Brief vom 2. Juni 1968

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Brief von Kardinal Benno Gut,

Vorsitzender des "Consilium"
an die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen
und Hinweise zu den Eucharistischen Hochgebeten
anlässlich der Veröffentlichung neuer Texte des Eucharistischen Hochgebetes sowie "Hinweise zur Erleichterung der Katechese über die Hochgebete der Messe"
2. Juni 1968

(Offizieller Französischer Text: Notitiae N 4 (1968) 146-148)

(Quelle: Dokumente zur Erneuerung der Liturgie, Band 1, Dokumente des Apostolischen Stuhls 1963 – 1973; Herausgegeben von Heinrich Rennings und Martin Klöckener, Butzon & Bercker Verlag Kevelaer 1983, S. 535-546, Randnummer 1044-1062 (nach dem „Enchiridion Documentorum Instaurationis Liturgicae“; ISBN 3-7666-9266-6. Der Text wurde in sechs Hauptsprachen verfasst und vom "Consilium" in französischer Sprache veröffentlicht. EL 82 (1968) 181 f; EV III, 178-182. Eigene Übersetzung)

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Inhaltsverzeichnis

Brief

1044 Die Herausgabe der neuen Hochgebete für die Römische Liturgie - ein wirklich neuer Gesang, den der Heilige Geist der Kirche zum Gebet auf die Lippen legt - gibt mir die Gelegenheit, zum ersten Mal in meiner Eigenschaft als Vorsitzender des "Consilium" mit Ihrer Exzellenz Kontakt aufzunehmen, und durch Sie mit allen Seelsorgern, dem Klerus, den Ordensleuten, den Gläubigen Ihres Landes und besonders mit denen, die sich mit Geist und Herz der Förderung einer klugen, geordneten und dynamischen Erneuerung der Liturgie im Geist des Konzils und der darauf folgenden Dokumente widmen.

Gerne übersende ich Ihnen gleichzeitig mit dem Text der drei neuen Anaphoren und der acht neuen Präfationen einige "Hinweise". Sie können als Richtlinien gebraucht werden, um dem Klerus und den Gläubigen die Motive für diese Neuerung, deren Sinn, die sie leitenden Prinzipien sowie die Möglichkeiten für deren weise und fruchtbare Anwendung verständlich zu machen.

Dies erlaubt, die Katechese über die Messe und besonders über das Eucharistische Hochgebet zu erweitern und zu intensivieren, die mit der Einführung der Muttersprache in diesen Teil der Eucharistiefeier bereits begonnen hat. Die Kirche erwartet sich von der Katechese über diese reichen und vielfältigen Themen eine lebendigere Feier mit tätigerer Teilnahme und eine gleichzeitige Vertiefung des eucharistischen Geheimnisses.

1045 Die Veröffentlichung der neuen Eucharistischen Hochgebete bestätigt den Willen des Heiligen Stuhles, auch unabhängig von den Personen, die Verwirklichung der konziliaren Vorschrift fortzusetzen, die "eine allgemeine Erneuerung der Liturgie sorgfältig in die Wege zu leiten" wünscht (Konstitution über die heilige Liturgie, Art. 21).

Die Entscheidung des Konzils wird immer mehr der Wunsch aller. Die Berichte aus der ganzen Welt, die auf die Anfrage des "Consilium" über die Ergebnisse der Liturgiereform eingingen, das Zeugnis der Delegierten der Bischofskonferenzen auf der Bischofssynode sagen, dass die Arbeit in allen Ländern leidenschaftlich bewerkstelligt wurde, um dem Gebet einen neuen Anhauch "des Geistes und der Wahrheit" zu verleihen. Sie übermitteln die Befriedigung und häufig die Begeisterung der Gläubigen, die wieder lebendig Mitwirkende geworden sind und nicht mehr Stumme bei den heiligen Handlungen, und die sich ihrer Berufung und ihres Priestertums bewusster geworden sind.

Für alle diese Bemühungen wie auch für die verschiedenen Berichte, Statistiken und Wünsche, für Ihr Wohlwollen und manche Ermutigung, die manches Mal durch die Bischöfe, die Priester, insbesondere die Gläubigen oder durch die Bischofskonferenzen geäußert wurden, möchte ich Ihnen den allerherzlichsten Dank des "Consilium" aussprechen.

