Ritibus in sacris

Aus Kathpedia
Wechseln zu: Navigation, Suche
Gründonnerstagsschreiben
Ritibus in sacris

von Papst
Johannes Paul II.
an alle Priester der Kirche
31. März 1979

(Offizieller lateinischer Text AAS 77 [1985] 728-740)

(Quelle: Herausgeber: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 62)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Ein Priester
Liebe Brüder im Priesteramt !

1. In der Liturgie des Gründonnerstags verbinden wir uns in besonderer Weise mit Christus, der ewigen und fortwährenden Quelle unseres Priestertums in der Kirche. Er allein ist der Priester seines eigenen Opfers, wie er auch die einzigartige Opfergabe (hostia) seines Priestertums beim Opfer auf Golgota ist.

Beim letzten Abendmahl hat er der Kirche dieses sein Opfer - das Opfer des Neuen und Ewigen Bundes - als Eucharistia hinterlassen: als Sakrament seines Leibes und Blutes unter den Gestalten von Brot und Wein "nach der Ordnung Melchisedeks".

Wenn Christus den Aposteln sagt: Tut dies zu meinem Gedächtnis!", setzt er damit die Verwalter dieses Sakramentes in der Kirche ein, wo das von ihm zur Erlösung der Welt dargebrachte Opfer für alle Zeiten fortgeführt, erneuert und gegenwärtig gesetzt werden soll; zugleich beauftragt er diese, in der Kraft ihres sakramentalen Priestertums an seiner Statt, " in persona Christi ", dabei zu handeln.

An alldem, liebe Mitbrüder, erhalten wir in der Kirche Anteil durch die apostolische Nachfolge. Der Gründonnerstag ist jedes Jahr der Geburtstag der Eucharistie und gleichzeitig der Geburtstag unseres Priestertums, das vor allem ein dienendes, dann aber auch ein hierarchisches Priestertum ist. Dienend ist es, weil wir kraft unserer heiligen Weihe jenen Dienst in der Kirche verrichten, der nur den Priestern übertragen ist, insbesondere den Dienst an der Eucharistie. Hierarchisch ist es, weil dieser Dienst uns gestattet, die einzelnen Gemeinden des Volkes Gottes als Hirten zu leiten in Gemeinschaft mit den Bischöfen, die von den Aposteln die Vollmacht und das Charisma des Hirtendienstes in der Kirche geerbt haben.

2. Bei der Feier des Gründonnerstags gibt die Gemeinschaft der Priester -das Presbyterium - einer jeden Ortskirche, angefangen bei der Kirche von Rom, ihrer Einheit im Priestertum Christi einen besonderen Ausdruck. So wende ich mich auch in diesem Jahr - und dies nicht zum erstenmal - in kollegialer Einheit mit meinen Brüdern im Bischofsamt wieder an euch, die ihr meine und unsere Mitbrüder im Priesteramt Christi an jedem Ort der Erde, bei jedem Volk und in jeder Sprache und Kultur seid. Was ich schon einmal in Abwandlung der bekannten Worte des hl. Augustimis geschrieben habe, möchte ich heute wiederholen:" Für euch bin ich Bischof; mit euch bin ich Priester". Am Fest von Gründonnerstag werde ich mir mit euch allen, liebe Mitbrüder, - wie jeder Bischof in seiner eigenen Kirche - in tiefer Demut und Dankbarkeit wieder neu der Wirklichkeit jenes Geschenkes bewußt, das uns, jedem einzelnen und allen zusammen im Presbyterium der ganzen Kirche, in der Priesterweihe zuteil geworden ist.

Das Gefühl demütiger Dankbarkeit soll uns Jahr für Jahr besser darauf vorbereiten, das Talent, das der Herr uns am Tage seines Abschieds übergeben hat, zu vervielfachen, damit wir am Tag seines zweiten Kommens vor ihn treten können, wir, denen er gesagt hat: "Ich nenne euch nicht mehr Knechte ... Vielmehr habe ich euch Freunde genannt ... Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, daß ihr euch aufmacht und Frucht bringt und daß eure Frucht bleibt."

3. Im Hinblick auf diese Worte unseres Meisters, die den schönsten Glückwunsch für den Geburtstag unseres Priestertums enthalten, möchte ich in diesem Schreiben zum Gründonnerstag eine der Aufgaben berühren, die uns auf dem Weg unserer priesterlichen Berufung und der apostolischen Sendung unbedingt begegnen.

