Ad-limina-Ansprachen von Papst Johannes Paul II. an die DBK im Januar 1988

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Ad-limina-Ansprachen von Papst Johannes Paul II. an die DBK im Januar 1988

Inhaltsverzeichnis

Hintergrund

Die deutschen Bischöfe wurden von Papst Johannes Paul II. zu ihrem Ad-limina-Besuch zu Audienzen in drei Gruppen empfangen (mögliche Quelle: VAS 80).

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Ansprache an die bayerischen Bischöfe und den Bischof von Fulda am 16. Januar 1988

Thema: Sorgen um den Glauben

(Quelle: Der Apostolische Stuhl 1988, 1566-1570)
(Offizieller deutscher Text: AAS 80 [1988] 1158-1164)


Liebe Brüder im Bischofsamt !

1. Im Mai des vergangenen Jahres bin ich euch und den Katholiken eures Landes bei meinem zweiten Pastoralbesuch in der Bundesrepublik Deutschland begegnet. Ich freue mich, dass ihr nun nach dem altehrwürdigen Brauch der Visitatio liminum Apostolorum gemeinsam eine Art Gegenbesuch macht und zum Zentrum der Weltkirche kommt. Unsere Begegnungen sind jeweils ein Zeugnis der tiefen Einheit der Kirche und der festen, unzerstörbaren Gemeinschaft des Kollegiums der Bischöfe mit dem Papst als dem Nachtolger Petri. Ich heiße euch von Herzen willkommen und hoffe, dass euer Besuch an den Gräbern der Apostel Petrus und Paulus sowie eure Gespräche in den Dikasterien der römischen Kurie zusammen mit unserem brüderlichen Austausch in Gebet und gemeinsamen Beratungen zu einer Quelle ungeminderten pastoralen Eifers für eure Bistümer und die ganze Weltkirche werden.

In euch grüße ich heute die erste Gruppe eurer Bischofskonferenz, nämlich die Bischöfe Bayerns aus Augsburg, Bamberg, Eichstätt, München und Freising, Passau und Würzburg. Die Bischöfe von Fulda und Speyer haben sich euch angeschlossen. Ganz besonders begrüße ich die Metropoliten eurer Region, Friedrich Kardinal Wetter von München und Freising und Erzbischof Elmar Maria Kredel aus Bamberg. Mit euch sind die Weihbischöfe gekommen, die euch in der pastoralen Sorge treu und hilfreich zur Seite stehen. Auch euch, liebe Mitbrüder, heiße ich hier in Rom herzlich willkommen.

Bei meinem Pastoralbesuch im vergangenen Jahr hat mich der unvergessene Vorsitzende eurer Bischofskonferenz, Joseph Kardinal Höffner, unermüdlich überallhin begleitet. Wer hätte gedacht, dass er schon damals von einer heimtückischen Krankheit erfaßt war und wenige Wochen später langsam dem gewissen Tod entgegengehen musste. Dankbar gedenke ich nun am Beginn eurer Ad-limina-Besuche nochmals seiner außerordentlichen Gestalt. Er war ein mutiger Zeuge des Glaubens und hatte für seine Erzdiözese Köln, für die Deutsche Bischofskonferenz und auch für die Weltkirehe eine herausragende Bedeutung. Haltet sein Gedächtnis in Ehren und lebt aus dem Geist der Gerechtigkeit und der Liebe, dem er stets verpflichtet gewesen ist.

Meine Ansprache an die deutschen Bischöfe in den drei Gruppen möchte ich unter den Leitgedanken der Sorge um den Glauben, um das christliche Leben in den Pfarrgemeinden und um das Zeugnis christlichen Lebens in der Welt stellen. Wenn ich mich auch vor jeder Gruppe nur auf einen Themenkreis beschränken muss, so sind jedoch meine jeweiligen Ausführungen immer an eure ganze Bischofskonferenz gerichtet. Nehmt darum die ganze Ansprache als Anregung und Hilfe für euren pastoralen Dienst in euren Diözesen und eure gemeinsame Arbeit in eurem Land.

2. Bei unserer heutigen ersten Begegnung möchte ich also die Sorge um den Glauben besonders eurer Aufmerksamkeit und eurem Dienst als verantwortliche Oberhirten des Volkes Gottes anempfehlen.

Die Pastoral hat zu jeder Zeit viele und dringliche Aufgaben. Ihr wißt, wie viele Nöte und Probleme heute existieren, die Antwort von uns verlangen. Gerade ihr in der Bundesrepublik Deutschland habt wegen eurer guten äußeren Bedingungen die Möglichkeit, viele Dienste einzurichten und aufzubauen, um diesen Aufgaben Rechnung zu tragen. Wenn man die vielfältigen kirchlichen Einrichtungen und Aktivitäten in euren Bistümern und im ganzen Land betrachtet, so gibt es gewiß viel Anlaß zur Dankbarkeit. Doch müßt ihr als Bischöfe darüber wachen, dass diese vielen Dienste ihre Gestalt, ihre innere Ordnung und ihre Richtung vom Maß des Glaubens her empfangen, damit sie nicht am Ende beziehungslos oder vielleicht sogar widersprüchlich nebeneinanderstehen und so letztlich unfruchtbar bleiben. Es ist eine primäre Aufgabe der Bischöfe, durch ihre verantwortungsbewusste und umsichtige Leitung diese vielen Aktivitäten und Dienste immer wieder auf das eine wesentliche Ziel hinzuordnen : die Sorge um die unverkürzte Weitergabe des Glaubens und um seine stetige Vertiefung. So ist stets zu prüfen, ob das, was in der Kirche in den verschiedenen Bereichen geschieht, wirklich in die innerste Mitte unseres Glaubens hineinführt. Es gibt gerade heute auch viele Aufgaben im Vorraum der Kirche und in ihrer gesellschaftlichen Diakonia, die für eine Re- Evangelisierung des privaten und öffentlichen Lebens in Familie und Gesellschaft notwendig sind; aber sie müssen eine innere Dynamik aufweisen, die konkret und überzeugend zu einer Intensivierung des Glaubensvollzugs führt und nicht bei den unumgänglichen "Praeambula" stehenbleibt. Die Mitte eurer Hirtensorge muss immer und überall vorrangig das Leben des Glaubens in den Herzen der einzelnen und in euren Gemeinden und Diözesen sein. Damit habt ihr auch ein wichtiges Kriterium für die "Nützlichkeit" vieler Aktivitäten und Dienste: Alles, was geistlich "auferbaut" im Sinne des Völkerapostels (vgl. 1 Kor 12-14), ist auch nützlich für das Leben des Glaubens in der Kirche.

