wäre sie wohl nicht ohne Gefahr, vom Teufel betrogen zu werden). Ich nehme an, sie schenke einem solchen Gedanken noch keinen Glauben, sondern es sei nur dessen erste Regung, womit der böse Feind sie zu versuchen beginnt; denn (mit Wissen und Willen) sich darin aufhalten, wäre offenbar sehr schlimm. Übrigens werden meines Erachtens bei einer Seele, die der Herr durch Mitteilung dieser Gnaden so sehr im Glauben befestigt hat, diese ersten Regungen nicht oft vorkommen; denn sie fühlt sich so stark, dass sie um der geringsten von der Kirche gelehrten Wahrheit willen alle bösen Geister vernichten zu können meint.

12. Ich sage deshalb: wenn sie diese große Festigkeit nicht in sich findet und die Tröstungen und Visionen ihr nicht dazu verhelfen, so halte sie diese Dinge für verdächtig. Denn wenn sie auch den Nachteil nicht gleich bemerkt, so könnte er doch nach und nach groß werden. Nach meiner Einsicht und Erfahrung darf man nur dann glauben, dass eine Offenbarung von Gott komme, wenn sie mit der Heiligen Schrift übereinstimmt; wiche sie aber auch nur im mindesten davon ab, so würde ich unvergleichlich fester glauben, sie komme vom Teufel, als ich jetzt glaube, dass die mir gewordenen Offenbarungen von Gott sind, so groß auch meine Gewissheit über letzteres ist. Da braucht man kein anderes Kennzeichen mehr zu suchen, um zu wissen, von welchem Geiste eine solche Offenbarung herrührt; denn dieses Zeichen weist so klar auf den teuflischen Ursprung hin, dass ich, wenn auch die ganze Welt mich versicherte, sie komme von Gott, dies nie und nimmer glauben würde. Das Wirken des Teufels ist auch daran zu erkennen, dass alles Gute aus der Seele zu schwinden und zu weichen scheint; sie ist verdrießlich und aufgeregt und verspürt keine gute Wirkung in sich. Und scheint auch der böse Geist gute Begierden in ihr zu erwecken, so sind sie doch nicht kräftig; die Demut aber, die er bewirkt, ist unecht, unruhig und ohne jede Anmut. Ich meine, wer immer das Wirken des guten Geistes schon erfahren hat, wird teuflischen Trug aus diesen Zeichen erkennen.

13. Trotzdem kann der böse Feind doch noch viele Täuschungen verursachen. Darum gibt es hier keine so große Sicherheit, dass man gar nichts mehr zu fürchten, nicht immer auf der Hut zu sein und nicht einen gelehrten Führer nötig hätte, dem man nichts verschweigt. Wer aber in dieser Weise Vorsicht anwendet, der kann keinen Schaden erleiden, wiewohl mir selbst die übertriebenen Besorgnisse gewisser Personen sehr viel geschadet haben. Obgleich ich nämlich schon gewohnt war, meine Seelenangelegenheiten einem einzigen Führer zu offenbaren, besprach ich mich doch auch mit anderen darüber, aber nur dann, wenn jener mir es befahl. Da geschah es denn besonders einmal, dass ihrer mehrere, auf die ich mit Recht ein großes Vertrauen setzte, zusammenkamen, um sich eingehend darüber zu beraten, wie mir zu helfen wäre; denn sie hatten mich sehr lieb und fürchteten, ich möchte getäuscht sein. Ich selbst hatte, wenn ich nicht im Gebete war, die größte Furcht; war ich aber im Gebete und erwies mir der Herr dabei irgendeine der besagten Gnaden, so fühlte ich mich darüber sicher. Wie ich meine, waren es fünf oder sechs, die sich zur Beratung versammelt hatten, und zwar alle große Diener Gottes. Da kündigte mir mein Beichtvater an, sie alle stimmten darin überein, die außerordentlichen Dinge, die sich mit mir zutrügen, seien das Werk des bösen Feindes; ich sollte nicht mehr so oft kommunizieren und mich in einer Weise zu zerstreuen suchen, dass ich wenigstens die Einsamkeit meide. Ich war, wie gesagt, selbst schon äußerst furchtsam, und mein Herzleiden vermehrte noch meine Furcht, so dass ich es oftmals auch bei Tag nicht wagte, allein in einem Zimmer zu bleiben. Als ich nun sah, wie so viele Männer einstimmig dasselbe sagten, und ich es dennoch nicht glauben konnte, verursachte mir dies die größte Gewissensangst; denn ich hielt es für Mangel an Demut. Waren ja doch alle unvergleichlich tugendhafter als ich und noch dazu gelehrte Männer; warum also, dachte ich, sollte ich ihnen nicht glauben? Ich zwang mich dazu, soviel ich konnte; ich stellte mir mein sündhaftes Leben vor und dachte, diesem gemäß müssten jene wohl die Wahrheit gesprochen haben.

14. So geängstigt und betrübt ging ich eines Tages aus der Kirche in ein Oratorium, nachdem ich schon viele Tagt nicht mehr kommuniziert und die Einsamkeit aufgegeben hatte, worin doch sonst mein ganzer Trost bestand. Ich hatte auch nicht einen Menschen, zu dem ich meine Zuflucht nehmen konnte; denn alle waren wider mich. Einige schienen mich auszulachen, wenn ich ihnen erzählte, was sich mit mir zutrug, da sie meinten, ich bilde mir nur etwas ein; andere warnten den Beichtvater, sich vor mir in acht zu nehmen; andere endlich sagten, diese Dinge seien offenbar vom bösen Feinde. Nur der Beichtvater tröstete mich immer, wiewohl er sich nach der Ansicht jener Männer richtete, um mich, wie ich später sah, zu prüfen. Er sagte zu mir: wenn auch der Teufel sein Spiel mit mir treibe, so könne er mir doch nichts anhaben, solange ich Gott nicht beleidige; es werde schon noch anders werden, ich sollte nur Gott fleißig darum bitten; er sowohl als auch alle seine Beichtkinder und noch mehrere andere Personen würden viel für mich beten. Ich selbst richtete all mein Gebet dahin, dass die göttliche Majestät mich einen anderen Weg führen wolle, und ersuchte alle frommen Diener Gottes, die ich kannte, in dieser Meinung für mich zu beten. Zwei Jahre mögen es gewesen sein, während der ich unablässig den Herrn so mit Bitten bestürmte. Mein Trost genügte mir mehr, wenn ich an die Möglichkeit dachte, dass der Teufel es sei, der so oft zu mir spreche. Denn seitdem ich nicht mehr zur bestimmten Stunde in der Einsamkeit dem Gebete oblag, verlieh mir der Herr auch im Verkehr mit anderen die Gabe der Sammlung und redete zu mir, was ihm wohlgefiel, ohne dass ich seinen Worten meine Aufmerksamkeit entziehen konnte; ich musste sie anhören, wie ungern ich auch wollte.

15. Alleinstehend also und ohne jemand zu haben, bei dem ich mein Herz hätte ausschütten können, war meine Betrübnis zuweilen, ja oftmals sehr groß. Ich war also in jenem Oratorium, wohin ich mich, wie gesagt, begeben hatte, so über die Maßen betrübt wie sonst nie. Ich vermochte da weder mündlich zu beten noch zu lesen. Entsetzt über so große Prüfungen und voller Angst, ich möchte vom bösen Feinde betrogen werden, ganz verwirrt und trostlos, wusste ich nicht, was ich anfangen sollte. So verharrte ich vier bis fünf Stunden ohne irgendeinen Trost weder vom Himmel noch von der Erde, nur dem Leiden, dem der Herr mich überließ, und der Furcht vor tausend Gefahren preisgegeben. Aber, o mein Herr, welch ein wahrer Freund und wie mächtig bist du! Wenn du willst, so kannst du helfen, und du hörst nicht auf, denen helfen zu wollen, die dich lieben. Alle Geschöpfe sollen dich preisen, du Herr der Welt! O könnte ich es in der ganzen Welt laut verkünden, wie treu du bist gegen deine Freunde! Wenn auch alle Geschöpfe uns verlassen, du, o Herr über alles, verlässt uns nie. Nur kurze Zeit lässt zu jene leiden, die dich lieben. O mein Herr, wie zart und fein, wie lieblich weißt du mit ihnen umzugehen! O dass ich mich doch nie einer anderen Liebe hingegeben hätte als der Liebe zu dir! Du, o Herr, scheinst jene, die dich lieben, nur deshalb so streng zu prüfen, damit sich im Übermaße ihres Leidens das noch größere Übermaß deiner Liebe offenbare. O mein Gott, hätte ich doch Verstand, Wissenschaft und neue Worte, um deine Werke so zu preisen, wie meine Seele sie erkennt! Alle Hilfe fehlt mir; aber wenn nur du, o Herr, mir deine Hilfe nicht versagst, so werde ich dich nicht verlassen. Ja, mögen alle Gelehrten sich gegen mich erheben, mögen alle Geschöpfe mich verfolgen und die Teufel alle peinigen: du, o Herr, verlässt mich nicht; denn aus Erfahrung weiß ich, mit welchem Gewinne du jene befreist die auf dich allein vertrauen. So war es auch diesmal der Fall. Die Worte, die der Herr zu mir sprach: »Habe keine Angst, meine Tochter! Denn ich bin es; ich werde dich nicht ohne Hilfe lassen, fürchte dich nicht!«, diese Worte allein reichten hin, mich von jener so großen Beängstigung zu befreien und vollständig zu beruhigen. Eine Vision aber hatte ich auch damals noch nicht.

16. In diesem Zustande hätte man mir meines Erachtens, um mich zu beruhigen, viele Stunden lang zureden können, aber es hätte nichts genützt. Durch diese Worte des Herrn allein aber wurde ich vollkommen beruhigt und mit solcher Kraft, mit solchem Mute, mit solcher Sicherheit und Ruhe, mit solchem Lichte erfüllt, dass ich meine Seele in einem Augenblicke ganz verändert sah und, wie mich dünkt, gegen die ganze Welt verteidigt hätte, dass Gott zu mir gesprochen. O welch guter Gott ist doch dieser Gott! Welch guter und mächtiger Herr ist er! Nicht bloß guten Rat gibt er, sondern er spendet auch die Hilfe zugleich; seine Worte sind Werke. Und wie kräftigt er den Glauben, wie vermehrt er die Liebe! Dies ist die volle Wahrheit, so dass ich schon oft daran dachte, wie der Herr einst, als auf dem Meere ein Sturm entstanden war, den Winden gebot, sich zu legen. Und so sprach ich denn auch damals: wer ist der, dem alle meine Kräfte so gehorchen, der in einem Augenblicke so große Finsternis erhellt und ein Herz erweicht, das zuvor hart zu sein schien wie ein Stein? Wer ist es, der Wasser süßer Tränen gibt, wo nichts als langdauernde Trockenheit in Aussicht stand? Wer erweckt dieses Verlangen in mir, und wer gibt mir diesen Mut? Denn so dachte ich bei mir: was fürchte ich noch? Wo gibt es etwas, das ich noch zu fürchten habe? Diesem Herrn verlange ich zu dienen; ich suche nichts anderes, als ihm zu gefallen. Ich will weder Freude, noch Ruhe, noch ein anderes Gut, sondern nur die Erfüllung seines Willens. So konnte ich in Wahrheit sagen, denn ich glaubte meiner Sache ganz gewiss zu sein.

17. Wenn also dieser Herr, sprach ich bei mir weiter, so mächtig ist, wie ich es weiß und sehe, und wenn nach der Lehre des Glaubens kein Zweifel besteht, dass die Teufel seine Sklaven sind, indes ich eine Dienerin dieses Herrn und Königs bin, was können mir alsdann diese bösen Geister Leid zufügen? Warum sollte ich nicht stark genug sein, um mit der ganzen Hölle den Kampf aufzunehmen? Ich nahm dann ein Kreuz in die Hand, und es schien mir, als gebe mir Gott wirtlich Mut; denn in so kurzer Zeit sah ich mich ganz verändert, so dass ich mich nicht gefürchtet hätte, mit den bösen Geistern handgemein zu werden; mit diesem Kreuze glaubte ich sie alle leicht überwinden zu können. Und so sprach ich denn: jetzt kommt nur alle herbei; ich bin eine Dienerin des Herrn und will also sehen, was ihr mir anhaben könnt!

18. In der Tat schienen sich die bösen Geister seither vor mir zu fürchten; denn von da an blieb ich ruhig und so frei von Furcht vor ihnen allen, dass alle meine bisherigen Ängste bis auf den heutigen Tag mich verlassen haben. Obschon ich sie, wie ich in der Folge noch berichten werde, einigemal sah, so hatte ich doch auch hier fast keine Furcht mehr vor ihnen; im Gegenteil scheinen sie sich vor mir zu fürchten. Durch die Gnade des Herrn, dem alle Geschöpfe unterworfen sind, blieb mir eine solche Herrschergewalt über sie, dass ich mir so wenig aus ihnen mache wie aus Fliegen. Sie kommen mir so feig vor, dass ihnen, wenn sie sich verachtet sehen, alle Kraft zu schwinden scheint. Diese Feinde wissen nur dann offen anzugreifen, wenn sie wissen, dass man sich ihnen unterwirft, oder wenn ihnen Gott zu größerem Nutzen seiner Diener gestattet, sie zu versuchen und zu peinigen. Möge doch die göttliche Majestät verleihen, dass wir fürchten, was mir fürchten sollen, und dass wir einsehen, wie eine einzige lässliche Sünde uns mehr schaden kann als die ganze Hölle zusammen! Denn das ist wirklich so.

19. Ach, wie halten uns doch die bösen Geister in Schrecken, weil wir es selbst bei unseren Anhänglichkeiten an Ehre, Reichtümer und Freuden nicht anders wollen! Da freilich fügen sie uns im Bunde mit uns selbst großen Schaden zu, weil wir dadurch, dass wir lieben und verlangen, was wir hassen sollten, unsere eigenen Gegner sind; denn da geben mir ihnen unsere eigenen Waffen, womit wir uns verteidigen sollten, zum Kampfe wider uns selbst in die Hand. Das ist sehr traurig. Verabscheuen wir aber um Gottes willen alle diese Dinge; umarmen wir das Kreuz und suchen wir Gott in Wahrheit zu dienen, so flieht der Teufel vor diesem Leben der Wahrheit wie vor der Pest. Er ist ein Lügenfreund, ja die Lüge selbst; mit dem, der in der Wahrheit wandelt, verbindet er sich nicht. Wenn er aber merkt, dass der Verstand eines Menschen verdunkelt ist, trägt er auf geschickte Weise dazu bei, dass er gar nicht mehr sieht. Denn wenn er wahrnimmt, dass einer so blind ist und keinen Trost in den eitlen Dingen dieser Welt sucht — ja in den eitlen Dingen dieser Welt, die nichts anderes sind als ein Kinderspielzeug — und er sich wie ein Kind verhält, so sieht ihn der Teufel auch als ein Kind an; er geht mit ihm wie mit einem solchen um und wagt es, ein um dass andere Mal, mit ihm zu ringen.

20. Gebe der Herr, dass ich nicht auch aus der Zahl dieser Blinden sei! Seine Majestät verleihe mir die Gnade, dass ich als Ruhe, als Ehre nur die wahre Ehre und als Freude nur die wahre Freude, nicht aber in allem das Gegenteil erkenne! Dann brauche ich den bösen Geistern nur die Feige zu zeigen, und alle werden sie vor mir fürchten. Ich begreife nicht, warum wir uns so fürchten und erschreckt rufen: »Der Teufel! Der Teufel!«, da wir doch »Gott! Gott!« rufen und den Teufel damit zittern machen können. Wissen wir ja doch, dass dieser sich nicht einmal rühren kann, wenn der Herr es ihm nicht gestattet. Was soll also die Furcht? Es ist gewiss wahr, dass ich jetzt jene, die den Teufel gar so sehr fürchten, mehr fürchte als den Teufel selbst; denn dieser kann mir nichts anhaben, indes jene große Unruhe bereiten, besonders wenn sie Beichtväter sind. Ich habe einige Jahre durch sie so viel zu leiden gehabt, dass ich mich jetzt darüber wundere, wie ich es aushalten konnte. Gepriesen sei der Herr, der mir so treu geholfen hat!

Sechsundzwanzigstes Hauptstück

Fortsetzung des nämlichen Gegenstandes. Umstände, die mit den an sie ergangenen Ansprachen verbunden waren und die sie bewogen, die Furcht abzulegen und sich der Überzeugung hinzugeben, dass ein guter Geist mit ihr spreche.

1. Den Mut, den mir der Herr wider die bösen Geister gegeben, halte ich für eine der größten Gnaden, die er mir verliehen hat; denn es bringt den größten Nachteil, wenn eine Seele verzagt ist und sich vor etwas anderem fürchtet als vor der Beleidigung Gottes. Wir haben ja einen so allmächtigen König und gewaltigen Herrn, der alles vermag und dem alles unterworfen ist; darum brauchen wir uns vor nichts zu fürchten, wenn anders wir, wie gesagt, in der Wahrheit und mit reinem Gewissen vor ihm wandeln. Dazu aber, dass ich in keinem Stücke den beleidige, der in selbigem Augenblicke mich vernichten kann, wünschte ich mir alle mögliche Furcht; denn ist Seine Majestät mit uns zufrieden, dann werden alle unsere Widersacher beschämt von uns weichen.

2. Dagegen könnte man einwenden: »Dies ist wohl wahr; aber wo ist eine so gerechte Seele, die durchweg Gott gefällig ist? Und das macht mich zittern.« Die meinige allerdings ist nicht so beschaffen; denn sie ist sehr elend, unnütz und mit tausend Armseligkeiten behaftet; aber Gott verfährt auch nicht mit uns wie die Menschen, da er weiß, welchen Schwachheiten wir unterworfen sind. Die Seele erkennt es, wenn sie Gott in Wahrheit liebt; sie schließt dies aus sehr deutlichen Zeichen, die sie in sich selbst gewahrt. Die Liebe bleibt nämlich bei denen, die zu einem sehr erhabenen Stande gelangt sind, nicht verborgen wie bei den Anfängern, sondern sie offenbart sie durch mächtige Antriebe und durch ein sehnsüchtiges Verlangen, Gott zu schauen, wie ich schon gesagt habe und ferner noch sagen werde. Da ist ihr alles, was nicht mit Gott oder wegen Gott geschieht, zuwider, quälend und peinigend; da findet sie auch in der Ruhe nichts als Ermüdung, weil sie sich von ihrer wahren Ruhe entfernt sieht. Es ist also ganz klar, dass die wahre Liebe, wie gesagt, nicht verborgen bleibt.

3. Einstmals geschah es, dass ich wegen eines gewissen Unternehmens, von dem ich später noch erzählen werde, große Bedrängnisse und üble Nachreden zu erdulden hatte, die fast im ganzen Orte, wo ich wohne, und auch in meinem Orden über mich ergingen. Infolge der vielen Gefahren, die diesem Unternehmen drohten, war ich beunruhigt und trübt. Da sprach der Herr zu mir: »Was fürchtest du dich? Weißt du nicht, dass ich allmächtig bin? Ich werde vollbringen, was ich dir verheißen habe.« Und wirklich, so ist es auch bald darauf gesehen. Ich aber fühlte mich gleich so gestärkt, dass ich meines Erachtens aufs neue wieder andere Dinge mit noch größeren Beschwerden zur Ehre Gottes unternommen und aufs neue mich den Leiden ausgesetzt hätte. Solche Ansprachen wurden mir so oft zuteil, dass ich sie gar nicht zählen könnte. Oftmals waren es Strafworte, die ich vernahm, wie dies auch jetzt noch der Fall ist, wenn ich mir Unvollkommenheiten zuschulden kommen lasse. Diese Worte sind derartig, dass sie die Seele vernichten könnten; wenigstens haben sie die Besserung zur Folge, da die göttliche Majestät, wie gesagt, Rat und Heilung zugleich gibt. Manchmal erinnert mich der Herr an meine früheren Sünden, vor allem, wenn er mir eine ganz besondere Gnade erweisen will. Dann meint die Seele, sie stehe schon vor dem wirklichen Gerichte; denn da wird ihr eine so klare Erkenntnis der Wahrheit zuteil, dass sie nicht weiß, wohin sie sich verbergen soll. Manchmal wurde ich auf Gefahren aufmerksam gemacht, die mir oder anderen drohten; ebenso erhielt ich viele Offenbarungen über zukünftige Dinge, die alle, wenn auch erst in drei oder vier Jahren, eingetroffen sind. Vielleicht werde ich einige dieser Offenbarungen noch erzählen. Es gibt also so viele Anzeichen, die auf eine Ansprache Gottes hinweisen, dass wir diese meines Erachtens nicht verkennen können.

4. Das Sicherste ist immer, dass man, wie der Herr selbst mir öfter gesagt hat, nicht unterlasse, seine Seele und alle Gnaden, die man vom Herrn empfängt, einem gelehrten Beichtvater vollkommen zu offenbaren und ihm zu gehorchen. Ich selbst handle so, denn sonst hätte ich keine Ruhe. Es wäre auch nicht gut, wenn wir Frauenspersonen, die wir keine Wissenschaft besitzen, selbst uns beruhigen wollten. Dagegen bringt das hier angegebene Verhalten keinen Nachteil, wohl aber viele Vorteile mit sich. Ich hatte einen Beichtvater, der mich sehr in der Abtötung übte und mir, weil er mich so beunruhigte, zuweilen Betrübnis und großes Leid bereitete; und doch war es gerade dieser, der mich nach meinem Dafürhalten am meisten förderte. Trotz meiner großen Liebe zu ihm ward ich doch mehrmals versucht, ihn zu verlassen; denn ich meinte, die nur von ihm verursachten Leiden hinderten mich im Gebete. So oft ich aber dazu entschlossen war, vernahm ich sogleich die Stimme des Herrn, es nicht zu tun; dazu gab er mir einen so scharfen Verweis, dass mich dieser mehr peinigte als was ich vom Beichtvater leiden musste. Ich halte also meinerseits mit mir selbst zu kämpfen, andererseits erfuhr ich Zurechtweisung, und deshalb war ich zuweilen sehr betrübt. Aber so war es notwendig, weil ich meinen Willen noch zu wenig gebrochen hatte. Da sprach der Herr einmal zu mir, dass dies kein Gehorsam sei, wenn ich mich nicht bereit erkläre zu leiden; ich sollte auf das schauen, was er gelitten, dann werde mir alles leicht werden.

5. Ein anderer Beichtvater, der anfangs meine Beichten gehört, gab mir folgenden Rat: Wenn ich einmal überzeugt sei, dass etwas von einem guten Geist herrühre, so solle ich schweigen und mit niemand mehr darüber reden, da es besser sei, dergleichen Dinge geheimzuhalten. Dieser Rat schien mir nicht übel zu sein; denn es kam mich jedesmal sehr hart an, dem Beichtvater die Gnaden mitzuteilen, die Gott mir verlieh; ja wenn es sich um hohe Gunstbezeigungen handelte, war meine Scham manchmal so groß, dass ich lieber schwere Sünden gebeichtet hätte. Ich meinte nämlich, man werde mir nicht glauben und mich nur auslachen; dies aber tat mir sehr wehe, weil ich dachte, dass dadurch die Wundertaten Gottes herabgesetzt würden, und deshalb hätte ich gern geschwiegen. Da sagte der Herr zu mir, dass mir dieser Beichtvater sehr übel geraten habe. Ich sollte meinem Beichtvater in keiner Weise etwas verheimlichen, denn darin liege eine große Sicherheit. Würde ich das Gegenteil tun, so könnte ich manchmal mich täuschen.

6. Sooft mir der Herr im Gebete etwas gebot und der Beichtvater mir etwas anderes befahl, gab mir der Herr wieder den Auftrag, diesem zu gehorchen; dann aber stimmte Seine Majestät den Beichtvater so um, dass auch er mir dasselbe befahl.

7. Als einst viele Bücher in der Muttersprache verboten wurden, fiel mir dies sehr schwer; denn einige hatte ich mit Freude gelesen und nun konnte ich es nicht mehr, weil sie nur noch in lateinischer Sprache zugelassen wurden. Da sprach der Herr zu mir: »Betrübe dich nicht, ich will dir ein lebendiges Buch geben.« Weil ich damals noch keine Visionen hatte, so konnte ich den Sinn dieser Worte nicht begreifen. Nach sehr kurzer Zeit aber verstand ich ganz gut, was damit gemeint war; denn in dem, was ich schaute, fand ich so reichlichen Stoff zum Betrachten und zur innerlichen Sammlung, und der Herr unterwies mich auf mannigfache Weise mit solcher Liebe, dass ich der Bücher nur wenig, ja gar nicht mehr bedurfte. Die göttliche Majestät selbst war das wahre Buch, in dem ich die Wahrheit schaute. Gepriesen sei dieses Buch! Es prägt das, was man lesen und tun soll, so tief ein, dass man es nicht vergessen kann. Wer sieht wohl auch den Herrn mit Wunden bedeckt und Verfolgungen leidend, ohne selbst das Kreuz der Verfolgungen zu umfassen, zu lieben und danach zu verlangen? Wer schaut etwas von der Glorie, die er seinen Dienern verleiht, ohne zur Einsicht zu gelangen, dass alles, was man tun und leiben kann, im Vergleiche mit einem solchen Lohne, den wir erwarten, nichts ist? Wer sieht die Peinen der Verdammten, der nicht im Vergleiche mit ihnen alle Martern dieser Welt für Freuden erachtete und nicht erkännte, wie sehr er dem Herrn verbunden ist, dass er ihn so oft vor dem Orte dieser Peinen bewahrt hat? Weil ich aber mit der Hilfe Gottes einiges von diesen Dingen später mit mehr Ausführlichkeit sagen werde, so will ich in der Beschreibung meines Lebens weiterfahren.

8. Gott gebe, dass ich mich in dem bisher Gesagten genügend erklärt habe! Wer übrigens darin Erfahrung hat, der wird es meines Erachtens verstehen und sich überzeugen, dass ich mich so ziemlich richtig ausgedrückt habe. Wer aber davon nichts erfahren hat, über den wundere ich mich nicht, wenn er alles für dummes Geschwätz hält. Ich würde ihm auch wegen seines Urteils keine Schuld beimessen; denn um ihn zu entschuldigen, genügt der Umstand, dass ich es geschrieben habe. Der Herr lasse mich wenigstens in Erfüllung seines Willens das Rechte treffen! Amen.

Siebenundzwanzigstes Hauptstück

Der Herr unterrichtet die Seele auf eine andere Weise und gibt ihr wunderbar ohne Worte seinen Willen kund. Eine sehr erhabene, nicht einbildliche Vision, die ihr der Herr zuteil werden ließ. Dieses Hauptstück ist sehr zu beachten.

1. Ich nehme nun die Beschreibung meines Lebens wieder auf. In der erwähnten martervollen Bedrängnis, in der ich mich befand, wurde, wie gesagt, viel für mich gebetet, damit mich der Herr einen anderen, sichereren Weg führe, weil man den, den ich wandelte, für verdächtig hielt. Ich selbst flehte darum zu Gott und hätte gern einen anderen Weg auch verlangt; allein dies war mir ungeachtet meines beständigen Gebetes nicht möglich, weil ich den großen Fortschritt meiner Seele sah. Nur manchmal konnte ich es, wenn ich nämlich infolge der vielen Dinge, die man mir sagte, und der Furcht, die man mir einflößte, recht betrübt war. Ich sah mich ganz verändert und konnte darum weiter nichts tun, als mich den Händen Gottes überlassen, damit er ganz nach seinem Willen mit mir verfahre; wusste er ja am besten, was mir zum Heile diente. Ich sah ein, dass er mich auf diesem Wege dem Himmel zuführte, wohin ja doch mein Verlangen gerichtet war, wogegen ich früher der Hölle zuging; und obwohl ich mein möglichstes tat, konnte ich es doch nicht erzwingen, zu glauben, dass der Teufel in mir wirkt; ebenso war es mir auch unmöglich, zu verlangen, dass der Herr mich einen anderen Weg führe; dies stand einmal nicht in meiner Gewalt. Wenn ich irgendein gutes Werk tat, so opferte ich es in besagter Meinung auf. Ich erwählte mir Heilige zu Patronen, damit sie mich vor dem bösen Feinde beschützen möchten. Ich hielt neuntägige Andachten und empfahl mich dem heiligen Hilarion und dem heiligen (Erz)Engel Michael, die ich zu diesem Zwecke mit neuer Andacht verehrte. Ich bestürmte viele andere Heilige mit Bitten, sie möchten es doch beim Herrn bewirken, dass er die Wahrheit offenbare.

2. So verflossen zwei Jahre, während der ich im Vereine mit anderen Personen um die Gnade betete, der Herr wolle mich entweder einen anderen Weg führen oder die Wahrheit offenbaren; denn die Ansprachen, deren ich, wie gesagt, vom Herrn gewürdigt wurde, wiederholten sich beständig. Da trug sich mit mir folgendes zu:

3. Als ich mich an einem Festtage des glorreichen heiligen Petrus eben im Gebete befand, sah ich oder, besser gesagt, nahm ich wahr — ich sah nämlich weder mit den Augen des Leibes noch der Seele etwas — , dass Christus ganz nahe bei mir stand. Zugleich erkannte ich, dass er es sei, der, wie mir geschienen, (immer) zu mir spreche. Ich wusste ganz und gar nicht, dass es eine solche Vision geben könne; darum überfiel mich anfangs eine große Furcht, und ich konnte nur weinen. Sobald aber der Herr nur ein einziges Wort zu meiner Beruhigung gesprochen, war ich, wie gewöhnlich, voll Ruhe, voll Trost und ohne alle Furcht. Es kam mir vor, als befinde sich Jesus immer an meiner Seite; weil dies aber keine einbildliche Vision war, so sah ich auch keine Gestalt von ihm, erkannte jedoch sehr klar, dass er allzeit zu meiner Rechten ging und Zeuge meines Tuns und Lassens war. Sobald ich mich nur ein wenig sammelte, oder wenn ich nicht gar zu sehr zerstreut war, musste ich wahrnehmen, dass er sich neben mir befand.

4. Sogleich, aber schweren Herzens, begab ich mich zu meinem Beichtvater, ihm diese Vision mitzuteilen. Er fragte mich, in welcher Gestalt ich Christum sehe? Ich antwortete, dass ich ihn nicht sehe. Darauf fragte er wieder, wie ich denn wisse, dass es Christus sei? Ich antwortete, dass ich das »Wie« selbst nicht wisse; aber ich könne nicht umhin, wahrzunehmen, dass er neben mir weile, ich sehe und erkenne es klar; auch sei die Sammlung der Seele im Gebete der Ruhe weit inniger und andauernder, die Wirkungen seien ganz andere als die gewöhnlichen, und dies alles sei mir ganz klar. Ich konnte mich nur durch Gleichnisse ausdrücken, um mich verständlich zu machen; aber für diese Art von Visionen scheint mir keines recht zu passen. Sie gehört zu den erhabensten, die es gibt, wie mir später ein heiliger, im geistlichen Leben sehr erfahrener Mann, Bruder Petrus de Alcántara mit Namen, sagte, von dem ich noch ausführlicher erzählen werde; auch andere hochgelehrte Männer behaupteten dasselbe. Nach ihnen ist es unter allen Arten von Visionen gerade diese, in die sich der böse Feind am allerwenigsten einmischen könne. Wir Frauenspersonen, die wir so wenig verstehen, finden keine Ausdrücke, um uns darüber aussprechen zu können; die Gelehrten werden dies besser zu erklären wissen. Sage ich, ich sehe Christum weder mit den Augen des Leibes noch der Seele, eben weil es keine (körperliche, noch auch eine) einbildliche Vision ist: wie kann ist dann, und zwar weit klarer, als wenn ich ihn sähe, erkennen und auf der Behauptung bestehen, dass er neben mir sei? Denn ob es auch scheinen möchte, es sei hier ebenso, wie wenn jemand, der blind oder im Finstern ist und also nichts sieht, einen anderen neben sich bemerkt, so passt dieses Gleichnis doch nicht recht. Es hat wohl eine Ähnlichkeit damit, aber nicht viel; denn dort hat man das Zeugnis der Sinne; man hört den anderen reden oder sich bewegen, oder tastet ihn an; hier aber kommt nichts solches vor. Auch merkt man keine Finsternis, sondern der Herr stellt sich der Seele in einer Wahrnehmung dar, die weit klarer ist als die Sonne. Ich sage nicht, dass man Sonnenlicht oder eine andere Klarheit sieht; es ist aber ein Licht, das den Verstand, ohne dass man Licht sieht, erleuchtet, auf dass die Seele ein so großes Gut genieße. Eine solche Gnade bringt große Vorteile mit sich.

5. Diese Vision ist nicht wie eine gewisse Gegenwart Gottes, die besonders jene, denen das Gebet der Vereinigung und der Ruhe gegeben ist, oftmals fühlen. Dort finden wir nämlich, wie es scheint, sobald wir zu beten beginnen, den, mit dem wir reden wollen; wir meinen es zu erkennen, dass er uns hört, und zwar aus den Wirkungen und den geistigen Gefühlen, die wir wahrnehmen, als da sind: die Gefühle einer glühenden Liebe, eines starken Glaubens, mit süßer Wonne verbundene Entschlüsse. Es ist dies zwar eine große Gnade von Gott, und wem sie gegeben ist, der schätze sie hoch, weil sie eine sehr erhabene Stufe des Gebetes ist; allein sie ist noch keine Vision. Man nimmt diese Gegenwart Gottes nur aus den Wirkungen wahr, die sie, wie gesagt, in der Seele hervorbringt und wodurch Seine Majestät sich ihr fühlbar machen will. Hier aber, in besagter Vision, erkennt man klar, dass Jesus Christus, der Sohn der Jungfrau, gegenwärtig ist. In jenem anderen Gebete offenbaren sie nur gewisse Einflüsse der Gottheit; hier aber erkennt man nebstdem, dass auch die allerheiligste Menschheit bei uns ist und uns Gnaden erweisen will. Mein Beichtvater fragte mich, wer es mir denn gesagt habe, dass dies Jesus Christus sei? Ich antwortete: er selbst sagt es mir oft; und schon ehe er es mir gesagt, ist es meinem Verstande eingeprägt; aber auch schon vorher hatte er es mir gesagt, als ich diese Vision noch nicht hatte.

6. Wenn ich blind wäre oder im Finstern weilte, und es käme jemand, den ich noch nie gesehen, von dem ich nur erzählen gehört, zu mir, um mit mir zu sprechen, und er sagte mir, wer er sei, so müsste ich es wohl glauben; aber nie könnte ich mit solcher Bestimmtheit behaupten, er sei es wirklich, wie wenn ich ihn gesehen hätte. Hier, bei dieser Vision, kann ich es; denn ohne etwas zu sehen, nimmt man die Gegenwart des Herrn durch eine so klare Erkenntnis wahr, dass man meines Erachtens daran nicht zweifeln kann. Ja, nach dem Willen des Herrn soll seine Gegenwart dem Verstande so deutlich eingeprägt werden, dass ein Zweifel noch weniger möglich ist, als wenn man etwas mit leiblichen Augen sieht. Denn obgleich wir etwas mit Augen sehen, so steigt uns doch manchmal der Verdacht auf, wir möchten etwa getäuscht worden sein; aber hier bleibt, wenn uns auch ein flüchtiger Verdacht käme, doch andererseits eine so große Gewissheit, dass der Zweifel keine Kraft hat.

7. So, wie ich gesagt habe, ist es auch, wenn Gott die Seele in einer anderen Weise, als ich schon erklärt habe, unterweist und ohne Worte zu ihr redet. Es ist dies eine so himmlische Sprache, dass sie, wenn nicht der Herr selbst sie durch die Erfahrung lehrt, auf Erden nicht wohl verständlich gemacht werden kann, mit gern man auch wollte. Gott legt das, was die Seele nach seinem Willen verstehen soll, in ihr Tiefstinnerstes hinein und stellt es ihr da ohne Bild und Wortform in der Weise vor, wie ich es von der oben erwähnten Vision gesagt habe. Diese Wirkungsweise Gottes, in der er die Seele über große und erhabene Wahrheiten und Geheimnisse sowie über andere Dinge nach seinem Wohlgefallen belehrt, beachte man wohl; denn oftmals erklärt mir der Herr gerade in dieser Weise eine Vision, deren mich Seine Majestät würdigen wollte. Hier kann sich meines Erachtens der böse Feind am wenigsten einschleichen, und zwar aus folgenden Gründen: sind sie nicht richtig, so muss ich mich täuschen.

8. Es ist nämlich diese Art von Visionen und Ansprachen etwas so Geistiges, dass nach meinem Dafürhalten weder in den Seelenkräften noch in den Sinnen irgendeine Unruhe sich findet, wodurch der Teufel etwas erreichen könnte. Indessen zeigt sich diese vollständige Abwesenheit jeglicher Regung nur von Zeit zu Zeit und dauert gar nicht lang; außerdem sind die Seelenkräfte, wie mir scheint, nicht aufgehoben und die Sinne nicht verloren, sondern nur sehr in sich selbst gekehrt; denn dieses Verlorensein der Seelenkräfte findet bei der Beschauung nicht immer, sondern nur sehr selten statt. Tritt es aber ein, so sage ich, dass wir selbst nichts tun und wirken, sondern dass alles der Herr zu wirken scheint. Da ist es gerade, wie wenn man eine Speise schon im Magen hat, ohne sie gegessen zu haben und ohne zu wissen, wie sie hineingekommen; man weiß nur, dass sie drinnen ist. Der Unterschied ist bloß der, dass ich dabei nicht weiß, was für eine Speise es ist, noch wer sie eingegeben hat, während ich dies hier, bei dieser Art göttlicher Mitteilungen, weiß; jedoch weiß ich nicht, wie mir die Mitteilung gemacht wurde, weil ich es nicht gesehen habe, noch auch begreife. Es war mir auch nie in den Sinn gekommen, nach einer solchen Gnade zu verlangen, noch hatte ich gewusst, dass so etwas möglich sein könnte.

9. Bei den Ansprachen, von denen zuvor die Rede war, bewirkt Gott, dass der Verstand, wenn er auch nicht will, auf das merkt, was Gott spricht. Es scheint da, die Seele habe andere Ohren zum Hören, und Gott bewirkt, dass sie auf seine Worte horcht und sich nicht davon abwendet. Es ist gerade so, wie wenn man einen, der gut hört, mit lauter Stimme in der Nähe anredete und ihn dabei hinderte, sich die Ohren zu verstopfen; wenn er auch nicht will, so muss er doch hören. Kurz, die Seele tut doch immerhin noch etwas, denn sie ist aufmerksam, um das zu vernehmen, was ihr gesagt wird. Hier aber, bei den Ansprachen ohne Worte, tut die Seele gar nichts, da auch das Wenige, das sie dort getan, nämlich das bloße Anhören, wegfällt. Sie findet alles gleichsam schon gekocht und gegessen und hat weiter nichts zu tun, als sich daran zu erfreuen. Es ist, wie wenn einer, der vorher nichts gelernt, nichts studiert, ja nicht einmal um lesen zu können sich bemüht hat, auf einmal findet, dass er bereits alle Wissenschaft versteht, ohne zu wissen, wie oder woher, da er sich nicht einmal bemüht hatte, das Abc zu lernen.

10. Dieser letzte Vergleich scheint mir diese himmlische Gabe einigermaßen zu erklären; denn die Seele findet sich in einem Augenblicke so mit Weisheit begabt, und das Geheimnis der allerheiligsten Dreifaltigkeit sowie andere hocherhabene Geheimnisse sind ihr so klar, dass es keinen Theologen gibt, dem gegenüber sie nicht die Wahrheit dieser Geheimnisse zu verteidigen sich getraute. Sie staunt nur so, wie eine einzige dieser Gnaden hinreicht, sie ganz zu verändern und zu bewirken, dass sie nichts anderes mehr liebt als den, der sie ohne irgendeine Anstrengung ihrerseits so großer Güter fähig macht, ihr seine Geheimnisse mitteilt und in einer Freundschaft und Liebe mit ihr handelt, die zu beschreiben nicht statthaft ist. Denn er verleiht ihr Gnaden, die, weil sie einerseits so wunderbar sind und andrerseits einer Person verliehen werden, die sie ja wenig verdient hat, Zweifel erregen und ohne recht lebendigen Glauben nicht für wahr gehalten werden könnten. Wenn es mir darum nicht anders befohlen wird, so gedenke ich auch nur wenige von diesen mir vom Herrn erwiesenen Gnaden zu erzählen. Bloß einige Visionen will ich zum Nutzen anderer mitteilen, damit nämlich jene, denen der Herr ähnliche Gnaden erweist, sich nicht so wie ich entsetzen, in der Meinung, dergleichen Dinge seien etwas Unmögliches; oder auch, um die Art und Weise oder den Weg, auf dem der Herr mich geführt hat, zu erklären. Letzteres insbesondere ist es ja auch, wozu mir der Auftrag zu schreiben erteilt wurde.

11. Um nun von der Weise, geistig zu vernehmen, weiter zu sprechen, so scheint mir der Herr dadurch bewirken zu wollen, dass die Seele einige Kenntnis von dem erhalte, was im Himmel geschieht. Wie man nämlich dort, ohne zu sprechen, einander versteht, so scheint es auch hier zu sein. Ich hatte dies nie sicher gewusst, bis der Herr in seiner großen Güte gewollt, dass ich es erfahren sollte, da er es mir in einer Verzückung offenbarte. Gott und die Seele verstehen sich schon dadurch allein, dass Seine Majestät von ihr verstanden werden will; und es ist kein anderes Mittel nötig, damit beide Freunde die Liebe kundgeben, die sie zueinander tragen. Es ist wie auf Erden zwischen zwei Personen, die einander sehr lieb haben und ein gutes Verständnis besitzen; diese scheinen sich auch ohne Zeichen schon bloß dadurch zu verstehen, dass sie einander anblicken. Dasselbe dürfte auch hier der Fall sein; ohne dass man weiß, wie es geschieht, schauen die beiden Liebenden (Gott und die Seele) unverwandt einander an, wie dies im Hohenliede der Bräutigam zur Braut sagt; denn dort steht es, wie ich gehört zu haben meine.

12. O wunderbare Güte Gottes! So lässt du dich von Augen schauen, die vorher so strafbar umhergesehen, wie es die Augen meiner Seele getan! Möchten doch diese Augen nach diesem Schauen sich gewöhnen, nichts Gemeines mehr anzusehen und an nichts mehr ein Vergnügen zu finden außer an dir! O Undank der Sterblichen! Wie lange soll er noch währen? Aus der Erfahrung weiß ich, dass es wahr ist, was ich sage, und dass man nur das wenigste von dem aussprechen kann, was du an einer Seele tust, mit der du in solcher Weise verkehrst. O ihr Seelen, die ihr die Übung des innerlichen Gebetes begonnen habt und im wahren Glauben lebt, welche Güter könnt ihr wohl in diesem Leben noch suchen, die, abgesehen von dem Gewinne im ewigen Leben, auch nur im geringsten mit jenen Gütern zu vergleichen wären, die man hier gewinnt? Sehet doch, wie Gott in Wahrheit sich denen hingibt, die um seinetwillen alles verlassen! Bei ihm ist kein Ansehen der Person: er liebt alle. Da ist keiner ausgenommen, so elend er auch sein mag, wie Gott dies an mir beweist, da er mich auf diese Stufe erhoben. Sehet, was ich hier bemerke, ist auch nicht ein Pünktlein von dem, was man sagen könnte; denn nur so viel sage ich, als notwendig ist, um diese Art von Visionen und Gnaden, die Gott der Seele mitteilt, verständlich zu machen. Was man aber empfindet, wenn Gott seine Geheimnisse und Herrlichkeiten der Seele offenbart, dass kann ich nicht in Worten ausdrücken. O was ist das für eine Wonne! Sie ist so sehr erhaben über alle irdischen Wonnen, die man sich nur denken kann, dass sie uns ganz billig mit Abscheu vor den Freuden dieses Lebens erfüllt, die ja doch alle zusammengenommen im Vergleiche mit ihr nichts als Unrat sind. Es ekelt mich schon an, diese Freuden hier auch nur als Vergleich zu gebrauchen, selbst wenn man sie ohne Ende genießen könnte. Und doch, was gibt der Herr durch Mitteilung seiner Wonnen auf Erden? Nur einen Tropfen von dem gewaltigen Strome jener Wonnen, die uns im Himmel bereitet sind.

13. Es ist eine Schande, und ich schäme mich wahrhaftig über mich selbst, und wenn es im Himmel noch eine Beschämung geben könnte, so würde ich dort noch mehr beschämt sein als irgend jemand. Wie können wir doch so große Güter und Wonnen und eine Glorie ohne Ende nur auf Kosten unseres guten Jesus suchen? Sollten wir denn nicht wenigstens mit den Töchtern Jerusalems weinen, wenn wir ihm doch nicht mit dem Manne von Cyrene das Kreuz tragen helfen? Wie, werden wir wohl mit Vergnügungen und eitlen Unterhaltungen das erlangen, was er uns durch Vergießung so vielen Blutes verdient hat? Das ist unmöglich. Oder denken wir etwa, mit eitlen Ehren eine Schmach aufzuwiegen, wie er sie erduldet hat, damit wir ewig herrschen mögen? Da hätten wir wohl keinen Grund, dies zu hoffen; da wären wir weit, recht weit abgeirrt vom Wege, und nie würden wir zu diesem Ziele gelangen. Verkünden doch euer Gnaden laut diese Wahrheiten, weil mir Gott die Freiheit dazu nicht gegeben hat. Ich möchte mir selbst sie unablässig zurufen. Ach, wie aus dieser Schrift zu ersehen ist, hörte ich so spät auf das, was Gott und mein Gewissen mir zuriefen, dass ich nur mit großer Beschämung davon spreche und darum lieber schweigen will. Bloß das will ich noch sagen, was ich manchmal bei mir selbst erwäge, wenn ich an die Seligen des Himmels denke, deren Glück der Herr auch mir dereinst verleihen wollte. Welch eine besondere Glorie und welche Freude wird es für diese Seligen sein, auch für jene aus ihnen, die erst spät dem Dienste Gottes sich hingegeben, wenn sie sehen, dass sie nicht unterlassen haben, um Gottes willen also zu tun, was sie tun konnten, und ihm jedes Opfer zu bringen, dass sie nach ihrem Stande und ihren Kräften zu bringen vermochten! Und je mehr einer getan hat, desto größer wird auch seine Glorie und Freude sein. Wie reich wird sich der finden, der um Christi willen alle Reichtümer verlassen! Wie hochgeehrt jener, der um seinetwillen die Ehre verschmäht und mit Freuden sich in tiefer Erniedrigung erblickt hat! Wie weise wird dort sein, wer sich freute, dass man ihn für einen Toren hielt, weil auch der, der die Weisheit selbst ist, sich so nennen ließ! Ach, unsere Sünden sind Ursache, dass es deren jetzt so wenige gibt! Ja, jene sind, wie es scheint, schon ausgestorben, die die Welt deshalb für Toren hielt, weil sie Zeugin der heldenmütigen Taten der wahren Liebhaber Christi war. O Welt, o Welt, wie sehr gewinnst du an Ehre, weil es so wenige gibt, die dich kennen!

14. Aber vielleicht meinen wir, es werde Gott jetzt mehr gedient dadurch, dass man uns für weise und verständig hält. Ja dies, dies muss es sein, wie aus dem Verhalten zu schließen ist, dass man in dieser Hinsicht beobachtet. Wir besorgen gleich, es möchte nicht erbaulich sein, wenn wir uns nicht, jeder nach seinem Stande, durch Kleidung und Haltung ein großes Ansehen gäben. Sogar Priester, Mönche und Nonnen bilden sich ein, ein altes und ausgebessertes Kleid zu tragen, sei eine Sonderbarkeit und gebe den Schwachen ein Ärgernis. Die gleiche Ansicht haben sie sogar auch von großer Zurückgezogenheit und von der Übung des Gebetes. So ist jetzt der Zustand in der Welt. Bei den jetzigen schlimmen Zeiten entsteht aber nach meiner Ansicht ein größerer Schaden dadurch, dass die Übungen der Vollkommenheit, wozu die Heiligen sich mächtig angetrieben fühlten, so sehr in Vergessenheit geraten sind, während das Ärgernis viel geringer wäre, wenn die Ordensfrauen auch mit Werken bewiesen, was sie mit Worten bekennen, dass nämlich die Welt zu verachten sei. Aus solchen Ärgernissen schafft der Herr großen Nutzen; denn wenn auch einige sich ärgern, so werden doch andere im Gewissen gemahnt. Zum wenigsten hätten wir Nachbilder von dem, was Christus und seine Apostel getan haben; und gerade dies wäre jetzt notwendiger als je.

15. Ach, welch ein vortreffliches Nachbild Christi hat uns Gott jetzt hinweggenommen an dem seligen Bruder Petrus de Alcántara. Die Welt kann eine so große Vollkommenheit nicht mehr ertragen. Da sagt man, die Gesundheit sei jetzt schwächer, und die Zeiten seien jetzt nicht mehr wie ehedem. Dieser heilige Mann hat ja zu unseren Zeiten gelebt! Aber sein Geist war stark wie der Geist der Männer in vergangenen Zeiten, darum hatte er die Welt unter den Füßen. Wenn man auch nicht barfuß geht und keine so strenge Buße übt wie er, so gibt es, wie ich anderswo schon gesagt habe, doch sonst noch viele Mittel, durch die man die Welt unter die Füße bringen kann und die der Herr uns lehrt, wenn er sieht, dass wir den Mut dazu haben. O welch großen Mut hat Seine Majestät dem Heiligen verliehen, von dem ich eben rede, dass er siebenundzwanzig Jahre lang eine so strenge Buße übte, wie dies allgemein bekannt ist. Nur einiges, was meines Wissens die volle Wahrheit ist, will ich davon erzählen; er selbst hat es mir und noch einer anderen Person, vor der er wenig Hehl hatte, mitgeteilt. Mir machte er diese Mitteilungen wegen der großen Liebe, die er zu mir trug; denn es hatte dem Herrn gefallen, mir diesen Mann zu geben, damit er mich verteidige und ermutige zu einer Zeit, als ich es so sehr bedurfte, wie ich dies teils schon erwähnt habe, teils noch erwähnen werde. Soviel ich mich erinnere, sagte er mir, dass er schon seit vierzig Jahren täglich nicht mehr als anderthalb Stunden geschlafen habe. Diese Art von Buße habe ihm anfangs die meisten Schwierigkeiten gemacht. Um den Schlaf zu überwinden, sei er immer auf den Knien gelegen oder aufrecht gestanden. Schlief er aber, so saß er und lehnte das Haupt an ein an der Wand befestigtes kleines Brett. Liegend konnte er gar nicht schlafen, wenn er auch gewollt hätte, weil bekanntlich seine Zelle nur fünfhalb Schuh lang war. In allen bieten Jahren hat er sein Haupt nie mit der Kapuze bedeckt, wie heiß auch die Sonne schien oder wie stark es auch regnete. An den Füßen trug er gar nichts. Seine ganze Kleidung bestand aus einem Habite von grobem Wollenzeug, unter dem er auf dem bloßen Leibe nichts anderes trug, sowie aus einem Mantel von dem nämlichen Zeuge. Der Habit war so eng, als es nur immer sein konnte. War es sehr kalt, so legte er, wie er mir sagte, den Mantel ab, öffnete die Türe und das Fensterchen seiner Zelle, um dann, wenn er den Mantel wieder anlegte und die Türe schloß, den Leib zu erquicken und besser geschützt ruhen zu können. Sehr häufig aß er erst über den dritten Tag. Als ich mich darüber verwunderte, sagte er, dass dies, wenn man sich einmal daran gewöhnt habe, leicht möglich sei. Ein Gefährte von ihm erzählte mir, es sei schon vorgekommen, dass er acht Tage lang keine Speise zu sich genommen habe. Wahrscheinlich befand er sich (diese ganze Zeit hindurch) im (beständigen) Gebete, denn er hatte, wie ich selbst einmal Zeuge davon war, große Entzückungen und gewaltige Antriebe der Liebe Gottes.

16. Seine Armut war eine außerordentliche, ebenso seine Abtötung von Jugend an. In Bezug auf letztere sagte er mir, dass er in einem Kloster seines Ordens drei Jahre lang gewesen sei und keinen der Brüder anders, als an der Stimme gekannt habe; denn er hob die Augen nie empor, so dass er nicht einmal die Orte zu finden wusste, wohin er zu gehen hatte; er ging nur den anderen Brüdern nach. Die selbe Eingezogenheit beobachtete er auf Reisen. Weibliche Personen sah er viele Jahre gar nicht an. Jetzt, sagte er mir, lasse es ihn ganz gleichgültig, ob er sie ansehe oder nicht. Er war aber auch, als ich ihn kennenlernte, schon alt und so abgemagert, dass er aussah, als wäre er aus Baumwurzeln zusammengeflochten. Bei all dieser Heiligkeit war er dennoch sehr freundlich, obwohl er, wenn er nicht gefragt wurde, nur wenig sprach. Der Verkehr mit ihm gestaltete sich sehr angenehm, da er sehr geistreich war. Noch manches andere möchte ich von ihm sagen, aber ich fürchte — und dies war schon bei meiner bisherigen Schilderung der Fall — , euer Gnaden möchten mir vorhalten, was mich denn dies angehe. Darum erwähne ich nur noch, dass sein Tod wie sein Leben war. Seinen Brüdern predigend und sie ermahnend starb er. Als er sich seinem Ende schon nahe sah, sprach er den Psalm Laetatus sum in his, quae dicta sunt mihi, und gab kniend seinen Geist auf.

17. Dem Herrn hat es gefallen, dass er mir nach seinem Tode noch mehr nützte als in seinem Leben, da er mir in vielen Dingen guten Rat erteilte. Oft sah ich ihn in einer überaus großen Glorie. Als er mir das erstemal erschien, sagte er zu mir: »O glückselige Buße, die mir einen so großen Lohn verdiente!« und noch manches andere mehr. Ein Jahr vor seinem Tode, als er fern von mir weilte, war er mir auch schon erschienen. Ich erkannte damals, dass er bald sterben werde, und teilte ihm dies nach dem einige Meilen von hier gelegenen Orte seines Aufenthaltes mit. Als er den Geist aufgab, erschien er mir wieder und sagte, er gehe jetzt in die ewige Ruhe ein. Ich wollte es nicht glauben, sagte es aber doch einigen Personen. Acht Tage darauf kam die Nachricht, dass er gestorben sei, oder besser gesagt, dass er angefangen habe, ewig zu leben. So hat also dies strenge Leben mit dem Gewinn einer so großen Herrlichkeit geendet. Mir scheint, dass ich jetzt weit mehr Trost von ihm empfange, als da er noch auf Erden lebte. Einmal sprach der Herr zu mir: niemand werde ihn im Namen dieses Mannes um etwas bitten, das er nicht gewähren werde. Diese Verheißung habe ich in vielen Anliegen, in denen ich seine Fürbitte beim Herrn anrief, erfüllt gesehen. Der Herr sei in Ewigkeit gepriesen! Amen.