Von dieser Aufgabe handelt ausführlicher das "Schreiben an die jugendlichen", das ich dieser Botschaft zum Gründonnerstag dieses Jahres beifüge. Das laufende Jahr 1985 wird auf Initiative der Vereinten Nationen in der ganzen Welt als Internationales Jahr der Jugend begangen. Es schien mir, daß die Kirche diese Initiative nicht unbeachtet vorbeigehen lassen dürfe, wie sie es auch bei anderen wertvollen Initiativen internationalen Charakters nicht getan hat, wie zum Beispiel beim Jahr der alten Menschen oder dem der Behinderten und ähnlichen. Bei all solchen Initiativen darf die Kirche nicht am Rande bleiben, vor allem deshalb nicht, weil diese ja gerade im Mittelpunkt ihrer Sendung und ihres Dienstes stehen, die darin bestehen, sich als Gemeinschaft von Gläubigen aufzubauen und heranzuwachsen, wie die Dogmatische Konstitution Lumen gentium des II. Vatikanischen Konzils deutlich hervorhebt. jede dieser Initiativen bestätigt ihrerseits, daß die Kirche in der Welt von heute wirklich gegenwärtig ist, wie das Konzil in der Pastoralkonstitution Gaudium et spes meisterhaft dargelegt hat. Darum möchte ich auch im diesjährigen Schreiben zum Gründonnerstag einige Gedanken zum Thema der Jugend im pastoralen Wirken der Priester und in dem mit unserer Berufung ganz allgemein verbundenen Apostolat darlegen.

4. Jesus Christus ist auch in diesem Zusammenhang das vollkommenste Beispiel. Sein Gespräch mit dem Jungen Mann, das wir in allen drei synoptischen Evangelien finden 6 bildet eine unerschöpfliche Quelle der Reflexion zu diesem Thema. Auf diese Quelle beziehe ich mich vor allem im "Schreiben an die Jugendlichen" von diesem Jahr; aber auch wenn wir unseren priesterlichen und pastoralen Einsatz für die Jugendlichen bedenken wollen, ist es sinnvoll, sich dieser Quelle zuzuwenden und aus ihr zu schöpfen. Jesus Christus muß für uns bei alldem die erste und grundlegende Quelle der Inspiration bleiben.

Der Text des Evangeliums deutet an, daß der junge Mann einen leichten Zugang zu Jesus hatte. Für ihn war der Meister von Nazaret eine Person, an die er sich vertrauensvoll wenden konnte: jemand, dem er seine wesentlichen Fragen anvertrauen konnte; jemand, von dem er eine wahre Antwort erwarten konnte. Dies alles ist auch für uns ein Hinweis von grundlegender Bedeutung. Jeder von uns soll sich darum bemühen, ähnlich wie Christus für andere zugänglich zu sein: Für die Jungen Menschen darf es nicht schwierig sein, sich dem Priester zu nähern; an ihn müssen sie dieselbe Offenheit und Verfügbarkeit, dieselbe Gesprächsbereitschaft gegenüber den Problemen feststellen können, die sie bedrängen. ja, wenn sie von Natur aus etwas zurückhaltend oder verschlossen sind, sollte das Verhalten des Priesters es ihnen erleichtern, die Widerstände zu überwinden, die von dort herrühren. Im übrigen gibt es verschiedene Wege, jenen Kontakt herzustellen und zu vertiefen, der insgesamt als "Heilsdialog" bezeichnet werden kann. Zu diesem Thema könnten die in der Jugendseelsorge eingesetzten Priester selbst viel sagen; ich möchte mich also einfach auf ihre Erfahrung beziehen. Eine besondere Bedeutung hat hier natürlich die Erfahrung der Heiligen; wir wissen ja, daß in den Generationen von Priestern auch die "heiligen Jugendseelsorger" nicht fehlen.

