Zweite Pastoralreise von Papst Johannes Paul II. nach Österreich im Juni 1988

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Worte bei der
Zweiten Pastoralreise nach Österreich

von Papst
Johannes Paul II.
23. - 27. Juni 1988

(Quelle: Die deutschen Fassungen auf der Vatikanseite; auch in: Der Apostolische Stuhl 1988, S. 587-651)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Inhaltsverzeichnis

Donnerstag, den 23. Juni 1988

Begrüßungsansprache auf dem Flughafen Schwechat bei Wien

Sehr verehrter Herr Bundespräsident!

Aufrichtig danke ich Ihnen für den freundlichen Willkommensgruß, den Sie mir als oberster Repräsentant der Republik Österreich soeben entboten haben. Mit Ihnen grüße ich alle hier anwesenden Vertreter des öffentlichen Lebens und zugleich auch alle Menschen in diesem geschätzten Land, dessen herzliche Gastfreundschaft ich schon vor fünf Jahren erfahren durfte.

Mein besonderer, brüderlicher Gruß gilt den österreichischen Bischöfen. Sie haben mich freundlicherweise eingeladen, Österreich ein zweites Mal zu besuchen. Im Jahre 1983 hatte sich eine große Zahl von Gläubigen in Wien zu einem Katholikentag unter dem Thema ”Hoffnung leben – Hoffnung geben“ versammelt. Dieses eindrucksvolle Fest des Glaubens ist mir in lebendiger Erinnerung. Ich bin davon überzeugt, daß die vielen Teilnehmer der Feiern in Wien und in Mariazell Freude und Glaubenszuversicht in ihre Pfarrgemeinden und Familien gebracht haben.

Mein zweiter Pastoralbesuch führt mich nun in die meisten anderen Diözesen Ihres Landes. Er wird mir die Gelegenheit bieten, die Vielgestaltigkeit Österreichs und den Reichtum seiner Glaubenszeugnisse noch besser kennenzulernen. Die Orte, an denen ich diesmal mit den Gläubigen zusammentreffen werde, sind mit Sorgfalt ausgewählt worden. Sie markieren einen großen Bogen durch die so ereignisreiche Geschichte des Landes, die zugleich eine Geschichte des Glaubens ist. Sie erinnern an Zeiten der Gnade und blühenden christlichen Lebens, aber auch an Heimsuchungen, die besonders prägend gewesen sind und bleiben: das antike Lauriacum, die Dome von Salzburg, Gurk und Wien, der Bergisel in Innsbruck, Eisenstadt nahe der ungarischen Grenze und das ehemalige Konzentrationslager Mauthausen machen deutlich, was mit den Worten ”vielgerühmtes“, aber auch, ”vielgeprüftes Österreich“ in Ihrer Bundeshymne gemeint ist.

Alle katholischen Christen Österreichs lade ich am Beginn meines neuen Aufenthaltes in diesen Land dazu ein: Tragen wir an den Orten, an denen wir uns begegnen werden, das große und schwere Erbe der Vergangenheit wie auch die Freuden und Sorgen der Gegenwart in unserem gemeinsamen Gebet vor Gott. Erneuern wir unsere Treue zu unserer christlichen Berufung, die uns von unseren Vorfahren überkommen ist, und schöpfen wir neue Kraft aus der Feier der heiligen Eucharistie für ein frohes und überzeugtes Bekenntnis zu Christus und seiner Befreienden Botschaft in unserer Zeit.

Gott allein kann uns für unseren christlichen Auftrag in der Welt von heute den erforderlichen Mut und die sichere Orientierung geben. Dies sagt mit anderen Worten auch der Leitspruch für diesen Pastoralbesuch, der lautet: ”Ja zum Glauben – Ja zum Leben“. Nur ein entschlossenes Ja zum Glauben wird euch dazu befähigen, ein ebenso entschiedenes Ja zum Leben in allen seinen Formen und Phasen zu sagen und durchzuhalten. Unsere christliche Berufung ist eine Berufung zum Leben, die jegliche Kultur des Todes überwindet. Christus selbst sagt von seiner Sendung in diese Welt, daß er gekommen ist, damit die Menschen das Leben haben und es in Fülle haben.

Laßt uns darum in den kommenden Tagen gemeinsam unser Ja zum Glauben, das ein Ja zum Leben ist, aus unserer inneren Gemeinschaft mit Christus erneuern und vertiefen. Dazu erbitten wir besonders die Fürsprache der Gottesmutter in diesem ihr geweihten Marianischen Jahr. Helfen mögen uns zugleich die Heiligen dieses Landes, deren Gedenkstätten wir zusammen besuchen werden.

Ihnen, sehr verehrter Herr Bundespräsident, und allen Bürgern Ihres Landes danke ich schon jetzt aufrichtig für die vorzügliche Gastfreundschaft, die Sie mir und meiner Begleitung erneut in Ihrer landschaftlich so schönen und an kulturellem und religiösem Erbe so reichen österreichischen Heimat gewähren.

Möge das, was in diesen Tagen hier an Gutem geschieht, weiterwirken in eine für Österreich und seine Bürger segensreiche Zukunft!

Predigt bei der Vesper am Vorabend des Festes des hl. Johannes des Täufers im Wiener Stephansdom

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

1. ”Es trat ein Mensch auf, der von Gott gesandt war; sein Name war Johannes. Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen“.

Das Gedächtnis Johannes des Täufers, des Wegbereiters des Herrn, vereint uns am Vorabend seines Festes – am Beginn meines Pastoralbesuches – zum Gottesdienst in diesem herrlichen Stephansdom von Wien. Die Gestalt und Sendung dieses großen Gottesboten als Zeuge vom Licht, damit die Menschen glauben, laden uns ein zur Besinnung. In ihm wollen wir unseren Auftrag als Jünger Jesu Christi für die Wegbereitung des Herrn in unserem Leben und in der Welt von heute erkennen.

Von Herzen grüße ich euch, die ihr zu diesem Gottesdienst gekommen seid. Mein brüderlicher Gruß gilt der ganzen Erzdiözese Wien mit ihrem Erzbischof Hans-Hermann Groër, den ich in Kürze mit der Kardinalswürde auszeichnen darf, und dem verehrten Altersbischof Kardinal Franz König. Ich grüße den Herrn Bundespräsidenten, den Herrn Bundeskanzler und die anwesenden Mitglieder der Bundesregierung sowie alle Männer und Frauen, die in der Stadt Wien und im Land Niederösterreich oder für die ganze Nation in Kirche und Gesellschaft eine besondere Verantwortung tragen. Ebenso grüße ich auch alle jene, die in nah und fern durch Radio oder Fernsehen mit uns verbunden sind und an unserem Gebet teilnehmen.

2. ”Er (Johannes) kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht“.

Der Prolog des Johannesevangeliums, in dem sich diese Worte der heutigen Lesung finden, lenkt unseren gläubigen Blick auf das Geheimnis des göttlichen Wortes, das ”im Anfang“ war. ”Die Welt ist durch ihn geworden“, denn das Wort ”war Gott“. Wir begegnen hier dem Geheimnis der Schöpfung – dem Geheimnis Gottes, der erschafft. Das Wort ist das ewige Licht, wesensgleich mit dem Vater. Es ist der göttliche Sohn: der Erstgeborene der ganzen Schöpfung.

Dieses Licht schenkt sich an die Geschöpfe, die die Spuren der göttlichen Weisheit in sich tragen. In einer besonderen Weise aber schenkt es sich den Menschen. Damit führt uns der Prolog des Johannes vom erschaffenden Gott weiter zum Geheimnis der Menschwerdung. Denn das dem Vater wesengleiche Wort schenkt sich dem Menschen dadurch, daß es selbst ”Fleisch wird“. Das Wort kommt, um das Licht der Menschen zu werden – um aus der Nähe, aus der innersten Mitte des Menschseins und der Menschheitsgeschichte jeden Menschen su ”erleuchten“, der in diese Welt kommt. Dies bewirkt das ewige Wort als Mensch, damit jeder Mensch im Menschsein Gottes Gott selber besser erkennen kann. Zugleich soll dadurch der Mensch auch sein eigenes Menschsein, das von Anfang an das Bild und Gleichnis Gottes in sich trägt, in der Tiefe verstehen.

3. Auf diese Weise veranschaulicht uns der Prolog des Johannesevangeliums das Geheimnis der Menschwerdung des göttlichen Wortes, den Gipfel und entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit und der Welt. Aber es fügt hinzu: ”Er (das Wort) war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“. Mit diesen Worten faßt der Evangelist das Leben und Schicksal Jesu Christi, des von Gott in die Welt gesandten Messias und Erlösers, zusammen. Er selbst hat ihn ja mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört; mit seinen Händen hat er das göttliche Wort, das Fleisch geworden ist, berührt.

Gott kam als Mensch zu den Menschen – das menschgewordene Wort, durch das alles erschaffen ist –, aber seine Geschöpfe nahmen ihn nicht auf. ”Das Licht leuchtet in der Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht erfaßt“. Die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht.

4. In diese zusammenfassende Darstellung der Geheimnisse Gottes in Jesus Christus wird sodann – schon im Prolog – ein Mann eingeführt, von dem es heißt: ”Es trat ein Mensch auf, der von Gott gesandt war; sein Name war Johannes.

Er ist gesandt als Zeuge, um ”Zeugnis abzulegen für das Licht“; und zwar nicht erst am Ende des Lebens und Wirkens Jesu, sondern gleich am Anfang; sofort als das göttliche Wort die Schwelle des ewigen Geheimnisses überschritten hat, als Christus in die Welt kam in der Nacht von Betlehem, als er aus dem Schoß der Jungfrau geboren wurde.

Und ebenso gleich am Anfang, als der inzwischen dreißigjährige Jesus von Nazaret am Jordan auftrat, um in Israel seine messianische Sendung zu beginnen.

Wer ist dieser Johannes? Schon im Prolog des vierten Evangeliums sehen wir ihn – wie auch bei den Synoptikern – am Jordan. Und wir hören sogar seine Stimme: ”Er, der nach mir kommt, ist mir voraus, weil er vor mir war“.

Johannes ist der Bote, der – gleichaltrig mit Christus – dessen Kommen vorbereitet. Er ragt aus dem ganzen Alten Bund heraus ähnlich wie die Propheten, die das Kommen des Messias vorhergekündigt haben, und ist zugleich ”der größte“ unter ihnen.

Der Prolog des vierten Evangeliums nennt ihn nicht einen Propheten, sondern sagt, daß ”er als Zeuge kam“. Er ist der erste von denjenigen, die Christus zu seinen Zeugen beruft mit den Worten: ”Und auch ihr sollt Zeugnis ablegen, weil ihr von Anfang an bei mir seid“.

Johannes der Täufer am Jordan ist der erste unter diesen Zeugen. Er ist Zeuge von jenem ”neuen Anfang“, der mit dem Geheimnis der Menschwerdung des göttlichen Wortes begonnen hat. Sein Zeugnis gehört noch zum großen Advent Israels und der ganzen Menschheit. Er ist gleichsam die ”Schwelle der Zeugnisse“ vom Alten zum Neuen Bund. Alle, die danach in Einheit mit dem Geist der Wahrheit, dem göttlichen Beistand, von Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, Zeugnis geben – alle diese haben die ”Schwelle“ des Zeugnisses des Johannes am Jordan schon überschritten.

5. Während wir uns, liebe Brüder und Schwestern, heute – am Beginn meines Pastoralbesuches – hier im Stephansdom von Wien begegnen, wollen wir bei der großen Bedeutung dieses ”Zeugnisses“ ein wenig verweilen, das – angefangen von Johannes dem Täufer, über die Apostel – als Auftrag auf das ganze Volk Gottes übergegangen ist.

Das ”Zeugnis“ für Christus bestimmt das innerste Wesen unseres Christseins. Jünger Jesu Christi sein, heißt Zeuge sein! Der Herr sagt von sich selber vor Pilatus: ”Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, daß ich für die Wahrheit Zeugnis ablege“. Dieselbe Sendung, die Christus vom Vater empfangen hat, überträgt er nach seiner Auferstehung auch den Aposteln: ”Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch“. Bei seiner Himmelfahrt erfolgt schließlich in ihnen die Aussendung der Kirche, um vor allen Völkern seine Frohe Botschaft zu bezeugen: ”Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!“.

Das Zeugnis unzähliger Glaubensboten hat die Botschaft Christi durch die Jahrhunderte in alle Erdteile verbreitet. Große Anstrengungen sind noch heute erforderlich, damit sie wirklich zu allen Menschen gelangt. Gleichzeitig aber sind auch die Christen in den schon christlichen Ländern wie nie zuvor aufgerufen, alles zu tun, damit der Glaube und die Treue zu Christus bei ihnen selbst nicht wieder verkümmern, sondern zu neuem Leben erwachen. Unser ganzer – sogenannter christlicher – europäischer Kontinent bedarf heute einer Neu-Evangelisierung. Das II. Vatikanische Konzil hat darum alle Christen zu einem neuen und verstärkten Glaubenszeugnis aufgerufen. Nicht nur Bischöfe, Priester und Ordensleute, sondern ”jeder Laie muß vor der Welt Zeuge der Auferstehung und des Lebens Jesu, unseres Herrn, und Zeichen des lebendigen Gottes sein“. Denselben Aufruf hat sich die letzte Bischofssynode über die Sendung und Aufgabe der Laien in der Welt von heute zu eigen gemacht. In ihrer Botschaft an das Volk Gottes heißt es: ”Wer Taufe, Firmung und Eucharistie empfängt, verpflichtet sich, Christus zu folgen und ihn mit dem ganzen Leben – auch in Arbeit und Beruf – zu bezeugen“.

6. Wie ich schon bei meinem ersten Pastoralbesuch von euren Bischöfen betont habe, leben wir in einer Zeit, ”da Gottes Antlitz vielen Menschen dunkel und unerkennbar geworden ist. Die Erfahrung der scheinbaren Abwesenheit Gottes lastet nicht nur auf den Fernstehenden, sie ist generell“. Das Leitwort der kommenden Tage ”Ja zum Glauben – Ja zum Leben“ soll ein Aufruf an uns sein, uns dieser Not unserer Mitmenschen entschlossen zu stellen.

Die Christen dürfen sich nicht damit begnügen, die Abwesenheit oder Vergessenheit Gottes unter den Menschen nur zu beklagen. Sie müssen sofort mit der Wegbereitung Gottes neu beginnen; zuerst durch ihre eigene Bekehrung und ihren Dienst an den Mitmenschen, wie es der Prophet Jesaja fordert: ”Bahnt eine Straße, ebnet den Weg, entfernt die Hindernisse auf dem Weg meines Volkes!“. Darum rufe ich euch heute zu: Räumt die Hindernisse aus, die dem Glauben an Gott in unseren Tagen entgegenstehen! Schafft Bedingungen, die den Glauben erleichtern! Sucht vom Vertrauen auf Gott her auch ein neues Vertrauen zueinander. Wo gegenseitiges Mißtrauen das Leben bestimmt, wird nicht nur der Zugang der Menschen zueinander erschwert. Zusehends geschieht Tieferes: Es verschwindet das Vertrauen zum Menschen überhaupt, zu seiner Fähigkeit und Bereitschaft für das Wahre und Gute. Die Transparenz der Welt auf die Wahrheit, auf den Grund allen Vertrauens hin, erlischt langsam. Eine vom Mißtrauen verdunkelte Welt versperrt die Wege zu Gott, lähmt den Schwung des Glaubens. Gebt im Mut zu Wahrheit und Vertrauen einander den Weg frei zu Gott, der will, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. Das alles ist nicht nur eine religiöse, sondern auch eine eminent gesellschaftliche Aufgabe der Christen. Das II. Vatikanische Konzil, das den spezifisch religiösen Charakter der Sendung der Kirche besonders unterstreicht, sagt darauf ebenso deutlich: ”Doch fließen aus eben dieser religiösen Sendung Auftrag, Licht und Kraft, um der menschlichen Gemeinschaft zu Aufbau und Festigung nach göttlichem Gesetz behilflich zu sein“,

7. Der hl. Clemens Maria Hofbauer, der Patron dieser Stadt, kam, nachdem er schon in meiner Heimat segensreich gewirkt hatte, nach Wien und wurde hier zum Erneuerer des kirchlichen und gesellschaftlichen Lebens. Gemeinsam mit seinen Mitbrüdern wirkte er in allen Bereichen der Seelsorge gegen die Gleichgültigkeit des Zeitalters der Aufklärung. Möge er euch helfen, euch in seinem Geist und mit dem gleichen Eifer für eine christliche Erneuerung in der Kirche und Gesellschaft von heute einzusetzen.

Ihr lebt in einem demokratischen Staat, der allen die tatkräftige Mitarbeit am Aufbau der Gesellschaft ermöglicht und sie von allen auch erwartet. Als Christen müßt ihr euch fragen, ob ihr darin den euch von Gott und seinem Evangelium aufgetragenen Beitrag leistet. Wie steht es um eine Gesellschaft, in der Alter oft wie eine Krankheit betrachtet, Kranke mitunter als Störenfriede angesehen, in welcher Ehen leichtfertig geschlossen und noch leichtfertiger geschieden, in der zehntausende Kinder jährlich getötet werden, bevor sie das Licht der Welt erblicken?

Über den Auftrag der Christen in der Gesellschaft sagt die letzte Bischofssynode in ihrer Botschaft an das Volk Gottes: ”Übereinstimmung von Glaube und Leben muß das Wirken der Gläubigen im öffentlichen Leben auszeichnen, in der Mitarbeit in den politischen und sozialen Institutionen wie im täglichen Leben. Nur so können sie in die weltlichen Strukturen und Tätigkeiten den Geist des Evangelium einbringen“. Sagen wir darum unser entschlossenes Ja zum Glauben – Ja zum Leben, auch angesichts eines Egoismus ohne Hoffnung, der das Leben erstickt. Sagen wir ja zum Glauben – ja zum Leben, aus der tiefen Überzeugung, daß wir eine Gemeinschaft von Menschen sind, ”die, in Christus geeint, vom heiligen Geist auf ihrer Pilgerschaft zum Reich des Vaters geleitet werden und eine Heilsbotschaft empfangen haben, die allen auszurichten ist“.

8. In einer altkirchlichen Schrift, dem Diognetbrief, heißt es über die Rolle des Christen in der Gesellschaft: ”Die Christen sind Menschen wie die übrigen: sie unterscheiden sich von den anderen nicht nach Land, Sprache oder Gebräuchen... Sie heiraten wie alle anderen und zeugen Kinder, aber sie verstoßen nicht die Frucht ihres Leibes... Um es kurz zu sagen: Was die Seele im Leib ist, das sind die Christen in der Welt. Die Seele durchdringt alle Glieder des Leibes, die Christen alle Städte der Welt... Die Christen sind im Gewahrsam der Welt und halten doch die Welt zusammen...“.

In der Welt, aber nicht von dieser Welt! Wie die Christen jener ersten Jahrhunderte müssen die Christen auch heute den Mut und das Gottesvertrauen haben, sich in ihrem Leben von ihrer Umwelt zu unterscheiden, nicht um diese zu verurteilen, sondern um sie durch ihr Lebenszeugnis mit dem Licht und der Wahrheit des Evangeliums zu durchdringen; so wie die Seele den Leib durchdringt und belebt, wie der Sauerteig alles durchsäuert.

Das Zeugnis der Christen erfolgt vor der ”Welt“, im Hinblick auf die verschiedenen Probleme der Welt, aber es bleibt letztlich ein Zeugnis für Christus, für das Licht, das in der Finsternis leuchtet, auf daß es die Menschen und die Welt immer heller erleuchtet. Das Ja der Christen zum Leben ist letztlich ein Ja zu Christus, der gerade dazu gekommen ist, daß ”wir das Leben haben und es in Fülle haben“. Wie Johannes vom Licht Zeugnis ablegte, damit alle durch ihn zum Glauben kommen, so muß auch unser christliches Zeugnis in der Welt immer ein Zeugnis über die Erlösung sein, damit die Menschen in Christus ihr ewiges Heil finden. Heute wie damals gibt Gott allen, die sein göttliches Wort, seinen menschgewordenen Sohn aufnehmen, die Macht, Kinder Gottes zu werden.

Heiliger Johannes der Täufer, Zeuge und Wegbereiter des Herrn, mache uns heute nach deinem Vorbild zu glaubwürdigen Zeugen für Christus und sein anbrechendes Reich in den Herzen der Menschen und in der Welt! -Amen.

Ansprache beim Treffen mit dem Präsidenten der Republik und dem Diplomatischen Korps in der Wiener Hofburg

Sehr verehrter Herr Bundespräsident!
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler!
Sehr geehrte Damen und Herren!

1. Nach der erhebenden religiösen Feier im Wiener Stephansdom ist es mir eine besondere Freude, nun in diesem festlichen Rahmen Ihnen, Herr Bundespräsident, den Mitgliedern der Bundesregierung und den übrigen Repräsentanten der Republik Österreich meine aufrichtigen Grüße entbieten zu dürfen. Von Herzen danke ich Ihnen für den ehrenvollen Empfang und die große Anteilnahme, die Sie meiner zweiten Reise in Ihr Land vom Augenblick ihrer Ankündigung entgegengebracht haben. Die umfassenden Vorkehrungen, die Sie auch von seiten des Staates für einen angemessenen Verlauf dieses Pastoralbesuches unternommen haben, werden viel dazu beitragen, daß die Begegnungen mit den Menschen an den verschiedenen Orten zu einem nachhaltigen Erlebnis werden.

Diese hilfsbereite Zusammenarbeit und unsere heutige Begegnung unterstreichen ein weiteres Mal das gute Verhältnis, das seit langer Zeit zwischen Österreich und dem Heiligen Stuhl besteht. Auf der Grundlage des in Ihrer Verfassung anerkannten Rechtes auf Glaubens- und Gewissensfreiheit und der im Konkordat getroffenen gegenseitigen Vereinbarungen hat sich das Leben der katholischen Kirche in Österreich segensreich entfalten können. Katholische Christen haben in glücklichen wie leidvollen Stunden Ihres Landes Beachtenswertes geleistet. Gerade in diesem Jahr 1988 möchte ich des Leidensweges gedenken, den Österreich zusammen mit anderen Völkern unter grausamer Tyrannenherrschaft in jüngster Vergangenheit hat auf sich nehmen müssen. Unter den vielen aus religiösen, rassischen oder politischen Gründen Verfolgten jener Zeit befinden sich auch viele Katholiken, Priester, Ordensleute und Laien.

2. Die jetzige demokratische Verfassung Ihres Staates und die darin verbürgte freiheitliche Ordnung sind ein kostbares Erbe, das es sorgsam zu hüten und zu entfalten gilt. Trotz des heute vorherrschenden weltanschaulichen Pluralismus ist das Leben in Österreich in vielem noch grundsätzlich durch christliche Werte geprägt. Richtig verstandene Freiheit bedeutet nicht Ungebundenheit und Beliebigkeit, sondern ist, wie ein Theologe (Johannes von Salisbury) einmal zutreffend gesagt hat, das Recht, das Gute zu tun.

Das Gute, zu dem das Leitwort meines Pastoralbesuches die Menschen in diesem Land neu ermutigen möchte, ist das ”Ja zum Leben“ in allen seinen Dimensionen. Die Kirche sagt dazu aus ihrem Glauben ein klares und uneingeschränktes Ja und fühlt sich darin solidarisch mit der Gesellschaft, in deren Mitte sie wirkt. Wenn aber gewisse Dimensionen des Lebens in Gefahr geraten, verkürzt oder verstümmelt zu werden, so sieht sie sich gleichermaßen verpflichtet, den prophetischen Dienst des Widerspruchs zu leisten, sei es gelegen oder ungelegen.

Unser Ja zum Leben muß das Ja zur Freiheit und zur Würde des Menschen, das Ja zu Toleranz und das Ja zu Gerechtigkeit und Frieden miteinschließen. Ein so verstandenes Ja zum Leben verbietet die Verfolgung oder Diffamierung andersdenkender Mitmenschen. Es verlangt die Anerkennung des Lebensrechtes jedes Menschen und die Einsicht, daß die Freiheit des anderen beginnt. Gerechtigkeit und Gemeinwohl sind jene wesentlichen Ziele, auf die sich das Handeln der Menschen im innerstaatlichen und internationalen Leben ausrichten soll. Das II. Vatikanische Konzil sagt in der Pastoralkonstitution Gaudium et Spes: ”Die gesellschaftliche Ordnung und ihre Entwicklung müssen sich dauernd am Wohl der Personen orientieren; denn die Ordnung der Dinge muß der Ordnung der Personen dienstbar werden und nicht umgekehrt“. Eine solche menschengerechte Ordnung beginnt mit dem Schutz des ungeborenen Lebens, verlangt die Achtung von Ehe und Familie, die Sorge für die Arbeitsplätze und in möglichst vielen Bereichen des gemeinschaftlichen Zusammenlebens vertrauensbildenden Dialog und Partnerschaft. Steht die Achtung der Würde und der Grundrechte des Menschen im Mittelpunkt unseres Handelns, so können auch Gegensätze über Eigeninteressen, Partei- und Ländergrenzen hinweg fahr und gerecht ausgetragen oder vielfach sogar von vornherein vermieden werden.

3. Die Bemühungen Österreichs um nationalen wie internationalen Frieden als Frucht für die Wahrung der Menschenrechte, seine Hilfe für viele Flüchtlinge und seine Solidarität mit den großen Problemen der Menschen in der Dritten Welt – all das verdient internationalen Respekt für Ihr Land. Die katholische Kirche in Österreich hat sich in Einheit mit der Weltkirche zum tatkräftigen Anwalt dieser Anliegen gemacht und ist weiterhin zu partnerschaftlicher Zusammenarbeit bereit. Wenn auch Österreich wie andere Länder wachsenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten begegnet, bin ich doch gewiß, daß Sie nicht aufhören werden, sich auch in Zukunft notleidenden Mitmenschen in aller Welt hilfsbereit zuzuwenden. Möge Ihr Land weiterhin eine offene Tür für jene Menschen haben, die unter tragischen Umständen ihre angestammte Heimat verlassen müssen.

Österreich weiß um seine Chance und seine Aufgabe, im Herzen Europas Brücke zu sein, und unternimmt dafür beispielhafte Anstrengungen im Bereich der Politik und der Kultur. Man darf sich niemals damit abfinden, daß Staaten oder Völker, besonders wenn sie benachbart sind, sich gleichsam fremd und beziehungslos gegenüberstehen. Unser ganzer europäischer Kontinent bedarf eines schöpferischen Erneuerungsprozesses für ein einiges Europa. Die Kirche kann für dieses Werk der Vermittlung und der Verständigung einen wichtigen Beitrag leisten. Der christliche Glaube ist in allen Ländern Europas von ihren Ursprüngen her eine prägende und grenzüberschreitende Kraft. Wie ich in meiner Ansprache im Oktober 1982 an die Teilnehmer des 5. Symposiums des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen in Rom betont habe, sind Kirche und Europa ”zwei Wirklichkeiten, die in Ihrem Sein und in ihrer Bestimmung eng miteinander verknüpft sind“. Sie haben miteinander jahrhundertelang einen gemeinsamen Weg zurückgelegt und bleiben von derselben Geschichte geprägt. Europa ist vom Christentum aus der Taufe gehoben worden, und die europäischen Nationen in ihrer Verschiedenheit haben die christliche Existenz verkörpert. Bei ihrer Begegnung haben sie einander bereichert und Werte mitgeteilt, die nicht allein zur Seele der europäischen Kultur, sondern auch zum Gut der ganzen Menschheit geworden sind. Diese christliche Identität und innere Einheit Europas gilt es gemeinsam wiederzuentdecken und für die Zukunft dieses Kontinents und der Welt fruchtbar zu machen. Die Kirche ist bemüht, durch verstärkte Anstrengungen für eine Art Neu-Evangelisierung der Völker Europas hierzu ihren besonderen Beitrag zu leisten.

4. Sehr geehrte Damen und Herren! Dienst am Menschen, das ist der Auftrag der Regierenden im Staat. Dies kommt schon im Namen des hohen Ministeramtes selbst zum Ausdruck. Dienst am Menschen ist auch der Auftrag und die Absicht der Kirche und aller wahren Christen, die zu ihr gehören. Je entschiedener die Kirche Gott dient, desto entschiedener dient sie auch den Menschen.

Wenn die Träger höchster staatlicher Verantwortung und die Hirten der Kirche unter Wahrung der Eigenständigkeit von Staat und Kirche zum Wohl der Menschen zusammenarbeiten, dann erfüllen sie damit in einer wichtigen Dimension auch ihren eigenen Auftrag. Die heute für die gesamte Gesellschaft schon anstehenden und morgen vielleicht noch dringlicher werdenden großen Fragen und Aufgaben lassen eine solche offene und von wechselseitigem Respekt getragene Zusammenarbeit als besonders wünschenswert erscheinen.

In der Hoffnung, daß sich das hier in Österreich schon bestehende partnerschaftliche Zusammenwirken von Staat und Kirche zum Wohl der Menschen fruchtbar weiterentfaltet, bekunde ich Ihnen, Herr Bundespräsident und Herr Bundeskanzler, und Ihnen allen, die Sie als Mitglieder der österreichischen Bundesregierung oder auf andere Weise hohe Verantwortung in Staat und Gesellschaft tragen, meine besten persönlichen Wünsche. Sie sind für mich zugleich eine Bitte an den dreifaltigen Gott: Er möge dieses Land und seine Menschen weiterhin schützen und segnen.

Freitag, den 24. Juni 1988

Ansprache beim Treffen mit Vertretern der jüdischen Gemeinde in der Apostolischen Nuntiatur von Wien

Sehr geehrter Präsident der Israelitischen Kultusgemeinden,
sehr verehrter Herr Oberrabiner, geehrte Anwesende!

1. Beim Propheten Jeremia lesen wir: ”Ein Geschrei ist in Rama zu hören, bitteres Klagen und Weinen, Rahel weint um ihre Kinder..., denn sie sind dahin“.

Eine solche Klage ist auch der Grundton der Grußworte, die Sie soeben im Namen der jüdischen Gemeinden in Österreich an mich gerichtet haben. Sie hat mich tief bewegt. Ich erwidere Ihren Gruß mit Liebe und Wertschätzung und versichere Ihnen, daß diese Liebe auch die bewußte Kenntnis all dessen einschließt, was Sie schmerzt. Vor fünfzig Jahren brannten in dieser Stadt die Synagogen. Tausende von Menschen wurden von hier in die Vernichtung geschickt, unzählige zur Flucht getrieben. Jene unfaßbaren Schmerzen, Leiden und Tränen stehen mir vor Augen und sind meiner Seele tief eingeprägt. In der Tat, nur wen man kennt, den kann man lieben.

Es freut mich, daß es bei meinem Pastoralbesuch auch zu dieser Begegnung mit Ihnen gekommen ist. Möge sie ein Zeichen gegenseitiger Hochachtung sein und die Bereitschaft bekunden, sich noch besser kennenzulernen, tiefgreifende Ängste abzubauen und einander Vertrauen weckende Erfahrungen zu schenken.

”Shalom!“, ”Friede!“ – Dieser religiöse Gruß ist eine Einladung zum Frieden. Er ist von zentraler Bedeutung bei unserer Begegnung am heutigen Morgen, vor dem Shabbath; von zentraler Bedeutung ist er auch in christlicher Sicht nach dem Friedensgruß des auferstandenen Herrn an die Apostel im Abendmahlssaal. Der Friede schließt das Angebot und die Möglichkeit der Vergebung und der Barmherzigkeit ein, die herausragende Eigenschaften unseres Gottes, des Gottes des Bundes, sind. Sie erfahren und feiern im Glauben diese Gewißheit, wenn Sie alljährlich den großen Sühnetag, den Yôm Kippûr, festlich begehen. Wir Christen betrachten dieses Geheimnis im Herzen Christi, der – von unseren Sünden und denen der ganzen Welt durchbohrt – für uns am Kreuze stirbt. Dies ist höchste Solidarität und Brüderlichkeit aus der Kraft der Gnade. Der Haß ist ausgelöscht und geschwunden, es erneuert sich der Bund der Liebe. Dies ist der Bund, den die Kirche im Glauben lebt; in ihm erfährt sie ihre tiefe und geheimnisvolle Verbundenheit in Liebe und Glaube mit dem jüdischen Volk. Kein geschichtliches Ereignis, wie schmerzlich es auch sein mag. kann so mächtig sein, daß es dieser Wirklichkeit zu widersprechen vermag, die zum Plan Gottes für unser Heil und unsere brüderliche Versöhnung gehört.

2. Das Verhältnis zwischen Juden und Christen hat sich seit dem II. Vatikanischen Konzil und dessen feierliche Erklärung ”Nostra Aetate“ wesentlich verändert und verbessert. Seitdem besteht ein offizieller Dialog, dessen eigentliche und zentrale Dimension ”die Begegnung zwischen den heutigen christlichen Kirchen und dem heutigen Volk des mit Mose geschlossenen Bundes“ sein soll, wie ich es bei einer früheren Gelegenheit formuliert habe. Inzwischen sind weitere Schritte zur Versöhnung getan worden. Auch mein Besuch in der römische Synagoge sollte ein Zeichen dafür sein.

