Ubi arcano Dei consilio (Wortlaut)

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Ubi arcano Dei consilio

von Papst
Pius XI.
an alle Ehrwürdigen Brüder, die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe
und die sonstigen Ordinarien, die in Frieden und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle leben
über den Frieden Christi, wie er im Reiche Christi zu suchen ist
23. Dezember 1922

(Offizieller lateinischer Text: AAS XIV [1922] 673-700)

(Quelle: Die katholische Sozialdoktrin in ihrer geschichtlichen Entfaltung, Hsgr. Arthur Fridolin Utz + Birgitta Gräfin von Galen, XXVIII 27, Scientia humana Institut Aachen 1976, Imprimatur Friburgi Helv., die 2. decembris 1975 Th. Perroud, V.G. Römische Übersetzung mit Verbesserungen nach dem lateinischen Original. Die Nummerierung folgt der englischen Fassung [1])

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Ehrwürdige Brüder,
Gruß und apostolischen Segen!
Papst Pius XI.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung: Die vielfältige Inanspruchnahme des Papstes, kurzer Rückblick

1 Von dem Tage an, da Wir durch Gottes unerforschlichen Ratschluss ohne eigenes Verdienst auf diesen Thron der Wahrheit und Liebe erhoben wurden, ist es stets Unsere Absicht gewesen, Ehrwürdige Brüder, Euch und alle Unsere Söhne, die Eurer Sorge anvertraut sind, so bald wie möglich in einem herzlichen Schreiben zu begrüßen. Diese Absicht haben Wir gleich nach der Wahl bekundet, als Wir von der Loggia der Peterskirche aus vor einer unübersehbaren Menschenmenge der Stadt und dem Erdkreis Unseren Segen spendeten; das freudige und begeisterte Echo, das Uns von allen Seiten, vor allem vonseiten des Heiligen Kardinalskollegiums antwortete, war für Uns gerade in diesem bangen Augenblick, da Wir die Last des Pontifikats auf Unsere Schultern nehmen sollten, nächst dem Vertrauen auf die Hilfe Gottes eine besondere Quelle von Mut und Trost.

2 Erst heute, an der Vigil des Geburtstages Unseres Herrn Jesus Christus und kurz vor Beginn des neuen Jahres „kommt Unser Wort zu Euch“;[1] möge es eine Art Weihnachtsgeschenk sein und ein Segenswunsch, mit dem der Vater sich an seine Kinder wendet!

3 Dass Wir nicht früher Unsere Absicht verwirklichen konnten, daran tragen verschiedene Ursachen die Schuld. Zunächst mussten Wir Antwort geben auf die zahlreichen an Uns gerichteten herzlichen Schreiben, mit denen die Katholiken den neuen Nachfolger des heiligen Petrus begrüßten und ihm den Ausdruck ihrer Liebe und Ergebenheit übermittelten.

4 Sodann traten schon bald die ersten Sorgen an Uns heran, das, was der Apostel „der tägliche Andrang zu mir, die Sorge um alle Gemeinden“[2] nennt. Zu den gewöhnlichen Arbeiten gesellten sich noch außergewöhnliche Aufgaben: Wir mussten die früher schon begonnenen hochbedeutsamen Verhandlungen über das Heilige Land und die Interessen der Christen und der höchst ehrwürdigen Kirchen daselbst fortführen; Wir mussten bei den Konferenzen der Siegerstaaten, an denen über das Schicksal der Völker entschieden wurde, die Sache der Liebe und Gerechtigkeit vertreten, so wie Unser Amt es erfordert, und besonders dahin wirken, dass dem überragenden Wert des Geistlichen vor dem Zeitlichen gebührend Rechnung getragen werde; Wir mussten mit allen Mitteln versuchen, den zahllosen, von Hunger und Leiden aller Art heimgesuchten Völkern in verschiedenen Ländern beizustehen; Wir taten dies durch Spenden aus Unseren eigenen bescheidenen Mitteln und durch Appelle an die Hilfsbereitschaft der ganzen Welt; Wir mussten schließlich in Unserem Heimatvolk, in dessen Mitte Gott den Stuhl des heiligen Petrus errichtet hat, Kampf, Streit und Gewalttat, die seit geraumer Zeit sich häuften und die Existenz der teuren Heimat bedrohten, beizulegen trachten.

Demgegenüber fehlte es zur selben Zeit aber auch nicht an Ereignissen, die Uns große Freude bereiteten. Da waren zunächst der 26. Internationale Eucharistische Kongress und das[3] Zentenar der Heiligen Kongregation für die Glaubensverbreitung, Tage so unaussprechlichen himmlischen Trostes, wie Wir sie zu Beginn Unseres Pontifikats kaum zu erhoffen wagten. Bei diesen Anlässen hatten Wir Gelegenheit, fast alle Mitglieder des Heiligen Kardinalskollegiums in Privataudienz zu empfangen und so viele Bischöfe zu sprechen, wie Wir sie sonst kaum in einer Reihe von Jahren hätten sehen können. Zudem konnten Wir Tausende und Abertausende von Gläubigen, gleichsam Abordnungen der großen Familie, die Gott Uns anvertraut hat, „aus jedem Stamm und jeder Sprache, aus jedem Volk und jeder Nation", wie es in der Geheimen Offenbarung heißt, empfangen und, Unserem Herzensdrang folgend,. mit väterlichen Worten ermuntern. - Dann kamen die Schauspiele wie aus einer anderen Welt, die sich Unseren Augen darboten. Jesus Christus, unser unter den Brotsgestalten verborgener Erlöser, wurde unter dem Geleite einer unübersehbaren Menge von Gläubigen aus aller Welt wie im Triumphzug durch die Stadt Rom getragen, und es schien einen Augenblick, als wolle er wieder die ihm gebührende Huldigung als König der Einzelnen und der Völker entgegennehmen; Priester und fromme Laien legten frei und offen vor aller Welt den Geist des Gebetes und des Apostolates an den Tag, wie wenn ein neues Pfingstwunder an ihnen geschehen wäre; der lebendige Glaube des römischen Volkes trat wiederum wie ehedem vor aller Welt in Erscheinung zur Ehre Gottes und zur Erbauung der Seelen.

5 Und dann der Triumphzug zur Ehren der Jungfrau Maria, der Mutter Gottes und unser aller Mutter! Ihr gnädiges Auge hatte schon auf Uns geblickt in den Heiligtümern von Czenstochau und Ostrabrama und in der Wundergrotte zu Lourdes, besonders oft aber in Mailand, wo ihr Bild hoch über der Stadt den herrlichen Dombau krönt, und im nahen Heiligtum von Rhò; jetzt nahm sie huldvoll Unser Werk kindlicher Liebe in Loretto entgegen, wohin Wir nach Beseitigung der Feuerschäden der Basilika das ehrwürdige Gnadenbild brachten, nachdem es kunstvoll erneuert, von Unserer Hand geweiht und gekrönt worden war. Es war ein herrlicher Anblick: vom Vatikan bis nach Loretto eine ununterbrochene Huldigung der Gläubigen; von allen Seiten strömten Leute aller Stände herbei und wetteiferten miteinander, ihre innige Verehrung für Maria und für den Stellvertreter Jesu Christi zu bezeigen.


Der gegenwärtige friedlose Zustand und das Apostolische Amt des Papstes

6 Im Lichte dieser frohen und traurigen Ereignisse, die Wir dem Gedächtnis der Nachwelt überliefern, erkannten Wir immer deutlicher, welches die Hauptaufgabe Unseres Pontifikats sei und welches Wort Wir Euch im ersten Rundschreiben sagen müssten.

7 Eines liegt klar vor aller Augen: bis zur Stunde haben nach dem unglücklichen Krieg weder die Einzelnen, noch die Gesellschaft, noch die Völker den wahren Frieden gefunden. Immer noch vermisst man die Tage ungestörter, nutzbringender Arbeit, nach denen alle Welt sich sehnt. Will man, wie es Unsere Absicht ist, wirksame Abhilfe schaffen, so muss man zunächst das Ausmaß und die Schwere des Übels bestimmen, sodann dessen tiefste Wurzel bloßlegen. Das wollen Wir mit diesem Rundschreiben und auch in Zukunft tun, wie es die Pflicht Unseres Apostolischen Amtes verlangt.

8 Die traurigen Zeitverhältnisse, wie sie während des ganzen Pontifikats Unseres hochseligen Vorgängers Benedikts XV. zu dessen größtem Schmerz herrschten, sind auch heute noch die gleichen; deshalb liegt es nahe, seine Gedanken und Pläne hinsichtlich der Zeitübel zu den Unsrigen zu machen. Möchten alle Gutgesinnten mit Uns eins sein in Ziel und Weg und unablässig mit Uns beten, dass Gott der Menschheit endlich einen wahren und dauerhaften Frieden schenke!

