Ad-limina-Ansprachen von Papst Johannes Paul II. an die DBK im November/Dezember 1992

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Inhaltsverzeichnis

Hintergrund

Die deutschen Bischöfe wurden von Papst Johannes Paul II. zu ihrem Ad-limina-Besuch in vier Gruppen im November/Dezember 1992 empfangen: die Bischöfe aus Ostdeutschland, die Bischöfe aus Süddeutschland, die Bischöfe aus Nordwestdeutschland und die Bischöfe aus Südwestdeutschland.

(Quelle: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, Nr. 108. Herausgegeben vom
Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Bonn Novemer/Dezember 1992; auch in: DAS 1992, S. 1061-1090)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Ansprache von Johannes Paul II. an die Bischöfe aus Ostdeutschland am 14. November 1992

(Bistümer Berlin, Dresden-Meißen und Jurisdiktionsbezirke Erfurt-Meiningen, Görlitz, Magdeburg, Schwerin)

Herr Kardinal,
liebe Brüder im Bischofsamt !

1. Mit besonderer Herzlichkeit darf ich Euch zum diesjährigen Ad-limina-Besuch begrüßen. Zum ersten Mal kommt Ihr aus einem freien Land an die Gräber der Apostel.

Über mehr als 50 Jahre hinweg hat die Kirche in den neuen Bundesländern in einer doppelten Diaspora gelebt: während sie bereits über Jahrhunderte eine Minderheit unter anderen Konfessionen dargestellt hatte, galt es die letzten Jahrzehnte, den Glauben an Gott in einem atheistischen Umfeld zu bekennen, das alle Lebensbereiche des Menschen umfaßte: zuerst unter dem nationalsozialistischen Regime, dann unter kommunistischer Herrschaft. Die Christen, besonders die Katholiken, wurden immer mehr in eine Minderheiten- und Außenseitersituation in der Gesellschaft gedrängt.

Nach dem Fall der Mauer wurden die Folgen des Machtmißbrauches in vielfacher Hinsicht deutlich. Es sind nicht in erster Linie die materiellen Schäden und Beeinträchtigungen, unter denen die Bürger Eurer Länder zu leiden haben, sondern es ist vor allem die geistig-seelische Verwilderung und Verelendung, die die Ideologie der kommunistischen Machthaber vor allem bei der Jugend als Erbe hinterlassen hat.

Die Kirche war in jener schweren Zeit darum bemüht, ihre vielfältigen Aufgaben treu zu erfüllen. Dies ist vor allem Eurem mutigen Einsatz zu verdanken, liebe Mitbrüder, aber auch dem Eurer Priester und verantwortlichen Laien. Allen äußeren Widerständen zum Trotz hat die Kirche die Frohe Botschaft vom Gottesreich verkündet, die Menschen durch Wort und Sakrament getröstet, sich der Bedrückten und Verfolgten angenommen und sich so als Zufluchtsort in allen Notlagen erwiesen. Es wäre sicher verfehlt, wollte man die Tätigkeit der Kirche in der damaligen Zeit an ihrem politischen Einfluß messen. Sie ist ihrer gesellschaftlichen Aufgabe gerade deshalb gerecht geworden, weil sie sich mit dem diktatorischen Unrechtssystem nicht arrangiert hat.

Nach der totalen Abschottung des Systems nach dem Westen hin, die durch den Mauerbau äußerlich sichtbar wurde, habt Ihr und Eure Vorgänger unter der weisen Führung der verehrten Kardinäle Alfred Bengsch und Joachim Meisner - wie zuvor schon unter dem unvergessenen Kardinal Julius Döpfner - in konsequenter Weise zu kirchlichen und gesellschaftlichen Fragen Stellung genommen. Die eine Stimme, mit der ihr gesprochen habt, Eure Übereinstimmung in der Beurteilung der Situation und Euer gemeinsames Vorgehen verdienen Anerkennung und Dank. Priester wie Laien haben dem Wort ihrer Hirten Vertrauen schenken können. Wenn Gläubige sogar persönliche und berufliche Nachteile in Kauf nahmen, um konsequent in der Nachfolge Christi zu bleiben, so konnten sie das in dem Bewusstsein tun, dass die Bischöfe ihre Entscheidung mittrugen und sich schützend vor sie stellten.

2. Die Erfahrung einer gelebten "Communio" wird der Kirche auch in den schwierigen Zeiten nach der "Wende" helfen, ihrer Sendung gerecht zu werden. Der Heilige Stuhl hat Euch in Eurer beispielhaften Gemeinsamkeit und Zusammenarbeit der Berliner Ordinarienkonferenz immer bestärkt und wird auch nach der Vereinigung der bei den Bischofskonferenzen dem pastoralen Anliegen in den Euch anvertrauten Jurisdiktionsbezirken mit Wohlwollen begegnen.

Die Wiedervereinigung Deutschlands war für die Menschen ein großes Geschenk. Die gewonnene Freiheit sollte die Klage über noch unerfüllte Wünsche in den Hintergrund treten lassen. Zunächst haben wir alle Gott zu danken, der den Menschen als freies Wesen erschaffen hat und will, dass wir diese Freiheit in der rechten Weise gebrauchen.

"Zur Freiheit hat uns Christus befreit", sagt der Apostel Paulus. "Bleibt daher fest und laßt euch nicht von neuem das Joch der Knechtschaft auflegen" (Gal 5, 1). Wir erleben gegenwärtig, dass der Mißbrauch der Freiheit die Menschen entzweit. Wir machen die schmerzliche Erfahrung, dass ein Leben in Freiheit den Menschen nicht vor extremen Ideen bewahren kann. Der Boden des Vertrauten, des Gewohnten ist ihm entzogen; so wird er anfällig für simplifizierende Parolen, teilweise sogar aggressiv und gewaltbereit.

3. Die Menschen Eurer Heimat - die Christen waren dabei in vorderster Linie - haben 1989 der Weltöffentlichkeit das andere und freiheitliche Deutschland vor Augen gestellt. Liebe Mitbrüder, Ihr müßt Euch dafür einsetzen, dass alles getan wird, um zu verhindern, dass rassistische und nationalistische Tendenzen vor allem bei der Jugend sich ausbreiten und dieses Deutschlandbild gefährden. Auf keinen Fall darf es dazu kommen, dass Christen der Indifferenz und Lethargie verfallen. Dies wäre nicht weniger gefährlich als die Gewalt selbst. Wir würden gefahrvollen Entwicklungen Vorschub leisten, wenn wir nur vor den Methoden, nicht aber ebenso vor den Motiven dieser Art von Menschenrechtsverletzung warnten und sie verurteilten.

4. Damit verbinde ich die eindringliche Bitte, Euch besonders für den Schutz Eurer jüdischen Mitbürger einzusetzen. Entweihungen von Synagogen und Angriffe auf Mahnmale, die den Juden in ihrer leidvollen Geschichte viel bedeuten, können niemals geduldet werden. Die Väter des 11. Vatikanischen Konzils waren sich der besonderen Beziehung der Christen zu den Juden bewusst, als sie in der Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen feststellten: "Da das Christen und Juden gemeinsame Erbe so reich ist, will die Heilige Synode die gegenseitige Kenntnis und Achtung fördern, die vor allem die Frucht biblischer und theologischer Studien sowie des brüderlichen Gespräches ist" (Nostra aetate, Nr. 4). Ihr solltet deshalb dazu beitragen, dass Eure jüdischen Mitbürger nicht mutlos werden und in Eurem Land, das auch ihre Heimat ist, bleiben und am religiösen, kulturellen und wissenschaftlichen Leben weiterhin Anteil nehmen.

5. Gerade in Zeiten wie der heutigen ist eine feste Orientierung notwendig, die den Blick auf die Mitte menschlichen Lebens nicht verliert, damit nicht extreme Strömungen die Überhand gewinnen. Gott muss deshalb der Mittelpunkt der Gemeinschaft eines Volkes bleiben, wenn es nicht in Unmenschlichkeit hinab sinken will.

Das Erbe eines unmenschlichen und unchristlichen Systems kann nicht von heute auf morgen beseitigt werden. Die Gesellschaft wird deshalb noch auf lange Zeit von vielerlei Altlasten bedrückt werden, die erst allmählich abgetragen werden können. Es ist deshalb verständlich, dass in besonderer Weise die Arbeitslosigkeit als einschneidendes soziales Übel erfahren wird, da über Jahrzehnte hinweg die Arbeit als Sinn und Zweck menschlicher Existenz proklamiert wurde. Wo gesellschaftliche Akzeptanz nur durch Arbeit möglich wird, erfährt jedoch das Leben eine wesentliche Einschränkung. Die Folge ist heute eine existentielle Verunsicherung des Menschen sowie eine Verzerrung des Menschenbildes. Ist die Arbeit auch wichtiger Bestandteil der Selbstverwirklichung des Menschen, so wird es entscheidend Eure Aufgabe sein - auch im Hinblick auf eine Neuevangelisierung -, deutlich zu machen, dass der Sinn menschlichen Lebens in erster Linie im Ja zu Gott besteht und dass wir nur in Gott die Fülle des Lebens erlangen.

6. Für die Kirche ist nun die Stunde da, nach allen Seiten die Hand auszustrecken, um allen, die in ihren vielfältigen Nöten und Problemen der Hilfe bedürfen, Rat und Beistand anzubieten. Dies gilt auch gegenüber denen, die schuldig geworden sind und einen neuen Anfang setzen wollen.

Seid gewiss, dass Euer Wirken vom Heiligen Geist begleitet wird, wenn Ihr Euch die Worte zu Herzen nehmt, die die Pastoral konstitution Gaudium et spes des II. Vatikanischen Konzils einleiten: "Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände" (Gaudium et spes, Nr. 1).

Ihr wißt, liebe Mitbrüder, dass der Einigungsprozeß Eures Vaterlandes auch von der Kirche einen entscheidenden Beitrag fordert. Beide Teile, die Kirche sowohl in den alten wie in den neuen Bundesländern, können und sollen voneinander lernen, wie die Kirche in Deutschland überhaupt auch von anderen Teilkirchen lernen kann. Was von der Kirche in den alten Bundesländern in über 40 Jahren an Hilfe geleistet wurde, können Statistiken und Bilanzen nur annähernd wiedergeben. Daran wird immer mit tiefer Dankbarkeit gedacht werden. Nun ist es aber möglich, dass auch die Kirche in den neuen Bundesländern zur Schenkenden wird. Die Erfahrungen einer atheistisch geprägten Umwelt können nämlich auch in der Seelsorge der alten Bundesländer im Blick auf die voranschreitende Säkularisierung fruchtbar werden. Dabei sind Offenheit und die Bereitschaft, voneinander zu lernen, aufeinander zu hören und sich gegenseitig zu verstehen, wichtige Voraussetzungen.

7. Euer pastoraler Dienst wird sich besonders mit Ehe und Familie befassen müssen. Es muss ihre Bedeutung für das Reich Gottes und für die Kirche hervorgehoben werden, wie es das 11. Vatikanische Konzil getan hat:

"Die christlichen Gatten endlich bezeichnen das Geheimnis der Einheit und der fruchtbaren Liebe zwischen Christus und der Kirche und bekommen daran Anteil (vgl. Eph 5,32). Sie fördern sich kraft des Sakramentes der Ehe gegenseitig zur Heiligung durch das eheliche Leben sowie in der Annahme und Erziehung der Kinder und haben so in ihrem Lebensstand und ihrer Ordnung ihre eigene Gabe im Gottesvolk (vgl. 1 Kor 7,7)" (Lumen Gentium, Nr. 11). Das Ehesakrament heiligt die Ehe und die Ehepartner: "So werden die christlichen Gatten in den Pflichten und der Würde ihres Standes durch ein eigenes Sakrament gestärkt und gleichsam geweiht (consecrantur)" (Gaudium et spes, Nr. 48).

Eure Tätigkeit möge dazu beitragen, die Sorge um diesen zentralen Aspekt der Pastoral neu bewusst zu machen. Die Förderung der Familienseelsorge muss immer unser Anliegen sein. Dazu gehört auch eine solide Vorbereitung der Jugendlichen auf Ehe und Familie. Für junge Menschen ist es dabei von entscheidender Wichtigkeit, dass sie von kundigen Erwachsenen zur Zeit ihrer Ausbildung begleitet werden, die ihnen auf Fragen klare und überzeugende Antworten geben können. Ich bin sicher, dass Ihr es nicht daran fehlen laßt, Priester und qualifizierte Laienmitarbeiter für diesen Dienst zu interessieren und vorzubereiten. Erinnert vor allem die Eltern daran, dass es eine von Gott ihnen auferlegte Verpflichtung ist, die christliche Wertordnung durch ihr Wort und ihr Leben ihren Kindern zu vermitteln. Die Familie ist und bleibt der Ort der ersten religiös-sittlichen Erziehung.

Unbeschadet der Ergebnisse der Humanwissenschaften muss aufgezeigt werden, dass der Sinn des Ehesakramentes auf der Heiligen Schrift basiert, die das Lehramt authentisch auslegt. Materialismus, Konsumdenken und egoistisches Streben nach Vergnügen können der Ehe keinen Bestand geben, da sie der in der Ehe geforderten gegenseitigen Hingabe diametral entgegengesetzt sind. Ein von Verantwortung getragenes christliches Ehe- und Familienleben gründet im letzten durch seine sakramentale Weihe im Geheimnis des dreifaltigen Gottes und der mystischen Verbindung von Christus und Kirche. Bei dieser Gelegenheit sei allen, die in den diözesanen Einrichtungen für die Ehe- und Familienpastoral tätig sind, ein herzliches Wort des Dankes und der Ermunterung gesagt.

