Zweiter Pastoralbesuch nach Deutschland von Papst Johannes Paul II. im Frühjahr 1987

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Worte beim
Zweiten Pastoralbesuch in Deutschland

von Papst
Johannes Paul II.
30. Apri' bis 4. Mai 1987

(Quelle: Die Fassungen auf der Vatikanseite; auch in: VAS 77)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Inhaltsverzeichnis

Donnerstag, den 30. April 1987

Begrüßungsansprache auf dem Flughafen Köln-Bonn

1. ”Ihr werdet meine Zeugen sein“ - und das nicht nur in Jerusalem, in Judäa und Samarien, sondern ”bis an die Grenzen der Erde“ (Apg 1, 8). Mit diesen Worten Jesu an die Apostel unmittelbar vor seiner Himmelfahrt begann der Weg der Kirche in die Welt und in die Geschichte. Dieser Auftrag Christi hat durch die Jahrhunderte hindurch Männer und Frauen als seine Glaubensboten zu allen Völkern bis in die entlegendsten Gebiete der Erde geführt. Er führt in unseren Tagen auch den Bischof von Rom als Nachfolger des Apostels Petrus zu den Ortskirchen, zu seinen Glaubensbrüdern und -schwestern in aller Welt, um sie gemäß seinem Auftrag in ihrem Glauben zu bestärken (Lk 22, 32). Er führt mich heute zum zweitenmal in die Bundesrepublik Deutschland.

In dankbarer Erinnerung an meinen ersten Pastoralbesuch im Jahre 1980 komme ich wiederum mit großer Freude der freundlichen Einladung nach, die zahlreiche deutsche Bischöfe zum Besuch ihrer Diözesen an mich gerichtet haben. Aufrichtig danke ich allen, die mich hier bei meiner Ankunft in diesem geschätzten Land so gastfreundlich empfangen und mich ihre Anwesenheit beehren: allen voran Ihnen, sehr geehrter Herr Bundespräsident, für Ihren herzlichen Willkommensgruß im Namen der Bürger Ihres Landes. Im verehrten Herrn Kardinal Höffner, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, grüße ich zugleich alle Bischöfe, Priester, Ordensleute und Gläubigen der deutschen Diözesen; ganz besonders jene Ortskirchen, die ich auch bei dieser zweiten Pastoralreise leider noch nicht besuchen kann. In der Gemeinschaft des einen Glaubens gilt auch dieser mein Besuch wiederum der ganzen Kirche in diesem Land und auch allen Menschen, die mir in geistiger Offenheit und Solidarität als Bruder in Christus in ihrer Mitte herzliche Gastfreundschaft gewähren.

2. ”Ihr werdet meine Zeugen sein“. - Die herausragenden Ereignisse, die wir in den kommenden Tagen in geistlicher Verbundenheit in den verschiedenen Diözesen gemeinsam feiern werden, stehen in einer ganz besonderen Weise im Zeichen der Zeugenschaft. Durch die beiden Seligsprechungen in Köln und München ehrt die Kirche zwei Christen, die inmitten äußerster Prüfungen und Gefahren ein unerschrockenes, heroisches Zeugnis für ihren Glauben abgelegt haben. So Edith Stein, die in Solidarität mit ihrem gemarterten jüdischen Volk als Jüdin und katholische Ordensfrau in Christlicher Hoffnung den Leidensweg ihres Volkes in die Vernichtung gegangen ist. Im Jesuitenpater Rupert Mayer gedenken wir eines mutigen Bekenners und Apostels der Nächstenliebe, der für die kompromißlose Verteidigung von Glaube und Sittlichkeit gegenüber gottloser staatlicher Willkürherrschaft weder Verfolgung noch Gefängnis gescheut hat. Dazu gilt mein ehrerbietiger Besuch dem Grab des großen Kardinals Clemens August Graf von Galen, der gegen eine verbrecherische Mordmaschinerie ”gelegen oder ungelegen“ (2 Tm 4, 2) für die Achtung des Lebensrechts und die unantastbare Würde alle Menschen furchtlos seine Stimme erhoben hat.

Diese leuchtenden Gestalten der Kirche haben durch ihr opferbereites Zeugnis für Christus und für die wahre Größe des Menschen das grausame Dunkel einer ganzen Geschichtsepoche erhellt. Sie stehen zugleich für alle jene im deutschen Volk, die nicht bereit gewesen sind, sich der menschenverachtenden Tyrannei des Nationalsozialismus zu beugen. Darunter gedenken wir mit Hochachtung auch zahlreicher mutiger Bekenner und Opfer unter unseren evangelischen Brüdern und Schwestern. Sie allesamt sind für uns Zeichen der Hoffnung und Verpflichtung für das von uns heute geforderte Zeugnis für Recht und Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft, für die Verteidigung der immer wieder neu bedrohten Grundrechte des Menschen und seiner übernatürlichen Berufung, von der her alle menschlichen Belange ihr wahres Maß und Ziel erhalten. Möge das gemeinsame Glaubenszeugnis der Christen allmählich auch zu einer immer tieferen Einheit unter den christlichen Kirchen und Gemeinschaften führen.

3. Mit dem ehrenden Gedenken dieser vorbildlichen Zeugen der Vergangenheit verbinde ich zugleich den Ausdruck meiner hohen Wertschätzung für das ganze deutsche Volk, das nach dem tragischen Geschehen in seiner jüngeren Geschichte einen so angesehenen Platz unter den Völkern Europas und der Welt zurückgewonnen hat. Mit Anerkennung erinnere ich an den großen Einsatz Ihres Landes für Frieden und Gerechtigkeit unter den Nationen und an die umfangreiche solidarische Hilfsbereitschaft für die Völker der Dritten Welt. Dabei verdienen die schon weitbekannten und sehr wirksamen Hilfswerke der deutschen Bischöfe und Katholiken wie auch der evangelischen Kirche eine besondere Erwähnung und Würdigung. Möge das hilfsbereite Eintreten Ihres Volkes für die Bedürftigen und Entrechteten sich auch in Ihrem eigenen Land weiter bewähren, in dem gerade in den letzten Jahren eine zunehmende Zahl von Flüchtlingen und Asylbewerbern um Schutz und Aufnahme ersucht. Die beiden künftigen neuen Seligen, die wegen ihrer religiösen und moralischen Überzeugung oder der Zugehörigkeit zu einer ethnischen Minderheit schwerste Verfolgungen haben erdulden müssen, sind gleichsam Symbole für jene Menschen, die noch immer aus rassischen, religiösen oder ethnischen Gründen ihr Land verlassen müssen. Schenken Sie auch diesen Hilfesuchenden in der Bundesrepublik Deutschland nach Kräften weiterhin Ihre mitmenschliche Solidarität und Unterstützung.

Mit nochmaligem Dank für die herzliche Gastfreundschaft, die Sie mir und meiner Begleitung in diesen Tagen in Ihrem Land gewähren, erwarte ich voller Freude die Zahlreichen Begegnungen mit den Bischöfen, Priestern und Gläubigen in den verschiedenen Diözesen, mit Vertretern der jüdischen Gemeinde und der anderen christlichen Kirchen sowie aus der Welt der Arbeit. Mögen diese und besonders die großen Gottesdienste und Eucharistiefeiern uns gegenseitig in unserem Glauben und in unserer christlichen Berufung bestärken, damit wir heute - jeder einzeln und alle gemeinsam - immer glaubwürdigere Zeugen für Christus und das schon in dieser Zeit anbrechende Gottesreich werden.

Ansprache an die Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz «Maternushaus» in Köln

Liebe Mitbrüder im Bischofsamt!

1. Gleich am Anfang meines zweiten Pastoralbesuches in eurem Land habe ich die Freude, mit euch zusammenzutreffen, die der Herr zu Oberhirten im Volke Gottes bestellt hat. Ich grüße euch alle in herzlicher Verbundenheit. Zugleich gilt mein Gruß und Segenswunsch auch denen, die heute nicht unter uns sein können, besonders jenen bischöflichen Mitbrüdern, die durch Alter oder Krankheit verhindert sind.

Dieser mein zweiter Besuch erhält seine besondere Prägung durch die beiden feierlichen Seligsprechungen, die ein Papst erstmals in diesem Land vornehmen darf. Das heroische Glaubenszeugnis von Schwester Edith Stein und Pater Rupert Mayer versetzen uns zurück in eine Zeit großer Bedrängnis für die Kirche und für euer ganzes Volk. Mit der Machtergreifung des Nationalsozialismus durch Hitler begann eine verhängnisvolle Wende, in der sich eine politische Partei im Wahn eines unmenschlichen Rassismus allmählich zur totalitären Ideologie und fast zur Ersatzreligion entwickelte. Die Folge war ein sich verschärfender, immer offenerer Kampf gegen den christlichen Glauben und die katholische Kirche - trotz der im Reichskonkordat feierlich eingegangenen rechtlichen Verpflichtungen und Garantien.

2. Angesichts dieser dramatischen Entwicklung, die zur rücksichtslosen Verfolgung Andersdenkender, auch vieler Gläubiger und Priester führte, befanden sich die Kirche und der deutsche Episkopat in einer verantwortungsschweren Situation. Obwohl die deutschen Bischöfe die großen Irrtümer und Gefahren der neuen Bewegung insgesamt rechtzeitig erkannten und ihre Gläubigen zunehmend davor warnten, wurde ihre Handlungsfähigkeit immer mehr eingeschränkt. Durch die konsequent betriebene Entkonfessionalisierung des öffentlichen Lebens und die immer häufigeren staatlichen Übergriffe in das kirchliche Leben blieb letztlich keine andere Gegenwehr als die Proteste der Bischöfe und eine intensive Aufklärung und Belehrung der Gläubigen. Wir denken in diesem Zusammenhang an die mutigen Predigten und Erklärungen zahlreicher Oberhirten wie auch an den folgenschweren Protest-Hirtenbrief des holländischen Episkopates. Dabei bildete sich zugleich eine wachsende Solidarität zwischen katholischen und evangelischen Christen, Hirten und evangelischen Christen, Hirten und Laien, die sich vom gemeinsamen Grund ihres christlichen Glaubens her der antichristlichen Ideologie entgegenstellten.

Der Heilige Stuhl, der sich schon durch den Konkordatsabschluß darum bemüht hatte, dem Schlimmsten vorzubeugen, hat dann auch der zunehmenden Kirchenverfolgung in Deutschland nicht tatenlos zugesehen. Davon zeugen die sehr zahlreichen an die Reichsregierung gerichteten Noten und schließlich das Rundschreiben Papst Pius XI. ”Mit brennender Sorge“ vom März 1937. Dennoch konnte die unheilvolle Entwicklung nicht mehr aufgehalten werden. Sie führte zu einer Verschärfung der Spannungen, zur entsetzlichen Verfolgung der nichtarianischen Bürger, vor allem der Juden, zur Hinrichtung unzähliger unschuldiger Menschen in Gefängnissen und Konzentrationslagern und zu dem unseligen Zweiten Weltkrieg, der unsagbares Leid, Tod und Zerstörung für viele Länder und Völker brachte.

3. Vor diesem dunklen zeitgeschichtlichen Hintergrund erheben sich die leuchtenden Gestalten der drei Glaubenszeugen, deren wir in diesen Tagen in Verehrung gedenken: die beiden baldigen Seligen Edith Stein und Rupert Mayer sowie der Bekennerbischof Kardinal Clemens August Graf von Galen. Ebenso auch ein Bischof wie Johannes Baptist Sproll, der, von den Machthabern aus seiner Diözese Rottenburg ausgewiesen, sogar mehrere Jahre in der Verbannung leben mußte. Neben ihnen stehen zahlreiche andere mutige Zeugen, die angesichts einer unmenschlichen Tyrannei aus Glaubensüberzeugung oder im Namen der Menschlichkeit gegen gottlose Willkür und Unrecht aufgestanden sind und dafür oft mit dem Einsatz ihres Lebens bezahlt haben. Sie alle vertreten zusammen das andere Deutschland, das sich vor der brutalen Anmaßung und Gewalt nicht gebeugt hat und dann nach dem endgültigen Zusammenbruch den gesunden Kern und Kraftquell für den nachfolgenden großartigen moralischen und materiellen Wiederaufbau bilden konnte.

Im Namen der Menschlichkeit oder im Namen Gottes und der Kirche sind Menschen in allen Jahrhunderten, besonders in Zeiten äußerster Bedrängnis, ohne Rücksicht auf ihr persönliches Schicksal zum Anwalt des Menschen, seiner unantastbaren Würde und unverletzlichen Grundrechte geworden. Durch die feierliche Seligsprechung der kommenden Tage stellt uns die Kirche das Leben und Wirken von Christen vor Augen, die auf heroische Weise in der Nachfolge Jesu Christi Zeugnis für Gott und für den Menschen abgelegt haben. Sie sind die Wegweiser für unsere eigene christliche Berufung. Ihr Beispiel ist für uns heute Aufforderung und Ermutigung zum konsequenten Zeugnis für Gott und seine erlösende Wahrheit in unserer Gesellschaft und in allen Bereichen des menschlichen Lebens. Mit der Kirche ist jeder Christ in der Nachfolge des Herrn zu diesem Zeugnis aufgerufen: ”Ihr werdet meine Zeugen sein“ (Apg 1,8). Wir haben heute diese Zeugenschaft der Jünger Christi mutig zu übernehmen und entschlossen in unserer Zeit fortzusetzen. Die Seligen und Heiligen der Kirche, unter die bald auch Edith Stein und Pater Rupert Mayer aufgenommen werden, laden uns ein, dabei ihren Fußspuren zu folgen.

4. Zeuge Christi sein bedeutet, Zeugnis zu geben für die Wahrheit, für Gott und die wahre Größe des Menschen, für die gottgewollte Ordnung in allen Lebensbereichen. Darum ist Kardinal von Galen damals so entschieden gegen die organisierte Ermordung sogenannten unwerten Lebens aufgetreten. Gegenüber menschenverachtender Tyrannei erinnert er an das Gebot Gottes: Du sollst nicht töten! Wenn auch heute die Bedrohung der Würde und Grundrechte des Menschen auf nicht so dramatische, sondern subtilere Weise geschieht, muß die Kirche nicht weniger bereit sein, ”nec timore nec laudibus“, ohne Rücksicht auf Einschüchterung und Lob, sich gleichermaßen stets zum Anwalt des Lebens zu machen. Angesichts der erschreckend hohen Zahl der Abtreibungen und der zunehmenden unerlaubten Praktiken sogenannter ”Sterbehilfen“ hat der Dienst am Leben für uns Bischöfe in der heutigen Gesellschaft erneut eine große Aktualität und Dringlichkeit erlangt. Es gilt. Gott als den alleinigen Herrn über Leben und Tod mit neuem Nachdruck zu verkünden und die feindliche Einstellung dem Leben gegenüber sowie den mangelnden Mut zur Weitergabe des Lebens durch ein neues Ja zum Leben zu überwinden. Vor allem in den Ehen und Familien ist ein zuversichtliches, lebensfreundliches Klima zu fördern, die Bereitschaft zu einem Leben, das offen und fähig ist, in der lebendigen Gemeinschaft mit Gott zu seiner vollen Entfaltung und Erfüllung zu gelangen. Denn Christus ist ja gekommen, daß die Menschen ”das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10, 10).

Pater Rupert Mayer ist uns Vorbild dafür, daß unser kirchliches Zeugnis für Christus und seine Wahrheit vor allem durch die Verkündigung seiner Frohen Botschaft, durch Unterweisung und auch durch brüderliche Zurechtweisung erfolgen muß. Wie berichtet wird, hat er selbst im Monat mitunter bis zu siebzigmal gepredigt. ”Der Glaube kommt vom Hören“, sagt der Apostel Paulus und fragt deshalb: ”Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt“ (Röm 10, 17.14). Die Glaubenszeugen der Vergangenheit haben vor allem auch durch die Predigt das Unrecht angeprangert, die holländischen Bischöfe haben durch die Kanzelverkündigung ihren unüberhörbaren Protest gegen die Verfolgung der Juden erhoben. Zugleich war es ihr Bemühen, den Menschen in Dunkel und Bedrängnis durch das Licht des göttlichen Wortes den Weg der Wahrheit und Gerechtigkeit zu weisen. Je mehr heute in Staat und Gesellschaft sittliche Grundwerte und Verhaltensweisen in Frage gestellt werden, um so deutlicher und mutiger muß den Menschen, allen voran den Christen selbst, die Botschaft Christi unverkürzt verkündet und ihnen Gottes heiliger Wille als letztgültige Norm des sittlichen Handelns erneut in Erinnerung gebracht werden. Gerade in unserer heutigen, audio-visuell geprägten Gesellschaft ist der zeitgemäßen Verkündigung mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln und Möglichkeiten größte Aufmerksamkeit zu schenken.

Als begnadeter Beichtvater verweist uns Pater Mayer zugleich auf die innere, sakramentale Dimension unserer Zeugenschaft und der Sendung der Kirche. Die Dimension der Buße ist aus dem christlichen Leben nicht wegzudenken. Das Beispiel von Pater Rupert Mayer wird so ein Anruf an die Priester sein, im Sakrament der Buße mit erneuter Hingebung den Menschen die persönliche Begegnung mit Gottes vergebender Güte zu eröffnen. Sein Beispiel ist zugleich eine Einladung an alle Gläubigen, die Gnade dieses Sakramentes neu zu entdecken, das eines der wesentlichen Mittel auf dem inneren Weg zur Vollreife in Christus ist. Edith Stein ist uns auf diesem Weg wahrer Verinnerlichung ein leuchtendes Vorbild. Sie sagt: ”Die schrankenlose liebende Hingabe an Gott und die göttliche Gegengabe, die volle und dauernde Vereinigung, das ist die höchste Erhebung des Herzens, die uns erreichbar, die höchste Stufe des Gebetes. Die Seelen, die sie erreicht haben, sind wahrhaft das Herz der Kirche“. Sie hat es uns selbst auf bewundernswerte Weise vorgelebt. Darum konnte auch ein Augenzeuge aus dem Konzentrationslager Westerbork, wohin Edith Stein nach ihrer Verhaftung zunächst gebracht worden war, berichten: ”Schwester Benedicta war froh, durch tröstende Worte und Gebete helfen zu können. Ihr tiefer Glaube schuf eine Sphäre himmlischen Lebens um sie“. Sie selbst schreibt aus demselben Ort der Trostlosigkeit und der Demütigung, sie habe ”bisher herrlich beten können“. Möge uns die kommende neue Selige den unermeßlichen inneren Reichtum des Gebetes und unserer tiefen Lebensgemeinschaft mit Christus neu erschließen!

5. Als ”Apostel Münchens“ und ”15. Nothelfer“, wie ihn die Leute nannten, war Pater Rupert Mayer ferner durch seine selbstlose Zuwendung zu den Menschen in vielfacher Not Zeichen und Werkzeug der allesüberragenden Liebe Gottes gerade zu den Armen und Entrechteten, den Ausgestoßenen und Verfolgten. Es ist nicht erst eine Errungenschaft unserer Zeitepoche, daß die Kirche sich mit einer gewissen Vorliebe als ”Kirche der Armen“ versteht. Hingegen ist es heute in einer besonderen Weise wichtig und geboten, daß die Kirche diese ihre Berufung noch entschiedener verwirklicht. Trotz aller staatlich organisierten Fürsorge und karitativen Tätigkeit bleibt der persönliche Einsatz für den notleidenden Mitmenschen ein wesentliches Kennzeichen der Jünger Christi.

Ihre Verantwortung für eine menschenwürdige und vom Geist Christi geprägte Gestaltung der äußeren Lebenswelt des Menschen nimmt die Kirche in einer besonderen Weise wahr in ihrer Soziallehre und in ihrem Bemühen um deren Verwirklichung. Die mitgestaltende Anwesenheit der Kirche in der Welt der Arbeit war eines der zentralen pastoralen Anliegen der Päpste in diesem Jahrhundert. Deshalb ist auch meine Begegnung mit Arbeitern und Vertretern aus Industrie und Wirtschaft in Bottrop ein sehr wichtiger Programmpunkt dieser meiner Pastoralreise. Die Kirche nimmt regen Anteil an den Problemen der Arbeiterschaft, der einzelnen Arbeiter und ihrer Familien und ist stets darum bemüht, zu Lösungen beizutragen, die den Anforderungen der Gerechtigkeit, der Würde und dem Gesamtwohl des Menschen wie auch den Erfordernissen der Gesellschaft entsprechen. Wie der Arbeiter soll auch seine Arbeitswelt immer mehr vom Geist Christi durchdrungen und geprägt werden. Meine verschiedenen Begegnungen im Ruhrgebiet werden mir eine Gelegenheit sind, mit Anerkennung der aufrechten und konsequenten Gesinnung von christlichen Arbeitern zu gedenken, die sich in der Vergangenheit auch durch massive Drohungen eines totalitären Regimes nicht haben einschüchtern lassen, von der Wahrheit und von Christus Zeugnis zu geben.

Neben der Verantwortung für eine intensive Evangelisierung der Welt der Arbeit empfindet die Kirche heute immer dringlicher auch die Notwendigkeit einer Neu-Evangelisierung für die ganze Gesellschaft, ja für ganz Europa. ”Ein neuer Anstoß zur Evangelisierung und zu integralerer und systematischer Katechese ist ein Gebot der Stunde“, so sagt die Bischofssynode von 1985 in ihrem Abschlußdokument. Im fortschreitenden Einigungsprozeß zwischen den Völkern dieses Kontinents muß sich die Kirche entschieden darum bemühen, zu einer konstruktiven Übereinstimmung über die ethischen Werte beizutragen, die der weiteren Entwicklung, der Gesellschaft die Richtung weisen. Es gilt den Sinn für die Grundrechte des Menschen, den Geist der Versöhnung und Zusammenarbeit, die Suche nach wirklicher Gerechtigkeit und die Zustimmung zu einem transzendenten Ziel des Menschen zu fördern, das dem Leben und dem Tod letztlich Sinn verleiht.

6. Von großer Bedeutung sind während dieser meiner zweiten Pastoralreise wiederum die Begegnungen mit dem Zentralrat der Juden und mit Vertretern der anderen christlichen Kirchen, wie sie es schon damals 1980 in Mainz gewesen sind. Edith Stein, die im Jahre 1933 in den Kölner Karmel eintrat, war eine Tochter des jüdischen Volkes, mit dem sie selbst in Solidarität und zugleich in christlicher Hoffnung den Leidensweg in die ”Schoah“ gegangen ist. ”Das Heil kommt von den Juden“, sagt Jesus im Gespräch mit der samaritischen Frau am Jakobsbrunnen (Joh 4, 2). Wir Christen dürfen niemals diese unsere Wurzel vergessen. Der Völkerapostel mahnt uns: ”Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich“ (Röm 11, 18b).

Mit unseren evangelischen Brüdern und Schwestern haben die ökumenischen Gespräche und Veröffentlichungen seit meinem letzten Besuch hoffnungsvolle Ansätze zu einer weiteren Annäherung auf die volle Einheit im Glauben gebracht. Es ist uns - Gott sei Dank - an gemeinsamem Erbe dieses unseren christlichen Glaubens mehr geblieben, als wir lange gemeint haben. Dann müssen wir es aber auch zusammen leben und für ein gemeinsamen Glaubenszeugnis fruchtbar werden lassen. Dabei bleibt uns gewiß noch die Aufgabe, daß wir alle verbleibenden Unterschiede von diesem positiven Hintergrund nüchtern sehen und das Unsrige tun, um sie aufzuarbeiten, im Wissen, daß die Gnade der Einheit zuletzt nur vom Herrn selber kommen kann.

Es bleiben wichtige Fragen, die auch durch meinen Besuch neu aufgeworfen werden: zum Beispiel die Marienfrömmigkeit und die Heiligenverehrung. Oft gibt mehr die Praxis als die Lehre der katholischen Kirche Anstoß für unsere getrennten Brüder und Schwestern. Echte Marien- und Heiligenverehrung kann und will aber der einzigen Mittlerschaft Jesu Christi keinen Abbruch tun, wie ich auch in der soeben erschienenen Enzyklika ”Redemptoris Mater“ deutlich hervorgehoben habe.

In Maria und den Heiligen hat das christliche Leben in der Nachfolge Jesu eine besonders dichte und überzeugende Ausformung gefunden. So liegt es nahe, daß wir uns an ihrem Leben ein Beispiel nehmen und, durch sie ermutigt, unseren Pilgerweg gehen. Damit nehmen wir ernst, was es bedeutet, daß in einer konkreten Person das Gnadengeschenk der Gotteskindschaft zur vollen Blüte gelangt ist und dieser heiligmäßige Mensch darum zur Fülle der ewigen Seligkeit zugelassen worden ist. Diese Überzeugung geht auch aus dem wichtigsten Bekenntnisdokument der lutherischen Kirche, der ”Confessio Augustana“, hervor. Dort heiß es zum Dienst der Heiligen: ”Über die Verehrung der Heiligen wird von den Unseren gelehrt, daß man den Heiligen gedenken soll, damit unser Glaube dadurch gestärkt wird, daß wir sehen, wie ihnen Gnade widerfahren und ihnen durch den Glauben geholfen worden ist. Außerdem soll man sich an ihren guten Werken ein Beispiel nehmen, jeder für seinen Lebensbereich“ (Confessio Augustana, 21). Darüber hinaus rufen viele Christen Maria und die Heiligen vertrauensvoll auch um ihre Fürbitte an, ja sie erhoffen sich von ihnen vielfältige Hilfe bei Beschwerden und Bedrängnissen auf ihrem Pilgerweg. Wenn wir der Muttergottes und so vielen Heiligen Fürbitte und Hilfe zutrauen, bleiben sie für uns doch stets durchsichtig auf den einen und einzigen Mittler zwischen Gott und den Menschen, auf unseren Herrn Jesus Christus. Alles Wirken der Heiligen für uns hier auf Erden lebt aus ihrer seligen Nähe zu Gott, dem allmächtigen und barmherzigen Vater. Aus ihm und durch ihn und für ihn können auch sie uns beschenken. Alle konkreten Formen der Marienfrömmigkeit und der Heiligenverehrung müssen diese Glaubensgrundsätze beherzigen und im Vollzug deutlich werden lassen. Dann können auch sie durchaus zum ökumenischen Dialog und zur erhofften Einheit aller Christen beitragen.

7. Liebe Mitbrüder! Ich möchte diese unsere erste Begegnung zu Beginn meines Pastoralbesuches mit einem Hinweis auf Maria, die Königin der Heiligen, beschließen. In diesem Jahr findet in Kevelaer der Marianische Weltkongreß statt. Mögen daraus auch für eure Ortskirchen reiche geistliche Früchte erwachsen. In Kevelaer werde ich vor dem Gnadenbild der Gottesmutter beten und ihrer Fürbitte auch euren bischöflichen Dienst und alle Begegnungen und gemeinsamen Feiern der kommenden Tage anvertrauen. Am Pfingstfest wird dann in Rom das Marianische Jahr eröffnet, das bis zum 15 August 1988 dauern soll. In diesem Jahr wollen wir besonders die christlichen Grundhaltungen einüben, die uns in Maria auf beispielhafte Weise begegnen: ihr Jawort zu Gottes unbegreiflichem Willen, ihr Dank für Gottes Führung ihr Hören und Bewahren des Wortes Gottes, ihr Hinweis auf Jesus: ”Was er euch sagt, das tut!“ (Joh 2, 5), ihr Ausharren unter dem Kreuz und ihre betende Gemeinschaft mit den Jüngern in der Erwartung des Heiligen Geistes. Maria führt uns durch die Gemeinschaft der Kirche zu ihrem Sohn und damit zum Ziel unseres christlichen Lebens, zur seligen Gemeinschaft mit Gott, die uns bereits in der Taufe geschenkt ist und in unserer Auferstehung vollendet wird.

Der Fürsprache Marias empfehle ich schließlich die Sendung der Kirche in eurem Land und in allen Ländern, unser Zeugnis für Christus und seine Wahrheit in der Welt von heute, auf daß unser Zeugesein immer glaubwürdiger werde. Euer bevorstehender ”Ad-limina“-Besuch wird es uns gestatten, die hier begonnenen Überlegungen fortzusetzen und noch weiter zu vertiefen. Von Herzen segne ich euch alle und unsere abwesenden Mitbrüder in der Liebe unseres Herrn Jesus Christus. Ihm sei Ehre und Dank in alle Ewigkeit!

Predigt beim Wortgottesdienst mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken in der Kapelle des Maternushauses in Köln

Liebe Brüder und Schwestern!

Herzlich grüsse ich euch als Vertreter des Zentralkomitees der deutschen Katholiken zu diesem kurzen abendlichen Gebetstreffen. Das gemeinsame Gebet, das Einswerden vor Gott in Lobpreis und Fürbitte, ist eine der tiefsten Formen menschlicher Begegnung.

Mein zweiter Pastoralbesuch in eurem Land ist bekanntlich verbunden mit den Seligsprechungen von Schwester Edith Stein und Pater Rupert Mayer. In diesen beiden Seligen ehren wir ihr mutiges Zeugnis für Christus und ihr Zeugnis selbstloser Nächstenliebe. Edith Stein verstand ihren Weg nach Auschwitz als Eintreten für das jüdische Volk, zu dem sie gehörte und mit dem sie sich bis in ihr qualvolles Sterben verbunden fühlte. Sie sagte zu ihrer Schwester: ”Komm, wir gehen für unser Volk!“. Das Zeugnis für Christus und der Einsatz für den Nächsten gehören zum christlichen Leben und sind innigst mit der Heilssendung der Kirche und aller Glieder der Kirche verbunden. Unsere Begegnung findet ein halbes Jahr vor der Eröffnung der Weltbischofssynode statt, die sich mit der ”Berufung und Sendung der Laien in Kirche und Welt“ befassen wird. Es geht darum, 20 Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil das Dekret über das Laienapostolat noch wirksamer als bisher in die Situation unserer Zeit, unserer Welt und Kirche zu übersetzen. Die so notwendige Neuevangelisierung Europas wird von dieser Bischofssynode Impulse empfangen. Ihre Aufgabe wird es sein, dabei mitzuwirken und die lebendige Kraft des Glaubens in und für Europa zu entfalten.

Ich weiß das Zentralkomitee der deutschen Katholiken die große Tradition des Laienapostolates in eurem Land repräsentiert und in die Zukunft weiterführt. Es war stets euer Anliegen, die Teilnahme des Volkes Gottes am Heilsdienst der Kirche zu verbinden mit einer mutigen und tätigen Stellungnahme zu den wichtigen Fragen der Gesellschaft, der zeitgenössischen Kultur, der Entwicklung der Menschheit. In diesem Geist gemeinsamer Verantwortung des Gottesvolkes zum Zeugnis und zum Weltdienst habt ihr euch mit an der Vorbereitung der Weltbischofssynode beteiligt. Es ist mir eine besondere Freude, mit euch in dieser Abendstunde für die Heilssendung der Kirche in der Welt von heute den Heiligen Geist herabzurufen, den Geist, der die Tiefen Gottes ergründet, der das Weltall erfüllt und der Kirche die Einheit schenkt.

Freitag, den 1. Mai 1987

Predigt bei der Seligsprechung von Schwester Teresia Benedicta vom Kreuz im Stadion Köln-Müngersdorf

”Selig sind, die aus der großen Bedrängnis kommen; sie haben ihrer Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht“ (Offb. 7, 14).

1. Unter diesen seligen Männern und Frauen grüßen wir heute in tiefer Verehrung und mit heiliger Freude eine Tochter des jüdischen Volkes, reich an Weisheit und Tapferkeit. Aufgewachsen in der strengen Schule der Traditionen Israels, ausgezeichnet durch ein Leben der Tugend und Entsagung im Orden, bewies sei eine heldenmütige Gesinnung auf dem Weg ins Vernichtungslager. Vereint mit dem gekreuzigten Herrn gab sie ihr Leben dahin ”für den wahren Frieden“ und ”für das Volk“: Edith Stein, Jüdin, Philosophin, Ordensfrau, Märtyrerin.

Sehr geehrter Herr Kardinal, liebe Brüder und Schwestern!

Mit der heutigen Seligsprechung geht ein langersehnter Wunsch nicht nur der Erzdiözese Köln, sondern auch vieler Christen und Gemeinschaften in der Kirche in Erfüllung. Vor sieben Jahren hat die gesamte Deutsche Bischofskonferenz diese Bitte einmütig an den Heiligen Stuhl gerichtet; zahlreiche befreundete Bischöfe aus anderen Ländern haben sich ihr angeschlossen. Groß ist deshalb unser aller Freude, daß ich heute diesem Wunsch entsprechen kann und Schwester Teresia Benedicta vom Kreuz in dieser festlichen Liturgie den Gläubigen im Namen der Kirche als Selige in der Herrlichkeit Gottes vor Augen stellen darf. Wir dürfen sie fortan als Märtyrerin verehren und um ihre Fürsprache am Throne Gottes bitten. Hierzu beglückwünsche ich uns alle, vor allem aber ihre Mitschwestern im Karmel hier in Köln und in Echt sowie in ihrer ganzen Ordensgemeinschaft. Daß bei dieser Liturgiefeier auch jüdische Brüder und Schwestern, besonders aus der Verwandtschaft Edith Steins, zugegen sind, erfüllt uns mit großer Freude und Dankbarkeit.

