Pastoralbesuch von Papst Johannes Paul II. nach Kasachstan und Apostolische Reise nach Armenien im September 2001

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Worte beim
Pastoralbesuch in Kasachstan und der Apostolischen Reise nach Armenien

von Papst
Johannes Paul II.
22. bis 25. September 2001

(Quelle: Die deutschen Fassungen auf der Vatikanseite)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Inhaltsverzeichnis

17. Februar 2001

Apostolisches Schreiben zur 1700-Jahrfeier der Taufe des armenischen Volkes

Samstag , den 22. September 2001

Begrüßungszeremonie - Internationaler Flughafen, Astana

Herr Präsident,
sehr geehrte Mitglieder des Diplomatischen Korps,
sehr geehrte Obrigkeiten,
geehrte Vertreter der religiösen Bekenntnisse,
liebe Brüder und Schwestern!

1. Ich danke Gott, daß er meine Schritte bis nach Astana gelenkt hat, in die Hauptstadt dieses edlen und weiten Landes, das im Herzen von Eurasien liegt. Voller Zuneigung küsse ich den Boden dieses Landes, das einen multiethnischen Staat ins Leben gerufen hat, der Erbe jahrhundertealter vielfältiger geistlicher und kultureller Traditionen ist und jetzt neue soziale und ökonomische Ziele anstrebt. Seit langem habe ich diese Begegnung ersehnt, und es ist mir eine große Freude, alle Bewohner von Kasachstan voll Bewunderung und Liebe umarmen zu können.

Seit ich Gelegenheit hatte, Sie, Herr Staatspräsident, im Vatikan zu empfangen und aus Ihrem Mund die Einladung zum Besuch dieses Landes zu vernehmen, habe ich begonnen, mich im Gebet auf das heutige Treffen vorzubereiten. Jetzt bitte ich den Herrn, daß dies ein gesegneter Tag für alle lieben Menschen von Kasachstan sein möge.

2. Danke, Herr Präsident, für die damals an mich gerichtete Einladung und danke für Ihre Bemühungen bei der umfangreichen Vorbereitung und Organisation des Besuches. Danke auch für die herzlichen Begrüßungsworte, die Sie im Namen der Regierung und des ganzen kasachischen Volkes an mich gerichtet haben. Ich grüße hochachtungsvoll die Vertreter der zivilen und militärischen Autoritäten wie auch die Mitglieder des Diplomatischen Korps. Durch sie möchte ich an die von ihnen würdig vertretenen Völker einen liebevollen Gruß senden.

Ich grüße die Führer und Gläubigen des Islam, der in diesem Gebiet eine lange religöse Tradition hat. Mein wohlwollender Gruß gilt auch den Personen guten Willens, die die moralischen und geistlichen Werte zu fördern suchen, die für alle eine Zukunft in Frieden sichern können.

Einen besonderen Gruß richte ich an die Brüder im Bischofsamt, an die Gläubigen der orthodoxen Kirche und an die Christen der anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. Gern erneuere ich die Einladung, sich vereint mit allen Kräften einzusetzen, damit im dritten Jahrtausend die Jünger Christi einstimmig das Evangelium, die Botschaft der Hoffnung für die ganze Menschheit, verkünden.

Mit brüderlicher Liebe umarme ich vor allem euch, liebe Bischöfe, Priester, Ordensleute, Missionare, Katechisten und Gläubige, die ihr die katholische Gemeinschaft bildet, die auf dem weiten kasachischen Boden lebt. Ich weiß um euren Arbeitseifer und euren Enthusiasmus; mir ist auch eure Treue zum Apostolischen Stuhl bekannt, und ich bitte Gott, daß er alle eure Vorhaben unterstütze, die auf das Gute ausgerichtet sind.

3. Mein Besuch findet zehn Jahre nach der Erklärung der Unabhängigkeit von Kasachstan statt, die nach einer langen dunklen und leidvollen Zeit erlangt wurde. Das Datum des 16. Dezember 1991 ist in eure Geschichte unauslöschlich eingeschrieben. Die wiedergewonnene Freiheit hat in euch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft erweckt, und ich bin überzeugt, daß diese Lebenserfahrung euch lehrt und anspornt, mutig neue Ziele des Friedens und Fortschritts anzustreben. Kasachstan will in der Brüderlichkeit, im Dialog und in der Verständigung wachsen, die unerläßliche Voraussetzungen sind, um »Brücken« der solidarischen Zusammenarbeit mit den anderen Völkern, Nationen und Kulturen zu bauen.