Ihr habt, liebe Mitbrüder, als Bischöfe Verantwortung für diesen Glauben in einer mit Gütern der Zivilisation gesegneten Industrienation. Die Menschen eures Landes haben _ im Vergleich mit den meisten Menschen in anderen Völkern - gute Lebensbedingungen und ein sehr hohes Maß an Freiheit. Doch sind diese an sich guten Umstände dem Leben des Glaubens leider nicht gleichermaßen zugute gekommen. Im Gegenteil, das Ausmaß der Säkularisierung ist bei euch im Leben des einzelnen, der Familie und nicht zuletzt in der Öffentlichkeit weit fortgeschritten. Der Sinn für die Transzendenz und für den lebendigen Gott scheint bei vielen Menschen kaum noch vorhanden zu sein. Der Kirchenbesuch, der erwiesenermaßen ein feinfühliger Gradmesser der meisten Lebensäußerungen im Bereich der Kirche ist, hat über die letzten Jahrzehnte spürbar nachgelassen. Der Glaube hat vor allem im Alltag der Familien an Kraft verloren, so zum Beispiel im täglichen Gebet. Darum ist es nicht verwunderlich, dass bei der Weitergabe des Glaubens an die kommenden Generationen zwischen den Eltern und den Kindern zum Teil eine tiefe Kluft entstanden ist; eine Situation, die manche bei euch geradezu als "dramatisch" bezeichnen.

3. Dieser Situation und den sich daraus ergebenden Aufgaben hat sich die Kirche in eurem Land heute zu stellen. Ihr müßt die Ursachen gründlich erforschen und alles tun, um mit gemeinsamen Anstrengungen eine Wende zum Besseren zu schaffen. Ich bin dankbar, dass ihr schon eine Reihe von trefflichen Maßnahmen eingeleitet habt, die auch für andere Länder von Bedeutung sein können. Euer "Katholischer Erwachsenenkatechismus", dessen erster Teil dem Glaubensbekenntnis der Kirche gewidmet ist, ist eine gute Hilfe bei der notwendigen Aufgabe, die oft verlorengegangenen Grundlagen des Glaubens zurückzugewinnen. Ich denke an die verschiedenen Initiativen in der sogenannten "Gemeindekatechese", um die Kinder und Jugendlichen, die oft dem Leben des Glaubens fernstehen, gut und wirkungsvoll zu den Sakramenten hinzuführen. Es ist ein hoffnungsvolles Zeichen, dass viele hilfsbereite Laien dabei mitarbeiten. Sorgt dafür, dass sie für ihre katechetische Aufgabe gut vorgebildet sind und mit den Pfarrern harmonisch zusammenarbeiten. Nutzt weiterhin die sich euch bietenden vielfältigen Chancen für eine vertiefte Glaubensvermittlung in euren zahlreichen Kindergärten, im schulischen Religionsunterricht bis hin zur Theologischen Erwachsenenbildung. Von besonderer Wichtigkeit für die Weitergabe eines lebendigen Glaubens, der den heutigen Fragen der Menschen auf überzeugende Weise standzuhalten vermag, ist vor allem eine entsprechende gründliche Vorbereitung der Priester und der pastoralen Mitarbeiter selbst, denen diese wichtige Aufgabe von Berufs wegen obliegt, wie auch ihre ständige Weiterbildung, damit sie imstande sind, das Glaubensgespräch mit unseren Zeitgenossen fruchtbar zu führen und ihnen die Frohe Botschaft Jesu Christi überzeugend zu verkünden. In diesem Zusammenhang möchte ich an die große Verantwortung der wissenschaftlichen Theologie für die Vergegenwärtigung des Glaubens erinnern. Ihrer großen Tradition kann die Theologie in eurem Lande nur dann gerecht werden, wenn sie über alle Spezialisierungen hinaus und durch sie hindurch die Vernunft des Glaubens sichtbar macht, Ermutigung zum Glauben in und mit der Kirche wird, so dass Menschen auch heute dankbar und froh mit dem Psalmisten sagen können: "Bei Dir ist die Quelle des Lebens, in Deinem Licht schauen wir das Licht" (Ps 36,10).

Entsprechend eurer bisherigen Bemühungen möchte ich euch heute neu ermutigen und aufrufen, euch mit dem Prozeß der Säkularisierung und der Aushöhlung des Glaubenslebens nicht abzufinden. Kämpft im Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils und in Gemeinschaft mit dem obersten Lehramt der Kirche mit allen Mitteln, über die ihr so reichlich verfügt, entschlossen dagegen an. Ihr seid es nicht nur an Wahrheit unseres Glaubens und euer Amt, sondern der oft verborgenen Suche nach Wahrheit und Sinn der Menschen, besonders der Jugendlichen, schuldig. Dazu ist es notwendig, dass ihr euch immer wieder auf die lebendige Mitte des Glaubens konzentriert, um von ihr her die Schönheit und Tiefe aller Wahrheiten neu zu erkennen und zu verkünden:

4. Zu dieser Wahrheit des Glaubens gehört wesentlich auch das christliche Ethos. Ihr wißt, wie mannigfach gefährdet heute die sittlichen Überzeugungen der Menschen sind. Ihr habt in eurem Land viele Jahre über die gemeinsamen Maßstäbe diskutiert, die trotz der Freiheit in Fragen der Religion und der Weltanschauungen die Menschen in derselben Gesellschaft verbinden. Die allgemeine Anerkennung der sogenannten "Grundwerte", die ein menschenwürdiges Zusammenleben ermöglichen, scheint in den modernen Gesellschaften immer mehr zu schrumpfen. Ein rücksichtsloses Streben nach Macht und Reichtum, ein ungezügeltes Geltungsbedürfnis und ein unkontrollierter Umgang mit der menschlichen Sexualität werden dem heutigen Menschen zunehmend zum Verhängnis und zum sittlichen Ruin. Bemüht euch darum in der Verkündigung und in der Glaubensunterweisung mit Nachdruck um die Vermittlung authentischer sittlicher Normen. Seid besonders wachsam, wenn auch im Raum der Kirche moralische Verhaltensregeln propagiert oder faktisch verbreitet werden, die sich weitgehend den Triebbedürfnissen der Menschen anpassen, aber die wahre Freiheit eines Christen verraten. Verzicht und Geduld, Reifenlassen und Standfestigkeit dürfen nicht zu Fremdwörtern in unserem täglichen Leben werden, besonders auch nicht in der Gestaltung der menschlichen Sexualität.

