Iuvat nos gratum

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Ansprache
Iuvat nos gratum

von Papst
Paul VI.
an die Mitglieder und Berater des "Consilium"
anlässlich ihrer achten Vollversammlung
19. April 1967

(Offizieller lateinischer Text AAS 59 (1967) 418-421)

(Quelle: Dokumente zur Erneuerung der Liturgie, Band 1, Dokumente des Apostolischen Stuhls 1963 – 1973; Herausgegeben von Heinrich Rennings und Martin Klöckener, Butzon & Bercker Verlag Kevelaer 1983, S. 424-428, Randnummer 802-807(nach dem „Enchiridion Documentorum Instaurationis Liturgicae“; ISBN 3-7666-9266-6. Lateinischer Text: N 3 (1967) 121-125. Deutscher Text: eÜ; SKZ 135 (1967) 238 f; HerKorr 21 (1967) 260 f (Zusammenfassung).

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


1 Wir drücken Kardinal Jakob Lercaro unsere Freude darüber aus, dass er auch im Namen der ganzen hier anwesenden Versammlung mit so hervorragenden und ehrenden Worten zu Uns gesprochen hat. Wenn Wir zur Zeit auch von vielfältigen Arbeiten in Anspruch genommen sind, sind Wir doch auf die Bitten um diese Audienz zur Begrüßung der Mitarbeiter dieses "Consilium" eingegangen. Es wurde von Uns eingesetzt, damit es sich um die Überarbeitung der liturgischen Bücher des Lateinischen Ritus im Geist und nach den Normen des letzten Konzils bemühe. Außerdem sollte es Uns und Unserer Ritenkongregation hierbei hilfreiche und kluge Unterstützung in dieser so vielschichtigen und bedeutsamen Angelegenheit gewähren.

Dieses "Consilium" verdient es wirklich, dass Wir ihm von neuem Unsere Wertschätzung und Unser Vertrauen bezeugen und seine Mitarbeiter ermutigen. Wir wissen, aus welchen Männern es sich zusammensetzt: sie zeichnen sich aus durch Kenntnis und Liebe zur heiligen Liturgie. Wir wissen, welche Themenfülle das "Consilium" in Angriff nehmen und welche schwierigen und verschiedenartigen Fragen zu behandeln es auf sich nehmen muss, welche zügige und arbeitsaufwendige Weise des Vorgehens es sich gestellt hat, um in angemessener kurzer Zeit die ihm übertragene Aufgabe zu vollenden.

2 Wir wissen auch, auf welche Prinzipien dieses so schwierige und viel Klugheit erfordernde Werk sich stützt; es sind jene, die in Art. 23 der Konstitution über die heilige Liturgie genannt sind und die Unser "Consilium" mit großer Treue eingehalten hat. Es geziemt sich, sie ehrend zu zitieren: "Damit die gesunde Überlieferung gewahrt bleibe und dennoch einem berechtigten Fortschritt die Tür aufgetan werde, sollen jeweils gründliche theologische, historische und pastorale Untersuchungen vorausgehen, wenn die einzelnen Teile der Liturgie revidiert werden. Darüber hinaus sind sowohl die allgemeinen Gestalt- und Sinngesetze der Liturgie zu beachten als auch die Erfahrungen, die aus der jüngsten Liturgiereform und den weithin schon gewährten Indulten gewonnen wurden. Schließlich sollen keine Neuerungen eingeführt werden, es sei denn, ein wirklicher und sicher zu erhoffender Nutzen der Kirche verlange es. Dabei ist Sorge zu tragen, dass die neuen Formen aus den schon bestehenden gewissermaßen organisch herauswachsen" (Konstitution über die heilige Liturgie, "Sacrosanctum Concilium", Art. 23: AAS 56 (1964) 106).