Deshalb hat Kasachstan schon im Jahr 1991 mit mutiger Initiative die Schließung des Atomwaffenübungsplatzes in Semipalatinsk beschlossen und den unilateralen Verzicht auf Atomwaffen sowie seine Zustimmung zum Atomsperrvertrag erklärt. Diesem Beschluß liegt die Überzeugung zugrunde, daß Streitfragen nicht mit Waffen, sondern auf dem friedlichen Weg der Verhandlungen und des Dialogs zu lösen sind. Ich möchte diese Vorgehensweise ermutigen, denn sie entspricht den Grunderfordernissen der Solidarität und des Friedens, die die Menschen mit wachsendem Bewußtsein anstreben.

4. In eurem Land, das in der geographischen Ausdehnung an einem der ersten Plätze der Welt steht, leben heute Bürger zusammen, die über hundert verschiedenen Nationalitäten und Ethnien angehören, denen die Verfassung der Republik dieselben Rechte und dieselben Freiheiten zugesteht. Die geistige Offenheit und Zusammenarbeit sind bei euch Tradition, denn Kasachstan ist seit je ein Land der Begegnung und des Zusammenlebens verschiedener Traditionen und Kulturen. Das hat bedeutende Kulturformen hervorgebracht, die in besonderen Kunstwerken und einer blühenden literarischen Tradition Ausdruck finden.

Voll Bewunderung schaue ich auf Städte wie Balasagun, Merke, Kulan, Taraz, Otrar, Turkestan u. a., die einst wichtige Zentren der Kultur und des Handels waren. In ihnen haben große Persönlichkeiten der Wissenschaft, Kunst und Geschichte gelebt, angefangen von Abu Nasr al-Farabi, durch den Europa Aristoteles wiederentdeckte, bis zu dem bekannten Denker und Dichter Abai Kunanbai. Er war in der Schule der orthodoxen Mönche erzogen worden, kannte auch die westliche Welt und schätzte ihr geistiges Erbe hoch. Dennoch betonte er oft: »Der Westen ist mein Osten geworden«, womit er sagen wollte, daß der Kontakt mit anderen Kulturströmungen in ihm die Liebe zur eigenen Kultur erweckt hat.

5. Liebe Völker von Kasachstan! Die Erfahrungen eurer ältesten und jüngsten Vergangenheit und besonders die traurigen Ereignisse des 20. Jahrhunderts haben euch viel gelehrt. Gründet deshalb euren Einsatz in der Gesellschaft immer auf den Schutz der Freiheit, die das unveräußerliche Recht und tiefe Bestreben jeder Person ist. Anerkennt in besonderer Weise das Recht auf Religionsfreiheit, in der die Überzeugungen Ausdruck finden, die im innersten Heiligtum der Person bewahrt werden. Wenn die Bürger es verstehen, sich in einer Zivilgesellschaft in ihren jeweiligen religiösen Überzeugungen gegenseitig anzunehmen, wird zwischen ihnen leichter die tatsächliche Anerkennung der anderen Menschenrechte und das Einvernehmen über die Grundwerte eines friedlichen und fruchtbaren Zusammenlebens bekräftigt. Denn man fühlt sich in dem Bewußtsein einig, als Kinder des einen Gottes, des Schöpfers des Universums, Brüder und Schwestern zu sein.

Ich bitte Gott den Allmächtigen, eure Schritte auf diesem Weg zu segnen und zu ermutigen. Er helfe euch, in der Freiheit, der Eintracht und im Frieden zu wachsen. Es sind die unerläßlichen Bedingungen, damit ein Klima entsteht, das für eine ganzheitliche menschliche Entwicklung notwendig ist, die auf die Ansprüche des einzelnen, vor allem der Armen und Leidenden, achtet.