18. Ich habe nun allzu viele Worte gemacht, um euer Gnaden zu ermuntern, alles in diesem Leben zu verachten, gleich als wüßten Sie nicht selbst, was Sie zu tun haben, oder als wären Sie nicht ohnehin schon entschlossen, von allem zu lassen, und als hätten Sie diesen Entschluss nicht schon ins Werk gesetzt. Ich sehe aber ein so großes Verderben in der Welt, dass mir diese Abschweifung zur Erleichterung meines Herzens dient, wenn ich auch nichts anderes damit erreicht haben sollte, als dass ich mich müde schrieb. Leider zeugt alles, was ich gesagt habe, wider mich selbst; der Herr verleihe mir aber, was ich in dieser Hinsicht gefehlt habe! Auch euer Gnaden bitte ich um Verzeihung, dass ich Ihnen, wenn auch unabsichtlich, so viele Mühe gemacht. Scheint es doch, als wollte ich Sie für das büßen lassen, was ich selbst gesündigt habe.

Achtundzwanzigstes Hauptstück

Große Gnaden, die ihr der Herr verlieh, und wie er ihr zum ersten Male erschien. Erklärung, was eine einbildliche Vision sei. Welch große Wirkungen sie als Kennzeichen zurücklässt, wenn sie von Gott ist. Dieses Hauptstück ist sehr nützlich und wohl zu beachten.

1. Kehren wir jetzt wieder zu unserem Gegenstande zurück! Die erwähnte Vision dauerte einige, wenn auch nur wenige Tage sehr anhaltend fort und brachte mir großen Nutzen; denn ich kam fast nicht mehr aus dem Gebete und gab mir Mühe, all mein Tun so einzurichten, dass ich dem, den ich so klar als Zeugen neben mir wusste, ja nicht missfalle. Zwar fürchtete ich manchmal noch (es möchte eine Täuschung sein), weil man mir (in dieser Hinsicht) so vieles gesagt hatte; allein diese Furcht dauerte nicht lange, da der Herr mich bald wieder beruhigte. Eines Tages nun, als ich eben im Gebete war, wollte mir der Herr bloß seine Hände zeigen, die in so wunderbarer Schönheit erglänzten, dass ich es gar nicht aussprechen kann. Dies verursachte mir eine große Furcht; denn jede neue übernatürliche Gnade, die der Herr mir erweist, bringt anfänglich diese Wirkung in mir hervor. Wenige Tage darnach schaute ich auch sein göttliches Angesicht, worüber ich vor Staunen ganz außer mir zu sein schien. Ich konnte nicht begreifen, warum der Herr, der mir doch später noch die Gnade erwies, dass ich ihn ganz schauen sollte, sich mir nur so allmählich zeigte. In der Folge sah ich aber ein, dass er mich meiner natürlichen Schwachheit entsprechend geleitet habe. Er sei dafür in Ewigkeit gepriesen! Denn eine so niedrige und elende Kreatur hätte es nicht ertragen können, eine so große Glorie auf einmal zu schauen; darum hat es der barmherzige Herr, der dies wusste, so geordnet.

2. Euer Gnaden werden vielleicht meinen, zum Anschauen so schöner Hände und eines so schönen Angesichtes sei kein so großer Mut notwendig. Aber die verherrlichten Leiber sind so übernatürlich schön und er strahlen von einer solchen Glorie, dass man bei ihrem Anblicke ganz außer sich gerät. Darum ward ich von einer solchen Furcht ergriffen, dass ich ganz bestürzt und verwirrt wurde; darnach aber fühlte ich eine so große Gewissheit und Sicherheit und solche Wirkungen in mir, dass meine Furcht sofort verschwand.

3. Als ich an einem Feste des heiligen Paulus der Messe anwohnte, zeigte sie mir die ganze heiligste Menschheit, so wie sie in der Auferstehung gemalt wird, mit einer Schönheit und Majestät, wie ich euer Gnaden nach Ihrem ausdrücklichen Befehle schon geschrieben habe. Es fiel mir selbst schwer, dies zu tun; denn man kann so etwas nicht schildern, ohne sich sehr abzuquälen. Indessen tat ich damals mein möglichstes, und darum brache ich jetzt nicht wieder zu schildern, was ich geschaut. Nur das eine will ich noch sagen: wenn es im Himmel zur Ergötzung der Augen nichts anderes gäbe als den Anblick der erhabenen Schönheit der verherrlichten Leiber, besonders der Menschheit unseres Herrn Jesu Christi, so wäre dies schon eine überaus große Seligkeit. Wenn dieser Anblick schon hienieden, wo Seine Majestät nur unserer Schwachheit entsprechend sich zeigt, schon so wonnevoll ist, was wird erst dort sein, wo der Genuss dieses Gutes vollständig ist? Weder diese, obwohl einbildliche Vision, noch irgendeine andere habe ich mit leiblichen Augen geschaut, sondern mit den Augen der Seele.

4. Die es besser verstehen als ich, sagen, die vorher besprochene Art von Visionen sei vollkommener als diese, und diese sei wieder weit vollkommener, als wenn man etwas mit leiblichen Augen schaut. Die letzte Art, sagen sie, sei die niederste, und bei ihr könne der Teufel am meisten täuschen. Ich vermochte dies damals nicht einzusehen, vielmehr wünschte ich, die Vision mit den leiblichen Augen zu schauen, wenn mir eine solche Gnade wirklich zuteil werden sollte, damit der Beichtvater nicht sagen könne, ich habe mir nur alles eingebildet. Ja, mir selbst kam, bald nachdem die Vision vorüber war, der Gedanke, sie möchte vielleicht nur eine Einbildung gewesen sein; darum ängstigte ich mich darüber, dass ich sie dem Beichtvater mitgeteilt habe, denn ich meinte, ich möchte ihn etwa getäuscht haben. Das war wieder ein neuer Jammer, und ich ging hin zum Beichtvater, ihm dies zu sagen. Er fragte mich, ob es mir wirklich so vorgekommen sei, wie ich ihm erzählt habe, aber ob ich ihn habe betrügen wollen? Ich bezeugte ihm die Wahrheit, dass ich meines Erachtens nicht gelogen, dass dies nicht meine Absicht gewesen, und dass ich um nichts in der Welt etwas gegen die Wahrheit sagen möchte. Dies wusste er selbst gar wohl und darum suchte er mich zu beruhigen. Es fiel mir auch so schwer, ihm mit diesen Angelegenheiten zu kommen, dass ich nicht weiß, wie der böse Feind mich verleitet haben sollte, etwas zu erdichten, da ich dadurch ja nur mich selbst gepeinigt haben würde. Aber der Herr war ja schnell bereit, mir die Gnade dieser Vision wieder zu erweisen und mich von deren Wahrheit zu überzeugen, dass bald alles Bedenken wegen einer Täuschung in mir verschwand. Ich sah nun ganz klar ein, wie einfältig ich gewesen war; denn wenn ich auch viele Jahre lang bemüht gewesen wäre, mir mit meiner Einbildungskraft etwas so Schönes vorzustellen, so hätte ich es nicht vermocht. Schon allein die Weiße und der Glanz einer solchen Vision übertrifft alles, was man sich auf Erden vorstellen kann. Es ist dies kein Glanz, der blendet, sondern eine liebliche Weiße, ein eingegossener Glanz, der dem Schauenden nicht wehe tut, sondern ihm das höchste Ergötzen bereitet. Auch die Lichthelle, die hier leuchtet, um eine so göttliche Schönheit schauen zu können, blendet nicht. Es ist dies ein Licht, das von dem hier auf Erden ganz verschieden ist. Im Vergleiche mit diesem Lichte erscheint selbst die Klarheit der Sonne, die wir sehen, so dunkel, dass man ihretwegen nicht einmal die Augen mehr öffnen möchte. Beide Lichter unterscheiden sich ja sehr voneinander, wie sich ein ganz klares Wasser, das über einen Kristallboden hinläuft, und in dem die Sonne widerstrahlt, von einem ganz trüben, mit dichtem Nebel bedeckten Wasser unterscheidet, das auf dem Erdboden daherfließt. Ich gebrauche diesen Vergleich, nicht als ob die Sonne sich zeigte, oder als ob dieses Licht, wie das der Sonne wäre; denn letzteres erscheint hier wie ein künstliches gegen ein natürliches. Es ist ein Licht, dass keine Nacht kennt, sondern immer leuchtet und durch nichts verdunkelt wird. Kurz, es in ein Licht, das auch der Verständigste sich nicht vorzustellen vermöchte, wenn er auch alle Tage seines Lebens darüber nachdächte. Gott aber zeigt es einem so plötzlich, dass man nicht einmal Zeit hätte, die Augen aufzutun, wenn dies notwendig wäre. Aber es liegt gar nichts daran, ob die Augen geöffnet oder geschlossen sind; wenn der Herr will, so sehen mir es, und zwar auch gegen unseren Willen. Hier hilft kein Wegwenden, hier vermag kein Widerstand etwas; keine Anstrengung, keine Sorgfalt richtet hier etwas aus. Dies habe ich, wie ich noch erzählen werde, sehr oft erfahren.

5. Ich möchte nun angeben, auf welche Weise der Herr in solchen Visionen sich zeige. Ich sage nicht, ich wolle erklären, wie es möglich sei, dass dem inneren Sinne ein so gewaltiges Licht und dem Verstande ein so klares Bild vorschweben könne, dass der Herr wahrhaftig gegenwärtig zu sein scheint. Dies geht die Gelehrten an; mir hat Seine Majestät dieses Wie nicht zu verstehen geben wollen. Ich bin auch so unwissend und mein Verstand ist so ungebildet, dass ich es, obwohl man sich viele Mühe gegeben, es mir zu erklären, doch noch nicht recht begreifen kann. Dies ist gewiss wahr. Euer Gnaden meinen zwar, ich habe einen geweckten Verstand, aber Sie irren sich; denn ich habe vielfach die Erfahrung gemacht, dass mein Verstand nicht mehr begreift, als was man ihm sozusagen vorkaut. Mein Beichtvater wunderte sich manchmal über meine Unwissenheit; aber er hat mir nie erklärt, und ich habe es auch nicht zu wissen verlangt, wie Gott dieses oder jenes bewirke, oder wie es möglich sei. Ebensowenig fragte ich andere, obwohl ich, wie schon gesagt, seit vielen Jahren mit sehr gelehrten Männern verkehre. Ob etwas Sünde sei oder nicht, dies fragte ich wohl. Im übrigen genügte mir die Überzeugung, dass Gott es sei, der alles in mir wirkt; ich sah dann ein, dass ich keine Ursache habe, mich darüber zu verwundern, sondern ihn dafür zu preisen. Ja, gerade das, was schwer zu begreifen ist, regt meine Andacht an; und je schwerer es zu begreifen ist, desto mehr stimmt es mich zur Andacht. Ich will also nur sagen, was ich aus Erfahrung weiß; wie aber der Herr diese Visionen bewirkt, dieses und alles übrige, was dunkel bleibt und ich nicht angeben kann, werden euer Gnaden besser zu erklären wissen.

6. Je nach der Klarheit, in der der Herr sich mir zeigen wollte, schien mir bisweilen das, was ich schaute, nur ein Bild zu sein; öfters aber war dies nicht der Fall, sondern Christus selbst schien sich mir zu zeigen. Manchmal nämlich war die Erscheinung so undeutlich, dass ich nur ein Bild zu sehen meinte; es war aber von den gewöhnlichen Bildern, auch den vortrefflichsten, deren ich schon viele gesehen, verschieden, und es wäre töricht, zu glauben, dass zwischen beiden Arten von Bildern irgendwie eine Ähnlichkeit bestehe. Der Unterschied ist gerade so, wie zwischen einer lebenden Person und ihrem Porträte; denn so gut dieses immerhin gemacht ist, so kann es doch nicht so natürlich sein, dass man nicht sähe, es sei etwas Lebloses. Doch lassen wir dies, obwohl es hierher gut passt, und zwar buchstäblich.

7. Ich will nur noch sagen, dass es kein bloßer Vergleich ist — denn die Vergleiche bleiben immer unvollständig —, sondern Wahrheit; es besteht (zwischen dem Bilde, das sich in diesen Visionen zeigt, und den gewöhnlichen Bildern) genau derselbe Unterschied, wie zwischen einem lebendigen Menschen und dessen gemaltem Bilde. Denn ist die Erscheinung ein Bild, so ist es ein lebendiges Bild; es ist kein toter Mensch, sondern der lebendige Christus, der sich als Mensch und Gott zugleich offenbart, nicht wie er im Grabe lag, sondern wie er nach der Auferstehung daraus hervortrat. Zuweilen aber erscheint der Herr in so großer Majestät, dass man gar nicht zweifeln kann, er selbst sei es. Dies ist besonders nach der Kommunion der Fall; denn da wissen wir ohnehin schon, dass er gegenwärtig ist, weil es uns der Glaube lehrt. Da zeigt er sich als einen so majestätischen Herrn über seine Wohnung, dass sie die Seele gleichsam ganz vernichtet und in Christo aufgezehrt sieht. O mein Jesus, wer könnte wohl die Majestät beschreiben, in der du dich zeigst! Welch ein Herr der ganzen Welt bist zu und aller Himmel, ja tausend anderer Welten, und Welten und Himmel ohne Zahl die du noch erschaffen könntest! Die Seele erkennt es, dass dies alles im Vergleiche mit der Majestät, in der du dich zeigst, wie nichts für dich ist, um darüber zu herrschen.

8. Hier sieht man klar, o mein Jesus, wie gering die Macht aller bösen Geister zusammen gegen die deine ist, und wie man die ganze Hölle mit Füßen treten kann, wenn man dein Wohlgefallen besitzt. Hier sieht man, wie billig die bösen Geister sich fürchteten, als du zur Vorhölle hinabstiegst, und wie sie sich wohl tausend andere, tiefere Höllen gewünscht haben mochten, um vor einer so großen Majestät zu entfliehen. Auch sehe ich, dass du hier der Seele zu erkennen geben willst, wie erhaben du bist, und wie groß die Macht deiner mit der Gottheit vereinigten allerheiligsten Menschheit ist. Hier kann man sich so recht klar vorstellen, was es sein werde, am Tage des Gerichtes die Majestät dieses Königs zu schauen und sie in ihrer Strenge gegen die Bösen zu sehen. Hier gewinnt die Seele beim Anblicke ihres Elendes, das ihr nicht verborgen bleiben kann, wahre Demut. Hier wird sie von Scham und wahrer Reue über ihre Sünden erfüllt; denn obwohl sie den schaut, der ihr seine Liebe erzeigt, so weiß sie doch nicht, wohin sie sie verbergen soll, und darum verdemütigt sie sich bis in den Staub ihres Nichts. Ich sage auch: diese Vision ist, wenn der Herr der Seele einen großen Teil seiner Größe und Majestät offenbaren will, so überwältigend, dass sie meines Erachtens unmöglich ertragen werden könnte, wenn nicht der Herr der Seele auf eine ganz übernatürliche Weise dadurch zu Hilfe käme, dass er sie in die Verzückung oder Ekstase versetzt. Bei dieser geht nämlich das Schauen der göttlichen Gegenwart in Genuss über. Später vergißt man dass Überwältigende der Vision wohl; aber ihre Majestät und Schönheit bleibt der Seele so tief eingeprägt, dass sie ihrer nicht mehr vergessen kann, außer wenn der Herr will, dass die Seele eine gewisse große Trockenheit und Verlassenheit leide, wovon ich noch sprechen werde; denn da scheint es, sie habe sogar Gott selbst vergessen. Die Seele ist auf diese Vision hin eine ganz andere; sie ist fortwährend in Gott versenkt, und ihre Liebe zu ihm beginnt, wie mich dünkt, aufs neue und in einem viel höheren Grade aufzuleben. Denn ist auch die vorher besprochene Vision, in der sie, wie gejagt, Gott ohne Bild zeigt, erhabener, so ist doch diese unserer Schwachheit entsprechender, weil dadurch, dass eine so göttliche Gegenwart unserer Einbildungskraft eingedrückt bleibt und vorschwebt, das Andenken daran lebendiger unterhalten wird. Übrigens kommen beide Arten von Visionen fast immer miteinander. Ja, so ist es in der Tat; denn mit den Augen der Seele schaut man die Vortrefflichkeit, die Schönheit und Glorie der allerheiligsten Menschheit des Herrn; und in der zuerst beschriebenen Weise erkennt man, dass er Gott, dass er mächtig ist und alles vermag, alles anordnet, alles regiert und alles mit seiner Liebe erfüllt.

9. Man muss eine solche Vision sehr hochschätzen. Sie ist auch meines Erachtens ohne Gefahr; denn aus ihren Wirkungen ersieht man, dass der Teufel hier keine Gewalt hat. Drei oder viermal, scheint mir, hat er mich wohl täuschen wollen, da er mir durch ein Blendwerk den Herrn auf jene Weise vorstellte, wie er mir erschienen war; aber wenn er auch die Fleischesgestalt des Herrn annimmt, so kann er sie doch nicht in jener Herrlichkeit nachahmen, die man schaut, wenn die Vision von Gott ist. Er gaukelt so etwas vor, um die wahre Vision, die die Seele geschaut, zu entkräften; aber die Seele stößt das Blendwerk von sich. Sie wird aufgeregt, verdrießlich und unruhig, so dass sie die vorige Andacht und Wonne verliert und ohne alles Gebet bleibt. Solch eine Täuschung ist mir am Anfang, wie gesagt, drei oder viermal widerfahren. Es ist aber das Blendwerk des Teufels von einer wahren Vision so sehr verschieden, dass man es meines Erachtens, auch wenn man bloß bis zum Gebete der Ruhe gelangt ist, aus den Wirkungen erkennen kann, von denen bei den übernatürlichen Ansprachen die Rede war. Diese Wirkungen sind ganz augenscheinlich, so dass nach meinem Dafürhalten eine Seele, die in Demut und Einfalt wandelt und nicht selbst sich täuschen lassen will, nicht betrogen werden kann. Wer schon eine echte, von Gott kommende Vision gehabt hat, der wird fast unverzüglich den Betrug des bösen Feindes merken. Denn wenn auch die falsche Vision mit einem gewissen süßen und ergötzlichen Gefühl beginnt, so stößt es doch die Seele von sich. Auch dürfte, wie mir scheint, dieses Gefühl von jenem, das eine echte Vision hervorruft, verschieden sein; wenigstens hat es nicht das Gepräge einer keuschen und reinen Liebe wie dort, so dass man sehr bald inne wird, wer der Urheber davon ist.

10. Es kann also nach meinem Dafürhalten der Teufel einer Seele, die Erfahrung hat, keinen Schaden zufügen. Dass aber die eigene Einbildungskraft so etwas wie eine wahre Vision hervorbringen könnte, ist ganz und gar unmöglich; denn schon die Schönheit und Weiße einer Hand unseres Herrn sich vorzustellen, übersteigt alle unsere Einbildungskraft. Ohne daran zu denken und ohne je daran gedacht zu haben, sieht man in einem Augenblicke Dinge gegenwärtig, von denen die Einbildungskraft auch in langer Zeit sich keine Vorstellung hätte machen können, weil sie, wie gesagt, weit erhabener sind, als was wir hienieden erfassen können. Da ist also eine Einbildung rein unmöglich. Doch, gesetzt auch den Fall, wir könnten hier mit unserer Einbildungskraft etwas vollbringen, so würden wir doch die Täuschung klar aus dem erkennen, was ich jetzt sagen will. Abgesehen nämlich davon, dass sie eine von uns selbst gebildete Vorstellung keine einzige jener großen Wirkungen hervorbringen würde, die eine wahre Vision begleiten, erginge es der Seele geradeso wie einem, der gern einschlafen möchte, aber nicht kann. Weil der Schlaf sich nicht einstellt, den er des Bedürfnisses oder der Schwäche seines Kopfes wegen wünscht, wendet er Mühe an, sich einzuschläfern, und es scheint ihm auch bisweilen in etwa zu gelingen. Da dies aber kein eigentlicher Schlaf ist, so findet er weder Erquickung noch Stärkung, im Gegenteil, sein Kopf wird manchmal dadurch noch mehr geschwächt. In ähnlicher Weise würde es dem ergehen, der sich selbst eine Vision einbilden wollte. Die Seele würde dadurch nur betäubt, nicht erquickt und gestärkt, sondern vielmehr müde und verdrießlich werden. In der Vision aber, von der ich rede, wird die Seele unaussprechlich bereichert, und selbst dem Leibe gibt sie Gesundheit und kräftigt ihn.

11. Diese und noch andere Gründe brachte ich vor, wenn man mir, was oft geschah, sagte, diese Visionen seien nur ein Blendwerk des Teufels oder ein Erzeugnis meiner Einbildungskraft. Ich stellte Vergleiche auf, so gut ich es vermochte, und wie der Herr sie mir eingab, aber alles half wenig. Es gab nämlich in diesem Orte sehr heilige Personen, im Vergleich mit denen ich eine sehr große Sünderin war; da aber diese von Gott nicht auf solchem Wege geführt wurden, so war man meinetwegen gleich in Furcht. Denn um meiner Sünden willen scheint es geschehen zu fein, dass die außerordentlichen Dinge, die sich mit mir zutrugen, von einem Munde zum anderen gingen, bis sie bald allgemein bekannt wurden; ich selbst aber hatte niemand etwas davon gesagt, außer meinem Beichtvater und wem er es zu offenbaren mir befahl.

12. Zu diesen sagte ich einmal folgendes: Wenn jene, die bezüglich meiner Visionen oben erwähnte Bemerkungen machten, zu mir sagen würden, jemand, der mit mir gesprochen und den ich ganz gut gekannt, sei nicht der, für den ich ihn angesehen, sondern ich hätte mich sicherlich getäuscht, so wollte ich ihnen ohne Bedenken mehr glauben als meinen eigenen Augen. Hätte mir aber diese Person als Zeichen ihrer großen Liebe zu mir kostbare Kleinodien zum Geschenke gemacht, von denen ich zuvor keine besessen, die aber noch in meinen Händen lägen, und fände ich mich jetzt reich, während ich zuvor arm gewesen, so könnte ich ihnen, wie gerne ich auch wollte, doch nicht glauben. Diese Kleinodien könne ich ihnen vorzeigen; denn alle, die mich kennen, sehen offenbar, dass meine Seele eine ganz andere geworden. Auch mein Beichtvater sagte, es sei in mir durchwegs eine große Veränderung vor sich gegangen, die nicht erheuchelt sei, sondern von jedermann klar erkannt werden könne. Weil ich aber vorher so böse gewesen, sagte ich weiter, so könne ich ja doch nicht glauben, dass der Teufel, um mich zu betrügen und in die Hölle zu führen, ein so verkehrtes Mittel anwende; denn dadurch befreie er mich von meinen bösen Gewohnheiten und teile mir dafür Tugenden und Stärke zum Guten mit, da ich ganz augenscheinlich sehe, dass ich in dieser Beziehung auf einmal ganz anders geworden.

13. Mein Beichtvater, der, wie gesagt, ein sehr heiliger Pater der Gesellschaft Jesu war, antwortete, wie ich erfuhr, ebenso. Er war sehr klug und überaus demütig; aber gerade seine große Demut verursachte mir viele Leiden. Denn obschon er dem Gebete sehr ergeben und gelehrt war, so verließ er sich doch nicht auf sich selbst, weil der Herr ihn nicht auf dem gleichen Wege führte wie mich. Aber auch er hatte wegen meiner in mancher Hinsicht vieles zu leiden. Ich erfuhr, dass man zu ihm sagte, er solle sich vor mir in acht nehmen, um nicht durch Leichtgläubigkeit gegen mich vom bösen Feinde betrogen zu werden. Dazu führte man ihm Beispiele von anderen Personen an. Dies alles ängstigte mich. Ich fürchtete, es werde sich niemand mehr finden, der mich Beicht hören möchte, sondern alle Beichtväter würden mich fliehen; darum musste ich beständig weinen. Gottes Vorsehung wollte aber, dass dieser Beichtvater aushielt und fortfuhr, meine Beichten zu hören; denn er war ein so großer Diener Gottes, dass er seinetwegen allen Hindernissen getrotzt hätte. Darum sagte er mir auch, ich sollte nur Gott nicht beleidigen und nicht gegen seine, des Beichtvaters, Vorschriften handeln, dann hätte ich nicht zu fürchten, dass er mich verlassen werde. Immer beruhigte und ermunterte er mich, befahl mir aber, ihm ja nichts zu verheimlichen; und so tat ich auch. Er sagte mir auch, wenn ich in dieser Weise mich verhalte, so könne mir der Teufel durch keine Täuschung schaden, vielmehr werde der Herr aus dem Bösen, das der Teufel meiner Seele zufügen wolle, Gutes ziehen. Nebstdem gab er sich alle Mühe, meine Seele zu vervollkommnen. Da ich in so großer Furcht war, gehorchte ich ihm in allen Stücken, wenngleich dies nur unvollkommen von mir geschah. Über drei Jahre lang, während welcher er meine Beichten hörte, hatte er meiner Leiden wegen vieles mit mir auszustehen. Denn als durch Zulassung des Herrn große Verfolgungen über mich hereinbrachen und man vielfach schlimm über mich urteilte, obwohl ich in manchen Stücken keine Schuld hatte, machte man ihn für alles verantwortlich und gab ihm, dem Unschuldigen, statt meiner die Schuld. Unmöglich hätte er so viele Prüfungen aushalten können, wenn er nicht ein so heiliger Mann gewesen wäre und der Herr ihm nicht den Mut dazu gegeben hätte. Denn einerseits musste er mich gegen jene verteidigen, die meinten, ich befände mich auf einem Abwege, und die ihm doch nicht glaubten; andererseits hatte er Mühe, mich zu beruhigen und mir meine Furcht zu benehmen, obwohl er diese noch vermehrte. Außerdem musste er mich noch besonders beruhigen in den großen Ängsten, die der Herr zuließ, sooft er mich mit einer Vision begnadigte, die mir neu war. Aber alles kam daher, weil ich eine so große Sünderin gewesen war und noch war. Dieser Beichtvater tröstete mich sehr liebreich, und hätte er sich selbst geglaubt, so hätte ich nicht so viel zu leiden gehabt; denn Gott gab ihm in allem die Wahrheit zu erkennen, da ihn, wie ich glaube, das Sakrament selbst erleuchtete.

14. Jene Diener Gottes, die sich nicht von der Echtheit der mir von Gott erwiesenen außerordentlichen Gnaden überzeugen konnten, unterredeten sich oft mit mir. Dabei geschah es, dass ich einiges unbedachtsamerweise verlauten ließ, was sie in einem anderen Sinne nahmen, als ich meinte. Einen von ihnen liebte ich sehr, weil meine Seele ihm unendlich viel verdankte, und weil er sehr heilig war. Darum war es mir überaus schmerzlich zu sehen, dass er mich nicht verstand; er aber wünschte aus ganzem Herzen nur mein Bestes und dass der Herr mich erleuchten möchte. Was ich, wie schon erwähnt, ohne Bedacht redete, schien diesen Männern Mangel an Demut zu sein; und wenn sie einen Fehler an mir entdeckten, deren sie wohl viele gewahren konnten, wurde gleich alles von ihnen verworfen. Sie fragten mich nämlich über manches aus; und da ich ihnen offenherzig und ohne ängstliche Überlegung antwortete, meinten sie gleich, ich halte mich für weise und wolle sie belehren. Gerne wünschten sie nur mein Bestes, und eben deshalb hinterbrachten sie alles meinem Beichtvater, der mich darüber zurechtwies. So verging unter Bedrängnissen, die ich von vielen Seiten zu erdulden hatte, eine geraume Zeit; doch die Gnaden, die mir der Herr erwies, machten mir alles erträglich. Ich erzähle dieses darum, damit man daraus abnehme, welch große Qual es ist, niemand zu finden, der in diesem Geisteswege Erfahrung hat. Wäre mir der Herr nicht so hilfreich beigestanden, so weiß ich nicht, was aus mir geworden wäre; denn meine Leiden waren mitunter so groß, dass ich darüber den Verstand hätte verlieren können; und ich wusste manchmal nichts anderes zu tun, als meine Augen zum Herrn zu erheben. Zwar scheint es an sich etwas Unbedeutendes zu sein, wenn einem so elenden, schwachen und furchtsamen Weiblein, wie ich bin, von frommen Männern widersprochen wird; aber doch war dies unter den Widerwärtigkeiten, deren ich in meinem Leben sehr große ausgestanden habe, eine der größten. Der Herr gebe, dass ich dadurch Seiner Majestät wenigstens in etwa gedient habe! Dass aber jene, die mir Vorwürfe machten und mich verurteilten, Gott dienten, und dass alles zu meinem größten Nutzen war, dessen bin ich ganz gewiss.

Neunundzwanzigstes Hauptstück

Fortsetzung des Vorigen. Einige große Gnaden, die der Herr ihr erwies. Versicherungen, die Seine Majestät ihr gab, und Belehrungen, wie sie denen, die ihr widersprachen, antworten sollte.

1. Ich bin von meinem Gegenstande sehr abgekommen. Zuvor hatte ich von den Gründen gesprochen, aus denen man ersehen kann, dass die besprochene Vision reine Einbildung ist. Und in der Tat, wie könnten wir uns auch durch eigenes Bemühen die Menschheit Christi vorstellen und mit unserer Einbildungskraft eine so große Schönheit erdichten? Dazu wäre, wenn auch nur etwas ihr Ähnliches zustande kommen sollte, viel Zeit erforderlich. Ich kann mir wohl durch die Einbildungskraft die allerheiligste Menschheit Christi vorstellen und sie so eine Zeitlang anschauen, ihre Gestalt und ihren weißen Glanz betrachten, sie nach und nach immer vollkommener ausmalen und dann dieses Bild dem Gedächtnisse übergeben. Wer wollte dieses bestreiten? Mit Hilfe des Verstandes kann ich es zuwege bringen. Die besprochene Vision aber geht in ganz anderer Weise vor sich. Da brauchen wir nur zu schauen, wann und wie und inwieweit uns der Herr seine heiligste Menschheit zeigen will. Wir können in diesem Falle auf keine Weise von der Erscheinung etwas hinwegnehmen, noch ihr etwas hinzufügen, so sehr wir uns auch bemühen würden. Keine Anstrengung reicht aus, um sie zu schauen, wenn mir es wünschen; und kein Widerstand hilft etwas, wenn wir sie nicht schauen wollen; und wollten wir etwas davon im einzelnen betrachten, so würde Christus augenblicklich unterem Anblicke entschwinden.

2. Dritthalb Jahre hindurch hat mir der Herr sehr häufig die Gnade dieser Vision zuteil werden lassen; aber nun mögen es schon über drei Jahre sein, dass er sie mir nicht mehr so gewöhnlich, sondern dafür eine andere, erhabenere Gnade verleiht, von der ich vielleicht noch sprechen werde. Wenn ich nun die unaussprechliche Schönheit ansah, in der er sich mir zeigte, und die lieblichen, zuweilen aber auch ernsten Worte vernahm, die sein holdseliger, göttlicher Mund zu mir sprach, so hätte ich außerordentlich gern auch die Farbe seiner Augen und seiner ganzen Körpergestalt erkennen mögen, um davon reden zu können; aber niemals ward ich dieser Gnade gewürdigt, und mein Bemühen nützte nichts, vielmehr verschwand die Erscheinung gänzlich. Wohl sehe ich zuweilen, wie mich der Herr voll väterlicher Liebe anblickt; aber dieser Blick ist so überwältigend, dass ihn die Seele nicht ertragen kann. Sie gerät alsdann in eine so tiefe Verzückung, dass dieser schöne Anblick sich ihr entzieht, damit sie das Ganze mit um so größerer Wonne genießt.

3. Es kommt also nicht darauf an, ob man die Vision wolle oder nicht. Der Herr will offenbar nichts als Demut, Selbstbeschämung, und dass wir das gegebene annehmen und den Geber dafür lobpreisen. Dies ist bei allen Visionen ohne Ausnahme so; alle angewendete Mühe kann weder bewirken noch verhindern, dass man mehr oder weniger schaue, als der Herr uns zu schauen gibt. Dadurch will er uns ganz klar erkennen lassen, dass die wahren Visionen nicht unser Werk, sondern das Werk Seiner Majestät seien. Wir können darum viel weniger hoffärtig werden, vielmehr wird uns diese Erkenntnis demütig und furchtsam machen; denn wie der Herr uns die Freiheit benimmt, zu sehen, was wir wollen, so kann er uns auch diese Gaben und seine Gnade wieder entziehen und uns auch gänzlich zugrunde gehen lassen. Deswegen sollen wir, solange wir in dieser Verbannung leben, immer in Furcht wandeln.

4. Fast immer zeigte sich mir der Herr in der Gestalt seiner Auferstehung, und in dieser Weise sah ich ihn auch in der Hostie. Nur wenn er mich in einer Trübsal stärken wollte, zeigte er mir einigemal seine Wunden. Manchmal, wenn auch seltener, erschien er mir am Kreuze oder wie er im Ölgarten war oder mit der Dornenkrone aber auch, wie er das Kreuz trug. In dieser Weise zeigte er sich mir, wenn er, wie gesagt, mich und andere Personen in Bedrängnissen trösten wollte; immer aber erschien er mir mit verklärtem Leibe.

5. Dadurch, dass ich diese Visionen offenbarte, zog ich mir viele Schmähungen und Leiden, viele Beängstigungen und Verfolgungen zu. Man glaubte so gewiss, ich hätte den Teufel, dass einige mich sogar schon beschwören wollten. Dies achtete ich aber wenig. Mehr schmerzte es mich, wenn ich sah, dass die Beichtväter sich fürchteten, mich Beicht zu hören, oder wenn ich erfuhr, was man ihnen von mir sagte. Desungeachtet konnte ich es nie bedauern, diese himmlischen Visionen geschaut zu haben; ja, ich hätte auch nicht eine einzige von ihnen um alle Güter und Freuden der Welt darangegeben. Ich hielt sie immer für eine große Gnade vom Herrn und für einen kostbaren Schatz und auch der Herr flößte mir oft diese Sicherheit ein. Sah ich mich ja in der Liebe zu ihm gar sehr gefördert; und sooft ich mich an ihn wandte und ihm alle diese Leiben klagte, stand ich getröstet und mit neuen Kräften vom Gebete wieder auf. Den Männern aber, die mir keinen Glauben schenkten, wagte ich deshalb nicht zu widersprechen, weil ich sah, dass durch meine Einwendungen, die sie als Mangel an Demut ansahen, alles nur noch ärger wurde. Bloß mit meinem Beichtvater redete ich frei; und dieser brachte mir immer großen Trost, wenn er mich betrübt sah.

6. Weil diese Visionen sich häufiger einstellten, so sagte einer meiner Beichtväter, dass sie offenbar vom bösen Feinde kämen; dieser stand mir früher zur Seite und hörte zuweilen, wenn der Pater Minister verhindert war, meine Beichten. Da ich kein Mittel hatte, um diesen Visionen zu widerstehen, so sollte ich, wie man mir befahl, jedesmal, sooft sich eine Erscheinung meinen Blicken zeigte, mich bekreuzigen und ihr die Feige zeigen; denn ich dürfte für gewiss glauben, dass es der Teufel sei, der auf diese Handlungsweise hin ferner nicht wiederkommen werde. Übrigens sollte ich keine Furcht haben, denn Gott werde mich beschützen und endlich befreien. Solch ein Befehl war für mich eine sehr schmerzliche Prüfung; denn da ich nicht umhin konnte, zu glauben, dass diese Visionen von Gott seien, so kam es mir schrecklich vor, mich in solcher Weise dagegen zu verhalten. Ebensowenig wollte ich, wie schon gesagt, wünschen, davon befreit zu werden; aber am Ende tat ich doch alles, was man mir befohlen hatte. Ich flehte fortwährend innig und mit vielen Tränen zum Herrn, er wolle mich doch vor aller Täuschung bewahren. Ich empfahl mich auch den heiligen Aposteln Petrus und Paulus; denn als mir der Herr an ihrem Festtage das erstemal erschienen war, hatte er mir gesagt, dass sie mich vor Täuschungen bewahren würden. Und wirklich sah ich sie oftmals ganz deutlich zu meiner linken Seite, wenn es auch keine einbildliche Vision war. Diese beiden glorreichen Heiligen waren meine besonderen Schutzherren.

7. Es war mir der größte Schmerz, dem Herrn die Feige zeigen zu müssen, wenn er mir erschien: denn würde man mich auch in Stücke gehauen haben, so hätte ich doch in dem Augenblicke, als ich ihn gegenwärtig sah, unmöglich glauben können, es sei der Teufel. Es war dies also ein hartes Bußwerk für mich. Um aber das Kreuzzeichen nicht gar so oft machen zu müssen, hielt ich ein Krenz in der Hand. Dies tat ich fast beständig; nicht so beständig aber machte ich die verächtliche Gebärde, weil es mir allzu schmerzlich fiel und mich an die Verspottungen erinnerte, die dem Herrn von den Juden angetan wurden. Ich bat ihn, er möchte mir die ihm zugefügte Schmach nicht als Sünde anrechnen, sondern sie mir verzeihen, weil ich ja im Gehorsam gegen seinen Stellvertreter handele und die Beichtväter die Diener seien, die er in seiner Kirche aufgestellt habe. Da sagte er mir, ich solle unbekümmert sein; denn ich tue wohl daran, dass ich gehorche; er werde die Wahrheit schon noch ans Licht bringen. Als man mir aber auch das innerliche Gebet zu üben verbot, schien er dies sehr übel aufzunehmen; er gab mir den Auftrag, jenen, von denen dieses Verbot ausgegangen, zu sagen, es sei dies eine Tyrannei. Er gab mir auch Gründe an, aus denen ich erkennen sollte, dass diese Visionen kein Blendwerk des bösen Feindes seien. Später werde ich einige dieser Gründe anführen.

8. Als ich einmal das Kreuz, das ich an einem Rosenkranze trug, in der Hand hielt, nahm der Herr es in die seine; als er es mir wieder zustellte, war es aus vier großen Edelsteinen zusammengesetzt, die ohne Vergleich weit kostbarer waren als Diamanten. Ja, nach ihrem übernatürlichen Glanze zu urteilen, gibt es hienieden gar keine Edelsteine, womit jene verglichen werden können, da auch der Diamant nur als etwas Nachgemachtes und Unvollkommenes dagegen erscheint. Auch waren auf dem Kreuze die fünf Wunden wunderschön abgebildet. Der Herr sprach damals zu mir, dass ich dieses Kreuz immer so sehen werde; und so geschah es auch; ich sah nicht mehr das Holz, aus dem das Kreuz gefertigt war, sondern immer nur jene Edelsteine, die jedoch außer mir niemand sah.

9. Der erhaltene Befehl, die genannten Proben anzustellen und die Erscheinungen in besagter Weise abzuwehren, hatte zur Folge, dass die göttlichen Gnaden sich bedeutend vermehrten. Ich kam, trotzdem ich mich zerstreuen wollte, nicht mehr aus dem Gebete; ja, selbst schlafend war ich, wie mir schien, im Gebete. Denn durch diese Visionen nahm die Liebe immer mehr in mir zu; andererseits mehrten sich auch meine Leiden, die ich fast nimmer ertragen konnte und unablässig dem Herrn klagte. Es war nicht in meiner Gewalt, von dem Andenken an den Herrn zu lassen, wenn ich auch wollte und so sehr ich mich deshalb auch anstrengte. Gleichwohl gehorchte ich, soviel ich vermochte, aber ich erreichte nur wenig oder gar nichts. Auch der Herr benahm mir dies beständige Andenken an ihn nicht; aber er verlieh mir doch Sicherheit, obwohl er mir den Auftrag gab, zu tun, was mir befohlen wurde. Er lehrte mich, wie er es auch jetzt noch tut, was ich denen, die mir nicht glauben wollten, sagen solle, und gab mir Gründe an, die hinreichend waren, mich vollkommen zu beruhigen.

10. Kurze Zeit darauf begann der Herr, wie er mir verheißen hatte, noch klarer zu zeigen, dass er es sei; es entbrannte in mir eine so große Liebe Gottes, dass ich gar nicht begreifen konnte, woher sie kam; denn ich selbst hatte mich nicht darum bemüht, sondern sie war ganz übernatürlich. Ich sah mich hinschmachten vor Verlangen, Gott zu schauen, und wusste nicht anders dieses glückselige Leben zu finden als durch den Tod. Es kamen mir so gewaltige Antriebe dieser Liebe, dass ich, obwohl sie nicht so stark und unerträglich waren als die früher besprochenen, gar nicht wusste, was ich anfangen sollte; denn nichts konnte mir genügen; ich vermochte mich selbst nicht zu fassen; und es war mir in Wahrheit so, als ob mir die Seele aus dem Leibe gerissen würde. O erhabene Kunst des Herrn! Welch zärtliche Sorgfalt hast du, o Herr, auf deine elende Magd verwendet! Du verbargst dich vor mir und drängtest mich mit deiner Liebe zu einem so wonnevollen Tode, dass meine Seele nie mehr davon hätte erlöst werden mögen.

11. Wer diese mächtigen Antriebe noch nicht erfahren hat, der kann sie unmöglich begreifen; denn sie sind nicht wie jene oft vorkommenden Andachten, die das Herz aufregen und den Geist zu ersticken scheinen, so dass er seiner nicht mehr mächtig ist. Es ist dies eine niedrigere Stufe des Gebetes, und ich möchte darüber nur bemerken, dass man die ungestümen Ausbrüche dabei vermeiden, die Gefühle in sanfter Weise zurückhalten und die Seele beruhigen müsse. Man muss hier in ähnlicher Weise verfahren wie mit kleinen Kindern, die manchmal so heftig weinen, dass sie zu ersticken scheinen; diesen gibt man zu trinken, und damit hört der Ungetüm ihres Weinens auf. So muss auch hier die Vernunft die Zügel anziehen; denn es könnte sein, dass die eigene Natur selbst zu dem Ungestüme beiträgt. Man ändere den Gegenstand der Betrachtung aus Furcht, es möchte diese Andacht nicht ganz vollkommen und viel Sinnliches damit verbunden sein; man beruhige die Seele, die hier einem Kinde gleicht, mit einem Liebesbeweise und leite sie auf sanfte Weise, nicht gewaltsam, zum Lieben an: man halte diese Liebe im inneren zurück und lasse sie nicht nach außen hervorbrechen, soll die Seele nicht einem Topfe gleichen, dessen Inhalt übermäßig siedet und völlig überläuft, weil man unklugerweise zuviel Holz untergelegt hat. Endlich mäßige man die Ursache, die zur Entzündung dieses Feuers geführt hat, und suche die Flamme mit sanften Tränen zu löschen, nicht aber mit so peinlichen, die von allzu stürmischen Gefühlen herrühren und uns nur großen Schaden bringen. Ich selbst vergoß im Anfang dergleichen Tränen; dadurch aber wurde mein Kopf so geschwächt und mein Geist so ermüdet, dass ich den anderen Tag und noch länger dem innerlichen Gebete nicht mehr obliegen konnte. So ist denn im Anfang große Vorsicht notwendig, damit alles in lieblicher Weise geschehe, der Geist bloß innerlich zu wirken scheine, und man alles Äußere mit großer Sorgfalt zu vermeiden suche.

12. Von letzterwähnten Andachten sind jene Antriebe, über die ich zu sprechen begonnen, ganz verschieden. Da legen nicht wir selbst das Holz unter, sondern es scheint geradeso, als wäre das Feuer schon entzündet und als würden wir plötzlich in dasselbe hineingeworfen, um von seinen Flammen ergriffen zu werden. Die Seele führt nicht selbst den Schmerz herbei, den sie über ihr Fernsein von dem Herrn empfindet, sondern es wird ihr zuweilen ein Pfeil in das Innerste ihres Herzens und ihrer Eingeweide gestoßen, so dass sie nicht weiß, wie ihr ist und was sie will. Sie erkennt, dass sie nach Gott verlangt, und dass dieser Pfeil in ein Gift getaucht zu sein scheint, das bewirkt, dass sie um der Liebe des Herrn Willen sich selbst haßt und gern für ihn das Leben verlieren würde. Man kann unmöglich schildern, in welcher Weise Gott die Seele verwundet, noch wie außerordentlich groß die Pein ist, die sie dabei leidet. Sie weiß nicht, wie ihr geschieht, und doch ist die Pein so süß, dass es in diesem Leben kein wonnevolleres Vergnügen gibt. An dieser Krankheit möchte die Seele, wie gesagt, immerfort sterben.

13. Diese Pein, vereint mit einer solchen Glorie, machte mich verwirrt; denn ich konnte nicht begreifen, wie so etwas möglich sei. O was ist es doch um den Anblick einer verwundeten Seele! Ja, so fühlt sie sich, dass sie sich in Wahrheit verwundet nennen kann, verwundet von einer so erhabenen Ursache. Zugleich erkennt sie klar, dass nicht sie selbst diese Liebe in sich hervorgebracht hat, dass vielmehr von jener unendlichen Liebe, die der Herr gegen sie trägt, ein Fünklein plötzlich in sie gefallen zu sein und sie ganz in Glut versetzt zu haben scheint. O wie oft erinnere ich mich in diesem Zustande der Worte Davids: »Quemadmodum desiderat cervus ad fontes aquarum!« Denn diese Worte sehe ich, wie mir scheint, buchstäblich an mir erfüllt.

14. Wenn diese Liebespein weniger heftig ist, so scheint sie mit einigen Bußwerken etwas gemildert werden zu können; wenigstens sucht die Seele, die nicht weiß, was sie anfangen soll, darin eine Linderung. Aber wenn sie auch durch Bußwerke ihren Leib martert, dass ihm das Blut entquillt, so fühlt er es doch so wenig, als wenn er tot wäre. Sie sucht allerlei Mittel und Wege, um aus Liebe zu Gott etwas zu tun, was ihr Schmerz bereitet; aber jener andere Schmerz der Liebe ist so groß, dass ich nicht weiß, welches körperliche Leiden ihn ihr benehmen könnte. Hier auf Erden gibt es kein Mittel gegen eine so erhabene Krankheit, und darum erweisen sich auch die Arzneien als viel zu schwach. Nur eines kann die Pein der Seele mäßigen und sie ihr in etwa erträglich machen, wenn sie nämlich Gott bittet, er möge ihr durch ein Mittel dagegen helfen; sie selbst aber weiß kein anderes als den Tod, durch den allein sie zum vollkommenen Genusse ihres höchsten Gutes zu gelangen hofft. Zuweilen ist der Schmerz so groß, dass man weder zu dieser Bitte noch zu etwas anderem fähig ist, da er den ganzen Leib durchschneidet. Man kann da weder die Arme noch die Füße bewegen; vielmehr sinkt man, wenn man aufrecht steht, nieder, wie wenn man in Ohnmacht fällt. Man vermag kaum mehr Atem zu schöpfen; nur einige Seufzer kann man noch ausstoßen, die zwar wegen Mangel an Kraft äußerlich schwach sind, innerlich aber stark empfunden werden.

15. Es gefiel den Herrn, mich in diesem Zustande einigemal mit folgender Vision zu begnadigen: Ich sah neben mir, gegen meine linke Seite zu, einen Engel in leiblicher Gestalt. In dieser Weise sehe ich sie wunderselten. Obgleich mir oft Engel erscheinen, so geschieht dies doch gewöhnlich, ohne dass ich sie sehe, sondern in der Weise, wie bei der zuerst besprochenen Vision. Hier aber wollte der Herr, dass ich den Engel in leiblicher Gestalt sehen sollte. Er war nicht groß, sondern klein und sehr schön. Sein Angesicht war so entflammt, dass er mir als einer der erhabensten Engel vorkam, die ganz in Flammen zu stehen scheinen. Es müssen dies jene sein, die man Cherubim nennt. Sie sagen mir zwar ihre Namen nicht; aber ich sehe gut, dass im Himmel zwischen den einen und den anderen Engeln ein unaussprechlicher Unterschied ist. In den Händen des mir erschienenen Engels sah ich einen langen goldenen Wurfpfeil, und an der Spitze des Eisens schien mir ein wenig Feuer zu sein. Es kam mir vor, als durchbohre er mit dem Pfeile einigemal mein Herz bis aufs Innerste, und wenn er ihn wieder herauszog, war es mir, als zöge er diesen innersten Herzteil mit heraus. Als er mich verließ, war ich ganz entzündet von feuriger Liebe zu Gott. Der Schmerz dieser Verwundung war so groß, dass er mir die erwähnten Klageseufzer auspresste; aber auch die Wonne, die dieser ungemeine Schmerz verursachte, war so überschwenglich, dass ich unmöglich von ihm frei zu werden verlangen, noch mit etwas geringerem mich begnügen konnte als mit Gott. Es ist dies kein körperlicher, sondern ein geistiger Schmerz, wiewohl auch der Leib, und zwar nicht im geringen Maße an ihm teilnimmt. Der Liebesverkehr, der nunmehr zwischen der Seele und Gott stattfindet, ist so süß, dass ich zur Güte des Herrn flehe, er wolle ihn dem zu kosten geben, der etwa meint, ich lüge hierin.

16. Solange dieser Zustand andauerte, ging ich umher, als wäre ich außer mir. Ich hätte weder sehen noch reden, sondern nur in meine Pein mich versenken mögen, die mir eine größere Seligkeit bereitete als alle geschaffenen Dinge. Diese Liebespein empfand ich zuweilen, bis es dem Herrn gefiel, mich in jene großen Entzückungen zu versetzen, denen ich, auch wenn ich unter Menschen war, nicht widerstehen konnte; zu meinem großen Schmerze wurden sie auch allmählich bekannt. Seitdem ich aber diese Entzückungen habe, empfinde ich weniger die hier geschilderte als eine andere Pein, von der ich schon früher, ich weiß nicht mehr in welchem Hauptstücke, gesprochen habe; sie ist in mancher Hinsicht von jener sehr verschieden sowie auch von höherem Werte. Denn schon beim Beginne der Pein, von der ich eben gesprochen, entrückt der Herr, wie mir scheint, die Seele und versetzt sie in Ekstase. Da kann man denn keine Pein mehr empfinden, noch etwas leiden, weil gleich darauf der Genuss erfolgt. Er, der so erhabene Gnaden einer Seele erweist, die seinen großen Wohltaten so wenig entspricht, sei in Ewigkeit gepriesen!

Dreißigstes Hauptstück

Sie wendet sich wieder der Erzählung ihres Lebens zu. Wie der Herr vielen ihrer Leiden dadurch abhalf, dass er den heiligen Mann, Bruder Petrus de Alcántara aus dem Orden des glorreichen hl. Franziskus, an den Ort ihres Aufenthaltes führte. Große Versuchungen und innere Leiden, die sie zuweilen erduldete.

1. Als ich die Schwachheit oder vielmehr die Nutzlosigkeit meiner Bemühungen in der Zurückweisung so mächtiger Antriebe sah, fürchtete ich mich aufs neue; denn ich konnte mir nicht erklären, wie Schmerz und Freude beisammen sein können. Dass leiblicher Schmerz und geistige Freude gar wohl vereint sein können, begriff ich; aber die Vereinigung einer so überschwenglichen geistigen Pein mit einer so ungemein großen Wonne verwirrte mir den Verstand. Obwohl ich mir fortwährend noch Mühe gab, zu widerstehen, so konnte ich doch so wenig erreichen, dass ich bisweilen dessen überdrüssig wurde. Ich waffnete mich mit dem Kreuze und wollte mich damit gegen den verteidigen, der uns alle durch das Kreuz erlöst hat. Ich sage ganz klar, dass mich niemand verstand; aber so gut ich dies auch einsah, wagte ich doch nicht, es jemand außer meinem Beichtvater zu sagen, weil man mich sonst in Wahrheit des Mangels an Demut hätte zeihen können.

2. Endlich gefiel es dem Herrn, mein Leiden zum großen Teil und für damals sogar gänzlich wegzunehmen; denn er führte in die hiesige Stadt den ehrwürdigen Bruder Petrus de Alcántara, von dem und dessen Bußleben ich schon einiges erzählt habe. Diesem füge ich noch bei, dass er, wie man mich versicherte, zwanzig Jahre hindurch beständig ein Bußkleid von Blech getragen hat. Er ist auch der Verfasser einiger Büchlein über das innerliche Gebet, die er in spanischer Sprache schrieb und die gegenwärtig sehr verbreitet sind. Da er selbst im innerlichen Gebete sehr erfahren war, so konnte er auch für solche, die es üben, eine sehr nützliche Anleitung schreiben. Er beobachtete die ursprüngliche Regel des glückseligen, heiligen Franziskus in ihrer ganzen Strenge und übte außerdem noch andere Strengheiten, von denen ich bereits erzählt habe.

3. Als nun die früher schon erwähnte Witwe und Dienerin Gottes, meine Freundin, die Ankunft des ausgezeichneten Mannes erfahren hatte, erwirkte sie mir ohne mein Wissen von meinem Provinzial die Erlaubnis, mich acht Tage lang in ihrem Hause aufhalten zu dürfen, damit ich mit diesem Diener Gottes besser verkehren könnte. Sie kannte nämlich meine Not, da sie Zeugin meiner Leiden war, in denen sie mir reichlichen Trost gewährte. Sie selbst glaubte so fest daran, dass das, was alle anderen für Teufelstrug hielten, vom Geiste Gottes sei, dass sie gar nicht anders denken konnte. Da sie sehr verständig und ebenso verschwiegen ist und selbst auch vom Herrn schon viele Gnaden im Gebete erhalten hatte, so wollte ihr Seine Majestät in dem, was die Gelehrten nicht verstanden, Licht verleihen. Meine Beichtväter hatten mir erlaubt, zur Erleichterung meines Herzens ihr einiges mitzuteilen; denn sie war aus vielen Gründen dieses Vertrauens wert. Zuweilen nahm sie auch teil an den Gnaden, die mir der Herr verlieh, da er ihr durch mich nützliche Ratschläge für ihre Seele erteilte. Im Hause dieser Witwe also, sowie auch in einigen Kirchen habe ich oft mit dem genannten großen Diener Gottes gesprochen, als er zum ersten Male hier war. Später habe ich noch zu verschiedenen Zeiten viel mit ihm verkehrt. Ich gab ihm kurz, aber mit möglichster Klarheit Aufschluss über mein Leben und meine Gebetsweise; denn dies war überhaupt immer meine Art, dass ich mit jenen, denen ich die Angelegenheiten meiner Seele offenbarte, in aller Klarheit und Wahrheit umging. Immer war es mein Wunsch, dass ich ihnen mein Innerstes bis auf die ersten Regungen bekannt sein möchte; und wenn mir irgend etwas noch zweifelhaft oder verdächtig war, brachte ich Gründe und Beweise gegen mich selbst vor. So enthüllte ich auch jetzt dem Manne Gottes ohne Doppelsinn und Verschleierung meine Seele. Ich sah gleich, dass er mich aus seiner eigenen Erfahrung verstand, und dies war alles, was ich nötig hatte; denn damals verstand ich noch nicht, so wie jetzt, die mir von Gott erteilten Gnaden, um mich darüber aussprechen zu können. Dieses Verständnis und diese Gabe hat mir eine Majestät erst später verliehen. Es musste also jemand diese Gnaden aus eigener Erfahrung kennen, um mich ganz zu verstehen und mich darüber aufzuklären.

