Munificentissimus Deus (Wortlaut)

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Maria, die Mutter Jesu
Dogmatische Konstitution-Bulle
Munificentissimus deus
unseres Heiligen Vaters
Pius XII.
an die Ehrwürdigen Brüder, die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe
und die sonstigen Oberhirten, die in Frieden und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle leben
zur Verkündigung des Glaubenssatzes, dass die Jungfrau Maria mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wurde
1. November 1950
(Offizieller lateinischer Text: AAS XLII [1950] 753-771)

(Quelle: Heilslehre der Kirche, Dokumente von Pius IX. bis Pius XII. Deutsche Ausgabe des französischen Originals von P. Cattin O.P. und H. Th. Conus O.P. besorgt von Anton Rohrbasser, Paulus Verlag Freiburg Schweiz 1953, S. 328-347; Imprimatur Friburgi Helv., die 22. maii 1953 L. Weber V. G.; Die Nummerierung folgt der portugiesischen Fassung [1])

Allgemeiner Hinweis: Die in der Kathpedia veröffentlichen Lehramstexte, dürfen nicht als offizielle Übersetzungen betrachtet werden, selbst wenn die Quellangaben dies vermuten ließen. Nur die Texte auf der Vatikanseite [2] können als offiziell angesehen werden (Schreiben der Libreria Editrice Vaticana vom 21. Januar 2008).

Einleitung

Gott lindert die Leiden der Menschen durch Freuden

1 Der unendlich freigebige Gott, der alles vermag und dessen Fügungen Taten der Weisheit und Liebe sind, lindert nach seinen unerforschlichen Ratschlüssen die Leiden im Leben der Völker und der einzelnen Menschen durch Freuden, damit alles auf verschiedenem Weg und in verschiedener Weise zusammenwirke zum Besten derer, die ihn lieben (1).

Zunahme der Marienverehrung

2 So ist auch Unser Pontifikat, wie die heutige Welt überhaupt, infolge der schweren Schicksalsschläge und des Abweichens vieler Menschen vom Weg der Wahrheit und Tugend von manchen Sorgen, Ängsten und Nöten bedrückt. Indes ist es Uns auch ein großer Trost, dass sich, neben anderen Kundgebungen eines offen bekannten und tatkräftigen Glaubens, die Verehrung der jungfräulichen Gottesmutter von Tag zu Tag mächtiger und glühender äußert und überall ein besseres und heiligeres Leben erhoffen lässt. Während so die Allerseligste Jungfrau ihr Mutteramt an den durch Christi Blut Erlösten mit großer Liebe ausübt, ergibt es sich von selbst, dass Herz und Sinn der Kinder sich mächtig gedrängt fühlen, die Ehrenvorzüge der Mutter mit vermehrter Sorgfalt zu überdenken.

Vorgeschichte der Dogmatisierung

Die Ehrenvorzüge Marias

Harmonie ihrer Gnadenvorzüge

3 Gott, der Herr, der von Ewigkeit her mit der Fülle des Wohlgefallens sein Augenmerk auf die Jungfrau Maria gerichtet hielt, hat in der Tat, als die Fülle der Zeit gekommen war (2) den Ratschluss seiner Vorsehung so verwirklicht, dass die Ehrenvorzüge und Vorrechte, die er ihr in unermesslicher Freigebigkeit hat zuteil werden lassen, in vollkommener Harmonie zusammenklingen. Um diese unermessliche Freigebigkeit und vollendete Harmonie der Gnadenvorzüge Marias hat die Kirche jederzeit gewusst und sie im Laufe der Jahrhunderte mehr und mehr zu erfassen gesucht; in unseren Tagen aber ist es der Ehrenvorzug der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel, der in ganz besonders klarem Lichte hervortritt.

Beziehung zwischen der Unbefleckten Empfängnis und leiblichen Aufnahme in den Himmel

4 Dieser Ehrenvorzug Marias zeigte sich in neuem Glanze, als unser Vorgänger unvergesslichen Andenkens, Pius IX., die Unbefleckte Empfängnis der erhabenen Gottesmutter in feierlicher Entscheidung als Glaubenssatz verkündet hatte. Diese beiden Ehrenvorzüge sind nämlich aufs engste miteinander verknüpft. Durch seinen Tod hat Christus zwar die Sünde und den Tod überwunden, und wer durch die Taufe zum übernatürlichen Leben wiedergeboren ist, hat durch Christus Sünde und Tod ebenfalls besiegt: aber die volle Auswirkung dieses Sieges will Gott den Gerechten nach einem allgemein geltenden Gesetz erst dann zuteil werden lassen, wenn einmal das Ende der Zeiten gekommen ist. Daher fallen auch die Leiber der Gerechten nach ihrem Tode der Verwesung anheim, und erst am Jüngsten Tage wird der Leib eines jeden mit seiner verherrlichten Seele vereinigt werden.

5 Von diesem allgemein gültigen Gesetz wollte Gott die Allerseligste Jungfrau Maria ausgenommen wissen. Sie hat ja durch ein besonderes Gnadenprivileg, durch ihre Unbefleckte Empfängnis, die Sünde besiegt, war deshalb dem Gesetz der Verwesung des Grabes nicht unterworfen und brauchte auf die Erlösung ihres Leibes nicht bis zum Ende der Zeiten zu warten.

Verlangen der Christenheit nach der Dogmatisierung

Nach der Verkündigung der Unbefleckten Empfängnis

6 Als daher feierlich erklärt wurde, Maria sei vom ersten Augenblick ihres Daseins an von der Makel der Erbschuld frei gewesen, erwachte in den Herzen der Gläubigen die zuversichtliche Hoffnung, auch die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel werde sobald wie möglich vom obersten Lehramt der Kirche als Glaubenssatz verkündigt werden.

7 Tatsächlich zeigte sich, dass nicht nur einzelne Gläubige, sondern auch Vertreter ganzer Nationen und Kirchenprovinzen, ja sogar zahlreiche Väter des Vatikanischen Konzils inständig diese Definition vom Apostolischen Stuhl erbaten.