Die Moraltheologen haben heute eine besonders große Verantwortung, nicht nur weil sie vor neuen und schwierigen Herausforderungen stehen, sondern weil unklare oder gar falsche Lehrmeinungen im Bereich der Moral bei den Gläubigen zu besonderer Verwirrung führen - rascher und schwerwiegender als in Fragen von mehr theoretischem Charakter. Ihr müßt es daher als einen zentralen Punkt eurer bischöflichen Verantwortung in dieser unserer Zeit ansehen, dafür zu sorgen, dass die Moraltheologie wirklich von den reinen Quellen des Glaubens der Kirche her denkt, die suchenden Menschen führt und ihnen hilft, von dort her ihr Leben zu gestalten. Demgemäß werdet ihr alles tun, damit eure Moraltheologen eindeutig und auf überzeugende Weise das verbindliche Ethos der christlichen Botschaft lehren. Dazu gehört auch, dass sie den authentischen Sinn der lehramtlichen Dokumente über sittliche Grundfragen - in spezieller Weise jene, welche Ehe und Familie betreffen (Humanae vitae und Familiaris consortio) - in den Verständnishorizont eurer Gesellschaft übersetzen und für das konkrete Leben der Menschen fruchtbar machen. In diesem Sinne hat sich schon der verstorbene Kardinal Höffner in den letzten Jahren seines Lebens ganz eindeutig geäußert.

5. Liebe Mitbrüder im Bischofsamt! Unsere gemeinsame Sorge um den Glauben in unseren Diözesen und Gemeinden muss in einer besonderen Weise und gewissermaßen auch vorrangig unsere Sorge um die Lehrer und Verkünder des Glaubens sein, um unsere Priester und deren Mitarbeiter im pastoralen Dienst und um genügend Priesternachwuchs. Seid als Vater und Freund euren Priestern zur Seite in den vielfältigen und mühevollen Aufgaben ihres Amtes. Sorgt euch mit ihnen zusammen um eine angemessene Pastoral der geistlichen Berufe. Und kümmert euch mit besonderer Umsicht um die Priesterseminare und die Ausbildungsstätten künftiger pastoraler Mitarbeiter, um die Theologischen Hochschulen und Fakultäten. Sie sollen die künftigen Lehrer und Verkünder des Glaubens zuverlässig unterrichten in der philosophischen und theologischen Wissenschaft. Eine solide theologische Grundausbildung ist unbedingt notwendig. Sie darf nicht einem verkürzten und oft überschätzten Praxisbezug geopfert werden. Achtet auf eine gediegene Lehre durch gut ausgebildete Dozenten. Aller Ausbildung und allen pastoralen Bemühungen zugrunde aber liege eine tiefe und überzeugende Spiritualität. Ihre Mitte sei die Hinführung zum Gebet sowie ein Leben und Wirken aus dem Gebet. Die Orden mit ihren kirchlich anerkannten geistlichen Traditionen und die neueren geistlichen Bewegungen sind dabei für Priester und Laien eine sehr große und heute unentbehrliche Hilfe.

Eure bayerischen Diözesen sind zudem noch Träger der einzigen Universität päpstlichen Rechts im deutschen Sprachraum, der Katholischen Universität Eichstätt. Ich möchte euch für die Bemühungen, welche ihr für diese Universität einsetzt, aufrichtig danken und euch zugleich ermutigen, den weiteren Ausbau dieser Hochschule zu fördern. Es wäre vielleicht sogar wünschenswert, wenn nicht nur die bayerischen, sondern alle deutschen Diözesen sich für diese Universität verantwortlich fühlen würden. Da Deutschland eine in der ganzen Welt bekannte Universitätstradition hat, scheint eine katholische Universität gerade auch in eurem Land für die Kirche von besonderer Bedeutung zu sein.

6. Indem ich diesen ersten Teil meiner Überlegungen anläßlich eures Ad-limina-Besuches, zusammen mit den später noch folgenden, nun euren weiteren persönlichen und gemeinsamen Beratungen und Schlussfolgerungen anvertraue, danke ich euch, liebe Mitbrüder, zum Schluss noch von Herzen für euer treues Zeugnis von Glaube, Hoffnung und Liebe in euren Diözesen. Grüßt eure noch lebenden Vorgänger im bischöflichen Amt, die verdienten Altbischöfe von Bamberg und Speyer: Josef Schneider und Isidor Markus Emmanuel sowie von Passau und Fulda: Anton Hofmann und Eduard Schick. Grüßt alle Gläubigen, vor allem eure Priester und Diakone sowie alle, die sich mit ihnen im Dienst an der Kirche aufopfern. Grüßt alle eure Mitarbeiter, gleich, an welcher Stelle sie sich abmühen: in der Pastoral, in der Caritas, in der Glaubensunterweisung, in der theologischen Wissenschaft, in der Verwaltung. Ganz besonders grüße ich durch euch die Frauen und Männer in den Orden und Kongregationen sowie in den Säkularinstituten und geistlichen Gemeinschaften. Ich bete zu Gott, dass ihr entschiedenes Leben im Geist der Nachfolge Jesu Christi reiche Frucht bringe für sie und die ganze Kirche.

Für Gottes bleibenden Schutz und Beistand erteile ich euch und allen eurer bischöflichen Hirtensorge anvertrauten Gläubigen, besonders auch den Kindern und Alten sowie allen Kranken und Leidenden von Herzen den Apostolischen Segen.

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Ansprache an die Bischöfe der west- und norddeutschen Kirchenprovinzen am 23. Januar 1988

Das christliche Leben in den Pfarrgemeinden erneuern

(Quelle: Der Apostolische Stuhl 1988, 1571-1575)
(Offizieller deutscher Text: AAS 80 [1988] 1172-1178)


Liebe Brüder im Bischofsamt !