CHAOS AUF ALLEN EBENEN ALS FOLGE DES KRIEGES

Die Feindseligkeit zwischen den Nationen

9 Auf unsere Zeit passen voll und ganz die Worte der Propheten: „Wir hofften auf den Frieden, und es kommt nichts Gutes; auf Heilung, und siehe, es kommt Schrecken3; auf die Stunde der Genesung, und siehe, da kommt Angst;[4] wir warteten auf Licht, und siehe Finsternis ...; auf das Gericht, und es kommt nichts; auf das Heil, und es flieht vor uns".[5]

10 Hat man in Europa die Waffen niedergelegt, so brechen über den Nahen Osten neue Kriegsstürme herein; auf weite Strecken hin, Ihr wisst es ja, herrschen Elend und Schrecken; Unglückliche ohne Zahl, Greise, Frauen, Kinder fallen Tag für Tag dem Hunger, der Pest, der Plünderung zum Opfer. In den Ländern, in denen gestern der Krieg wütete, ist die alte Feindschaft keineswegs erstorben; im Gegenteil, sie lebt fort und tritt auf, hier in versteckter Form in der Politik oder im Wirtschaftsleben, dort unverhüllt in Zeitungen und Zeitschriften; selbst vor Gebieten, die ihrer Natur nach solch grimmigem Streit entrückt sein müssten, wie Kunst und Wissenschaft, macht sie nicht halt.

11 Die bösen Folgen davon sind unvermeidlich: der internationale Hass und Streit lässt die Völker nicht zur Ruhe kommen; Feindschaft herrscht zwischen Siegern und Besiegten, ja auch die Sieger sind untereinander entzweit; die Schwächeren glauben sich von den Stärkeren übervorteilt und ausgebeutet, die Stärkeren vermeinen, mit Unrecht der Gegenstand des Hasses der Schwächeren zu sein. Alle miteinander aber, die Neutralen nicht ausgenommen, empfinden die traurigen Wirkungen des Krieges, am meisten natürlich die Besiegten. Je mehr die Heilung sich verzögert, desto mehr verschärfen sich die Übel, besonders da die mehrfachen Versuche und Konferenzen der Staatsmänner über Erwarten erfolglos verliefen. So wächst die Angst vor neuen, noch entsetzlicheren Kriegen und zwingt alle Staaten zur Kriegsbereitschaft; dabei erschöpft sich die Gesellschaft ebenso wie die Volkskraft. Und neben dem wissenschaftlichen Leben erleidet namentlich auch das religiöse und sittliche Leben den schwersten Schaden.

Unfriede und Unordnung innerhalb der einzelnen Staaten

12 Um das Elend noch zu vertiefen, gesellt sich zu den äußeren Feindseligkeiten innerer Hader, der nicht nur die Staaten, sondern die menschliche Gesellschaft überhaupt bedroht.

Der Klassenkampf

An erster Stelle ist hier der Klassenkampf zu nennen, der sich wie ein tödliches Geschwür bis ins Mark der Nationen eingefressen hat und Handel, Gewerbe, Industrie, kurz alle Quellen der öffentlichen und privaten Wohlfahrt vergiftet. Dieses Übel wird gefahrbringender, einerseits durch die wachsende Gier nach mehr materiellen Gütern, andererseits durch das egoistische Beharren auf dem, was man besitzt, allgemein durch die Begierde nach Macht und Besitz. Daher häufige Arbeitseinstellungen, freiwillige oder aufgenötigte, daher Volksaufstände und in ihrem Gefolge gewaltsame Unterdrückungsmaßregeln: alles zum unermesslichen Schaden der Allgemeinheit.

Der Parteienstreit

Dazu kommen die Parteienkämpfe um die Herrschaft im Staate. Eigentlich müssten die verschiedenen Parteien in gegenseitigem Wetteifer, jede in ihrer Art, dem Gemeinwohl aufrichtig dienen. Statt dessen sehen wir nur zu oft, wie sie rücksichtslos ihre selbstsüchtigen Zwecke verfolgen, mögen die anderen darunter auch noch so sehr leiden. Welches muss das Ende sein? Verschwörungen nehmen überhand; Hinterlist und Gewaltakte gegen friedliche Bürger und sogar gegen die Behörden sind an der Tagesordnung, ebenso wie Terror, Bedrohung, offener Aufstand und andere Ausschreitungen. Alles das muss um so verderblicher wirken, je größeren Anteil das Volk an der Staatsregierung hat, wie dies bei den gegenwärtigen demokratischen Regierungen der Fall ist. Zwar verwirft die Kirche diese Regierungsform nicht - wie überhaupt keine Einrichtung, die dem Recht und der Vernunft gemäß ist -, aber es ist doch eine bekannte Tatsache, dass dieses Regierungssystem parteilicher Unredlichkeit besonders zugänglich ist.

Der Zerfall der Familie

13 Leider ist dieses Übel schon bis an die tiefsten Wurzeln der menschlichen Gesellschaft, bis zur Familie, vorgedrungen. Wohl war diese schon geraume Zeit bereits in einem Zersetzungsprozess begriffen. Aber ihr Verfall wurde dadurch beschleunigt, dass der Krieg Vater und Sohn dem häuslichen Herd entführte und auf tausenderlei Art der Sittenverderbnis Vorschub leistete. So sieht man die väterliche Autorität vielfach verachtet, die Bande des Blutes gelockert, Herrschaften und Dienstboten einander feindlich gesinnt, die eheliche Treue verletzt und die Pflichten der Eheleute gegen Gott und die Gesellschaft mit Füßen getreten.

Die sittliche Dekadenz im allgemeinen

14 Wie aber die Krankheit eines Organismus oder eines seiner edleren Teile notwendig alle, auch die letzten Glieder in Mitleidenschaft zieht, so muss auch das Übel, das die Gesellschaft und die Familie befallen hat, auf den Einzelnen übergreifen. So ist es in der Tat gekommen, wie jedermann feststellen kann. Die Menschen, gleichviel welchen Alters oder Standes, sind ergriffen von einer geistigen Unruhe, die sie reizbar und anspruchsvoll macht; Widerwille gegen Gehorsam und gegen Arbeit sind zur Gewohnheit geworden; die Schranken der Sittsamkeit, namentlich in Mode und Tanz, sind niedergerissen durch die Leichtfertigkeit von Frauen und Mädchen, die mit ihrem aufdringlichen Luxus den Hass der Besitzlosen herausfordern; die Masse der Notleidenden endlich ist in stetem Wachsen begriffen und liefert der Armee des Umsturzes immer neuen, gewaltigen Zuwachs.

15 Das Resultat: an Stelle vertrauensvoller Sicherheit wachsende Ungewissheit und drohende Furcht; an Stelle geordneter Arbeit Trägheit und Müßiggang; an Stelle der ruhigen, festen Ordnung, die den Frieden verbürgt, allgemeine Unordnung und Verwirrung! Was Wunder, wenn die Industrie krankt, der Welthandel stockt, Wissenschaft und Kunst darniederliegen! Noch mehr, vielerorts schwindet die wahrhaft christliche Lebensführung, so dass die Menschheit, weit entfernt von jedem unbegrenzten, mannigfachen Fortschritt, dessen sie sich zu rühmen pflegt, vielmehr in die wildeste Barbarei zurückzufallen scheint.

Die Misskennung der Religion, die Leiden der Kirche

16 Als seien es der Übel nicht genug, kommen nun noch jene hinzu, "für die der irdische Mensch kein Verständnis hat“,[6] in denen Wir aber eigentlich die schwersten Schäden der Gegenwart zu erblicken haben: Wir meinen die Verheerungen in der geistigen, d. h. übernatürlichen Ordnung. Ist doch mit dieser Ordnung aufs engste das Leben der Seelen verbunden, und so weit der Geist den Stoff überragt, so weit lässt geistiger Schaden den Verlust der materiellen Güter hinter sich zurück.

