Un anno (Wortlaut)

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Weihnachtsrundfunkbotschaft
Un anno

von Papst
Pius XII.
an den Episkopat und die Gläubigen der ganzen Christenheit
über das Heilige Jahr und den Frieden der Völker
23. Dezember 1950
(Offizielle italienische Fassung: AAS 43 [1951] 49-59)

(Quelle: Herder-Korrespondenz, Herder Verlag, 5. Jahrgang 1950/51; Viertes und fünftes Heft, Januar/Februar 1951, S. 183-188)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen guten Willens. (Lk 2,14 EU)

Inhaltsverzeichnis

Hintergrund

Der Heilige Vater hat in diesem Jahr die Rundfunkbotschaft an den Episkopat und die Gläubigen der ganzen Christenheit, die er alljährlich am Heiligen Abend zu senden pflegt, bereits am Vortag der Weihnachtsvigil, am 23. Dezember, gehalten, da am 24. die feierliche Schließung der Heiligen Pforten der vier römischen Hauptkirchen und damit der Abschluss des Heiligen Jahres stattfand.


I. Der Abschluss des Heiligen Jahres

Ein Jahr, Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, ist nun verflossen seit dem letzten Heiligen Abend, seit jenem denkwürdigen Tag, an dem Wir unter gespanntester Erwartung der katholischen Welt das Große Jubiläum verkündeten und eröffneten, das dem Leben der Kirche eine so tiefe Furche eingeprägt und selbst die höchsten Erwartungen übertroffen hat.

Wie ein Echo von gestern meinen Wir noch die Hammerschläge zu hören, die die zum geistigen Ziel aller Völker gewordene Heilige Pforte öffneten, und den Jubel zu vernehmen, mit dem die Gläubigen die Botschaft aufnahmen.

Von jener heiligen Schwelle flog der Engel des Herrn zu den vier Enden der Welt, um gleichsam die unzähligen Romfahrer zu vereinen und zur gemeinsamen Heimat der Gläubigen zu geleiten, die Pilger, die danach dürsteten, sich reinzuwaschen in den heilbringenden Wassern der Buße, und die sehnlichst danach verlangten, die große Heimkehr zu vollziehen und die große Vergebung zu erwerben.

Der gleiche Engel scheint heute, wie in fernen Tagen der Erzengel Raphael zu Tobias, zu sagen: "Lobet den Herrn auf Erden und danket Gott. Seht, ich kehre zurück zu dem, der mich gesandt hat. Schreibt alles auf, was sich ereignet hat" (Tob 12,20).

Das Wort "Ende", das das Gesetz des gegenwärtigen Lebens auch den teuersten und heiligsten Dingen, den frohesten und fruchtbarsten Ereignissen auferlegt, wird auch auf die Heiligen Jubelpforten geschrieben werden, und es wird in den Herzen ein Gefühl beglückender Freude und zugleich sehnsüchtiger Erinnerung hinterlassen, dem ähnlich, das die drei Apostel bei ihrem Abstieg vom Tabor erfüllte.

Wenn es würdig und recht ist, immer und überall dem Vater, dem Geber jeder vollkommenen Gabe, Dank zu sagen, dann wird mit um so größerer Inbrunst morgen, wenn Wir die Heilige Pforte versiegeln, ein Lobpreis des Dankes aus Unserem Herzen und von Unseren Lippen aufsteigen, und mit ihm werden sich in einzigartigem Freudenruf, tausendfach verschieden im Laut, jedoch eins im Empfinden, die Stimmen der ganzen katholischen Welt vereinen.

Die großen Ereignisse des Heiligen Jahres

Wenn Wir zum letztenmal auf der Schwelle stehen, auf die so viele Pilger ihren Fuß gesetzt haben, um hier Reinigung und Verzeihung zu suchen, dann werden, wie in einer Gesamtschau, vor Unserem geistigen Auge all die Wunder dieses wirklich unvergleichlichen Jahres stehen, die Pracht der großen liturgischen Feiern in ihrem Glanz, das unsichtbare, aber um so schönere Leuchten der Seelen, die sich erneuert und geheiligt haben durch Reuetränen im Bußgericht und durch die Tränen der Liebe an den Stufen der Altäre.