Die Zugänglichkeit des Priesters für jugendliche bedeutet nicht nur eine leichte Kontaktaufnahme mit ihnen im Raum der Kirche oder auch außerhalb, wo immer sich junge Menschen den gesunden Neigungen ihres Alters entsprechend gern aufhalten (ich denke hier zum Beispiel an den Tourismus, den Sport und auch an den ganzen Bereich kultureller Interessen). Die Zugänglichkeit, von der Christus uns ein Beispiel gibt, besagt noch etwas mehr. Der Priester muß nicht nur durch seine theologisch-geistliche Ausbildung, sondern auch durch Kompetenz in den Erziehungswissenschaften Vertrauen erwecken als einer, dem die jugendlichen Probleme grundsätzlicher Natur anvertrauen können, Fragen ihres geistlichen Lebens und Gewissensfragen. Der junge Mann, welcher vor Jesus von Nazaret tritt, fragt in direkter Weise: "Guter Meister, was muß ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?" Die gleiche Frage kann auch anders gestellt werden, nicht immer so ausdrücklich; oft wird sie nur indirekt gestellt und scheinbar ohne unmittelbaren Bezug zum Fragenden. Auf jeden Fall umschreibt die vom Evangelium berichtete Frage gleichsam einen weiten Raum, in dem sich unser pastorales Gespräch mit der Jugend bewegt. Sehr viele Fragen haben in diesem Raum Platz, zahlreiche mögliche Fragen wie auch viele mögliche Antworten; denn das menschliche Leben ist vor allem in der Jugendzeit reich an vielfältigen Fragen, und das Evangelium seinerseits ist reich an möglichen Antworten.

5. Der Priester muß im Kontakt mit den jugendlichen zuhören und antworten können. Beides soll Frucht seiner inneren Reife sein und in klarer Übereinstimmung von Leben und Lehre geschehen; noch mehr aber soll es Frucht des Gebetes, der Einheit mit Christus, dem Herrn, und der Führung durch den Heiligen Geist sein. Eine entsprechende Ausbildung ist hierfür natürlich wichtig, vor allem aber das Verantwortungsbewußtsein gegenüber der Wahrheit und dem Gesprächspartner. Das von den synoptischen Evangelien überlieferte Gespräch zeigt, daß der Meister in den Augen des jungen Mannes, der sich an ihn wendet, eine besondere Glaubwürdigkeit und Autorität hat: eine moralische Autorität. Der junge Mann erwartet von ihm die Wahrheit, und er nimmt seine Antwort an als Ausdruck einer Wahrheit, die verpflichtet. Diese Wahrheit kann anspruchsvoll sein. Wir dürfen keine Angst davor haben, von den jungen Menschen viel zu fordern. Es mag sein, daß jemand "traurig" weggeht, wenn er glaubt, der einen oder anderen Forderung nicht gewachsen zu sein; eine solche Traurigkeit kann jedoch auch "heilsam" sein. Bisweilen müssen sich junge Menschen durch solche heilsame Traurigkeit den Weg bahnen, um stufenweise zur Wahrheit und zu der Freude zu gelangen, welche diese zu schenken vermag.

Die jugendlichen wissen übrigens, daß etwas wirklich Gutes nicht "billig" zu haben ist, sondern seinen Preis kostet. Sie besitzen ein gewisses gesundes Gespür für Werte. Wenn der Grund ihrer Seele noch nicht verdorben ist, reagieren sie unmittelbar nach ihrem gesunden Urteil. Wenn jedoch die Verdorbenheit schon eingedrungen ist, muß man diesen Grund erneuern; und das ist nicht anders möglich als durch wahre Antworten und durch den Aufweis wahrer Werte.

Es ist lehrreich, wie Christus hierbei vorgeht. Als der junge Mann sich an ihn wendet ("guter Meister"), tritt Jesus selbst gewissermaßen beiseite, indem er antwortet: "Niemand ist gut außer Gott." In all unseren Kontakten mit jugendlichen scheint dies tatsächlich besonders wichtig zu sein. Wir müssen uns mehr denn je persönlich einsetzen, wir müssen mit der ganzen Natürlichkeit eines Gesprächspartners, Freundes und Führers handeln; gleichzeitig aber dürfen wir auch nicht für einen Augenblick Gott dadurch verdunkeln, daß wir uns selbst in den Vordergrund rücken. Wir dürfen nicht den verdunkeln, "der allein gut ist", der unsichtbar und doch zugleich in höchstem Grade gegenwärtig ist: "näher meiner Seele als ich selbst", wie der hl. Augustinus sagt. Wenn wir uns auf ganz natürliche Weise mit all unserer Person einsetzen, dürfen wir dabei doch nicht vergessen, daß die "erste Person" in jedem Gespräch über das Heil nur derjenige sein kann, der als einziger heilt und als einziger heiligt. jeder Kontakt mit den Jugendlichen, jegliche Pastoral auch jene mehr "weltliche", was den äußeren Rahmen angeht - müssen in aller Demut dazu dienen, den Raum für Gott in Jesus Christus zu öffnen und zu erweitern, weil "mein Vater noch immer am Werk ist und auch ich am Werk bin".