Dennoch lastet weiter auf Ihnen und auch auf uns die Erinnerung an die Schoah, den millionenfachen Mord an den Juden in den Vernichtungslagern. Es wäre freilich ungerecht und unwahr, diese unsäglichen Verbrechen dem Christentum anzulasten. Vielmehr zeigt sich hier das grauenvolle Antlitz einer Welt ohne und sogar gegen Gott, deren Vernichtungsabsichten sich erklärtermaßen gegen das jüdische Volk richtete, aber auch gegen den Glauben derer, die in dem Juden Jesus von Nazaret den Erlöser der Welt verehren. Einzelne feierliche Proteste und Appelle ließen solche Absichten nur noch fanatischer werden.

Eine angemessene Betrachtung der Leiden und des Martyriums des jüdischen Volkes kann nicht ohne innersten Bezug auf die Glaubenserfahrung erfolgen, die seine Geschichte kennzeichnet, angefangen vom Glauben Abrahams, beim Auszug aus der Knechtschaft Ägyptens, beim Bundesschluß am Sinai. Es ist ein Weg in Glaube und Gehorsam als Antwort auf den liebenden Ruf Gottes. Wie ich im vergangenen Jahr vor Vertretern der jüdischen Gemeinde in Warschau gesagt habe, kann aus diesen grausamen Leiden eine um so tiefere Hoffnung erwachsen, ein rettender Warnruf für die ganze Menschheit sich erheben. Sich der Schoah erinnern heißt hoffen und sich dafür einsetzen, daß sie sich niemals mehr wiederholt.

Wir können gegenüber einem so unermeßlichen Leid nicht unempfindlich bleiben; aber der Glaube sagt uns, daß Gott die Verfolgten nicht verläßt, sondern sich ihnen vielmehr offenbart und durch sie jedes Volk auf dem Weg zur Erlösung erleuchtet. Dies ist die Lehre der Heiligen Schrift, dies ist uns in den Propheten, in Jesaja und in Jeremia, offenbart. In diesem Glauben, dem gemeinsamen Erbe von Juden und Christen, hat die Geschichte Europas ihre Wurzeln. Für uns Christen erhält jeder menschliche Schmerz seinen letzten Sinn im Kreuze Jesu Christi. Dies aber hindert uns nicht, es drängt uns vielmehr dazu, solidarisch mitzufühlen mit den tiefen Wunden, die durch die Verfolgungen dem jüdischen Volk, besonders in diesem Jahrhundert aufgrund des modernen Antisemitismus, zugefügt worden sind.

3. Der Prozeß der vollen Versöhnung zwischen Juden und Christen muß auf allen Ebenen der Beziehungen zwischen unseren Gemeinschaften mit aller Kraft weitergeführt werden. Zusammenarbeit und gemeinsame Studien sollen dazu dienen, die Bedeutung der Schoah tiefer zu erforschen. Aufzuspüren und möglichst zu beseitigen sind die Ursachen, die für den Antisemitismus verantwortlich sind oder noch allgemeiner zu den sogenannten ”Religionskriegen“ führen. Nach dem Vorbild dessen, was auf dem Weg der Ökumene bisher bereits geschehen ist, vertraue ich darauf, daß es möglich sein wird, über die Rivalitäten, die Radikalisierungen und Konflikte der Vergangenheit offen miteinander zu sprechen. Wir müssen versuchen, sie auch in ihren geschichtlichen Bedingungen zu erkennen und sie durch gemeinsame Bemühungen um Frieden, um ein kohärentes Glaubenszeugnis und die Förderung der sittlichen Werte, die die Personen und Völker bestimmen sollen, zu überwinden.

Schon in der Vergangenheit hat es nicht an klaren und nachdrücklichen Warnungen gegen jede Art religiöser Diskriminierung gefehlt. Ich erinnere hier vor allem an die ausdrückliche Verurteilung des Antisemitismus durch ein Dekret des Heiligen Stuhls von 1928, wo es heißt, daß der Heilige Stuhl auf das schärfste den Haß gegen das jüdische Volk verurteilt, ”jenen Haß nämlich, den man heute gewöhnlich mit dem Wort ”Antisemitismus“ zu bezeichnen pflegt“. Die gleiche Verurteilung erfolgte auch durch Papst Pius XI. im Jahre 1938. Unter den vielfältigen heutigen Initiativen, die im Geist des Konzils für den jüdisch-christlichen Dialog entstehen, möchte ich auf das Zentrum für Information, Erziehung, Begegnung und Gebet hinweisen, das in Polen errichtet wird. Es ist dazu bestimmt, die Schoah sowie das Martyrium des polnischen Volkes und der anderen europäischen Völker während der Zeit des Nationalsozialismus zu erforschen und sich mit ihnen geistig auseinanderzusetzen. Es ist zu wünschen, daß es reiche Früchte hervorbringt und auch für andere Nationen als Vorbild dienen kann. Initiativen dieser Art werden auch das zivile Zusammenleben aller sozialen Gruppen befruchten und sie anregen, sich in gegenseitiger Achtung für die Schwachen, Hilfsbedürftigen und Ausgestoßenen einzusetzen, Feindseligkeiten und Vorurteile zu überwinden sowie die Menschenrechte, besonders das Recht auf Religionsfreiheit für jede Person und Gemeinschaft zu verteidigen.

An diesem umfangreichen Aktionsprogramm, zu dem wir Juden, Christen und alle Menschen guten Willens einladen, sind auch schon seit vielen Jahren die Katholiken in Österreich beteiligt, Bischöfe und Gläubige, sowie verschiedene Vereinigungen. Erst in jüngster Zeit haben fruchtbare Begegnungen mit jüdischen Persönlichkeiten in Wien stattgefunden.

4. Die Eintracht und Einheit der verschiedenen Gruppen einer Nation bilden auch eine solide Voraussetzung für einen wirksamen Beitrag zur Förderung von Frieden und Verständigung unter den Völkern, wie es die Geschichte Österreichs selbst in den letzten Jahrzehnten gezeigt hat. Die Sache des Friedens liegt uns allen am Herzen, besonders im Heiligen Land, in Israel, im Libanon, im Mittleren Osten. Dies sind Regionen, mit denen uns tiefe biblische, geschichtliche, religiöse und kulturelle Wurzeln verbinden. Der Friede ist nach der Lehre der Propheten Israels eine Frucht der Gerechtigkeit und des Rechtes und zugleich ein unverdientes Geschenk der messianischen Zeit. Deshalb muß auch hier jegliche Gewalt beseitigt werden, die alte Irrtümer wiederholt und dadurch Haß, Fanatismus und religiösen Integralismus hervorruft, welche Feinde menschlicher Eintracht sind. Jeder prüfe diesbezüglich sein Gewissen entsprechend seiner Verantwortung und Zuständigkeit. Vor allem aber ist es notwendig, daß wir einen konstruktiven Dialog zwischen Juden, Christen und Moslems fördern, damit das gemeinsame Zeugnis des Glaubens an den ”Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“ in der Suche nach gegenseitiger Verständigung und brüderlichem Zusammenleben wirksam fruchtbar wird, ohne die Rechte von jemandem zu verletzten.

In diesem Sinn muß jede Initiative des Heiligen Stuhls verstanden werden, wenn er sich darum bemüht, die Anerkennung der gleichen Würde für das jüdische Volk im Staate Israel und für das palästinensische Volk zu suchen. Wie ich im vergangenen Jahr vor Vertretern der jüdischen Gemeinden in den Vereinigten Staaten von Amerika betont habe, hat das jüdische Volk ein Recht auf ein Heimatland, wie es jede andere Nation gemäß dem internationalen Recht hat. Dasselbe aber gilt auch für das palästinensische Volk, aus dem viele Menschen heimatlos und Flüchtlinge sind. Durch gemeinsame Verständigungs- und Kompromißbereitschaft sind endlich jene Lösungen zu finden, die zu einem gerechten, umfassenden und dauerhaften Frieden in diesem Gebiet führen. Wenn nur Vergebung und Liebe in Fülle ausgesät werden, wird das Unkraut des Hasses nicht wachsen können; es wird erstickt werden. Sich an die Schoah erinnern heißt auch, sich jeder Aussaat von Gewalt zu widersetzen und jeden zarten Sproß von Freiheit und Frieden mit Geduld und Ausdauer zu schützen und zu fördern.

In diesem Geist christlicher Versöhnungsbereitschaft erwidere ich Ihnen von Herzen ihr ”Shalom“ und erflehe für uns alle das Geschenk brüderlicher Eintracht und den Segen des allmächtigen und allgütigen Gottes Abrahams, Ihres und unseres Vaters im Glauben.

Predigt bei der Hl. Messe am Fest des Hl. Johannes des Täufers in Eisenstadt-Trausdorf

Liebe Brüder und Schwestern!

1. ”Herr, du hast mich erforscht, und du kennst mich..., alle meine Wege sind dir bekannt“.

So beten wir mit dem Psalmisten in der heutigen Liturgie. Seine Worte drücken aus, was uns hier zutiefst vereint – unsichtbar zwar, aber dennoch wirklich und wesentlich: Wir sind hier versammelt im gemeinsamen Glauben an den gegenwärtigen Gott, der uns alle erforscht und kennt. Gott weiß um uns schon immer, er kennt einen jeden von uns, wir alle sind in sein liebendes Herz geschrieben, seine Vorsehung umfängt die ganze Schöpfung. ”In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir“, so erklärt der Apostel Paulus den fragenden Athenern auf dem Aeropag die Nähe Gottes zu uns Menschen.

Vor ihm sind wir hier versammelt – vor dem unsichtbaren Gott. In seinem ewigen Wort, dem eingeborenen Sohn, hat er uns beim Namen gerufen, damit wir durch ihn das Leben haben und es in Fülle haben.

Darum feiern wir nun Eucharistie. Wir kommen, um in Jesus Christus alles vom Vater zu empfangen, was uns zum Heile dient. Und wir bringen alles: unsere Freude, unseren Dank, unsere Bitten, ja, uns selbst, um uns ganz in Christus dem Vater darzubringen: in ihm, der ja der Erstgeborene der ganzen Schöpfung ist. In und durch Christus wollen wir mit dem Psalmisten zu unserem Schöpfer und Vater beten: ”Ich danke dir, daß du mich so wunderbar gestaltet hast; staunenswert sind deine Werke“.

2. In dankbarer Freude grüße ich Eisenstadt, den Sitz eurer Diözese, die ich dank der Freundlichkeit eures Bischofs schon vor etlichen Jahren besuchen durfte. Ich grüße von Herzen Bischof Stefan László und danke ihm für die vielen Jahre brüderlicher Freundschaft und Verbundenheit seit dem Konzil bis heute. Gern erinnere ich mich auch an unsere Begegnungen in Krakau und Rom. Ich freue mich, nun ein weiteres Mal hier sein Gast sein zu dürfen.

Herzlich grüße ich euch alle, die anwesenden Kardinäle, Bischöfe, Priester und Ordensleute, alle Gläubigen der Diözese Eisenstadt und aus den österreichischen Nachbardiözesen, ganz besonders aber die sehr zahlreichen Gäste aus Ungarn und aus Kroatien in Jugoslawien. Durch euch gilt unser gemeinsamer Segensgruß zugleich allen unseren Glaubensbrüdern und -schwestern in euren Heimatländern, mit denen wir uns heute über alle Grenzen hinweg auf das engste in der einen Kirche Jesu Christi verbunden fühlen.

3. ”Herr, du hast mich erforscht, und du kennst mich“. Die Kirche wiederholt diese Worte des Psalmisten in der heutigen Festliturgie, am Geburtsfest Johannes des Täufers, des Sohnes des Zacharias und der Elisabet. ”Vom Mutterschoß an“ hat Gott ihn berufen, die ”Taufe der Buße“ am Jordan zu predigen und das Kommen seines Sohnes vorzubereiten.

Die besonderen Umstände der Geburt des Johannes sind uns durch den Evangelisten Lukas überliefert. Nach einer alten Überlieferung erfolgte sie in Ain-Karim, vor den Toren Jerusalems. Ihre Begleitumstände waren so ungewöhnlich, daß die Leute schon damals fragten: ”Was wird wohl aus diesem Kind werden?“. Für seine gläubigen Eltern, für die Nachbarn und Verwandten war es offenkundig, daß seine Geburt ein Zeichen Gottes war. Ja, sie sahen deutlich, daß ”die Hand des Herrn“ auf ihm ruhte. Dies zeigte schon die Ankündigung seiner Geburt an seinen Vater Zacharias, während er den priesterlichen Dienst im Tempel von Jerusalem versah. Seine Mutter Elisabet war schon betagt und galt als unfruchtbar. Auch der Name ”Johannes“, den er erhielt, war außergewöhnlich für seine Umgebung. Sein Vater selbst mußte befehlen, daß er ”Johannes“ und nicht, wie es alle anderen wollten, ”Zacharias“ heißen sollte.

Der Name Johannes bedeutet in der hebräischen Sprache ”Gott ist gnädig“. So wird schon im Namen ausgedrückt, daß der neugeborene Knabe einmal die Heilspläne Gottes ankünden soll. Die Zukunft sollte die Weissagungen und Erlebnisse um seine Geburt voll bestätigen: Johannes, der Sohn des Zacharias und der Elisabet, wurde die ”Stimme eines Rufers in der Wüste“, der am Jordan zur Buße aufrief und Christus die Wege bereitete.

Christus selbst hat von Johannes dem Täufer gesagt, daß ”unter den von einer Frau Geborenen keiner größer ist“. Darum hat auch die Kirche diesem großen Boten Gottes von Anfang an eine besondere Verehrung erwiesen. Ausdruck dieser Verehrung ist das heutige Fest.

4. Liebe Brüder und Schwestern! Diese Feier mit ihren liturgischen Texten lädt uns ein, über die Frage nach dem Werden des Menschen, nach seiner Herkunft und Bestimmung nachzudenken. Es scheint zwar, daß wir über dieses Thema bereits viel wissen, sei es aus der langen Erfahrung der Menschheit, sei es durch immer tiefere biomedizinische Forschungen. Das Wort Gottes aber stellt immer neu die wesentliche Dimension der Wahrheit über den Menschen heraus: Der Mensch ist von Gott geschaffen und von ihm gewollt als sein Bild und Gleichnis. Keine rein menschliche Wissenschaft kann diese Wahrheit aufzeigen. Sie kann sich höchstens dieser Wahrheit annähern oder die Wahrheit über diese ”unbekannte Wesen“, das der Mensch vom Augenblick seiner Empfängnis im Mutterschoß ist, intuitiv erahnen.

Zur selben Zeit aber sind wir Zeugen davon, wie vorgeblich im Namen der Wissenschaft der Mensch in einem dramatischen Prozeß ”reduziert“ und in einer traurigen Vereinfachung dargestellt wird; und so verdunkeln sich auch jene Rechte, die in der Würde seiner Person gründen, die ihn von allen Geschöpfen der sichtbaren Welt unterscheidet. Die Worte im Buch Genesis, die vom Menschen als einem Geschöpf sprechen, das nach Gottes Bild und Gleichnis geschaffen ist, bringen die volle Wahrheit über ihn in knapper und zugleich tiefer Weise treffend zum Ausdruck.

5. Diese Wahrheit über den Menschen ist auch in der heutigen Liturgie zu vernehmen, wo die Kirche mit den Worten des Psalmisten zu Gott, dem Schöpfer betet: ”Herr, du hast mich erforscht, und du kennst mich... Du hast mein Inneres geschaffen, mich gewoben im Schoß meiner Mutter... Du kennst mich bis zum Grund. Als ich geformt wurde im Dunkel... waren meine Glieder dir nicht verborgen... Ich danke dir, daß du mich so wunderbar gestaltet hast“.

Der Mensch ist sich also dessen bewußt, was er ist – was er von Anfang an, vom Mutterschoß an, ist. Er weiß darum, daß er ein Wesen ist, dem Gott begegnen und mit dem er ins Gespräch kommen möchte. Mehr noch: Im Menschen möchte er der ganzen Schöpfung begegnen.

Der Mensch ist für Gott ein ”Jemand“: einmalig und unwiederholbar. Er ist, wie das Zweite Vatikanische Konzil sagt, jenes ”einzige Geschöpf auf Erden, das Gott um seiner selbst willen erschaffen wollte“.

”Der Herr hat mich schon im Mutterleib berufen: als ich noch im Schoß meiner Mutter war, hat er meinen Namen genannt“; so wie den Namen des Knaben, der in Ain-Karim geboren wurde: ”Johannes“. Der Mensch ist jenes Wesen, das Gott beim Namen ruft. Er ist für Gott das geschaffene ”Du“. Er ist inmitten der Geschöpfe jenes personale ”Ich“, das sich an Gott wenden und auch ihn beim Namen rufen kann. Gott will im Menschen jenen Partner haben, der sich an ihn wendet als seinen Schöpfer und Vater: ”Du, mein Herr und Gott“. An das göttliche ”Du“!

6. Liebe Brüder und Schwestern! Wie antworten wir Menschen auf diese unsere göttliche Berufung? Wie versteht der heutige Mensch sein Leben? Wohl in keiner anderen Zeit sind bisher durch Technik und Medizin größere Anstrengungen unternommen worden, um menschliches Leben gegen Krankheit zu schützen, es immer mehr zu verlängern und vor dem Tod zu retten. Gleichzeitig aber hat kaum eine Zeit zuvor so viele Orte und Methoden der Menschenverachtung und Menschenvernichtung hervorgebracht wie die unsrige. Die bitteren Erfahrungen unseres Jahrhunderts mit der Tötungsmaschinerie zweier Weltkriege, die Verfolgung und Vernichtung ganzer Gruppen von Menschen wegen ihrer ethnischen oder religiösen Herkunft, der atomare Rüstungswettlauf bis zur Stunde, die Hilflosigkeit der Menschen angesichts des großen Elends in vielen Teilen der Welt könnten uns geradezu verleiten, an Gottes Zuwendung und Liebe zum Menschen und zur gesamten Schöpfung zu zweifeln oder sie sogar zu leugnen.

Oder müssen wir uns nicht gerade angesichts der schrecklichen Geschehnisse, die durch Menschen über unsere Welt hereingebrochen sind, und angesichts der vielfältigen Bedrohungen unserer Zeit umgekehrt fragen: Hat sich nicht der Mensch von Gott, seinem Ursprung, entfernt, sich von ihm abgewandt und sich selbst zum Mittel punkt und Maßstab seines Lebens gemacht? Drückt sich nicht in den Experimenten mit dem Menschen, die seiner Würde widersprechen, in der Einstellung vieler zu Abtreibung und Euthanasie ein beängstigender Verlust der Ehrfurcht vor dem Leben aus? Zeigt sich nicht auch in eurer Gesellschaft immer deutlicher im Schicksal vieler einzelner, welches durch innere Leere, Angst und Flucht bestimmt ist, daß sich der Mensch selbst von seiner Wurzel abgeschnitten hat? Müssen nicht Sexualisierung, Alkoholismus, Drogenkonsum als Alarmsignale verstanden werden? Deuten Sie nicht auf eine große Vereinsamung des heutigen Menschen hin, auf eine Sehnsucht nach Zuwendung, einen Hunger nach Liebe, die eine nur auf sich selbst gerichtete Welt nicht stillen kann?

In der Tat, ohne Verbundenheit mit seiner Wurzel, die Gott ist, verarmt der Mensch an inneren Werten und erliegt allmählich den vielfältigen Bedrohungen. Die Geschichte lehrt uns, daß Menschen und Völker, die ohne Gott auszukommen glauben, stets der Katastrophe der Selbstzerstörung preisgegeben sind. Treffend hat dies der Dichter Ernst Wiechert in dem Satz formuliert: ”Seid gewiß, daß niemand aus der Welt herausfällt, der nicht zuvor aus Gott herausgefallen wäre“.

Aus einer lebendigen Gottesbeziehung erwächst dem Menschen hingegen das Bewußtsein von der Einmaligkeit und Kostbarkeit seines Lebens und seiner personalen Würde. Inmitten seiner konkreten Lebenssituation weiß er sich von Gott gerufen, getragen und angespornt. Trotz herrschender Ungerechtigkeiten und persönlichen Leids versteht er sein Leben als Geschenk; er ist dafür dankbar und fühlt sich dafür vor Gott verantwortlich. Gott wird so für den Menschen zur Quelle der Kraft und der Zuversicht, aus der heraus er sein Leben menschenwürdig gestalten und auch selbstlos in den Dienst seiner Mitmenschen zu stellen vermag.

7. Gott hat Johannes den Täufer schon ”im Mutterleib berufen“, ”Stimme eines Rufers in der Wüste“ zu werden und dadurch seinem Sohn den Weg zu bereiten. Auf Ähnliche Weise hat Gott auch auf einen jeden von uns ”seine Hand gelegt“. An jeden von uns geht ein besonderer Ruf, jedem von uns wird eine von ihm zugedachte Aufgabe übertragen. In jedem Anruf, der uns auf vielfaltige Weise treffen kann, ist jene göttliche Stimme vernehmbar, die damals durch Johannes gesprochen hat: ”Bereitet dem Herrn den Weg“.

Jeder Mensch sollte sich fragen, was er in seinem Beruf, in seinem Stand dazu beitragen kann, um dem Herrn Einfluß in diese Welt zu verschaffen. Wo immer wir uns dem Rufe Gottes öffnen, werden wir wie Johannes Wegbereiter Gottes unter den Menschen. Stellvertretend für die unzähligen Männer und Frauen, die sich in der Geschichte auf diese Weise dem Wirken Gottes beispielhaft geöffnet haben, möchte ich euch hier auf den hl. Martin hinweisen. Wenn uns auch Jahrhunderte von ihm trennen, so ist er uns doch durch sein Vorbild und seine zeitlose Größe in der Nachfolge Christi nahe. Er ist ja euer Diözesan- und Landespatron. Er wird verehrt als der große Heilige des gesamten pannonischen Raumes: ”Martinus natus Savariae in Pannonia“.

Martin steht ja vor uns als ein Mensch, der sich mit Gott eingelassen hat, der sein ”Ja zum Glauben“ als ein ”Ja zum Leben“ verstanden und praktiziert hat. Wozu er sich berufen wußte, das hat er mit letzter Konsequenz erfüllt. Noch bevor er Christ wurde, teilte er mit dem Armen seinen Mantel. Schon das Soldatenleben bot ihm gewiß manche Freuden; aber das genügte ihm nicht. Wie jeder Mensch war er auf der Suche nach einer Freude, die von Dauer ist, nach einem Glück, das nicht zerstört werden kann.

Erst in reiferen Jahren begegnete er im Glauben Jesus Christus, in dem er die Fülle der Freude und das Glück gefunden hat. Durch den Glauben ist Martin nicht ärmer, sondern reicher geworden: Er wuchs in seinem Menschsein, er wuchs in der Gnade vor Gott und den Menschen.

8. Damit diese Wahrheit, daß der Mensch seine Erfüllung und sein wahres Heil nur in Gott findet, immer verkündet werden kann, dazu bedarf es vor allem der Priester und Ordensleute. Achtet deshalb auf eure Mitverantwortung für die Weckung geistlicher Berufe. Mit Freude höre ich, daß in einigen Tagen in euer Diözese sechs Neupriester geweiht werden. Dies ist ein großes Geschenk für die Kirche in eurer Heimat. Hört nicht auf zu beten, daß der Herr Arbeiter in seine Ernte sende!

In besonderer Weise wende ich mich an die jungen Menschen, die die Zukunft eures Landes und der Kirche sind. Sucht zu erkennen, liebe junge Freunde, was Gott von euch will. Seid offen für seinen Ruf! Prüft sorgfältig, ob er nicht auch euch in die besondere Nachfolge Christi als Priester, Ordensfrau und Ordensmann einlädt, sei es hier in eurer Heimat oder draußen in der Weltmission. Ich bitte euch alle, für welchen Weg auch immer ihr euch entscheidet, laßt den Samen des göttlichen Wortes in die Furchen eures Herzens fallen; laßt es dort nicht vertrocknen, sondern pflegt es, damit es aufgeht und wächst und reiche Frucht bringen kann. Sagt ”Ja zum Glauben“ – sagt ”Ja zum Leben“; denn Gott lebt es mit euch! Mit ihm wird euer Leben zu einem Abenteuer; es wird schön, reich und erfüllt sein!

9. Liebe Christen der Diözese Eisenstadt! Im Geist des hl. Martin überschreitet ihr auch die Grenzen eurer Heimatdiözese. Diese ist sich mit ihrem Bischof der Brückenfunktion bewußt, die ihr gerade zu den Völkern Osteuropas hin habt. Ihr seid bereit, ihnen Kontakte zu pflegen und auch mit ihnen zu teilen, materiell und geistig. Die heutigen zahlreichen Gäste aus den Nachbarländern sind dafür ein neuer Beweis.

Ebenso seht ihr auch eure Verantwortung für die Weltkirche, vor allem für jene Ortskirchen, die materiell in Not und Armut leben. Es ist mir bekannt, daß ihr fast in jedem Erdteil ein Hilfsprojekt nach Kräften unterstützt und auch zu euren Partnerdiözesen in Afrika und Indien in lebendigem Austausch steht. Ihr helft euren Missionaren, Ordensschwestern und Entwicklungshelfern an vielen Orten. Und wie ich höre, wollt ihr auch durch eine großzügige Spende anläßlich meines Besuches in eurer Diözese das Haus für Obdachlose, das im Vatikan für die Armen in den Straßen Roms entstanden ist und von Schwestern von Mutter Theresa betreut wird, hochherzig unterstützen. Dafür und für alle Hilfe, die ihr Notleidenden zugute kommen laßt, danke ich euch von Herzen und ermutige euch, in diesem Geist eures Diözesanpatrons, des hl. Martin, beispielhaft weiterzuwirken.

10. ”Bereitet dem Herrn den Weg... damit mein Heil bis an das Ende der Welt reicht“. Wenn wir, liebe Brüder und Schwestern, als Christen, die durch die taufe in Christus eingegliedert sind, auf unsere Berufung schauen, dann gewinnen diese Worte des Herrn aus dem Munde des Propheten Jesaja – aus dem heilsgeschichtlichen Advent vor dem ersten Kommen Christi – für uns am Ende des zweiten Jahrtausends nach Christi Geburt eine besondere Bedeutung. Stehen wir doch gleichsam in einem ”neuen Advent“ der Weltgeschichte, besonders hier auf dem alten Kontinent! Muß nicht das von Christus uns geschenkte ”Heil“ von neuem bis an die äußersten Grenzen Europas gelangen?

Wir alle spüren, wie sehr wir der Erneuerung, einer neuen Hinwendung zu Gott bedürfen. Erneuerung, Umkehr und Hinwendung zu Gott, zu den Quellen des Glaubens, Besinnung auf den unverkürzten Glauben – das ist es, wozu uns das heutige Fest der Geburt Johannes des Täufers aufruft und wozu uns auch das Beispiel des hl. Martin anspornt.

Ja, wir wissen alle um die Notwendigkeit der Erneuerung in unserer Gesellschaft, der Neu-Evangelisierung unseres Kontinents: damit der europäische Mensch den Sinn für seine grundlegende Würde nicht verliert; damit er nicht den zerstörerischen Mächten des geistigen Todes verfällt, sondern das Leben hat und es in Fülle hat!

11. Mit besonderer Freude möchte ich nun auch noch ein kurzes Grußwort an unsere anwesenden Brüder und Schwestern aus Ungarn und Kroatien in ihrer Muttersprache richten.

Ansprache beim Treffen mit einigen Überlebenden im Konzentrationslager Mauthausen bei Linz

1. Es ist schwer, ausdrucksstärkere Worte zu finden, als wir sie soeben aus den Klageliedern vernommen haben, die von der Überlieferung dem Propheten Jeremia zugeschrieben werden.

Mehr als 40 Jahre sind vergangen seit jener Zeit, als die Todeslager, unter ihnen auch das von Mauthausen, Schaudern und Schrecken verbreiteten. Dies geschah im Herzen Europas. Dies geschah in der Mitte unseres Jahrhunderts, gegen Ende des Zweiten Jahrtausends nach Christus.

Die Klagelieder des Jeremia künden den Messias und seine Leiden an. Sie sprechen von einem Menschen – einem Mann der Schmerzen –, dessen Kreuz auf Golgota, vor den Mauern der Heiligen Stadt Jerusalem aufgerichtet worden ist. Sie sprechen von Ihm – und in gewissem Sinn tun sie uns sogar seine eigenen Worte kund. Der Mund der Propheten, sein persönliches Schicksal, vermitteln uns diese besondere Botschaft.

2. Gleichzeitig aber bringen diese Klagelieder eines Menschen auch die Leiden aller zum Ausdruck. Ja, von allen Menschen – besonders von denjenigen, die während der Jahre des fürchterlichen Weltkrieges in Europa durch die Qualen solcher Lager gegangen sind.

Was der Prophet sagt, könnten die Lippen eines jeden von ihnen gesprochen haben. Und nicht nur ihre Lippen, sondern ihr ganzes inneres Menschsein, das hier so brutal getreten und unter den Lebensbedingungen des Lagers zur Vernichtung verdammt war.

Dies sind Worte jeder menschlichen Seele, des Menschen der Schmerzen, der im ”Mann der Schmerzen“ der Bibel und des Evangeliums sein bleibendes Urbild findet.

3. ”Ich bin der Mann, der Leid erlebt hat durch die Rute des Grimms. Er hat mich getrieben und gedrängt in Finsternis, nicht ins Licht. Täglich von neuem kehrt er die Hand nur gegen mich“. Wer ist dieser ”Er“?

Der Mensch also – der Gefangene von Mauthausen – erzählt sein eigenes Leiden. Und dieser Bericht ist zugleich eine Frage. Eine große Frage des Menschen aller Zeiten nach dem Leid. Verwandelt sich diese Frage nicht sogar in eine Anklage?

Wer wird vom Mann der Schmerzen angeklagt? Wer wird von diesem gequälten Menschen, dem Gefangenen des Konzentrationslagers, unter Anklage gestellt? Oder... klagt er etwa Gott selbst an? – ”Ich bin der Mann, der Leid erlebt hat durch die Rute des Grimms“.

”Er zehrte aus mein Fleisch und meine Haut, zerbrach meine Glieder“. Hier an diesem Ort waren Menschen, die andere Menschen grausam mißhandelt haben... buchstäblich so, wie es die Klagelieder ankündigen.

An diesem Ort, hier in Mauthausen, waren Menschen, die im Namen einer irrsinnigen Ideologie ein ganzes System der Verachtung und des Hasses gegen andere Menschen in Bewegung gesetzt haben. Sie unterzogen sie Folterungen, zerbrachen ihnen die Gebeine, mißhandelten grausam ihre Körper und Seelen. Sie verfolgten ihre Opfer in ihrer Grausamkeit. ”Sie umschlossen sie mit Gift und Erschöpfung. Im Finstern ließen diese sie wohnen wie längst Verstorbene“.

Auch hier haben sie jene ”ummauert“, die gefangengenommen und in diesem Lager eingesperrt waren. Sie haben sie ”in schwere Fesseln gelegt“, ihnen ”mit Quadern den Weg verriegelt“ in die Freiheit, zu ihrer Würde, zu den Grundrechten eines jeden Menschen, zum Leben... Hier setzte man auf den Tod, auf die Vernichtung eines jeden, den man für einen Gegner hielt. Und nicht nur das..., auch weil er nur ”verschieden“ war. Und vielleicht nur, weil er ein ”Mensch“ war?

Der irrsinnige Plan, Europa auf den Wegen anzuhalten, auf denen es seit Jahrtausenden gegangen war!

4. Sind wirklich ”die Wege verriegelt“ für die Völker, die Gesellschaft, für die Menschheit? Gewiß, Menschen sind zerschmettert worden. Sie sind – wie der Prophet sagt – ”mit bitterer Kost gespeist, mit Wermut getränkt“ und schließlich ”in den Staub gedrückt“ worden.

Hier... und an so vielen anderen Orten totalitärer Herrschaft.

Aus dieser Erfahrung, eine der schrecklichsten seiner Geschichte, ist Europa besiegt hervorgegangen, ...besiegt in dem, was sein Erbe, seine Sendung zu sein schien... ”Seine Wege sind verriegelt“. Die Last des Zweifels hat sich schwer auf die Geschichte der Menschen, der Nationen, der Kontinente gelegt.

Sind die Fragen des Gewissens stark genug – die Gewissensbisse, die uns geblieben sind?

5. Ihr Menschen, die ihr furchtbare Qualen erfahren habt – welche der Klagelieder des Jeremia würdig sind!

Welches ist euer letztes Wort? Euer Wort nach so vielen Jahren, die unsere Generation vom Leiden im Lager Mauthausen und in vielen anderen trennen?

Mensch von gestern – und von heute, wenn das System der Vernichtungslager auch heute noch irgendwo in der Welt fortdauert, sage uns, was kann unser Jahrhundert an die nachfolgenden übermitteln?

Sage uns, haben wir nicht mit allzu großer Eile deine Hölle vergessen? Löschen wir nicht in unserem Gedächtnis und Bewußtsein die Spuren der alten Verbrechen aus?