Eure Sorge muss auch den Mitchristen gelten, die in einer ungeregelten Beziehung leben. Sie bedürfen ebenso der Hilfe und liebevollen Zuwendung der Kirche. Dazu gehören auch die Geschiedenen, die sich zivil wiederverheiratet haben, wie ich dies bereits im Apostolischen Schreiben Familiaris consortio (Nr. 79-84) betont habe. Sie sind getaufte Christen; es ist unsere Pflicht, ihnen unsere pastorale Sorge angedeihen zu lassen innerhalb des vom kirchlichen Lehramt und vom kanonischen Recht festgelegten Rahmens.

8. Während sich die Liebe zwischen den Partnern auf Ehe und Familie bezieht, kennzeichnet die Ehelosigkeit die liebende Verfügbarkeit des Menschen, der sich ganz in den Dienst des Reiches Gottes und seiner Mitmenschen stellt. Von daher ist auch die priesterliche Ehelosigkeit zu verstehen. Die Väter des 11. Vatikanischen Konzils legen im Dekret über Dienst und Leben der Priester ausdrücklich dar: "Die Kirche hat die vollkommene und ständige Enthaltsamkeit um des Himmelreiches willen, die von Christus dem Herrn empfohlen, in allen Jahrhunderten bis heute von nicht wenigen Gläubigen gern angenommen und lobenswert geübt worden ist, besonders im Hinblick auf das priesterliche Leben immer hoch eingeschätzt. Ist sie doch ein Zeichen und zugleich ein Antrieb der Hirtenliebe und ein besonderer Quell geistlicher Fruchtbarkeit in der Welt" (Presbyterorum ordinis, Nr. 16).

Die Tatsache, dass eine Gesellschaft, die weithin nicht mehr von christlichen Wertvorstellungen geprägt ist, der Sexualität und folglich auch der Keuschheit einen veränderten Stellenwert zuordnet, der der christlichen Ehe und der priesterlichen Ehelosigkeit kaum noch Rechnung trägt, darf uns keineswegs entmutigen, noch unseren eingegangenen Verpflichtungen untreu werden lassen. Ehe- und Zölibatskrise hat als Letztursache den allgemeinen Glaubensschwund, der sich bei jungen Menschen als Orientierungsschwäche und Bindungsmüdigkeit auswirkt.

Der Verständniszugang zur Ehelosigkeit des Priesters läßt sich nur durch das Leben aller drei evangelischen Räte als Wesenszug priesterlicher Existenz erreichen: Armut und Gehorsam gehören unabdingbar zur Ehelosigkeit. Sie müssen stellvertretend für die ganze Kirche gelebt werden. In der Tat erinnert auch das nachsynodale Apostolische Schreiben Pastores dabo vobis daran, dass "bevorzugter Ausdruck" der Radikalität des Evangeliums "die verschiedenen ,evangelischen Räte'" sind, "die Jesus in der Bergpredigt vorschlägt (vgl. Mt 5-7); unter diesen Räten sind die Lebenshaltungen von Gehorsam, Keuschheit und Armut eng miteinander verbunden: Der Priester ist berufen, sie entsprechend jenen Bedingungen und Zielsetzungen und gemäß jenen ursprünglichen Sinngehalten zu leben, die Quelle und Ausdruck der ihm eigenen Identität sind" (Nr. 27). Aus der tiefen Einsicht in diese vom Herrn selbst so deutlich herausgehobene Lebensgrundlage für den Dienst in seiner Nachfolge haben die Synodenväter, wie ich in demselben Dokument ausgeführt habe, klar festgelegt: "Die Synode will bei niemandem den geringsten Zweifel an der festen Entschlossenheit der Kirche aufkommen lassen, an dem Gesetz festzuhalten, das den zur Priesterweihe nach dem lateinischen Ritus ausersehenen Kandidaten den frei gewählten, ständigen Zölibat auferlegt. ... Die Synode drängt darauf, dass der Zölibat in seinem vollen biblischen, theologischen und spirituellen Reichtum dargestellt und erläutert wird, nämlich als kost-bares Geschenk Gottes an seine Kirche und als Zeichen des Reiches, das nicht von dieser Welt ist, Zeichen der Liebe Gottes zu dieser Welt sowie der ungeteilten Liebe des Priesters zu Gott und zum Volk Gottes, so dass der Zölibat als positive Bereicherung des Priestertums angesehen werden kann" (Nr. 29). Es geht also um die persönliche Gottesbegegnung im Glauben, um die verbindliche Annahme der Botschaft Gottes. Bei Priesteramtskandidaten bedarf es daher einer soliden theologischen und spirituellen Vorbereitung.

Lasst Euch durch nichts in Eurem Bemühen entmutigen, bei der Zulassung zu den heiligen Weihen eine strenge Auswahl zu treffen. Nicht die Zahl, sondern die Qualität ist entscheidend. Gott ruft durch seine Kirche. Andererseits bedarf es jedoch des inständigen Gebetes der Gläubigen: "Bittet den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden" (Mt 9,38). Gott hat die Macht, das Erbetene zu geben und die, die er berufen hat, im Alltag ihres priesterlichen Dienstes zu tragen.

In diesem Zusammenhang möchte ich für den Brief danken, den die deutschen Bischöfe an ihre Priester gerichtet haben, um sie in ihrem Dienst und in ihren Verpflichtungen zu bestärken und zu ermutigen.

Der Zölibat ist eine Gabe des liebenden Gottes an seine Kirche, und das Festhalten daran ist eine Frage der Liebe und Treue. Auch wenn im bürgerlichen Leben die Relativierung von Werten weit fortgeschritten sein mag, bedeutet dies noch nicht, dass diese Werte selbst sinnlos geworden sind. Wie die Ehepartner sich ständig neu um die Erhaltung der ersten Liebe und ihrer Treue mühen müssen, muss auch der Priester stets seine Treue erneuern. Ein Rückbezug auf die Berufung durch Gott ist dabei unverzichtbar.

9. Es ist gerade für Euch, liebe Mitbrüder, in den neuen Bundesländern von Wichtigkeit, den Priestern in einem weitgehend atheistisch gewordenen Umfeld tröstend und bestärkend zur Seite zu stehen. Darf ich Euch auch in diesem Zusammenhang bitten, Euren Priestern, die über Jahrzehnte unter schwierigen Bedingungen in Treue zum Nachfolger Petri und zu ihrem Bischof gestanden sind und ihren Dienst verrichtet haben, meinen aufrichtigen Dank und meine Anerkennung auszusprechen.

In einem politischen System, das die Unwahrheit zu einem Prinzip des Handeins erhoben hatte, war es entscheidend, dass die Bischöfe und Priester der Versuchung zur Gruppenkonformität und damit gegen die Wahrheit widerstanden haben. Die Erziehung zur Wahrheit muss auch unter veränderten politischen Vorzeichen ein wesentliches Element der Priesterausbildung bleiben. Die Wahrheit kann zwar unangenehm und unbequem sein; sie ist es aber, die frei macht.

Zur Priesterausbildung gehört auch die Bildung in jenen Tugenden, ohne die ein Presbyterium auf Dauer nicht lebens- und wirkungsfähig ist. Es ist deshalb vor allem wichtig, die Priesteramtskandidaten in den Tugenden des Versöhnens, des Vergebens und Vergessens, der Großherzigkeit und des Ertragens zu bilden.

Die Möglichkeit einer theologischen Fakultät sollte auch dahingehend genutzt werden, den interdisziplinären Dialog mit Human- und Naturwissenschaften neu und unbelastet von der Vergangenheit führen zu können.

10. Eine besondere Würdigung verdienen die karitativen Einrichtungen in Euren Diözesen und Jurisdiktionsbezirken. Bereits in den vergangenen Jahrzehnten war, wenn auch unter erschwerten Bedingungen, die Errichtung von katholischen Krankenhäusern, Alten- und Behindertenheimen sowie Kindergärten und Kinderheimen möglich. Die Aufrechterhaltung dieser Einrichtungen wurde durch den Idealismus treuer Mitarbeiter und die unauffällige Unterstützung aus dem Westen gewährleistet. Gott möge allen ihre große Opferbereitschaft vergelten.

Mit dem raschen Aufbau von Sozialstationen und anderen karitativen Einrichtungen hat die Kirche nach der Wende ein hervorragendes Beispiel unbürokratischer und rascher Hilfe gegeben.

11. Euer Engagement im sozialen Bereich wie auch in der Militärseelsorge und auf dem schulischen Sektor sollte immer im Rahmen einer wünschenswerten Zusammenarbeit mit den evangelischen Kirchen gesehen werden. Im Bewusstsein, dass sich die katholische Kirche ebenso wie die evangelischen kirchlichen Gemeinschaften in einer Minderheitensituation befindet, müßt Ihr gemeinsam die Bereitschaft zeigen, christliche Wertvorstellungen einzubringen. Die Gründung von katholischen Schulen darf nicht als ein Versuch der Konfessionalisierung betrachtet werden; das Ziel ist vielmehr, das Christentum in einer weitgehend atheistischen Umwelt erneut präsent zu machen. Im übrigen sind katholische Schulen keineswegs anti-ökumenisch, sondern auch für sie gelten die im Dekret des 11. Vatikanischen Konzils über den Ökumenismus aufgestellten Grundsätze.

Haltet fest an der ökumenischen Zusammenarbeit! Die gemeinsamen Anliegen sind es wert, über momentane und lokal begrenzte Schwierigkeiten hinwegzusehen und die großen gemeinsamen Aufgaben im Auge zu behalten.

12. Liebe Mitbrüder im Bischofsamt, am Ende unserer Gespräche ist es mir ein Anliegen, Euch meiner Unterstützung für all Eure Bemühungen zu versichern. Im Wissen um Eure nicht leichte Aufgabe bitte ich den Herrn, Euch mit seiner Freude und seinem Geist zu erfüllen, damit Ihr den Menschen jene Nahrung geben könnt, derer sie dringend bedürfen: die Wahrheit Christi, die Ihr verkündet. So werdet Ihr die Menschen erfahren lassen, dass Christus sie zur Freiheit befreit hat.

Ich bitte Euch, alle Priester, Diakone, Ordensleute und Laien in Euren Diözesen und Jurisdiktionsbezirken sehr herzlich zu grüßen und sie in meinem Namen für die Aufgabe zu ermutigen, Heil und Hoffnung in die Welt zu bringen, in der wir leben. Ich vertraue Euch dem Schutz der Mutter Gottes und der Heiligen Eurer Diözesen an und erteile Euch von Herzen meinen besonderen Apostolischen Segen.

Weblink

Ansprache des Heiligen Vaters an die Bischöfe aus Süddeutschland am 4. Dezember 1992

(Erzbistümer München und Freising, Bamberg und Bistümer Augsburg, Eichstätt, Passau, Regensburg, Speyer, Würzburg)

Lieber Herrerr Kardinal,
liebe Brüder im Bischofsamt !

1. Mit großer Freude heiße ich Euch, die Hirten der bei den bayerischen Kirchenprovinzen, zu Eurem diesjährigen Ad-limina-Besuch willkommen. Der Aufenthalt an den Gräbern der Apostelfürsten stellt nicht in erster Linie eine formale Erfüllung der Verwaltungs- und Rechtsverpflichtungen Eures Amtes dar; Eure Anwesenheit ist vielmehr das sichtbare Zeichen echter Brüderlichkeit und Verbundenheit in der Liebe zu Christus, dem obersten Hirten (vgl. 1 Petr 5,4), der auch weiterhin seine Stellvertreter und Botschafter sendet, "damit sie in Teilhabe an seiner Gewalt alle Völker zu seinen Jüngern machten und sie heiligten und leiteten" (Lumen Gentium, Nr. 19).

2. Über das Bischofsamt und die Sendung der Bischöfe hat das Zweite Vatikanische Konzil unter anderem folgendes ausgesagt: "Die Bischöfe, die den Teilkirchen vorstehen, üben als einzelne ihr Hirtenamt über den ihnen anvertrauten Anteil des Gottesvolkes, nicht über andere Kirchen und nicht über die Gesamtkirche aus" (Lumen Gentium, Nr. 23). Dem Diözesanbischof stehen nicht selten Auxiliarbischöfe zur Seite, weil er "wegen der zu großen Ausdehnung der Diözese oder der zu großen Zahl der Bewohner, wegen besonderer Seelsorgsbedingungen oder aus verschiedenartigen anderen Gründen nicht selbst allen bischöflichen Obliegenheiten nachkommen kann, wie es das Heil der Seelen erfordert" (Christus Dominus, Nr. 25).

Die Verleihung der kanonischen Sendung erfolgt nicht nur zum Wohl einer Ortskirche, sondern zum Wohl der ganzen Kirche. Es gehört zum Wesen des Bischofsamtes, dass die kanonische Sendung in die universale Sendung eingebunden und allen mit dem Papst verbundenen Bischöfen gemein ist. Jede TejlkÜche lebt aus der Gesamtkirche, der fundamentalen Wirklichkeit der Kirche. Ordnung und Einheit der Kirche erfordern, dass die Amtsgewalt der Bischöfe in enger Verbindung mit der Autorität des Papstes ausgeübt wird: "Die einzelnen Bischöfe, denen die Sorge für eine Teilkirche anvertraut ist, weiden unter der Autorität des Papstes als deren eigentliche, ordentliche und unmittelbare Hirten ihre Schafe im Namen des Herrn, indem sie ihre Aufgabe, zu lehren, zu heiligen und zu leiten an ihnen ausüben" (Christus Dominus, Nr. 11).