Bittschriften an den Heiligen Stuhl

8 Diese Bittgesuche und Wünsche nahmen keineswegs mit der Zeit ab, sondern wuchsen von Tag zu Tag an Zahl und Dringlichkeit. Man veranstaltete in dieser Meinung Gebetskreuzzüge; zahlreiche bedeutende Theologen förderten das Studium dieser Frage teils in privater Arbeit, teils an theologischen Universitätsfakultäten und anderen kirchlichen Lehranstalten; ebenso wurden vielerorts in der katholischen Welt nationale oder internationale Marianische Kongresse abgehalten. Diese Bestrebungen und Forschungen zeigten immer deutlicher, dass auch die Lehre von der Himmelfahrt Marias in dem der Kirche anvertrauten Glaubensgut enthalten ist, und hatten meist zur Folge, dass der Apostolische Stuhl in Bittschriften dringend angegangen wurde, diese Wahrheit feierlich als Glaubenssatz zu verkünden.

9 In diesem heiligen Wettstreit standen die Gläubigen in engster Fühlung mit ihren Oberhirten, die auch ihrerseits Bittschriften in beträchtlicher Zahl an den Stuhl Petri, gelangen ließen. Daher lagen, als Wir zur höchsten Würde des Pontifikates erhoben wurden, dem Apostolischen Stuhl viele Tausende solcher Gesuche vor, die aus allen Weltteilen und von allen Schichten der Gläubigen stammten: von Unseren geliebten Söhnen, den Mitgliedern des Heiligen Kollegiums der Kardinäle, von Unseren Ehrwürdigen Brüdern, den Erzbischöfen und Bischöfen, von ganzen Diözesen und von einzelnen Pfarreien.

Aufforderung zu Gebet und Studium

10 Während Wir Uns daher in inständigem Gebet an Gott wandten, er möge Uns in dieser überaus wichtigen Angelegenheit mit dem Lichte des Heiligen Geistes erleuchten, gaben Wir besondere Anweisungen, die Fragen in gemeinsamer Arbeit eingehender zu studieren und inzwischen alle seit den Zeiten Pius' IX. bis auf unsere Tage vorgelegten Gesuche zu sammeln und sorgfältig zu prüfen2.

Traditionsbeweis aus der Lehre der Kirche

Übereinstimmung der Bischöfe

11 Da es sich um eine Frage von größter Tragweite und außerordentlicher Wichtigkeit handelte, hielten Wir es für angebracht, alle Unsere Ehrwürdigen Brüder im bischöflichen Amt unmittelbar und offiziell zu ersuchen, ein jeder möge Uns seine Ansicht in aller Form kundtun. Daher richteten Wir am 1. Mai 1946 an sie das Schreiben Deiparae Virginis Mariae, worin die Frage gestellt wurde: «Seid ihr, Ehrwürdige Brüder, vermöge eurer hervorragenden Einsicht und Klugheit der Meinung, dass die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel als Glaubenssatz vorgelegt und definiert werden kann? Und wünscht ihr dies mit eurem Klerus und eurem Volk?»

12 Sie, die der Heilige Geist bestellt hat, die Kirche Gottes als Bischöfe zu regieren (3), antworteten in fast vollständiger Einmütigkeit auf beide Fragen zustimmend. Diese «ganz einzigartige Übereinstimmung der katholischen Bischöfe und Gläubigen» (4) in der Ansicht, die leibliche Aufnahme der Gottesmutter in den Himmel könne als Glaubenssatz verkündet werden, zeigt Uns die einhellige Auffassung des ordentlichen kirchlichen Lehramtes und den einmütigen Glauben des christlichen Volkes, einen Glauben, den das kirchliche Lehramt stützt und leitet. Daher tut sie durch sich selbst, mit völliger Sicherheit und ohne jeden Irrtum kund, dass dieser Gnadenvorzug Marias eine von Gott geoffenbarte Wahrheit und in dem göttlichen Glaubensgut enthalten ist, das Christus seiner Braut anvertraut hat, damit sie es in Treue bewahre und ohne Irrtum darlege (5). Das kirchliche Lehramt waltet dieses ihm übertragenen Amtes, die geoffenbarten Wahrheiten immerfort rein und unversehrt zu bewahren, nicht in rein menschlicher Betätigung, sondern unter dem Beistand des Geistes der Wahrheit (6). Darum überliefert es diese Wahrheiten unverfälscht, ohne etwas hinzuzufügen, ohne etwas wegzunehmen. Denn, so sagt das Vatikanische Konzil, «der Heilige Geist ist den Nachfolgern Petri nicht versprochen, damit sie auf seine Offenbarung hin eine neue Lehre verkünden, sondern damit sie unter seinem Beistand die durch die Apostel überlieferte Offenbarung, d.h. den Glaubensinhalt, gewissenhaft bewahren und treu auslegen» (7). Daher kann der allgemeinen Übereinstimmung des ordentlichen kirchlichen Lehramtes ein sicherer und unanfechtbarer Beweis entnommen werden, dass die leibliche Aufnahme der Allerseligsten Jungfrau Maria in den Himmel eine von Gott geoffenbarte Wahrheit ist. Sie ist nämlich, soweit es sich um die himmlische Verherrlichung des jungfräulichen Leibes der erhabenen Gottesmutter handelt, von der Art, dass kein menschlicher Geist mit rein natürlichen Kräften sie erkennen konnte. Darum ist sie von allen Kindern der Kirche fest und treu zu glauben. Denn, wie das gleiche Vatikanische Konzil sagt: «Mit göttlichem und katholischem Glauben ist all das anzunehmen, was im geschriebenen oder mündlich überlieferten Wort Gottes enthalten ist und von der Kirche als von Gott geoffenbart zu glauben vorgelegt wird, sei es durch eine feierliche Erklärung, sei es durch das ordentliche und allgemeine Lehramt» (8).

Das Glaubenszeugnis der Kirche

Glaubenssinn des christlichen Volkes

13 Dieser einmütige Glaube der Kirche zeigt sich seit den frühesten Zeiten im Laufe der Jahrhunderte durch mannigfache Zeugnisse, Anzeichen und Spuren und tritt allmählich in immer hellerem Lichte hervor.