In Unserer Erinnerung werden die feierlichen Heilig- und Seligsprechungen wieder aufleben, eine lebendige Bezeugung dafür, was die menschliche Natur mit Hilfe der Gnade Gottes zu erreichen vermag und wie reich die Kirche zu allen Zeiten an heilbringenden Werken ist. "W'ir werden nochmals die Rufe brausenden Jubels, das andächtige Beten, die Gesänge hören, deren Begeisterung die Gewölbe des Petersdoms mitschwingen ließ: und der Dom, außerstande, die ständig wachsenden Scharen zu fassen, dehnte sich nach außen und breitete die weiten Arme seiner Kolonnaden aus. Wir werden im Geiste das Osterfest und Fronleichnam, den Abend der Heiligsprechung Maria Gorettis, den von ungewöhnlichem, geheimnisvollem Glanze erleuchteten Morgen der Verkündigung des Dogmas von der Aufnahme Marias in den Himmel wiedererleben. Wir werden noch einmal auf den Straßen des christlichen Rom die großen Buß- und Bittprozessionen zu Ehren der heiligen Bilder des Gekreuzigten und der seligsten Jungfrau sehen. In reicher Fülle werden sich Uns die Erinnerungen an die vielen Kongresse aufdrängen, die der kirchlichen Wissenschaft und den Fragen des Apostolats galten, an das Echo Unserer Worte, die Menschenmund ebenso wie die Stimme der Presse und des Rundfunks auf der ganzen Welt verbreiteten, an die päpstlichen Urkunden, die an alle möglichen Personen gerichtet waren, besonders an die Enzyklika "Humani generis" und Unsere "Ermahnung an den Klerus", von denen Wir reichste Frucht erwarten.

Der Hirt und die Herde

Mit tiefem Heimweh werden Wir Uns an euren teufren Anblick erinnern, an den euren besonders, Ehrwürdige Brüder im Bischofsamt, die ihr in so eindrucksvoller Zahl zu Uns gekommen seid und so gelehrig auf Unser Wort gehört habt, doch auch an euer aller Bild, geliebte Söhne und Töchter! Nie werden Wir den Ausdruck eurer Augen vergessen können und noch weniger die Bewegungen eurer Lippen, die Uns eure Nöte und geheimen Hoffnungen anvertrauen wollten. Unaussprechliche Ergriffenheit, die auch Unser Herz weich werden ließ, sooft Wir unter Unser teures christliches Volk hinabstiegen.

Keine Sorge und keine Müdigkeit hat je vermocht, Uns eurem Verlangen zu entziehen und Unsere Begegnungen mit euch zurückzustellen. Euch zu Uns zuzulassen, ja euch zu erwarten und herbeizuwünschen, war Uns mehr ein Herzensbedürfnis als eine Pflicht Unseres Hirtenamts. Und jedesmal, wenn Wir länger verweilten, euch zu grüßen und Nation um Nation, Diözese um Diözese, Pfarrei um Pfarrei, Gruppe um Gruppe aufzurufen, wollten Wir gleichsam alle eure Rufe, alle eure Gebete sammeln, die ihr Unsern Händen anzuvertrauen wünschtet, um sie Jesus vorzulegen.

Wie gern hätten Wir euch alle an Unser Herz gedrückt; euch alle fühlen lassen, wie Wir Liebe mit Liebe vergalten, wie gern in euer aller Gemüt das Wort des Vertrauens und der Hoffnung eingesenkt, in euch besonders, Jesu Lieblinge und Unsere, ihr Armen und Kranken, die ihr an einigen Tagen den schönsten Schmuck der Basilika des hl. Petrus gebildet habt; in euch sahen Wir immer den reichsten und kostbarsten Schatz der Kirche.