Sage uns, in welche Richtung sollten sich Europa und die Menschheit ”nach Auschwitz“, ... ”nach Mauthausen“ entwickeln? Stimmt die Richtung, in die wir uns von den furchtbaren Erfahrungen von damals entfernen?

Sage uns, wie sollte der Mensch sein und wie die Generation der Menschen, die hier aus den Spuren der großen Niederlage der Menschheit leben? Wie müßte der Mensch sein? Wieviel müßte er von sich selber fordern?

Sage uns, wie müßten die Nationen und die Gesellschaften sein? Wie müßte Europa fortfahren zu leben?

Rede, denn du hast das Recht dazu – du, der Mensch, der gelitten und das Leben verloren hat... Und wir müssen dein Zeugnis anhören.

6. Haben nicht die Menschen und das von Menschen errichtete System mit dem Zorn Gottes Mißbrauch getrieben?

Hat er nicht im Bewußtsein der Generationen sein Bild verdunkelt?

Dennoch ruft der Prophet mit den Worten der Klagelieder: ”Die Huld des Herrn ist nicht erschöpft; sein Erbarmen ist nicht zu Ende. Neu ist es an jedem Morgen; groß ist deine Treue“.

Ja. Die Treue. Einer ist ”der Mann der Schmerzen“ der allen Menschen der Schmerzen treu gewesen ist, hier, in Mauthausen, und wo immer in der Welt sie durch ein unmenschliches System Verachtung erduldet haben oder noch erdulden.

Es hat einen solchem Mann der Schmerzen gegeben. Und es gibt ihn weiterhin. In der Geschichte der Welt bleibt sein Kreuz gegenwärtig

Dürfen wir uns von diesem Kreuz entfernen? Können wir an ihm vorbei in die Zukunft gehen?

Europa, kannst du an ihm vorbeigehen?

Mußt du nicht wenigstens bei ihm stehenbleiben, auch wenn die Generationen deiner Söhne und Töchter daran vorbeigehen und in die Vergangenheit entschwinden?

7. Christus! Christus so vieler menschlicher Leiden, Demütigungen und Verwüstungen. Christus, gekreuzigt und auferstanden. An einem Ort – einem von so vielen –, die aus der Geschichte unseres Jahrhunderts nicht ausgelöscht werden können.

Ich, der Bischof von Rom und Nachfolger deines Apostels Petrus, ich bitte dich inständig: Bleibe!

Bleibe und lebe fort in unserer Zukunft!

Bleibe und lebe fort!

Wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des Lebens, die der Tod nicht verhüllt, nicht zerstört hat... Du hast Worte ewigen Lebens.

Seliger Marcel Callo, Märtyrer von Mauthausen, selige Schwester Theresia Benedikta vom Kreuz, Edith Stein, und heiliger Pater Maximilian Kolbe, ihr gepriesenen und verehrten Märtyrer von Auschwitz, bittet für alle an diesen Orten des Todes Gequälten und Gemarterten! Bittet für alle Opfer ungerechter Gewalt, gestern und heute – bittet auch für ihre Henker!

Jesus Christus, Lamm Gottes, erbarme dich ihrer aller – erbarme dich unser aller!

Ansprache an die österreichischen Bischöfe in Salzburg

Liebe Mitbrüder im Bischofsamt!

1. Wie ich in der kurzen Fernsehbotschaft vor Beginn meines jetzigen Pastoralbesuches gesagt habe, wollen unsere Begegnungen eine frohe Feier unseres Glaubens sein, in dem wir uns gegenseitig bestärken. Diese Feier erhält eine besondere Dichte in unserer heutigen brüderlichen Begegnung.

Das Leitwort, das Ihr für meinen zweiten Pastoralbesuch in eurem Land gewählt habt: ”Ja zum Glauben – Ja zum Leben“, ist Bekenntnis und Aufruf zugleich. Es erhält in der Gemeinschaft der Bischöfe, die die göttliche Vorsehung zu Oberhirten des Volkes Gottes in Österreich bestellt hat, eine um so größere Aktualität und Bedeutung. Das Zweite Vatikanische Konzil hat ja unter den hauptsächlichsten Ämtern der Bischöfe gerade der Verkündigung des Evangeliums einen ”hervorragenden Platz“ zugewiesen. Denn, so sagt es, ”die Bischöfe sind Glaubensboten, die Christus neue Jünger zuführen; sie sind authentische, d.h. mit der Autorität Christi ausgerüstete Lehrer. Sie verkündigen dem ihnen anvertrauten Volk die Botschaft zum Glauben und zur Anwendung auf das sittliche Leben und erklären sie im Licht des Heiligen Geistes“.

Christus hat für das Oberhaupt des Bischofskollegium – für Petrus und seine Nachfolger – eigens gebetet, daß sein ”Glaube nicht erlischt“ und ihm zugleich ausdrücklich aufgetragen: Du aber ”stärke deine Brüder“.

2. Von Herzen danke ich Euch, daß Ihr mir durch Eure Freundliche Einladung zu diesem zweiten Besuch in Euren Ortskirchen eine weitere, vorzügliche Gelegenheit dafür bietet. Ich habe sie mit Freude angenommen und erwidere dadurch gern im Geist tiefer brüderlicher Verbundenheit Euren ”ad-limina“ -Besuch, den Ihr mir im vergangenen Jahr gemeinsam in Rom abgestattet habt. Unsere heutige Begegnung will das damals begonnene Gespräch fortsetzen und vertiefen.

Ich danke Euch für alles, was Ihr zur Vorbereitung meines Besuches getan habt, damit es für alle Beteiligten Tage der Gnade und religiöser Erneuerung werden. Ich danke Euch für Euren Dienst am Gottes heiligen Volk, für Eure Treue zu Christus und für Eure Einheit mit dem Nachfolger Petri im gemeinsamen Auftrag der Glaubensverkündigung. Aus langjähriger eigener Erfahrung weiß ich nur zu gut, welchen Schwierigkeiten und Nöten ein Bischof als Zeuge der Frohen Botschaft Jesu Christi gerade in der heutiger säkularisierten Welt begegnet. In Euren täglichen Mühen versichere ich Euch meiner steten brüderlichen Solidarität im Wissen darum, daß Ihr Euch mit ganzer Hingabe in Liebe zu Christus und den Euch anvertrauten Gläubigen für die Auferbauung des Reiches Gottes in euren Diözesen und Gemeinden einsetzt. Diese Solidarität, die im gemeinsamen Auftrag und zutiefst im gemeinsamen Glauben gründet, ermöglicht uns auch Freimut und Offenheit zueinander. Ihr wißt, daß ich dankbar bin, wenn Ihr mir unbeschönigt, wie es sich unter Brüdern ziemt, Eure Fragen und Sorgen vorlegt. Wenn ich immer wieder mit gleicher Offenheit zu Euch spreche, so nehmt dies als Zeichen meines Vertrauens. Nur in solchem Geist können wir die großen Aufgaben bestehen, die auf uns zukommen. Wir alle kennen die Erfahrung der Apostel, die Nächte der Vergeblichkeit, von denen wir mit leeren Netzen zurückkommen. Gerade in solcher Erfahrung der eigenen Grenze bereitet uns der Herr dafür, nicht uns, sondern ihm zu vertrauen, unbedingt und ohne Furcht. Die ehrliche Erkenntnis von Versagen und Mißerfolg hat daher nichts mit lähmendem Pessimismus oder mit Mutlosigkeit zu tun. Sie muß uns nur enger zum Herrn und so zueinander führen, um uns gegenseitig zu stärken, auf daß wir alle einmal als treue Knechte Jesu Christi erfunden werden.

3. Das Leitwort des jetzigen Pastoralbesuches soll auch über unserer heutigen Begegnung stehen. Es läßt uns zuerst dankbar daran zurückdenken, daß in dieser geschichtsreichen Stadt, in diesem schönen Land im Herzen Europas, Eure Vorfahren einmal mit Gottes Gnade bereitwillig ihr ”Ja zum Glauben“ gesprochen haben, als der Glaubensbote Rupert mit seinen Gefährten und seine Nachfolger ihnen den christlichen Glauben verkündeten und dieses Bistum errichteten. Das gläubige Volk ist selbst in schweren Zeiten zum weitaus größten Teil am katholischen Glauben treu geblieben. Die Bischöfe von Salzburg waren zudem in den frühen Jahrhunderten auch eifrig darum bemüht, daß der christliche Glaube in die Länder Osteuropas weitergetragen wurde. Manche von ihnen haben durch ihr konsequentes Ja zum Glauben wie der hl. Rupert mit vielen ihrer Gläubigen sogar den Ruf der Heiligkeit erlangt; unter ihnen der hl. Virgil, der hl. Vitalis und der hl. Arno. Euer ganzes Volk und Land ist tief geprägt vom christlichen Glauben und einem reichen religiösen Brauchtum.

Ein kostbares Erbe, das es immer wieder neu zu entdecken, sorgfältig zu hüten und neu mit Leben zu erfüllen gilt. Wir wollen Gott danken, daß in vielen Menschen dieses Landes noch ein tiefer, starker Glaube vorhanden ist und daß sich viele redlich darum bemühen, aus dem Glauben zu leben und ihn durch Werke der Liebe zu bezeugen. Ebenso wissen wir aber auch, daß bei nicht weniger der Glaube bedauerlicherweise verflacht oder in Gewohnheit und Brauchtum erstarrt ist. Wieder andere sind in den letzten Jahren in nicht geringer Zahl sogar – aus welchen Gründen auch immer – aus der Kirche aus getreten. Das Ausmaß der Säkularisierung als Folge von Wohlstand und religiöser Gleichgültigkeit ist auch bei Euch im Leben des einzelnen, der Familie und vor allem in der Öffentlichkeit weit fortgeschritten. Der Glaube hat im konkreten Leben des Alltags an Kraft verloren. Nicht nur einige vereinzelte pastorale Initiativen sind heute gefordert, eine umfassende Neu-Evangelisierung wird immer notwendiger, die bei den einzelnen, bei den Familien und Gemeinden beginnt und die verschütteten Quellen des Glaubens und einer überzeugten Christusnachfolge neu zum Fließen bringt. Fordern wir unsere Christen zu einem neuen Ja zum Glauben auf, das zu einem neuen Ja zum Leben, zu einem Leben in der befreienden und beglückenden Freundschaft mit Gott werden kann.

4. Liebe Mitbrüder! Als Bischöfe sind wir vor allem Glaubensboten, Verkünder der Frohen Botschaft, die Christus neue Jünger zuführen und die lauen und ermüdeten in ihrem Glaubensieben erneuern sollen. Die lebendige Weitergabe des Glaubens ist heute eine der wichtigsten Aufgaben der Kirche. Es geht dabei nicht nur darum, den Glauben unverfälscht zu bewahren, sondern auch darum, ihn so zu vermitteln, daß die Herzen von der Frohen Botschaft entzündet werden und die Menschen erkennen, wie ihr Leben dadurch Klarheit und Kraft erhält für eine lebendige Verbundenheit mit Gott und auch für den Dienst an ihren Mitmenschen und eine christliche Gestaltung der Gesellschaft.

Als von Gott bestellte Hirten im Volke Gottes habt Ihr sorgfältig über das Euch anvertraute Gut des Glaubens zu wachen, damit der Glaube vollständig und unversehrt an die nachwachsende Generation weitergegeben wird. Seid Euch aber stets bewußt, daß die Kirche nicht eine Sammlung trockener, formelhafter Lehren zu hüten hat. Was die Kirche lehrt, ist nie nur Formel. Es ist Frucht einer lebendigen Begegnung mit dem Herrn und ist daher Türe zu ihm. Es ist Sichtbarwerden jener Wahrheit, die Weg ist. Wo Lehre veruntreut wird, wird Leben angegriffen, werden Wege verschüttet. Alle Lehren unseres Glaubens laufen zusammen in einer lebendigen Person, Jesus Christus. Wir lieben die Erkenntnis des Glaubens, weil wir darin ihn selber lieben; Glaube ist Erkenntnis, die aus der Liebe geboren wurde. So geht es letztlich immer um die personale Begegnung mit Jesus Christus. Sie ist entscheidend, bei Euch selbst und auch bei den Euch anvertrauten Priestern und Lehrern und allen Gläubigen. Hüter des Glaubens sein heißt Hüter des Lebens sein, das Christus bringt, des Lebens in Fülle.

5. Wie das Zweite Vatikanische Konzil uns erinnert, erscheint in dieser Aufgabe der Verkündigung der Botschaft Christi ”besonders wertvoll jener Lebensstand, der durch ein besonderes Sakrament geheiligt wird, das Ehe- und Familienleben“. Bemüht Euch darum um eine sehr intensive und zeitgemäße Familienpastoral. Die Eltern sind nicht nur die ersten, sondern in den allermeisten Fällen auch die wichtigsten Glaubenszeugen. Schon von früh an spüren die Kinder, ob diese Wert darauf legen, in lebendiger Verbindung mit Gott zu leben; im Vertrauen auf seine Führung, in Gemeinschaft mit Jesus Christus und im Bewußtsein, daß sie die Kraft des Heiligen Geistes nicht im Stich läßt. Schon früh spüren sie, ob die Eltern die Kirche lieben, den Gottesdienst und die Sakramente, vor allem aber, ob sie sich ernstlich darum bemühen, ihren Glauben zu leben. Ladet die Eltern ein, die vielen Gelegenheiten zu nützen, die sich ihnen glücklicherweise in diesem Land bieten, um ihren Glauben zu bilden und sie auf die wichtige Aufgabe vorzubereiten, die sie an ihren Kindern als erste Glaubenszeugen zu erfüllen haben. Gesprächsgruppen in der Gemeinde, Bildungshäuser, gute Bücher und vieles andere stehen ihnen zur Verfügung. Ihr werdet darauf achten, daß diese Einrichtungen von innen her dem Glauben der Kirche dienen, so daß Ihr sie wirklich uneingeschränkt allen als Wege der Begegnung mit dem Evangelium empfehlen könnt.

Bemüht euch zugleich um eine wirksame Erwachsenenkatechese, die ja die ”hauptsächliche Form der Katechese“ ist. Denn erst ein Glaube, der ernsthaft von erwachsenen Menschen vertreten, durchdacht, besprochen und in die eigene Sprache übersetzt ist, und bei dem Erwachsene gemeinsam fragen, wie sie diesen Glauben unter den heutigen Verhältnissen leben können, erst ein solcher Glaube bietet den Rückhalt, den die nachwachsenden Generationen brauchen, um sich auf ihre Weise den Glauben aneignen zu können. Erfreulicherweise gibt es in Eurem Land zahlreiche entsprechende Bemühungen. Sie werden um so fruchtbarer sein, je mehr sie in enger Verbindung mit Papst und Bischöfen den Glauben aller Zeiten in das Heute dieser unserer Zeit übertragen.

Sorgt Euch mit besonderer Aufmerksamkeit und Hingabe um eine angemessene katechetische Ausbildung der Priester und der anderen hauptamtlichen Mitarbeiter im pastoralen Dienst, Diakone, Ordensleute und Laien, Männer und Frauen. Durch den Dienst, den sie in den einzelnen Gemeinden oder auch an anderen Stellen des kirchlichen Lebens leisten, können sie viel und Wesentliches beitragen zu einer lebendigen und zündenden Weitergabe des Glaubens an die Euch anvertrauten Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen. Mit besonderer Freude höre ich, daß es auch in eurer Diözese zahlreiche Männer und Frauen gibt, die sich ehrenamtlich im Rahmen der Gemeindekatechese um die Hinführung der Kinder zu einem frohen und innerlich befreienden Leben mit der Kirche bemühen, die sich bei der Vorbereitung der Kinder auf die erste hl. Kommunion und auf den Empfang der Firmung beteiligen. Hier wird sich bewahrheiten. Die wirksamsten Zeugen Jesu Christi sind immer diejenigen, die den betreffenden Menschen besonders nahe stehen: durch Verwandtschaft, durch den geringeren Alterunterschied, durch gemeinsames Leben in der Gemeinde.

6. Ein Wort der Anerkennung und der Ermutigung gebührt an dieser Stelle allen Pfarrseelsorgern für ihren umfassenden Dienst in den Gemeinden; in einer besonderen Weise aber auch den Religionslehrerinnen und Religionslehrern, die an den verschiedenen Schulen im Religionsunterricht der Weitergabe eines lebendigen Glaubens dienen. Ihr Dienst ist oft schwierig; denn sie gehören mit zu den am meisten exponierten Zeugen der Kirche. Manche ihrer Schüler sind ohne jede lebendige Verbindung mit der Kirche aufgewachsen; manchen fehlt jedes Interesse, auf religiöse Fragen einzugehen. Dies stellt um so größere Anforderungen an ihre pädagogischen Fähigkeiten und auch an ihr persönliches Glaubenszeugnis.

Alle Bemühungen um die verstandesmäßige Aneignung und Durchdringung der Glaubenswahrheiten dürfen aber nicht vergessen lassen, daß der Mensch nicht nur aus seinem Kopf besteht. Deshalb setzt gesunde Theologie das Mitglauben und Mitleben mit der Kirche voraus; sie braucht den Raum des Gebetes. Ein einseitig intellektualistisches Glaubensverständnis kann die Freudigkeit an der Nachfolge, statt zu fördern, sogar beeinträchtigen. Darum gilt es, gerade den jungen Menschen den Zusammenhang zwischen den wesentlichen Aussagen des Glaubens und ihren eigenen Lebenserfahrungen so nah zu bringen, daß der Funke des Glaubens überspringen kann. So werden sie begreifen, daß sie zum Glauben den Erfahrungsraum der Kirche, der Gemeinschaft der Heiligen brauchen; ihre eigenen Erfahrungen werden aufgesprengt und ausgeweitet werden, und es wird ihnen aufgehen, daß das, was zuerst nur Formel schien, Wirklichkeit ist und Leben gibt.

Dabei muß von allen, die im Dienst der Verkündigung und Weitergabe des Glaubens stehen, zugleich bedacht werden, daß erst im lebendigen Tun die Wahrheit Gottes wirklich erfaßt wird, ”Wer die Wahrheit tut, kommt zum Licht“. Das gilt in gleicher Weise für den Verkünder wie für den Empfänger der Frohen Botschaft. Darüber hinaus ist jede Form der Glaubensverkündigung immer wesentlich ein ”Werk des Heiligen Geistes“. Wer dies ernstnimmt, wird bedacht sein auf eine entsprechende Offenheit des Herzens für den Geist Gottes, auf einen ständigen vertrauten Umgang mit der Heiligen Schrift im Glauben der Kirche sowie auf jene Selbstlosigkeit, die dem Katecheten und Glaubensboten hilft, daß er nicht sich selbst verkündigt, sondern Jesus Christus. Er selbst muß in seinem Reden und Tun transparent werden für den Größeren, der durch sein Glaubenszeugnis wirkt.

7. Liebe Mitbrüder! Das ”Ja, zum Glauben“, zu dem Ihr anläßlich meines jetzigen Pastoralbesuches Eure Gläubigen neu aufruft, muß für Euch als von Gott bestellte Hirten und Lehrer des Volkes Gottes zu einem neuen Ja zu einer noch entschiedeneren und lebendigeren Glaubensverkündigung und -unterweisung werden. ”Der Glaube gründet in der Botschaft“, sagt der Apostel und fügt sogleich hinzu: ”Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?“.

Die Frohe Botschaft Christi, die nach einem Wort des Konzils ”für alle Zeiten der Ursprung jedweden Lebens für die Kirche“ ist, muß neu zur Grundlage aller Bemühungen um eine religiöse und kirchliche Erneuerung gemacht werden. Es gibt heute vergessene Glaubenswahrheiten, vergessene Gebote Gottes, eine fortschreitende Entchristlichung auch im Leben vieler unserer Gläubigen und Gemeinden. Gefordert ist eine Katechese und Glaubensverkündigung, die so radikal und tragend ist, daß man sie als eine Dauerevangelisierung bezeichnen könnte. Wir müssen unsere Gläubigen und uns alle ständig mit der Person und Botschaft Jesu Christi, mit der Fülle des Wortes Gottes herausfordern und dadurch allen Orientierung und Lebensinhalt vermitteln.

Aus der im lebendigen Glauben bewußt vollzogenen persönlichen Hingabe an Christus soll sich die religiöse Erneuerung im Leben der einzelnen Gläubigen und in den Gemeinden vollziehen, soll das kirchliche Leben in euren Ortskirchen und in der ganzen Kirche in Österreich im Geist brüderlicher Einheit und Verständigungsbereitschaft gestaltet werden. Auf ein in diesem Geist erneuertes kirchliches Leben zielen alle jene Ausführungen und konkreten Hinweise ab, die ich Euch in meiner Ansprache zu Eurem letzten ”ad-limina“ - Besuch gegeben habe. Ich möchte sie heute noch einmal Eurer besonderen pastoralen Sorge und Aufmerksamkeit anempfehlen.

8. Mit dankbarer Anerkennung erwähne ich die Erklärung eurer Bischofskonferenz, durch die Ihr Euch die bei diesem ”ad-limina“ Besuch erörterten pastoralen Anliegen zu eigen gemacht und sie mit einigen klärenden Worten Euren Gläubigen erläutert habt. Von besonderer Wichtigkeit davon scheint mir für heute Euer nachdrücklicher Hinweis aus die Verpflichtung zur Bildung des Gewissens zu sein. Das Gewissen ist jener geheimnis- und entscheidungsvolle Ort, wo die Brücke vom Glauben zum konkreten Leben geschlagen wird. Der tiefere Grund für die zunehmende Orientierungslosigkeit des heutigen Menschen liegt im Schwinden des Gottesbewußtseins und in der Krise des Gewissens.

Das Gewissen ist, wie das Konzil es nennt, die ”verborgenste Mitte und das Heiligtum im Menschen“. Es ist die ”erste Grundlage der inneren Würde des Menschen und zugleich seiner Beziehung zu Gott“. Wird die Wirklichkeit Gottes verdunkelt, verformt sich auch das Gewissen des Menschen; wird die Sünde geleugnet, wird auch Gott geleugnet.

Viele halten heute das Urteil des menschlichen Gewissens für etwas Relatives, für etwas bloß vom Menschen Gemachtes, für die Regel eines Humanismus ohne Gott. ”Handle nach deinem Gewissen!“ ruft man dem Menschen zu, ohne ihm jedoch Orientierungshilfen zu geben. Das Gewissen des Menschen aber verwahrlost, wenn es allein gelassen wird und man ihm die Wahrheit vorenthält. So wenig wie das Auge auf das Licht, kann das Gewissen auf die Wahrheit verzichten. Das Gewissen hat ein unveräußerliches Recht auf Wahrheit und ist zuinnerst mit der Würde des Menschen verbunden. Wenn die Kirche die Lehre des Glaubens und der Sitten verkündet, so leistet sie einen unerläßlichen Dienst an eben dieser seiner Würde, da Gott den Menschen von Anfang an als sein Bild und Gleichnis geschaffen hat.

Der Würde des Menschen entspricht allein das richtig gebildete Gewissen, das Gewissen, das sich nach der Wahrheit ausrichtet und, von ihr erleuchtet, entscheidet. Darum ist der Mensch von der Würde seines Menschseins gehalten, sich mit seinem Gewissen an der vom Schöpfer gesetzten Ordnung zu orientieren; er muß die in Christus geoffenbarte Wahrheit befragen und die Lehre der Kirche ”maßgebend“ in seine Gewissensentscheidung einbeziehen. In diesem Sinn verlangt das Konzil von den Gläubigen ausdrücklich, daß sie ”mit einem im Namen Christi vorgetragenen Spruch ihres Bischofs in Glaubens- und Sittenfragen übereinkommen und ihm mit religiöse gegründetem Gehorsam anhangen. Dieser religiöse Gehorsam des Willens und Verstandes ist in besonderer Weise dem authentischen Lehramt des Bischofs von Rom, auch wenn er nicht kraft höchster Lehrautorität spricht, zu leisten; nämlich so, daß sein oberstes Lehramt ehrfürchtig anerkannt und den von ihm vorgetragenen Urteilen aufrichtige Anhänglichkeit gezollt wird, entsprechend der von ihm kundgetanen Auffassung und Absicht“. Ihr habt in der genannten Erklärung gegenüber mißbräuchlichen Formen der Berufung auf das Gewissen deutlich gemacht, was dies zum Beispiel im Hinblick auf die Enzyklika ”Humanae Vitae“ und das Apostolische Schreiben ”Familiaris Consortio“ für das Leben des Christen konkret bedeutet.

9. Liebe Mitbrüder! Nur eine im Glauben gefestigte und aus dem Glauben lebende Kirche kann auch ihren Heilsauftrag in der Gesellschaft und für alle Menschen wirksam erfüllen. Selbst ihre eigene innere Erneuerung steht letztlich im Dienst ihrer missionarischen Sendung ”damit die Welt glaubt“. Durch eine umfassende Neu-Evangelisierung muß die Kirche versuchen, dem Prozeß der kirchlichen Entfremdung in ihren eigenen Reihen Einhalt zu gebieten und Mittel und Wege zu finden, um auch die der Kirche Fernstehenden wieder zurückzugewinnen und die ganze menschliche Gesellschaft mit dem Sauerteig des Evangeliums zu durchdringen. ”Die Kirche evangelisiert“, so sagt das Apostolische Schreiben ”Evangelii Nuntiandi“, ”wenn sie versucht, ausschließlich durch die göttliche Kraft ihrer Botschaft, die sie verkündet, das persönliche und kollektive Gewissen der Menschen, ihr Handeln, ihr Leben und ihr Milieu zu verändern“. Die Heilsbotschaft Christi ist universell. Sie muß der gesamten Menschheit und jeder Schicht der Gesellschaft verkündet werden.

”Ja zum Glauben – Ja zum Leben“. Unser aus dem Glauben gesprochenes Ja zum Leben ist ein Ja zur ganzen geschöpflichen Wirklichkeit, die in Gott ihren Ursprung und ihr Ziel hat. Das Ja zum Schöpfer ist ein Ja zu seiner Schöpfung. Es lehrt daher auch, die Maßstäbe zu finden, wie Fortschritt und Bewahrung, Wissenschaft und Ehrfurcht, Freiheit des Menschen und Bindung an das innere Wort der Schöpfung in Einklang zu bringen sind. Die unbedingte Ehrfurcht vor dem Leben des Menschen von der Empfängnis bis zum Tod steht im Kontext der Ehrfurcht vor Gottes guter Schöpfung insgesamt und ist ohne Wenn und Aber deren eigentlicher Testfall. Eine neue Zuwendung zur sittlichen Botschaft des Seins wird sich auch fruchtbar erweisen für die so nötige Vertiefung einer zeitgemäßen Ethik des Friedens und des sozialen Fortschritts.

Unser Glaube hat die Kraft, zur Lösung der ungeheuren Probleme, die die Menschheit bedrücken, einen wirksamen Beitrag zu leisten. Mit Recht erwartet die Welt heute viel von uns Christen, auch von den Gläubigen in Eurem Land. Je mehr wir uns auf diese Herausforderungen einlassen, um so deutlicher werden wir erfahren: Dort, wo der Glaube nicht nur im Denken und Beten und im kleinen Lebensraum eine Rolle spielt, sondern auch in seiner weltweiten Bedeutung begriffen und wirksam wird, bis hin zu den drängenden Problemen der Menschen in aller Welt, wird in demselben Maße auch unser eigener Glaube an Lebendigkeit und Kraft und wohl auch an Anziehungskraft gewinnen. In diesem Zusammenhang möchte ich Euch in allem ermutigen, was gerade auch von den Christen Eures Landes für die notleidenden Mitmenschen in anderen Ländern, vor allem in der Dritten Welt, so großzügig geleistet wird.

Unser vom Glauben getragenes ”Ja zum Leben“ ist schließlich und vor allem natürlich ein Ja zur Fülle des Lebens, ein Ja zum Leben in der Gotteskindschaft, das nicht einmal der Tod zu besiegen vermag, da es die Verheißung ewigen Leben in sich trägt.

Verkünden wir darum, liebe Mitbrüder, den Menschen unserer Zeit mit neuem Mut Jesus Christus, der das Leben selbst ist und der gekommen ist, ”damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“. Dabei begleite und stärke Euch und alle, die Euch im Verkündigungsauftrag helfend zur Seite stehen, mein besonderer Apostolischer Segen.

Samstag, den 25. Juni 1988

Predigt bei der Hl. Messe für die Arbeiter von Linz und St. Pölten in Enns-Lorch

Liebe Brüder und Schwestern im Glauben!

1. Euch allen ein herzliches ”Grüß Gott“, die ihr aus Stadt und Land, vor allem aus den Diözesen Linz und St. Pölten hierher gekommen seid. Hier in Lorch, dem alten Lauriacum, empfinden wir besonders deutlich die Verbundenheit mit der langen christlichen Geschichte dieses Landes; hier erinnern wir uns an die großen Heiligen Florian und Severin, beide Zeugen des Glaubens, in deren Gefolgschaft wir heute unser Ja zum Glauben und damit unser Ja zum Leben sprechen. Wir verneigen uns vor ihnen und vor allen anderen, die seither bis in unsere Tage als Glaubenszeugen, als Anwälte der Armen und als Friedensstifter in diesem Land gewirkt haben.

Zum ersten Mal in der Geschichte der beiden Diözesen versammeln sich Gläubige aus beiden Gebieten mit dem Nachfolger des Petrus an einem Ort, geeint in der Freude und Dankbarkeit darüber, Glieder der einen Kirche Christi zu sein. Die hellen und die dunkleren Wirklichkeiten in eurem Leben habt ihr im Herzen mitgebracht. In bedrängender Weise haben Sprecher aus beiden Bistümern geschildert, was euch besonders bewegt. Ebenso wissen wir um die vielfältigen Überlegungen und neuen Versuche, die ihr in den Pfarren, in apostolischen Gruppen und auf Diözesanebene unternommen habt, um euren Glauben lebendig zu erhalten und auch eurem Leben in der Gesellschaft und in der Welt der Arbeit Perspektiven der Hoffnung zu geben.

2. Unsere heutige Begegnung gilt allen Gläubigen in euren Diözesen, in einer besonderen Weise den von euch als christlichen Arbeitern und Bauern hier vertretenen Anliegen. Wie eure Bischöfe schon betont haben, ist die Kirche euch auch in eurem sozialen und wirtschaftlichen Sorgen nahe. Durch ihre Soziallehre, darunter die großen Sozialenzykliken der Päpste, zeigt sie Mittel und Wege, um die sich stellenden Schwierigkeiten auf gerechte und menschenwürdige Weise zu lösen. Mit ihren vielfältigen pastoralen Initiativen steht sie immer solidarisch und hilfsbereit an eurer Seite. Darüber hinaus aber will die Kirche euch entsprechend ihrer religiösen Sendung vor allem helfen, auch in der Welt der Arbeit – auch inmitten zahlreicher und großen konkreter Schwierigkeiten – als wahre Christen im Geist des Evangeliums zu leben. Sie erschließt uns aus der Heiligen Schrift den tieferen Sinn unserer täglichen Mühe und Arbeit und deutet sie uns im Licht unserer christlichen Berufung.

In diesem Sinn ermahnt uns als Jünger Christi der Apostel Petrus in der heutigen Lesung aus dem Kolosserbrief: ”Tut eure Arbeit gern, als wäre sie für den Herrn getan und nicht für Menschen; ihr wißt, daß ihr vom Herrn euer Erbe als Lohn empfangen werdet“. Etwas früher sagt er noch grundsätzlicher: ”Alles, was ihr in Worten und Werken tut, geschehe im Namen Jesu, des Herrn. Durch ihn dankt Gott, dem Vater!“.

Jesus selbst nimmt sich im Evangelium auf vielfältige Weise der leiblichen Nöte des Menschen an. Er führt sie jedoch zugleich immer darüber hinaus zu dem eigentlich Notwendigen, zum Anbruch des Reiches Gottes in unserer Mitte. So sehen wir zum Beispiel, wie der Herr, von Mitleid ergriffen, den Vielen, die ihm gefolgt waren, das nötige Brot gab. Dabei blieb er aber nicht stehen: Er sättigt die Hungernden und führt sie zugleich weiter zum wahren Brot des Lebens, das er selber ist. Beides ist nötig: hinreichende Speise für das irdische Leben und das Brot der Eucharistie auf unserer Pilgerschaft zum ewigen Leben. Ja, Christus fordert uns sogar auf, zuerst das Reich Gottes zu suchen; alles andere werde uns dann hinzugegeben werden. Was auch immer wir sind und tun, wir sollen zuerst und vor allem wahre Jünger Christi sein!

3. Im Johannesevangelium sagt Jesus von sich selbst: ”Ich bin das Brot des Lebens“. So spricht er, unser Bruder, der zugleich der Sohn Gottes ist. Christus ist mehr als nur ”ein Mensch für andere“. Er ist mehr als ein sozialer Wohltäter, mehr als ein Revolutionär, der die bestehende Ordnung verändern will. Er ist wahrer Sohn Gottes. Die erste Pflicht des Papstes ist es, in Gemeinschaft mit den Bischöfen der ganzen Welt diesen Glauben zu verkünden. Das ist die Wurzel und der Prüfstein für das ganze Volk Gottes: zu bezeugen, daß unsere Kirche auf Jesus Christus, den ewigen Sohn Gottes, gegründet ist. Dieser Glaube ist der Lebensatem eurer Pfarreien und der entscheidende Maßstab für jede kirchliche Organisation und für das Leben eines jeden Christen.