14 Die Gläubigen hatten, durch ihre Hirten belehrt und geführt, aus der Heiligen Schrift gelernt, dass die Jungfrau Maria im Laufe ihrer irdischen Wanderschaft ein Leben voll von Sorge, Not und Leid geführt hat; sie wussten, dass die Weissagung des frommen Greises Simeon sich erfüllt hatte, als unter dem Kreuze ihres göttlichen Sohnes, unseres Erlösers, ein scharfes Schwert ihr Herz durchbohrte; sie fanden selbst keine Schwierigkeit darin, anzunehmen, auch die Gottesmutter sei, wie schon ihr göttlicher Sohn, durch den Tod aus diesem Leben geschieden. Aber alle diese Erwägungen hinderten sie keineswegs, zu glauben und es offen zu bekennen: Marias heiliger Leib sei niemals der Verwesung des Grabes anheimgefallen, niemals sei das erhabene Wohnzelt des göttlichen Wortes zu Staub und Asche geworden. Im Gegenteil, erleuchtet durch Gottes Gnade und von der Liebe zu Maria, der Mutter Gottes und unserer süßesten Mutter, getrieben, betrachteten sie in immer klarerem Lichte jene wundervolle Übereinstimmung und Verbindung zwischen den Gnadenvorzügen, die Gottes Vorsehung ihr, der hehren Gehilfin unseres Erlösers, hat zuteil werden lassen. Gnadenvorzüge von so unerreichter Höhe, dass nie ein anderes Geschöpf, die menschliche Natur Jesu Christi ausgenommen, so hoch emporgestiegen ist.

Kirchliches Brauchtum und Rosenkranzgeheimnis

15 Den gleichen Glauben bezeugen klar die zahllosen Kirchen, die zu Ehren der Aufnahme Marias in den Himmel Gott; geweiht wurden. Ebenso bezeugen ihn die frommen Bilder, die in den Kirchen der Verehrung der Gläubigen vorgestellt wurden und die den einzigartigen Triumph der Allerseligsten Jungfrau allen vor Augen führen. Städte, Diözesen und Länder wurden unter den besonderen Schutz der in den Himmel aufgenommenen Gottesmutter gestellt; ebenso wurden mit Zustimmung der Kirche religiöse Genossenschaften gegründet, die nach diesem Gnadenvorzug Marias benannt sind. Auch darf nicht mit Stillschweigen übergangen werden, dass der Marianische Rosenkranz, den der Apostolische Stuhl so warm empfiehlt, ein Geheimnis enthält und zur frommen Betrachtung vorlegt, das, wie alle wissen, die Aufnahme der Allerseligsten Jungfrau in den Himmel zum Gegenstand hat.

Liturgische Festfeier der Himmelfahrt

16 Noch allgemeiner und glanzvoller aber offenbart sich der Glaube von Hirten und Herde darin, dass dieses Geheimnis, seit allen Zeiten in Ost und West durch ein kirchliches Fest gefeiert wurde, eine Feier, aus der die heiligen Väter und die Lehrer der Kirche unaufhörlich Licht schöpften. Ist doch, wie allgemein bekannt ist, «die heilige Liturgie auch ein dem kirchlichen Lehramt unterstelltes Bekenntnis der übernatürlichen Wahrheiten und kann daher Beweise und Zeugnisse liefern, die von nicht geringem Wert sind, wenn es sich darum handelt, über einen bestimmten Punkt der kirchlichen Lehre zu urteilen» (9).

Liturgische Bücher:
des römischen Ritus

17 In den liturgischen Büchern, die das Fest des «Heimganges» oder der «Aufnahme» Marias enthalten, findet man Aussprüche, die einmütig bezeugen, dass dem heiligen Leibe der jungfräulichen Gottesmutter, als sie aus dieser irdischen Verbannung in die himmlische Heimat ging, durch den Ratschluss der göttlichen Vorsehung jenes Los zuteil wurde, das der Würde der Mutter des menschgewordenen Wortes und den anderen ihr verliehenen Gnadenvorzügen entsprach. Diese Aussage findet sich, um ein treffliches Beispiel zu nennen, in dem Sakramentar, das Unser Vorgänger unvergesslichen Gedenkens, Hadrian I., an Kaiser Karl d. Gr. schickte. Darin heißt es: «Verehrungswürdig ist uns, o Herr, die Feier des heutigen Tages, an dem die heilige Gottesmutter, die deinen Sohn, unseren menschgewordenen Herrn, aus sich geboren hat, des irdischen Todes starb, aber von den Banden des Todes nicht niedergehalten werden konnte» (10).

der östlichen und westlichen Riten

18 Was hier in der gewohnten nüchternen Sprache der römischen Liturgie ausgedrückt wird, ist in anderen alten Liturgien des Ostens und des Westens klarer und ausführlicher dargelegt. Das Gallikanische Sakramentar zum Beispiel nennt diesen Gnadenvorzug Marias ein «unaussprechliches Geheimnis, um so preiswürdiger, je einzigartiger es innerhalb der Menschheit durch die Aufnahme der Jungfrau ist» (11). In der byzantinischen Liturgie wird die leibliche Aufnahme Marias nicht nur beständig mit der Gottesmutterwürde in Verbindung gebracht, sondern auch mit anderen Gnadenvorzügen, vor allem mit ihrer jungfräulichen Mutterschaft, die durch einen besonderen Ratschluss der göttlichen Vorsehung vorausbestimmt war: «Dir hat Gott, der Herr des Alls, verliehen, was die Natur übersteigt: wie er dir in der Geburt (Jesu) die Jungfräulichkeit bewahrt hat, so hat er im Grabe deinen Leib unversehrt erhalten und ihn durch göttliche Übertragung mitverherrlicht» (12).

Einsetzung des gebotenen Festtages

19 Der Apostolische Stuhl, der als Erbe das Amt des Apostelfürsten innehat, die Brüder im Glauben zu stärken (13), hat dieses Fest durch seine Autorität immer feierlicher gestaltet und damit auch den Eifer der Gläubigen wirksam angespornt, die Bedeutung des Festgeheimnisses mehr und mehr zu erfassen. So wurde das Fest, das vom Anfang an einen ehrenvollen Platz unter den Marienfesten innegehabt hatte, in der Folgezeit in die Reihe der höchsten Feste des gesamten Kirchenjahres aufgenommen. Der heilige Sergius I., der für die vier Marienfeste die «Litanei» oder «Stationsprozession» anordnete, nennt zusammen die Feste der Geburt, der Verkündigung, der Reinigung und des Heimganges (14). Später verlieh der heilige Leo IV. dem Fest, das damals schon unter dem Titel Aufnahme der Allerseligsten Gottesmutter begangen wurde, einen höheren Rang und schrieb dafür eine Vigil und eine Oktav vor; der Papst selbst wollte bei dieser Gelegenheit inmitten einer ungeheuren Menschenmenge an der Feier teilnehmen (15). Die Tatsache, dass am Vortag des Festes schon seit alter Zeit ein Fasten vorgeschrieben war, ergibt sich auch aus dem Zeugnis des heiligen Nikolaus I., der von den hauptsächlichsten Fasttagen spricht, «die die Römische Kirche von alters her angenommen hat und hält» (16).