1. Nachdem ich bereits in der vergangenen Woche eine erste Gruppe von Oberhirten eurer Bischofskonferenz mit ihren Weihbischöfen zum diesjährigen Ad-limina-Besuch empfangen konnte, grüße ich euch heute, die zweite Gruppe aus Nordwestdeutschland :

Die Bischöfe von Aachen, Essen, Hildesheim, Münster, Osnabrück und Paderborn sowie den Diözesanadministrator des Erzbistums Köln. Ein besonderer Gruß gilt dem Metropoliten unter euch, Erzbischof Degenhardt. Zusammen mit euch gedenke ich des jüngst verstorbenen früheren Bischofs von Osnabrück, Helmut Hermann Wittler, den ihr erst vor vierzehn Tagen zu Grabe getragen habt. Gott schenke diesem verdienten Oberhirten seinen ewigen Frieden; ebenso seinem treuen Diener Kardinal Joseph Höffner, dessen hochverehrter Person ich schon vor der ersten Bischofsgruppe mit Dankbarkeit gedacht habe. Einen brüderlichen Willkommensgruß richte ich dann auch an die Weihbischöfe, die auch bei dieser Gruppe zahlreich vertreten sind.

2. In einem ersten Teil meiner Gesamtansprache an eure Bischofskonferenz habe ich zu eurer ersten Gruppen von der Sorge um den Glauben gesprochen; mit euch möchte ich das christliche Leben in den Pfarrgemeinden besonders bedenken.

Das II. Vatikanische Konzil hat Anstöße gegeben, um das Nachdenken über die Gemeinschaft der Gläubigen auf Pfarr- und Diözesanebene anzuregen und das Leben in ihr zu erneuern. In eurem Land ist dies besonders intensiv geschehen. Ihr konntet dabei auf viele gute Erfahrungen zurückgreifen, die schon vor jener Kirchenversammlung gewachsen waren, wie zum Beispiel die liturgische Bewegung und die Erneuerung des Laienapostolats. Viele Mühen gelten dem inneren und äußeren Aufbau lebendiger Pfarrgemeinden. Besonders fruchtbar hat sich dies für die Gestaltung der Gottesdienste und Sakramente erwiesen. Achtet jedoch darauf, dass die Normen der liturgischen Erneuerung auch überall beachtet werden. Sonst entstehen leicht bedauerliche Mißverständnisse: Manche lasten dem Konzil und der liturgischen Erneuerung an, was in Wirklichkeit nicht Absicht der Kirche ist, sondern auf einzelne, die willkürlich handeln, zurückgeht. Jeder, der am liturgischen Handeln der Kirche mitwirkt, muss sich bewusst bleiben, dass er einen heiligen Dienst tut, der verlangt, dass der einzelne sich einfügt in das Ganze der betenden Kirche und in die ihm zugewiesene Aufgabe.

Er muss sich dabei vor jeder Überbetonung der eigenen Person hüten. Auf der Grundlage solcher Dienstbereitschaft kann dann jeder gewiß auch seine persönliche Fähigkeit einbringen. Vor allem der Priester darf nie vergessen, dass er "im Namen und in der Person Jesu Christi handelt", wie eine lange Überlieferung lehrt. Er muss ganz zurücktreten können hinter dem Herrn, den er verkündigt.

Sorgt also für diese grundlegende Spiritualität aller Ämter und Dienste, die im Gottesdienst Aufgaben wahrnehmen. Sonst besteht die Gefahr, dass das heilige Geschehen der Liturgie zu einem bloßen Menschenwerk verflacht. Gottesdienst ist wesentlich auf Anbetung und Lobpreis hingeordnet. Wir danken Gott für seine Gaben und empfangen sie durch sein Handeln. Dies kann, wie der Reichtum der Kirche an Gebeten und Riten zeigt, auf vielfache Weise geschehen. Beachtet auch Zeiten für Stille und Schweigen, für Besinnung und persönliches Gebet in den Gottesdiensten. Das gesprochene und verkündigte Wort muss aus dem Wurzelboden der Anbetung und des ehrfürchtigen Schweigens erwachsen. Ich bin euch dankbar, dass ihr immer wieder - zum Teil auch in ökumenischen Verlautbarungen mit den evangelischen Kirchen - auf die Heiligung des Sonntags und seine Bedeutung für eine wahrhaft menschliche Kultur hinweist. Die Eucharistiefeier der Pfarrgemeinde ist dabei ein Höhepunkt, der durch nichts vollgültig ersetzt werden kann. Darum stütze ich euch darin, dass ihr diese Einzigartigkeit der sonntäglichen Eucharistiefeier auch im Blick auf den Wunsch nach vermehrten ökumenischen Gottesdiensten beachtet.

3. Die Erneuerung der Pfarreien hat den Kern der Gemeinden vielerorts lebendiger gemacht. Zahlreiche Gläubige arbeiten dort ehrenamtlich mit und stellen ihre Gaben und Dienste den Pfarrgemeinden zur Verfügung. Bischöfe und Priester können dankbar und froh sein, wenn sich so viele Christen an ihrer Seite zum aktiven Zeugnis ihres Glaubens bereiterklären. Dankt ihnen auch in meinem Namen für diesen Einsatz! Der gleiche Dank gilt aber auch denjungen Männern und Frauen, die einen hauptamtlichen Beruf im Zusammenwirken mit den Priestern und Diakonen in der direkten Pastoral der Kirche anstreben und dafür die verschiedenen Ausbildungswege bis hin zum theologischen Vollstudium einschlagen. Gewiß gibt es in diesem Bereich manche praktische Schwierigkeiten bei der genaueren Aufgabenumschreibung wie bei der notwendigen Zusammenarbeit mit dem Seelsorgeklerus. Dies alles sollte aber nicht die Freude darüber mindern, dass hier durchaus echte geistliche Berufungen vorliegen, die eine besondere Prüfung, Pflege und Förderung durch das Hirtenamt verdienen.

Wir sind dankbar, dass es bei euch Entwicklungen gibt, die Anlaß zu Freude und Anerkennung sind. Allerdings sind auch einige negative Tendenzen nüchtern zu sehen: Der Kirchenbesuch ist in den letzten Jahrzehnten ständig zurückgegangen, obwohl die Menschen immer mehr Freizeit haben; die Distanzierung vieler Getaufter vom konkreten Leben der Kirche nimmt zu. Ihr wißt darum und habt schon manches dagegen unternommen. Schreckt aber vor dem schwierigen Werk sogar einer Neu-Evangelisierung eurer Heimat nicht zurück! Wenn heute manche Menschen nicht mehr zur Kirche finden, muss die Kirche sie aufsuchen. Wir müssen uns auch um diejenigen kümmern, die nur noch selten oder gar nicht mehr bei uns sind. Die Pastoral in unseren modernen Industriestaaten muss heute von Grund auf missionarisch sein. Wir dürfen uns nicht mit der kleinen Herde besonders Getreuer begnügen, sondern müssen immer wieder alle einladen und um sie werben. Ihr folgt dabei dem Beispiel Christi, der für alle gestorben ist und keinen verlorengehen lassen wollte.