6. In der Darstellung des Evangeliums vom Gespräch zwischen Christus und dem jungen Mann gibt es einen Ausdruck, den wir uns in besonderer Weise zu eigen machen müssen. Der Evangelist sagt, daß Jesus "ihn anschaute und liebgewann". Hier berühren wir in der Tat den entscheidenden Punkt. Wenn wir jene fragen könnten, die unter den Generationen von Priestern am meisten für die jungen Menschen, für jungen und Mädchen getan haben und die bei der Jugendarbeit in höherem Maße bleibende Früchte erzielt haben, würden wir uns davon überzeugen, daß die erste und tiefste Quelle ihres erfolgreichen Wirkens dieser , liebende Blick" Christi war.

Man muß diese Liebe in unserem priesterlichen Herzen richtig verstehen. Sie ist ganz einfach die Liebe "zum Nächsten": die Liebe zum Menschen in Christus, die jeden einzelnen und alle umfaßt. Die Liebe zur Jugend ist nichts Ausschließliches, als wenn sie sich nicht auch auf andere erstrecken dürfte, wie zum Beispiel auf die Erwachsenen, auf die alten und kranken Menschen. ja, die Liebe zur Jugend entspricht nur dann dem Evangelium, wenn sie aus der Liebe zu jedem und für alle entspringt. Gleichwohl besitzt sie als solche ihren besonderen, geradezu charismatischen Charakter. Denn diese Liebe entspringt, indem man sich besonders zu Herzen nimmt, was die Jugend im Leben des Menschen bedeutet. Zweifellos haben die jungen Menschen einen besonderen Charme, der mit ihrem Alter gegeben ist; zuweilen aber besitzen sie auch manche Schwächen und Fehler. Der junge Mann im Evangelium, mit dem Jesus spricht, zeigt sich einerseits als Israelit, der den Geboten Gottes treu ist; dann aber erscheint er als ein Mensch, der allzu sehr von seinem Reichtum bestimmt wird und zu stark an seinen Gütern hängt. Die Liebe zu den jungen Menschen, die für jeden echten Erzieher und guten Seelsorger unerläßlich ist, weiß sehr wohl um die Vorzüge und Fehler, die für die Jugend und die jungen Menschen eigentümlich sind. Diese Liebe erreicht aber - wie die Liebe Christi - durch die Vorzüge und Fehler hin durch den Menschen selbst; sie erreicht einen Menschen, der sich in einem äußerst wichtigen Abschnitt seines Lebens befindet. Es sind wirklich viele Dinge, die sich in diesem Lebensabschnitt formen und entscheiden, bisweilen in einer nicht rückgängig zu machenden Weise. Vom Verlauf der Jugend hängt in großem Maße die Zukunft eines Menschen ab, das heißt die Zukunft einer konkreten und einmaligen menschlichen Person. Die Jugendzeit ist darum im Leben eines jeden Menschen ein Abschnitt besonderer Verantwortung. Die Liebe zu den jungen Menschen ist vor allem das Wissen um diese Verantwortung und die Bereitschaft, sie mit ihnen zu teilen.

Eine solche Liebe ist wirklich uneigennützig. Sie weckt Vertrauen bei den jugendlichen. Ja, Vertrauen haben sie in dieser Lebensphase besonders nötig. jeder von uns Priestern muß in einer besonderen Weise zu einer solchen selbstlosen Liebe bereit sein. Man kann sagen, daß alle Askese des Priesterlichen Lebens, die tägliche Arbeit an sich selber, der Geist des Gebetes, die Einheit mit Christus, das Vertrauen auf seine Mutter, sich gerade an diesem Punkt täglich bewähren muß. Die jungen Menschen sind besonders feinfühlig, wie auch ihr Denken mitunter sehr kritisch ist. Eine entsprechende intellektuelle Ausbildung ist deshalb für den Priester wichtig. Zugleich jedoch bestätigt die Erfahrung, daß noch wichtiger Güte, Hingabe und auch Festigkeit sind: also Qualitäten des Charakters und des Herzens.