4. Dieser heilige Mann gab mir sehr wichtige Aufklärungen. Ich konnte nämlich, wenigstens bis dahin, nicht begreifen, wie es auch andere als bloß einbildliche Visionen geben könne, obwohl mir schien, dass solche doch möglich wären. Aber auch die Visionen, die ich mit den Augen der Seele schaute, schienen mir unbegreiflich. Ich glaubte, wie schon gesagt, nur jene Visionen seien zu achten, die man mit leiblichen Augen sieht; solche aber hatte ich nicht. Der Mann Gottes nun gab mir in allem Licht und Aufklärung. Auch sagte er mir, ich sollte mir keinen Kummer mehr machen, sondern Gott loben und überzeugt sein, dass sein Geist es sei, der in mir wirkt. Außer den Glaubenswahrheiten gebe es keine gewissere Wahrheit und nichts, was ich so fest glauben könne wie dieses. Er fand großen Trost an mir, zeigte sich sehr wohlwollend und gütig gegen mich, nahm sich auch in der Folge sehr um mich an und teilte mir seine eigenen Angelegenheiten und Geschäfte mit. Der Verkehr mit mir gewährte ihm viele Freude, weil er zu dem, was er selbst bereits ins Werk gesetzt hatte, ein so entschiedenes Verlangen, das der Herr mir einflößte, und einen so großen Mut an mir wahrnahm. Denn sobald der Herr eine Seele zu einer so hohen Stufe erhebt, kennt sie keine größere Freude und keinen größeren Trost, als wenn sie jemand findet, von dem sie glaubt, der Herr habe ihm gleichfalls die ersten Gnaden dieser Gebetsstufe verliehen. Nach meinem Dafürhalten werde ich nämlich damals noch nicht viel weiter als bis zu diesen Erstlingsgaben gekommen sein, und wollte Gott, ich märe wenigstens jetzt in ihrem Besitze. Er hatte großes Mitleid mit mir und sagte, dass das, was ich ausgestanden, nämlich der Widerspruch von Guten und Frommen, eines der größten Leiden auf Erden sei. Ich würde indessen noch Vieles auszustehen haben, weil ich eines Führers bedürfe, der mich verstehe, in der ganzen Stadt aber kein solcher sei. Übrigens wollte er mit meinem Beichtvater und mit einem von denen reden, die mir am meisten Leiden verursachten, nämlich mit dem verheirateten Edelmanne, von dem ich schon gesprochen habe. Letzterer, eine heilige, aber furchtsame Seele, war bei der besonderen Liebe, die er zu mir trug, die Ursache des ganzen Krieges, den man gegen mich führte; denn da er wusste, wie böse ich kurz zuvor noch gewesen, konnte er sich (über die außerordentlichen Vorgänge in meinem Leben) nicht beruhigen. Der heilige Mann (Petrus de Alcántara) tat, wie er mir versprochen; er redete mit beiden und trug ihnen Gründe vor, um sie (von der Echtheit der mir von Gott verliehenen Gnaden) zu überzeugen, und um sie zu bewegen, mich fernerhin nicht mehr zu beunruhigen. Mein Beichtvater war leicht zu überzeugen, nicht aber der erwähnte Edelmann. Dieser konnte auch jetzt noch nicht ganz von seinem Vorurteile lassen; jedoch war wenigstens soviel geholfen, dass er mir von da an nicht mehr so viel Furcht einjagte.

5. Wir beide (Br. Petrus de Alcántara und ich) kamen darüber überein, dass ich ihm forthin schreiben sollte, was sich mit mir weiter zutragen werde, und wir einander eifrig Gott empfehlen würden. So groß war die Demut dieses Mannes, dass er auf das Gebet meiner elenden Person etwas hielt; dies beschämte mich sehr. Als er mich verließ, war ich sehr getröstet und erfreut durch die Versicherung, dass ohne Zweifel der Geist Gottes in mir wirke und ich meine Gebetsweise furchtlos fortsetzen könne; wenn ein Zweifel komme, sollte ich ihn, wie er sagte, dem Beichtvater offenbaren und der größeren Sicherheit halber ihm alles mitteilen; damit könnte ich zufrieden sein. Indessen konnte ich mich doch ebensowenig einer vollkommenen Sicherheit hingeben, als ich es glauben konnte, wenn man mir sagte, ich sei vom bösen Feinde betrogen; denn der Herr führte mich auf dem Wege der Furcht. Man mochte mir Furcht oder Sicherheit einflößen: mehr Glauben konnte ich anderen nicht schenken, als der Herr mir in die Seele gab. Wiewohl mich also der Mann Gottes getröstet und beruhigt hatte, so konnte ich ihm doch nicht so weit glauben, dass ich ohne alle Furcht geblieben wäre, besonders wenn der Herr jene Seelenleiden über mich verhängte, von denen ich sogleich sprechen werde. Immerhin aber war ich, wie gesagt, sehr getröstet, und ich konnte Gott und meinem glorreichen Vater, dem heiligen Joseph, gar nicht genug danken. Letzterer hat nach meinem Dafürhalten den frommen Mann hierher geführt; denn dieser war General Kommissär der Kustodie des heiligen Joseph, dem ich mich wie auch Unserer Lieben Frau dringend anempfohlen hatte.

6. Zuweilen ward ich — und dies ist auch jetzt noch, wenngleich seltener, der Fall — von so außerordentlichen Seelenleiden, verbunden mit so heftigen Krankheiten und solchen Schmerzen und Martern des Körpers heimgesucht, dass ich mir gar nicht zu helfen wusste. Zu anderen Zeiten hatte ich noch schwerere Krankheiten des Leibes zu erdulden, konnte sie aber, weil ich nicht an der Seele litt, mit sehr fröhlichem Gemüte ertragen. Traf jedoch, wie hier, beides zusammen, dann war die Pein so groß, dass sie mich beinahe erdrückte. In diesem Zustande vergaß ich alle Gnaden, die mir der Herr zuvor erwiesen bette; sie waren mir nur noch zu meiner Pein wie ein Traum in der Erinnerung. Mein Verstand war so verdunkelt, dass er mich in tausend Zweifel und ängstliche Vermutungen geraten ließ. Es schien mir, als hätte ich das, was mit mir vorgegangen, nicht verstanden und als wäre ich nur getäuscht worden; es wäre schon genug gewesen, dachte ich, wenn ich nur allein betrogen worden wäre, ohne dass ich auch noch andere fromme Menschen hätte zu betrügen brauchen. Ich kam mir so schlecht vor, dass ich meinte, an allen Übeln und Ketzereien wären meine Sündenschuld.

7. Diese falsche Demut war eine Erfindung des Teufels, womit er mich beunruhigte und meine Seele in Verzweiflung zu stürzen suchte. Die Erfahrung hat mir eine so gewisse Überzeugung davon verschafft, dass jener mich jetzt nicht mehr so oft in der Weise quält wie früher; denn er sieht, dass ich seinen Kunstgriff merke. Man erkennt sein Wirken klar aus der Unruhe und Verwirrung, die er gleich anfangs erregt, aus der Aufregung, in die er die Seele, solange dieser Zustand dauert, versetzt, aus der Finsternis und Angst, die er ihr verursacht, und endlich aus ihrer Trockenheit und Untauglichkeit zum Gebete und zu allem Guten. Es scheint, als ersticke der Teufel die Seele und binde den Leib, so dass man nichts zu tun imstande ist. Die wahre Demut wirkt ganz anders. Obwohl die Seele sich als sündhaft erkennt und über ihre Sünden trauert, und obgleich sie sich ihre Bosheit als ebenso ungeheuer vorstellt wie dort und wahren Reueschmerz darüber empfindet, so bringt die wahre Demut doch nie Verwirrung, Unruhe, Dunkelheit und Trockenheit in der Seele hervor, sondern erquickt sie und erfüllt sie im Gegenteil von dem allem mit Ruhe, mit Wonne und Licht. Die Seele empfindet wohl eine Pein, aber eine solche, die sie andererseits stärkt, da sie sieht, welch große Gnade ihr der Herr erweist, dass er sie diese Pein leiden lässt, und wie zuträglich ihr diese ist. Es schmerzt sie, Gott beleidigt zu haben; aber auf der anderen Seite wird ihr Herz im Hinblick auf seine Barmherzigkeit erweitert. Sie wird erleuchtet zur Beschämung ihrer selbst und preist den Herrn, dass er sie so lange ertragen hat. Bei jener anderen Demut aber, die der böse Feind erweckt, fehlt jegliches Licht zum Guten; es scheint vielmehr, als wolle Gott alles mit Feuer und Schwert vertilgen. Da schwebt der Seele nur die Gerechtigkeit Gottes vor Augen; und obschon sie auch an seine Barmherzigkeit glaubt, da der Teufel ihr diesen Glauben nicht rauben kann, so ist ihr doch ihr Glaube nicht zum Troste. Im Gegenteil, die Betrachtung einer so großen Barmherzigkeit trägt nur zur Vermehrung ihrer Qual bei, weil sie glaubt, sie sei darum nur zu um so größerer Dankbarkeit gegen Gott verpflichtet gewesen.

8. Dies ist eine der feinsten, verdecktesten und für die Seele peinlichsten Betrugskünste des bösen Feindes, die ich kenne. Daher wollte ich euer Gnaden darauf aufmerksam machen, damit sie, wenn der Teufel sie in solcher Weise versuchen sollte, einige Aufklärung haben und die Versuchung entdecken, wenn anders der Verstand alsdann noch so klar ist, um sie zu erkennen. Glauben Sie nicht, dass diese Erkenntnis von gelehrtem Wissen bedingt sei. Mir fehlt solches gänzlich; aber dennoch habe ich, nachdem die Versuchung vorüber war, die Torheit (dieser falschen Demut) eingesehen. Auch habe ich erkannt, dass der Herr diese Versuchung will und zulässt, da er dem Teufel gestattet, die Seele damit zu plagen wie den Job, obschon er mir als einer Elenden nicht so heftig zusetzen durfte.

9. In solcher Weise versuchte mich der Teufel einmal, wie ich mich erinnere, am Tage vor dem Vorabende des Fronleichnamsfestes, zu dem ich eine besondere Andacht trage, wenngleich diese nicht so groß ist, mit sie billig sein sollte. Diesmal hielt jedoch die Versuchung nur solange an, als dieser Tag dauerte, während sie sonst acht bis vierzehn Tage, auch sogar drei Wochen oder vielleicht noch länger währte. Es begegnet mir nämlich zuweilen und besonders in der Karwoche, in der sonst das Gebet meine Wonne war, dass der böse Feind plötzlich und manchmal durch ganz geringfügige Dinge, über die ich zu anderen Zeiten nur lachen würde, meinen Verstand einnimmt und ihn ganz nach Belieben verwirrt. Die Seele ist da gleichsam in Ketten geschmiedet; sie ist nicht mehr Herrin über sich selbst und kann an nichts anderes denken als an ungereimte Dinge, die der Versucher ihr vorstellt. Obwohl diese Dinge fast keine Bedeutung haben und nur Torheiten sind, so lässt doch der Teufel die Seele nicht davon los, um sie zu ängstigen, so dass sie gleichsam außer sich gerät. Manchmal kam es mir vor, als würde meine Seele wie ein Spielball von den bösen Geistern hin und her geworfen, ohne sich aus deren Gewalt befreien zu können. Es ist nicht zu sagen, was eine Seele in solcher Lage leiden muss. Sie sucht Hilfe da und dort; aber Gott lässt es zu, dass sie keine findet. Das Licht der Vernunft bleibt ihr zwar, ist aber nicht klar bei ihr, sondern es scheint hier fast so, als ob die Augen verhüllt wären. Wenn jemand einen Weg oft gegangen ist, so weiß er auch bei Nacht und im Finstern, wo er anstoßen könnte, weil er den Weg gewohnt ist und ihn bei Tag gesehen hat; deshalb nimmt er sich vor der Gefahr in acht. Dasselbe ist auch hier der Fall; hat man Gott nicht beleidigt, scheint seinen Grund in der Gewohnheit zu haben, ganz abgesehen davon, dass Gott die Seele hält, was ja die Hauptsache ist.

10. Der Glaube und alle übrigen Tugenden sind alsdann wie erstorben und in Schlaf versetzt, aber nicht verloren. Die Seele glaubt wohl, was die Kirche lehrt; aber es ist so, als spreche sie es nur mit dem Munde aus. Sie ist so gedrückt und träge gestimmt, dass ihr die Erkenntnis Gottes vorkommt wie etwas, das sie nur von weitem gehört hat. Ihre Liebe ist so lau, dass sie, wenn sie von Gott reden hört, darauf merkt, wie auf etwas, das sie zwar glaubt, weil es die Kirche glaubt, aber ohne alle Erinnerung an das, was sie an sich selbst erfahren hat. Will sie mündlich beten oder in der Einsamkeit weilen, so wird sie noch mehr geängstigt; denn unerträglich ist die Marter, die sie in sich empfindet, und von der sie nicht weiß, woher sie kommt. Diese Marter hat meiner Ansicht nach eine kleine Ähnlichkeit mit der Hölle. Ja, so ist es, nach dem zu urteilen, was mich der Herr in einem Gesichte von diesem Orte schauen ließ; denn die Seele brennt in sich selbst, ohne zu wissen, von wem oder woher das Feuer kommt, wie sie ihm entrinnen oder womit sie es auslöschen könnte. Will sie sich mit lesen behelfen, so ist es ebenso, als könnte sie nicht lesen. Einmal wollte ich im Leben eines Heiligen lesen, um darin Unterricht und in dem, was er gelitten, Trost zu finden. Ich las vier oder fünfmal ebensoviele Zeilen, verstand aber, obwohl das Buch in spanischer Sprache geschrieben war, das letztemal weniger davon als das erstemal, und so ließ ich denn das Lesen sein. Dies widerfuhr mir oft, aber des eben erwähnten Falles erinnere ich mich besonders.

11. In solchem Zustande mit anderen verkehren, macht das Übel nur ärger; denn der böse Feind erweckt da einen so verdrießlichen Zorngeist, dass mir scheint, ich möchte jedermann verschlingen, ohne mir in dieser Stimmung helfen zu können. Man meint schon viel zu tun, wenn man sich noch zurückhält; aber richtiger gesagt, hält der Herr den Angefochtenen an seiner Hand, dass dieser gegen den Nächsten nichts redet aber tut, was ihm nachteilig und eine Beleidigung Gottes wäre. Nahm ich in diesen Anfechtungen meine Zuflucht zum Beichtvater, so musste ich oftmals die bittersten Erfahrungen machen. Was ich hier sage, ist volle Wahrheit. Obwohl nämlich die Beichtväter, mit denen ich mich über die Zustände meiner Seele besprach und noch bespreche, heilige Männer sind, so sagten sie mir doch unangenehme Worte und gaben mir derbe Verweise, so dass sie, wenn ich es ihnen nachher vorhielt, sich selbst darüber verwunderten. Sie versicherten mich alsdann, nicht anders gekonnt zu haben; und sie empfanden in der Tat immer Schmerzgefühl und Gewissensskrupel beim Anblick der Leiden des Leibes und der Seele, denen ich ausgesetzt war; und obwohl sie sich fest vornahmen, nicht mehr so zu handeln, sondern mich liebevoll zu trösten, so vermochten sie es doch nicht. Sie sagten mir zwar nichts Böses, wodurch sie etwa Gott beleidigt hätten; aber ihre Worte waren die kränkendsten, die man von einem Beichtvater ertragen kann. Wahrscheinlich wollten sie mich abtöten. Sonst konnte ich so etwas gut ertragen und mich sogar darüber freuen; aber in solcher Lage war mir alles eine Marter. Auch quälte mich der Gedanke, ich möchte meine Beichtväter täuschen. Da ging ich denn hin und warnte sie allen Ernstes, sich vor mir in acht zu nehmen, da ich sie vielleicht täuschen könnte. Wohl sah ich ein, dass ich dies weder vorsätzlich tun noch auch eine Lüge sagen würde; aber ich war furchtsam in allem. Einer von ihnen, der meine Versuchung durchschaute, sagte mir einmal, ich solle mir darüber keinen Kummer machen; wenn ich ihn auch täuschen wollte, so sei er verständig genug, sich nicht täuschen zu lassen. Diese Antwort tröstete mich sehr.

12. Manchmal, ja fast immer oder wenigstens meistens, wenn ich kommuniziert hatte, und zuweilen auch schon, wenn ich dem heiligen Sakramente nahte, befand ich mich plötzlich an Seele und Leib so wohl, dass ich darüber staunte. Es war mir da nicht anders, als verschwänden in einem Augenblicke alle Finsternisse der Seele, und ich erkannte, nachdem es Licht in mir geworden war, die Torheiten, die mich zuvor ängstigten. Zu anderen Zeiten ward ich durch ein einziges Wort des Herrn, wie z. B. wenn er, wie schon erwähnt, zu mir sagte: »Härme die nicht!« oder »Fürchte dich nicht!« wieder ganz gesund, als hätte mir gar nichts gefehlt; auch eine Vision brachte dieselben Wirkungen in mir hervor. Ich fand dann süßen Trost bei Gott und beklagte mich bei ihm, wie er es doch zulassen könne, dass ich solche Marter leide. Aber diese wurde mir gut vergolten; denn fast immer folgten darauf Gnaden in reichem Überflusse. Es kommt mir nicht anders vor, als gehe die Seele, gleich dem Golde, weit reiner und glänzender aus dem Schmelzofen (dieser Prüfungen) hervor, um (so würdiger zu sein), den Herrn in sich selbst zu schauen. Darum erscheinen ihr auch nachher alle diese Leiden, so unerträglich sie ihr auch vorkamen, gering, und sie verlangt sie aufs neue zu erdulden, wenn es dem Herrn gefiele. Mögen auch noch so viele Trübsale und Verfolgungen über uns hereinbrechen: wenn wir sie so dulden, dass wir den Herrn nicht beleidigen, sondern uns um seinetwillen darüber freuen, so sind sie und der größte Gewinn. Leider trage ich sie nicht so, wie es sein sollte, sondern sehr unvollkommen.

13. Manchmal fühlte ich mich, wie dies auch jetzt noch zuweilen der Fall ist, auf eine andere Weise gequält. Es schien mir da, als sei ich aller Möglichkeit beraubt, etwas Gutes zu denken oder zu wollen; Seele und Leib waren träge und untauglich zu allem. Damit waren aber jene anderen Anfechtungen und Unruhen, von denen ich gesprochen, nicht verbunden, sondern ich empfand nur einen gewissen Widerwillen in mir, ohne zu wissen, woher, und nichts stellte meine Seele zufrieden. Ich suchte alsdann, um mich zu beschäftigen, äußere gute Werke zu verrichten, musste mich aber halb dazu zwingen, so dass ich klar erkannte, wie wenig eine Seele vermag, wenn die Gnade sich verbirgt. Diese Erkenntnis betrübte mich indessen nicht sonderlich, denn es gereichte mir immer zu einiger Befriedigung, wenn ich meine eigene Niedrigkeit vor Augen sah.

14. Andere Zeiten gibt es, in denen ich, wenn ich über Gott oder irgend etwas Gutes nachdenken will, bei keinem bestimmten Gegenstande verweilen kann; selbst in der Einsamkeit ist es mir nicht möglich, das innerliche Gebet zu üben; doch fühle ich, dass ich Gott erkenne. Hier sind es nach meiner Einsicht der Verstand und die Einbildungskraft, die mir schaden. Der Wille ist zwar meines Erachtens gut und zu allem Guten bereit; aber der Verstand schweift so unruhig umher, dass er einem tobsüchtigen Narren gleicht, den niemand binden kann; ich vermag ihn nicht einmal auf die Zeit eines Kredo zu bezwingen und ruhig zu halten. Manchmal lache ich beim Anblicke meines Elendes über mich selbst; ich staune und sehe dem Verstande zu, was er etwa anfangen werde; aber Gott sei Dank geht er wunderbarerweise nichts Unrechtem nach, sondern wendet sich bloß gleichgültigen Dingen zu, wie z. B., dass er sinnt, ob hier oder dort etwas zu tun sei. Ich erkenne dann mehr als je, welch eine überaus große Gnade mir der Herr erweist, wenn er diesen Narren in vollkommener Beschauung gefesselt hält. Auch denke ich mir, was wohl jene, die mich für gut und fromm halten, sagen würden, wenn sie diese Albernheiten an mir erblickten. Mich dauert die Seele sehr, wenn ich sie in so schlechter Gesellschaft sehe; und nach ihrer Freiheit mich sehnend, sage ich zum Herrn: »O mein Gott, wann werde ich es doch dahin bringen, dass meine ganze Seele dich preist und alle meine Kräfte vereint dich genießen? Lasse doch, o Herr, nicht zu, dass ich fortan so geteilt und zerrissen sei, da es nicht anders scheint, als gehe jeder Teil seine eigenen Wege!« Dieses Leiden empfinde ich oft; doch sehe ich bisweilen gut ein, dass meine schlechte Gesundheit viel dazu beiträgt. Da denke ich recht lebhaft an den Schaden, den uns die erste Sünde gebracht hat; denn von dieser kommt, wie mir scheint, unsere Untauglichkeit, ein so großes Gut ohne Unterbrechung zu genießen. Doch haben ohne Zweifel auch meine persönlichen Sünden eine Schuld daran; hätte ich nicht so viel gesündigt, so würde ich jetzt mehr mit ganzer Seele dem Guten zugewandt sein.

15. Noch ein anderes großes Leid will ich hier anführen. Ich meinte, alle über das innerliche Gebet handelnden Bücher, die ich gelesen, gut verstanden zu haben, und glaubte, der Herr habe mich bereits so weit gefördert, dass ich ihrer nicht mehr bedürfe; darum las ich auch nicht mehr darin, sondern nahm nur noch die Lebensbeschreibungen der Heiligen zur Hand. Weil ich sah, dass ich ihnen im Dienste Gottes noch so sehr nachstand, so glaubte ich, es würde mir eine solche Lesung zur Aneiferung nützlich sein. Da kam mir der Gedanke, schon eine so hohe Stufe des Gebetes erreicht zu haben, als ein großer Mangel an Demut vor; und weil ich doch nicht anders denken konnte, so verursachte mir dies eine große Qual, die gelehrte Männer und insbesondere der ehrwürdige Bruder Petrus de Alcántara mir sagten, im sollte darüber unbekümmert sein. Indessen sah ich gut ein, dass ich im Dienste Gottes noch nicht einmal angefangen hatte, sowie ich auch jetzt noch voll von Unvollkommenheit bin, obwohl mir die göttliche Majestät nicht weniger Gnaden als vielen frommen Seelen erteilte. Nur gute Begierden und die Liebe sind es, womit ich dem Herrn diene; denn in dieser Hinsicht hat mir, wie ich erkenne, der Herr die Gnade gewährt, dass ich ihm wenigstens in etwa dienen kann. Ich glaube wohl sagen zu können, dass ich ihn liebe; aber trotzdem bin ich wegen meiner geringen Werke und wegen der vielen Unvollkommenheiten, die ich an mir gewahre, betrübt.

16. Zuweilen ist meine Seele ganz blöde. Ich sage »blöde«, denn ich tue da, wie mir scheint, weder gutes noch Böses, sondern gehe, wie man zu sagen pflegt, nur dem gemeinen Haufen nach. Ich empfinde da weder Leid noch Freude; ich bin gleichgültig gegen Leben und Tod; es ist mir weder wohl noch wehe, und ich scheine gefühllos gegen alles zu sein. Die Seele kommt mir vor wie ein Eselein auf der Weide, dass sich nährt, weil es Futter findet, und das frißt, ohne daran zu denken; denn ohne Zweifel empfängt die Seele in diesem Zustande große Gnaden von Gott, weil ihr ein so elendes Leben nicht zur Pein wird und sie es mit Gleichmut erträgt. Da aber die Regungen und Wirkungen dieser Gnaden nicht empfunden werden, so weiß auch die Seele nichts davon. Dieser Zustand kommt mir im Augenblick wie eine Schiffahrt bei ruhigem Winde vor; ohne dass man es merkt, kommt man weit vorwärts.

17. Anders verhält es sich bei den schon besprochenen Gebetsarten. Bei diesen sind die Wirkungen so stark, dass die Seele fast augenblicklich ihre Besserung und Vervollkommnung spürt; denn sogleich wallen fromme Begierden in ihr auf, und sie kann sich nie genug tun. Das sind Wirkungen, welche die großen oben erwähnten Antriebe der Liebe bei jenen hervorbringen, denen Gott sie verleiht. Diese Antriebe sind den Quellen gleich, die, wie ich schon gesehen habe, unaufhörlich den Sand bewegen und in die Höhe treiben. Diesen Vergleich kann man nach meiner Ansicht ganz ungezwungen auf jene Seelen anwenden, die auf diese Stufe gelangen. Die Liebe wallt immer in ihnen und sinnt nach, was zu tun sei; sie können sich nicht zurückhalten gleich jenem Wasser, das sich nicht mit der Erde vermengen kann, sondern immer daraus hervorsprudelt. In einem solchen Zustande befindet sich auch meine Seele sehr häufig. Sie kann wegen der Liebe, die in ihr ist, weder ruhen noch sich zurückhalten. Sie ist in sich selbst von diesem Wasser schon ganz getränkt und verlangt, da ihr dadurch nichts entgeht, dass auch andere davon trinken, damit diese im Lobe Gottes sie unterstützen möchten. O wie oft denke ich an jenes lebendige Wasser, von dem der Herr zum samaritanischen Weibe sprach! Ich habe darum dieses Evangelium besonders lieb. Das war bei mir schon von frühester Kindheit an so; und oftmals bat ich den Herrn, er wolle mir von diesem Wasser zu trinken geben, obwohl ich seine Kostbarkeit noch nicht kannte wie jetzt. Auch hatte ich überall, wo ich war, ein Bild, das dieses Weib darstellte und die Worte zur Unterschrift hatte, die es zum Herrn am Brunnen sprach: »Domine da mihi (hanc) aquam.«

18. Diese Liebe scheint mir auch einem großen Feuer ähnlich zu sein, das immer, um nicht zu erlöschen, etwas zu verzehren haben muss. Es ist es auch mit den Seelen, von denen ich spreche; sie möchten, wenn es sie auch viel kosten sollte, stets Holz zulegen, damit dieses Feuer nicht ausgehe. Leider ist es bei mir oft so, dass ich schon zufrieden wäre, wenn ich nur Strohhalme hineinwerfen könnte. Manchmal muss ich über mich lachen, manchmal aber härme ich mich sehr. Ich fühle mich innerlich angetrieben, dem Herrn in etwa zu dienen; weil ich aber nicht mehr tun kann, so schmücke ich die Bilder mit Blumen und kleinen Zweigen, kehre oder ordne ein Oratorium oder beschäftige mich mit anderen Dingen, die so unbedeutend sind, dass ich mich deshalb schäme. Verrichte ich ein Bußwerk, so ist es so gering und von solcher Art, dass es, wenn der Herr den guten Willen nicht annähme, nach meiner Ansicht für nichts zu achten wäre; ich muss dann über mich selbst lachen. Es ist für Seelen, denen Gottes Güte dieses Feuer seiner Liebe in reichem Maße mitteilt, wahrlich kein geringes Kreuz, wenn sie nicht die körperlichen Kräfte haben, etwas für Gott zu tun. Dies ist eine sehr schmerzliche Pein. Denn weil die Seele die Kräfte nicht hat, Holz zu diesem Feuer zu legen, so stirbt sie fast vor Furcht, es möchte erlöschen. Sie scheint sich alsdann in sich selbst zu verzehren und zu Asche zu werden; sie zerfließt in Tränen und verbrennt (in ihrer Liebesglut). Dies ist eine große, wenngleich süße Marter.

19. Die Seele, die hierher gelangt ist, lobe den Herrn recht sehr, wenn er ihr leibliche Kräfte gibt, Bußwerke zu verrichten, oder Wissenschaft, Talent und Freiheit zum Predigen und zum Beichthören, um andere Seelen zu Gott zu führen; denn sie besitzt damit ein Gut, das sie nur dann zu schätzen weiß, wenn sie selbst empfunden, was es ist, immer viel von Gott zu empfangen und doch nichts zu seinem Dienste tun zu können. Er sei für alles gebenedeit, und alle Engel sollen ihn lobpreisen. Amen.

20. Ich weiß nicht, ob ich recht handle, wenn ich so viele Kleinigkeiten schreibe; weil aber euer Gnaden mir wiederholt den Befehl zugehen ließ, ohne alles Bedenken ausführlich zu sein und nichts auszulassen, so erzähle ich alles mit Klarheit und Wahrheit, so gut ich mich dessen erinnere. Dabei muss doch noch vieles ausbleiben; sonst müsste ich viel mehr Zeit aufwenden, und ich habe doch, wie schon gesagt, so wenig übrig. Und schließlich wäre vielleicht das, was ich außerdem noch sagen könnte, von gar keinem Nutzen.

Einunddreißigstes Hauptstück

Äußere Versuchungen des Teufels, der ihr erschien und sie peinigte. Einige sehr heilsame Lehren für Seelen, die den Weg der Vollkommenheit wandeln.

1. Nachdem ich von einigen inneren und geheimen Anfechtungen und Beunruhigungen gesprochen habe, die der böse Feind mir bereitete, will ich nun von anderen Quälereien reden, die er mir fast öffentlich zufügte, und bei denen niemand zweifeln konnte, dass er im Spiele sei.

2. Einst befand ich mich in einem Oratorium; da erschien mir zu meiner linken Seite der Teufel in einer abscheulichen Gestalt. Während er mich anredete, betrachtete ich besonders seinen schrecklichen Mund. Aus seinem Leibe schien eine große Feuerflamme zu lodern, die ganz hell und ohne Schatten war. Mit furchtbarer Stimme gab er mir zu verstehen, ich hätte mich zwar seinen Händen entwunden, aber er werde mich schon wieder in seine Gewalt bekommen. Ich fürchtete mich sehr und bekreuzigte mich, so gut ich konnte; da verschwand er, kam aber bald wieder, und so geschah es zweimal. Ich wusste nicht, was ich anfangen sollte, bis ich endlich gegen den Ort, wo er war, Weihwasser sprengte, das mir zur Hand war; daraufhin kam er nicht wieder.

3. Ein anderes Mal peinigte er mich fünf Stunden lang mit so grausamen Schmerzen und einer so großen inneren und äußeren Unruhe, dass ich meinte, ich könnte es nimmer aushalten. Die um mich waren, standen erschrocken da und wussten nicht, was sie anfangen sollten; auch ich selbst wusste mir nicht zu helfen. Sonst pflege ich bei schweren Krankheiten und körperlichen Schmerzen, wenn sie ganz unerträglich sind, so gut ich es vermag, innere Akte zu erwecken und den Herrn zu bitten, er möge mir nur Geduld verleihen und mich dann, wenn es ihm so gefällig wäre, bis zum Ende der Welt in diesem Zustande lassen. Mit solchen Akten und festen Vorsätzen half ich mir auch diesmal, als ich mich von so heftigen Leiden betroffen sah, um sie ertragen zu können. Da wollte mich der Herr erkennen lassen, dass der Teufel die Ursache dieser Peinen sei. Ich sah nämlich neben mir einen kleinen, sehr abscheulichen Mohren, der wie ein Verzweifelter mit den Zähnen knirschte, weil er verlor, wo er zu gewinnen hoffte. Als ich ihn sah, lachte ich und fürchtete mich nicht mehr. Die Nonnen aber, die bei mir waren, wussten nicht, was sie anfangen oder wie sie mir in meinem schrecklichen Leiden helfen sollten. Ich musste nämlich mit dem ganzen Leibe, mit dem Haupte und mit den Armen heftig stoßen und ausschlagen, ohne mich zurückhalten zu können. Das Ärgste aber war die innere Unruhe, die ich dabei empfand, und die so groß war, dass ich mich auf keine Weise beruhigen konnte. Um die Schwestern in Unkenntnis zu lassen, was eigentlich vorgehe, und sie nicht in Furcht zu setzen, wagte ich auch kein Weihwasser zu begehren. Oft nämlich habe ich erfahren, dass es kein wirksameres Mittel gibt, um die bösen Geister zu vertreiben und ihr Wiedererscheinen zu verhindern, als das Weihwasser. Vor dem Kreuze fliehen sie zwar auch, kommen aber wieder. Es muss also das Weihwasser eine große Kraft haben. Mir besonders verschafft es ganz offenbar einen außerordentlichen Trost, den ich in meiner Seele fühle, wenn ich es gebrauche; und es ist gewiss, dass ich sehr häufig ein Ergötzen dabei empfinde und eine innere Wonne, die ich nicht erklären kann, und wovon meine Seele ganz erquickt wird. Dies ist keine bloße Einbildung und nicht etwas, was mir nur einmal, sondern recht oft widerfahren ist; ich habe mit besonderer Sorgfalt darauf achtgegeben. Es ist mir da wie einem, der in heißem Durste einen Trunk frischen Wassers nimmt und davon sich ganz erfrischt fühlt. Dabei erwäge ich, wie wichtig alles ist, was die Kirche angeordnet hat; und es tröstet mich zu sehen, wie ihre Segnungsworte dem Wasser eine so große Kraft mitteilen, dass zwischen dem geweihten und ungeweihten ein so großer Unterschied ist.

4. Weil nun, um auf die begonnene Erzählung zurückzukommen, meine Qual nicht aufhören wollte, sagte ich endlich doch zu den Schwestern: wenn sie nicht lachen würden, würde ich um Weihwasser bitten. Sie brachten es und besprengten mich damit, aber es half nicht. Da goß ich es gegen den Ort hin, wo der häßliche Mohr stand, und augenblicklich verschwand er. Das ganze Übel hörte dann auf, als wäre es mit der Hand weggewischt worden; doch blieb ich sehr ermüdet, wie wenn ich viele Stockschläge erhalten hätte. Dieser Vorfall war für mich von großem Nutzen; denn ich schloß daraus: wenn der Teufel einen Leib und eine Seele, die ihm doch nicht angehören, mit Gottes Zulassung schon so arg misshandelt, was wird er erst an denen tun, die er als sein Eigentum besitzt? Dadurch wurde in mir ein neues Verlangen erweckt, mich vor einer so schlimmen Gesellschaft zu hüten.

5. Was ich soeben erzählte, begegnete mir vor kurzem wieder. Diesmal jedoch dauerte es nicht so lange, und ich befand mich da allein. Ich begehrte, als zwei Nonnen zu mir kamen, wieder Weihwasser. Diese Nonnen — sehr glaubwürdige Personen, die um nichts in der Welt gelogen hätten, — gewahrten, nachdem sie sich schon entfernt hatten, einen sehr üblen, schwefelartigen Geruch; ich selbst aber merkte nichts davon. Dieser Geruch hielt so lange an, dass man ihn wohl gewahren konnte.

6. Ein anderes Mal wurde ich von bösen Geistern gequält, als ich eben im Chore war und mich ein großer Antrieb zur inneren Sammlung überkam. Ich entfernte mich, damit man nicht merkte, was mit mir vorging; jene aber, die in der Nähe waren, vernahmen von dem Orte her, wohin ich mich begeben hatte, starke Stockschläge. Ich selbst hörte neben mir sprechen, wie wenn einige sich über etwas verabredeten; es waren rauhe, übeltönende Stimmen, die ich vernahm; jedoch verstand ich nichts Bestimmtes, weil ich so sehr in das Gebet vertieft war, dass ich auf nichts achtgab und mich auch nicht fürchtete.

7. Fast immer, wenn mir der Herr die Gnade erwies, dass durch mein Zureden irgendeiner Seele geholfen werden sollte, geschah so etwas. Ich will in dieser Beziehung nur folgendes Ereignis erzählen, das viele Personen, besonders mein jetziger Beichtvater, als gewiss bezeugen können. Letzterer nahm Einsicht von einem Briefe, der davon handelte, und ohne dass ich es ihm gesagt, wusste er doch, wer ihn geschrieben.

8. Es kam zu mir ein Priester, der schon dritthalb Jahre lang in einer der abscheulichsten Todsünden lebte, die ich je nennen hörte. Die ganze Zeit über hatte er diese Sünde weder gebeichtet noch sich gebessert, und dabei las er noch immer die Messe. Seine übrigen Sünden beichtete er; von dieser aber sagte er, dass er den Mut nicht habe, etwas so Abscheuliches zu beichten; wohl habe er ein großes Verlangen, davon frei zu werden, allein er könne sich nicht überwinden. Dies erregte in mir großes Mitleid, und es schmerzte mich sehr, zu sehen, wie Gott in solcher Weise beleidigt wurde. Ich versprach dem Unglücklichen, Gott für ihn um Hilfe anzuflehen, und auch andere, die frömmer seien als ich, um ihr Gebet zu ersuchen. Auch schrieb ich einer gewissen Person, der er, wie er mir sagte, den Brief selbst übergeben könne. Und sieh, bei nächster Gelegenheit beichtete er die Sünde; denn Gott wollte ihm diese Barmherzigkeit erzeigen wegen der vielen, sehr heiligen Personen, die auf meine Anempfehlung hin die göttliche Majestät angefleht hatten. Auch ich hatte, so elend ich bin, mit großem Eifer mein möglichstes getan. Dieser Priester schrieb mir nun, sein Zustand habe sich so weit gebessert, dass er schon seit längerer Zeit nicht mehr in diese Sünde gefallen sei; er werde aber von der Versuchung dazu so sehr gepeinigt, dass er eine wahre Höllenqual zu erleiden habe; ich möchte doch Gott für ihn bitten. Wiederholt empfahl ich ihn meinen Mitschwestern, von denen jedoch keine erraten konnte, wer er sei. Diese ließen sich die Sache sehr angelegen sein, und ohne Zweifel verlieh mir Gott auf ihr Gebet hin die Gnade seiner Befreiung. Ich selbst hatte den Herrn gebeten, es möchten doch die Versuchungen und Qualen, die jener litt, aufhören, und es möchten dieselben bösen Geister über mich kommen, um mich zu peinigen, unter der Voraussetzung jedoch, dass ich Seine Majestät nicht beleidige. Und so erlitt ich denn einen Monat lang die schrecklichsten Martern. Dies war die Zeit, in der mir die zwei oben erwähnten Vorfälle begegneten; jener Priester aber wurde durch die Gnade des Herrn von der Anfechtung frei; er schrieb mir dies, als ich ihm davon Mitteilung machte, was ich in diesem Monat ausgestanden. Seine Seele ward gestärkt, und er blieb in der Folge ganz befreit, so dass er dem Herrn gar nicht genug dafür danken konnte. Auch gegen mich zeigt er sich dankbar, als hätte ich etwas zu seinem Glücke beigetragen, während ihm doch nur das Vertrauen, dass Gott mir besondere Gnaden erweist, genützt hat. Wenn die Versuchung ihn sehr bedränge, so lese er, wie er sagte, nur meine Briefe, worauf sie von ihm weiche. Er staunte sehr über das, was ich ausgestanden, sowie auch über die Art und Weise, wie er befreit wurde. Auch ich staunte, hätte aber gern noch diese Jahre in besagter Weise leiden mögen, um diese Seele frei zu sehen. Der Herr sei für alles gepriesen! So viel vermag das Gebet derer, die ihm dienen, zu denen, wie ich überzeugt bin, die Schwestern dieses Hauses gehören. Weil ich sie aber zum Beten angeregt habe, so mag dies die Ursache gewesen sein, dass die bösen Geister am meisten gegen mich wüteten, und der Herr hatte es ihnen meiner Sünden wegen gestattet.

9. Einmal, es war auch in dieser Zeit, meinte ich des Nachts, sie würden mich erwürgen; als aber die Schwestern viel Weihwasser aussprengten, sah ich eine große Menge dieser höllischen Geister forteilen, wie wenn sie sich in einen Abgrund stürzten. Diese Verfluchten peinigen mich so oft, dass ich euer Gnaden und mich selbst ermüden würde, wollte ich die Fälle alle einzeln erzählen. Ich fürchte mich aber wenig vor ihnen, weil ich sehe, dass sie ohne Zulassung des Herrn sich nicht einmal zu rühren vermögen.

10. Das Gesagte möge dazu dienen, dass der wahre Diener Gottes die Schreckbilder, durch die die bösen Geister Furcht einjagen wollen, wenig achte. Jedesmal, sooft wir sie verachten, verlieren sie an Stärke, indes die Seele bedeutend mehr Herrschaft über sie erlangt; und immer bleibt uns ein großer Gewinn davon, den ich zur Vermeidung der Weitläufigkeit nicht näher erkläre. Nur will ich noch erzählen, was mir einmal in der Allerseelennacht widerfuhr. Ich befand mich da in einem Oratorium und hatte eben eine Nokturn (des Totenoffiziums) beendigt. Während ich nun noch einige sehr andächtige Gebete sprach, die in unserem Breviere zuletzt noch stehen, setzte sich der böse Feind auf das Buch, um mich an der Vollendung dieser Gebete zu hindern. Ich bekreuzte mich, und er verschwand. Als ich wieder zu lesen anfing, kam er wieder; und so geschah es, dass ich, wie ich glaube, dreimal anfing und nicht fertig werden konnte, bis ich endlich zu seiner Verscheuchung Weihwasser gebrauchte. In demselben Augenblicke sah ich, wie einige Seelen, denen nur noch etwas Weniges zu ihrer Befreiung gefehlt haben mochte, aus dem Fegfeuer gingen; dies hat wohl, wie ich meinte, der böse Feind verhindern wollen. Selten sah ich ihn in sichtbarer Gestalt, gar oft aber ohne irgendeine Gestalt, nach Art jener Visionen, bei denen man, wie ich schon gesagt habe, klar erkennt, dass jemand zugegen sei, ohne jedoch eine Gestalt zu schauen.

11. Noch etwas will ich erzählen, was mich in großes Erstaunen setzte. Als ich einst am Dreifaltigkeitsfeste im Chore eines gewissen Klosters war und daselbst in Verzückung geriet, sah ich einen großen Streit der bösen Geister gegen die heiligen Engel. Ich konnte mir nicht erklären, was dieser Gesicht zu bedeuten habe; aber ehe vierzehn Tage verflossen waren, erkannte ich dessen Bedeutung wohl. Es entspann sich nämlich zwischen einigen dem Gebete ergebenen Personen und mehreren anderen, die es nicht waren, ein gewisser Streit, der jenem Kloster zum großen Nachteile gereichte. Dieser Streit dauerte lange und stiftete große Unruhe.

12. Zuweilen sah ich eine große Anzahl böser Geister rings um mich her; und es schien mir, als wenn eine große Klarheit mich ganz einschlösse, die ihnen nicht gestattete, sich mir zu nähern. Daraus erkannte ich, dass Gott mich beschütze und es ihnen verwehrte, mir so zu nahen, dass ich ihn beleidigte. Aus dem, was ich einigemal an mir bemerkte, konnte ich die Wahrheit dieser Vision erkennen. Es ist mir klar geworden, dass die bösen Geister wenig gegen mich vermögen, wenn ich nicht wider Gott bin; deshalb habe ich auch fast gar keine Furcht vor ihnen. Nur gegen Seelen, die feig sind und selbst sich ihnen ergeben, vermögen sie etwas; nur gegen solche zeigen sie ihre Macht.

13. Bei den Anfechtungen, die ich schon geschildert habe, schien es mir zuweilen auch, als lebten alle Eitelkeiten und Schwachheiten vergangener Zeiten in mir wieder auf, so dass ich mich gezwungen sah, mich Gott zu empfehlen. Da wurde ich gleich von der Furcht geängstigt, es möchten alle außerordentlichen Vorgänge in mir vom bösen Feinde sein, bis mein Beichtvater mich wieder beruhigte. Ich meinte nämlich, man dürfe nicht einmal die erste Regung eines unrechten Gedankens in sich verspüren, wenn man vom Herrn so große Gnaden empfange.

14. Zu anderen Zeiten war es für mich eine große Qual, und das ist auch jetzt noch der Fall, wenn ich, besonders von vornehmen Personen, hochgeachtet werde und man Gutes von mir spricht. Das hat mir schon viel Leid bereitet und quält mich auch jetzt noch. Ich wende da gleich meine Augen auf das Leben Christi und der Heiligen und meine, einen anderen Weg zu gehen als sie, die nur auf dem Wege der Verachtung und Schmach gewandelt sind. Diese Unähnlichkeit macht mich furchtsam; ich wage alsdann nicht, dass Haupt zu erbeben, und möchte mich vor gar niemand mehr sehen lassen. Leide ich dagegen Verfolgungen, dann empfinde ich keine Unruhe, sondern die Seele ist, obwohl auf der einen Seite betrübt, weil die Natur diese Leiden fühlt, doch auf der anderen Seite so darüber Herrin, dass ich nicht weiß, wie dies nur sein kann. Und doch ist es so; denn da scheint die Seele in ihrem Reiche zu sein und alles unter den Füßen zu haben. Die Pein, die ich der erwähnten Ursache halber manchmal empfand, dauerte stets mehrere Tage fort. In gewisser Beziehung seien mir dies Tugend und Demut zu sein; aber jetzt sehe ich klar ein, dass es nur eine Versuchung war. Ein sehr gelehrter Dominikaner hat mich darüber aufgeklärt.

15. Wenn ich daran dachte, dass die Gnaden, die der Herr mir erwies, kundbar werden möchten, war mir dies eine so außerordentliche Qual, dass meine Seele in große Unruhe geriet. Ja, es kam so weit, dass ich in Erwägung dessen meinte, ich wolle mich lieber lebendig begraben lassen. Als mich daher jene großen Sammlungen oder Entzückungen auch in Gegenwart anderer überkamen, ohne dass ich ihnen widerstehen konnte, fühlte ich mich nachher so beschämt, dass ich an einem Orte zu sein wünschte, wo mich niemand mehr sehen würde. Als ich nun einmal sehr darüber betrübt war, fragte mich der Herr, was ich denn fürchte? Es könne ja doch nichts anderes daraus erfolgen, als dass die Leute entweder übel über mich redeten oder ihn lobten. Dadurch gab er mir zu verstehen, dass jene, die an die Eitelkeit dieser Gnaden glaubten, ihn loben, die andern aber mich schuldlos verurteilen würden; beides wäre jedoch nur Gewinn für mich, und darum sollte ich mich nicht betrüben. Dies beruhigte mich sehr und tröstet mich auch jetzt noch, wenn ich mich daran erinnere. Die erwähnte Anfechtung hatte schon so überhandgenommen, dass ich mich von hier entfernen und mit meiner Aussteuer in ein anderes Kloster gehen wollte, in dem die Klausur viel strenger war als da, wo ich bis dahin lebte. Es war auch (ein Kloster) meines Ordens, und ich hatte von diesen außerordentlichen Strengheiten gehört, die dort geübt wurden. Auch war es sehr weit entfernt, und eben der Umstand, an einem Orte leben zu können, wo ich unbekannt war, wäre für mich ein großer Trost gewesen. Aber mein Beichtvater gab es nicht zu.

16. Diese Art von Beängstigungen hemmte gar sehr die Freiheit meines Geistes. Nachmals aber kam ich zur Einsicht, dass eine Demut, die mich so sehr beunruhigte, keine wahre Demut sein könne. Auch gab mir der Herr folgende Wahrheit zu erkennen: Wenn ich die feste Überzeugung hätte, dass kein Gut von mir selbst herrühre, sondern alles von Gott komme, so würde es mir in keiner Weise lästig fallen, dass Gott seine Werke an mir offenbare. Es wäre mir ja auch nicht lästig, andere loben zu hören; vielmehr sei es mir eine große Freude und ein großer Trost, zu sehen, wie Gott sich an ihnen herrlich erzeige.

17. Auch in eine andere Übertreibung fiel ich. Ich flehte, und zwar in besonderem Gebete, zu Gott, Seine Majestät wolle, wenn jemand etwas Gutes von mir denke, ihm meine Sünden zu erkennen geben, damit er sich überzeuge, wie unverdient mir die göttlichen Gnaden zuteil werden. Dies ist überhaupt immer mein innigster Wunsch. Mein Beichtvater jedoch untersagte mir ein solches Gebet. Bis vor kurzem war es aber noch meine Gewohnheit, einem, von dem ich merkte, dass er sehr gut von mir dachte, durch Umschweife, oder wie ich sonst es vermochte, meine Sünden zu erkennen zu geben. Dadurch schien ich Muße zu erhalten; denn auch diese Wahrnehmung verursachte mir eine große Angst. dies war meines Erachtens nicht Demut, sondern eine Anfechtung, die aus derselben Quelle hervorging wie diese andere. Es kam mir nämlich vor, als ob ich alle Leute täuschte. Indessen war es doch nie mein Wille und mein Bestreben, andere zu täuschen; und sind sie auch in Wahrheit getäuscht, wenn sie etwas Gutes von mir denken, so lässt es der Herr zur Erreichung seiner Absichten zu. Selbst mit den Beichtvätern würde ich aus besagtem Grunde über nichts Gutes, dass ich an mir gewahrte, gesprochen haben, wenn es nicht notwendig gewesen wäre; denn ich hätte sonst große Gewissensangst empfunden. Jetzt erkenne ich freilich, dass alle diese Besorgnisse und Peinen und diese scheinbare Demut nur große Unvollkommenheit und Mangel an Abtötung waren; denn wenn eine Seele sich Gottes Händen übergeben hat, so ist es ihr gleichgültig, ob man Gutes oder Böses von ihr sagt; aber dazu ist erforderlich, dass die vollkommen von der Erkenntnis durchdrungen ist, sie besitze nichts Gutes aus sich selbst, sowie auch, dass der Herr ihr diese Kenntnis verleiht. Sie vertraue also dem Spender der Gnaden, der auch weiß, warum er sie offenbar macht; und sie bereite sich auf die Verfolgung vor, die in jetziger Zeit gewiss nicht ausbleibt, wenn der Herr will, dass die ihr von ihm verliehenen Gnaden offenbar werden. Denn auf eine solche Seele sind tausend Augen gerichtet, indes auf tausend andere Seelen kein einziges Auge schaut. Da hat man denn in Wahrheit nicht wenig Grund, sich zu fürchten. Dies war ohne Zweifel auch meine Furcht; nicht Demut, sondern Kleinmut war (die wahre Ursache meiner Unruhen). Denn eine Seele, die Gott den Augen der Welt so aussetzt, kann sich wohl darauf gefasst machen, eine Märtyrin der Welt zu werden. Will sie der Welt nicht absterben, so wird diese sie ertöten.

18. Wahrlich, ich sehe nur das eine, was mir an der Welt als etwas Gutes erscheint, dass sie nämlich an den tugendhaften Seelen keinen Fehler dulden will und sie durch ihr Übelreden zur Vollkommenheit nötigt. Ich behaupte, ein Unvollkommener habe mehr Mut nötig, den Weg der Vollkommenheit zu gehen, als plötzlich ein Märtyrer zu werden; denn man erringt die Vollkommenheit nicht in kurzer Zeit, außer wenn der Herr aus besonderer Begünstigung diese Gnade verleihen will. Wenn aber die Welt einen diesen Weg betreten sieht, so will sie ihn auf der Stelle auch schon vollkommen haben; und sie bemerkt schon auf tausend Meilen einen Fehler an ihm, der vielleicht sogar eine Tugend ist. Weil aber der Fehler selbst von der nämlichen Sache einen schlechten Gebrauch macht, so beurteilt er auch andere danach. Da soll man weder essen noch schlafen, ja, wie man zu sagen pflegt, nicht einmal Atem holen. Und je mehr die Welt einen achtet, desto mehr vergißt sie, dass er noch im Leibe wandert; denn mag man seine Seele für noch so vollkommen halten, so ist er doch den Armseligkeiten dieses Lebens unterworfen, wie sehr er sie auch schon unter die Füße gebracht hat. Daher ist, wie gesagt, großer Mut notwendig; denn wenn die arme Seele kaum begonnen hat zu gehen, so will man auch schon, dass sie fliege. Sie hat noch nicht ihre Leidenschaften überwunden, und schon will man, dass sie auch in den schwersten Anfechtungen so unbeweglich feststehe, wie man es von den Heiligen liest, die bereits in der Gnade befestigt waren. Was solche Seelen in dieser Hinsicht leiden, muntert teils zum Lobe Gottes auf, teils tut es aber auch dem Herzen innigst wehe; denn so viele Seelen kehren wieder um, weil die Armen sich selbst nicht zu helfen wissen. Ich glaube, dass es auch meiner Seele so ergangen wäre, wenn nicht der Herr so barmherzig alles an mir getan hätte, was er nur tun konnte. Euer Gnaden wissen, dass mein Leben nichts anderes gewesen ist als ein beständiges Fallen und Wiederaufstehen, bis der Herr in seiner Güte mich von meinem Elende ganz befreit hat. O könnte ich mich doch deutlich erklären! Denn ich glaube, viele Seelen kommen hier auf Irrwege, weil sie fliegen wollen, bevor Gott ihnen Flügel gibt.

19. Ich meine zwar, vorstehendes Gleichnis schon einmal gebraucht zu haben; doch passt es auch auf diesen Punkt, über den ich mich noch etwas verbreiten will, weil ich manche Seelen sehe, die hierin von großer Betrübnis heimgesucht werden. Sie beginnen mit großartigen Begierden, mit flammendem Eifer und mit dem festen Entschlusse, in der Tugend voranzuschreiten. Auch haben manche, was das Äußere betrifft, um Gottes willen schon alles verlassen. Sie sehen nun an anderen, die weiter vorangeschritten sind, sehr große und erhabene Tugenden, die ihnen der Herr verleiht, die wir aber aus uns selbst nie erlangen können. Auch lesen sie in allen Büchern, die über das Gebet und die Beschauung geschrieben sind, was man tun müsse, um zu dieser Würde zu gelangen; weil sie es aber nicht gleich zustande bringen, darum betrüben sie sich. Sie lesen z. B., man müsse es mit Gleichmut ertragen, wenn andere übel von uns reden, und sich noch mehr freuen, als wenn sie Gutes von uns redeten; man solle die Ehre verachten und von den Verwandten so losgeschält sein, dass man, wenn sie nicht dem Gebete ergeben sind, gar nicht mehr mit ihnen verkehren möchte und den Umgang mit ihnen sogar lästig finde. Dies alles aber und anderes dergleichen muss nach meinem Dafürhalten Gott geben; denn es sind dies, wie mir scheint, schon übernatürliche oder doch solche Güter, die gegen unsere natürliche Neigung streiten. Darum sollen solche Anfänger sich nicht härmen, sondern auf den Herrn hoffen, er werde ihnen mit seiner Gnade noch dazu verhelfen, die guten Begierden, die sie jetzt haben, ins Werk zu setzen, wenn sie nur beten und tun, was in ihren Kräften steht. Denn gerade wegen unserer schwachen Natur ist es sehr notwendig, dass wir den Mut nicht sinken lassen, sondern ein großes Vertrauen haben und glauben, dass wir, wenn wir uns Gewalt antun, den Endsieg erringen werden.