Zeugnisse der Kirchenväter

20 Da nun aber die Liturgie der Kirche den katholischen Glauben nicht schafft, sondern ihn voraussetzt, und die gottesdienstlichen Übungen aus diesem Glauben, wie die Früchte vom Baum, stammen, so haben die heiligen Väter und die großen Lehrer in den Predigten und Ansprachen, die sie an diesem Feste an das christliche Volk hielten, die Lehre von der Aufnahme Marias in den Himmel nicht aus dieser Feier wie aus erster Quelle geschöpft, sondern sie sprachen darüber wie über eine Sache, die den Gläubigen bereits bekannt und von ihnen angenommen war; sie erklärten sie ausführlicher und vertieften sie nach Sinn und Inhalt, indem sie das, was die liturgischen Bücher oft nur knapp und kurz angedeutet hatten, genauer auslegten und zeigten, dass der Gegenstand dieses Festes nicht bloß die Bewahrung des toten Leibes der Gottesmutter vor der Verwesung sei, sondern auch der Sieg, den sie über den Tod errungen hat, und ihre Verherrlichung im Himmel nach dem Vorbild ihres Sohnes Jesus Christus.

21 So vergleicht der heilige Johannes von Damaskus, der mehr als alle anderen ein begeisterter Verkünder dieser Wahrheit war, die leibliche Aufnahme der Gottesmutter mit ihren anderen Gaben und Vorrechten und ruft mit kraftvoller Beredsamkeit aus: «Es musste die, welche in der Geburt die Jungfrauschaft unversehrt bewahrt hatte, auch nach dem Tode ihren Leib von aller Verwesung frei bewahren. Es musste die, welche den Schöpfer als Kind in ihrem Schoß getragen hatte, in den Zelten Gottes weilen. Es musste die Braut, die sich der Vater angelobt hatte, in dem himmlischen Brautgemach Wohnung nehmen. Es musste die, welche ihren Sohn am Kreuze geschaut hatte und damals ihr Herz durchbohrt fühlte vom Schwert der Schmerzen, die sie bei der Geburt nicht erduldet hatte, ihn jetzt an der Seite des Vaters sitzen sehen. Es musste die Mutter Gottes besitzen, was ihrem Sohne gehört, und von jeglicher Kreatur als Mutter Gottes und seine Magd verehrt werden» (17).

22 Diese Ausführungen des heiligen Johannes von Damaskus stimmen überein mit den Worten anderer, welche die gleiche Lehre vortragen. Finden sich doch ebenso klare und bestimmte Aussagen in den Predigten, die frühere oder spätere Väter, meist bei Gelegenheit dieses Festes, gehalten haben. So fand z.B. der heilige Germanus von Konstantinopel die leibliche Unverweslichkeit der Gottesmutter und Jungfrau Maria und ihre Aufnahme in den Himmel nicht nur ihrer Würde als Gottesmutter, sondern auch ihrer hervorragenden Heiligkeit entsprechend: «Du erscheinst, wie geschrieben steht, in Schönheit, und dein jungfräulicher Leib ist ganz heilig, ganz keusch, ganz Gottes Wohnzelt. Daher ist er fürderhin der Auflösung in Staub nicht verfallen; er ist, weil menschlich, umgewandelt zu einem hohen Leben der Unverweslichkeit. Er ist lebend und überglorreich, der Fülle des Lebens teilhaftig und unsterblich» (18). Ein anderer alter Schriftsteller bezeugt: «Die glorreiche Mutter Christi, unseres Erlösers, des Spenders von Leben und Unsterblichkeit, ist ihm ähnlich, der sie aus dem Grabe erweckt und zu sich aufgenommen hat in einer Art, die ihm allein bekannt ist» (19).

23 Je mehr sich die kirchliche Feier dieses Festes ausbreitete und je andächtiger es begangen wurde, desto mehr hielten es die Bischöfe und Prediger in stets wachsender Zahl für ihre Pflicht, klar und lichtvoll das Festgeheimnis und seine enge Verbindung mit den anderen Offenbarungswahrheiten darzulegen.

Scholastische Theologen und Kanzelredner

24 Unter den scholastischen Theologen, die es als ihre Aufgabe betrachteten, in die von Gott geoffenbarten Wahrheiten tiefer einzudringen und die Übereinstimmung zwischen dem theologischen Denken und dem katholischen Glauben aufzuzeigen, fehlte es nicht an solchen, die darauf hinweisen, wie wunderbar der Gnadenvorzug der Aufnahme der Jungfrau Maria in den Himmel übereinstimme mit den von Gott geoffenbarten Lehren, die uns die Heilige Schrift überliefert.

25 Von diesen Überlegungen ausgehend, brachten sie mancherlei Gründe vor, um diesen Gnadenvorzug Marias zu erläutern. Dabei war der Grundgedanke ungefähr folgender: Jesus Christus wollte, gemäß seiner kindlichen Liebe zur Mutter, dass sie in den Himmel aufgenommen werde. Die Beweiskraft all ihrer Gründe fanden sie in der unvergleichlichen Würde der Gottesmutterschaft und in all den Gaben, die daraus folgen: ihrer hervorragenden Heiligkeit, durch die sie alle Menschen und Engel überragt; ihrer engen Verbindung mit ihrem Sohn und vor allem in der innigen Liebe, womit der Sohn seiner ehrwürdigen Mutter zugetan war.

26 Ferner finden sich zahlreiche Theologen und Prediger, die nach dem Vorbild der heiligen Väter (20) Ereignisse und Worte der Heiligen Schrift mit einer gewissen Freiheit heranziehen, um ihren Glauben an die Aufnahme Marias in den Himmel zu erläutern. So, um nur einige der am häufigsten gebrauchten Schriftstellen zu nennen, führen sie das Psalmwort an: Erhebe dich, o Herr, zu deiner Ruhestatt, du und deine heilige Lade! (21) Dabei sehen sie in der Bundeslade, die aus unverweslichem Holz gefertigt und im Tempel Gottes aufgestellt war, ein Bild des reinen Leibes der Jungfrau Maria, der, frei von aller Verwesung des Grabes, im Himmel zu so großer Herrlichkeit erhöht wurde. In der gleichen Weise schildern sie die Königin, die im Triumph in den Königspalast einzieht und zur Rechten des göttlichen Erlösers thront (22). Andere weisen auf die Braut des Hohenliedes hin, die heraufsteigt von der Wüste wie eine Rauchsäule, umduftet von Myrrhe und Weihrauch, um mit der Krone geschmückt zu werden (23). Diese Vergleiche werden von ihnen als Bilder jener himmlischen Königin und Braut verwendet, die zusammen mit ihrem göttlichen Bräutigam zum Palast des Himmels emporsteigt.