6. Volk von Kasachstan, dich erwartet eine anspruchsvolle Aufgabe: ein Land aufzubauen im Zeichen des wahren Fortschritts, in Solidarität und im Frieden. Kasachstan, Land der Märtyrer und der Gläubigen, Land der Deportierten und Helden, Land der Denker und Künstler, hab keine Angst! Wenn auch die Wunden auf deinem Leib tief und zahlreich sind, wenn sich dem materiellen und geistlichen Wiederaufbau auch Schwierigkeiten und Hindernisse entgegenstellen, gelten die Worte des großen Abai Kunanbai als Seelenbalsam und Ansporn: »Das Prinzip der Menschheit sind Liebe und Gerechtigkeit, sie sind die Krönung des Werkes des Allerhöchsten« (Sprüche, Kap. 45).

Liebe und Gerechtigkeit! Der Allerhöchste, der die Schritte der Menschen lenkt, lasse über deinen Schritten diese Sterne erstrahlen, o weites Land Kasachstan!

Diese Empfindungen erfüllen mein Herz, während ich meinen Besuch in Astana beginne. Wenn ich auf die Farben eurer Nationalflagge schaue, liebe Kasachen, erbitte ich vom Allerhöchsten die Gaben, die sie symbolisieren: Stabilität und Öffnung, für die das Blau gilt; Wohlstand und Frieden, auf die das Gold hinweist.

Gott segne dich, Kasachstan, und alle deine Bewohner, er schenke dir eine Zukunft in Eintracht und Frieden!

Predigt bei der Heilige Messe auf dem Mutterlandsplatz, Astana

»Einer ist Gott, / Einer auch Mittler zwischen Gott und den Menschen: / der Mensch Jesus Christus, der sich als Lösegeld hingegeben hat für alle …« (1 Tim 2,5).

1. Diese Worte des Apostels Paulus, die dem ersten Brief an Timotheus entnommen sind, enthalten die zentrale Wahrheit des christlichen Glaubens. Es ist mir eine Freude, sie euch heute verkünden zu können, liebe Brüder und Schwestern Kasachstans. Ich bin unter euch als Apostel und Zeuge Christi; ich bin bei euch als Freund jedes Menschen guten Willens. Allen und jedem einzelnen möchte ich den Frieden und die Liebe Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes anbieten.

Ich kenne eure Geschichte. Ich weiß um die Leiden, die viele von euch ertragen mußten, als das vormalige totalitäre Regime sie ihrem Herkunftsland entrissen und unter äußerst beschwerlichen und entbehrungsreichen Umständen hierher deportiert hat. Es freut mich, heute hier unter euch sein zu können, um euch zu sagen, daß der Papst euch nahe ist.

Voller Zuneigung umarme ich einen jeden von euch, liebe Brüder im Bischofs- und Priesteramt. Besonders begrüße ich Bischof Tomasz Peta, den Apostolischen Administrator von Astanà, dem ich für die Empfindungen danken möchte, die er im Namen aller zum Ausdruck gebracht hat. Mein Gruß geht an die Repräsentanten der anderen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften sowie an die Vertreter der verschiedenen Religionen dieser weiten eurasiatischen Region. Ich grüße den Herrn Präsidenten der Republik, die Vertreter der zivilen und militärischen Autoritäten und alle, die sich dieser Feier anschließen wollten.

2. »Einer ist Gott.« Der Apostel bekräftigt vor allem die absolute Einzigkeit Gottes. Diese Wahrheit erbten die Christen von den Söhnen Israels, und sie teilen sie mit den muslimischen Gläubigen: Es ist der Glaube an den einen Gott, den »Herrn des Himmels und der Erde« (Lk 10,21), der allmächtig und barmherzig ist.

Im Namen dieses einen Gottes wende ich mich an die in Kasachstan lebende Bevölkerung, die sich alter und tiefer religiöser Traditionen rühmen kann. Ich wende mich auch an alle, die keinem religiösen Glauben angehören, und an jene, die auf der Suche nach der Wahrheit sind. Ihnen gegenüber möchte ich die Worte des hl. Paulus wiederholen, die ich zu meiner großen Freude im vergangenen Monat Mai auf dem Areopag in Athen hören konnte: »[Gott] ist keinem von uns […] fern. Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir …« (Apg 7, 27 – 28). Dies läßt uns daran denken, was euer großer Dichter Abai Kunanbai geschrieben hat: »Könnte man etwa an Seiner Existenz zweifeln / wo doch alles auf der Erde Zeugnis von Ihm ablegt?« (Gedichte 4).