1046 Versichern Sie, Exzellenz, freundlicherweise allen, die für die liturgische Pastoral arbeiten, dass das "Consilium" nicht ohne Verständnis ist für die ihnen begegnenden Schwierigkeiten, dass es ihnen vielmehr helfen möchte, um der Liturgie den Charakter "ewiger Jugend" zu geben in Übereinstimmung mit dem Wunsch und den Äußerungen des Heiligen Vaters selber.

Das Feld, das sorgfältig von den Fachleuten des "Consilium" in vier Jahren geduldiger und unbemerkter Arbeit bereitet wurde, beginnt, Früchte zu tragen. Die Eucharistischen Hochgebete sind die wertvollsten, allerdings nicht die letzten. Verschiedene Riten wurden an unterschiedlichen Orten bereits ausprobiert; andere werden hoffentlich in Kürze folgen. So glaubt das "Consilium", dem Vertrauen des Episkopats und der berechtigten Erwartung der Seelsorger und der Gläubigen zu entsprechen, wenn es in demselben Geist und mit denselben Methoden wie in den vergangenen Jahren weiterarbeitet.

1047 Darüber hinaus wünscht es, dass das gegenseitige - und so notwendige - Verständnis und die Zusammenarbeit mit der Hierarchie aller Länder fortgesetzt wird, um einen geordneten Fortschritt zu fördern, der den Möglichkeiten der Annahme und dem Grad der Vorbereitung der Gläubigen entspricht. Es scheint, dass das Gesetz eines stufenweisen Fortschritts, den das "Consilium" von Beginn seiner Arbeit an erstrebte, immer noch gültig ist.

Desorientierend ist nicht ein fortschreitendes Vorangehen, sondern die Fortsetzung von unzureichend studierten Experimenten, die sich nicht in einen organischen Plan einer allgemeinen Liturgieerneuerung einfügen.

Deshalb erlaube ich mir, die von meinem Vorgänger J. Kardinal Lercaro bei verschiedenen Gelegenheiten geäußerte Ermahnung zu wiederholen, die vom "Consilium" erarbeiteten Riten abzuwarten, um für diese Riten die Zweckmäßigkeit und den Nutzen gewisser Anpassungen zu prüfen.

Möge die neue Gabe an die Kirche Garant dieser Absichten und dieser Wünsche sein!

Ich bitte Ihre Exzellenz, allen Mitgliedern Ihrer Bischofskonferenz meine brüderlichen Grüße und meine Ermutigungen zu übermitteln, auf dem vom Konzil eröffneten, so verheißungsvollen Weg fortzufahren.

Hinweise zur Erleichterung der Katechese über die Hochgebete der Messe

Französischer Text: N 4 (1968) 148-155; EL 82 (1968) 183-190; EV III, 182-200. Deutscher Text: KA Münster 102 (1968) 103-107.

1048 Im Verlauf der letzten Monate wurde von den Bischofskonferenzen die Erlaubnis, den Kanon in der Volkssprache zu beten, überall schon verwirklicht. Nunmehr steht mit der Einführung neuer Anaphoren in die römische Liturgie ein weiterer Schritt bevor. Beide Neuerungen haben ganz deutlich als pastorales Ziel vor Augen, dem Klerus und den Gläubigen den Reichtum der Hl. Schrift und der Überlieferung der universalen Kirche für das christliche Leben in der Eucharistiefeier zu erschließen, sowie das Verständnis und die lebendige Aneignung zu erleichtern. So können die Gemeinden in der Feier leichter das Ideal voller, aktiver innerer und äußerer Teilnahme verwirklichen, welches das vom Konzil der Liturgieerneuerung gestellte Ziel darstellt. Mit der Neuregelung der Eucharistiegebete will die Kirche daher eine Hilfe bieten, auf dass für jeden Priester und Getauften, für jede Gemeinde von Gläubigen die Feier des eucharistischen Opfers wirklich "zur Quelle und zum Gipfelpunkt des gesamten Kultes der Kirche wie auch des ganzen christlichen Lebens werde" (Instruktion Eucharisticum mysterium, Nr. 3; vgl. 2. Vat. Konzil, Lumen gentium, Art. 11; Sacrosanctum Concilium, Art. 41; Presbyterorum ordinis, Art. 2, 5, 6; Unitatis redintegratio, Art. 15).