Wiederauffindung der Gruft des Apostelfürsten

Wenn also während des Heiligen Jahres die "Confessio Petri" im Vatikan Zeuge und Mittelpunkt so gewaltiger Kundgebungen der Einheit im Glauben und der Liebe der Katholiken der ganzen Welt war, so hat die Herrlichkeit dieser Stätte noch in anderm Sinn ihre Vollendung gefunden. Die Ausgrabungen unter eben dieser Confessio sowie ihre wissenschaftliche Auswertung (Forschungen, die Wir von den ersten Monaten Unseres Pontifikats an im Sinne hatten) kamen, wenigstens soweit sie das Grab des Apostels betreffen, im Laufe des Jubeljahrs zu einem glücklichen Abschluss. In kürzester Zeit wird ein Text- und Tafelwerk das Ergebnis der sehr genauen Forschungen zur öffentlichen Kenntnis bringen.

Das Ergebnis ist von höchster Reichhaltigkeit und Bedeutung. Aber auf die wesentliche Frage, die Frage, ob man wirklich das Grab des heiligen Petrus wiedergefunden hat, antwortet das Schlussergebnis der Arbeiten und Studien mit einem ganz klaren Ja. Das Grab des Apostelfürsten ist wiedergefunden worden.

Eine zweite, der ersten untergeordnete Frage betrifft die Reliquien des Heiligen. Wurden diese gefunden? Am Rande des Grabes fand man Reste menschlicher Gebeine, von denen man jedoch nicht mit Sicherheit nachweisen kann, dass sie zu den sterblichen überresten des Apostels gehören. Dies hat indes mit der geschichtlichen Wirklichkeit des Grabes nichts zu tun. Die Riesenkuppel wölbt sich genau über dem Grab des ersten Bischofs von Rom, des ersten Papstes, einem zunächst äußerst bescheidenen Grab, über dem aber die Verehrung der späteren Jahrhunderte in wunderbarer Folge der Bauten das größte Heiligtum der Christenheit erstehen ließ.

II. Die Früchte des Heiligen Jahres

Die Millionen von Menschen jedoch, die aus den vier Himmelsrichtungen zum Mittelpunkt der katholischen Christenheit geeilt sind, um an dem Weltereignis des Heiligen Jahres teilzunehmen, um den Jubiläumsablaß zu gewinnen, um sich in einem Bad der Läuterung und Heiligung zu erneuern, um mit Freuden so nahe wie möglich an der Quelle Gnaden aus dem Born des Erlösers zu schöpfen (vgl. Jes 12, 3), werden sie sich vielleicht damit begnügen, in ihre Heimatländer zurückzukehren als Bevorzugte unter vielen hundert Millionen, die sich einer solchen Begünstigung nicht erfreuen konnten? Werden sie ihnen von all dem1 Schönen erzählen, das sie erlebt haben, und in diesen Erinnerungen ausruhen von der trüben Wirklichkeit des Alltags, den sie so für einige Zeit vergessen? Nein, sie müssen sich nunmehr durchdringen lassen von der ebenso ehrenden wie verantwortungsvollen Aufgabe, sich durch Wort und Beispiel unter den Gläubigen ihrer Heimat zu Boten und Förderern des Geistes zu machen, von dem ihr Herz übervoll ist.

Wie ein Baum im Garten des Familienvaters ist das Heilige Jahr herrlich aufgeblüht; und wenn an dessen Neige seine Bluten den Boden mit ihren Blättern übersäten, so ist das nur ein Zeichen, dass jetzt die Früchte wachsen und reifen sollen. Ja, diese müssen wachsen und reifen! Die Welt hungert und dürstet danach, während ihre Lebenverhältnisse, ihr materielles und geistiges Elend ihr keineswegs die rechtmäßige Erfüllung gewähren, die sie erwartet. Die täglichen Nöte und Sorgen beanspruchen und verbrauchen die Kräfte so vieler Herzen, dass sie nicht mehr Zeit noch Ruhe noch Lust dazu finden, dem Seelenheil jenes Mindestmaß zuzuwenden, das zu den wesentlichen Pflichten eines jeden Christen gehört.

Die große und schwere Pflicht des Apostolats

Auch dort, wo der Welt- und Ordensklerus in fleißigem Bemühen, unterstützt durch die eifrige Mitarbeit der Laien, das religiöse Leben zur Blüte bringt, ist doch die Zahl der religiös unterernährten, im Glauben erschlafften und schwankenden Christen noch derart groß, dass die mütterliche Sorge der Kirche nicht achtlos darüber hinwegsehen kann.