3. In der Erfüllung Eurer Aufgaben begegnet Ihr stets einer konkreten gesellschaftlichen Situation. Angesichts der Euch aus Eurem Amt erwachsenen Verantwortung gilt immer, was die Apostel Petrus und Johannes vor dem Hohen Rat sagten: "Ob es vor Gott recht ist, mehr auf euch zu hören als auf Gott, das entscheidet selbst. Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben" (Apg 4,19-20).

Eine der dringenden Aufgaben des obersten Lehramtes und Eures eigenen bischöflichen Wirkens besteht darin, eine wirklich katholische Ekklesiologie auf allen Ebenen und in allen Bereichen des kirchlichen Lebens überzeugend darzustellen. Die diözesanen und pfarrlichen Strukturen und Tätigkeiten sowie die verschiedenen Verbände müssen von einem wirklichen Verständnis für das wahre Wesen der Kirche durchdrungen und von echter Liebe zur Kirche erfüllt sein.

Das kirchliche Leben ist in Euren Diözesen im ganzen betrachtet lebendig. Vier Bistümer weisen den höchsten Prozentsatz an sonntäglichen Gottesdienstbesuchern in Deutschland auf. Delhalb gilt mein Dank Euch, liebe Mitbrüder, Euren Priestern, Ordensleuten und Laien für die unermüdliche Tätigkeit am Aufbau des Leibes Christi. Zugleich aber bitte ich Euch, Eure Priester und Gläubigen immer wieder zu ermutigen, sich nicht dem Zeitgeist anzupassen. Ein gewisser Gegensatz zu den in der Gesellschaft gängigen Vorstellungen und Verhaltensweisen wird die aus dem Evangelium lebenden Christen immer charakterisieren (vgl. loh 15,18- 19; 17,14-16). Zwischen Kirche und Gesamtgesellschaft bestehende spannungsgeladene Unterschiede können nicht durch Differenzieren und Paktieren überbrückt werden, auch wenn dabei theologisch argumentiert wird. Die Folge wäre, dass die Kirche an innerer Glaubwürdigkeit einbüßen und schließlich an Gewicht und Ansehen innerhalb der Gesellschaft verlieren würde. Einige befürchten, die Kirche in Deutschland könne auf die Ebene einer unbedeutenden Sekte absinken, wenn sie den gesellschaftlichen Trends im Land zu sehr widerspreche. Diese Besorgnis läßt aber die Tatsache außer acht, dass die Kirche nur dann zu einer Sekte wird, wenn sie nur noch bestimmte Segmente des depositum fidei verkündet und auf die Fülle der Glaubenstradition zugunsten der Anpassung an den Zeitgeist verzichtet.

Viele Menschen sind heute nicht zuletzt infolge der vierzigjährigen atheistisch-kommunistischen Propaganda dem christlichen Glauben entfremdet. Nach dem Zusammenbruch der ideologischen Konstruktion des Marxismus-Leninismus ist in den ehemals kommunistischen Ländern nicht nur ein Orientierungs verlust zu beobachten, sondern auch eine weit verbreitete Anhänglichkeit an individualistische und egoistische Ordnungen, wie sie im Westen praktiziert wurden und werden. Solche Ordnungen können dem Menschen letztlich keinen Sinn des Lebens vermitteln und keine Hoffnung geben. Allenfalls können sie ihn momentan mit dem zufriedensteIlen, was er als individuelle Erfüllung begreift. In einer Welt, in der nichts mehr wirklich wichtig ist, in der man tun kann, was man will, besteht die Gefahr, dass Prinzipien, Wahrheiten und Werte, die in Jahrhunderten mühsam erworben wurden, auf die Müllhalde eines übertriebenen Liberalismus gekippt werden.

Auf diesem Hintergrund sind Versuche zu deuten, die den Glauben und damit die Kirche psychologisieren und demokratisieren wollen. Das Empfinden für das Transzendente wird weitgehend verschüttet, und das mysterium crucis stößt auf Unverständnis.

4. Demokratische Strukturen und Prinzipien sowie marktwirtschaftliche Systeme sind letztlich nur Mittel und Mechanismen für ein gut funktionierendes Zusammenleben, sie sind aber nicht Selbstzweck. Die Menschen suchen mehr; und ich bitte Euch, ihnen diesen Weg der Sehnsucht nach etwas ganz anderem, das ihnen Bestimmung gibt, zu weisen. Helft ihnen auf ihrer Suche nach dem Transzendenten!

Für das kirchliche Leben bedeutet dies, dass es auf den Wahrheiten des Glaubens gründen muss, dass es Christus und der Botschaft des Evangeliums treu bleiben muss, wenn wir den Gliedern der Kirche wirklich helfen wollen, die sich inmitten einer Gesellschaft befinden, die dazu neigt, alle Lebensbereiche zu relativieren und zu säkularisieren. Nur auf einer soliden Grundlage können die Christen ihre Verantwortung im kulturellen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen Leben wahrnehmen. Achtet vor allem darauf, dass nicht "Werte" gepredigt werden, die zwar mehrheitsfähig sind, die aber die wahre Natur des Evangeliums als "Kraft Gottes, die jeden rettet" (Röm 1,16), verdunkeln können. Ermuntert Eure Priester, den Glauben so zu vermitteln, dass die Menschen spüren, dass der Priester sich voll und ganz mit dem identifiziert, was er sagt und tut.

5. Auf dem zuvor dargestellten Hintergrund wird auch die Dringlichkeit der Neuevangelisierung deutlich. Die Kirche muss wieder "Salz der Erde" und "Licht der Welt" (Mt 5,13) werden.

Als ich Euch, liebe Mitbrüder, in den vergangenen Tagen persönlich begegnet bin, wurde mir klar, wie stark in Euch der apostolische Eifer ist. Er ist verbunden mit einer wachen Sorge für das christliche Volk Bayerns und der Diözese Speyer, an das ich nach meinen bei den Pastoralbesuchen eine dankbare Erinnerung habe.

Die Neuevangelisierung beginnt mit der klaren und nachdrücklichen Verkündigung des Evangeliums, das sich an jeden Menschen wendet. Dabei ist es notwendig, in den Gläubigen die volle Verbundenheit mit Christus, dem einzigen Erlöser der Menschen, wieder zu wecken. Nur aus einer persönlichen Verbundenheit mit Jesus kann sich eine wirksame Evangelisierung entfalten. Kirchen mit einer großen Tradition wie die Euren sind aufgerufen, die Heilsbotschaft allen neu zu bringen, die dem Glauben fernstehen oder sich von der christlichen Praxis entfernt haben.

Das Bild des Evangeliums von der Stadt, die nicht verborgen bleiben kann, weil sie auf einem Berg liegt, und von dem Licht, das allen im Hause leuchten soll (vgl. Mt 5,14-16), möge Euch gleichsam als Leitfaden bei Eurer pastoralen Arbeit dienen. Die Offenheit gegenüber der großen Tradition der Kirche und die Sorge, die Glaubens- und Pastorallehre des 11. Vatikanischen Konzils immer tiefer ins Leben Eurer Diözesen eindringen zu lassen, werden dabei die Hauptakzente bilden. Vertrauen wir in allem auch auf die Gnade Gottes und das Wirken seines Geistes.

Die Adventszeit lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die entscheidende Bedeutung des Kommens Christi in die Welt. Jesus ist für uns Mensch geworden. Er ist auch in der Welt von heute gegenwärtig und wirkt durch die Kraft seines Geistes im Herzen der Menschen, um sie für die Aufnahme der Heilsbotschaft zu bereiten.

6. Im Rahmen der Neuevangelisierung kommt auch dem Religionsunterricht in den Schulen Eures Landes eine herausragende Bedeutung zu. Als ordentliches Lehrfach ist er durch das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland wie in kaum einem anderen Land geschützt. Es ist daher besonders zu würdigen, dass mit dem Religionsunterricht in Deutschland ein Einvernehmen erzielt wurde hinsichtlich der Verantwortung der Kirche für die Glaubensvermittlung und den allgemeinen Bildungsaufgaben von Staat und Gesellschaft.

Für viele junge Menschen ist der Religionsunterricht heute der einzige Ort, wo sie der Botschaft des Glaubens begegnen und am Leben der Kirche über eine verhältnismäßig lange Zeitspanne hin regelmäßig teilhaben können. Hier bietet sich eine große Chance, verbunden mit der ernsten Verpflichtung für alle Verantwortlichen, am Auf- und Ausbau des Religionsunterrichtes mitzuwirken, um ihn attraktiv zu gestalten und ihm seinen festen Platz im Lehrplan zu sichern.

Anerkennend ist auch hervorzuheben, dass sich die Religionslehrerinnen und -lehrer im Rahmen ihres Dienstes für die Kirche, sei es in den Verbänden, sei es durch eigene Initiativen, die Verlebendigung des Glaubens angelegen sein lassen und sie mit großem Engagement in die Tat umsetzen. Dies zeigt sich vor allem in den zunehmenden Bemühungen um die Ausgestaltung der Schulseelsorge und für die Weiterbildung der Lehrkräfte; es wird auch besonders deutlich im Selbstbewusstsein der katholischen Privatschulen mit ihrer konkurrierenden und damit motivierenden Kraft im Schulsystem Eures Landes.

Der Bereich der Schule ist jedoch ebenso ein Abbild dessen, was ich zuvor über die Situation des Glaubens und der Rolle der Kirche im gesamtgesellschaftlichen Bereich gesagt habe. Die Säkularisierung aller Lebensbereiche und die Privatisierung des Religiösen macht auch vor der Schule nicht halt. Der Verlust an Transzendenz, ein gewandeltes Wertebewusstsein sowie die wachsende Indifferenz gegenüber Glaube und Kirche sind nur einige Phänomene, die das Umfeld der Schule und die Arbeitswelt der Religionslehrer nachdrücklich bestimmen. Dadurch wird der Religionsunterricht gewissermaßen zum vorgeschobenen Außenposten einer pluralistischen Gesellschaft.

7. Der Religionsunterricht ist in Eurer Verfassung als konfessioneller verankert und abgesichert. Er soll auch in Zukunft von den christlichen Konfessionen getragen und verantwortet werden, denn er lebt und findet seine existentielle Bezeugung aus dem Engagement konkreter Gemeinden und will zugleich in sie hineinführen. In diesem Zusammenhang möchte ich ausdrücklich an die von den Teilnehmern des internationalen römischen Symposions zum Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen in Europa im April 1991 verabschiedete Erklärung erinnern. Darin wird festgestellt, dass "der konfessionelle Religionsunterricht die beste Form" zur Verwirklichung der religiösen Dimension in der schulischen Erziehung und "deshalb zu Recht ein fester Bestandteil des europäischen Schulwesens darstellt". Verfolgt daher den bisherigen Weg mutig weiter, und versucht auch in Zukunft, die Eigenständigkeit des katholischen Religionsunterrichtes mit der Bereitschaft zur ökumenischen Verständigung und dem unermüdlichen Einsatz für die Belange der Schule in der Gesellschaft zu verbinden. Es sind weniger unsere evangelischen Brüder und Schwestern, die am Prinzip der Konfessionsgebundenheit des Religionsunterrichtes rütteln; die Ablehnung des Konfessionsprinzips ist vielmehr auf eine alte und immer wieder neu auflebende Strategie einer "AntiEvangelisierung" zurückzuführen. Denn der Religionsunterricht leistet einen entscheidenden Beitrag zu einer umfassenden Erziehung der Jugend. Er beharrt dort auf unverzichtbaren Werten, wo sich die menschliche Ratio sonst überschätzt oder wo ein übersteigerter Individualismus und eine konsum orientierte Lebensweise die Oberhand gewinnen könnten. Er bildet ein Gegengewicht zur Selbstverwirklichung des einzelnen auf Kosten anderer, wo es um die Gesamtentfaltung der menschlichen Person und das Wohl der Gemeinschaft unter Einschluss der Öffnung auf das Absolute, auf Gott hin geht (vgl. Paul VI., Apostolisches Schreiben Evangelii nuntiandi, Nr. 33-34). Schließlich ermöglicht es der Religionsunterricht durch das von ihm vermittelte Gottes- und Menschenbild, die neu aufkommenden Ersatzgötter und Ersatzreligionen, vom Okkultismus bis hin zum menschenverachtenden Nationalismus und Rassismus, klar zu erkennen und sich davon zu distanzieren.

Mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgen wir die Entwicklung in den Ländern Mittel- und Osteuropas, die bis vor kurzem unter kommunistischer Macht standen und den Eltern und Kindern das Recht auf eine religiöse Erziehung in der Schule vorenthielten. Mit Genugtuung sehen wir die Bemühungen, die darauf abzielen, den Religionsunterricht auch in diesen Ländern in den Lehrplan der Schulen aufzunehmen. Zugleich verbinde ich damit die Bitte, hierbei nach Kräften mitzuwirken und Eure Mitbrüder in den neuen Bundesländern beim Aufbau des Erziehungswesens und des schulischen Religionsunterrichtes zu unterstützen.