Nun aber vernehmen Wir, dass die Bemühungen, mit denen ihr eure Arbeit betreibt und aus denen der Apostolische Stuhl Inhalte und Argumente zur Ausübung seines hohen Amtes, die Gebete des Gottesvolkes anzuregen und zu leiten, schöpft, gelegentlich einige aus allerdings verschiedenen Gründen zum Widerspruch veranlasst. Unterschiedliche und mannigfaltige Fälle kommen vor, in denen neue Fragen aufgeworfen werden mit Deutungen, die gegen Recht und Gesetz stehen, und mit zweifelhaften Sprechweisen. Wenn es auch in der Natur der Sache liegt, dass über etwas Neues weniger ausgewogen geurteilt wird und die Einführung mit Unzulänglichkeiten vonstatten geht, empfinden Wir es doch als Pflicht, dem "Consilium" Unsere Dankbarkeit und allgemeine Zustimmung auszudrücken. So möchten Wir diese ausgezeichnete Gelegenheit nutzen, um nicht nur die mühevolle Arbeit des "Consilium" zu loben und zu unterstützen, sondern auch den Klerus und die Gläubigen zu ermahnen, seine vorzügliche Leistung recht zu schätzen und seine Wirksamkeit zu begünstigen.

3 Diesbezüglich können Wir jedoch nicht Unsere Bitterkeit verschweigen über einige Vorkommnisse, Begebenheiten und Bestrebungen, die den von der Kirche erwarteten glücklichen Ausgang der Bemühungen des "Consilium" auf keinen Fall fördern.

Als erstes ist der ungerechte und wenig ehrfürchtige Angriff in einer kürzlich herausgegebenen Schrift zu nennen, der sich gegen Jakob Kardinal Lercaro, den hochverehrten und hervorragenden Vorsitzenden dieses "Consilium" richtet. Selbstverständlich stimmen wir dieser Schrift nicht zu; denn sie erfüllt niemanden mit dem Geist der Frömmigkeit und nützt auch dem Anliegen nicht, das sie verteidigen möchte, nämlich der Erhaltung der lateinischen Sprache in der heiligen Liturgie. Diese Frage verdient es auf jeden Fall, sorgfältig beachtet zu werden, aber sie kann nicht auf eine Art und Weise gelöst werden, die dem großen, vom Konzil bestätigten Grundsatz entgegensteht, nach dem das liturgische Gebet der Fassungskraft des Volkes angepasst und verständlich sein soll, und die dem anderen Grundsatz entgegensteht, wonach die der menschlichen Gemeinschaft eigene Geisteskultur heute verlangt, die tiefsten und aufrichtigsten Gefühle der Seele in einer Sprache auszudrücken, die das Volk selber gebraucht. Ohne auf die Frage nach der Verwendung der lateinischen Sprache in der heiligen Liturgie einzugehen, der jene Schrift großen Schaden zugefügt hat, möchten Wir dem Kardinal Jakob Lercaro Unser Bedauern und Unsere Zustimmung aussprechen.

4 Aber auch aus anderem Grund sind Wir mit Trauer und Besorgnis erfüllt, nämlich wegen der sich in verschiedenen Gegenden ausbreitenden Anzeichen mangelnder Disziplin hinsichtlich der gemeinschaftlichen Feier des Gottesdienstes; nicht selten wird er der Willkür einzelner angepasst und nimmt oft Formen an, die völlig von den geltenden kirchlichen Vorschriften abweichen. Dies führt oft zu einer schwerwiegenden Verwirrung der treuen Christgläubigen. Die vorgebrachten Gründe sind ganz und gar zurückzuweisen. Sie führen den Frieden und die rechte Ordnung der Kirche in Gefahr und sind verwerflich wegen der die Herzen verwirrenden Beispiele, die öffentlich bekannt werden. Diesbezüglich möchten Wir die Entscheidung des letzten Konzils über das Recht zur Ordnung der heiligen Liturgie in Erinnerung rufen: dieses "Recht ... zu ordnen steht einzig der Autorität der Kirche zu" (Ebd., Art. 22: AAS 56 (1964) 106). Mehr jedoch möchten Wir der Hoffnung Ausdruck verleihen, dass die Bischöfe wachsam bleiben gegenüber solchen Vorkommnissen und die harmonische Gestaltung des katholischen Gottesdienstes im liturgischen und religiösen Bereich schützen, auf die sich in dieser nachkonziliaren Zeit die so eifrige und erlesene Sorge richtet. Wir möchten diese Unsere Ermahnung auch an die Ordensgemeinschaften richten, von denen die Kirche wünscht, dass sie durch ihre Treue und ihr Beispiel zu dieser Gestaltung ihr Möglichstes beitragen. Wir wenden Uns auch an den Klerus und an alle Gläubigen, dass sie sich nicht durch die nichtigen Versuche einzelner mit willkürlichen Experimenten mitreißen lassen, sondern sich vielmehr bemühen, die von der Kirche vorgeschriebenen Riten zur vollkommenen Durchführung voranzubringen. So zu ermahnen, gehört auch zu den ureigenen Aufgaben dieses "Consilium", das einzelne liturgische Experimente klug zu ordnen hat, die geeignet erscheinen, gewissenhaft und umsichtig in die Praxis eingeführt zu werden.