Diese Kinder der Kirche dem Zustand bequemer, aber gefährlicher Teilnahmslosigkeit zu entreißen, ist die drängende Pflicht, die jetzt dem katholischen Apostolat obliegt.

Jeder aufmerksame Beobachter, der die gegenwärtigen Verhältnisse in ihrer konkreten Wirklichkeit zu sehen und zu bewerten weiß, kann nur erschrecken angesichts der schweren Hindernisse, die sich dem Apostolat der Kirche entgegenstellen. Wie der Strom der glühenden Lava Meter um Meter sich am Hang des Vulkans herunterschiebt, so dringt die verwüstende Woge des Zeitgeistes drohend vor und macht sich breit in allen Lebensgebieten und in allen Schichten der Gesellschaft. Ihr Verlauf, ihr Rhythmus und ihre Auswirkungen sind je nach den Ländern verschieden und gehen von einem mehr oder weniger bewussten Verkennen des sozialen Einflusses der Kirche bis zum systematischen Misstrauen, das bei einigen Regierungsformen den Charakter offener Feindschaft und Verfolgung annimmt.

Wir haben volles Vertrauen, dass Unsere geliebten Söhne und Töchter den Weitblick und Mut besitzen, entschlossen die aus einer solchen Lage der Dinge sich ergebenden Pflichten ins Auge zu fassen und zu erfüllen. Ohne Verbitterung, aber auch ohne Schwäche werden sie sich darauf verlegen, durch Taten die Vorurteile und Bedenken vieler Irregeleiteter, die noch einer unbefangenen und sachlichen Auseinandersetzung zugänglich sind, zu zerstreuen. Sie werden ihnen den Sinn dafür öffnen, dass es keine auch noch so geringe Unvereinbarkeit zwischen der Treue zur Kirche und der Hingabe an die Interessen und das Wohl von Volk und Staat gibt und dass die beiden Pflichtenreihen, die der wahre Christ sich immer vor Augen halten muss, vielmehr in vollkommenster Harmonie aufs engste verbunden sind.

Über die Spannungen mit nichtkatholischen Christen

Absichtlich übergehen Wir bei dieser Gelegenheit gewisse Meinungsverschiedenheiten, die kürzlich zwischen Katholiken und Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften in Erscheinung getreten und zum Teil Unangebrachterweise auf das Gebiet politischer Auseinandersetzungen übertragen worden sind, mit Stillschweigen. Wir wollen hoffen, dass sich, über solche ebenso unerfreuliche wie schädliche Streitigkeiten hinweg, in allen nichtkatholischen Kreisen Männer und Frauen guten Willens finden werden, die sich mit Recht wegen der Gefahren sorgen, von denen gegenwärtig das heilige Erbe des christlichen Glaubens bedroht ist, und die in ihren Herzen andere Gedanken als solche der Uneinigkeit und Zwietracht unter Brüdern hegen.

Die Abwesenheit der Völker des Ostens

Wer versucht ist, diese Notwendigkeit und Pflicht aus dem Auge zu verlieren, der möge doch, soweit es möglich ist, beachten, was bei einigen wie von einer eisernen Mauer eingeschlossenen Völkern vor sich geht, und er möge bedenken, in was für eine Lage diese in ihrem geistigen und religiösen Leben gebracht worden sind.

Er würde dann Millionen von katholischen Brüdern und Schwestern sehen, die durch altehrwürdige und heilige Überlieferungen der Treue mit Christus und in kindlicher Einheit mit dem Apostolischen Stuhle verbunden sind, er würde Völker sehen, deren heldenhafte Bemühungen um die Erhaltung und Verteidigung des Glaubens mit untilgbaren Zügen in die Annalen der Kirche eingeschrieben sind; er würde sie, sagen Wir, häufig ihrer bürgerlichen Rechte und selbst ihrer persönlichen Freiheit und Sicherheit beraubt sehen, abgeschnitten von jeder lebendigen, gesicherten und unverletzten Verbindung mit dem Mittelpunkt der Christenheit, und dies sogar in den persönlichsten Angelegenheiten ihres Gewissens, während der Druck auf ihnen lastet, sich allein zu fühlen und zuweilen wie verlassen vorzukommen!