4. Evangelisierung vollzieht sich zunächst in der öffentlichen Verkündigung der Kirche in Katechese und Predigt auf den verschiedensten Ebenen und in vielfältigen Formen; sie verlangt aber dann vor allem auch das persönliche Zeugnis in der zwischenmenschlichen Begegnung: theologische Forschung und kirchliche Verwaltung können dafür nur den Rahmen schaffen. Erst recht können technische Hilfsmittel den Kontakt von Mensch zu Mensch in der Verkündigung des Glaubens nicht ersetzen: Der Funke persönlicher Überzeugung muss vielmehr überspringen und im Mitmenschen den Glauben an Jesus Christus aufkeimen lassen oder vertiefen.

Wenn nun heute neue apostolische Bewegungen mit großem Elan die Frohe Botschaft vom Heil anderen lebendig und eindringlich nahebringen wollen, sollten ihnen jeder vertretbare Freiraum und viel Vertrauen geschenkt werden. Sie pflegen ihr Apostolat eigentlich nicht in den üblichen und allseits vertrauten Formen; auch will die letztlich notwendige Integration in die örtliche Seelsorgestrukturen und -konzepte nicht immer gleich von Anfang an gelingen. Dennoch verdienen solche Bewegungen grundsätzlich Anerkennung und Förderung, wie es auch die letzte Bischofssynode betont hat. Weltweit gesehen, haben sich solche neuen Wege der Evangelisierung bereits gut bewährt und erstaunliche Früchte erbracht. Der Heilige Geist hat euren Ortskirehen ein reich entfaltetes Laienapostolat in ständischer und beruflicher Gliederung geschenkt; derselbe Heilige Geist sendet euch heute neuartige Begabungen missionarischer Art, die dem Leben eurer Gemeinden frische Impulse geben möchten, ohne bisherige Initiativen und Gruppen zu mißachten oder gar zu verdrängen. Die Diözese und die Pfarrei bleiben die grundlegende Gemeinschaft der Seelsorge.

Wenn wir von Evangelisierung sprechen, müssen wir aber vor allem auch an die christliche Familie denken: Die von der Schöpfungsordnung vorgezeichnete Urzelle einer jeden menschlichen Gesellschaft ist auch der erste Ort für die Einübung in den Glauben. Die Familie ist der Raum der Begegnung der Generationen; in ihr müssen die sozialen Tugenden im täglichen Miteinander erlernt werden. In ihr wird Glaube persönliche Erfahrung und zugleich gemeinschaftliche Gestalt. Seelsorge muss deshalb darauf abzielen, die Familie zu stärken, sie gegen die Bedrohung familienfeindlicher Strömungen zu schützen und sie als gewachsene Ganzheit in den apostolischen Auftrag hineinzuführen.

5. Ein besonderes Anliegen, das ihr mit mir teilt, wird die Sorge um die junge Generation in der Kirche sein. Sie wird einmal das Erbe des Glaubens weitergeben müssen an die folgenden Generationen. Auf ihre innere Festigkeit und ihr Glaubenszeugnis wird es also ankommen. Müht euch mit allen Kräften um die jungen Menschen. Sie brauchen unser Vertrauen und das aufrichtige Gespräch mit den älteren. Nur so kann die Kluft zwischen Jung und Alt, die heute über das gewohnte Spannungsverhältnis hinauszugehen scheint, von beiden Seiten her überwunden werden. Zeigt den jungen Menschen, dass ihr ihnen Weggenossen seid, die ihre Fragen und Nöte aufnehmen, ihnen aber auch die Kraft des Evangeliums für ihr Leben bezeugen können. So sehr wir um die jungen Menschen von heute leidenschaftlich ringen müssen, so entschieden und eindeutig muss die Art sein, wie wir ihnen als Hirten begegnen. Achtet auf Verderber, die ihre ideologischen Irrtümer verführerisch anpreisen. Nehmt positive neue Erfahrungen j unger Leute auf, zeigt ihnen aber nicht weniger, wo falsche Wege beginnen und welche Wege die Heilige Schrift und die christliche Überlieferung uns weisen. Stellt den Jugendlichen trotz des Mangels an Priestern doch genügend Seelsorger von besonderer Qualität zur Seite, die der Jugend von heute die Kraft und Schönheit der biblischen Offenbarung und des Glaubens der Kirche überzeugend und begeisternd vermitteln können. Gebt aber auch dem Glaubenszeugnis junger Menschen selbst genügend Raum und hört ihre Meinung; denn "der Herr offenbart oft einem Jüngeren, was das Beste ist", wie der heilige Benedikt sagt.

Gewiß tut ihr gut daran, den Jugendlichen immer wieder zu helfen, ihr mit heißem Herzen betriebenes gesellschaftliches Engagement mit dem erprobten Fundament des christlichen Menschenbildes zu verbinden, wie es uns das Lehramt der Kirche mit dem Blick auf den Herrn und die Glaubensurkunden vorlegt. Seid euch aber auch bewusst - und gebt es im Gespräch mit den jungen Leuten auch zu -, dass wir Älteren manche neuen Werte und Optionen für ein gesichertes Weiterleben der Menschheit erst gesehen und zu schätzen begonnen haben, nachdem sie bereits von jungen Menschen entdeckt und vorgetragen worden waren. Ich denke hier vor allem an die Bereiche des Friedens, der Entwicklung der Völker und der Umwelt.