17 Ohne auf die schon erwähnte Vernachlässigung der Christenpflichten zurückzukommen, welch bitterer Schmerz ist es für Uns und für Euch, Ehrwürdige Brüder, dass so viele Kirchen, die der Krieg profanen Zwecken ausgeliefert hat, bis zur Stunde noch nicht ihrem heiligen Zweck zurückgegeben sind! Dass zahlreiche Priesterseminare der religiösen Heranbildung von Lehrern und Führern, die damals geschlossen werden mussten, immer noch nicht geöffnet werden können! Dass fast überall die Reihen der Priester gelichtet sind, da die einen mitten aus ihrem heiligen Dienst vom Kriege weggerafft wurden, die anderen, in bitterer Verdrießlichkeit ihrer heiligen Verpflichtungen uneingedenk, auf Abwege gerieten! Dass vielerorts das Lehrwort auf der Kanzel verstummen muss, während es doch so notwendig ist „zum Aufbau des Leibes Christi"![7]

18 Wurden nicht unsere Missionare von den entlegensten Teilen der Erde her, mitten aus dem Missionsfeld, auf dem sie sich erfolgreich für Religion und Zivilisation abgemüht hatten, heimgerufen, um die Lasten des Krieges mitzutragen, und wie wenige nur sind heil und gesund zu ihrem Arbeitsfeld zurückgekehrt? Wohl ist es wahr, dass diese Schäden teilweise aufgewogen wurden; denn den üblichen gegnerischen Verleumdungen zum Trotz sah alle Welt, wie im Herzen des Klerus echte Vaterlandsliebe und strenges Pflichtgefühl wohnten, und oft genug erlebte man es, dass solche, die Tag für Tag das herrliche Beispiel von Tapferkeit und Opfermut des Klerus vor Augen hatten, sich im Angesicht des Todes mit dem Priester und der Kirche aussöhnten. Darin eben liegt ein wunderbarer Erweis der Güte und Weisheit Gottes, dass er allein sogar das Böse zum Guten zu wenden weiß.

DIE URSACHEN DES CHAOS

19 Das sind die Übel, unter deren Druck die Welt heute leidet. Wir wollen nun ihre Ursachen zu ergründen und darzulegen versuchen, wenngleich Wir einige davon bereits erwähnt haben.

Die Gewaltsamkeit als Prinzip des Handelns

Es scheint Uns, als hörten Wir den göttlichen Tröster und Arzt der menschlichen Gebrechen die Worte wiederholen: „All dieses Böse kommt von innen herhaus".[8]

20 Wohl wurde der Friede unter den Kriegfuhrenden feierlich geschlossen; aber er blieb nur in den diplomatischen Urkunden geschrieben, er drang nicht in die Herzen der Menschen. Dort lebt bis zur Stunde noch der alte Kriegsgeist und wächst sich mit jedem Tag weiter zu einem drohenden Verhängnis für die Gesellschaft aus. Leider hat nur allzu lang überall die Gewalt triumphiert. Unvermerkt unterdrückte sie den Sinn für Barmherzigkeit und Güte, den die Natur allen eingepflanzt und den das christliche Gesetz der Liebe vervollkommnet hat. Auch dieser Friede, mehr Schein als Wirklichkeit, hat diesen Sinn nicht wieder zu Ehren gebracht. Im Gegenteil, der langgewohnte Hass ist bei weitaus den meisten wie zur zweiten Natur geworden; im Großen sehen Wir sich wiederholen, was der heilige Paulus an sich erfahren und beklagt hat, wenn er von dem blinden Gesetz spricht, das allzeit dem Gesetz des Geistes widerstreitet.

21 Oder ist es nicht so? Ist leider nicht zu oft der Mensch dem Menschen fremd und feind, statt nach Christi Gebot sein Bruder zu sein? Überwiegen heute nicht Kraft und Zahl, während die Würde und Persönlichkeit des Menschen für nichts erachtet werden? Sucht man nicht den Nächsten zu unterdrücken, um so viel wie möglich von den Gütern dieses Lebens zu erraffen? Ja, so ist es; Hand in Hand mit der Verständnislosigkeit für die ewigen Güter, die Christus durch seine Kirche den Menschen fortgesetzt anbietet, geht allenthalben ein unersättlicher Hunger nach dem Irdischen und Vergänglichen.

Der Materialismus

22 Es liegt nun einmal in der Natur der äußeren Güter, dass sie, wenn sie in ungeordneter Weise angestrebt werden, alle erdenklichen Übel zeugen, besonders die Sittenlosigkeit und die Zwietracht. Denn in der Tat können jene Güter, wertlos und nichtig wie sie sind, das Menschenherz nicht sättigen; von Gott und für Gott geschaffen, bleibt das Herz unruhig, bis es in Gott ruht.

Zudem sind jene Güter begrenzt und beschränkt; je mehr daher sich darin teilen, um so weniger entfällt auf den Einzelnen, während die geistigen Güter unzählige bereichern, ohne in sich abzunehmen. Wenn also die materiellen Güter weder alle in gleicher Weise noch einen Einzelnen völlig befriedigen können, müssen sie notwendig zum Anlass von Streit und Ärger werden und sind nichts als „Eitelkeit und Geistesplage“,[9] wie der weise Salomon sie aus eigener Erfahrung genannt hat.

23 Mit der Gesellschaft verhält es sich hier genau so wie mit den Einzelnen. „Woher kommen Kampf und Streit unter Euch", sagt der Apostel Jakobus, „wenn nicht aus euren Begierden?"[10]

Die Folgen dieses Verlustes jeder sittlichen Norm

24 So wird „die Fleischeslust", d. h. die Genusssucht, zum Todeskeim, der Familie und Staat vergiftet; so wird „die Augenlust", d. h. die Habsucht, zu Klassenkampf und sozialer Selbstsucht; so wird „die Hoffart des Lebens", d. h. die Herrschsucht, zur Anstifterin der erbitterten Parteienkämpfe, in denen man sogar vor Majestätsverbrechen, Hochverrat und Empörung gegen das Vaterland nicht zurückschreckt.

25 Gerade diesen ungeordneten Begierden, die sich so gern in den Deckmantel der Vaterlandsliebe und der Sorge für das öffentliche Wohl hüllen, ist es zuzuschreiben, wenn von Zeit zu Zeit unter den Völkern erbitterte Kämpfe entstehen. Obgleich die Liebe zu Heimat und Volk eine reiche Quelle von Tugenden und Heldentaten sein kann, wenn sie Christi Gesetz zur Norm hat, so wird sie doch zum Anlass schreienden Unrechts, wenn sie die Grenzen von Recht und Billigkeit überschreitet und in maßlosen Nationalismus ausartet; wenn sie vergisst, dass die anderen Nationen ebenfalls ein Recht auf Leben und Gedeihen haben; wenn sie vergisst, dass man nie ungestraft das Interesse vor das Recht setzen darf. Denn „die Gerechtigkeit erhöht die Völker, die Sünde aber verelendet die Nationen".[11]

26 Mag auch ein auf Kosten anderer für die Familie, die Gesellschaft oder den Staat erworbener Gewinn in den Augen der Menschen als glänzend erscheinen, so ist er doch nicht von Bestand, noch lässt er sich ohne die Furcht, ihn wieder zu verlieren, halten, wie Augustinus sinnvoll sagt: „Ein zwar glänzendes, aber wie Glas zerbrechliches Glück, für das man unter Zittern und Zagen befürchten muss, es könnte plötzlich in Stücke gehen.“[12]

Die Hauptursache des Chaos: Abfall von Gott und Christus

Ohne Gott sicherer Untergang

27 Noch tiefer müssen wir forschen, wollen wir die Gründe finden, weshalb wir den Frieden und damit die Heilung der vielen Schäden schmerzlich vermissen. Schon lange vor dem europäischen Krieg war die Hauptursache dieser großen Übel tätig und nahm an Stärke zu durch die Schuld der Einzelnen wie der Nationen. Hätte man die Zeichen der Zeit zu deuten gewusst, so wäre das so furchtbare Unglück zum wirksamen Heilmittel geworden. Wer kennt nicht das Wort der Schrift: „Die den Herrn verlassen, sind des Todes“,[13] und das ernste Mahnwort Jesu, des Erlösers und Lehrers der Menschheit: „Ohne mich könnt ihr nichts tun“[14] sowie: „Wer nicht mit mir sammelt, zerstreut".[15]

Gottes- und Christusleugnung im öffentlichen Leben

28 Diese Gottesworte haben sich zu allen Zeiten bewahrheitet, aber heute liegt ihre Erfüllung besonders klar vor Augen. Weil die Menschen törichterweise von Gott und Jesus Christus abgefallen sind, sind sie von der Höhe ihres Wohlstandes in den Abgrund des Unglücks gestürzt und sind alle Versuche, die Übel zu heilen und die Trümmer der zahllosen Ruinen zu retten, völlig aussichtslos. Hat man Gott und Jesus Christus aus der Gesetzgebung und der Politik hinausgewiesen und leitet man die Autorität nicht mehr von Gott her, sondern von den Menschen, dann fehlt den Gesetzen ihre wahre und wirksame Sanktion, dann fehlen ihnen die höchsten Kriterien des Rechts - und heidnische Philosophen wie Cicero haben schon begriffen, dass Menschengesetze nur im ewigen Gesetz Gottes verankert sein können -; damit ist die Grundlage der Autorität zerstört, da man die Quelle verschüttet hat, aus der den einen das Befehlsrecht zufließt, den anderen die Gehorsamspflicht. So musste mit unerbittlicher Notwendigkeit die ganze Gesellschaft erschüttert werden, nachdem diese jeder festen Stütze und jedes Schutzes beraubt und zum Tummelplatz für Parteien wurde, denen es nur um die Macht, nicht um das Wohl des Vaterlandes zu tun ist.