2. ”Herr, offenbare dich in dieser Zeit unserer Not und gib mir Mut!“ (Est. 4, 17r.)

Die Worte dieses Hilferufes aus der ersten Lesung der heutigen Liturgie spricht Ester, eine Tochter Israels, zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft. Ihr Gebet, das sie in der Stunde einer tödlichen Bedrohung ihres ganzen Volkes an Gott, den Herrn, richtet, erschüttert uns tief:

”Herr, unser König, du bist der einzige. Hilf mir! Denn ich bin allein und habe keinen Helfer außer dir; die Gefahr steht drohend über mir . . . Du, Herr, hast Israel aus allen Völkern erwählt; du hast dir unser Volk aus allen ihren Vorfahren als deinen ewigen Erbbesitz ausgesucht . . . Denk an uns. Herr, . . . rette uns mit deiner Hand!“ (ebd. 4, 17 l.-t.).

Die tödliche Angst, vor der Esther zittert, war entstanden, als unter dem Einfluß des mächtigen Haman, eines Todfeindes der Juden, der Befehl zu ihrer Vernichtung im ganzen Perserreich erlassen worden war. Mit Gottes Hilfe und dem Einsatz ihres eigenen Lebens hat Esther damals zur Rettung ihres Volkes entscheidend beigetragen.

3. Dieses Gebet um Hilfe, weit über 2000 Jahre alt, legt die heutige Festliturgie der Dienerin Gottes Edith Stein in den Mund, einer Tochter Israels unseres Jahrhunderts. Es ist wieder aktuell geworden, als hier, im Herzen Europas, erneut der Plan zur Vernichtung der Juden gefaßt wurde. Eine wahnsinnige Ideologie hat ihm in Namen eines unseligen Rassismus beschlossen und mit gnadenloser Konsequenz durchgeführt.

Gleichzeitig zu den dramatischen Ereignissen des Zweiten Weltkrieges errichtete man eilends die Vernichtungslager und baute die Verbrennungsöfen. An diesen Schreckensorten fanden mehrere Millionen Söhne und Töchter Israels den Tod: von Kindern bis zu betagten Greisen. Der ungeheure Machtapparat des totalitären Staates hat dabei niemanden verschont und die grausamsten Maßnahmen sogar gegen jeden ergriffen, der den Mut hatte, die Juden zu verteidigtem

4. Edith Stein ist im Vernichtungslager von Auschwitz als Tochter ihres gemarterten Volkes umgekommen. Trotz ihrer Übersiedlung von Köln in den niederländischen Karmel von Echt fand sie nur vorübergehend Schutz vor der wachsenden Judenverfolgung. Nach der Besetzung Hollands wurde auch dort die Vernichtung der Jude durch die Nationalsozialisten umgehend in die Wege geleitet, wobei die getauften Juden zunächst ausgenommen wurden. Als aber die katholischen Bischöfe der Niederlande in dem Hirtenbrief gegen die Deportation der Juden scharf protestierten, verfügten die Machthaber als Rache dafür die Vernichtung auch der Juden katholischen Glaubens. So trat Schwester Teresia Benedicta vom Kreuz zusammen mit ihrer leiblichen Schwester Rosa, die ebenfalls im Karmel zu Echt Zuflucht gefunden hatte, den Weg ins Martyrium an.

Beim Verlassen ihres Klosters faßte Edith ihre Schwester bei der Hand und sagte nur: ”Komm, wir gehen für unser Volk“. Aus der Kraft opferbereiter Christusnachfolge sah sie auch in ihrer scheinbaren Ohnmacht noch einen Weg, ihrem Volk einen letzten Dienst zu erweisen. Bereits einige Jahre vorher hatte sie sich selbst mit der Königin Esther im Exil am persischen Hof verglichen. In einem ihrer Briefe lesen wir: ”Ich vertraue darauf, daß der Herr mein Leben für alle (Juden) genommen hat. Ich muß immer wieder an die Königin Esther denken, die gerade darum aus ihrem Volk genommen wurde, um für das Volk vor dem König zu stehen. Ich bin eine sehr arme und ohnmächtige kleine Esther, aber der König, der mich erwählt hat, ist unendlich groß und barmherzig“.

5. Liebe Brüder und Schwestern! Neben dem Gebet der Esther steht ein Auszug aus dem Galaterbrief. Der Apostel Paulus schreibt dort: ”Ich will mich allein des Kreuzes Jesu Christi, unseres Herrn, rühmen, durch das mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt“ (Gal. 6, 14).

Auf ihrem Lebensweg ist auch Edith Stein diesem Geheimnis des Kreuzes begegnet, das der heilige Paulus in diesem Brief den Christen verkündet. Edith ist Christus begegnet, und diese Begegnung hat sie Schritt für Schritt in die Klausur des Karmels geführt. Im Vernichtungslager ist sie als Tochter Israels ”zur Verherrlichung des heiligsten Namens (Gottes)“ und zugleich als Schwester Teresia Benedicta vom Kreuz - als vom Kreuz Gesegnete - gestorben.

Der ganze Lebensweg von Edith Stein ist geprägt von einer unermüdlichen Suche nach der Wahrheit und erhellt vom Segen des Kreuzes Christi. Sie begegnete dem Kreuz zum erstenmal in der glaubensstarken Witwe eines Studienfreundes, die, statt durch den tragischen Verlust ihres Mannes zu verzweifeln, aus dem Kreuz Christi Kraft und Zuversicht schöpfte. Sie schreibt darüber später: ”Es war meine erste Begegnung mit dem Kreuz und der göttliche Kraft, die es seinen Trägern mitteilt . . . Es war der Augenblick, in dem mein Unglaube zusammenbrach, . . . und Christus aufstrahlte: Christus im Geheimnis des Kreuzes“. Ihr eigener Lebens- und Kreuzweg ist zuinnerst mit dem Schicksal des jüdischen Volkes verbunden. In einem Gebet bekennt sie dem Heiland, daß sie darum wisse, ”daß es sein Kreuz sei, das jetzt auf das jüdische Volk gelegt würde“; und alle, die das verstünden, ”müßten es im Namen aller bereitwillig auf sich nehmen. Ich wollte das tun, er sollte mir nur zeigen wie“. Zugleich erhält sie die innere Gewißheit, daß Gott ihr Gebet erhört hat. Je häufiger die Hakenkreuze auf den Straßen zu sehen waren, um so höher richtete sich das Kreuz Jesu Christi in ihrem Leben auf. Als sie als Schwester Teresia Benedicta a Cruce in den Kölner Karmel eintrat, um am Kreuz Christi noch tieferen Anteil zu erhalten, wußte sie, daß sie ”dem Herrn im Zeichen des Kreuzes vermählt“ war. Am Tag ihrer ersten Profeß war ihr nach ihren eigenen Worten zumute, ”wie der Braut des Lammes“. Sie war davon überzeugt, daß ihr himmlischer Bräutigam sie tief in das Geheimnis des Kreuzes hineinführen werde.

6. Teresia, die vom Kreuz Gesegnete - das ist der Ordensname jener Frau, die ihren geistlichen Weg mit der Überzeugung begonnen hatte, daß es überhaupt keinen Gott gebe. Zur damaligen Zeit, in den Jahren ihrer Jugend und ihres Studium, war die Zeit für sie noch nicht vom erlösenden Kreuz Christi geprägt, bildete aber bereits den Gegenstand ständigen Suchens und Forschens ihres scharfen Verstandes. Als 15jährige Schülerin in ihrer Heimatstadt Breslau beschließt die in einem jüdischen Elternhaus geborene Edith, ”nicht mehr zu beten“, wie sie selbst bekennt. Obwohl sie zeitlebens von der strengen Gläubigkeit ihrer Mutter tief beeindruckt war, gerät sie in ihrer Jugend- und Studienzeit in die geistige Welt des Atheismus. Sie hielt das Dasein eines persönlichen Gottes für unglaubhaft.

In den Jahren ihres Studiums der Psychologie und Philosophie, der Geschichte und der Germanistik in Breslau, Göttingen und Freiburg spielte Gott zunächst keine Rolle. Dabei huldigte sie jedoch einem ”hochgespannten ethischen Idealismus“. Entsprechend ihrer hohen geistigen Begabung wollte sie nichts ungeprüft hinnehmen, nicht einmal den Glauben ihrer Väter. Sie will den Dingen selber auf den Grund gehen. Darum sucht sie unermüdlich nach der Wahrheit. Im späteren Rückblick auf diese Zeit geistiger Unruhe erkennt sie doch darin eine wichtige Stufe ihres inneren Reifungsprozesses, indem sie feststellt: ”Meine Suche nach der Wahrheit war ein einziges Gebet“ -ein herrliches Wort des Trostes für alle, die sich mit dem Gottesglauben schwertun! Schon die Suche nach Wahrheit ist zutiefst ein Suchen nach Gott.

Unter dem starken Einfluß ihres Lehrers Husserl und seiner phänomenologischen Schule wandte sich die suchende Studentin immer entschiedener der Philosophie zu. Sie lernte allmählich, ”alle Dinge vorurteilsfrei ins Auge zu fassen und alle "Scheuklappen" abzuwerfen“. Durch die Begegnung mit Max Scheler in Göttingen kommt Edith Stein schließlich zum erstenmal mit katholischen Ideen in Berührung. Sie selbst schreibt darüber: ”Die Schranken der rationalistischen Vorurteile, in denen ich aufgewachsen war, ohne es zu wissen, fielen, und die Welt des Glaubens stand plötzlich vor mir. Menschen, mit denen ich täglich umging, zu denen ich mit Bewunderung aufblickte, lebten darin“.

Das lange Ringen um ihre persönliche Entscheidung für den Glauben an Jesus Christus fand erst 1921 ein Ende, als sie bei einer Freundin das autobiographische ”Leben der heiligen Teresa von Avila“ zu lesen begann. Sie war sofort gefangen und hörte nicht mehr auf bis zum Ende: ”Als ich das Buch schloß, sagte ich mir: Das ist die Wahrheit“! Die ganze Nacht hindurch hatte sie gelesen bis zum Aufgang der Sonne. In dieser Nacht hat sie die Wahrheit gefunden, nicht die Wahrheit der Philosophie, sondern die Wahrheit in Person, das liebende Du Gottes. Edith Stein hatte die Wahrheit gesucht und Gott gefunden. Sie ließ sich unverzüglich taufen und in die katholische Kirche aufnehmen.

7. Der Empfang der Taufe bedeutete für Edith Stein keineswegs den Bruch mit ihrem jüdischen Volk. Sie sagt im Gegenteil: ”Ich hatte die Praxis meiner jüdischen Religion als Mädchen von 14 Jahren aufgegeben und fühlte mich erst nach meiner Rückkehr zu Gott wieder jüdisch“. Sie ist sich stets dessen bewußt, ”nicht nur geistig, sondern auch blutmäßig zu Christus zu gehören“. Sie leidet selber zutiefst an dem großen Schmerz, den sie ihrer geliebten Mutter durch ihre Konversion hat zufügen müssen. Sie begleitet sie auch später noch zum Gottesdienst in die Synagoge und betet zusammen mit ihr die Psalmen. Auf die Feststellung ihrer Mutter, daß man also auch jüdisch fromm sein könne, gibt sie zur Antwort: ”Gewiß-wenn man nichts anderes kennengelernt hat“.

Obwohl seit der Begegnung mit den Schriften der heiligen Teresa von Avila der Karmel das Ziel Edith Steins geworden war, mußte sie noch über ein Jahrzehnt warten, bis Christus ihr im Gebet den Weg zum Eintritt zeigte. In ihrer Tätigkeit als Lehrerin und Dozentin in der Schul- und Bildungsarbeit, meist in Speyer, zuletzt auch in Münster, bemühte sie sich fortan, Wissenschaft und Glauben miteinander zu verbinden und gemeinsam weiterzuvermitteln. Dabei will sie nur ”ein Werkzeug des Herr“ sein. ”Wer zu mir kommt, den möchte ich zu ihm führen“. Zugleich lebt sie in dieser Zeit schon wie eine Klosterfrau, legt privat die drei Gelübde ab und wird zur großen, begnadeten Beterin. Aus ihrem intensiven Studium des heiligen Thomas von Aquin lernt sie, daß es möglich ist, ”Wissenschaft als Gottesdienst zu betreiben . . . Nur darauf habe ich mich entschließen können, wieder ernstlich (nach der Konversion) an wissenschaftliche Arbeiten heranzugehen“. Bei aller Hochschätzung der Wissenschaft erkennt Edith Stein immer deutlicher, daß das Herz des Christseins nicht Wissenschaft, sondern Liebe ist.

Als Edith Stein schließlich im Jahre 1933 in den Kölner Karmel eintritt, bedeutet dieser Schritt für sie keine Flucht aus der Welt oder aus der Verantwortung, sondern ein um so entschiedeneres Eintreten in die Kreuzesnachfolge Christi. Sie sagt bei ihrem ersten Gespräch mit der dortigen Priorin: ”Nicht die menschliche Tätigkeit kann uns helfen, sondern das Leiden Christi. Daran Anteil zu haben, ist mein Verlangen“. Aus demselben Grund kann sie bei ihrer Einkleidung keinen anderen Wunsch äußern, ”als im Orden "vom Kreuz" genannt zu werden“. Und auf das Andachtsbildchen zu ihrer ewigen Profeß läßt sie das Wort des heiligen Johannes vom Kreuz drucken: ”Mein einziger Beruf ist fortan nur mehr lieben“.

8. Liebe Brüder und Schwestern! Wir verneigen uns heute mit der ganzen Kirche vor dieser großen Frau, die wir von jetzt an als Selige in Gottes Herrlichkeit anrufen dürfen; vor dieser großen Tochter Israels, die in Christus, dem Erlöser, die Erfüllung ihres Glaubens und ihrer Berufung für das Volk Gottes gefunden hat. Wer in den Karmel geht, der ist nach ihrer Überzeugung ”für die Seinen nicht verloren, sondern erst eigentlich gewonnen; denn es ist ja unser Beruf, für alle vor Gott zu stehen“. Seit sie ”unter dem Kreuz“ das Schicksal des Volkes Israels zu verstehen begann, ließ sich unsere neue Selige von Christus immer tiefer in sein Erlösungsgeheimnis hineingehen, um in geistlicher Einheit mit ihm den vielfältigen Schmerz der Menschen tragen und das himmelschreiende Unrecht in der Welt sühnen zu helfen. Als ”Benedicta a Cruce - die vom Kreuz Gesegnete“ wollte sie mit Christus Kreuzträgerin sein für das Heil ihres Volkes, ihrer Kirche, der ganzen Welt. Sie bot sich Gott an als ”Sühneopfer für den wahren Frieden“ und vor allem für ihr bedrohtes und gedemütigtes jüdisches Volk. Nachdem sie erkannt hatte, daß Gott wieder einmal schwer seine Hand auf sein Volk gelegt hatte, war sie davon überzeugt, ”daß das Schicksal dieses Volkes auch das meine war“.

Als Schwester Teresia Benedicta a Cruce im Karmel von Echt ihr letztes theologisches Werk ”Kreuzeswissenschaften“ beginnt, das jedoch unvollendet bleiben wird, da es in ihren eigenen Kreuzweg einmündet, bemerkt sie ”Wenn wir von Kreuzeswissenschaft sprechen, so ist das nicht . . . bloße Theorie, . . . sondern lebendige, wirkliche und wirksame Wahrheit“. Als die tödliche Bedrohung ihres jüdischen Volkes sich auch über ihr wie eine dunkle Wolke zusammenzog, war sie bereit, mit ihrem eigenen Leben zu verwirklichen, was sie schon früher erkannt hatte: ”Es gibt eine Berufung zum Leiden mit Christus und dadurch zum Mitwirken mit seinem Erlösungswerk . . . Christus lebt in seinen Gliedern fort und leidet in ihnen fort; und das in Vereinigung mit dem Herrn ertragene Leiden ist Sein Leiden, eingestellt in das große Erlösungswerk und darin fruchtbar“.

Mit ihrem Volk und ”für“ ihr Volk ging Schwester Teresia Benedicta vom Kreuz zusammen mit ihrer Schwester Rosa den Weg in die Vernichtung. Leid und Tod nimmt sie jedoch nicht nur passiv an, sondern vereinigt diese bewußt mit der sühnenden Opfertat unseres Erlösers Jesus Christus. ”Schon jetzt nehme ich den Tod, den Gott mir zugedacht hat, in vollkommener Unterwerfung unter seinen heiligsten Willen mit Freude entgegen“, hatte sie einige Jahre zuvor in ihrem Testament geschrieben: ”Ich bitte den Herrn, daß er mein Leiden und Sterben annehmen möge zu seiner Ehre und Verherrlichung, für alle Anliegen . . . der heiligen Kirche“. Der Herr hat diese ihre Bitte erhört.

Die Kirche stellt uns heute Schwester Teresia Benedicta vom Kreuz als selige Märtyrerin, als Beispiel heroischer Christusnachfolge zur Verehrung und Nachahmung vor Augen. Öffnen wir uns für ihre Botschaft an uns als Frau des Geistes und der Wissenschaft, die in der Kreuzeswissenschaft den Gipfel aller Weisheit erkannte, als große Tochter des jüdischen Volkes und gläubigen Christin inmitten von Millionen unschuldig gemarterter Mitmenschen. Sie sah das Kreuz mit aller Unerbittlichkeit auf sich zukommen; sie ist in allem Schrecken nicht vor ihm geflohen, sondern hat es in christlicher Hoffnung mit letzter Liebe und Hingabe umfangen und im Geheimnis des Osterglaubens sogar begrüßt: ”Ave Crux, spes unica!“. - ”Edith Stein ist“, wie euer verehrter Herr Kardinal Höffner in seinem kürzlichen Hirtenschreiben gesagt hat, ”ein Geschenk, ein Anruf und eine Verheißung für unsere Zeit. Möge sie Fürsprecherin bei Gott für uns und für unser Volk und für alle Völker sein“.

9. Liebe Brüder und Schwestern! Heute erlebt die Kirche des 20 Jahrhunderts einen großen Tag: Wir verneigen uns tief vor dem Zeugnis des Lebens und Sterbens von Edith Stein, der herausragenden Tochter Israels und zugleich Tochter des Karmels, Schwester Teresia Benedicta vom Kreuz, einer Persönlichkeit, die eine dramatische Synthese unseres Jahrhunderts in ihrem reichen Leben vereint. Die Synthese einer Geschichte voller tiefer Wunden, die noch immer schmerzen, für deren Heilung sich aber verantwortungsbewußte Männer und Frauen bis in unsere Tage immer wieder einsetzen; und zugleich die Synthese der vollen Wahrheit über den Menschen, in einem Herzen, das so lange unruhig und unerfüllt blieb, ”bis es schließlich Ruhe fand in Gott“.

Wenn wir uns geistig an den Ort des Martyriums dieser großen Jüdin und christlichen Märtyrerin begeben, an den Ort jenes schrecklichen Geschehens, das heute ”Schoah“ genannt wird, vernehmen wir zugleich die Stimme Christi, des Messias und Menschensohnes, des Herrn und Erlösers.

Als Bote des unergründlichen Heilsgeheimnisses Gottes spricht er zu der Frau aus Samaria am Jakobsbrunnen: ”Das Heil kommt von den Juden. Aber die Stunde kommt, und sie ist schon da, da die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit: denn so will der Vater angebetet werden. Gott ist Geist, und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten“ (Joh. 4, 22-24).

Selig gepriesen sei Edith Stein, Schwester Teresia Benedicta vom Kreuz, eine wahre Anbeterin Gottes - in Geist und Wahrheit.

Ja, selig ist sie! -Amen.

Bevor wir von dieser festlichen Eucharistiegemeinschaft wieder aufbrechen, grüße ich ganz besonders euch, meine lieben jungen Freunde, die ihr das brennende Licht in alle Himmelsrichtungen in euer Land hinaustragen wollt.

Es ist das Licht der Osternacht, einst Zeichen der Auferstehung Jesu und des Neubeginns nach dem Grauen der Vernichtung und des Krieges. Heute für uns alle Zeichen der Hoffnung auf euch, die neue Generation, die das Licht Christi ins kommende Jahrhundert trägt.

Es ist das Licht aus Altenberg, jenem Ort, der in schweren Zeiten der Unterdrückung unzähligen jungen Christen geistige Orientierung und Kraft zum Widerstehen gab.

Es ist das Licht der Versöhnung und des Friedens.

Es soll voranleuchten auf dem Weg, zu dem wir alle berufen sind.

Vereint mit allen Menschen guten Willens gehen wir diesen Weg. Wir gehen ihn mit dem Blick auf Maria, der dieser Monat Mai besonders geweiht ist. Die ”Königin des Friedens“ begleitet uns als Vorbild und Verheißung des ”neuen Menschen voll der Gnade“.

Zu diesem Aufbruch segne dieses Licht und euch alle der Allmächtige und Barmherzige, der durch uns allen Menschen seine Liebe und seinen Frieden schenken will.

Ansprache an den Zentralrat der Juden in der Erzbischöflichen Residenz in Köln

Verehrte Herren, liebe Brüder!

1. Es erfüllt mich mit Freude und Dankbarkeit, auch während meines zweiten Pastoralbesuches mit Ihnen zusammentreffen zu können. Diese erneute Begegnung gibt mir Gelegenheit, auf die Bedeutung der Tatsache hinzuweisen, daß es gerade in diesem Land auch heute noch jüdisches Leben und jüdische Gemeinden gibt. Die vatikanischen ”Hinweise für eine richtige Darstellung von Juden und Judentum in der Predigt und in der Katechese der katholischen Kirche“ vom Jahre 1985, deren Lektüre und Anwendung ich allen Katholiken sehr empfehle, erinnert an die jüdische Geschichte ”in einer zahlreichen Diaspora, die es Israel erlaubt, das oft heldenhafte Zeugnis seiner Treue zum einzigen Gott in die ganze Welt zu tragen“ (Cf. Note sul modo corretto di presentare gli ebrei e l’ebraismo nella predicazione e nella catechesi della Chiesa cattolica, 1985, VI, 25). Schon in der Antike trugen Juden dieses Zeugnis der Treue bis ins Rheinland. Hier kam es bereits sehr früh zu einem bodenständigen Judentum von großer geistiger Schöpferkraft.

2. Meine verehrten Brüder, Sie hüten so mit Ihren heutigen Gemeinden ein kostbares geschichtliches und geistiges Erbe und sind gewillt, es fruchtbar zu entfalten. Darüber hinaus bekommen diese Gemeinden einen ganz besonderen Wert vor dem Hintergrund der Verfolgung und versuchten Ausrottung des Judentums in diesem Lande. Bereits die Existenz Ihrer Gemeinden selbst ist ein Hinweis, daß Gott, bei dem ”die Quelle des Lebens“ ist (Ps 36, 10) und den der Beter als ”Vater und Gebieter meines Lebens“ preist (Sir 23, 1), den Todesmächten nicht erlaubt, das letzte Wort zu haben. Möge der eine, gütige und barmherzige Vater des Lebens Ihre Gemeinden schützen und sie besonders dann segnen, wenn sie sich um sein heiliges Wort versammeln.

3. Heute ehrt die Kirche eine Tochter Israels, die während der nationalsozialistischen Verfolgung als Katholikin dem gekreuzigten Herrn, Jesus Christus, und als Jüdin ihrem Volk in Treue und Liebe verbunden geblieben ist. Zusammen mit Millionen von Brüdern und Schwestern hat sie Erniedrigung und Leiden bis zum Letzten, bis zur unmenschlichen Vernichtung, der Shoah, erlitten. Mit heroischem Glaubensmut hat Edith Stein ihr Leben in die Hände Gottes, des Heiligen und Gerechten, zurückgegeben, dessen Geheimnis sie ihr ganzes Leben hindurch besser zu verstehen und zu lieben suchte.

Möge der heutige Tag ihrer Seligsprechung für uns alle ein Tag des gemeinsamen Lobpreises und Dankes an Gott sein, der wunderbar ist in seinen Heiligen, wie er sich auch als herrlich und erhaben erwiesen hat in den großen Gestalten des Volkes Israels. Zugleich wollen wir in ehrfürchtiger Stille verharren und die fürchterlichen Konsequenzen in unserem Gewissen bedenken, die sich aus der Leugnung Gottes und aus kollektivem Rassenhaß immer wieder ergeben können. Dabei erinnern wir uns in brüderlicher Solidarität auch an das Martyrium vieler Völker Europas unserer Tage und bekennen uns zu einem gemeinsamen Einsatz aller Menschen guten Willens für eine erneuerte ”Zivilisation der Liebe“ hier in Europa, die von den besten jüdischen und christlichen Idealen beseelt ist. Dazu gehören auch ein wachsames Auge, ein mutiges Wort, ein klares Vorbild bei allen neuen Formen von Antisemitismus, Rassismus und neuheidnischer Glaubensverfolgung. Ein solcher gemeinsamer Einsatz wäre die kostbarste Gabe, die Europa der Welt auf ihrem mühsamen Weg zu Entwicklung und Gerechtigkeit anbieten könnte.

4. Die selige Edith Stein erinnert uns alle, Juden wie Christen, durch ihr gelebtes Beispiel an den Aufruf der Schrift: ”Ihr sollt heilig sein, wie ich-euer Gott-heilig bin“ (Lv 11, 45). Diese gemeinsame Berufung schließt auch eine gemeinsame Verantwortung ein, die ”Stadt Gottes“ zu erbauen, die Stadt des Gottesfriedens. So wenden sich unsere Gedanken spontan auf Jerusalem hin, ”Stadt des Friedens“. Von ihr sagt der Prophet: ”Der Herr hat Erbarmen mit Zion . . . Die Stadt gleicht . . . einer Steppe, doch er macht sie zum Garten des Herrn. Freude und Fröhlichkeit findet man dort, Loblieder und Harfen erklingen“ (Jes 51, 3). Mit dieser Friedenshoffnung im Herzen bitten wir den Herrn um die Fülle seines barmherzigen Friedens.

Predigt beim Wortgottesdienst mit den Gläubigen von Münster auf dem Schlossplatz

Verehrter Herr Bischof,
liebe Brüder und Schwestern!

Als Bischof von Rom und Nachfolger des Apostels Petrus freue ich mich von Herzen, heute in eurer Bischofsstadt Münster bei euch zu sein, mit euch zu beten und das Worte an euch richten zu können. Euch und allen, zu denen meine Worte gelangen, gilt mein brüderlicher Gruß.

1. Von Anfang an sind Rom und Münster eng miteinander verbunden gewesen. Euer erster Bischof, der heilige Ludgerus, ist im Jahre 784 zum Petrusgrab und zum Papst in Rom gepilgert, um dort den Auftrag für sein Missionswerk in eurer Heimat zu erhalten. Heute komme ich von Rom nach Münster; der Nachfolger des Petrus kommt zum Nachfolger des Ludgerus und zu euch allen hier im Bistum Münster, um euch im Glauben zu stärken, um zusammen mit euch zu erfahren, daß Rom und Münster, daß Petrus und Ludgerus zusammengehören und zusammenbleiben wollen im gemeinsamen Glauben.

Vom Tod des heiligen Ludgerus berichtet eine alte Chronik: In: der Stunde seines Hinscheidens sahen die Mitbrüder, ”wie vor ihnen ein helles Licht wie Feuer in die Höhe stieg und alle Finsternis der dunkeln Nacht vertrieb“. Das Dunkel der Nacht war hell geworden; das Dunkel der Nacht ist hell geblieben. Das Licht des katholischen Glaubens hat seine Leuchtkraft behalten durch die Jahrhunderte hindurch. Immer neu ist dieses Licht genährt worden durch die Zeugen der Wahrheit, die in eurem Land dieses Licht gehütet und weitergereicht haben.

Unter diesen Glaubenszeugen ragt durch seinen großen Bekennermut euer unvergeßlicher Bischof und Kardinal Clemens August Graf von Galen hervor - der ”Löwe von Münster“, wie ihn der Volksmund voller Bewunderung und Anerkennung nennt. Ich bin heute nach Münster gekommen, um sein Grab zu besuchen und dort zu beten.

2. Bischof von Galen stand in seinem mutigen Glaubenszeugnis damals jedoch nicht allein. Glauben geschieht ja in der Gemeinschaft der auf den dreifaltigen Gott getauften Mitchristen. Glauben geschieht in der Gemeinschaft der Zeugen der Wahrheit. Zu allen Zeiten habt ihr solche hier im Bistum Münster gehabt: Zeugen der Wahrheit, die wie Leuchtfeuer sind in dunkler Nacht und über allen Regionen eures Bistums aufstrahlen.

In Xanten am Niederrhein liegen sie in der alten Krypta unter dem Sankt-Viktors-Dom: Märtyrer aus der Zeit des Anfangs, die ihr Leben als Preis für ihren Glauben hingaben. Da liegen die Gebeine des Priesters Gerhard Storm und des Studenten Heinz Bello, die mit unerschütterlicher Treue am Credo der Kirche festhielten, gegen die Herrschenden und die Machthaber der damaligen Zeit. Dort liegt Karl Leisner begraben, der im Konzentrationslager Dachau zum Priester geweiht wurde, ein Mann, dessen junges Leben die Begeisterung für seinen Glauben ausstrahlt. Sein Lebensmotto hieß: ”Christus, du bist meine Leidenschaft!“; sein Gebet lautete: ”Christus, sei du mir Führer zum Licht!“.

Im Oldenburger Land finden wir die Grabstätte von Dominikanerpater Titus Hirten, dessen Leben die Güte und Menschenliebe Gottes in beispielhafter Weise widerspiegelte. Und hier in Münster habt ihr die Werkstätten und das Grab der Clemensschwester Maria Euthymia, zu den Scharen von Hilfesuchenden pilgern. An den scheinbar verborgenen Orten ihres aufopfernden Dienstes hat diese einfache Ordensfrau stellvertretend für viele gezeigt: Ein Leben aus dem Glauben und aus dem Evangelium hat weltverändernde Kraft. Aus der Kraft ihrer Christusnachfolge entstand in ihrer Nähe Heimat und Geborgenheit für kriegsgefangene Menschen, die ihr anvertraut waren. Liebe besiegte den Haß.

Noch viele andere Namen könnten genannt werden. Ich erinnere jedoch nur noch an Schwester Anna Katharina Emmerich, die uns mit ihrer besonderen mystischen Berufung den Wert des Opfers und Mitleidens mit dem gekreuzigten Herrn zeigt: und an Schwester Edith Stein, die ich heute morgen in Köln im Namen der Kirche seliggesprochen habe. Hier in Münster hat sie die Stunde ihrer Berufung erlebt. Von hieraus führte ihr Weg in den Karmel, von dort schließlich in den gewaltsamen Tod als Glaubenszeugin und so in die ewige Seligkeit Gottes.

3. Ihr Christen im Bistum Münster, ihr jungen Menschen, die ich hier besonders ansprechen möchte: Schaut auf diese ”Wolke von Zeugen“ (Hebr. 12, 1), wie die Heilige Schrift sagt. Hier sind sie - die Vorbilder! Hier wird kraftvoll und anschaulich gesagt, wie das geht: glauben. Hier wird deutlich, daß die Welt nur verändert wird durch ein Leben aus der Bindung an Gott und sein befreiendes Wort. So siegt die Liebe über die Bosheit; so überwindet Versöhnung den Haß; so erhebt sich die Großmut des Glaubens über die Enge und Selbstbezogenheit des Menschen.

Und ich frage euch Jugendliche: Sollten unter euch nicht auch solche sein, die bereit sind, die ”Alternative“ eines radikalen Lebens aus dem Glauben zu wählen? Als Schwester oder Bruder, als Priester im Ordensstand oder im Dienst des Bischofs dem Ruf des Herrn zu folgen? In der äußersten Entschlossenheit der Hingabe auf dem Weg der evangelischen Räte von Armut, Keuschheit und Gehorsam? Als Priester oder Diakone das ganze Leben dafür einsetzen, damit das Evangelium verkündet wird und die Sakramente gespendet werden, damit Christus lebt in eurem Land - heute und auch morgen?

Ich bin fest davon überzeugt: Auch unter euch gibt es zahlreiche Jungen und Mädchen, Männer und Frauen, die berufen sind zum Ordensleben und zum Priestertum. Gott selber ist es, der euch ruft. Faßt euch ein Herz, seid mutig! Wagt den Sprung über die Hürden eurer Einwände und Bedenken: Gott, der euch ruft, ist auch getreu. Fangt mit seiner Gnade an; er wird den ehrlichen Beginn zu` einem guten Ende bringen.

