Zehn Thesen über den Zölibat

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Zehn Thesen
der Deutschen Bischofskonferenz
über die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen
30. November 1969
(Quelle: Kirchliches Amtsblatt für die Erzdiözese Paderborn, Herausgegeben vom erzbischöflichen Generalvikariat, 113. Jahrgang [1970] Stück 3, 18. Februar 1969, S. 16-19, Nr. 34).


I. Gerade in der Welt von heute ist die um des Himmelreiches willen gelebte Ehelosigkeit des Priesters ein eschatologisches Zeichen, das der gläubigen Gemeinde zeigt, wohin sie eigentlich unterwegs ist.

Bei aller Vielfalt und Gegensätzlichkeit der weltanschaulichen Auffassungen lassen sich in der modernen pluralistischen Gesellschaft doch zwei Grundzüge erkennen: eine weitverbreitete rationalistische und naturalistische Denkweise, die an die Machbarkeit der Welt glaubt, dem Religiösen und übernatürlichen jedoch kritisch und fremd gegenüber steht, sowie die auffallend starke Weitung des materiellen Lebensstandards. Diesem Horizontalismus gegenüber ist die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen eine Herausforderung und eine gültige Form radikaler Jüngerschaft, und es wäre irrig, ihr etwa den Einsatz in den Entwicklungsländern als eine verständlichere und bessere Zeugnisform entgegenzusetzen.

Der unverheiratete Priester, so lehrt das Zweite Vatikanische Konzil, ist "ein lebendiges Zeichen der zukünftigen, schon jetzt in Glaube und Liebe anwesenden Welt, in der die Auferstandenen weder freien noch gefreit werden". Er weist durch sein Leben "auf jenen geheimnisvollen Ehebund hin", in dem die Kirche einem einzigen Bräutigam, Christus, vermählt ist, und er wird "leichter ungeteilten Herzens" und "ungehinderter" Christus folgen und "in reichem Maße den Dienst der Vaterschaft in Christus" übernehmen können. Mithin ist die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen, wenn sie auch nicht "von der Natur des Priestertums notwendig gefordert" wird, doch "in vielfacher Hinsicht dem Priestertum angemessen" (Konzilsdekret "Presbyterorum ordinis", 16). Die priesterliche Ehelosigkeit ist "Ausdruck unserer vollen Verfügbarkeit für das uns total in Anspruch nehmende Amt" (Schreiben der deutschen Bischöfe über das priesterliche Amt" vom 11. Nov. 1969, S. 78). Die eigentliche Frage, vor die der Priester in der modernen Gesellschaft gestellt ist, lautet: Ist der unsere ganze Existenz bis zum Letzten, bis zum Äußersten anfordernde Dienst (vgl. 2 Tim 4,5), Vater und Bruder einer Gemeinde zu sein und in ihr das Amt der Versöhnung zu tun, auch heute noch eine lohnende und notwendige Aufgabe? Wer auch nur ein wenig vom Ringen und Suchen des Menschen von heute weiß, wird es nicht wagen, diese Frage mit Nein zu beantworten.

Der holländische Journalist MicheI van der Plas, der an der fünften Plenarversammlung des holländischen Pastoralkonzils teilgenommen hat, schrieb am 17. Januar 1970 in "Elseviers Weekblad", er habe sich darüber gewundert, daß es auf der Plenarversammlung kaum zu einer "positiven Behandlung" der Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen gekommen sei. Als der Jesuitenpater Dr. van der Meer Zeugnis für die Ehelosigkeit habe ablegen wollen, habe er einen "murrenden Nörglersaal" gegen sich aufgebracht. Das ist bedauerlich.

II. Der Vorwurf, die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen mache den katholischen Priester weltfremd und hindere ihn daran, diese Welt zu heiligen und die irdischen Lebensverhältnisse auf das Ewige auszurichten, ist theologisch falsch und widerspricht den geschichtlichen Tatsachen.