Unter der Kuppel Michelangelos, wo die Stimmen der Pilger aus allen freien Ländern ertönten und in den verschiedensten Sprachen, aber mit den gleichen Worten des Glaubens, mit den gleichen Jubelliedern lobsangen, da war ihr Platz leer. Was für eine schmerzliche Leere für das Herz des gemeinsamen Vaters, für das Herz aller Gläubigen, die in ein und demselben Glauben, in ein und derselben Liebe geeint sind! Aber sie, die großen Abwesenden, waren um so mehr zugegen, wenn in den unzählbaren, ihres katholischen Glaubens bewussten Scharen nur ein Herz zu schlagen und nur eine Seele zu leben schien, was sie zu einer geheimnisvollen, aber wirksamen Einheit machte.

Allen diesen Bekennern Christi, die ungerechterweise sichtbare oder unsichtbare Ketten tragen und die um des Namens Jesu willen Schmach erleiden (Apg. 5, 41), senden Wir bei diesem Abschluss des Heiligen Jahres Unseren tiefbewegten, dankbaren und väterlichen Gruß. Möge er bis zu ihnen gelangen, durch die Mauern ihrer Gefängnisse und den Stacheldraht ihrer Konzentrations- und Zwangsarbeitslager dringen, in jene fernen Gegenden, die dem Blick der freien Menschheit entzogen und wie von einem Schleier des Schweigens bedeckt sind, der aber nicht das Endurteil Gottes und nicht den unparteiischen Wahrspruch der Geschichte zu hindern vermag. Im süßesten Namen Jesu ermahnen Wir sie, hochherzig auszuharren in ihren Leiden und Demütigungen; damit leisten sie einen Beitrag von unschätzbarem Werte zum großen Kreuzzug des Gebetes und der Buße, der mit der Ausdehnung des Heiligen Jahres auf den ganzen katholischen Erdkreis seinen Anfang nehmen wird. Und mögen ihre und unsere Gebete in überströmender Liebe, gemäß dem Beispiel Christi, der Apostel und der wahren Nachfolger des Erlösers, auch jene umfassen, die heute sich noch in den Reihen der Verfolger befinden.

III. Der innere Friede der Völker

Wenn wir nun Unseren Blick in die Zukunft richten, so stellt sich Uns als erste dringende Frage die des inneren Friedens der einzelnen Völker. Der Kampf ums Dasein, der Gedanke an Arbeit und Brot scheidet selbst Menschen, die im gleichen Land wohnen und Söhne derselben Heimat sind, in feindliche Lager. Auf bei den Seiten erheben sie den berechtigten Anspruch, nicht als Objekte, sondern als Subjekte des sozialen Lebens gewertet und behandelt zu werden, vor allem im Staat und in der nationalen Wirtschaft.

Darum haben Wir wiederholt mit wachsender Dringlichkeit auf den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit und die Bemühungen um soziale Sicherheit als auf die unerläßlichen Vorbedingungen hingewiesen, alle Glieder eines Volkes, hoch und niedrig, zu einem Organismus zu verbinden.

Dürfte sich nun wohl jemand einbilden, der Sache des inneren Friedens zu dienen, wenn er selbstsüchtig nur in den Gruppen, die sich seinen eigenen Interessen entgegensetzen, die Quelle aller Schwierigkeiten und das Hindernis für Wiederaufbau und Fortschritt sieht? Können Organisationen sich schmeicheln, der Sache des inneren Friedens zu dienen, wenn sie sich zum Schutz der Interessen ihrer Mitglieder nicht mehr an die Vorschriften des Rechts und Gemeinwohls halten, sondern sich auf die Kraft der organisierten Zahl und auf die Schwäche der andern verlassen, die nicht in gleicher Weise zusammengeschlossen sind oder stets von der Anwendung von Gewalt zugunsten der Rechtssatzungen und des Gemeinwohls absehen?