4. Liebe Brüder und Schwestern! Bischof von Galen hat gegen einen weltlichen Totalitätsanspruch deutlich und mutig die elementaren Wahrheiten christlicher Ethik: die zehn Gebote verkündet. Das ”Du sollst nicht . . .!“ des göttlichen Gebotes war seine Antwort auf die Herausforderung durch einen Diktator, der in seiner menschenverachtenden Machtausübung die Würde und die Grundrechte des Menschen sowie die unabdingbaren Normen eines menschenwürdigen Zusammenlebens auf das schwerste verletzte.

Als Bischof Clemens-August im Jahre 1941 in den bekannten drei großen Predigten seine Stimme erhob, hat er in einer Zeit der Lüge Zeugnis abgelegt für die Wahrheit. Gegen die Lehre von einer schrankenlosen Selbstbestimmung des Menschen, von einer Freiheit, die keine Grenzen mehr anerkennen will, hat er damals gesagt: Der Mensch ist von Gott geschaffen, von Gott geliebt, von ihm getragen. Diese Herkunft ist der Adel des Menschen und zugleich seine Aufgabe: Er wird wahrhaft Mensch, wenn er sich frei und treu an Gott bindet und sein Leben auf ihn als höchstes Gute ausrichtet. Wählt der Mensch für sein Leben aber ein geschaffenes Ziel und gibt sich ihm ausschließlich hin, so wird er zum Sklaven: Er verliert seine eigentliche Würde; Verwirrung, Chaos und Tod sind die tragischen Folgen.

Prophetisch sind die Worte, die Bischof von Galen als Kämpfer für die Menschenrechte ausgerufen hat, als die Nationalsozialisten anfingen. Geisteskranke als sogenannte unproduktive Volksgenossen zu verschleppen und zu töten. Er sagte damals: Eine Lehre macht sich breit, ”die behauptet, man dürfe sogenanntes “lebensunwertes” Leben vernichten, also unschuldige Menschen töten, wenn man meint, ihr Leben sei für Volk und Staat nichts mehr wert. Eine furchtbare Lehre, die Ermordung Unschuldiger rechtfertigen will, die die gewaltsame Tötung der nicht mehr arbeitsfähigen Invaliden, Krüppel, unheilbar Kranken, Altersschwachen grundsätzlich freigibt . . . Hier handelt es sich aber um Menschen, unsere Mitmenschen, unsere Brüder und Schwestern . . . Hast du, habe ich nur solange das Recht zu leben, solange wir produktiv sind? Solange wir von anderen als produktiv anerkannt werden? . . . Du sollst nicht töten! Dieses Gebot Gottes, des einzigen Herrn, der das Recht hat, über Leben und Tod zu befinden, war von Anfang an in die Herzen der Menschen geschrieben . . . Gott hat dieses Gebot gegeben, unser Schöpfer und einstiger Richter!“ (Clemens-August von Galen, Predigt am 3. August 1941).

5. Diese Worte sollten keineswegs in Geschichtsbüchern und Archiven begraben bleiben; sie sind hochaktuell, auch in demokratischen Staaten, in denen gilt, daß das Volk selbst, also die Menschen gemeinsam ihr Zusammenleben in Würde und Freiheit gestalten sollten. Wieder gibt es heute in der Gesellschaft starke Kräfte, die das menschliche Leben bedrohen. Euthanasie, Gnadentod aus angeblichem Mitleid, ist erneut ein erschreckend häufig wiederkehrendes Wort und findet ihre neuen irregeleiteten Verteidiger. Auch kann die Kirche zur fast völligen Freigabe der Abtreibung in eurem Land und in zahlreichen anderen Ländern nicht schweigen. Gewiß wird sie durch ihre Seelsorger und verantwortlichen Laien jeder einzelnen schwangeren Frau, die sich in Schwierigkeiten fühlt, mit aufrichtiger Anteilnahme und Güte begegnen und ihrer Lage, soweit wie möglich, Verständnis und konkrete Hilfsbereitschaft entgegenbringen. Der Gesellschaft gegenüber darf die Kirche aber nicht schweigen; auch dann nicht, wenn schon eine ehrliche Erörterung der gegenwärtigen Abtreibungssituation als lästiges Rühren an ein Tabu abgelehnt wird. Von Politikern und Gestaltern der öffentlichen Meinung, die sich noch ethischen Grundsätzen oder sogar dem christlichen Glauben verpflichtet fühlen, erwartet die Kirche eine Hilfe, damit die wissenschaftlichen Ergebnisse von Embryologie und Psychologie im Bereich der Schwangerschaft und Abtreibung mehr zur Kenntnis genommen werden und die praktischen Entscheidungen der Menschen immer wirksamer mitbestimmen. Die gesetzliche Indikationsregelung selbst und ihre konkrete Handhabung sollten von den Verantwortlichen einmal unvoreingenommen daraufhin überprüft werden, ob sie nicht - statt Leben zu schützen - im Gegenteil viele Menschen geradezu in dem irrigen Eindruck bestärken, hier gehe es um ein fast belangloses, in sich sogar erlaubtes Tun, zumal man ja nicht einmal die finanziellen Ausgaben dafür persönlich zu tragen braucht.

Die Kirche muß auch heute mit Nachdruck, Klarheit und Geduld eintreten für das Lebensrecht aller Menschen, vor allem der noch ungeborenen und deshalb besonders schutzbedürftigen Kinder; sie muß eintreten für die uneingeschränkte Geltung des 5. Gebotes: Du sollst nicht töten. Entgegen aller Wortkosmetik und Reflexionsverweigerung ahnen doch wohl die allermeisten: Abtreibung ist bewußte Tötung von unschuldigen Menschenleben. Es ist ermutigend, daß bereits eine neue Nachdenklichkeit bei vielen Menschen einsetzt, weil sie immer stärker die Inkonsequenzen im heutigen moralischen Werten und Urteilen bemerken. Keine Friedensbewegung verdient doch diesen Namen, wenn sie nicht mit gleicher Kraft den Krieg gegen das ungeborene Leben anprangert und dagegen anzugehen versucht. Keine ökologische Bewegung kann ernstgenommen werden, wenn sie an der Mißhandlung und Vernichtung ungezählter lebensfähiger Kinder im Mutterschoß vorbeisieht. Keine emanzipierte Frau dürfte sich über ihre vermehrte Selbstbestimmung freuen, wenn diese erreicht worden wäre gegen ein menschliches Leben, das ihrem Schutz anvertraut war und auch bereits ein Recht auf Selbstbestimmung besaß. Nehmen wir doch endlich auch den Menschen selbst auf unter die Güter, die unseren höchsten Schutz verdienen und für die es sich lohnt, um breite Zustimmung unter der Bevölkerung zu werben! So müßte es gerade für Arzte und Sozialarbeiter, für Parlamentarier, Journalisten und Lehrer eine besondere Gewissenspflicht sein, für den Rechtsschutz des Lebens auch öffentlich einzutreten.

6. Gottes Sohn ist Mensch geworden; Christus will unser Bruder sein. Darum darf kein Mensch vom anderen gering denken, ihn mißhandeln oder sogar töten. Das Recht auf Leben ist das fundamentalste und heiligste aller Menschenrechte.

In der Osterzeit, in der wir stehen, erfahren wir in besonderer Weise: Unser Gott ist ein Gott des Lebens, der Gott, der Jesus von den Toten auferweckt hat. Gott Endet sich mit dem Tod nicht ab, und auch wir dürfen es nicht. Mit der Auferstehung Christi hat Gott eine neue Initiative für das Leben begonnen. Diese Initiative Gottes sollen wir mittragen. Sache der Christen ist es, mit Gottes Geist Partei zu ergreifen für Leben und Frieden, für Wahrheit und Gerechtigkeit.

Letztlich lebt unsere Welt von der Güte und Barmherzigkeit, die Gott uns schenkt und mit der die einzelnen Menschen einander begegnen. Warten wir nicht alle darauf, daß jemand gut zu uns ist, uns anerkennt, uns ermutigt oder tröstet, uns hilft, wo wir Unterstützung brauchen? Wo die Güte des Herzens das Leben prägt, ist Platz auch für den schwachen, den alten, den verletzten Menschen; dort ist auch Platz und Zukunft für den noch ungeborenen Menschen im Mutterleib. Die Erfahrung der Barmherzigkeit weckt in uns die Hoffnung, schließlich einmal einer letzten, unüberbietbaren Güte zu begegnen: der unendlichen und ewigen Menschenfreundlichkeit Gottes.

Gott ist der Erste; er ist auch der Letzte und Ewige. Von ihm kommt alles Leben; auf ihn geht unser Leben zu. Von Gott her - zu Gott hin: das ist der Weg des Menschen.

Wähle das Leben! Wähle das ganze Leben! Wähle damit auch dein ewiges Leben!

7. Liebe Brüder und Schwestern! Es gibt Lieder von bleibender Dauer und Schönheit. Es gibt Lieder, die nie verklingen. Unser Lied, das alles Toben der Weltgeschichte übertönen wird, ist das Credo, das Lied unseres Glaubens. In ihm bekennen wir unseren Glauben an den Vater, der uns zum Leben ruft, an unseren Bruder und Erlöser Jesus Christus, an den Heiligen Geist, der immer wieder neu Leben schafft. Dieses Lied unseres Glaubens laßt uns nun gemeinsam singen. Amen.

Predigt bei der Vesper auf dem Domplatz in Münster

Liebe Brüder und Schwestern!

1. Unser gemeinsamer Vespergottesdienst findet nun seine Fortsetzung vor eurer herrlichen Bischofskirche. Dieser ehrwürdige Paulusdom, vor dem wir hier als Gemeinde Christi versammelt sind, ist schon kostbar in seiner kunstvoll gestalteten Architektur mit ihren wuchtigen Türmen und Bögen. Wer ein solches Gebäude zur Ehre Gottes und als geistige Heimat der Menschen zu errichten vermochte, lebte aus tiefen Überzeugungen und muß auch selbst ein starker, selbstbewußter und zugleich frommer Mensch gewesen sein. Dieses Gotteshaus ist ein würdiges Symbol des katholischen Glaubens, wie er im Münsterland seit mehr als tausend Jahren von dieser Mitte aus verkündet worden ist. Viele eurer Bischöfe und Priester haben hier ihre letzte Ruhestätte gefunden, nachdem sie für ihre jeweilige Zeit die Frohe Botschaft von Jesus Christus, unserem Herrn und Erlöser, in Wort und Tat den Menschen verkündet und vorgelebt hatten. Einer der bekanntesten unter ihnen, dessen Grab ich sogleich in Verehrung besuchen werde, ist euer unvergessener Bischof und Kardinal Clemens-August von Galen.

Als wir soeben die Lesung aus dem 2. Brief des Apostels Paulus an seinen Schüler Timotheus hörten, war es mir, als spreche Bischof Clemens-August noch einmal zu uns: Ich beschwöre euch bei Gott und bei Christus Jesus: Verkündet das Wort; tretet dafür ein, ob man es hören will oder nicht! Kämpft den guten Kampf! Haltet die Treue! (2 Tim. 4, 1-7)

Kardinal von Galen hat selbst unerschrocken das Wort Gottes verkündet. Zugleich aber hat er auch gelebt, was er verkündete. Sein Leben war ein Zeugnis für das Evangelium Jesu Christi. Die ihm von Gott geschenkte Zeit seines Lebens hat er eingesetzt im Dienst für seinen Herrn und Meister und für die ihm anvertrauten Gläubigen. Als 70. Nachfolger des Gründerbischofs, des heiligen Ludgerus, hat er hier in Münster den Hirtenstab ergriffen und seine Diözese mutig geführt, als es dunkel wurde in Deutschland, als Menschen in gottlosem Hochmut sich selber zur letzten Instanz für das Menschenleben machten, worauf Blut, Tod und Untergang folgten.

2. Bischof Clemens-August war ein Mann des Glaubens. Er stand unerschütterlich fest im Glauben der heiligen Kirche. Wie die Eichen eurer Heimat feststehen im Sturm und tief verwurzelt sind in der Erde, so stand euer Oberhirte in den Stürmen der Zeit.

Der Glaube: Das ist nicht die jeweils neueste Nachricht, die heute Schlagzeilen macht und morgen schon vergessen ist. Der Glaube ist nicht eine Lehre, die man sich selber zurechtlegt nach eigenem Gutdünken und nach den jeweiligen Bedürfnissen. Er ist nicht unsere Erfindung, unsere Leistung. Der Glaube ist ein großes Geschenk Gottes an die Kirche durch Jesus Christus. Paulus sagt im Römerbrief: ”So gründet der Glaube in der Botschaft, die Botschaft im Wort Christi“ (Röm. 10, 17). Der Glaubende steht auf dem Boden Jesu Christi, der in seiner Kirche weiterlebt durch die Jahrhunderte bis zum Ende der Welt.

”Ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch dann überliefert habe“, bekräftigt derselbe Apostel (1 Kor. 11, 23) - ”Was sie von den Vätern empfangen haben, das haben sie den Söhnen überliefert“, sagt später Augustinus. ”So habe ich es im Elternhaus gelernt, so will ich es halten bis zum letzten Atemzug“, schreibt schließlich Bischof von Galen in seinem ersten Hirtenbrief an die Diözese und fährt fort: ”Und das bekenne ich heute vor euch, daß . . . der Gehorsam gegen den Papst, die vertrauensvolle Hingabe an die Leitung der heiligen Kirche und an die Weisungen des Heiligen Stuhls mir Leitstern und Richtschnur sein sollen für mein persönliches Leben und für mein Wirken für euch“. Der Glaube lebt aus der Tradition der Kirche. Dort allein können wir die Wahrheit Jesu Christi mit Gewißheit finden. Nur ein lebendiger Zweig am Baum der kirchlichen Gemeinschaft bleibt in Verbindung mit ihren kraftspendenden Wurzeln.

3. Haltet fest am Glauben der Kirche, so rufe ich euch heute zu. Eure Mütter und Väter haben es getan. Haltet auch ihr fest am Glauben und vermittelt ihn weiter an eure Kinder. Das ist der Grund meiner Pastoralreise zu euch: ”Ich erinnere euch, Brüder und Schwestern, an das Evangelium. Ihr habt es angenommen; es ist der Grund, auf dem ihr steht“ (1 Kor. 15, 1).

Ohne einen starken Glauben seid ihr ohne Halt, umhergetrieben von den wechselnden Lehren der Zeit. Ja, auch heute gibt es Bereiche, wo man die gesunde Lehre nicht mehr erträgt, wo man sich nach eigenen Wünschen immer neue Lehrer sucht, die den Ohren schmeicheln, wie Paulus es vorhergesagt hat. Laßt euch nicht täuschen. Fallt nicht herein auf die Propheten des Egoismus, der falsch verstandenen Selbstverwirklichung, der irdischen Heilslehren, die diese Welt ohne Gott gestalten wollen.

Es bedarf der Bereitschaft zur Hingabe, zum Sichverschenken, es bedarf auch der Bereitschaft zum Opfer und zum Verzicht, es bedarf eines großmütigen Herzens, um sagen zu können: Credo - Ich glaube. Wer aber diesen Mut hat, vor dem verschwinden die Dunkelheiten. Wer glaubt, hat den Leuchtturm gefunden, der ihm eine sichere Fahrt ermöglicht. Wer glaubt, kennt die Richtung, ist orientiert. Wer glaubt, hat den Sinn gefunden, und kein Unsinn falscher Lehrer kann ihn mehr in die Irre führen. Wer glaubt, hat einen Standpunkt und versteht, das Leben menschenwürdig und gottgefällig zu leben. Wer glaubt, kann sein Leben auch bewußt beschließen und ja sagen, wenn Gott ihn in der letzten Stunde ruft.

4. Aber diesen Schatz, unseren Glauben, tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen (2 Kor. 4, 7); unser Glaube ist oft nur schwach und klein. Der erste in der Reihe der Päpste, der heilige Petrus, hat das bereits schmerzlich erfahren müssen (Mk. 9, 24). Hochherzig und voll Begeisterung stieg er aus dem Schiff auf die Wasser des Sees. Denn der Herr hatte ihn gerufen: Komm! Und der Glaube trug den Petrus über die Wellen und Tiefen. Das ist ein Bild für unseren Glauben. Auch vor uns steht der Herr. Er blickt uns an und spricht zu jedem einzelnen dieses ”Komm“. Gegenüber dieser ermutigenden Einladung bleibt der Glaubende nicht sitzen oder liegen: Er steht auf, macht sich auf den Weg, über alle Hindernisse hinweg, hin zum Herrn.

Aber dann kommen Angst und Zweifel, damals für Petrus- und auch heute oft für uns. Da beginnt Petrus zu sinken und unterzugehen. Wenn der Glaube schwach wird, trägt er nicht mehr. Und was hat in dieser Situation Petrus, der erste Papst, damals getan? Mit aller Kraft und aus ganzem Herzen hat er zum Herrn gerufen: ”Herr, rette mich!“. Und der Herr streckt seine Hand aus: ”Du Kleingläubiger, was hast du gezweifelt?“ - Eine echte Glaubenskrise! Doch der Herr verläßt den nicht, der von ihm Hilfe erbittet.

Herr, ich glaube - Credo. Aber nicht selten ist es ehrlich, hinzuzufügen: ”Hilf meinem Unglauben!“. Diesen Rat möchte ich euch geben: Wenn Unglaube und Zweifel sich regen, hört nicht auf zu beten: Herr, ich glaube; und fügt ruhig hinzu: Hilf meinem Unglauben! Der Herr wird euch nicht im Stich lassen, euch nicht allein lassen in den Stürmen eures persönlichen Lebens und des Weltgeschehens.

5. Brüder und Schwestern! Wenn ich heute zu euch von Kardinal von Galen spreche, denke ich zugleich auch an die Gläubigen, für die er als Bischof bestellt war. Ich gedenke der unzähligen Frauen und Männer, der Jungen und Alten, die in Oldenburg, im Münsterland, am Niederrhein aufstanden in großer Einmütigkeit, die zusammen mit ihrem Bischof ein Bekenntnis ablegten für den Glauben - und für das Kreuz. Ebenso denke ich an die zahlreichen engagierten evangelischen Christen in der Bekennenden Kirche. Weil sich das gläubige Volk in Begeisterung und Liebe eng um seinen Bischof scharte, konnten es sich die Herrscher der damaligen Zeit nicht leisten, die Stimme des mutigen Oberhirten aus Münster zu überhören oder gar gewaltsam zum Schweigen zu bringen. Die Treue der Gläubigen war der Rückhalt des Bischofs. Wo der Bischof war, dort standen auch die Katholiken: mit ihm, hinter ihm und vor ihm, immer vereint im gemeinsamen Glauben. Ohne solche Treue seiner Gläubigen ist der Bischof schwach; er ist stark, wenn Herde und Hirt entschlossen zusammenstehen.

Auch heute liegt hier eure Verantwortung; werdet euch dessen wieder stärker bewußt! Sich heute zur Kirche Jesu Christi zu bekennen, ist nicht die bequemste Weise zu leben, das ist wohl wahr. Es mag billiger sein, sich anzupassen, unterzutauchen. Den Glauben zu bekennen und zu leben, heißt heute, gegen den Strom zu schwimmen. Das erfordert Kraft und Mut.

Die Kirche braucht heute mehr denn je auch das öffentliche Bekenntnis der Gläubigen. Nicht der Bischof allein, nicht nur die Priester und Diakone, nicht allein die hauptamtlichen Laien im Dienst der Kirche werden es schaffen. Nur mit euch allen zusammen, den Jungen und Alten, den Frauen und Männern kann die Botschaft Christi in seiner Kirche und in der Welt lebendig und anziehend bleiben! Helft dazu mit durch euer Bekenntnis, durch euren Einsatz, damit der Glaube in eurer Heimat weiterlebt, damit auch das dritte Jahrtausend eine christliche Epoche wird: für das Bistum Münster, für Deutschland, für Europa. Bildet darum eine Einheit mit eurem Bischof, mit dem Papst, mit der Kirche Christi in aller Welt!

6. Als der irdische Lebensweg eures Bischofs Clemens-August kurz nach seiner Kardinalserhebung zu seinem gottgewollten Ende kam, hat er diese letzten Worte gesprochen: ”Wie Gott es will. Gott lohne es euch. Er schütze das liebe Vaterland. Für ihn (Christus) weiterarbeiten“. Es ist, als wenn der sterbende Kardinal in diesem wenigen Worten die Grundhaltung seines Lebens noch einmal zusammenfassen wollte: eine tiefe Geborgenheit in der barmherzigen Vorsehung Gottes, eine selbstlose Dankbarkeit gegenüber allen, die ihm zur Seite standen, eine väterliche Sorge um das deutsche Volk und Vaterland, das er so liebte, sein mutiger Einsatz für das Reich Gottes, für seine Sendung als Christ und Bischof.

Für Christus weiterarbeiten: Das ist sein Testament, das ist sein Auftrag für alle, denen das Wohl dieses Landes und seiner Menschen, das irdische und ewige Glück der Jungen und Alten, der Gesunden und Kranken am Herzen liegt. Das ist seine Sendung für alle, die einen Weg suchen, um einen eigenen Beitrag zur geistigen und religiösen Lebendigkeit eures Volkes zu leisten. Für Christus weiterarbeiten, damit die Erde wohnlich und menschenwürdig bleibe, damit Gottes Reich immer mehr komme in Wahrheit und Gerechtigkeit.

7. Brüder und Schwestern! Heute beginnt der Maimonat. Er ist nach guter katholischer Tradition in besonderer Weise der Gottesmutter Maria gewidmet. Im Schmuck der Blumen und Kerzen sehen wir vor uns ihr Bild als Mutter der Glaubenden, als Beschützerin der Völker, als Königin des Friedens. ”Hilf, Maria, es ist Zeit - hilf, Mutter der Barmherzigkeit!“. So beten wir voll Vertrauen zu Maria, die Jesus am Kreuz uns allen zur Mutter gegeben hat. ”Hilf, Mutter der Barmherzigkeit“ -` Wie oft mögen eure Bischöfe, Priester und Mitchristen in stürmischen Zeiten der Vergangenheit so gerufen haben vor dem Bild der Schmerzhaften Mutter in Telgte, dem geistlichen Zufluchtsort vor den Toren dieser Stadt!

In kindlicher Liebe wollen auch wir uns der Mutter des Herrn anvertrauen. Wer sich an die Hand Maria begibt, wer sich von ihr führen läßt, der ist gut geleitet; der findet den Weg des Glaubens, den Maria so beispielhaft vorangegangen ist; der ist offen für die Botschaft Christi, ihres Sohnes und unseres Bruders; der ist niemals allein, auch nicht in Leiden und Tod. Zuversichtlich und entschlossen kann er seine irdischen Aufgaben erfüllen und voranschreiten auf dem Weg in die Zukunft: Für ihn und für alle Christen ist dies stets eine Zukunft in Gott Ihm sei Dank und Ehre. Amen.

Grussworte an die Alten und Kranken im Dom zu Münster

Liebe Brüder und Schwestern!

Euch allen gilt bei diesem kurzen Besuch in eurem herrlichen Dom mein brüderlicher Gruß. Euch, die ihr krank seid, die ihr unter Gebrechen an Leib oder Seele leidet. Und auch euch, die ihr die Würde und Bürde des Alters tragt.

Eigentlich möchte ich nun schweigen. Ich möchte nur eines tun: Eure Hand still in meine Hand nehmen, um euch zu zeigen: Ich bin bei euch. Ich trage mit euch eure Leiden und Sorgen. So möchte ich euch trösten und ermutigen.

Aber ich darf auch zu euch sprechen. Wir sind ja zutiefst verbunden in unserem gemeinsamen Glauben an Jesus Christus, der selber gelitten hat und von den Toten auferstanden ist. Christus ging durch Leiden und Tod zur Auferstehung.

Mit großer Bewegung habe ich den Satz gelesen, den ihr eurem verstorbenen Bischof Clemens-August Kardinal von Galen auf die Grabplatte geschrieben habt: ”Hic exspectat resurrectionem mortuorum Augustinus Clemens Cardinalis de Galen“. Hier wartet euer Kardinal auf die Auferstehung der Toten.

In dieser christlichen Hoffnung gehören wir alle zusammen. Wir, die wir noch leben. Diejenigen, die krank sind und leiden. Jene, die alt sind und wissen, daß die Stunde des Abschieds näher rückt. Und auch die Toten in den Gräbern, die in dieser Hoffnung gestorben sind.

Wir alle sind Menschen, die auf die Auferstehung warten. In dieser gläubigen Zuversicht können wir leben, können wir sogar schweres Leid geduldig ertragen und auch vertrauensvoll sterben. Denn wir haben die Gewißheit: ”In te Domine speravi, non confundar in aeternum“ - wie der Domchor soeben gesungen hat. ”Auf dich, o Herr, habe ich gehofft. Ich werde nicht zuschanden werden in Ewigkeit“.

Liebe kranke und betagte Brüder und Schwestern!

Seid euch stets bewußt, daß die Kirche euch in einer besonderen Weise braucht. Auch der Papst braucht euch. Wir alle brauchen euer Gebet und den Rat eures abgeklärten Alters; wir brauchen das Opfer eurer Krankheiten und Gebrechen für die Kirche und die Welt. Dadurch könnt ihr oft mehr für die Erneuerung der Kirche und den Frieden in der Welt tun als viele andere, die gesund und arbeitsfähig sind. Helft dem Papst, helft eurem Bischof und den Priestern, helft der Kirche und der Welt durch euer treues Gebet und die gläubige Annahme eurer persönlichen Prüfungen und Beschwerden.

Ebenso beten auch wir für euch und helfen euch so, euer Los mit Geduld und Zuversicht zu tragen. Am heutigen ersten Tag des Marienmonats Mai empfehle ich euch ganz besonders der liebenden Sorge und Fürsprache der Gottesmutter. Zugleich erteile ich euch, euren Angehörigen und allen, die euch in brüderlicher Solidarität hilfsbereit zur Seite stehen, von Herzen meinen besonderen Apostolischen Segen.

Samstag, den 2. Mai 1987

Weiheakt zum Schutz Deutschlands durch die Jungfrau von Kevelaer in der Basilika in Kevelaer

Sei gegrüßt, Jungfrau Maria, Mutter unseres Erlösers, Mutter der Kirche und unsere Mutter!

Als Pilger zu diesem Gnadenort Kevelaer reihe ich mich ein in die Schar der ungezählten Gläubigen, die hier vor deinem Bild dein Lob gesungen haben. So erfüllt sich auch durch uns das Wort der Schrift: ”Von nun an werden mich seligpreisen alle Geschlechter“.

Mit dir preisen wir unseren Herrn und Gott, der auf die Niedrigkeit der Menschen schaut und Großes für uns getan hat durch den Tod und die Auferstehung seines Sohnes.

Mit allen Pilgern, die sich mit meinem Gebet vereinen, rufe ich dich an als unsere Hoffnung und Quelle des Trostes. Maria, Trösterin der Betrübten, bitte für uns. Deiner mütterlichen Liebe und Fürsprache empfehle ich heute alle, die sich voll Zuversicht an dich wenden. Zu dir kommen die Gesunden und Glücklichen; erhalte in ihnen Freude und Dankbarkeit und mache sie empfänglich und hilfsbereit für die Not ihrer Mitmenschen nah und fern.

Zu dir kommen die Kranken; sie beten um Gesundheit der Seele und des Leibes. Hilf ihnen, ihr Leid tragen; lindere ihre Schmerzen und erbitte ihnen darin Trost und Heil.

Zu dir gehen die Blicke der Einsamen und Verlassenen, vor dir weinen die Trauernden. Laß sie erfahren, daß du unter dem Kreuz unsere Mutter geworden bist und vor allem denen mütterlich nahe bist, die deiner Hilfe besonders bedürfen.

Vor dir stehen die jungen Menschen, die in das Leben hineingehen. Leuchte ihnen als heller Stern in den Dunkelheiten der Pilgerschaft, daß sie nicht abirren vom Weg des Glaubens.

Vor dir stehen die: Menschen in der Mitte des Lebens; laß sie nicht mutlos werden, stärke sie in ihren täglichen Aufgaben und führe sie immer tiefer in die Nachfolge deines Sohnes.

Vor dir stehen die Alten, die wissen, daß sich ihr Weg durch dieses Erdental dem Ende zuneigt. Mit ihnen beten wir: Heilige Maria, zeige uns nach diesem Elende Jesus, die gebenedeite Frucht deines Leibes. O gütige, o milde, o süße Jungfrau Maria.

Deinem mütterlichen Schutz empfehle ich zugleich die ganze Kirche in diesem Land: die Bischöfe, Priester und Ordensleute, die Allenstehenden, die Familien und die Pfarrgemeinden. Mögen alle Christen wachsen in Glaube, Hoffnung und Liebe. Mache sie zu glaubwürdigen Zeugen deines Sohnes, seiner befreienden Wahrheit und erlösenden Liebe, in der allen Menschen guten Willens ewiges Heil verheißen ist.

Mutter des ewigen Wortes, lehre uns, Christus entgegenzugehen, unserem wiederkommenden Herrn und Retter, in dessen seliger Gemeinschaft zu lebst und für uns eintrittst jetzt und alle Tage und in Ewigkeit. Amen.

Predigt in der Lobpreisfeier im «Hülsparkstadion» in Kevelaer

Sancta Maria, consolatrix afflictorum, ora pro nobis.

Heilige Maria, Trösterin der Betrübten, Mutter Gottes von Kevelaer, bitte für uns. Bitte für uns alle, die wir hier zum Morgengebet der Kirche, den Laudes, zum Gotteslob und zu deinem Lobpreis versammelt sind. Bitte für alle, die sich mit uns heute morgen durch Fernsehen und Rundfunk zu einer großen Gebetsgemeinschaft verbinden.

Liebe Brüder und Schwestern!

1. In großer Freude bin ich heute zu euch nach Kevelaer gekommen. Mein erster Weg in diesem Wallfahrtsort führte mich zum Gnadenbild der Trösterin der Betrübten. Vor diesem Bild habe ich gebetet und euch alle und auch mich dem besonderen Schutz der Gottesmutter anempfohlen.

Ich komme als Pilger und Beter in der Reihe der ungezählten Menschen, die seit dem Jahre 1642 zur Gottesmutter in Kevelaer wallfahren. Heute eröffne ich selbst die diesjährige Wallfahrtszeit. Nun werden sie wieder nach Kevelaer ziehen: die großen Prozessionen, die kleinen Gruppen und Familien, die vielen Einzelpilger, Menschen aus allen Ständen und Schichten. Sie alle folgen den Spuren der Pilger durch die Jahrhunderte. Eine Prozession des Glaubens, die nicht abreißt. Unübersehbare Scharen von Menschen, die den Lobpreis Marias singen. Das Lied des Glaubens klingt über die Zeiten, über die Länder und die ganze Welt. Es klingt in dieser irdischen Zeit und findet seinen Widerhall in Gottes Ewigkeit.

Die wirklichen Zentren der Welt- und Heilsgeschichte sind nicht die betriebsamen Hauptstädte von Politik und Wirtschaft, von Geld und irdischer Macht. Die wahren Mittelpunkte der Geschichte sind die stillen Gebetsorte der Menschen. Hier vollziehen sich in besonders dichter Weise die Begegnung der irdischen Welt mit der überirdischen Welt, der pilgernden Kirche auf Erden mit der ewigen und siegreichen Kirche des Himmels. Hier geschieht Größeres und für Leben und Sterben Entscheidenderes als in den großen Hauptstädten, wo man meint, am Puls der Zeit zu sitzen und am Rad der Weltgeschichte zu drehen.

2. Bei dem Gnadenbild der Gottesmutter in Kevelaer versammelt, schauen wir heute auf Maria, die den König des Himmels und der Erde auf ihrem Arm trägt. Diese Begegnung mit Maria und Ihrem Sohn ist für uns ein neuer Anruf, eine Aufforderung zu Besinnung und geistlichem Aufbruch. Hier ist der Ort, wo uns die Botschaft des Evangeliums neu zugerufen wird: ”Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Mk. 1, 15)

Kehrt um! Hört die Botschaft! Welches ist wohl das Wort, das die Menschen heute am meisten auf ihren Lippen führen? Welches Wort bestimmt am stärksten das Denken und Tun der Menschen? Es ist das kleine Wörtchen: ICH! Was habe ich davon? Was nützt mir das? Was geht das mich an? So fragen wir. Die Ich-Bezogenheit des Menschen beherrscht das private und öffentliche Leben. Ist nicht ”Selbstverwirklichung“ ein besonders oft wiederkehrendes und sehr beliebtes Wort unserer Tage? Ich möchte vor allem zu mir kommen, mich selbst entfalten.

Im Evangelium Christi steht jedoch der Satz: ”Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten“ (Mk. 8, 34). Wie kann der ich-verhaftete Mensch diese Botschaft Christi überhaupt verstehen und sie befolgen? Er ist unfähig, sich selbst loszulassen und zu verzichten. Er hat keine Zeit für den Nächsten und für Gott, kein Brot für den Hungernden, keinen Platz für den Heimatlosen und Asylsuchenden. Er hat keine Liebe. ”Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ Öffnen wir uns wieder neu dieser Botschaft!