”Ich bin das Brot des Lebens!“ – So verkünden wir Christus in einer Welt, die sich mit Recht Sorgen macht, wie sie morgen leben kann. Wir rufen es aus in einer Zeit, in der unzählige Menschen hungern und daran sterben, während andere im Überfluß leben. Wir betonen es gerade heute wieder, da viele Menschen erneut nach dem Geheimnis und der Hoffnung ihres Lebens fragen. Wir rufen es aus voll Zuversicht, daß der Herr auch uns aussendet, wie er seine Jünger mit dem Brot zu den Tausenden sandte und alle satt wurden.

Wenn wir mit Sorge fragen, wovon wir leben sollen, dann fragen wir dabei auch, in welcher Hoffnung wir einmal sterben können. Sucht eure täglichen Sorgen und irdischen Hoffnungen auch mit diesem Maß zu messen: Wohin bin ich unterwegs? Was zählt mein Leben vor Gott? Die Antwort gibt uns wieder der Herr: Ich bin das Brot für das Leben der Welt! Dieses Brot ist die heilige Gestalt unserer Hoffnung auf Gott, auf seine Treue, auf das Glück seiner Ewigkeit. Christus sagt sogar: ”Wenn jemand davon ißt, wird er nicht sterben“.

4. Dieses Brot des Lebens bereitet uns heute die Kirche: sie selbst wird Brot für die Welt. In der Kirche finden wir den Herrn; er ist ja ihr innerstes Geheimnis, ihr Haupt. Wir finden ihn im Wort der Heiligen Schrift, in der Speise der Eucharistie, in der Gemeinschaft der Gläubigen.

Diese Kirche Christi hat einige unentbehrliche Kennzeichen: den wahren Glauben an Christus, die volle Einheit unter der Leitung der beauftragten Hirten, den gemeinsamen Willen, seinen Geboten treu zu bleiben.

Nur die Kirche im wahren und vollen Glauben an Christus gibt Brot des Lebens. Der Glaube aber kommt vom Verkünden und Hören. Ich grüße mit Dankbarkeit alle, die sich von der Kirche in verschiedenen Weisen der Sendung haben beauftragen lassen, von Christus zu reden, ihn anderen bekannt zu machen: Priester, Diakone, Religionslehrer, Pastoralassistenten und viele andere. Ihr habt eine hoher Verantwortung. Vertieft euch in seine Botschaft, bildet euch weiter. Werdet selbst zu seiner Botschaft. Hört die Fragen der Menschen, die euch anvertraut sind. Die wesentliche Frage eurer Mitmenschen lautet: Seid ihr selbst Zeugen Christi? Folgt ihr seinem Beispiel, der trotz rastloser Beanspruchung die Zeit der Stille, des Gebetes, der Einsamkeit im Beisammensein mit Gott gesucht hat?

Der vorrangige und tiefste Vollzug unseres Glaubens ist die Feier der Eucharistie und der anderen Sakramente. Wendet alle Sorgfalt dafür auf; gebt ihnen jene Würde und zugleich jene Wärme, die ihnen zukommen. Vor allem aber beherzigt, was ich auch euren Bischöfen im vergangenen Jahr gesagt habe: Die Messe ”erhält ihre Größe nicht durch Gestaltungen, sondern durch das, was sie ist“.

Nur eine Kirche in voller Einheit ist ferner wahrhaft Brot für die Welt. Der Herr selbst wußte sich in treuer und liebender Einheit mit dem Vater im Himmel. Aus ihm ist er hervorgegangen; aus ihm lebt er. Mit seinem Gehorsam vereinen wir uns in der Kirche. Es ist aber unmöglich, die Einheit mit dem Vater zu finden und dabei an den vom Herrn bestellten Aposteln und ihren Nachfolgern, den Bischöfen, vorbeizugehen. Mangel an Einheit und Vertrauen, eine verletzende Anklage, aggressive Kritik: all das zeigt einen Mangel an Christi Gegenwart unter euch. Wenn in der Kirche Worte der Feindschaft gesagt und geschrieben werden, dann ist nicht mehr von Christus die Rede. Wer solche Worte immer neu wiederholt und sich auf sie festlegt, verhärtet sein Herz und reicht anderen Steine statt Brot. Beherzigen wir darum die Einladung, die der Apostel Paulus heute an uns richte: ”Vor allem... liebt einander, denn die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und vollkommen macht. In eurem Herzen herrsche der Friede Christi; dazu seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes“.

Nur eine Kirche in voller Einheit und treuer Bereitschaft, den Willen des Herrn in seinen Geboten zu erfüllen, ist der Gabe seines Brotes würdig. Das Evangelium sagt uns, daß wir zuerst unser Leben ändern müssen, wenn wir am Altar opfern wollen. Ich komme aus Rom mit Gräbern von Märtyrern der ersten Zeit; ich komme nach Lorch, wo das Martyrium in euren Ländern bezeugt ist. Nicht weit von hier ist Mauthausen, wo Christen, Juden und andere auch um ihres Glaubens willen gelitten haben. Mit ihrem Leiden haben sie alle die Welt beschenkt. Für sie gilt Jesu Wort: Das Weizenkorn muß in die Erde fallen; dann erst bringt es reiche Frucht.

Der Herr hat die Erlösung durch die Hingabe seines Lebens am Kreuz gewirkt. Wir sind hier in der Mitte Europas, wo vor vielen Jahrhunderten das Kreuz des Glaubens aufgerichtet worden ist. Von diesem Kontinent, der sich in weiten Bereichen der Freiheit und eines gewissen Wohlstandes erfreuen darf, muß eine neue Saat der Liebe im Namen Christi aufgehen, kraftvoller als das Unkraut der Selbstsucht und des Neides, des Hochmuts und der Verschwendung, der Trägheit der Herzen und der Zerstörung des Lebens. Alle Gebote Gottes und der Kirche münden in das höchste Gebot der Liebe. Sie ist die Sprache Gottes und führt zum wahren Wohl des Menschen. Liebe aber wird konkret in der Erfüllung der Gebote. So sagt es der Herr: ”Wer meine Gebote hat und sie behält, der ist es, der mich liebt“.

5. Liebe Brüder und Schwestern! Das Brot des Lebens gibt uns eine Kraft, die alles übersteigt, was wir an naturgegebenen Kräften in uns vermuten. Das Alte Testament erzählt von Elija, der, vom Brot gestärkt, das Gott ihm gab, 40 Tage und Nächte lang bis zum Berg des Herrn wandern konnte. Beim Letzten Abendmahl gibt der Herr seinen Jüngern sich selbst zur Speise, und so immer wieder bis in unsere Tage. Kein Brot wird so oft auf der Erde gereicht und empfangen. Von ihm gestärkt, können wir zuversichtlich in die Zukunft aufbrechen.

In manchen Gesellschaften, im Herzen vieler Menschen scheinen heute oft Mißmut und Niedergeschlagenheit vorzuherrschen. Wir Christen können jedoch mutig aufbrechen, weil wir an das Wachsen des Reiches Gottes glauben. Das Ziel unserer Tage ist ja nicht ein Ende, sondern ein Anfang, ist nicht Tod, sondern Leben, nicht Erschöpfung, sondern Erkennen und Lieben beim ewigen Gastmahl Gottes.

Im Hinblick auf diesen christlichen Mut zur Zukunft rufe ich euch zu: Habt Freude an euren Kindern, nehmt das Geschenk eines neu entstandenen Lebens an, weigert euch, Leben abzubrechen! Geht mit ihm vom ersten Augenblick an voll Liebe und Ehrfurcht um! Kinder sind nicht Anschaffungen, die man nur finanziell kalkuliert und eventuell abstoßen könnte.

Habt ein Herz auch für die Jugendlichen. Sie stellen uns neue, scheinbar lästige Fragen und sind oft ungestüm und ungeduldig. Aber auch sie brauchen Ausrüstung und Hoffnung für ihre Zukunft; sie selbst sind ja unsere Hoffnung und Zukunft.

6. Wozu stärkt uns noch das Brot des Lebens? Mit seiner Kraft können wir dem Bösen standhalten.

Manchmal scheint uns die Stunde der Finsternis gekommen zu sein: Kriege, Unterdrückung, Rechtlosigkeit, Katastrophen beherrschen die Tagesnachrichten. Persönliche Schmerzen, oft einsam erlitten und ertragen, bedrücken den einzelnen nicht weniger. Nichts davon ist unwichtig: In allem liegt ein Anruf Gottes, nach Kräften der Heilung und der Befreiung zu suchen, zunächst jeder bei sich selbst, dann aber auch in solidarischer Einheit. Gewiß müssen auch neue strukturelle Lösungen gesucht werden von Politikern und Wirtschaftsführern, von Wissenschaftlern und Fachleuten, möglichst unter Mitbeteiligung aller Betroffenen. Ebenso aber braucht es immer wieder die persönliche Umkehr. Beides hängt zusammen, das eine stützt das andere.

Entdeckt wieder, Brüder und Schwestern, wie unersetzlich eigentlich das Sakrament der Buße ist. Es ist unersetzlich für die persönliche Würde des Menschen. Was er persönlich zu verantworten hat, muß er auch selber vor Gott bekennen dürfen. Die Beichte ist zugleich unersetzlich für die Zukunft des Glaubens in euren Ortskirchen. Denn nur dann kann ich wahrhaft an Gott als eine Person glauben, wenn ich weiß, daß ich vor ihm persönlich verantwortlich bin, daß ich zu ihm, dem barmherzigen Vater, heimkehren kann, weil Christus in seinem Kreuz die Ordnung der Liebe und der Versöhnung neu gegründet hat.

7. Eure beiden Diözesen haben beispielhafte Leistungen erbracht um Hunger und Ungerechtigkeit auf der Welt zu lindern. Ich denke an die vielen Entwicklungshelfer, an die Werke der Caritas, an die Unterstützung der Mission. Jede Solidarität aber braucht ein Herz: die persönliche Bereitschaft, Christus darin ähnlich zu werden, ihm, der uns die Treue hält bis zum Kreuz.

Die verzweigte Organisation eurer Seelsorge bekommt vor allem dadurch innere Dynamik und Fruchtbarkeit, daß z. B. Eheleute bei euch bereit sind, miteinander treu auf dem Weg zu bleiben und miteinander zu reifen, bis der Tod sie scheidet; daß hochherzige Menschen freiwillig neben Mühseligen, Armen, Unangenehmen aushalten; daß junge und auch ältere Menschen den Mut haben, die besondere Nachfolge als Priester oder Ordensleute anzutreten; daß Menschen ihr eigenes Schicksal von Krankheit und Enttäuschung im Namen Christi, des Gekreuzigten, annehmen wollen, auch unter Tränen und mit Zeiten der Dunkelheit.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich an das kostbare Erbe und die großartigen Werke der Ordensgemeinschaften und Klöster in eurem Lande erinnern. Sie haben dem Glauben vor vielen Jahrhunderten die Wege bereitet. Ihnen ist auch heute die Berufung gemeinsam, prophetische Zeichen der Anwesenheit Gottes zu sein. Dazu brauchen sie gewiß ständige Erneuerung und Vertiefung, von der die ganze Kirche lebt und die auch Kräfte freisetzt für die Gesellschaft, wenn sie die Herausforderungen der Gegenwart bestehen will.

8. Die Jünger haben den Herrn beim Brechen des Brotes erkannt. Er teilt das Brot, teilt sich selbst, damit wir eins werden. Die Situation der heutigen Welt ist eine einzige Aufforderung zum Teilen. Teilen überwindet Spaltung. Die Zukunft braucht solche Solidarität; diese aber verlangt Rücksicht, Selbstbescheidung, und Offenheit. Von wem sollte die Welt das lernen, wenn nicht von denen, die an Christus glauben und immer wieder seinen ”Leib für das Leben der Welt“ empfangen! Wenn wir uns vor allem am Sonntag um den Altar versammeln, dann ist dies der große Tag des gedeckten Tisches, auf daß wir teilen können. Hütet den Sonntag und die Feiertage zum Heil für euch selbst und für euer Land! Gebt dem ganzen Tag eine Atmosphäre der Freiheit des Herzens, damit ihr aufmerksam und dankbar mit der Gabe Christi umgeht und sein Antlitz in vielen Mitmenschen an eurer Seite entdeckt.

Im Geist solcher Solidarität müßt ihr als Christen auch euren Beitrag zur Lösung der Schwierigkeiten in der Welt der Arbeit, in Industrie und Landwirtschaft, leisten. Setzt euch ein für eine gerechte Verteilung der vorhandenen Arbeit und für die Schaffung neuer Arbeitsmöglichkeiten. Ohne Opfer und Kompromisse aller Beteiligten kann die Arbeitslosigkeit kaum wirksam bekämpft werden. Tut alles, was an euch selbst liegt, damit am konkreten Ort eurer Arbeit das Licht der Wahrheit und der Liebe Gottes aufleuchtet. Wo du stehst und wirkst, sollen Ungerechtigkeit, Verleumdung oder Demütigung des Menschen nicht zum Zuge kommen. Um seines Glaubens willen ist der Christ ehrlich und sorgfältig bei der Arbeit, wenn andere sich ihrer Schlauheit rühmen; er achtet den Staat und seine Gesetze, wenn andere meinen, ihn ausnehmen zu dürfen; er ist hilfsbereit und arbeitet je nach Begabung in sozialen und gewerkschaftlichen Gremien mit, wenn andere die Tür hinter ihrem Egoismus zuschlagen. Ja, es gibt um Grunde keine unwichtigen Lebensorte, keine belanglose Arbeitsstelle, von wo aus das Reich Gottes nicht auch wachsen könnte.

So möge jeder den Platz, auf den ihn Gott geführt hat, in Dankbarkeit für seine Berufung ausfüllen: Wir alle sind ja Glieder an dem einem Leib Christi, ob Mann oder Frau, Arbeiter oder Bauer, Vater oder Mutter, Alleinstehender, Priester oder Ordenschrist. In Liebe wollen wir einer des anderen Last tragen, uns gegenseitig zur Lebensfreude verhelfen, und dies alles in Ehrfurcht vor der Eigenart und der Berufung des anderen. Fördert mit aller Kraft vor allem neue, Priester- und Ordensberufungen in euren Diözesen! Sie sind ein untrügliches Zeichen für die innere Gesundheit der Kirche eines Landes.

9. Laßt uns so gemeinsam Sorge tragen für eine lebendige und vielfältige Kirche, voll des Glaubens, in untrennbarer Einheit und in der Kraft der Liebe, die von Christus kommt!

Wir bitten dazu um die Fürsprache der Heiligen:

Heilige Severin und Florian, ihr seid Väter der Kirche, die sich in diesem Land so reich und weit entfaltet hat: Erbittet uns die Gnade einer treuen Liebe zu ihr, dem Leib Christi!

Unsere Mutter Maria, du hast auf den Ruf Gottes mit einem reinen Ja geantwortet: Erbitte uns in diesem dir geweihten Jahr die Gnade, die Botschaft des ewigen Gottes mit Herz und Verstand anzunehmen, seinen Geist zu empfangen und Christus nachzufolgen in einer wahrhaft christlichen Lebensgestaltung!

So können wir inmitten eures schönen Landes, an geheiligter Stätte, in der Gemeinschaft des Volkes Gottes ausrufen:

Wir sagen ja zu unserem Glauben, der uns vom Herrn übergeben ist. Wir sagen ja zum Leben, zu unserem Leben von heute und morgen in der Freiheit von Kindern Gottes, im Licht des Heiligen Geistes.

Wir sagen ja zur Zukunft, wenn wir glauben und bekennen: Ich glaube an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche! Sie bewahrt das Brot Christi; sie ist das Brot Christi, damit die Welt leben kann! Amen.

Predigt bei der Eucharistiefeier für die Gläubigen der Diözesen Gurk und Graz-Seckau =

Liebe Brüder und Schwestern!

1. ”Ich freute mich, als man mir sagte: ”Zum Haus des Herrn wollen wir pilgern““.

In der Tat, es ist für mich eine große Freude, im jetzigen Marianischen Jahr vor der Wende zum dritten christlichen Jahrtausend zusammen mit euch als Pilger zu diesem ehrwürdigen Dom zu Gurk zu kommen, der seit seiner Erbauung vor 800 Jahren dem besonderen Gedenken der Gottesmutter geweiht ist. Wir haben uns hier versammelt, um gemeinsam in Verehrung der heiligen Hemma zu gedenken, die gegen Ende des ersten Jahrtausendes in diesem Land segensreich gewirkt hat und hier, in der Krypta des Domes, bestattet ist.

Ja, ich freue mich, euer Land zu besuchen und die Schönheiten seiner Natur bewundern zu können: der Berge und Täler, der Wälder, Bäche und Wiesen. Wenn wir vor diesem erhebenden Hintergrund heute mit dem Psalmisten beten: ”Schon stehen wir in deinen Toren, Jerusalem“ dann scheint sich die Natur selbst mit all ihrer Schönheit wie ”ein Tor“ zu öffnen, um uns in das tiefe Geheimnis der Welt eintreten zu lassen, Sie ist das ”Tor“, das uns den Zugang auf Gott hin, den Herrn der ganzen Schöpfung, erschließt. Darum gedenken wir an diesem Ort auch aller jener Generationen, die in diesem Land vor uns den Namen des Herrn gepriesen haben und so zum ewigen Jerusalem gepilgert sind: zum Ort der ewigen Gegenwart Gottes, wo sie ihn nun schauen ”von Angesicht zu Angesicht“.

2. In dieser Freude des Psalmisten grüße ich euch alle, die ihr bei dieser Eucharistiefeier zugegen seid oder durch Radio und Fernsehen daran teilnehmt: die Gläubigen der Diözese Gurk/Klagenfurt und Graz mit ihren Bischöfen Egon Kapellari und Johann Weber; ebenso auch die Pilger aus der slowenischen Kirchenprovinz und aus der Erzdiözese Udine, die sich mit ihren Oberhirten, Priestern und Ordensleuten zur sechsten Dreiländerwallfahrt hier eingefunden haben. Ihr alle gebt dadurch Zeugnis von der Kraft des christlichen Glaubens, Grenzen zu überwinden: Grenzen des Herzens, Grenzen der Sprache und Kulturen. Aus mehreren Völkern kommend, sprecht ihr als das eine Volk Gottes die eine Sprache des gemeinsamen Glaubens.

Auf diesem Boden Europas treffen verschiedene Kulturen zusammen: die deutsche, die romanische und die slawische; sie bereichern und durchdringen sich. Sie alle sind vom christlichen Glauben tief geprägt; das war bis heute so und soll auch in Zukunft so bleiben. In der Verbundenheit unseres gemeinsamen Bekenntnisses zu Christus möchte ich heute and diesem Pilgerort meines jetzigen Pastoralbesuches auch mit euch das zweifache Ja sprechen: ”Ja zum Glauben - Ja zum Leben“.

3. Wie uns der Psalmist zum Hause Gottes einlädt, so sagt Christus von sich selbst: ”Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten tragt“. Ja, er selbst ist das wahre Zelt Gottes unter den Menschen. In ihm, dem ewigen Wort des Vaters, das Mensch geworden ist, hat sich Gott den Menschen vollkommen offenbart. Denn, so bekennt Jesus, ihm ist alles von seinem Vater übergeben worden, und ”niemand kennt den Vater als nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will“.

Kommt zu mir, ruft Christus auch uns heute zu. Und darum sind wir hier. Wir sind gekommen und haben uns versammelt unter dem Wort Gottes als die jetzige Generation seines Volkes, das durch den Glauben in die Tore Jerusalems eingetreten ist. Deshalb ruft uns der Apostel in der heutigen Liturgie zu: ”Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum bei euch“. Diesen Reichtum finden wir in der Kirche, wenn sie vor uns ”den Tisch des Wortes Gottes“ bereitet. Entscheidend ist jedoch, daß wir die Schriftlesungen in der Liturgie nicht bloß anhören. Das Wort Gottes soll vielmehr in uns ”Wohnung nehmen“, auf daß wir durch einen lebendigen und bewußten Glauben einer göttlichen Erkenntnis teilhaftig werden, mit der der Vater den Sohn und der Sohn den Vater kennt. Um diese Erkenntnis zu erlangen, fordert uns der Apostel heute auf: ”Belehrt und ermahnt einander in aller Weisheit! Singt Gott in unserem Herzen Psalmen, Hymnen und Lieder“.

4. Liebe Brüder und Schwestern! Unsere Vorfahren und die Völker Europas sind schon vor vielen Jahrhunderten der Einladung Christi gefolgt und sind zu ihm gekommen. Unzählige Menschen haben sich seinem Wort geöffnet und ihr Leben und Sterben nach dem Evangelium ausgerichtet. Jedes unserer Völker hat Heilige hervorgebracht: Männer und Frauen, die sich ohne Vorbehalt von Christus haben erfassen und von seinem Licht durchdringen lassen.

Die Geschichte des christlichen Glaubens in Europa ist aber auch gekennzeichnet von Glaubenskrisen, durch Widerstand und Abfall vom Evangelium. Das gilt auch heute. Viele Türen haben sich für Christus geschlossen. Darum braucht Europa, wie ich wiederholt gesagt habe, dringend eine neue Evangelisierung, sowohl in den großen Städten als auch in den ländlichen Regionen. Auch die Kirche in euren Diözesen und Ländern muß in verstärktem Maße wieder missionarisch werden. Wenn die Christen ihren Glauben nicht mehr durch das Beispiel ihres Lebens und durch das Wort bezeugen, dann wird das Licht von ihnen genommen. Andere werden kommen und den Platz in Anspruch nehmen, den die Christen nicht mehr ausfüllen.

Beherzigen wir darum wieder neu den Aufruf des Apostels: ”Belehrt und ermahnt einander in aller Weisheit!“ Beginnt wieder, über den Glauben zu sprechen, den Glauben zu vermitteln im Gespräch der Generationen, der Ehepartner, der Arbeitskollegen und der Freunde. Wenn die Jünger Christi stumm werden, werden die Steine reden: die Steine verlassener und verfallener Kirchen. Ihr tut gut daran, eure schönen alten Kirchen zu erhalten. Noch wichtiger ist es aber diese Kirchen Sonntag für Sonntag mit Leben zu erfüllen. Noch wichtiger ist es, selbst Kirche zu sein: ein Bauwerk aus lebendigen Steinen. Deshalb hat die außerordentliche Bischofssynode 1985 gefordert: ”Alle Laien sollen ihr Amt in der Kirche und im täglichen Leben... erfüllen, damit sie so die Welt mit dem Licht und Leben Christi durchdringen und umgestalten“.

5. Der Auftrag zu ”belehren“ und zu ”ermahnen“ ist im Volke Gottes darüber hinaus in einer besonderen Weise den von Gott bestellten Hirten, den Bischöfen und Priestern, anvertraut. Sie sind die berufenen Boten, durch die Christus heute an die Menschen die Einladung richtet, zu ihm zu kommen. Sie sind zu ihnen gesandt, auf daß sein Wort mit seinem ganzen Reichtum in ihnen wohne. Darum braucht das Volk Gottes diese Hirten jederzeit und besonders auch heute.

Wir haben heute die Freude, die Neupriester der Diözesen Graz und Gurk in unserer Mitte zu haben. Wir beglückwünschen euch, liebe junge Brüder, zur Gnade eurer Berufung und empfehlen euch und euer künftiges priesterliches Wirken der besonderen Fürsprache der Gottesmutter. Bleibt immer Hörende, Horchende und Gehorchende auf Gottes Wort hin, wie Maria es gewesen ist. Dann werdet ihr auch überzeugte und überzeugende Boten Jesu Christi in euren kommenden Gemeinden sein können.

Mein besonderer brüderlicher Gruß gilt auch den anwesenden Priesterjubilaren, vor allem denjenigen, die vor 50 Jahren hier im Dom von Gurk ihre Weihe empfangen haben. Ich danke euch und allen betagten Priestern in Österreich für die Treue zu ihrer Berufung in so langer und bewegter Zeit. Es wird euch gewiß nicht erspart worden sein, ganz persönlich zu erfahren, daß zur Jüngerschaft auch das Mittragen am Kreuz Christi gehört, so wie der Herr es uns vorhergesagt hat. Ebenso aber werdet ihr auch der österlichen Freude teilhaftig geworden sein, die uns unsere priesterliche Nähe zum auferstandenen Herrn schenkt.

6. Die Kirche in Österreich ist reich beschenkt durch Männer und Frauen, die bereit sind, das Leben und Wirken der Pfarrgemeinden aktiv mitzutragen. Sie hat auch den wertvollen Dienst der ständigen Diakone. Was aber die Kirche von der Stiftung durch den Herrn her zu allen Zeiten und an allen Orten besonders braucht, sind jene Männer, die ihr Leben ganz und vorbehaltlos Christus und seinem Heilswerk zur Verfügung stellen. Von ihnen sagt das II. Vatikanische Konzil: ”Durch die Weihe und die vom Bischof empfangene Sendung werden die Priester zum Dienst für Christus, den Lehrer, Priester und König, bestellt. Sie nehmen teil an dessen Amt, durch das die Kirche hier auf Erden ununterbrochen zum Volk Gottes, zum Leib Christi und zum Tempel des heiligen Geistes auferbaut wird“.

Der Dienst des Priesters, der durch das Sakrament der Priesterweihe übertragen wird, gehört zum Wesen der Kirche. Er ist unverzichtbar und nicht durch andere Dienste zu ersetzen. Durch ein besonderes Prägemal dem Ewigen Hohenpriester Christus gleichförmig, handelt der Priester in dessen Person. In der Feier der heiligen Eucharistie steht der Priester für Christus am Altar, er repräsentiert Christus, wie der heilige Thomas sagt. Bei der Spendung des Bußsakramentes spricht er im Namen Christi das Wort der Sündenvergebung. ”Wer euch hört, hört mich“, sagt Jesus von ihrer Glaubensverkündigung.

Der Mangel an Priestern, von dem auch die Kirche in Österreich und in den Nachbarländern betroffen ist, bedeutet eine große Herausforderung an alle Christen. Sie sollen ihre Mitverantwortung für die Kirche und das Leben in ihren Gemeinden erkennen und anerkennen. Durch seine Aufforderung, den Herrn der Ernte um Arbeiter zu bitten, sagt Jesus deutlich, daß die Berufung zum Dienst des Hirten eine Gabe Gottes ist, um die gebetet werden muß. Geistliche Berufe wachsen aus dem Gebet und aus dem Opfer, das in der Kirche zu ihrer Weckung und Entfaltung verrichtet wird. Jeder einzelne Gläubige ist hier angesprochen und gefordert – auch die Priester, die dazu durch ihr froh und erfüllt gelebtes Priestertum selbst zu der überzeugendsten Einladung für neue Priester – und Ordensberufe werden.

Ein herzliches Wort der Verbundenheit und brüderlicher Ermutigung richte ich von hier aus an alle Priester und Ordenschristen. Viele von euch, liebe Mitbrüder, tragen große Lasten. Aber die Existenz der Jünger Christi war schon immer geprägt durch den Ruf, die Herausforderung zu einer Lebensform, die dem natürlichen Menschenverstand oft als zu schwierig und unzumutbar erscheint. Und doch hat Jesus gesagt: ”Mein Joch ist sanft, und meine Bürde ist leicht“. Dieses Wort Christi haben wir soeben in der Eucharistiefeier gehört. Nur wer dieses Wort in der Haltung Marias annimmt, wird seine Wahrheit erfahren und es auch in seinem eigenen Priesterleben bestätigt finden.

7. Liebe Brüder und Schwestern! Wir gedenken durch unsere Pilgerfahrt an diesem Ort heute besonders der heiligen Hemma. Ihr gilt das Lob aus dem biblischen Buch der Sprüche: ”Eine starke Frau, wer findet sie? Sie übertrifft alle Perlen an Wert... Sie öffnet ihre Hand für den Bedürftigen und reicht ihre Hände den Armen“. Hemma hat den Segen einer Ehe und Familie erfahren. Durch den gewaltsamen Tod ihrer nächsten Angehörigen wurde sie hart geprüft. Dennoch wuchs aus ihrem Leid weder Verzweiflung noch Haß. Der christliche Glaube hat ihr Leid in Mitleid, in Hilfe für die Armen verwandelt. Hemma hat Kirchen erbaut und Klöster gestiftet. Sie hat auch Häuser für notleidende Menschen errichtet.

Wenn wir uns in Dankbarkeit an eine solche Frau erinnern, dann verbinden wir damit das Gedenken an Unzählbares, das der Kirche durch Frauen geschenkt wurde und heute geschenkt wird. Wir denken an den Beitrag der Frauen zur Verkündigung des Glaubens und besonders zur Weitergabe des Glaubens an die nächste Generation. Wir denken auch an den Beitrag der Frauen im Dienst am Menschen und zur gesamten Lebenskultur.

Herzlich grüße ich die hier anwesenden Ordensfrauen und alle Ordensfrauen in Österreich. Die von euch, liebe Schwestern, hochherzig angenommene und gelebte Berufung zu den evangelischen Räten ist ein großes Geschenk Gottes an die Kirche und an die ganze menschliche Gemeinschaft. Ich danke euch für euer Zeugnis und für euren Dienst.

8. Nun möchte ich ein besonderes Wort in ihrer jeweiligen Muttersprache an die hier anwesenden slowenischen Gläubigen mit ihren Bischöfen und an die Pilger aus Italien – vor allem aus Friaul – mit ihren Oberhirten richten.

Liebe Brüder im Bischofsamt, liebe Brüder uns Schwestern![1]

Als Pilger seid ihr nach Gurk zu dieser ehrwürdigen Marienkirche und zum Grab der heiligen Hemma gekommen. Seit langer Zeit wird Hemma auch von den Slowenen verehrt, und viele slowenische Gläubigen haben Walllfahrten nach Gurk unternommen. Ihr setzt heute diese Tradition fort. Ihr tut es im Rahmen der sechsten Dreiländerwallfahrt, die von den Bischöfen dreier Diözesen und dreier Regionen angeregt worden ist. Ihr steht treu zum Glauben, den ihr von euren Vätern und Müttern übernommen habt. Dieser Glaube hat eure Kultur seit Jahrhunderten geprägt und soll sie auch in Zukunft prägen. Helft euren Kindern, helft den jungen Menschen, die Kostbarkeit dieses Glaubens zu erkennen und sieh seiner nicht zu schämen. Seid brüderlich auch zu den Menschen, die die Gnade des christlichen Glaubens noch nicht empfangen haben, damit sie durch euch die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes erkennen können. Laßt Christus die Mitte eurer Ehe und eurer Familie sein. Betet dafür, daß Gott euren Diözesen geistliche Berufungen in ausreichender Zahl schenkt. "Seid stark im Glauben, fröhlich in der Hoffnung und geduldig in der Drangsal." Die Fürsprache der Gottesmutter möge euch allezeit begleiten.

In italienischer Sprache sagte der Papst:

Ihr habt die Grenzen eurer Nation überschritten, um den Papst zu sehen und euch mit euren Glaubensbrüdern aus Österreich und Slowenien hier zu treffen, mit denen ihr durch eine langjährige gemeinsame Geschichte im Glauben vereint seid. Von Aquileja aus haben in der Tat die Glaubensboten den Völkern Friauls, Kärntens und Sloweniens die Frohe Botschaft gebracht. Das Patriarchat von Aquileja hat die drei Regionen auf der kirchlichen und kulturellen Ebene verbunden.

Leider sind die alten Wurzeln des Glaubens in Europa, auch in euren Gebieten, heute auf verschiedenste Weise gefährdet. Als Gemeinschaft müssen daher die Christen auf diese Herausforderung antworten. Sie müssen um so stärker und um so enger zusammenstehen. Dazu trägt diese Wallfahrt dreier Nationen hei und ist eine große Hilfe.

Ihr seid zum Heiligtum der Gottesmutter und der heil igen Hemllla von Gurk gekommen, um neue Kraft für euer tägliches Leben zu empÜmgen. Bewahrt und stärkt euren Glauben, in dem ihr auf Maria schaut, zu der die heilige Elisabeth gesagt hat: "Selig bist Du, weil Du geglaubt hast" (Lk 1,45).

9. Liebe Brüder und Schwestern! Bei unseren gemeinsamen Überlegungen führt uns heute der Segenswunsch des Apostels Paulus, daß das Wort Christi mit seinem ganzen Reichtum in unseren Herzen wohne. Die Bischöfe eures Landes greifen das gleiche Anliegen durch das Leitwort meines Pastoralbesuches auf. Sie laden euch zu einem zweifachen Ja ein: ”Ja zum Glauben - Ja zum Leben“. Aus dem Reichtum des Wortes Christi, das in unserem Geist und Herzen wohnt, erwächst auch der Reichtum des göttlichen Lebens in den Menschen. Dieser erst gibt dem Menschen die endgültige Sicht der Werte, die ”die Welt nicht gehen kann“. Die Werteskala des Menschen ist vielleicht in Unordnung geraten, weil er die Beziehung zum endgültigen Wert, der Gott ist, verloren hat. Die tiefe Sehnsucht nach Glück, die nur in Gott ihre wahre Erfüllung finden kann, sucht der Mensch durch vordergründige, allzu vergängliche Werte zu befriedigen. Die Sehnsucht nach Glück wird so zur Sucht nach immer leichterem und flüchtigerem Genuß. Statt der erhofften Fülle erwartet den Menschen am Ende gähnende innere Leer und Verdruß im Leben.