Entweihung der Ehe, der Familie und der Erziehung

29 Ebenso schloss man Gott und Jesus Christus von der Gründung der Familie aus, degradierte die Ehe zu einem rein bürgerlichen Vertrag, während Christus die Ehe zu einem „großen Sakrament,“[16] gemacht hatte und das Eheband zum heiligen und heiligenden Sinnbild des Bandes, das ihn an seine Kirche bindet. Die Folgen davon sind allenthalben zu sehen: es erlischt und schwindet beim Volk der religiöse Sinn, den die Kirche in die Keimzelle der Gesellschaft, in die Familie, hineingelegt hatte; häusliche Ordnung und häuslicher Friede werden zerrüttet; Einheit und Festigkeit der Familie werden mehr und mehr erschüttert; das Heiligtum der Ehe wird entweiht durch unreine Leidenschaft und mörderische Selbstsucht, die Lebensquelle von Familie und Volk also vergiftet.

30 Endlich verbannte man Gott und Christus aus der Erziehung der Jugend; die Folge davon war, dass die Schule nicht nur religionslos, sondern nach und nach offen oder geheim religionsfeindlich wurde. Die Kinder mussten die Überzeugung gewinnen, Gott und Religion seien zum guten Leben unnütz; hörten sie doch von diesen überhaupt nicht oder nur mit Verachtung reden. Hat man aber Gott und göttliches Gesetz aus dem Unterricht verbannt, wie wird man dann die Jugend vor dem Bösen bewahren und zu einem frommen, reinen Leben anhalten können? Wie will man für Familie und Staat gesittete, ordnungs- und friedliebende Menschen heranbilden, die das Gemeinwohl zu fördern imstande sind?

Die Konsequenzen: Chaos und Krieg

31 Waren aber einmal die Normen der christlichen Weisheit verschüttet, dann braucht man sich nicht zu wundern, dass die furchtbare Drachensaat der Zwietracht aufging und jener wütende Krieg ausbrach, der mit seinen blutigen Gewalttätigkeiten den Hass unter den Völkern und sogar unter den Bürgern verschärfte, anstatt ihn durch Ermüdung absterben zu lassen.

DAS HEILMITTEL: DER FRIEDE CHRISTI

32 Bis jetzt haben Wir von den Übeln gesprochen, an denen die menschliche Gesellschaft krank; nun gilt es, die naturgemäßen und wirksamen Heilmittel zu finden.

Die Befriedung beginnt im Verhältnis des Menschen zu Gott

33 Zuerst und vor allem muss in den Herzen der Menschen wieder Friede werden. Was hilft uns ein Friede, der nur äußerlich ist, nicht mehr als eine Umgangsform für den gegenseitigen Verkehr? Wir benötigen mehr, einen Frieden, der sich in die Herzen senkt, diese besänftigt und zu brüderlichem Wohlwollen geneigt macht. Ein solcher Friede aber ist nur der Friede Christi: „Und der Friede Christi herrsche in euren Herzen";[17] nicht anders kann der Friede sein, den er gibt, [18] da er als Gott in die Herzen schaut[19] und in den Herzen herrscht. Christus kann in Wahrheit mit Fug und Recht diesen Frieden des Herzens seinen Frieden nennen. Wer hat denn vor ihm zu den Menschen gesagt: „Ihr alle seid Brüder"[20] Er hat den Menschen das mit seinem Blut besiegelte Gesetz der allgemeinen Liebe und der gegenseitigen Toleranz verkündet: „Dies ist mein Gebot: Liebet einander, wie ich euch geliebt habe ";[21] "Einer trage des andern Last; so erfüllt ihr das Gesetz Christi“.[22]

Ordnung in Gerechtigkeit und Liebe

34 Daraus ergibt sich klar, dass der wahre Friede, der Friede Christi, von der Norm der Gerechtigkeit nicht abweichen kann; heißt es doch: „Gott richtet nach Gerechtigkeit“,[23] und: „Das Werk der Gerechtigkeit ist Friede“.[24] Ebenso wenig darf er ausschließlich in einer eisernen, unbeugsamen Gerechtigkeit bestehen, sondern muss den milden Charakter der Liebe annehmen, die ihrer Natur nach auf eine aufrichtige Versöhnung abzielt. Solcher Art ist der Friede, den Christus den Menschen erworben hat; diesen Frieden meint der Apostel, wenn er von Christus mit Nachdruck sagt: „Er selbst ist unser Friede". Denn Christus hat in seinem Kreuzestod der göttlichen Gerechtigkeit Genugtuung geleistet, „die Feindschaft vernichtet und Frieden gestiftet"[25] und so das All mit Gott versöhnt. Mit Recht erblickt daher der Apostel im Erlösungswerk Christi nicht nur ein Werk der Gerechtigkeit, sondern vor allem ein göttliches Werk der versöhnenden Liebe: „Denn Gott hat durch Christus die Welt mit sich versöhnt“.[26] „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn dahingab“.[27]

35 Die glücklichste Formel für die Lehre hat wie immer der Doctor angelicus gefunden. Er sagt, der wahre, echte Friede sei eher Sache der Liebe als der Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit müsse die Hindernisse des Friedens, die Gewalttätigkeiten und Verheerungen, beseitigen, hingegen sei der Friede eine Betätigung der Liebe.[28]

Abkehr vom Materialismus, Hinwendung zu den übernatürlichen Gütern

36 Auf diesen Frieden Christi, der als Betätigung der Liebe im Herzen wurzelt, passt das Apostelwort vom Reich Gottes in den Menschenherzen, in denen Gott durch seine Liebe herrscht: „Das Reich Gottes besteht nicht im Essen und Trinken";[29] mit anderen Worten, der Friede Gottes zieht seine Nahrung nicht aus dem Stoff, sondern aus dem Geist, aus jenen ewigen unvergänglichen Gütern, deren überragenden Wert Christus gelehrt und unaufhörlich den Menschen eingeschärft hat: „Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber an seiner Seele Schaden leidet? Oder was kann der Mensch für seine Seele als Lösegeld geben?“[30] Und weiter betont er die Unerschütterlichkeit als Christenpflicht: „Fürchtet euch nicht vor denen, die nur den Leib töten können, nicht aber die Seele. Fürchtet vielmehr den, der Seele und Leib dem Verderben und der Hölle ausliefern kann“. [31]

37 Man missdeute Unsere Worte nicht, als ob der, dessen Verlangen auf Christi Frieden gerichtet ist, auf die Güter dieses Lebens verzichten müsse; hat doch Christus selbst ihm diese im Überfluss verheißen: „Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und dies alles wird euch dazu gegeben werden“.[32]

38 Nur das ist wahr: „Der Friede Gottes übersteigt alle Vorstellungen“;[33] gerade deswegen beherrscht er die blinden Begierden und kennt nicht die tausenderlei Kämpfe und Zwistigkeiten, die die Sucht nach Reichtum notwendigerweise erzeugt. Wenn man so durch die Tugendkraft die ungeordnete Gier nach zeitlichen Gütern zügelt und den geistigen Werten den gebührenden Ehrenplatz einräumt, erzielt man ganz wie von selbst einen großen Gewinn: der christliche Friede wird der starke Hort für die Lauterkeit der Sitten ebenso wie ein sicherer Schutz für die persönliche Würde des Menschen, der erlöst ist durch Christi Blut, geweiht als Kind des Vaters, geheiligt als Bruder Christi, durch Gebet und Sakramente der göttlichen Natur in Gnade teilhaftig geworden, bestimmt für den ewigen Besitz der göttlichen Glorie zum Lohn für ein gut vollbrachtes Leben.

Achtung vor der gottgegebenen Autorität

39 Wie gesagt, ist die Hauptursache des gegenwärtigen Chaos darin zu suchen, dass die Kraft des Rechts und die Achtung vor der Autorität geschwunden sind; sie mussten freilich schwinden, wenn man Recht und Autorität nicht mehr auf Gott, den Schöpfer und Erhalter der Welt als deren Quelle zurückführt.