3. Hier am Gnadenort der Mutter des Herrn hören wir das Wort, das Maria bei der Verkündigung des Engels gesprochen hat: ”Fiat. Mir geschehe, wie du es gesagt hast“. Marias Geschichte beginnt damit, daß sie DU sagt. Schon damals in Nazaret hat sie jene Satz gesprochen, den uns dann der Herr selber zu beten gelehrt hat: ”Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden“. Maria hat sich bei der Botschaft des Engels nicht in sich verschlossen und verweigert. Sie hatte den Mut zur Hingabe; die Demut, Magd des Herrn zu werden. Und nur deshalb, weil Maria sich dem göttlichen DU geöffnet und seinen Ruf angenommen hat, wird ihr Schoß fruchtbar und darf sie Christus, den Sohn Gottes und Erlöser der Menschheit, gebären. Weil sie Ja zu Gott gesagt hat, wird sie die Mutter eines unendlich großen Volkes, Mutter der Kirche und auch unsere Mutter.

In unserer heutigen Begegnung bei ihrem Gnadenbild lädt uns Maria ein, sie nicht nur in unseren Gebeten anzurufen, sondern vor allem auch ihrem Wort und Beispiel zu folgen. Haben auch wir Mut, wie Maria DU zu sagen, unser Leben auf die Mitmenschen und auf Gott hin zu öffnen! Seid Menschen, die bereit sind, für andere da zu sein und in der Liebe zum Nächsten ihre Liebe zu Gott konkret zu leben (1 Joh. 4, 20). Unsere Öffnung zum göttlichen DU verlangt notwendig unsere liebende Hinwendung zu unseren Brüdern und Schwestern. Erst der hingebende Dienst am Nächsten macht uns fähig zum würdigen und wohlgefälligen Gottesdienst.

4. Als Magd des Herrn war Maria bereit zur selbstlosen Hingabe, zu Verzicht und Opfer, zur Christusnachfolge bis unter das Kreuz. Sie verlangt von uns die gleiche Haltung und Bereitschaft, wenn sie uns auf Christus verweist und auffordert: ”Was er euch sagt, das tut!“ (Joh. 2, 5). Maria will uns nicht an sich binden, sondern ruft uns in die Nachfolge ihres Sohnes. Um aber wahrhaft seine Jünger zu werden, müssen wir - wie Christus selbst uns lehrt - von uns wegschauen, uns aus unserer eigenen Selbstgefälligkeit befreien und wie Maria ganz auf Christus einlassen; müssen wir seiner Wahrheit folgen, die er selbst uns als einzigen Weg zum wahren, zum unvergänglichen Leben anbietet.

”Was er euch sagt, das tut!“. Eine solche konkrete Nachfolge Christi verlangt von uns die gläubige Annahme seines Wortes, die Bereitschaft zu Gehorsam und Hingabe, die bewußte Bindung unserer Freiheit an seine Wahrheit, an seine Gebote. Wir müssen nach dem Vorbild und in der Haltung Marias unser ganz persönliches Fiat sprechen: ”Mir geschehe, wie du es gesagt hast“. Oder wie Christus selbst beten: ”Nicht wie ich will, sondern wie du willst“ (Mt. 26, 39). Nur ein solches bereites Eingehen auf Christus und seine Botschaft kann uns zu unserer wahren Selbstverwirklichung führen. Wahre Selbstverwirklichung geschieht nur, wenn wir die in uns grundgelegte Gottesebenbildlichkeit voll zur Entfaltung bringen. Nehmt als sicheren Wegweiser zu diesem Ziel das Wort der Heiligen Schrift und die verbindliche Lehre der Kirche. Hier in Kevelaer empfehle ich euch auch noch besonderes das wertvolle Buch der ”Nachfolge Christi“ des Augustiner-Chorherrn Thomas von Kempen, das hier in eurer näheren Heimat vor mehreren Jahrhunderten verfaßt wurde. Es ist ein geistlicher Wegweiser von bleibendem Wert.

Erbitten wir also für den Weg unserer Christusnachfolge in einer besonderen Weise die Fürsprache und Hilfe der Gottesmutter. Sie zeigt und führt uns mit sicherer Hand den Weg zu Christus und mit ihm zum Vater. Ich empfehle euch heute neu ihrer mütterlichen Sorge. Zugleich ermutige ich euch zu einer innigen Verehrung der Gottesmutter; jetzt im Monat Mai, der ja ihr geweiht ist, und dann im bald beginnenden Marianischen Jahr.

Liebe Brüder und Schwestern!

5. Als wir unser heutiges Morgenlob der Kirche begonnen haben, habe ich euch zugerufen: Pax vobis! Der Friede sei mit euch! Damit habe ich ein Wort gesagt, das eine Grundsehnsucht aller Menschen ausdrückt: Friede; Friede im eigenen Herzen und Friede in der Welt. In der Lauretanischen Litanei bekennen wir Maria auch als ”Königin des Friedens“ und bitten sie um ihren Beistand.

Um der Welt den Frieden zu schenken, nach dem sich die Menschheit sehnt, braucht es mehr als die Konferenzen der Politiker, braucht es mehr als Verträge, als von Menschen versuchte Politik der Entspannung - so wichtig und notwendig auch diese sind. Die vom Unfrieden heimgesuchte Welt braucht vor allem den Frieden Christi. Und dieser ist mehr als bloßer politischer Friede. Der Friede Christi kann nur dort einziehen, wo Menschen bereit sind, sich von der Sünde zu lösen. Die tiefste Ursache aller Zwietracht in der Welt ist die Abkehr des Menschen von Gott. Wer mit Gott nicht in Frieden lebt, der kann nur schwerlich mit seinen Mitmenschen in Frieden leben.

Wie das Gebetstreffen in Assisi im vergangenen Jahr deutlich unterstrichen hat, kommt bei den vielfältigen Friedensbemühungen vor allem dem Gebet eine große Bedeutung zu. Unsere Hoffnung für die Zukunft der Menschheit gründet dort, wo Menschen im Gebet um den Frieden ringen. Hier verbindet sich unsere menschliche Ohnmacht mit der Allmacht Gottes. Hier kommt unserer menschlichen Erbärmlichkeit das Erbarmen Gottes zu Hilfe. Hier betet mit uns die Mutter des Herrn und bringt unser Gebet um Frieden vor ihren Sohn, der gekommen ist, wie die Schrift sagt, den Frieden zu verkünden den Fernen und den Nahen (Eph. 2, 17).

6. Als Maria den Erlöser der Welt in Betlehem gebar, da öffnete sich der Himmel. Die Botschaft der Engel verkündete einer im Dunkel liegenden Welt: ”Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und aus Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade“ (Lk. 2, 14). Die Botschaft des Friedens ist eng mit der Sendung Marias und der Heilsbotschaft ihres göttlichen Kindes verbunden. Die großen Botschaften der Gottesmutter an die Welt - wie zum Beispiel an die Kinder von Fatima - sprechen immer wieder vom Frieden und von der Notwendigkeit der Bekehrung der Menschen und Völker in Jesus Christus.

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Marienwallfahrtsorte Zentren, in denen sich die Angehörigen der durch den Krieg verfeindeten Völker zuerst wieder getroffen haben: zum gemeinsamen Gebet und zur gegenseitigen Versöhnung. In Lourdes wurde damals von Bischof Théas die Pax-Christi-Bewegung gegründet. In Deutschland ist sie hier in Kevelaer ins Leben gerufen worden. Die Pax-Christi-Kapelle am Wallfahrtsplatz erinnert in eindrucksvoller Symbolik daran.

7. Darum rufe ich euch heute an diesem Gnadenort der Mutter des Herrn zu einem verstärkten Einsatz für den Frieden auf. Der Friede ist vor allem eine moralische Verpflichtung und gründet in den Friedensbereitschaft aller Beteiligten. Als Jünger Christi sind wir in einer besonderen Weise aufgerufen, Friedensstifter zu sein: Überwindung der Ungerechtigkeiten, Verzicht auf Gewaltanwendung, Bereitschaft zur Verständigung und auch zum gegenseitigen Verzeihen. Jeder kann dadurch zum Frieden unter den Menschen einen entscheidenden und ganz persönlichen Beitrag leisten. Tretet ein für die internationale Völkerverständigung, für eine schrittweise Beseitigung aller Massenvernichtungswaffen und gemeinsame Anstrengungen aller Völker für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt.

Prüft im konkreten Alltag, was euch als ”Fortschritt“ angeboten wird. Besondere Wachsamkeit ist geboten, wenn wir unsere Erde und das menschliche Leben auf ihr für die Zukunft wirksam verteidigen wollen. Es geht ja zum Beispiel beim Umweltproblem und beim Strahlenschutz längst nicht mehr nur um das Leben der heutigen Menschen, sondern auch um das der kommenden Generationen. Wir müssen aus den Grenzen und Gefahren des Wachstums die Konsequenzen ziehen. Wir dürfen nicht alles machen, was wir tatsächlich machen könnten. Askese, Selbstbeschränkung, Verzicht - diese alten Forderungen der Kirche werden plötzlich wieder sehr aktuell und modern; ja, weithin sogar lebensnotwendig, um das überleben der Menschheit auch morgen zu gewährleisten.

8. Wir tragen heute die Bitte um Frieden unter den Völkern und um eine gesicherte und menschenwürdige Zukunft vor Gott, der ein ”Gott des Friedens“ (Röm. 15, 33) ist. Dabei vertrauen wir auf die Fürsprache Marias. Sie wird uns helfen, vom Mißtrauen zum Verstehen zu finden, den Haß durch die Liebe zu überwinden. Sie wird uns helfen, Gleichgültigkeit in Solidarität zu verwandeln und Geist und Herz füreinander in weltweiter Brüderlichkeit zu öffnen.

Maria ist die Mutter aller Menschen, weil sie die Mutter des Sohnes Gottes ist. Gott ist ja Mensch und damit der Bruder aller Menschen geworden. Über alle Grenzen von Rassen, Nationen und Staaten hinweg reicht der schützende Mantel der Mutter des Herrn. Hier in Kevelaer wird das deutlich. Mit mir, dem Bischof von Rom, sind hier Gläubige aus den verschiedenen deutschen Ländern. Mit uns sind Gläubige aus den Niederlanden, aus Belgien und aus Luxemburg, aus Frankreich, aus Polen und aus zahlreichen anderen Nationen. Was vielen als Traum und Utopie erscheint, hier ist es wahr und wirklich: Grenzen fallen nieder. Menschen kommen zusammen. Fremdheit schwindet. Trennendes weicht. Weil der gemeinsame Glaube die Menschen eint. Weil gemeinsame Hoffnung uns trägt. Weil gemeinsame Liebe uns beseelt. Hier gibt es schon das einige Europa aus den vielen Völkern - das die Politiker mit so unzähligen Schwierigkeiten zu schaffen versuchen. Hier ist das Europa des Glaubens, das es bereits in vergangenen Jahrhunderten gegeben hat. Hier erhebt sich die Hoffnung, daß es ein solches auch künftig wieder geben kann. Liebe Brüder und Schwestern!

9. In der Apostelgeschichte wird berichtet, wie im Abendmahlssaal alle einmütig im Gebet verharrten ”zusammen mit den Frauen und mit Maria, der Mutter Jesu, und mit seinen Brüdern“ (Apg. 1, 14). In dieser Einmütigkeit sind wir heute zusammen mit Maria bei ihrem Gnadenbild in Kevelaer versammelt, um uns durch ihre Wort und Beispiel, durch ihr gesprochenes und gelebtes Fiat, den Weg zu Christus, unserem wahren Leben, zeigen zu lassen. Wir sind hier, um von ihr, der Königin des Friedens, den Frieden für die Welt zu erbitten. Laßt uns auch in Zukunft, in den Mühen und Pflichten unseres Alltags, in dieser einmütigen Gebetsgemeinschaft mit Maria verharren!

Möge der Internationale Marianische und Mariologische Kongreß, der im Herbst dieses Jahres unter dem Leitgedanken ”Maria, Mutter der Glaubenden“ hier in Kevelaer stattfinden wird, auch euch wertvolle Anregungen für eine weitere Vertiefung eurer Verehrung und Liebe zur Gottesmutter schenken. Ebenso soll das kommende Marianische Jahr uns helfen, uns zusammen mit der ganzen Kirche würdig auf die bevorstehende 2000-Jahrfeier der Geburt unseres Erlösers vorzubereiten, damit unter der Führung und dem Schutz Marias das Reich Gottes in der Welt immer mehr Wirklichkeit werde.

Maria mit dem Kinde lieb, uns allen deinen Segen gib! Amen.

Ansprache an die Arbeiter im Bergwerk Prosper-Haniel aus Bottrop

Glückauf! Brüder und Schwestern, Damen und Herren, die Sie Verantwortung tragen in Gesellschaft, Wirtschaft und Staat, liebe Werktätige!

1. Hier, auf dem Gelände einer Kohlenzeche, unmittelbar vor dem Förderturm, grüße ich euch alle in herzlicher Verbundenheit mit dem alten Bergmannsgruß: ”Glückauf!“. Die Welt der Arbeit ist mir aus jungen Jahren vertraut. Als Arbeiter unter Arbeitern habe ich selbst die Solidarität und Verläßlichkeit von arbeitenden Menschen erfahren, aber auch die Last und Härte der körperlichen Arbeit. Darum habe ich gern die Einladung angenommen, bei meinem Pastoralbesuch im Bistum Essen mit schaffenden Menschen an einem Ort der Arbeit zusammenzutreffen, Die Kirche wirkt ja mitten in der Welt und darf deshalb an der Lebenswirklichkeit der arbeitenden Menschen nicht vorbeigehen. Weil Christus, unser Herr, Mensch geworden ist, muß die Kirche dem Menschen stets nahe bleiben und sich immer wieder neu um ihn bemühen.

Diese Verpflichtung war der Kirche im Ruhrgebiet stets bewußt. Mit der Entstehung der größten europäischen Industrieregion gingen Aufbau und Entfaltung eines blühenden kirchlichen Lebens einher. Beredtes Zeugnis dafür ist die Gründung von zahlreichen Pfarreien, das Entstehen einer Vielzahl von sozialen und karitativen Einrichtungen, vor allem aber das Aufblühen einer sozialpolitischen Bewegung der Katholiken in Vereinen und Verbänden. Und nicht zuletzt ist auch die Gründung des Bistums Essen durch meinen Vorgänger Pius XII. Ausdruck der elementaren Beziehung von Kirche und sozialer Wirklichkeit im Ruhrgebiet.

2. Was aber wird morgen sein? Der Auftrag der Kirche ändert sich nicht. In Treue zu Christus verkündigt sie die Botschaft vom wahren Leben bis ans Ende der Zeiten. In Jesus Christus ist die Fülle menschlichen Lebens offenbar geworden. Der Herr selber sagt: ”Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10, 10). Ein solches Leben zielt auf den ganzen Menschen. Bevor wir in der ewigen Gemeinschaft mit Gott leben dürfen, sind wir berufen, das irdische Leben in seinen reichen Möglichkeiten zu erfahren und zu gestalten. Diese befreiende Botschaft vom Leben steht gegen alle Resignation, gegen alle Verweigerung und Verkürzung des Lebens, gegen jeden Mißbrauch und jede Bedrohung des Lebens.

Christus fordert uns auf: Ergreift des Leben, wählt das Leben! Pflegt das Leben in der Familie! Habt Freude an den Kindern! Habt Freude am Schaffen! Liebt und achtet die Schöpfung! Öffnet eure Herzen und Hände für Notleidende und Einsame, für Kranke und Unterdrückte! Stellt euch den Herausforderungen unserer Zeit! Gebt aber auch eurem geistigen Leben gute Nahrung, seid religiöse Menschen! Nehmt Maß an Jesus Christus, unserem Erlöser und Bruder; folgt ihm nach! Diesen Christus verkündet die Kirche und ist so der zuverlässigste Anwalt des Menschen.

3. Ich weiß um die sozialen und wirtschaftlichen Probleme des Ruhrgebietes, um die Herausforderungen einer weitgehend materialistisch eingestellten Welt. Die zentrale Frage lautet: Hat der Mensch noch Vorrang in der Welt der Maschinen und der modernen Kommunikation, in der Welt des Handels und der Werbung, in der Welt der Politik und Kultur? Wem dienen in Wahrheit die Anstrengungen menschlichen Fortschritts und Forschens?

An diesem eindrucksvollen Ort schwerer Arbeit gebietet es sich, auch die Arbeit des Menschen im Licht der Zusage Gottes von der Fülle menschlichen Lebens zu betrachten. Gott hat den Menschen ins Leben gerufen, indem er ihn zugleich ”als Herrscher eingesetzt hat über das Werk seiner Hände“ und ”ihm alles zu Füßen“ legte, wie es in einem Psalm heißt (Ps 8, 7). Gott, der von alters her auch unter dem Bild eines arbeitenden Menschen, als Baumeister, dargestellt wird, hat sein Werk dem Menschen zum Erbe gegeben, damit dieser es bewahre und nutze, um so leben und sich entfalten zu können. Der gestaltende Umgang des Menschen mit dem Schöpfungswerk Gottes ist die Arbeit in all ihren Erscheinungsformen, ist körperliche und geistige Arbeit, handwerkliche, landwirtschaftliche und industrielle Arbeit, Dienstleistung und Kulturschaffen. Die Arbeit gehört zum Menschen. Sie ist Ausdruck seiner Ebenbildlichkeit mit Gott und so unverzichtbarer Bestand menschlicher Würde. Der Sohn Gottes selbst wurde Mensch in der Familie eines Arbeiters, erlernte ein Handwerk und berief Arbeiter zu seinen Jüngern.

Wegen dieser grundlegenden Bedeutung darf die Arbeit nicht das Privileg nur eines Teiles der Menschheit sein. Gott hat allen Menschen seine Schöpfung als Auftrag anvertraut. Somit ist jede Situation, die den Menschen von der Arbeit und von ihrem Ertrag ausschließt, seiner unwürdig; ”denn - wie der Apostel Paulus sagt - der Pflüger wie der Drescher“, das heißt alle, ”sollen ihre Arbeit in der Erwartung tun, ihren Teil zu erhalten“ (1 Kor 9, 10). Unverschuldete Arbeitslosigkeit wird zum gesellschaftlichen Skandal, wenn die zur Verfügung stehende Arbeit nicht gerecht verteilt und der Ertrag der Arbeit nicht auch dazu verwandt wird, neue Arbeit für möglichst alle zu schaffen. Hier ist die Solidarität aller gefordert, derjenigen, die über Kapital und Produktionsmittel verfügen, wie auch aller, die bereits Arbeit haben. Das biblische Wort ”Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat“ (Lk 3, 11) gilt auch für die Arbeit. Ohne Opfer und Kompromisse kann die Arbeitslosigkeit wohl kaum wirksam bekämpft werden.

4. An der gerechten Verteilung menschlicher Arbeit wird bereits die große Verantwortung der Entscheidungsträger in Staat und Wirtschaft deutlich. Sie dürfen die Arbeitslosigkeit nicht einfach hinnehmen oder ihr Vertrauen allein auf den Marktmechanismus setzen. Besondere Verantwortung tragen sie für zukunftsweisende Lösungen der Jugendarbeitslosigkeit. Denn für Jugendliche ist es eine untragbare Belastung, wenn sie nach Abschluß der Schule keine Möglichkeit beruflicher Ausbildung haben. Das kann sie in eine schwere Lebenskrise führen, aus der sie ohne unverzügliche konkrete Hilfe und Solidarität der Gesellschaft nicht herausfinden. Ausreichende und zukunftssichere Ausbildungsplätze sind das Gebot der Stunde. Deshalb möchte ich eurem Bischof und verantwortungsbewußten Laien im Bistum Essen für ihre beispielhaften Initiativen danken, insbesondere für die bekannten Aktionen des Diözesanrates und der katholischen Verbände zugunsten von jungen Menschen auf der Suche nach Ausbildung. Die Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft sollten dieses ernste Problem mit den ihnen gegebenen politischen und wirtschaftlichen Mitteln noch entschiedener angehen.

Unter den arbeitslosen Jugendlichen haben es oft die Ausländer besonders schwer. Die ausländischen Arbeitnehmer haben durch ihre Arbeitskraft viel zum wirtschaftlichen Erfolg in eurem Land beigetragen und leisten auch heute noch unverzichtbare Dienste. Deutsche leben mit ausländischen Mitbürgern Tür an Tür. Öffnet diese Türen und entdeckt den kulturellen und menschlichen Reichtum, den diese Menschen aus ihrer Heimat mitgebracht haben. Die Kirche kennt eigentlich keine Fremden. Die ”Hausgenossen Gottes“ leben alle unter einem Dach. Dieses kirchliche Selbstverständnis ist die stärkste Wurzel der Integrationskraft, die sich hier im Ruhrgebiet - einem Schmelztiegel der Völker - in den verschiedenen Phasen der Industrialisierung hervorragend bewährt hat. Die Lebenskraft des Ruhrgebietes ist die Solidarität.

Diese Kraft wird sich - davon bin ich überzeugt - auch in der augenblicklichen ernsten Situation des Ruhrgebietes bewähren. Die Entwicklung im Bereich von Kohle und Stahl erfüllt auch mich mit tiefer Besorgnis. Stellenweise droht die Gefahr von Massenarbeitslosigkeit und sind Erschütterungen für den sozialen Frieden zu befürchten. Die seit längerem vorhersehbare Strukturkrise im Ruhrgebiet trifft die betroffenen Städte hart. Eine solche Krise verpflichtet die Verantwortlichen der Wirtschaft und der Politik, gemeinsam mit den Gewerkschaften unverzüglich konstruktive, sozial wirksame und gerechte Lösungen zu suchen und in die Tat umzusetzen. In meiner Predigt in Mainz vom Jahre 1980 habe ich bereits auf das Problem des Strukturwandels und die damit verbundenen Auswirkungen für die Arbeiter hingewiesen und gesagt: ”In der Mitte aller Überlegungen in der Welt der Arbeit und der Wirtschaft muß immer der Mensch stehen. Bei aller geforderten Sachgerechtigkeit muß doch stets die Achtung vor der unantastbaren Würde des Menschen bestimmend sein, nicht nur der einzelnen Arbeiter, sondern auch ihrer Familien, nicht nur der Menschen von heute, sondern der kommenden Generationen . . . Strukturelle Umgruppierungen mögen sich nach genauester Prüfung als notwendig erweisen, und je ehrlicher gesehen, desto besser. Niemals jedoch dürfen dabei Arbeiter, die viele Jahre ihr Bestes gegeben haben, die allein Leidtragenden sein! Steht solidarisch zusammen und helft ihnen, wieder eine sinnerfüllte Tätigkeit zu finden“.

5. Aus diesem Geist der Solidarität wurde hier im Ruhrgebiet auch das Verhältnis von Kapital und Arbeit fruchtbar für das Ganze zu ordnen versucht. Ein Meilenstein in der Entwicklung der sozialen Partnerschaft von Arbeitgebern und Arbeitnehmern war die Forderung des 73. Deutschen Katholikentages vom Jahre 1949 in Bochum nach Mitbestimmung ”in sozialen, personalen und wirtschaftlichen Fragen als natürliches Recht in gottgewollter Ordnung“. Diese Bemühungen zielten auch auf die überbetriebliche Mitbestimmung. Soziale Partnerschaft bedeutet, daß Arbeitgeber und Arbeitnehmer jeweils den Zuständigkeitsbereich und den Entscheidungsspielraum des anderen anerkennen und auch mit Kompromißbereitschaft gemeinsam zum Wohl des Ganzen beitragen. Ihr habt bereits vieles auf diesem Weg erreicht. Es gilt, das Erreichte zu sichern. Da aber das Prinzip des Vorranges der Arbeit vor dem Kapital, das heißt des arbeitenden Menschen vor den Produktionsmitteln, anzuerkennen ist, muß die Frage des Miteigentums des Arbeiters an den Produktionsmitteln (Ioannis Pauli PP. II, Laborem Exercens, 14) noch weiterentwickelt werden.

Grundlage und Orientierung bei diesem Bemühen muß die Soziallehre der Kirche sein. Aus der Geschichte der katholischen Sozialbewegung in eurem Land weiß ich, wie sehr diese Lehre in der Vergangenheit die sozialen Reformen mitbestimmt hat. Mittlerweile sind neue gesellschaftliche Herausforderungen an euch herangetreten, die durchaus mit den bleibenden Grundsätzen der kirchlichen Soziallehre und im Licht heutiger Erfahrungen beurteilt und einer gerechteren Lösung zugeführt werden können.

Strukturen allein aber gewährleisten keine Gerechtigkeit, auch keine partnerschaftliche Zusammenarbeit. Es kommt auf die persönliche Bereitschaft an, Verantwortung über die Gruppeninteressen hinaus zu übernehmen. Den zahlreichen Frauen und Männern, die sich auf seiten der Arbeitnehmer wie der Arbeitgeber oft sogar mit persönlichen Opfern in den Dienst der gerechten Gestaltung des sozialen und wirtschaftlichen Lebens stellen, gebührt unser hoher Respekt. Von solchem Dienst wird auch in Zukunft die humane Gestaltung der Arbeitswelt, die Regelung gerechter Entlohnung, die Sicherung der Arbeitsplätze und die Leistungsfähigkeit der Unternehmen abhängen.

Aktive Mitarbeit ist eine Konsequenz aus der Weltverantwortung der Christen auf der Grundlage eines entschiedenen christlichen Glaubens. Gewerkschaften und Arbeitnehmerverbände sind gut beraten, wenn sie der spezifischen Mitarbeit der Christen einen sicheren Raum geben und deren Gewissensüberzeugungen achten. Letztlich kommt es der Würde aller arbeitenden Menschen zugute, wenn die Interessenverbände alles unterlassen, was Christen ausgrenzt, weil sie es mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren können.

6. Auf eine Besonderheit möchte ich noch zu sprechen kommen, die das Leben in der Industrielandschaft des Ruhrreviers immer schon geprägt hat: die Offenheit für Kultur und Wissenschaft. In den letzten Jahrzehnten sind vier neue Universitäten im Ruhrgebiet entstanden. Auch die Kirche ist in dem vielfältigen kulturellen Angebot gut vertreten: durch katholische Akademien, Bildungswerke, Familienbildungsstätten, durch katholische Schulen und andere Einrichtungen der Jugendbildung. Wenn wir als Christen den ganzen Menschen ernstnehmen, dann ist der von der technischen Arbeitswelt geprägte Mensch in besonderem Maße angewiesen auf die Pflege kultureller Werte, die nicht bestimmt sind von wirtschaftlichem Nutzen und der Vermehrung des materiellen Wohlstandes. Eine stärker vom Kulturellen her bestimmte Gesellschaft wird aber ihre humanen Möglichkeiten nur dort voll entfalten können, wo sie die Hinordnung des Menschen auf Gott als den Grund und die Fülle des Lebens, als das Fundament der Kultur, anerkennt. Alle schöpferischen Fähigkeiten des Menschen sind eine Teilhabe an Gottes Schaffen und Gestalten. Ohne das Gegengewicht einer geistigen Grundlage und Wertung werden die Arbeit zu sinnloser Hetze, das Streben nach Fortschritt blind, und das Leistungsstreben verliert sein Maß.

Darum muß die werktätige Arbeit immer wieder Maß nehmen am Sonntag, dem Tag des Herrn. Der recht begangene Sonntag befreit den Menschen aus vielfältigen Zwängen. Als Tag der Feier und der Ruhe schenkt er Zeit für Besinnung und Begegnung mit Gott und den Mitmenschen. Für die Christen ist der Sonntag der Ur-Feiertag, an dem wir uns im Gottesdienst versammeln, um das Wort Gottes zu hören und an der Eucharistiefeier teilzunehmen. So ist der Sonntag von hohem kulturellem und religiösem Wert. Er ist wichtig für die christliche Gemeinde, aber auch für die gesamte Gesellschaft. Darum muß der Sonntag auch in Zukunft geschützt bleiben. Er darf durch keinen anderen Tag ersetzt werden. Hierfür bedarf es der Solidarität der Gewerkschaften und der Unternehmer zum Wohle der arbeitenden Menschen und ihrer Familien, zum Wohl des kulturellen Niveaus des ganzen Volkes.

7. Wenn die Kirche die hohe Bedeutung der Kultur für das Leben der Menschen betont und in diesem Zusammenhang auch für die Förderung der Wissenschaften eintritt, so erkennt sie damit an, welchen Einfluß die verschiedenen Zweige, darunter die Naturwissenschaften, für ein gesundes und menschenwürdiges Leben auf der Erde haben. Die Kirche mißtraut nicht der menschlichen Vernunft, die in der von Gott geschaffenen Natur die Spuren Gottes und sein Sinngebung entdecken kann. Sie ermutigt alle Wissenschaftler zu redlichem, sachgerechtem Forschen. Aber um desselben Menschen willen muß sie auch auf die Gefahren hinweisen, die sich aus einer sogenannten wertneutralen, ethisch abstinenten Forschung und Anwendung ergeben.

Angesichts des gefährlichen militärischen Rüstungspotentials auf der Welt, der Entwicklung immer noch schrecklicherer Vernichtungswaffen und des damit verbundenen Rüstungsexports, aber auch angesichts der Schädigung von Erde und Luft, von Flüssen und Meeren, von Pflanzen und Tieren durch Produkte, welche unsere technische Zivilisation hervorgebracht hat, angesichts auch der möglichen Manipulationen, welche mit der Gentechnologie verbunden sind, tauchen bei immer mehr Menschen Zweifel an Sinn und Zielsetzung der modernen Forschung auf. Es muß zu einem neuen Miteinander von Wissen und Gewissen kommen. Die Wissenschaft selbst muß sich bereits an den gottgegebenen, unveräußerlichen Grundrechten des Menschen orientieren und seinem wahren Wohl wie auch der Erhaltung oder Wiederherstellung der geschädigten Natur dienen wollen und darf diese Verantwortung nicht auf andere abschieben. Die Wissenschaft sollte sich stets als Teil einer sie umgreifenden Kultur verstehen und über die Grenzen ihres spezialisierten Wissens und des jeweiligen geographischen Ortes hinaus nach dem Sinn und der Stellung menschlicher Existenz im Ganzen der Wirklichkeit fragen. Wir müssen mit Gewissen und Verstand und weltweit solidarische Menschen werden.

8. Solidarität - das ist für die Bevölkerung des Ruhrgebietes kein Fremdwort! Verantwortung füreinander und Verantwortung vor Gott ist hier durchaus noch gelebte und bewährte Wirklichkeit. Als Zeugen hierfür stehen unter vielen anderen der Arbeitersekretär Gottfried Könzgen aus Duisburg, zu Tode gekommen im Konzentrationslager Mauthausen, und Nikolaus Gross, Bergmann, Gewerkschaftssekretär und Redakteur, hingerichtet in Berlin-Plötzensee. Sie lebten aus der Gewißheit des Glaubens, daß Christus, das Licht der Welt, stärker ist als alle Dunkelheiten, die das Leben immer wieder zu bedrohen suchen.

In einem alten Bergmannslied, das euch im Revier vertraut ist, heißt es: ”und er hat sein helles Licht bei der Nacht“. Haltet das Licht des Lebens, das Licht eures Glaubens, fest in Herz und Hand! Dann braucht ihr um das Morgen nicht zu bangen.

Gott segne euch! Glückauf.

Grussworte an die Bevölkerung von Essen am Burgplatz in Essen

Liebe Bürger und Bürgerinnen von Essen, liebe Brüder und Schwestern!

Mit großer Herzlichkeit habt ihr mich durch die Straßen eurer Stadt hier in das Zentrum, zum Burgplatz, geleitet. Ich danke euch sehr dafür und grüße euch alle von Herzen. Während der Fahrt erwachten in mir liebe Erinnerungen an meinen ersten Besuch vor neun Jahren. Damals, im September 1978 - drei Wochen vor meiner Wahl zum Papst -, durfte ich schon im Hause eures verehrten Bischofs Franz Hengsbach zu Gast sein.

Die Stadt Essen ist die Metropole des Ruhrgebietes. Von einer Metropole erwartet man, daß von ihr Impulse ausgehen und wirksam werden. Die Kraftquellen dafür liegen in ihrem geschichtlichen Erbe und im Gemeinschaftssinn und Gestaltungswillen ihrer Bürger. Am Anfang eurer Stadt steht der heilige Bischof Altfried als Gründer des Stiftes Essen, das auch die Keimzelle der Stadt wurde und damit Ausgangspunkt einer reichen sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung. Bereits 50 Jahre vorher, um das Jahr 800, hatte der heilige Bischof Ludger, der Gründer des Bistums Münster, in Werden seine Abtei nach der Regel des heiligen Benedikt errichtet. Das Leben und Werk dieser beiden heiligen Bischöfe seien für euch auch heute Ermutigung und Verpflichtung.

Eure Stadtpatrone, die heiligen Ärzte Kosmas und Damian, weisen auf die karitativ-soziale Grundhaltung im Leben der Essener Bürgerschaft hin: Immer hat es hier Menschen gegeben, die sich in vorbildlicher Weise für den Nächsten eingesetzt haben. An Bürgersinn und christlicher Solidarität hat es hier nie gefehlt. Diese Erfahrungen und Vorbilder aus Vergangenheit und Gegenwart haben auch für das menschliche Antlitz der modernen Stadt unverzichtbare Bedeutung.