Es ist daher wesentlich, dass der Einführung dieser Neuregelung eine intensive katechetische und geistige Vorbereitung vorangehe und sie begleite, zuerst beim Klerus, dann weitergeführt in den besonders aufgeschlossenen Gruppen und schließlich beim ganzen Volk.

Beim Klerus muss auch eine mehr technische Vorbereitung stattfinden, jedoch immer mit der Zielsetzung, die pastoralen Aufgaben zu erleichtern. In der Unterweisung der Gemeinden sollen soweit als möglich historische Erklärungen wie auch schwierigere theologische Fragen ausgeklammert werden, besonders wenn diese Fragen selbst unter Theologen noch diskutiert werden. Vielmehr soll man unmittelbar auf die Bedeutung und den Gehalt der Gebete hinweisen, wie sie sich heute darbieten und im Alltagsleben auswirken.

Die wichtigsten Punkte, die in dieser Darlegung der Anaphoren den Gläubigen vorgelegt werden sollen, sind folgende:

I. ALLGEMEINE BEDEUTUNG DER ANAPHORA

1049 Die Terminologie, die in den einzelnen Sprachen zur Bezeichnung der Anaphora verwendet wird (Anaphora, Eucharistiegebet, Kanon usw.) ist dem Volk zu erklären, da sie neu ist. Die Anaphora ist das große Gebet des zentralen Teiles der Messfeier, beginnend mit "Der Herr sei mit euch ... Erhebet die Herzen ... " bis "Durch Christus und mit Christus und in Christus ... Amen". Es ist ein Gebet freudiger Danksagung, das über Brot und Wein gesprochen wird, zugleich Lobpreis des Vaters und Bitte an Ihn. In der Nachahmung des Handelns Christi wie im Gehorsam gegenüber seinem Befehl erneuert und vergegenwärtigt sich in diesem Gebet das Geschehen vom Letzten Abendmahl, ehe wir in der Kommunion an seinem Leib und Blut Anteil erhalten.

II. DIE WESENTLICHEN ELEMENTE DER ANAPHORA

1050 Es handelt sich um einen zentralen Kern und Elemente späterer Entwicklung:

A. Den zentralen Kern bildet der Bericht und die Vergegenwärtigung dessen, was Christus beim Letzten Abendmahl tat, ausgenommen die Brotbrechung und die Kommunion, die im letzten Teil der Messfeier stattfinden.

Jesus nahm das Brot:

1. sprach darüber das Gebet des Dankes und Lobes an den Vater,

2. brach das Brot und verteilte es,

3. sprach: Nehmet und esset, das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird,

4. und fügte hinzu: Tut dies zu meinem "Gedächtnis", d. h. als Feier, die an das erinnert, was ich bin und was ich für euch getan habe und dies zugleich auch enthält. Gleiches tat Jesus auch mit dem Kelch.

Diese Elemente bilden den Kern der Anaphora, er umfasst daher:

1. Einen an den Vater gerichteten Hymnus der Danksagung und des Lobpreises für die uns erwiesenen Wohltaten, vorerst für die der Erlösung in Christus unserem Herrn (im römischen Kanon die Präfation).

2. Den Bericht vom Tun und von den Worten Jesu, die er bei der Einsetzung der Eucharistie gesprochen hat (im röm. Kanon: Qui pridie).

3. Hierbei handelt es sich aber nicht um eine einfache Erzählung vergangener Ereignisse, sondern um einen Bericht, der das vergegenwärtigen soll, was Christus getan hat. So ist an den Vater auch die Bitte gerichtet, dass Er die Worte wirksam mache, das Brot und den Wein heilige, d. h. sie zu Leib und Blut Christi mache (im röm. Kanon: Quam oblationem), damit wir durch den Empfang dieser Gaben geheiligt werden (im röm. Kanon: Supra quae).