40 Auch diese Unordnung beseitigt der christliche Friede; denn als Gottesfriede gebietet er Achtung vor Ordnung, Gesetz und Autorität. So lehrt es ausdrücklich die Schrift: „Bewahrt in Frieden die Zucht“;[34] „Tiefen Frieden haben die, die dein Gesetz lieben, o Herr,“;[35] „Wer das Gebot fürchtet, lebt im Frieden“.[36] Unser Herr Jesus Christus hat nicht nur gesagt: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“, [37] er erklärte auch, dass er sogar in Pilatus die ihm von oben gegebene Macht achte,[38] wie er auch seinen Jüngern Achtung einschärfte vor den „Pharisäern und Schriftgelehrten, die auf dem Stuhl des Moses sitzen“.[39] Und wie ergreifend achtete er im häuslichen Leben die väterliche Autorität, da er sich Joseph und Maria willig unterwarf! So konnten denn in seinem Namen die Apostel feierlich das Gesetz verkünden: „Jedermann sei der obrigkeitlichen Gewalt untertan; denn es gibt keine Gewalt, die nicht von Gott stammt“.[40]

Die Kirche als Hüterin des Friedens Christi und damit des Friedens in und unter den Völkern

41 Ferner beachte man noch folgende Tatsache: Seine Lehrvorschriften über die Würde der menschlichen Person, über Sittenreinheit, Gehorsamspflicht, göttlichen Ursprung der Gesellschaft, Sakrament der Ehe und Heiligkeit der christlichen Familie, diese und noch andere Glaubenswahrheiten, die Christus vom Himmel auf die Erde brachte, hat er nur seiner Kirche anvertraut. Er hat ihr dazu feierlich seinen ewigen Beistand versprochen und den Auftrag gegeben, als unfehlbare Lehrerin sie allen Völkern bis ans Ende der Zeiten zu verkünden. Wird daraus nicht sofort klar, welch großen Anteil die Kirche an der Völkerversöhnung haben kann und haben muss?

42 Als einzige von Gott eingesetzte Hüterin und Lehrerin der genannten Glaubens- und Sittenlehren besitzt die Kirche ewige, unerschöpfliche Kräfte und Gewalten: sie vermag aus dem öffentlichen Leben, aus der Familie und der Gesellschaft den Materialismus, der schon so viele Ruinen geschaffen hat, zu bannen; sie kann, ganz anders als die Philosophie, die christlichen Grundlehren über die Geistigkeit und Unsterblichkeit der Seele zur Geltung bringen; sie vermag alle bürgerlichen Klassen einander näher zu bringen und das ganze Volk in der Gesinnung eines aufrichtigen Wohlwollens und „eines gewissen Brudersinnes“[41] zusammenzuschließen; sie soll den Menschen in seiner Würde schützen und verteidigen und bis zur Höhe Gottes erheben.

43 Sie soll endlich das private und öffentliche Leben bessern und heiligen, auf dass alles Gott, „der auf das Herz schaut“,[42] untertänig sei und alles sich nach seinen Gesetzen und Lehren richte. So soll das heilige Pflichtbewusstsein das Lebensgesetz aller sein, der Untertanen und der Gebieter und auch der öffentlichen Einrichtungen, damit „Christus alles in allen“[43] sei.

44 Die Kirche allein hat als Trägerin und Vermittlerin der Wahrheit und Gnade Christi die Befähigung, die Gewissen richtig zu bilden; daher hat auch nur sie es in der Hand, für die Gegenwart den wahren Frieden Christi zu bewirken und für die Zukunft ihn zu befestigen und die von Uns geschilderte Gefahr neuer Kriege zu beseitigen. Denn sie allein lehrt kraft göttlichen Auftrags und göttlicher Sendung, dass alle Menschen ihr Tun, das private wie das öffentliche, das persönliche wie das gesellschaftliche, mit dem göttlichen Gesetz in Einklang bringen müssen. Es dürfte klar sein, dass dabei das Gemeinwohl eine vordringliche Bedeutung hat.


Die Kirche als göttlich begründete übernationale Gesellschaft kann einzig das bieten, was man umsonst in völkerrechtlichen Institutionen sucht

45 Wenn also die Regierungen und Völker es sich zur heiligen Pflicht machen, in ihrem politischen Leben nach innen und außen der Lehre Christi als Wegweiser zu folgen, dann und nur dann werden sie im Innern einen segensvollen Frieden genießen, die internationalen Beziehungen auf dem Boden gegenseitigen Vertrauens regeln und in friedlichem Meinungsaustausch etwaige Streitfalle schlichten können. Gewiss, mancher Versuch ist bis zur Stunde nach dieser Richtung hin gemacht worden, aber leider mit wenig oder gar keinem Erfolg, namentlich in den heikelsten internationalen Fragen. Es gibt eben keine menschliche Instanz, die alle Völker auf ein zeitgemäßes internationales Gesetzbuch verpflichten könnte, wie es im Mittelalter bei der christlichen Völkerfamilie, einem wahren Völkerbund, der Fall war. Mochte auch da des öftern eine Rechtsverletzung vorkommen, so blieb doch die Heiligkeit des Rechts unberührt und sie gab den Maßstab, nach dem auch die Nationen gerichtet wurden.

46 Es existiert aber jetzt noch eine göttliche Institution, die die Heiligkeit des Völkerrechts schützen kann, eine Institution, die allen Nationen angehört und doch alle Nationen überragt, die ausgestattet ist mit der höchsten Autorität und ehrwürdig ist durch die Fülle ihrer Lehrgewalt: die Kirche Christi. Sie allein zeigt sich auf der Höhe dieser bedeutsamen Aufgabe, dank ihrer göttlichen Sendung, dank ihrer Natur und Verfassung, dank ihrer jahrhundertlangen glänzenden Geschichte; selbst die Stürme des Krieges haben ihren Glanz nicht verdunkelt, sondern wunderbar erhöht.

47 Sofern also nicht Christi Lehre, Gesetz und Beispiel von allen treu beobachtet werden, im privaten wie im öffentlichen Leben, kann vom wahren Frieden, dem heißersehnten Frieden Christi, keine Rede sein. Dieser Friede ist an eine doppelte Bedingung geknüpft: einmal muss die menschliche Gesellschaft nach Gottes Gesetz geordnet sein, sodann muss die Kirche ihre göttliche Sendung erfüllen und alle Rechte ausüben können, die Gott über die Einzelnen und über die Gesellschaft besitzt.

Die Herrschaft Christi als Garantie des Friedens

48 Darin besteht, kurz gesagt, das Reich Christi. Christus herrscht da zunächst über die Einzelnen; er herrscht im Verstand durch seine Lehre, im Herzen durch seine Liebe, er herrscht im ganzen Leben der Menschen, wenn dieses im Einklang steht mit seinem Gesetz und Beispiel. Christus herrscht in der Familie, wenn sie auf das Sakrament der Ehe gegründet ist und ihren heiligen Charakter unversehrt bewahrt; wenn sie ein himmlisches Heiligtum ist, wo die väterliche Autorität ein Abbild von Gottes Vaterschaft ist, der sie Ursprung und Namen[44] verdankt, wo die Kinder den Gehorsam des Jesusknaben nachahmen, wo das ganze Leben die Heiligkeit der Familie von Nazareth atmet. Christus herrscht im Staate, wenn in ihm Gottes Oberhoheit in höchsten Ehren steht, wenn er von Gott Ursprung und Inhalt seiner Autorität ableitet, so dass die Norm des Befehlens und Pflicht und Würde des Gehorsams gesichert sind; wenn er der Kirche jenen ehrenvollen Platz einräumt, der ihr zukommt als vollkommener Gesellschaft und als Lehrmeisterin und Führerin der übrigen Gesellschaften. Dies heißt nicht etwa, dass die Kirche die Autorität der anderen Gesellschaften schädige - sind doch auch sie in ihrer Art rechtmäßig -, vielmehr vervollkommnet sie sie, wie die Gnade die Natur vervollkommnet; erst auf diese Weise sind jene Gesellschaften in der Lage, ihre Glieder im Hinblick auf die Erreichung ihres letzten Zieles, das in der ewigen Seligkeit besteht, wirksam zu unterstützen und ihr irdisches Glück zu fördern und zu sichern.

49 Somit ist nur im Reiche Christi der Friede Christi möglich. Und wir können nicht wirksamer den Frieden festigen, als indem wir Christi Reich aufbauen.