8. Wirkung und Erfolg des Religionsunterrichtes hängen entscheidend von den Professoren an den Universitäten und Hochschulen ab, die die Religionslehrer ausbilden. Liebe Mitbrüder, achtet darauf, dass das gesamte Glaubensgut unverkürzt und im Einklang mit dem kirchlichen Lehramt vermittelt wird.

In Dankbarkeit blicken wir auf die Frauen und Männer, die den in der heutigen Zeit nicht leichten Dienst des Lehrens an den verschiedenen Schulformen wahrnehmen. Deshalb ermuntere ich Euch, der großen Zahl katholischer Religionslehrerinnen und -lehrer auch weiterhin Eure besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden, ein offenes Ohr für ihre Sorgen und Anliegen zu haben und sie in ihrem geistlichen Leben und in ihrer Treue zur Kirche zu stärken. Bemüht Euch aber auch um den Aufbau eines vertrauensvollen Verhältnisses zwischen Lehrerinnen und Lehrern und den Geistlichen in den Pfarrgemeinden, damit der Religionsunterricht und die Gemeindekatechese sich wirkungsvoll ergänzen.

9. Die Vorstellung des neuen Weltkatechismus der katholischen Kirche ist ein Ereignis von historischer Tragweite; er will sich in den Dienst der Glaubenserneuerung und der Neuevangelisierung stellen und ist in den vom 11. Vatikanischen Konzil vorgezeichneten Rahmen einzuordnen. Helft mit, liebe Mitbrüder, dass der Weltkatechismus auch in Eurem Land eine gute Aufnahme findet.

Die Antwort auf die Sehnsucht des Menschen nach Gott war die eigentliche Intention für das Entstehen des Katechismus. Er will dabei nicht nur die Katholiken ansprechen, sondern alle Menschen, die im Leben nach Orientierung suchen. Außerdem sollte das Glaubensgut der Kirche möglichst in seiner Gesamtheit dargestellt werden. Vor allem junge Menschen sollen dem Leben und den Ideologien unserer Zeit nicht hilflos und sprachlos gegenüberstehen, sondern in der Begegnung mit der Person und der Botschaft Jesu Christi Maßstäbe zu einem Gelingen des Lebens erhalten.

10. Der neue Weltkatechismus wird auch für die außerschulische Katechese von Wichtigkeit sein. Im allgemeinen geschieht in den Pfarreien die Vorbereitung auf die Erstbeichte, Erstkommunion und Firmung. Dabei darf es an der notwendigen Beratung und Begleitung der in der katechetischen Unterweisung wirkenden Laien von seiten des Pfarrers nicht fehlen. Ein noch stärkeres Augenmerk als bisher wird auf die Jugend- und Erwachsenenkatechese zu richten sein. Dabei ist es wichtig, "dass Katechese für Kinder und Jugendliche, ständige Katechese und Erwachsenenkatechese keine beziehungslos gegeneinander abgeschlossenen Bereiche sind. Noch weniger darf ein Bruch zwischen ihnen bestehen. Man muss sich im Gegenteil dafür einsetzen, dass sie sich vollkommen ergänzen: die Erwachsenen haben den Jugendlichen und Kindern in der Katechese viel zu geben, sie können von diesen aber auch viel zum Wachstum ihres eigenen christlichen Lebens empfangen" (Apostolisches Schreiben Catechesi tradendae, Nr. 45).

Angesichts weitgehender religiöser Indifferenz und Ignoranz, die die heutige Gesellschaft kennzeichnen, reichen gelegentliche und fragmentarische Initiativen der außerschulischen Katechese natürlich nicht mehr aus. Wir müssen uns um eine systematische Formung und Anleitung der Getauften bemühen, um den Glauben neu zu beleben und ihn im Zeugnis des christlichen Lebens umzusetzen. Dies wiederum setzt verantwortungs bewusste Laien voraus, deren Ausbildung eine Priorität der heutigen Pastoral sein muss.

11. Einen weiteren Aspekt Eures bischöflichen Dienstes möchte ich hier kurz ansprechen, nämlich die wichtige Frage der Ökumene und die Notwendigkeit, den eingeschlagenen Weg zur Einheit fortzusetzen.

Das ökumenische Engagement des deutschen Episkopats kann in vielerlei Hinsicht als vorbildlich betrachtet werden. Unser Mitbruder Paul-Werner Scheele ist seit 1985 Co-Präsident der Internationalen Lutherisch-Katholischen Dialogkommission. Herrn Kardinal Friedrich Wetter und unserem Mitbruder Franz-Xaver Eder ist der Dialog mit der Orthodoxie ein besonderes Anliegen. In diesem Zusammenhang darf ich Euch ausdrücklich ermuntern, die Begegnungen zwischen der russisch-orthodoxen Kirche und der Deutschen Bischofskonferenz in Zusammenarbeit mit dem Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen fortzusetzen.

Die ökumenischen Gespräche bewegen sich in Deutschland auch deshalb auf einem hohen Niveau, weil stets auf qualifizierte Berater im universitären Bereich und in den ökumenischen Forschungsinstituten zurückgegriffen werden kann. Deutsche Professoren arbeiten in den internationalen Dialogkommissionen mit. Besonders erwähnen möchte ich die Leistung des Johann-Adam-Möhler-Institutes in Paderborn sowie das Ostkirchliche Institut in Regensburg, das in den vergangenen 20 Jahren 200 Stipendiaten aus verschiedenen orthodoxen Kirchen ein Theologiestudium ermöglicht hat.

Zwischen dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz besteht seit 1968 das sogenannte Kontaktgespräch. Die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands und die Deutsche Bischofskonferenz haben 1976 eine gemeinsame Dialogkommission gebildet, um dem internationalen Dialog auf deutscher Ebene neue, konkrete Impulse zu geben.

Es verdient ferner Anerkennung, dass in allen Diözesen Ökumenekommissionen bereits bestehen und in den vergangenen Jahren wertvolle Beiträge zur ökumenischen Arbeit in den Gemeinden veröffentlicht wurden.

Bemüht Euch auch, liebe Mitbrüder, dafür Sorge zu tragen, dass die bestehenden Normen, die die Interkommunion betreffen und Zeit und Ort ökumenischer Gottesdienste regeln, gewissenhaft eingehalten werden. Ökumenismus ist nicht nur ein Anliegen der Kirchenleitung, es gehört dazu auch der Dialog auf der Ebene der Gläubigen. Möge Gott weiter allen Christen in Deutschland die Bereitschaft zu einem aus dem Evangelium gespeisten gegenseitigen Vertrauen und der Achtung voreinander schenken, damit sie ein immer wirkungsvolleres Zeugnis des Dienstes an der Heilssendung Christi geben.

12. Liebe Mitbrüder im Bischofsamt! Mein Vorgänger Benedikt XV. bestätigte am 26. April 1916, in der schweren Zeit des Ersten Weltkrieges, für die Gottesmutter offiziell den Titel "Patrona Bavariae", der in der Volksfrömmigkeit bereits seit drei Jahrhunderten fest verankert war. Maria, die Mutter des Herrn, die in Bayern überall verehrt wird, möge alle Menschen unter ihren Schutz nehmen. Sie geleite Euch in dieser schwierigen Zeit auf Eurem Weg zu neuen apostolischen Aufgaben. Die Heiligen, die aus Eurer Heimat stammen, sowie Eure Diözesanpatrone mögen Euch beistehen. Es begleite Euch mein Apostolischer Segen, den ich gern allen Gläubigen Eurer Diözesen erteile.

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Ansprache von Johannes Paul II. an die Bischöfe aus Nordwestdeutschland 14. Dezember 1992

(Erzbistümer Köln, Paderborn und Bistümer Aachen, Essen, Hildesheim, Münster, Osnabrück)

Lieber Herr Kardinal,
liebe Brüder im Bischofsamt !

1. Zu Eurem Besuch im Hause des Bischofs von Rom heiße ich Euch, die Ihr für die Pastoral in den Diözesen im Norden und Westen Deutschlands Verantwortung tragt, herzlich willkommen. Einige von Euch darf ich zu ihrem ersten Ad-limina-Besuch besonders begrüßen: unseren lieben Kardinal Meisner als Erzbischof von Köln in der Nachfolge des unvergessenen Kardinals Josef Höffner und unseren Mitbruder Hubert Luthe, der als zweiter Bischof von Essen die Leitung des Ruhrbistums als Nachfolger von Kardinal Franz Hengsbach übernommen hat. Herrn Kardinal Meisner danke ich für seine Worte, mit denen er einen Einblick in die Lage Eurer Region und in die Sorgen, die Euch belasten, vermittelt hat. Das vornehmste Ziel Eures Besuches, der Euch zu den Gräbern der Apostelfürsten Petrus und Paulus führt, ist, die Gnade Eures Bischofsamtes neu zu beleben. Es ist für mich als Nachfolger des heiligen Petrus eine edle Aufgabe, Euch in Eurem apostolischen Amt zu bestärken.

Eure Region verfügt über ein wertvolles und reiches christliches Erbe. Dies durfte ich während meiner beiden Pastoralbesuche in Deutschland selbst erfahren. Ihr habt bei unseren Gesprächen mit großer Offenheit die Gesamtheit der Schwierigkeiten im pastoralen Bereich benannt. Sie sind symptomatisch für die fortschreitende Säkularisierung, die Euer christliches Erbe immer mehr in den Hintergrund zu drängen droht. Wenn auch die Gläubigen sich dadurch nicht selten entmutigen lassen, hat sich dennoch vielerorts ein lebendiges Gemeindeleben bewahrt. Es gibt Zeichen der Hoffnung; Eure pastoralen Anstrengungen sind nicht vergebens. Laßt Euch auch in Zukunft nicht entmutigen, sondern setzt Eure Arbeit zusammen mit Euren Priestern, Diakonen, Ordensleuten und verantwortlichen Laien fort! Übermittelt ihnen den Ausdruck meines Vertrauens und die Zusicherung, dass ich um ihre Sorgen weiß und sie im Gebet vor den Herrn trage.

2. In der Ausübung Eures Amtes als Hirten des Volkes Gottes wird es entscheidend sein, die Bedeutung der Eucharistie als Quelle unserer Kraft immer wieder'ins Bewusstsein zu rufen. Im Gottesdienst der Gemeinde erfüllen nicht nur die Priester ihre Aufgabe und erleben ihn als die Mitte ihrer priesterlichen Existenz, sondern auch die übrigen Glieder der Kirche haben hier ihren Ort. Die volle und aktive Teilnahme an der heiligen Liturgie ist "die erste und unentbehrliche Quelle, aus der die Christen wahrhaft christlichen Geist schöpfen sollen" (Sacrosanctum Concilium, Nr. 14). Sorgt dafür, dass in den Gemeinden der Sinn für das Mysterium erhalten bleibt oder wieder neu belebt wird. Es ist Eure Aufgabe, über die würdige Gestaltung der Gottesdienste in Euren Gemeinden zu wachen. Niemand, "auch wenn er Priester ist, darf nach eigenem Gutdünken in der Liturgie etwas hinzufügen, wegnehmen oder ändern" (Sacrosanctum Concilium, Nr. 22), auch nicht mit der Absicht, den zum Gottesdienst versammelten Gläubigen aktuelle gesellschaftspolitische Anliegen bewusst machen zu wollen. In der Feier der heiligen Geheimnisse muss der Mensch vor allem Gott und nicht in erster Linie sich selbst wiederfinden.

Die Gläubigen müssen von der Eucharistie als der Mitte ihres christlichen Lebens ausgehen, damit sie ihren Auftrag im Rahmen der Verkündigung der Frohbotschaft und ihr Zeugnis als Laien für das Reich Gottes erfüllen. Aus der Eucharistie sollen sie Kraft schöpfen für ihre Evangelisierungsarbeit auf allen Ebenen des alltäglichen Lebens wie auch in den Bereichen von Politik, Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft, aber auch des internationalen Lebens und der Massenmedien, ja auf allen Gebieten menschlichen Lebens in der Welt (vgl. Evangelii nuntiandi, Nr. 70). Auf diese Weise verändert die Kraft des Ostermysteriums die Welt und führt sie dem Reich Gottes entgegen.

3. In diesem Zusammenhang möchte ich eine weitere Sorge ansprechen: nämlich die offensichtlich immer stärker werdende Tendenz in der Gesellschaft, den Lebensrhythmus sowohl aus wirtschaftlichen Gründen als auch um einer einseitigen Bevorzugung der Freizeitgestaltung willen zu ändern. Aus derartigen Strömungen erwächst die Gefahr, dass der traditionell religiöse Gehalt des Sonntags, des Tages des Herrn, in den Hintergrund tritt; dieser ist vielen Menschen oft nicht mehr bewusst. Wo aber das Geschenk des Sonntags und der christlichen Feiertage seines ursprünglichen Gehaltes entleert wird, verkommt es zum Dispositionsgut reiner Nützlichkeitserwägungen. Dazu macht die soziale Errungenschaft des arbeitsfreien Samstags den Sonntag mehr und mehr zum ausklingenden Teil des "Wochenendes". Andererseits verlangen hochtechnisierte Produktionsanlagen und die Tätigkeiten im sozialen Bereich eine verstärkte Flexibilität des Arbeits- und Produktionsprozesses, bei der das generelle Verbot der Sonntagsarbeit manchem hinderlich erscheint.