20. Da ich in diesem Punkte viel Erfahrung habe, so möchte ich euer Gnaden noch auf etwas aufmerksam machen. Wenn es Ihnen auch scheinen sollte, Sie hätten eine Tugend schon errungen, so dürfen Sie doch nicht eher daran glauben, als bis jene Tugend in der Versuchung zum Gegenteile sich bewährt hat. Auch sollen wir, solange wir leben, niemals ohne Furcht und Sorge sein; denn solange uns die Gnade der Erkenntnis, wie nichtig hienieden alles ist, noch nicht vollkommen zuteil geworden, hängt sich gar vieles daran, und jede Tugend ist in diesem Leben immer vielen Gefahren ausgesetzt. Erst vor wenigen Jahren schien es mir, als hätte ich an meine Verwandten nicht nur keine Anhänglichkeit mehr, sondern als wären sie mir sogar lästig. Und es war auch in der Tat so; denn ich konnte den Umgang mit ihnen nicht mehr ertragen. Nun musste ich mich eines sehr wichtigen Geschäftes halber bei einer meiner Schwestern aufhalten, die ich früher sehr innig geliebt hatte. Obwohl sie frömmer ist als ich, so sagte mir doch der Umgang mit ihr nicht zu. Denn weil sie in einem ganz anderen Stande lebt, sie ist nämlich verheiratet, so fand ich nicht immer die Unterhaltung, die ich wünschte; darum blieb ich soviel als möglich allein. Desungeachtet bemerkte ich, dass ihre Leiden mich viel mehr betrübten als die eines anderen Menschen, und dass ich um ihretwillen in einige Sorge geriet. Kurz, ich erkannte an mir, dass ich noch nicht so vollkommen losgeschält sei, als ich meinte, und dass ich die Gelegenheit noch meiden müsse, damit die Tugend zunehmen könne, die der Herr mir zu spenden begonnen. Mit seiner Gnade habe ich mich auch bis zur Stunde beflissen, dies zu tun. Wir müssen, wenn der Herr uns eine Tugend verleihen will, diese hochschätzen und dürfen uns auf keine Weise der Gefahr aussetzen, sie zu verlieren.

21. Wie mit dem Gesagten, so verhält es sich auch mit der Verachtung der Ehrenpunkte und mit vielem anderen. Denn glauben mir euer Gnaden: nicht alle, die da meinen, von allem losgeschält zu sein, sind es wirklich, und darum dürfen wir uns keiner Sorglosigkeit hingeben. Und jeder, der vorwärts schreiten will, aber in sich noch die Neigung zu einem Ehrenpunkte fühlt, glaube mir und ruhe nimmer, bis er dieses Hindernis überwunden hat; denn es ist eine Kette, die Gott allein durchfeilt, vorausgesetzt, dass wir beten und durch große Anstrengung auch das Unsrige tun. Nach meinem Dafürhalten ist diese Neigung eine Fessel, die uns hindert auf dem Wege (der Vollkommenheit), und ich staune nur über den Schaden, den sie anrichtet. Ich kenne Personen, die in ihren Werken heilig sind und so Großes vollbringen, dass sie Verwunderung erregen. Aber, o mein Gott! Warum liegen solche Seelen trotzdem noch auf der Erde? Warum haben sie den Gipfel der Vollkommenheit noch nicht erreicht? Was ist die Ursache davon? Was hält jene noch zurück, die so viel für Gott tun? Ach, sie hängen noch an irgendeinem Ehrenpunkte; und was das Schlimmste ist, sie wollen es nicht einsehen, dass sie daran hängen. Der Grund davon ist manchmal der, weil der böse Feind ihnen eingibt, sie seien verpflichtet, ihre Ehre zu schützen. Aber mögen sie mir, dieser Ameise, durch die der Herr zu ihnen reden will, um Gottes willen glauben: wenn sie diese Raupe nicht wegschaffen, so wird sie zwar nicht den ganzen Baum verderben, weil immerhin noch einige angefressene Blätter als Reste der Tugenden bleiben. Aber ein toter Baum ist nicht schön; er gedeiht nicht und lässt auch andere Bäume neben sich nicht gedeihen; denn die Frucht des guten Beispieles, die er hervorbringt, ist nicht gesund und hält sich nicht lange. Ich sage oftmals: mit der eilten Ehre, so unbedeutend sie auch scheinen mag, verhält es sich wie bei dem Orgelspiele. Durch eine einzige verfehlte Note oder durch einen einzigen verfehlten Takt wird die ganze Musik verstimmt. Die Ehrfurcht ist in jeder Hinsicht der Seele sehr schädlich, aber auf dem Wege des Gebetes ist sie eine Pest.

22. Wie, du strebst nach Vereinigung mit Gott und willst den Räten Christi folgen, der mit Schmach und falschen Anklagen beladen worden ist, und verlangst zugleich, dass deine Ehre und dein Ansehen auch nicht im mindesten beeinträchtigt werde? Da wirst du unmöglich zu dem angestrebten Ziele gelangen; denn diese zwei Wege gehen nicht zusammen. Nur wenn wir uns selbst Gewalt antun und in vielen Dingen unser Recht aufgeben, wird der Herr sich mit unserer Seele vereinigen. Aber da sagt vielleicht einer: ich habe keine Gelegenheit dazu, es kommt mir nichts solches vor. Ich antworte ihm: bist du wirklich fest dazu entschlossen (deiner Ehre zu entsagen und mit Christus Schmach zu leiden), so wird der Herr, dessen bin ich gewiss, nicht zulassen, dass du eines so großen Gutes beraubt bleibst. Seine Majestät wird dir so viele Gelegenheiten zum Erwerb dieser Tugend geben, dass sie über dein Verlangen hinausgehen. Lege nur Hand ans Werk! Ich will hier einige der kleinen und unbedeutenden Dinge, die ich im Anfang übte, erzählen. Solche Strohhälmchen lege ich, wie ich schon gesagt habe, auch jetzt noch dem Feuer zu, weil ich zu Größerem nicht tauglich bin; aber der Herr nimmt alles an. Er sei in Ewigkeit gepriesen!

23. Unter anderen Mängeln, die mir eigen waren, hatte ich auch den, dass ich vom Breviere wenig Kenntnis besaß und die Zeremonien des Chores nicht gut inne hatte. Daran war nur meine Nachlässigkeit und meine Beschäftigung mit eitlen Dingen schuld. Andere Novizinnen hätten mich wohl unterrichten können, aber ich wollte sie nicht fragen, damit sie meine geringe Kenntnis nicht merkten. Wie es nämlich gar häufig geschieht, meint man da gleich, man müsse ein gutes Beispiel geben (und dürfe deshalb seine Unkenntnis nicht verraten). Als mir aber Gott in der Folge die Augen schon ein wenig geöffnet hatte, erkundigte ich mich, selbst wenn ich etwas gut wusste und nur noch einen ganz geringen Zweifel hatte, sogar bei den Jüngsten. Dadurch verlor ich weder meine Ehre noch mein Ansehen; und es schien mir sogar, der Herr habe mir danach ein besseres Gedächtnis gegeben, als ich es zuvor hatte. Ich konnte auch nicht gut singen; und wenn ich nun etwas singen sollte, was ich nicht eingeübt hatte, so war es mir unlieb, zwar nicht wegen der Fehler in Gegenwart des Herrn — denn dies wäre Tugend gewesen —, sondern darum, weil viele andere mich hörten. Ich wurde dann aus lauter Ehrsucht so verwirrt, dass ich noch schlechter sang, als ich es sonst konnte. Später nahm ich mir vor, wenn ich etwas nicht ganz gut innehatte, zu sagen, ich könnte es nicht. Dies tat ich anfangs mit großer Beschämung, in der Folge aber mit Freude. Und sobald ich einmal begonnen hatte, mich nicht weiter zu kümmern, wenn andere meine Ungeschicklichkeit merkten, erfüllte ich meine Pflicht weit besser. Es hatte also die elende Ehrsucht mich zu dem unfähig gemacht, was ich für Ehre hielt; diese setzt nämlich ein jeder in das, was ihm gefällt.

24. Durch die Übung so unbedeutender Dinge, die nichts sind — und ich bin ja selbst lauter nichts, weil ich so große Beschwerden dabei fand —, schreitet man allmählich voran, so dass man sich zuletzt auch zu größeren entschließt. So unbedeutend diese Dinge auch scheinen mögen, schlägt sie doch Seine Majestät hoch an, wenn sie um Gottes willen geschehen; und der Herr hilft dann zur Vollbringung größerer.

25. So, wie mit dem Gesagten, erging es mir auch bezüglich der Demut, die ich übte. Da ich sah, wie alle Schwestern in der Vollkommenheit zunahmen und ich allein immer zu nichts tauglich war, legte ich ihre Mäntel zusammen, wenn sie den Chor verlassen hatten; dabei dachte ich mir, diesen Engeln dienen zu wollen, die hier Gott lobten. Als man aber, ich weiß nicht wie, darauf kam, schämte ich mich nicht wenig; denn meine Tugend reichte noch nicht so weit, dass mir die Entdeckung solcher Dinge lieb gewesen wäre. Davon mag aber nicht Demut die Ursache gewesen sein, sondern die Furcht, man möchte mich über so etwas Geringfügiges auslachen.

26. O mein Herr! Wie beschämend ist es doch für mich, so viele Sünden an mir wahrzunehmen und dagegen so kleine mit tausend Armseligkeiten vermischte Tugendübungen zu erwähnen, wahre Sandkörnchen, die ich überdies nicht einmal zu deinem Dienste von der Erde erhoben hatte. Das Wasser deiner Gnade quoll damals noch nicht unter diesen Sandkörnchen hervor, um sie in die Höhe zu treiben. Könnte ich doch, o mein Schöpfer, nach so vielen bösen Werken auch nur eine einzige gute Handlung von Bedeutung anführen, während ich die großen Gnaden erzähle, die ich von dir empfangen habe! Ich weiß wirklich nicht, o mein Herr, wie ich es über mein Herz bringen kann oder wie jemand, der dieses liest, mich nicht verabscheuen muss, wenn er sieht, wie schlecht ich so außerordentliche Gnaden vergolten habe, und wie ich mich dennoch nicht schäme, meine so unbedeutenden Werke zu erzählen. Ja, gewiss, o Herr, schäme ich mich; weil ich aber nichts anderes von mir zu erzählen weiß, so bringe ich gleichwohl diese schwachen Versuche vor, damit jeder, der Größeres vollbringt, auf den Herrn vertraue; dieser wird ein solches Opfer um so weniger verschmähen, nachdem er sogar meine geringfügigen Werke angesehen zu haben scheint. Seine Majestät verleihe mir die Gnade, dass ich nicht immer bei diesen Erstlingsversuchen stehenbleibe! Amen.

Zweiunddreißigstes Hauptstück

Wie der Herr sie im Geist an einen Ort der Hölle versetzen wollte, den sie durch ihre Sünden verdient hatte. Von dem, was ihr dort gezeigt wurde, kann sie im Vergleiche mit der Wirklichkeit nur ein schwaches Bild entwerfen. Sie beginnt mit der Erzählung, wie das St. JosephsKloster gegründet wurde, in dem sie sich gegenwärtig befindet.

1. Lange Zeit, nachdem mir der Herr schon viele der erwähnten und noch andere sehr hohe Gnaden verliehen hatte, glaubte ich eines Tages, da ich eben im Gebete war, plötzlich und ohne zu wissen wie mit Leib und Seele in die Hölle versetzt zu sein. Ich erkannte, dass mir der Herr den Ort schauen lassen wollte, den die bösen Geister dort für mich bereitet hatten, und den ich durch meine Sünden verdient hätte. Dies ging in kürzester Zeit vor sich; allein wenn ich auch noch so viele Jahre leben werde, so kann ich es doch, wie ich glaube, unmöglich vergessen. Der Eingang kam mir vor wie ein sehr langes, schmales Gäßchen, gleich einem sehr niedrigen, finsteren und engen Backofen. Der Boden schein mir wie eine sehr schmutzige Wasserpfütze, die einen pestilenzialischen Gestank ausdünstete und von häßlichem Ungeziefer wimmelte. Am äußersten Ende war eine Vertiefung in der Mauer, einem Wandkasten gleich, in den ich mich hineingepresst sah. Dieser ganze Anblick, den ich nur sehr unvollkommen geschildert, war noch ein Vergnügen gegen das, was ich an diesem Orte empfand.

2. Mir scheint, man könne unmöglich auch nur annähernd beschreiben oder begreifen, was ich dort in Wirklichkeit litt. Ich empfand in der Seele ein Feuer, von dem ich gar nicht zu sagen weiß, wie es beschaffen war. Dabei litt ich die unerträglichsten Körperschmerzen. Ich habe in meinem Leben schon sehr große Schmerzen erduldet, nach Aussage der Ärzte die größten, die man hienieden erdulden kann; denn zu der Zeit, als ich gelähmt war, zogen sich alle Nerven zusammen. Auch mancherlei andere Leiden habe ich ausgestanden, und unter diesen solche, die mir, wie schon gesagt, der böse Feind zugefügt hat. Aber alles dies war nichts im Vergleiche mit dem, was ich an jenem Orte empfand, besonders als ich sah, dass die Qualen dort ohne Ende, ohne alles Aufhören dauern würden. Und dies alles war noch nichts gegen den Todeskampf der Seele. Das ist eine Beklemmung, eine Angst, eine so schmerzliche Betrübnis, verbunden mit einem so verzweifelten, peinigenden Missbehagen, dass ich nicht weiß, wie ich es genug aussprechen soll. Wollte ich sagen, man wollte hier einem unablässig die Seele aus dem Leibe reißen, so ist es noch zu wenig; denn in einem solchen Falle ist es ein anderer, der einem das Leben zu nehmen scheint; hier aber in es die Seele selbst, die sich zerreißt. Kurz, ich weiß nicht, wie ich dieses innerliche Feuer, diese Verzweiflung bei so ungeheuren Qualen und Schmerzen beschreiben soll. Zwar sah ich nicht, wer mich so peinigte, hatte aber ein solches Gefühl, als ob ich verbrannt und zermalmt würde. Dabei bemerkte ich, dass das innerliche Feuer und die Verzweiflung das Ärgste waren. An diesem pestilenzialischen Orte, wo gar keine Hoffnung eines Trostes möglich ist, kann man weder sitzen noch liegen. Dazu ist kein Raum vorhanden, wiewohl man mich in jene lochartige Mauervertiefung gesteckt hatte; denn die Mauern selbst, die schrecklich anzusehen sind, drückten mich zusammen, und alles ist dort zum ersticken. Da ist kein Licht, sondern alles ist tiefste Finsternis, und ich begreife nicht, wie es möglich ist, dass man trotz des Mangels an Licht doch alles sieht, was den Augen peinlich sein muss. Damals war es nicht im Willen des Herrn gelegen, mir die Schrecken der Hölle noch weiter zu enthüllen; später aber hatte ich ein anderes Gesicht von entsetzlichen Dingen, nämlich von den Strafen und Peinen für gewisse Laster. Diese waren, wie mir schien, noch schrecklicher anzusehen; da ich sie aber nicht selbst empfand, flößten sie mir weniger Grauen ein. In der vorigen Vision dagegen wollte der Herr, dass ich im Geiste die Qualen und Peinen so empfand, als wenn sie der Leib selbst wie in Wirklichkeit leiden würde. Wie dieses zuging, weiß ich nicht; ich erkannte es aber als eine große Gnade vom Herrn, dass er mich mit eigenen Augen hat sehen lassen, wovon seine Barmherzigkeit mich errettet hatte. Denn alles, was ich sonst von diesem Orte sagen hörte; alles, was ich selbst über die verschiedenen Peinen daselbst schon betrachtet hatte — ich stellte aber solche Betrachtungen nur selten an, da meiner Seele der Weg der Furcht nicht recht zusagte — alles, was ich von den verschiedenen Qualen, mit denen die bösen Geister die Verdammten peinigen, gelesen hatte, wie sie z. B. diese mit glühenden Zangen zwickten, und anderes mehr: dies alles ist nichts im Vergleich mit jener Pein, die etwas ganz anderes ist. Der Unterschied, ist hier der nämliche wie zwischen einem Gemälde und der Wirklichkeit. Wenn das Feuer, das hier auf Erden brennt, ist ganz unbedeutend im Vergleiche mit dem im anderen Leben.

3. Von diesem Gesichte blieb mir ein solcher Schrecken, dass mich auch jetzt noch, nach Verlauf von fast sechs Jahren, während ich dieses schreibe, die natürliche Wärme zu verlassen scheint. Bei der Erinnerung daran kommen mir meine Leiden und Schmerzen und alles, was wir hienieden erdulden können, wie nichts vor, und unsere Klagen erscheinen mir zum Teil grundlos. Ich wiederhole es also, dass dieses Gesicht eine der größten Gnaden war, die mir der Herr erwiesen hat. Es brachte mir dadurch so überaus großen Nutzen, dass es mir sowohl die Furcht vor den Trübsalen und Widersprüchen dieses Lebens benahm, als auch mich zu deren Ertragen stärkte und zum Danke gegen den Herrn entflammte, der mich, wie ich wenigstens jetzt glaube, von so schrecklichen, ewigen Übeln errettet hat.

4. Seit jener Zeit kommt mir, wie gesagt, alles leicht vor im Vergleiche mit einem einzigen Augenblicke der Leiden, die ich dort empfand. Ich wundere mich darüber, dass ich zuvor die Höllenpeinen nicht fürchtete, noch sie für das hielt, was sie sind, obwohl ich oft Bücher gelesen hatte, in denen sie wenigstens in etwa erklärt werden. Ach, wo war ich doch damals! Und wie konnte ich Freude an Dingen haben, die mich an einen so qualvollen Ort geführt hätten! O mein Gott, sei gepriesen in Ewigkeit! Wie klar hat es sich gezeigt, dass du mich weit mehr liebst als ich mich selbst! Wie oft, o Herr, hast du mich von diesem so finsteren Gefängnisse gerettet, und wie oft habe ich mich gegen deinen Willen aufs neue hineingestürzt!

5. Von diesem Gesichte rührt auch der außerordentliche Schmerz her, den ich über so viele Seelen empfinde, die der ewigen Verdammnis entgegengehen, namentlich über jene Lutheraner, die durch die Taufe schon Glieder der Kirche waren. Daher kommen auch jene mächtigen Antriebe, den Seelen zu helfen, so dass mir in Wahrheit scheint, ich würde mit der größten Freude tausendmal den Tod erleiden, damit auch nur eine einzige Seele so entsetzlichen Peinen entgehe. Ich stelle da folgende Betrachtung an: Wenn wir hienieden eine besonders geliebte Person in irgendeinem großen Leiden oder Schmerze sehen, so scheint uns schon unsere Natur zum Mitleid zu bewegen; und ist dieses groß, so quält es uns. Wie nun könnten wir gleichgültig den Anblick einer Seele ertragen, die die allergrößte Trübsal ohne Ende leidet? Wahrhaftig, es gibt kein Herz, das dabei nicht tiefen Schmerz empfände. Wenn wir schon bei einem zeitlichen Leiden des Nächsten so großes Mitleid fühlen, obwohl wir wissen, dass es einmal ein Ende nimmt und nicht über dieses Leben hinaus dauert, so weiß ich nicht, wie wir ruhig zusehen können, dass der böse Feind täglich so viele Seelen an sich zieht.

6. Diese Betrachtung erweckt auch den Wunsch in mir, dass wir in der so wichtigen Angelegenheit unseres ewigen Heiles nichts versäumen, sondern alles tun möchten, was in unseren Kräften steht. Der Herr verleihe uns seine Gnade dazu! Wenn ich über mein Leben nachdenke, so finde ich zwar, dass ich bei all meiner Bosheit doch immer besorgt war, Gott zu dienen. Ich hielt mich rein von gewissen Dingen, die ich ungescheut in der Welt begehen sehe, und habe mit großer Gelassenheit, die mir der Herr verlieh, schwere Krankheiten erduldet. Ich war nicht geneigt zum Übelreden über andere und zum Verleumden und hätte, wie ich glaube, niemand übelwollen können. Ich war auch nicht habsüchtig und kann mich nicht erinnern, jemand in der Weise beneidet zu haben, dass ich dadurch den Herrn schwer beleidigt hätte usw. Denn obschon ich sehr böse war, so wandelte ich doch fast immer in der Furcht Gottes. Dennoch sah ich den Ort, den die bösen Geister schon für mich bereitet hatten; und wenn ich auch für meine Sünden in Wahrheit eine noch größere Strafe verdient hätte, so war doch die Pein, die ich erduldete, eine schreckliche. Daraus schließe ich, wie gefährlich es ist, wenn wir mit uns selbst zufrieden sind, besonders aber, wenn eine Seele, die sozusagen bei jedem Schritte in eine Todsünde fällt, ruhig und zufrieden dahinlebt. O so meiden wir doch um der Liebe Gottes willen die Gelegenheit zur Sünde! Der Herr wird uns helfen, wie er auch mir geholfen hat. Seine Majestät lasse mich nimmermehr aus ihrer Hand, damit ich nicht wieder falle! Denn ich habe gesehen, wohin ich sonst geraten würde. Möge der Herr in seiner Güte mich davor bewahren! Amen.

7. Nach der Enthüllung dieser und anderer großer und verborgener Dinge, die mir der Herr in seiner Güte sowohl von der den Frommen bereiteten Glorie als auch von der Pein der Bösen zeigen wollte, fragte ich mich, wie ich Buße tun könnte, um ein so großes Übel zu fliehen und ein so erhabenes Gut zu verdienen. Dabei war das Verlangen in mir rege, die Menschen zu fliehen und mich gänzlich von der Welt abzusondern. Mein Geist fand keine Ruhe mehr; aber meine Unruhe war nicht quälend, sondern süß. Es war deutlich zu sehen, dass dieses Verlangen von Gott kam und Seine Majestät meiner Seele bereits eine Wärme erteilt hatte, die es ihr ermöglichte, auch stärkere Speisen als die bisher genossenen zu verdauen.

8. Ich überlegte, was ich wohl für Gott tun könnte; und es drängte sich mir der Gedanke auf, ich sollte vor allem dem von Gott mir verliehenen Berufe zum Ordensstande nachkommen und mit der größtmöglichen Vollkommenheit meine Ordensregel halten. Zwar gab es in dem Kloster, in dem ich lebte, viele Dienerinnen Gottes, und es wurde Seiner Majestät darin eifrig gedient. Weil aber dieses Kloster sehr dürftig war, so verließen es die Nonnen häufig; doch gingen sie nur an Orte, wo sie in aller Ehrbarkeit und frommen Zucht weilen konnten. Auch war das Kloster nicht nach der ursprünglichen Strenge der Regel gestiftet, sondern man beobachtete diese nach der durch eine päpstliche Bulle gestatteten Milderung, die der ganze Orden angenommen hatte. Nebstdem gab es dort noch andere Übelstände; denn das Haus war groß und angenehm, und ich meinte, ein zu bequemes Leben darin zu führen. Besonders ungeeignet schien mir aber das Ausgehen zu sein, obwohl gerade ich von dieser Vergünstigung häufig Gebrauch machte. Es wollten mich nämlich gewisse Personen gern bei sich haben; und da meine Vorgesetzten es ihnen nicht gut abschlagen konnten, so erlangten sie auf dringendes Bitten, dass mir befohlen wurde, sie zu besuchen. Auf diese Weise kam es nach und nach soweit, dass ich nur wenig mehr in meinem Kloster verweilen konnte. Dazu mag wohl auch der böse Feind seinen Teil beigetragen haben, weil immerhin einige Nonnen durch Mitteilung von Unterweisungen, die ich von meinen geistlichen Führern erhielt, großen Nutzen schöpften.

9. Eines Tages nun, als mehrere von uns beisammen waren, geschah es, dass eine von ihnen zu mir und den übrigen sagte: wenn mir nur Lust hätten, nach Art der BarfüßerNonnen zu leben, so wäre die Errichtung eines neuen Klosters möglich. Da ich ohnehin mit solchen Gedanken umging, so besprach ich mich über diese Sache mit jener Witwe, meiner Freundin, die ich schon erwähnt habe und die das gleiche Verlangen hatte. Diese machte Vorschläge, auf welche Weise das neue Kloster Einkünfte bekommen könnte. Wie ich jetzt einsehe, waren diese Vorschläge zur Erreichung des beabsichtigten Zweckes freilich wenig geeignet; aber unser gemeinsames Verlangen ließ uns alles als möglich erscheinen. Andrerseits war ich jedoch noch unschlüssig, weil mir das Kloster, in dem ich lebte, allzu lieb war; denn es war ganz nach meinem Geschmacke, und die Zelle, die ich bewohnte, ganz nach meinem Wunsch. Wir beschlossen jedoch, die Sache eifrig Gott zu empfehlen.

10. Als ich nun eines Tages kommuniziert hatte, gebot mir der Herr ernstlich, mit allen Kräften diese Angelegenheit zu betreiben. Dabei gab er mir große Verheißungen und sagte, dass die Errichtung des Klosters nicht unterbleiben werde und ihm darin selbst eifrig gedient werden würde. Es sollte zum heiligen Joseph genannt werden. Dieser Heilige werde an dem einen Tore, unsere liebe Frau an dem anderen über uns wachen, und mitten unter uns werde Christus wohnen. Es werde dieses Kloster ein Stern sein, der großen Glanz von sich verbreite. Obwohl die Orden gemildert seien, so sollte ich doch ja nicht meinen, es werde ihm in ihnen wenig gedient; denn was würde sonst aus der Welt werden, wenn er ihrer um der Ordensleute willen nicht schonte? Zugleich befahl er mir, diesen Auftrag meinem Beichtvater mitzuteilen und ihn zu bitten, er möge nicht gegen dessen Ausführung sein und mich nicht davon abhalten.

11. Diese Vision machte einen gewaltigen Eindruck auf mich; und die Worte des Herrn waren derart, dass ich nicht daran zweifeln konnte, er selbst sei es gewesen. Dennoch machte mir der erhaltene Auftrag den größten Kummer, weil ich die großen Unruhen und Leiden voraussah, die es mich kosten würde. Andrerseits war ich in meinem Kloster sehr zufrieden; denn obwohl ich schon vorher mit dieser Sache mich beschäftigt hatte, so war ich doch noch zu keinem festen Entschlusse gekommen, noch hatte ich sichere Aussicht, dass etwas daraus werden würde. Ich fühlte mich zwar jetzt dazu gedrängt; doch wusste ich noch nicht, was ich tun sollte, weil ich sah, dass ich etwas beginnen würde, was große Unruhe hervorrufen musste. Aber der Herr sprach darüber so oft aufs neue zu mir und hielt mir so wichtige Ursachen und Gründe vor, dass ich seinen Willen klar erkannte und nicht umhin konnte, meinem Beichtvater Mitteilung davon zu machen. Ich verständigte ihn von dem ganzen Hergange schriftlich. Er wagte zwar nicht direkt zu sagen, ich möchte von diesem Plane abstehen; aber er sah ein, dass das Unternehmen nach natürlichem Ermessen nicht gelingen werde, weil meine Freundin, die es zustande bringen sollte, nur geringe, ja fast gar keine Mittel dazu hatte. Er gab mir den Rat, mit meinem Vorgesetzten darüber zu sprechen und zu tun, was dieser für gut finde. Letzterem teilte ich nun zwar die gehabten Visionen nicht mit; aber die erwähnte Dame besprach sich mit ihm über die beabsichtigte neue Gründung.

12. Sehr bereitwillig ging der Provinzial, ein Freund aller klösterlichen Vollkommenheit, auf den Vorschlag der Dame ein und versprach ihr jeden notwendigen Beistand. Er wolle, sagte er, das Kloster unter seine Jurisdiktion nehmen. Beide besprachen sich auch über das Einkommen, das das Kloster für dreizehn Nonnen haben sollte; denn aus vielen Gründen wollten wir, dass diese Zahl niemals überschritten werde. Bevor wir aber die Sache endlich betrieben, schrieben wir dem heiligen Bruder Petrus de Alcántara alles, was geschehen war. Dieser riet uns, das fromme Werk nicht zu unterlassen, und teilte uns über alles seine Meinung mit. Doch kaum ward unser Vorhaben in dem Orte ruchbar, als sich auch schon eine solche Verfolgung gegen uns erhob, dass ich es in Kürze nicht beschreiben kann. Man tadelte, man lachte und bezeichnete das Ganze als Torheit. Mir sagte man, es ginge mir ja ganz gut in meinem Kloster; meine Freundin aber verfolgte man so sehr, dass sie der Sache müde wurde. Es kam mir vor, dass man zum Teil recht habe, und ich wusste nun nicht, was ich anfangen sollte. Als ich darum sehr bekümmert war und mich Gott empfahl, tröstete und ermutigte mich Seine Majestät und sprach zu mir: Jetzt könnte ich sehen, was die heiligen Ordensstifter ausgestanden; ich würde noch mehr Verfolgung leiden müssen, als ich mir denken könne, aber wir sollten dies nicht achten. Und er fügte noch einige Worte hinzu, die ich meiner Freundin mitteilen sollte. Zu meinem größten Erstaunen waren wir beide sogleich über das Vergangene getröstet und fühlten Mut in uns, allen unseren Gegnern zu widerstehen. Fand sich doch in dem ganzen Orte und sogar unter den dem Gebete ergebenen Personen fast niemand, der nicht gegen uns war und unser Unternehmen nicht für die größte Torheit hielt.

13. Das Gerede war so vielseitig und die Aufregung in meinem eigenen Kloster so groß, dass es dem Provinzial schwer schien, allem entgegentreten zu können. Er änderte darum seine Meinung und wollte die neue Gründung nicht mehr annehmen, weil das Einkommen, wie er sagte, nicht sicher und zu gering und der Widerspruch zu groß sei. In all diesem schien er wohl auch recht zu haben. Schließlich zog er sich von dem Unternehmen zurück und wollte es nicht mehr anerkennen. Für uns, die wir das meiste schon überstanden zu haben glaubten, war dies sehr schmerzlich. Mir fiel es besonders schwer, dass der Provinzial jetzt gegen das Unternehmen war; denn hätte er es noch gewollt, so wäre ich bei jedermann entschuldigt gewesen. Meine Freundin wollte man schon nicht mehr in der Beichte absolvieren, wenn sie nicht von ihrem Vorhaben ablasse, weil man sagte, sie sei verpflichtet, das Ärgernis zu beseitigen.

14. Schon ehe der Provinzial das Unternehmen aufgegeben hatte, hatte sich meine Freundin zu einem sehr gelehrten Manne und großen Diener Gottes aus dem Orden des heiligen Dominikus begeben, um ihm unser Vorhaben mitzuteilen und ihn darüber zu befragen; denn im ganzen Orte hatten wir niemand, der uns Rat geben wollte; und so hieß es denn, wir handelten bloß nach unterem eigenen Kopfe. Die Dame erstattete dem heiligen Manne über alles, auch über das Einkommen, das ihr Erbgut abwarf, Bericht und wünschte innigst, dass er uns beistehen möge; denn er war der Gelehrteste in der ganzen Stadt, und wenige in seinem Orden übertrafen ihn. Auch ich teilte ihm alles mit, was wir zu tun im Sinne hatten, und führte ihm einige Gründe dazu an; von meinen Offenbarungen aber sagte ich ihm nichts, sondern erwähnte nur natürliche Gründe, die mich dazu bewogen, weil ich nach diesen ein Gutachten von ihm haben wollte. Er bat sich nur acht Tage Bedenkzeit aus und fragte uns, ob wir entschlossen seien zu tun, was er uns sagen werde. Ich bejahte es; aber obwohl ich dies sagte und, wie mir scheint, auch so handeln wollte, da …, so hatte ich immer eine gewisse Zuversicht, das Unternehmen werde zustande kommen. Meine Freundin hatte einen noch stärkeren Glauben und war fest entschlossen, nicht von ihrem Vorhaben abzugehen, was man auch dagegen sagen würde.

15. Mir schien es, wie gesagt, gleichfalls unmöglich, dass das Werk nicht gelingen werde. Indessen glaube ich, dass eine Offenbarung nur insofern echt ist, als sie der Heiligen Schrift und den Geboten der Kirche, die wir zu erfüllen verpflichtet sind, nicht widerspricht. Obwohl ich nun meine Offenbarung für eine wahrhaft göttliche hielt, so würde ich doch meines Erachtens sogleich von unserem Vorhaben abgestanden sein und ein anderes Mittel gesucht haben, wenn jener Gelehrte mir gesagt hätte, dass wir es ohne Beleidigung Gottes nicht durchführen könnten und gegen unser Gewissen handeln würden. Aber der Herr gab mir kein anderes Mittel an die Hand als dieses. Der Diener Gottes gestand mir später, er habe unsere Anfrage mit dem festen Entschlusse angenommen, alles aufzubieten, um uns von unterem Vorhaben abzubringen. Es war ihm nämlich das Gerede des Volkes schon zu Ohren gekommen, und wie allen übrigen schien auch ihm das ganze Unternehmen eine Torheit. Auch war er von einem Edelmanne, der erfahren hatte, dass wir bei ihm gewesen, gewarnt worden, er möge die Sache wohl bedenken und uns ja nicht unterstützen. Als er aber zu überlegen anfing, was er uns antworten sollte, und sowohl die Sache selbst, als auch unsere Absicht sowie die Lebensweise und Ordensobservanz, die wir einzuführen vorhatten, näher prüfte, überzeugte er sich, dass das Unternehmen sehr zur Ehre Gottes gereichen würde und man es nicht mehr aufgeben dürfe. Seine Antwort lautete nun dahin, dass wir uns beeilen sollten, die Sache zustandezubringen. Zugleich gab er uns Anweisung, wie wir uns verhalten sollten. Die Geldmittel, sagte er, seien zwar gering; aber man müsse auch etwas auf Gott vertrauen. Wer dagegen wäre, sollte zu ihm kommen; er werde ihm antworten. Und in der Tat ist er uns, wie ich später noch erzählen werde, immer beigestanden.

16. Die erhaltene Antwort tröstete uns sehr. Nicht minder tröstlich war es für uns, dass auch mehrere heilige Personen, die vorher unsere Gegner waren, nunmehr von ihrem Widerstande abließen; einige von ihnen unterstützten uns sogar. Unter diesen war auch jener heilige Edelmann, den ich schon erwähnt habe. Wohl schien ihm die Art und Weise der Durchführung unseres Planes schwierig und fast erfolglos; aber da er sehr tugendhaft ist und unser Vorhaben seiner Ansicht nach auf eine sehr hohe Vollkommenheit abzielte, weil es ganz auf das Gebet sich stützte, so hielt er dafür, dass die Sache doch von Gott kommen könne. Vermutlich hat der Herr selbst ihn so umgestimmt, wie auch einen Magister (der Gottesgelehrtheit ), jenen Priester und Diener Gottes nämlich, mit dem ich mich, wie ich schon erzählt habe, zuerst (über die mir von Gott verliehenen außerordentlichen Gnaden) besprach. Er ist ein Vorbild für die ganze Stadt, und Gott hat ihn zur Hilfe und zum Nutzen vieler Seelen hierher gesetzt. Auch dieser kam mir jetzt in meiner Angelegenheit zu Hilfe.

17. So weit war unter unablässigen Gebeten unsere Sache bereits gediehen, dass wir schon ein gut gelegenes Haus gekauft hatten. Es war zwar klein; aber ich achtete dies wenig, weil der Herr mir gesagt hatte, ich sollte nur einziehen, so gut es gehe; in der Folge werde ich schon sehen, was Seine Majestät tun werde. Und in der Tat, wie gut habe ich es gesehen! Das Einkommen schien mir zwar selbst auch gering; aber ich war überzeugt, der Herr werde andere Mittel schaffen und uns mit seiner Hilfe beistehen.

Dreiunddreißigstes Hauptstück

Sie fährt in der Erzählung der Stiftung des Klosters zum glorreichen hl. Joseph weiter fort. Man befiehlt ihr, sich mit dieser Stiftung nicht mehr zu befassen; wie lang sie diese unterbrechen musste. Welche Leiden sie erduldete, und wie der Herr sie hierin getröstet hat.

1. Als die Angelegenheit bereits so weit geregelt und dem Abschlusse so nahe war, dass des anderen Tages die Urkunden ausgefertigt werden sollten, änderte, wie gesagt, unser Vater Provinzial seine Gesinnung. Meiner Ansicht nach ist er durch göttliche Fügung so umgestimmt worden, wie es sich auch später gezeigt hat. Denn weil in dieser Angelegenheit so viel gebetet wurde, so gestaltete der Herr das Werk noch vollkommener und ließ es auf eine andere Weise zustande kommen. Da der Provinzial die Stiftung nicht mehr annehmen wollte, befahl mir mein Beichtvater, mich nicht weiter damit zu befassen. Der Herr weiß es, welch große Mühen und Kümmernisse mich dieses Unternehmen gekostet, bis ich es so weit gebracht hatte. Jetzt, nachdem es so ins Stocken geraten war, befestigte sich die Meinung, dass Ganze sei nur eine Weibergrille gewesen; doch es kam noch mehr; wiewohl ich bis dahin nur im Auftrage meines Provinzials gehandelt hatte, so nahm doch das tadelnde Gerede über mich zu.

2. Ich war nun in meinem ganzen Kloster verhaßt, weil ich ein anderes mit strengerer Klausur stiften wollte. Die Nonnen sagten, ich würde ihnen dadurch Schmach antun; ich könnte ja auch hier Gott dienen wie andere, die besser seien als ich; ich hätte keine Liebe zu unserem Kloster und würde besser daran tun, diesem mehr Einkommen zu verschaffen, als solches für ein anderes aufzubringen. Einige sagten, man solle mich ins Gefängnis tun; andere, doch nur sehr wenige, verteidigten mich etwas. Ich sah wohl ein, dass jene, die gegen mich waren, in mancher Hinsicht recht hatten, und bat sie einigemal um Verzeihung; weil ich ihnen aber den Hauptgrund, dass nämlich der Herr es mir befohlen, nicht sagen durfte, so wusste ich mich nicht zu benehmen und schwieg daher. Gott erwies mir dabei die überaus große Gnade, dass mir dies alles keine Unruhe bereitete; vielmehr ließ ich von dem Unternehmen so leicht und zufrieden ab, als hätte es mich gar nichts gekostet. Niemand, nicht einmal die dem Gebete ergebenen Personen, die mit mir verkehrten, konnten dies glauben, sondern alle meinten, ich sei jetzt ganz beschämt und betrübt. Auch mein Beichtvater konnte es nicht recht glauben. Ich dachte mein möglichstes getan zu haben, um den vom Herrn erhaltenen Auftrag zu erfüllen, und so hielt ich mich denn zu nichts Weiterem verpflichtet. Ich blieb somit ganz zufrieden und vergnügt in dem Hause, wo ich war. Gleichwohl blieb ich stets davon überzeugt, dass das Werk nicht zustande kommen werde; und obwohl ich kein Mittel mehr dazu sah noch wusste, wann oder wie es geschehen sollte, hielt ich es dennoch für gewiss.

3. Was mich indessen sehr betrübte, war der Vorwurf, den mir mein Beichtvater einmal machte, als hätte ich gegen seinen Willen gehandelt. Der Herr muss es so gewollt haben, dass mir gerade von der Seite Leiden bereitet wurden, von der es mich am empfindlichsten schmerzte. Bei den vielen Verfolgungen sollte mir auch noch von da Trübsal kommen, woher ich Trost erwartete. Mein Beichtvater schrieb mir nämlich, ich könnte nunmehr aus dem Vorgefallenen ersehen, dass mein ganzes Vorhaben nur eine Träumerei gewesen; ich sollte mich von nun an bessern und keinen Wunsch mehr äußern, etwas zu unternehmen, auch von der Sache nicht mehr sprechen, da ich jetzt wohl einsehen werde, welches Ärgernis daraus entstanden sei; dazu bemerkte er noch manches andere, was mich alles sehr schmerzlich berührte. Diese Prüfung war für mich härter als alles übrige zusammengenommen; denn nun fürchtete ich, Anlass gegeben und Schuld daran zu haben, dass Gott beleidigt worden. Wären diese meine Visionen nur Blendwerk gewesen, so könnte all mein Gebet Täuschung gewesen und ich arg betrogen und verloren sein. Diese Gedanken quälten mich so sehr, dass ich ganz verwirrt und äußerst betrübt wurde. Aber der Herr, der mich in allen Leiden, die ich erzählt habe, nie verlassen, der so oft mich getröstet und gestärkt hatte, dass ich es hier gar nicht sagen kann, tat es auch diesmal. Er sprach damals zu mir, ich sollte mich nicht härmen, da ich durch mein Unternehmen Gott nicht beleidigt, sondern im Gegenteil ihm einen großen Dienst erwiesen habe. Ich sollte, fügte er hinan, für jetzt nur schweigen, wie der Beichtvater mir befohlen, bis die Zeit kommen werde, mich wieder mit der Sache zu befassen. Dadurch ward ich so getröstet und zufrieden, dass mir die ganze Verfolgung, die sich wider mich erhoben hatte, wie nichts vorkam.

4. Bei dieser Gelegenheit belehrte mich der Herr auch, welch ein großes Gut es sei, um seinetwillen Leiden und Verfolgungen zu ertragen; denn ich gewahrte ein solches Wachstum der Liebe Gottes und vieler anderer Tugenden in meiner Seele, dass ich darüber staunte. Daher kommt es auch, dass ich beständig nach Leiden verlange. Andere meinten, ich sei nun recht beschämt; und ich wäre es wohl auch gewesen, wenn der Herr mir nicht in ganz erstaunlicher Weise mit so großen Gnaden beigestanden wäre. Um dieselbe Zeit begannen auch die gewaltigen Antriebe der Liebe Gottes, die ich schon erwähnt habe, mehr zuzunehmen, und die Verzückungen wurden von dort an größer. Ich schwieg jedoch und sagte niemand etwas von diesen Gütern, die ich gewonnen.

5. Jener heilige Dominikaner hielt es immer für ebenso gewiss wie ich, dass das unterbrochene Werk noch zustande kommen werde; und weil ich mich nicht mehr um dasselbe annehmen wollte, um mich keines Ungehorsames gegen meinen Beichtvater schuldig zu machen, so führte er es mit meiner Freundin weiter fort. Beide schrieben nach Rom und sannen auf weitere Mittel.

6. Doch auch der Teufel ruhte inzwischen nicht. Er brachte es dahin, dass die Kunde sich verbreitete, als hätte ich über das Unternehmen eine Offenbarung gehabt. Nun stellte man mir mit großer Besorgnis vor Augen, es seien jetzt gefährliche Zeiten, man könnte leicht eine Anschuldigung gegen mich erheben und mich bei der Inquisition verklagen. Dies kam mir spaßig vor, und ich musste darüber lachen; denn in dieser Hinsicht hatte ich nie eine Furcht, weil ich mir in Glaubenssachen allzeit wohl bewusst war, dass ich bereit wäre, für jede Wahrheit der Heiligen Schrift und für die kleinste Zeremonie der Kirche tausendmal den Tod zu erleiden. Ich sagte darum denen, die mich warnten, sie möchten sich keinen Kummer machen; denn es müsste doch sehr schlimm mit meiner Seele stehen, wenn sie in ihr etwas fände, weshalb ich die Inquisition zu fürchten hätte. Könnte ich dies denken, so würde ich selbst mich zur Untersuchung stellen; wollte man mich aber fälschlich anklagen, so werde der Herr mich erretten und ich dabei nur gewinnen. Ich besprach mich darüber mit meinem Dominikanerpater, der, wie gesagt, ein so gelehrter Mann war, so dass ich mich auf seine Aussprüche sicher verlassen konnte. Damals teilte ich ihm auch mit möglichster Deutlichkeit alle mir zuteil gewordenen Visionen, meine Gebetsweise und die großen Gnaden mit, die der Herr mir erwiesen hatte, und bat ihn, alles wohl zu erwägen und mir dann zu sagen, ob etwas davon wider die Heilige Schrift sei und was er vom Ganzen halte. Er beruhigte mich sehr, und es schien mir, es habe diese Mitteilung auch ihm genügt. Obgleich ohnehin schon sehr fromm, oblag er doch von da an weit mehr dem Gebete und begab sich, um es ungehinderter üben zu können, in ein anderes, sehr einsam gelegenes Kloster seines Ordens, wo er sich über zwei Jahre lang aufhielt. Als ihn der Gehorsam von da wieder abrief, fiel es ihm schwer, aber man benötigte ihn wegen seiner vortrefflichen Eigenschaften.

7. Über seine Abreise empfand ich in einer Hinsicht großes Leid, weil ich dadurch einer kostbaren Stütze beraubt wurde; da ich aber einsah, wie nützlich ihm die Abgeschiedenheit sein würde, wollte ich ihn nicht davon abhalten. Denn als ich über seine Versetzung sehr betrübt war, sagte mir der Herr, ich sollte mir keinen Kummer machen, sondern getröstet sein, da er unter gutem Geleite gehe. Von dort kam er mit so großem geistlichen Gewinn und so gefördert im inneren Leben, dass er mir bei seiner Rückkehr sagte, er möchte um nichts in der Welt die Reise in jenes Kloster unterlassen haben. Das nämliche konnte ich selbst bezeugen; denn hatte er mich zuvor nur durch seine Wissenschaft getröstet und beruhigt, so tat er es fortan mittels eigener Erfahrung im geistlichen Leben, die er bezüglich übernatürlicher Gunstbezeigungen jetzt reichlich gewonnen hatte. Gott brachte ihn gerade zur rechten Zeit wieder hierher, als nämlich zur Gründung des Klosters, das nach dem Willen Seiner Majestät errichtet werden sollte, seine Mithilfe nötig war.

8. Fünf oder sechs Monate schwieg ich also, hielt mich von dieser Angelegenheit ferne und redete auch nicht davon. Auch der Herr gab mir während dieser Zeit keinen weiteren Auftrag. Ich begriff nicht warum, konnte mir aber auch den Gedanken nicht aus dem Sinne schlagen, dass das angefangene Werk doch noch zustande kommen werde. Nach Verlauf dieser Zeit verließ der bisherige Rektor des Kollegiums der Gesellschaft Jesu dahier unsere Stadt. An dessen Stelle sandte die göttliche Majestät einen Mann, der im geistlichen Leben sehr erfahren war und großen Mut, scharfen Verstand und reiches Wissen besaß. Eben damals hatte ich mich wegen der Abhängigkeit meines Beichtvaters von seinem Oberen in großer Not befunden. Die Jesuiten nehmen es nämlich mit der Tugend des Gehorsams so außerordentlich genau, dass jeder sich (bei den geringsten Handlungen) nach dem Willen des höheren Obern richten muss. Daher kam es, dass mein Beichtvater, wiewohl er meinen Seelenzustand gut verstand und von dem Wunsche beseelt war, mich recht weit voranschreiten zu sehen, aus vielen Gründen es nicht wagte, über gewisse Dinge zu entscheiden. Mein Geist aber hatte schon so mächtige Antriebe, dass es mir sehr schwer fiel, so gebunden zu sein. Trotzdem überschritt ich nichts von dem, was der Pater mir gebot.

9. Als ich nun eines Tage sehr betrübt war, weil es mir schien, mein Beichtvater glaube mir nicht, sagte der Herr zu mir, ich sollte mich nicht härmen, da diese Pein bald ein Ende nehmen werde. Darüber freute ich mich sehr, weil ich meinte, ich werde bald sterben; und sooft ich daran dachte, empfand ich aufs neue große Freude. In der Folge aber erkannte ich klar, dass mit diesen Worten die Ankunft des erwähnten Rektors gemeint war; denn später hatte ich keine Ursache mehr, besagte Pein zu leiden, da der neue Rektor dem Minister, der mein Beichtvater war, freie Hand ließ. Er trug ihm sogar auf, mich zu trösten, versicherte ihn, dass kein Grund zur Furcht vorhanden sei, und gab ihm den Mut, mich nicht so enge Wege zu führen, sondern den Geist des Herrn wirken zu lassen. Schien es doch manchmal bei jenen gewaltigen Antrieben des Geistes, als könnte die Seele gar nicht zu Atem kommen.

10. Da der Rektor mich besuchte, so befahl mir mein Beichtvater, mich über die Zustände meiner Seele mit aller Freiheit und Klarheit bei ihm auszusprechen. Sonst empfand ich gewöhnlich die größte Abneigung, von solchen Dingen zu reden; aber als ich diesmal den Beichtstuhl betrat, hatte ich in meinem Geiste ein mir unerklärliches Gefühl, das ich meines Erinnerns weder zuvor noch darnach bei einem anderen wahrgenommen habe. Ich weiß dieses Gefühl nicht zu beschreiben, noch kann ich es durch Vergleiche klarmachen; es war eine geistige Freude; und meine Seele erkannte, dass ihr die Seele dieses Mannes verwandt sei und er sie verstehen werde, ohne jedoch, wie gesagt, begreifen zu können, wie ich dies erkannte. Hätte ich zuvor schon mit ihm gesprochen oder hätte man mir Großes von ihm erzählt, so wäre meine Freude darüber, dass er mich verstehen werde, erklärlich gewesen. Aber wir hatten vorher nie miteinander ein Wort gesprochen, noch hatte ich jemand von ihm reden hören. Bald überzeugte ich mich auch, dass mein Geist sich durchaus nicht getäuscht habe; denn die Unterredung mit ihm gereichte mir und meiner Seele in jeder Hinsicht zu großem Nutzen. Seine Leitung ist ausgezeichnet für Seelen, die der Herr schon weit gefördert hat; denn er lässt sie nicht bloß Schritt für Schritt vorwärts gehen, sondern treibt sie zum Laufen an. Er sucht sie von allen Dingen loszuschälen und in allem abzutöten; dazu, wie zu vielem anderen, hat ihm der Herr ein außerordentliches Geschick verliehen.

11. Sobald ich mich mit ihm zu unterreden begann, erkannte ich seine Eigenart und sah, dass ich eine reine und heilige Seele vor mir habe, die vom Herrn eine besondere Gabe zur Unterscheidung der Geister empfangen. Dies war mir ein großer Trost. Kurz danach begann der Herr mich wieder zu drängen, die unterbrochene Klosterstiftung aufs neue zu betreiben; und ich musste auf seinen Befehl sowohl meinem Beichtvater als auch dem Rektor viele Gründe vortragen, damit sie mich daran nicht hinderten. Einige dieser Gründe flößten ihnen Furcht ein; denn der Rektor hatte nie gezweifelt, dass der Geist Gottes mich leite, da er mit großer Aufmerksamkeit und Sorgfalt alle die Wirkungen erwog (die sich an mir zeigten). Auf dieses alles hin wagten beide nicht, mir entgegen zu sein.

12. Mein Beichtvater gab mir also wieder die Erlaubnis zu allem, was mir zur Ausführung meines Vorhabens zu tun möglich wäre. Ich erkannte recht wohl die Mühe, die ich mir dadurch auflud, weil ich ganz allein und gar so unvermögend war. Wir kamen nun überein, die Sache ganz geheim zu betreiben. Demnach litt ich durch eine meiner Schwestern, die an einem anderen Orte wohnte, mittels einiger Gelder, die uns der Herr auf verschiedenen Wegen zum Ankaufe eines Hauses zugeschickt hatte, ein solches kaufen und einrichten, als gehörte es ihr. Es wäre zu weitläufig, wenn ich erzählen wollte, in welcher Weise der Herr sorgte; denn einerseits hütete ich mich sehr, etwas gegen den Gehorsam zu tun; andrerseits aber wusste ich, dass alles verloren sein, ja schlechter werden würde als das erstemal, wenn ich meinem Vorgesetzten etwas sagte. Um Geld herbeizuschaffen, das Haus zu bekommen, den Kauf desselben abzuschließen und es einzurichten, hatte ich die größten Mühen, und zwar öfter ganz allein auszustehen. Meine Freundin tat zwar, was sie tun konnte; aber sie vermochte so wenig, dass fast für nichts zu rechnen war, außer dass alles durch ihre Gunst und unter ihrem Namen geschah. Außerdem lag alle Mühe auf mir; und die war so vielfältig, dass ich mich jetzt noch darüber verwundere, wie ich dies ertragen konnte. Manchmal sagte ich in meiner Betrübnis zum Herrn: O mein Herr! Warum gebietest du mir Dinge, die unmöglich scheinen? Ich bin ja nur ein Weib, aber wäre ich doch wenigstens frei! So jedoch bin ich von so vielen Sünden gebunden, habe kein Geld und weiß nie, wo ich solches für das Breve und alles übrige bekommen soll; was kann ich da ausrichten, o Herr?

13. Einmal war ich in solcher Not, dass ich nicht wusste, was ich anfangen und womit ich einige Arbeitsleute bezahlen sollte. Da erschien mir der heilige Joseph, mein wahrer Vater und Herr, und versicherte mich, es werde mir an Geld nicht fehlen; ich sollte nur die Arbeiter dingen. Ich tat es, wiewohl ich keinen Heller hatte; und sieh da, der Herr versah mich in einer Weise mit Geld, dass alle, die es hörten, sich darüber verwunderten.

14. Das Haus kam mir, wie es auch wirklich war, so klein vor, dass ich nicht einsah, wie ein Kloster daraus werden sollte. Gern hätte ich noch ein anderes, ebenfalls sehr kleines Haus, das nebenan stand, dazu gekauft, um es zur Kirche einzurichten; aber ich hatte kein Geld und wusste nicht, wie ich es kaufen könnte, noch was ich überhaupt tun sollte. Da sagte eines Tages, als ich eben kommuniziert hatte, der Herr zu mir: »Ich habe dir schon gesagt, du solltest einziehen, so gut du könntest.« Und weiter sprach er in Form eines Ausrufes zu mir: »O der Begehrlichkeit des menschlichen Geschlechtes! Da meinst du, es werde dir auch noch an Erde mangeln! Wie oft habe ich unter freiem Himmel geschlafen, weil ich zur Ruhe kein Obdach fand!« Ich entsetzte mich über diese Worte, deren Wahrheit ich einsah, ging in das kleine Haus, teilte es ab und fand, dass es, obgleich sehr klein, doch zu einem Kloster ausreiche. Nun dachte ich nicht mehr daran, mehr Platz zu kaufen, sondern ließ das Haus ganz roh und ohne Verputz herrichten, wobei ich nur darauf sah, dass man ohne Nachteil für die Gesundheit darin wohnen könnte; und darauf sollte man immer Rücksicht nehmen.

15. Als ich am Feste der heiligen Klara eben im Begriffe war, zu kommunizieren, erschien mir die Heilige in großer Schönheit. Sie sagte zu mir, ich sollte Mut fassen und in dem begonnenen Werke fortfahren; sie werde mir beistehen. Von da an trug ich eine große Andacht zu ihr; und was sie gesagt, ging auch wirklich in Erfüllung. Ein Nonnenkloster ihres Ordens in der Nähe des unsrigen sorgt mit zu unserem Lebensunterhalte; und was noch mehr ist, diese glückselige Heilige hat mein Verlangen nach Vollkommenheit allmählich soweit gefördert, dass mir die nämliche Armut, die sie dereinst in ihrem Kloster eingeführt, auch in dem unsrigen beobachten und also von Almosen leben. Es hat mich nicht wenig Mühe gekostet, bis dieser Punkt die volle Bestätigung durch das Ansehen des Heiligen Vaters erhielt, damit es nicht mehr geändert werden könne und das Kloster niemals ein bestimmtes Einkommen besitzen dürfe. Der Herr tut aber noch mehr, da Seine Majestät uns mit dem Notwendigen reichlich versieht, ohne dass wir von jemand etwas begehren. Wahrscheinlich geschieht dies auf die Fürbitte jener glorreichen Heiligen. Der Herr sei für alles gepriesen! Amen.