Öffnen wir deshalb wieder neu unsere Herzen für die Frohe Botschaft von Jesus Christus, der allein der richtige Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Seit vielen Jahrhunderten bereitet die Kirche auf dieser schönen Erde den Tisch des Wortes Gottes und den Tisch des eucharistischen Brotes: jenes Brotes, das zum Leib und Blut des Erlösers für das Heil der Welt wird. Christus ruft uns zu: ”Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele“.

Christus lädt uns ein, an seinem Ostergeheimnis teilzunehmen: am Geheimnis des Kreuzes. Dies ist sein ”Joch“: das ”Joch für die Erlösung der Welt“. Er hat es auf sich genommen und nach Golgota getragen und sich dort selbst zum Opfer hingegeben. ”Er gab“, seinen Leib und sein Blut. Er hat diese eingesetzt als Sakrament des Neuen und Ewigen Bundes Gottes mit den Menschen und sie als Eucharistie für seine Kirche gestiftet. Fortan sagt er zu uns: ”Nehmt und esset, nehmt und trinkt davon“. ”Nehmen“ heißt, daran wahrhaft Anteil erhalten. Wir dürfen nicht bloß äußerlich der Messe beiwohnen, wir sollen voll und ganz daran teilnehmen. Deshalb lädt uns Christus ein: Kommt mit eurem ganzen Leben, mit eurem Kreuz. Lernt von mir. Lernt mich kennen, und ihr werdet euch selber finden; ihr werdet euch selbst erkennen; euer wahres Menschsein.

Die Eucharistie ist Opfer – und das Opfer wird Kommunion, innige Lebensgemeinschaft. Kommunion bedeutet ein gegenseitiges Sich-schenken. Nehmt das Geschenk meines Lebens – jenes, das sich im österlichen Geheimnis voll offenbart hat – und gebt mir das Geschenk eures Lebens: so wie es ist, sagt uns der Herr. Und ihr werdet ”Ruhe finden für eure Seelen“. Denn unruhig ist das Herz des Menschen, bis es ruhet in Gott. Amen!

Sonntag, den 26. Juni 1988

Predigt beim Wortgottesdienst für die Kranken und Alten im Dom von Salzburg

Liebe Brüder und Schwestern!

1. Es ist mir eine große Freude, den heutigen Sonntag in Salzburg mit diesem gemeinsamen Morgengebet in eurer Mitte zu beginnen. Der Begegnung mit betagten, kranken und behinderten Menschen kommt bei meinen Pastoralbesuchen stets ein bevorzugter Platz zu. Ihr seid nicht die vergessenen Kinder Gottes. Im Gegenteil! Wenn schon einem Vater oder einer Mutter ein krankes wachsen kann, um wieviel mehr wird bei Gott Freude über euren Glauben und euren Lebensmut sein. Und Jesus Christus versichert uns, daß wir in euch auf besondere Weise ihm selber begegnen.

Es ist leider keine Selbstverständlichkeit, daß jemand, der unter Beschwerden von Alter, Krankheit oder Behinderung leidet, in unserer Gesellschaft als gleichwertiger Mensch anerkannt wird. Doch Gott fragt nicht nach euer Leistungsfähigkeit im Produktionsprozeß, nicht nach der Höhe eures Bankkontos. Nicht auf das, was ”ins Auge fällt“, sieht der Herr, sondern auf das Herz.

Der liebende Blick Gottes, der auf jedem Menschen ruht, vermittelt ihm die Gewißheit, daß er – ob jung oder alt, krank oder gesund – ausnahmslos erwünscht und gewollt ist. Darin erfahren wir uns alle als Söhne und Töchter des gemeinsamen himmlischen Vaters. Die Liebe Gottes zu uns ist immer das Erste und Grundlegende. Dies zu erfahren und darum zu wissen, ist etwas Großes; und etwas Großes ist es, diese Erfahrung auch anderen mitzuteilen und sie gemeinsam mit ihnen zu leben.

2. Euer Los und eure Beschwerden lasten gewiß oft schwer auf euren Schultern. Wer von euch wird nicht schon versucht gewesen sein zu fragen, ob die Mühen und Plagen, die Müdigkeit, die ihn überfällt, sich noch lohnen und einen Sinn haben. In eurem Leid erfahrt ihr konkret die Hinfälligkeit und Begrenztheit des Geschöpfes. Gerade darin aber kann das Leid für euch auch zum besonderen Ort der Öffnung auf die Mitmenschen und auf Gott hin werden. Ein Leben, das allzu glatt und fraglos dahinläuft, verleitet uns allzu leicht zur Oberflächlichkeit, läßt uns satt und selbstgenügsam werden. Wo uns hingegen das Leid aufrüttelt mit den Fragen, die sich damit unausweichlich stellen, da bricht in uns die Sehnsucht auf. Wir beginnen erneut nach anderen und im tiefsten nach Gott Ausschau zu halten.

Um im Leid Hilfe und Heilung finden zu können, brauchen wir die Gemeinschaft mit den Mitmenschen und mit Gott. Wie im Glück, sollen wir uns auch im Leid nicht absondern, denn die Gemeinschaft ist der Ort, wo wir Leben teilen können. Es ist eine der schönsten Aufgaben der Kirche, das brüderliche Teilen als heilsam erleben zu lassen. Darin erfährt sich die Kirche wirklich als Gemeinschaft der Kinder Gottes und als Wohnung Gottes. Denn ”wo die Liebe und die Güte ist, da ist Gott“!

3. Der Mann mit der verdorrten Hand, von dem wir soeben im Evangelium gehört haben, lebt völlig unbeachtet am Rand der Gesellschaft. Jesus sieht ihn, wie die anderen ihn sehen, aber er allein übersieht ihn nicht. Er ruft ihn der Synagoge vom Rand in die Mitte, um vor aller Augen auf ihn aufmerksam zu machen. ”Steh auf“, sagt er zu ihm, ”und stell dich in die Mitte!“. Und ”der Man stand auf und trat vor“. Ohne daß der Mann Vertrauen zu Jesus gefaßt hätte, wäre es ihm nicht möglich gewesen, sein Leid hier in der Öffentlichkeit zu zeigen. – Er verläßt sich auf Jesus wie Petrus, der sich auf die Stimme des Herrn verläßt und über das Wasser geht. ”Er stand auf“: Mit diesem kleinen Wort sagt uns der Evangelist, daß der Kranke nicht einfach Objekt der Heilkraft des Herrn ist, sondern daß die Heilung sich in der persönlichen Begegnung und durch die Mitwirkung des Kranken ereignet. Jesus begegnet dem Kranken als einem vollwertigen. Hilfe bedürftigen Menschen, und der Kranke begegnet in Jesus dem verheißenen Messias, dem menschgewordenen Gottessohn; er erfährt Heilung aus dem glaubenden Ja zu Christus.

Wie heilsam die persönliche Begegnung mit Gott sein kann, sehen wir auch an den besonderen Orten der Gnade, an Orten des Gebetes und der Bekehrung wie zum Beispiel in Lourdes und Fatima oder wo immer sich Menschen von Gottes Liebe berühren lassen. Jedes Jahr kehren Unzählige reich beschenkt von dort in ihren Alltag zurück. Das Wunder der Begegnung und des Glaubens. In der glaubenden Hinwendung zu Gott in Christus und durch Maria kommen dei quälenden Menschen nach dem ”Warum“ des Leidens zur Ruhe. Sie erscheinen in einem neuen Licht, das Leid erhält von Gott her einen tieferen Sinn. Gott selbst hat auf die schwere Frage des Leidens eine Antwort gegeben, indem er ein Mensch, einer von uns, geworden ist. Die Antwort Gottes heißt Jesus Christus.

4. In seinem Namen, im Namen Jesu Christi, den wir auch unseren ”Heiland“ nennen, komme ich heute zu euch. Das Wort Heiland verweist uns auf seine Sendung, zu ”heilen“. Jesus Christus hat das Reich Gottes nicht nur durch Worte verkündet, sondern auch durch taten. Dieses Reich hat mit ihm und seinem Wirken schon konkret begonnen, besonders dadurch, daß er Menschen an der Wurzel – an Leib und Seele – geheilt hat. Viele der Menschen, die sich um Jesus drängten, waren krank. Manche von ihnen waren dazu noch tief in Schuld verstrickt. Jesus hat ihnen die Schuld vergeben und sie oft auch durch äußere Heilung wieder ganz ”heil“ gemacht. Die Tauben, die er heilte, konnten nun nicht nur die Stimme der Welt, sondern auch das Wort Gottes hören. Die Stummen konnten fortan nicht nur mit Menschen sprechen, sondern aus der Tiefe ihres Herzens heraus Gott loben. Und die Lahmen konnten nicht nur gehen, sondern sich auf Gott hin bewegen. Jesus hat ihnen nicht nur äußere Heilung, sondern das ”Heil gesckenkt“, den Frieden mit Gott, den Frieden mit sich selbst und den Frieden mit den anderen Menschen.

Jesus Christus hat in der Tat nicht alle Menschen äußerlich geheilt, denen er begegnete. Aber er hat schließlich für sie alle – ohne Ausnahme – selbst auf das bitterste gelitten. Sein Weg wurde zum Kreuzweg nach Golgota. Er starb den furchtbaren Kreuzestod, der das Leid und die Schuld jedes einzelnen Menschen und der ganzen Menscheit zusammenfaßt und erlöst.

5. Seither steht das Bild des gekreuzigten Herrn in einer besonderen Weise vor den Augen jener Christen, die ein großes Leid, eine große Last tragen müssen. Der göttliche ”Mann der Schmerzen“ geht auch an eurer Seite, liebe Brüder und Schwestern! Dieser von Leid und Kreuz gezeichnete Christus tritt aber zugleich als der Auferstandene mit verklärten Wunden vor Gottes Thron für uns ein. Leiden und Tod waren nicht das Letzte für Christus, und sie sind auch nicht das Letzte für den Menschen, der an Christus glaubt. Leid und Tod tragen fortan in sich die Verheißung endgültiger Auferstehung und ewiger Seligkeit.

Der christliche Glaube und die christliche Hoffnung blicken über den Tod hinaus. Sie sind aber nicht nur eine Vertröstung auf das Jenseits. Sie verändern auch schon unser irdisches Leben. Wem es geschenkt ist, an Christus zu glauben, dem wachsen Kräfte zu, eigene Leiden und Lasten anzunehmen und zu tragen. Er bekommt aber auch Kräfte, um die Leiden und Beschwerden seiner Mitmenschen mitzutragen und sie überwinden zu helfen. ”Einer trage des anderen Last“, sagt der Apostel Paulus; ”so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“. Darum muß gerade die Kirche sich als Ort erweisen, an dem sich betagte, kranke und behinderte Menschen geborgen, verstanden und mitgetragen fühlen, weil ihr Mittelpunkt Christus ist, der Schmerzensmann und der von Leiden und Tod auferstandene, verklärte Herr.

6. Liebe Brüder und Schwestern! Gewiß gibt es immer wieder Menschen, die achtlos und gleichgültig an euch vorbeigehen. Sie geben euch das Gefühl, überflüssig zu sein, nicht gebraucht zu werden. Aber seid davon überzeugt: Wir brauchen euch! Die ganze Gesellschaft braucht euch. Ihr seid für eure Mitmenschen eine aufrüttelnde Anfrage nach den tieferen Werten des menschlichen Lebens, ein Aufruf an ihre Mitmenschlichkeit, eine Prüfung ihrer Fähigkeit zu lieben. Besonders für die jungen Menschen seid ihr eine Herausforderung, das Beste in sich zu entwickeln: Solidarität und Hilfsbereitschaft mit denen, die besonders darauf angewiesen sind. Wo diese Mitmenschlichkeit verkümmert, da wird es kalt in der Gesellschaft. Es ist jedoch ermutigend, daß sich heute so viele junge Menschen für betagte, kranke und behinderte Mitmenschen einsetzen.

Aus eurer Mitte rufe ich allen in der Gesellschaft zu: Es darf keine Einteilung des menschlichen Lebens in lebenswertes und unwertes Leben geben! Diese Einteilung hat vor Jahrzehnten in die schlimmste Barbarei geführt. Jedes menschliche Leben – ob schon geboren oder nicht, ob voll entfaltet oder in seiner Entwicklung behindert – jedes menschliche Leben ist von Gott mit einer Würde ausgestattet, an der sich niemand vergreifen darf. Jeder Mensch ist Bild Gottes!

7. Zum Schluß möchte ich euch dann auch noch sagen, wie sehr euch gerade die Kirche braucht. In euch erkennen wir Christus, der als der von Kreuz und Leid Gezeichnete in unserer Mitte fortlebt. Und wenn ihr jene Leiden annehmt, die euch unausweichlich auferlegt sind, so hat euer Gebet und Opfer vor Gott eine unerhörte Kraft. Laßt darum nicht nach in eurem Gebet! Betet und opfert für die Kirche, für das Heil der Menschen und betet auch für meinen apostolischen Dienst.

Zusammen mit euch danke ich schließlich allen jenen Menschen, die schwere und glückliche Stunden mit euch teilen, die durch ihre Nähe Brücken bauen über die Abgründe von Traurigkeit und Verlassenheit. Sie sind es, die euch in der Prüfung durch Alter, Krankheit oder Behinderung Lebensmut geben und Hoffnung wecken können, so daß das Wunder der Begegnung und das Wunder des Glaubens immer wieder neu möglich werden.

Maria, die Hilfe der Christen, stehe euch bei mit ihrem mütterlichen Schutz. Und der Dreifaltige Gott segne euch und alle eure Helferinnen und Helfer mit seinem Frieden und erfülle euch stets mit tiefer geistlicher Freude! Amen.

Predigt bei der Hl. Messe für die Gläubigen der Erzdiözese Salzburg

Liebe Brüder und Schwestern!

1. ”Gott hat den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen“.

Dieses frohe Glaubensbekenntnis aus dem Buch der Weisheit steht hoffnungsvoll über der festlichen Liturgie des heutigen Sonntags. Es ist die Antwort auf die bleibenden Grundfragen des Menschen, die heute wieder mit besonderer Schärfe gestellt werden. Das II. Vatikanische Konzil hat sie so formuliert: Was ist der Mensch? Was ist der Sinn des Schmerzes, des Bösen, des Todes, die trotz allen Fortschrittes noch immer weiterbestehen? Wozu jene Siege, die so teuer erkauft worden sind? Und was kommt nach diesem irdischen Leben?

Im Vertrauen auf das Wort Gottes antworte ich: ”Gott hat den Menschen zu Unvergänglichkeit erschaffen“. Und als Jünger Christi antworte ich weiter: Durch seinen Tod und seine Auferstehung hat der Herr den endgültigen Grund gelegt auch für unseren Sieg über die Mächte des Todes, für das Geschenk eines ewigen Lebens in Gott.

2. In der Kraft dieses gemeinsamen Glaubens und dieser Hoffnung, die uns alle verbindet, hat mich die katholische Kirche in Österreich zu einem neuen Pastoralbesuch eingeladen. Im Rahmen dieses Besuches, den ich voll Freude und Erwartung begonnen habe, befinde ich mich nun heute bei euch in dieser altehrwürdigen Stadt Salzburg, dem Sitz einer langen Reihe von Erzbischöfen, die seit Jahrhunderten sogar den Ehrentitel ”Primas Germaniae“ tragen. Ich bin froh und dankbar für diese Begegnung mit euch und eurer berühmten Stadt und Diözese. Von Herzen grüße ich euren verehrten Oberhirten, Erzbischof Karl Berg, den derzeitigen Vorsitzenden der Österreichischen Bischofskonferenz, die Mitbrüder im Bischofs- und Priesteramt sowie alle Brüder und Schwestern des Volkes Gottes, die hier versammelt sind oder sich über die Medien mit uns verbunden haben.

3. Ja, die Sehnsucht nach unzerstörbarem Leben, die in jedem von uns lebendig ist, findet ihre Erfüllung durch das Erlösungswerk Jesu Christi. Ihm begegnen wir im Evangelium der heutigen Festmesse bei einer bewegenden Begebenheit. Ein Mann mit Namen Jairus, ein Synagogenvorsteher, wirft sich ihm zu Füßen und fleht ihn um Hilfe an: ”Meine Tochter liegt im Sterben. Komme und leg ihr die Hände auf, damit sie gesund wird und am Leben bleibt“.

In dieser Bitte hören wir die tiefe Sehnsucht eines jeden Vaters einer jeden Mutter, eines jeden Ehegatten, die sich um das Leben und Wohl ihrer Lieben sorgen. Zugleich aber wird darin der starke Glaube des Juden Jairus sichtbar, der Christus, dem Boten Gottes, zutraut, sein Kind vor dem Tod zu retten und ihm Leben und Gesundheit wiederzugeben. Als dann die Nachricht eintrifft, daß das Mädchen schon gestorben ist, braucht Jesus den Jairus nur and diesen Glauben zu erinnern: ”Sei ohne Furcht; glaube nur!“. Darauf spricht der Herr zu seiner toten Tochter mit göttlicher, lebenspendender Macht: ”Mädchen, ich sage dir, steh auf!“. Und der Evangelist fügt hinzu: ”Sofort stand das Mädchen auf und ging umher“.

Wir dürfen annehmen, daß der Synagogenvorsteher für dieses unerhörte Geschenk dem allmächtigen Gott aus vollem Herzen gedankt hat, vielleicht sogar mit den Worten des heutigen Antwortpsalms:

Herr, du bist mein Helfer.

Du hast mein Klagen in Tanzen – in Freude – verwandelt.

Herr, mein Gott, ich will dir danken in Ewigkeit.

4. In diesem dramatischen Geschehen um Leben und Tod erkennen wir den Herrn, wie er in seiner Person die Worte aus dem Buch der Weisheit machtvoll bestätigt:

”Gott hat den Tod nicht geschaffen / und hat keine Freude am Untergang der Lebenden./ Zum Dasein hat er alles geschaffen.../ Ja, Gott hat den Menschen zur Unsterblichkeit erschaffen / und zum Bild seines eigenen Wesens gemacht“.

Um diese Wahrheit zu bezeugen, hat Jesus dem toten Mädchen das Leben zurückgeschenkt. Ja, er ist bereit, sich selbst vom Unglauben der Menschen zu einem schmachvollen Tod verurteilen zu lassen und am Kreuz zu sterben um dann in seiner Auferstehung die Macht des Lebens zu offenbaren, das er selber ist.

Der Herr ist, wie es in der heutigen zweiten Lesung aus dem Korintherbrief heißt, ”arm“ geworden bis zur letzten Entäußerung am Kreuz. Er ist arm geworden, um uns reich zu machen, reich an ewigem Leben. In die Geschichte des Menschen, der sterben muß, wie es das Gesetz des Todes fordert, hat Christus die Antwort des Lebens eingepflanzt sein eigenes göttliches Leben. Seine Auferstehung zu einem neuen, endgültigen Leben bleibt von da an im Weltgeschehen gegenwärtig und wirksam. Sie wird nun für immer zu einer unerschöpflichen Quelle der Hoffnung. Was verzweifelt ist und sterbensmüde, beginnt in der Nähe Jesu aufzuleben, angesteckt von seiner machtvollen Liebe zum Leben. Der Arme und der Blinde, der Besessene und der Aussätzige: sie alle trauen sich wieder nach vorne, weil sie die lebenspendende Kraft spüren, die vom Herrn ausgeht. Wer meint, keinen Ausweg mehr zu sehen, wird von Christus ernstgenommen und durch sein heilendes. Wort dem Leben zurückgegeben. Nun gilt uns allen seine Verheißung: Ich lebe, und auch ihr werdet leben.

5. Liebe Brüder und Schwestern! Dieses Wort des Herrn deutet auf das Leben in seiner höchsten Form hin: auf die Beteiligung am Leben Gottes, der als schöpferische Wahrheit und Liebe allein Leben im uneingeschränkten Sinn ist. Wenn Christus sagt: ”Ich lebe, und auch ihr werdet leben“, ist dies also eine unerhörte Herausforderung und Verheißung zugleich. Sie bedeutet: Ihr sollt werden wie Gott – gottähnlich. Aber diesmal kommt das Wort nicht aus dem Mund des Verführers, sondern vom Sohn. Nichts vom Reichtum menschlichen Lebens wird dadurch aufgehoben. Was menschliches Leben in seiner Mühsal und in seiner Schönheit darstellt, ist vorausgesetzt: denken und Schmerz, Liebe und Trauer empfinden, Aufgaben übernehmen und sie gestaltend lösen; Gut und Böse unterscheiden. Und weiter gehört dazu: hinausschauen über sich selbst, auf die anderen hin. Dies alles aber würde ins Leere laufen wie eine verfließende Welle im Strom, wenn das Tiefste fehlen würde, worauf der Herr uns hinweist: Leben wird erst ganz und vollständig, wenn wir uns im Glauben berühren lassen von Gott und von ihm in die Ewigkeit hineinreicht und uns schon jetzt ”Reich Gottes“ werden läßt.

Den meisten von uns ist jedoch schmerzlich bewußt, wie sehr das Leben in seinen vielfältigen Formen heute bedroht ist. Es zeichnet aber gerade den Menschen aus, daß er die Bedrohungen in den Blick nimmt und sich ihnen stellt. Vor allem wir Christen sind aufgerufen, uns der verbreiteten Lebensangst anzunehmen und sie einzudämmen, indem wir das Ja Gottes zum Leben verkünden und bezeugen. Ich meine die Angst, zu kurz zu kommen; die Angst, zu alt zu werden und im Arbeitsrhythmus zu versagen; die Angst vor den gefährlichen Möglichkeiten des Menschen zu Gewalt und Zerstörung; die Angst auch vor der dunklen, abgrundtiefen Welt in uns selbst; die Angst vor dem Tod und vor dem Nichts. Diese Ängste warten darauf, von den positiven, hoffnungsvollen Werten unseres Glaubens aufgewogen oder sogar geheilt zu werden.

Gewachsen ist vor allem die Not des Menschen, den Sinn des Ganzen zu begreifen. Viele plagt die Furcht, vergeblich oder am wahren Leben vorbei zu leben. Der öde Kreislauf ”Arbeiten – verdienen – verbrauchen – wieder arbeiten“ gibt ja noch keine Antwort auf die Frage, welchem letzten Ziel denn dies alles dient. Und so fragen immer mehr jüngere Menschen: Ist das alles? Ältere Menschen fragen sich mit Bangen: Habe ich bei allem Jagen und Hetzen das Wichtigste für mein Leben vielleicht noch gar nicht entdeckt und vollzogen?

Um diese Lebensfragen beantworten zu können, müssen wir immer wieder zur Quelle des Lebens zurückkehren, die Christus uns erschlossen hat. In ihm begegnen wir dem Bild Gottes, nach dem wir geschaffen sind und das sich auf unserem irdischen Lebensweg immer vollkommener ausprägen soll.

6. Eine solche Ausprägung des Abbildes Gottes im Menschenleben beginnt aber nicht erst heute. Sie hat in vielen christlich geprägten Ländern bereits eine lange Geschichte, so auch hier bei euch in Salzburg. Schauen wir auf diese herrliche Stadt, umgeben vom Reichtum ihrer Bergwelt und zugleich berühmt wegen ihrer zahlreichen historischen Monumente, ihrer Kunstwerke, Architektur und Musik. Neben Handel und Kultur hat diese Stadt von Anfang an noch einen dritten Pfeiler ihres eigen Lebens gehabt, den katholischen Glauben. Die Türme der Stadt, die Kapellen und Klöster auf den Höhen, die Kreuze an den Wegen, sie sind unübersehbare Zeugen dafür. Sie erinnern uns an eure Diözesanpatrone Rupert und Virgil, die beiden Gründerbischöfe, denen die heilige Äbtissin Erentrud hinzugefügt werden muß. Bekannt ist, daß von hier aus eine kraftvolle Missionierung nach Osten und Südosten gegangen ist. So ist das Salz, das eurer Stadt und ihrem Umland den Namen gegeben hat, immer auch das ”Salz der Erde“, im Sinne des Evangeliums gewesen, das von hier weite Teile des Abendlandes durchdrungen hat.

Auch die Geschichte diese Stadt bezeugt die ewige Sehnsucht des Menschen nach Wahrheit, nach dem Guten, nach dem Schönen. Zugleich aber erhoben sich auch hier immer wieder die Fragen nach dem, was aus diesem irdischen Leben für die Ewigkeit bleibt. Mit Pilatus haben sich auch eure Vorfahren zuweilen skeptisch gefragt: ”Was ist Wahrheit?“. Und damals wie heute hat die Kirche den Menschen die Antwort Jesu vermittelt, der von sich sagt: ”Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“.

So haben sich die Christen hier im Dom und in den vielen Kirchen eures Landes über ein Jahrtausend hin die Kraft zum Leben bei Christus geholt. An seinem Wort haben sie ihre Wege orientiert. An den Angelpunkten ihres Lebens haben, sie in den Sakramenten der Kirche dei bergende Hand Gottes ergriffen: wenn neues Leben die Augen aufschlug; wenn zwei Menschen im Ehebund ihr Geschick zusammenfügten zu lebenslanger Treue; wenn Bischöfe und Priester geweiht wurden zu Hirten des Volkes Gottes und authentischen Zeugen der Frohen Botschaft; wenn ein Leben auf dem Sterbebett zu Ende ging. Immer dann zeigten sich eure Kirchen wahrhaft als ”Haus Gottes und Tor des Himmels“.

7. Aber auch heute gehen bei euch noch viele Menschen – bewußt oder unbewußt – den Weg Christi und lassen sich von seiner Wahrheit prägen. Sie formen die eigentliche, die innere Geschichte eures Landes. Zu ihnen gehören die Heiligen, die unter uns wohnen, ohne daß wir es ahnen, die wie eine reine, klare Quelle in ihrer Umwelt wirken. Dazu gehören die vielen, die täglich zuverlässig für die Mitmenschen wirken in Familie und Nachbarschaft, in Pfarrei und Bürgergemeinde, in Krankenhäusern und Altersheimen, im privaten und im öffentlichen Leben. Ich denke auch an die Eheleute, die sich trotz vieler Widerstände, mühen, in Frieden zusammenzuleben und dem Geheimnis neuen Lebens in ihren Kindern Raum und Schutz zu geben. Gemeint sind auch all jene mit einem festen und reifen Gottesglauben, die es anderen leichter machen, über Schicksalsschläge und Versuchungen zur Verzweiflung hinwegzukommen. Durch solche Menschen und noch viele andere wächst unter uns das Reich Gottes heran, das Reich der Gerechtigkeit und der Wahrheit, das Reich der Treue und der Liebe.

Oft aber reicht nicht die stille Zuverlässigkeit der Guten; oft müssen diese sich auch zu erkennen geben, müssen sich zusammenschließen und mit denen ringen, die heute meist lautstärker und mächtiger sind: die die Ehrfurcht vor anderen als Schwäche bezeichnen; die Rücksichtslosigkeit Selbstverwirklichung nennen und ihre Verschlagenheit als Heldentat feiern; die alles bisher Wertvolle, die Frucht großer Herzen und Geister, für Abfall und Staub halten; die Ehe und Familie, Treue und Verzicht lächerlich machen.

Die so denken und handeln, sind nicht eure Feinde; aber gegen ihr Verhalten müßt ihr euch stemmen und dabei nicht resignieren. Laßt euch nicht die Freude nehmen, Mensch und Christ zu sein, denken und lieben zu dürfen! Habt den Mut, zu versöhnen und aufzubauen, wo Streit und Selbstsucht herrschen! Seid als Eltern bereit, Kindern das Leben zu schenken und das Abenteuer ihrer persönlichen Entfaltung unter eurem Schutz und Beistand zu ermöglichen! Frauen und Männer, tretet für das einmal gezeugte Leben ein, bei euch selbst und in eurem Umkreis, und wertet es höher als jede materielle Einbuße oder eine eventuell notwendige Umstellung eures Lebensstils! Helft euren heranwachsenden Söhnen und Töchtern, die Versuchung zu bestehen, in die Scheinwelt der Drogen zu flüchten. Dies lege ich euch heute besonders ans Herz, da an diesem Sonntag zum erstenmal weltweit der ”Internationale Tag gegen Mißbrauch und illegalen Handel von Drogen“ begangen wird, wie ihn die Vereinten Nationen beschlossen haben. Nehmt also alle die gegenwärtigen Herausforderungen eurer besten Kräfte an und sagt ”ja zum Glauben“, sagt ”ja zum Leben“.

8. Sagt ja zu Gott, der sich uns als guter Vater erwiesen hat, als unverrückbare Treue in allen Wechselfällen der Menschheitsgeschichte. Darum: ”Liebe den Herrn, deinen Gott, höre auf seine Stimme und halte dich an ihm fest; denn er ist dein Leben“. Zu wissen, daß Gott dich will und dir ein hohes Grundlage, um in seinem Namen aufzubrechen und den Lebensweg mit Realismus und Vertrauen zugleich zu beschreiten. Gott hat mit uns allen ein großes Werk begonnen; tun wir das Unsrige dazu, um es in die Scheunen Gottes einzubringen. Jedes ”Grüß Gott“, jedes ”Gott sei Dank“, das wir sprechen, will uns an diese Grundlage unseres Lebens erinnern. Im Danken nehmen wir ja die uns geschenkte Begabung wirklich an und öffnen sich uns die Augen für die reichen Möglichkeiten, zu leben und Leben zu teilen. Im Grüßen bejahen wir den Nächsten, geben wir ihm Anteil an unserem Leben, wünschen wir auch ihm das Geleit Gottes für einen gelungenen Lebensweg.

Sagt ja zu Jesus Christus. In ihm ist die ”Menschenfreundlichkeit“ Gottes sichtbar geworden; er hat uns vielfältig gezeigt, was Leben heißt und was Liebe tut. Sein Vorbild macht weit und frei und furchtlos. Vertrauen wir seiner Zusage aus dem Johannesevangelium: ”Ich bin gekommen, daß sie das Leben haben und es in Fülle haben“. Dann können wir es wagen, uns im Dienst an den Mitmenschen so sehr ”loszulassen“, daß sich auch an uns Jesu Wort erfüllt: ”Wer sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen“.

Sagt ja zum Heiligen Geist, zum lebenspendenden Geist des Vaters und des Sohnes. Im Atem dieses Geistes lebt die Kirche seit fast zweitausend Jahren. Derselbe Geist ermutigt sie, bald ins dritte christliche Jahrtausend einzutreten. Wenn wir bereit sind, uns seiner Führung zu unterstellen, weckt er Schritt für Schritt alle unsere Energien, auch solche, die uns heute noch verborgen sind: Sie alle sollen dem Leben dienen.

9. Vor allem zur selbstlosen Liebe spornt der heilige Geist uns ständig an. Gewiß ist sie ein Wagnis, vielleicht das große im Menschenleben, und oft der Enttäuschung ausgesetzt. Aber gerade die Liebe ist das Merkmal Gottes. Wie könnte dann der Mensch sich ”Abbild“ Gottes nennen, wenn nicht auch er die Liebe wagen würde? ”Die Liebe hört niemals auf“, sagt Paulus; sie trägt hinüber in die Ewigkeit Gottes, wenn alles andere an der Schwelle des Todes zurückbleiben muß. Und von allen Energien, die aus dem Glauben hervorgehen und dem wahren Leben dienen, die reine Liebe am mächtigsten.

Als kostbarste Möglichkeit des Menschen – das wißt ihr alle – ist die Liebe jedoch am meisten gefährdet, mit der Schlacke unseres Egoismus verunreinigt zu werden. Von Zeit zu Zeit bedarf unser Denken und Handeln deshalb der Prüfung und Vergebung im Bußsakrament der Kirche. Liebe braucht der Prüfung und Stärkung; diese findet der Christ am Tisch des Wortes und des Brotes in der heiligen Messe. Das Opfer Christi bietet ja das tiefste Motiv unserer Nächstenliebe und den sichersten Maßstab für ihre Echtheit. Eine andere Weise, diese Liebe und Selbstlosigkeit zu prüfen, ist das Teilen, das konkrete, praktische Teilen unserer Güter mit denen, die darben und Mangel leiden. Caritasarbeit, christliche Sozialpolitik und Entwicklungshilfe: sie haben ihre letzte Wurzel in der Liebe Gottes, wie Christus sie uns in seinem Leben dargestellt hat: ”Er, der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen“.

