Textkritik

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Die biblische Textkritik ist eine Methode wissenschaftlicher Bibelexegese, deren Ziel es ist, einen Bibeltext zu rekonstruieren, der der Urschrift des biblischen Textes möglichst nahe kommt. Sie gehört zu den historisch-kritischen Methoden der Bibelforschung sowohl des Alten als auch des Neuen Testaments und ist als Forschungsmethode von der katholischen Kirche anerkannt und gefordert.

Inhaltsverzeichnis

Zielsetzung und Arbeitsweise

Textkritik ist deshalb besonders wichtig, weil sowohl vom Alten als auch vom Neuen Testament keine "Autographen", also "Urschriften" der Quellen und Verfasser, überliefert sind, sondern aus der frühesten Zeit Papyrus-Fragmente und Abschriften in Form von Handschriften erhalten sind, die meist nur (kleinere oder größere) Teile der biblischen Schriften enthalten. Bei der Herstellung neuer Handschriften ist mit Lese-, Schreib- und Hörfehlern zu rechnen.[1]

Zur Rekonstruktion eines Urtextes werden die vorliegenden Zeugnisse handschriftlicher Überlieferungen untereinander sowie mit Übersetzungen und zeitgenössischen Zitaten biblischer Texte, etwa in den Schriften der Kirchenväter, verglichen. Nach bestimmten philologischen Regeln, nach inneren und äußeren Kriterien wird dann versucht, auf die älteste Fassung des Textes zurückzuschließen, um spätere "sekundäre" Zusätze zu identifizieren und als mögliche Verfälschungen des Urtextes auszuschließen. "Das wichtigste innere Kriterium ergibt sich aus der Tendenz handschriftlicher Überlieferungen, den Text verständlicher und eingängiger wiederzugeben." Daher ist die "schwierigere" Lesart als die ursprünglichere vorzuziehen.[2] "Als älteste Variante gilt jene, die die Entstehung der anderen am besten zu erklären vermag."[3]

Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Textkritik werden in "kritischen Ausgaben" veröffentlicht, aus der die wichtigsten Lesarten zu den einzelnen Bibelversen im "Apparat" ersichtlich sind. Für das Neue Testament ist die Standardausgabe das Novum Testamentum Graece, herausgegeben erstmals 1898 von Kurt Nestle, heute von Eberhard Nestle und Barbara Aland ("Nestle-Aland") in inzwischen 28. Auflage, führend in der neutestamentlichen Textforschung ist das "Institut für neutestamentliche Textforschung" an der Evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Münster.

Geschichte der Textkritik

Die Textkritik wurde gegen innerkirchliche Widerstände, gegen die der Vatikan 1941 mit seiner Verfügung Consta alla Pontifìcia Commissione und dann mit der päpstlichen Enzyklika "Divino afflante Spiritu vom 30. September 1943 eindeutig einschritt[4], für katholische Exegeten ermöglicht und ausdrücklich erwünscht. Kernpunkt in diesen Auseinandersetzungen war der Stellenwert der lateinischen Bibelübersetzung "Vulgata", die das Konzil von Trient für "authentisch" ("zuverlässig") erklärt hatte ("pro authentica habeatur", D 1506). Seit Divino afflante Spiritu dürfen und müssen katholische Exegeten auf den hebräischen und griechischen Urtext zurückgehen, die vom Tridentinum erklärte "Authentizität" der Vulgata bleibt für "den offiziellen Gebrauch der Heiligen Schrift" (DaS Nr. 21), den Bereich der Liturgie und Predigt, der öffentlichen Lehre und der Katechese ("in publicis lectionibus, disputationibus, praedicationibus et expositionibus", D 1506) bestehen.

Papst Pius XII. machte sich in der Enzyklika "Divino afflante Spiritu" die Erkenntnis zu eigen, dass "in unseren Tagen [...] nicht nur das Griechische, das seit der Zeit der humanistischen Renaissance zu neuem Leben erstanden ist, fast allen Kennern des Altertums und der Literatur vertraut [ist], sondern auch die Kenntnis des Hebräischen und anderer orientalischer Sprachen ist unter den Gelehrten weit verbreitet." Somit könne "der Bibelerklärer dem Vorwurf der Leichtfertigkeit und Fahrlässigkeit nicht entgehen [...], wenn er sich durch Vernachlässigung des Sprachenstudiums den Weg zu den Urtexten verschlösse." (Nr. 15) Er würdigt damit die Erkenntnisse der zeitgenössischen Philologie und die Arbeit der vor allem protestantischen Exegeten, die im 19. Jahrhundert die Methoden zur Erarbeitung eines möglichst ursprünglichen Textes der biblischen Bücher entwickelt hatten.

Päpstliche Schreiben

Pius XII.

Paul VI.

Textkritische Ausgaben

Literatur

  • Hermann Josef Stipp, Art. "Textkritik. 1. Altes Testament" in: Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Bd. 9 Sp. 1372.
  • Klaus Wachtel, Art. "Textkritik. 2. Neues Testament" in: Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Bd. 9 Sp. 1372.
  • Kurt Aland, Barbara Aland, Der Text des Neuen Testaments. Einführung in die wissenschaftlichen Ausgaben sowie in Theorie und Praxis der modernen Textkritik. 1982. Stuttgart 2. Aufl. 1989, ISBN 3-438-06011-6.
  • Heinrich Zimmermann: Neutestamentliche Methodenlehre. Darstellung der historisch-kritischen Methode, Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 1967; 7. Auflage neubearbeitet von Klaus Kliesch, Stuttgart 1982, ISBN 3-460-30027-2.

Anmerkungen

  1. Josef Schreiner, Ein Beispiel biblischer Textkritik. In: Josef Schreiner (Hrsg.), Einführung in die Methoden der biblischen Exegese, Echter Verlag, Tyrolia Verlag, Würzburg 1971, Imprimatur: Würzburg, 13.1.1971, ISBN 3-429-00178-1, S. 84-96, hier S. 85-89.
  2. Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Bd. 9 Sp. 1372 (Klaus Wachtel, Art. "Textkritik. 2. Neues Testament").
  3. Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Bd. 9 Sp. 1372 (Hermann-Josef Stier, Art. "Textkritik. 1. Altes Testament").
  4. vgl. Divino afflante Spiritu, Nr. 17-19.
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