16. Um die nämliche Zeit — es war am Feste der Aufnahme unserer lieben Frau in den Himmel — geschah auch folgendes: Ich befand mich an diesem Tage eben in einer Klosterkirche des Ordens des glorreichen heiligen Dominikus und gedachte da der vielen Sünden, die ich ehedem dort gebeichtet hatte, und meines bösen Lebens. Da geriet ich in eine so große Verzückung, dass ich fast den Gebrauch der Sinne verlor. Ich setze mich nieder und konnte, wie ich meinte, weder die Erhebung der Hostie sehen noch auch der Messe folgen, worüber ich nachher Gewissensangst empfand. Es schien mir da, als werde ich mit einem sehr weißen, glänzenden Gewande umgeben. Im Anfang sah ich nicht, wer mich damit bekleidete; dann aber bemerkte ich unsere liebe Frau zur Rechten und meinen heiligen Vater Joseph zur Linken. Beide schmückten mich mit diesem Gewande; und es wurde mir zu verstehen gegeben, dass ich nunmehr rein von meinen Sünden sei. Als ich so gekleidet war und mich voll übergroßer Wonne und Glorie fühlte, nahm mich unsere liebe Frau, wie mir vorkam, bei der Hand. Dabei sagte sie zu mir, es bereite ihr große Freude, dass ich dem glorreichen heiligen Joseph diene; ich sollte überzeugt sein, dass mein Vorhaben mit dem Kloster in Ausführung komme; in ihm werde dem Herrn und ihnen beiden sehr eifrig gedient werden; ich sollte nicht fürchten, dass jemals eine Erschlaffung hierin eintreten werde, wenn auch die Art des Gehorsams, den das Kloster zu leisten habe, nicht nach meinem Sinne sei; denn sie würden uns beschützen, weil auch ihr Sohn uns verheißen, dass er bei uns sein wolle; zum Zeichen der Wahrheit ihrer Worte gebe sie mir diesen Schmuck. Da war mir, als habe sie mir eine sehr schöne Kette von Gold, an der ein überaus kostbares Kreuz hing, um den Hals gelegt. Dieses Gold und diese Edelsteine übertreffen alles Gold und alle Edelsteine, die es auf Erden gibt, so sehr, dass man gar keinen Vergleich anstellen kann; ihre Schönheit ist weit erhaben über alles, was man sich hienieden nur vorstellen kann. Ebenso kann auch kein Verstand sich einen Begriff machen von dem Stoffe jenes Kleides, noch die Weiße sich denken, in der es der Herr erglänzen lassen wollte; alles, was auf Erden ist, scheint sozusagen nur wie eine Kohlenzeichnung dagegen zu sein.

17. Außerordentlich war die Schönheit, in der ich unsere liebe Frau erblickte, obschon ich nicht die einzelnen Züge ihres Antlitzes, sondern nur deren ganze Gestalt auf einmal sah. Sie war weiß gekleidet und von einem übergroßen Glanze umgeben, der das Auge nicht blendete, sondern lieblich erquickte. Den glorreichen heiligen Joseph sah ich nicht so deutlich; ich hatte jedoch das Gefühl seiner Gegenwart, wie es bei jenen Visionen der Fall ist, die nicht in die Sinne fallen. Unsere liebe Frau kam mir ganz jugendlich vor. Nachdem sich beide kurze Zeit bei mir aufgehalten hatten und ich mit der höchsten Freude und Glorie erfüllt war, wie ich sie meines Erachtens nie gehabt und wie ich sie mir für immer gewünscht hätte, schien es mir, als sehe ich sie, umgeben von einer großen Engelschar, wieder zum Himmel emporschweben. Ich aber blieb sehr vereinsamt zurück, jedoch so voll Trostes, so gehoben, so gesammelt im Gebete und so gerührt, dass ich eine Zeitlang wie außer mir war und mich weder bewegen noch sprechen konnte. Auch fühlte ich einen großen Antrieb, mich ganz für Gott hinzuopfern, und noch andere dergleichen Wirkungen in mir. Diese ganze Vision war der Art, dass ich niemals daran zweifeln konnte, sie sei von Gott gewesen, wie sehr ich auch mich hätte überreden mögen, das Gegenteil zu glauben. Der süßeste Trost und ein großer Friede blieben mir davon zurück.

18. Mit dem, was die Königin der Engel vom Gehorsam sagte, verhält es sich also: Es fiel mir nämlich schwer, dass der Gehorsam nicht den Ordensobern geleistet werden sollte; aber der Herr hatte mir gesagt, es sei dies nicht ratsam. Zugleich gab er mir die Gründe an, warum es in keiner Weise gut sei. Auch befahl er mir, mich auf einem bestimmten Wege nach Rom zu wenden; er werde bewirken, dass von dort Antwort komme. Und so geschah es auch. Wir taten, wie der Herr mir befohlen hatte, und die Sache fiel sehr gut aus. Hätten wir nicht so gehandelt, so wären wir mit unserer Angelegenheit nicht zu Ende gekommen. Der spätere Verlauf der Dinge hat es auch gezeigt, wie zweckmäßig es war, das neue Kloster dem Gehorsam des Bischofes zu unterstellen; aber damals kannte ich ihn noch nicht und wusste nicht, welch einen vortrefflichen Vorgesetzten wir an ihm haben würden. Der Herr wollte, dass dieser Mann so fromm und dem Hause so wohlgeneigt sein sollte, wie es eben notwendig war, um es gegen die heftigen Widersprüche zu schützen, von denen ich noch sprechen werde, als auch um es in den Stand zu setzen, in dem es sich jetzt befindet. Gepriesen sei der, der alles so geordnet hat! Amen.

Vierunddreißigstes Hauptstück

Sie erzählt, wie sie in jener Zeit von ihrem Oberen den Auftrag erhielt, eine sehr vornehme Dame, die in einem anderen Orte wohnte und in großer Betrübnis war, zu besuchen und zu trösten, und wie es ihr dort erging. Große Gnade, die ihr der Herr erwies, da er durch sie einen sehr angesehenen Ordensmann, an dem nachmals einen Helfer und Schützer haben sollte, anregte, ihm in aller Wahrheit zu dienen. Was hier gesagt wird, ist wohl zu beachten.

1. Wie sehr ich auch bemüht war, mein Unternehmen zu verheimlichen, so konnte es doch nicht so in aller Stille vor sich gehen, dass nicht manche Personen vieles davon erfahren hätten. Einige glaubten es, andere nicht. Ich war sehr in Sorge, der Provinzial werde mir bei seiner Ankunft, wenn er etwas von der Sache hören würde, befehlen, mich nicht mehr damit zu befassen; und dann wäre es mit allem zu Ende gewesen. Aber der Herr verhütete es auf folgende Weise: es lebte nämlich in einer großen Stadt, mehr als zwanzig Meilen von hier, eine Dame, die wegen des Todes ihres Gatten sehr betrübt war. Ihr Kummer war so außerordentlich groß, dass man für ihre Gesundheit fürchtete. Sie hatte von mir armen Sünderin gehört; denn um andere Vorteile daraus zu ziehen, fügte es der Herr, dass man ihr Gutes von mir sagte. Da sie von sehr vornehmem Stande war und wusste, dass die Nonnen des Klosters, in dem ich mich befand, ausgehen, flößte ihr der Herr ein großes Verlangen ein, mich zu sehen; denn sie hoffte, durch mich Trost zu finden. Und dieses Verlangen scheint so unwiderstehlich gewesen zu sein, dass sie alle möglichen Schritte tat, ja sogar an den in sehr weiter Ferne weilenden Provinzial ein Schreiben sandte, mir zu erlauben, dass ich zu ihr komme. Dieser gebot mir unter dem Gehorsame, mit einer Gefährtin unverzüglich abzureisen. Am Weihnachtsabende erfuhr ich es. Darüber warb ich etwas verwirrt; und es tat mir sehr leid, zu sehen, dass man mich, in der Meinung, es sei etwas Gutes an mir, in die Welt hinausschicken wollte; dies war mir etwas Unerträgliches, weil ich mich so böse erkannte. Und als ich mich deshalb inständig Gott empfahl, geriet ich in eine tiefe Verzückung, die die ganze Messe hindurch oder doch wenigstens einen Teil derselben anhielt. Der Herr gab mir dabei den Auftrag, die Reise nicht zu unterlassen und auf die Meinung anderer nicht zu hören; denn wenige könnten mir ohne Vermessenheit raten. Zwar hätte ich manches zu leiden, aber Gott würde dadurch ein großer Dienst erwiesen. Auch wäre es für die Klosterstiftung sehr nützlich, wenn ich bis zum Eintreffen des Breve abwesend sei; denn der Teufel habe auf die Ankunft des Provinzials einen argen Anschlag bereitet. Ich sollte also unbesorgt abreisen, da er mir dort beistehen werde. Diese Worte trösteten und stärkten mich sehr; und ich besprach mich mit dem Pater Rektor, der mir nahelegte, die Reise auf keinen Fall zu unterlassen. Andere hatten mir nämlich gesagt, diese Reise sei nicht statthaft, weil sie eine Erfindung des bösen Feindes sei, der wolle, dass mir dort etwas Schlimmes widerfahre; ich sollte darum dem Provinzial schreiben, dass er seinen Befehl zurücknehme.

2. Ich folgte dem Pater Rektor und begab mich, gestärkt durch das, was ich im Gebete vernommen hatte, furchtlos auf den Weg. Doch ging ich nicht ohne die größte Beschämung, weil ich wusste, zu welchem Zwecke ich geschickt wurde, und wie sehr man sich an mir täuschte. Dies veranlasste mich, den Herrn noch mehr mit Bitten zu bestürmen, mich nicht zu verlassen. Ein großer Trost war es für mich, dass in der Stadt, wohin ich mich begab, ein Haus der Gesellschaft Jesu sich befand; denn ich glaubte, dort einigermaßen sicher sein zu können, wenn ich mich ebenso wie hier den Vorschriften der Väter unterwerfen würde. Nun gefiel es dem Herrn, dass jene Dame durch meine Anwesenheit selbst getröstet wurde; es ging bald augenscheinlich besser mit ihr, und sie wurde von Tag zu Tag mehr aufgerichtet. Man legte großen Wert darauf; denn ihr Leiden hatte sie, wie gesagt, in große Bedrängnis gebracht. Ohne Zweifel hat der Herr es so gefügt um der vielen Gebete willen, die fromme Bekannte für mich und zum Gelingen meiner Aufgabe verrichteten. Auch war die Dame sehr gottesfürchtig und tugendhaft, so dass ihr große Frömmigkeit das ersetzte, was mir abging. Sie fasste eine große Liebe zu mir, und auch ich liebte sie sehr, weil ich sah, wie gut sie war. Nichtsdestoweniger war für mich alles ein Kreuz; denn die gute Bewirtung verursachte mir große Pein; und die besondere Aufmerksamkeit, die mir zuteil ward, setzte mich sehr in Furcht. Meine Seele war so zaghaft, dass ich nicht wagte, unbekümmert zu sein. Aber auch der Herr war um mich besorgt; denn während meines Aufenthaltes an jenem Orte erwies er mir die größten Gnaden. Diese gaben mir eine erhabene Freiheit; und je größer sie waren, desto mehr liegen sie mich alles geringschätzen, was ich sah; ich konnte mit so vornehmen Damen, denen zu dienen ich mir zur Ehre hätte anrechnen können, umgehen, als wäre ich Ihresgleichen. Ich schöpfte dabei, wie ich es auch der Dame selbst sagte, einen sehr großen Nutzen für meine Seele. Ich nahm wahr, dass sie ein Weib sei, den menschlichen Leidenschaften und Schwachheiten unterworfen wie ich, und sah ein, wie wenig auf irdische Herrlichkeit zu halten ist. Je größer diese ist, desto mehr Sorgen, Mühen und Arbeit hat man, sich standesgemäß zu betragen, so dass man nicht ruhig leben kann. Da ist man ohne bestimmte Zeit und Ordnung, weil alles dem Stande, nicht dem Bedürfnisse entsprechen muss; und sogar bei der Wahl der Speisen muss man oftmals mehr den Stand als den Geschmack berücksichtigen.

3. Wahrhaftig, ich habe vor dem Verlangen, eine vornehme Frau zu sein, einen gründlichen Abscheu bekommen. Gott bewahre mich vor einem falschen Anstande! Indessen war jene Dame, obwohl sie zu den vornehmen des Königreiches gehört, doch von der Art, dass es meines Erachtens wenige gibt, die demütiger sind und so herablassend wie sie. Ich hatte Mitleid mit ihr, wenn ich sah, wie oft sie, um den Pflichten ihres Standes zu genügen, ihrer Neigung entsagen musste, und noch dauert sie mich deshalb. Ihre Dienerschaft war gut, und doch konnte sie sich nur wenig auf sie verlassen. Sie durfte mit dem einen nicht mehr reden als mit dem anderen, wenn sie nicht wollte, dass der Begünstigte den anderen scheel ansehen würde. Das ist doch wahre Knechtschaft; ja, es ist eine von den Lügen, die die Welt spricht, wenn sie solche Personen Herrschaften nennt; denn sie sind meiner Überzeugung nach in tausend Stücken Sklaven. Während meines Aufenthaltes in jenem Hause gefiel es dem Herrn, dass dessen Bewohner sich mehr dem Dienste seiner Majestät ergaben. Indessen blieb es nicht aus, dass ich wegen der großen Liebe, die die Dame zu mir trug, Missgunst und Widerwärtigkeiten von seiten einiger zu erdulden hatte. Vielleicht meinte man, ich verfolge irgendwie eigennütziges Interesse, und vielleicht hat der Herr diese und andere dergleichen Widerwärtigkeiten über mich kommen lassen, damit ich nicht die ausgezeichnete Behandlung, die mir andrerseits zuteil ward, liebgewänne. Er wollte aber, dass ich aus allem Vorteil für meine Seele ziehe.

4. Zur Zeit, als ich in jener Stadt weilte, kam auch ein sehr angesehener Ordensmann dahin, mit dem ich vor vielen Jahren einigemal gesprochen hatte. Als ich nun einmal in einer Klosterkirche seines Ordens, die nahe an unserem Wohnhause lag, Messe hörte, kam mir ein Verlangen, zu wissen, in welchem Zustande seine Seele sich befinde; denn ich wünschte, dass er ein recht eifriger Diener Gottes sein möchte. Ich stand darum auf, um hinzugehen und mit ihm zu reden; weil ich aber schon im Gebete gesammelt war, glaubte ich die Zeit zu vergeuden und mich in Dinge zu mischen, die mich nichts angingen; ich setzte mich darum wieder nieder. Soviel ich meine, geschah dies dreimal nacheinander. Endlich vermochte aber der gute Engel doch mehr als der böse; ich ging und ließ den Ordensmann rufen. Er kam in einen Beichtstuhl, um mit mir zu sprechen. Wir befragten uns gegenseitig über unter bisheriges Leben, da schon viele Jahre verflossen waren, seitdem wir uns nicht mehr gesehen hatten. Ich sagte ihm, dass ich mein Leben in tiefen Seelenleiden zugebracht. Da drang er sehr in mich, ihm zu sagen, welcher Art diese Leiden gewesen seien. Ich erwiderte ihm, dass sie nicht zur Kenntnis eines jeden kommen dürften, weshalb ich sie ihm nicht mitteilen könne. Daraufhin entgegnete er: Da sein guter Freund, der Dominikanerpater, den ich schon erwähnt habe, davon wisse, so werde dieser es ihm bald mitteilen; ich sollte darum nicht zurückhaltend sein.

5. Es war nun so, dass er nicht umhin konnte, mit seinen Bitten weiter in mich zu bringen; ebenso scheint es auch nicht in meiner Gewalt gewesen zu sein, ihm vorzuenthalten, was er wissen wollte. Während mir sonst die Mitteilung dergleichen Angelegenheiten Mühe und Beschämung bereitete, empfand ich hier nicht das geringste Widerstreben, ebensowenig mit bei dem oben erwähnten Rektor, ja, ich fühlte mich dabei sehr getröstet; doch teilte ich ihm alles nur als Beichtgeheimnis mit. Er schien mir scharfsinniger zu sein als früher, obwohl ich ihn stets für einen hochverständigen Mann gehalten habe. Ich sah seine trefflichen Anlagen und Eigenschaften, um große Fortschritte zu machen, wenn er sich ganz Gott hingeben würde. Seit einigen Jahren habe ich nämlich das Empfinden: sooft ich jemand treffe, der mir besonders gefällt, regt sich in mir sogleich das Verlangen, er möchte sich ganz Gott hingeben; und dieses Verlangen ist zuweilen so heftig, dass ich meiner selbst nicht mehr mächtig bin. Ich wünsche zwar, dass alle Menschen Gott dienen möchten; aber bei Personen, die mir zusagen, regt sich dieser Wunsch mit großer Heftigkeit, und darum flehe ich mit ganz besonderem Ungestüm für sie zum Herrn. Mit diesem Ordensmanne ging es mir ebenso.

6. Er bat mich, ihn doch recht innig Gott zu empfehlen; es war aber nicht notwendig, dass er mir dies sagte, weil ich schon in einer Stimmung war, die mich nicht anders handeln ließ. Ich ging jetzt an den Ort, wo ich für mich allein mein Gebet zu verrichten pflegte, und tief gesammelt begann ich mit dem Herrn in einfältiger Weise zu reden; ich pflege dies oftmals zu tun, ohne dass ich weiß wie ich rede. Da ist es nämlich die Liebe, die spricht; und die Seele ist so außer sich, dass sie nicht auf den Unterschied merkt, der zwischen ihr und Gott besteht. Wenn die Seele, die erkennt, welch große Liebe Seine Majestät zu ihr trägt, vergißt auf sich selbst; es ist ihr, als sei sie in Gott, und als sein ungeteiltes Eigentum redet sie törichte Dinge. Und so redete ich, wie ich mich erinnere, auch damals mit Gott, nachdem ich ihn unter vielen Tränen gebeten, er möge die Seele dieses Ordensmanns dahin bringen, dass sie ihm in alter Wahrheit diene. Ich hielt ihn zwar schon für gut; aber das genügte mir noch nicht, weil ich ihn gern sehr gut sehen wollte. Darum sprach ich zum Herrn: Herr! Diese Gnade darfst du mir nicht versagen; sieh doch, wie sehr er geeignet ist, unser Freund zu sein.

7. O der großen Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, der nicht auf die Worte, sondern auf das Verlangen und den Willen sieht, womit man sie spricht! Wie kann er es gestatten, dass eine Person wie ich so kühn zu Seiner Majestät spricht? Er sei gepriesen in Ewigkeit! Ich erinnere mich auch, wie ich während der Stunden des Gebetes am Abende jenes Tages in großen Kummer geriet bei dem Gedanken, ich möchte etwa in der Feindschaft Gottes stehen, da ich nicht wissen könne, ob ich in seiner Gnade sei oder nicht. Ich verlangte zwar nicht, dieses zu wissen; aber ich wünschte zu sterben, um mich nicht mehr in einem Leben zu sehen, in dem ich nicht sicher war, ob ich nicht (geistig) tot sei; denn es konnte für mich keinen bittereren Tod geben als zu denken, ich hätte vielleicht Gott beleidigt. Diese Angst quälte mich; und ich bat den Herrn, er möchte doch so etwas nicht zulassen. Dabei war ich von Tränen ganz übergossen und erquickt. Ich ward nun belehrt, dass ich mich vollständig trösten und sicher sein dürfte, ich sei im Gnadenstande; denn solche Beweise der Liebe Gottes, solche Gnadengaben von Seiner Majestät und die Mitteilung solcher Empfindungen könnten der Seele nicht zuteil werden, wenn sie sich in einer Todsünde befände. Jetzt ward ich auch voll Vertrauen, dass der Herr jenem Ordensmanne die Gnade gewähren werde, um die ich für ihn gebeten. Seine Majestät beauftragte mich, ihm einige Worte mitzuteilen.

8. Dies war mir sehr peinlich; denn ich wusste nie, wie ich sie ihm beibringen sollte. Und andererseits fällt es mir, wie ich schon gesagt habe, äußerst schwer, einer dritten Person eine Mahnung zu geben, besonders wenn ich nicht weiß, wie er es aufnehmen und ob er mich nicht auslachen werde. Ich war also in großer Angst, entschied mich aber endlich doch insoweit, dass ich, wie ich meine, Gott versprach, ich würde nicht unterlassen, das Anbefohlene auszurichten. Weil ich aber so schüchtern war, schrieb ich die Worte auf und ließ sie ihm übermitteln. Aus dem, was sie in ihm wirkten, ließ sich wohl schließen, dass sie von Gott kamen. Er fasste den ernstlichen Entschluss, sich der Übung des innerlichen Gebetes zu ergeben, obwohl er diesen Entschluss nicht sogleich ausführte. Weil der Herr ihn für sich haben wollte, so ließ er ihm durch mich einige Wahrheiten sagen, die, ohne dass ich es wusste, so für ihn passten, dass er darüber verwundert war. Die göttliche Majestät selbst scheint ihn vorbereitet zu haben, dass er diese Wahrheiten als von ihr kommend annahm. Ich aber, obwohl eine Elende, bat den Herrn inständig, er wolle ihn ganz an sich ziehen und ihm Abscheu vor den Freuden und Dingen dieses Lebens einflößen. Dies hat nun der Herr, der dafür in Ewigkeit gepriesen sei, so kräftig an ihm vollbracht, dass ich jedesmal wenn er mit mir spricht, vor Staunen wie außer mir bin. Hätte ich mich nicht selbst davon überzeugt, so könnte ich es kaum glauben, wie ihm Gott in so kurzer Zeit ein solches Wachstum an Gnaden verliehen und ihn so an sich gefesselt hat, dass er für gar nichts auf Erden mehr zu Leben scheint. Seine Majestät halte ihn an ihrer Hand! Denn fährt er, wie ich bei seiner gründlichen Selbsterkenntnis zum Herrn hoffe, in solcher Weise fort, so wird er einer der ausgezeichnetsten Diener Gottes werden. Und da er in kurzem in geistlichen Dingen eine so große Erfahrung gewonnen, wird er vielen Seelen zu großem Nutzen gereichen.

9. Diese Erfahrung ist eine Gabe, die Gott spendet, wann er will und wie er will, und es kommt dabei weder auf Zeit noch auf geleistete Dienste an. Ich sage nicht, dass Zeit und Anstrengung nicht viel beitragen; allein oft verleiht der Herr jemand in zwanzig Jahren nicht jene Stufe der Beschauung, die er einem anderen in einem Jahre gibt. Die Ursache davon weiß Seine Majestät. Es ist ein Irrtum, wenn wir meinen, nach Verlauf von Jahren das zu verstehen, was durchaus nur durch Erfahrung gewonnen werden kann. Darum irren, wie ich schon gesagt habe, viele, die die Geister verstehen wollen, ohne selbst im Geistesleben erfahren zu sein. Ich sage nicht, dass ein Gelehrter, der diese Erfahrung nicht besitzt, solche, die sie besitzen, nicht leiten könne; wenn er in äußeren und inneren Dingen, die innerhalb der Grenzen des Natürlichen liegen, die Vernunft, und in übernatürlichen Dingen die Heilige Schrift zu Rate zieht, so wird er dazu wohl im Stande sein. Im übrigen aber quäle er sich nicht und schmeichle sich auch nicht, Dinge zu verstehen, die er nicht versteht, und ängstige nicht die Seelen; denn diese leitet schon ein anderer, höherer Herr, so dass sie nicht ohne Oberen sind. Er wundre sich nicht über die Dinge, die da vorkommen, und halte sie nicht für unmöglich; denn dem Herrn ist alles möglich. Er bemühe sich, stark zu sein im Glauben und sich zu demütigen, wenn der Herr einem alten Weiblein in dieser Wissenschaft vielleicht mehr Kenntnis verleiht als ihm, wie hochgelehrt er auch sei. Durch falsche Demut wird er die Seelen und sich selbst mehr fördern, als wenn er den Beschaulichen spielt, ohne es zu sein. Denn, ich wiederhole es, wenn er seine Erfahrung hat und nicht mit sehr tiefer Demut anerkennt, dass er vieles nicht versteht, und das darum doch nicht unmöglich ist, so wird er nicht viel erreichen und dem, den er leitet, wenig nützen. Besitzt er aber Demut, so ist nichts zu fürchten; der Herr wird nicht zulassen, dass er selbst oder andere getäuscht werden.

10. Jenem Pater also hat der Herr in vielen Dingen diese Erfahrung verliehen; und als gründlicher Gelehrter hat er sich auch noch bemüht, durch Studium all das zu gewinnen, was er in dieser Hinsicht erreichen konnte; was er aber aus eigener Erfahrung nicht versteht, darüber befragt er sich bei jenen, die hierin Erfahrung haben. Dabei hilft ihm der Herr dadurch, dass er ihm einen festen Glauben schenkt. Und so hat er denn sich selbst sowie andere Seelen und unter diesen auch die meinige sehr gefördert. Der Herr wusste die Prüfungen, die mich später erwarteten; und da er einige meiner Führer zu sich zu nehmen beabsichtigte, so scheint er für andere gesorgt zu haben, die mir in der Folge in meinen vielen Trübsalen beistanden und viel Gutes erwiesen. Er hat diesen Ordensmann fast ganz umgewandelt, so dass er sozusagen beinahe sich selbst nicht mehr kennt. Er hat ihm zu Bußübungen körperliche Kräfte gegeben, die er zuvor nicht hatte, weil er immer kränkelte, und hat ihm Mut zu allem Guten und andere Gnaden mehr verliehen, so dass es wohl scheint, seine Berufung sei eine ganz besondere gewesen. Der Herr sei dafür in Ewigkeit gepriesen!

11. Ich bin überzeugt, dass ihm all diese Güter durch die Gnaden zuteil wurden, die ihm der Herr im Gebete erwiesen. Und diese Gnaden waren keine unechten; denn der Herr hat dies schon einigemal in den Verfolgungen zeigen wollen, die jener, überzeugt von der Wahrheit des Verdienstes, das man sich durch solche Leiden erwirbt, standhaft ertragen hat. Ich hoffe zur Allmacht des Herrn, dass durch ihn einigen seiner Ordensbrüder, ja dem Orden selbst noch viel Gutes zuteil werde. Dies beginnt schon jetzt sich zu zeigen. Es sind mir außerordentliche Visionen zuteil geworden; und der Herr hat mir über ihn, über den schon erwähnten Rektor aus der Gesellschaft Jesu und über zwei andere Religiosen aus dem Orden des heiligen Dominikus einige sehr staunenswerte Dinge mitgeteilt. Von letzteren in es besonders einer, dessen Fortschritt im geistlichen Leben in Wirklichkeit gezeigt hat, was mir vom Herrn in betreff seiner war geoffenbart worden. Aber ich will von den vielen Offenbarungen bezüglich seiner nur eine anführen. Einmal war ich mit ihm in einem Sprechzimmer, und meine Seele und mein Geist gewahrten eine so brennende Liebe in seinem Herzen, dass ich bei der Erwägung der Wundertaten Gottes, der in so kurzer Zeit eine Seele zu einem so erhabenen Stande erhoben hatte, vor Staunen fast außer mich geriet. Zugleich wurde ich tief beschämt, als ich sah, mit welcher Demut er mich anhörte, was ich ihm über das Gebet sagte; ich hatte nämlich selbst so wenig Demut und wagte es, mit einem solchen Manne in dieser Weise zu sprechen. Der Herr hat es wohl geduldet wegen meines großen Verslangens, ihn recht große Fortschritte machen zu sehen. Die Unterredung mit ihm war mir von so außerordentlichem Nutzen, dass es mir vorkam, als entzünde sich dadurch in meiner Seele ein neues Feuer der Sehnsucht, dem Herrn wieder von neuem zu dienen.

12. O mein Jesus, was bewirkt doch eine Seele, die von deiner Liebe entzündet ist! Wie hoch sollten wir eine solche Seele schätzen und wie sehr sollten wir den Herrn bitten, dass er sie recht lange in diesem Leben lasse. Wer dieselbe Liebe in sich fühlt, der solle womöglich solchen Seelen sich anschließen. Für einen Kranken ist es ein Labsal, einen anderen zu finden, der an der nämlichen Krankheit leidet. Es tröstet ihn sehr, wenn er sieht, dass er nicht allein leidet; und beide Kranke unterstützen sich gegenseitig im Dulden und Verdienen. So leisten auch jene einander vortreffliche Hilfe, die entschlossen sind, tausend Leben um Gottes Willen der Gefahr auszusetzen, und die nach Gelegenheit verlangen, ihr Leben wirklich zu verlieren. Solche Seelen sind Soldaten gleich, die Krieg wünschen, um Beute zu machen und sich dadurch zu bereichern; denn sie wissen, dass sie es nicht anders können als auf diese Weise. Leiden und Mühseligkeiten auszustehen, ist ihr Beruf. O was Großes ist es, wenn der Herr Licht verleiht, um zu erkennen, wieviel durch Leiden um seinetwillen zu gewinnen ist! Man erkennt dies aber erst dann vollkommen, wenn man alles verlässt. Denn wer noch an etwas hängt, der beweist dadurch, dass er einen Wert darauf legt; wer aber einen Wert darauf legt, dem wird es notwendigerweise leid tun, es zu verlassen, und es ist dann schon alles unvollkommen und verloren. Hierher passt das Sprichwort: »Verloren ist, wer einem Verlorenen nachgeht.« Und wie könnte es einen größeren Verlust, eine größere Blindheit, ein größeres Unglück geben, als wenn man das hochschätzt, was nichts ist?

13. Um aber auf die begonnene Erzählung zurückzukommen, so trug sich damals noch folgendes zu: Ich war von höchster Freude erfüllt, als ich sah, wie der Herr jener Seele so großmütige Gnadenschätze verliehen hatte, die er mir klar zeigen zu wollen schien; und als ich der großen Gnade gedachte, die er mir dadurch erwiesen, dass er ihr diese Schätze trotz meiner Unwürdigkeit durch meine Vermittlung erwies, da schätzte ich die Gnaden, die der Herr diesem Ordensmann verliehen hatte, weit höher, und ich hielt mich ihretwegen für eine größere Schuldnerin, als wenn sie mir selbst verliehen worden wären. Ich pries höchlich den Herrn dafür, dass er mein Verlangen auf diese Weise befriedigt, mein Gebet erhört und solche Männer erweckt hatte. Und als nun meine Seele eine so große Freude nicht mehr in sich ertragen konnte, ging sie aus sich selbst heraus und verlor sich, um einer noch größeren Wonne teilhaftig zu werden. Meine Erwägungen hörten auf, und es befiel mich beim Anhören jener göttlichen Sprache (die ich aus dem Munde des Ordensmannes vernahm und), in der mir der Heilige Geist selbst zu sprechen schien, eine tiefe, wenn auch nur kurze Zeit anhaltende Verzückung, die mich fast der Sinne beraubte. Ich sah Christum in höchster Majestät und Herrlichkeit, wie er seine große Zufriedenheit mit jener Unterredung kundgab. Er sagte mir und ließ mich klar erkennen, dass er bei solchen Reden immer gegenwärtig sei, und (zeigte mir), welch ein großer Dienst ihm von jenen erwiesen werde, die ihre Freude daran haben, von ihm zu sprechen.

14. Ein anderes Mal sah ich, wie derselbe Ordensmann, der damals weit von dieser Stadt entfernt war, von den Engeln in großer Herrlichkeit emporgehoben wurde. Aus dieser Vision erkannte ich, dass seine Seele große Fortschritte mache, was auch wirklich der Fall war. Man hatte nämlich fälschlich etwas Schweres wider ihn ausgesagt, wodurch seine Ehre sehr verletzt wurde. Dies war noch dazu von einer Person geschehen, der er viel Gutes erwiesen, da er sowohl ihre Ehre als auch ihre Seele gerettet hatte. Dennoch ertrug er die üble Nachrede mit großer Freude. Er tat auch vieles zur Ehre Gottes und litt noch manche andere Verfolgungen.

15. Ich halte es nicht für angemessen, jetzt noch andere ähnliche Dinge anzuführen; wenn indessen euer Gnaden es für gut finden, so können sie, da Sie davon wissen, zur Ehre Gottes beigefügt werden. Die Weissagungen hinsichtlich des zu gründenden Klosters, die ich ihnen teils schon mitgeteilt habe, teils noch mitteilen werde, sowie mehrere andere Weissagungen gingen sämtlich in Erfüllung. Einige davon hatte ich vom Herrn drei Jahre zuvor, andere noch früher und andere etwas später erhalten. Ich setzte davon immer meinen Beichtvater und jene Witwe, meine Freundin, in Kenntnis, mit der ich, wie schon gesagt, darüber sprechen durfte. Letztere hat diese, wie ich erfahren habe, auch anderen Personen anvertraut, und alle diese wissen, dass ich nicht lüge. Gott behüte mich auch, dass ich überhaupt, am wenigsten aber von so wichtigen Dingen, anders als vollkommen wahrheitsgetreu rede.

16. Als einer meiner Schwäger jähen Todes gestorben war, betrübte ich mich sehr, weil er nicht mehr Gelegenheit hatte, zu beichten. Da wurde mir im Gebete geoffenbart, dass meine Schwester ebenso sterben werde; ich sollte daher zu ihr gehen und sie veranlassen, sich darauf vorzubereiten. Ich teilte dies meinem Beichtvater mit, der mich aber nicht hingehen ließ; deshalb vernahm ich denselben Auftrag öfter, worauf er mir endlich die Erlaubnis gab, weil doch, wie er sagte, nichts dabei verloren sei. Jene wohnte in einem Dorfe, und ich begab mich also dahin. Als ich bei ihr war, sagte ich ihr nichts (von der gehabten Offenbarung), wohl aber unterrichtete ich sie, so gut ich konnte, in allem und riet ihr, recht oft zu beichten und überhaupt Sorge zu tragen für ihre Seele. Da sie sehr tugendhaft war, tat sie, war ich ihr gesagt. Vier aber fünf Jahre danach starb sie, nachdem sie sich die Übung dessen, was ich ihr angeraten, zur Gewohnheit gemacht und in großer Gewissensreinheit gelebt hatte; bei ihrem Tode war niemand zugegen, und sie konnte auch nicht mehr beichten. Glücklicherweise und dank ihrer Gewohnheit hatte sie nicht viel über acht Tage vorher gebeichtet. Bei der Nachricht von ihrem Tode freute ich mich sehr. Sie blieb nur ganz kurze Zeit im Fegfeuer; denn nicht acht Tage, wie mich dünkt, werden nach ihrem Hinscheiden verflossen gewesen sein, als mir nach der Kommunion der Herr erschien und mir zeigen durfte, wie er sie in die ewige Herrlichkeit aufnahm. In all den Jahren, die zwischen jener Offenbarung und ihrem Tode verstrichen, vergaßen ich und meine Freundin nie, was mir kundgetan worden. Letztere kam, nachdem meine Schwester gestorben war, sehr erstaunt über die Erfüllung der Vorhersagung zu mir. Gott, der so große Sorge um die Seelen trägt, auf dass sie nicht verloren gehen, sei in Ewigkeit gepriesen!

Fünfunddreißigstes Hauptstück

Fortsetzung ihrer Erzählung von der Stiftung des Klosters zu unserem glorreichen heiligen Vater Joseph. Wie der Herr es gefügt hat, dass daselbst die heilige Armut eingeführt wurde. Warum sie jene Dame wieder verlassen, und anderes, was sich mit ihr noch zutragen hat.

1. Während meines mehr als halbjährigen Aufenthaltes bei der erwähnten Dame fügte es der Herr, dass eine Beatin unseres Ordens, die mehr als siebenzig Meilen von jener Stabt entfernt wohnte, Kunde von mir erhielt. Sie entschloß sich, mich zu besuchen und mit mir zu sprechen, und machte zu diesem Zwecke einen Umweg von mehreren Meilen. Der Herr hatte sie wie mich, und war in demselben Jahre und Monate, angeregt, ein neues Kloster unseres Ordens zu gründen. Getrieben von diesem Verlangen, hatte sie alles, was sie besaß, verkauft und war barfuß nach Rom gegangen, um sie dort die nötigen Vollmachten zu erwirken. Sie ist eine der Buße und dem Gebete sehr ergebene Frau, und der Herr hat sie mit vielen Gnaden ausgezeichnet. Unsere liebe Frau selbst war ihr erschienen und hatte ihr den Auftrag zur Gründung eines neuen Klosters gegeben. Im Dienste des Herrn übertraf sie mich weit, so dass ich mich vor ihren Augen schämte. Sie zeigte mir die Vollmachten, die sie von Rom mitbrachte, und während der vierzehn Tage ihres Aufenthaltes bei mir beratschlagten wir miteinander, wie wir unsere Klöster einrichten wollten. Bevor ich mit ihr gesprochen, wusste ich nicht, dass unsere Regel vor ihrer Milderung geboten hatte, kein Eigentum zu besitzen. Ich hatte darum auch nicht im Sinne gehabt, ein Kloster ohne Einkünfte zu gründen; vielmehr ging mein Augenmerk dahin, dass wir ohne alle Sorge für den notwendigen Unterhalt sein möchten. Dabei dachte ich nicht an die vielen Sorgen, die der Besitz eines Eigentumes mit sich bringt. Diese gottselige Frau aber, die nicht einmal lesen konnte, wusste, weil vom Herrn belehrt, gar wohl was mir unbekannt war, trotzdem ich die Satzungen des Ordens schon so oft gelesen hatte. Was sie mir in dieser Hinsicht sagte, gefiel mir sehr wohl; doch fürchtete ich, man werde mir dies nicht erlauben, sondern es für Torheit erklären und sagen, ich sollte nichts unternehmen, wodurch andere meinetwegen leiden müssten. Hätte es sich um mich allein gehandelt, so würde ich nicht lange gezögert haben; vielmehr wäre mir der Gedanke, die Räte unseres Herrn Jesu Christi zu befolgen, ein großer Trost gewesen; denn Seine Majestät hatte mir bereits ein großes Verlangen nach der Armut eingeflößt.

2. Ich meinerseits zweifelte also nicht daran, dass diese Armut das Bessere wäre. Deshalb hatte ich auch schon seit langer Zeit gewünscht, mein Stand möchte es zulassen, um der Liebe Gottes willen zu betteln und weder ein Haus noch etwas anderes zu besitzen. Ich befürchtete jedoch, es möchten sich andere (die sich mir anschließen würden) nicht zufrieden fühlen, wenn der Herr ihnen nicht auch das gleiche Verlangen einflößte. Auch war ich in Sorge, es möchte eine solche Armut, wie ich sie wünschte, Anlass zu weltlichen Zerstreuungen sein; denn ich kannte einige arme Klöster, in denen man nicht sehr zurückgezogen lebte. Allein ich bedachte nicht, dass in diesen Klöstern der Mangel an Zurückgezogenheit die Ursache der Armut, und nicht die Armut die Ursache der Zerstreuung sei; denn die Zerstreuung macht nicht reicher; und Gott lässt es denen nicht am nötigen Unterhalte fehlen, die ihm dienen. Kurz, mein Glaube war noch schwach, was bei jener Dienerin Gottes nicht der Fall war.

3. So viele ich auch um ihre Ansicht fragte, so war doch fast niemand, der die Einführung einer so strengen Armut gutgeheißen hätte, weder mein Beichtvater noch die Gelehrten, die ich zu Rate zog. Sie brachten mir so viele Gründe dagegen vor, dass ich nicht wusste, war ich tun sollte; denn nachdem ich einmal die Regelvorschrift kannte und einsah, dass Besitzlosigkeit vollkommener sei, konnte ich mich nicht mehr zu einem bestimmten Einkommen entschließen. Einigemal hatte man mich zwar überredet; als ich mich aber wieder zum Gebete wandte und Christus so arm und nackt am Kreuze hangend betrachtete, konnte ich es nicht mehr über mich bringen, reich zu sein; ich bat ihn unter Tränen, er möchte es doch so ordnen, dass ich mich arm wie ihn erblicke. Bei einem bestimmten Einkommen fand ich jetzt so viele Ungelegenheiten, so viele Ursache zur Unruhe und Zerstreuung, dass ich mit den Gelehrten immer nur zu streiten hatte. Ich schrieb darüber dem Dominikanerpater, der uns beistand. Dieser sandte mir zwei Bogen voll Widerlegungen mit theologischen Gründen, wobei er noch bemerkte, dass er viel über die Sache nachgedacht habe. Darauf antwortete ich ihm, dass ich von seiner Theologie Gebrauch machen wolle, wenn er mich hindere, meinem Berufe nachzukommen und mein abgelegtes Armutsgelübde und die Räte Christi mit aller Vollkommenheit zu halten. Da leiste er mir mit seiner Wissenschaft einen schlechten Dienst. Fand ich dagegen jemand, der mich in meiner Ansicht bestärkte, so freute ich mich sehr. Die Dame, bei der ich mich aufhielt, unterstützte mich hierin außerordentlich. Andere hießen anfangs meinen Plan, das Kloster in Armut zu stiften, gut; nach reiferem Überlegen aber fanden sie so viele Unzulässigkeiten darin, dass sie mir dringend anrieten, es nicht zu tun. Diesen erwiderte ich, dass ich mich lieber nach ihrer ersten Meinung richten wollte, da sie so schnell dieselbe änderten.

4. Um ebendieselbe Zeit ließ es der Herr zu, dass der heilige Bruder Petrus de Alcantara, den jene Dame noch nie gesehen hatte, auf mein Bitten in ihr Haus kam. Dieser große Freund der Armut, der durch vieljährige Übung deren großen Reichtum wohl erkannte, bestärkte mich sehr in meinem Vorhaben und empfahl mir, die Sache mit Hintansetzung aller Bedenken ernstlich zu betreiben. Da er mir als ein durch lange Erfahrung unterrichteter Mann am besten raten konnte, so entschloß ich mich, seinem Gutachten und wohlgemeinten Rate zu folgen und andere nicht mehr zu befragen.

5. Als ich eines Tages diese Angelegenheit Gott inständig empfahl, sagte der Herr zu mir, ich sollte das Kloster durchaus nicht anders als auf Armut gründen; dies sei seines Vaters und sein Wille, und er werde mir beistehen. Diese Worte vernahm ich in einer großen Verzückung, und sie ließen so mächtige Wirkungen in mir zurück, dass ich gar nicht zweifeln konnte, Gott sei es gewesen, der zu mir gesprochen. Ein anderes Mal sagte der Herr zu mir, dass mit dem Einkommen Unruhe verbunden sei. Er sprach da auch noch mehreres andere zum Lobe der Armut und versicherte mich, dass jenen, die ihm dienen, der notwendige Lebensunterhalt nicht fehlen werde. Für meine Person hatte ich, wie gesagt, in dieser Hinsicht noch nie eine Besorgnis gehabt. Der Herr änderte auch das Herz des Präsentatus, ich will sagen jenes Dominikanerpaters, der mir, wie schon erwähnt, geschrieben hatte, das Kloster nicht ohne Einkünfte zu stiften. Nachdem ich jene göttlichen Worte vernommen und nunmehr solche Gutachten für mich hatte, war ich hocherfreut; es war mir, als besäße ich durch den Entschluss, um der Liebe Gottes willen (in Armut) zu leben, allen Reichtum der Welt.

6. Um diese Zeit entband mich mein Provinzial der mir unter dem Gehorsame auferlegten Verpflichtung, bei jener Dame zu bleiben, und stellte es meinem freien Willen anheim, wieder abzureisen, wenn ich könnte, oder bis auf eine bestimmte Zeit meinen Aufenthalt dort zu verlängern. Damals war gerade die Zeit, in der die Wahl einer neuen Oberin in meinem Kloster stattfinden sollte; und man hatte mich benachrichtigt, dass viele der Nonnen gesonnen seien, mir dieses Amt zu übertragen. Aber schon der bloße Gedanke daran war mir eine so große Pein, dass es mir leichter gewesen wäre, mich zur Erduldung einer jeden Marter um Gottes willen zu entschließen, als unter irgendeiner Bedingung mich zur Übernahme einer solchen Bürde bereitzuerklären. Denn abgesehen von der großen Mühe bei der Leitung so vieler Nonnen, abgesehen auch von anderen Gründen und von meiner steten Abneigung gegen alle Ämter, die ich immer geflohen, hielt ich es für das Gewissen sehr gefährlich. Ich lobte darum Gott, dass ich mich nicht dort befand, und schrieb meinen Freundinnen, sie möchten mir ihre Stimme nicht geben.

7. Während ich nun sehr froh war, bei dem Wahltumulte nicht in meinem Kloster zu sein, sagte der Herr zu mir, ich möchte mit meiner Rückkehr ja nicht säumen; da ich ohnehin nach Kreuz verlange, so sei mir dort ein wertvolles bereitet; ich sollte es nicht von mir weisen, sondern mutig gehen, er werde mir schon beistehen; ich sollte mich nur bald auf den Weg machen. Darüber härmte ich mich sehr und konnte nichts als weinen, weil ich meinte, dieses Kreuz bestehe darin, dass ich Oberin werden solle; denn ich konnte mich, wie gesagt, nicht überzeugen und fand auch keine Gründe dafür, dass dies gut für meine Seele wäre. Ich teilte alles meinem Beichtvater mit , und dieser befahl mir, unverzüglich Reiseanstalten zu treffen; denn dies sei offenbar das Vollkommenere; weil es aber so heiß sei und es genüge, wenn ich zur Wahl dort eintreffe, so könne ich noch einige Tage verbleiben, damit mir die Reise nicht schade. Doch der Herr hatte etwas anderes angeordnet, und darum musste es auch geschehen. Ich empfand in mir eine große Unruhe und fühlte mich unfähig zum Gebete. Es schien mir, als vollführte ich nicht, was der Herr mir befohlen hatte, und wollte ich mich keiner Beschwerde unterziehen, weil ich an dem gegenwärtigen Orte nach meinem Gefallen leben könne und gut bewirtet werde. Es kam mir vor, meine ganze Hingabe an Gott bestände nur in Worten; denn warum würde ich sonst zögern, dorthin zu gehen, wo es vollkommener sei, zu sein? Wenn es auch zum Sterben wäre, nun, so sei es denn. Dabei geriet meine Seele in Angst, und der Herr entzog mir allen Geschmack am Gebete. Kurz, ich empfand eine so große Pein, dass ich die Dame bat, mir die Abreise zu gestatten; auch mein Beichtvater, der mich in solcher Gemütsstimmung sah und gleich mir vom Herrn angeregt wurde, gab mir den Rat, mich auf den Weg zu machen. Der Dame fiel aber mein Scheiden so schwer, dass mir dies ein neues Kreuz war. Hatte sie sich doch so viele Mühe gegeben, dass sie endlich nach vielen dringenden Bitten dem Provinzial die Zusicherung erhielt, dass ich zu ihr kommen durfte.

8. Die Einwilligung in meine Abreise war der Dame bei dem Schmerze, den sie darüber empfand, dass größte Opfer. Weil sie aber sehr gottesfürchtig war und ich ihr unter vielen anderen Vorstellungen auch sagte, dass sie Gott dadurch einen großen Dienst erweisen könne, und ihr Hoffnung machte, dass ich sie möglicherweise wieder besuchen werde, so willigte sie tiefbetrübt ein. Mir aber fiel es nicht mehr schwer, mich von ihr zu trennen, da ich erkannte, dass die größere Vollkommenheit und der Dienst Gottes es erforderten. Deshalb überwand die Freude an dem Wohlgefallen Gottes den Schmerz des Scheidens von dieser Dame, die ich so betrübt sah, und von anderen Personen, denen ich großen Dank schuldete. Besonders wehe tat es mir, mich von meinem Beichtvater, einem Priester der Gesellschaft Jesu, trennen zu müssen, bei dem ich mich sehr wohl fühlte. Aber je mehr Tröstungen ich um des Herrn willen zu verlieren glaubte, desto größere Freude verursachte mir dieser Verlust. Ich konnte nicht begreifen, wie dies zuging; denn ich erkannte zwar diese zwei Gegensätze: ich erfreute, tröstete und ergötzte mich in dem, was mich in der Seele schmerzte. Lebte ich ja im Hause der Dame getröstet und ruhig und hatte ich dort Gelegenheit, viele Stunden dem Gebete obzuliegen; und nun sah ich mich gleichsam in ein Feuer stürzen, da ich, wie der Herr mir mitgeteilt hatte, einem großen Kreuze entgegenging, obwohl ich damals nicht dachte, dass es so schwer sein würde, wie ich es in der Folge empfand. Dennoch begab ich mich freudig auf den Weg, schmachtend vor Verlangen, sogleich in den Kampf zu treten; denn der Herr wollte, dass ich kämpfen sollte; und darum verlieh er mir auch die Kraft dazu, die er in meine Schwachheit legte.

9. Ich konnte, wie gesagt, nicht begreifen, wie ein solcher Gemütszustand möglich sei. Da kam mir folgendes Gleichnis in den Sinn. Besäße ich ein Kleinod oder sonst etwas, woran ich große Freude hätte, und wüßte ich, dass eine andere Person es haben möchte, die ich mehr als mich selbst liebte und deren Befriedigung mir lieber wäre als die meinige, so würde mir die Entbehrung dieses Vergnügens, um der geliebten Person Freude zu machen, mehr Vergnügen bereiten als der Besitz dieser Sache. Und weil die Genugtuung, jene zu beglücken, meine Freude am Besitze des Kleinodes oder eines anderen lieben Dinges überträfe, so würde es mir nicht schwer fallen, darauf zu verzichten und meine Freude daran aufzugeben. Hätte ich mich daher auch betrüben wollen, Personen zu verlassen, die meine Trennung schmerzlich empfanden, so wäre es mir doch jetzt unmöglich gewesen; da ich von Natur aus dankbar bin, so hätte dies zu anderer Zeit hingereicht, mir großen Kummer zu machen. Es war aber in betreff der Stiftung dieses gesegneten Klosters viel daran gelegen, dass ich mit meiner Abreise auch nicht einen Tag länger zögerte; denn ich kann mir nicht denken, wie sie hätte zustande kommen können, wenn ich damals noch länger geblieben wäre.

10. O der großen Güte Gottes! Wie oft muss ich staunen, wenn ich dies betrachte und sehe, welche besondere Hilfe mir eine Majestät zugewendet hat, dass endlich dieses Gotteswinkelchen zustande gekommen ist; denn diesen Namen verdient es, wie ich meine; es ist eine Wohnstätte, in der die göttliche Majestät sich ergötzt. Sagte mir ja der Herr selbst einmal im Gebete, dass dieses Kloster ein Paradies seiner Wonne sei. Dazu scheint auch Seine Majestät die Seelen erwählt zu haben, die er dorthin berufen und in deren Gesellschaft ich mit großer, großer Beschämung lebe. Es wäre mir gar nicht in den Sinn gekommen, solche Seelen zu verlangen, die ihr Leben in so enger Klausur, in so großer Demut und in so anhaltendem Gebete zubringen, und die dies alles mit einer Lust und Freude ertragen, dass eine jede sich für unwürdig hält, an einen solchen Ort gekommen zu sein. Besonders ist dies der Fall bei einigen, die der Herr auf großer Eitelkeit und Pracht der Welt berufen bat, wo sie nach dem in ihr herrschenden Brauche in Freuden hätten leben können. Der Herr hat ihnen hier die Freuden verdoppelt, so dass sie klar erkennen, wie er ihnen für einen, das sie verlassen, Hundertfältiges gegeben habe; sie können Seiner Majestät gar nicht genug dafür danken. Andere hat der Herr vom Guten zum Besseren gefördert. Den Jüngern gibt er Einsicht und Stärke, um zu erkennen, dass man bei der Losschälung von allem Irdischen auch im Hinblick auf das Zeitliche ein so ruhiges Leben habe, dass man nichts anderes wünschen könne. Denen, die älter und von schwächlicher Gesundheit sind, gibt er Kräfte; und er hat sie schon so gestärkt, dass sie dies strenge Leben und die Bußübungen wie alle anderen ertragen können.

11. O mein Herr, wie zeigst du so klar, dass zu allmächtig bist! Für das, was du willst, braucht man nicht Gründe der Möglichkeit zu suchen; denn du machst über alle natürliche Vernunft hinaus die Dinge in einer Weise möglich, dass man wohl einsieht, man brauche nur dich in Wahrheit zu lieben und alles in Wahrheit zu verlassen um deinetwillen, damit du, o Herr, alles leicht machest. Hier kann man wohl sagen, zu machest der Mühe in deinem Gesetze ein Ende; denn ich sehe keine, o mein Herr; und ich kann mir auch nicht denken, wie der Weg, der zu Dir führt, ein schmaler sein soll. Ich sehe da einen königlichen Weg und einen schmalen Fußpfad; einen Weg, auf dem jeder, der in Wahrheit sich darauf begibt, ganz sicher wandelt. Fern sind da die Klippen und Abgründe, in die man stürzen könnte; denn fern sind die Gelegenheiten zur Sünde. Einen Fußpfad, einen gefährlichen Steig und engen Weg nenne ich den, auf dessen einer Seite eine tiefe Schlucht sich befindet, in die man fallen kann, und auf dessen anderer Seite ein schroffer Fels ist; ehe man es sich versieht, stürzt man hinab und zerschellt.

12. Wer aber dich, o mein höchstes Gut, in Wahrheit liebt, der wandelt hier auf breiter und königlicher Straße, fern von jedem Abgrunde; und ist er auch nur ein wenig gestrauchelt, so reichst du ihm, o Herr, auch schon deine Hand. Sein Fall und selbst mehrere Fälle reichen nicht hin, dass er zugrunde gehe, wenn er nur Liebe zu dir und nicht zu den Dingen der Welt trägt; denn er wandelt durch das Tal der Demut. Ich kann nicht begreifen, warum man sie fürchtet, diesen Weg der Vollkommenheit einzuschlagen. Der Herr lasse uns doch in seiner Güte erkennen, wie falsch die Sicherheit ist, wenn man bei so großen Gefahren dem gemeinen Haufen nachgeht, wie dagegen wahre Sicherheit nur in der Sorgfalt zu finden ist, auf dem Wege Gottes immer mehr voranzuschreiten. Richten wir also unsere Augen auf den Herrn und fürchten wir nicht, dass diese Sonne der Gerechtigkeit untergehe und uns im Finstern wandeln lasse, so dass wir zugrunde gingen, wenn wir nicht den Herrn zuerst verlassen! Ach, man fürchtet sich nicht, unter Löwen zu wandeln, von denen uns ein jeder in Stücke zerreißen zu wollen scheint. Es sind dies, die Ehren, Wohllüste und andere Freuden, wie sie die Welt nennt. Hier aber (wo es sich um Tugend und Vollkommenheit handelt) scheint der böse Feind zu bewirken, dass man selbst Mäuslein fürchtet. Tausendmal verwundere ich mich, und zehntausendmal möchte ich es bitter beweinen und mit lauter Stimme allen Menschen zurufen, wie groß meine Blindheit und meine eigene Bosheit gewesen, wenn es nur ein wenig dazu dienen würde, ihnen die Augen zu öffnen. Er, der es durch seine Gnade vermag, öffne ihnen die Augen und lasse nicht zu, dass die meinen wider geblendet werden! Amen.