Der Prior der evangelischen Mönchsgemeinschaft von Taize, Roger Schutz, hat auf der fünften Plenarversammlung des holländischen Pastoralkonzils eine Botschaft verlesen lassen, die uns aufhorchen läßt. "Männer und Frauen, die den Zölibat für Christus leben", so heißt es in dieser Botschaft, haben damit "einen Auftrag zur grenzenlosen Offenheit empfangen, ein tief menschliches Verständnis für jede Situation, für jeden Nächsten"; sie sind "um Christi und der Frohbotschaft willen gerufen, im Zölibat Bruder (oder Schwester) aller zu sein". Die geforderte Offenheit für alle Menschen muß der ehelos lebende Priester immer als Ziel vor Augen haben, auch wenn - infolge menschlicher Schwäche - die Verwirklichung oft hinter der Forderung zurückbleibt.

Auch die Geschichte lehrt, daß die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen den Priester keineswegs blind macht für die Nöte der Menschen und für die Mißstände in Gesellschaft und Wirtschaft. Im 19. Jahrhundert, dem Jahrhundert der "Sozialen Frage", haben sich die katholischen Priester keineswegs auf individuelle Tröstungsversuche, auf bloße "Jenseitsbezogenheit" beschränkt, sondern der Seelsorge den Weg in das moderne soziale Leben geöffnet. In der katholischen Arbeiterbewegung, in der Kolpingsfamilie, im Volksverein, in der Caritasbewegung usw. haben katholische Priester gemeinsam mit den Laien Hervorragendes geleistet.

III. Das Zweite Vatikanische Konzil hat sich weder gegen die Belange der Kirche noch gegen die Rechte irgendeines Menschen vergangen, als es bestimmte, daß nur jene Männer zu Priestern geweiht werden dürfen, an die ein doppelter Gnadenruf Gottes ergangen ist: der Ruf zum Priestertum und der Ruf zur Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen.

Im Oktober 1965 fand in der Konzilsaula eine eigene Abstimmung darüber statt, ob die priesterliche Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen erhalten bleiben solle (Konzilsdekret "Optatam totius", Nr.10, erster Satz, über den gesondert abgestimmt wurde). Von 1989 Stimmberechtigten stimmten 1971 dafür, 16 dagegen. Zwei Stimmen waren ungültig. Bei der Schlußabstimmung über das Priesterdekret am 7. Dezember 1965 haben sich die Konzilsväter mit der überwältigenden Mehrheit von 2390 ja-Stimmen gegen 4 Nein-Stimmen für die Beibehaltung der priesterlichen Ehelosigkeit in der lateinischen Kirche entschieden.

Nicht selten wird behauptet, in der Welt von heute sei die Kirche kraft göttlichen Rechtes verpflichtet, auf die Ehelosigkeit der Priester zu verzichten, weil nur auf diese Weise eine ausreichende Zahl von Priesterberufen gesichert werden könne. Viele seien zwar zum Priestertum, aber nicht zur Ehelosigkeit berufen. Die "Entkoppelung" von Priesteramt und Zölibat sei ein Gebot der Stunde. Das Zweite Vatikanische Konzil hat zu dieser Frage ein entscheidendes Wort, ein Sc h I ü s s e I w o r t gesprochen. Es stellt das Bekenntnis zum priesterlichen Zölibat unter das Zeichen der Hoffnung auf Gott. Die Kirche, so sagt das Konzil, vertraut darauf, daß der Vater "die Berufung zum ehelosen Leben" einer ausreichenden Zahl von Männern verbunden mit der Berufung zum Priestertum geben wird, wenn die Priester "zusammen mit der ganzen Kirche demütig und inständig darum bitten" ("Presbyterorum ordinis", 16). Papst Paul VI. hat in seinem Weltrundschreiben über die priesterliche Ehelosigkeit das Festhalten der Kirche zum Zölibat erneut bekräftigt. In den Bistümern der Bundesrepublik Deutschland sind im Jahr 1969 rund 250000 Knaben katholisch getauft worden. Ist es vermessentlich, wenn wir Gott bitten, daß er etwa 800 dieser Jungen die doppelte Gnadengabe der Berufung zum Priestertum und zur Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen schenken möge?