Liebe Mitbrüder, ich denke, jeder von uns muß den Herrn inständig darum bitten, daß sein Kontakt mit den jungen Menschen wesentlich eine Teilnahme an jenem Blick sei, mit dem Christus den jungen Mann im Evangelium "anschaute", sowie eine Teilnahme an jener Liebe, mit der er ihn "liebte". Auch muß man inständig darum beten, daß diese selbstlose priesterliche Liebe konkret den Erwartungen der ganzen Jugend, der jungen und Mädchen, entspreche. Es ist ja bekannt, wie sehr verschieden der Reichtum ist, den das Mann- oder Frau sein für die Entwicklung einer konkreten und einmaligen menschlichen Person darstellt. Im Hinblick auf jeden einzelnen dieser jungen Menschen müssen wir von Christus jene Liebe lernen, mit der er selbst geliebt hat.

7. Die Liebe macht uns fähig, auf das Gute hinzuweisen. Jesus "blickte mit Zuneigung" seinen jungen Gesprächspartner im Evangelium an und sagte zu ihm:" Folge mir nach." Das Gute, auf das wir die jugendlichen hinweisen können, schließt immer die Aufforderung ein: Folge Christus nach! Wir haben kein anderes Gut anzubieten, niemand hat ein größeres Gut vorzulegen. Folge Christus nach, das will vor allem besagen, bemühe dich darum, dich selbst auf möglichst tiefe und überzeugende Weise zu finden. Trachte danach, dich als Menschen zu finden. Christus ist nämlich derjenige, der -wie das Konzil lehrt -" dem Menschen den Menschen selbst voll kundmacht und ihm seine höchste Berufung erschließt".

Darum folge Christus nach! Das besagt, bemühe dich, jene Berufung zu finden, in der sich der Mensch und seine Würde verwirklichen. Nur im Lichte Christi und des Evangeliums können wir voll begreifen, was es heißt, daß der Mensch als Bild und Gleichnis Gottes geschaffen ist. Nur indem wir ihm nachfolgen, können wir dieses ewige Bild im konkreten Leben mit Inhalt füllen. Dieser Inhalt ist vielgestaltig; es gibt viele Berufungen und Lebensaufgaben, denen gegenüber die jugendlichen ihren eigenen Weg bestimmen müssen. Dennoch gilt es, auf jedem dieser Wege eine Grundberufung zu verwirklichen: nämlich Mensch zu sein! Und dies als Christ! Mensch zu sein nach dem Maß der Gnade Christi."

Wenn unser priesterliches Herz mit Liebe zu den jugendlichen erfüllt ist, werden wir ihnen zu helfen wissen auf ihrer Suche nach einer Antwort darauf, was die Lebensberufung für einen jeden von ihnen ist. Wir werden ihnen zu helfen wissen, wobei wir ihnen bei ihrer Suche und Wahl die volle Freiheit lassen, ihnen aber zugleich den grundlegenden Wert - im menschlichen und christlichen Sinn -Jeder dieser Entscheidungen aufzeigen.

Wir werden es auch verstehen, bei ihnen, bei jedem einzelnen von ihnen zu sein in den Prüfungen und Leiden, vor denen auch die Jugend nicht verschont bleibt. ja, mitunter wird sie dadurch außerordentlich belastet. Es sind Leiden und Prüfungen verschiedener Art: Enttäuschung, Ernüchterung, echte Krisen. Die Jugend ist besonders empfindlich und nicht immer vorbereitet auf die Schläge, die das Leben austeilt. Die heutige Bedrohung der menschlichen Existenz in weiten Gesellschaftsbereichen, ja in der ganzen Menschheit, verursacht zu Recht Unruhe unter vielen Jugendlichen. Wir müssen ihnen in dieser Besorgnis helfen, ihre Berufung zu entdecken. Gleichzeitig müssen wir sie unterstützen und bestärken in ihrem Wunsch, die Welt zu verändern, sie menschlicher und brüderlicher zu machen. Hierbei geht es nicht nur um Worte; es handelt sich um die ganze Wirklichkeit jenes "Weges", den Christus uns zu einer so verwandelten Welt zeigt. Diese Welt heißt im Evangelium das Reich Gottes. Das Reich Gottes ist zugleich auch das wahre "Reich des Menschen": die neue Welt, in der sich die wahre "königliche Würde des Menschen" verwirklicht.