Die räumliche Nähe von Domkirche und Rathaus sollte stets daran erinnern, daß auch in Zukunft die Bemühungen von Stadt und Kirche zum Wohl der Menschen gemeinsam unternommen werden müssen. Das heißt: Die menschenwürdige Stadt der Zukunft kann und darf nur eine Stadt mit Gott sein. In diesem Anliegen wissen wir uns verbunden mit unseren evangelischen Brüdern und Schwestern, aber auch mit den jüdischen Mitbürgern. Ihre alterwürdige Synagoge in dieser Stadt möge allen ein bleibendes Mahnmal sein, die Würde eines jeden Menschen immer und überall zu schützen und zu verteidigen. Schon das Alte Testament weiß, daß Gott jeden einzelnen beim Namen gerufen hat. Mit besonderem Dank erinnere ich an dieser Stelle ferner an das Werk der deutschen Katholiken für die Kirche in Lateinamerika, die Aktion ”Adveniat“, die in Essen ihren Sitz hat. Als sie im Jahre 1961 von der Deutschen Bischofskonferenz gegründet wurde und dann hier im Bischofshaus ihre Arbeit begann, war das der Anfang eines Dienstes der Barmherzigkeit und Solidarität mit der wachsenden Not der Kirche in Lateinamerika. Diese nunmehr von den deutschen Katholiken in 26 Jahren praktizierte Solidarität wird sich - davon bin ich überzeugt - auch in Zukunft bewähren und fruchtbar auswirken.

Ich möchte allen danken, die ”Adveniat“ seit vielen Jahren unterstützen, den Mitarbeitern, meinen Mitbrüdern im Bischofsamt und besonders Bischof Hengsbach für seine unermüdliche Förderung dieser mutigen und verdienten Initiative.

Wenn wir in dieser Stunde unter der leuchtenden Figur des Engels gemeinsam den Angelus, den ”Engel des Herrn“, beten, verbinden wir uns mit diesem universalen Gebet mit den Christen der ganzen Kirche. Wenn wir beten ”und das Wort ist Fleisch geworden“, kommt darin in einzigartiger Weise die Liebe Gottes zu allen Menschen zum Ausdruck. Denn der menschgewordene Gott ist der eigentliche Grund unserer Hoffnung. Diese Hoffnung gibt uns Kraft zum Handeln. Darauf macht uns Maria, die Mutter des Sohnes Gottes, aufmerksam, die hier in der Essener Münsterkirche seit 1000 Jahren im Bilde der ”Goldenen Madonna“ verehrt wird und die ihr gleich nach der Gründung eures Bistums als Mutter vom Guten Rat zu eurer Patronin erwählt habt.

Im Blick auf Maria, die Mutter vom Guten Rat, wollen wir jetzt gemeinsam den ”Engel des Herrn“ beten.

Predigt bei der Eucharistiefeier für die Gläubigen der Diözese Essen im Parkstadion in Gelsenkirchen

Verehrte Mitbrüder im Bischofs- und Priesteramt, liebe Brüder und Schwestern!

1. Der Friede des auferstandenen Herrn sei mit euch allen!

Es ist mir eine große Freude, den alljährlich zahlreichen Rompilgern aus dem Bistum Essen nun ihren Besuch in der Heimat erwidern zu können. Vom Hubschrauber aus habe ich die gewaltige Konzentration von Wohnungen und Fabriken, von Verkehrswegen und Verwaltungshochhäusern, von Sportanlagen und Erholungsparks in eurem Land gesehen. Darunter habe ich auch viele Kirchen entdeckt, die von eurer christlichen Vergangenheit und eurem heutigen Glauben zeugen. Das Ruhrgebiet als am dichtesten besiedelte Gegend Europas bietet dazu noch zahlreichen Bürgern aus anderen Ländern Gastfreundschaft und neue Lebensgrundlage. Mögen diese besonders in eurer Ortskirche, in euren Pfarreien und kirchlichen Gemeinschaften heimatliche Geborgenheit und brüderliche Solidarität finden.

In aufrichtiger Dankbarkeit für die herzliche Aufnahme, die ihr heute auch mir und meiner Begleitung in eurer Mitte gewährt, begrüße ich euch alle in der Liebe Jesu Christi zu dieser festlichen Vorabendmesse des 3. Ostersonntags: vor allem euren verehrten Oberhirten, Bischof Hengsbach, zusammen mit den anderen anwesenden Bischöfen, die Priester und Ordensleute, die Familien und jeden einzelnen Gläubigen ganz persönlich. Einen besonderen brüderlichen Gruß richte ich an die ausländischen Mitchristen, die mit uns die Eucharistie feiern und dadurch unserem Beten und Singen über alle Sprachgrenzen hinaus katholische Weite geben. In der Kirche Jesu Christi sind alle Menschen Brüder und Schwestern und bilden um den einen Altar die große Familie der ”Hausgenossen Gottes“. Im gemeinsamen Glauben vereint, rüsten wir uns als pilgerndes Volk Gottes nun zu einer neuen gemeinschaftlichen Begegnung mit Christus, unserem auferstandenen Herrn und Erlöser, in der Eucharistie.

2. Liebe Brüder und Schwestern! Wir befinden uns mitten in der Osterzeit, in der die Kirche Jahr für Jahr in der Liturgie zu jenen Ereignissen zurückkehrt, die ihren eigentlichen Anfang darstellen: der Tod Jesu Christi am Kreuz und seine machtvolle Auferstehung. Den Aposteln war es geschenkt, dem Auferstandenen zu begegnen. Gerade diese Begegnung macht sie zu seinen ersten Zeugen. Die entscheidende Aufgabe des Apostels ist, Christi Auferstehung zu bezeugen. Vom ersten Augenblick ihrer Berufung an hat Christus sie auf diese Sendung vorbereitet.

Das Ostergeschehen von Jerusalem leitet auf diesem Weg der Vorbereitung einen neuen und entscheidenden Abschnitt ein. Die Apostel und Jünger begegnen diesem Jesus, der gekreuzigt wurde, der wirklich gestorben ist und begraben wurde wie jeder andere Mensch - und siehe: Er lebt! Er lebt und hat vertrauten Umgang mit ihnen. Er ist verschieden, aber dennoch derselbe. Sie wagten ihn nicht einmal zu fragen: ”Wer bist du? Denn sie wußten, daß es der Herr war“ (Joh. 21, 12). Diese erste Stufe der österliche Erfahrung ist von grundlegender Bedeutung.

Aus der Begegnung mit dem auferstandenen Herrn erinnern sich die Apostel, die ja selbst noch in der geistigen Welt des Alten Bundes leben, auf neue Weise an verschiedene wichtige Aussagen der Heiligen Schriften. Sie hören und verstehen sie nun im Lichte Jesu Christi. Ihre wahre Bedeutung war ihnen vorher ”verborgen“ geblieben - nun wird ihr Sinn ihnen offenkundig und verständlich. So geschieht es auch mit den Worten von Psalm 16, einem der sogenannten ”messianischen Psalmen“: ”Ich habe den Herrn beständig vor Augen. Er steht mir zur Rechten, ich wanke nicht. Darum freut sich mein Herz und frohlockt meine Seele; und mein Leib wird wohnen in Sicherheit. Denn du gibst mich nicht der Unterwelt preis; du läßt deinen Frommen nicht das Grab schauen“ (Ps. 16 (15), 8-10).

Von wem spricht der Psalmist, der König und Prophet David, in diesem Psalm? Etwa von sich selbst? Auf keinen Fall! Sagt doch Petrus in der Apostelgeschichte von David: ”Er starb und wurde begraben, und sein Grabmal ist bei uns erhalten bis auf den heutigen Tag“ (Apg. 2, 29). Im Licht der österlichen Ereignisse wird den Aposteln vielmehr klar, daß der Psalmist hier von Christus spricht. Er spricht ”vorausschauend über die Auferstehung Christi“ (ebd. 2, 31). Was unter dem Schleier der inspirierten Worte des Alten Bundes verborgen war, hat nun durch Christus seine wahre Bedeutung, seinen wollen Sinn erhalten. Er ist durch das neue Verständnis der Apostel und Jünger enthüllt worden.

3. Vor den versammelten Bewohnern von Jerusalem und den Besuchern aus vielen anderen Ländern erweist sich am Pfingsttag, daß Gottes Geist aus diesem neuen Bewußtsein der Gefährten Jesu endgültige Gewißheit gemacht hat: Christus ist wahrhaft auferstanden! Die erste öffentliche Predigt des Petrus ist ein wunderbarer Beweis für diese unerschütterliche Glaubensüberzeugung, die in ihm und in den anderen Aposteln aus der Begegnung mit dem auferstandenen Christus herangereift ist.

Petrus nimmt ausdrücklich Bezug auf den messianischen Psalm Davids; denn er spricht ja zu Menschen, die wir er mit diesem Heiligen Schriften groß geworden sind. Auf diesen gemeinsamen Boden gründet er sein Zeugnis über Christus, das den Anfang der gesamten Evangelisierung und Katechese in der apostolischen Kirche darstellt. Petrus sagt:

”Jesus von Nazaret, den Gott vor euch beglaubigt hat durch machtvolle Taten, Wunder und Zeichen, die er durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr selbst wißt - ihn, der nach Gottes beschlossenem Willen und Vorauswissen hingegeben wurde, habt ihr durch die Hand von Gesetzlosen ans Kreuz geschlagen und umgebracht.

Gott aber hat ihn von den Wehen des Todes befreit und auferweckt; denn es war unmöglich, daß er vom Tod festgehalten wurde“ (Apg. 2, 22-24).

Durch dieses Zeugnis der Apostel über Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen, beginnt dann der Weg des Evangeliums in alle Welt. Es gelangt über alle Grenzen und Hindernisse hinweg schließlich auch in euer Land. Eure Vorfahren haben sich diesem weltweiten Pilgerweg des christlichen Glaubens angeschlossen. Sie haben das Zeugnis der Apostel und ihrer Nachfolger angenommen und sind in die Gemeinschaft der Gläubigen eingetreten. Wie schon in Jerusalem wurde auch hier aus derselben Wurzel des Ostergeschehens die Kirche geboren.

4. Die Anfänge der Kirche in eurem Land reichen zurück bis in die ersten christlichen Jahrhunderte. Die ältesten Märtyrergräber, die ihr in einigen Kirche eurer weiten Heimat hütet, stammen sogar schon aus der Römerzeit. Der christliche Glaube hat auch in eurem Volk bald tiefe Wurzeln geschlagen und reiche Früchte eines lebendigen religiösen Lebens und der Heiligkeit hervorgebracht. Eure heiligen Bischöfe Altfried und Ludgerus sind leuchtende Beispiele dafür. Ihr dürft stolz darauf sein, ihre Gräber in dieser Diözese verehren zu können. In allen Jahrhunderten haben sich aus eurer Mitte Männer und Frauen erhoben, die den Ruf Jesu angenommen und sich persönlich zu eigen gemacht haben: ”Ihr werdet meine Zeugen sein . . . bis an die Grenzen der Erde“ (Act. 1, 8) - und das bis in unsere Gegenwart.

Zeugen aus eurem Land, die euch den Weg zeigen, echte Jünger Christi in unserer Zeit zu sein, kann ich in diesen Tagen im Namen der Kirche besonders ehren. Gestern: die Karmelitin Edith Stein in Köln: morgen: den Jesuitenpater Rupert Mayer in München. Sodann galt mein Besuch auch dem Grab des mutigen Bekennerbischofs Clemens-August Graf von Galen in Münster. Aber auch aus eurer engeren Heimat sind Namen zu nennen, Männer aus der Welt der Arbeit, die sich durch ihr heroisches Glaubenszeugnis ausgezeichnet haben: der Bergmann, Journalist und Widerstandskämpfer Nikolaus Gross, der Duisburger Arbeitersekretär Gottfried Könzgen, der Gewerkschaftler und Schriftleiter Bernhard Letterhaus. Sie haben ihr Leben für ihren Glauben und ihre Kirche hingegeben. Zahlreiche Priester und Laien waren mit ihnen standhafte Zeugen gegen den Ungeist einer gottlosen und menschenverachtenden Diktatur. Diese Zeugen ermutigen jeden von uns, selbst für Christus unerschrocken Zeugnis zu geben in der Familie, im Wohnviertel, im Beruf, in der Schule, in Arbeit und Freizeit. Das Wort des Herrn: ”Ihr werdet meine Zeugen sein“ muß jede Generation von Christen neu beunruhigen und beflügeln.

5. Liebe Brüder und Schwestern! Der Aufruf, Zeugen Christi zu sein, erreicht uns aus dem Munde des auferstandenen Herrn. Vor seiner Himmelfahrt gibt er uns noch die feste Versicherung: ”Seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt. 28, 20). Als österliche Menschen sind wir heute von dem in unserer Mitte anwesenden Herrn in unsere Welt und unsere Zeit gesandt, um von ihm und seiner erlösenden Wahrheit vor unseren Mitmenschen Zeugnis zu geben. Wie im heutigen Evangelium steht Jesus auch am Ufer unserer Zeit, am Ufer des Lebens eines jeden von uns. Er hat das Feuer schon angezündet. Viele haben ihn jedoch noch nicht erkannt. Es geht ihnen wie den Jüngern, die zunächst noch ”nicht wußten, daß es Jesus war“. Aber das Zeugnis und die Erkenntnis von seiner erlösenden Gegenwart sind nicht mehr aufzuhalten: Ohne ihn gibt es keinen Halt und keine Hoffnung. Ohne ihn ist alle menschliche Mühe vergeblich und wird der Hunger der Menschen nicht gestillt. Ohne ihn öffnet sich keine Tür jenseits des Todes. Christus ist in die Welt gekommen und als der auferstandene Herr unter uns gegenwärtig, ”damit wir das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh. 10, 10).

Um von Christus und seinem neuen Leben wirksam Zeugnis geben zu können, müssen wir uns zuerst selbst von ihm ganz ergreifen lassen. Wie die Jünger am See von Tiberias sind jedoch auch wir immer wieder versucht, kleingläubig zu werden und aufzugeben. Obwohl jene die Botschaft von der Auferstehung Jesu schon von Maria Magdalena gehört hatten, obwohl sie ihm selber verschiedene Male leibhaftig begegnet waren, kehrten sie wieder zu ihren Booten zurück, als ob nichts geschehen wäre. Es klingt nach Resignation: ”Ich gehe fischen . . . wir kommen auch mit“. Der Aufbruch zu neuen Ufern in der Nachfolge Christi scheint vorbei. Und selbst in ihrem kleinen begrenzten Erfahrungsbereich als Fischer am See bleiben sie ohne Erfolg: ”In dieser Nacht fingen sie nichts“. Obwohl die Jünger sich die ganze Nacht abgemüht hatten, blieb ihr Netz leer. Diese Erfahrung der Erfolglosigkeit, die leicht zu Mutlosigkeit führt, wird heute von vielen Menschen geteilt: in der Gesellschaft, in der Welt der Arbeit, aber auch in der Kirche. Trotz größter Anstrengungen für die Erhaltung der Arbeitsplätze im Kohlenbergbau muß eine Zeche nach der anderen geschlossen werden. Wie viele Bewerbungen mögen Jugendliche auf ihrer Suche nach Arbeit schreiben und erhalten nichts als Absagen! Und die Kirche? Es wurde in den letzten Jahren mehr für die Erneuerung des religiösen Lebens beraten und getan als zuvor, aber die Kirchen wurden leerer, das religiöse Interesse und das christliche Glaubenszeugnis gehen zurück.

Kreuzweg und Grablegung bleiben dem oft nicht erspart, der es lernen muß, seine ganze Hoffnung auf die Auferstehung durch Gott zu setzen. Es scheint, der Herr müsse uns unsere eigenen Mittel nehmen, damit unser Blick frei wird für ihn. Denn er sucht unsere Gemeinschaft. Wie es in der Frohen Botschaft des heutigen Evangeliums heißt: ”Als es schon Morgen wurde, stand Jesus am Ufer“. Er braucht zuerst die ehrliche Antwort der Jünger, das Eingeständnis der eigenen Ausweglosigkeit und Ohnmacht: ”Habt ihr nicht etwas zu essen? Sie antworten ihm: Nein“. Dann folgt die göttliche Hilfe: ”Werft das Netz auf der rechten Seite des Bootes aus, und ihr werdet etwas fangen. Sie warfen das Netz aus und konnten es nicht wieder einholen, so voller Fische war es“. Plötzlich tritt der auferstandene Herr als lebendige Wirklichkeit in ihr Leben und verwandelt es, gibt allem einen neuen Sinn und oft eine unerwartete, tiefere Erfüllung.

6. Laßt, liebe Mitchristen an der Ruhr, Christus, den Auferstandenen, auch in euren Lebensraum wieder machtvoll eintreten. Öffnet ihm erneut die Tore eurer Gesellschaft, eurer Gemeinden und Familien, eures persönlichen Lebens. Mut zur Zukunft, Zuversicht, Überwindung von Resignation und gemeinsames Handeln sind Tugenden, die wir von den Fischern aus ihrer Begegnung mit dem Herrn am See von Tiberias lernen können. Diese sind auch eine gute Voraussetzung für eine menschengerechte Zukunft des Ruhrgebietes. Lassen wir uns aber vor allem durch das Beispiel des Petrus begeistern und mitreißen. Er sprang in den See, um schneller beim Herrn zu sein. Ich möchte euch zurufen: Zögert auch ihr nicht, zu Christus, dem Herrn, zu kommen. Zu viele Menschen stehen da und ahnen vielleicht etwas von der neuen, weltverwandelnden Lebenskraft des Mannes am Ufer, aber sie zögern. Sie haben sich ihr Leben anders eingerichtet, sie scheuen den prüfenden Blick Jesu Christi. Zu viele stehen da und wissen schon etwas mehr vom Herrn und seinem geheimnisvollen Feuer, aber sie springen nicht. Gewiß haben viele junge Männer den Ruf zum Priestertum, zum Menschenfischersein gehört, aber sie sind unentschlossen, weil sie sich selbst oder dem Netz der Kirche oder der Erscheinung des Herrn am Ufer nicht trauen. Zu viele junge Mädchen fahren kreuz und quer auf dem See ihres Lebens umher, und während die Netze der Ordensgemeinschaften immer weitmaschiger werden, lassen sie den Herrn allein am Ufer stehen. Ihr Eltern, bekennt euch zu Christus durch eine christlich gelebte Ehe und Familie. Die Kirche zeigt euch dazu in ihrer Lehre den gottgewollten Weg. Werdet selbst Apostel für eure Kinder, indem ihr ihnen euren überkommenen Glauben gewissenhaft weitervermittelt. Ihr Verantwortlichen und Werktätigen, übt christliche Rücksichtnahme und Solidarität in der rauhen Welt der Arbeit, besonders mit den Arbeitslosen. Bekennt euch alle in tätiger Hilfsbereitschaft zu den kranken und alten Menschen, zu den Entrechteten und Ausgestoßenen in eurer Gesellschaft. Es ist Christus, der Herr, der euch als seine Zeugen der Botschaft der Liebe und Versöhnung in Dienst nehmen möchte.

Was ich über die Tugenden gesagt habe, die eurer Heimat eine verheißungsvolle Zukunft geben können, das gilt erst recht vom Glaubensmut. In solch gläubigem Einsatz hat die katholische Bevölkerung des Ruhrgebietes unter großen Opfern eine imponierende Zahl von Kirchen gebaut, ebenso von Krankenhäusern und karitativen Einrichtungen. Laßt diese nicht zu Denkmälern aus einer vergangenen Welt werden oder zu Institutionen, denen ihr christlicher Ursprung nicht mehr anzumerken ist. Füllt sie vielmehr mit Liebe und Leben. Laßt sie zu Knotenpunkten eines Netzes werden, das nicht zerreißt, zu Stätten der Offenbarung österlicher Lebenskraft, die auch heute die Welt zu verwandeln vermag. Wißt aber vor allem, daß vor aller Tüchtigkeit und Treue im Reich Gottes noch ein neues Gesetz gilt: Der Erfolg ist nicht Ergebnis von Tugend und Leistung, sondern Geschenk. Der reiche Fischfang der Jünger ist nicht ein Rekord, sondern eher ein Symbol. In der geheimnisvollen Zahl wird die Osterwirklichkeit anschaulich: Fülle statt Leere, Erfüllung statt Vergeblichkeit - und zwar in der Kraft des auferstandenen Herrn.

7. Liebe Brüder und Schwestern! Unser Blick auf das österliche Geschehen am See von Tiberias läßt uns unser eigenes Christsein tiefer verstehen. Christus, der Gekreuzigte und Gestorbene, der lebt, ist uns als der Auferstandene heute ebenso gegenwärtig wie damals seinen Jüngern, auch hier in der Welt der Rohstoff- und Energiegewinnung, der Produktion und des Handels an Rhein, Ruhr und Emscher. Es gilt nur, ihm unter uns wieder volles Heimatrecht zu gewähren und ihn erneut in unserer Mitte willkommen zu heißen.

Ebenso ist das im Evangelium Berichtete nicht ferne Vergangenheit, sondern lebendige Gegenwart. ”Jesus sagte zu ihnen: Kommt her und eßt! . . . Jesus trat heran, nahm das Brot und gab es ihnen (ebenso den Fisch)“. Das geschieht hier und jetzt. So imponierend die Kohlenfeuer des Ruhrgebietes sind, das geheimnisvolle Kohlenfeuer im Evangelium brennt weiter in allen Kontinenten und zu allen Zeiten. Es sorgt dafür, daß die Welt nicht erkaltet, weil die Liebe selbst sich hier verteilt in der unscheinbaren Gestalt von Brot. Sorgt, daß ihr nicht erfriert im Egoismus und Konkurrenzkampf, im Leerlauf der Betriebsamkeit und Vergnügungsjagd, sondern kommt zum Osterfeuer der heiligen Messe, laßt den Sonntag, den Tag des Herrn, nicht ausbluten, laßt das wärmende und leuchtende Kohlenfeuer am Ufer eures Lebens nicht erlöschen. Laßt Christus nicht allein am Ufer stehen. Ihr sorgt euch, daß die Förderbänder laufen und die Feuer in den Stahlwerken nicht erlöschen, weil euch die Sorge um die Arbeitsplätze drückt. Ich teile eure Sorge. Teilt ihr auch meine Sorge, daß die Feuer des Glaubens nicht herunterbrennen, daß nicht Asche bleibt statt Glut.

Petrus bekam vom Herrn den Auftrag: ”Stärke deine Brüder!“ (Lk. 22, 32). Hört heute auf die Stimme des Petrus unter euch: Glaubt an die Zukunft eurer Heimat! Glaubt an die Zukunft der Kirche! Glaubt an den auferstandenen Herrn und Heiland Jesus Christus, der uns versichert hat, immer bei uns zu sein, alle Tage bis zum Ende der Welt. Amen.

Bevor wir am Ende dieser Eucharistiefeier Gottes Segen erbitten, möchte ich noch ein besonderes Wort an die hier anwesenden Jugendlichen und an die ganze Jugend in eurem Land richten. Liebe junge Freunde!

Von Herzen grüße ich euch noch eigens bei diesem festlichen Gottesdienst und auch daheim in euren Gemeinden und Verbänden. Christus ist unsere gemeinsame Berufung. Er ist wirklich in unserer Mitte: in seiner Kirche, besonders in der Eucharistie. Er möchte sich ganz uns schenken, um uns zu seinen Freunden und Jüngern zu machen. Die innige Beziehung, die Christus mit uns eingehen will, ist die einzige Freundschaft, die nie enttäuschen kann. Jesus ist treu; er hält, was er verspricht. Deshalb ist Christus euer wahrer Freund. Ihr werdet keinen treueren Weggefährten finden. Laßt darum auch eure Antwort an ihn nicht kleinlich sein. Reicht ihm nicht nur euren kleinen Finger! Öffnet ihm weit die Türen eurer eigenen Freundschaft! Man zahlt Großes nicht mit kleiner Münze zurück. Gebt ihm euer Herz, euren Kopf, eure Hände! Und wenn er dich persönlich in seine engere Nachfolge ruft, so versage ihm deine Gefolgschaft nicht.

Mit Christus gibt es kein Verlustgeschäft! Er gibt euch so reichlich, daß ihr davon noch andere bereichern und mit ihm die Welt verändern könnt. Die Welt ist arm geworden in den menschlichen Beziehungen. Darum bemüht euch um Verläßlichkeit, Treue, Wahrhaftigkeit und Solidarität, auch wenn in der Gesellschaft oft Eigennutz, Gewinnstreben, Rücksichtslosigkeit und Egoismus das Leben bestimmen wollen. Denkt insbesondere auch an eure Kameraden ohne Ausbildungsplatz und ohne Arbeit, an die Ausländer, an Behinderte, an Jugendliche in schwierigen familiären Verhältnissen, aber auch an die Menschen in der Dritten Welt, die sich nach Gerechtigkeit und Frieden sehnen und dafür große Opfer bringen müssen.

Ich freue mich heute besonders, daß so viele Pfadfinder und Pfadfinderinnen zu dieser Eucharistiefeier gekommen sind. Euch möchte ich, wie letztes Jahr euren italienischen Freunden, sagen: ”Erweist euren Dienst immer und überall jedem Menschen, der ihn braucht, selbstlos und großzügig. So erfüllt ihr das Testament eures Gründers Sir Robert Powell, in dem es heißt: "Die echte Weise, glücklich zu sein, besteht darin, andere glücklich zu machen““.

Liebe Jugend! Freunde haben sich etwas zu sagen, es drängt sie immer wieder zum Gespräch. Das gilt auch in der Freundschaft mit Christus. Im Gebet suchen wir das Gespräch mit ihm. Christus können wir alles sagen, was uns bewegt; ihn dürfen wir um alles bitten, was wir nötig haben. Im Gebet bleibt unsere Freundschaft mit Christus lebendig.

Gleich nach der heiligen Messe wollen wir alle gemeinsam hier im Stadion den Rosenkranz beten. Dieses Gebet, das in seinen Ursprüngen auch auf den Raum des Bistums Essen zurückgeht, ist für unzählige Menschen bis auf den heutigen Tag Zeichen und Mittel inniger Verbundenheit mit Christus. Gerade in schweren Zeiten, in Bedrängnis, Verlassenheit, Krankheit und Todesnot haben Menschen immer wieder zum Rosenkranzgebet ihre Zuflucht genommen, in ihm Trost und neue Kraft gefunden. Wir wollen uns heute ganz bewußt in diese Kette der Beter durch die Jahrhunderte einreihen. Maria, die Mutter Jesu und unsere Mutter, hilft uns dabei, Jesus nicht aus den Augen zu verlieren, wenn wir uns – wie sie –, offen für das Wort Gottes und treu unserer Berufung, von Christus ergreifen lassen. Dabei begleite auch ich euch mit meinem besonderen Gebet und Segen.

Sonntag, den 3. Mai 1987

Seligsprechung des Jesuitenpaters Rupert Mayer im Münchener Olympiastadion

”Seht, ich sende euch . . .“ (Mt. 10, 16). ”Werdet stark durch die Kraft und Macht des Herrn!“ (Eph. 6, 10)

Verehrte Mitbrüder, liebe Brüder und Schwestern!

1. Der Aufruf des Apostels Paulus zur Stärke im Herrn ist gleichsam die angemessene Ergänzung jener Worte, die Jesus bei der ersten Aussendung der Apostel spricht. Die Kirche nimmt beide Texte heute als Lesungen für die Liturgiefeier, in der ich euren Landsmann, den Jesuitenpater Rupert Mayer, seligsprechen darf; hier in der Stadt München, mit der sein Leben und priesterlicher Dienst auf das engste verbunden sind.

Erst vor einem halb Jahren konnte ich in Rom die bayerische Ordensfrau Schwester Maria Theresia von Jesu Gerhardinger zur Ehre der Altäre erheben, die ebenfalls in dieser Stadt gelebt und weltweit gewirkt hat. Es ist mir deshalb eine besondere Freude, heute wiederum einen aus eurer Mitte im Namen der Kirche den Gläubigen zur Verehrung und Nachahmung vor Augen zu stellen. Pater Rupert Mayer wird zu Recht ”Apostel Münchens“ genannt. Aber das Licht seines Lebens und Wirkens leuchtet weit über diese Stadt hinaus in die weite Welt.

Von Herzen grüße ich alle, die sich hier eingefunden haben, um im festlichen Gottesdienst gemeinsam mit uns diesen Gnadentag zu begehen. Nicht wenige davon haben unseren neuen Seligen gewiß noch persönlich gekannt. Mein brüderlicher Gruß gilt vor allem dem verehrten Herrn Erzbischof in München und Freising, Kardinal Friedrich Wetter, sowie allen anwesenden Bischöfen, den Priestern und Ordensleuten; darunter besonders den Patres und Brüdern der Gesellschaft Jesu, der unser Seliger angehört hat, und den Schwestern der Heiligen Familie, deren Mitbegründer und langjähriger Spiritual er gewesen ist. Ich grüße ferner seine Landsleute aus der Heimatdiözese Rottenburg und die Mitglieder der Marianischen Männerkongregation, die in ihrem früheren Präses nun einen mächtigen himmlischen Fürsprecher erhalten; ebenso die Vertreter aus Staat und Gesellschaft sowie alle Gäste von nah und fern, die durch ihre Anwesenheit das Andenken dieses mutigen Glaubenszeugen ehren.

2. Die Worte des heutigen Evangeliums, die Christus bei der ersten Aussendung an die Apostel gerichtet hat, scheinen im Leben und Wirken des Dieners Gottes Rupert Mayer eine neue Aktualität zu gewinnen. Christus sagt: ”Ich sende euch die Schafe mitten unter die Wölfe; seid daher klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben!“ Und darauf; ”Nehmt euch aber vor den Menschen in acht“ (Mt. 10, 16-17). Wie vielsagend sind doch diese Worte: Ich sende euch zu den Menschen - und zugleich: Ich warne euch vor den Menschen. Und warum warnt Christus seine Jünger vor ihnen? ”Sie werden euch vor die Gerichte bringen . . . Ihr werdet um meinetwillen vor Statthalter und Könige geführt . . .“.

Als Rupert Mayer sich im Jahre 1900 als junger Priester zum Eintritt in die Gesellschaft Jesu entschloß, galten die Jesuiten noch offiziell als ”Reichsfeinde“, die durch Gesetz des Landes verwiesen und verboten waren. Er selbst bezeichnet sie als ”Geächtete, Verbannte und Heimatlose“, da ihnen nicht gestattet war, im damaligen Reichsgebiet eigene Niederlassungen zu gründen und zu unterhalten. Die mächtig geschürte antikatholische Hetze und Aktivität gegen den Orden - statt ihn abzuschrecken - bestärkte ihn vielmehr noch in seinem Willen, sich dieser so geschmähten Gesellschaft Jesu anzuschließen. Durch seinen baldigen Ruf nach München wurde Pater Mayer in zunehmendem Maße mit antireligiösen und antikirchlichen Strömungen, mit einer Atmosphäre von Hohn und Haß gegen Christus und die Kirche konfrontiert, in der es immer mehr Mut und Tapferkeit erforderte, den katholischen Glauben frei zu bekennen. Je offenkundiger und brutaler in jenen Jahren der Kampf gegen Religion und Kirche wurde, ein um so entschiedener und unerschrockener Kämpfer für die Wahrheit des Glaubens und für die Rechte der Kirche wurde unser neuer Seliger.

Wir hörten in der Lesung aus dem Epheserbrief die Worte des Apostels: ”Legt die Rüstung Gottes an, damit ihr am Tag des Unheils standhalten, alles vollbringen und den Kampf bestehen könnt . . . Gürtet euch mit Wahrheit . . . Vor allem greift zum Schild des Glaubens . . . Nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes!“. Was der Apostel hier empfiehlt, hat Rupert Mayer in hervorragender Weise getan. Er hat Gottes Rüstung angezogen und sie bis zu seinem Tod nie mehr abgelegt. Unerschrocken und unbeugsam kämpfte er für die Sache Gottes. Als unbestechlicher Zeuge der Wahrheit widerstand er den Lügenpropheten jener Jahre ins Angesicht, immer bereit, für das Evangelium vom Frieden zu kämpfen, ausgerüstet mit dem Schild eines tiefen, unbeirrbaren Glaubens führte er in seinen berühmten Predigten das Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes. Es gab Monate, in denen er bis zu siebzigmal predigte.

3. ”Wenn man euch vor Gericht stellt, macht euch keine Sorgen . . .“, sagt Jesus weiter zu den Aposteln. Rupert Mayer wußte, daß nach 1933 seine Predigten von der Polizei überwacht wurden. Trotzdem verkündete er die Wahrheit ungeschminkt und unverkürzt. Als er gefangengenommen wurde, gab er vor der Geheimen Staatspolizei zu Protokoll: ”Ich erkläre, daß ich im Falle meiner Freilassung trotz des gegen mich verhängten Redeverbotes nach wie vor sowohl in den Kirchen Münchens als auch im übrigen Bayern, aus grundsätzlichen Erwägungen heraus, predigen werde“. Er konnte nicht schweigen, ebensowenig wie der Apostel Paulus, der sagte: ”Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!“.