5 Noch größere Besorgnis bereitet Uns aber die Verbreitung einer geistigen Strömung, die dahin zielt, die Liturgie - falls man sie dann noch mit diesem Namen bezeichnen kann - "ihres heiligen Charakters zu entkleiden", wie man es zu sagen wagt, und gleichzeitig damit als notwendige Konsequenz die christliche Religion selber. Diese neue Geisteshaltung, deren trübe Quelle nicht schwierig zu entdecken ist und in der die Zerstörung des echten katholischen Gottesdienstes begründet liegt, bringt solche Verwirrungen mit sich in der Lehre, der Disziplin und der Pastoral, dass Wir nicht zögern, sie als Irrtum zu bezeichnen. Wir sagen dies schmerzerfüllt - nicht nur wegen des Geistes, der den kirchlichen Gesetzen widerspricht, und der unverhohlenen Neuerungssucht, sondern auch, ja vielmehr noch wegen der Auflösung der Religion, die sie notwendig mit sich bringt.

Wir wissen sehr wohl, dass jeder Versuch und jede Lehre, die öffentlich verbreitet werden, einen nicht geringen Teil an Wahrheit enthalten kann und dass die Förderer des Neuen gute und gelehrte Menschen sein können; und Wir sind immer bereit, das zu beachten, was auf kirchlichem Gebiet wertvoll und anerkennenswert ist. Aber Wir dürfen - gerade gegenüber euch - nicht die Gefahr des geistigen Niedergangs verheimlichen, die das zuvor Genannte Unserer Ansicht nach in sich tragen kann.

6 Um diese so große Gefahr abzuwenden, um hiervon vielleicht betroffene Menschen, Zeitschriften und Institute wieder dazu zu bringen, ihre hilfreiche Unterstützung fruchtbar und klug der Kirche Gottes zu gewähren, und um die Lehre und die Normen des Ökumenischen Konzils zu verteidigen, seid ihr mehr als alle anderen dazu berufen, jene Darstellung der heiligen Liturgie zu zeichnen, in der ihre Wahrheit, ihre Schönheit und ihr geistlicher Gehalt hervorgehoben werden und aus der immer mehr das in ihr enthaltene österliche Geheimnis aufstrahlt zur Ehre Gottes und zur inneren Erneuerung vieler Menschen in unserer Zeit, die ziellos dahinleben, in Wirklichkeit aber doch von Sehnsucht gequält werden.

Wir vertrauen fest darauf, dass dies mit Gottes Hilfe einen glücklichen Ausgang findet, wenn Wir den Ernst, mit dem ihr eure Arbeit verrichtet, ihre Bedeutung und die ersten Ergebnisse der liturgischen Erneuerung bedenken, die zu einem bestimmten Teil wirklich gelungen sind und noch Besseres versprechen. Das echte Gebet der Kirche blüht in unseren Gemeinschaften des Volkes wieder auf: dies ist wirklich ein sehr erfreuliches Zeichen guter Hoffnung, das unsere so wirre und unruhige Zeit, die zugleich voll irdischer Kraft ist, jedem Menschen vor Augen stellt, der von der Liebe Christi entzündet ist.

Führt eure Arbeit ruhig und eifrig weiter: "Gott will es" - so können Wir sagen - zu seiner Ehre, zum Leben der Kirche und zum Heil der Welt; Unser Apostolischer Segen wird euch immer dabei begleiten.

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