27 Die Lehrer der Scholastik sahen nicht nur in manchen Bildern des Alten Testamentes die Aufnahme der jungfräulichen Gottesmutter in den Himmel ausgedrückt, sondern auch in der sonnenbekleideten Frau, die der Apostel Johannes auf der Insel Patmos schaute (24). Ebenso schenkten sie unter den Stellen des Neuen Testamentes besondere Aufmerksamkeit den Worten: Gegrüßet seist du, voll der Gnade: der Herr ist mit dir; gebenedeit bist du unter den Frauen25, da sie in dem Geheimnis der Aufnahme Marias die Vollendung der Gnadenfülle, die der Allerseligsten Jungfrau zuteil geworden war, und einen besonderen Segen im Gegensatz zu dem Fluch über Eva sahen.

28 Aus diesen Gründen erklärt zu Beginn der scholastischen Theologie der fromme Amadeus, Bischof von Lausanne, der Leib der Gottesmutter sei unverwest geblieben: man darf nicht glauben, ihr Leib habe die Verwesung gesehen, da er doch in Wahrheit mit ihrer Seele wiedervereinigt und zusammen mit ihr im Himmel erhabener Herrlichkeit teilhaftig geworden ist. «Denn sie war voll der Gnade und gebenedeit unter den Frauen (26). Sie allein war würdig, den wahren Gott vom wahren Gott zu empfangen; sie hat ihn als Jungfrau geboren, als Jungfrau genährt, sie hielt ihn auf ihrem Schoße und diente ihm in allem mit ehrfurchtsvoller Hingabe» (27).

29 Unter den heiligen Schriftstellern, die damals mit Worten der Heiligen Schrift und mancherlei Vergleichen oder Gleichnissen den frommen Glauben an die Aufnahme Marias in den Himmel erläuterten, nimmt der Doctor Evangelicus, der heilige Antonius von Padua, einen hervorragenden Platz ein. Auf das Fest Mariä Himmelfahrt bezieht er die Worte des Propheten Isaias: Den Schemel meiner Füße werde ich verherrlichen (28), und versichert mit großer Bestimmtheit, der göttliche Erlöser habe seine geliebte Mutter, aus der er Fleisch angenommen hatte, mit höchster Herrlichkeit ausgestattet. «Hier ist es klar ausgesprochen», sagt er, «dass die Allerseligste Jungfrau dem Leibe nach, welcher der Schemel der Füße des Herrn war, in den Himmel aufgenommen wurde». Daher schreibt der Psalmist: Erhebe dich, o Herr, zu deiner Ruhestatt, du und deine heilige Lade! (29) Wie Jesus Christus, so erklärt er, kraft seines Sieges über den Tod auferstanden ist und auffuhr zur Rechten Gottes, «so erhob sich auch seine heilige Lade, als am heutigen Tag die jungfräuliche Mutter in den himmlischen Palast aufgenommen wurde» (30).

30 In der Blütezeit der scholastischen Theologie des Mittelalters führt der heilige Albert der Große zum Beweise dieser Wahrheit eine Reihe von Gründen an, die sich auf die Heilige Schrift, die Tradition, die Liturgie und das sog. theologische Beweisverfahren stützen, um dann zu schließen: «Auf Grund dieser und vieler anderer Schlussfolgerungen und Autoritäten ergibt sich, dass die Allerseligste Gottesmutter mit Leib und Seele über die Chöre der Engel erhoben wurde. Und dies halten wir unbedingt für wahr» (31). In einer Predigt auf Mariä Verkündigung, in der er den Gruß des Engels erklärte: Sei gegrüßt, du Gnadenvolle.., verglich der Doctor Universalis Eva mit der heiligsten Jungfrau und versicherte auf das bestimmteste, Maria sei von dem vierfachen Fluch ausgenommen, dem Eva verfallen war (32).

31 Der Doctor Angelicus folgte den Spuren seines großen Meisters. Er hat zwar diese Frage niemals ausdrücklich behandelt; sooft er sie aber bei gegebener Gelegenheit berührt, steht er ohne Schwanken zur Lehre der katholischen Kirche, dass mit der Seele der Gottesmutter auch ihr Leib in den Himmel aufgenommen wurde (33).

32 Der gleichen Ansicht ist mit vielen anderen auch der Doctor Seraphicus. Er hält es für ganz sicher, dass Gott, wie er die Allerseligste Jungfrau, als sie den Herrn empfing und als sie ihn gebar, vor jeder Verletzung ihrer jungfräulichen Reinheit und Unversehrtheit bewahrte, so auch nicht zugegeben habe, dass ihr Leib in Verwesung und Staub zerfalle (34). Die Worte der Heiligen Schrift erläuternd: Wer ist die, welche heraufsteigt aus der Wüste, überströmend von Wonne, auf ihren Geliebten gestützt? (35), wendet er sie in übertragenem Sinn auf die Allerseligste Jungfrau an und folgert: «Darum kann man gewiss sein, dass sie dem Leibe nach droben ist... Ihre Glückseligkeit würde nämlich nicht vollkommen sein, wenn sie nicht als Person dort wäre; Person ist aber nicht die Seele allein, sondern Leib und Seele in ihrer Vereinigung. So ist also klar, dass sie in der Vereinigung von Leib und Seele droben ist. Sonst genösse sie nicht die Seligkeit in vollem Maße» (36).

33 In der Spätscholastik, im 15. Jahrhundert, fasste der heilige Bernardin von Siena alles zusammen, was die mittelalterlichen Theologen über die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel ausgesagt und erörtert hatten, und erwog es mit großer Sorgfalt. Dabei begnügte er sich nicht damit, die Hauptgedanken der vorausgegangenen Periode darzulegen, sondern fügte noch weitere hinzu. Die Ähnlichkeit der Gottesmutter an Adel und Würde des Geistes und des Leibes mit ihrem göttlichen Sohne - eine Ähnlichkeit, die uns verbiete, auch nur zu denken, dass die himmlische Königin vom himmlischen König getrennt sein könne - verlange durchaus, dass «Maria nur da sein dürfe, wo Christus ist» (37). Auch sei es vernunftgemäß und angemessen, dass, wie ein Mann, so auch eine Frau mit Leib und Seele die Herrlichkeit des Himmels schon jetzt erlangt habe. Schließlich sei auch die Tatsache, dass die Kirche niemals Reliquien der Gottesmutter gesucht und dem Volke zur Verehrung vorgelegt habe, ein Beweis, den man «gewissermaßen einen Erfahrungsbeweis» (38) nennen könne.