3. »Einer [ist] Mittler zwischen Gott und den Menschen: / der Mensch Jesus Christus …« Nachdem er das Geheimnis Gottes aufgezeigt hat, richtet der Apostel seinen Blick auf Christus, den einzigen Mittler des Heils. Eine Mittlerschaft – so hebt Paulus in einem anderen Brief hervor–, die sich in Armut vollzogen hat. »Er, der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu machen« (2 Kor 8,9 – Ruf vor dem Evangelium).

Jesus »hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein« (Phil 2,6); er wollte sich unserer Menschheit, die schwach und bedürftig ist, nicht in seiner überwältigenden Übermacht zeigen. Wenn er dies getan hätte, so hätte er nicht der Logik Gottes gehorcht, sondern jener der Machtgierigen dieser Welt, die von den Propheten Israels in aller Deutlichkeit angeklagt werden, so etwa im Buch Amos, dem die heutige erste Lesung entnommen ist (vgl. Am 8, 4 –6).

Das Leben Jesu stand in vollkommenem Einklang mit dem Heilsplan des Vaters, der »will, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen« (1 Tim 2,4). Für diesen Willen legte er treu Zeugnis ab, indem er »sich als Lösegeld hingegeben hat für alle «(1 Tim 2,6). Dadurch daß er sich aus Liebe vollkommen entäußert hat, erwirkte er uns die Freundschaft mit Gott, die durch die Sünde verlorengegangen war. Auch uns empfiehlt Er diese »Logik der Liebe« und bittet uns, sie vor allem durch die Großherzigkeit gegenüber den Bedürftigen zum Ausdruck zu bringen. Es ist eine Logik, die Christen und Muslims aneinander annähern und sie ermutigen kann, gemeinsam die »Zivilisation der Liebe« aufzubauen. Es ist eine Logik, die alle Hinterhältigkeit der Welt überwindet und es ermöglicht, sich wahre Freunde zu machen, die uns in den »ewigen Wohnungen« aufnehmen werden (Lk 6,9), in der »Heimat« des Himmels.

4. Meine Lieben, die Heimat der Menschheit ist das Reich Gottes! Es ist von besonderer Bedeutung, daß wir über diese Wahrheit gerade an diesem Ort nachdenken können, auf dem Platz, der nach dem Mutterland benannt ist, vor diesem Monument, durch das es sinnbildlich dargestellt wird. Das II. Vatikanische Konzil lehrt, daß es eine Beziehung gibt zwischen der Menschengeschichte und dem Reich Gottes, zwischen den partiellen Verwirklichungen des sozialen Zusammenlebens und jenem letzten Ziel, zu dem die Menschheit – durch die freie Initiative Gottes – berufen ist (vgl. Gaudium et spes, 33 – 39).

Der 10. Jahrestag der Unabhängigkeit Kasachstans, den ihr dieses Jahr feierlich begeht, führt euch dazu, hierüber nachzudenken. Welchen Zusammenhang gibt es zwischen der irdischen Heimat mit ihren Werten und Zielen und dem himmlischen Vaterland, in das die gesamte Menschenfamilie – durch Überwindung aller Formen von Ungerechtigkeiten und Konflikten – einzugehen berufen ist? Das Konzil gibt uns eine erhellende Antwort: »Obschon der irdische Fortschritt eindeutig vom Wachstum des Reiches Christi zu unterscheiden ist, so hat er doch große Bedeutung für das Reich Gottes, insofern er zu einer besseren Ordnung der menschlichen Gesellschaft beitragen kann« (ebd., 39).

5. Die Christen sind zugleich Bewohner der Welt und Bürger des Himmelreiches. Sie setzen sich vorbehaltlos für den Aufbau der irdischen Gesellschaft ein, bleiben jedoch auf die ewigen Güter ausgerichtet; hierbei orientieren sie sich gleichsam an einem höheren transzendenten Vorbild, um es immer mehr und immer besser im alltäglichen Leben zu verwirklichen.