Bei aller Einsicht in diffizile Sachzusammenhänge bitte ich Euch, dem Erhalt der Sonntagskultur auch weiterhin Eure Aufmerksamkeit zu schenken, da es ja um die Erhaltung von mehr als nur einem kirchlichen Feiertag geht. Die Bedeutung des Sonntags muss uns auch deswegen ein Anliegen bleiben, um in unserer Zeit wenigstens ansatzweise den Blick auf die Dimension des Transzendenten offenzuhalten.

4. Eurer besonderen Aufmerksamkeit möchte ich auch die Sorge um die Priesterberufe anempfehlen. Bei allen Initiativen bezüglich einer adäquaten Berufungspastoral werden wir dem Priestertum und seiner unersetzlichen spezifischen Bedeutung für die Kirche nur dann gerecht, wenn wir es nicht isoliert für sich selbst betrachten, sondern die Gesamtpastoral als Berufungspastoral verstehen. Menschsein ist immer Gerufensein von Gott, das sich auf die verschiedenste Weise ereignet. Erst recht kann dann Christsein in der Wechselbeziehung von Gottes Ruf und der Antwort des Menschen gelebt werden. Durch diese dialogische Grundstruktur wird der Gemeinschaftsraum der Kirche vorgeprägt. Gerufensein und gemeinschaftsbezogene Antwort gehören im Priestersein stets zusammen, Zuerst ereignet sich "Berufung" in der persönlichen gläubigen Begegnung zwischen Gott und dem konkreten Menschen. Deshalb muss es in den verschiedenen Formen der Berufungspastoral darum gehen, Menschen das Gespür für den Anruf Gottes in ihrem Leben zu vermitteln.

Da christlicher Glaube wie auch der Dienst des Priesters wesensmäßig auf die Kirche bezogen und nur in ihr lebbar sind, hat jede Art von Berufung eine ekklesiale Dimension: zur eigenen Berufungsüberzeugung gehört untrennbar die Annahme durch die Kirche. Die Verbindung von persönlichem Berufungsbewusstsein und kirchlicher Eignungsfeststellung wird in einer Zeit zunehmender Individualisierung schwieriger und zugleich immer wichtiger, Deswegen bitte ich Euch, bei Initiativen zugunsten der Förderung geistlicher Berufe in den Diözesen, Dekanaten, Pfarreien, Orden und geistlichen Gemeinschaften besonders darauf zu achten, dass dieser Zusammenhang deutlich zur Geltung kommt.

5. In den letzten Jahren und Jahrzehnten hat sich gezeigt, dass Priesterbildung ein Lebensprozeß ist, der nicht mit der Weihe seinen Abschluss findet, sondern ein lebenslanges Reifen darstellt. Dazu bedarf es in allen Dimensionen und Altersstufen einer je neuen menschlichen, theologischen, spirituellen und pastoralen Formung, die über bloße "Weiterbildung" hinaus auf eine umfassende Persönlichkeitsentwicklung abzielt. Während der Bischofssynode 1990 und im daraus entstandenen nachsynodalen Apostolischen Schreiben Pastores dabo vobis wurde deshalb die Bedeutung einer "Formatio permanens" im Leben des Priesters nachdrücklich betont (vgl. Nr. 70-81). Eine besondere Aufgabe kommt dabei dem Presbyterium in der Diözese sowie den verschiedenen Formen geistlicher Begleitung zu. In diesem Zusammenhang danke ich Euch, dass Ihr in Eurem gemeinsamen Brief an die Priester vor wenigen Wochen diese Frage aufgegriffen und wichtige Hinweise dazu gegeben habt.

6. Wenn wir Priestersein als umfassenden Lebensweg verstehen, kommt der ersten Ausbildungszeit bis zur Weihe eine besondere Bedeutung zu. In dieser Zeit werden Haltungen grundgelegt und Einstellungen vermittelt, die für das zukünftige Wirken entscheidend sind. Wie auch das nachsynodale Apostolische Schreiben, so betonte schon Eure Rahmenordnung, dass Priesterausbildung nur in einer "Gleichzeitigkeit" von geistlichem Leben und menschlicher Reife, theologischer Bildung und pastoraler Befähigung erfolgen kann. Dabei ist darauf zu achten, dass die Kandidaten für den Priesterberuf zu einer geistlich fundierten Kooperationsfähigkeit ausgebildet werden, damit sie den Anforderungen, die der priesterliche "Dienst an der Einheit" in einer sich wandelnden Gesellschaft stellt, gerecht werden können.

Das Seminar ist nie eine bloße Organisationsform, sondern bietet gerade unter veränderten Bedingungen die Chance, verschiedenste Erfahrungen mit Gott und der Welt in einen gemeinsamen Lebensraum einzubringen und sie auf die Lebensentscheidung für den priesterlichen Dienst hin zu überprüfen und auszurichten. Deshalb muss es Euer besonderes Anliegen sein, liebe Brüder, an dieser Institution festzuhalten und in Verbindung damit gewachsene neue Erfahrungen zu prüfen, um bewährte Ausbildungsformen in sinnvoller Weise auf die gewandelten Zeit- und Lebensverhältnisse abzustimmen. Bei dieser Gelegenheit bitte ich Euch, den Verantwortlichen für die Priesterausbildung mein besonderes Wort des Dankes für alle ihre Bemühungen zu übermitteln.

7. Wie ich bereits in Pastores dabo vobis erwähnt habe (Nr. 51), muss der wissenschaftlichen Ausbildung im Blick auf die weltweit immer dringender werdende Neuevangelisierung zunehmende Bedeutung beigemessen werden. Angesichts der Herausforderung, eine nie zuvor erlebte Vielzahl und Verflochtenheit verschiedener Lebensbereiche VOlJ1 Glauben her und auf ihn hin zu deuten, ist ein hohes theologisches Reflexionsniveau erforderlich. Bei diesem Bemühen können gerade die theologischen Fakultäten durch ihre Einbettung in das öffentliche Leben in Deutschland und die mit der Universitäts- und Hochschulstruktur gegebenen institutionellen Möglichkeiten des Kontaktes und des interdisziplinären Dialogs wichtige Dienste leisten. Dabei ist der enge Zusammenhang von Theologie und Glaube, von Wissenschaft und Frömmigkeit entscheidend.

An den Fakultäten in Eurem Land hat sich insofern eine Weiterentwicklung vollzogen, als sie mehr und mehr von qualifizierten Laien besucht werden, denen für ihre Tätigkeit im Bereich von Kirche und Gesellschaft wichtige theologische Kenntnisse und spirituelle Impulse vermittelt werden müssen. Es kommt darauf an, diese Entwicklung mit der primären Aufgabe einer wissenschaftlich fundierten Priesterausbildung zu verbinden, damit das notwendige "sentire cum ecclesia" zugleich an Weite und Tiefe gewinnt. Dabei darf nicht übersehen werden, dass heute viele junge Menschen in ihrem Glauben verunsichert sind, weil sie nicht mehr die notwendige Fundierung und Stütze in Familie und Gesellschaft besitzen. Anerkennend kann ich feststellen, dass Ihr regelmäßige Kontakte zu Euren theologischen Fakultäten pflegt. Allerdings bitte ich Euch darauf hinzuwirken, dass diese Kontakte zu einem von der Liebe zur Kirche geprägten Verhältnis zwischen dem Amt der Bischöfe und der Aufgabe der Professoren der Theologie beitragen. Eine hohe wissenschaftliche Qualifikation der Professoren allein genügt nicht; es gehört vielmehr zu ihrer Berufung, dass sie den Glauben der Kirche, der Gegenstand ihres Forschens ist, auch in der Lehre und mit ihrem Lebensbeispiel bezeugen.

In diesem Zusammenhang wird auch ein Problem schmerzhaft bewusst, das Euch, wie ich aus vielen Gesprächen weiß, seit Jahren beschäftigt. Trotz vielfältiger Anstrengungen gelingt es nicht, den wissenschaftlichen Nachwuchs in ausreichendem Maße für die vorhandenen Lehrstühle sicherzustellen. Dies gilt insbesondere unter dem Aspekt, dass Professoren an theologischen Fakultäten in der Regel Priester sein sollen. Die Bemühungen um eine genügende Präsenz der Theologie an den Hochschulen müssen darum von Überlegungen begleitet werden, die dazu führen, die Besetzung der Lehrstühle mit qualifizierten Nachwuchswissenschaftlern durch eine Straffung des Studienangebotes auch in Zukunft zu ermöglichen. Deswegen möchte ich Euch ermuntern, sorgfältige Überlegungen anzustellen, um eine ausgewogene Verteilung der Studieneinrichtungen in Deutschland für die Zukunft zu sichern.

Ein weiteres Problemfeld, das Eure Aufmerksamkeit erfordern wird, ist das Studium der Philosophie. Als wichtige Voraussetzung für das Studium der Theologie wird der Philosophie bisweilen leider in sehr verkürzter Weise Rechnung getragen. Meine Bitte geht dahin, die Fakultäten auf diesen Mangel aufmerksam zu machen, wo dies notwendig ist.

Eurer Unterstützung bedarf ferner eine lobenswerte Initiative des bayerischen Episkopats, die einzige Katholische Universität in Deutschland zu gründen und zu unterhalten. Die Universität Eichstätt braucht aber die Hilfe und Solidarität der gesamten Deutschen Bischofskonferenz, handelt es sich hier doch um ein Zentrum, das den Dialog zwischen Glauben und Kultur fördert und eine integrale Ausbildung anbietet, nämlich die der beruflichen Bildung und der Formung im Lichte des katholischen Glaubens.

8. Die Anwesenheit des Priesters ist an vielen Orten notwendig. Dennoch verlangt die pastorale Situation, dass die hauptberuflichen Mitarbeiter in den Pfarrgemeinden sich ihrer Verantwortung noch mehr bewusst werden, da ihr Dienst nicht ein Beruf ist wie jeder andere, sondern ihm entscheidend eine Berufung zugrunde liegt. Die Sendung der Kirche erfordert eine bewusste Zusammenarbeit aller, die in der Seelsorge unter der Verantwortung der Bischöfe stehen; denn Ihr habt den Auftrag, das kirchliche Leben in Einheit auszurichten.

Die wertvolle Arbeit, die von den hauptberuflichen Mitarbeitern geleistet wird, sollte jedoch den großen Idealismus, der von den Laien in Euren Pfarreien aufgebracht wird, nicht unterdrücken. Eine fruchtbare Zusammenarbeit aller wird jedem Christen das Bewusstsein vermitteln, dass die Kirche, die Diözese und die Pfarrei seine eigene Sache ist und dass in der Tat sein Heil auf dem Spiel steht. Jeder Getaufte hat in der Kirche seinen Platz, denn Christus erwartet ihn dort. Dementsprechend gilt es, Mitverantwortung zu fördern, Schwerpunkte zu bilden, die gemeinsame Arbeit abzusprechen und aufzuteilen und einzelne Aufgaben und Verantwortungen sinnvoll zu delegieren.

Ziel aller unserer Überlegungen muss es sein, mehr Raum für die eigentliche Seelsorge zu schaffen. Es muss besser möglich werden, dass die Priester und Diakone die Menschen, die nach persönlicher Beratung und Hilfe suchen, auf ihrem Weg begleiten. Je mehr die Priester in der Lage sind, die Funktion des Managers und des Machers abzulegen, desto mehr können sie als Seelsorger wirken. Der Dienst an den Sakramenten und die Verkündigung des Evangeliums haben für den Priester Vorrang. Auf den anderen Gebieten der Pastoral wird er sich verstärkt seiner Mitarbeiter bedienen müssen.

9. Vor ähnlichen Problemen stehen in Euren Diözesen auch die Ordensgemeinschaften. Die Ordensleute sind je nach dem ihnen eigenen Charisma in die diözesane Gemeinschaft eingefügt. Den wertvollen Beitrag der Ordensgemeinschaften zum Leben der Diözesen möchte ich ausdrücklich gutheißen, "Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist" (1 Kor 12,4), sagt der heilige Paulus. Die Konstitution Lumen Gentium stellt fest: "Die Ordens leute sollen sorgfältig darauf achten, dass durch sie die Kirche wirklich von Tag zu Tag mehr ... Christus sichtbar mache, wie er auf dem Berg in der Beschauung weilt oder wie er den Scharen das Reich Gottes verkündet oder wie er die Kranken und Schwachen heilt und die Sünder zum Guten bekehrt" (Nr. 46), Die Ausstrahlung der kontemplativen Klöster, die Predigt, die Beteiligung an der Pfarrseelsorge, die Betreuung der Kranken, der Unterricht und die karitativen Werke sind Tätigkeitsfelder, in denen sich die Ordensleute Eurer Diözesen mit großer Hingabe einsetzen.