Neuere kirchliche Schriftsteller

34 In der neueren Zeit waren die angeführten Gedanken der heiligen Väter und der Theologen gang und gäbe: Der heilige Robert Bellarmin macht sich die einheitliche christliche Ansicht der Vergangenheit zu eigen und ruft aus: «Wer könnte wohl, frage ich, glauben, dass die heilige Bundeslade, die Wohnung des Wortes Gottes, der Tempel des Heiligen Geistes, zusammengebrochen sei? Mich schaudert, auch nur zu denken, dass der jungfräuliche Leib, in dem Gott Fleisch wurde, der Gott geboren, genährt und gehegt hat, in Staub verwandelt oder den Würmern zur Nahrung überlassen wurde» (39).

35 Auch der heilige Franz von Sales versichert, man dürfe nicht daran zweifeln, dass Jesus Christus das göttliche Gebot, das den Kindern befiehlt, ihre Eltern zu ehren, aufs vollkommenste erfüllt habe, und legt sich die Frage vor: «Welcher Sohn würde, wenn er könnte, seine Mutter nicht wieder ins Leben zurückrufen und nach ihrem Tod in das Paradies führen?»(40) Und der heilige Alfons schreibt: «Jesus wollte nicht, dass der Leib Marias nach dem Tode verwese, da es für ihn eine Schmach gewesen wäre, wenn der jungfräuliche Leib, aus dem er selbst Fleisch angenommen hatte, die Verwesung erduldet hätte» (41).

36 So war das Festgeheimnis in voller Kraft dargelegt, und es fehlte nicht an Lehrern, die jetzt nicht so sehr die theologischen Billigkeitsgründe für die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel erörterten, sondern ihre Aufmerksamkeit unmittelbar dem Glaubender Kirche zuwandten, der mystischen Braut Christi, die nicht Makel noch Runzel (42) hat und vom Apostel Säule und Grundfeste der Wahrheit (43) genannt wird. Gestützt auf diesen übereinstimmenden Glauben, betrachteten sie die entgegengesetzte Ansicht als verwegen, um nicht zu sagen häretisch. Der heilige Petrus Canisius erklärte, ebenso wie viele andere: das Wort Aufnahme bedeute nicht bloß die Verherrlichung der Seele, sondern auch die des Leibes, und schon seit vielen Jahrhunderten verehre und feiere die Kirche dieses Geheimnis der Aufnahme Marias. Dann bemerkt er: «Diese Ansicht ist schon seit einigen Jahrhunderten in Kraft und Geltung; sie ist so im Geist der Gläubigen verankert und von der ganzen Kirche derart gutgeheißen, dass diejenigen, die leugnen, Maria sei dem Leibe nach in den Himmel aufgenommen, nicht einmal mit Geduld angehört, sondern als übermäßig streitsüchtig, allzu verwegen und mehr von häretischem als katholischem Geist geleitet, allüberall verspottet werden» (44).

37 Gleichzeitig stellt Suarez, der Doctor Eximius, für die Mariologie den Grundsatz auf, «man dürfe die Geheimnisse der Gnade, die Gott in der Jungfrau gewirkt habe, nicht nach den gewöhnlichen Gesetzen bemessen, sondern nach der Allmacht Gottes, vorausgesetzt sei nur, dass die Sache sich schicke und die Heilige Schrift nicht irgendwie widerspreche oder entgegenstehe» (45). Gestützt auf den einmütigen Glauben der Kirche, konnte er den Schluss ziehen, das Geheimnis der Aufnahme Marias in den Himmel sei ebenso fest zu glauben wie das der Unbefleckten Empfängnis; und er war schon damals der Ansicht, diese beiden Wahrheiten könnten als Glaubenssätze definiert werden.

Grundlegung in der Heiligen Schrift

38 Alle diese Beweise und Erwägungen der heiligen Väter und der Theologen stützen sich letzten Endes auf die Heilige Schrift. Diese stellt uns die hehre Gottesmutter als aufs engste mit ihrem göttlichen Sohne verbunden und sein Los immer teilend vor Augen. Daher scheint es unmöglich, sie nach diesem irdischen Leben, wenn nicht der Seele, so doch dem Leibe nach von Christus getrennt zu denken, sie, die Christus empfangen, geboren, an ihrer Brust genährt, ihn in den Armen getragen und an ihr Herz gedrückt hat. Weil nun unser Erlöser der Sohn Marias ist, musste er, der vollkommenste Beobachter des Gesetzes, in der Tat wie den Vater, so auch seine liebe Mutter ehren. Da er ihr die große Ehre erweisen konnte, sie vor der Verwesung des Todes zu bewahren, muss man also glauben, dass er es wirklich getan hat.

39 Ganz besonders ist aber darauf hinzuweisen, dass von den heiligen Vätern schon seit dem zweiten Jahrhundert Maria als die neue Eva hingestellt wird, die mit dem neuen Adam, wenn auch in Unterordnung unter ihn, aufs engste im Kampf gegen den höllischen Feind verbunden war. Dieser Kampf musste, wie es im Proto-Evangelium (46) vorausgesagt ist, zum völligen Sieg über Sünde und Tod, die in den Schriften des Völkerapostels beide immer miteinander verknüpft erscheinen, führen (47). Wie daher die glorreiche Auferstehung Christi ein wesentlicher Teil und das letzte Wahrzeichen des Sieges ist, so musste auch der von Maria gemeinsam mit ihrem Sohn geführte Kampf mit der Verherrlichung ihres jungfräulichen Leibes abschließen; denn, so sagt gleichfalls der Apostel, wenn der sterbliche Leib die Unsterblichkeit anzieht, dann wird sich das Wort erfüllen, das geschrieben steht: Verschlungen ist der Tod im Sieg (48).