6. Sorge und Schmerz bereitet uns die Lage der Familie und vor allem die Zahl der Ehescheidungen, die auch unter den Katholiken eures Landes erschreckend hoch ist. Auch verweigern sich viele jungen Menschen zeitweilig oder sogar grundsätzlich der Lebensform der Ehe, obwohl sie wie Mann und Frau miteinander leben und wohnen. Die unwiderrufliche Treue in der Ehe, vor der Gesellschaft und der Kirche bekundet, ist dagegen das kostbarste Gut, das die Kirche als Gabe und Aufgabe ihres Herrn für das eheliche Zusammenleben der Menschen hüten muss. Darum führt auch die isolierte Forderung einer Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zu den Sakramenten letztlich in die Enge. Eine Lösung der damit gegebenen Probleme wird eher in einer tieferen Vorbereitung junger Menschen auf das Geheimnis der Ehe vor allem als Sakrament zu suchen sein, und dies nicht nur für die betroffenen Brautleute selbst, sondern als ein Gebot der Glaubensunterweisung und Verkündigung über die christliche Ehe auf allen Ebenen der Pastoral. Prüft und vertieft darum mit ganzem Einsatz die vorhandenen Formen kirchlicher Ehevorbereitung in euren Diözesen. Achtet dabei darauf, dass die Brautpaare besonders auch für die große Aufgabe der Formung einer christlichen Familie zugerüstet werden. Vielleicht haben wir im Ganzen der Verkündigung noch zu wenig von der Größe und Schönheit, aber auch von den Anforderungen und Aufgaben einer christlichen Ehe und Familie gesprochen. Gerade auch verheiratete Laien sollten dafür Zeugnis geben. Achtet aber darauf, dass sich in die kirchlichen Vorbereitungskurse zur Ehe nicht irrige Vorstellungen einschleichen, die nicht bloß unvereinbar sind mit der gültigen Botschaft unseres Glaubens, sondern letztlich den Menschen nur schaden können.

7. Auch der Bereich von Umkehr und Versöhnung, von Buße und Beichte verlangt unsere ganz intensive Hirtensorge. Trotz vieler Anstrengungen ist der praktische Vollzug von Buße und Beichte immer noch in einer Krise. Dies gilt wohl auch für euer Land. Man spricht zwar viel von Umkehr und Versöhnung im Blick auf gesellschaftliche Fehlentwicklungen und Konflikte, weicht aber der Änderung der eigenen Lebensrichtung und der persönlichen Umkehr des Herzens und damit der eigentlichen Versöhnung mit Gott und den Menschen aus. In hohem Maße sind Wirklichkeiten wie eine wirklich persönliche Gewissensentscheidung und konkrete Schulderfahrung sowie der Sinn für das, was die Heilige Schrift und die Lehre der Kirche Sünde nennen, verdunkelt und wenig wirksam. Die Folge ist, dass sehr viele Christen, die durchaus glauben möchten und auch viel Gutes tun, von der regelmäßigen Erneuerung ihres Lebens in Buße und Beichte abgekommen sind und sich mit sehr allgemeinen Bekenntnissen in gelegentlichen Bußgottesdiensten begnügen. Viele empfangen dann das Sakrament der Eucharistie in einer inneren Verfassung, die der Würde dieses kostbaren Vermächtnisses des Herrn widerspricht (vgl. 1 Kor 11,27 ff.). Tht darum alles, was möglich ist, um alle Glieder der Kirche, auch die Priester selbst, zu einer erneuten Hochschätzung von Umkehr und Versöhnung, konkretisiert in der persönlichen Beichte, zurückzuführen. Das Sakrament der Beichte ist das Geschenk Jesu Christi an seine Kirche, um seinem Ruf zur Umkehr ganzheitlich zu entsprechen.

8. Liebe Mitbrüder ! Dies sind einige wichtige Bereiche aus dem christlichen Leben in den Pfarrgemeinden, an denen sich unser Hirtenamt bewähren muss. Bei der Begegnung mit den Bischöfen der dritten Gruppe in wenigen Tagen werde ich dann vor allem das Zeugnis christlichen Lebens in der Welt behandeln. Wenn uns ein solcher konzentrierter Überblick über die Schwerpunkte unseres Bischofsamtes den Atem zu nehmen droht, so schaut zusammen mit mir auf die unbezwingbare Zuversicht, die aus den Worten des Apostels Paulus an die Gemeinde von Thessalonich aufleuchtet: "Freut euch zu jeder Zeit! Betet ohne Unterlaß! Dankt für alles ... ! Löscht den Geist nicht aus! Verachtet prophetisches Reden nicht! Prüft alles, und behaltet das Gute!" (l Thess 5,16 ff.)

Ja, es gibt auch heute viel Gutes zu berichten aus euren Gemeinden. Dem Dank an Gott hierfür möchte ich auch meinen Dank an euch und alle eure Mitarbeiter im ehrenamtlichen wie hauptamtlichen Dienst für diese vielfältigen guten Früchte des Geistes in euren Diözesen anschließen. Einen besonderen brüderlichen Gruß und Glückwunsch sende ich über euch an den verehrten Altbischofvon Hildesheim, Heinrich Maria Janssen, der soeben seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert hat. Gott schenke euch allen seinen reichen Segen und den verdienten Lohn des "getreuen Knechtes" (vgl. Mt 25,14 ff.).

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Ansprache an die Bischöfe von Freiburg, Limburg, Mainz, Rottenburg-Stuttgart und Trier sowie den Bischof von Regensburg am 28. Januar 1988

Laien sollen als Salz der Erde wirken

(Quelle: Der Apostolische Stuhl 1988, 1575-1579)
(Offizieller deutscher Text: AAS 80 [1988] 1192-1197)


Liebe Brüder im Bischofsamt !

1. Als dritte und letzte Gruppe von Oberhirten der Deutschen Bischofskonferenz begrüße ich heute in euch die Bischöfe von Freiburg, Limburg, Mainz, Rottenburg-Stuttgart und Trier, also vorwiegend aus Südwestdeutschland, sowie den Bischof von Regensburg, der sich euch angeschlossen hat, zusammen mit einigen Weihbischöfen. Ganz besonders begrüße ich unter euch den neuen Vorsitzenden eurer Konferenz, BischofKarl Lehmann, dem ihr für die Nachfolge des unvergessenen Kardinals Joseph Höffner in diesem Amt euer Vertrauen geschenkt habt, sowie den stellvertretenden Vorsitzenden und Metropoliten der Oberrheinischen Kirchenprovinz, Erzbischof Saier aus Freiburg.