Liebe Mitchristen! Ja, Gott ”den Menschen zu Unsterblichkeit erschaffen und zum Bild seines eigenen Wesens gemacht“. Durch die Liebe, die niemals aufhört und die letztlich Gott selber ist, ist auch dem Menschen Ewigkeit, ewiges Leben in göttlicher Fülle verheißen. Um solcher Liebe willen hat der Vater Christus zum neuen, endgültigen Leben auferweckt. Als Haupt der Kirche, als Herr der Geschichte, als Begleiter unserer Wege sprechen sein Mund und sein Herz fortwährend zu uns: ”Ich lebe, und auch ihr werdet leben“. Amen.

Angelus in Salzburg

Liebe Brüder und Schwestern!

Das Ende unserer festlichen Eucharistiefeier ist gekommen. Gleich empfangt ihr den Segen des dreifaltigen Gottes und vernehmt das ”Ite, missa est“ – zu deutsch ”Gehet hin in Frieden“: Mit diesem Worten werdet ihr ausgesandt in die Welt, in eure Welt, damit ihr dorthin Christus tragt und dort seine Wahrheit, seine Gerechtigkeit in Wort und Tat bezeugt. Auf diesem Pilgerweg eines gelebten Glaubens geht uns Maria, die Mutter des Herrn, voran. Wie kein anderer kann sie uns immer wieder daran erinnern, wer Jesus Christus ist, welche zentralen Anliegen sein Herz zu unserem Heil bewegen, welches seine Maßstäbe für das Wachsen des Reiches Gottes sind. All dies hat Maria – wie die Schrift eigens hervorhebt – oft in ihrem Herzen bedacht. Sie lädt uns ein, auch unsere Wege und Umwege von Zeit zu Zeit im Licht des Glaubens neu zu bedenken, um immer mehr in allen unseren Schritten jene Richtung zu finden, in der wir und unsere Weggefährten näher zu Gott und so näher zu unserem wahren Glück gelangen.

So stimmt nun all voll Vertrauen ein in unser gemeinsames Marienlob.

Ansprache an die Jugendlichen in Salzburg

Liebe jungen Mitchristen, Brüder und Schwestern!

1. ”Silber und Gold besitze ich nicht; doch was ich habe, gebe ich dir“. Mit diesen Worten wendet sich Petrus in der Apostelgeschichte dem gelähmten Mann an der Tempelpforte zu. Im gleichen Sinne möchte der Nachfolger des Petrus heute zu euch allen sprechen: Was ich habe, gebe ich euch: ”Im Namen Jesu Christi.... geh umher!“. Der Name Christi, seine Person, seine Worte und Taten, sollen euch Kraft geben, sollen euch aufleben lassen gegen alle Trägheit und euch auf den Weg der Nachfolge senden: Im Namen Christi, steht auf, geht umher, packt zu, erweist euch als Jünger Christi!

Das sei euer Beitrag zum Leitwort meines zweiten Pastoralbesuches in eurem Land: Ja zum Glauben – Ja zum Leben. Auch ihr bekennt euch dazu, daß ein hochherziges Ja zum christlichen Glauben die reinste Quelle für die Fülle des Lebens ist, auch für ein junges, vorwärtsdrängendes Leben. Ich freue mich, in dieser Stunde zusammen mit euch diesen unseren gemeinsamen Glauben bekennen und stärken zu können. In euch grüße ich zugleich all jungen Katholiken dieser Erzdiözese Salzburg und ganz Österreichs mit ihren Seelsorgern, von denen jetzt gewiß viele mit uns durch das Fernsehen oder durch den Hörfunk verbunden sind. Euch allen möchte ich Anteil geben an meinem Glauben, an meinem Zeugnis. Im Namen Christi darf ich euch zurufen: Gott liebt euch; Gott liebt jeden einzelnen von euch. In Jesus Christus hat er euch erlöst und zu Großem berufen.

2. Ihr seid erlöst! – Das wirkt zunächst wie eine Provokation. So vieles in der Welt und in eurer Umgebung scheint doch dieser Botschaft zu widersprechen. Manche bange Frage zu eurer Zukunft richtet ihr an Eltern und Priester, an Lehrer und Politiker. Die erste Antwort auf solche Fragen und Klagen könnt aber bereits ihr selbst geben: ja, ihr selbst! Wenn ihr euch mit Herz und Verstand bewußt macht, daß ihr von Gott geliebte Menschen seid, mit einer unverlierbaren Würde und Verantwortung, wenn ihr auch nach dieser Überzeugung lebt, dann bezeugt ihr bereits, daß ein Menschenleben nicht ein verlorener Tropfen im Meer ist, nicht eine zufällig Zahl in der Statistik, nicht ein belangloses Teilchen im Weltcomputer.

Wer sich durch Jesu Christi Tod und Auferstehung erlösen läßt, findet den tiefen, inneren Frieden mit Gott und mit sich selbst. Er hat die nötige Zuversicht und Ausdauer, die Schwierigkeiten in seinem eigenen Leben zu meistern. Weil er um seine ewige Berufung weiß, weil er den Mut und die Großherzigkeit des Glaubens in sich trägt, darum hat er auch die Maßstäbe und die Kraft, in der rechten Weise für den Frieden auf Erden zu wirken. Weil er den Menschen nicht als Zufallsprodukt, sondern als von Gott gewolltes und zur Freiheit berufenes Geschöpf kennt, darum versteht er Freiheit in ihren ganzen Breite und kann sich für Befreiung oder ideologische Verengungen einsetzen. Nur wer die Welt von Gott her sieht und lebt, hat einen Standort gefunden, der nicht zu neuen Parteiungen führt, sondern soziales Unrecht, Haß und Gleichgültigkeit wirksam bekämpfen läßt.

3. Erlöste Menschen seid ihr: Diese Wahrheit will sich in eurem Leben in verschiedenen Dimensionen entfalten. So seid ihr erlöst zum Glauben, zu vertrauensvoller Freundschaft mit Gott in Jesus Christus. Sorgt dafür, daß dieser Glaube bei euch wachsen kann, so wie ihr auch körperlich und seelisch wachst und reifer werdet. Das bewußte Ja zum gemeinsamen Glauben der Kirche, zur Einheit mit Papst und Bischöfen wird euch helfen, in der verwirrenden Vielfalt und Gegensätzlichkeit heutiger religiöser Literatur die rechten Maßstäbe zu finden und das auszuwählen, was den Glauben wirklich aufbaut und vertieft. Der mündige Christ muß die wichtigsten Problemstellungen und Antworten der christlichen Glaubenslehre kennen. Der Glaube ist ja nicht ein blindes Gefühl, sondern eine bewußte und bedachte Zustimmung zum Anruf Gottes. In einem seiner Briefe fordert der Apostel Petrus auch uns auf: ”Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“.

Ja, wir sind auch erlöst zur Hoffnung. Vor einiger Zeit war es modern, Kleider mit der Aufschrift zu tragen: ”No future“ - ”Keine Zukunft“. Ein junger Christ lebt genau das Gegenteil: Er hat Zukunft, weil er mit Gott vorangeht, weil er auf Gott zugeht, der für ihn Liebe und Treue ist, auch da, wo der Horizont dunkel und verhangen erscheint. Er hat Zukunft, weil er darauf vertrauen kann, daß die kleinste Dosis guten Willens und jedes noch so unvollkommene gute Werk zur Ernte Gottes gehört und zu seinem Reich hinführt, das seine Allmacht bereits hier auf Erden beginnen und in der Ewigkeit sich vollenden läßt.

4. Vor allem aber seid ihr erlöst zur Liebe. Wie praktisch und konkret das werden kann, sagt uns der Apostel Paulus an einer berühmten Stelle seiner Briefe. Dort heißt es: ”Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, ...sucht nicht ihren Vorteil, läßt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit“. In ihrer reinsten Gestalt erkennen wir diese Liebe im gekreuzigten Herrn, der seine angenagelten Arme wie zu einer großen Einladung ausbreitet: Freund und Feind will er an sich ziehen, sogar jene, die ihn verurteilt haben. Jedes Kreuz, das wir erblicken, wird so zu einer stillen Mahnung: Der wahre Sieg, der den Haß in der Welt überwindet, it der Selbsteinsatz in letzter Konsequenz, in bleibender Treue, aus der Kraft der Liebe.

”Wer sein Leben verliert, wird es gewinnen“: Das ist das geheimnisvolle Gesetz wahrer Liebe, wer neben sich Platz schafft für den Nächsten, wer sich zurücknimmt, daß auch andere atmen können und zu ihrem Recht kommen, wer seine eigene Enge öffnet und anderen selbstlos Freundschaft und Liebe anbietet, der findet dort zugleich auch die ersehnte Selbstverwirklichung. Diese Regel gilt auch für den Umgang von Mann und Frau im Kraftfeld ihrer gegenseitigen geschlechtlichen Beziehung. Widersetzt euch allem, was eure Geschlechtlichkeit von der Liebe trennen will. Das Einswerden zweier Menschen in der leiblich-seelischen Hingabe aneinander ist nur dann davor geschützt, ein gegenseitiges Überwältigen und Sich-Ausbeuten zu werden, wenn es eingebunden ist in lebendige Ehrfurcht voreinander. Wer den anderen nur leiblich genießen will, beleidigt gerade durch eine solche Einengung die Seele des Partners; er verletzt ein Du, eine Person, die respektiert und geliebt sein möchte.

Immer wieder, auch heute, lädt der Herr dazu ein, der liebenden Hingabe an Gott und die Mitmenschen eine ganz besonders intensive und zeugnishafte Form zu geben: Er ruft zum Dienst des Priesters, und er ruft zum Weg der Gelübde von Armut, Gehorsam und Ehelosigkeit in einer Ordensgemeinschaft. Wenn ihr diesen Ruf verspürt, dann folgt ihm großzügig und ohne Furcht. Die Welt braucht dieses ausdrückliche Zeugnis eines selbstlosen Einsatzes; ja, an vielen Stellen der Erde sehnen sich die Menschen geradezu nach solchen Boten der Liebe und Gerechtigkeit Gottes. Helft mit, diese Sehnsucht zu stillen!

5. Aber wie auch immer sich euer Lebensweg gestalten wird, an jedem Ort und in jeder Lage sollt ihr Zeugen der Frohen Botschaft der Erlösung sein: Ihr seid erlöst zur Freude. Diese Freude soll euch selbst durchdringen und prägen: sie will aber auch ausstrahlen auf die Umgebung, sie will mitreißen und begeistern. Ich meine dabei nicht nur eine oberflächliche, lärmende Lustigkeit, sondern jene tiefere Freude, die sich gerade dann bewährt, wenn Ängste, Trauer und Leid bestanden werden müssen. Solche Freude braucht auch die Kirche von heute, damit ihre Wahrheit auch den Leib erfaßt, ihre Sprache das Herz bewegt, damit sie die Menschenfreundlichkeit Gottes vermitteln kann.

Geht euren Weg als herzliche Menschen! In einer Zeit, da Verstand, Leistung und Erfolg eine fast absolute Führungsrolle beanspruchen, hungern viele Menschen nach mehr Menschlichkeit und Zuwendung. Gerade auch in unseren kirchlichen Gemeinschaften sollten sie die ersehnte Geborgenheit und Wärme finden können. Der Umgang der Gläubigen vor allem mit verunsicherten und zweifelnden Mitmenschen braucht viel Einfühlung und Herzenstakt.

Geht euren Weg als Menschen, die auch verweilen können. Der Zeitgeist, dem wir alle ausgesetzt sind, will uns immer wieder nervös und hastig weitertreiben. Um aber wirklich verstehen und richtig werten zu können, müssen wir Oasen der Stille, des Innewerdens und auch des Gebetes schaffen. Dort lernen wir zu schauen, den überblick zu gewinnen, Freude zu empfinden, unsere eigene Person einzubringen, unser Leben von Gott her zu betrachten.

6. Vor allem aber geht euren Weg als versöhnte Menschen, die zugleich Versöhnung schenken! Kehrt die Abfälle eures Versagens, eurer Schuld, eurer vergeblichen Vorsätze nicht einfach unter den Teppich; sie verseuchen sonst die geistige Umwelt oder lassen uns nach Sündenböcken unserer eigenen Fehler suchen. Niemand kann von sich aus Vergangenes ungeschehen machen; auch der beste Psychologe kann den Menschen nicht von der Last der Vergangenheit befreien. Nur die Vollmacht Gottes kann es, der in schöpferischer Leibe einen neuen Anfang mit uns setzt. Das ist das Große am Sakrament der Vergebung, daß wir Aug in Aug mit Gott, jeder einzelne als Person von ihm angenommen, von ihm erneuert werden; daß er selbst die verseuchte Erde unserer Seele in der Gnade der Vergebung reinigt und uns so auch die Kraft gibt, ohne kleinliches Aufrechnen und heimliches Nachtragen zu ehrlicher Versöhnung mit verletzten Mitmenschen zu kommen. Christus hat darüber keinen Zweifel gelassen, daß er die Umkehr des Sünders für einen der tiefsten und wertvollsten menschlichen Akte hält. Bereits der allererste Schritt zu solcher Bekehrung geschieht schon im Licht seiner Erlöserliebe. Wenn Gott bereit ist, uns an der Wurzel zu heilen, dann müssen auch wir die Kraft finden, unserem Nächsten Versöhnung anzubieten, wann immer wir meinen, von ihm getroffen worden zu sein.

7. Liebe junge Mitchristen! Wir wissen wohl alle, daß die großen Dinge des Lebens und die notwendigen Veränderungen in Gesellschaft und Kirche nicht einfach ”machbar“ sind. Sie brauchen einen langen Atem und eine Geduld, die über den eigenen Lebensraum hinausschauen läßt. Unsere Vorfahren, darunter Heilige, Denker, Dulder und Kämpfer, haben uns schon ein wertvolles Gepäck mit auf den Weg gegeben, von dem wir bereits leben, ein Erbe, das wir gar nicht ausschöpfen können. Zugleich aber gehen wir voran auf eine Zukunft zu, die unseren heutigen Beitrag erwartet. Heute sind wir, die Lebenden, verantwortlich für die Kirche Christi. Gewiß, die Kirche ist immer mehr als das, was wir aus ihr machen. Selbst in der tiefsten Schwachheit der Menschen, die sie tragen sollten, bleibt sie unverrückbar Kirche des Herrn; in ihren Sakramenten, in der Gemeinschaft des Gebetes aller Heiligen diesseits und jenseits der Grenze des Todes ragt sie über alles menschliche Versagen hinaus. Auf diese größere Kirche müssen wir unseren Blick stets gerichtet halten. Aus dieser Sicht erwachsen uns dann Auftrag und Ansporn, in der konkreten Lebensgemeinschaft der Kirche hier und heute so zu stehen und zu handeln, daß sie als Kirche der Fülle und des Teilens erlebt werden kann, daß ihr Wort erhellt bleibt von ihrem Hören auf Gott und die Menschen, daß sie Kirche für Freuden und Schmerzen ist und eine Tür wird für Freiheit und Frieden in der Welt: Je mehr sie ganz mit Gott ist, desto mehr wird sie ganz für die Menschen sein.

Viele junge Menschen aus eurem Jugendzentrum haben Assisi besucht. Ich erinnere sie und euch alle an das Wort Christi: ”Franziskus, du mußt meine Kirche wieder aufbauen“. Dieses Wort gilt auch euch, liebe Brüder und Schwestern. Die Kirche braucht euch, um in dieser und in der nächsten Generation jung zu bleiben. Eure Jugendlichkeit erinnert an den Sohn Gottes, dessen Antlitz ein jugendliches gewesen ist, um zu offenbaren, daß Gott ewig jung ist. Er begleite euch stets mit seiner Liebe und mit seinem Segen!

Ansprache beim Treffen mit den Vertretern aus der Welt der Wissenschaft und Kunst im Salzburger Festspielhaus

Sehr geehrte Damen und Herren!

1. Es ist mir eine besondere Freude, Ihnen – den Vertretern von Wissenschaft und Kunst sowie den Repräsentanten von Presse, Rundfunk und Fernsehen – in dieser weltbekannten Stadt zu begegnen. Die Faszination Salzburgs erwächst aus einem vielfältigen Reichtum an kulturellem Schaffen seit Jahrhunderten bis in die Gegenwart inmitten einer Landschaft von außerordentlicher Schönheit.

Salzburg ist eine Weltstadt der Musik, besonders durch Wolfgang Amadeus Mozart. Auch sein architektonisches Profil ist weltbekannt und hat ihm den Namen ”Das deutsche Rom“ eingebracht. Der Name des Arztes Paracelsus, dessen Wanderleben hier zu Ende ging, hat in der Geschichte von Medizin und Naturwissenschaft einen bedeutsamen Platz. Und mitten im Dreißigjährigen Krieg, der Europa verwüstete, stiftete ein Salzburger Erzbischof die Universalität als einen bevorzugten Raum zur Entfaltung der Wissenschaften.

Die Geschichte von Kultur und Kunst ist in Salzburg eng verbunden mit der Geschichte des Glaubens und der Kirche. Die räumliche Nähe, die den Dom, die beiden alten benediktinischen Abteien, die Universität und das Festspielhaus miteinander verbindet, ist dafür ein Symbol.

Unzählige Menschen aus aller Welt kommen jedes Jahr in diese Stadt. Die hier herrschende architektonische und musikalische Harmonie läßt manche Besucher für kurze Zeit die gewaltigen Disharmonien in der Welt von heute vergessen. Anderen wird durch diese Harmonie die moralische Kraft geschenkt, sich stärker als bisher für die Überwindung von Übeln einzusetzen.

Mancher Besucher Salzburgs wird sich dabei an ein Wort Dostojewskijs erinnern. Es lautet: ”Das Schöne wird die Welt retten!“ Schönheit wird in diesem Zusammenhang verstanden als Abglanz der Schönheit, der Herrlichkeit Gottes. Angesichts der bedrängenden Wirklichkeit der Welt von heute, die uns allein schon durch die Medienberichte eines einzigen Tages ausreichend bekannt sind, sollte man freilich diesen Satz erweitern und sagen: ”Das Gute, die Güte, die Liebe wird die Welt retten!“. Der Christ versteht darunter die Liebe Gottes, die in Jesus Christus in ihrer erlösenden Vollgestalt erschienen ist und zur Nachfolge ruft.

2. Eine Allianz aller, die das Gute wollen und über besonders wirksame Motive wie Mittel zu seiner Realisierung verfügen, ist heute besonders dringlich: Es geht um den Menschen und um seine Welt, die auf nie dagewesene Weise gefährdet sind.

Vor fünf Jahren habe ich in Wien bei einer ähnlichen Begegnung mit Wissenschaftlern, Künstlern und Publizisten gesagt: ”übersehen und überhören Sie ihn nie: den hoffenden, liebenden, angsterfüllten, leidenden und blutenden Menschen. Seien Sie sein Anwalt, hüten Sie seine Welt: die schöne, gefährdete Erde“.

Heute möchte ich diese Bitte vor Ihnen, meine Damen und Herren, wiederholen. Die seither erfolgte Entwicklung gibt ihr ein zusätzliches Gewicht. In meiner jüngsten Enzyklika ”Sollicitudo Rei Socialis“ habe ich die Notwendigkeit betont, ”uns der furchtbaren Herausforderung des letzten Jahrzehnts des zweiten Jahrtausends zu stellen“. Man denke an die unverminderte Notlage der Menschen im Süden der Erde. Man denke an den häufigen unverantwortlichen Umgang mit dem menschlichen Leben vor wie nach der Geburt: die Auslöschung so vieler Ungeborener, die Probleme, die sich aus der Entwicklung der Gen- und Informationstechnologie ergeben, und vieles andere mehr. Man denke schließlich an die Probleme des Weltfriedens, die Probleme bei der Nutzung der Atomkraft und an die zunehmende Bedrohung der Umwelt des Menschen in Vegetation, Tierwelt, Wasser und Luft.

Das ungeheure Anwachsen dessen, was die Menschheit heute weiß und technisch kann, hat auch die Ambivalenz dieses Fortschritts deutlich gemacht. Daraus ergibt sich für jeden Menschen je nach dem Grad seiner Teilhabe an Entscheidungsvorgängen eine unabweisbare Verantwortung, besonders aber für die Wissenschaftler und die Träger des politischen und kulturellen Lebens.

Die Heilige Schrift überliefert uns das düstere Bild des Menschen Kain, der solche Verantwortung mit der trotzigen Frage ablehnt: ”Bin ich denn der Hüter meines Bruders?“. Die Bibel zeigt aber auch das positive Gegenbild: den Menschen als Hirten, als Hüter der ihm anvertrauten Schöpfung. Angesichts so vieler sozialer und ökologischer Verwüstungen wächst heute die Bereitschaft, sich erneut diesem Bild zuzuwenden, zu ihm umzukehren. Damit aber verbindet sich sogleich die entscheidend Frage: Wer hütet denn den Hirten?

3. Der Appell, ”Seid Hüter der Erde“ leuchtet heute, so scheint es, allgemein ein. Über seine Begründung aber gibt es keine Einigkeit. Genügt die Angst vor möglichen Katastrophen zur Begründung einer neuen, verstärkten Verantwortung? Genügt es, darauf hinzuweisen, daß bereits individueller und nationaler Eigennutz dazu anleiten können, Frieden zu suchen und die Umwelt des Menschen zu schonen? Genügt es etwa, auf das Los künftiger Generationen zu verweisen, um Bereitschaft zur Verantwortung zu wecken? Kann der Mensch sich als Hüter der Erde und als Hüter seiner Mitmenschen voll verstehen, wenn er sich nicht auch selbst in seinem Dasein behütet weiß?

Was hält also den Menschen in seiner Verantwortung? Wer gibt ihm Halt? Diese Fragen sind auch in einer säkularisierten Gesellschaft unabweisbar. Daher nahmen in der jüngeren Vergangenheit selbst abstrakte Begriffe wie ”Zukunft“, ”Menschheit“ und ”Natur“ quasi-personale Züge an. Und es scheint so, als ob sogar deterministische Weltbilder noch den untergründigen Wunsch des Menschen nach Geborgenheit, nach Behütetsein zum Ausdruck bringen; behütet wenigstens durch allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten.

Die europäische Geistesgeschichte der letzten Jahrhunderte zeigt, wie sehr die Vorstellung, das Leben des einzelnen und die Existenz der Menschheit seien lediglich ein absurdes, unbedeutendes Zwischenspiel im Universum, die moralische Ordnung in Frage gestellt hat. Unvergeßlich ist die tragische Einsicht einer Romangestalt bei Dostojewskij: Wenn es keinen Gott gebe, dann sei alles erlaubt.

Schreckensbilder aus Vergangenheit und Gegenwart haben manche dazu verleitet, den Menschen mit einem gefährlichen Raubtier zu vergleichen, dessen Auslöschung in der postulierten Evolution der Materie kein Schaden wäre. Andere wieder sehen den Menschen als ein Wesen an, dessen Erbanlagen und leib-seelische Strukturen vollkommen neu geordnet werden müßten. Hinter diesen beiden extrem negativen Selbstauslegungen steht die tiefe Furcht, der Mensch sei wirklich dazu verdammt, sein Dasein gänzlich unbehütet und alleingelassen zu gestalten.

Der Appell ”Seid Hüter der Erde“ genügt auch angesichts heutiger neuartiger Bedrohungen nicht, um eine Umkehr zu einer dafür tragfähigen Moral zu erreichen, wenn er nicht zugleich eine Quelle von Sinn, von moralischer Energie erschließt. Der drohende Hinweis auf eine mögliche oder sogar wahrscheinliche Katastrophe hat ja oft nur zu jenem Verhalten geführt, das schon für manche Zeitgenossen des Apostels Paulus charakteristisch war: ”Laßt uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot“.

Hoffnungslosigkeit kann den Menschen und große Teile einer Gesellschaft zur Mentalität und Praxis eines übersteigerten Konsumismus bringen, der alles Wissen und Können in seinen Dienst zwingt und nicht einmal vor der traurigen Idee zurückschreckt, sich selbst biotechnisch kopieren zu lassen, um vielleicht so dem Tod zu entgehen.

Der Suche nach einem Behütetsein des gefährdeten Menschen begegnet heute auch die vielstimmige Versuchung zu einer neuen Art von ”Rückkehr zur Natur“ zu einer gewollten Verschmelzung mit dem Kosmos. Unter dem Anspruch, diese Epoche sei eine Wendezeit und bedürfe eines Paradigmenwechsels, werden fundamentale Dimensionen des Menschen als Person vergessen oder in Frage gestellt. Einer solchen Sicht vom Menschen, die außer acht läßt, daß der Mensch nicht nur in der Natur und mit ihr lebt, sondern ihr auch in Verantwortung und unaufhebbarer Spannung gegenübersteht, widersetzen sich nicht nur die Kirche, sondern wohl auch viele Wissenschaftler.

4. Die Welt, die Dinge sind auch ein Wort, eine Botschaft an den Menschen. Er soll darauf eine Antwort geben. Sein Leben ist ein Dialog nicht nur mit seinen Mitmenschen, sondern auch mit seiner Welt, deren Wort ihm oft beglückend, oft aber auch dunkel und zweideutig erscheint. Wem es aber geschenkt ist zu glauben, daß die Welt sich dem schöpferischen Wort Gottes verdankt und daß sie ein Wort Gottes an uns Menschen ist, den führt die Verantwortung für diese Welt auch in ein Gespräch mit Gott.

Aus diesem Gespräch sind die folgenden Worte eines biblischen Psalms gewachsen: ”Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. Er läßt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. Er stillt mein Verlangen; er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen. Muß ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht“.

Dem Menschen, der sich in der Natur und auf den verschlungenen Pfaden der Geschichte nicht selten allein und unbehütet erfährt, begegnet hier Gott nicht als bloße Idee, als abstraktes Prinzip, sondern als ein Hirt, der dem Menschen vorausgeht, ihn begleitet und ihm nachgeht, wenn er sich verlaufen hat.

Auf dem Aeropag zu Athen hat der Apostel Paulus diesen Gott verkündet. Vor Ihnen, meine Damen und Herren, die Sie auch für mich eine Art von Areopag bilden, möchte ich Zeugnis geben für Jesus Christus, den guten Hirten, der dem Menschen bis in die Tiefe seiner Schuld und in den Abgrund seines Todes nachgegangen und in ein ewiges Behütetsein vorausgegangen ist. Im Blick auf ihn, den Gekreuzigten und Auferstandenen, kann sich der Mensch als ein wirklich zur Liebe fähiges Wesen begreifen. Ein Mensch, der sein Maß von Christus herleitet, muß nicht aus Furcht, zu kurz zu kommen, ersuchen, seiner Mitwelt ein Lebensglück abzuringen, das auf Kosten der anderen geht und sich schließlich doch als Illusion erweist.

5. Die gegenwärtige Lage läßt die Menschheit so auf jene großen alten Fragen stoßen, deren zeitweilige Suspendierung den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt vielleicht beschleunigt, aber auch neue Probleme geschaffen hat: Was können wir wissen – was sollen wir tun – was dürfen wir hoffen? Bei der Suche nach den Antworten müssen Wissenschaft, Technik und Politik, aber auch Philosophie, Kunst und Religion erneut zusammenfinden, nachdem ihre Wege viele Male nebeneinander verlaufen sind oder sich voneinander getrennt haben. Wissen muß sich wieder mit Weisheit und mit Glauben verbinden. Die Resignation gegenüber der Wahrheitsfrage, die schon Pilatus geprägt hat, muß überwunden werden. Toleranz ist ein Raum zur Suche nach Antwort auf diese Frage, nicht aber zu ihrer Suspendierung. Kritische Anfragen an die bisher praktizierte Wertneutralität von Wissenschaft sind fällig. Das biblische Wort ”Die Wahrheit wird euch frei machen“ ist heute vielfach in die Meinung verkehrt, daß die Freiheit imstande sei, Wahrheit zu zeugen. Dies führt nicht selten zu jene Willkür, die den Menschen, der für manche Bereiche tatsächlich Herr der Erde geworden ist, aus einem Hirten und Hüter zu einem Despoten macht und sein Verhalten dem eines Wolfes im Schafstall angleicht.

In meiner schon erwähnten Rede in Wien habe ich gesagt: ”Der Mensch und seine Welt – unsere Erde, die sich bei der ersten Weltraumfahrt als Stern in Grün und Blau gezeigt hat –, sie müssen, bewahrt und entfaltet werden... Die Erde ist im Horizont des Glaubens kein schrankenlos ausbeutbares Reservoir, sondern ein Teil des Mysterium der Schöpfung, dem man nicht nur zugreifend begegnen darf, sondern Staunen und Ehrfurcht schuldet“. Um diese Haltung zu erreichen, wird es einer Kultur der Askese bedürfen, die es dem Menschen und den verschiedenen menschlichen Gemeinschaften ermöglicht, Freiheit auch als Fähigkeit des Verzichts auf eigene Macht und eigene Größe zu vollziehen und so von innen her den Raum für den Schwachen zu öffnen. Diese Schaffung dieses Raumes ist Gestalt der Liebe zum Menschen, aber auch zu Gott. Im Evangelium finden wir das darauf bezogene Wort Christi: ”Wenn einer mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten; mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen“.

”Custos, quid de nocte“ ... lautet die Frage an einen der biblischen Propheten. Diese Frage ist heute von bedrängender Aktualität. Lassen Sie mich vor Ihnen, meine Damen und Herren, meine Überzeugung bekennen, daß es noch nicht zu spät ist für eine radikale Umkehr zum Menschen als Mitmenschen, zur Erde als einem Lebensraum, der Garten werden soll und nicht zur Wüste verkommen darf, auch wenn diese Welt für den Glauben nicht die letzte Heimat ist. Und es ist nicht zu spät, zu Gott umzukehren, der uns schon sucht, bevor wir begonnen haben, ihn zu suchen.

Ich danke Ihnen.

Nach der Ansprache:

Am Ende meiner Ausführungen sei es mir gestattet, in Dankbarkeit und Verehrung eines großen Mannes der Kirche, des Geistes und der europäischen Kultur zu gedenken, der heute morgen völlig unerwartet vom Herrn aus diesem Leben gerufen worden ist: des neu erwählten Kardinals Hans Urs von Balthasar, dem ich im kommenden Konsistorium mit der Kardinalswürde hätte auszeichnen wollen. Durch diese hohe Auszeichnung sollten seine großen Verdienste gewürdigt werden, die ihm in der Theologie und Geisteswissenschaft der Gegenwart einen herausragenden Ehrenplatz zugewiesen haben. Möge Gott ihm nun selber Erfüllung und ewiger Lohn seines unermüdlichen Dienstes für die Kirche und die Menschen sein.

Ich danke Ihnen.

Ansprache während des ökumenischen Treffens in der Christuskirche in Salzburg

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

1. ”Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!“.

So haben wir es eben im Evangelium vernommen, unter dessen Anspruch wir uns alle bei dieser brüderlichen Begegnung stellen wollen. Jener Auftrag des Herrn an die Apostel gilt für alle Zeit. Immer wieder geschieht ein Pfingstwunder: Menschen aus vielen Völkern und Kulturen können das Evangelium hören und verstehen und kommen zum Glauben. Sie bekehren sich zu Christus, der ”unser Friede“ ist, der den ”neuen Menschen“ schafft und durch sein Kreuz alles, was getrennt ist, ”mit Gott in einem einzigen Leib versöhnt“. Als getaufte Christen dürfen wir uns ”als Menschen begreifen, die für die Sünde tot sind, aber für Gott leben in Christus Jesus“.

Das ist unser gemeinsames Bekenntnis; aus diesem österlichen Auftrag leben wir in allen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften, denen wir durch unsere Taufe jeweils angehören. Wir sind berufen, Zeichen und Werkzeug jenes Friedens und jener Einheit unter den Menschen zu sein, die nur Gott selber in Fülle schenken kann und die er in seinem Reich vollenden wird. Dies verpflichtet uns, auch unter uns Christen die Einheit – bis zu ihrer vollen sichtbaren Gestalt – zu suchen und zu erneuern.

2. Diese wertvolle Stunde unserer Begegnung ist selbst ein Zeichen jener Einheit, die uns im Hören auf das Wort Gottes, im Glauben an den dreieinigen Gott und im Leben aus der Taufgnade schon geschenkt ist: Als Söhne und Töchter des einen Vaters im Himmel sind wir im Heiligen Geist versammelt, um Gott in Jesus Christus die Ehre zu geben. Ich danke den evangelischen Glaubensbrüdern und Schwestern in Österreich für die freundliche Einladung in diese Christuskirche, die ich gern angenommen habe.

Besonderen Dank sage ich für den Willkommensgruß der Gemeinde dieser Kirche und das Grußwort des Vorsitzenden des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich. Ebenso danke ich Ihnen, hochwürdigster Herr Metropolit, für Ihr freundliches Wort der Begrüßung. Mit Freude erinnere ich mich an meine Begegnung mit dem ökumenischen Patriarchen Dimitrios I. von Konstantinopel im Dezember vorigen Jahres in Rom. Danken möchte ich auch Ihnen, Herr Superintendent, der Sie die Bedeutung der heutigen Begegnung herausgestellt haben, sowie Ihnen, Herr Bischof, für Ihre Predigt, in der Sie uns das Wort Gottes ausgelegt haben. Schließlich grüße ich herzlich auch Sie, verehrter Herr Erzbischof Berg, und die Mitbrüder der katholischen Bischofskonferenz sowie alle, die in der Gesinnung Christi diesen denkwürdigen Gottesdienst mit uns begehen.