Angemessenheit und Verkündigung des Dogmas

Die Krone aller Gnadenvorzüge Marias

40 Die erhabene Gottesmutter, die mit Jesus Christus von aller Ewigkeit her «durch ein und dasselbe Dekret» (49) der Vorherbestimmung in geheimnisvoller Weise verbunden war; sie, die unbefleckt war in ihrer Empfängnis, die in ihrer Gottesmutterschaft unversehrte Jungfrau blieb, sie, die hochherzige Gehilfin des göttlichen Erlösers, der über die Sünde und ihre Folgen den vollen Sieg errungen hat: sie erhielt als herrliche Krone all ihrer Ehrenvorzüge, dass sie von der Verwesung im Grab verschont blieb und wie ihr Sohn nach dem Sieg über den Tod mit Leib und Seele in die Herrlichkeit des Himmels aufgenommen wurde, um dort zur Rechten ihres Sohnes, des unsterblichen Königs der Ewigkeit (50), als Königin zu erstrahlen.

Gesamtschau aller Beweggründe

41 Die gesamte Kirche, in der der Geist der Wahrheit wirkt, um sie unfehlbar zur vollen Erkenntnis der geoffenbarten Wahrheiten zu führen, hat im Laufe der Jahrhunderte in vielfacher Weise ihren Glauben zu erkennen gegeben. Die Bischöfe des ganzen Erdkreises haben in fast vollständiger Einmütigkeit die Bitte gestellt, die Wahrheit von der leiblichen Aufnahme der Allerseligsten Jungfrau Maria in den Himmel möge feierlich als Dogma des göttlichen und katholischen Glaubens definiert werden, - eine Wahrheit, die sich auf die Heilige Schrift stützt, die tief im Herzen der Gläubigen wurzelt, die mit den übrigen Offenbarungswahrheiten in vollstem Einklang steht, die durch das Studium, die Wissenschaft und Weisheit der Theologen eine lichtvolle Erklärung und Darstellung gefunden hat. Aus diesen Gründen glauben Wir, dass der durch den Ratschluss der göttlichen Vorsehung bestimmte Zeitpunkt nunmehr gekommen ist, um diesen einzigartigen Gnadenvorzug Marias feierlich zu verkünden.

Angemessenheit der Glaubensverkündigung

42 Wir, die Wir Unser Pontifikat unter den besonderen Schutz der Allerseligsten Jungfrau stellten, zu der Wir in so vielen traurigen Wechselfällen Unsere Zuflucht genommen haben; Wir, die Wir ihrem Unbefleckten Herzen die gesamte Menschheit öffentlich und feierlich weihten und ihren wirksamen Schutz immer und immer wieder erfuhren: Wir hegen das feste Vertrauen, diese feierliche Verkündigung und Definition der Aufnahme Marias in den Himmel werde nicht wenig zum Wohl der menschlichen Gesellschaft beitragen. Sie gereicht ja zum Ruhm der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, mit der die jungfräuliche Gottesmutter durch ganz besondere Bande verknüpft ist. Sie begründet die Hoffnung, dass sich alle Gläubigen zu einer innigeren Andacht zur himmlischen Mutter angespornt fühlen werden; dass in allen, die sich des Namens Christi rühmen, das Verlangen lebendig werde, an der Einheit des Mystischen Leibes Jesu Christi teilzuhaben und ihre Liebe zu mehren zu der, die für alle Glieder dieses erhabenen Mystischen Leibes das Herz einer Mutter hat. Es ist auch zu hoffen, dass durch die Betrachtung des herrlichen Beispiels Marias mehr und mehr die Einsicht wächst, welch hohen Wert das menschliche Leben hat, wenn es vollkommen dafür eingesetzt wird, den Willen des himmlischen Vaters zu erfüllen und für das Wohl der Mitmenschen zu wirken. Und ferner lässt sich in einer Zeit, wo die Irrlehren des Materialismus und die daraus folgende Verderbnis der Sitten das Licht der Tugend zu ersticken und durch die Entfesselung von Kampf und Krieg so viele Menschenleben zu vernichten drohen, wohl erwarten, dass die Wahrheit von der Himmelfahrt Marias allen in klarem Lichte zeige, für welch erhabenes Ziel wir nach Leib und Seele bestimmt sind. Endlich wird der Glaube an die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel den Glauben auch an unsere Auferstehung stärken und wirksam beleben.

Feierliche Dogmatisierung

Glückliches Zusammentreffen mit dem Heiligen Jahr

43 Die Tatsache, dass dieses feierliche Ereignis durch den Ratschluss der Göttlichen Vorsehung in das Heilige Jahr fällt, das sich nun dem Ende nähert, ist Uns eine besondere Freude. So ist es Uns vergönnt, während das große Jubiläumsjahr feierlich begangen wird, die Stirne der jungfräulichen Gottesmutter mit diesem neuen hellstrahlenden Edelstein zu zieren und ein immerwährendes Denkmal Unserer innigen Andacht zur Mutter Gottes zu hinterlassen.

Definition des Glaubenssatzes

44 Nachdem Wir nun lange und inständig zu Gott gefleht und den Geist der Wahrheit angerufen haben, verkündigen, erklären und definieren Wir zur Verherrlichung des Allmächtigen Gottes, dessen ganz besonderes Wohlwollen über der Jungfrau Maria gewaltet hat, zur Ehre seines Sohnes, des unsterblichen Königs der Ewigkeit, des Siegers über Sünde und Tod, zur Mehrung der Herrlichkeit der erhabenen Gottesmutter, zur Freude und zum Jubel der ganzen Kirche, kraft der Vollmacht Unseres Herrn Jesus Christus, der heiligen Apostel Petrus und Paulus und Unserer eigenen Vollmacht:

Die unbefleckte, immerwährend jungfräuliche Gottesmutter Maria ist, nachdem sie ihren irdischen Lebenslauf vollendet hatte, mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen worden.

Schluss: Verpflichtung zur gläubigen Annahme

45 Wenn daher, was Gott verhüte, jemand diese Wahrheit, die von Uns definiert worden ist, zu leugnen oder bewusst in Zweifel zu ziehen wagt, so soll er wissen, dass er vollständig vom göttlichen und katholischen Glauben abgefallen ist.

46 Damit aber diese Unsere Definition der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel der ganzen Kirche bekannt wird, wollen Wir, dass dieses Unser Apostolisches Schreiben zum immerwährenden Gedenken bestehe, und Wir befehlen, dass dessen Abschriften, auch den gedruckten Exemplaren, wenn sie von der Hand eines öffentlichen Notars unterschrieben oder durch das Siegel einer in kirchlicher Würde stehenden Persönlichkeit bestätigt sind, der gleiche Glaube beigemessen wird, den man dem Original des Apostolischen Schreibens selbst schenkte, wenn es vorgelegt und gezeigt würde.