Sechsunddreißigstes Hauptstück

Fortsetzung und Schluss der Erzählung von der Stiftung des Klosters zum glorreichen hl. Joseph. Heftige Widersprüche und Verfolgungen, die sich nach der Einkleidung der Nonnen erhoben. Große Leiden und Versuchungen, die sie erduldete, und wie sie der Herr zu seiner Ehre und zu seinem Lobe aus allem siegreich hervorgehen ließ.

1. Nachdem ich jene Stadt verlassen hatte, setzte ich meine Reise freudig fort und war fest entschlossen, alles bereitwillig zu ertragen, was dem Herrn gefallen würde. Am nämlichen Abende, an dem ich in meinem Wohnorte ankam, traf auch das Breve mit der Vollmacht zur Errichtung des Klosters ein. Mein Staunen war groß, und auch die anderen, die wussten, wie sehr mich der Herr zur Rückreise gedrängt hatte, verwunderten sich, als wir erkannten, wie notwendig meine Anwesenheit war und wie mich der Herr gerade zu rechter Zeit zurückgeführt. Ich traf nämlich hier den Bischof, den heiligen Bruder Petrus de Alcántara und den frommen Edelmann, in dessen Hause der heilige Mann Einkehr genommen hatte; denn die Diener Gottes fanden dort immer Schutz und Herberge.

2. Beide bewogen den Bischof, das Kloster unter seine Jurisdiktion zu nehmen. Weil es nun auf die Armut gegründet werden sollte, so war dies keine geringe Gunstbezeigung; aber der Bischof war Personen, bei denen er solche Bereitwilligkeit im Dienste Gottes fand, so zugetan, dass er sofort sich einverstanden erklärte, das Kloster unter feinen Schutz zu nehmen. Da der heilige Greis (Petrus de Alcántara) das Unternehmen guthieß und sich bei mehreren Personen dafür verwendete, und zu unterstützen, so war es im Grunde er, der alles bewirkte. Wäre ich, wie schon gesagt, nicht eben zu dieser günstigen Zeit gekommen, so weiß ich nicht, wie das Unternehmen hätte gelingen können; denn der Heilige Mann blieb nicht lange — kaum acht Tage, wie ich meine — hier, und zudem war er sehr krank. Bald darauf nahm ihn der Herr zu sich. Seine Majestät schien ihn gerade bis zur Vollendung dieses Werkes aufbewahrt zu haben; denn er war schon lange sehr leidend, wenn ich nicht irre, seit mehr als zwei Tagen.

3. Alles geschah in großer Stille, denn sonst wüßte ich nicht, wie man etwas hätte erreichen können, da das Volk, wie es sich später zeigte, dagegen war. Der Herr fügte es, dass einer meiner Schwäger während der Abwesenheit seiner Gattin erkrankte; und da er der Hilfe sehr bedürftig war, so wurde mir erlaubt, zu ihm zu gehen. Auf diese Weise geschah es, dass nichts bekannt wurde. Einige Personen ahnten zwar etwas, konnten es aber doch nicht glauben. Auffallend war es, dass die Krankheit meines Schwagers nicht länger dauerte, als die Angelegenheit der Klosterstiftung es erheischte. Sobald seine Gesundung notwendig war, damit ich des Krankendienstes enthoben wurde und er das Haus räumen konnte, gab ihm der Herr die Gesundheit wieder, so dass er sich selbst darüber verwunderte. Ich hatte viele Arbeit; denn ich musste mit verschiedenen Personen reden, um durch deren Vermittlung die Annahme der Stiftung von seiten des Bischofes zu erlangen; ich musste den Kranken pflegen und dabei die Werkleute beaufsichtigen, damit das Haus schnellstens in ein Kloster, wozu noch vieles gefehlt hatte, umgewandelt wurde. Zudem war meine Freundin nicht hier: denn zur Geheimhaltung des Unternehmens schien uns ihre Abwesenheit ratsam zu sein. Auch trachtete ich vieler Gründe wegen mit allem bald fertig zu werden, besonders aber deshalb, weil ich jede Stunde befürchten musste, wieder in mein Kloster zurückberufen zu werden. Der Beschwerlichkeiten, die ich hatte, waren also so viele, dass mir der Gedanke kam, es sei dieses das mir vom Herrn vorausgesagte große Kreuz, obwohl ich es noch für zu gering hielt.

4. Nachdem alles vorbereitet war, gefiel es dem Herrn, dass am Feste des heiligen Bartholomäus einige Jungfrauen das Ordenskleid nahmen und dass heiligste Sakrament eingesetzt wurde. So war das Kloster unseres glorreichen heiligen Vaters Joseph im Jahre 1562 mit aller Vollmacht und Rechtsgültigkeit eröffnet. Den Neueintretenden gab ich selbst das Ordenskleid in Gegenwart zweier Nonnen aus unserem Kloster, die sich gerade außerhalb desselben befanden. Das Haus, das zum Kloster umgewandelt wurde, war dasselbe, in dem mein Schwager wohnte; wie schon erwähnt, hatte er es auf seinen Namen gekauft, damit das Unternehmen um so verborgener bliebe; und mir war die Erlaubnis gegeben worden, darin zu wohnen. Um aber ja nicht im geringsten gegen den Gehorsam zu fehlen, tat ich nichts, ohne zuvor das Gutachten gelehrter Männer eingeholt zu haben. Weil diese Männer sahen, dass die neue Stiftung aus vielen Gründen dem ganzen Orden nützlich sei, sagten sie mir, ich könnte sie vornehmen, obschon alles im geheimen geschah und ich mich wohl in acht nehmen musste, dass meine Vorgesetzten nichts von meinem Vorhaben erfuhren. Hätte man mir gesagt, es sei auch nur die geringste Unvollkommenheit dabei, so hätte ich die Stiftung von tausend Klöstern, geschweige die eines einzigen, unterlassen. Die ist die volle Wahrheit; denn so sehr ich auch die neue Stiftung wünschte, um mich mehr von allem abzusondern, vollkommener nach meinem Berufe und meinen Gelübden zu Leben und eine strengere Klausur zu beobachten, so war doch mein Verlangen so beschaffen, dass ich, wie ich schon das erstemal getan, ganz in Ruhe und Frieden alles aufgegeben hätte, würde ich erkannt haben, dass dadurch Gott vollkommener gedient werde.

5. Als ich das allerheiligste Sakrament eingesetzt und vier arme Waisen, die zwar keine Aussteuer hatten, aber sehr eifrige Dienerinnen Gottes waren, versorgt sah, befand ich mich wie im Himmel. Wir wollten nämlich für den Anfang nur solche Personen aufnehmen, die durch ihr Beispiel die Grundlage bildeten, auf der die von uns angestrebte hohe Vollkommenheit und das Gebetsleben, dass wir zu führen beabsichtigten, erstehen konnte. Nun war ein Werkt vollbracht, von dem ich erkannt hatte, dass es zum Dienste des Herrn und zur Ehre des Ordens seiner glorreichen Mutter gereichen werde, und dies war mein einziges Verlangen. Auch das war ein großer Trost für mich, dass nunmehr erfüllt war, was mir der Herr so ernstlich aufgetragen hatte, und dass jetzt in dieser Stadt eine Kirche mehr, und zwar, was vorher noch nicht gewesen, zu Ehren meines glorreichen heiligen Vaters, Joseph erstanden war. Ich dachte jedoch niemals und denke auch jetzt nicht, bei diesem Werke selbst etwas getan zu haben; vielmehr muss ich immer erkennen, dass der Herr alles getan hat. Was meinerseits geschah, war mit so vielen Unvollkommenheiten untermischt, dass ich mich mehr des Tadels als eines Dankes würdig erkenne. Indessen war es mir doch eine große Freude, zu sehen, dass die göttliche Majestät mich trotz meiner Unwürdigkeit bei einem so großen Werke als Mittel gebraucht hat; ja so groß war meine Freude, dass ich gleichsam außer mich selbst geriet und tief im Gebet versenkt blieb.

6. Etwa drei oder vier Stunden nach Beendigung der Feierlichkeiten erregte der böse Feind in meinem Innern einen Kampf, den ich jetzt beschreiben will. Er hielt mir vor, ich hätte in dem, was ich unternommen, übel getan und gegen den Gehorsam gehandelt, weil ich das Kloster ohne Auftrag des Provinzials errichtet. Ich hatte mir wohl gedacht, es möchte ihn in etwa verdrießen, wenn ich dass Kloster, ohne ihm etwas davon zu sagen, dem Bischofe unterstellen würde; weil er es aber nicht hatte annehmen wollen und ich selbst unter seinem Gehorsame verblieb, so glaubte ich andrerseits, er werde sich nichts daraus machen. Ferner quälte mich der Teufel mit dem Gedanken, ob wohl die Bewohnerinnen diese Hauses bei einer so strengen Klausur zufrieden leben würden, ob es ihnen nicht an der notwendigen Nahrung fehlen werde, und ob es nicht Torheit gewesen, dass ich mich in dieses Kloster begeben, nachdem ich mich doch schon in einem befand. Alles, was mir der Herr zuvor befohlen, die vielen Gutachten anderer und die mehr als zwei Jahre lang fast ununterbrochen anhaltenden Gebete in dieser Angelegenheit: alles war aus meinem Gedächtnisse entschwunden, als wäre es gar nicht geschehen; ich erinnerte mich bloß noch an meine eigene Meinung. Zugleich waren alle Tugenden, sogar der Glaube in mir wirkungslos; und ich hatte keine Kraft, auch nur eine zu üben und mich gegen so viele Streiche zu verteidigen. So hielt mir der böse Feind auch vor, wie ich es wagen könne, mich mit meinen so vielen Krankheiten in ein so enges Haus einzuschließen und ein so strenges Bußleben zu führen. Wie ich ein so geräumiges und angenehmes Kloster habe verlassen mögen, wo ich doch immer so vergnügt gelebt und so viele Freundinnen gehabt, während die Nonnen dieses Hauses vielleicht nicht nach meinem Geschmack sein würden. Ich hätte mir zu viel aufgeladen, und vielleicht müsste ich darüber verzweifeln. Es könnte diese Sache leicht vom bösen Feinde angestiftet sein, um mir Frieden und Ruhe zu rauben, damit ich in meiner Verwirrung nicht mehr dem innerlichen Gebete obliegen könne und so meine Seele zugrunde gehe. Derartige Vorspiegelungen stellte mir der böse Feind mit einem Male so lebendig vor Augen, dass es nicht in meiner Macht stand, etwas anderes zu denken. Dazu kam noch eine Traurigkeit, eine Dunkelheit und Verfinsterung der Seele, die ich gar nicht auszusprechen weiß. In diesem Zustande begab ich mich zum heiligsten Sakramente; allein auch diesem konnte ich mich nicht anempfehlen. Ich war, wie mich dünkt, in einer Angst wie einer, der im Todeskampfe liegt. Mit jemand darüber zu reden, wagte ich nicht, denn ich hatte damals auch keinen bestimmten Beichtvater.

7. O Gott, wie elend ist doch dieses Leben! Hier gibt es keine sichere Freude und ist nichts ohne Veränderung. Kurz zuvor meinte ich meine Freude mit keiner anderen auf Erden vertauschen zu mögen; und nun quälte mich ihre Ursache derartig, dass ich nicht wusste, was ich anfangen sollte. O wenn mir doch die Ereignisse unseres Lebens aufmerksam betrachteten, wie bald müsste jeder aus Erfahrung einsehen, wie wenig in diesem Leben Freud und Leid zu achten sind! Wahrhaftig, dieser Kampf scheint mir einer der schwersten gewesen zu sein, die ich in meinem ganzen Leben zu bestehen hatte. Mein Geist scheint geahnt zu haben, wie vieles Leiden mir noch bevorstand; aber es war alles nicht so schmerzlich wie dieses, wenn es länger gedauert hätte. Doch der Herr wollte seine arme Magd nicht lange ohne Trost lassen; wie er in allen Trübsalen mich nicht ohne Hilfe ließ, so war es auch hier. Er gab mir einen Strahl seines Lichtes, so dass ich die Wahrheit erkannte und einsah, es seien alle Beängstigungen nur vom bösen Feinde, der mich mit seinen Lügen schrecken wolle. Bei der Erinnerung an die festen Entschlüsse, dem Herrn zu dienen, und an das Verlangen nach Leiden um seinetwillen sagte ich mir, dass ich meine eigene Ruhe nicht suchen dürfe, wenn dieses zur Tat werden sollte. Gäbe es Mühen, so seien sie nur Anlass zum Verdienste; und würde Missvergnügen eintreten, so diente es mir als Fegfeuer, wenn ich es Gott zulieb auf mich nähme. Was sollte ich also fürchten? Hätte ich nach Leiden Verlangen gehabt, so fände ich sie jetzt hinreichend; je mehr aber die Natur sich dagegen sträube, desto größer sei auch der Gewinn. Und warum sollte mir der Mut sinken, dem zu dienen, dem ich so viel schulde? Mit diesen und ähnlichen Betrachtungen stärkte ich mich; und indem ich mir große Gewalt antat, versprach ich vor dem allerheiligsten Sakramente, dass ich alles mögliche tun wollte, um die Erlaubnis zu erhalten, in das neugegründete Kloster gehen zu dürfen und hier die Klausur geloben, wenn ich es mit gutem Gewissen tun könnte.

8. Kaum war dies geschehen, so wich auch schon der böse Feind von mir; ich war ruhig und zufrieden und blieb es bisher immer. Alles, was in diesem Hause beobachtet wird: die Klausur, die Bußübungen und alle übrigen Strengheiten kommen mir höchst süß und leicht vor; und die Freude, die ich dabei empfinde, ist ungemein groß; ich denke zuweilen, ob es wohl auf Erden etwas geben könnte, was noch angenehmer wäre als ein solches Leben. Ich weiß nicht, ob nicht etwa diese Freude die Ursache ist, dass ich weit gesünder bin als sonst, oder ob der Herr mir diesen Trost etwa deshalb gewährt, damit ich, wenn auch mit Mühe, den gemeinschaftlichen Übungen obliegen könne, weil es notwendig und billig ist, dass ich die gleichen Strengheiten wie alle anderen beobachte. Darüber aber, dass ich es vermag, staunen alle, die meine Krankheiten kennen. Gepriesen sei der, der alles gibt, und in dessen Kraft man alles kann!

9. Von diesem Kampfe ward ich sehr ermüdet; dennoch spottete ich des bösen Feindes, der ihn mir, wie ich klar erkannte, bereitet hatte. Da ich selbst in den mehr als achtundzwanzig Jahren meines Ordenslebens auch nicht einen Augenblick erfahren habe, was es um die Unzufriedenheit einer Nonne mit ihrem Stande sei, so hat dies offenbar der Herr zugelassen, damit ich erkennen möge, welch eine große Gnade mir Gott in dieser Hinsicht erwiesen und von welcher Pein er mich bewahrt hat; zugleich aber auch, damit ich, wenn ich eine Nonne missvergnügt sehen würde, mich nicht darüber verwundere, sondern Mitleid mit ihr habe und sie zu trösten wisse.

10. Nachdem dies alles vorüber war, wollte ich nach dem Essen ein wenig ruhen; denn ich hatte fast die ganze Nacht nicht geruht und schon mehrere Mächte vorher in Arbeiten und Sorgen zugebracht, nachdem ich mich auch den Tag über sehr abgemüdet hatte. Da hatte sich aber die Kunde von dem Geschehenen bereits in der Stadt verbreitet und war auch in mein Kloster gedrungen, wo sie aus den schon angegebenen Ursachen, die dem Anscheine nach nicht ganz unbegründet waren, große Aufregung hervorrief. Unverzüglich schickte mir daher meine Oberin den Befehl zu, auf der Stelle zurückzukehren. Sobald ich diesen Befehl erhalten, verließ ich meine Nonnen, die deshalb sehr betrübt waren, und ging ungesäumt wieder in mein Kloster zurück. Ich sah wohl ein, dass mir viele Trübsale bevorständen; weil aber das Werk einmal vollbracht war, machte ich mir sehr wenig Kummer. Ich betete und empfahl mich dem Herrn, dass er mir beistehen, und meinem heiligen Vater Joseph, dass er mich wieder in sein Haus zurückbringen wolle. Und so machte ich mich denn auf den Weg, opferte dem Herrn alles auf, was da kommen möge, und war ganz zufrieden, dass sich mir Gelegenheit bot, etwas für ihn zu leiden und ihm zu dienen. Ich erwartete, man werde mich sogleich in das Gefängnis sperren. Dies hätte mir meines Erachtens große Freude gemacht; denn da hätte ich mit niemand reden dürfen und in der Einsamkeit ein wenig der Ruhe genießen können, die ich sehr nötig hatte, weil ich durch diesen Umgang mit Menschen ganz erschöpft war.

11. Als ich angekommen war und mich bei meiner Oberin verantwortet hatte, beruhigte sich diese einigermaßen; sämtliche Nonnen wendeten sich aber an den Provinzial, damit er komme und die ganze Sache vor ihm verhandelt werde. Als er angekommen war, stellte ich mich vor sein Gericht, hocherfreut darüber, etwas um des Herrn willen zu leiden. War ich mir doch nicht bewusst, bei meinem Unternehmen etwas gegen die göttliche Majestät oder wider den Orden gefehlt zu haben; im Gegenteil hatte ich mich aus allen Kräften bemüht, den Orden zu mehren, und ich wäre gern dafür gestorben; denn all mein Verlangen ging dahin, ein Kloster zu errichten, in dem die Ordensregel aufs vollkommenste beobachtet werden möchte. Ich gedachte jenes Gerichtes, das über Christus gehalten wurde, und sah, dass im Vergleiche mit diesem das meinige gar nichts war. Ich machte mein Schuldbekenntnis, als wäre ich wirklich sehr strafbar, wie ich es auch vor jenen scheinen musste, die nicht alle Umstände meines Verhaltens wussten. Nachdem mir sodann der Provinzial einen scharfen Verweis gegeben hatte, wenn auch nicht mit der Strenge, die mein Vergehen in Anbetracht der vielen Anklagen verdient hätte, wollte ich mich, wie ich mir auch vorgenommen, gar nicht entschuldigen. Ich bat den Provinzial nur um Verzeihung und Bestrafung sowie um sein ferneres Wohlwollen.

12. In einigen Stücken, das erkannte ich wohl, verurteilte man mich unschuldig; denn man sagte, ich hätte das Kloster deshalb gegründet, um zu einem Ansehen zu gelangen, um von mir reden zu machen und dergleichen mehr. In anderer Hinsicht aber sagte man, wie ich klar einsah, nur die Wahrheit: ich sei schlimmer als andere; ich hätte bisher die in meinem Kloster bestehende Lebensweise, die doch so vollkommen sei, nicht beobachtet, wie könnte ich mir denn einbilden, in einem anderen eine strengere Observanz zu halten; ich führte Neuerungen ein und gäbe dem Volke Ärgernis. Aber alle diese Beschuldigungen beunruhigten und betrübten mich nicht, obwohl ich mich betrübt darüber zeigte, damit es nicht den Anschein hatte, als verachtete ich das, was man mir sagte. Endlich befahl mir der Provinzial, mich in Gegenwart der Nonnen zu verantworten, und so musste ich es auch tun. Weil ich aber in meinem Inneren ruhig war und der Herr mir beistand, trug ich meine Rechtfertigung so vor, dass weder der Provinzial noch die übrigen Anwesenden etwas Strafwürdiges an mir fanden. Darauf redete ich mit dem Provinzial allein und setzte ihm die Gründe meiner Handlungsweise deutlicher auseinander. Er ward dadurch sehr befriedigt und versprach mir, falls das neue Kloster Bestand habe, die Erlaubnis zur Rückkehr dorthin zu geben, sobald die Stadt wieder beruhigt sei; denn die Aufregung in der ganzen Stadt war, wie ich jetzt erzählen will, wirklich sehr groß.

13. Zwei oder drei Tage, nachdem das Kloster gegründet war, versammelten sich einige Räte der Stadt, der Bürgermeister und Mitglieder des Domkapitels, und erklärten einmütig, die neue Stiftung sei durchaus nicht zu dulden, weil offenbar das allgemeine Wohl darunter leiden müsste. Das heiligste Sakrament, sagten sie, sollte man aus dem Hause wegnehmen, und es dürfte in keiner Weise ein weiterer Fortgang der Stiftung gestattet werden. Darauf ließen sie von jedem Orden zwei gelehrte Männer zusammenkommen, um sie über ihre Meinung zu befragen. Einige davon schwiegen, andere verwarfen die Stiftung des neuen Klosters; zuletzt ward dessen unverzügliche Aufhebung beschlossen. Nur einer, ein Präsentatus aus dem Orden des heiligen Dominikus, war nicht gegen das Kloster, wohl aber gegen dessen Verzicht auf ein bestimmtes Einkommen. Dieser Ordensmann erklärte, die Sache könne nicht so leicht abgetan werden; man möge sich dieselbe wohl überlegen, da es keine Eile habe; diese Angelegenheit gehe den Bischof an und dergleichen. Dies hatte gute Wirkung; denn bei der großen Erbitterung der Gemüter war es ein Glück zu nennen, dass man nie sogleich Hand ans Werk legte. Die Verhandlung ging schließlich so aus, wie es der Herr gewollt, da gegen seinen Willen alle wenig ausrichten konnten. Sie brachten ihre Gründe vor und waren von einem guten Eifer beseelt, weshalb sie auch Gott nicht beleidigten. Immerhin aber bereiteten sie mir und all denen, die sich um die neue Stiftung annahmen, großes Herzeleid; denn auch letztere, wenngleich nur wenige an Zahl, hatten eine schwere Verfolgung auszuhalten. Die Aufregung unter dem Volke war so groß, dass man von nichts anderem mehr redete und alle mich verurteilten. Bald lief man zum Provinzial, bald in mein Kloster. Indessen griff mich das, was man von mir sagte, so wenig an, als wäre es gar nicht gesagt worden; ich fürchtete nur, die Stiftung könnte wieder rückgängig gemacht werden. Dies und die Wahrnehmung, dass jene, die mir beistanden, ihren guten Ruf einbüßen und viel zu leiden hatten, schmerzte mich sehr; was aber über mich selbst gesagt wurde, schien mir eher Freude zu machen. Hätte ich festen Glauben gehabt, so wäre ich gar nicht beunruhigt worden. Aber so ist es: selbst der geringste Mangel in einer Tugend reicht schon hin, um alle übrigen einzuschläfern; deshalb war ich in jenen zwei Tagen, während der in der Stadt die erwähnten Versammlungen gehalten wurden, sehr betrübt. Da sprach der Herr in meinem großen Schmerz zu mir: »Weißt du denn nicht, dass ich mächtig bin? warum fürchtest du dich?« Zugleich versicherte er mich, dass das Werk nicht rückgängig gemacht werde, und so war ich getröstet. Man brachte nun die Sache vor den königlichen Rat, und von da kam der Auftrag, über den ganzen Hergang zu berichten.

14. Jetzt begann ein großer Prozess. Von seiten der Stadt verfügten sich einige an den Bischof, und nun sollten auch von seiten des Klosters einige dahin abgehen; da ich aber kein Geld hatte, wusste ich nicht, was ich anfangen solle. Aber der Herr sorgte dafür, dass mein Pater Provinzial mir nie verbot, mich des Klosters anzunehmen. Er ist überhaupt ein Freund jeglicher Tugend; und wenn er mich auch nicht unterstützte, so war er doch auch nicht gegen das Unternehmen; die Rückkehr in das neue Kloster erlaubte er mir aber deshalb noch nicht, weil er erst sehen wollte, welchen Ausgang die Sache nehmen werde. Inzwischen befanden sich die vier Dienerinnen Gottes allein und erreichten mit ihren Gebeten mehr als ich mit all meiner Geschäftigkeit, obgleich auch meinerseits große Sorgfalt nötig war. Einigemal schien es um alles geschehen zu sein, besonders am Tage vor der Ankunft des Provinzials; denn da befahl mir die Priorin, mich durchaus in nichts mehr zu mischen, was so viel hieß, als alles aufgeben. Ich nahm daher meine Zuflucht zu Gott und sprach zu ihm: »Herr, dieses Haus ist ja nicht mein; es ist für dich gebaut; jetzt, da niemand um dasselbe besorgt ist, möge deine Majestät sich darum annehmen!« Daraufhin blieb ich so ruhig und so unbesorgt, als ob die ganze Welt für mich ins Mittel träte, und ich hielt das Unternehmen für gesichert.

15. Ein Priester, ein sehr eifriger Diener Gottes und Freund jeder Vollkommenheit, der mir allzeit beigestanden, begab sich gleichfalls an den Hof, um sich unserer Sache anzunehmen, wobei er sich viele Mühe gab. Auch jener heilige Edelmann, den ich schon erwähnte, tat in dieser Angelegenheit sehr viel und half auf alle mögliche Weise, obwohl er deshalb viele Leiden und Verfolgungen auszustehen hatte. Er war mir überhaupt immer in allem ein Vater und noch. Denen, die sich unser annehmen, verlieh der Herr einen solchen Eifer, dass jeder von ihnen diese Sache so zu der seinigen machte, als handelte es sich dabei um eigene Ehre und eigenes Leben; und doch ging sie diese nur insoweit an, als sie meinten, es werde dadurch dem Herrn gedient. Ganz offenbar aber sah man den Beistand der göttlichen Majestät an jenem Priester und Magister, von dem ich schon gesprochen und der gleichfalls zu denen gehörte, die mir große Hilfe leisteten. Ihn hatte der Bischof anstatt seiner in eine wegen unserer Angelegenheit veranstaltete große Versammlung geschickt. In dieser stand er allein gegen alle. Endlich beruhigte er die Gegner durch gewisse Vorschläge, die er ihnen machte, was wenigstens hinreichend war, die Sache zu vertagen; aber nichts vermochte sie daran zu hindern, dass sie gleich wieder sozusagen ihre letzten Kräfte daransetzten, dass vollbrachte Werk zu zerstören. Der eben erwähnte Diener Gottes war es auch, der den neuen Nonnen das Ordenskleid gegeben und das heilige Sakrament eingesetzt hatte, weshalb er heftige Verfolgungen leiden musste. Der wider uns geführte Kampf dauerte fast ein halbes Jahr. Doch es wäre zu weitläufig, all die großen Widerwärtigkeiten, die uns begegneten, im einzelnen zu erzählen.

16. Ich wunderte mich darüber, wie sich doch der böse Feind so sehr gegen einige schwache weibliche Personen erheben mochte, und wie unsere Gegner alle meinen konnten, dass zwölf Nonnen mit ihrer Priorin — denn mehr sollten ihrer nicht sein — bei einem so strengen Leben der Stadt so großen Schaden verursachen könnten. Wäre je ein Nachteil oder ein Begriff bei dem Unternehmen Zutage getreten, so hätte er ja die Nonnen nur selbst betroffen; dass aber die Stadt mit Schaden bedroht sein sollte, dies konnte mir nicht einleuchten. Desungeachtet fanden unsere Gegner so viele Nachteile, dass sie mit gutem Gewissen sich widersetzen konnten. Nun kamen sie und sagten, sie wollten das Kloster dulden und zugeben, dass es weiterbestehe, wenn es Einkünfte bekommen würde. Ich war der Leiben, die jene zu erdulden hatten, die mich unterstützen und die mir mehr zu Herzen gingen als meine eigenen, bereits müde; darum glaubte ich nicht unrecht zu handeln, wenn ich Einkünfte solange zuließe, bis die Aufregung vorüber wäre; später, dachte ich, könnte man sie ja wieder aufheben. Da ich so böse und unvollkommen bin, meinte ich einigemal wirklich auch, es sei dieses der Wille des Herrn, weil wir sonst nicht zum Ziele gekommen wären; und ich war schon daran, einen Vertrag darüber abzuschließen.

17. Die Unterhandlung hatte bereits begonnen, und die Sache sollte geregelt werden. Da ich mich nun in der Nacht vorher eben im Gebete befand, sagte der Herr zu mir, ich sollte dies nicht tun; denn würden wir einmal anfangen, Einkünfte zu haben, so werde man uns später nicht mehr gestatten, sie wieder aufzugeben, und anderes mehr. In der nämlichen Nacht erschien mir auch der heilige Bruder Petrus de Alcántara, der bereits gestorben war. Vor seinem Tode hatte er mir geschrieben, er kenne den großen Widerspruch und die Verfolgung, die wir leiden, und er freue sich darüber, dass diese Stiftung so heftigen Widerstand finde; denn die große Anstrengung des bösen Feindes, das Werk zu vereiteln, sei ein Zeichen, dass dem Herrn in dem neuen Kloster sehr eifrig werde gedient werden; ich sollte mich aber durchaus nicht darauf einlassen, dass es Einkünfte bekomme. Letzteres schrieb er in seinem Briefe zwei o-der dreimal und setzte noch bei, dass, wenn ich seiner Meinung folge, alles nach meinem Wunsche ausfallen werde. Schon zweimal nach seinem Tobe hatte ich ihn geschaut und war Zeuge seiner großen Glorie; darum erregte seine abermalige Erscheinung in mir keine Furcht, sondern große Freude. Immer erschien er mir in verklärtem Leibe voll der höchsten Glorie, die sich auch mir in hohem Grade mitteilte, wenn ich ihn sah. Ich erinnere mich, dass er mir bei seiner ersten Erscheinung, als er mir die große Freude schilderte, die er nun genieße, unter anderem sagte: »O glückselige Buße, die mir einen solchen Lohn erworben hat!« Weil ich aber hierüber schon mehreres mitgeteilt zu haben glaube, so bemerke ich hier nur noch, dass er sich dreimal sehr ernst zeigte und mir weiter nichts sagte, als dass ich durchaus keine Einkünfte annehmen sollte. (Auch stellte er die Frage), warum ich seinem Rate nicht folgen wollte. Nach diesen Worten verschwand er. Ich entsetzte mich und gleich am anderen Tage berichtete ich den Sachverhalt dem Edelmanne, zu dem ich in allem meine Zuflucht nahm und der uns am meisten beistand. Ich erklärte ihm, dass ich jetzt durchaus keinen Vertrag über Einkünfte mehr eingehen wolle, sondern dem Prozesse freien Lauf lassen werde. Der Edelmann, der in dieser Hinsicht weit fester war als ich, freute sich über meine Erklärung. Später sagte er mir auch, wie ungern er sich in den Vergleich eingelassen habe.

18. Als die Sache schon in gutem Gange war, machte ein anderer großer Diener Gottes, der es in seinem Eifer gut meinte, den Vorschlag, man möge die Gelehrten darüber entscheiden lassen. Da ihm einige von denen, die mich unterstützten, beistimmten, geriet ich in große Unruhe. Diese vom bösen Feinde ersonnene Verwicklung war unter allen am schwierigsten zu lösen. Doch wie in allem, hat mir der Herr auch hier geholfen. Es ist in Kürze nicht wohl zu beschreiben, was alles in den zwei Jahren vom ersten Beginne des Klosters bis zu seiner Vollendung Widriges sich ereignete; das erste halbe Jahr aber und das letzte waren die härtesten.

19. Nachdem die Stabt etwas beruhigt war, nahm sie jener Pater Präsentatus aus dem Dominikanerorden, der uns behilflich war, der Sache mit sehr großem Geschicke an. Er wohnte nicht hier, aber der Herr führte ihn gerade zu einer Zeit hierher, in der uns seine Anwesenheit von großem Nutzen war. Ja, es hatte wirklich den Anschein, die göttliche Majestät habe ihn eigens zu diesem Zwecke hierher geführt, da er, wie er mir später sagte, keinen anderen Grund gehabt, hierher zu kommen, als den, dass er zufällig von unserem Anliegen gehört hatte. Er verweilte hier so lange, als es notwendig war. Als er wieder abreiste, brachte er es durch geeignete Vorstellungen bei unserem Provinzial dahin, dass dieser mir die Erlaubnis erteilte, mit einigen anderen Nonnen in Das neue Kloster zu gehen, um das Chorgebet zu verrichten und jene, die sich bereits dort befanden, zu unterrichten. Dass diese Erlaubnis in so kurzer Zeit gegeben würde, hatte man fast für unmöglich gehalten. Der Tag, an dem wir in das neue Kloster kamen, war mir ein Tag der größten Freude.

20. Ehe ich in das Kloster eintrat, ging ich in die Kirche, um daselbst zu beten. Da geriet ich fast in Verzückung und sah Christus, wie er mit großer Liebe mich aufzunehmen schien, mir eine Krone aufsetzte und sich für das bedankte, was ich zu Ehren seiner Mutter getan. Ein anderes Mal, als wir nach dem Kompletorium gemeinsam dem innerlichen Gebete oblagen, sah ich unsere liebe Frau in sehr großer Glorie, angetan mit einem weißen Mantel, unter dem sie uns alle zu beschützen schien. Zugleich erkannte ich, welch hohen Grad von Glorie der Herr den Nonnen dieses Klosters verleihen werde.

21. Nachdem wir mit der Verrichtung des gemeinsamen Chorgebetes begonnen, gewann auch das Volk allmählich eine große Zuneigung zu unserem Kloster. Es wurden noch mehr Nonnen aufgenommen; und der Herr änderte nach und nach den Sinn unserer ärgsten Widersacher derart, dass sie uns sehr geneigt wurden, uns Almosen spendeten und auf diese Weise billigten, was sie so lange verworfen hatten. Zuletzt ließen sie von dem Prozesse gegen uns ganz ab und sahen nun, wie sie gestanden, ein, dass die Stiftung ein Werk Gottes sei, weil sie Seine Majestät trotz des vielen Widerspruches doch habe weiterbestehen lassen wollen. Nun war niemand mehr der Ansicht, dass die Unterlassung der Stiftung besser gewesen wäre. Die Leute versehen uns sorgsam mit Almosen; und ohne dass wir es sammeln oder jemand darum ansprechen, treibt sie der Herr an, es uns ins Haus zu schicken. Wir leben somit ohne Mangel am Notwendigen; und ich hoffe zum Herrn, dass es allzeit so sein werde. Die Zahl der Nonnen ist ja klein; und tun sie ihre Schuldigkeit, wie die göttliche Majestät ihnen jetzt die Gnade dazu gibt, so bin ich versichert, dass sie keinen Mangel leiden werden und niemand zur Last zu fallen brauchen, da der Herr, wie er bisher getan, für sie sorgen wird. Für mich aber ist es der größte Trost, hier unter Seelen zu sein, die so ganz und gar von allem losgeschält sind. Ihr ganzes Tun und Lassen zielt darauf hin, im Dienste Gottes voranzuschreiten. Die Einsamkeit ist ihr Trost; und schon der Gedanke an die Besuche Auswärtiger, und seien es auch sehr nahe Anverwandte, ist ihnen lästig, es sei denn, dass dadurch in ihnen die Liebe zu ihrem göttlichen Bräutigam noch mehr entzündet werde. Daher kommen auch nur solche Personen zu diesem Kloster, die hierüber sich besprechen; andere sagen diesen Seelen nicht zu, noch sie ihnen. Sie kennen keine andere Sprache, als von Gott zu reden; und um sie zu verstehen und von ihnen verstanden zu werden, muss man dieselbe Sprache führen. Wir halten die Regel Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel, und zwar vollständig und ohne Milderung, so wie sie von Frater Hugo, Kardinal von St. Sabina, im Jahre 1248, dem fünften des Pontifikates des Papstes Innozenz IV., bestätigt worden ist.

22. Mir scheint, dass alle Mühen, die wir auf uns nehmen mussten, gut angewendet sein werden. Obschon die Lebensweise in diesem Kloster etwas streng ist, da man nur im Notfall Fleisch genießt, die Fastenzeit acht Monate dauert, und andere Strengheiten, die in der ursprünglichen Regel vorgeschrieben sind, beobachtet werden, so kommt doch den Schwestern vieles noch zu leicht vor; und sie beobachten außerdem manches andere, was uns zur vollkommenen Haltung unserer Regel notwendig schien. Ich hoffe auch zum Herrn, es werde das begonnene Werk wie Seine Majestät mir versprochen, einen sehr guten Fortgang haben.

23. Das andere Kloster, dessen Stiftung die oben erwähnte Beatin unternahm, hat der Herr ebenfalls gnädig gefördert. Es wurde zu Alcala errichtet; und auch da gab es harten Widerstand, und es fehlte der Dienerin Gottes nicht an Leiden. Ich weiß, dass dort die klösterliche Observanz vollkommen nach unserer ursprünglichen Regel gehalten wird. Der Herr gebe, dass alles zu seiner Ehre und zu seinem Lobe wie auch zur Verherrlichung der glorreichen Jungfrau Maria, deren Kleid wir tragen, gereichen möge! Amen.

24. Ich glaube, euer Gnaden werden sich an der Erzählung dieser Klosterstiftung langweilen, und doch ist sie im Verhältnis zu den vielen Widerwärtigkeiten und den vom Herrn gewirkten Wundern noch viel zu kurz. Viele Zeugen können diese Wunder mit einem Eide bestätigen. Sollten Euer Gnaden es für gut finden, die übrigen Teile dieses Berichtes zu zerreißen, so bitte ich Sie doch um der Liebe Gottes willen, das, was dieses Kloster betrifft, aufzubewahren und es nach meinem Tode den Schwestern zu geben, die hier sein werden. Denn wenn die Nachkommenden es lesen, so wird es für sie eine große Aneiferung sein, Gott zu dienen und bemühen, das Begonnene nicht verkommen zu lassen, sondern immer zu fördern, wenn sie nämlich sehen, wieviel die göttliche Majestät in Ausführung dieses Werkes durch eine so niedrige und verächtliche Person wie ich getan hat. Und weil uns der Herr in so offensichtlicher Weise seinen Schutz hat angedeihen lassen wollen, damit dieses Klosters zustande komme, so wäre es meines Erachtens sehr unrecht und strafwürdig vor Gott, wenn eine anfangen wollte, die Vollkommenheit der Observanz zu lockern, die der Herr hier begonnen und so mit Gnaden begünstigt hat, dass man sich ihr recht gerne unterwirft. Man kann daraus sehen, dass sie sehr leicht zu ertragen ist und wahre Ruhe verschafft. Ja, es ist sogar denen, die Christus, ihren Bräutigam, in der Einsamkeit zu genießen verlangen, eine ausgezeichnete Gelegenheit gegeben, immer in Ruhe zu leben. Denn dies ist es, wonach die Schwestern immer trachten sollen, nämlich einsam nur mit ihrem göttlichen Bräutigam zu verkehren. Auch sollen ihrer nie mehr als dreizehn sein; denn nach vielen eingeholten Gutachten habe ich dies als das Beste erkannt; und die Erfahrung hat mich belehrt, dass zur Bewahrung des Geistes, wie er jetzt da ist, und um ohne Betteln von Almosen leben zu können, eine größere Anzahl nicht statthaft ist. Mögen daher die Schwestern allzeit der mehr glauben, die unter so vielen Mühen und unterstützt von den Gebeten so vieler Personen das durchgeführt hat, was sie als das Beste erkannte. Dass dies aber wirklich auch das Rechte ist, kann aus unserer großen Zufriedenheit und Fröhlichkeit (in Befolgung der eingeführten Observanz), sowie aus der geringen Beschwerde, die wir alle während der Jahre unseres Aufenthaltes in diesem Hause auf uns nehmen mussten, und endlich aus dem jetzigen weit besseren Gesundheitszustand ersehen werden. Wenn es aber einer hier zu streng vorkäme, so gebe sie die Schuld ihrem eigenen geringen Eifer, nicht aber der Observanz, die hier beobachtet wird, da diese auch zarte und kränkliche Personen, die aber den rechten Geist haben, als süße Bürde auf sich nahmen. Solche mögen daher in ein anderes Kloster treten, wo sie in einer ihrem Geiste mehr zusagenden Weise ihr Heil wirken können.

Siebenunddreißigstes Hauptstück

Erklärung der Wirkungen, die sie wahrnahm, wenn der Herr ihr eine besondere Gnade verlieh; sie fügt eine sehr heilsame Lehre bei. Wie hoch ein auch nur etwas höherer Grad der Glorie zu schätzen ist und wie sehr man darnach ringen soll. Man soll um keines Leidens willen Güter aufgeben, die ewig dauern.

1. Ungern spreche ich wieder von den Gnaden, die der Herr mir außer den bisher erzählten erwiesen hat. Sie sind auch zu groß, als dass man glauben möchte, sie seien einer so bösen Person zuteil geworden. Um aber dem Herrn, der es mir befohlen hat, und euer Gnaden zu gehorchen, will ich einige davon zur Ehre Gottes mitteilen. Seine Majestät lasse diese Erklärung irgendeiner Seele zum Nutzen gereichen, wenn sie sieht, wie gnädig Gott gegen ein so elendes Geschöpf sich erwiesen hat. Was wird er erst denen tun, die ihm in Wahrheit gedient haben? Möchten darum alle sich ermutigen, Seiner Majestät zu gefallen, weil sie sogar in diesem Leben solche Unterpfänder (ihrer Liebe) verleiht.

2. Vor allem ist zu wissen, dass bei diesen Gnaden, die der Herr der Seele erweist, mehr oder weniger Wonne ist; denn bei einigen Visionen übertrifft die damit verbundene Beseligung, Süßigkeit und Tröstung die bei anderen mitgeteilte so weit, dass ich über den großen Unterschied der Nonne schon in diesem Leben nur staunen muss. Manchmal ist die Wonne, die der Herr bei einer Vision oder Verzückung gibt, so groß, dass es nicht möglich scheint, hier auf Erden etwas Höheres wünschen zu können, weshalb denn auch die Seele nichts Höheres verlangt und um keine größere Freude bittet. Nachdem mir aber der Herr den großen Unterschied zwischen der Freude der einen und der anderen Himmelsbewohner zu erkennen gegeben, sehe ich wohl ein, dass auch auf Erden kein bestimmtes Maß in den Gaben ist, wenn es dem Herrn beliebt, sie mitzuteilen. Deshalb wünsche auch ich kein Maß zu haben im Dienste Seiner Majestät, sondern wollte mein ganzes Leben, alle meine Kräfte und Gesundheit darauf verwenden und aus eigener Schuld nicht das geringste versäumen, wodurch ich eine größere Freude erlangen kann. Und fragte man mich, ob ich lieber alle Mühseligkeiten der Welt bis zu ihrem Ende leiden und dann nur ein wenig mehr Glorie erlangen wollte, oder ob ich ohne alle Mühe eine etwas geringere Herrlichkeit haben möchte, so würde ich herzlich gern das erstere wählen, um nur eine etwas größere Erkenntnis der Vollkommenheiten Gottes genießen zu können; denn ich sehe ein, dass Gott mehr liebt und lobt, wer ihn besser erkennt. Ich sage nicht, dass ich nicht zufrieden wäre und nie für sehr glücklich gelten würde, wenn ich im Himmel auch nur am alleruntersten Platze wäre; denn schon damit würde mir der Herr, da ich meinen Platz bereits in der Hölle hatte, eine große Barmherzigkeit erweisen. Ja, möge es Seiner Majestät gefallen, nur meine großen Sünden nicht anzusehen und mich überhaupt in den Himmel kommen zu lassen! Nur dieses möchte ich sagen: Sollte es mich auch noch so viel kosten, so möchte ich, wenn Es mir möglich wäre und der Herr mir die Gnade verleihen würde, viel zu leiden, durch meine Schuld nichts verlieren. Ach, ich Elende, die ich durch so viele Schulden schon alles verloren hatte!

3. Ich muss auch bemerken, dass meiner Seele von jeder Vision oder Offenbarung, womit der Herr mich begnadigte, ein großer Gewinn verblieb, der bei einigen Visionen ein gar Vielfacher war. Von dem Anblicke Christi blieb mir der Eindruck seiner überaus großen Schönheit bis auf den heutigen Tag. Dazu hätte es schon genügt, ihn auch nur ein einziges Mal geschaut zu haben; um wieviel mehr musste ich diese Wirkung in mir erfahren, nachdem der Herr mir diese Gnade so oft erwiesen. Ein überaus großer Nutzen erwuchs mir aus folgendem. Ich hatte nämlich den sehr großen und für mich sehr nachteiligen Fehler, zu Personen, die mir wohlgesinnt waren und mir gefielen, eine solche Zuneigung zu fassen, dass mein Gedächtnis mir das Andenken an sie mit großer Gewalt aufnötigte. Dabei hatte ich freilich nicht die Absicht, Gott zu beleidigen; ich freute mich nur, solche Personen zu sehen, sowie ihrer und ihrer guten Eigenschaften mich zu erinnern. Dies brachte meiner Seele nicht geringen Schaden. Nachdem ich aber die große Schönheit des Herrn geschaut, sah ich niemand mehr, der mir im Vergleiche mit ihm wohlgefallen oder mich nur eingenommen hätte; ein kurzer Blick auf das meiner Seele eingeprägte Bild reichte hin, um wieder ganz frei zu sein. Seitdem scheint mir vielmehr alles, was ich sehe, im Vergleiche mit der Vortrefflichkeit und Anmut, die ich an diesem Herrn geschaut, nur Ekel zu erregen. Es gibt auch kein Wissen und keine Art von Trost, worauf ich irgendeinen Wert legte, wenn ich damit die Freude beim Anhören eines einzigen Wortes aus dem göttlichen Mund vergleiche, um so weniger, wenn ich so viele Worte vernahm. Solange der Herr mir wegen meiner Sünden diese Erinnerung nicht hinwegnimmt, halte ich es für unmöglich, dass jemand anderer mein Gedächtnis so einnehmen könnte, dass es nicht durch einen kurzen Blick auf den Herrn gleich wieder frei würde.

4. In dieser Beziehung begegnete mir mit einigen meiner Beichtväter folgendes. Ich trage nämlich stets eine große Liebe zu denen, die meine Seele leiten; denn weil ich sie in Wahrheit als Stellvertreter Gottes betrachte, so wende ich ihnen auch, wie mich dünkt, allzeit mehr als andern meine Liebe zu. Da ich nun selbst in Sicherheit wandelte, bezeigte ich ihnen Freundlichkeit. Sie aber als gottesfürchtige und fromme Männer befürchteten, ich möchte eine (natürliche) Zuneigung zu ihnen hegen und mich, wenn auch in heiliger Weise, von der Liebe zu ihnen fesseln lassen; deshalb zeigten sie sich unfreundlich gegen mich. Es war dies der Fall, seitdem ich mich schon dem Gehorsame gegen sie vollkommen unterworfen hatte; denn vorher liebte ich sie nicht so sehr. Ich musste bei mir lächeln, wenn ich sah, wie sehr sie sich täuschten. Zwar sagte ich ihnen nicht immer ganz offen, wie sehr ich mich von jeder Anhänglichkeit an einen Menschen frei wusste, aber doch beruhigte ich sie. Solche Befürchtungen hegten sie indessen immer nur im Anfang; nachdem sie mich besser kannten, sahen sie wohl ein, wie sehr ich mich dem Herrn für verpflichtet erkenne.

5. Durch diesen Anblick den Herrn und diese Visionen, die mir so häufig zuteil werden, nahmen meine Liebe und mein Vertrauen zu ihm um vieles zu. Ich sah, dass er, obgleich Gott, doch auch Mensch sei, der sich über die Schwachheiten der Menschen nicht entsetzt; denn er kennt unsere armselige Natur, die infolge der ersten Sünde, die zu heilen er in die Welt gekommen, so vielen Anlässen zum Falle unterworfen ist. Obgleich er der Herr ist, kann ich doch mit ihm umgehen wie mit einem Freunde; denn ich sehe wohl, dass er nicht ist wie die irdischen Herren, die ihre ganze Herrlichkeit auf ein erborgtes Ansehen gründen. Man kann nur zur bestimmten Stunde mit ihnen sprechen, und nur angesehene Personen finden Zutritt; das aber ein Armer ein Anliegen, wie viele Umschweife, wie viel Gunst und Mühe sind da nötig, damit er es vorbringen kann. Und erst wenn man den König sprechen will! Da kommen arme Leute und solche, die nicht von Adel sind, schon gar nicht vor; man muss sich an dessen Vertrauteste wenden, und sicher sind dies jene nicht, die die Welt unter den Füßen haben; denn diese reden, da sie nichts fürchten und auch nichts zu fürchten haben, die Wahrheit. Solche taugen darum auch gar nicht in den Palast, denn da darf man nicht mit Freimut reden, sondern muss schweigen zu dem, was einem unrecht scheint; ja man muss sogar jeden Gedanken eines Tadels unterdrücken, um nicht in Ungnade zu fallen.

6. O König der Ehre und Ehre aller Könige! Dein Reich ist nicht auf solch erbärmliche Stoppeln gegründet; es ist ein Reich ohne Ende. Bei dir bedarf man keiner Mittelsperson. Wer dich nur anschaut, der überzeugt sich auf der Stelle, dass du allein würdig bist, Herr genannt zu werden. Du offenbarst deine Majestät in einer Weise, dass es keines Gefolges und keiner Wache bedarf, damit man dich als König erkenne. Nicht so verhält es sich mit einem irdischen Könige. Ist er allein, so wird man ihn an seiner Person nicht als König erkennen; und wie sehr er auch als solcher erkannt zu werden wünscht, so wird man doch seiner Aussage keinen Glauben schenken, weil der an sich selbst nichts hat, was ihn vor anderen Menschen auszeichnet; man muss erst (die Zeichen seiner königlichen Würde) sehen, um zu glauben, dass er der König sei. Und so bedient er sich denn billig jenes erborgten Glanzes; denn ohne ihn würde man seiner nicht achten, da er seine königliche Macht nicht aus sich selbst zu erkennen gibt, sondern von anderen ihm sein Ansehen zukommen muss. O mein Herr, o mein König! Vermöchte ich doch jetzt die Majestät zu schildern, die dir eigen ist! Unmöglich kann man es verkennen, dass du in dir selbst der große Gebieter bist, denn der Anblick deiner Majestät versetzt in Staunen. Mehr aber, o Herr, muss man staunen, wenn man deine Herablassung und die Liebe sieht, die du einer solchen, wie ich bin, erzeigst. Man kann sich mit dir über alles unterhalten und nach Belieben besprechen, wenn nur einmal der erste Schrecken und die Furcht beim Anblicke deiner Majestät vorüber sind. Es bleibt dann nur die noch größere Furcht, dich zu beleidigen, die aber, o mein Herr, nicht der Strafe wegen entsteht; denn diese ist im Vergleiche mit der Gefahr, dich zu verlieren, für nichts zu achten.

7. Dies also sind außer anderen die großen Vorteile, die der Seele von diesen Visionen bleiben, wenn sie von Gott kommen. Man erkennt dies aus den Wirkungen, wenn anders die Seele erleuchtet wird; denn der Herr will (manchmal), wie ich schon oft gesagt habe, dass sie im Dunkeln wandle und dieses Licht nicht sehe. Alsdann ist es freilich kein Wunder, wenn eine Seele, die sich so böse sieht wie ich, Furcht empfindet.

8. Erst jetzt war ich acht Tage lang so (in Finsternis), dass ich gar keine Erkenntnis von dem, was ich Gott schulde, zu haben schien, und auch nicht imstande war, sie zu erlangen. Ich erinnerte mich nicht mehr der empfangenen Gnaden, da meine Seele ganz blöde und ich weiß nicht von was und wie eingenommen war. Zwar hatte ich keine bösen Gedanken, war aber auch nicht fähig, gute hervorzurufen, so dass ich über mich selbst lachte und mich freute, die Erbärmlichkeit einer Seele zu schauen, in der Gott nicht unaufhörlich (mit seiner Gnade) wirkt. Sie sieht wohl, dass sie in diesem Zustande nicht ohne ihn ist; denn da ist es nicht wie bei jenen großen Leiden, die ich, wie schon gesagt, zuweilen empfinde. Aber auch hier will das Feuer der Liebe Gottes nicht auflodern, wiewohl die Seele Holz zulegt und ihrerseits das wenige tut, was sie tun kann. Es ist noch eine große Barmherzigkeit Gottes, dass man den Rauch gewahrt, der darauf schließen lässt, dass das Feuer nicht ganz erloschen ist. Der Herr selbst facht es dann wieder an; denn was auch die Seele mit Blasen und Holzzulegen sich noch so sehr abmühen, so ist es gerade, als ersticke sie das Feuer nur noch mehr. Ich glaube, es sei hier das beste, sich gänzlich in sein Unvermögen, für sich allein etwas auszurichten, zu fügen und, wie ich gleichfalls schon angedeutet habe, andere verdienstliche Werke zu üben; denn vielleicht nimmt der Herr der Seele das Gebet gerade zu dem Zwecke, damit sie solche Werke übe und durch eigene Erfahrung erkenne, mit wenig sie aus sich selbst vermag.

9. Heute habe ich mich nun in der Tat beim Herrn reichlich entschädigt und es gewagt, bei Seiner Majestät mich zu beklagen. Ich sprach da zu ihm: »Wie, o mein Gott, ist es denn nicht genug, dass du mich in diesem elenden Leben zurückhältst, und dass ich es aus Liebe zu dir ertrage und da leben will, wo alles mich nur hindern kann, dich zu genießen; wo ich nur essen, schlafen, den Geschäften obliegen und mit allen Leuten verkehren muss? Dies alles ist mir, wie du, o mein Herr, wohl weißt, die größte Marter; aber aus Liebe zu Dir erdulde ich sie. Und da verbirgst du noch in den wenigen Augenblicken, die mir für dich bleiben, dein Angesicht vor mir? Wie verträgt sich dies mit deiner Barmherzigkeit? Wie kann die Liebe, die du zu mir hast, dieses dulden? Wäre es mir möglich, wie vor dir, o Herr, zu verbergen, wie du dich vor mir verbirgst, so würde dies, wie ich denke und glaube, deine Liebe zu mir nicht gestatten; aber du bist allzeit bei mir und siehst mich immer. Nein, dies ist nicht zu ertragen, o mein Herr! Bedenke doch, ich bitte dich, dass dadurch denen eine Unbill widerfährt, die du so sehr liebst.« Diese und ähnliche Worte sprach ich, obwohl ich zuvor einsah, dass im Vergleiche mit meinen Verschuldungen der Ort, der in der Hölle für mich schon bereitet war, noch eine Gnade gewesen wäre; aber manchmal überschreitet die Liebe so sehr alles Maß, dass ich auf mich selbst nicht mehr achte, sondern mich ganz solchen Klagen hingebe. Und dies alles duldet der Herr von mir. Gepriesen sei ein so guter König! Dürften wir wohl gegen irdische Könige so vermessen sein? Zwar wundere ich mich nicht, wenn man sich mit dem Könige nicht zu reden getraut; denn es ist billig, dass man ihn und die Herren, die als Oberhäupter gelten, fürchte. Aber jetzt ist es in der Welt so, dass das Leben der Menschen länger dauern müsste, um nur die Ehrenbezeigungen und die stets wechselnden Höflichkeitsgebräuche lernen zu können, falls man noch ein wenig Zeit dem Dienste Gottes widmen will. Beim Anblicke dieses Treibens erschrecke ich. Ich wüßte wahrlich nicht mehr, wie ich leben sollte, wenn ich mich mit solchen Dingen befassen müsste; denn man nimmt es nicht leicht auf, wenn jemand mit Versehen einem nicht weit größere Ehre erweist, als ihm gebührt, sondern es wird dies im Ernste als eine Beleidigung angesehen, so dass man sie damit entschuldigen muss, keine böse Absicht bei seinem Versehen gehabt zu haben; und da gebe Gott, dass man es glaube.