Darum können die Völker den inneren Frieden nur von Menschen, Regierenden oder Regierten, Führern oder Gefolgschaft, erwarten, die sich bei der Wahrung ihrer Sonderinteressen oder ihrer persönlichen Ansichten in ihrem Urteil nicht versteifen und nicht einengen lassen, die es vielmehr verstehen, ihren Blick zu weiten, und die großzügig ihre Ziele dem Besten der Gemeinschaft anpassen. Wenn man in vielen Ländern über die Teilnahmslosigkeit der jüngeren Generationen gegenüber dem öffentlichen Leben klagt, liegt dann nicht vielleicht der Grund auch darin, dass sie zu selten das leuchtende und begeisternde Beispiel von Männern erlebten, wie wir sie soeben zeichneten?

Die Not der seelischen Armseligkeit

Unter der Oberfläche unbestreitbarer politischer und wirtschaftlicher Schwierigkeiten verbirgt sich also eine schlimmere seelische und sittliche Not: die große Zahl der engen und kleinlichen Geister, der Egoisten und Erfolgsjäger, der Mitläufer, die sich aus Irrtum oder Kleinmut vom Schauspiel der großen Masse, von der Lautstärke der Meinungen, vom Rausche der Erregung überwältigen lassen. Von sich aus würden sie keinen Schritt fertig bringen, wie es doch die Pflicht lebendiger Christen ist, um, vom Geiste Gottes geführt, mit Festigkeit voranzuschreiten im Lichte der ewigen Wahrheiten und mit unverbrüchlichem Vertrauen auf die göttliche Vorsehung. Hier liegt die eigentliche, die tiefste Not der Völker.

Gleich Termiten im Hause zernagt sie die Menschen von innen und macht sie unfähig für ihre Aufgabe, noch bevor es nach außen zutage tritt. Beschleunigt durch den Krieg, aber doch schon seit langem vorbereitet, sind in den Fundamenten der industriell-kapitalistischen Ordnung wesentliche Änderungen eingetreten. Seit Jahrhunderten dienende Völker bahnen sich den Weg zur Unabhängigkeit; andere, bisher Bevorzugte bemühen sich, auf alten und neuen Wegen ihre Stellung zu behaupten. Das immer stärkere und allgemeinere Verlangen nach sozialer Sicherung ist nur das Echo auf eine Lage der Menschheit, in der bei den einzelnen Völkern vieles, was durch Herkommen festbegründet war oder schien, schwankend und unsicher geworden ist.

Die Verflochtenheit aller Schicksale

Warum also schafft die durch die Umstände hervorgerufene Gemeinsamkeit der Unsicherheit und Gefahr bei den einzelnen Völkern nicht auch das Bewusstsein der gegenseitigen Mitverantwortlichkeit? Sind denn, so gesehen, die Sorgen des Arbeitgebers nicht auch jene seiner Arbeiter? Ist nicht in jedem Volk die industrielle Produktion durch den wechselseitigen Einfluß ihrer Bestimmung mehr denn je mit der landwirtschaftlichen Erzeugung verkettet? Und ihr, die ihr teilnahmslos bleibt gegenüber den Nöten des Flüchtlings, des obdachlos Umherirrenden, solltet ihr euch nicht eins fühlen mit ihm, dessen trauriges Los von heute morgen das eurige sein kann?

Warum sollte diese Verbundenheit aller, die sich ohne Lebenssicherheit und in Gefahr befinden, nicht für alle zum sicheren Wege werden, auf dem die Rettung kommen kann? Warum sollte dieser Geist der Solidarität nicht gleichsam zum Angelpunkt der sozialen Ordnung in ihren drei natürlichen Formen: der Familie, dem Eigentum und dem Staat, werden, um diese wieder, der Lage der Gegenwart angepasst, ihrer organischen Zusammenarbeit zuzuführen? Der Lage der Gegenwart angepasst; denn diese ist trotz aller Schwierigkeiten doch ein Geschenk Gottes, durch das sich unser christlicher Geist neu bezeugen soll.

IV. Der äußere Friede

Menschen ohne christlichen Sinn, irregeworden an der Vergangenheit oder leidenschaftlich einem Idol der Zukunft verschrieben, Menschen, die mit der Gegenwart nicht zufrieden sind: das ist eine schwere Gefahr für den inneren Frieden der Völker und gleichzeitig für ihren äußeren Frieden.