Der christliche Glaube bedeutet keine Abkehr vom Einsatz hier auf Erden. Wenn er in manchen Situationen diesen Eindruck vermittelt, so ist dies zurückzuführen auf die Inkonsequenz so vieler Christen: In Wirklichkeit ist der wahrhaftig gelebte christliche Glaube wie ein Sauerteig für die Gesellschaft: er läßt sie wachsen und auf menschlicher Ebene reifen und macht sie offen für die transzendente Dimension des Reiches Christi, in dem die neue Menschheit vollkommen verwirklicht ist.

Diese geistliche Dynamik bezieht ihre Kraft aus dem Gebet, wie uns vor kurzem in der zweiten Lesung in Erinnerung gerufen wurde. Und eben dies wollen wir in dieser Feier tun, wenn wir für Kasachstan und seine Einwohner beten, damit dieses große Land, angesichts der Vielfalt seiner ethnischen, kulturellen und religiösen Bevölkerungsgruppen, in der Gerechtigkeit, der Solidarität und im Frieden fortschreite. Es mache Fortschritte dank der Zusammenarbeit von Christen und Muslims, die jeden Tag Seite an Seite auf der demütigen Suche nach dem Willen Gottes sind.

6. Das Gebet muß stets von den entsprechenden Werken begleitet werden. Im Treue zu Christus trennt die Kirche nie die Evangelisierung von der Förderung des Menschen, und sie ermutigt ihre Gläubigen, in allen Bereichen zu Förderern der Erneuerung und des sozialen Fortschritts zu werden.

Liebe Brüder und Schwestern, möge das »Mutterland« Kasachstan in euch hingebungsvolle und eifrige Kinder finden, die dem geistlichen und kulturellen Erbe eurer Väter treu sind und es den neuen Anforderungen anzupassen verstehen.

Unterscheidet euch, gemäß dem Vorbild des Evangeliums, durch eure Demut und Konsequenz, indem ihr eure Talente im Dienst am Gemeinwohl Früchte tragen laßt und euch vor allem der schwächsten und benachteiligsten Personen annehmt. Der Respekt der Rechte jedes einzelnen – auch mit unterschiedlichen persönlichen Überzeugungen – ist Voraussetzung für jedes wahrhaft menschliche Zusammenleben.

Lebt in einem tiefen und tatkäftigen Geist der Gemeinschaft zwischen euch und allen Menschen, indem ihr euch daran orientiert, was die Apostelgeschichte über die erste Gemeinschaft der Glaubenden berichtet (Apg 2,44 – 45; 4,32). Bezeugt die Nächstenliebe, die ihr am Tisch der Eucharistie stärkt, durch die geschwisterliche Liebe und den Dienst an den Armen, Kranken und Ausgegrenzten. Seid Baumeister der Begegnung, der Versöhnung und des Friedens zwischen unterschiedlichen Personen und Gruppen, indem ihr einen wahren Dialog pflegt, der stets die Wahrheit zur Geltung bringen möge.

7. Liebt die Familie! Verteidigt und fördert diese Grundzelle des sozialen Organismus; kümmert euch um dieses vorrangige Heiligtum des Lebens. Steht mit Aufmerksamkeit den Verlobten und den jungen Brautpaaren zur Seite, damit sie für ihre Kinder und die gesamte Gemeinschaft ein beredtes Zeichen der Liebe Gottes werden.

Ihr Lieben, voller Freude und Ergriffenheit möchte ich allen hier Anwesenden und allen Gläubigen, die mit uns verbunden sind, eine Einladung zurufen, die ich zu Beginn des neuen Jahrtausends so häufig wiederholt habe: »Duc in altum!« 

Ich umarme dich voller Zuneigung, Bevölkerung von Kasachstan, und ich hege den Wunsch, daß du all deine Vorhaben der Liebe und des Heils zur Vollendung bringen mögest. Gott wird dich nicht verlassen. Amen!

Sonntag, den 23. September 2001

Angelus Domini - Mutterlandsplatz, Astana

Am Ende dieser festlichen Feier bereiten wir uns vor auf das übliche Mariengebet, indem wir uns voller Zuversicht an die »Mutter von der immerwährenden Hilfe« wenden. Ihr ist die Kathedrale von Astana geweiht, die man auch von diesem Platz sieht. Morgen vormittag werde ich dort, so Gott will, die heilige Messe für die Priester, Ordensleute und Seminaristen feiern.