10. Ich sage es also nochmals: ich wüßte wahrlich nicht, wie ich leben sollte; so gequält findet sich die arme Seele (bei solch einem Treiben). Auf der einen Seite soll sie ihre Gedanken stets auf Gott hinrichten, und man sagt ihr, dies sei notwendig, um sie aus vielen Gefahren zu retten. Auf der anderen Seite aber sieht sie, dass sie dieser Pflicht nicht nachkommen kann aus Angst, sie möchte auch nur im mindesten etwas von den Höflichkeitsbezeigungen der Welt unterlassen, um denen, die ihre Ehre darein setzen, keine Gelegenheit zur Entrüstung zu geben. Damit habe ich mich schon recht gequält und nie konnte ich mich genug entschuldigen; denn trotz der größten Sorgfalt konnte ich doch öftere Verstöße in dieser Hinsicht nicht vermeiden; und dies sieht man, wie gesagt, in der Welt nicht leicht nach. Zwar sollten wir Ordensleute in solchen Stücken billig entschuldigt sein; aber ist dies auch wirklich der Fall? Mit nichten; denn man sagt, die Klöster müssen Hochschulen sein, wo man Hofbildung lernt. Das kann ich aber fürwahr nicht begreifen. Vielleicht hat, wie ich mir dachte, irgendein Heiliger gesagt, dass die Klöster Hochschulen sein müssen, wo jene gebildet werden sollen, die Hofleute des Himmels werden wollen, und man hat es verkehrt verstanden. Denn ich begreife nicht, wie einer, der billigermaßen beständig darauf bedacht sein soll, Gott zu gefallen und die Welt zu verachten, auch darum sich so sehr bekümmern könne, wie er die Weltleute bei dem so häufigen Wechsel der Dinge befriedigen werde. Könnte man dies auf einmal so recht erkennen, so ginge es noch an. Nun aber bedarf man sozusagen schon für die bloßen Überschriften der Briefe eine eigene Schule, um zu lernen, wie sie anzubringen sind; denn da muss man bald auf der einen Seite, bald auf der anderen Raum lassen, und jenen, den man zuvor noch nicht »Euer Herrlichkeit« zu nennen pflegte, muss man nun »Euer Durchlaucht« titulieren.

11. Ich weiß nicht, wo dies endlich hinaus will; denn noch bin ich nicht fünfzig Jahre alt, habe aber schon so viele Veränderungen gesehen, dass ich mich im Leben nicht mehr auskenne. Wie wird es erst jenen ergehen, die jetzt auf die Welt kommen und noch viele Jahre leben werden? Wahrhaftig, mich dauern geistliche Personen, die aus guten Gründen mit der Welt verkehren müssen; denn sie haben in dieser Beziehung ein schreckliches Kreuz. Könnten alle miteinander übereinkommen, in diesen Wissenschaften unwissend bleiben und gern als Unwissende gelten zu wollen, so würden sie sich einer großen Last überbeben.

12. Doch in welche Albernheiten habe ich mich eingelassen! Anstatt von den Großtaten Gottes zu reden, bin ich auf die niedrigen Dinge der Welt zu sprechen gekommen. Weil mir aber der Herr die Gnade verliehen hat, diese Welt verlassen zu haben, so will ich auch nichts mehr damit zu schaffen haben; mögen jene, die sich so große Mühe geben, an diesen Nichtigkeiten festzuhalten, sich da zurechtfinden! Gott gebe nur, dass wir im anderen Leben, in dem es keine Veränderungen gibt, nicht dafür zu büßen haben! Amen.

Achtunddreißigstes Hauptstück

Von einigen großen Gnaden, die ihr der Herr durch Mitteilung himmlischer Geheimnisse als auch durch Gewährung anderer hoher Visionen und Offenbarungen erwies. Wirkungen, die die Gnaden in ihr zurückließen, und großer Nutzen, den ihre Seele daraus zog.

1. Als ich eines Abends mich so übel befand, dass ich vom innerlichen Gebete entschuldigt zu sein glaubte, nahm ich einen Rosenkranz zur Hand, um mich nur mit mündlichem Gebete zu beschäftigen. Ich gab mir keine Mühe, meinen Geist innerlich zu sammeln; aber da ich im Oratorium weilte, war ich wenigstens äußerlich gesammelt. Doch wenn der Herr etwas (anderes) will, helfen alle diese Vorsichtsmaßregeln wenig. Nur ganz kurze Zeit hatte ich so gebetet, als mich eine Geistesentrückung mit solcher Gewalt überkam, dass ich nicht widerstehen konnte. Es schien mir, ich sei in den Himmel entrückt; und die ersten Personen, die ich da erblickte, waren mein Vater und meine Mutter. Zugleich schaute ich in so kurzer Zeit, als jemand ein Ave Maria beten kann, so außerordentliche Dinge, dass ich ganz außer mir war; denn allzu groß schien mir diese Gnade. Vielleicht dauerte die Vision auch länger, als ich gesagt, es macht aber dann nur sehr wenig aus. Ich fürchtete (darnach), es möchte das, was ich geschaut, eine Täuschung gewesen sein, obwohl es mir nicht als solche vorkam; und ich wusste nun nicht, was ich tun sollte; denn ich scheute mich sehr, mit meinem Beichtvater darüber zu sprechen. Dies kam jedoch, wie ich meine, nicht aus Demut, sondern, weil ich mir dachte, der Beichtvater werde mich auslachen und mich fragen, ob ich etwa ein heiliger Paulus oder ein heiliger Hieronymus sei, dass ich wie sie himmlische Dinge schaue? Aber ebendeshalb, weil diese glorreichen Heiligen ähnliche Dinge schauten, war meine Furcht um so größer, und ich musste, da ich mir nicht zu helfen wusste, bitterlich weinen. Endlich ging ich doch, so hart es mich auch ankam, zum Beichtvater; denn wegen meiner großen Furcht vor Täuschung wagte ich es nicht, etwas zu verschweigen, wenn mir auch die Mitteilung an den Beichtvater noch so schwer fiel. Als mich aber dieser so betrübt sah, tröstete er mich sehr und gab mir viele gute Worte, um mich von meinem Leiden zu befreien.

2. Später offenbarte mir der Herr, wie es auch jetzt manchmal geschieht, noch höhere Geheimnisse. Immer aber sah ich nur so viel, als der Herr mir zeigen wollte; denn es ist da in keiner Weise möglich, dass eine Seele mehr schaue, als ihr gezeigt wird. Was ich indessen schaute, war so erhaben, dass das Geringste davon hinreichend war, meine Seele in Staunen zu versetzen und sie derartig zu fördern, dass sie alle Dinge dieses Lebens gering achtete. könnte ich doch nur von dem Wenigsten, was ich da erkannt habe, etwas erklären! Wenn ich aber darüber nachdenke, wie dies sein könnte, finde ich es unmöglich. Nicht einmal für den Unterschied zwischen dem Lichte, das wir auf Erden sehen, und zwischen dem, was dort, wo alles lauter Licht ist, dem Schauenden sich darstellt, gibt es einen Vergleich; denn selbst die Klarheit der Sonne scheint dagegen etwas sehr Widerliches zu sein. Kurz, die schärfste Einbildungskraft kann nicht so weit gelangen, dass sie sich die Beschaffenheit dieses Lichtes oder etwas anderes von den Dingen vorstellen könnte, die der Herr mir zu verstehen gab. Dabei ließ er mich eine unaussprechliche Wonne kosten; denn hier werden alle Sinne in so hohem Grade und mit solcher Lieblichkeit erquickt, dass man es gar nicht aussprechen kann, weshalb ich auch am besten davon schweige.

3. Einmal befand ich mich länger als eine Stunde in einem solchen Zustande des Schauens. Der Herr schien da gar nicht mehr von meiner Seite zu weichen und zeigte mir wunderbare Dinge. Dabei sprach er die Worte zu mir: »Siehe, Tochter, was jene verlieren, die wider mich sind! Unterlasse es nicht, ihnen dies zu sagen!« Ach, mein Herr, wie wenig helfen meine Worte bei denen, die durch ihre Werke verblendet sind, wenn Deine Majestät sie nicht erleuchtet! Einige, denen zu Licht verliehen hast, haben zwar aus der Kenntnis deiner Großtaten, zu der sie durch mich gelangt sind, Nutzen geschöpft; aber wenn sie sehen, o mein Herr, dass diese einer so bösen und elenden Kreatur gezeigt wurden, dann wundere ich mich, wenn auch nur ein einziger mir Glauben schenkt. Gepriesen sei dein Name und deine Barmherzigkeit, dass wenigstens ich dadurch eine augenscheinliche Besserung in meiner Seele erfahren habe! Seitdem möchte meine Seele immer dort oben sein und nicht wieder in dieses Leben zurückkehren; denn es blieb ihr eine große Verachtung aller irdischen Dinge. Diese kommen mir wie Unrat vor, und ich sehe ein, wie niedrig und gemein es ist, wenn wir unsere Neigungen daran heften.

4. Zur Zeit meines Aufenthaltes bei jener Dame, von der ich geschrieben habe, litt ich an Herzschmerzen; diese waren früher, wie schon erwähnt, sehr heftig, jetzt aber sind sie nicht mehr so arg. Die Dame, liebevoll wie sie war, ließ mir Schmucksachen von Gold und Edelsteinen, deren sie sehr kostbare besaß, vorlegen. Darunter war namentlich ein Geschmeide von Diamanten, das man sehr hoch schätzte. Sie meinte, der Anblick dieser Dinge würde mich aufheitern; allein da ich mich dessen erinnerte, was der Herr uns aufbewahrt hat, musste ich bei mir lächeln; und es war mir leib zu sehen, wie die Menschen solche Dinge hochschätzen. Auch wäre es mir, wie ich glaubte, unmöglich gewesen, selbst wenn ich gewollt hätte, solchen Dingen einen Wert beizulegen, außer es würde mir der Herr das Andenken an jene anderen Schätze nehmen. Dies ist eine große Herrschermacht in der Seele, so groß, dass ich nicht weiß, ob sie wohl jemand zu fassen vermag, der sie nicht selbst besitzt; denn es ist dies die eigentliche und natürliche, d. i. ohne alle Bemühung unsererseits erworbene Losschälung, bei der Gott selbst alles tut. Seine Majestät enthüllt diese Wahrheiten derart, dass sie unserem Geiste auf wunderbare Weise eingeprägt werden; und wir erkennen klar, dass wir und ihre Erkenntnis unmöglich durch eigene Bemühung hätten erwerben können, vor allem nie in so kurzer Zeit.

5. Die erwähnten Gnaden hatten auch die Wirkung in mir, dass ich wenig Furcht mehr vor dem Tode hatte, den ich sonst immer so sehr fürchtete. Jetzt scheint er mir für jene, die Gott dienen, etwas ganz Leichtes zu sein, da sich die Seele in einem Augenblicke aus ihrem Gefängnisse befreit und in Ruhe versetzt sieht. Denn diese Erhebung des Geistes durch Gott und die Offenbarung so erhabener Dinge, die die Seele bei diesen Verzückungen schaut, scheint mir eine große Ähnlichkeit mit dem Scheiden der Seele aus dem Leibe zu haben; in einem Augenblicke wird sich alsdann die Seele im Besitze aller dieser Güter sehen. Von den Schmerzen, die man bei dieser Trennung empfindet, wollen wir absehen; denn sie sind wenig zu achten; und gewiss werden jene, die Gott in Wahrheit lieben und den Dingen diesen Lebens entsagt haben, einen sanfteren Todes sterben als andere.

6. Noch einen anderen großen Nutzen glaube ich aus diesen Gnaden geschöpft zu haben; ich meine die Erkenntnis unseres wahren Vaterlandes und die Überzeugung, dass mir hienieden nur Pilger sind. Es ist etwas Großes, zu erkennen, was droben ist, und zu wissen, wo wir in der Zukunft leben werden. Will einer in ein Land reisen, wo er bleibend sich aufhalten soll, so ist es ihm zur Ertragung der Reisebeschwerden eine große Erleichterung, wenn er dieses Land kennt und weiß, dass er dort ganz in seiner Ruhe beten kann. Auch die Betrachtung himmlischer Dinge und das Streben, dass unser Wandel droben sei, wird durch diese Gnaden erleichtert; dies aber ist ein großer Gewinn. Denn ein bloßer Blick zum Himmel genügt, die Seele zu sammeln und sie mit ihren Gedanken an die Dinge zu fesseln, die der Herr ihr dort gezeigt hat. Öfter ist es auch der Fall, dass ich durch die Gesellschaft derer erfreut und getröstet werde, die, wie ich weiß, dort oben leben; sie allein scheinen mir die wahrhaft Lebenden zu sein, indes mir die hienieden Lebenden so tot vorkommen, dass mir, besonders wenn ich die schon besprochenen gewaltigen Antriebe empfinde, die ganze Welt keine Gesellschaft leisten zu können scheint. Was ich da mit körperlichen Augen schaue, kommt mir wie ein Traum und wie lauter Kinderspiel vor. Was ich aber mit den Augen des Geistes gesehen, danach verlangt meine Seele; und dass sie sich noch so fern davon sieht, ist ihr ein bitteres Sterben. Kurz, es ist eine der größten Gnaden, die der Herr durch solche Gesichte einer Seele erweist; denn dadurch wird ihr viel geholfen, besonders auch zur Ertragung eines lästigen Kreuzes, wenn nämlich nichts in der Welt sie befriedigt und allen in ihr sie anwidert. Würde der Herr sie nicht manchmal auf dieses Kreuz vergessen lassen, sollte sie auch bald wieder daran denken, so weiß ich nicht, wie sie dieses Leben aushalten könnte. Er sei in Ewigkeit gelobt und gepriesen! Nachdem es Gott gefallen hat, mir einige Kenntnis so erhabener Güter und gewissermaßen einen Anfang ihres Genusses zu verleihen, wolle er um des Blutes willen, das sein Sohn für mich vergossen, gnädig verhüten, dass es mir so ergehe, wie dem Luzifer, der durch seine Schuld alles verloren hat. Dies lasse er um seiner Liebe willen bei mir nimmermehr zu. Denn in dieser Beziehung habe ich manchmal nicht wenig Furcht; andererseits aber flößt mir für gewöhnlich die Barmherzigkeit Gottes die sichere Zuversicht ein, sie werde mir, nachdem sie mich aus so vielen Sünden herausgezogen hat, ihre Hand nicht entziehen und mich nicht verlorengehen lassen. Ich bitte Euer Gnaden, unaufhörlich für mich darum zu beten.

7. Obwohl eine jede der erwähnten Gnaden, für sich betrachtet, so groß ist, dass ich sie mit nichts vergleichen kann, so scheint mir doch aus vielen Gründen jene, von der ich jetzt sprechen will, alle übrigen zu übertreffen. Durch sie sind mir große Güter und eine außerordentliche Kräftigung der Seele zuteil geworden. Einst am Vorabende des heiligen Pfingstfestes hatte ich mich nach der Messe an einen sehr entlegenen Ort, wo ich oftmals mündlich betete, zurückgezogen und ich begann dort in einem von einem Kartäuser verfassten Buche über dieses Fest zu lesen. Ich fand hier die Kennzeichen angegeben, woraus die Anfänger, die Fortschreitenden und die Vollkommenen erkennen können, ob der Heilige Geist mit ihnen sei. Nachdem ich das über diese drei Stände dort gesagte durchgelesen hatte, schien es mir, dass durch Gottes Güte, und soweit ich es beurteilen konnte, der Geist mit mir sei. Dafür pries ich ihn, erinnerte mich aber auch, dass ich zu einer anderen Zeit, in der ich dasselbe las, von all dem noch nicht weit entfernt war. Ich hatte dies damals recht gut erkannt, wie ich jetzt das Gegenteil davon in mir fand; daraus ersah ich, welch große Gnade mir nunmehr der Herr verliehen hatte. Ich fing darum an, den Ort zu betrachten, den ich durch meine Sünden in der Hölle verdient hatte, und lobte Gott sehr; denn ich glaubte, meine Seele, die ich im Vergleich zu meinem früheren Leben so verändert sah, gar nicht mehr zu kennen. Bei dieser Betrachtung fühlte ich, ohne dass ich die Veranlassung erkannte, einen mächtigen Antrieb in mir. Ich meinte, die Seele wolle mir aus dem Leibe entfliehen; sie war wie außer sich und fand sich unfähig, auf ein so großes Gut zu warten. Dieser Antrieb war so ungemein heftig, dass ich mir nicht mehr helfen konnte. Er schien mir verschieden zu sein von denen, die ich sonst hatte; meine Seele war von einer so heftigen Erregung erfüllt, dass ich gar nicht begreifen konnte, was sie hatte, noch was sie wollte. Weil ich mich auch sitzend nicht halten konnte, so lehnte ich mich an; denn alle natürliche Kraft schwand mir dahin.

8. In diesem Zustande sah ich, über meinem Haupte eine Taube, die aber sehr verschieden war von den irdischen; denn sie hatte keine Federn wie andere Tauben, sondern ihre Flügel waren von kleinen Muscheln zusammengesetzt, die einen großen Glanz, ausstrahlten. Sie war größer als eine gewöhnliche Taube, und ich meinte das Rauschen zu hören, dass sie mit ihren Flügeln erregte; sie schwebte ungefähr ein Ave Maria lang über mir. Alsbald verlor die Seele sich selbst, und die Erscheinung entschwand ihr. Mein Geist aber war bei diesem so guten Gaste ruhig geworden. Denn diese so wunderbare Gnade musste ihn meines Erachtens (anfangs) beunruhigt und erschreckt haben; als er aber anfing, sie zu genießen, schwand seine Furcht; mit der Freude begann die Ruhe, und ich warb verzückt. Die Glorie dieser Verzückung war überaus groß, und ich blieb während der Feiertage meistens so außer mir, dass ich nicht wusste, was ich tun sollte, noch auch wie ich der Gegenstand einer so großen Gunst und Gnade sein könnte. In dieser großen innerlichen Freude hörte und sah ich sozusagen nicht mehr. Von jenem Tage an gewahrte ich ein außerordentliches Wachstum der Liebe Gottes und eine besondere Kräftigung in den Tugenden. Gelobt und gepriesen sei Gott in Ewigkeit! Amen.

9. Ein anderes Mal sah ich dieselbe Taube über dem Haupte eines Paters aus dem Orden des heiligen Dominikus; nur schienen mir die Strahlen und der Glanz der nämlichen Flügel sich noch weiter auszubreiten. Dabei wurde mir zu verstehen gegeben, dass dieser Pater Gott viele Seelen zuführen werde.

10. Wieder ein anderes Mal sah ich Unsere Liebe Frau, wie sie den Pater Präsentatus aus demselben Orden, von dem schon öfter die Rede gewesen, mit einem schneeweißen Mantel umgab. Ich sagte zu mir, dass sie ihm diesen Mantel gebe als Belohnung für den Dienst, den er ihr durch seine Hilfe bei Gründung unseres Klosters erwiesen, sowie zum Zeichen, dass sie fortan seine Seele rein und von jeder schweren Sünde frei bewahren wolle. Ich halte für gewiss, dass dies auch geschehen ist; denn sein noch übriges Leben war so bußfertig und sein Tod, der wenige Jahre nach dieser Vision erfolgte, so heilig, dass man, soweit sich das erkennen lässt, nicht daran zweifeln kann. Ein Bruder, der bei seinem Tode zugegen war, bezeugte mir, dass er vor seinem Ende gesagt habe, der heilige Thomas sei bei ihm. Er starb sehr freudig und mit dem Verlangen, aus dieser Verbannung zu scheiden. In der Folge ist er mir einigemal in sehr großer Glorie erschienen und hat mir manches mitgeteilt. Er befand sich auf einer so hohen Stufe des Gebetes, dass er, als er es auf seinem Sterbebette infolge großer Schwäche unterlassen wollte, nicht imstande war, sich zu zerstreuen, so häufig waren die Verzückungen. Kurz vor seinem Tode schrieb er mir, was er tun sollte, da er nach der Messe, ohne es verhindern zu können, lange Zeit verzückt werde. Endlich gab ihm Gott den Lohn für den großen Eifer, womit er ihm sein ganzes Leben hindurch gedient hat.

11. Bezüglich der großen Gnaden, die der Herr dem schon mehrmals erwähnten Rektor der Gesellschaft Jesu erwiesen, habe ich gleichfalls einige Visionen gehabt, die ich aber hier, um nicht zu weitläufig zu sein, mit Stillschweigen übergehe. Folgendes jedoch will ich nicht unerwähnt lassen. Es traf ihn einst eine große Prüfung, da er sehr verfolgt wurde und sich deshalb in großer Betrübnis befand. Als ich nun eines Tages die Messe hörte, sah ich bei der Erhebung der Hostie Christum am Kreuze. Der Herr sprach da zu mir einige Worte, die ich ihm zum Troste sagen sollte. Auch musste ich ihm andere die Zukunft betreffende Mitteilungen machen, die ihm vor Augen führen sollten, was der Herr für ihn gelitten, die ihn aber auch bewegen sollten, sich zum Leiden bereitzuhalten. Dies tröstete und ermutigte ihn sehr; alles aber ist nachher eingetroffen, so wie es mir vom Herrn vorausgesagt wurde.

12. Von den Mitgliedern des ganzen Ordens, dem dieser Pater angehörte, ich meine der Gesellschaft Jesu, sind mir große Dinge gezeigt werden. Ich sah sie mehrmals im Himmel mit weißen Fahnen in den Händen; auch wurden mir, wie gesagt, noch manche andere sehr wunderbare Dinge über sie mitgeteilt. Darum trage ich zu diesem Orden große Verehrung; denn ich habe schon viel mit seinen Mitgliedern verkehrt und gefunden, dass ihr Leben mit dem übereinstimmt, was der Herr mir von ihnen geoffenbart hat.

13. Als ich eines Abends dem innerlichen Gebete oblag, sprach der Herr einige Worte zu mir, durch die er mich erinnerte, wie böse mein früheres Leben gewesen. Dies beschämte mich sehr und erregte großen Schmerz in mir; denn wenn auch solche Worte nicht streng klingen, so verursachen sie doch eine Reue und einen Schmerz, die vernichtend sind. Durch ein einziges Wort dieser Art gewinnen wir in der Erkenntnis unser selbst mehr, als wenn wir viele Tage lang unser Elend betrachteten; denn es prägt uns die Wahrheit so überzeugend ein, dass wir sie nicht mehr leugnen können. Der Herr hielt mir meine frühere, eitle Liebe zu den Geschöpfen vor Augen und sagte zu mir, ich sollte es für eine große Gnade halten, dass eine so übel angewendete Liebe wie die meinige jetzt ihm zugewendet sein dürfe, und dass er sich würdige, sie noch anzunehmen. Bei anderen Gelegenheiten sprach er zu mir, ich sollte mich daran erinnern, wie ich es einst für Ehre gehalten, gegen seine Ehre zu handeln. Und wieder, ich sollte bedenken, wie sehr ich ihm verpflichtet sei, da er mich zur Zeit, in der ich ihn am meisten beleidigte, mit Gnaden überhäufte. Habe ich Fehler an mir, deren nicht wenige sind, so macht mich seine Majestät in einer Weise darauf aufmerksam, dass ich ganz zu vergehen meine; und weil ich viele Fehler begehe, so geschieht dies oft. Zuweilen geschah es auch, dass ich nach einer Zurechtweisung des Beichtvaters Trost im Gebete suchte, hier aber erst die wahre Zurechtweisung fand.

14. Doch ich kehre zu der begonnenen Erzählung von dem Ereignisse jenes Abends zurück. Als mir der Herr damals, wie gesagt, mein böses Leben in Erinnerung brachte und ich reichliche Tränen vergoß, weil ich nach meinem Dafürhalten bis dahin noch nicht, (in seinem Dienste) getan hatte, dachte ich bei mir, der Herr wolle mir vielleicht irgendeine besondere Gnade erweisen. Für gewöhnlich empfange ich nämlich dergleichen Gnaden vom Herrn erst dann, nachdem ich mich selbst zuvor vernichtete. Auf diese Weise, denke ich, wird der Herr deshalb mit mir verfahren, damit ich um so klarer erkenne, wie weit solche Gnaden all mein Verdienst übersteigen. Kurz darauf geriet mein Geist in eine so erhabene Verzückung, dass ich fast meinte, er befinde sich ganz außer dem Körper; wenigstens gewahrte ich nicht, dass er noch im Leibe lebte. Ich erblickte da die allerheiligste Menschheit in einer so außerordentlichen Glorie, wie noch nie. Durch eine wunderbare lichtvolle Erkenntnis ward mir Christus im Schoße des Vaters gezeigt; doch weiß ich nicht zu sagen, wie er dort ist; denn die Gottheit, in deren Gegenwart ich mich zu befinden schien, schaute ich nicht. Ich war davon so ergriffen und erstaunt, dass ich, wie ich glaube, mehrere Tage lang nicht wieder zu mir kommen konnte; und es war mir immer, als sei mir die Majestät des Sohnes Gottes gegenwärtig, wenn auch nicht in der Weise wie das erstemal. Dies erkannte ich gar wohl; aber es blieb (die eben erwähnte Vision), so kurz sie auch anhielt, meiner Einbildungskraft so lebendig eingedrückt, dass ich mich ihr einige Zeit hindurch nicht entledigen konnte. Dies gewährt großen Trost und fördert ungemein den Fortschritt der Seele.

15. Die nämliche Vision wurde mir noch dreimal zuteil. Sie ist meines Erachtens unter allen Visionen, womit mich der Herr bisher begnadigte, die erhabenste und bringt die herrlichsten Früchte mit sich. Sie scheint die Seele außerordentlich zu reinigen und unserer Sinnlichkeit fast alle Kraft zu entziehen. Sie ist wie eine mächtige Flamme, die alle Begierden dieses Lebens zu verzehren und zu vernichten scheint; denn wenn auch, Gott sei Dank, meine Begierden nicht mehr auf eilte Dinge gerichtet waren, so wurde mir hier doch ganz besonderes klar, wie alles nur Eitelkeit und wie eitel auch alle Herrschermacht dieser Welt ist. Die Seele wird dadurch auf eindringliche Weise unterwiesen, ihre Begierden zur lauteren Wahrheit zu erheben. Es bleibt ihr ferner von dieser Vision eine Ehrfurcht vor Gott eingeprägt, die ich nicht zu beschreiben weiß, die aber sehr verschieden von jener ist, die wir hienieden aus uns selbst erlangen können. Großen Entsetzen befällt die Seele bei dem Gedanken, wie sie es je habe wagen können, aber wie überhaupt jemand die Verwegenheit besitze, eine so erhabene Majestät zu beleidigen. Ich werde schon einigemal von diesen und anderen Wirkungen der Visionen gesprochen haben. Aber ich habe auch bemerkt, dass aus der einen Vision mehr, aus der anderen weniger Wirkung gewonnen werde; aus dieser nun gewinnt man einen überaus großen. Ging ich zur Kommunion und erinnerte ich mich der erhabenen Majestät, die ich geschaut hatte, und dachte ich mir dabei, dass ebenderselbe im Sakramente gegenwärtig sei, wo ich ihn übrigens nach dem Willen des Herrn gar oft in der Hostie schaue, so standen mir die Haare zu Berge, und ich schien ganz vernichtet zu sein.

16. Wenn zu darum deine Größe nicht verhüllest, wer würde es dann, o Herr, wohl wagen, so oft zu dir hinzuzutreten, um etwas so Schmutziges und Erbärmliches mit einer so erhabenen Majestät zu vereinigen? Gepriesen seiest du, o Herr! Engel und alle Geschöpfe sollen dich dafür preisen! Du hast dich in allem unserer Schwachheit angepasst, damit uns deine große Macht beim Genusse dieser erhabenen Gnaden nicht so erschrecke, dass wir als schwache und armselige Menschen es gar nicht wagten, diese Gnaden zu genießen. Es könnte uns dabei ergehen wie jenem Bauersmanne, dem, wie ich gewiss weiß, folgendes begegnete. Derselbe fand einen Schatz der größer war, als er es in seinem beschränkten Geist fassen konnte. Bei seinem Anblicke wurde er so traurig, dass er vor lauter Betrübnis und Sorge allmählich dahinstarb, weil er nicht wusste, was er damit anfangen sollte. Hätte er den Schatz nicht so auf einmal gefunden, und wäre er ihm zu seinem Unterhalte nach und nach gegeben worden, so hätte er fröhlicher gelebt als in seiner vorigen Armut, und es hätte ihn nicht das Leben gekostet.

17. O du Reichtum der Armen, wie wunderbar weißt zu die Seelen zu nähren! Du zeigst ihnen nur allmählich so große Schätze, damit sie diese nicht (auf einmal) sehen. Wenn ich darum eine so erhabene Majestät in einer ganz kleinen Hostie verborgen sehe, so muss ich über eine so tiefe Weisheit staunen. Ich weiß wahrlich nicht, wie der Herr mir Mut und Stärke gibt, mich ihm zu nahen, wenn nicht er, der mir so große Gnaden erteilt hat und noch erteilt, mich stärkte; denn sonst könnte ich mich unmöglich enthalten, so große Wunder mit lauter Stimme zu verkünden. Was muss aber eine so elende Kreatur wie ich, die ihr Leben in so geringer Furcht Gottes zugebracht hat und mit Greueln beladen ist, empfinden, wenn sie zu einem Herrn von so erhabener Majestät hinzutritt und er sich meiner Seele zeigen will? Wie soll der Mund, der diesen Herrn mit so viel Worten beleidigt hat, seinen glorreichen Leib aufnehmen, der lauter Reinheit und Güte ist? Ja, die Liebe voll Zartheit und Anmut, die dieses wunderschöne Antlitz offenbart, verursacht der Seele, weil sie ihm nicht gedient hat, mehr Schmerz, als der Anblick seiner Majestät ihr Furcht einflößen könnte.

18. Was musste aber ich in diesen beiden Fällen empfunden haben, wo mir ein derartiger Anblick gewährt wurde? Wahrhaftig, o mein Herr und meine Glorie, fast möchte ich sagen, ich hätte durch die große Betrübnis, die meine Seele dabei empfand, gewissermaßen etwas in deinem Dienste getan! Ach, ich weiß nicht, was ich sage, da ich beim Schreiben dieser Zeilen fast nicht mehr selbst es bin, die da redet; denn ich fühle mich verwirrt und etwas außer mir bei der Wiedererinnerung an diese Dinge. Käme dieser Schmerz von mir selbst her, so könnte ich wohl sagen, ich hätte etwas für dich getan, o mein Herr! Weil man aber auch keinen guten Gedanken haben kann, wenn nicht du ihn gibst, so verdiene ich keinen Dank; ich bin die Schuldnerin, o Herr, und zu bist der Beleidigte.

19. Als ich eines Tages zur Kommunion ging, sah ich mit den Augen der Seele, und zwar viel deutlicher als mit leiblichen Augen, zwei Teufel in ganz abscheulicher Gestalt, wie sie mit ihren Hörnern die Kehle des armseligen Priesters zu umfangen schienen. Zugleich sah ich in der Hostie, die er in seinen Händen hielt und mir zu reichen im Begriffe stand, meinen Herrn in der geschilderten Majestät. Ich erkannte klar, dass ihn diese Hände beleidigt hatten und dass die Seele des Priesters im Stande der Todsünde war. O mein Herr, welcher Anblick! Deine Schönheit inmitten so abscheulicher Gestalten! Sie waren vor dir so von Furcht und Schrecken ergriffen, dass sie, wie es schien, gerne geflohen wären, wenn du es ihnen gestattet hättest. Diese Vision verwirrte mich so sehr, dass ich nicht weiß, wie ich kommunizieren konnte, und es blieb mir eine große Furcht; denn ich meinte, dass Seine Majestät, wenn die Vision von Gott gewesen wäre, mir nicht gestattet hätte, den bösen Zustand dieser Seele zu schauen. Da sagte der Herr selbst zu mir, ich sollte für den Priester beten; er habe die Vision zugelassen, damit ich daraus die Kraft der Konsekrationsworte erkennen und einsehen möge, dass Gott dennoch gegenwärtig sei, wenn auch der Priester, der diese Worte spreche, noch so böse sei. Auch sollte ich daraus seine große Güte erkennen, da er sich sogar den Händen seines Feindes übergebe, einzig und allein zu meinem und aller Menschen Heile. Aus dieser Vision ersah ich auch, wie die Priester weit mehr als andere zur Heiligkeit Verpflichtet sind; was es Erschreckliches um den unwürdigen Empfang des Heiligen Sakramentes ist, und welch eine große Herrschaft der Teufel über eine Seele hat, die sich in einer Todsünde befindet. Die ganze Vision war mir von sehr großem Nutzen und verschaffte mir eine recht klare Erkenntnis meiner Verpflichtungen gegen Gott. Er sei gepriesen in alle Ewigkeit!

20. Ein andermal hatte ich wieder eine Vision, die mich gleichfalls in sehr großen Schrecken setzte. Ich war da an einem Orte, wo eine gewisse Person starb, die, wie ich wusste, viele Jahre lang sehr böse gelebt hatte. Zwei Jahre war sie krank, und in einigen Stücken schien sie sich auch gebessert zu haben; darum hielt ich sie, obwohl sie ohne Beichte starb, doch nicht für verdammt. Als man nun den Leichnam einhüllte, sah ich, wie eine große Anzahl Teufel sich desselben bemächtigte. Sie schienen mit ihm zu spielen, aber auch ihn zu misshandeln, indem ihn einer um den andern mit großen Haken an sich riss, was mich in großen Schrecken setzte. Als ich dann sah, wie man diesen Leichnam mit der nämlichen Ehre und mit den nämlichen Zeremonien wie alle anderen zu Grabe trug, betrachtete ich bei mir die große Güte Gottes, der da wollte, dass die Schande dieser ihm feindlichen Seele nicht offenbar wurde, sondern geheim blieb. Ich war bei diesem Anblick fast wie versteinert. Während des ganzen Leichengottesdienstes sah ich keinen Teufel mehr; als man aber darauf den Leichnam in das Grab legte, war darin eine große Menge böser Geister schon bereit, ihn in Empfang zu nehmen; durch diesen Anblick kam ich ganz außer mir und musste mich sehr zusammennehmen, um es zu verbergen. Ich dachte bei mir, wie diese bösen Geiger wohl die Seele behandeln würden, da sie schon an dem armseligen Leibe in solcher Weise Gewalt ausübten. Möchte doch der Herr allen, die sich im Stande der Sünde befinden, das schreckliche Schauspiel vor Augen führen lassen ebenso wie mir; sie würden meines Erachtens zu einem besseren Leben bestimmt werden. Dies alles lässt mich weit mehr erkennen, aus welchem Unglück mich Gott errettet hat und wie viel ich ihm deshalb schuldig bin. Ich blieb über diese Vision in großer Furcht, bis ich mit meinem Beichtvater darüber gesprochen hatte. Ich dachte mir nämlich, es könnte das Ganze eine Täuschung des bösen Feindes gewesen sein, um jene Seele in üblen Ruf zu bringen, obgleich sie nicht für sehr christlich gehalten wurde. Wenn es aber auch keine Täuschung gewesen ist, so flößt es mir doch in Wahrheit, so oft ich daran denke, Furcht ein.

21. Weil ich einmal begonnen habe, von Visionen über Verstorbene zu reden, so will ich weiter erzählen, was mir der Herr bezüglich einiger Seelen geoffenbart hat. Um aber nicht zu weitläufig zu werden, und weil es zu wissen nicht notwendig, ich will sagen, von keinem Nutzen ist, will ich nur einige Begebenheiten anführen. Man sagte mir, es sei ein Pater gestorben, der einst unser Provinzial gewesen, aber zur Zeit seines Todes eine andere Provinz leitete. Ich hatte früher viel mit ihm verkehrt und war ihm wegen einiger guten Dienste, die er mir geleistet, zum Danke verpflichtet. Die Nachricht von seinem Tode betrübte mich sehr; denn obwohl er ein sehr tugendhafter Mann gewesen, so war ich doch wegen seiner Seligkeit in Furcht. Er war nämlich zwanzig Jahre lang Oberer, und da bin ich fürwahr immer in großer Furcht, weil ich es für etwas sehr Gefährliches halte, die Last der Seelsorge zu tragen. In meiner Betrübnis ging ich in ein Oratorium und schenkte ihm alles, was ich in meinem Leben Gutes getan; und da mir dies sehr wenig schien, so bat ich den Herrn, er wolle durch seine Verdienste ersetzen, was dieser Seele noch notwendig sei, um aus dem Fegfeuer erlöst zu werden. Während ich so mit möglichster Innigkeit zum Herrn flehte, kam es mir vor, als komme der Verstorbene zu meiner Rechten aus der Tiefe der Erde hervor; und ich sah, wie er mit höchster Freude zum Himmel emporschwebte. Er war schon gut ein Greis gewesen; aber hier erschien er mir wie ein Dreißiger, ja noch jünger, und sein Angesicht glänzte. Diese Erscheinung war schnell vorüber; aber ich fühlte mich davon so außerordentlich getröstet, dass mich sein Tod fernerhin nicht mehr betrüben konnte, obwohl viele ihn immer noch sehr betrauerten, denn er war gar sehr beliebt. Der Trost, den meint Seele empfand, war so groß, dass ich über diesen Todesfall ganz beruhigt blieb; ich konnte nicht zweifeln, dass diese Vision eine echte gewesen, ich will sagen (es war mir klar), dass hier keine Täuschung vorgekommen sei. Seit seinem Hinscheiden waren nur vierzehn Tage verflossen. Indessen unterließ ich es doch nicht, ihn Gott zu empfehlen und auch andere um dasselbe zu ersuchen; aber ich konnte es nicht mit solcher Inbrunst tun, wie wenn ich die Vision nicht gehabt hätte; denn wenn nicht der Herr von einer Seele solches schauen lässt und ich sie nachher seiner Majestät empfehlen will, so kommt es mir unwillkürlich vor, als wolle ich einem Reichen ein Almosen geben. Da dieser Ordensmann in weiter Entfernung von hier gestorben war, so erfuhr ich erst später, welches Ende ihm der Herr verlieh. Dieses war so erbaulich, dass alle Anwesenden über sein volles Bewusstsein, über seine Tränen und über seine Demut, mit der er starb, sich verwunderten.

22. In meinem Kloster lebte eine Nonne, eine sehr eifrige Dienerin Gottes, die vor etwas über anderthalb Tag gestorben war. Eine Schwester las eben eine Lektion des Totenoffiziums, das im Chore für jene gebetet wurde, und ich stand neben ihr, um mit ihr den Vers zu sagen. da sah ich, wie mir schien, mitten unter der Lektion die Seele der Verstorbenen an demselben Orte wie die vorige aus der Tiefe zum Himmel sich erheben. Es war dies keine einbildliche Vision wie die vorhergehende, sondern eine von jenen, die ich schon erwähnt habe. Doch ist (an der Wirklichkeit solcher Visionen) ebensowenig zu zweifeln wie an jenen, die man (mittels der Einbildungskraft) schaut.

23. In dem nämlichen Kloster starb eine andere Nonne, die achtzehn bis zwanzig Jahre alt und immer krank gewesen war. Sie hatte Gott eifrig gedient, den Chor fleißig besucht und war überhaupt sehr tugendhaft. Weil sie viele Krankheiten erdulden musste, so glaubte ich gewiss, sie sei nicht ins Fegfeuer gekommen, sondern habe sich im Gegenteile überflüssige Verdienste erworben. Ungefähr vier Stunden nach ihrem Hinscheiden, noch vor ihrem Begräbnis, sah ich sie, während ich den Horen beiwohnte, an demselben Orte heraufkommen und zum Himmel schweben.

24. Einmal befand ich mich in der Kirche eines Kollegiums der Gesellschaft Jesu und war da von jenen großen Seelen und Körperleiden heimgesucht, die mich von Zeit zu Zeit und auch jetzt noch befallen. Ich litt so sehr, dass ich auch nicht einen guten Gedanken fassen zu können glaubte. Da in der Nacht zuvor ein Bruder dieses Kollegiums gestorben war, so empfahl ich ihn, ja gut ich konnte, Gott und hörte die Messe, die ein Pater aus derselben Gesellschaft für ihn las. Während dieser Messe geriet ich in eine tiefe Sammlung, in der ich den Verstorbenen in großer Glorie vom Herrn begleitet zum Himmel fahren sah. Ich erkannte es als eine besondere Gnade, dass Seine Majestät selbst ihn in den Himmel einführte.

25. Ein anderer Bruder aus unserem eigenen Orden, ein sehr eifriger Diener Gottes, lag sehr krank darnieder. Als ich nun der heiligen Messe beiwohnte, verfiel ich wieder in eine tiefe Sammlung, in der ich ihn sterben und ohne Fegfeuer in den Himmel eingehen sah. Wie ich nachher erfuhr, starb er wirklich in der Stunde, in der ich diese Vision hatte. Ich verwunderte mich, dass er gar nicht ins Fegfeuer gekommen. Da wurde mir zu verstehen gegeben, er habe als Ordensmann seine Profeß treu gehalten, weshalb ihm die vom Orden verliehenen PrivilegiumsBullen zugute gekommen seien, so dass er nicht durchs Fegfeuer musste. Ich weiß nicht, wozu ich dies erfahren habe; wahrscheinlich aber, so denke ich mir, sollte mir dadurch angedeutet werden, dass nicht der Habit, ich will sagen, dass nicht das Tragen desselben den Ordensmann ausmache, und dieser dadurch allein noch nicht der Vorteile teilhaftig werde, der sein Stand, der ein Stand höherer Vollkommenheit ist, ihm verheißt.

26. Weitre Visionen dieser Art will ich nicht mitteilen, obwohl mir der Herr die Gnade erwiesen hat, ihrer viele zu schauen; denn es würde dies, wie gesagt, doch nichts nützen. Nur das eine sei hier noch bemerkt, dass ich unter allen Seelen, die mir erschienen sind, nur drei gesehen habe, die dem Fegfeuer ganz entkommen sind: nämlich die des eben erwähnten Paters, die des heiligen Bruders Petrus de Alcántara und die des zuvor schon erwähnten Paters aus dem Dominikanerorden. Es gefiel dem Herrn, mir die Stufe der Glorie schauen zu lassen, zu der einige Seelen gelangten, und mir den Platz zu zeigen, den sie einnehmen. Der Unterschied zwischen der Glorie der einen und jener der anderen ist sehr groß.

Neununddreißigstes Hauptstück

Sie fährt in der Mitteilung der ihr vom Herrn erwiesenen großen Gnaden weiter fort. Versprechen des Herrn, ihr zu gewähren, um was sie ihn für andere bitten werde; einige besondere Fälle, in denen ihr Seine Majestät diese Gnade erwies.

1. Als ich einmal den Herrn mit Bitten bestürmte, er möchte doch einer Person, gegen die ich große Verbindlichkeit und großes Mitleid hatte, das fast ganz verlorene Gesicht wiederschenken, fürchtete ich, wegen meiner Sünden nicht erhört zu werden. Da erschien mir der Herr in der Weise wie sonst, zeigte mir die Wunde seiner linken Hand und zog mit der rechten einen großen in dieser Wunde steckenden Nagel heraus, wobei es mir vorkam, als zöge er mit ihm auch etwas Fleisch heraus. Ich konnte mir leicht den großen Schmerz denken (den der Herr einst erduldet hatte) und fühlte inniges Mitleid mit ihm. Er aber sprach zu mir, ich sollte nicht zweifeln, dass er, der solches für mich gelitten, um so mehr tun werde, um was ich ihn bitte. Er verspreche mir, alle meine Bitten gewähren zu wollen, denn er wisse schon, dass ich ihn um nichts bitten werde, was nicht zu seiner Ehre gereicht; und deshalb wolle er auch tun, um was ich ihn eben jetzt bitte. Ich sollte nur bedenken, dass ich selbst damals, als ich ihm noch nicht diente, nichts von ihm begehrt, das er mir nicht noch weit vollkommener gewährt habe, als ich ihn darum zu bitten wusste; um so mehr werde er es jetzt tun, da er wisse, dass ich ihn liebe. Ich sollte darum gar nicht zweifeln. Und siehe, es waren meines Erachtens noch nicht acht Tage verflossen, da schenkte der Herr, wie mein Beichtvater sogleich erfuhr, jener Person das Gesicht wieder. Es kann sein, dass dies nicht um meines Gebetes willen geschah, allein weil ich diese Vision gehabt, so hatte ich doch eine Art von Gewissheit davon und ich dankte der göttlichen Majestät für die mir gewährte Gnade.

2. Ein andermal litt jemand an einer sehr schmerzlichen Krankheit, die ich jedoch, da mir ihre Natur unbenannt war, nicht bezeichnen kann. Schon zwei Monate lang hatte er unerträgliche Schmerzen ausgestanden, und jetzt litt er so schrecklich, dass er sich selbst zerfleischte. Mein Beichtvater, der erwähnte Rektor, besuchte den Kranken und hatte großes Mitleid mit ihm; er sagte zu mir, ich könnte ihn, da er mein Anverwandter sei, ohne allen Anstand gleichfalls besuchen. Ich ging also zu ihm, und als ich ihn sah, ward ich so von Mitleid ergriffen, dass ich den Herrn inständigst um seine Genesung bat. Hier erkannte ich nach meinem ganzen Dafürhalten deutlich die Gnade, die mir der Herr erwies; denn gleich des anderen Tages ward der Kranke von seinem Schmerze vollständig befreit.

3. Einmal befand ich mich in sehr großer Betrübnis, weil ich wusste, dass jemand, gegen den ich große Verbindlichkeit hatte, einen großen Fehler gegen Gott und gegen seine (eigene) Ehre begehen wollte und schon fest dazu entschlossen war. Mein Schmerz darüber war um so größer, als ich kein Mittel wusste, ihn von seinem Entschlusse abzubringen; es schien mir, dass es auch keines gebe. Da bat ich Gott aus ganzem Herzen, er selbst möchte Mittel und Wege schaffen; bis dies aber geschah, fand ich keine Linderung meines Schmerzes. In dieser Not ging ich in eine Einsiedelei, von denen wir einige in diesem Kloster haben. Diese ist sehr abgelegen, und es befindet sich darin das Bildnis Christi an der Säule. Als ich ihn hier nun anflehte, mir doch die gewünschte Gnade zu gewähren, hörte ich eine ganz sanfte Stimme wie lispelnd zu mir reden. Mir starrten die Haare, so groß war der Schrecken, der mich erfasste. Ich hätte jedoch gern verstanden, was die Stimme zu mir sagte, aber es war mir unmöglich, weil sie gleich wieder verstummte. Ter Schrecken war indessen bald wieder vorüber, und ich empfand eine innere Ruhe, Freude und Wonne, dass ich darüber staunte, wie dass Anhören einer Stimme, die ich mit leiblichen Ohren vernahm, ohne ein Wort davon zu verstehen, eine solche Wirkung in der Seele zustande bringe. Daraus erkannte ich, dass mein Gebet erhört worden sei; und so war es in der Tat. Mein Schmerz verschwand, und es war mir, als wäre schon geschehen, was nachher wirklich geschah, (dass nämlich jene Person ihr böses Vorhaben aufgab). Diese Begebenheit teilte ich meinen beiden damaligen Beichtvätern mit, die sehr gelehrte Männer und große Diener Gottes waren.

4. Ich wusste, dass eine Person, die sich entschlossen hatte, Gott von ganzem Herzen zu dienen, und die einige Zeit das innerliche Gebet geübt und dabei von Seiner Majestät viele Gnaden empfangen hatte, dieser Übung entsagte, weil sie gewisse Gelegenheiten nicht meiden wollte. Dies tat mir außerordentlich leid, denn ich hatte die Person sehr lieb und war ihr zu großem Danke verpflichtet. Mehr als einen Monat lang bat ich, wie ich glaube, Gott unablässig, er möchte doch diese Seele wieder an sich ziehen. Als ich mich nun eines Tages im Gebete befand, sah ich neben mir einen Teufel, der mit großem Zorne einige Zettel zerriss, die er in der Hand hatte. Darüber freute ich mich sehr, denn ich hielt mein Gebet für erhört. Und so war es, wie ich mich später überzeugte, auch in der Tat. Diese Person legte eine sehr reumütige Beichte ab und kehrte wieder ernstlich zu Gott zurück, so dass ich hoffe, Seine Majestät werde ihr die Gnade verleihen, immer weiter voranzuschreiten. Er sei für alles gepriesen! Amen.

5. So geschah sehr häufig, dass Unser Herr auf mein Gebet hin Seelen von schweren Sünden befreite, andere zu größerer Vollkommenheit führte, wieder andere aus dem Fegfeuer erlöste und sonstige merkwürdige Dinge wirkte; diese Gnaden sind so zahlreich, dass ich mich und die Leser ermüden würde, wollte ich sie alle erzählen. Sie bezogen sich aber weit mehr auf das Heil der Seele als auf das des Leibes. Dies ist etwas sehr Bekanntes, und viele können es bezeugen. Anfangs fühlte ich mich im Gewissen sehr beunruhigt; denn ich konnte nicht umhin zu glauben, der Herr habe diese Gnaden auf mein Gebet hin gespendet. Jetzt aber kommen dergleichen Fälle so oft vor und sind anderen so bekannt, dass es mich nicht mehr schwer ankommt, dies zu glauben. Ich lobe Gott und werde beschämt, weil ich sehe, dass ich ihm nur eine um so größere Schuldnerin werde. Dadurch wächst, wie mir scheint, mein Verlangen, ihm zu dienen; und meine Liebe zu ihm wird mehr entzündet. Worüber ich aber am Meisten staune, ist dieses: um Dinge, die der Herr als ungeeignet erkennt, kann ich ihn nicht mit Inbrunst bitten, wenn ich auch gern wollte. Ich empfinde dabei so wenig Kraft, Geist und Eifer, dass ich es nicht könnte, selbst wenn ich mir Gewalt antun wollte. Will aber die göttliche Majestät eine Sache gewähren, so kann ich oft und recht inständig darum bitten; sie schwebt mir immer vor Augen, wenn ich mich auch nicht besonders darum kümmere.

6. Zwischen diesen zwei Arten von Gebet ist ein großer Unterschied, den ich nicht zu erklären weiß. Tu ich mir auch im ersten Fall Gewalt an, vom Herrn etwas zu erflehen — und selbst dies geschieht nicht mit solchem Eifer wie sonst, wenn mir auch die Sache selbst nahe geht —, so gleiche ich einem, dem die Zunge gelähmt ist. Wenn er reden will, kann er nicht, und redet er, so merkt er wohl, dass man ihn nicht versteht. Bitte ich aber auf die andere Art, so ist es mir wie einem, der lebhaft und deutlich mit jemand redet und merkt, dass man ihn gern hört. In dem einen Falle betet man, so wollen wir sagen, wie beim mündlichen Gebete; im anderen Falle aber wie in erhabener Beschauung, wobei der Herr seine Gegenwart in einer Weise kundgibt, dass man sieht, er höre unser Gebet, freue sich darüber und wolle uns die gewünschte Gnade gewähren. Er, der so vieles verleiht, und dem ich so wenig gebe, sei in Ewigkeit gepriesen! Denn was tut der für dich, o mein Herr, der sich nicht ganz für dich verzehrt? Und wie viel, wie viel, und noch tausendmal möchte ich es wiederholen, wie viel mangelt mir noch hiezu! Ebendarum aber sollte ich, abgesehen von anderen Gründen, gar nicht mehr zu leben wünschen, weil mein Leben nicht dem entspricht, was ich dir schuldig bin; denn wie vielen Unvollkommenheiten bin ich unterworfen, wie lässig in deinem Dienste erblicke ich mich! Wahrhaftig, manchmal wünschte ich, wie mir scheint, ohne Verstand zu sein, um nicht so viel Böses an mir erblicken zu müssen. Möge der Hilfe schaffen, der die Macht dazu hat!

7. Als ich mich im Hause der schon öfter erwähnten Dame aufhielt, musste ich stets über mich wachen und immer die Eitelkeit der Dinge dieses Lebens beherzigen; denn es wurde mir da eine große Hochachtung und vieles Lob zuteil; und es gab viele Dinge, an die sich mein Herz leicht hätte hängen können, wenn ich nur auf mich gesehen hätte. Aber ich richtete meinen Blick auf den, der mit dem Auge der Wahrheit schaut, damit er mich nicht aus seiner Hand lasse.

8. Da ich eben von dem Auge der Wahrheit spreche, denke ich daran, wie schwer jene, die Gott zur Erkenntnis der Wahrheit geführt hat, über die irdischen Dinge mit Leuten zu reden vermögen, denen die Wahrheit verhüllt ist. Dies hat der Herr selbst einmal zu mir gesagt, sowie überhaupt gar vieles von dem, was ich hier schreibe, nicht von mir stammt, sondern von diesem meinem himmlischen Meister mir mitgeteilt wurde. Wenn ich deshalb ausdrücklich bemerke: »Das habe ich vernommen«, oder »das hat der Herr gesagt«, so bin ich immer in großer Angst, ich möchte etwas, und sei es auch nur eine Silbe, hinzufügen oder weglassen; wenn ich aber mich nicht an alles genau erinnere oder etwas von dem meinigen beimengen könnte, so spreche ich in einer Weise, als sei das Gesagte von mir. Doch nenne ich nicht das, was gut ist »von mir«, da ich bereits weiß, dass nichts Gutes in mir ist, wenn nicht der Herr ohne all mein Verdienst es mir gespendet hat. Ich nenne nur das »von mir« gesagt, was mir nicht durch eine Offenbarung mitgeteilt wurde.

9. Aber, o mein Gott, wie oft wollen wir sowohl die weltlichen als auch die geistlichen Dinge nach unserem eigenen Dafürhalten und ganz von der Wahrheit abweichend beurteilen! Da glauben wir z. B., unser Fortschritt (im geistlichen Leben) sei nach den Tagen zu bemessen, die wir in einiger Übung des innerlichen Gebetes zugebracht haben; ja es scheint sogar, als wollten wir dem ein Maß vorschreiben, der, wenn es ihm gefällt, seine Gaben ohne Maß austeilt, und der dem einen in einem halben Jahre mehr geben kann, als er dem anderen in vielen Jahren verleiht. Ich habe dies an so vielen Personen wahrgenommen, dass ich mich wundere, wie wir noch in unserer Meinung verharren.