In diesen Tagen eures Ad -limina - Besuches findet ihr mehrfach Gelegenheit, dem Nachfolger im besonderen Bischofsamt des Petrus von den Freuden und Sorgen eures Hirtenamtes in euren Diözesen zu berichten, sein ermutigendes und weisendes Wort zu hören und euch der vertrauensvollen Gemeinschaft mit ihm und seinen Mitarbeitern in der römischen Kurie unmittelbar zu vergewissern. Bei dieser gemeinsamen Begegnung möchte ich euch nun in besonderer Weise zur Sorge um das Zeugnis christlichen Lebens in der Welt einladen, nachdem bei den zwei vorhergehenden Gruppen die Sorge um den Glauben selbst sowie das christliche Leben in den Pfarrgemeinden im Mittelpunkt meiner Erwägungen gestanden haben.

2. Der von den Christen gelebte und in Wort und Sakrament gefeierte Glauben zielt ja über den Raum der Kirche auf die ganze Welt. "Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird" (loh 3,17). Die Wahrheit muss "in uns" bleiben, damit sie durch uns die konkrete Gestalt der Welt erfassen und umgestalten kann. Wir wissen, dass uns dies wegen der endlichen Gestalt der Welt und wegen unserer Schwäche immer nur vorläufig und bruchstückhaft gelingen wird. Die volle Herrlichkeit dessen, was einmal sein wird, geht uns erst bei der Vollendung der Welt durch Gott auf. Alle Versuche, rein weltliche Heilslehren als Verheißungen des vollen Glücks für alle Menschen bereits in dieser Zeit auszugeben, stoßen hier an ihre Grenzen. Sie haben die Menschen immer nur enttäuscht, oft sogar um ihre Freiheit gebracht und die Schrecken der Geschichte vermehrt. Seid wachsam, damit nicht Elemente einer solchen Haltung auch die christliche Weltgestaltung mitbestimmen. Bleibt der nüchternen Hoffnung unseres Glaubens treu, die das Unvollendetsein unserer Welt und das Kreuz des Herrn nie aus den Augen verliert.

Diese Sicht darf uns Christen aber kein Vorwand sein, vor den Problemen der heutigen Welt zu kapitulieren. Findet euch nicht ab mit der starken Tendenz zur Säkularisierung in eurer Gesellschaft. Es sieht manchmal so aus, als ob von seiten des Glaubenden kein Eindringen in die sich selbst genügende Sphäre einer säkularisierten Welt möglich wäre. Man scheint Religion und Kirche nicht zu brauchen. Aber der Schein einer selbstzufriedenen Autonomie in dem durch eigene Hand geschaffenen Haus trügt. Risse bezeugen, dass das säkulare Haus brüchig ist: Elementare Lebensfragen werden verdrängt; der vollen Wahrheit über sich und andere geht man aus dem Weg; viele Angebote, das eigene Glück ausschließlich selbst zu bestimmen, führen zu Langeweile und Verzweiflung. Auf Dauer begnügt sich der Mensch eben nicht mit Ersatz als Antwort auf seine Lebensfrage. Die Flucht in Betriebsamkeit, Häufung irdischer Güter, Genuß, Rausch und Drogen sind ein deutliches Zeugnis dafür.

Der christliche Glauben will sein Zeugnis in diese konkrete Welt hineinbringen. Er muss dabei mit Widerstand und auch Ablehnung rechnen. In diesem Sinne wird es auch immer wieder zu Auseinandersetzung und Streit mit widrigen und bösen Mächten kommen. Christliches Zeugnis in der Welt kann es nicht geben ohne Mut und Tapferkeit. Die eigene Wahrheitsüberzeugung muss rein und eindeutig zur Geltung gebracht werden, in erster Linie im eigenen Sprechen, Handeln und Leben.

3. Dies ist die genuine Aufgabe aller Glieder der Kirche. Zur Würde und Sendung der Taufe gehört es, dass wir die "großen Taten dessen verkünden, der uns aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat" (l Petr 2,9). Dies gilt für alle Christen und für alle Lebensbereiche. Priester und Laien haben bei euch in den letzten Jahrzehnten Beachtliches für den inneren Aufbau der Kirche vollbracht. Die Kirche muss ja auch zuerst in sich selbst geistlich stark und gerüstet sein, wenn sie sich mit ihrem Glaubenszeugnis der Welt zuwenden will. Dabei darf jedoch der besondere Weltdienst der christlichen Laien nicht zu kurz kommen; ja, er solle tatsächlich im Vordergrund stehen. Diese Orientierung spricht das Zweite Vatikanische Konzil in der Kirchenkonstitution Lumen gentium deutlich aus; dort heißt es: "Die Laien sind besonders dazu berufen, die Kirche anjenen Stellen und in den Verhältnissen anwesend und wirksam zu machen, wo die Kirche nur durch sie das Salz der Erde werden kann" (Nr. 33). Oder an anderer Stelle: "Den Laien ist der Weltcharakter in besonderer Weise eigen" (Nr. 31). Alle innerkircWichen Dienste und Ämter sollten den Laien in Ehe und Familie, in seinem Beruf sowie im öffentlichen Leben befähigen, gerade dort sein qualifiziertes und unersetzliches Zeugnis abzulegen, wozu ihn auch die letzte Bischofssynode neu ermutigt hat.

Dafür habt ihr in eurem Land auch traditionsreiche Verbände, die aber wohl eine neue Stärkung von innen her brauchen. Ermutigt sie, ihre authentische Sendung in die Welt hinein zu erfüllen. Sie brauchen hierfür im Sinne der Pastoralkonstitution Gaudium et spes gewiß eine relative Selbständigkeit, damit sie sich im Bereich der zeitlichen Dinge mit ausreichender Freiheit bewegen können. Natürlich kann das nicht so weit gehen, dass sie sich vom verbindlichen Glauben der Kirche entfernten. Sonst würden sie schal und kraftlos und verlören die konkrete Kirche als ihre nächste Heimat.

4. Diese Vermittlung der geistlichen Kraft der Kirche in die Strukturen der Welt hinein durch die Laien und Verbände erstreckt sich auf alle Lebensbereiche der heutigen Gesellschaft. Besonders nennen möchte ich die Welt der Arbeit, die Politik auf allen ihren Ebenen, die Schulen in ihren vielfältigen Formen, Wissenschaft und Kultur, die Medizin und die Sorge um die Kranken, die Sozialfürsorge, die Medien, die Sorge um die Bewahrung der Schöpfung. Stärkt die Glieder der Kirche, die in solchen Bereichen arbeiten und Verantwortung tragen: Sie haben dort schwere Probleme für die Zukunft zu lösen und bedürfen gerade deshalb unserer Solidarität und Nähe.