4. Christus hatte gesagt, wir sollen diese Feier zu "seinem Gedächtnis" halten, d. h. als Feier, die sein für uns gewirktes Tun in Erinnerung ruft und zugleich enthält. Sein Tun bezog sich auf unsere Erlösung, was besonders vom Erlösungstod am Kreuz gilt, denn was Er tat, bezieht sich unmittelbar auf seinen Leib, den Er für uns hingegeben, und auf sein Blut, das Er für uns vergossen hat. Die Eucharistiefeier als "Gedächtnis", das den für uns hingegebenen Leib und das für uns vergossene Blut gegenwärtig setzt, schließt eine opfernde Darbringung ein. Daher findet sich in der Anaphora ein Gebet der Darbringung dieser heiligen Gaben "im Gedächtnis" des Leidens, des Todes und der Auferstehung (somit der gesamten Heilsökonomie Christi). Im römischen Kanon erfolgt dies im: Unde et memores ... offerimus.

5. Die Anaphora schließt mit einer Doxologie, auf die das ganze Volk mit "AMEN" antwortet.

1051 B. An diesen zentralen Kern schließen sich drei weitere Elemente an:

1. Das Sanctus als Abschluss des Hymnus der Freude und Danksagung, der Präfation, an dem das ganze Volk teilnimmt.

2. Die Gebete der Fürbitte für jene, für die man das Opfer darbringt; eine verständliche Erweiterung, wenn man das Opfer zugunsten bestimmter Personen darbringen will (röm. Kanon: Imprimis quae tibi offerimus, Memento der Lebenden, Hanc igitur; und nach dem Einsetzungsbericht Memento der Verstorbenen und Nobis quoque).

III. VIELFALT AN TEXTEN FÜR DIE ANAPHORA

1052 Die Geschichte kennt für die verschiedenen Liturgien, besonders im Osten, eine Vielfalt an Texten des Eucharistiegebetes. Dabei kann man allen gemeinsame Elemente wie auch z. T. beträchtliche Unterschiede in weniger wichtigen Punkten feststellen:

1. Manche gemeinsame Elemente finden sich in den einzelnen Eucharistiegebeten an verschiedenen Stellen, z. B. die Bitte an den Vater, Brot und Wein in Leib und Blut Christi zu verwandeln, ist im römischen Kanon vor dem Einsetzungsbericht (Quam oblationem), in den von der antiochenischen Liturgie kommenden Anaphoren jedoch erst danach. In der frühen Liturgie von Alexandrien war sie wahrscheinlich vor dem Bericht wie im römischen Kanon; in den späteren Texten findet sich diese Bitte zweimal, vor und nach dem Einsetzungsbericht.

Die Fürbitten für Lebende und Verstorbene sind im römischen Kanon z. T. vor, z. T. nach dem Einsetzungsbericht; in der alexandrinischen Tradition sind sie zur Gänze vor, in der antiochenischen zur Gänze nach dem Bericht. Es zeigt sich, dass die Struktur der Anaphora, wie sie sich aus der Anordnung der einzelnen Elemente ergibt, in einigen Punkten wechselt und somit eine größere oder geringere Klarheit der Struktur gegeben sein kann.

2. Einen weiteren Grund für Unterschiede bildet die Tatsache, dass in einigen liturgischen Traditionen, wie etwa im Orient, fast alle Elemente der Anaphora festliegen und nicht nach den Festen wechseln. In anderen wiederum wechselt die Präfation (selten das Hanc igitur); in der spanischen und gallikanischen Tradition wechselt der gesamte Text mit Ausnahme des Einsetzungsberichtes entsprechend den einzelnen Festen.

3. Weitere Unterschiede ergeben sich dadurch, dass bestimmte Themen und Aspekte stärker als andere in den Vordergrund treten.

4. Unterschiede ergeben sich auch aus dem Stil, der mehr oder weniger knapp, feierlich, metaphorisch, biblisch usw. sein kann.

Jede orientalische Kirche hat in der Regel mehr als eine Anaphora, manchmal auch viele, und verwendet sie je nach den Umständen.

Diese Vielfalt an Traditionen in der Geschichte der Gesamtkirche in bezug auf die Anaphoren bildet einen echten Reichtum, denn so ergänzt eine die andere, indem die einzelnen Elemente besser zum Ausdruck kommen, was nicht in jeder einzelnen ganz und in derselben Weise möglich ist.