10. In diesen Irrtum kann nach meinem Dafürhalten der nicht fallen, der die Gabe der Unterscheidung der Geister besitzt, und dem der Herr wahre Demut verliehen hat; denn ein solcher urteilt nach den Wirkungen (der göttlichen Gnade in der Seele), nach den Entschlüssen (die sie fasst), nach der Liebe (wovon sie durchglüht ist); und der Herr erleuchtet ihn, dass er dies erkennt. Darnach also, und nicht nach den Jahren, beurteilt er den Fortschritt und das Wachstum der Seelen, wohl wissend, dass die eine in einem halben Jahre weiter vorangeschritten sein kann als die andere in zwanzig Jahren; denn der Herr verleiht seine Gnade, wie gesagt, wem er will, und besonders dem, der sich mehr dafür empfänglich macht. So sehe ich jetzt Jungfrauen in dieses Kloster kommen, die noch im zartesten Alter sind, die aber, nachdem sie Gott mit seiner Gnade berührt und ihnen nur ein wenig Licht und Liebe, ich will sagen, nur kurze Zeit etwas inneren Trost verliehen, ohne Verzug seinem Rufe entsprechen und durch nichts sich aufhalten lassen. Sie denken nicht an ihren Unterhalt, da sie sich für immer in ein Haus einschließen, dass keine Einkünfte hat. Ihr Leben achten sie für nichts und verlassen alles um dessentwillen, von dem sie wissen, dass er sie liebt; sie verzichten auf ihren freien Willen und denken nicht daran, dass sie einmal bei einer so strengen und engen Klausur missvergnügt sein könnten. Alle bringen sich Gott einmütig zum Opfer dar.

11. O wie gern gebe ich ihnen hierin den Vorzug vor mir, und wie billig sollte ich vor Gott erröten! Denn was Gott bei mir in so vielen Jahren nicht erreichte, seitdem ich das innerliche Gebet zu üben und er mir seine Gnaden mitzuteilen begann, das erreicht er bei diesen Jungfrauen in drei Monaten, ja bei einigen in drei Tagen, obschon er ihnen weit weniger Gnaden mitteilt, als er mir erwiesen. Übrigens weiß sie auch Seine Majestät gut zu belohnen, so dass sie gewiss keine Reue über das empfinden, was sie für Gott geopfert haben.

12. Ich wünschte, wir möchten der vielen Jahre, die wir seit unserer Ordensprofeß oder seit dem Beginn der Übung des innerlichen Gebetes verlebt haben, zu dem Zwecke gedenken, um uns selbst zu beschämen. Quälen wir aber andere, die in kürzerer Zeit weiter vorankommen, nicht dadurch, dass wir sie zur Rückkehr zwingen, damit sie mit uns gleichen Schritt einhalten, und verlangen wir nie, dass jene, die mit den von Gott empfangenen Gnaden wie Adler fliegen, nur wie gebundene Hühnlein voranschreiten! Erheben wir vielmehr unsere Augen zu Seiner Majestät; und wenn wir diese Seelen in Demut wandeln sehen, so gestatten wir ihnen freien Lauf; denn der Herr, der ihnen so große Gnaden erteilt, wird nicht zulassen, dass sie in den Abgrund stürzen. Erleuchtet von der Wahrheit des Glaubens, vertrauen sie selbst sich Gott an: warum sollten wir sie nicht ebenso ihm überlassen? Warum wollten wir sie nur nach unserem Maße, nach unserem schwachen Mute messen? Hüten wir uns wohl! Und wenn mir uns selbst nicht zu ihren großmütigen Begierden und Entschlüssen erheben, weil wir ohne eigene Erfahrung nichts davon verstehen können, so wollen wir uns wenigstens demütigen und sie nicht verdammen. Sonst entziehen wir uns, in der Meinung, auf ihren Vorteil zu sehen, den eigenen und verlieren die vom Herrn uns dargebotene Gelegenheit, uns zu verdemütigen und anzuerkennen, wieviel uns noch abgeht und wie weit mehr diese Seelen losgeschält und mit Gott vereint sein müssen als wir, weil Seine Majestät so vertraulich mit ihnen umgeht.

13. Dies ist meine Meinung, und ich möchte auch nicht anders urteilen. Ein erst seit kurzer Zeit geübtes Gebet, dass sehr große allen sichtbare Wirkungen hervorbringt — und ohne große Gewalt der Liebe kann jemand unmöglich alles rein um Gottes Willen verlassen —, ist immer jenem Gebete vorzuziehen, dem man sich schon jahrelang hingibt, das aber am Ende nicht entschlossener macht, etwas Großes für Gott zu tun, als am Anfang. Denn das Vollbringen so kleiner und unbedeutender Dinge können wir nicht als Wirkung einer besonderen Gnade und einer großen Abtötung ansehen; solche Werke gleichen Salzkörnlein, die weder Gewicht noch Umfang haben, so dass sie ein Vöglein mit seinem Schnabel davontragen kann. Wenn wir aber dennoch gewisse Werke, die wir für Gott verrichten, und sollten es ihrer auch viele sein, hoch anschlagen, so ist dies etwas Trauriges. Zu diesen Bedauernswerten gehöre auch ich, und leicht vergesse ich auch noch die mir erwiesenen Gnaden. Ich sage nicht, dass Gott in seiner Güte solche geringe Werke nicht hoch anrechne, sondern ich wünschte nur, ich selbst möchte keinen Wert darauf legen und gar nicht sehen, dass ich sie verrichte, weil sie doch wenig Wert haben. Aber verleihe mir, o mein Herr, und rechne es mir nicht zur Schuld an, wenn ich mich mit solchen Werken in etwas tröste, weil ich dir mit nichts Größerem diene; denn vollbrächte ich für dich große Werke, so würde ich so geringfügige gar nicht achten. Glückselig jene, die dir mit großen Werken dienen! Würden mir das Verlangen nach solchen Werken und der Neid angerechnet, der mich gegen diese erfüllt, dann stünde ich ihnen nicht viel nach in deinem Dienste; so aber bin ich zu gar nichts nütze. O mein Herr, gib du mir Kraft, weil du mich so lieb hast!

14. Erst dieser Tage begegnete mir folgendes. Als mit dem Eintreffen eines Breve von Rom, demgemäß das neue Kloster keine Einkünfte haben sollte, alles ganz vollendet war, was mir bis dahin irgendwie Mühe gekostet zu haben schien, fand ich mich über einen so glücklichen Abschluss dieser Stiftung getröstet; ich gedachte der Beschwerden, die ich dabei ausgestanden, und pries den Herrn, dass er sich meiner in etwa hatte bedienen wollen. Als ich aber das, was ich getan, näher betrachtete, fand ich in allem, was etwas gewesen zu sein schien, eine Menge Fehler und Unvollkommenheiten und mitunter wenig Mut und oft wenig Glauben; denn alles, was mir der Herr über das Zustandekommen der von mir betriebenen Stiftung gesagt hatte, konnte ich bis fest, da ich es vollkommen erfüllt sehe, nicht fest glauben, obwohl ich auch nicht daran zu zweifeln vermochte. Ich weiß selbst nicht, wie dies kam. Oftmals schien es mir einerseits unmöglich (dass die Stiftung zustande kommen werde); andrerseits aber konnte ich doch auch nicht zweifeln, ich will sagen, nicht glauben, dass sie nicht zustande kommen werde. Kurz, ich fand, dass alles Gute, was geschehen, der Herr, dass Böse dagegen ich gewirkt habe; und so ließ ich davon ab, weiter über das Geschehene nachzudenken, und wünschte mich nicht mehr daran zu erinnern, um nicht wieder auf meine so vielfältigen Fehler stoßen zu müssen. Gepriesen sei der Herr, der, wenn es ihm gefällt, aus eitlen Dingen Gutes schafft, Amen.

15. Ich halte es also für gefährlich, die Jahre zu zählen, die man in der Übung den innerlichen Gebetes zugebracht hat; denn geschähe es auch in Demut, so könnte doch meines Erachtens so etwas von Einbildung sich einschleichen, als hätten uns unsere Dienste gewisse Rechte bei Gott erworben. Ich sage nicht, dass man sich keine Verdienste erwerbe, denn alles wird gut belohnt werden; aber nach meiner Überzeugung wird eine dem geistlichen Leben ergebene Person, die meint, sie habe dadurch, dass sie viele Jahre lang das innerliche Gebet geübt, geistliche Tröstungen wohl verdient, niemals zur Vollkommenheit des Lebens gelangen. Ist es denn nicht genug, wenn sie verdient hat, dass Gott sie an seiner Hand hält, damit sie die Sünden meide, womit sie ihn, ehe sie das Gebet übte, beleidigte? Will sie auch noch, wie man zu sagen pflegt, mit seinem eigenen Gelde einen Rechtsstreit gegen ihn anfangen? Dies scheint mir keine tiefe Demut zu sein. Es mag sein, dass es eine solche Demut gibt, aber ich finde darin nur Dreistigkeit, und darum habe ich es auch, wie ich meine, nicht gewagt, obschon ich nur wenig Demut besitze. Indessen mag es wohl sein, dass ich es auch gar nicht gekonnt hätte, weil ich dem Herrn noch nicht gedient habe; denn sonst würde ich vielleicht mehr als andere eine Belohnung von ihm verlangt haben.

16. Ich sage auch nicht, dass eine Seele (im Laufe der Jahre) nicht wachse und Gott ihr seine Gnaden gewähre, wenn sie das Gebet in Demut übt; ich sage nur, man solle die Jahre, die man in dieser Übung zugebracht hat, vergessen. Ist ja alles, was wir tun können, im Vergleiche mit einem einzigen Tropfen Blutes, den der Herr für uns vergossen hat, nicht mehr wert, als dass wir es verachten. Und wenn wir, je mehr wir Gott dienen, auch um so mehr seine Schuldner werden: wie können wir da noch etwas begehren? Werden uns ja ohnehin für jeden Heller, den wir ihm von unserer Schuld abzahlen, aufs neue tausend Dukaten gegeben. Lassen wir also, ich bitte um der Liebe Gottes willen, dergleichen Urteile beiseite; denn sie stehen Gott allein zu. Solche Vergleiche sind schon in irdischen Dingen vom Übel; um wieviel mehr in dem, was Gott allein weiß. Der Herr hat dies deutlich gezeigt, da er den letzten denselben Lohn gab, wie den ersten.

17. Weil ich immer so wenig Zeit hatte und noch habe, darum musste ich mit so oftmaliger Unterbrechung diese drei Blätter schreiben, und vergingen darüber so viele Tage, dass ich ganz auf die nun folgende vergaß, die ich zu erzählen begonnen hatte. Ich sah mich während des Gebetes ganz allein auf einem weiten Felde; und um mich herum standen viele Leute von verschiedener Art, die mich eingeschlossen hielten. Alle schienen Waffen in den Händen zu haben: Lanzen, Schwerter, Dolche und sehr lange Stoßdegen, um damit auf mich loszustürmen. Ich konnte nirgendswohin ausweichen, ohne mich der Todesgefahr auszusetzen; ich war ganz allein, ohne jemand auf meiner Seite zu haben. Da ich nun angsterfüllten Herzens nicht wusste, was ich tun solle, erhob ich meine Augen zum Himmel und sah Christum, nicht im Himmel, aber sehr hoch über mir in der Luft. Er streckte die Hand nach mir aus und nahm mich von dort aus so in seinen Schutz, dass ich die ganze Menge nicht mehr fürchtete; so konnten mir diese Leute, obschon sie es wollten, nicht schaden.

18. Dieses Gesicht könnte zwecklos erscheinen, aber es gereichte mir zum größten Nutzen, weil mir zu verstehen gegeben wurde, was es bedeute. Ich sah mich kurz darauf beinahe dem nämlichen Angriffe ausgesetzt und erkannte, dass dieses Gesicht ein Bild der Welt sei. Alles, was in der Welt ist, scheint bewaffnet, um auf die arme Seele loszustürmen. Ich will nicht von jenen Menschen reden, die sich um den Dienst Gottes nicht viel kümmern, wie auch nicht von den Ehren, Reichtümern, Lüsten und anderen ähnlichen Dingen; denn dass diese die Seele verstricken, ehe sie es sich versieht, oder sie wenigstens verstricken wollen, ist klar; ich rede hier von den Freunden, Verwandten und, was noch mehr zu verwundern ist, von sehr frommen Personen. In der Meinung, etwas Gutes zu tun, bedrängten mich diese nachher so sehr, dass ich nicht wusste, wie ich mich schützen oder was ich tun sollte.

19. O mein Gott, würde ich all die mannigfachen Leiden erzählen, die ich in jener Zeit, auch noch nach dem oben Gesagten, erduldet habe, wie lehrreich würde dies sein, um alles in der Welt vom Grunde aus zu verabscheuen! Die damals über mich hereingebrochene Verfolgung scheint mir die größte von allen gewesen zu sein, die ich zu erdulden hatte. Manchmal war ich von allen Seiten so bedrängt, dass ich nur in der Erhebung meiner Augen zum Himmel und in dem Ausrufe zu Gott Hilfe fand. Dabei war mir vollständig gegenwärtig, was ich in jenem Gesichte geschaut; und dies brachte mir den großen Gewinn, dass ich auf niemand mehr ein großes Vertrauen setze, weil niemand beständig ist als Gott. In diesen großen Prüfungen sandte mir der Herr immer jemand zu, der mir, wie er mir in jenem Gesicht gezeigt hatte, die Hand reichte. Und da ich keine weitere Sorge kannte, als dem Herrn zu gefallen, und mich auf nichts anderes stützte, so genügte dieser Beistand, um das bißchen Tugend zu erhalten, das in dem Verlangen bestand, dir zu dienen. Sei dafür gepriesen in Ewigkeit!

20. Einmal war ich so unruhig und verwirrt, dass ich mich gar nicht zu sammeln vermochte. Ich hatte zu kämpfen und zu streiten, weil ich meine Gedanken auf Dinge gerichtet sah, die nicht vollkommen waren, und weil ich, wie mir schien, von ihnen nicht so losgeschält war wie sonst. Es kam mir darum bei dem Anblicke eines so großen Elendes die Furcht, es möchten die Gnaden, die mir der Herr erwiesen, nur Täuschungen gewesen sein. Kurz, meine Seele befand sich damals in einer tiefen Finsternis. In dieser Betrübnis wandte sich der Herr an mich und sagte, ich sollte mich nicht betrüben. Aus dem Anblicke dieses Zustandes könnte ich auf das Elend schließen, in dem ich mich befände, wenn er sich mir entzöge; solange wir in diesem Fleische lebten, gäbe es für uns keine Sicherheit. Zugleich gab er mir zu verstehen, wie gut ein solcher Kampf und Streit angewendet sei, da ein so herrlicher Lohn ihm folge. Der Herr schien mir auch mit uns, die wir auf der Welt leben, Mitleid zu haben. Ich sollte, wie er sagte, ja nicht meinen, dass er mich vergessen habe, denn niemals werde er mich verlassen; doch müsste ich auch das Meinige tun. Diese Worte sprach der Herr mit solcher Liebe und Freundlichkeit, dass ich es gar nicht sagen kann; er fügte auch noch einige andere bei, wodurch er mir seine große Güte zeigte.

21. Oftmals spricht Seine Majestät, wobei sie mir ihre große Liebe offenbart, die Worte zu mir: »Du bist jetzt mein und ich bin dein.« Darauf pflege ich immer und, wie ich glaube, mit Wahrheit zu antworten: »Herr, was frage ich nach mir? Für mich bist nur du da.« Denke ich daran, wer ich bin, so finde ich mich durch solche Worte und Tröstungen des Herrn so beschämt, dass mir scheint, es gehöre mehr Mut dazu, diese Gnaden anzunehmen, als die schwersten Leiden zu ertragen; ich glaube dies schon erwähnt zu haben und sage es auch von Zeit zu Zeit meinem Beichtvater. In solchen Augenblicken vergesse ich fast ganz auf meine guten Werke, und es schwebt mir nur, ohne dass ich darüber nachdenke, mein Elend vor Augen. Auch diese Erkenntnis scheint mir manchmal etwas übernatürlich zu sein.

22. Zuweilen kommt mir ein so großes Verlangen nach der Kommunion, dass ich es gar nicht aussprechen kann. Dies war auch eines Morgens der Fall, als es so stark regnete, dass es schien, als wolle der Regen das Verlassen des Hauses unmöglich machen. Trotzdem wollte ich zur Kirche gehen; und kaum hatte ich das Haus verlassen, als ich auch schon von diesem Verlangen so außer mir war, dass ich, selbst wenn man mir Lanzen vorgehalten hätte, dennoch weitergegangen wäre; um so weniger ließ ich mich durch den Regen abhalten. Als ich in der Kirche angekommen war, überfiel mich eine tiefe Verzückung. Ich glaubte die Himmel selbst sich öffnen zu sehen, nicht bloß einen Eingang dazu wie sonst. Hier sah ich den Thron, der mir, wie ich Euer Gnaden schon gesagt habe, auch sonst schon öfter gezeigt worden war; über ihm befand sich ein anderer Thron, auf dem die Gottheit thronte; ich sah dies zwar nicht, erkannte es aber durch eine Mitteilung, die ich nie wiedergeben kann. Diesen Thron trugen, wie mir schien, einige lebende Wesen, von deren Bedeutung ich schon etwas gehört zu haben meine; ich dachte mir, ob es nicht die Evangelisten wären. Wie jedoch der Thron selbst beschaffen war, oder wer darauf saß, wurde mir nicht gezeigt; wohl aber sah ich eine sehr große Schar Engel. Diese kamen mir unvergleichlich schöner vor als die übrigen, die ich im Himmel gesehen habe. Ich dachte mir, es könnten Seraphim oder Cherubim sein, weil sie an Herrlichkeit (jene anderen Engel) weit übertrafen; denn sie schienen ganz zu flammen. Der Unterschied ist, wie gesagt, ein großer. Die Seligkeit, die ich damals in mir empfand, war unaussprechlich und unbeschreiblich; wer nichts Ähnliches selbst erfahren hat, kann sich gar keinen Begriff machen. Ich erkannte, dass hier alles vereinigt sei, was man verlangen kann; gesehen aber habe ich nichts. Es ward mir gesagt — durch wen, weiß ich nicht —, dass mein ganzes Können sich darauf erstrecke, zu erkennen, dass ich nichts zu erkennen vermöge, und einzusehen, dass alles im Vergleiche mit dem, was hier ist, nichts sei. Und fürwahr, meine Seele schämte sich darnach bei dem Gendanken, dass sie sich noch mit irgendeinem erschaffenen Dinge befassen und wohl gar auch Neigung dazu fassen könnte; denn die ganze Welt kam mir nur wie ein Ameisenhaufen vor.

23. Ich kommunizierte und blieb in der Messe, weiß aber nicht, wie ich ihr beiwohnen konnte. Ich glaubte, es wäre nur eine kurze Zeit verflossen; aber wie groß war meine Verwunderung, als ich die Uhr schlagen hörte und bemerkte, dass ich zwei Stunden lang in der Verzückung und Beseligung gewesen. Ich staunte darnach über das Feuer, das von oben aus der wahren Liebe Gottes in meine Seele gefallen zu sein schien; denn, wie ich schon öfters gesagt habe, so sehr ich auch nach einem solchen Liebesfeuer verlangen und bis zur Vernichtung meiner selbst mich darum bemühen mag, so kann ich doch nicht ein Fünklein davon erringen, wenn Seine Majestät es nicht geben will. Dieses Feuer scheint den alten Menschen mit all seinen Mängeln, all seiner Lauheit und seinem ganzen Elende zu verzehren. Wie der Vogel Phönix, von dem ich gelesen, dass er aus der Asche, zu der er sich verbrannt hat, verjüngt hervorgehe, so ist auch die Seele durch die Wirkung dieses Feuers eine andere geworden. Sie hat ganz andere Begierden und eine große Stärke; sie scheint nicht mehr zu sein, was sie zuvor gewesen, sondern fängt mit neuer Reinheit den Weg des Herrn zu wandeln an. Ich bat seine Majestät um diese Gnade, damit ich von neuem anfangen möchte, ihr zu dienen. Da sagte der Herr zu mir: »Du hast einen guten Vergleich gemacht; habe acht, dass du ihn nicht vergissest und dich bemühest, immer besser zu werden!«

24. Als ich einmal von demselben oben erwähnten Zweifel gequält wurde, ob nämlich diese Visionen von Gott seien, erschien mir der Herr und sprach mit Ernst zu mir: »O ihr Menschenkinder, wie lange werdet ihr harten Herzens sein?« Er fügte bei, ich solle mich nur über eines genau prüfen, ob ich mich ihm ganze zu eigen gegeben habe oder nicht; würde ich mich ihm ganz hingegeben haben, so sollte ich glauben, dass er mich nicht werde zugrunde gehen lassen. Über diese ernste Anrede betrübte ich mich sehr. Da sagte er mit großer Zärtlichkeit und Freundlichkeit wider zu mir, ich möchte mich nicht betrüben; er wisse wohl, dass ich meinerseits nicht unterlassen werde, alles zu tun, was seinen Dienst betreffe; dafür werde auch alles geschehen, was ich begehre. Und wirklich geschah, um was ich ihn damals bat. Ferner sagte er, ich möchte darauf achtgeben, wie es mit meinem täglichen Fortschritt in der Liebe zu ihm stehe; aus diesem Fortschritt könnte ich erkennen, dass diese Visionen nicht vom Teufel seien; denn ich dürfte nicht glauben, Gott werde zulassen, dass jener so tief Anteil an den Seelen seiner Diener habe, und dass er mir eine solche Erkenntnis und eine solche Ruhe verleihen könne, wie ich sie besitze. Er gab mir auch zu verstehen, dass ich übel tun würde, wenn ich nicht glaubte, dass meine Visionen von Gott seien, nachdem doch so viele und so ausgezeichnete Personen mich dessen versichert hätten.

25. Als ich einmal den Psalm: Quicumque vult rezitierte, ward mir die Art und Weise, wie nur ein Gott und drei Personen sind, so klar zu verstehen gegeben, dass ich mich darüber verwunderte und großen Trost empfand. Dies war mir zur vollkommeneren Erkenntnis Gottes und seiner Wunder sehr förderlich; und so oft ich an die allerheiligste Dreifaltigkeit denke, oder so oft von ihr die Rede ist, meine ich zu verstehen, wie diese Geheimnis möglich ist; und dies bereitet große Freude.

26. An einem Feste der Aufnahme der Königin der Engel, Unserer Lieben Frau, in den Himmel wollte mir der Herr die Gnade erweisen, dass mir in einer Verzückung diese ihre Aufnahme und die Freude und das Siegesgepränge, womit sie empfangen wurde, sowie die Stätte, an der sie ist, gezeigt wurde. Ich kann dies aber nicht näher beschreiben. Die Seligkeit, die mein Geist aus dem Anschauen einer solchen Glorie empfand, war überaus groß, und die Wirkungen dieser Vision waren außerordentlich. Ihr Nutzen war ein glühendes Verlangen nach großen Leiden und der heiße Wunsch, Unserer Lieben Frau zu dienen, die es verdient hatte, zu einer so großen Glorie erhoben zu werden.

27. Zweimal sah ich in der Kirche eines Kollegiums der Gesellschaft Jesu, als die Brüder kommunizierten, über ihren Häuptern einen sehr kostbaren Baldachin; als aber andere Personen kommunizierten, sah ich diesen nicht mehr.

Vierzigstes Hauptstück

Andere große Gnaden, die der Herr ihr erwies. Aus einigen von ihnen kann man eine sehr heilsame Lehre entnehmen. Es war, wie sie schon erwähnte, nächst dem Gehorsam ihre Hauptabsicht, solche Gnaden mitzuteilen, die zum Nutzen der Seelen dienen. Mit diesem Hauptstück schließt die Beschreibung ihres Lebens. Möge diese zur Ehre des Herrn gereichen! Amen.

1. Einmal empfand ich im Gebete eine solche Wonne, dass ich mich ihrer für unwürdig hielt und darüber nachdachte, wie weit mehr ich verdiente, an jener Stätte zu sein, die ich in der Hölle für mich zubereitet gesehen; denn ich vergesse, wie schon gesagt, niemals, in welcher Lage ich mich dort geschaut. Durch diese Betrachtung ward meine Seele noch mehr entflammt, und mein Geist ward in einer Weise entrückt, dass ich es nicht aussprechen kann. Mir schien es, ich sei in seine Majestät, deren Gegenwart ich sonst nur erkannt hatte, versenkt und von ihr erfüllt. In dieser Majestät wurde mir eine Wahrheit zu verstehen gegeben, die der Inbegriff aller Wahrheiten ist; aber ich kann nicht sagen, wie dieser zuging, weil ich nichts gesehen habe. Ich vernahm die folgenden Worte ohne zu sehen, wer sprach, aber ich erkannte, dass er die Wahrheit selber sei: »Was ich für dich tue, ist nichts Geringes, sondern es in eine der Gnaden, derentwegen du mir sehr verpflichtet bist; denn aller Schaben für die Welt kommt daher, dass man die Wahrheiten der Schrift nicht vollkommen erkennt; aber es wird auch nicht ein Pünktlein davon unerfüllt bleiben.« Ich meinte, ich hätte das immer geglaubt, und es würden dies auch alle Gläubigen glauben. Darauf sprach er zu mir: »O Tochter, wie wenige lieben mich in Wahrheit! Wenn sie mich liebten, so würde ich ihnen meine Geheimnisse nicht verbergen. Weißt du, was es heißt, mich in Wahrheit lieben? Es heißt erkennen, dass alles, was mir nicht wohlgefällt, Lüge ist. Was du jetzt nicht verstehst, wirst du klar aus dem Nutzen einsehen, den diese Worte deiner Seele bringen.«

2. Und dies habe ich auch erfahren, der Herr sei dafür gepriesen! Denn seitdem erscheint mir alles, was sich, soviel ich sehe, nicht auf den Dienst Gottes bezieht, so eitel und lügenhaft, dass ich mich unmöglich ausdrücken kann, wie ich es erkenne; ich vermag auch nicht zu sagen, welches Mitleid mir jene einflößen, die ich bezüglich dieser Wahrheit im Finsteren erblicke. Noch andere Vorteile haben mir diese Worte gebracht; viele davon weiß ich nicht wiederzugeben, einige aber werde ich hier mitteilen. Der Herr sprach damals zu mir noch ein besonderes Wort voll unaussprechlicher Güte. Wie dies geschah, weiß ich wieder nicht, weil ich, wie gesagt, nichts sah; aber ich fühlte mich so außerordentlich gestärkt, die göttliche Schrift bis aufs kleinste in aller Wahrheit aus allen meinen Kräften zu erfüllen, dass ich es gar nicht zu sagen vermag. Ich glaube nicht, dass sich mir hierin eine Schwierigkeit entgegenstellen könnte, die ich nicht überwände.

3. Von dieser göttlichen Wahrheit, die sich mir, ohne dass ich das Wie oder Was erkannte, darstellte, blieb mir eine Wahrheit eingeprägt, die eine neue Ehrfurcht gegen Gott in mir erweckte; denn sie verschaffte mir auf unaussprechliche Weise eine Erkenntnis der Majestät und Macht Gottes, von der ich nur begreifen kann, dass sie etwas Großes ist. Auch blieb in mir ein besonderes Verlangen, von nichts, als nur von ganz wahren Dingen zu reden, die weit erhaben sind über das, wovon man in der Welt redet, und es ward mir deshalb das Leben in ihr zur Pein. Andere Wirkungen waren eine große Rührung der Seele, Geistesfreude und Demut. Ohne dass ich weiß, wie es geschehen, scheint mir der Herr hier vieles gegeben zu haben. Ich hatte auch keinen Verdacht einer Täuschung. Zwar sah ich nichts; aber ich ernannte doch das große Gut, das in der Nichtachtung alles dessen liegt, was uns Gott nicht näher zu bringen vermag; und so begriff ich auch, was es sei, wenn eine Seele in Wahrheit vor der Wahrheit selbst wandelt. Was ich hier erkannte, hat mir der Herr, der die Wahrheit selbst ist, zu verstehen gegeben.

4. All das wurde mir teils durch die Worte des Herrn, teils durch Mitteilungen ohne Worte, von denen einige noch klarer waren als Worte, enthüllt. In dieser (göttlichen) Wahrheit habe ich sehr wichtige Wahrheiten erkannt, und zwar weit besser, als wenn mich viele Gelehrte unterwiesen hätten; denn ich glaube nicht, dass sie mir diese Wahrheiten jemals so tief hätten einprägen, noch mich so klar über die Eitelkeit der Welt hätten belehren können. Die Wahrheit, von der ich sagte, dass sie mir zu verstehen gegeben wurde, ist die Wahrheit in sich selbst. Sie ist ohne Anfang und ohne Ende, und alle sonstigen Wahrheiten entquellen dieser Wahrheit, wie alle Liebe dieser Liebe und alle Herrlichkeiten dieser Herrlichkeit entquellen. Dies alles ist indessen dunkel gesprochen, im Vergleich mit der Klarheit, mit der es mir der Herr zu verstehen geben wollte. O wie groß erscheint hier die Macht dieser Majestät, da in so kurzer Zeit die Seele so Großes gewinnt und ihr so erhabene Dinge eingeprägt werden! O du meine Größe und Majestät! Was tust du doch, mein Herr, du Allmächtiger? Bedenke doch, wem du so erhabene Gnaden mitteilst? Erinnerst du dich denn nicht mehr daran, dass diese Seele ein Abgrund von Lügen und ein Meer von Eitelkeiten gewesen ist, und dies alles durch ihre Schuld? Denn obschon du mir einen natürlichen Abscheu vor der Lüge gegeben hast, so habe ich doch mich selbst in vielen Stücken zur Lügnerin gemacht. Wie eignet sich also, o mein Gott, eine so große Gunst und Gnade für eine, die es so schlecht um dich verdient hat, und wie kann sie diese ertragen?

5. Einmal, als ich mit den übrigen Schwestern die Horen betete, geschah es, dass meine Seele plötzlich in eine Sammlung versetzt wurde, in der sie mir wie ein klarer Spiegel erschien. An ihm war weder rückwärts, noch an den Seiten, noch oben, noch unten etwas, was nicht ganz klar gewesen wäre; in der Mitte aber zeigte sich mir Christus, unser Herr, in der Weise, wie ich ihn gewöhnlich schaue. Auf allen Seiten meiner Seele glaubte ich ihn klar, wie in einem Spiegel, zu sehen, und dieser Spiegel war — ich weiß nicht wie — durch eine sehr innige Liebesvereinigung, die ich nicht erklären konnte, ganz in den Herrn selbst versenkt. Ich weiß, dass mir diese Vision sehr förderlich war, so oft ich mich ihrer erinnerte, vorzüglich nach der Kommunion. Es ward mir auch zu verstehen gegeben, dass dieser Spiegel, wenn die Seele in einer Todsünde sich befindet, wie mit einem dicken Nebel überzogen und ganz schwarz ist, so dass der Herr darin sich weder darstellen noch gesehen werden kann, wiewohl er uns, indem er uns das Sein gibt, immer gegenwärtig ist. In den Ketzern aber ist der Spiegel wie zerbrochen; und dies ist weit ärger, als wenn er nur verdunkelt ist. Es ist etwas ganz anderes, diese Dinge zu schauen, als sie zu beschreiben; denn sie lassen sich sehr schwer erklären. Mir aber hat dieser Anblick großen Nutzen gebracht, doch auch vieles Leid verursacht, weil ich so oft durch meine Sünden meine Seele verdunkelt habe, so dass ich den Herrn nicht darin sehen konnte.

6. Diese Vision dient meines Erachtens Personen, die sich der inneren Sammlung befleißen, zur Belehrung, den Herrn ganz im inneren ihrer Seele zu betrachten. Diese Vorstellung prägt sich tiefer ein und ist, wie schon gesagt, weit fruchtbringender, als wenn man den Herrn außer sich betrachtet. Auch in einigen vom Gebete handelnden Büchern wird geschrieben, wo man Gott suchen solle; und da ist es insbesondere der glorreiche heilige Augustin, der schreibt, dass er Gott weder auf den öffentlichen Plätzen, noch in den Vergnügungen, noch auch sonst, wo er ihn gesucht, so gefunden habe wie in seinem Inneren. Diese Art ist ganz offenbar die beste. Wir brauchen also nicht in den Himmel hinaufzusteigen, noch aus uns selbst hinauszugehen; denn dies wäre Ermüdung des Geistes und Zerstreuung der Seele und brächte weniger Nutzen.

7. Hier möchte ich etwas erwähnen für den Fall, dass jemand in große Verzückung geriete. Ist nämlich die Zeit vorüber, in der die Seele in einer Weise mit Gott vereinigt ist, dass alle ihre Kräfte ganz aufgehoben sind — und dies dauert, wie gesagt nur kurze Zeit —, so bleibt die Seele noch gesammelt und kann sogar auch äußerlich nicht (sogleich) wieder zu sich kommen, sondern die beiden Kräfte, das Gedächtnis und der Verstand, bleiben (eine Zeitlang) wie von Irrsinn ganz betört. Dies, sage ich, geschieht zuweilen, besonders im Anfang. Nach meiner Meinung kann es daher kommen, weil unsere schwache Natur eine so starke Gewalt des Geistes nicht zu ertragen vermag und die Einbildungskraft dadurch geschwächt wird. Ich weiß, dass dies einigen Personen widerfährt. Solchen möchte ich raten, mit Gewalt das innerliche Gebet zu unterbrechen, um es zu einer anderen Zeit wieder aufzunehmen, weil es ihnen sonst sehr schaden könnte. Die Erfahrung bestätigt es und zeigt uns, wie ratsam es ist, darauf zu sehen, was unsere Gesundheit ertragen kann.

8. Die Seele, die zu dieser Stufe gelangt ist, bedarf überhaupt der Erfahrung und eines Führers. Letzterer ist ihr darum sehr notwendig, weil ihr vieles begegnet, worüber sie sich mit jemand beraten muss. Hat sie nach einem Führer gesucht und keinen gefunden, so wird doch der Herr sie nicht verlassen, wie er auch mich, trotzdem ich so böse bin, nicht verlassen hat; denn ich glaube, dass es nur wenige gibt, die in so hohen Dingen Erfahrung haben; wo aber diese fehlt, da dient alle Hilfeleistung (von seiten des geistlichen Führers) nur dazu, die Seele zu ängstigen und zu quälen. Doch auch dies wird ihr der Herr anrechnen; und deshalb ist es immer besser, sich über dergleichen Dinge mit dem Beichtvater zu besprechen, wenn er nur (sonst) die gehörigen Eigenschaften hat. Ich glaube, darüber sowie über alles hier Gesagte schon gesprochen zu haben, obwohl ich mich nicht mehr genau daran erinnere. Besonders für weibliche Personen ist die Besprechung mit dem Beichtvater eine Sache von großer Wichtigkeit. Denn diesen pflegt Gott häufiger solche Gnaden mitzuteilen als den Männern. Dies habe ich von dem heiligen Bruder Petrus de Alcantara gehört und selbst schon wahrgenommen. Jener sagte, dass weibliche Personen auf dem Wege des Gebetes weiter kommen als männliche; und er führte vortreffliche Gründe dafür an, die ich aber hier nicht zu sagen brauche; sie sprechen alle zugunsten der Frauen.

9. Einmal wurde mir beim Gebete in einer ganz schnell vorübergehenden Vorstellung, doch nicht in einer bestimmten Form, mit aller Klarheit gezeigt, wie Gott alle Dinge in sich begreift, und wie sie alle in ihm geschaut werden. Ich weiß nicht, wie ich diese Vorstellung beschreiben könnte; sie blieb aber meiner Seele tief eingeprägt. Sie ist eine der größten Gnaden, die mir der Herr erwiesen hat, und eine von denen, die mich bei der Erinnerung an meine Sünden am meisten beschämt und zuschanden gemacht haben. Ich glaube gewiss, dass, wenn der Herr mich dies früher hätte schauen lassen, oder wenn andere, die ihn beleidigen, dies sehen würden, weder ich noch sie den Mut und die Keckheit gehabt hätten, zu sündigen. Es schien mir zwar, als hätte ich, wie gesagt, nichts gesehen; ob dies aber auch wirklich so gewesen, kann ich nicht geradezu behaupten. Denn etwas muss ich doch wohl gesehen haben, weil ich sonst das, was mir gezeigt wurde, nicht mit einem Gleichnisse, dessen ich mich bedienen will, erklären könnte; nur wird dieses eben auf eine so feine und zarte Weise geschehen sein, dass der Verstand es nicht erfasste. Es mag auch sein, dass ich mich in den Visionen, die mir nicht als einbildliche vorkommen, nicht auskenne. Bei einigen von ihnen muss man doch etwas sehen; weil aber die Seelenkräfte in Verzückung sind, so können sie nachher das, was sie gesehen, nicht mehr so vorstellen, wie der Herr es ihnen gezeigt hat, und wie sie sich dessen nach seinem Willen erfreuten.

10. Sagen wir also, die Gottheit sei wie ein ganz heller Diamant, weit größer als die ganze Welt, oder sie sei ein Spiegel, wie ich in der vorerwähnten Vision von der Seele gesagt habe, nur dass sie dies in einer so erhabenen Weise ist, dass ich es unmöglich schildern kann. Alles, was wir tun, wird in diesem Diamant gesehen; denn weil es nichts gibt, was außer seiner Größe sich befände, schließt er alles in sich ein. Wie erstaunt war ich nicht, in diesem hellen Diamante in so kurzer Zeit so viele Dinge zugleich zu erblicken; aber auch wie traurig ist es für mich, so oft ich daran denke, in dieser lauteren Klarheit solch abscheuliche Handlungen gesehen zu haben, wie meine Sünden es waren. Ja wahrhaftig, so oft ich mich daran erinnere, weiß ich nicht, wie ich es ertragen kann; und darum war ich auch damals so beschämt, da ich nicht wusste, wo ich mich verbergen sollte. O könnte ich doch diese Wahrheit denen begreiflich machen, die sich mit den unzüchtigsten, abscheulichsten Sünden besudeln, damit sie sich erinnerten, dass sie nicht im Verborgenen geschehen; ja könnte ich ihnen begreiflich machen, welch gerechten Abscheu Gott vor solchen Sünden hat, da sie in so unmittelbarer Gegenwart seiner Majestät begangen werden und wir uns so unehrerbietig vor ihm betragen! Ich sah, wie billig die Hölle durch eine einzige Todsünde verdient wird; denn man kann es gar nicht fassen, wie überaus strafwürdig es ist, sie vor einer so großen Majestät zu begehen, und wie sehr dergleichen Dinge dem göttlichen Wesen widerstreben. Daraus erkennt man auch am besten die Barmherzigkeit Gottes, da er uns, die wir alles dieses wissen, doch erträgt.

11. Der Eindruck, den diese göttliche Offenbarung in mir zurückließ, führte mich auch auf folgende Betrachtung: wenn so etwas der Seele jetzt schon so entsetzlich vorkommt, wie wird es erst am Tage des Gerichtes sein, wenn diese Majestät sich uns im hellen Lichte zeigen wird, und wir unsere begangenen Sünden sehen werden? Ach, mein Gott, in welcher Blindheit war ich doch gesteckt! Schon oft habe ich mich entsetzt über das, was ich hier geschrieben. Euer Gnaden werden sich darüber wundern, wie ich noch leben kann, indem ich diese Dinge schaue und zugleich betrachte. Der Herr, der mich so lange geduldet hat, sei in Ewigkeit gepriesen!

12. Als ich einmal in großer Sammlung, Wonne und Ruhe dem innerlichen Gebete oblag, kam es mir vor, ich sei von Engeln umgeben und ganz nahe bei Gott. Da fing ich an, Seine Majestät für die Kirche zu bitten. Nun ward mir zu verstehen gegeben, welch großen Nutzen ein gewisser Orden in den letzten Zeiten geschaffen und wie kräftig dessen Glieder den Glauben verteidigen würden.

13. Einmal, als ich vor dem allerheiligsten Sakramente mündlich betete, erschien mir ein Heiliger, dessen Orden etwas in Verfall geraten war. Dieser hatte in den Händen ein großes Buch; er öffnete es und sagte zu mir, ich sollte die folgenden Worte, die mit großen und sehr deutlichen Buchstaben geschrieben waren, lesen. Sie lauteten also: »In künftigen Zeiten wird dieser Orden blühen und viele Martyrer haben.«

14. Ein anderes Mal, als ich im Chore der Messe beiwohnte, sah ich vor mir sechs oder sieben Ordensleute, die aus demselben Orden zu sein schienen und Schwerter in den Händen hielten. Ich denke, damit war angedeutet, dass sie den Glauben verteidigen würden. Denn ein anderes Mal, als im Gebete mein Geist verzückt wurde, glaubte ich mich auf einem Felde zu befinden, wo viele miteinander kämpften, und unter diesen sah ich auch jene Ordensleute mit großem Eifer streiten. Ihr Anblick war schön und ganz entflammt. Sie überwanden viele und schlugen sie zu Boden; andere töteten sie. Das Ganze schien mir ein Kampf gegen die Ketzer zu sein.

15. Den erwähnten glorreichen Heiligen sah ich öfter. Er teilte mir noch manches mit, dankte mir, dass ich für seinen Orden bete, und versprach mir, mich dem Herrn zu empfehlen. Ich nenne die Orden nicht, damit andere nicht gekränkt werden; wenn es dem Herrn gefällt, wird er sie schon bekannt zu geben wissen. Aber ein jeder Orden, oder vielmehr ein jedes Ordensglied sollte sich befleißen, dass der Herr durch seine Mitwirkung seinem Orden das hohe Glück verleihe, ihm in der so großen Not, in der sich die Kirche gegenwärtig befindet, dienen zu können. Selig ein Leben, das in diesem Dienste endet!

16. Jemand ersuchte mich, ich möchte Gott bitten, dass er ihn erkennen lassen wolle, ob er ihm damit diene, wenn er ein Bistum annehme. Da sagte der Herr nach der Kommunion zu mir, er könne es annehmen, wenn er in aller Wahrheit und Klarheit einsehe, dass die wahre Herrschaft darin bestehe, nichts zu besitzen. Damit gab mir der Herr zu verstehen, dass jene, die zu geistlichen Würden befördert werden sollen, von der Begierde und allem Verlangen darnach ganz frei sein müssen oder doch wenigstens sich nicht darum bewerben dürfen.

17. Diese und viele andere Gnaden hat der Herr dieser Sünderin erwiesen und erweist sie ihr sehr häufig auch jetzt noch. Ich brauche sie nicht alle anzuführen; denn aus dem Gesagten kann man meine Seele und den Geist, den mir der Herr verliehen, zur Genüge erkennen. Er, der so viele Sorge für mich getragen, sei in Ewigkeit gepriesen!

18. Einmal sprach der Herr, indem er mich tröstete, voll Liebe zu mir, ich sollte mich nicht betrüben; denn in diesem Leben könnten wir nicht immer in demselben Zustande verbleiben. Bald würde ich von Eifer entflammt, bald ohne Eifer sein; bald würde ich von Unruhen gequält und von Versuchungen bestürmt werden, bald in Ruhe mich befinden. Ich sollte aber auf ihn hoffen und keine Furcht haben.

19. Eines Tages beunruhigte mich der Gedanke, ob es nicht unordentliche Anhänglichkeit sei, so gern mit jenen zu verkehren, mit denen ich mich in Angelegenheiten meiner Seele berate, und ihnen, sowie denen, die ich als große Diener Gottes erkenne und deren Umgang mir Trost gewährt, in Liebe zugetan zu sein. Da sprach der Herr zu mir: Wenn ein Kranker in Todesgefahr liegt und meint, ein Arzt verschaffe ihm die Gesundheit wieder, so wäre es keine Tugend, dies nicht dankbar anzuerkennen und den Arzt nicht zu lieben. Wie es mir wohl ohne die Hilfe dieser Männer ergangen wäre? Der Umgang mit Guten schade nicht, jedoch sollten meine Worte allzeit überlegt und heilig sein. Ich müsste also diesen Verkehr nicht aufgeben, er werde mir vielmehr nützen als schaden. Dadurch ward ich sehr getröstet; denn weil es mir als ungeordnete Neigung vorkam, wollte ich schon einigemal gar nicht mehr mit diesen Männern verkehren. So hat der Herr mir immer in allen Angelegenheiten Rat erteilt; ja er hat mich sogar belehrt, wie ich gegen Schwache und sonst gegen einige andere Personen mich verhalten sollte. Nie ist er unbesorgt um mich.

20. Manchmal betrübe ich mich, wenn ich sehe, wie unnütz ich im Dienste des Herrn bin, und dass ich notgedrungen auf die Pflege meines so schwachen und elenden Leibes mehr Zeit verwenden muss, als mir lieb ist. Ich will da einen ganz besonderen Fall erwähnen. Eines Abends war ich im Gebete, und es kam die Stunde zum Schlafengehen; ich war voll Schmerzen und erwartete mein gewöhnliches Erbrechen. Als ich mich so sehr an mich gefesselt sah und andrerseits der Geist eine Zeit für sich verlangte, ward ich so betrübt, dass ich bitterlich zu weinen und in Klagen auszubrechen anfing. Dies war indessen nicht das einige Mal, sondern es kommt, wie ich schon gesagt habe, oft vor. Ich meine da verdrießlich über mich selbst zu sein, so dass ich mich förmlich verabscheue. Für gewöhnlich habe ich diesen Abscheu nicht, sondern sehe auf mich selbst und lasse es mir an dem, was ich als notwendig erkenne, nicht mangeln. Der Herr gebe nur, dass ich oft nicht mehr tue, als notwendig ist! Diesmal nun, als ich mich so betrübt sah, spendete der Herr mir großen Trost. Er erschien mir und sagte zu mir, ich sollte dies alles aus Liebe zu ihm tun und leiden, denn mein Leben sei für jetzt noch notwendig. Und so meine ich denn keine Betrübnis mehr empfunden zu haben, seitdem ich mich entschlossen habe, diesem meinem Herrn und Tröster mit allen meinen Kräften zu dienen. Wenn er mich auch ein wenig leiden ließ, so tröstet er mich doch wieder in einer Weise, dass ich leicht wieder nach Leiden verlangen konnte. Darum scheint es mir auch jetzt, als lebte ich nur um zu leiden; und dies ist es, um was ich Gott am liebsten bitte. Manchmal sage ich zu ihm aus ganzem Herzen: »Herr, entweder sterben aber leiden! Um nichts anderes bitte ich dich für mich.« Höre ich die Uhr schlagen, so ist mir dies ein Trost; denn ich denke, ich sei nun der Anschauung Gottes um etwas näher gekommen, weil wieder eine Stunde des Lebens vorübergegangen. Zu anderen Zeiten dagegen bin ich wieder in einem Zustande, dass ich mich weder betrübe zu leben, noch auch ein Verlangen zu sterben in mir zu haben glaube. Ich befinde mich da in einer gewissen Trägheit und Verfinsterung, die von großen Leiden herrührt und, wie ich schon gesagt habe, oft bei mir vorkommt.

21. Der Herr wollte, dass die mir von Seiner Majestät verliehenen Gnaden öffentlich bekannt werden sollten. Er hatte mir dies schon mehrere Jahre vorher zu meinem großen Leid vorausgesagt; ich habe dadurch in der Tat bis auf den heutigen Tag, wie euer Gnaden wissen, nicht wenig ausgestanden, weil ein jeder diese Gnadenerweisungen nach seinem Sinne auslegt. Es war mir aber ein Trost, dass sie nicht durch meine Schuld offenbar wurden; denn ich habe mich mit großer Sorgfalt aufs äußerste gehütet, mit jemand darüber zu sprechen, außer mit meinen Beichtvätern und mit Personen, von denen ich wusste, dass sie es von ihnen vernommen hatten. Der Grund, warum ich mit sonst niemand davon sprach, war aber nicht Demut, sondern weil es mich, wie gesagt, schwer ankam, selbst mit den Beichtvätern darüber zu reden. Jetzt mache ich mir, Gott sei Dank, sehr wenig mehr daraus, wenn manche auf gutem Eifer scharfen Tadel über mich aussprechen, andere mit mir zu verkehren und sogar mich Beicht zu hören sich fürchten, und wieder andere viele Dinge mir nachreden. Denn ich sehe ein, dass der Herr durch das Bekanntwerden seiner mir gespendeten Gnaden vielen Seelen helfen wollte; es ist mir dies ganz klar geworden. Auch bedenke ich, wie vieles der Herr selbst nur für eine einzige Seele leiden würde. Ich weiß nicht, ob zu dieser Gemütsruhe nicht auch der Umstand beiträgt, dass seine Majestät mich in dieses so abgelegene Winkelchen gesetzt hat. „Ich dachte mir schon, ich würde hier wie ein Toter ganz und gar vergessen sein; aber es ist mein Wunsch doch nicht so ganz erfüllt worden, denn noch immer bin ich genötigt, mit einigen Personen zu reden. Da ich jedoch an einem Orte bin, wo man mich nicht sehen kann, so glaube ich, dass mich der Herr in einen Hafen hat führen wollen, wo ich, wie ich zu Seiner Majestät hoffe, sicher bin. Fern von der Welt und in einer kleinen und heiligen Genossenschaft schaue ich gleichsam von der Höhe herab und achte sehr wenig, was man über mich sagt oder erfährt. Mehr als alles, was man über mich sagen kann, würde ich es achten, wenn durch mich auch nur eine einzige Seele ein wenig gefördert würde; darauf zielen, seitdem ich in diesem Hause bin, durch die Gnade des Herrn alle meine Wünsche. Mein Leben ist eine Art Traum geworden; und ich glaube fast immer alles, was mir in die Augen fällt, wie im Traum zu sehen. Ich bemerke weder Freude noch besonderes Leid in mir. Bringt aber ein Ereignis den einen oder anderen dieser Eindrücke in mir hervor, so vergeht er so schnell wieder, dass ich mich darüber verwundere; und ich empfinde nicht mehr davon, als wie wenn ich geträumt hätte. Das ist volle Wahrheit; wollte ich auch wegen einer Freude fröhlich oder wegen eines Leidens traurig sein, so wäre dies ebensowenig in meiner Gewalt, als ein vernünftiger Mensch Freude oder Leid über einen gehabten Traum empfinden könnte. Denn der Herr hat jetzt meine Seele von all dem losgeschält, was früher aus Mangel an Abtötung und Erstorbensein für die Dinge dieser Welt mein Gemüt bewegte, und er will nicht, dass sie wieder in die Verblendung zurückkehre.

22. Auf diese Weise lebe ich jetzt, mein Herr und Vater! Bitten sie Gott, dass er mich entweder zu sich nehme oder mir verleihe, dass ich ihm diene. Möge es seiner Majestät gefallen, dass das, was ich hier geschrieben habe, Ihnen zu einigem Nutzen gereiche! Zwar hat mich das Schreiben wegen Mangel an Zeit Mühe gekostet; glückselig aber wäre diese Mühe, sollte es mir gelungen sein, etwas zu sagen, weswegen der Herr auch nur ein einziges Mal gepriesen würde; ich hielte mich dann für belohnt genug, selbst wenn Sie diese Schrift gleich verbrennen würden. Doch wünschte ich, dass sie zuvor von den drei Ihnen bekannten Männern gelesen werde; denn sie sind oder waren meine Beichtväter. Habe ich nichts Gutes geschrieben, so ist es recht, wenn sie die gute Meinung, die sie von mir haben, aufgeben; habe ich aber Gutes geschrieben, so bin ich überzeugt, dass sie als fromme und gelehrte Männer erkennen werden, woher es kommt, um den zu preisen, der durch mich gesprochen hat. Seine Majestät wolle Euer Gnaden immer an der Hand halten und sie zu einem so großen Heiligen machen, dass sie mit ihrem Geiste und Lichte diese elende, so wenig demütige und so dreiste Kreatur, die es wagte, sich zum Schreiben so erhabener Dinge zu entschließen, erleuchten können! Der Herr gebe, dass ich dabei nichts Irriges vorgebracht habe! Meine Absicht und mein Verlangen war es wenigstens, alles recht zu sagen, dem Gehorsame zu genügen und dazu beizutragen, dass der Herr in etwa gepriesen werde. Um letzteres habe ich ihn schon seit vielen Jahren gebeten; und weil mir hiezu die Werke fehlten, darum habe ich mich erkühnt, dieses mein unordentliches Leben zu beschreiben. Dazu habe ich nicht mehr Zeit und Fleiß angewendet, als gerade notwendig war, um es niederzuschreiben; doch habe ich das, was mit mir vorgegangen ist, mit aller mir möglichen Aufrichtigkeit und Wahrheit dargelegt. Dem Herrn, der da mächtig ist, und der, wenn er will, auch kann, möge es gefallen, dass ich in allem seinen Willen recht zu erfüllen wisse; er wolle nicht zulassen, dass diese Seele, die Seine Majestät durch so viele Mittel und auf mannigfache Weise so oft von der Hölle gerettet und an sich gesogen hat, verloren gehe! Amen.

J. H. S.

Der Heilige Geist sei immer mit Euer Gnaden!

Es wäre nicht unrecht, wenn ich schildern würde, was mich der Ihnen geleistete Dienst gekostet hat, um Sie zu verpflichten, mich recht eifrig unserem Herrn zu empfehlen; denn nachdem ich so viel ausgestanden, mich so beschrieben zu sehen und meine so großen Armseligkeiten mir wieder ins Gedächtnis zurückzurufen, hätte ich das Recht dazu. Dennoch kann ich in Wahrheit sagen, dass mir die Beschreibung der mir vom Herrn erwiesenen Gnaden schwerer gefallen ist als die Mitteilung der Beleidigungen, die ich seiner Majestät zugefügt habe. Was Euer Gnaden mir befohlen, nämlich recht ausführlich zu sein, habe ich unter der Bedingung getan, dass Sie Ihr Versprechen halten und zerreißen werden, was Ihnen unrichtig erscheint. Ich hatte das Geschriebene noch nicht ganz durchgelesen, als Sie es schon abholen ließen. Es mag darum sein, dass manches vorkommt, was schlecht erklärt, anderes, was wiederholt gesagt ist; denn mir blieb immer so wenig Zeit, dass ich das, was ich schrieb, nicht mehr überlesen konnte. Deshalb bitte ich Euer Gnaden, Sie möchten verbessern, was zu verbessern ist, und das Ganze abschreiben lassen, wenn es dem Pater Magister Ávila zugeschickt werden soll, weil sonst jemand meine Schrift erkennen könnte. Ich wünschte sehr, dass der Genannte es zu lesen bekomme, denn mit dieser Absicht habe ich zu schreiben begonnen. Ist derselbe der Ansicht, dass ich auf gutem Wege wandle, so wird mir dies zu großem Troste gereichen. Mir selbst bleibt nichts mehr zu tun übrig. Mögen Euer Gnaden mit allem tun, wie sie es für gut finden; aber bedenken Sie auch, dass Sie jener, die Ihnen ihre Seele so anvertraut, verbunden sind. Ich meinerseits werde Ihre Seele mein ganzes Leben lang unserem Herrn empfehlen. Wollen Sie deshalb, um mir eine Gnade zu erzeigen, nicht zögern, der göttlichen Majestät zu dienen; denn aus dem, was hier geschrieben ist, werden Sie ersehen, wie gut die Mühe angewendet ist, wenn man, wie Sie schon angefangen haben, sich ganz dem hingibt, der sich ohne Maß uns schenkt. Er sei gebenedeit in Ewigkeit! Ich hoffe zu seiner Barmherzigkeit, dass wir einander dort sehen werden, wo Sie und ich die großen Erbarmungen, die er uns erwiesen hat, klarer erkennen und ihn in Ewigkeit lobpreisen werden. Amen.

Dieses Buch wurde vollendet im Juni 1562.

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