Das Leben nach den Evangelischen Räten ist in besonderer Weise der Sorge und Förderung der Hirten der Kirche anvertraut. Dies wird auch durch die Tatsache deutlich und bekräftigt, dass sich die kommende Bischofssynode 1994 mit dem Wesen und Auftrag des gottgeweihten Lebens befassen wird und mit seiner Sendung in Kirche und Welt von heute. Meine Bitte ist, dass Ihr zur guten Vorbereitung und fruchtbaren Durchführung dieser Bischofssynode nach Kräften beitragt. Sie soll auch die Schwierigkeiten beheben helfen, die es heute bei vielen Ordensgemeinschaften gibt. Die vielfältigen gesellschaftlichen Umbrüche unserer Zeit lassen auch die Orden nicht unberührt. Bietet den Ordensleuten Beratung und Hilfe an und tragt dazu bei, dass wieder mehr junge Frauen und Männer dem Ruf zum Leben nach den Evangelischen Räten in den verschiedenen religiösen Gemeinschaften der Kirche folgen,

Bei der Planung und Durchführung der Apostolatswerke sollen die Bischöfe und Ordensoberen zusammenarbeiten (vgl. CIC, can, 678, par, 3). Dieses Miteinander, in das die Bischöfe ihre apostolische Konzeption und die Ordensleute den Dienst gemäß ihrem Charisma einbringen, sollte noch stärker gefördert werden.

Änderungen durch zwangsläufige Aufgabe von Tätigkeiten, die bisher von Ordensleuten ausgeübt wurden, müssen in Übereinstimmung mit dem Bischof erfolgen, der der Erstverantwortliche für die katholischen Einrichtungen im Dienst des Volkes Gottes bleibt.

Die Ordensgemeinschaften in Deutschland haben den Aufruf des 11. Vatikanischen Konzils zur Erneuerung ihres Lebens durch eine Rückbesinnung auf das Gründungscharisma und durch eine angemessene Anpassung an die Erfordernisse unserer Zeit ernstgenommen. Sie haben hierbei große und anerkennenswerte Anstrengungen geleistet. Mit Euch möchte ich für die verdienstvolle Arbeit danken, die in Eurem Land durch Ordensfrauen und Ordensmänner geleistet wird. Übermittelt ihnen die herzliche Ermunterung des Papstes; ich rechne weiterhin mit ihrem Gebet.

10. Von großer Bedeutung in der Pastoral, die Ihr zusammen mit Euren Priestern und den Ordensleuten ausübt, wird die Weitergabe des Glaubens an die junge Generation sein. Zu Recht hat das 11. Vatikanische Konzil die Jugendlichen "die Hoffnung der Kirche" (Gravissimum educationis, Nr. 2) genannt.

Die Heilsbotschaft ist immer neu und aktuell, und sie bleibt auch jung im Dialog mit der Jugend: "Die Kirche hat der Jugend viel zu sagen, und die Jugend hat der Kirche viel zu sagen. Dieser gegenseitige Dialog muss offenherzig, klar und mutig sein" (Christifideles laici, Nr. 46).

Zur Weitergabe des Glaubens an der Jahrtausendwende braucht die Kirche die jungen Menschen in besonderer Weise; sie braucht ihre Dynamik, ihre Aufrichtigkeit und die frische Kraft ihres Glaubens. Die Jugendlichen sind nicht lediglich Gegenstand der pastoralen Sorge der Kirche, sondern aktive Träger ihrer Sendung (vgl. Christifideles laici, Nr. 46). Liebe Brüder, helft mit, die jungen Menschen in ihrem Idealismus und ihrer Suche nach dem Sinn für das Transzendente zu bestärken, damit sie nicht jener materialistischen Mentalität verfallen, die alles danach befragt, was "es mir bringt".

Der Partialisierung der verschiedenen Lebensbereiche setzen junge Menschen heute eine tiefe Sehnsucht nach Ganzheit entgegen, der wir von seiten der Kirche große Aufmerksamkeit schenken müssen. Die Botschaft Jesu kommt dieser Sehnsucht entgegen; sie muss aus der Kraft eines lebendigen Glaubens obskuren Meditationsmechanismen und -inhalten sowie okkulten Praktiken entgegengesetzt werden.

In der Pastoral haben wir den Jugendlichen die Erfahrung zu vermitteln, dass sie ein Glied am Leib Christi sind. Sie brauchen das Gefühl, in der Gemeinschaft beheimatet zu sein. Sie brauchen ein geistliches Zuhause, einen Ort, wo sie für einige Zeit zusammenleben können und wo sie geistliche Führung erfahren. Dem jungen Menschen geht es heute nicht mehr in erster Linie um Interessenvertretung in kirchlichen Jugendverbänden. Deswegen ermuntere ich Euch, neben der traditionellen Verbandsarbeit neue Wege zu gehen, die dem jungen Menschen Kirche als Heimat vermitteln, eine Kirche, die weltweit denkt und empfindet und konkret am Ort handelt, die bereit ist, die Liebe Christi erfahren zu lassen und ihr Raum zu geben, wie es im Epheserbrief heißt: "In der Liebe verwurzelt und auf sie gegründet, sollt ihr zusammen mit allen Heiligen dazu fähig sein, die Länge und Breite, die Höhe und Tiefe zu ermessen und die Liebe Christi zu verstehen, die alle Erkenntnis übersteigt" (Eph 3,17b-19a).

11. Auf dieser Grundlage und unter Berücksichtigung der Einstellung, die viele Jugendliche heute zeigen, können wir auch für die Kirche auf eine Zukunft in Europa hoffen. Über die drängenden Fragen der politischen und wirtschaftlichen Einigung hinaus müssen wir uns im Hinblick auf die Neuevangelisierung fragen: wie steht es um das geistig-kulturelle und religiöse Selbstverständnis des neuen Europa?

Die Kirche muss Sauerteig sein. Wir selbst müssen uns aus dem Evangelium heraus erneuern. Das wahre Ausmaß der Liebe Gottes, die sich am Kreuz offenbarte, wird dadurch sichtbar, dass er uns immer zuerst liebt:

"Nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns (zuerst) geliebt ... hat" (1 loh 4,10). Die so verstandene Liebe gibt uns das wahre Licht, in dem wir unsere eigene Freiheit erkennen, die uns zu Dienern der Wahrheit macht.

Es wird entscheidend davon abhängen, ob es uns in den nächsten Jahren gelingt, gegenüber der Verherrlichung des Reichtums und des Erfolges eine Gemeinsamkeit von ethischen Grundlagen und Werten zu schaffen. Das setzt voraus, dass die Kirche im Osten und Westen, die äußerlich so lange geteilt war und daher auch sehr verschiedene Erfahrungen gemacht hat, wieder eins werden muss, damit sie Seele des neuen Europa werden kann. Der gegenseitige Austausch von Erfahrungen und die gegenseitige Hilfe müssen intensiver werden, damit sich die einzelnen Teilkirchen besser kennenlernen, einander bereichern und auf der Basis des Wortes Gottes, des Evangeliums wirklich eins werden. Helft mit, dass im neuen Europa ein überzeugendes und kraftvolles Christentum verkündet und gelebt wird.

12. Als Lehrer und Verkünder des Glaubens habt Ihr oft über Themen gesprochen, die das Leben Eurer Gesellschaft betreffen. Die Weisungen, die Ihr zum Bereich der sozialen Gerechtigkeit gegeben habt, zur Arbeitslosigkeit, sind vielen Anregung gewesen, in der öffentlichen Auseinandersetzung mit solchen Fragen aktiver zu werden und sich zu bemühen, den vielfältigen Gegebenheiten der Gesellschaft wirksam zu begegnen. Es ist unmöglich, all die lobenswerten Initiativen zu erwähnen, die auch Eure Unterstützung gefunden haben: Ich denke an die Arbeit der KAB, die in großem Rahmen des 100. Jubiläums des Erscheinens der Enzyklika Rerum novarum gedacht hat und durch die intensive Beschäftigung mit der Enzyklika Centesimus annus vielen Menschen bewusst werden ließ, wie sehr die Soziallehre der Kirche in hohem Maße die wirklichen Probleme der Gesellschaft berührt. Seit dem vergangenen Jahr haben wir in dem seligen Adolph Kolping einen neuen Fürsprecher bei Gott. Er hat wegweisende Schritte eingeleitet, um die soziale Frage im Deutschland des letzten Jahrhunderts ins Bewusstsein der Menschen zu bringen, und hat dazu beigetragen, dass die Kirche in ihrer Gesamtheit sich der schweren sozialen Probleme angenommen hat. Er selbst ging in seinem Lebenswerk mit leuchtendem Beispiel voran.

13. Danken möchte ich Euch ebenso für das mutige Eintreten zugunsten der Erhaltung der Schöpfung. Die Beziehung zwischen Mensch und Natur wieder in ein ausgewogenes Verhältnis zu setzen, gehört auch in den Verantwortungsbereich der Kirche, weil es hier auch um eine ethische Frage geht: "Das tiefste und schwerwiegendste Zeichen dafür, dass der ökologischen Frage moralische Implikationen innewohnen, besteht im Mangel an Achtung vor dem Leben, den man in vielen die Umwelt belastenden Verhaltensweisen antrifft" (Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 1990, Nr. 7).

Die Welt als Schöpfung zu begreifen heißt, dass sie uns als Leben anvertraut ist. Sie ist eine Gabe Gottes an die Menschen, und sie ist uns gegeben zur Weitergabe. Wir haben kein Recht, sie zu zerstören oder mit Hypotheken zu belasten, die nicht mehr berechenbar sind.

Wir Menschen sind Teil der Schöpfung. Dabei ist es unbestritten, dass dem Menschen in der Welt eine Sonderstellung zukommt. Der Mensch darf Lebewesen und Dinge nutzen, aber er muss sich stets vor Augen führen, dass auch sie Teil der Schöpfung sind und niemals bloße Verfügungsrnasse in seiner Hand sein können.

Schöpfung schließt das Wirken und Schaffen der Menschen mit ein, Verdeutlicht den Gläubigen, dass die Kulturtätigkeiten des Menschen zu seiner Schöpfungsaufgabe gehören, der er sich in Verantwortung gegenüber den Mitgeschöpfen stellen muss.

14. Liebe Mitbrüder im Bischofsamt, zum Abschluss dieser Begegnung möchte ich Euch in Eurem Dienst an der Kirche stärken und ermuntern. Unsere Mutter Kirche stellt das himmlische Jerusalem dar, das bereits mitten unter uns gegenwärtig ist. Voll Hoffnung bitte ich die Jungfrau Maria, täglich für Euch bei ihrem Sohn Fürbitte einzulegen" damit er Euch in Eurer Sendung Freude und Zuversicht schenken möge. Zugleich rufe ich auf Euch den Schutz der Diözesanpatrone und der Heiligen Eurer Bistümer herab und erteile Euch, den Priestern, Diakonen, Ordensleuten und allen Gläubigen von Herzen meinen Apostolischen Segen.

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Ansprache von Johannes Paul II. an die Bischöfe aus Südwestdeutschland am 19. Dezember 1992

(Erzbistum Freiburg i, Br, und Bistümer Fulda, Limburg, Mainz, Rottenburg-Stuttgart, Trier)

Liebe Brüder im Bischofsamt !

1. Mit großer Freude begrüße ich Euch, die Oberhirten sowie die Weihbischöfe aus dem südwestdeutschen Raum sowie den Bistümern Fulda und Limburg. Meine Gedanken gehen zu allen Diözesen, für die Euch der Herr "zu wahren und authentischen Lehrern des Glaubens" bestellt hat (Christus Dominus, Nr. 2).

In Eurer Person grüße ich auch Eure Priester, die Ordensleute und Laien, die mit Hingabe und nicht ohne Opfer zum Aufbau des Reiches Gottes in Eurem geliebten Land beitragen. Ihr habt nach Rom, dem Sitz des Nachfolgers Petri, Eure Sorgen und Befürchtungen, Eure Erwartungen und Hoffnungen getragen, um alle im Glauben zu stärken und damit dem Eifer für die Evangelisierung, der sie erfüllt, durch das Beispiel und die Fürbitte der Apostel Petrus und Paulus einen neuen Antrieb zu geben. Zur Stärkung dieser Bande der Einheit und Brüderlichkeit mit dem Bischof von Rom, der "in der Liebe den Vorsitz führt", haben auch die persönlichen Begegnungen mit einem jeden von Euch beigetragen, die nun in dieser gemeinsamen Zusammenkunft ihren Höhepunkt finden.

2. Dem Herrn Erzbischof von Freiburg danke ich für die liebenswürdigen Worte der Begrüßung und Vorstellung Eurer Gruppe, Zugleich möchte ich meine Dankbarkeit bekunden für Euer Bemühen, die Einheit und Gemeinschaft im Schoß der Kirche und innerhalb Eurer Bischofskonferenz zu erhalten und zu stärken. Ihr wißt selber um die Wichtigkeit dieses Zeugnisses der Einheit und Zusammenarbeit untereinander im Geist brüderlicher Liebe und apostolischer Solidarität, gemäß den Worten des 11, Vatikanischen Konzils: "Vor allem in der heutigen Zeit können die Bischöfe ihr Amt oft nur dann angemessen und fruchtbar ausüben, wenn sie ihr einträchtiges Wirken mit den anderen Bischöfen immer enger und straffer gestalten" (Christus Dominus, Nr. 37).

Einheit und Zusammenarbeit sind der Schlussstein jeglicher Seelsorgsarbeit. Dieses ekklesiologische Prinzip müssen wir immer mehr befolgen, gemäß dem Aufruf des Epheserbriefes, "die Heiligen für den Aufbau des Leibes Christi zu rüsten" (Eph 4,12). Wenn Ihr weiter wie bisher das kollegiale Wohlwollen fördert, das die Beziehungen in Eurer Konferenz und mit Euren Brüdern im Bischofsamt in der ganzen Welt kennzeichnet, werdet Ihr auch in Zukunft in der Lage sein, die nicht unerheblichen Aufgaben der gegenwärtigen Zeit zu bewältigen. Das Gebet des Herrn "Alle sollen eins sein" (loh 17,21) soll durch Euer Beispiel in Euren Priestern, in den Ordensgemeinschaften, Pfarreien und Familien Leben gewinnen. Wenn Ihr eins seid, könnt Ihr lebendige Hoffnung und neue Dynamik wecken und braucht Euch nicht einspannen zu lassen in ein ständiges selbstmitleidvolles Klagen, das heute leider einen Teil der Kirche in Deutschland kennzeichnet.