Wir meinen damit noch gar nicht den gewalttätigen, Recht und Liebe missachtenden Angreifer von aussen. Aber eben der findet in den Krisen der Völker, in ihrem Mangel an geistigem und sittlichem Zusammenhalt eine mächtige Waffe, sozusagen eine Hilfstruppe im Innern des Landes selbst.

Es kommt darauf an, dass die Völker sich nicht aus Prestigegründen oder durch veraltete Ideen dazu verleiten lassen, die allen gemeinsame Gefahr zu verkennen oder nicht zu beachten und der inneren Erstarkung anderer Völker politische und wirtschaftliche Schwierigkeiten zu machen.

Es kommt darauf an, dass sie einsehen, wie sehr ihre natürlichen und zuverlässigsten Bundesgenossen dort zu suchen sind, wo der christliche Gedanke oder wenigstens der Glaube an Gott auch für die öffentlichen Angelegenheiten Geltung hat, und dass sie nicht einzig ein vermeintliches nationales oder politisches Interesse im Auge haben und dabei die tiefen Gegensätze in den grundlegenden Lebensauffassungen nicht beachten oder nicht ernst nehmen.

Was Uns diese Warnung diktiert, ist der Anblick der Missverständnisse und der Unentschlossenheit auch der aufrichtigen Friedensfreunde gegenüber einer so großen Gefahr. Und weil Uns das Wohl aller Nationen am Herzen liegt, halten Wir dafür, dass die enge Solidarität aller Völker, die Herr ihres Geschickes sind, ihre Einigung in gegenseitigem Vertrauen und wechselseitiger Hilfe das einzige Mittel zum Schutz des Friedens oder die beste Gewähr für seine Wiederherstellung ist.

Das Ausmaß der drohenden Vernichtung

Leider ist in den letzten Wochen die Bruchstelle, die in der äußeren Welt die gesamte internationale Gemeinschaft in gegensätzliche Lager scheidet, immer tiefer geworden, so dass der Weltfrieden in größter Gefahr schwebt. Die Menschheitsgeschichte hat nie eine gewaltigere Entzweiung gesehen; sie fällt mit der Weite der Erde selbst zusammen. Heute würden in einem Krieg, den Gott verhüten möge, die Waffen in solchem Ausmaß Tod und Verderben bringen, dass sie die Erde fast "wüst und leer" (Gen. 1,2), als Einöde und Chaos, ähnlich der Öde nicht ihres Zeitenmorgens, sondern ihres Untergangs, zurückließen. Alle Nationen würden in den Strudel mithineingerissen werden; der Kampf hätte seine Rückwirkung und würde sich vervielfachen sogar unter den Bürgern ein und desselben Landes; er würde alle Einrichtungen der Gesittung und alle geistigen Werte in äußerste Gefahr bringen, weil diesmal der Zwiespalt die schwierigsten Fragen alle in sich vereint, um die man sich zu anderen Zeiten getrennt gestritten hat.

Die allgemeine Sehnsucht nach Frieden

Die drohende furchtbare Gefahr verlangt eben wegen ihrer Schwere gebieterisch, dass man jede sich bietende Gelegenheit bis zum letzten ausnützt, um der Vernunft und Gerechtigkeit im Zeichen der Eintracht und Liebe zum Triumph zu verhelfen. Man nütze sie, um zur Gesinnung sorgender Güte und Milde gegenüber allen Völkern zurückzukehren, die sich ja ehrlich und einzig nach Frieden und Lebenssicherheit sehnen. Möge in den internationalen Einrichtungen wieder das gegenseitige Vertrauen herrschen, das freilich Ehrlichkeit der Absichten und Aufrichtigkeit der Aussprache voraussetzt. Mögen die Schranken geöffnet, die Drahtverhaue beseitigt, jedem Volk freier Einblick in das Leben aller anderen gewährt werden. Möge die dem Frieden so abträgliche Abschließung bestimmter Länder von der übrigen Kulturwelt aufgehoben werden.