Wenn daher Pius X. sich zum Programm setzte, alles in Christus zu erneuern, so bahnte er damit wie unter göttlicher Eingebung jenem Werk der Befriedung den Weg, das Benedikt XV. als Aufgabe vorschwebte. Wir sind entschlossen, dieses doppelte Programm Unserer beiden Vorgänger zu einer Einheit zu verbinden und mit allen Kräften dies anzustreben: Christi Frieden im Reiche Christi. Dabei setzen Wir Unser ganzes Vertrauen auf die Gnade Gottes, der Uns bei der Übertragung der höchsten Gewalt seinen dauernden Beistand versprochen hat.

AUFRUF ZUR MITARBEIT AM FRIEDEN CHRISTI

An die Bischöfe

Für die Ausführung dieses Programms erwarten Wir die Mithilfe aller Guten. Besonders aber ergeht Unser Appell an Euch, Ehrwürdige Brüder. Euch hat Christus, Unser Führer und Haupt, der Uns die Sorge für seine Herde übertrug, in besonderer Weise zur Teilnahme an Unserem Amt berufen, Euch hat der Heilige Geist bestellt, „die Kirche Gottes zu regieren“;[45] Ihr seid besonders betraut „mit dem Amt der Versöhnung ... als Gesandte Christi“;[46] Ihr habt Anteil am Lehramt Gottes und seid „Verwalter seiner Geheimnisse“;[47] aus diesem Grunde seid Ihr genannt „Salz der Erde" und „Licht der Welt“,[48] Lehrer und Väter des christlichen Volkes, „Vorbilder für die Herde“;[49] „Ihr werdet groß genannt werden im Himmelreich";[50] Ihr seid gleichsam die goldenen Ringe, durch die der „ganze Leib Christi zusammengefügt und zusammengehalten wird"; [51] dieser Leib Christi ist nichts anderes als die Kirche, die auf dem unerschütterlichen Felsen aufgebaut ist.

50 Ihr habt Uns neulich schon einen neuen Beweis Eures unermüdlichen Eifers gegeben, als Ihr Euch anlässlich des Eucharistischen Kongresses in Rom und der Zentenarfeier der Heiligen Kongregation für die Glaubensverbreitung so zahlreich aus allen Teilen der Welt am Grab der Apostel einfandet. Diese Bischofsversammlung, die an Glanz wie an Ansehen überaus stattlich war, legte Uns den Gedanken nahe, zu gelegener Zeit eine ähnliche Versammlung in diese Stadt, den Mittelpunkt der katholischen Welt, einzuberufen mit dem Zweck, nach der gewaltigen Katastrophe der menschlichen Gesellschaft die entsprechenden Heilmittel zur Gesundung anzugeben. Die bevorstehende Wiederkehr des Heiligen Jahres dünkt Uns ein glückliches Zeichen, das Uns in der Hoffnung auf die Wirklichkeit dieses Planes bestärkt.

51 Wir wagen es jedoch nicht, sofort die Wiederaufnahme des ökumenischen Konzils anzuordnen, das, wie Uns noch aus Unserer Kindheit erinnerlich ist, durch den seligen Papst Pius IX. eröffnet wurde, aber nur einen, wenn auch bedeutenden, Teil seines Programms erledigt hat. Wir möchten lieber noch zuwarten und, wie der berühmte Führer der Israeliten, beten, dass der gütige und barmherzige Gott Uns seinen Willen klarer zu erkennen gebe.[52]

52 Unterdessen wendet sich Unser Wort an Euch. Wohl kennen Wir Eure hingebende Arbeit, die über alles Lob erhaben ist und keines Ansporns Unsererseits bedarf. Trotzdem verpflichtet Uns das Bewusstsein Unseres Apostolischen Amtes und Unserer weltumspannenden Vatersorge, ja nötigt es Uns, Eueren feurigen Eifer zu hellen Flammen zu entfachen; denn Wir sind ja überzeugt, dass ein mahnendes Wort aus Unserem Mund Euch zu noch größerer Hingabe an den Teil der Herde Christi anspornen wird, der einem jeden von Euch anvertraut ist.

53 Welch herrliche und zeitgemäße Werke für Klerus und Laien haben Unsere Vorgänger mit Eurer Mithilfe weise erdacht, glücklich in Angriff genommen und erfolgreich beendet, Werke, deren Gelingen unter den gegebenen Umständen ein besonderes Verdienst für sie bedeutet! Die Kunde davon hat Uns durch die Presse erreicht und wurde bestätigt durch Mitteilungen von anderer Seite, sowie durch die privaten Berichte, die Ihr und andere Personen Uns zugehen ließen. Dafür, danken Wir Gott von ganzem Herzen. Unter diesen Werken möchten Wir namentlich jene zahlreichen Schöpfungen erwähnen, die sich auf die Verbreitung der Wahrheit und Hebung der Sittlichkeit beziehen; ebenso die frommen Vereinigungen von Klerus und Laien zur Unterstützung der Heidenmissionen; sie bezwecken ja, das Reich Gottes auszubreiten und den noch nicht zivilisierten Völkern zeitliches und ewiges Glück zu bringen; nicht minder die zahlreichen Jugendvereine, die mit ihrer Verehrung der Allerseligsten Jungfrau und des hochheiligsten Altarssakramentes eine besondere Pflege des Glaubenslebens, der Reinheit und der gegenseitigen Bruderliebe verbinden; endlich die Männer- und Frauenvereine, vornehmlich die eucharistischen, die sich eine besondere Verehrung des Heiligsten Sakramentes zum Ziel gesetzt haben; dieses Ziel suchen sie zu erreichen durch häufige und feierliche Kundgebungen, wie öffentliche Prozessionen, oder durch Veranstaltung von größeren Kongressen, örtlichen, nationalen oder sogar internationalen, auf denen fast alle Völker vertreten sind, die alle wunderbar eins sind im Glauben, in der Anbetung, im Gebete und in den Gnadenmitteln.

54 Dieser religiösen Erweckung danken Wir auch das auffallende Erstarken des apostolischen Geistes. Wir meinen damit jenen glühenden Eifer, der sich vor allem in anhaltendem Gebet und vorbildlichem Leben, dann im gesprochenen und geschriebenen Wort und in den übrigen Werken der Nächstenliebe kundtut, damit der Einzelne, aber auch die Familie und der Staat dem göttlichen Herzen Jesu die Liebe und Verehrung erweisen, die sie ihm als König schulden. Das gleiche Ziel verfolgt der gute Kampf für Familie und Altar, dieser Kampf, der an vielen Fronten zu führen ist für die göttlichen und natürlichen Rechte der religiösen Gesellschaft, der Kirche, und der häuslichen Gemeinschaft, der Familie, in bezug auf die Erziehung der Kinder. Hierher gehört weiterhin der ganze Komplex von Einrichtungen, Bestrebungen und Unternehmungen, die unter dem Namen der Uns so teuren Katholischen Aktion zusammengefasst sind.

55 Diese Werke und andere ähnliche in großer Zahl - man erlasse es Uns, sie namentlich aufzuführen - müssen nicht nur erhalten, sondern mit wachsendem Eifer gefördert und den Zeitverhältnissen entsprechend ausgebaut werden. Mag diese Aufgabe dem Klerus und dem Volk auch mühsam und schwer erscheinen, sie ist gleichwohl notwendig und gehört zu den ersten Pflichten Eures Hirtenamtes und des Christenlebens. Daraus folgt mit überwältigender Klarheit, wie fest alle diese Werke miteinander verschlungen sind und wie unlösbar verbunden mit der ersehnten Wiederaufrichtung des Reiches Christi und der Wiederherstellung jenes Friedens, der nur diesem Reiche eigen ist: „Christi Friede im Reiche Christi".

An den Weltklerus

56 Euren Priestern aus dem Weltklerus bringt folgende Botschaft von Uns: Als Zeuge und als ehemaliger Mitarbeiter bei den mannigfachen Bemühungen um die Herde Christi schätzte und schätzt auch heute noch der Papst ihren hochherzigen Eifer in der Erfüllung ihrer Aufgabe, ihre Findigkeit im Entdecken neuer Wege zur Behebung neuer Schwierigkeiten. Sie werden Uns um so näher stehen und Wir werden ihnen um so mehr in väterlichem Wohlwollen zugetan sein, je enger sie durch ein sittenreines Leben und willigen Gehorsam durch ihre Führer und Lehrer, die Bischöfe, mit Christus verbunden sind.