Bereitwillig nahm unser Seliger dafür Gefängnis und Konzentrationslager auf sich. Er schrieb auf den Fragebogen, den er im Gefängnis auszufüllen hatte: ”Ich bin mit diesem Los keineswegs unzufrieden: ich empfinde es nicht als Schande, sondern als Krönung meines Lebens.“ Und aus der Gestapo-Haft vor der Einlieferung in das Konzentrationslager Sachsenhausen berichtet er: ”Als die Gefängnistür eingeschnappt war und ich allein in dem Raum war, in dem ich schon so viele Stunden zugebracht hatte, kamen mir die Tränen in die Augen, und zwar waren es Tränen der Freude, daß ich gewürdigt wurde, um meines Berufes willen eingesperrt zu werden und einer ganz ungewissen Zukunft entgegenzusehen.“ Das ist nicht die Stimme eines lediglich tapferen Menschen, sondern eines Christen, der stolz darauf ist, am Kreuz Christi teilzuhaben. Vorgestern habe ich in Köln die Karmelitin Schwester Teresia Benedicta a Cruce, die vom Kreuz Gesegnete, seliggesprochen. Beide Selige gehören zueinander. Denn auch eurer Münchener Seliger, Pater Rupert Mayer, war vom Kreuz gesegnet.

In einem Brief aus dem Gefängnis an seine betagte Mutter lesen wir: ”Jetzt habe ich wirklich nichts und niemanden mehr als den lieben Gott. Und das ist genug, ja übergenug. Wenn die Menschen doch einsehen wollten, es gäbe viel mehr Glückliche auf Erden“. In der Einsamkeit seiner Haft galt das ganze Mühen von Pater Rupert Mayer der Vertiefung seiner inneren Bindung an Gott. In völliger Hingabe an ihn suchte er alle Bedrängnisse und Nöte für seine innere Erneuerung und Heiligung fruchtbar zu machen. Als Angeklagter vor seinen Richtern erfuhr er die tröstende und stärkende Nähe Gottes, die Christus seinen Zeugen verheißen hat: ”. . . macht euch keine Sorgen, wie und was ihr reden sollt. Nicht ihr werdet dann reden, sondern der Geist eures Vaters wird durch euch reden“.

4. Diese Worte Jesu sind eine Vorankündigung der Lebensgeschichte der Apostel, der besonderen Gegenwart Gottes in Ihrem Wirken, vor allem in ihrem Glaubenszeugnis. Sie bewahrheiten sich schon in jener Begebenheit, von der die heutige erste Lesung spricht. Am Pfingstfest ”trat Petrus auf, zusammen mit den Elf“ und sprach zum ersten Mal zu den versammelten Bewohnern von Jerusalem und den Besuchern, die zum Fest gekommen waren. Er legte Zeugnis ab für Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen. Ist es aber wirklich nur Petrus, der an diesem bedeutungsvollen Tag spricht? Oder ist es vielleicht ”nicht nur Petrus“? In der Tat! Durch Petrus spricht zugleich der Geist des Vaters und des Sohnes.

Ebenso scheinen die Worte des Psalmisten und Königs David, die Petrus anführt, nicht nur von diesem, sondern auch von unserem neuen Seligen gesprochen zu werden: ”Du zeigst mir die Wege zum Leben, du erfüllst mich mit Freude vor deinem Angesicht“. Selbst inmitten großer Bedrängnis erfährt Pater Rupert Mayer Gott als die innere Kraft und beglückende Erfüllung seines Lebens, Zugleich wird er aus dieser tiefen Verbundenheit mit Gott in den Zeiten großer Not selbst für viele Menschen zum Quell des Trostes, zum Vermittler neuer Hoffnung und Zuversicht, zum Vater der Armen, die ihn ihren 15. Nothelfer nannten. Wie sich die Menschen einst um Jesus scharten und bei ihm Hilfe fanden, strömten sie mit allen ihren Nöten auch zu ihm. Sechzig, siebzig Hilfesuchende klopften täglich an seine Tür. Mit offenem Herzen nahm er sie alle auf. Viele Stunden verbrachte er auch im Beichtstuhl, zu dem sich die Menschen drängten, um Hilfe in ihrem geistlichen Nöten zu suchen.

”Es muß Wärme von uns ausgehen, den Menschen muß es in unserer Nähe wohl sein, und sie müssen fühlen, daß der Grund dazu in unserer Verbindung mit Gott liegt“. Mit diesem Wort sagt uns der neue Selige, worum es ihm im Dienst an den Armen ging: er wollte Gottes Liebe sichtbar und erfahrbar machen und die Menschen spüren lassen, daß sie von Gott geliebt sind. Seine Güte und Hilfsbereitschaft war von solcher Kraft, daß er es auch ertrug, wenn sie einmal mißbraucht wurden. Als man ihn darauf aufmerksam machte, gab er nur zur Antwort: ”Wer noch nicht angeschmiert wurde, hat nie etwas Gutes getan“. Die Torheit seiner Liebe ist Teilhabe an der Torheit des Kreuzes, in der sich der liebende Gott uns zugewandt hat, um uns alle an sich zu ziehen.

5. Der Grundsatz, dem Pater Rupert Mayer zeitlebens treu geblieben ist, lautet: ”Christus, der Mittelpunkt unseres Lebens. Zwischenlösungen gibt es nicht“. Was er war, das wollte er ganz sein. Diese seine Entschiedenheit in der Nachfolge Christi hat ihn auf den Weg der Heiligkeit geführt. Gemäß dem Wahlspruch seines Ordens: ”Alles zur größeren Ehre Gottes“ ging es ihm vor allem um Gottes Ehre und damit um die Rechte Gottes. ”Der Herrgott hat das erste Anrecht auf uns“, sagte er. Und er wußte, daß er damit auch für die Rechte und Würde des Menschen kämpfte.

Wir hören heute viel von Menschenrechten. In sehr vielen Ländern werden sie verletzt. Von Gottesrechten aber spricht man nicht. Und doch gehören Menschenrechte und Gottesrechte zusammen. Wo Gott und sein Gesetz nicht geehrt werden, erhält auch der Mensch nicht sein Recht. Wir sehen das deutlich am Verhalten der nationalsozialistischen Machthaber. Sie kümmerten sich nicht um Gott und verfolgten seine Diener: und so gingen sie auch unmenschlich mit den Menschen um, in Dachau vor; den Toren Münchens wie in Auschwitz vor den Toren meiner früheren Bischofsstadt Krakau. Auch heute gilt: Gottesrechte und Menschenrechte stehen und fallen miteinander. Unser Leben ist nur dann in Ordnung, wenn unser Verhältnis zu Gott in Ordnung ist. Deshalb sagte Pater Rupert Mayer in den weltweiten Bedrängnissen des letzten Krieges: ”Die heutige Zeit ist eine furchtbar ernste Mahnung für die Völker der Erde, zurückzukehren zu Gott. Es geht nicht ohne Gott!“. Dieses Wort unseres Seligen hat auch heute nichts an Gewicht verloren. Auch heute; gilt es, Gott zu geben, was Gottes ist. Dann wird auch dem Menschen gegeben werden, was des Menschen ist.

6. Liebe Brüder und Schwestern! Die Seligen und Heiligen der Kirche sind Gottes lebendige und gelebte Botschaft an uns. Deshalb stellt sie uns diese Zur Verehrung und Nachahmung vor Augen. Öffnen wir uns also heute jener Botschaft, die uns der neue Selige Rupert Mayer durch sein Wort und Wirken so anschaulich verkündet. Suchen wir wie er in Gott die Mitte und Quelle unseres Lebens. Auf Gott baute er in unerschütterlichem, kindlichem Vertrauen. ”Herr, wie du willst, soll mir geschehn, und wie du willst, so will ich gehn,, hilf deinen Willen nur verstehn“, so lautet der erste Vers seines Lieblingsgebetes. Gott, der Herr, war die Quelle, aus der er in langen Stunden des Gebetes, in der heiligen Messe und in der täglichen treuen Pflichterfüllung die Kraft schöpfte für sein erstaunliches Lebenswerk.

Suchen auch wir aus derselben Kraftquelle unser Leben und unsere Umwelt zu gestalten. Der selige Rupert Mayer ist für uns alle ein Vorbild und Anruf, ein heiliges Leben zu führen. Heiligkeit ist nicht eine Sache für einige auserwählte Seelen: zur Heiligkeit sind wir alle berufen, alle ohne Ausnahme. Und er selber sagt uns auch, was zu einem heiligen Leben gehört: ”Keine außergewöhnliche Arbeit, keine außergewöhnlichen religiösen Erlebnisse, keine Erscheinungen. Nur: Heroische Tugend“. Das heißt: Tag für Tag treu und unbeirrt Gottes Willen tun und aus seiner Gegenwart leben; jeder ganz persönlich und auch in der Familie. Wir wissen, wie unserem Seligen besonders die christliche Familie am Herzen lag und er zu ihrer Förderung mit zwei anderen Priestern sogar eine eigene Schwesterngemeinschaft gegründet hat. Die hohe Zahl der Ehescheidungen und die geringe Kinderzahl zeigen, welch großen Belastungen und Bedrohungen die Familie in der heutigen Gesellschaft ausgesetzt ist. In euren Familien aber entscheidet sich die Zukunft eures Volkes, auch die Zukunft der Kirche in eurem Volk. Haltet zusammen, daß die Familien gestärkt werden. Haltet die Ehe heilig und laßt die eheliche Liebe fruchtbar werden in den Kindern, die Gott euch schenken will.

7. Sein Leben heiligen heißt aber auch, sich für das öffentliche Leben mitverantwortlich zu fühlen und es aus dem Geiste Christi mitzugestalten. Keinem Christen darf es gleichgültig sein, wie es in der Welt zugeht. Männer, Frauen und meine jungen Freunde, euch alle rufe ich auf: Setzt euch wie Rupert Mayer für Gottes Rechte und Gottes Ehre auch in der Öffentlichkeit ein. Laßt nicht zu, daß die Entchristlichung weiter um sich greift. Seid Salz der Erde und tragt das Licht der Wahrheit Gottes in alle Bereiche des Lebens hinein. Das ist der Dienst, den wir der Welt schulden. Es geht nicht ohne Gott! Habt nach dem Vorbild unseres Seligen vor allem auch ein Herz für die Armen. Ihr lebt in einem Land, das zu den wohlhabendsten Ländern der Erde gehört. Laßt euer Herz durch euren Besitz nicht stumpf werden für die Not der Hilfsbedürftigen und Vergessenen am Rande eurer Gesellschaft und in aller Welt. Macht auch ihr durch eure Güte Gottes Liebe sichtbar und erfahrbar unter euren Mitmenschen.

Liebe Schwestern von der Heiligen Familie, eure Gemeinschaft wurde durch Pater Rupert Mayer nicht nur mitgegründet, sondern vor allem auch geistig geformt. Haltet seinen Geist lebendig. Euer Ideal veraltet nicht. Die Aufgabe, für die eure Gemeinschaft gegründet wurde, ist noch immer zeitgemäß.

Liebe Sodalen der Marianischen Männerkongregation, ihr hütet in eurer Kongregationskirche als kostbaren Schatz das Grab des neuen Seligen, an dem ich nach diesem Gottesdienst beten werde. Hütet auch das geistige Erbe, das er euch hinterlassen hat: die Liebe zu Maria und die Bereitschaft zum Dienst an der Welt.

Liebe Patres und Brüder des Gesellschaft Jesu, euch beglückwünsche ich zu eurem Mitbruder, den wir von heute an als Seligen verehren. Er ist eine Zierde eures Ordens. Möge er euch auch Vorbild und Ansporn sein, treu dem hohen Ideal des heiligen Ignatius von Loyola euren Dienst in Kirche und Welt zu erfüllen. Euer seliger Mitbruder hat nach diesem hohen Ideal gelebt. Er stehe euch bei, seinem Beispiel zu folgen.

8. ”Seht, ich sende euch . . . werdet stark durch den Herrn!“.

Liebe Brüder und Schwestern! Sagt nicht auch der selige Rupert Mayer diese Worte am heutigen Tag seiner Seligsprechung zu uns, die wir hier versammelt sind? Zu euch, seinen Landsleuten, hier in dieser Stadt und im ganzen Land? Zur Kirche von München? Zur ganzen Gesellschaft?

”Werdet stark durch die Kraft und Macht des Herrn!

Zieht die Rüstung Gottes an . . . Denn wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern . . . gegen die Beherrscher dieser finsteren Welt, gegen die bösen Geister . . .“ (Eph. 6, 10-12).

Es gibt Zeiten, in denen die Existenz des Bösen unter den Menschen in der Welt in einer besonderen Weise in Erscheinung tritt. Dann wird noch offenkundiger, daß die Mächte der Finsternis, die in den Menschen und durch die Menschen wirken, größer sind als der Mensch. Sie übersteigen ihn, sie kommen von außen über ihn.

Der heutige Mensch scheint dieses Problem fast nicht sehen zu wollen. Er tut alles, um die Existenz jener ”Beherrscher dieser finsteren Welt“, jene ”listigen Anschläge des Teufels“, von denen der Epheserbrief spricht, aus dem allgemeinen Bewußtsein zu verbannen. Dennoch gibt es solche Zeiten in der Geschichte, in denen diese - nur widerwillig angenommene - Wahrheit der Offenbarung und des christlichen Glaubens ihre volle Ausdruckskraft und fast handgreifliche Bestätigung findet.

9. Der geistige Sieg von Pater Rupert Mayer erklärt sich vollkommen vor dem Hintergrund einer` solchen Epoche, einer solchen geschichtlichen Erfahrung. Die Worte: des Apostels beziehen sich in einem gewissen Sinn auf den konkreten Lebensverlauf dieses Dieners Gottes. Es war einer von jenen, die in diesem geistigen Kampf, in diesem Ringen mit den Mächten der Finsternis ”die Rüstung Gottes angelegt, sich mit der Wahrheit gegürtet, den Panzer der Gerechtigkeit und als Schuhe die Bereitschaft, für das Evangelium vom Frieden zu kämpfen, angezogen haben“ (Eph. 6, 12-15). Der Glaube war für ihn wirklich der Helm, und das Wort Gottes war das Schwert des Geistes. Er kämpfte fortwährend mit diesem ”Schwert“ und ”hörte nicht auf zu beten und zu flehen“. Nein, er vertraute nicht auf seine eigenen Kräfte. Er erinnerte sich an die Worte des Meisters an die Apostel im Abendmahlssaal: ”Der Geist eures Vaters wird durch euch reden“ (Mt. 10, 20). Und deshalb hörte er auch nicht auf zu bitten, daß Gott ihm ”das rechte Worte schenke . . ., um das Geheimnis des Evangeliums zu verkünden“ (Eph. 6, 19).

Die Worte des Epheserbriefes hat der Apostel Paulus geschrieben, als er nur noch als ”Gefangener“ seiner Sendung nachkommen konnte (ebd. 3, 1;4, 1). So hat auch Pater Rupert Mayer gesprochen und bezeugt, so hat auch er sich verhalten und für Christus Verfolgung erduldet - als ”Gefangener“ in Landsberg und im Konzentrationslager Sachsenhausen, und so ist er uns in Erinnerung geblieben, im Gedächtnis der Kirche: als mutiger Zeuge der Wahrheit und Apostel der Gottes- und Nächstenliebe. Diesem seinen Andenken erweist die Kirche nun ihre besondere Verehrung, damit es von Generation zu Generation fortdauert.

Heute spricht dieser ”Gefangene Christi“ im Lager Sachsenhausen noch einmal zu uns - und die Kirche nimmt seine Worte auf in ihr geistiges Erbe:

”Bete jederzeit im Geist; seid wachsam, harrt aus . . .

Legt die Rüstung Gottes an“ (Eph. 6, 18.13).

Nehmt, liebe Brüder und Schwestern, an diesem Festtag das Zeugnis des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe eures großen Landsmannes an! Möge das geistige Erbe seines Lebens und seines apostolischen Dienstes immer, besonders in Zeiten der Prüfung, mit euch sein und euch stets neue Kraft und Zuversicht schenken in Christus, unserem Herrn. Amen.

Regina Cæli

Liebe Brüder und Schwestern!

Unser neuer Seliger Pater Rupert Mayer war 24 Jahre lang Präses der Marianischen Männerkongregation in München. Seine Verehrung galt somit in einer besonderen Weise auch der Gottesmutter. Nach der religiösen Zielsetzung dieser Vereinigung hatte er ihren Mitgliedern zu helfen, aus marianischer Grundhaltung heraus den Glauben im Alltag bewußt zu leben.

Am Ende dieser festlichen Eucharistiefeier wollen wir hören, was uns der selige Pater Mayer über Maria sagt:

”Sie (Maria) war eine Christusträgerin, und das sind auch wir bei jeder heiligen Kommunion. Ich würde wünschen, daß wir an manchen Tagen besonders diesen Gedanken in unserem Herzen pflegen: Ich will den Tag auch heute so zubringen, wie ihn die Gottesmutter zugebracht hat: in inniger Lebensgemeinschaft mit Christus. Es genügt nicht, daß Christus erschienen ist auf Erden und daß er wieder erscheinen wird am Jüngsten Tag. Notwendig ist, daß er von unserem eigenen Herzen Besitz ergreift“.

Unsere Verehrung zur Gottesmutter soll also vor allem in der Nachahmung ihrer Tugenden bestehen, ihrer Güte, ihrer Christusverbundenheit, ihrer Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen. Auch das bald beginnende Marianische Jahr will uns nachdrücklich dazu einladen. Darum wollen wir uns in diesem Gnadenjahr durch das Vorbild und die Fürsprache des seligen Pater Rupert Mayer zu Maria führen lassen, damit sie uns in eine immer tiefere Lebensgemeinschaft mit Christus führt.

Maria, die Mutter unseres Erlösers und unsere Mutter, preisen wir nun mit dem österlichen Marienhymnus.

Predigt bei der Hl. Messe in der Kathedrale von Augsburg

Verehrte Mitbrüder im Bischofs- und Priesteramt, liebe Brüder und Schwestern!

Vor allem auch Ihr lieben Gläubigen, die Ihr der heiligen Messe im Freien beiwohnen wolltet!

Ich begrüße Euch besonders herzlich, da Ihr Euch nun durch das Fernsehen mit unserer Eucharistiefeier im Gebet verbindet. Möge der unerwartete Regen ein Zeichen sein für den reichen Segen, den Gott unserer heutigen Gebetsgemeinschaft und der ganzen Diözese Augsburg schenken möge.

1. Für den Bischof von Rom, den Nachfolger des heiligen Petrus, ist es eine große Freude, euch bei dieser abendlichen Stunde zusammen mit eurem verehrten Oberhirten, Bischof Josef Stimpfle, und seinen Mitarbeitern im Dienstamt Christi zur Feier der österlichen Geheimnisse hier versammelt zu sehen und gemeinsam mit euch allen diesen festlichen Gottesdienst zu erleben und in Lob und Dank dem Herrn darzubringen. Es ist heute genau der Tag, an dem vor 205 Jahren Papst Pius VI., diese Stadt besucht und in ihr die heilige Eucharistie gefeiert hat.

Wie ihr wißt, war es schon seit langem mein Wunsch, auch einmal nach Augsburg zu kommen. Diese Stadt ist nicht nur durch ihren Namen und ihre Entstehung unter Kaiser Augustus vor 2000 Jahren in einer besonderen Weise mit Rom verbunden, sondern mehr noch durch ihre christliche Geschichte: Die Märtyrerin Afra hat nicht weit von hier im Jahre 304 für Christus den Feuertod erlitten; der heilige Bischof Ulrich hat mehrmals die damals beschwerliche Reise nach Rom unternommen, um die Einheit dieses Bistums mit dem Herzen der Kirche zu bestärken. Eure heiligen Bistumspatrone Ulrich, Simpert und Afra zeugen zusammen mit anderen Heiligen von der Leuchtkraft des christlichen Glaubens in eurer Heimat, einer Geschichte von Tod und Auferstehung, einer Geschichte des siegreichen Kreuzes. Sie ermutigen euch durch ihr heroisches Beispiel, mit derselben Glaubenskraft nach vorne zu schauen, die Zeichen unserer Zeit zu erkennen und der Welt von heute Zeugnis zu geben vom gekreuzigten und auferstandenen Herrn, den wir jetzt in unserer Mitte wissen.

2. Liebe Brüder und Schwestern! Auch wir bitten den Herrn in dieser Stunde: ”Bleib bei uns; es wird bald Abend, der Tag hat sich schon geneigt“ (Lk. 24, 29). Diese Einladung der Jünger von Emmaus soll über unserer heutigen festlichen Liturgie stehen; das Evangelium von diesem 3. Ostersonntag führt uns ja auf den Weg nach Emmaus. Es ist dies ein wichtiger Ort im Zusammenhang der österlichen Ereignisse: ein Ort der Begegnung mit Christus, ein Ort der Erscheinung des auferstandenen Herrn.

Im Glaubensverständnis des alttestamentlichen Gottesvolkes erinnert das Osterfest an den ”Vorübergang“ des Herrn, an den Auszug der Israeliten aus dem ”Haus der Knechtschaft“ in Ägypten auf den Weg zum verheißenen Land. Gott selbst ist es, der sein Volk führt, befreit und errettet. Am Beginn jenes Auszuges hatte das Zeichen des Lammes gestanden. Sein Blut hatte die Häuser der Israeliten gekennzeichnet und die Bewohner vor der Strafe des Todes verschont; sein Fleisch stärkte sie beim letzten Familienmahl vor dem Aufbruch.

Von diesem Glauben ihres Volkes beseelt, hatten die beiden Emmausjünger am Paschafest der Juden in Jerusalem teilgenommen und auch die Kreuzigung Jesu Christi erlebt. Als ihnen auf ihrem Heimweg der auferstandene Herr erschien, ohne daß sie ihn sogleich erkannten, erklärte er ihnen, wie das Osterfest des Neuen Bundes in den Ereignissen und Schriften des Alten Testaments vorausverkündet worden ist: im Auszug aus der Knechtschaft in die Freiheit. Dieser vollzieht sich nun im Übergang vom Tod zum Leben, von der Sünde zur Freundschaft mit Gott. Und wiederum geschieht es mit Hilfe eines Lammes: durch das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt, durch Jesus Christus, unseren Erlöser. Von ihm und seinem Schicksal sprechen schon Mose und die Propheten, ja die ”ganze Schrift“. Deshalb konnte der auferstandene Herr zu Recht fragen: ”Mußte nicht der Messias all das erleiden, um so in sein Herrlichkeit zu gelangen?“ (Lk. 24, 25 f.).

3. In der Tat, viele Aussagen des Alten Testamentes deuten im voraus auf das Geschehen im Abendmahlssaal und auf Golgota hin. Diese Ankündigungen wären jedoch nicht erfüllt worden, wenn sich die österlichen Ereignisse nicht in der von Gott vorherbestimmten Zeit und Weise in Jerusalem zugetragen hätten. Und dennoch haben die Jünger Jesu das so dramatische und bewegende Geschehen mit ihrem Meister während des Paschafestes der Juden nicht sogleich in seiner wahren Bedeutung und tieferen Wahrheit erkannt. Es fiel ihnen schwer, ”alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben“. So schwierig war für sie diese Wahrheit, die ein anderes Verständnis der Heiligen Schriften gewohnt waren. Warum sollte der Messias leiden müssen, verurteilt werden und am Kreuz sterben, verachtet und verspottet wie ein Ausgestoßener? So sind sie zunächst wie von Blindheit geschlagen, mutlos und traurig, wie gelähmt. Dem Menschen war es und bleibt es unbegreiflich, warum der Weg zum Heil über das Leiden führt.

Darum ist diese Begegnung auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus so bedeutsam; nicht nur im Zusammenhang der österlichen Ereignisse von damals, sondern für immer, für alle Zeiten- auch für uns. Auf diesem Weg haben die Jünger von Jesus gelernt, die Heiligen Schriften neu zu lesen und in ihnen ein prophetisches Zeugnis über ihn, eine Vorankündigung auf ihn, auf seine Botschaft und Heilssendung zu entdecken. Dadurch werden die Jünger vom Herrn selber vorbereitet, seine Zeugen zu werden. So gibt Petrus in den Lesungen der heutigen Liturgie aus diesem neuen, tieferen Verständnis des Ostergeschehens vor den Menschen Zeugnis für die Auferstehung des Herrn. In diesem Lichte Christi, des Auferstandenen, versteht und verkündigt er auch das Psalmenwort aus dem Munde Davids: ”Du gibst mich nicht der Totenwelt preis, noch läßt du deinen Heiligen die Verwesung schauen“ (Apg. 2, 27).

Als Jesus den beiden Jüngern auf dem Weg nach Emmaus den wahren Sinn der Heiligen Schrift erschließt, wissen die Apostel in Jerusalem schon, daß dieses Psalmwort sich bereits konkret erfüllt hat: ”Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen“ (Lk. 24, 26).

4. Die Begegnung auf dem Weg nach Emmaus ist ferner auch deshalb von großer Bedeutung, weil Jesus nach seinem Tod am Kreuz seinen Jüngern dadurch bekräftigt hat, daß er bei ihnen bleibt. Er ist trotz oder gerade wegen des Karfreitags bei ihnen und wird für immer bei seiner Kirche bleiben gemäß seiner Verheißung: ”Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, sondern ich komme wieder zu euch“ (Joh. 14, 18).

Christus ist nicht nur derjenige, der war, sondern er ist mehr noch derjenige, der ist. Er war gegenwärtig auf dem Weg nach Emmaus, er ist auch gegenwärtig auf allen Straßen der Welt, auf denen durch die Generationen und Jahrhunderte hin seine Jünger wandern.

5. Liebe Brüder und Schwestern! Aus der Begegnung mit dem auferstandenen Herrn auf dem Weg nach Emmaus fiel für die beiden Junger neues Licht auf die Heiligen Schriften und auf das Geschehen von Kalvaria, es fiel Licht in das Dunkel ihres eigenes Lebens. Es fällt daraus Licht auch auf die Geschichte und Geschicke der Menschheit und der Kirche, so auch der Kirche von Augsburg. Christus weist nach, daß der Messias leiden ”mußte“, um seine Heilssendung zu vollbringen. Läßt sich nicht vielleicht in diesem selben Licht auch manches Dunkle und Leidvolle sehen und verstehen, das den Jüngern Christi und der Kirche auf ihrem Weg durch die Geschichte begegnet? Dadurch läßt sich oft in Prüfung und Leid Gottes gütige und sorgende Hand erkennen, der durch die Erfahrung des Kreuzes zu Heil und Auferstehung führt.

So wurde am Beginn des geschichtlichen Weges der Kirche von Augsburg die Herausforderung der heidnischen Umwelt für die Jungfrau Afra nicht zur Versuchung zum Glaubensabfall, sondern Anruf zum Blutzeugnis für Christus. ”Mußte“ nicht, so können wir fragen, das Blut von Märtyrern zum Samen für ein lebendiges und kraftvolles Christentum werden, von den ersten Jahrhunderten der Kirche bis in unsere Tage? Die Kirche von Uganda, die mit eurer Diözese in einem engen partnerschaftlichen Austausch steht, ist ein eindrucksvolles Beispiel aus nicht allzu ferner Vergangenheit dafür. ”Mußte“ es vielleicht sogar - so wagen wir hier in Augsburg zu fragen - nach Gottes unergründlichem Ratschluß zu Kirchenspaltung und Religionskriegen in Europa kommen, um die Kirche zu Besinnung und Erneuerung zu führen? Oder ”mußten“ etwa Männer und hauen wie der heilige Maximilian Kolbe, die selige Edith Stein, ein Max Josef Metzger oder Dietrich Bonhoeffer ihr Leben hingeben, damit durch ihr Opfer neues christliches Leben in diesem Land erwachse und Versöhnung zwischen verfeindeten benachbarten Völkern wieder möglich werden konnte? Gott, der Herr der Geschichte, der Christus durch Kreuz und Tod zur Auferstehung und Herrlichkeit geführt hat, hält auch die Geschicke der Kirche und der Menschheit in seiner Hand und führt sie nach seiner gütigen Vorsehung durch Gericht zu Läuterung und Heil. Wir dürfen hoffen, daß die Orte des Leidens und der Schuld zugleich auch Orte besonderer Gnade gewesen sind.

Gott hat auch heute mit der Kirche, auch mit der Kirche von Augsburg, seinen Plan. Er läutert und erneuert sie, damit das Antlitz Christi in ihr klarer erstrahle. Er sendet sie, damit sie der Welt den Auferstandenen verkünde und vermittle.

6. Christus selbst erschließt den Jüngern von Emmaus das tiefere Verständnis alles Geschehens als Heilsgeschehen durch das Wort der Heiligen Schrift: ”Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten . . .“ (Lk. 24, 27). Zu allen Zeiten hat Gott durch das Wort seiner Offenbarung Menschen bewegt und die Kirche erneuert. Trauen wir auch heute Gottes Wort die Kraft zu, neues Leben in der Kirche zu wecken und Menschen neu für die Nachfolge Christi zu begeistern! Glauben wirkt dort überzeugend, wo er treu gelebt und mit anderen geteilt wird. Wagt also das Glaubensgespräch, teilt eure Glaubenserfahrung einander mit, sucht euch gläubige Vorbilder! Sie leben mitten unter euch! Erneuert so euer Leben aus der Quelle der Heiligen Schrift, wie sie in Treue zur Überlieferung geglaubt und ausgelegt wird; lest sie, wenn möglich, täglich; meditiert darüber; gebt dem Wort Gottes in eurem Leben eine überzeugende und gewinnende Gestalt. Durch sein Wort wird Christus selbst in euch lebendige Gegenwart. Das Wort des Evangeliums ist uns mit allen Christen gemeinsam über noch bestehende Grenzen hinweg. Gebt also zusammen mit euren getrennten Brüdern und Schwestern gemeinsam Zeugnis von der uns darin geschenkten christlichen Hoffnung, auf das gerade hier in Augsburg, wo man sich in der Reformationszeit um des Wortes willen voneinander abgewandt hat, dieses lebenschaffende Wort die christlichen Gemeinschaften und Kirchen wieder zusammenführt.

Die von unseren Brüdern und Schwestern evangelisch-lutherischen Bekenntnisses auf dem Reichstag in Augsburg eingereichte Schrift, um ihren Glauben an ”die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“ zu bezeugen, hat damals leider nicht zu der ersehnten Versöhnung geführt. Doch hat uns gerade die Jubiläumsfeier dieses Dokumentes, das als Confessio Augustana in der Kirchengeschichte eingegangen ist, vor einigen Jahren in einer besonderen Weise daran erinnert, wie breit und fest noch die gemeinsamen Fundamente unseres christlichen Glaubens sind. Der Geist wahrer Ökumene ruft uns deshalb auf, vor allem das alle Christen schon jetzt zutiefst Verbindende des apostolischen Erbes und das gemeinsame Glaubensgut neu zu entdecken und zu fördern. Wenn auch noch keine volle eucharistische Gemeinschaft zwischen uns möglich ist, so gibt es doch schon vieles, was wir gemeinsam tun können. Warum noch getrennte Wege gehen dort, wo wir sie schon jetzt gemeinsam gehen können? In diesem Geist treffen sich morgen Vertreter und Gläubige der verschiedenen christlichen Kirchen zu einem ökumenischen Gebetsgottesdienst in der Kirche der Heiligen Afra und Ulrich. Im Gehorsam gegenüber dem Drängen des Heiligen Geistes und dem Willen Christi wollen wir den Weg zur Einheit unter allen Christen mit Geduld und Ausdauer weitergehen. Das Vermächtnis Jesu Christi verpflichtet uns!

7. Liebe Mitchristen! Der auferstandene Herr hat den beiden Jüngern auf dem Weg nach Emmaus die Augen geöffnet für das Handeln Gottes in der Geschichte zum Heil der Menschen und ihr Herz entflammt, als er ihnen die Schrift erschloß. Erkannt haben sie ihn jedoch erst am Zeichen des Brotbrechens. Unter diesem Zeichen hatte er am Abend vor seinem Leiden seine Liebe bis zum letzten, bis zur Hingabe am Kreuz, zum Ausdruck gebracht und das bleibende Gedächtnis an seinen Tod gestiftet. ”Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten ihn“ (Lk. 24, 31). Wir erkennen Christus vor allem, wenn er mit uns wird in der Gemeinschaft des österlichen Mahles.