IV. NEUE ANAPHOREN IN DER RÖMISCHEN LITURGIE

1053 Entsprechend dem von vielen Bischöfen ausgedrückten Wunsch, er wurde auch in der Bischofssynode betont, und aus dem Bestreben, reichere Möglichkeiten zu bieten, die Großtaten Gottes und die Heilsgeschichte im Mittelpunkt der Eucharistiefeier auszudrücken, hat der Heilige Stuhl drei neue Anaphoren in die römische Liturgie eingeführt; zusammen mit dem römischen Kanon (nunmehr Anaphora I) hat die römische Liturgie fortan vier Eucharistiegebete.

Warum diese Neuerung? Wenn man die Vielfalt an Anaphoren in der Tradition der Ostkirchen sowie den Wert der einzelnen betrachtet, so erkennt man, dass eine einzige Anaphora nicht den ganzen wünschenswerten pastoralen, geistigen und theologischen Reichtum enthalten kann. Die Begrenztheit kann nur durch eine Mehrzahl verschiedener Texte ergänzt werden, so haben es alle Kirchen, die römische ausgenommen, immer getan. Jede hatte und hat eine Vielfalt an Anaphoren, manchmal ist diese Vielfalt sogar sehr groß. Die Kirche wollte durch die Einführung dieser neuen Anaphoren in die römische Liturgie, zusätzlich zum römischen Kanon, der römischen Liturgie einen größeren pastoralen und liturgischen Reichtum geben.

V. DIE MERKMALE DER ANAPHORA IN DER RÖMISCHEN LITURGIE

1054 1. Der römische Kanon

Was die Anordnung der einzelnen Elemente und damit die Struktur anbelangt, so ist der römische Kanon besonders dadurch gekennzeichnet, dass er vor dem Einsetzungsbericht an den Vater die Bitte richtet, er mache Brot und Wein zu Leib und Blut Christi (Quam oblationern); dann dadurch, dass er die Fürbitten für Lebende und Verstorbene wie auch das Gedächtnis der Heiligen in zwei getrennten Listen z. T. vor, z. T. nach dem Einsetzungsbericht aufweist; schließlich dass er entsprechend den Festen den ersten Teil des Kanons, d. h. die Präfation (selten das Hanc igitur) wechselt; darin stimmt er mit der spanischen und gallikanischen Tradition überein. Einheit und Klarheit der Aufeinanderfolge der Gedanken sind im heutigen römischen Kanon nicht leicht zu erkennen. Er macht vielmehr den Eindruck einer Reihe einzelner aneinandergefügter Gebete. Um seine Einheit zu erkennen, braucht es manche Überlegungen. Der Wechsel in den römischen Präfationen entsprechend den Festen bringt hingegen diesem ersten Teil des Kanons Reichtum und Vielfalt. Die durch die Liturgieerneuerung neu eingeführten Präfationen machen es möglich, diese geistige und pastorale Möglichkeit in noch höherem Ausmaß zu nutzen. Was den Gedankengang des römischen Kanons betrifft, so kennzeichnet ihn der dauernde Hinweis auf die Darbringung der Gaben und auf die an Gott gerichtete Bitte, zu unserem Heil diese Gaben anzunehmen. Der römische Kanon weist auch einen eigenen Stil auf, der durch eine gewisse Feierlichkeit, durch Reichtum und zugleich Knappheit stark vom römischen Empfinden geprägt ist. Der Wert des römischen Kanons als theologisches, liturgisches und geistiges Dokument der lateinischen Kirche ist überaus groß; lag doch dieser Text schon zu Beginn des 5. Jh. vor und wurde seit dem Anfang des 7. Jh. praktisch nicht mehr verändert. Später wurde er der einzige Kanon der gesamten lateinischen Kirche.

1055 2. Die drei neuen Anaphoren wurden nach folgenden Kriterien geschaffen:

A. Einfachheit und Klarheit der Strukturen durch einen natürlichen und leicht verständlichen Übergang zwischen den einzelnen Teilen und Gedanken, wobei die Struktur grundsätzlich gleichbleibt :

1. Präfation (in der Anaphora II und III wechselnd, in IV gleichbleibend mit dem Sanctus als Abschluss).

2. Übergang vom Sanctus zur Konsekrationsepiklese, d. h. zur Bitte an den Vater, durch das Wirken des Geistes Brot und Wein zu Leib und Blut Christi zu machen. Der Übergang ist sehr kurz in der Anaphora II, relativ kurz in III, lang in IV.