47 Keinem Menschen sei es also erlaubt, diese Unsere Erklärung, Verkündigung und Definition ungültig zu machen, ihr in verwegener Kühnheit entgegenzutreten oder sie zu bekämpfen! Sollte sich aber jemand unterfangen, es dennoch zu tun, so möge er wissen, dass er den Zorn des Allmächtigen Gottes und der heiligen Apostel Petrus und Paulus auf sich herabruft.

Gegeben zu Rom, bei St. Peter, im Jahre des Großen Jubiläums 1950,
am 1. November, dem Fest Allerheiligen,
im 12. Jahre Unseres Pontifikates.
Ich, Pius, der Bischof der Katholischen Kirche,
habe also definiert und unterzeichnet.
Pius XII. PP.

Anmerkungen

(1) Gal 4,4.

(2) Vgl. Petitiones de Assumptione corporea B. Virginis Mariae in coelum definienda ad S. Sedem delatae. 2 Bde. Typis Polyglottis Vaticanis 1942.

(3) Apg 20,28.

(4) Pius IX., Bulle Ineffabilis Deus, 8. Dezember 1854. PlI IX Acta, pars la, vol. I, p. 615. Vgl. HK Nr.541.

(5) Vgl. I. Vatikanisches Konzil, Dei filius; De fide catholica, Sess. III. c.4. Denzinger Nr. 1800.

(6) Vgl. Joh 24,26.

(7) Vatikanisches Konzil, Pastor aeternus; De Ecclesia Christi, Sess. IV., c. 4. Denzinger Nr. 1836.

(8) Vatikanisches Konzil, De fide catholica, Sess. III., c.3. Denzinger Nr.1792.

(9) Pius XII., Rundschreiben Mediator Dei, 20. November 1947. AAS 39 (1947) 541. Vgl. HK Nr. 249.

(10) Sacramentarium Gregorianum, n. 457. PL 78, 401.

(11) Sacramentarium Gallicanum, n.211. PL 72, 244.

(12) Menaei totius anni. (Menaion bedeutet im Griech. monatlich. Nach Monaten angeordnetes Buch der griechischen Liturgie.) Zitiert bei Cozza-Luzzi, in : De corporis Assumptione B. Mariae Deiparae testimonia liturgica Graecorum selecta, Rom 1869, S. 194.

(13) Vgl. Lk 22, 32.

(14) Vgl. Liber Pontificalis, n. 164. PL 128, 898.

(15) Vgl. Liber Pontificalis, n.508. PL 128, 1312.

(16) Nikolaus I., Papst, Responsa ad consulta Bulgarorum. Ep. 97, n.4. PL 119, 981.

(17) Johannes Damascenus, Encomium in Dormitionem Dei Genitricis semperque Virginis Mariae, hom. 11.- 14. PG 96, 742.

(18) Germanus Constant., III Sanctae Dei Genitricis Dormitionem, sermo I. PG 98, 345.

(19) Encomium in Dormitionem Sanctissimae Dominae nostrae Deiparae semperque Virginis Mariae (dem hl. Modestus von Jerusalem zugeschrieben), n.14. PG 86, 3311.

(20) Vgl. Johannes Damasc., Encomium in Dormitionem Dei Genitricis semperque Virginis Mariae, homo II 2, 11. PG 96, 723. Encomium in Dormitionem (dem hl. Modestus von Jerusalem zugeschrieben). PG 86, 3287-3290.

(21) Ps 131,8.

(22) Vgl. Ps 44,10.14-16.

(23) Hld 3,6; vgl. 4,8. 6.9.

(24) Vgl. Offb 12,1-17.

(25) Lk 1,28.

(26) Vgl. Luk. 1,28.

(27) Amadeus von Lausanne, De Beatae Virginis obitu, Assumptione in Caelum, exaltatione ad Filii dexteram. PL 188, 1337.

(28) Is 60,13.

(29) Ps 131,8.

(30) Antonius von Padua, Sermones dominicales et in solemnitatibus. In Assumptione S. Mariae Virginis sermo.

(31) Albertus Magnus, Mariale, sive quaestiones super Evang. «Missus est», q. 132.

(32) Vgl. Albertus Magnus, Sermones de sanctis, sermo XV: In Annuntiatione B. Manae. VgI. auch Mariale, q.132.

(33) Vgl. Thomas von Aquin, Sum. theol. III. q. 27 a.1; q. 83 a. 5 ad 8; Expositio salutationis angelicae; In symbol. Apostolorum expositio, a.5; In IV Sent. D. 12 q. 1 a.3 sol. 3; D.43 q. 1 a.3 sol. 1 u.2.

(34) Vgl. Bonaventura, De nativitate B. Mariae Virginis, sermo V.

(35) Hld 8,5.

(36) Bonaventura, De Assumptione B. Manae Virginis, sermo I.

(37) Bernhardin von Siena, In Arsumptione B. Mariae Virginis, sermo II.

(38) Bernadin von Siena, I. c.

(39) Robert Bellarmin, Contiones habitae Lovanii, contio XL; De Assumptione B. Mariae Virginis.

(40) Franz von Sales, Handschriftliche Predigt zum Fest Mariä Himmelfahrt, OEuvres complètes, édit. Annecy 1896. Bd. VII, Sermons, vol. 1, S. 454.

(41) Alfons von Liguori, Le glorie di Maria, part. II, disc. 1.

(42) Vgl. Eph 5,27.

(43) 1 Tim 3,15.

(44) Petrus Canisius, De Maria Virgine incomparabili et Dei Genitrice sacrosancta libri quinque, lib. V, cap.5. David Sartorius, Ingolstadt 1577, S.567.

(45) Franz Suarez, In tertiam partem D. Thomae, q. 47 a. 2 D. 3, sec. 5 n. 31.

(46) Vgl. Gen. 3,15.

(47) Vgl. Röm 5 und 6; 1 Kor 15,21-26, 54-57.

(48) 1 Kor 15,54.

(49) Pius IX., Bulle Ineffabilis Deus zur Glaubensverkündigung der Unbefleckten Empfängnis. Pii IX Acta, pars Ia, p. 599, Typ. Bonarum Artium. Vgl. HK Nr.513.

(50) Vgl. 1 Tim 1,17.