An den Ordensklerus

57 Wie sehr Wir aber bei der Durchführung Unseres Programms auf den Ordensklerus rechnen, brauchen Wir Euch, Ehrwürdige Brüder, nicht ausdrücklich zu sagen. Ihr wisst ja nur zu gut, was dieser für die Ausbreitung des Reiches Gottes daheim und draußen bedeutet. Die Ordensleute beobachten von Berufs wegen nicht nur die Gebote, sondern auch die evangelischen Räte und stellen, ob als kontemplative Orden im Schatten des Klosters, ob als tätige Orden in der breiten Öffentlichkeit, das Ideal der christlichen Vollkommenheit anschaulich dar; sie widmen sich rückhaltlos dem Gemeinwohl und verzichten freudig auf jeden irdischen Besitz, um in desto reicherem Maße der geistlichen Güter teilhaftig zu werden. So eifern sie die Gläubigen, die Zeugen ihres heroischen Beispiels, schon durch ihr bloßes Leben unaufhörlich zu höherem Streben an. Ihr Mahnwort findet auch leicht Gehör, da es Hand in Hand geht mit der Ausübung der verschiedenen Werke der leiblichen und geistlichen Barmherzigkeit. Nach Ausweis der Kirchengeschichte gingen sie, von der göttlichen Liebe gedrängt, in ihrem Heldensinn nicht selten so weit, dass sie ihr Leben für das Heil der Seelen hingaben, durch ihren Tod das Reich Christi weiter ausbreiteten und dem wahren Glauben und der christlichen Bruderliebe die Wege ebneten.

An die gläubigen Laien

Zusammenarbeit der Laien mit dem Klerus

58 Euren Gläubigen aus dem Laienstande bringt sodann in Erinnerung, sie möchten als Laienapostel in der Stille oder in der Öffentlichkeit, natürlich in Unterordnung unter Euch und Eure Priester, die Kenntnis und die Liebe Christi verbreiten helfen und sich so den Ehrentitel verdienen: „Auserwähltes Geschlecht, königliches Priestertum, heiliger Stamm, zu eigen erworbenes Volk".[53] Engste Vereinigung mit Uns und mit Christus, das ist die Bedingung, unter der allein ihre eifrige Arbeit für die Ausbreitung und Erneuerung des Reiches Christi ein wirksames Mittel zur Wiederherstellung des allgemeinen Friedens werden kann. Das Reich Christi nämlich bewirkt und fördert eine gewisse Gleichheit der Menschen in Recht und Würde, die alle durch das kostbare Blut Christi geadelt sind. Die aber, welche äußerlich die Vorgesetzten der andern sind, müssen das Beispiel des Herrn selbst nachahmen und rechtlich und tatsächlich die Verwalter der gemeinsamen Güter sein, folglich Diener aller Diener Gottes, in erster Linie der geringsten und ärmsten.

Warnung vor dem „rechtlichen und sozialen Modernismus

59 Doch ist hier zu bemerken, dass dieselben sozialen Umwälzungen, welche die Notwendigkeit der genannten Zusammenarbeit von Klerus und Laien begründeten oder erhärteten, für Kurzsichtige auch neue Gefahren heraufbeschworen haben, und zwar viele und schwere. Kaum hatte sich der Kriegssturm gelegt, da wurden die Staaten durch die politischen Parteien aufgewühlt. Zügellose Leidenschaften und falsche Ideen haben derart Kopf und Herz berückt, dass nun zu befürchten steht, gerade die Besten aus Volk und Klerus könnten von den verderblichen Irrtümern angesteckt werden.

60 Denn wie groß ist die Zahl derer, die sich auf die katholische Lehre berufen in Sachverhalten, die Bezug haben auf staatliche Autorität und Gehorsamspflicht, Eigentumsrecht, Rechte und Pflichten der Land- und Industriearbeiter oder auf die internationalen Beziehungen und das Verhältnis von Arbeitgeber und Arbeitnehmer, auf das Verhältnis von Kirche und Staat, auf die Rechte des Heiligen Stuhles und des Papstes, auf die Privilegien der Bischöfe, endlich auf die Rechte Christi, des Schöpfers, Erlösers und Herrn, über Einzelne und Völker? Wenn man aber ihre Reden, ihre Schriften, ihre ganze Lebensart beachtet, könnte man glauben, dass für sie die wiederholten Lehren und Vorschriften der Päpste, namentlich Leos XIII., Pius' X. und Benedikts XV., ihre ursprüngliche Geltung verloren hätten oder gänzlich in Vergessenheit geraten wären.

61 Es ist dies eine neue Art des Modernismus, eines Modernismus in der Sitten-, Rechts- und Wirtschaftslehre. Wir tragen kein Bedenken, ihn ebenso entschieden zu verurteilen wie den dogmatischen Modernismus.

62 Es müssen daher die genannten Lehren und Vorschriften wieder eingeschärft werden. In den Seelen muss der Glaubenseifer und die göttliche Liebesglut entfacht werden, ohne die das volle Verständnis für jene Lehren und die Beobachtung jener Gebote undenkbar sind. Nach Unserm ausdrücklichen Willen soll diese Erneuerung sich durch die christliche Erziehung der Jugend anbahnen, vor allem und zuerst jener Jugend, die für den Dienst des Heiligtums bestimmt ist. Möge es doch nicht geschehen, dass sie sich in diesem chaotischen Durcheinander und bei der herrschenden Geistesverwirrung von jedem Windhauch der Gelehrsamkeit durch das Trugspiel der Menschen, durch die Verführungskünste der Irrlehre hin und her wiegen und tragen lassen“.[54]

An die Außenstehenden

63 Von der Warte des Apostolischen Stuhles aus wendet sich so dann Unser Blick den Vielen zu, die Christus überhaupt nicht kennen oder nicht seine ganze unverkürzte Lehre annehmen oder die von ihm gewollte kirchliche Einheit verwerfen, die noch nicht „zu dieser Herde gehören", für die sie doch bestimmt sind. Angesichts dessen kann der Stellvertreter des ewigen Hirten nicht umhin, mit dem herzlichen Verlangen seines göttlichen Meisters sich auch dessen Wort zu eigen zu machen, das kurze aber erbarmungsvolle: „Auch sie muss ich herbeiführen, [55] und weiter freudig bewegten Herzens der Weissagung Christi zu gedenken: „Und sie werden auf meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirt sein“. [56] Gebe Gott, so beten Wir mit Euch, Ehrwürdige Brüder, und mit allen Gläubigen, dass Wir doch bald die Erfüllung dieser tröstlichen und untrüglichen Verheißung des göttlichen Herzens erleben dürften!

An die Staaten

64 Als glückliches Vorzeichen für diese religiöse Einheit darf man jene bemerkenswerte Tatsache betrachten, die der jüngsten Vergangenheit angehört. Sie kam allen so ganz unerwartet und verursachte bei einigen wohl großen Ärger, bei Uns und Euch aber sicherlich helle Freude: die meisten Fürsten und die Lenker fast aller Staaten haben sich, von dem gleichen Friedensverlangen beseelt, nacheinander an den Heiligen Stuhl gewandt, um entweder alte Freundschaftsbande wieder anzuknüpfen oder zum ersten Male gleichsam um die Wette in diplomatische Beziehungen zum Heiligen Stuhl zu treten. Wir haben allen Grund, Uns darüber zu freuen; es erhöht nämlich das Ansehen der Kirche, bedeutet eine Anerkennung ihrer Wohltaten und lässt allen ihre einzigartige, wunderbare Kraft fühlbar werden, wodurch sie der Gesellschaft jegliches Glück, auch das zeitliche, zu verschaffen vermag. Zwar hat sie, kraft göttlichen Auftrags, direkt nur die geistlichen, unvergänglichen Güter im Auge. Da aber alle Güter in engster Wechselbeziehung zueinander stehen, fördert sie auch die zeitliche Wohlfahrt der Einzelnen und der Gesellschaft, und zwar so wirksam und erfolgreich, dass sie es besser nicht tun könnte, wenn sie einzig dafür eingesetzt worden wäre.

65 Gewiss hält sich die Kirche nicht für befugt, sich unbegründet in diese irdischen und rein politischen Fragen einzumischen. Das schließt aber nicht aus, dass sie mit Fug und Recht einschreitet, wenn der Staat die Politik als Deckmantel zur Erreichung unerlaubter Ziele gebraucht, wenn er z. B. höhere Güter, von denen das Seelenheil der Menschen abhängt, gefährdet, wenn er durch ungerechte Gesetze und Verordnungen die geistlichen Güter beeinträchtigt, wenn er die göttliche Verfassung der Kirche untergräbt oder sogar die heiligen Rechte Gottes in der Gesellschaft mit Füßen tritt.