Von den Straßen dieser Welt und aus der Zerstreuung eures Alltags dürft ihr euch immer wieder zum Opfermahl mit dem auferstandenen Herrn treffen, als Volk Gottes zu einer lebendigen Glaubensgemeinschaft vereint. In dieser gemeinsamen Begegnung mit Christus in der Eucharistie voller Glaube, Hoffnung und Liebe kann schon jene österliche Wirklichkeit aufleuchten und für uns erfahrbar werden, die den neuen Himmel und die neue Erde ankündigt. Erwarten die Menschen nicht zu Recht von der Kirche und den Christen den Lebensraum, in dem die ”Zivilisation der Liebe“ sichtbar und erlebbar wird, die Christus als Keim in diese Welt eingestiftet hat? Vielen Menschen ist der tiefere Sinn ihres alltäglichen Tuns abhanden gekommen; unserer Gesellschaft fehlt weithin die Herzmitte. Zu allen Jahrhunderten war es gerade das besondere Merkmal der Christen, den Sonntag, den Herrentag, in Gebet und gemeinsamem Gottesdienst zu begehen; manche sind dafür in der Zeit der Verfolgung sogar in den Tod gegangen. Die Versammlung der Gemeinde am Sonntag mit ihrem Höhepunkt in der Eucharistiefeier ist die Mitte des Lebens einer Pfarrei. Bleibt darum der sonntäglichen Messe ganz besonders treu! Sie ist nach dem Konzil ”der Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt und zugleich die Quelle, aus der all ihre Kraft strömt“ (Sacrosanctum Concilium, 10).

8. Nach der Begegnung mit Christus im Gedenken der Heiligen Schrift und im Brotbrechen heißt es dann von den Emmausjüngern: ”Noch in derselben Stunde brachen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück“ (Lk. 24, 33). Ihre persönliche Christuserfahrung drängt sie zum Aufbruch und zum Zeugnis. Hier beginnt der ”neue Weg“, der Weg der Kirche, die voll Hoffnung bis an die Grenzen der Erde Zeugnis gibt vom auferstandenen Herrn: ”Da erzählten auch sie, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach“ (ebd. 24, 35).

Wie sehr braucht der heutige Mensch die bewußte Begegnung mit Christus! Wie sehr braucht er als Suchender, Zweifelnder und Fragender die Entdeckung der vollen Wahrheit der österlichen Wirklichkeit des Herrn, der vollen Wahrheit seines Lebens und Sterbens und seiner Auferstehung. Die Welt braucht dafür unser christliches Zeugnis! Auch wenn Menschen oft leben, als gäbe es Gott nicht, so sehnen sie sich doch im Tiefsten auf ihrer Suche nach Glück und Geborgenheit ständig nach ihm. Euer Zeugnis in der Familie, im Berufsleben, in der Schule, in den Büros und Fabriken, in der Öffentlichkeit und im politischen Leben entscheidet darüber, ob die befreiende Botschaft Christi auch heute die Menschen an eurer Seite, in eurem Lebensraum erreicht. Alle Bereiche unseres Lebens und unserer Gesellschaft können in ihm wahrer und reicher werden. Durch das gläubige Zeugnis der Christen könnte es gelingen, nach manchen tragischen Brüchen zwischen Kirche und Welt, zwischen Glaube und Vernunft zu einer neuen Begegnung von Evangelium und Kultur zu kommen, gerade auch in diesem offensichtlich gealterten Europa. Hier hat jeder Christ schon aufgrund seiner Taufe ein weites Feld für sein Apostolat. Nehmt nach den Jahren einer notwendigen Besinnung auf die Fragen des Aufbaus eurer Pfarrgemeinden und Diözesen jetzt wieder mehr eure Weltverantwortung wahr und bleibt nicht eingeschlossen im Innenraum der Kirche: ”Noch in derselben Stunde brachen sie auf!“.

Um einen solchen neuen Aufbruch zu lebendigen Pfarrgemeinden in einer missionarischen Ortskirche geht es ja auch in der Diözesansynode, die euer Bischof für das Jahr 1990 angesagt hat. Die Weltbischofssynode im Jahre 1985 in Rom nennt die Durchführung einer solchen Synode innerhalb einer Diözese ausdrücklich einen Weg zur Anwendung des Zweiten Vatikanischen Konzils für die Ortskirche. Ich ermutige euch alle, euch in einem solidarischen Prozeß auf dieses wichtige Ereignis vorzubereiten, und bete zu Gott, daß die Synode die Grundlagen zu einer neuen Evangelisierung in Stadt und Bistum Augsburg lege. Macht euch so gemeinsam auf den Weg in das dritte christliche Jahrtausend eurer Stadt. Nützt die besondere Gnade dieser Zeit! Laßt euer Leben verwandeln durch das Wort des Herrn und euer Herz brennen durch seine Gegenwart! Werdet eures Glaubens froh, damit ihr ein Zeugnis der Freude und Ermutigung geben könnt!

9. So hat, liebe Brüder und Schwestern, der Weg nach Emmaus im Zusammenhang des Ostergeschehens in Jerusalem auch für uns eine vielfältige Bedeutung. Wir kehren als Jünger Christi, als seine Kirche immer wieder auf ihn zurück. Er ist ja nicht nur der Weg der Enttäuschung und des Zweifels, sondern vor allem der Weg der Begegnung mit dem auferstandenen Herrn, der Weg der Besinnung und der Umkehr. Er ist der Weg, auf dem die Herzen der Menschen ”entbrennen“, wenn sie die Worte jener Wahrheit hören, die von Gott kommt: ”Brannte uns nicht das Herz, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schrift erklärte?“ (Lk. 24, 32), Wie notwendig bedürfen wir und alle Menschen nicht immer wieder der Erfahrung einer solcher wärmenden und erhellenden Nähe Jesus Christi!

Öffnen wir dem auferstandenen Herrn weit unsere Herzen und unser Leben, der sich uns in dieser Eucharistiefeier erneut durch das Brotbrechen zu erkennen gibt. Möge er auch unsere Herzen durch das Feuer seiner Liebe entzünden und uns heute neu als seine Zeugen aussenden.

Montag, den 4. Mai 1987

An die Ordensschwestern und Novizinnen im Dom zu Augsburg

Liebe Schwestern im Herrn!

1. Herzlich begrüße ich euch als Vertreterinnen der verschiedenen Ordensgemeinschaften und religiösen Institute der Kirche von Augsburg. Mit euch grüße ich alle Mitschwestern, die heute nicht hierherkommen konnten, die in euren Häusern den Dienst übernommen haben oder wegen Alter und Krankheit verhindert sind.

Besonders freue ich mich, euch junge Christen hier zu sehen, Mitglieder der Mädchengemeinschaft ”Der Neue Weg“. Mit euch grüße ich alle Jugendlichen des Augsburger Bistums, die bewußt oder unbewußt auf der Suche sind nach Jesus Christus und einem in ihm erfüllten Leben.

Der heilige Paulus schreibt in seinem ersten Brief an die Korinther: ”Wir haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott stammt, damit wir das erkennen, was uns von Gott geschenkt worden ist“ (1 Kor 2, 12). Was ist uns denn von Gott geschenkt worden, welche Möglichkeiten eröffnet er unserem Leben?

Liebe Schwestern! Die Möglichkeit, die ihr erkannt und lieben gelernt habt, ist die innige Lebensgemeinschaft mit Jesus Christus, in der ihr so leben wollt, wie er selbst gelebt hat: Sein Leben ist euer Vorbild, sein Handeln euer Maßstab, sein Geist eure Kraft. Durch eure Verbundenheit mit ihm nehmt ihr teil an seinem Auftrag und gebt Kunde von den Heilstaten Gottes. Für diese hohe Sendung gewinnt ihr Kraft und Freiheit in einem Leben der ehelosen Keuschheit um des Himmelreiches willen, in Armut vor Gott und den Menschen, im Gehorsam gegen Gott innerhalb einer konkreten Gemeinschaft.

2. Ihr habt eure bräutliche Liebe dem Herrn geschenkt und darin den Sinn eures Lebens gefunden. Sein Leben aus der Fülle des Vaters kann auch das persönliche Leben einer jeden von euch erfüllen. Die erbetene und meditierte Begegnung mit ihm, die Glaubensgewißheit seiner Treue, sie geben euch Freiheit. So könnt ihr euch selbst verschenken im Dienst an den Menschen und im schwesterlichen Miteinander in euren Gemeinschaften. Habt keine Angst, euch dabei zu verlieren oder zu kurz zu kommen: Gottes Liebe umfängt euch und gibt euch Halt. Dadurch werdet ihr fähig, um des Gottesreiches willen auf das hohe Gut ehelicher Gemeinschaft und leiblicher Mutterschaft zu verzichten. Ihr wollt Gott allein gefallen und um seine Sache besorgt sein (ebd. 7, 32).

Diese jungfräuliche Haltung ist in Maria vollkommen verwirklicht. Sie war um die Sache des Herrn besorgt wie keine andere, von der Verkündigung des Engels bis unter das Kreuz ihres Sohnes. Deshalb wurde sie auch die Mutter der ganzen Kirche. Viele von euch tragen ihren Namen. Tragt auch ihr Vorbild in eurem Herzen und ahmt ihre Treue nach. Ihr zündet ein Licht an für die Menschen unserer Zeit, wenn ihr zeigt, daß enthaltsames Leben um des Gottesreiches willen zu Freude und Erfüllung führt, je mehr es in Freiheit und Hingabe gelebt wird. Im Finstern bleibt nur, wer mit geteiltem Herzen lebt; im Finstern bleibt nur, wer mit halbem Herzen liebt.

Ihr jungen Mädchen, schaut aufmerksam auf dieses Zeichen christlicher Jungfräulichkeit. Laßt euch nicht beirren von denen, die euch lediglich an eure Triebe binden wollen. Wirklich frei wird nur, wer durch die Bindung an Christus Raum gefunden hat, sich selbst in Liebe zu verschenken an Gott und seine Barmherzigkeit für die Welt und ihre Menschen.

3. Liebe Schwestern, ihr lebt in einem Land, in dem viele meinen, sich alles kaufen zu können: Besitz und Macht, Anerkennung und Glück. Eure freiwillige Armut mag für manche Menschen Ärgernis und Torheit sein. Der Mensch ist aber mehr, als was er besitzt. Durch euren Weg der Armut, den Weg eines einfachen Lebens, seid ihr mehr, als was ihr leistet, mehr, als was ihr erreicht, mehr, als was ihr wißt und erkennt. Jesus Christus ist euer Reichtum. So können euch Besitz, Macht und Ansehen zweitrangig werden. Das macht euch frei. Ihr könnt loslassen, verfügbar sein und solidarisch werden mit den ”Armen“ unserer Tage. Durch eure Armut seid ihr den Schwachen und Entrechteten, den Ausgenützten und Hilflosen besonders verbunden. Stellt euch auf ihre Seite und steht für sie ein, tapfer und ehrlich. Dann gilt auch von euch: ”Ihr seid arm und macht doch viele reich; ihr habt nichts und habt doch alles“ (2 Kor 6, 10).

Nehmt also gern und bewußt die Armut in der Nachfolge Christi auf euch, wie sie Maria in Betlehem und Nazaret mit Jesus geteilt hat. Ihr setzt damit ein prophetisches Zeichen für endgültiges, reiches Leben in Gott.

Liebe Jugendliche, ihr seid auf der Suche nach dem echten Sinn und Reichtum eures Lebens. Schaut auf Jesus Christus: Er ist euretwillen arm geworden und als Mensch in dieser Welt gekommen. Durch ihn ist auch euer Leben in Gott geboren. Lebensfurcht und Unsicherheit kommen in ihm zur Ruhe. Das macht euren Reichtum aus. Es geht darum, dem Herrn alles zu schenken, um in ihm alles zu finden.

4. Liebe Schwestern, heute wird viel gesprochen von Befreiung und Emanzipation, und es kommt diesen in sich berechtigten Anliegen eine besondere Bedeutung zu. Wird aber der Mensch, der nur Gebote und Bindungen abschüttelt, schon wirklich frei? Findet er heraus aus der Gefangenschaft des Egoismus und des Hasses, wenn er jeder Autorität mißtrauisch gegenübersteht?

Ihr lebt den Gehorsam. Ihr steht in der Freiheit der Liebe, weil ihr auf Gott vertraut und seiner Liebe gewiß seid. Euer Maßstab ist der Gehorsam Jesu Christi: ”Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz “ (Phil 2, 8). In dieser Grundhaltung gelingt euch dann auch ein erwachsener Gehorsam gegenüber euren Ordensoberen und den kirchlichen Autoritäten. Euer Gehorsam ist vor allem Gehorsam gegen Gott; er muß sich aber in der konkreten Gemeinschaft und ihrer Ordnung bewähren und verleiblichen. In und mit eurer Gemeinschaft seid ihr verfügbar für Gott, erhaltet ihr Sicherheit und Kraft für euren selbstlosen Einsatz. Laßt euch gebrauchen als Werkzeuge der Liebe.

Auch hier ist Maria, die Mutter des Herrn, euer Vorbild. Sie sprach ihr ”Fiat“ und nahm damit den Willen Gottes an. Ihre gehorsame Liebe führte sie unter das Kreuz, aber auch zur Freude der Auferstehung.

Euch, liebe Jugendliche, bitte ich: Laßt euch nicht verführen zu falscher, kurzsichtiger Freiheit. Ihr seid noch nicht frei, wenn ihr lediglich tun könnt, was euch behagt, was euer Geldbeutel euch erlaubt. Ihr seid keineswegs frei, wenn ihr euch durchsetzt auf Kosten anderer. Unterstellt eure junge Begeisterung dem lebensweckenden Willen Gottes. Bündelt euren guten Willen in kraftvoller Gemeinschaft mit Gleichgesinnten. Sucht gemeinsam, was auf Dauer gut ist für euch und für die anderen. So werdet ihr frei.

Liebe Schwestern und junge Mitchristen!

Wie kostbar ist eure Berufung, Licht der Welt und Zeugen des Evangeliums zu sein! Seid nicht zaghaft, sondern habt Mut! Lebt mit Christus, aus seiner Kraft; denn der Herr nimmt sich unserer Schwachheit an. Gebt der Welt ein Zeugnis von der Menschenfreundlichkeit Gottes. Ich wünsche euch allen und bete darum, daß ihr darin immer vollkommener werdet. Gott, ”der das gute Werk in euch begonnen, wird es auch vollenden“.

Dazu erteile ich euch, allen euren Mitschwestern und Gemeinschaften von Herzen meinen besonderen Apostolischen Segen.

Amen.

An die Seminaristen der Diözese Augsburg

Verehrte Mitbrüder im Bischofs- und Priesteramt,
liebe Alumnen,
liebe Brüder und Schwestern!

Ein weiterer Höhepunkt meines kurzen Pastoralbesuches in eurer Diözese ist die Einweihung des neuen Priesterseminars. Dies ist für euch, aber auch für mich eine besondere Freude, die mir zum ersten Mal während einer Pastoralreise zuteil wird.

1. Das II. Vatikanische Konzil nennt das Seminar das ”Herz der Diözese“ (Optatam Totius, 5). Sein Pulsschlag bestimmt langfristig das religiöse und kirchliche Leben draußen in den Gemeinden. Von hier sendet Christus in der Person des Bischofs immer wieder neu seine Boten aus, durch die er selber im Volke Gottes seine Heilssendung fortsetzt. Je mehr diese von seinem Geist beseelt sind, desto reicher werden bei den Gläubigen die geistlichen Früchte der Frömmigkeit und Heiligkeit sein. Zu Recht erwartet das Konzil die ersehnte Erneuerung der Kirche zum großen Teil vom priesterlichen Dienst. Darum auch die entscheidende Bedeutung der Seminare, in denen die Priester seit der Zeit des Konzils von Trient ihre religiöse und theologische Ausbildung erhalten und auf ihre spätere Sendung vorbereitet werden.

Wie fruchtbar die tridentinische Einführung des Priesterseminars in der jüngeren Geschichte der Kirche gewesen ist, geht aus dem Urteil des bekannten deutschen Kirchenhistorikers Hubert Jedin hervor, der dazu bemerkt: ”Es war ein großer Schritt nach vorn, ein so großer, daß man sagen konnte, allein dieses Dekret habe die Veranstaltung des Trienter Konzils gerechtfertigt“. Möge auch das neue Seminar der Diözese Augsburg, über das wir heute Gottes Segen herabrufen, in gleichem Maße fruchtbare Pflanzstätte - ”Seminarium“ - für diese Ortskirche werden. Hirten im Geist Christi sind nach Gottes Hilfe die beste Gewähr, daß das pilgernde Volk Gottes auf dem Weg der Nachfolge des Herrn sicher voranschreitet.

Das Priesterseminar hat in der Diözese Augsburg eine lange Tradition. Eine besondere Erwähnung verdient der Weitblick des Kardinals Otto Truchseß von Waldburg, der dem Mangel an guten Priestern schon im Jahr 1549 durch die Gründung einer Lehr- und Erziehungsanstalt in Dillingen abhelfen wollte. Darin sollten vor allem die künftigen Priester geistig und religiös in angemessener Weise auf ihren Dienst vorbereitet werden. Mit der Errichtung eines solchen Seminars nahm dieser Augsburger Oberhirte bereits die tridentinische Idee vorweg. Es wurde Jahre später an die ebenfalls dort neugegründete Universität angeschlossen. Die Theologiestudenten fanden herzliche Aufnahme im Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern, bis nun hier in der Bischofsstadt selbst das neue Seminar erbaut wurde. Ich beglückwünsche die Diözese Augsburg zu diesem Haus. Wie ich erfahren habe, wurde die Einrichtung vieler Zimmer von einzelnen Personen, von Pfarreien oder kirchlichen Gemeinschaften übernommen. Gleichzeitig hat die Diözese Augsburg noch drei armen Bistümern tatkräftig geholfen, ihr eigenes Priesterseminar einzurichten. Euch allen möge Gott dies reich vergelten, besonders dadurch, daß er aus diesem Haus für eure Diözese viele gute Priester hervorgehen läßt.

2. Der heutige Tag soll uns ein Wort des II. Vatikanischen Konzils in Erinnerung rufen, wonach der ”wichtigste Beitrag“ für die Förderung der Priesterberufe in den Familien geschieht. Es nennt diese sogar das ”erste Seminar“ (Optatam Totius, 2). Darum wendet sich die Kirche mit besonderem Nachdruck an die Eltern: Schafft in euren Familien eine Atmosphäre, in der sich der Glaube und eine mögliche geistliche Berufung entfalten können. Betet gemeinsam und nehmt möglichst zusammen mit euren Kindern am Gottesdienst und am Leben der Pfarrei teil. Öffnet euch in christlicher Solidarität den Nöten der kranken, einsamen und alten Mitmenschen. Verschafft euch ausgewogene und zuverlässige Informationen über das heute Leben heutige Leben der Kirche, damit ihr im Familiengespräch Entscheidungen der Oberhirten oder auch eventuelles Versagen in der Kirche gerecht und wohlwollend beurteilen könnt. Selbst wenn Zeiten kommen, in denen ihr als Vater oder Mutter meint, eure Kinder würden der Faszination diesseitiger Erwartungen und Verheißungen erliegen, zweifelt nicht: Sie werden immer wieder danach ausschauen, ob ihr selbst Jesus Christus als Einschränkung oder als die Begegnung eures Lebens, als Freude und Quelle der Kraft im Alltag empfindet. Vor allem aber hört nicht auf zu beten. Denkt an die heilige Monika, deren Sorgen und Beten sich verstärkte, als ihr Sohn Augustinus, der später Bischof und Heilige, seinen Weg fernab von Christus ging und so seine Freiheit zu finden glaubte. Wie viele Monikas gibt es heute! Was viele Mütter durch ihr Gebet und Opfer für die Kirche und das Reich Gottes in der Stille gewirkt haben und wirken, wird ihnen niemand gebührend zu danken vermögen. Gott vergelte es ihnen! Wenn die erstrebte Erneuerung der Kirche vor allem vom Dienst der Priester abhängt, dann sicher auch im hohen Maße von den Familien und besonders von den Frauen und Müttern.

Ebenso möchte ich in diesem Zusammenhang auch an die große Familie der Pfarrei einige dringende Bitten richten: Haltet das monatliche Triduum: Priesterdonnerstag, Herz-Jesu-Freitag, Herz-Mariä-Samstag! Betet beharrlich, der Aufforderung Christi entsprechend, daß der Herr Arbeiter in seine Ernte sende! (Mt 9, 38) Betet um Piester-, Missions- und Ordensberufe! Laßt die Jugend erkennen, daß nicht nur der Bischof, sondern auch die Pfarrgemeinde jedem dankbar ist, der trotz Schwierigkeiten den an ihn ergangenen Ruf Christi großherzig erwidert. In besonderer Weise wende ich mich an die Kranken: Ihr erfahrt in euren Gebrechen, daß unsere Hoffnung nicht in dieser Welt aufgeht. Ihr spürt die Notwendigkeit von Menschen, die euch von Christus her, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, euer Leben deuten und euch durch Wort und Sakrament Kraft und Trost spenden. Euer Leben und Leiden ist nicht sinnlos, sondern kann überreicher Segen für die ganze Kirche werden, wenn ihr es Christus anbietet. Vergeßt in eurer Krankheit nicht das Gebet um Priester- und Ordensberufe! Wenn so Pfarrgemeinde und Familie eine vom Glauben geprägte Atmosphäre schaffen, ist die Kirche überzeugt, daß Gott trotz vermehrter Schwierigkeiten und Hindernisse, trotz der Aufrechterhaltung des priesterlichen Zölibats auch in unserer Zeit genügend junge Menschen zum Priestertum berufen und ihnen die Weite des Herzens schenken wird, seinem Ruf zu folgen.

3. Die Familie ist das erste und eigentliche Seminar. Doch bedarf es dann noch eines eigenen Hauses, in dem der junge Theologe geistig und religiös für den späteren Dienst ausgebildet wird. Der Bedeutung des Priesterseminars entsprechend richtet die Kirche hohe Erwartungen an die Leitung des Seminars, an die Professoren der Universität und an die Alumnen.

Ihr, meine lieben Seminaristen, widmet euch hier einem mehrjährigen Studium der Theologie. Nutzt diese Zeit für euren späteren priesterlichen Auftrag. Der erste Petrusbrief mahnt: ”Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“ (1 Pt 3, 15). Rechenschaft zu geben über den Grund unserer Hoffnung und den Glauben überzeugend darzulegen, weil die Menschen vom Meinungssog der vielen Weltanschauungen und Ideologien hin- und hergeworfen werden. Meint nicht, zur Seelsorge genügt schon die priesterliche Lauterkeit: Nicht nur das Herz, auch der Kopf muß glauben können und den Glauben bezeugen. Kardinal Otto Truchseß Waldburg hatte zu Recht mit der Gründung des Dillinger Seminars die Bildung des Seelsorgsklerus heben wollen und dann die Verbindung mit der Universität gesucht. Seid dankbar für diese Möglichkeit eines intensiven Theologiestudiums und erkennt darin eine Chance für euer kommendes priesterliches Wirken. Schon die großen Theologen der Väterzeit wie Klemens von Alexandrien und Basilius, Augustinus und Hieronymus haben diese Notwendigkeit der denkerischen Durchdringung und Darlegung des Glaubens erfaßt und die theologische Reflexion selbst maßgeblich gefördert.

4. Echte Theologie ist allerdings nicht nur Sache des Intellekts, sondern des ganzen Menschen mit allen seinen geistigen Kräften, auch denen des Willens und der Liebe. Deshalb lädt der heilige Bonaventura, einer der großen Theologen der Kirche, den Leser seiner Schriften zuerst zum Gebet ein. Er schreibt: Der Leser ”glaube nicht etwa, es nütze ihm Lesung ohne Salbung, Gedankenschärfe ohne Andacht, Forschen ohne Bewunderung, umsichtiges Erwägen ohne Jubel, Fleiß ohne Frömmigkeit, Wissen ohne Liebe, Einsicht ohne Demut, Studium ohne göttliche Gnade, eine Betrachtung (der Welt) ohne von Gott geschenkte Weisheit“ (S. Bonaventurae, Itinerarium, Prol. 4).

Ich erinnere hier an den aus dem Bistum Augsburg hervorgegangenen Theologen und Bischof Johann Michael Sailer. Wie alle großen Theologen wußte er von einer geistlichen oder weisheitlichen Theologie, die das Verfahren der wissenschaftlichen Argumentation und das Einzelwissen übersteigt und letzte Zusammenhänge in Gott als dem Grund und dem Sinn allen Wissens schaut. Eine solche mehr intuitive Schau kann auch dem Einzelwissen, so bruchstückhaft dieses sein mag, seinen Ort im Ganzen zuordnen; sie ahnt eine Harmonie, auch wenn sie nicht begrifflich auszudrücken ist. Zu dieser Schau gelangen wir nicht ohne Gebet und Erleuchtung. Das Seminar der Diözese Augsburg trägt seit seiner Gründung in Dillingen den Namen des heiligen Hieronymus, des großen Erklärers der Heiligen Schrift. Vergeßt nicht, das Hieronymus immer wieder den um Erleuchtung gebeten hat, ”der den Schlüssel Davids hat, der öffnet und niemals schließt . . ., daß er uns die Geheimnisse des Evangeliums aufschließt“ (S. Hieronymi, In Marci Ev., I, 13-21).

5. Meine lieben Alumnen! Nützt also eure kostbare Seminarszeit auf bestmögliche Weise zum Studium, aber ebenso auch zum Gebet, zum vertieften Mitvollzug der Eucharistie, die ihr täglich feiert, und zur persönlichen Erfahrung des Friedens, den Gott im Bußsakrament schenkt. Die Seminarszeit ist ja zugleich eine Entdeckungsreise in euer eigenes Innenleben. Dort entdeckt ihr Fähigkeiten und Talente, hochherzige Ideale und Vorsätze. Zweifellos begegnet ihr im eigenen Herzen aber auch mancherlei Schwächen, Fehlern und schlechten Neigungen: Egoismus, Sinnlichkeit, Stolz. Alle guten Anlagen unserer menschlichen Natur sollen auch auf dem Weg zum Priestertum entfaltet und gekräftigt werden; es gilt aber auch, alles Negative zu durchschauen, zu überwinden, umzuwandeln. Gewiß ist dies alles eine Aufgabe für ein ganzes Leben. In den Jahren eurer Jugend, liebe Freunde, stellt ihr jedoch die Weichen für euren künftigen Weg, legt ihr den Grund für den Bau eures Lebens. Darum gilt es, die relativ stillen Jahre der Seminarszeit für die geduldige und stetige Formung eures inneren Menschen zu nutzen. Darin wirkt ihr auf ganz persönliche Weise zusammen mit unserem Herrn Jesus Christus, der schon mit den ersten Jüngern eine solche geistige Formung begonnen hat, nachdem er sie in seine Nähe gerufen hatte: ”Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind!“ (Mk 6, 31).

Im Auftrag Christi, des Guten Hirten, sollt auch ihr, liebe Seminaristen,; einmal als Priester den Menschen dienen. So viele von ihnen sind ohne Richtung und Ziel, ohne Hoffnung - wie Schafe, die keinen Hirten haben. Darum wünscht das Konzil, daß auch jene Eigenschaften ”der Alumnen ausgebildet werden, die am meisten dem Dialog mit den Menschen dienen, wie die Fähigkeit, anderen zuzuhören und im Geist der Liebe sich seelisch den verschiedenen menschlichen Situationen zu öffnen“ (Optatam Totius, 19). Das setzt auf eurer Seite die Fähigkeit und Bereitschaft voraus, in Offenheit und Freundlichkeit, mit Zuneigung und Güte auf die Menschen zuzugehen. Jetzt schon im Seminar könnt ihr das im Umgang miteinander einüben, wenn ihr wie die Apostel einen Jüngerkreis um Jesus, eine Seminargemeinde, bildet. Als Priester werdet ihr dann besser in der Lage sein, mit allen Mitbrüdern bereitwillig und solidarisch zusammenzuarbeiten; soll doch das Presbyterium eines Bistums eine wahrhaft brüderliche Gemeinschaft bilden.

Gestatten Sie mir nun, verehrte Herren Professoren, daß ich mich kurz auch an Sie wende. Von ihrem Forschen und Lehren wird der Glaube von Generationen junger Priesteramtskandidaten und auch Laientheologen maßgeblich geprägt. An der Klarheit, Festigkeit und Tiefe Ihrer Glaubensüberzeugung sollen Ihre Studenten sich ausrichten können. Es drängt mich, Ihnen, denen die Kirche ihren Priesternachwuchs während der Ausbildungszeit anvertraut, den aufrichtigen Dank auszusprechen für Ihren Dienst in Forschung und Lehre, in Beratung und geistlicher Führung und Sie zu bitten, Ihre Kraft auf allen diesen Feldern zum Besten der vom Herrn besonders berufenen jungen Menschen einzusetzen und ihr Amt stets im Licht des Glaubens unter der Führung des kirchlichen Lehramts auszuüben.

Mögen alle Verantwortlichen und Mitarbeiter in Seminar und Universität an ihrem jeweiligen Ort den von ihnen erwarteten wichtigen Beitrag leisten, auf daß dieses Priesterseminar für die Ortskirche in Augsburg zu einem kraftvoll pulsierenden ”Herz der Diözese“ werde, aus dessen Lebensstrom in die Gemeinde hinein sich nicht nur die Priesterschaft immer wieder verjüngt, sondern auch das religiöse Leben der Gläubigen sich fortwährend erneuert und reiche Fürchte hervorbringt.

Das geben Gott mit seinem bleibenden Schutz und Segen!

Predigt in der Ökumenische Wortfeier Katholische Kirche St. Ulrich und Afra in Augsburg

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Unser Herr Jesus Christus sagt: ”Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18, 20). In dieser Stunde sind wir im Namen des Herrn versammelt: seine Gnade hat uns zusammengeführt, sein Geist verbindet uns. Wir suchen seine Hilfe und wollen sein Wort hören: wir sind bereit zu tun, was er uns aufträgt. So dürfen auch wir dessen sicher sein: Er selbst ist in unserer Mitte: er spricht zu uns, wie er es bei seinem Abschied getan hat, von dem die Apostelgeschichte berichtet.

Wie seine Jünger damals, so werden auch wir von der Frage bedrängt: Was wird aus uns? Was wird aus unserer Welt? Was muß geschehen, damit inmitten aller Gefahren das Reich Gottes anbricht, das Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens? ”Als sie nun beisammen waren, fragten sie ihn: Herr, stellst du in dieser Zeit das Reich für Israel wieder her?“ (Mt 18, 6). Grundsätzlich sind die Jünger bereits davon überzeugt, daß Jesu Person und Wirken für das Anbrechen des Gottesreiches entscheidend sind. Aber ihre Frage zeigt doch auch, daß sie mit ihren Erwartungen noch weit hinter dem zurückbleiben, was der Herr mit ihnen und der Welt vorhat.

Gleich dreimal sprengt er die Grenzen, die ihr Leben und Denken einengen. Sie sprechen von Israel als dem Ort des Reiches. Er aber führt über die räumliche Beschränkung hinaus und sagt: Nicht nur hier, ”in Jerusalem und in ganz Judäa, sondern auch im euch fremden Samarien kommt des Reich; bis an die Grenzen der Erde“ (ebd. 18, 8) wird es sich erstrecken.

Die Jünger reden von ”dieser Zeit“ (ebd. 18, 6). Unverzüglich möchten sie ihre Wünsche erfüllt sehen. Er entgegnet: ”Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat“ (ebd. 18, 7). Sie wollen Daten und Termine, Greifbares und Begreifbares. Er verweist sie auf den Vater und seinen unerforschlichen Willen. Seine Liebe überschreitet unsere Maße. Sie beschränkt sich nicht auf einzelne Heilsmomente: sie eröffnet vielmehr eine Heilszeit, die nicht aufhört, solange die Erde besteht. Für immer sollen die Jünger eine unvergängliche Heilsgabe empfangen, seinen Heiligen Geist.

”Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird, und ihr werdet meine Zeugen sein“ (ebd. 18, 8). Fortan soll in jedem Augenblick Gottes Geist in den Jüngern und durch sie in der Welt sein und wirken. Damit werden alle Möglichkeiten und Grenzen des Menschen vollends überschritten. Gottes Reich soll durch Gottes Geist im Innersten der Seinen beginnen und sich von dort ausbreiten. Das soll nicht wie ein Naturereignis über sie hereinbrechen; ganz persönlich sollen sie in dieses Geschehen einbezogen werden; durch das bewußte Zeugnis jedes einzelnen und aller miteinander sollen die Gläubigen in das persönliche Tun des dreifaltigen Gottes hineingenommen werden.

Mit großer Dankbarkeit bekennen wir, daß sich diese Worte des Herrn am ersten Pfingstfest erfüllt haben und sich seither immer wieder neu erfüllen. In der Kraft des Heiligen Geistes ist die Kette der Zeugen Christi nicht abgerissen. Wir alle leben von ihr. Daß wir glauben können, verdanken wir nach dem Hebräerbrief einer ”Wolke von Zeugen“ (Hebr, 12, 1). Stellvertretend für die unermeßlich große Zahl der Zeugen Christi rücken die beiden Patrone dieser Kirche in unseren Blick: die heiligen Afra und Ulrich, eine Frau, die in der diokletianischen Verfolgung in Augsburg für den Herrn in den Tod ging, und der Bischof, dessen Leben an die Rettung Mitteleuropas aus größter Gefahr erinnert und dessen Gestalt für immer mit dem siegreichen Kreuz verbunden ist. Vergessen wir es nicht: Wir leben vom geistgewirkten Zeugnis Ungezählter vor uns und neben uns.