IV. Die "Entkoppelung" von Priesteramt und Zölibat wird auf die Dauer nicht zur Behebung des Priestermangels führen.

Die Richtigkeit dieser Ausage wird durch die Verhältnisse in den orthodoxen und evangelischen Kirchen bestätigt. Die vom alexandrinischen Patriarchat herausgegebene Zeitschrift "Pantainos" (Jan. 1969) klagt, daß es in der griechisch-orthodoxen Kirche Ägyptens - trotz der Priesterehe - fast keine Berufe mehr gebe. In der anglikanischen Kirche ist der Priesternachwuchs "zahlenmäßig mangelhaft" (K. Algermissen, Konfessionskunde, 8. Auf!., 1969, S. 506). Auf dem Symposion der europäischen Bischöfe in Chur erklärte Kardinal Suenens am 10. Juli 1969: "Die protestantischen Kirchen von England haben 3000 unbesetzte Stellen, obwohl sie verheiratete Geistliche haben". Die evangelische Kirche West-Berlins berichtet, daß von 373 Pfarreien 50 nicht besetzt sind. Die lutherische Kirche Oldenburgs zählt 583 000 Mitglieder, aber - trotz Heirat - nur etwa 200 Pastoren. Demgegenüber haben die 216 000 Katholiken Oldenburgs - trotz Zölibat - der Kirche 362 Priester geschenkt, die in Oldenburg, in anderen Teilen Deutschlands und in der Weltmision wirken. Wie das Ja zur Ehelosigkeit, so ist auch das Ja zum priesterlichen Dienst eine Entscheidung des Glaubens. Die Kirche ist in ihrer Geschichte noch nie durch ein Weniger, sondern immer nur durch ein Mehr an Christushingabe erneuert worden.

V. Wie die Berufung zum Priestertum, so ist auch die Berufung zur Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen eine gnadenhafte Erwählung durch Jesus Christus.

Christus verheißt jenen die Gaben Gottes, die "um des Reiches Gottes willen" bereit sind, "Haus oder Eltern oder Geschwister oder Frau oder Kinder" zu verlassen (Lk 18,29; Mt 19,29). Sowohl die Berufung zum Priestertum als auch die Berufung zur Ehelosigkeit sind nur im Glauben zu begreifen. Beide sind ihrem Wesen nach auf die Gemeinschaft der Kirche bezogen. Es wäre deshalb falsch, das Priestertum als auf die Kirche bezogenes Amt der angeblich rein individuellen Gnadengabe der Ehelosigkeit gegenüberzustellen.

Gewiß, die Ehelosigkeit bedeutet einen erheblichen Einschnitt in das menschliche Leben, da "tiefere Neigungen der menschlichen Natur" sehr unmittelbar berührt werden (Konzilsdekret "Perfectae caritatis", 12). Nur wer die Zeichen der Berufung ernst und nüchtern geprüft hat und zu der Überzeugung gelangt ist, daß Gott ihm diese Gnadengabe geschenkt hat, darf im Vertrauen auf den Herrn das Wagnis in freier Entscheidung auf sich nehmen: "Wer es fassen kann, der fasse es" (Mt 19, 12).

Die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen ist weder ein geschlechtsfeindlicher Manichäismus noch eine Beschämung der Verheirateten, sondern ein einzigartiger Ausdruck bräutlicher Liebe zu Christus. In der Welt von heute ist auch die Ehe nicht leicht. Das zeigt die Zahl der 535 049 Ehen, die in den Jahren 1958 - 1967 in der Bundesrepublik geschieden worden sind. Der ehelose Priester soll für die Brüder und Schwestern da sein als Diener ihrer Freude (vgl. 2 Kor 1, 24l.