66 Deshalb machen Wir uns die Gedanken und sogar die Ausdrucksweise Unseres seligen Vorgängers Benedikt XV., dessen Wir schon des öftern in diesem Schreiben gedachten, rückhaltlos zu eigen. Die feierliche Erklärung bei seiner letzten Ansprache am 21. November des vergangenen Jahres, die die Regelung der gegenseitigen Beziehungen zwischen Kirche und Staat betrifft, wiederholen und bekräftigen auch Wir: „Nie und nimmer werden Wir dulden, dass in derartige Verträge eine Bestimmung aufgenommen wird, die der Würde und Freiheit der Kirche widerspricht; denn es ist auch für das Gedeihen der bürgerlichen Gesellschaft von größter Bedeutung, besonders in unseren Tagen, dass die Kirche gegen jeden Eingriff dieser Art abgesichert sei."[57]

An Italien

67 Wir brauchen daher nicht erst zu sagen, wie es Uns schmerzt, dass unter den vielen Nationen, die mit dem Apostolischen Stuhl freundschaftliche Beziehungen unterhalten, gerade Italien fehlt; und doch hat Gott, dessen Vorsehung Lauf und Ordnung aller Dinge und Zeiten bestimmt, gerade Unser teures Vaterland Italien auserwählt, um in seiner Mitte den Thron seines irdischen Stellvertreters aufzurichten. Aus diesem Grund ist die altehrwürdige Stadt, die einst die Hauptstadt eines zwar umfassenden, aber doch begrenzten Reiches war, die Hauptstadt der ganzen Welt geworden. Als Sitz einer göttlichen Herrschaft, die ihrer Natur nach nicht auf Rasse oder Nation beschränkt ist, umfasst dieses Rom alle Völker und Nationen. Nun aber verlangen Ursprung und göttliche Natur dieser Herrschergewalt einerseits und das unverletzliche Recht der über alle Länder zerstreuten Christenheit andererseits, dass diese Herrschaft auch nicht den Schein der Abhängigkeit von irgend einer weltlichen Macht, von irgend einem Gesetz an sich trage, selbst wenn jene Macht oder dieses Gesetz Schutz und Gewähr für die Freiheit des Römischen Bischofs versprächen; im Gegenteil muss der Heilige Stuhl unabhängig sein, und seine rechtliche und tatsächliche Unabhängigkeit muss offenkundig dastehen.

68 Es gab in der Tat früher Garantien dieser Freiheit, wodurch die göttliche Vorsehung, die Lenkerin und Richterin der Geschichte, die Autorität des Römischen Bischofs befestigt hat, nicht zum Nachteil, sondern zum großen Nutzen für Italien. Jahrhunderte lang haben sie ihren Zweck erfüllt und jene Freiheit gesichert; und bis zur Stunde hat weder die göttliche Vorsehung eine befriedigende Lösung angedeutet, noch menschliche Weisheit einen gleichwertigen Ersatz dafür gefunden. Jene Garantien sind von feindlicher Gewalt niedergerissen worden und sind bis heute noch missachtet. So ist der Römische Papst in eine ganz unwürdige Lage versetzt, die den Gläubigen der ganzen Welt beständig tiefe Trauer bereitet.

69 Wir sind nun Erben der Gesinnung wie der Pflichten Unserer Vorgänger, sind Träger derselben Autorität, die allein die Entscheidung in einer so wichtigen Frage hat; ebenso wissen Wir Uns frei von jeder eitlen Sucht nach weltlicher Herrschaft, würden auch vor Scham erröten, wenn solches Begehren Uns nur einen Augenblick, angesichts Unseres Todes und der sehr strengen Rechenschaft vor dem göttlichen Richter, berücken würde. So erneuern Wir denn, im Bewusstsein, durch eine heilige Amtspflicht gebunden zu sein, an dieser Stelle jene Proteste, die Unsere Vorgänger zur Verteidigung der Würde und der Rechte des Apostolischen Stuhles erhoben haben.

70 Übrigens wird Italien nie vom Apostolischen Stuhl Nachteile zu befürchten haben: der Römische Papst, wer er auch sei, wird stets aus innerstem Herzen mit dem Propheten sprechen können: „Meine Gedanken sind Gedanken des Friedens, nicht des Unheils“. [58] Gedanken des Friedens, sagen Wir, des wahren Friedens, der also nicht losgelöst ist von der Gerechtigkeit, so dass man mit Recht hinzufügen kann: „Gerechtigkeit und Friede haben sich umarmt“.[59] Bei Gott, dem Allmächtigen und Barmherzigen, steht es, endlich diesen schönen Tag aufleuchten und aus ihm reichsten Segen für die Wiederherstellung des Reiches Christi wie für die Befriedung Italiens und der Welt fließen zu lassen. Zu diesem glücklichen Erfolg müssen alle Gutgesinnten eifrig mitarbeiten.

Schlussworte: Ermahnung zum Gebet und Segen

71 Damit diese willkommene Gabe des Friedens recht bald den Menschen zuteil werde, ermahnen Wir inständig alle Gläubigen, sie möchten mit Uns in frommem Gebet ausharren, besonders während dieser Festtage der Geburt des Herrn, des Friedenskönigs, bei dessen Eintritt in die Welt die himmlischen Heerscharen zum erstenmal das Lied anstimmten: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen, die guten Willens sind".[60]

72 Als Unterpfand dieses Friedens empfangt, Ehrwürdige Brüder, Unseren Apostolischen Segen; möge er als Bote des Glücks für jeden einzelnen aus Klerus und Volk, für die Staaten und die christlichen Familien, den Lebenden Wohlfahrt, den Verstorbenen die ewige Ruhe und Glückseligkeit bringen! Diesen Segen erteilen Wir zum Beweis Unseres Wohlwollens, Euch, Eurem Klerus und Volk aus ganzem Herzen.

Gegeben zu Rom bei St. Peter, am 23. Dezember 1922,

im ersten Jahr Unseres Pontifikats

Pius XI. PP.

Anmerkungen

  1. 2 Kor 6,11 EU.
  2. 2 Kor 9,28 EU.
  3. Jer 8,15 EU.
  4. Jer 14,19 EU.
  5. Jes 59,11 EU.
  6. 1 Kor 2,14 EU.
  7. Eph 4,12 EU.
  8. Mk 7,23 EU.
  9. Koh 1,2.14 EU.
  10. Jak 4,1 EU.
  11. Spr 14,34 EU.
  12. Augustinus, De civitate Dei IV 3, PL XII 114.
  13. Jes 1,28 EU.
  14. Joh 15,5 EU.
  15. Lk 9,23 EU.
  16. Eph 5,32 EU.
  17. Kol 3,15 EU.
  18. Joh 14,27 EU.
  19. 1 Sam 16,7 EU.
  20. Mt 23,8 EU.
  21. Joh 15,12 EU.
  22. Gal 6,2 EU.
  23. Ps 9,5 EU.
  24. Jes 32,17 EU.
  25. Eph 2,14 ff EU.
  26. 2 Kor 5,19 EU.
  27. Joh 3,16 EU.
  28. Thomas Aquinas, S. theol. II-II, q. 29, a. 3 ad 3.
  29. Röm 14,17 EU.
  30. Mt 16,26 EU.
  31. Mt 10,28 EU; 12,14 EU.
  32. Mt 6,33 EU; Lk 12,31 EU.
  33. Phil 4,7 EU.
  34. Sir 12,17 EU.
  35. Ps 118,165 EU.
  36. Spr 13,13 EU.
  37. Mt 22,21 EU.
  38. Vgl. Joh 19,11 EU.
  39. Mt 23,2 EU.
  40. Röm 13,1 EU.
  41. Augustinus, De moribus Ecclesiae catholicae I 30, PL XXXII 1336.
  42. 1 Sam 16, 7 EU.
  43. Kol 3,11 EU.
  44. Eph 3,15 EU.
  45. Apg 20,26 EU.
  46. 2 Kor 5,18.20 EU.
  47. 1 Kor 4,1 EU.
  48. Mt 5,13.14 EU.
  49. 1 Petr 5,3 EU.
  50. Mt 5,19 EU.
  51. Eph 4,15.16 EU.
  52. Ri 6,17 EU.
  53. 1 Petr 2,9 EU.
  54. Eph 4,14 EU.
  55. Joh 10,16 EU.
  56. Ebd.
  57. Benedikt XV., Konsistorialansprache In hac quidem, 21. November 1921, AAS XIII (1921) 522.
  58. Jer 29,11 EU.
  59. Ps 84,11 EU.
  60. Lk 2,14 EU.

Weblinks

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