3. Ein ökumenischer Gottesdienst ist wohl immer beides: eine Stunde der Freude und ein Anlaß des Schmerzes. Freude, weil uns dabei unsere gemeinsame Verbundenheit mit dem Herrn und Erlöser eindringlich bewußt wird; Schmerz, weil diese bereits vorhandene Einheit an der Wurzel noch nicht in die volle kirchliche Gemeinschaft einmündet. Aber es ist bereits eine kostbare Frucht des Heiligen Geistes, wenn wir diese Freude miteinander teilen und diesen Schmerz gemeinsam tragen.

Freude und Schmerz empfinden wir auch bei einem kurzen Rückblick in die Geschichte dieser Stadt Salzburg, die uns heute Gastfreundschaft gewährt. Irische Mönche haben hier den Glauben verkündigt und die Grundlage für eine intensive Missionstätigkeit dieser Ortskirche bis weit in den Osten und Süden Europas gelegt. Jene Gründerbischöfe und ihre Gefährten waren ihrerseits geprägt von der aszetischen und monastischen Tradition des christlichen Orients. Diese fernen Wurzeln des Glaubens sind heute neu als Aufgabe erkannt worden und haben unter anderen zur Gründung der Stiftung PRO ORIENTE geführt, die sich inzwischen von Wien aus auch auf Salzburg, Linz und Graz ausgeweitet hat. Diese lobenswerte ökumenische Initiative hat bereits beachtliche Früchte erbracht, die zu weiterer Hoffnung berechtigen.

In Salzburg begegnen wir aber auch der Reformation. Wir werden hier an die unrechtmäßige Vertreibung der hiesigen Protestanten im 18. und 19. Jahrhundert erinnert, die man damals in Anwendung des unseligen Prinzips ”Cuius regio – eius et religio“ glaubte durchführen zu müssen. Schon vor Jahren hat der Salzburger Erzbischof im Namen der ganzen Diözese die evangelischen Brüder und Schwestern um Vergebung für diese erlittene Unrecht gebeten. Daß wir heute hier, in der evangelischen Christuskirche, gemeinsam das Wort Gottes hören und miteinander im Namen Jesu beten, ist ein deutliches Zeichen dafür, daß diese Vergebungsbitte mit dem Herzen angenommen worden ist und zur Versöhnung geführt hat.

4. Einen besonderen ökumenischen Anstoß haben viele Christen auch in diesem Land auf ihrem gemeinsamen Leidensweg im letzten Weltkrieg erhalten. Obwohl von verschiedener kirchlicher Herkunft, haben sie, vor allem in der extremen Prüfung der Lager, ihre tiefe Verbundenheit im Kreuz Christi erfahren. Daraus sind ihnen in verstärktem Maße Einsicht und Bereitschaft zu gegenseitiger Verständigung und Wertschätzung erwachsen. Gemeinsam lebten sie damals die Botschaft, ”daß alle, die auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft sind“; gemeinsam waren sie aber auch stark in der Hoffnung, daß sie ”mit ihm auch in seiner Auferstehung vereinigt“ sein würden.

Ja, es ist der Herr selbst, der uns immer wieder anstößt, auf dem Weg zur Einheit weiter voranzuschreiten, auch wenn immer nur eine kleine Wegstrecke sichtbar wird. Nehmen wir in dieser Stunde sein Antlitz betrachtend in uns auf, wie es uns diese Christuskirche vor Augen fürht. Christus, der Herr der Welt – so über dem Eingang –, weist uns den Weg. Als Lehrer des Glaubens – an der Kanzel – spricht er zu uns in seinem Wort. Als der Gute Hirte zwischen Petrus und Johannes – im Fenster über uns – kennt er uns alle mit Namen und führt uns auf gute Weide. Vom Kreuz – am Altar – ruft Christus uns zur Versöhnung, die er uns durch sein Leiden bereits erwirkt hat.

Nur die liebende Vereinigung mit dem Herrn in seiner Hingabe und Treue bis zum Tod am Kreuz kann uns näher zur Einheit der Kirche führen. An seiner Gestalt des dienenden Knechtes lernen wir die erforderliche Demut, um der ganzen Wahrheit Gottes innezuwerden und ihr Leuchten auch im getrennten Bruder wahrzunehmen. Dort wo Paulus uns das Ideal der Einheit vor Augen stellt: ”Ein Leib und ein Geist, wie euch durch eure Berufung auch eine gemeinsame Hoffnung gegeben ist; ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater, der über allem und durch alles und in allem ist“ gerade dort mahnt er uns zuvor: ”Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch den Frieden, der euch zusammenhält“.

5. Liebe Brüder und Schwestern! Mein zweiter Pastoralbesuch in Österreich steht unter dem Leitwort: ”Ja zum Glauben – Ja zum Leben“. Auch dieses Wort hat seine Grundlage in Christus selbst; denn ”in ihm ist das Ja verwirklicht. Er ist das Ja zu allem, was Gott verheissen hat... und Gott ist treu“. Dieses Ja Gottes will durch unser gemeinsames Ja zum Glauben, durch unser gemeinsames Ja zum Leben verkündigt werden. Ein solches gemeinsames Ja aller Kirchen und Gemeinschaften möglichst oft zu finden und zu sprechen, ist unsere ökumenische Aufgabe.

Um das gemeinsame ”Ja zum Glauben“ zu finden, müssen wir über Stimmungen, Gefühle und noch so liebgewonnene Traditionen hinausgehen. Der Glaube an den dreifaltigen Gott und seine konkreten Heilswege kommt vom Hören und setzt Bekehrung voraus. Paulus ruft uns zu: ”Wandelt euch und erneuert euer Denken!“. Wir dürfen dankbar feststellen, daß in den letzten Jahren manche verheißungsvolle Schritte zu einem solchen neuen Denken zu verzeichnen sind. Ich nenne nur die Konvergenzerklärung über ”Taufe, Eucharistie und Amt“, welche die Kommission für Glaube und Kirchenverfassung des Ökumenischen Rates der Kirchen erarbeitet und vorgelegt hat. Das vatikanische Sekretariat für die Einheit der Christen hat im Zusammenwirken unter anderem mit der Kongregation für die Glaubenslehre die katholische Antwort auf dieses bedeutende Dokument ökumenischer Annäherung gegeben. Konvergenz heißt jedoch noch nicht Konsens. Neben der Würdigung der erzielten Übereinstimmungen sind dort auch manche weitere Fragen gestellt, denen wir uns in gläubiger Geduld noch zuwenden müssen.

6. So drängt die Eingliederung in den mystischen Leib Christi durch die Taufe gewiß auch hin zur Teilhabe an seinem eucharistischen Leib und Blut; die Frage nach der gemeinsamen Teilnahme an der Eucharistie hat aber auch eine ekklesiologische Dimension und kann nach katholischer Lehre nicht isoliert vom Verständnis des Geheimnisses der Kirche und ihres Amtes gesehen werden. Ich darf Ihnen versichern, daß es auch den Papst und die katholischen Bischöfe sehr schmerzt, wenn wir unsere Trennung unter Christen gerade am Tisch des Herrn so hart erfahren müssen. Besonders schmerzlich wird dieser Stachel in konfessionsverschiedenen Ehen empfunden, die ein gemeinsames Zeugnis des christlichen Glaubens ablegen wollen. An sie geht meine herzliche Bitte, zusammen mit ihren Seelsorgen nach Wegen eines lebendigen Glaubens zu suchen, die ihnen in ihrer besonderen Lage heute offenstehen.

In diesem Zusammenhang möchte ich aber in Demut und mit brüderlichem Freimut auch einmal fragen: Hat sich die evangelische Kirche schon genügend der Möglichkeit geöffnet, sich der sakramentalen Gestalt des geistlichen Amtes anzunähern, wie es die Überlieferung der katholischen Kirche in Ost und West seit den Anfängen als apostolisches Erbe und als Form der apostolisches Nachfolge versteht? Jeder Schritt in diese Richtung würde auch ein Schritt auf die volle eucharistische Gemeinschaft zu sein. Das Dienstamt des Petrus und seiner Nachfolger weiß sich gewiß in besonderer Weise der Einheit der Kirche verpflichtet; es untersteht jedoch zugleich dem bleibenden Anspruch des Evangeliums und der fortwährenden Führung des Geistes Christi. Wie bei meiner jüngsten Begegnung mit dem Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel möchte ich auch hier den Heiligen Geist inständig bitten, ”er möge uns, alle Hirten und die Theologen unserer Kirchen, erleuchten, damit wir gemeinsam nach Formen suchen, in denen diese Hirtenamt einen Dienst der Liebe verwirklichen kann, der von den einen und den anderen anerkannt wird“.

7. Eine ökumenische Aufgabe ist auch das gemeinsame christliche ”Ja zum Leben“. Christus, das ”Ja“ Gottes, ist gekommen, damit wir das Leben haben und es in Fülle haben. Unser ”Ja zum Leben“ muß deshalb ebenso umfassend sein und sich auf alle Dimensionen des menschlichen Lebens erstrecken. Anerkennend möchte ich darauf verweisen, daß es in letzter Zeit häufiger auch zu gemeinsamen Stellungnahmen der Kirchen zu aktuellen sozialethischen Problemen der Gesellschaft gekommen ist. Diesen Weg möchte ich ermutigen, auch wenn er zuweilen noch schwierig ist wegen unserer unterschiedlichen Auffassungen vom kirchlichen Lehramt und seiner konkreten Zuständigkeit.

In diesen Zusammenhang gehört auch die ”Ökumenische Weltversammlung für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ zu der der Ökumenische Rat der Kirchen einlädt. Die katholische Kirche beteiligt sich, ohne selbst Mitveranstalterin zu sein, auf geeignete Weise durch sachkundige Vertreter an diesen Fragestellung. Ich hoffe, daß das gemeinsame, gehorsame Hören auf das Wort der Heiligen Schrift ermöglichen wird, von ihr her miteinander unserer Zeit Worte der Weisung zu solch zentralen Fragen der Zukunft von Mensch und Schöpfung zu sagen.

Seit jeher hat es ja die Kirche als Teil ihrer seelsorglichen Sendung betrachtet, die Grundrechte der menschlichen Person zu verteidigen und zu fördern und in prophetischer Weise Armut und Unterdrückung anzuprangern sowie mit konkreten Hilfsaktionen und in Modellen für deren Beseitigung einzutreten. Auch für die Sicherung des Friedens zwischen den Völkern der Welt sollten die friedenstiftenden Kräfte, die in einem weltweiten gemeinsamen Denken und Vorgehen der Christen liegen, heute in verstärktem Maße genutzt werden. Ebenso findet das ökologische Anliegen in unserem Glauben starke Ansatzpunkte zu Klärung und Wertung der damit verbundenen grundsätzlichen Fragen, weit vor jeder oberflächlichen Tagespolitik.

8. Liebe Mitchristen! Die Begegnung der Jünger mit dem auferstandenen Herrn, wie sie uns heute im Evangelium verkündigt worden ist, endet mit der Zusage Christi: ”Seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt!“. So sind wir gesandt zu intensivstem Einsatz für Gottes Wahrheit und Gerechtigkeit sowie für eine lebendige, einige Kirche als sein Weg zu den Menschen. Zugleich aber dürfen wir gelassen und geduldig an diese Aufgabe herangehen. Der Herr selbst ist es, der Glauben weckt, der Leben schenkt, der Einheit wirkt. Sein Heiliger Geist wird das Antlitz der Erde erneuern. Der Herr sei gepriesen in seiner Kirche, heute und alle Tage unseres Lebens. Amen.

Montag, den 27. Juni 1988

Predigt bei der Hl. Messe für die Gläubigen der Diözesen Innsbruck und Feldkirch

Liebe Brüder und Schwestern in Herrn!

1. ”Bei dem Kreuz Jesu stand seine Mutter“. Ja, dort stand Maria mit den anderen Frauen; dort stand auch der Jünger Johannes. Das II. Vatikanische Konzil deutet diese ergreifende Geschehen beim Kreuzesopfer Christi und sagt: ”Die selige Jungfrau Maria ging den Pilgerweg des Glaubens und bewahrte ihre Einheit mit dem Sohn in Treue bis zum Kreuz, wo sie nicht ohne göttliche Absicht stand“.

Die liebende Vorsehung Gottes hat Maria bis unter das Kreuz geführt, um ihren besonderen Platz im Geheimnis Christi und der Kirche voll zu offenbaren: Dort steht Maria mit Johannes und den anderen Frauen, um auch uns unter das Kreuz Christi zu rufen, damit auch wir aus diesen Quellen der Erlösung schöpfen. Die ganze Kirche ist eingeladen, sich unter Anleitung der Enzyklika ”Redemptoris Mater“ im jetzigen Marianischen Jahr nach diesem Wort des Konzils zu erneuern, indem sie Maria auf dem ”Pilgerweg des Glaubens“ nachfolgt, der seinen entscheidenden Höhepunkt gerade in ihrer erschütternden Erfahrung zu Füßen des Kreuzes erreicht.

2. Hier sind wir nun gegen Ende meines Pastoralbesuches zusammen mit Maria unter dem Kreuz ihres geliebten Sohnes versammelt, um Eucharistie zu feiern. Aus allen Teilen Tirols und Vorarlbergs seid ihr hierher gekommen, um an dieser denkwürdigen Stätte ein Bekenntnis eures Glaubens abzulegen. Jesus Christus, der war, der ist und der kommen wird, ist in unserer Mitte, er, der von sich sagen konnte: ”Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“.

Ihr seid gekommen mit euren Bischöfen und Priestern, mit Vertretern der verschiedenen kirchlichen Vereinigungen in euren Diözesen Innsbruck und Feldkirch und darüber hinaus. Besonders grüße ich mit euch meine Mitbrüder im Bischofs- und Priesteramt, darunter vor allem die beiden verehrten Oberhirten Bischof Reinhold Stecher, glücklich genesen von schwerer Krankheit, und Bischof Bruno Wechner. Ich grüße die werten Vertreter aus dem zivilen und staatlichen Bereich, unter ihnen besonders den Herrn Bundespräsidenten und die beiden Landeshauptmänner dieses westlichen Teils. Wir alle wollen hier miteinander unseren gemeinsamen Glauben bekennen und Gott in Gebet und Opfer preisen.

3. Dabei werden unsere Sinne tief berührt von diesem schönen und geschichtsreichen Ort unserer Begegnung: hoch über der vieltürmigen Stadt mit ihrem grandiosen Kranz von Bergen, in einem breiten Flußtal mit wichtigen Verkehrswegen; und hier der Bergisel, gleichsam der Schicksalsberg eurer Heimat. Er hat die römischen Legionen gesehen, welche diese Gegend in das damalige Großreich einbanden. Mit ihnen sind die ersten Christen, Kaufleute und Soldaten, hierher gekommen. Vor 850 Jahren haben die Söhne des heiligen Norbert die Abtei Wilten zu Füßen dieses Berges gegründet, von der kraftvolle Impulse für das kirchliche Leben dieser Gegend ausgegangen sind. Durch diesen Berg, an dem schon zweimal das olympische Feuer entzündet worden ist, führen heute Autobahnen und Schienenstränge von europäischer Bedeutung, welche die Völker miteinander verbinden, zugleich aber auch wachsende Umweltbelastungen für euch mit sich bringen. Auf diesem Bergisel ist das Kreuz Christi aufgerichtet; hier steht ein Bildnis der Hohen Frau von Tirol. So erklingt auch an diesem Ort die tiefe Botschaft von Golgota: ”Bei dem Kreuz Jesu stand seine Mutter“.

4. Liebe Mitchristen, mit Maria schauen wir auf ihn, ”den sie durchbohrt haben“. Warum gerade mit Maria? Weil sie wie kein anderer Mensch ihr eigenes Leben mit dem Weg und Heilswerk Jesu verbunden hat. Nach Ihrem ersten Jawort bei der Ankündigung ihrer Empfängnis führte sie die liebende Vorsehung des Vaters immer tiefer in das Lebensopfer des Sohnes hinein, bis zu ihrem Mit-Leiden auf Golgota. Hier erreichte ihr Jawort seine größte Dichte: Mit der ganzen Kraft ihres Mutterherzens durchlitt sie den Todeskampf ihres Sohnes und stimmte seiner Hingabe an den Vater zu, damit die Welt durch ihn ihre Erlösung finde. ”Stabat Mater dolorosa“ – ”In Schmerzen stand die Mutter“ unter dem Kreuz.

Diese erschütternde Erfahrung, die bis an die Wurzeln ihres eigenen Lebens ging, öffnet Maria den Blick für die befreiende Botschaft, die vom Kreuz Jesu ausgeht. Vordergründig betrachtet, schien Jesus vom ”glühenden Zorn“ Gottes getroffen, als er im Gehorsam die ganz ”Sunde der Welt“ auf sich nahm. Maria aber schaute tiefer: Nein, es war nicht die ”Hitze des Zornes“, die ihren Sohn zu vernichten drohte; es war vielmehr die Glut der Liebe Gottes, die das Opferlamm verzehrte und so die Annahme seines Lebensopfers bestätigte. Diese radikale Bereitschaft zur Hingabe für uns kam nicht aus dem engen und schwachen Herzen eines bloßen Menschen; es ist vielmehr ”der Heilige“, ”der Sohn Gottes“ selbst, für den Maria auf das Wort des Engels hin Mutter geworden ist. Er ist es, der am Kreuz sein irdisches Leben dahingibt, um die Sündenschuld seiner Brüder und Schwestern aller Zeiten zu tilgen.

5. Maria erkennt im eigenen, vom ”Schwert“ durchbohrten Herzen das sterbende Herz des Sohnes und die Glut seiner göttlichen Liebe; nun weiß sie, was Johannes uns in seinem Evangelium mit den folgenden Worten verkünden wird: ”Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat; ...nicht..., damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird“.

Auf diese Weise erfährt Maria unter dem Kreuz, daß Gottes Handeln unsere begrenzten Vorstellungen von Gerechtigkeit unendlich übersteigt. Sie versteht, was der Prophet Hosea uns heute in der 1. Lesung des Wortes Gottes verkündet hat: “ Ich bin Gott, nicht ein Mensch, der heilige Gott in deiner Mitte. Darum komme ich nicht in der Hitze des Zornes“. Er ist wahrhaft ”ein Gott voller Erbarmen“, wie wir eben in der 2. Lesung aus dem Epheserbrief gehört haben.

Wir alle erkennen wie Maria im Glauben: Der dort am Kreuze leidet und sein Leben aufopfert, ist selbst ”der heilige Gott in deiner Mitte“; in deiner Mitte, Jerusalem;/ in deiner Mitte, du Volk des lebendigen Gottes;/ in eurer Mitte, ihr Menschen aller Zeiten;/ der heilige Gott in deiner Mitte, du Welt von heute.

6. Hier, mitten in unserer Welt, steht das Kreuz, an dem Jesus sein letztes Wort gesprochen hat: ”Es ist vollbracht!“. Vollbracht ist das große Werk unserer Erlösung. Oder sagen wir es mit den Worten der heutigen Liturgie aus dem Epheserbrief: ”Gott aber, der voll Erbarmen ist, hat uns, die wir infolge unserer Sünden tot waren, in seiner großen Liebe... zusammen mit Christus wieder lebendig gemacht“. Ihm verdanken wir unser eigentliches, inneres Leben; in ihm sind wir, ”dazu geschaffen, ...gute Werke zu tun“, in dieser Welt von heute.

Schauen wir also gemeinsam auf dieses unergründliche Geheimnis Gottes, der die Liebe selber ist: Die Glut seiner Liebe schafft neues Leben, damit die Welt umgestaltet werden und zur Vollendung gelangen kann. Diese Glut, das ist der Heilige Geist, er, der die Kirche durchglühen will und sie vorwärtsdrängt zur gottgewollten Bewältigung der Zukunft die vor uns liegt. Ihr möchtet diesen Weg im Licht des dreifachen Mottos gehen, das ihr für unsere heutige Glaubensfeier gewählt habt: Lebendiger Glaube – menschenwürdige Heimat – Mut zum Morgen.

7. ”Lebendiger Glaube“: So lautet der erste Programmpunkt auf eurem Weg in die Zukunft. Ihr müßt leider feststellen, daß euer in der Geschichte oftmals gerühmter Glaube heute, wie in manchen anderen Ländern Europas, ernsthaft gefährdet ist. Wachsende Sprachlosigkeit zwischen den Generationen, zahlreiche Ehescheidungen, Selbstmorde – auch unter Jugendlichen –, Kampf mit allen Mitteln unter Parteien und Politikern. Erbitterte Konfrontation unter den Christen selbst. Zynische Kirchenkritik sogar in kircheneigenen Publikationen: das sind einige Alarmzeichen dafür, daß Gottes Gebot und die Frohe Botschaft Christi für sehr viele nicht mehr die Grundlage ihres Verhaltens sind. Wie sollen die Bischöfe euren Gemeinden Seelsorger schicken, wenn ihr ihnen aus euren Familien, aus den Jugendgruppen, aus den Pfarreien viel zu wenig junge Männer für den priesterlichen Dienst zur Verfügung stellt? Wie sollen Ordensobere weiterhin Schwestern für euer Krankenhaus, für den Kindergarten im Ort bereitstellen, wenn eure Gemeinden so wenig junge Mädchen zur besonderen Nachfolge des Herrn ermutigen und begleiten? Woran liegt es, daß heute die Entscheidung für einen geistlichen Beruf so schwer geworden ist?

Ein Baum lebt, wenn seine Wurzeln tief in die Erde reichen, bis dorthin, wo das Grundwasser fließt. Der Glaube eines Menschen lebt, wenn seine Wurzeln bis zu den Quellen des wahren Lebens reichen, bis zum Geheimnis Gottes selbst. Und das geht nicht ohne Gebet und Meditation, ohne ein treues Mitleben mit der Kirche in allen Vollzügen ihres Glaubens das ganze Jahr hindurch. Ein lebendiger Baum bringt seine Früchte; und auch euer Glaube, wenn aus gesunden, tiefen Wurzeln genährt, wird sich im täglichen Leben auswirken und euren Lebensstil prägen in Familie und Nachbarschaft, in der Gemeinschaft der Mitchristen, in der Gesellschaft der Mitbürger.

8. Der erste Ort solcher Glaubenserfahrung ist und bleibt für die meisten die Familie: Dort öffnet sich ein junges Herz für die Schönheit eines Weges mit Gott und der Kirche oder es bleibt all dem verschlossen und gewöhnt sich an einen rein weltlichen Maßstab seines Lebens. Was aber in der Familie und vor allem durch die Eltern an Gottverbundenheit und liebevollem Umgang miteinander erlebt wird, das bleibt Fundament meist für das ganze Leben. Liebe Eltern laßt eure Kinder aus eurem Glauben erfahren, wie befreiend und heilend wahre Gottes- und Nächstenliebe sind. Wenn sie im Alltag ebenso wie an festlichen Tagen als Krönung all unserer anderen Fähigkeiten erlebt wird, kann sie zum belebenden Mittelpunkt unserer ganzen Person werden und auch auf unsere Umgebung wohltuend und ermutigend übergreifen. Wie erlösend kann es auch für Kinder sein, wenn sie spüren, daß Vergebung und Versöhnung stärker sind als Haß und Streit.

Wie vorbildhafte Eltern und Geschwister in der Familie, so können auch die Heiligen und Seligen der Kirche in euch die Begeisterung für den Glauben wecken. Männer und Frauen, die in verworrener Zeit die Botschaft des Evangeliums klar und überzeugend gelebt haben und ihrem vom Geist Gottes geformten Gewissen gefolgt sind, treten heute wieder mehr in das Bewußtsein von Kirche und Gesellschaft und geben Orientierung für diese unsere Zeit. Schwester Edith Stein, die große Gottsucherin unseres Jahrhunderts, Pater Rupert Mayer, der Jesuit mit dem festen Gewissensurteil, Marcel Callo, der junge Arbeiter, der in Mauthausen sterben mußte, weil er den Mächtigen zu katholisch war; sie wurden im vergangenen Jahr unter die Seligen der Kirche aufgenommen.

Ganz nahe von hier hat Pfarrer Otto Neururer gewirkt. Sein klares Wort zur christlichen Ehe und die Spendung der Taufe an einen Mithäftling im KZ haben ihn zum Märtyrer werden lassen. Noch heute soll hier in der Stadt Innsbruck und in der ganzen Umgebung der Name des ”Bruders von Tirol“ gerühmt werden, des Paters Thomas von Bergamo, dessen Grab sich im hiesigen Kapuzinerkloster befindet und der im 17. Jahrhundert Bauern und Fürsten im Glauben bestärkt hat.

9. Ein zweiter Ort gelebten Glaubens kann und soll die Pfarrgemeinde sein. Die Seelsorger und ihre Mitarbeiter tragen gemeinsam die Verantwortung, daß die Gemeinde als ganze wie in ihren Gruppen der Raum ist, in dem der Geist Christi immer wieder erbeten wird und wirken kann. Hier sollten die vielen, die allein oder vereinsamt oder gescheitert sind, die vielen, die Sinn und Orientierung suchen, die notwendige Annahme finden, um vielleicht sogar neue Kraft zur Selbsthilfe zu schöpfen. Das Wort des Herrn ”Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“, könnte so seine konkrete Gültigkeit erweisen.

Für den Umgang miteinander erinnert euch an die Mahnung des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom – und an jede Pfarrgemeinde: ”Wir müssen als die Starken die Schwäche deren tragen, die schwach sind, und dürfen nicht für uns selbst leben. Jeder von uns soll Rücksicht auf den Nächsten nehmen, um Gutes zu tun und (die Gemeinde) aufzubauen“. Wie aktuell ist auch das folgende Wort des Völkerapostels an die Gemeinde zu Ephesus: ”Über eure Lippen komme kein böses Wort, sondern nur ein gutes, das den, der es braucht, stärkt und dem, der es hört, Nutzen bringt. Beleidigt nicht den Heiligen Geist, dessen Siegel ihr tragt... Jede Art von Bitterkeit, Wut, Zorn, Geschrei und Lästerung verbannt aus eurer Mitte! Seid gütig zueinander, seid barmherzig, vergebt einander, weil auch Gott euch durch Christus vergeben hat“ .

10. Liebe Brüder und Schwerstern! Als zweites Anliegen für euren Weg in die Zukunft habt ihr eine ”menschenwürdige Heimat“ gewählt. Dieses Thema hat durch die vielleicht allzu starke Ausrichtung eurer Lebensbereiche auf den Tourismus und zugleich durch die ungeheuren Verkehrsströme in diesem europäischen Erholungs- und Durchgangsland eine brennende Aktualität erhalten. An dieser fühlbaren Bedrohung von Natur und Umwelt darf niemand, der in diesem Land gesellschaftliche Verantwortung trägt, vorbeigehen.

Menschenwürdige Heimat bedeutet jedoch wesentlich mehr als saubere Luft, klares Wasser und gesunden Boden. Heimat, nach der sich jeder von uns sehnt, wächst dort, wo Menschen einander gut sind und füreinander eintreten, wo sie einander ertragen auch in ihren Schwächen, wo man Zeit hat für ein vertrauensvolles Gespräch, wo man bereit ist zu vergeben. Heimat bedeutet verantwortungsbewußte Gestaltung der Wohngemeinde und der Arbeitsstätte, bedeutet die aufmerksame Sorge für Sonn- und Feiertage, bedeutet die Pflege der Gastfreundschaft, der Nachbarschaftshilfe, der politischen Kultur. Solche Erfahrung von Heimat kann unter gläubigen Menschen sogar schon zur Vorahnung unserer ewigen Heimat werden. So tief verstandene Heimat umfaßt auch die Achtung vor der Menschenwürde aller. Sie beginnt bei der unbedingten Werstschätzung des menschlichen Lebens, und zwar von seiner Empfängnis an. Wenn eine Gesellschaft als ganze nicht mehr die Kraft und die geistige Klarheit dafür aufbringt, dann wird es eine vorrangige Aufgabe gläubiger Christen, im Namen Gottes und der Menschenwürde das Lebensrecht der Ungeborenen zu verteidigen. Am anderen Ende unserer irdischen Weges ist die Würde der Alten, der Kranken und Sterbenden unser aller Schutz und Verantwortung anvertraut. Aber auch Gastarbeiter und Ausländer, Behinderte und Randexistenzen, Gestrauchelte und Sünder haben Anspruch auf Anerkennung ihrer grundlegenden, bleibenden Würde. Schließlich muß das Problem der strukturellen Arbeitslosigkeit auch unter dem Gesichtspunkt einer ”menschenwürdigen Heimat“ gesehen werden und sollte die Solidarität der bessergestellten Mitmenschen erwarten dürfen.

11. Eure dritte Zielsetzung lautet ”Mut zum Morgen“. Eine gute Bewältigung der beiden ersten Aufgaben – lebendiger Glaube und menschenwürdige Heimat – führt bereits zu einer mutigen und überlegten Bereitschaft, mit Zuversicht in die Zukunft aufzubrechen. In den vergangenen Jahren hat sich bei vielen eine Grundstimmung der Angst festgesetzt, die ständig von politischen Erdbeben, von Umweltbedrohungen, von Erfahrungen scheinbarer Sinnlosigkeit bei euch und in aller Welt genährt wird. Der allzu naive Fortschrittglaube vergangener Jahrzehnte ist den meisten unter Schmerzen vergangen. Manche hat diese neue Stimmung gelähmt: andere leben darum nur dem gegenwärtigen Augenblick, ohne an morgen zu denken.

In dieser Lage sind die Christen aufgerufen, die zukunftsgestaltenden Kräfte unseres Glaubens verstärkt wahrzunehmen und konkrete Folgerungen für unseren gemeinsamen Weg daraus zu ziehen Wahrhaftig, vieles auf unserer Erde bedarf der Erneuerung: das Verhältnis der politischen Kräfte zueinander, die Weltwirtschaftsordnung, die Verwirklichung von Religions- und Gewissensfreiheit, aber auch das Miteinander im persönlichen Bereich. Für die Zukunft der Welt – und auch eurer Heimat – ist es entscheidend, von welcher Kraft und in welchem Geist eine solche Erneuerung der Herzen und der Strukturen angestrebt wird: in irgendeinem modischen Zeitgeist oder in Gottes heiligem Geist.

Wer sich Gottes Geist öffnet, wird am ehesten fähig sein zu ”Liebe, Freude und Friede, zu Langmut und Freundlichkeit, zu Güte und Treue, zu Sanftmut und Selbstbeherrschung“, wie Paulus schreibt. Hier ist die klare Quelle, aus der wir den Mut zum Morgen schöpfen dürfen. Der Geist Jesu Christi ist die Kraft und der Weg, um eine neue Zivilisation der Liebe zu errichten, die ein menschenwürdiges Leben möglichst vieler auf dieser Erde sichern kann.

12. Liebe Brüder und Schwestern! Das heutige Festevangelium hat unseren Blick mit Maria auf das geöffnete Herz des Erlösers gelenkt. Wahrhaftig: ”Aus seinem Innern werden Ströme von lebendigem Wasser fließen. Damit meinte er den Geist, den alle empfangen sollten, die an ihn glauben“.

Als Gottes Geist am Pfingstfest über die versammelte Kirche von Jerusalem herabkam, war in ihrer Mitte auch Maria, die Mutter Jesu. Bis heute ist sie uns das Urbild christlichen Glaubens. In ihr hat der Glaube sein schönstes Antlitz gefunden, sein innigstes Lied. Mit ihr zusammen soll auch unser Leben zu einem stetigen Lobpreis Gottes werden: ”Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter“. Amen.

Angelus in Innsbruck

”Bei dem Kreuz Jesu stand seine Mutter“ – so berichtete uns das Evangelium der heutigen Eucharistiefeier.

Liebe Brüder und Schwestern, wir alle kennen das Bild der Mutter Jesu unter dem Kreuz ihres göttlichen Sohnes. In vielen Kirchen eures Landes ist diese Szene des Evangeliums dargestellt. Die gläubige Erinnerung an das Geschehen auf Golgota, an die tiefe Verbundenheit des göttlichen Sohnes mit seiner Mutter wird darin festgehalten. Maria ist dem Herrn auf seinem Weg bis unter das Kreuz gefolgt. Darin ist sie uns zum Vorbild geworden: Auch am Wegrand unseres Lebens steht bisweilen ein Kreuz, dessen Schatten unser Leben sogar bis zur Anfechtung der Verzweiflung verdunkeln kann.

Wir können uns in den Nöten unseres Lebens stets an Maria wenden. Ja, stellen wir uns an ihre Seite, schauen wir mit ihr auf zu ihrem gekreuzigten Sohn, der für uns in die Nacht eines so bitteren Todes gegangen ist. Wenn wir mit ihr sein Leiden betrachten, werden wir erfahren, daß auch unser Leben geheimnisvoll im Kreuz des Herrn geborgen ist, daß Christus die Last unseres Lebens an sein Kreuz mitgenommen hat.