VI. Der Vorwurf, die Kirche zwinge durch die Koppelung von Priestertum und Zölibat jemanden zur Ehelosigkeit, ist eine Verleumdung.

Die Kirche fragt die jungen Männer eines Bistums, wer von ihnen davon überzeugt sei, daß ein doppelter Gnadenruf Gottes an ihn ergangen ist: der Ruf zum Priestertum und der Ruf zur Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen. Die Entscheidung setzt ein jahrelanges Prüfen der Zeichen der Berufung voraus. Gott ruft nicht durch eine göttliche Stimme oder durch ein wunderbare Eingebung, sondern durch konkrete Zeichen, durch die auch sonst einem gläubigen Christen der Wille Gottes im täglichen Leben klar wird. Solche Zeichen der Berufung sind die beharrliche innere Neigung, das Angesprochensein, die psychische, physische, sittliche und geistige Eignung, die Reinheit der Beweggründe sowie die Annahme durch die Kirche. Der Bischof ist nur dann berechtigt, einem Diakon bei der Priesterweihe die Hände aufzulegen, wenn der Diakon nach ernster und nüchterner Prüfung zu der redliche Überzeugung gelangt ist, daß der Herr ihm die doppelte Gnadengabe geschenkt hat. Wer das Priestertum anstreben, die Ehelosigkeit jedoch als "pflichtmäßig mit der Übernahme der Priesterweihe verbunden", das heißt als "von einem anderen her festgelegt annehmen würde (eine solche Gesinnung unterstellt Anton Antweiler im Klerusblatt, 15.1.1970 Seite 28 den Weihekandidaten), ohne sich ernstlich geprüft zu haben, ob der Herr ihm die Gnade de "Fassenkönnens" gegeben hat, würde vermessentlich und sündhaft handeln. Im "Schreiben der deutscher Bischöfe über das priesterliche Amt" vom 11. Novem ber 1969 heißt es ausdrücklich (Seite 78l, daß die "uns von Jesus Christus ermöglichte Ehelosigkeit" eine "Gnadengabe" ist, die wir "um des Himmelreiches willen" also nicht als lästige, von außen auferlegte Bedingung übernehmen. Auch die französische Bischofskonferem hat sich auf ihrer Vollversammlung zu Lourdes im November 1969 zur "Ganzhingabe des Zölibats" kraft der Gnade Gottes bekannt. Weil der Bischof niemanden zwingt, Priester zu werden, zwingt er auch niemanden, ehelos zu leben. Die Freiheit der Entscheidung liegt beim vom Herrn Angerufenen selber. Die Kirche erklärt lediglich, daß sie niemanden zum Priester weiht, der nicht nach redlicher Selbstprüfung davon überzeugl ist, daß der Herr ihm die doppelte Gnadengabe des Priestertums und der Ehelosigkeit geschenkt hat.

Der holändische Dekan Joosten von Echt erklärte auf dem holländischen Pastoralkonzil: "Wir zölibateren Priester haben als freie Männer dieses Priesteramt gewählt. Wir wünschen nicht als zahnlose Muffel angesehen zu werden. Wir sind keine Trottel, es sei denn in der Torheit des Kreuzes, welche der Herr seliggepriesen hat."

Nicht selten wird gesagt, der Zölibat gehöre in die klösterliche Gemeinschaft, könne aber nicht die Lebensform des Bistumspriesters sein. Erstaunlicherweise scheint jedoch die Zölibatskrise in den Klöstern nicht geringer als im Bistumsklerus zu sein. In den Jahren 1964-1968 sind von den 20 000 katholischen Bistumspriestern der Bundesrepublik insgesamt 195 (= 0,97%) und von den 5000 Ordenspriestern 85 (= 1,78%) aus dem priesterlichen Dienst ausgeschieden.