Bedenken wir aber zugleich: Wir leben auch für das Zeugnis. Uns allen gilt die Verheißung Christi: ”Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen“. Sein Auftrag nimmt uns alle in Pflicht: ”Ihr werdet meine Zeugen sein“ (Mt 18, 8). Wer immer den Glauben empfängt, ist auch gehalten, ihn mitzuteilen. Das Licht des Herrn, das in unsere Finsternis hineinleuchtet, ist das Licht für die Welt. Wir schulden es allen unseren Mitmenschen. Unser Leben steht unter dem Wort des Völkerapostels: ”Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde“ (1 Kor 9, 16). Jeder ist zu einem ganz persönlichen Zeugnis gerufen. Zugleich ist jeder verpflichtet, das gemeinsame Zeugnis anzustreben.

Jesus Christus verheißt den Heiligen Geist ja der Gemeinschaft der Jünger: ”Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen“. Ebenso überträgt er die Zeugnisaufgabe allen zusammen: ”Ihr werdet meine Zeugen sein“ (Mt 18, 8). Wenn vor Gericht ein wichtiger Tatbestand zu ermitteln ist, braucht man mehrere Zeugen. Erst wenn ihre Aussagen übereinstimmen, kommt Licht ins Dunkel. Bei den wichtigsten Fakten im Prozeß der Welt kommt es entscheidend auf das einhellige gemeinsame Zeugnis an. Deshalb fleht der Herr im Blick auf den Glauben und auf das Heil aller: ”Alle sollen eins sein, . . . damit die Welt glaubt“ (Joh 17, 21).

Wenn wir der Weisung des Herrn gehorchen und Zeugnis von ihm geben wollen, müssen wir alles daran setzen, um immer mehr eins zu werden. Dabei dürfen wir auf den Heiligen Geist vertrauen. Der Geist der Wahrheit kann in alle Wahrheit einführen; der Geist der Liebe kann alle Trennung überwinden. Seit dem ersten Pfingstfest ist er am Werk. Danken wir für alle Einheitsgnaden, die er uns bereits geschenkt hat. Bitten wir um Verzeihung dafür, daß wir uns nur unzulänglich von diesen Gnaden haben ergreifen, beseelen und bewegen lassen. Danken wir für alle Schritte, die uns in den letzten Jahren der größeren Einheit nähergebracht haben. Insbesondere sollten wir denen danken, die sich in intensivem ökumenischem Gespräch darum bemüht haben, die Trennungen, die zu wechselseitigen Verurteilungen geführt haben, nach kräftigen überwinden zu helfen. Lohnen wir der hierfür nach meiner ersten Pastoralreise eingesetzten Dialogkommission die sorgfältige und verantwortungsbewußte Arbeit, indem wir alle auf der Ebene unserer jeweiligen Kompetenz ihre Ergebnisse ernsthaft und zügig studieren, werten und einem möglichen kirchlichen Konsens zuführen.

Was immer man uns in unserem Bemühen um die Einheit aller Christen skeptisch entgegenhält -werden wir nicht müde auf dem Weg zum gemeinsamen Herrn; er ist auch der geradeste Weg zueinander. Erstreben wir das gemeinsame Zeugnis, wo immer es geht. Je mehr wir es versuchen, um so mehr werden wir weitere mögliche Schritte zur vollen Einheit entdecken; je mehr wir eins werden, um so bessere Zeugen des Herrn können wir sein.

Liebe Schwestern und Brüder! Nicht weit von hier sind im Jahre 1518 Martin Luther und Kardinal Cajetan zusammengetroffen. Was wäre geworden, wenn am Ende ihrer Gespräche die erneuerte, vertiefte und verstärkte Einheit im Glauben gestanden hätte? Um 1530 waren viele hier in Augsburg noch um Versöhnung und Gemeinschaft bemüht. Welchen Weg hätte die Geschichte genommen welche missionarischen Möglichkeiten hätten sich doch für die neuentdeckten Erdteile ergeben, wenn damals die Überbrückung des Trennenden und die verständnisvolle Klärung der Streitpunkte gelungen wären! Es ist nicht unsere Sache, über Wenn und Aber zu spekulieren. Auch hierfür gilt wohl die Mahnung Jesu: ”Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren“ (Mt 18, 6). Uns ist aufgetragen, heute zu tun, was heute fällig ist, damit morgen geschehen kann, was morgen; vonnöten ist. ”Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet euer Herz nicht“ (Hebr 3, 7s.), sagt uns der Herr. Laßt uns sein Wort und seinen Geist aufnahmen. ”Laß uns eins sein, Jesu Christi, wie du mit dem Vater bist.“ Laß uns einmütig und ohne Unterlaß beten: ”Sende aus deinen Geist, und alles wird neu geschaffen“: unser Zeugnis, unsere Kirche, unsere Welt! Das schenke uns Gott in seiner Barmherzigkeit und Güte! Amen.

Predigt bei der Eucharistiefeier vor dem Dom in Speyer

”Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!“ (Phil 1, 2). Mit diesem Segenswunsch des Apostels Paulus grüße ich euch alle von Herzen, woher auch immer ihr vor diesem gewaltigen europäischen Dom hier in Speyer zusammengekommen seid: Laienchristen und Ordensleute, Priester und Diakone, Bischöfe und Kardinäle. Mein brüderlicher Gruß gilt in besonderer Weise dem gastgebenden Oberhirten dieser Diözese, Bischof Anton Schlembach; herzlich grüße ich auch die Gäste aus den Nachbardiözesen diesseits und jenseits der Landesgrenzen, die Repräsentanten aus Staat und Gesellschaft sowie aus der Stadt Speyer. Mit besonderer Wertschätzung grüße ich schließlich die verehrten Vertreter der christlichen Bruderkirchen. Wir sind hier versammelt, um Gott die Ehre zu geben, um unsere Gemeinschaft mit der weltweiten Kirche Jesu Christi zu bekunden und uns in Glaube, Hoffnung und Liebe gegenseitig zu bestärken und zu erneuern.

Liebe Brüder und Schwestern!

1. ”Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!“ (Apg 16, 9). Diese Worte der heutigen ersten Lesung hörte der Apostel Paulus in einer Vision auf einer Missionsreise an der Küste Kleinasiens, gegenüber der griechischen Provinz Mazedonien. Jenseits der Meeresenge lag Europa, das der Völkerapostel bisher noch nie betreten hatte. Und nun dieser Ruf: Paulus, komm herüber nach Europa und hilf uns; verkünde uns die Wahrheit über Gott und den Menschen!

Paulus und seine Gefährten erkannten in diesen Ereignissen die Führung des Heiligen Geistes; er selbst sagt es uns: ”Auf diese Vision hin wollten wir sofort nach Mazedonien abfahren; denn wir waren überzeugt, daß Gott uns dazu berufen hatte, dort das Evangelium zu verkünden“ (ebd. 16, 10). So haben die Füße des Apostels zum erstenmal europäischen Boden, diesen unseren Kontinent, betreten. An jener Stelle in Nordgriechenland hat die Evangelisierung Europas begonnen.

2. Worüber mag der Völkerapostel zu unseren fernen Vorfahren vor fast zweitausend Jahren gesprochen haben? Ganz gewiß auch über das Goldene Gesetz der Bergpredigt, die acht Seligpreisungen, wie sie uns soeben im Evangelium verkündet worden sind: ”Selig, die arm sind vor Gott - Selig, die Barmherzigen - die ein reines Herz haben - die Frieden stiften. - Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden“ (Mt 5, 1-12).

Vor allem aber hat Paulus auf denjenigen hingewiesen, der diese Seligpreisungen verkündet und mit seinem eigenen Leben bezeugt hat und sich für ihre Erfüllung hat kreuzigen lassen: unser Herr Jesus Christus, ”der lebendige Stein“ . . ., von Gott auserwählt und geehrt, wie es heute in der zweiten Lesung heißt. Er ist der ”Eckstein“, der denjenigen nicht zugrunde gehen läßt, der ihm glaubt (1 Pt 2, 4-8).

3. So hat die Frohe Botschaft der Bergpredigt, von Gott besiegelt durch den Tod und die Auferstehung Christi, die Grenzen Europas überschritten. Zugleich begann Paulus damals, diesem ”Eckstein“ auf dem neuen Kontinent weitere ”lebendige Steine“ durch neue Gläubige hinzuzufügen zu einem ”geistigen Haus“, der Kirche Jesu Christi.

Dieser hat sein Leben am Kreuz und sakramental schon im Abendmahlssaal zur Sühne für die Schuld der Welt dem Vater dargeboten; so ist er zum Hohenpriester des Neuen Bundes geworden. Seinem erlösenden Opfer dürfen sich nun alle anschließen, die Gottes Barmherzigkeit aus der Dunkelheit in das Licht seiner Gnade und Wahrheit gerufen hat. Deshalb zögert der erste Petrusbrief nicht, alle Jünger Christi ”eine heilige Priesterschaft“ zu nennen, die - eingefügt in das eine Opfer Jesu Christi - nun auch selbst imstande sind, ”geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen“ (ebd. 2, 5).

Der ”Eckstein“ Jesus Christus, seine Jünger als die ”lebendigen Stein“ des geistigen Hauses der Kirche, der Heilige Geist mit seiner steten unsichtbaren Führung: Das sind die Grundkräfte, die das Reich Gottes im Leben der Menschen und der Völker im Verlauf der Geschichte heranreifen lassen.

4. Die grundlegenden Wahrheiten über die Ausbreitung der Frohen Botschaft, die uns die heutige festliche Liturgie aus der Heiligen Schrift vor Augen stellt, lassen uns an jenen langen geschichtlichen Weg zurückdenken, den diese Botschaft seit der Zeit der Apostel Petrus und Paulus unter den Völkern Europas bis zu uns heute zurückgelegt hat.

Die Evangelisierung Europas im ersten Jahrtausend nach Christi Geburt ging von zwei ehrwürdigen Zentren aus: von Rom und von Konstantinopel. Von Rom aus gelangte die Frohe Botschaft Christi durch beauftragte Missionare wie auch durch missionarisch gesinnte Laien - Soldaten, Kaufleute, Politiker - nach den Wirren der großen germanischen Völkerwanderung vor allem zu den Franken im Westen und zu den Angelsachsen im Norden und besonders früh auch schon in dieses Rheintal. Wie ihr wißt, stammt die erste gesicherte Nachricht über einen Bischofssitz hier in Speyer aus dem Jahre 614. Wenige Jahrzehnte später wird eine erste Domkirche urkundlich bezeugt.

Die nächsten Jahrhunderte erleben vor allem die Ausbreitung des Evangeliums bei den verschiedenen Slawenvölkern. Sie erfolgt zugleich von Rom und von Konstantinopel aus. In diesem Zusammenhang erinnere ich besonders an die Taufe des hl. Wladimir, des Großfürsten von Kiew, im Jahre 988, deren Tausendjahrfeier wir im nächsten Jahr zusammen mit den orthodoxen Brüdern und Schwestern in dankbarem Gebet und Lobpreis begehen wollen. Jene Taufe bedeutete den Anfang des Christentums in der Gegend des damaligen ”Rus“-Reiches, im Bereich des heutigen Rußlands.

Den vorläufigen Abschluß der Christianisierung Europas bildet wohl die Taufe des Großfürsten Jagiello von Litauen im Nordosten Europas und seine Verbindung mit dem damaligen polnischen Reich. Das war im Jahre 1387, so daß wir gegenwärtig in tiefer geistiger Einheit mit den Christen Litauens die 600 Jahrfeier dieser Bekehrung begehen.

Hier in Speyer hatte unterdessen Kaiser Konrad II. aus dem berühmten Geschlecht der Salier um das Jahr 1030 den Grundstein zu diesem mächtigen romanischen Dom gelegt, der dann im Jahre 1061 seine kirchliche Weihe empfing. Von da an begleitet dieses eindrucksvolle Meisterwerk mittelalterlicher Architektur die weitere Geschichte Speyers, Deutschlands und Europas.

5. Der Dom zu Speyer, einmal das größte Gotteshaus des christlichen Abendlandes, ist wie kaum ein anderes Bauwerk Europas mit der Geschichte dieses Kontinents verwachsen. In den mehr als neunhundert Jahren seines Bestehens hat er die großen Zeiten einer gemeinsamen Kultur Europas im Bereich des Glaubens, der Wissenschaft und der Kunst miterlebt. Et hat aber auch Zeiten endloser Kriege mit ihren Zerstörungen, Zeiten der Zerrissenheit Europas miterlitten. So ist dieser Dom ein Zeuge der Größe des christlichen Europas und zugleich Zeuge seines selbstverschuldeten Niedergangs. Das reiche menschliche und geistliche Erbe, das er in sich birgt, verkündet er noch immer als mahnende Botschaft an uns Europäer von heute und von morgen. Nur wenn wir unsere wahrhaft große christliche Aufgaben erschließen, kann es gelingen, als geistig geeintes Europa der Welt eine befreiende Botschaft anzubieten, die den Menschen und Völkern die Zukunft erstrebenswert machen kann und ihnen hilft, sie menschenwürdig zu gestalten und ihre Prüfungen zu bestehen. - Welche Bausteine bietet uns dafür das Vermächtnis dieser Domkirche?

6. Aus dem Erbe des Domes erschallt vor allem der Ruf nach einer neuen Transzendenz des europäischen Geisteslebens, nach einer neuen Verankerung des menschlichen Herzens und Verstandes in jenem höchsten Wesen und Urgrund, den wir Gott nennen und den wir Christen als unseren liebenden Vater und gerechten Richter anbeten dürfen. Die kostbare Krone der salischen Kaiser, die dieses Gotteshaus im wesentlichen erbauten, schmückt ein Bildnis Christi, des Weltenrichters, mit der Inschrift: ”Per me reges regnant“ - ”Durch mich - euren Herrn und Gott - regieren die Könige“. Diese Herrscher wußten noch, daß sie ihre Vollmacht über andere Menschen nicht aus sich selbst hatten, sondern daß diese ihnen letztlich von Gott anvertraut war. Für ihr Leben und ihre Regierung schuldeten sie ihm Rechenschaft.

Absolutistische Herrscher der Neuzeit beanspruchten hingegen eine Regierungsgewalt, die von Gott völlig losgelöst war und einzig ihrem eigenen Machtwillen entsprang. Echte oder vermeintliche Demokratien unserer Gegenwart leiten die Vollmacht ihrer gewählten Regierungen vor allem aus der Volkssouveränität ab. Dennoch binden zahlreiche von ihnen die Ausübung der Staatsgewalt sowie die Gestaltung des öffentlichen Lebens darüber hinaus - wenigstens dem Buchstaben nach - an eine Reihe von Grundwerten und Grundrechten, die sie in ihre Verfassungen aufnehmen. Oft wird in diesem Zusammenhang auch die Verantwortung vor Gott und seinen grundlegenden Geboten noch ausdrücklich genannt. Solche Beteuerungen haben jedoch nur Wert, wenn sie nicht toter Buchstabe bleiben! Seid euch deshalb bewußt, daß solche Grundsätze, die sich auch in eurer deutschen Verfassung finden, sowohl von den Verantwortlichen, aber auch von jedem einzelnen hochgeschätzt und gelebt werden müssen, damit sie sich für die Gestaltung eures Gemeinwesens sinnstiftend und richtungweisend auswirken können.

Es mehren sich heute nachdenkliche Stimmen, die in der sittlichen und religiösen Ungebundenheit der Menschen und in der sich immer säkularisierter gebärdenden Gesellschaft einen Weg ins Scheitern und zu wachsendem Chaos erblicken. Der Mensch ist eben von Natur aus nicht sich selbst Anfang und Ziel. Der Mensch ist nicht das Maß aller Dinge! Er muß einsehen, daß es über ihm etwas Unverfügbares gibt: Gott, sein Schöpfer, sein Vater und Richter. Nur wenn wir gemeinsam bereit sind, an Ihm wieder neu Maß zu nehmen in all unseren Lebensbereichen, können wir Tiefstes und Höchstes wagen, können wir unsere vollen Möglichkeiten entfalten und einsetzen. Es wird dann immer zum Besten und zum Heil der Mitmenschen und dieser Erde gereichen und nicht zu ihrer Unterjochung oder gar Vernichtung.

7. Liebe Brüder und Schwestern! Der letzte große Baumeister am Dom von Speyer war der hl. Otto, der spätere Bischof von Bamberg. Von ihm ist bekannt, daß er in Gnesen den Frieden vermittelte zwischen Polen und dem Mecklenburgern und Pommern. Zugleich führte er diese beiden Stämme in wenigen Jahren zum Christentum, wobei er dem Grundsatz folgte, keine Missionierung mit Zwang und Gewalt durchzuführen. Von ihm stammt das groß-artige Wort: ”Gott will keinen erzwungenen, sondern einen freiwilligen Dienst.“.

Wie aktuell ist doch dieses Wort über die Zeiten hinweg für Europa und für die Welt von heute! Wie ein Leuchtturm sei es über die Probleme der Gegenwart gestellt, über die Konflikte und harten Fronten innerhalb einzelner Staaten. Nicht Polizei- oder Militärmacht, nicht diktatorische Maßnahmen vermögen die grundsätzlichen Fragen zu beantworten, die Klagen zu beheben, eine gerechte Ordnung des Gemeinschaftslebens herbeizuführen. Auf weite Sicht gesehen sind Wege in eine bessere Zukunft, in eine befriedete Welt, zu fruchtbarer Zusammenarbeit aller Gesellschaftsschichten nur möglich unter diesem allgemein anzuerkennenden Leitwort: ”Gott will keinen erzwungenen, sondern einen freiwilligen Dienst“. Unter dieser Idee allein werden auch die bedrohlichen internationalen Gegensätze zwischen den Staaten und Machtblöcken überwunden werden können, kann ein neues, geeintes Europa vom Atlantik bis zum Ural geschaffen werden.

Bei gewissenhafter Beachtung dieses Grundsatzes werden vor allem die Grundrechte des Menschen in der Gesellschaft und gegenüber der staatlichen Gewalt am besten gesichert sein. Eines der höchsten und heiligsten von diesen ist die Freiheit, Gott verehren und die eigene Religion ohne Zwang oder Behinderung ausüben zu dürfen. Dieser Dom hat es erlebt, wie blinder Haß gegen Gott und den christlichen Glauben ihn entweihte, den Gottesdienst verbot und seine Heiligtümer den Flammen preisgab. Darum erheben wir gerade von hieraus unsere Stimme, um alle Verantwortlichen in den einzelnen Ländern zu bitten, dahin zu wirken, daß in Gesamteuropa die Einschränkung und Unterdrückung der freien Religionsausübung für Personen und Gemeinschaften sowie für das Wirken der Kirchen endlich ein Ende Enden. Zusammen mit dem Recht auf Religionsfreiheit muß die Achtung aller Grundrechte der Einzelperson sowie aller Grundwerte für ein menschenwürdiges Zusammenleben das unabdingbare Fundament für die Zukunft Europas sein.

8. Das Zeugnis der Christen für die Menschenwürde und die unantastbaren Grundrechte des Menschen würde natürlich klarer und wirkungsvoller sein, wenn es mit gemeinsamer Stimme und von einer geeinten Kirche vorgetragen werden könnte. Das große Hauptportal dieser Kathedrale zeigt, in Erz gegossen, den Ruf Jesu Christi aus dem hohepriesterlichen Gebet: ”Ut unum sint“ - ”Sie sollen eins sein!“. Als man in Jahre 1030 den Dombau begann, waren Rom und Byzanz, West- und Ostkirche, noch geeint. Als er jedoch dreißig Jahre später geweiht wurde, war der Bruch zwischen beiden Bruderkirchen bereits traurige Wirklichkeit geworden. Fünfhundert Jahre später fand im Ratssaal dieser Stadt, im Schatten dieser Domtürme, jener Reichstag statt, auf dem die Anhänger der Reformbewegung Martin Luthers ihre bekannte Gegenerklärung, ihre ”Protestatio“, vorgebracht haben. Von da an tragen sie den Namen ”Protestanten“.

Das Leid der gespaltenen Christenheit ist das Leid dieses Gotteshauses. Es ist ein Denkmal der Einheit, die einmal gewesen ist, und ein Mahnmal zur Einheit, wie sie wieder kommen muß, wenn wir dem Vermächtnis Jesu treu bleiben wollen. Auf diesem mühsamen Weg zur Einheit wollen wir alles wahrnehmen und hochschätzen, was zwischen den getrennten Christen noch gemeinsam ist, und alles vermeiden, was Gräben erneut vertiefen könnten. Vor allem an die orthodoxen Kirchen richten wir von dieser ehrwürdigen Stätte gemeinsamer europäischer Geschichte aus die eindringliche Bitte zur baldigen Wiedervereinigung in dankbarer Bewunderung ihrer Christustreue und ihres Bekennermutes in den Bedrängnissen, die diese unsere Brüder und Schwestern in der Vergangenheit erleiden mußten und heute noch erleiden.

9. Liebe Mitchristen! Mancher von euch wird vielleicht in diesem Augenblick bei sich denken: Christliche Wurzeln Europas, Weltfriede, Religionsfreiheit, Wiedervereinigung der Christen, das alles sind wichtige und große Herausforderungen unserer Zeit; aber was kann ich, der einzelne, dafür tun? Kann ich überhaupt etwas dazu beitragen? Darauf gebe ich euch zur Antwort: Ja, du, der einzelne, kannst etwas in Bewegung setzen; denn jeder gute Entschluß, jede bereite Übernahme einer Aufgabe beginnt immer beim einzelnen Menschen. So sehr die Einzelbemühungen dann auch gebündelt werden müssen, um sich im Großen auswirken zu können, so bleibt doch bestehen: Das Ja einer einzelnen Person, mit Hochherzigkeit gegeben und im eigenen Lebensbereich treu durchgehalten, kann tatsächlich tiefgreifende Veränderungen zum Guten auf kirchlicher wie auf gesellschaftlicher Ebene einleiten und wirksam fordern.

Diese Möglichkeiten von einzelnen Menschen bezeugen uns vor allem die großen Heiligen Europas. Sie sind ja die wahren Realisten. Sie sehen das Ringen der Mächte des Bösen inmitten allen Geschehens; sie sehen aber auch den Heiligen Geist am Werk. So ahnen sie oft, wie das Zukünftige bereits im Gegenwärtigen heranwächst. Einige dieser bedeutenden Heiligen Europas zeigt das Bronzetor des Domes: Hugo von Cluny, Bruno von Köln, Norbert von Xanten, Bernhard von Clairvaux. Ihr Werk setzen fort die Heiligen Franz von Assisi, Dominikus, Ignatius. Sie und ihre Orden haben einen bleibenden Anteil am Wesen, an der Kultur und Geschichte Europas. Drei dieser Heiligen bezeugen als offizielle Patrone Europas dessen ganze Spannweite von West bis Ost: Benedikt von Nursia sowie Cyrill und Methodius, die beiden Slawenapostel.

10. Gott hat auch unserer Zeit heilige Menschen gesandt, die uns helfen sollen, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden, die Möglichkeiten des Menschen im Licht seines Schöpfers und Erlösers voll auszumessen und den Weg ins ewige Vaterhaus auch durch Nebel und Dunkelheit hindurch zu finden. Für sie alle nenne ich die soeben seliggesprochenen Pater Rupert Mayer aus dem Jesuitenorden und die dem jüdischen Volk angehörende Karmelitin Edith Stein. Sie besaßen ganz gewiß die Gabe der Unterscheidung der Geister, weil sie an Gott selbst Maß genommen haben; sie durchschauten den Massenwahn und die verführerische Propaganda ihrer Zeit.

Die selige Edith Stein, Sr. Teresia Benedicta vom Kreuz, hat wichtige Situationen ihres Lebens und ihres langsamen Aufstiegs zur Höhe einer christlichen Philosophin und Mystikerin hier in dieser Stadt Speyer verbracht. Seid treue Hüter ihrer Botschaft und ihres Lebenszeugnisses! Edith Stein ist mit ihrem Werk und Leben Nachfolgerin der großen heiligen Frauen, Bekennerinnen, Mystikerinnen und Beterinnen des alten Europa, von denen hier stellvertretend nur die heilige Hildegard von Bingen genannt sei. Gerade die Frau von heute könnte in der neuen Seligen ein echtes Leitbild finden, um zu wahrer Selbstverwirklichung und Selbständigkeit aus der reinen Quelle unbeirrbarer Gottverbundenheit zu gelangen.

11.1 Paulus, ”komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!“. Gibt es im heutigen Europa noch diesen Schrei nach Hilfe, nach geistigem Brot und nach Licht auf der Suche nach dem Wesentlichen, nach dem reinen Wasser der Wahrheit und Gerechtigkeit? Sollte dieser Ruf wirklich verstummt sein unter der scheinbaren ”Selbstgenügsamkeit“ und Sattheit vieler heutiger Europäer, in ihrer ständigen Versuchung, so zu leben, als gebe es keinen Gott?

So könnte man wirklich manchmal meinen. Und doch gibt es trotz allem gegenteiligen Anschein-Gott Dank! auch heute noch diesen Ruf: Eure Priester und Bischöfe setzen dafür ihre ganze Lebenskraft ein; der Papst reist gerade dafür in die verschiedenen Länder, auch dieses Kontinents. Vor allem aber erschallt dieser Ruf aus dem Leben und Werk der Heiligen und Seligen, der großen und bekannten wie auch der stillen und namenlosen. Sie alle weisen hin auf das Licht aus den Seligpreisungen der Bergpredigt, auf Jesus Christus, den ”Eckstein“.

Wer an ihn glaubt, der geht nicht zugrunde. Wer ihm nachfolgt, geht den Weg in die Zukunft mit jenem Optimismus, der immer wieder zum nächsten Schritt ermutigt, aber auch mit jenem Realismus, der auf dieser Erde noch keine utopischen Paradiese erwartet. Wer in Treue und Liebe dem Herrn nachfolgt, wird auch stets bereit sein, seiner europäischen Heimat zu helfen, ihre christliche Seele wiederzuentdecken und dafür gemeinsam Zeugnis zu geben.

Heilige Maria, Königin des Friedens, Mutter Gottes und unsere Mutter, erbitte uns den Segen deines Sohnes für Europa und für alle Völker in der Welt! -Amen.

Abschiedsansprache am Sportflugplatz Spira

1. ”Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, daß ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme“ (Joh 18, 37). Dieses Bekenntnis spricht Jesus in der Stunde persönlicher Verfolgung und Erniedrigung, als Gefangener von Pilatus am Beginn seines Leidenswegs.

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, verehrte Mitbrüder, liebe Brüder und Schwestern! Wir haben in diesen Tagen meines Pastoralbesuches in der Bundesrepublik Deutschland im Namen der Kirche das Andenken von Zeugen Jesu Christi geehrt, die dem Herrn in dieser Sendung unter Einsatz ihres Lebens bis in Gefängnis und Tod nachgefolgt sind. Sie selber haben aus seiner Wahrheit gelebt und waren deshalb auch imstande, seine Stimme zu vernehmen und dafür vor den Menschen ein glaubwürdiges Zeugnis zu geben.

Voll Freude und Dankbarkeit denke ich mit Ihnen in diesem Augenblick des Abschieds an die feierlichen Seligsprechungen von Schwester Teresia Benedicta vom Kreuz in Köln und von Pater Rupert Mayer in München zurück; ebenso an die anderen Eucharistiefeiern, Gebetstreffen und zahlreichen Begegnungen. Wir haben dabei vor allem Gott in Gebet und Lobpreis unsere Ehre erwiesen, der wunderbar ist in seinen Heiligen. Zugleich haben wir gemeinsam betrachtet, was das Beispiel der beiden neuen Seligen, des Kardinals von Galen und anderer mutiger Glaubenszeugen aus der jüngeren Geschichte Ihres Landes für unsere Berufung als Jünger Christi heute bedeutet. Wie sie ”gelegen oder ungelegen“ (2 Tm 4, 2) furchtlose Zeugen für Christus und sein befreiendes Wort gewesen sind und opferbereit dafür ihr Leben eingesetzt haben, so sollen wir mit Christus in der Welt von heute Zeugnis geben für die Wahrheit, für Recht und Gerechtigkeit in der Gesellschaft, für Solidarität und Brüderlichkeit in der Welt der Arbeit, für die in der Taufe grundgelegte Einheit aller Christen und unsere gemeinsame Verantwortung für ein christliches Europa sowie die Ausbreitung des Reiches Gottes in der Welt. Die Kirche stellt uns die Seligen und Heiligen zur Verehrung, vor allem aber zur Nachahmung vor Augen.

2. Aufrichtig danke ich noch einmal allen Verantwortlichen für die freundliche Einladung zu diesem zweiten Besuch in Ihrem Land. In Ihnen, sehr geehrter Herr Bundeskanzler, gilt mein Dank auch dem Herrn Bundespräsidenten und allen Bürgern für die mir und meiner Begleitung erneut gewährte großzügige Gastfreundschaft; besonders jedoch all denen, die durch ihre tatkräftige Mitarbeit die Vorbereitung und den reibungslosen Ablauf dieses meines Besuches ermöglicht haben. Die bereite und wirksame Zusammenarbeit zwischen den staatlichen und kirchlichen Stellen in diesen Tagen unterstreicht ein weiteres Mal das Gute partnerschaftliche Verhältnis, das in diesem Land zwischen Staat und Kirche besteht und sich seit Jahrzehnten vielfältig bewährt hat: Diese ”verständige Kooperation“, die in Ihrer Verfassung grundgelegt ist, erwächst aus dem Dienst und der Verantwortung für die Menschen, die zugleich Gläubige und Staatsbürger sind. Sie garantiert den jeweiligen Institutionen und jedem Bürger jenen Freiheitsraum, der es ermöglicht, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. Es ist jedoch zugleich ein Gebot der Stunde, daß Staat und Kirche sich im Interesse des Gemeinwohls gemeinsam darum bemühen, jene Grundwerte und -rechte in der heutigen Gesellschaft zu fördern, die allein ein menschenwürdiges Zusammenleben gewährleisten und dem Menschen helfen, seine Freiheit verantwortungsbewußt gegenüber Gott und seinen Mitmenschen zu gebrauchen.

3. Ein Wort besonderen Dankes gilt sodann den Bischöfen, deren Diözesen ich besuchen durfte, sowie der ganzen Kirche in diesem Land. Ihnen und allen Gläubigen hinterlasse ich als Auftrag und Verpflichtung das Wort des Herrn, das als Leitwort dieses Pastoralbesuches gedient hat: ”Ihr werdet meine Zeugen sein“. Ich empfehle eure Zeugenschaft nun in einer ganz besonderen Weise dem fürbittenden Beistand eurer neuen seligen Glaubenszeugen: Schwester Teresia Benedicta vom Kreuz und Pater Rupert Mayer. Beide weisen uns auf die lebendige Kraft des Glaubens hin, die sich auch in einem unmenschlichen Regime und einer glaubensfeindlichen Umwelt zu bewähren vermochte. Diese Glaubenskraft gilt es immer wieder zu erneuern und zu stärken für ein wahrhaft christliches Lebenszeugnis in der Familie und Gesellschaft. Sie ist auch die beste Voraussetzung für zahlreiche neue Priester- und Ordensberufe, die für das Zeugnis der Kirche in der Welt von grundlegender Bedeutung sind. Ebenso wird nur ein von lebendigem Glauben geprägtes Denken und Handeln dazu beitragen können, ein christliches Europa zu formen, das zugleich Ausgangspunkt und Kern eines weltweiten Friedens sein kann.

Der Aufruf zum Zeugnis für Christus hat uns in diesen Tagen auch unsere Verantwortung für die Wiederherstellung der Einheit unter allen Christen in verstärktem Maße wieder verspüren lassen: ”ut unum sint“. Christus selbst betet für die Einheit seiner Jünger gerade wegen der Glaubhaftigkeit ihres Zeugnisses gegenüber der Welt: ”damit die Welt glaubt, daß du mich gesandt hast“ (Joh 17, 23). Im Vertrauen auf unser gemeinsames Gebet und die Bereitschaft aller Christen zu verstärkter ökumenischer Zusammenarbeit bin ich der festen Überzeugung, daß auch das Ärgernis der konfessionellen Spaltung mit der nötigen Geduld und Ausdauer allmählich überwunden werden kann. Die Kirche in Deutschland hat hier eine besondere Verantwortung. Möge Gott unseren schwachen Kräften mit seiner gütigen Allmacht zu Hilfe kommen und das Werk, das er durch seinen Heiligen Geist unter uns begonnen hat, auch vollenden.

Mit meinen besten Wünschen für Frieden und Wohlfahrt in Freiheit und Gerechtigkeit erbitte ich Ihrem geschätzten Land und allen seinen Bürgern Gottes bleibenden Schutz und Segen. - Gelobt sei Jesus Christus!

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