Unsere kirchliche Aufgabe hat heute weltweite Dimensionen. Bei euch beweist ihr das durch die großen Bischöflichen Werke ADVENIAT, MISEREOR und MISSIO sowie durch die Arbeit der Caritas als bewährte und segensreiche Einrichtungen zum Wohl der Menschen, die von Not und Katastrophen, Hunger und Unterdrückung betroffen sind. Ich danke euch und allen Katholiken für die Förderung dieser Werke und die darin bekundete Solidarität mit den Armen und Leidenden. Lasst nicht nach in eurem Eifer, aus eurem Glauben und dem Segen eurer irdischen Mittel konkrete Nächstenliebe zu üben. Unsere Hilfe aus der Kraft des Evangeliums soll selbstlos sein, ohne weltliche Nebenabsichten und ohne uns als Kirche in politische Auseinandersetzungen hineinziehen zu lassen. Wo jedoch fundamentale Menschenrechte und die menschliche Würde verletzt werden, dürfen wir nicht schweigen.

Solche brüderliche Hilfe steht nicht etwa nur am Rande unseres Glaubens. Der Völkerapostel Paulus zeigt uns, wie sehr die von ihm betriebene Geldsammlung für Jerusalem zur Mitte unseres "Glaubens gehört, wenn er auch uns zu bedenken gibt: "Ihr wißt, was Jesus Christus, unser Herr, in seiner Liebe getan hat. Er, der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen" (2 Kor 8,9). Auch ihr werdet nicht selten erfahren haben, dass ihr selbst durch die ganz andersartigen Gaben eurer fernen Brüder und Schwestern reich werdet, indem ihr nämlich die Dankbarkeit lernt für euer Leben mit seinen vielen Möglichkeiten in der einen universalen Kirche Jesu Christi. Oft werden wir durch den inneren Reichtumjener Menschen, die wir zu beschenken meinen, geradezu beschämt und selbst bestärkt.

5. Weitere wichtige Bereiche eines christlichen Zeugnisses nenne ich heute nur kurz. Ich denke an den Einsatz der Gläubigen für einen umfassenden Frieden. Euer Dokument "Gerechtigkeit schafft Frieden" aus dem Jahr 1983 tut sicher auch heute noch einen guten Dienst für die Erziehung zu einem Frieden in allen Lebensbereichen - bis hin zum Weltfrieden. Mir stehen ferner die großen Gefährdungen vor Augen, denen das ungeborene Kind vom Anfang des Lebens an vielfach ausgesetzt ist. Mit Recht betont ihr immer wieder, dass ihr euch mit dem Skandal der hohen Abtreibungszahlen und der damit verbundenen allgemeinen Gewöhnung nicht abfinden werdet. Ich danke euch für dieses mutige Zeugnis und bestärke euch von ganzem Herzen: Tut alles, was ihr könnt, um die Gewissen der Menschen zu wecken und das Leben der ungeborenen Kinder zu retten. An diesem Zeugnis für das Lebensrecht aller menschlichen Wesen am Anfang und am Ende unseres irdischen Weges entscheidet sich die Glaubwürdigkeit unserer Hoffnung für alle Menschen, ganz besonders in eurem Land, das doch so viele Lebenschancen bietet. Schließlich erwähne ich noch die Mithilfe der Christen bei der ethischen und psychologischen Bewältigung von sozialen Spannungen, die sich bei euch aus einer hohen Arbeitslosigkeit sowie aus der relativ großen Zahl von Flüchtlingen aus aller Welt ergeben.

6. Eine anspruchsvolle Aufgabe bleibt in eurem Land weiterhin die Überwindung der Spaltung unter den Christen; ihr verspürt sie bei euch besonders schmerzlich. Wir haben allen Grund, Gott zu danken, dass wir in den letzten Jahrzehnten viele Vorurteile und Mißverständnisse miteinander überwinden und überraschend viel Gemeinsames entdecken konnten, was uns vorher in diesem Maße meist nicht bewusst war. Fahrt fort mit dem aufrichtigen und sorgfältigen Dialog mit den nicht-katholischen kirchlichen Gemeinschaften! Öfter fordern diese von euch die Einheit am Tisch des Herrn oder wenigstens eine Art "eucharistische Gastfreundschaft". Diese Gemeinschaft beim Mahl des Herrn kann es aber beim gegenwärtigen Stand des Gespräches miteinander leider jetzt noch nicht geben. Diese Trennung schmerzt; sie gibt uns aber die notwendige Kraft und beständige Geduld für das Ringen um die Wahrheit des Glaubens. Um so wichtiger ist es, dass die getrennten Christen schon jetzt alles miteinander tun, was jetzt bereits möglich ist. Dazu gehört vor allem das Gebet um die Einheit, wie es besonders in diesen Tagen überall geschieht.

Liebe Mitbrüder im Bischofsamt !

Dies sind einige vorrangige Aufgabenfelder, auf denen sich das christliche Weltzeugnis in eurem Land bewähren muss. Zusammen mit meinen Anregungen für die beiden vorhergehenden Gruppen eurer Bischofskonferenz vertraue ich euch meine Worte nun zur weiteren persönlichen und gemeinschaftlichen Erwägung an und erbitte euch von Christus, dem Guten Hirten, eine segensreiche Auswertung eures gesamten diesjährigen Ad-Iimina-Besuches zur Aufrichtung des Reiches Gottes in euren Gemeinden.

In brüderlicher Verbundenheit und Anerkennung danke ich euch auch an dieser Stelle für euer Glaubenszeugnis und euren unermüdlichen Hirtendienst in eurem Land. Wenn ihr jetzt dahin zurückkehrt, grüßt in meinem Namen die euch anvertrauten Katholiken in euren Bistümern, vor allem eure vielfältigen Mitarbeiter, wo immer sie für Glaube und Liturgie, für Caritas und Verwaltung wirken. Ein besonderes Wort der Ermutigung sagt den Männern und Frauen in den Ordensgemeinschaften und säkularen Instituten. In tiefer geistlicher Einheit grüße ich durch euch auch die verdienten Altbischöfe von Mainz, Trier und Regensburg : Kardinal Hermann Volk, Bischof Bernhard Stein und Bischof Rudolf Graber.

Der allmächtige und gütige Gott segne euch und eure Ortskirehen und lasse sein Reich der Wahrheit und der Liebe unter euch wachsen. Gelobt sei Jesus Christus!

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