VII. Weil der Mensch selbstverantwortliche Person ist, ist er der endgültigen, nicht mehr widerrufbaren Entscheidung fähig: der endgültigen Entscheidung auf einen anderen Menschen hin in der Ehe, aber auch der endgültigen Entscheidung zur Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen, die der heilige Paulus "das Seligere" nennt (1 Kor 7, 40).

Die Verwirrung des sittlichen Bewußtseins hat dazu geführt, daß heute die Rücknahme einer als endgültig verstandenen Entscheidung von vielen verharmlost oder gar als mutig und heldenhaft hingestellt wird. Gewiß, ein Priester, der später erkennt, daß er sich bei der Prüfung der Zeichen seiner Berufung geirrt hat, erhält von der Kirche Dispens, wie die Kirche auch jenen dispensiert, der die Gnade der Ehelosigkeit durch eigene Schuld - denn auch das ist möglich - verloren hat. Der bereits erwähnte Journalist MicheI von der Plas weist in seinem Bericht über das holländische Pastoralkonzil ("Elseviers Weekblad", 17.1.1970) darauf hin, daß viele Laien mit der Frage ringen, "wie die Entscheidung der Priester für die Ehe mit dem einmal gegebenen Treueversprechen zu vereinbaren ist. Viele sagen: Wir Eheleute müssen uns doch auch an unsere Gelöbnisse halten. Ist das Gelöbnis, den Zölibat, zu halten, weniger bindend als die Treueversprechen der Verheirateten?

VIII. Die Freiheit der persönlichen Entscheidung darf weder durch Druckausübung zur Übernahme der Ehelosigkeit noch durch Druckausübung gegen die Bereitschaft zur Ehelosigkeit beeinträchtigt werden.

Es mag sein, daß in früheren Zeiten junge Männer zum Priestertum und zum Zölibat gedrängt worden sind. Heute droht eher die Gefahr, daß die gegen den Zölibat voreingenommene öffentliche Meinung die Freiheit der Entscheidung zum Zölibat einschränkt. Der Pater von Taize, Roger Schutz, erklärte in der bereits erwähnten Botschaft an das holländische Pastoralkonzil, heute werde die Berufung zur Ehelosigkeit von einigen "im Namen eines integralen Humanismus" in Zweifel gezogen, als ob der Ehelose "unmöglich ein vollwertiger Mensch" sein könne. Um jungen Theologie-Studenten um jeden Preis die Freiheit zu geben, sich n i c h t an die Ehelosigkeit zu binden, nimmt man ihnen schließlich die Freiheit, sich z u r Ehelosigkeit zu bekennen. In ähnlicher Weise wird ja auch versucht, Papst Paul VI. und die Bischöfe durch massiven Druck der öffentlichen Meinung zur "Entkoppelung" von Priestertum und Zölibat zu zwingen.

IX. Die "Entkoppelung" von Priesteramt und Zölibat wird zur "Koppelung" von Priesteramt und Ehe führen.

Die Erfahrungen der Orthodoxen Kirchen, der Anglikanischen Kirchengemeinschaften, der Kirchen des Lutherischen Weltbundes, der Kirchen des Reformierten Weltbundes, der Altkatholiken, der Methodisten, der Baptisten, der Mennoniten usw. zeigen, daß es nach der "Entkoppelung" in etlichen Jahrzehnten auch in der katholischen Kirche keine ehelosen Bistumspriester mehr geben wird. Der Zölibat wird entweder ganz verschwinden - wie in den meisten getrennten Kirchen oder sich wie in den Orthodoxen Kirchen in die Klöster zurückziehen. Die Entscheidung zur priesterlichen Ehelosigkeit ist nämlich bei all ihrer Intimität eine Wir - E n t s c h eid u n g. Wenn 80% der Theologen eines Priesterseminars ihre Mädchen haben, werden sich auch die restlichen 20% dem herrschenden Milieu anschließen. Auch wird es auf die Dauer nicht möglich sein, daß es in einem Dekanat, in dem die meisten Priester ihre Frauen haben, noch zwei oder drei Pfarrhäuser ohne Frau gibt. Hier gilt das soziologische Gesetz des "leichteren Weges".