3. Als Lehrer des Glaubens habt Ihr oft über Themen gesprochen, die im Leben Eurer Gesellschaft aktuell sind. Die Weisungen, die Ihr zum Beispiel zum Schutz des Lebens gegeben habt, verdienen hohe Anerkennung. Es ist unmöglich, all die ausgezeichneten Initiativen zu erwähnen, die entstanden sind und unter der engagierten Leitung des Vorsitzenden Eurer Konferenz Eure Unterstützung gefunden haben. In besonderer Weise denke ich an die zahlreichen Aktionen für das Leben, bei denen Katholiken, Christen anderer Konfessionen und Menschen guten Willens, die sich nicht zu einer religiösen Gemeinschaft bekennen, gemeinsam ihre Überzeugung vom unverletzlichen Wert des menschlichen Lebens vom Augenblick der Empfängnis an bis zum natürlichen Tod zum Ausdruck gebracht haben. Dies war auch aus dem Bewusstsein heraus möglich, dass der Wert des menschlichen Lebens seine Grundlage bereits in seinem Wesen und seiner natürlichen Würde hat und hier keineswegs ein speziell kirchliches Anliegen verfolgt wird, sondern eine Forderung der Humanität und der Menschenrechte.

Menschliches Leben ist grundsätzlich unverfügbar; und da das ungeborene Kind vom Augenblick der Empfängnis an Mensch ist und nicht erst später zum Menschen wird, kann es nicht für eine bestimmte Frist zur Disposition gestellt werden. Fristen stellen letztlich den Anspruch der Rechtsordnung in Frage, die zum Schutz des ungeborenen Lebens beitragen muss.

Eure Verfassung beginnt mit der grundlegenden Erkenntnis und dem Bekenntnis: "Die Würde des Menschen ist unantastbar". Doch gibt es immer wieder Situationen, in denen diese Erkenntnis nicht mehr selbstverständlich zu sein scheint. Ihr habt Euch in der turbulenten Debatte zum Schutz des ungeborenen Lebens nicht beirren lassen und wart Euch dessen bewusst, dass es in dieser Frage keine modernen oder altmodischen Argumente gibt, sondern nur richtige und falsche Überlegungen. Der Maßstab für solche Überlegungen muss stets das Lebensrecht des anderen Menschen sein, auch des noch nicht sichtbaren, kleinen und stummen. Das Recht auf Leben in seiner ganzen, von Gott zugesagten Fülle kann niemals dem oft Schwächeren verweigert werden zugunsten der Verwirklichung dieses Rechtes durch einen anderen. Die eschatologische Zusage Jesu, der gekommen ist, "damit sie das Leben haben und es in Fülle haben" (Joh 10,10), gilt zweifellos für jede Form von Leben.

Mit Genugtuung habe ich auch von Euren Bemühungen Kenntnis genommen, den in Bedrängnis geratenen Frauen beizustehen, auch dann, wenn sie sich gegen das beginnende Leben entschieden haben sollten. Die Kirche handelt im Sinne der Frauen, wenn sie hilft, Abtreibungen zu verhindern. Und die Kirche setzt sich für die Frauen ein, wenn sie sich für ein kinderfreundliches Klima in Eurer Gesellschaft engagiert.

4. An dieser Stelle möchte ich noch von einer anderen Herausforderung sprechen, die auf uns Christen in Europa in den nächsten Jahren zukommen wird und die die Würde des Menschen zutiefst berührt. Wir erleben, dass immer mehr Menschen mit dem Tod nichts anzufangen wissen, ja, ihr Leben so gestalten, dass die letzte Frage verdrängt wird. Unsere modernen säkularisierten Gesellschaften laufen Gefahr, Leiden, Sterben und Tod aus dem persönlichen Lebensbereich regelrecht auszublenden. Da aber im Leben nichts sicherer ist als der Tod (vgl. Sir 8,7; 14,12; Röm 5,12), beobachten wir als Folge dieses Verdrängungsprozesses viel Hilflosigkeit und Verzweiflung angesichts des Todes. Das problematische Sprechen von Sterbehilfe gewinnt in diesem Zusammenhang vielfach eine ganz neue Bedeutung. In Europa scheint die Vorstellung immer mehr Anhänger zu finden, dass es menschlich erlaubt sein könne, dem eigenen Leben und dem Leben eines anderen Menschen bewusst ein Ende zu setzen. Der Begriff der Euthanasie hat längst bei vielen jenen schrecklichen Klang verloren, den ihm die grausamen Geschehnisse im dunkelsten und betrüblichsten Kapitel der Geschichte Eures Landes verliehen hatten. Selbstmord und Mord werden heute bereits wieder durch Bezeichnungen wie Freitod und Sterbehilfe verharmlost.

Einige wenige Katholiken haben in Eurem Land erkannt, dass hier eine wichtige und wertvolle Aufgabe auf die Christen zukommt, nämlich eine Sterbebegleitung, die dem Menschen auch in der letzten Lebensphase seine Würde gewährleistet. Ein Leben ohne Gott und folglich ohne Bezug zur Ewigkeit muss im Angesicht des Todes kapitulieren. Als Christen hingegen wissen wir, dass der Tod einen Sinn hat und eben nicht das Ende ist, da "wir eine Wohnung von Gott, ein nicht von Menschenhand errichtetes ewiges Haus im Himmel" haben (2 Kor 5,1; vgl. 1 Kor 15,21; Phill,20). Mein Dank und unser aller Ermutigung gilt jenen Christen, die den alten und zugleich hochaktuellen Gedanken der Hospizbewegung wiederbeleben. Wichtiger als der Bau oder Erwerb eines weiteren Krankenhauses in katholischer Trägerschaft, in dem gute Ärzte mit modernsten Geräten operieren können, und wichtiger als etwa die erneute Renovierung eines Tagungshauses wird künftig die Förderung von Institutionen sein, die sich für die katholische Sterbebegleitung einsetzen. Hier sind Christen als Hoffnungsträger gefragt. Dies wird für uns als Kirche eine weitere Bewährungsprobe sein, weil es wiederum um die Unantastbarkeit der menschlichen Würde geht. Mehr als in manchem anderen Bereich können wir hier zeigen, worauf es letztlich ankommt: Leben lernen für den Tod und sterben lernen für das Leben. Wenn es Euch gelingt, in Deutschland rechtzeitig weitere Hospize als Inseln der Humanität einzurichten, werdet Ihr verhindern, dass sich jene durchsetzen, die nur vorgeben, sterbenden Menschen zu helfen, in Wahrheit aber vor dieser Herausforderung kapitulieren, indem sie mit Todespillen Hilfe beim Sterben in Hilfe zum Sterben pervertieren. Der sterbende Mensch will keine Tablette, um dann alleingelassen zu werden, sondern echte Hoffnung, menschliche Nähe und eine haltende Hand. Ermuntert Eure Gläubigen, diese wirklich christliche Aufgabe wahrzunehmen. Denn die Würde des Menschen ist unantastbar.

5. Es wäre ein alarmierendes Symptom, wenn in einer Gesellschaft die Sensibilität dafür verloren ginge, dass die Berufung auf das Gewissen kein Freibrief zum Töten eines anderen Menschen sein darf, weder des im Mutterleib wachsenden noch des alten und schwerkranken Menschen, deren Existenz die ausschließlich an eigenen Interessen orientierte Lebensgestaltung anderer einschränkt. Nur ein Volk von Egoisten könnte verdrängen, dass das Gewissen, das seinen Namen verdient, stets dazu auffordert, Töten zu verhindern.

Die Berufung auf das Gewissen geschieht heute oft ohne ein Minimum an Reflexion über seine eigentliche Funktion. Das II. Vatikanische Konzil betont: "Nicht selten jedoch geschieht es, dass das Gewissen aus unüberwindlicher Unkenntnis irrt, ohne dass es dadurch seine Würde verliert. Das kann man aber nicht sagen, wenn der Mensch sich zuwenig darum bemüht, nach dem Wahren und Guten zu suchen, und das Gewissen durch Gewöhnung an die Sünde allmählich fast blind wird" (Gaudium et spes, Nr. 16). Das Argument der Würde des Gewissens darf nicht gegen die Bedeutung sittlicher Wahrheit im Handlungsvollzug ausgespielt werden, so als habe das eine mit dem anderen nichts zu tun. Dies wäre letztlich nichts anderes als ein Pharisäismus der Gewissensfreiheit.

Wenn sich das Gewissen nicht mehr an allgemein gültigen Werten und am Transzendenten orientiert, fällt es schwer, das Bewusstsein von Sünde und Schuld im Menschen wachzuhalten (vgl. 1 loh 1,8; Reconciliatio et paenitentia, Nr. 18).

Mit dem mangelnden Sündenbewusstsein geht ein Nachlassen der sakramentalen Bußpraxis einher. Die Erneuerung und Umkehr im sakramentalen Aspekt der Einzelbeichte muss ein zentrales Anliegen der Pastoral bleiben (vgl. Reconciliatio et paenitentia, Nr. 31,1). Deswegen bitte ich Euch eindringlich, Euren Priestern zu helfen, ihrem Dienst als Beichtväter immer mehr Bedeutung und Wertschätzung beizumessen. Zugleich danke ich Euch für alles, was Ihr unternehmt, um die Bedeutung und Wichtigkeit der kirchlichen Disziplin in einem Bereich darzulegen, der eng mit dem Werk der Versöhnung verknüpft ist. Versucht Eure Gläubigen von den großen Vorteilen zu überzeugen, die sich aus der persönlichen Beichte ergeben. Die Beichte ist mehr und besser als jede menschliche Ermutigung, jede psychologische Technik oder jeder dialektische oder soziologische Ausweg.

6. Der Mobilitätszuwachs der Menschen in der modernen Gesellschaft stellt auch an die Kirche die Frage nach möglichen neuen Organisationsformen und -modellen. Die Aufgaben der Sonderseelsorge rücken mehr in den Vordergrund. Gläubige suchen und finden ihre Beheimatung in kleinen, überschaubaren Gruppen, wo sie über ihren Glauben und ihr Leben mit anderen sprechen können.

Dennoch kann auf die territoriale Pfarrgemeinde nicht verzichtet werden. In ihr wird für die Weitergabe des Glaubens auf verschiedenen Ebenen gesorgt. Sie ist als augenscheinliches Beispiel für das gemeinschaftliche Apostolat gleichsam die Zelle des ganzen Bistums und fügt in das Ganze der Kirche ein, "was immer sie in ihrem Raum an menschlichen Unterschiedlichkeiten vorfindet" (Apostolicam actuositatem, Nr. 10). Achtet darauf, dass die Pfarrgemeinde lebendig bleibt und einen festen Ansprechpartner für die Gläubigen hat. Trotz der Probleme, die sich aus dem Priestermangel ergeben, sollten gewachsene Strukturen möglichst nicht zerstört werden und kleinere Gemeinden nicht durch Zentralisierung geistlich ausgehungert werden.

Bei den vielen positiven Ansätzen, die neue Bewegungen und Gemeinschaften ins kirchliche Leben einbringen, bitte ich Euch, darauf zu achten, dass sich diese in der sonntäglichen Eucharistiefeier mit dem Volk Gottes zusammenfinden (vgl. Sacrosanctum Concilium, Nr. 42). Die Sonntagsmesse als Feier des Volkes Gottes ist für die Kirche konstitutiv und soll die verschiedenen Gruppen zusammenführen, die dieses Volk Gottes bilden, Außerdem wäre es bei der wachsenden Personalnot unverständlich, wenn Gruppen oder Gruppierungen jedweder Art eine eigene sonntägliche Eucharistiefeier beanspruchen würden.

7. Angesichts dieser Situation kommt den Laien und ihrer Mitverantwortung in der Pfarrgemeinde und im kirchlichen Leben eine erhöhte Bedeutung zu, Das II. Vatikanische Konzil hat die Teilnahme der Laien an der Sendung der Kirche beschrieben: "Die Laien, die am priesterlichen, prophetischen und königlichen Amt Christi teilhaben, verwirklichen in der Kirche und in der Welt ihren Anteil an der Sendung des gesamten Volkes Gottes" (Apostolicam actuositatem, Nr. 2). Ermutigt deshalb die Gläubigen, sich in ihrem Wirken von diesem Selbstbewusstsein tragen zu lassen. Es besteht keinerlei Grund zum Kleinmut und zu einem ständigen SichEntschuldigen den Anders- und Nichtgläubigen gegenüber im Sinne einer Selbstrechtfertigung. Von Selbstbewusstsein muss das Apostolat der Laien geprägt sein, wenn das Konzil von ihnen sagt: "Durch ihr Bemühen um die Evangelisierung und Heiligung der Menschen und um die Durchdringung und Vervollkommnung der zeitlichen Ordnung mit dem Geist des Evangeliums üben sie tatsächlich ein Apostolat aus. So legt ihr Tun in dieser Ordnung offen für Christus Zeugnis ab und dient dem Heil der Menschen" (Apostolicam actuositatem, Nr. 2).