Die Liebe ist fähig, auf das Gute hinzuweisen. Als Christus zum jungen Mann sagt: Folge mir nach", ist das in diesem konkreten Fall des Evangeliums ein Ruf, "alles zu verlassen" und den Weg der Apostel einzuschlagen. Das Gespräch Christi mit dem jungen Mann ist das Urbild für viele verschiedenartige Gespräche, bei denen sich vor der Seele junger Menschen die Perspektive zum Priester- oder Ordensberuf eröffnet. Wie müssen, liebe Brüder, Priester und Seelsorger, es verstehen, diese Berufungen richtig zu erkennen. "Die Ernte ist (wirklich) groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter!" Hier und da sind es sogar sehr wenige! Bitten wir deshalb den, Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden." Beten wir selber und bitten wir auch die anderen, dafür zu beten. Bemühen wir uns vor allem, durch unser eigenes Leben ein Bezugspunkt, ein konkretes Modell für Priester und Ordensberufe zu sein. Die jugendlichen brauchen unbedingt ein solch konkretes Modell, um zu erkennen, ob sie eventuell selbst eine ähnliche Straße einzuschlagen vermögen. In dieser Hinsicht kann unser Priestertum auf einzigartige Weise fruchtbar werden. Bemüht euch darum und betet, daß das Geschenk, das ihr empfangen habt, auch für die anderen zur Quelle einer ähnlichen Hingabe werde: gerade für die Jugendlichen.

8. Man könnte über dieses Thema noch viel sagen und schreiben. Die Erziehung und Pastoral der jugendlichen sind der Gegenstand vieler systematischer Studien und Veröffentlichungen. In diesem meinem Schreiben zum Gründonnerstag möchte ich mich, liebe Brüder im Priesteramt, nur auf einige Gedanken beschränken. Ich möchte gewissermaßen eines der Themen "signalisieren", das zum vielfältigen Reichtum unserer priesterlichen Berufung und Sendung gehört. Über dasselbe Thema handelt noch ausführlicher das Schreiben an die Jgendlichen, das ich zusammen mit dem vorliegenden euch überreiche, damit ihr euch ihrer besonders während des Jahres der Jugend bedienen könnt.

In der früheren Liturgie, an die sich die älteren Priester noch erinnern, begann die heilige Messe mit dem Stufengebet vor dem Altar; seine ersten Worte lauteten: Introibo ad altare Dei - ad Deum, qui laetificat iuventutem meam" ("Zum Altare Gottes will ich treten - zu Gott, der mich erfreut von Jugend auf").

Am Gründonnerstag kehren wir alle zur Quelle unseres Priestertums, in den Abendmahlssaal zurück. Wir betrachten, wie es während des letzten Abendmahles im Herzen Jesu Christi entstanden ist. Wir überdenken ebenso, wie es im Herzen eines jeden von uns aufgekeimt ist. An diesem Tag möchte ich euch, liebe Brüder, - unabhängig vom Alter und der Generation, der einer angehört - wünschen, daß das "Hinzutreten zum Altare Gottes (wie es im Psalm heißt) für euch die übernatürliche Quelle der Jugend eures Geistes sei, die von Gott selbst kommt. Er "erfreut uns mit der Jugend" seines ewigen Geheimnisses in Jesus Christus. Als Priester dieses Heilsgeheimnisses nehmen wir teil an den Quellen der Jugend Gottes selbst: an der unerschöpflichen "Neuheit des Lebens", das sich mit Christus in unsere menschlichen Herzen ergießt. Möge diese göttliche Jugend für uns alle und durch uns für die anderen, besonders für die jugendlichen, eine Quelle des Lebens und der Heiligkeit werden. Diese Wünsche empfehle ich dem Herzen Mariens; sie ist ja mitgenannt, wenn wir singen: "Ave verum Corpus, natum de Maria Virgine. Vere passum, immolatum in Cruce pro homine. Esto nobis praegustatum mortis in examine."

In tiefer Verbundenheit erneuere ich von Herzen meinen Apostolischen Segen, um euch in eurem Dienst zu bestärken.

Aus dem Vatikan, am 31. März, dem Palmsonntag des Jahres 1985,

dem siebten meines Pontifikates.

Johannes Paul II. PP.
Meine Werkzeuge