3. Konsekrationsepiklese.

4. Einsetzungsbericht.

5. Anamnese oder "Gedächtnis" des Leidens und der gesamten Christusgeheimnisse sowie Darbringung des göttlichen Opfers.

6. Bitte um Annahme dieses Opfers und um fruchtbare Kommunion.

7. und 8. Gedächtnis der Heiligen und Fürbitten (Anaphora III) oder Fürbitten und Gedächtnis der Heiligen (Anaphora II, IV).

9. Schlussdoxologie.

Der Hauptunterschied zwischen dieser Struktur und der des gegenwärtigen römischen Kanons besteht darin, dass in den drei neuen Anaphoren das Gedächtnis der Heiligen und die Fürbitten im zweiten Teil der Anaphora vereint sind, während im römischen Kanon sie teils vor, teils nach dem Einsetzungsbericht stehen. Die Anordnung der einzelnen Elemente entspricht dem Beispiel der antiochenischen Tradition und gibt den neuen Texten eine größere Klarheit, da die einzelnen Teile unmittelbar verständlich aufeinander folgen. Die neuen Anaphoren haben aber trotzdem römischen Charakter, vor allem wegen der Konsekrationsepiklese, die dem Einsetzungsbericht vorausgeht.

1056 B. Vielfalt der Texte

Innerhalb derselben Grundstruktur entwickelt jede der drei neuen Anaphoren ihre eigenen geistigen, pastoralen und stilistischen Merkmale, die sie voneinander und vom römischen Kanon abheben. So sind in den drei neuen Anaphoren Begriffe, Worte und Ausdruck des gegenwärtigen römischen Kanons oder der anderen Anaphoren soweit als möglich vermieden worden.

Durch die drei neuen Anaphoren werden in der römischen Liturgie u. a. neue Ausdrucksmöglichkeiten für die Theologie der Eucharistie, der Heilsgeschichte im allgemeinen, des Volkes Gottes und der Kirche im besonderen in reicherem Ausmaß geschaffen, nicht zuletzt auch für eine Theologie vom Wirken des Heiligen Geistes in der Kirche und besonders in der Eucharistie. Die durch das Vaticanum II gegebene ökumenische und universelle Ausrichtung wie auch die sogenannte Theologie des Irdischen finden in den Anaphoren einen diskreten, aber realen und von der Schrift her geprägten Ausdruck. Trotzdem ist der Charakter der Anaphoren stark von der Überlieferung geprägt, wie übrigens leicht nachzuweisen ist.

Die Anaphora II ist kurz und durch sehr einfache Begriffe gekennzeichnet. Im Stil und in etlichen Ausdrücken ist sie von der Anaphora Hippolyts beeinflusst (Beginn 3. Jh.).

Die Anaphora III ist länger, hat eine klare Struktur, die bei den Übergängen zwischen den einzelnen Teilen unmittelbar deutlich wird. Ihrer Struktur und ihrem Stil nach kann sie mit allen römischen Präfationen, den bisherigen wie den neuen, verwendet werden, da sie einen ähnlichen Charakter aufweist.

Die Anaphora IV weist als Besonderheit vor dem Einsetzungsbericht in einem ausführlichen Abschnitt eine Zusammenfassung der gesamten Heilsgeschichte auf, wie es dem Modell der antiochenischen Tradition entspricht. Daraus ergibt sich notwendigerweise, dass in der Präfation nur die Themen der Schöpfung, besonders der Engel, d. h. die bei den ersten Schritte der Heilsgeschichte gebracht werden können, denn ihre weiteren Stufen, von der Erschaffung des Menschen angefangen, werden im Gebet zwischen Sanctus und Epiklese genannt.

Daher muss in dieser Anaphora die Präfation gleichbleiben; würde sie mit den Festen wechseln und andere Themen aufnehmen, so müsste die klare und keine Wiederholungen aufweisende Zusammenfassung der Heilsgeschichte, wie sie in dieser Anaphora beabsichtigt ist, leiden.