Wie sehr wünscht die Kirche mitzuhelfen, solchem Kontakt von Volk zu Volk den Weg zu ebnen! Für sie stellen Ost und West keine Wesensgegensätze dar, sondern sie haben Anteil an einem gemeinsamen Erbe, zu dem beide Herrliches beigesteuert haben und auch in Zukunft beizusteuern berufen sind. Kraft ihrer göttlichen Sendung ist sie allen Völkern eine Mutter, allen jenen, die den Frieden suchen, eine treue Helferin und weise Führerin.

Das Friedenswerk des Papstes

Und doch - o Verleumdung - werden Wir von wohlbekannter Seite bezichtigt, den Krieg zu wollen und zu diesem Zweck mit "imperialistischen" Mächten zusammenzuarbeiten, die, so wird behauptet, mehr von der Gewalt mörderischer Kriegswaffen als von der Anwendung des Rechts erhoffen.

Was können Wir auf eine so bittere Kränkung antworten, wenn nicht dies: Durchforscht die stürmischen zwölf Jahre Unseres Pontifikats, prüft jedes über Unsere Lippen gekommene Wort, jeden von Unserer Feder geschriebenen Satz - ihr werdet dort nichts finden als Aufforderungen zum Frieden.

Erinnert euch im besondern des unheilvollen August 1939, als Wir, während die Angst vor einem blutigen Weltkonflikt immer beklemmender wurde, von den Ufern des Albanersees Unsere Stimme erhoben und im Namen Gottes Regierende und Völker beschworen, ihre Zwistigkeiten in gemeinsamer und ehrlicher Verständigung beizulegen. Nichts ist verloren mit dem Frieden - riefen Wir aus -, alles kann mit dem Krieg verloren sein.

Versucht das alles unbefangenen und geraden Sinnes zu erwägen, und ihr werdet anerkennen müssen : Wenn es in dieser von widerstreitenden Interessen zerrissenen Welt noch einen sicheren Hafen gibt, wo die Friedenstaube ruhig ihren Fuss aufsetzen kann, so ist es hier, auf diesem vom Blut des Apostels und der Märtyrer geweihten Boden, wo der Statthalter Christi keine heiligere Pflicht und willkommenere Sendung kennt als die, unermüdlicher Vorkämpfer für den Frieden zu sein. Das sind Wir in der Vergangenheit gewesen. Das werden Wir in Zukunft sein, solange es dem göttlichen Stifter der Kirche gefällt, auf Unseren schwachen Schultern die Würde und Last des Obersten Hirten zu belassen.

Aufruf zum Gebet

Lang, schwierig, mit Stacheln und Dornen übersät ist der Weg, der zum wahren Frieden führt. Indes ist die überwältigende Mehrheit der Menschen gerne bereit, alle Opfer auf sich zu nehmen, um nur vor der Katastrophe eines neuen Krieges bewahrt zu bleiben. Doch ist ein solches Unterfangen so groß, und die rein natürlichen Mittel sind so schwach, dass unsere Blicke sich nach oben richten und unsere Hände sich flehentlich erheben zur Majestät dessen, der vom Glanz seiner Gottheit zu uns herabstieg und wie "einer von uns" geworden ist.

Die Macht des Herrn, der die Herzen der Herrscher lenkt, wie es Ihm gefällt, wie Wasserbäche in ihrem Lauf (Spr. 21, 1), hnn auch den Sturm bändigen, der das Schifflein schüttelt, in dem sich nicht nur die Gefährten Petri, sondern die gesamte Menschheit befinden. Dabei bleibt es für die Kinder der Kirche eine heilige Pflicht, mit ihren Gebeten und mit ihren Opfern den Herrn der Welt, Jesus Christus, Gott hoch gelobt in Ewigkeit (Röm. 9, 5), zu bestürmen, dass Er den Winden und dem Meere befehle und der gequälten Menschheit die "große Stille" (Mt. 8, 26) des wahren Friedens schenke.

In dieser Gesinnung erteilen Wir von Herzen euch, geliebte Söhne und Töchter, und allen, die auf der welten Welt Unsere Stimme hören, den Apostohschen Segen.

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