Das Bild der Gottesmutter unter dem Kreuz ihres Sohnes lehrt uns, daß ihr JA zum Glauben, zum Willen Gottes, das JA zu ihrem Leben, zu einem Leben aus Gott, war. Bitten wir darum, daß Hoffnung und Liebe in uns wachsen und wir aus der Kraft unseres Glaubens immer wieder und deutlicher JA sagen können zu unserem Leben in der Nachfolge des Herrn, zum Nächsten und zu unserer Welt.

Ansprache beim Treffen mit den Kindern und Jugendlichen in Innsbruck

1. Teil: In der Halle

Liebe Kinder, liebe junge und ältere Christen!

EUCH ALLE GRÜSSE ich von Herzen. Am Ende meiner Pilgerreise durch euer schönes Österreich komme ich nun hier mit euch zusammen. Ich habe in diesen Tagen euer Heimatland ein wenig mehr kennengelernt und treffe jetzt euch, Jungen und Mädchen vor allem aus Tirol und Vorarlberg.

Ihr feiert ein Fest, ein fröhliches Fest! Ihr selbst hat gesungen: ”Unser Leben sei ein Fest!“. Aber ihr wißt auch, daß unser Leben nicht immer ein Fest sein kann. Es gibt frohe Zeiten, oft aber auch Tränen. Auf der weiten Erde sind viele Kinder, die Not leiden, die kein Essen, keine Wohnung, keine Familie haben. Vielen Kindern fehlt die Möglichkeit, einen Beruf zu erlernen. Ja es gibt Länder, in denen sie schon als Kinder Soldat werden müssen; und gerade in den Kriegsgebieten kommen besonders viele Kinder ums Leben. Ich war vor wenigen Wochen in Südamerika, und bald werde ich wieder nach Afrika reisen. Überall treffe ich dort Kinder, die viel Not leiden. Aber auch bei euch wird es Kinder geben, die wohl mitsingen ”Unser Leben sei ein Fest“ denen aber doch nicht danach zumute ist.

Und trotzdem ist das Lied richtig. Es stimmt, weil Gott selbst uns ein großes Fest geschenkt hat. Er sagt zu uns: Du darfst mein Kind sein. So nahe, so lieb bist du mir, wie es nur der beste Vater und die treueste Mutter sein können. Diese Freude, dieses Fest hat bei unserer Taufe begonnen. Gewiß haben sich eure Eltern und manche andere Menschen gefreut, als ihr auf die Welt gekommen seid. Aber zu dieser Freude der Menschen hat Gott seine Freude hinzugefügt: In der Taufe wurdet ihr sein Kind.

Ihr könnt euch meist nicht an eure eigene Taufe erinnern. Dabei gab es viel Freude, und alle waren fröhlich. Die Taufkerze wurde angezündet. Hell und leuchtend wie ihr Licht sollte ja euer Leben werden, lebendig und warm. Daran erkennt man ja die Freunde Gottes. Dem Täufling wurde ein schönes weißes Kleid gegeben. Damit sagt uns der Vater im Himmel: Bewahre dein Festkleide vor jedem Schmutz; bleibe treu in deiner Freundschaft mit mir!

Und oft gibt es bei der Taufe ein Festmahl; der Tisch wird gedeckt. Dieses Festmahl hört dann eigentlich gar nicht mehr auf: Jeder Getaufte ist ja zum Tisch des Herrn eingeladen – du selbst wirst einmal zur Erstkommunion zugelassen, und dein Leben lang darfst du immer wieder zum Tisch der Kirche kommen, wo sich Christus selbst dir schenken will. Immer wieder darfst du dich mit Gott im Bußsakrament versöhnen, wenn du vom guten Weg abgewichen bist oder ihm den Rücken zugekehrt hast. Ja wirklich: Unser Leben ist ein Fest, weil wir getauft sind.

Ein Fest kann man aber nicht allein feiern; das wäre ein trauriges Fest. Durch die Taufe gehören wir auch zur großen weiten Kirche mit Christen in den allermeisten Ländern. In dieser Kirche merken wir viel von der Freude des Festes, das Gott mit uns feiert: Wie prachtvoll können eure Kirchen im Festschmuck sein, wie festlich feiert ihr manchmal in der ganzen Pfarrei den Gottesdienst; und auch jetzt, hier an diesem Platz und in dieser Stunde, erleben wir neu, welche Freude es ist, zur Kirche Christi zu gehören.

Ein Fest kann man nicht allein feiern. Auch Gott selbst ist nicht allein: Er ist der dreifaltige Gott, eine enge, lebendige Einheit von Vater, Sohn und Heiligem Geist. In ihm ist so viel Freude und Liebe, daß möglichst viele an dieser Freude teilhaben sollen. Etwas von diesem großen Glück, in der Einheit mit Gott leben zu dürfen, können wir erahnen, wenn wir in einer guten Familie leben. Zur Familie gehören Vater und Mutter. Die meisten von euch haben auch Geschwister. Aber auch dann, wenn die Familien nicht beisammen sind, wollen wir dankbar an Vater und Mutter denken, die uns das Leben geschenkt haben. Wenn du getauft bist, gehörst du zur großen Gemeinschaft der Kirche und zugleich zu einer Familie, die für euch wie eine Kirche im Kleinen sein kann. Wenn ihr dort einander liebt und fest zueinander steht, dann wohnt Gott bei euch, und ihr wohnt mit Gott.

Ich möchte euch an dieser Stelle bitten: Grüßt von mir eure Eltern, grüßt eure Geschwister, ja überhaupt alle Menschen, die ihr gern habt. Und jeder von euch sollte eigentlich auch an den Priester denken, der euch getauft hat. Fragt eure Eltern danach! Vielleicht ist es euch möglich, ihn einmal zu besuchen oder ihm zu schreiben. Dann sagt ihm: Ich danke Dir, daß Du mich getauft hast! So hat ja in deinem Leben das große Fest begonnen, das Fest, das Gott mit uns ein ganzes Leben lang feiern will.

Nun wollen wir zunächst unser Fest hier in dieser Halle fortsetzen. Gern nehme ich dabei an eurer Freude teil.

2. Teil: Im Freien

Liebe Kinder, meine jungen Freunde!

Nun bin ich hier bei euch im Freien. Ich grüße euch noch einmal ganz herzlich, denn jetzt sind wir viel näher beisammen. Ich freue mich, bei euch, den Kindern der Katholischen Jungschar, zu sein. Mit besonderer Anerkennung grüße ich alle Verantwortlichen der Jungschar, die so viel von ihrer Zeit, von ihrem Herzen und von ihrer gläubigen Freude an die jungen Menschen verschenken.

Vor einigen Wochen haben wir Pfingsten gefeiert. Dabei haben wir uns an das erste Pfingstfest der Kirche in Jerusalem erinnert. Damals waren die Apostel mit ihren Freunden im Abendmahlssaal versammelt. Sie waren noch ängstlich und hielten die Tür verschlossen. Dann hat Gott ihnen den Heiligen Geist geschenkt, den Geist der Wahrheit und der Gerechtigkeit, den Geist der Freude und der Liebe. Er hat sie entzündet wie mit Feuer. In ihrer Begeisterung sind sie hinausgegangen zu den Leuten auf den Straßen und Plätzen. Und da ist etwas Wunderbares geschehen: Die Leute aus vielen Völkern und Ländern mit ihren verschiedenen Sprachen, sie alle konnten jetzt einander verstehen, als diese ersten Christen vor ihnen standen und zu ihnen sprachen. Die begeisterten Apostel riefen ihnen die großen taten Gottes zu, und ”alle gerieten außer sich“. Dann begann Petrus, ihnen von unserem Herrn Jesus Christus zu erzählen. Da wurde ihnen das Herz weit. Sie spürten, daß Gott ihnen ganz nahe gekommen war. Er hat uns ja seinen Sohn geschenkt, der mit uns ist, der sogar für uns in den Tod gegangen ist. Und ihre Traurigkeit hatte ein Ende, als sie zu glauben begannen, daß er von den Toten auferstanden ist. Das ist unsere Frohe Botschaft! Eine bessere Botschaft gibt es nicht: Ob es dir jetzt gut oder schlecht geht – wenn du Jesus nachfolgst, ist er immer bei dir auf allen deinen Wegen.

Das konnten die Apostel nur deshalb den Leuten bis ins Herz sagen, weil sie den Heiligen Geist empfangen hatten. Auch ihr werdet bald das Sakrament des Heiligen Geistes, die Firmung, empfangen. Andere unter euch sind bereits gefirmt. Firmung, das heißt: Der Heilige Geist macht dich stark, den Glauben zu bewahren und die Frohe Botschaft weiterzugeben. Diese Botschaft brauchen alle: die Fröhlichen und die Traurigen, die Gesunden und die Kranken, die Alten und die Jungen. Die Apostel waren nur eine Kleine Schar. Als sie aber an diesem Pfingsttag zu den Menschen von Christus redeten, wurden etwa dreitausend Menschen getauft.

Die Bischöfe sind die Nachfolger dieser Apostel; ich selber bin der Nachfolger des heiligen Petrus. Wir sagen euch Kindern: Ihr müßt uns helfen. Wenn der Bischof oder ein von ihm Beauftragter die Firmung spendet, sagt er damit auch: Ich rechne auf dich, Christus braucht dich, seine Kirche braucht dich!

Am besten gebt ihr die Frohe Botschaft weiter, wenn ihr selbst ganz dahintersteht. Wie geht das? Ich nenne euch ein paar Beispiele; Feiert an jedem Sonntag die Messe mit – eure Kameraden werden das merken und darüber zu reden –, dann seid ihr Boten Christi. Seid ehrlich, auch wenn es Nachteile bringt – dann seid ihr Apostel der Wahrheit Christi.

In eurem Land gibt es darüber hinaus noch eine besonders schöne Gelegenheit, die Frohe Botschaft weiterzugeben: Das ist das Sternsingen. Ich weiß, mit welcher Begeisterung ihr da mitmacht. Ich kann mir aber vorstellen, daß es oft mühsam ist, über weite Wege von Haus zu Haus zu gehen und vor fremden Menschen zu stehen. Ich weiß aber auch, wie sehr sich die meisten Leute freuen, zu denen ihr kommt. Nur selten werdet ihr abgewiesen. Ich freue mich mit euch, daß ihr so viele Gaben zusammenbringt, mit denen unseren Missionaren und so vielen Menschen in Not auf der weiten Welt geholfen wird. Ich danke euch dafür.

Alle Menschen brauchen das Evangelium. Ihr wißt, wieviel Krieg und Hunger es auf der Erde gibt. Auch in Ländern, in denen Wohlstand herrscht, gibt es so viele Menschen, die traurig sind, die mit ihrem Leben nichts Rechtes anzufangen wissen. Viele haben die Verbindung mit Gott verloren. Sie alle brauchen das Evangelium, genauso wie die Leute am ersten Pfingstfest vor der Tür der Apostel. Seid auch ihr Apostel! Ich rechne sehr auf euch. Ihr könnt es ruhig zu Hause sagen: Mutter, Vater! Unser Papst, unser Bischof, unsere Kirche brauchen mich! Ihr gehört zur Kirche; sie lebt von der Kraft des Heiligen Geistes. Er wird euch stärken!

Darüber freuen wir uns gemeinsam; dafür feiern wir heute unser Fest, drinnen und draußen.

3. Teil: Zum Abschied

Liebe Kinder, große und kleine Christen!

Nun muß ich mich bald von euch verabschieden. Ich kann dabei nicht allen die Hand reichen. Ich mache es beim Abschied deshalb so, wie es am Schluß der Messe eure Priester tun: Ich spende euch meinen Segen. Dabei mache ich mit der Hand ein Kreuz über euch.

Warum aber gerade ein Kreuz? Weil es uns am kräftigsten daran erinnert, daß Jesus Christus bis zum letzten für uns eintritt, daß er uns mit ganzer Treue liebt. Wenn ich jemanden segne, dann rufe ich gleichsam ein Leuchten von Gottes Güte für ihn herbei, und zugleich sage ich: Bleib in der Nähe der Güte Gottes! Sei glücklich, freue dich über die Liebe Christi, lebe aus ihrer Kraft! Du kannst nicht immer gesund sein, nicht immer erfolgreich; aber du kannst immer mit Christus sein und an seiner Seite Mut finden.

Unser Herr ist wegen seiner Gottestreue gekreuzigt worden. Das ist geschehen am Weg vor der Stadt, dort wo viele Menschen vorbeikamen. Über seinem Haupt wurde eine Tafel angebracht mit seinem Namen und, daß er der König der Juden sei. Wer diese Tafel ans Kreuz nagelte, wollte Jesus verspotten. Sie haben nicht gewußt, daß sie die Wahrheit schrieben: ja, er ist wie ein guter, starke König, ein König für die ganze Welt. Damals schüttelten viele den Kopf, als sie ihn voller Wunden und Schmerzen sahen. Diese Leute kannten Könige mit großer Macht, Könige, vor denen man sich fürchten mußte. Doch solche Könige haben sie meist nicht geliebt. Immer mehr Menschen aber haben angefangen, Christus, diesen König am Kreuz, zu lieben, weil er gerade durch das Kreuz zeigte: Niemand liebt dich so wie er; niemand gibt so viel um dich. Der Segen mit dem Kreuzzeichen erinnert uns an all das.

Ich hoffe, daß ihr zu Hause ein Kreuz habt, vielleicht auch schon ein eigenes. Auf vielen eurer Berggipfel steht ein Kreuz. Liebe dieses Zeichen des Kreuzes! Verehrt es! Wenn ich jemanden liebe und schätze, dann rede ich gern und vertrauensvoll mit ihm. Lernt so, mit eurem Freund und Vorbild Jesus Christus zu sprechen, lernt beten! Betet oft allein, vor allem am Anfang und Ende eines jeden Tages. Es ist aber auch schön und wichtig, wenn bei euch daheim gemeinsam gebetet wird. Wenn du all das tust, wirst du Jesus Christus immer besser kennenlernen; du wirst ihn besser verstehen und auch dein eigenes Leben mit seinen Augen zu sehen lernen.

Ein ganz tiefes, festliches ”Gespräch“ mit Christus ist es, wenn wir gemeinsam die heilige Messe feiern. Das hat Jesus ja gemeint, als er sagte: ”Tut dies zu meinem Andenken!“ In der Messe sind wir mit dem Leiden und Sterben, mit der Auferstehung und dem göttlichen Leben Christi ganz eng verbunden.

Ihr habt wunderschöne Kirchen. Sie wären aber tot, wenn wir sie nicht erfüllten mit unserem Beten und Singen, mit unsere großen Dankbarkeit für die Geschenke Gottes. Ein Mensch, der nicht danken kann, ist sehr arm, wenn er auch alle Reichtümer besäße. Und das schönste Land wird arm, wenn nicht in den vielen Kirchen, vor allem am Sonntag, dem Tag der Auferstehung, dieser gemeinsame Dank vor Gott erklingt.

Liebe Kinder, so will ich euch nun alle zum Abschied segnen mit dem Kreuz, dem Zeichen der Liebe Christi, im Namen des dreieinigen Gottes. Gott behüte und bewahre euch alle! Es segne euch der allmächtige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

Ich werde euch nun ohne Text etwas sagen. Heute morgen hat man in Innsbruck probiert, ob der Papst noch eine Skierfahrung hat. Und jetzt nachmittags vielleicht sollte man probieren, ob er auch Schlittschuhläufer ist oder war. Diese Halle ist ja für Schlittschuhläufer. Natürlich nicht jetzt, sondern im Winter. Also ich sage euch, diese Erfahrung habe ich auch in meiner Jugend, in meiner Kindheit gemacht und ich bin sehr zufrieden, daß ich hier in dieser Halle mit euch das erinnern kann. Als Kind war ich Schlittschuhläufer, als junger Mann, als Priester, als Bischof, als Papst bin ich ein bißchen Skiläufer geblieben. Wenn es in der Welt eine Stadt gibt, in der man das sagen soll, ist es natürlich Innsbruck und Vorarlberg. Also ich sage euch, es ist für mich eine schöne Erinnerung aus der Zeit, in der ihr jetzt lebt. Ihr seid jetzt Kinder und jeder von uns war auch einmal ein Kind, ein Bube oder ein Mädchen. Natürlich jeder von uns, auch der Älteste. Ich weiß nicht, wer der Älteste unter uns ist. Aber jeder war einmal ein Kind. Diese Erinnerungen aus der Zeit der Kindheit sind für uns sehr wichtig. Und man kann sagen, daß alles im Leben abhängig ist von der Zeit der Kindheit, wie man diese Zeit, die erste Zeit des Lebens, gelebt hat. Das heißt auch von der Familie, von der Schule, d. h. die Eltern und Geschwister, die Kameraden in der Schule, das alles und natürlich auch Pfarrei, verschiedene Jugendorganisationen, die auch hier anwesend sind und für das ganze Programm gearbeitet haben. Ich danke ihnen für diese Begegnung. Und ich muß sagen, daß das sehr gut vorgeschlagen war, am Ende meines Besuches in Österreich so eine Begegnung zu organisieren.

Diese Begegnung mit den Kindern läßt uns am meisten über die Zukunft nachdenken. Wenn wir in die Zukunft schauen, dann müssen wir vor allem mit ihnen diese Zukunft sehen und vorschlagen. Die Zukunft ist immer in den Händen der Jüngsten. Deshalb, wenn die Kirche Österreichs und die Gesellschaft mit der Kirche über die Zukunft nachdenkt, dann muß man mit der Jugend und mit den Kindern stark in Kontakt bleiben. Und die Kirche der Zukunft zusammen mit ihnen bauen. Eure Kameraden draußen haben während dieser Zeit, in der wir hier sind, eine Kirche gebaut. Man soll die Kirche der Zukunft mit euch bauen, mit den Kindern! Und wenn ich sage: die Kirche, so denke ich natürlich an die Kirche in der Diözese Vorarlberg, in der Diözese Innsbruck, an alle Kirche in Österreich. Aber nicht nur an sie. Ich denke an die Weltkirche, an die Kirche in der ganzen Welt. Und es freut mich sehr, daß die österreichischen Kinder so an die Kirche denken, daß sie an die Kirche in der ganzen Welt denken. Das sieht man und das spürt man. Das sieht man vielleicht am meisten in den ”Sternsingern“. Sie singen in Österreich in den Häusern, aber sie denken an die Weltkirche. Was sie von den guten Leuten bekommen, das alles spenden sie für die Missionen. Also so ist die Weltkirche in euch schon anwesend. Und ich bin mit euch. Ihr wißt sehr gut, daß der Papst in zwei, drei Stunden nach Rom zurückkehren muß. Ihr wißt aber auch, daß der Papst von Zeit zu Zeit verschiedene Kirchen in der ganzen Welt besucht, so wie jetzt in Österreich. Und beim Anlaß solcher Besuche in den verschiedenen Ländern da begegne ich auch Kindern und Jugendlichen. Das letzte Mal bin ich den Kindern in Bolivien begegnet. Das war wunderschön. Ich kann nicht sagen, was schöner war, in Bolivien oder hier. Dort war es im bolivianischen Stil, hier natürlich im österreichischen. Wenn man hier Kinder sagt, dann sagt man in Bolivien und in Lateinamerika und sogar in Spanien ”Los niños“. Ein schönes Wort. Ihr könnt zu Hause erzählen, was euch der Papst gesagt hat. Der Papst hat uns gesagt, daß wir ”Los niños“ und ”Las niñas“ sind. Im Namen dieser aller Kinder aus der ganzen Welt, denen ich bei meinen Papstbesuchen begegne, begrüße ich euch alle, Kinder von Österreich. Und im Namen der hier anwesenden Kinder von Österreich werde ich alle anderen Kinder in der Welt grüßen, weil wir alle der einen Kirche angehören, der Kirche Jesu Christi und in Jesus Christus sind wir alle eins, alel Christen und alle Kinder Gottes in der ganzen Kirche. Ich danke euch für diese Begegnung.

Predigt bei der Marianischen Feier in der Basilika Wilten

Liebe Brüder und Schwestern!

Die Kirche beendet in ihrem Stundengebet jeden Tag mit einem Gruß an die Gottesmutter. So möchte ich nun auch meinen Pastoralbesuch in Österreich, gerade in diesem Marianischen Jahr, mit einem Gruß an Maria in eurer Gebetsgemeinschaft beschließen. Dazu haben wir uns vor dem ehrwürdigen Gnadenbild, ”Maria unter den vier Säulen“ hier in Wilten versammelt. Die Verehrung der Gottesmutter steht nicht am Rande unseres Glaubens, sondern gehört zum Herzen der Erlösungsbotschaft.

In Maria leuchtet die Sonne des Heils auf, das uns in Christus geschenkt ist. Betrachten wir nun gemeinsam den großen Reichtum dieses Heiles!

1. IN MARIA IST DAS WUNDER DER WUNDER GESCHEHEN, DIE MENSCHWERDUNG GOTTES

”Und das Wort ist Fleisch geworden, und hat unter uns gewohnt“. Diese entscheidende Botschaft des christlichen Glaubens ist von Maria nicht zu trennen. In ihr hat das Heil auf dieser Erde seinen Anfang genommen. Und so verweist Maria auf den Sohn Gottes, der ihr Kind und unser Bruder wurde, in dem allein unsere Hoffnung und unser Trost liegen.

Dieser Hinweis auf die Mitte des Glaubens, den uns Maria ständig gibt, ist stets zeitgemäß. Immer mehr Menschen suchen wieder nach der Mitte ihres Daseins. Dieses Suchen mag manchmal auf Irrwege geraten; aber es will ernstgenommen werden. Viele fragen neu nach den Wahrheiten des Glaubens. Ja, gerade junge Leute geben sich nicht zufrieden mit vordergründigen Auskünften. Vielmehr fragen sie hartnäckig nach Gott, nach Christus und dem Geheimnis der Kirche. Und damit fragen sie nach der Wahrheit ihres Lebens. Sprechen nicht gerade die Wallfahrten immer mehr Menschen an? Wallfahrten sind aber ein Teil der Pilgerschaft des Volkes Gottes. Sie sind eine betende Wanderung zur Mitte hin, zum Wesentlichen unseres Lebens.

Bitten wir die Mutter Gottes, die uns in ihrem Sohn diese Heimat, diese Mitte geschenkt hat, daß alle Glieder der Kirche von der Sehnsucht danach erfaßt werden und wir uns nicht in Nebensächlichkeiten verlieren. Diesem Ziel müßten alle unsere Einrichtungen, besonders jene der Katechese und der Bildung, dienen. Bitten wir auch die Mutter Gottes, daß die Kirche in der weiten Welt wie in Österreich und in Tirol die rechte Sprache im wahren Glauben finde, damit sie die Menschen tiefer hineinzuführen vermag in die Fülle der christlichen Botschaft von der Wahrheit, die frei macht. Marias letztes Wort im Evangelium stellt ein Vermächtnis für uns dar: ”Was er euch sagt, das tut!“.

2. IN MARIA SEHEN WIR DIE MACHT DER GNADE

Die Jungfrau und Mutter von Nazaret ist jener Mensch, in dem sich der Himmel auf die Erde neigt. Wie eine geöffnete Schale hat sich Maria der verschenkenden Liebe des Allmächtigen dargeboten. Aber was Maria tut, das tut sie bereits aus Gnade. Sie schenkt auch uns die Gewißheit, daß Gott uns liebt und beschenkt. Er ist der Erste, und wir empfangen. Er spricht zuerst, und wir hören. Er ist das Wort, und wir sind die Antwort. Darum sagt der Engel zu ihr: ”Du bist der Gnade“. Diese wunderbare Erinnerung, ein wesentlicher Teil unseres Glaubens, hat ebenso hohe Bedeutung für die Gegenwart.

Noch nie in seiner Geschichte hat der Mensch die Gestaltung der Erde so sehr in die Hand nehmen können wie heute. Noch nie war seine Macht so groß und erfolgreich. Noch nie aber war ihm die Versuchung so nahe, alles machen zu wollen, was er kann, ohne zu fragen, ob wir es auch dürfen. Die uralte Stimme des Verführers von Anbeginn ”Ihr werdet wie Gott“ ist keineswegs verstummt.

Doch gerade am Ende dieses Jahrhunderts ahnen wir, daß unsere Fähigkeit zu großen Taten der Wissenschaft und Technik ebenso die Bereitschaft braucht, sich von Gott beschenken zu lassen. Sonst wird unser Können wegführen vom Menschen, ja ihn zerstören, weil wir unser Maß verlieren, das Urmaß, das wir nur in Gott, dem Schöpfer finden können.

Bitten wir deshalb in dieser Stunde, daß wir dankbar die Gaben annehmen, die Gott uns schenkt: das Vertrauen auf ihn, die geduldige Treue in Ehe und Familie, die Tapferkeit, ein Kreuz zu tragen, die Bereitschaft, das Herz für andere einzusetzen. Wie sehr ist doch dafür die Jungfrau Maria ein leuchtendes Vorbild! Sie hat die Liebe Gottes angenommen, und so wurde ihr Leben fruchtbar für das Heil der Welt.

Wer die Macht der schenkenden Gnade erfaßt hat, wird sich den Sinn für das Gebet bewahren. Wer nichts annehmen will, wird meinen, das Gebet sei überflüssig. Bei Maria, die schweigt, betet und alle Worte Gottes im Herzen erwägt, können wir heutige Menschen in die Schule des Gebetes gehen; dann wird sich auch in unserem Leben die Macht, die Größe und die Liebe Gottes entfalten.

3. MARIA LEHRT UNS DIE FREIHEIT UND WÜRDE DES DIENENS

”Siehe, ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort“. In dieser Antwort Marias ist wohl das Schönste gesagt, was ein Geschöpf zu seinem Schöpfer sagen kann. Sie ist voll hellhöriger Liebe, die auf das eingeht, was der Herr will. Sie steht in äußerstem Gegensatz zu jener stolzen Stimme des gefallenen Engels, der sein rebellisches ”Ich will nicht dienen“ gegen Gott geschleudert hat. Maria dagegen hat mit ihrer Antwort den Gläubigen aller Zeiten das Tor zur wahren Freiheit und Würde geöffnet.

So viele Güter der Erde und des Lebens stehen uns zur Verfügung. Wirklich notwendig ist uns aber eine Zivilisation der Liebe, eine neue Kultur menschlicher Gemeinschaft. Sonst wird diese Welt nie wohnlich und menschenwürdig werden.

Maria hat ihrem Kinde mit der Hilfe Josefs Wohnung und Schutz gegeben. Die ganze Kirche kann sich darin am Haus von Nazaret orientieren. In ihm herrscht Bereitschaft zum Dienen: Maria nannte sich eine ”Magd“, und ihr göttlicher Sohn hat den Seinen die Füße gewaschen. ”Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein“. Und Josef hat durch seine Arbeit das tägliche Brot für sich und die anderen verschafft. In der Atmosphäre gegenseitiger Hilfe ist Jesus als Kind aufgewachsen, und diesen Einsatz hat er fortgeführt bis zur letzten und größten Hingabe in seinem Tod am Kreuz.

Der ganze Mensch wird gesund, wenn er den rechten Geist des Dienens entwickelt. Er atmet die große innere Freiheit, die ein Zeichen seiner unauslöschlichen Würde ist.

Maria hat ein verborgenes, bescheidenes Leben geführt. Damit sie gerade den Menschen im Schatten, den Menschen ohne zählbaren Erfolg, den unauffälligen Menschen ihre wahre Größe vorgezeichnet.

4. So schauen wir mit Dankbarkeit auf das liebliche Bild unserer Mutter, der Jungfrau Maria. Wir wissen um die Macht ihren Fürsprache. Sie nimmt alles, was uns bewegt und bedrückt, in ihre gütigen Hände und trägt es zu ihrem Sohn, so wie sie bei seinem ersten Wunder zur Dolmetscherin kleiner und großer menschlicher Sorgen wurde: ”Sie haben keinen Wein mehr“. So spricht sie zu ihm auch heute, wenn uns der Mut, die Treue, die Hoffnung verloren gehen.

Nun muß ich mich von euch verabschieden, und ich bin dankbar, daß ich es zunächst hier an diesem geheiligten Ort tun kann. Ich weiß eure Sorgen und Anliegen und auch meine eigenen Bitten in den Händen der Gottesmutter gut aufgehoben. So empfehlen wir uns alle ihrer Fürbitte und der machtvollen Gnade ihres Sohnes Jesus Christus. Sein Name sei gelobt! Amen.

Abschiedsansprache auf dem Flughafen Innsbruck

Liebe Brüder und Schwestern!

1. Schon ist der Augenblick des Abschieds gekommen. Voll neuer und eindrucksstarker Erlebnisse kehre ich aus diesem schönen Land der Berge, Täler und Seen, das zugleich reich ist an kunstvollen Kirchen und Klöstern und alten religiösen Bräuchen, wieder nach Rom zurück. Viele Begegnungen mit einzelnen Personen, mit Gruppen und vor allem dem gläubigen Volk Gottes bei den feierlichen Gottesdiensten in den verschiedenen Diözesen haben sich mir tief eingeprägt und werden unvergeßliche Erinnerungen an diesen meinen zweiten Pastoralbesuch in Österreich bleiben.

An erster Stelle danke ich Gott, dem Geber alles Guten, für diese intensiven Tage des geistigen Austausches, des gemeinsamen Gebetes und der Besinnung auf unsere christliche Sendung als einzelne und als Kirche in der Welt von heute. Ihnen, Herr Bundespräsident, danke ich für Ihre freundlichen Abschiedsworte sowie für die herzliche Gastfreundschaft, die Ihr Land und seine Bürger mir und meiner Begleitung auch dieses Mal wieder so großzügig gewährt haben. Ein besonderes Wort des Dankes gilt meinen Mitbrüdern im Bischofsamt für ihren hingebungsvollen Dienst im Volke Gottes und ihre treue Verbundenheit mit dem Nachfolger des Apostels Petrus, die sie in diesen Tagen inmitten ihrer Gläubigen und Ortskirchen eindrucksvoll bekundet haben. Zusammen mit ihnen danke ich sodann auch den Vertretern des öffentlichen und kirchlichen Lebens, den Sicherheits- und Ordnungskräften sowie allen Helferinnen und Helfern, die es durch ihren großen Einsatz ermöglicht haben, daß diese Tage meines Pastoralbesuches wieder zu einem frohen Fest des Glaubens werden konnten. Eine besondere Freude hat es mir bereitet, daß sich auch Christen jenseits der Grenzen in so großer Zahl an unseren Begegnungen haben beteiligen können.

2. Im Auftrag Jesu Christi, als Zeuge seiner frohmachenden Botschaft, bin ich zu euch gekommen, liebe Brüder und Schwestern, um euch im Glauben zu bestärken und euch als Jünger Christi in eurer Sendung in Kirche und Gesellschaft zu ermutigen. Seid euch immer dessen bewußt: Die kostbare Schönheit eurer Heimat, die von so vielen Menschen gesucht und dankbar angenommen wird, bedarf dazu besonders eures lebendigen Glaubenszeugnisses Die vielen religiösen Zeichen und Denkmäler in eurer Landschaft, die von gläubigen Menschen geschaffen wurden, Kirchen, Kapellen, Wegkreuze, sind ein verpflichtendes Erbe, das es immer wieder neu mit Leben zu füllen gilt. Die wahre Schönheit wird dem Menschen erst durch die Gnade des Glaubens geschenkt. Wir sehen das an der einfachen Frau aus dem Volk, in Maria. Und wenn gerade in eurem Land so viele ”schöne Madonnen“ von Künstlerhand geschaffen worden sind, in Freude aufbewahrt und verehrt werden, so soll dies euch stets daran erinnern: Euer Land, das durch so viele natürliche Vorzüge ausgestattet ist, braucht dazu vor allem euren gelebten Glauben und euer Apostolat, damit die Gnade die Schöpfung vollende. Es braucht euer überzeugendes ”Ja zum Glauben“, damit dann euer ”Ja zum Leben“ um so echter und wirksamer wird.

Euer Zeugnis für Christus wird um so überzeugender sein, je mehr es in einmütiger Gemeinschaft zusammen mit anderen, in enger Verbindung mit euren Gemeinden und dem ganzen Volke Gottes geschieht. Hütet und vertieft unter euch darum vor allem das hohe Gut der Einheit und des gemeinschaftlichen Bekenntnisses in Aufrichtigkeit und gegenseitiger Liebe. Durch innere Einmütigkeit und aufrichtige Bruderliebe zeichnete sich die Urgemeinde der Christen aus; sie sind auch heute noch das überzeugendste Merkmal für die Jünger Jesu Christi, damit die Welt glaube. In derselben Großmut und Liebe, die ihr euch gegenseitig erweist, werdet ihr dann auch mit allen Schwestern und Brüdern in Not euren Reichtum an geistigen und materiellen Gütern teilen.

Ich möchte mich von euch verabschieden mit den ermutigenden Worten des Apostels Paulus an die Korinther und euch mit ihm zurufen:

”Seid wachsam, steht fest im Glauben,/ seid mutig, seid stark! Alles, was ihr tut,/ geschehe in der Liebe“.

Gott segne und beschütze euch und euer Land! – Grüß Gott!

Anmerkungen

  1. Ab hier bis Nr. 9 in deutscher Sprache: aus: Der Apostolische Stuhl 1988, S. 625.

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