Für die Pastoral ist es sehr wichtig, dass die Gläubigen öfters einen solchen klaren und umfassenden Abriss der Heilsgeschichte hören, in den man dann auch gleichsam wie in einen Rahmen die zahlreichen Einzeldarlegungen bei anderen Anaphoren geistig einordnen kann.

VI. HINWEISE FÜR DIE VERWENDUNG DER ANAPHOREN

1057 Die Auswahl der vier Anaphoren der römischen Liturgie soll nicht in der Weise erfolgen, dass deren Verwendung auf bestimmte Feste, Tage oder liturgische Zeiten eingeschränkt wird; sind sie doch alle nach der römischen Tradition gestaltet, die nie ein bestimmtes Festgeheimnis durch die ganze Anaphora weiterführt, sondern jeweils nur in der Präfation einen Aspekt darlegt.

Die Wahl der Anaphoren hat daher nach pastoralen Motiven zu erfolgen; es soll möglich sein, die neuen Gebete mit den für die Hochfeste schon bestehenden Texten zu verbinden, aber auch die der jeweiligen geistigen Fähigkeit der Gläubigen am besten entsprechenden Texte auszusuchen.

Daraus ergeben sich folgende Leitgedanken:

1058 1. Der römische Kanon, der immer verwendet werden kann, soll an Festen, die Eigentexte innerhalb der Anaphora, wie Präfation, Communicantes und Hanc igitur aufweisen, vorgezogen werden, da diese Texte der Anaphora nach römischer Tradition eine besondere Beziehung zum Fest geben. Weiter sollte er an den Tagen verwendet werden, an welchen ein im Kanon genannter Heiliger gefeiert wird.

1059 2. Das zweite Eucharistiegebet, knapp und relativ einfach in seinen Ausdrücken, kann an Wochentagen, bei Kindergottesdiensten und solchen für Jugendliche und kleinere Gruppen günstig Verwendung finden. Seine Einfachheit bildet einen guten Ausgangspunkt für eine Katechese über die einzelnen Elemente des Eucharistiegebetes.

Diese Anaphora hat eine eigene Präfation, die in Zusammenhang mit dem gesamten Gebet verwendet werden soll. Sie kann aber auch durch eine passende Präfation ersetzt werden, die in knappen Sätzen das Erlösungsmysterium ausdrückt, wie etwa die für die Sonntage per annum und das Commune vorgesehenen neuen Präfationen.

1060 3. Das dritte Eucharistiegebet kann mit jeder Präfation des Missale verbunden werden. Abwechselnd mit dem römischen Kanon ist es für die Sonntage gut geeignet.

1061 4. Das vierte Eucharistiegebet muss in seiner Gesamtheit ohne wechselnde Teile verwendet werden; das gilt auch für die Präfation, die gleichbleibend sein muss. Da diese Anaphora eine Gesamtschau der Heilsgeschichte bietet, die ein tieferes Verständnis der Heiligen Schrift voraussetzt, kann sie besonders bei biblisch bereits vorgebildeten Gemeinschaften verwendet werden. Die Verwendung ist jedoch auf die Tage beschränkt, die nicht eine eigene Präfation aufweisen.

Entsprechend dem Vorbild des römischen Kanons, der für bestimmte Feiern Eigentexte hat (Hanc igitur), ist bei den neuen Eucharistiegebeten ein besonderer Embolismus vorgesehen, der bei einer Messe für Verstorbene in die Fürbitten (Interzessionen) eingefügt werden kann; dies gilt für die Anaphora II und III, nicht jedoch für die Anaphora IV, die eine geschlossene einheitliche Struktur hat.

SCHLUSSBEMERKUNG

1062 Die eben angeführten Überlegungen haben bei der Erarbeitung der neuen Eucharistiegebete als Grundlage gedient. Es dürfte sich als nützlich erweisen, sie bei der Einführung der neuen Texte vorzulegen, damit diese in ihrer Struktur und in ihrer Zielsetzung besser verstanden werden. Auf diese Weise mögen sie die Frömmigkeit und die Teilnahme der Gläubigen an der Feier des Mysteriums der Eucharistie vertiefen und als konkretes Ergebnis das Glaubensverständnis und das christliche Leben stärken .

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