In der Gemeinschaft der Kirche muss jeder Gläubige seinen Platz ausfüllen und seine Sendung im jeweiligen Bereich der Evangelisierung sehen. A~~en Ch~isten sind Charismen geschenkt worden (vgl. 1 Kor 12,11); wir muss.en sIe ?ur anerkennen und dankbar annehmen; allerdings müssen die Chansmen Immer die Rückbindung an die Hierarchie besitzen.

8. Bei Eurem Bemühen, den Menschen Glaubensinhalte zu vermitteln, ist den sozialen Kommunikationsmitteln besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Denn sie ermöglichen, dass die christliche Botschaft Millionen von Personen gleichzeitig erreicht.

Die sachgerechte Verwendung der Medien stellt für die Kirche eine ständige Aufgabe dar, denn durch sie kann die Botschaft des Evangeliums alle Menschen erreichen, "so dass sie immer den einzelnen innerlich zu treffen vermag, sich in das Herz eines jeden einsenkt, als wäre er allein, in seiner ganzen persönlichen Einmaligkeit, und ganz persönliche Zustimmung und Einsatzbereitschaft weckt" (Evangelii nuntiandi, Nr. 45).

Wie ich in der Enzyklika Redemptoris missio bereits festgestellt habe, spielen "die Medien der sozialen Kommunikation eine derart wichtige Rolle, dass sie für viele zum Hauptinstrument der Information und Bildung, der Führung und Beratung für individuelles, familiäres und soziales Verhalten geworden sind" (Nr. 37). Daher besteht die Notwendigkeit, dass sich die Pastoral träger mit den sozialen Kommunikationsmitteln vertraut machen und sie entsprechend einsetzen, so dass die christlichen Werte und die christliche Botschaft nicht nur in jenen Sendezeiten zu Geltung kommen, die religiösen Themen vorbehalten sind, sondern auch in Sendungen, die der Information, der Vermittlung von Wissenschaft und Kunst sowie der Unterhaltung dienen, Die im Bereich der Medien Verantwortlichen sollen darauf achten, jede Form der Manipulation der Wahrheit und der ethischen Werte zu vermeiden; zu viele Einzelinteressen beziehungsweise auch fragliche kulturelle oder künstlerische Ausdrucksformen verändern die Skala dieser Werte und verletzen leicht das innerste Empfinden der Person. Die Bürger hingegen haben das Recht, in ihren moralischen und religiösen Überzeugungen von den Medien geachtet zu werden, da diese im Dienst des Gemeinwohls stehen. Der immer stärker werdende Stellenwert der sozialen Kommunikationsmittel im alltäglichen Leben dehnt seine Einflußnahme auch auf die Mentalität und die Struktur der Gesellschaft sowie der Kirchen und Religionsgemeinschaften aus. Die Pastoralinstruktion Aetatis novae des Päpstlichen Rates für die Sozialen Kommunikationsmittel widmet sich detailliert diesem Thema: Wir müssen uns aktiv mit den weltlichen Medien befassen und die im Medienwesen Arbeitenden unterstützen.

9. Ein besonderes Wort des Dankes richte ich an Eure Gläubigen: sie unterstützen bereits seit Jahrzehnten in vorbildlicher Weise die Anliegen der Mission, der Entwicklungshilfe und der Notleidenden in Eurem eigenen Land sowie in den östlichen und südöstlichen Nachbarländern. Eure Katholiken haben vielen Menschen Hilfe und Zuversicht im Leben vermittelt. Verfolgte, Einwanderer und Notleidende aus aller Welt wurden bei Euch aufgenommen. Die deutschen Katholiken haben ein exemplarisches Zeichen der Solidarität gesetzt und werden auch künftig zur tätigen Nächstenliebe und zur Sorge für ihre Glaubensbrüder und -schwestern in Not bereit sein. Neben der hervorragenden Arbeit des Deutschen Caritasverbandes möchte ich vor allem die Hilfswerke Missio Aachen und München sowie - neben vielen Einzelinitiativen - Misereor und Adveniat erwähnen, deren Arbeit auch in Zukunft Eure Aufmerksamkeit und Begleitung erfordern wird.

Jedes Hilfswerk hat sein angestammtes Arbeitsfeld, innerhalb dessen nicht nur zu Spendenaktionen aufgerufen wird, sondern auch bewusstseinsbildend in die Kirche und in die Gesamtgesellschaft hineingewirkt wird. Dabei weisen die drei Werke trotz ihrer formalen Trennung zahlreiche inhaltliche und organisatorische Berührungspunkte auf, weil sich pastorale und sozio-ökonomische Arbeit im Kampf gegen geistig-seelische und materielle Armut ergänzen können oder auch müssen. Dabei darf jedoch bei all der notwendigen sozio-ökonomischen Hilfe für die armen Länder auf den missionarischen Einsatz der Kirche nicht verzichtet werden. In beiden Bereichen sind die Gläubigen zum Zeugnis aufgerufen:

Entwicklungsarbeit ist ebenso Zeugnis wie kirchliche Solidarität in der Entwicklungsarbeit.

Der besonderen Fürsorge der Caritas, aber auch Eurer allgemeinen pastoralen Sorge vertraue ich die - wie in vielen europäischen Ländern - in den letzten Jahren angestiegene Zahl der drogen- und alkoholabhängig gewordenen Mitmenschen an. Besonders junge Menschen sind immer stärker gefährdet. Versucht die Jugendarbeit zu verstärken, um ihnen in der Gruppe Beheimatung zu vermitteln und "Beschäftigung" in ihrer Freizeit anzubieten; das Empfinden innerer Leere und Sinnlosigkeit darf nicht der künstlichen Betäubung überlassen werden, es verlangt nach menschlich und inhaltlich aufbauender und in die gesellschaftliche Wirklichkeit integrierender Jugend- und Sozialarbeit sowie nach einfühlsamen pastoralen Bemühungen um diejenigen, die sich ausgegrenzt und unverstanden fühlen.

10. Dankbar begrüße ich auch die offenbar sehr konkrete Planung einer Solidaritätsaktion der Deutschen Bischofskonferenz zugunsten der Menschen und Kirchen in Mittel- und Osteuropa. Diese Initiative nimmt Gestalt an in Koordination und Kooperation mit schon bestehenden Institutionen in Eurem Land und in Europa. Die Menschen in den vom Kommunismus befreiten Ländern bedürfen der finanziellen Hilfe, aber noch mehr der menschlichen Begegnung und des Austausches der sehr unterschiedlichen Erfahrungen in den vier Jahrzehnten gewaltsamer Trennung des Kontinentes.

Ihr versteht ein solches Werk als Konkretisierung der dringend notwendigen Neuevangelisierung Europas. In der Tat, Evangelisierung, die im Sinne des Apostolischen Schreibens Evangelii nuntiandi die Umgestaltung in Jesus Christus meint, gilt dem ganzen Menschen, und zwar in all seinen gesellschaftlichen, kulturellen, intellektuellen und sozialen Bezügen. Und sie wird auch die Strukturen berühren. Darum kann ein solches Werk wesentlich dazu beitragen, dass die Kirche und die Christen ihre Rolle in der sich abzeichnenden neuen Gestalt Europas finden.

Mir ist bewusst, dass die Bundesrepublik Deutschland die innere Vereinigung nur schrittweise verwirklichen kann. Um so mehr begrüße ich Eure Initiative, sich der umfassenden Herausforderung des europäischen Einigungsprozesses, gemeinsam mit den Katholiken in allen Ländern Europas, zu stellen. Dabei bin ich sicher, dass Ihr wie bisher die Aufgaben in dem noch umfassenderen Einigungsprozess auf dem Weg zur einen Welt nicht aus dem Auge verlieren werdet. Es wird gewiß nicht die geringste Aufgabe einer solchen Solidaritätsaktion der Katholiken sein, ein Zeichen zu setzen, damit die verschiedenen Einigungsorgane in der gegenwärtigen Welt nie gegeneinander ausgespielt werden können, weil christliche Solidarität unteilbar ist. Dies alles bedeutet eine Herausforderung, der wir uns selbstverständlich und zusammen mit allen christlichen Kirchen und Gemeinschaften sowie mit allen Menschen guten Willens zu stellen haben.

11. Ihr habt Euch in den letzten Jahren in vorbildlicher Weise für Flüchtlinge und für den Schutz politisch Verfolgter eingesetzt. Im Zusammenhang mit schrecklichen Ausschreitungen gegen Asylbewerber und Ausländer wurde in letzter Zeit viel über das Asylrecht diskutiert. Trotz der Klagen, in Deutschland wachse die Ausländerfeindlichkeit, bleibt festzustellen, dass Freundlichkeit gegenüber Fremden und Hilfsbereitschaft unter den Menschen in Eurem Land nach wie vor groß sind. Den vielen, die Fremden in vorbildhafter Weise Hilfe zuteil werden ließen und lassen, gilt mein ausdrücklicher Dank.

In diesen Tagen und Wochen steht auch Ihr, liebe Mitbrüder, unter einem besonderen Erwartungsdruck. Es ist die Spannung zwischen grundsätzlicher christlicher Haltung und aktuellen politischen Herausforderungen. Einerseits wird von Euch gefordert, immer wieder darauf hinzuweisen, dass die Nächstenliebe verpflichtend ist und bleibt, andererseits dürfen aber Eure Worte die Notwendigkeit einer baldigen Lösung des Asylantenproblems nicht außer acht lassen. Ihr habt zusammen mit dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland auch darauf aufmerksam gemacht. Deutschland hat in diesen Jahren mehr Ausländer aufgenommen als irgendein anderes Land in Europa. Die Hilfen, die den Armen und Bedrängten zuteil wurden, sind vorbildlich. Allerdings muss die Kirche auch die Tatsache ernst nehmen, dass immer mehr Menschen das Gefühl haben, der Zustrom von Asylbewerbern führe zu einer Überforderung, die zur Folge hat, dass Hilfsbereitschaft in Abschottung umschlagen könne. Macht Euren Gläubigen bewusst, dass innere und äußere Ausgrenzung und Abschottung keine Lösung darstellen können, sondern zu Unsicherheit führen und, sogar in Aggression und Protest umschlagen. Die unveräußerliche Menschenwürde eines jeden einzelnen muss in Zusammenarbeit mit allen Menschen guten Willens, die in Politik und Gesellschaft Verantwortung tragen, zwischen dem ethisch Gebotenen und dem tatsächlich Machbaren garantiert werden.

Dies verlangt von Euch viel Mut und Engagement. Es besteht die Gefahr, dass das Gebot unseres christlichen Glaubens, Fremde aufzunehmen (vgl. Mt 25,35) und Gastfreundschaft zu gewähren (vgl. Röm 12,13), bei überzogenen Asylvorstellungen nicht mehr eingehalten werden kann. Die Kirche muss vielmehr in allen Teilen der Welt Gerechtigkeit und Frieden fordern, Voraussetzungen, die helfen, das Asylproblem zu lösen. Im übrigen wäre der Menschenwürde noch zutreffender Genüge getan, wenn Ihr und Euer Land fortfahren würdet, wie bisher in großzügiger Weise Hilfen für die Länder in Not zur Verfügung zu stellen (v gl. Gaudium et spes, Nr. 84), so dass wenigstens die Menschen, die nicht aus Kriegsgebieten flüchten müssen, in ihrer Heimat verbleiben können und nicht gezwungen sind, alles im Stich zu lassen.

Helft konstruktiv mit, Voraussetzungen zu schaffen, dass das wertvolle Gut des Asylrechts in Deutschland durch eine praktikable Lösung und Präzisierung erhalten werden kann, und helft, eine Gesinnungsethik zu vermeiden, die als Theorie keinen Bezug zum wirklichen Leben hat. Damit leistet Ihr einen Dienst, weil Ihr mithelft, ungesunde und menschenverachtende Verirrungen gerade junger Menschen zu verhindern. Als Kirche kennen wir keine Ausländer; Ihr müßt aber andererseits dazu beitragen, dass das deutsche Volk nach Jahren der gewaltsamen Teilung und der nicht ohne Schwierigkeiten verlaufenen Einigung in Frieden seine volle Identität noch findet.

12. Schließen möchte ich diese Begegnung, liebe Brüder, indem ich Euch erneut meinen Dank und meine Wertschätzung ausspreche. Wenn Ihr in Eure Diözesen zurückkehrt, grüßt bitte herzlich Eure Priester, Diakone, Ordensleute und Gläubigen. Wir stehen am Ende der Adventszeit, kurz vor dem Weihnachtsfest. Gott kommt, weil er will, "dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen" (1 Tim 2,4). Er kommt, weil er aus Liebe die Welt und die Menschen geschaffen und mit ihnen die Gnadenordnung gefestigt hat.

Wundern wir uns nicht, dass der Herr in der Heiligen Nacht keinen Platz in den Häusern von Bethlehem fand und in einem Stall geboren wurde, in einer Grotte, die den Tieren zum Schutz diente. Um so wichtiger ist aber, dass er gekommen ist.

Euch und allen Eurer Hirtensorge Anvertrauten sowie allen Bürgern Eures geschätzen Landes spreche ich meine besten Wünsche für das Weihnachtsfest und das neue Jahr aus und erteile Euch und allen Gläubigen von Herzen meinen Apostolischen Segen.

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