Der Einwand, die These vom völligen Verschwinden oder vom Rückzug des Zölibats in die Klöster verkenne die innere Macht der göttlichen Gnade, trifft nicht zu. Die Gnadengabe der Ehelosigkeit ist - wie jede Gnade weder Zwang noch Magie, sondern ein Angebot der Liebe Gottes, das der Angerufene in freier Entscheidung annehmen, aber auch zurückweisen kann. Darf man behaupten, daß der Herr mit dem Angebot der Gnadengabe Ehelosigkeit an den evangelischen Kirchen vorbeigehe? Und doch schreibt der evangelische Theologe J. C. Hampe von den evangelischen Kirchen, daß "in ihnen die Ehelosigkeit des Pfarrers gar nicht denkbar" sei. (In: Der Zölibat. Hrsg. von F. Böckle, Mainz 1968, S.23.) Es fehlt hier die Wir-Entscheidung.

Kardinal AIfrink von Utrecht schreibt zwar in einem am 22. Januar 1970 an die Bischöfe MitteIeuropas gerichteten Brief, nach der Entkoppelung werde man nach Mitteln suchen, "die ein gutes Funktionieren des Weltpriester-Zölibats in der Kirche gestatten". Die holländischen Bischöfe seien bereit, "alles ihnen Mögliche" zur Verwirklichung dieses Zieles zu tun. Nähere Angaben werden freilich nicht gemacht. Die geschichtlichen Erfahrungen aller getrennten Kirchen lassen diesen Plan von vornherein als aussichtslos erscheinen.

X. Die Zölibatskrise unserer Zeit darf nicht isoliert gesehen werden. Sie hängt innerlich mit der Priesterkrise und der Glaubenskrise zusammen. [1]

Wie berechtigt es ist, die genannten Krisen in ihrer inneren Verbundenheit zu sehen, zeigt der zur Vorbereitung der fünften Sitzung des holländischen Pastoralkonzils ausgearbeitete "Ontwerp-Rapport". Besonders die Aussagen, die in diesem Schriftstück über das priesterliche Amt und über die Sendung der Kirche gemacht werden, sind bestürzend.

Wir Bischöfe fragen: Können Männer oder Frauen ohne Priesterweihe die Eucharistie feiern? Wird das priesterliche Amt von der Gemeinde übertragen? ist das Priesteramt ein moderner Sozialberuf? Erschöpft sich die Sendung der Kirche im Kampf gegen gesellschaftliche Unterdrückung? Der "Ontwerp-Rapport" enthält Thesen, die der Grundhaltung des "Schreibens der deutschen Bischöfe über das priesterliche Amt" (11. November 1969) widersprechen. Auch ist es für uns Bischöfe alarmierend, daß sich in manchen Ländern zum Kampf gegen den Zölibat der Kampf gegen die Unauflöslichkeit der Ehe gesellt.

Papst Paul VI. hat in den letzten Tagen (am 1. und 2. Februar 1970) erneut bekräftigt, daß die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen eine Bedingung für den Empfang der Priesterweihe ist und bleiben wird. Von dieser Ordnung abzugehen, hieße "einer liebes- und Opfertreue untreu werden", für die sich die lateinische Kirche "mit ungeheurem Mut und in evangelischer Ausgeglichenheit" entschieden hat. Wir Bischöfe danken dem Heiligen Vater für dieses Bekenntnis.

Anmerkungen

  1. Hinweis in der Kathpedia: Dietrich von Hildebrand: „Zölibat und Glaubenskrise“, Josef Habbel Verlag 1970 als Worddokument
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