In diesem Moment möchte ich auch in geistiger Weise zu eurem nationalen Marienheiligtum pilgern, das in der Nähe von Oziornoe liegt. Dort verehrt ihr, liebe Brüder und Schwestern, die Jungfrau Maria unter dem Titel »Königin des Friedens«. Zu ihren Füßen kniend bitte ich für die gesamte Nation Kasachstans:für seine Autoritäten und für die Bürger, für die Familien, die Jugendlichen, die Kinder und die alten Menschen, für die Leidenden und Bedürftigen.

Sie alle möchte ich Maria anvertrauen: Christen und Nichtchristen; Glaubende und Nichtglaubende. Sie ist nämlich die Mutter aller, denn Christus, ihr Sohn, ist der Erlöser aller. Maria helfe euch allen, liebe Brüder und Schwestern, im alltäglichen Leben das Gebot Jesu in die Tat umzusetzen: »Liebt einander«, das zum Leitthema meiner Pastoralreise geworden ist.

Der immerwährenden Hilfe der Königin des Friedens vertraue ich zudem die an Kasachstan angrenzenden Länder an, wobei ich einen besonderen Gruß an die Pilger richte, die von dort zu uns gekommen sind, um ihren Glauben und ihre Zuneigung zu bekunden.

Gemeinsam wenden wir uns vertrauensvoll an die Magd des Herrn: »Angelus Domini …«

Nach dem Angelusgebet sagte der Papst auf deutsch folgende Worte:

Liebe Schwestern und Brüder deutscher Sprache! Auch euch möchte ich besonders grüßen und freue mich, daß ihr zu dieser festlichen heiligen Messe gekommen seid. Es war schön, gemeinsam zu beten und singen.

In den vergangenen Jahren habt ihr viele Veränderungen erlebt. Manches Schwere wurde euch abverlangt, aber mit Gottes Hilfe und durch eure menschliche Anstrengung ist es euch gelungen, die Lebensverhältnisse in eurem weiten Land zu verbessern. Gern spreche ich euch meine Anerkennung aus für euren Einsatz und Fleiß, der sich ausgezahlt hat. Es tut eurem Land gut, daß ihr ihm treu geblieben seid und eure Kräfte einsetzt, das soziale und politische Leben mitzugestalten. Nun muß es darum gehen, daß ihr als Christen eurer Gesellschaft ein Gesicht zu geben versucht. Was Jesus seinen Jüngern sagte, das gilt auch für euch: "Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt" (Mt 5,13f.).

Die Jungfrau Maria, der Stern der Evangelisation, möge eurer Sendung Maß und Richtung geben und euch auf eurem Weg begleiten. Von Herzen erteile ich euch allen den Apostolischen Segen.

Friedensappell:

Von dieser Stadt aus, von Kasachstan, einem Land, das ein Beispiel für Harmonie zwischen Männern und Frauen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Glaubens ist, möchte ich einen eindringlichen Appell an alle richten, an die Christen und die Anhänger anderer Religionen: Sie mögen sich gemeinsam für den Aufbau einer Welt ohne Gewalt einsetzen, einer Welt, die das Leben liebt und in Gerechtigkeit und Solidarität wächst. Wir dürfen nicht zulassen, daß das, was geschehen ist, zu einer Vertiefung der Spaltungen führt. Religion darf niemals als Grund für Konflikte benutzt werden.

Von diesem Ort aus lade ich Christen und Muslime ein, ein intensives Gebet an den einen und allmächtigen Gott zu richten, dessen Kinder wir alle sind, damit das hohe Gut des Friedens in der Welt herrschen möge. Mögen sich die Menschen auf der ganzen Welt, von göttlicher Weisheit gestärkt, für eine Zivilisation der Liebe einsetzen, in der kein Platz für Haß, Diskriminierung und Gewalt ist.

Von ganzem Herzen bitte ich Gott, den Frieden in der Welt zu erhalten. Amen.

Begegnung und Mittagessen mit den Kirchenführern Zentralasiens und den Kardinälen und Bischöfen des Gefolges - Apostolische Nuntiatur, Astana

Liebe Bischöfe, Apostolische Administratoren und Oberen der Missionen »sui iuris« von Zentral-Asien!

1. Es freut mich sehr, mit euch erneut zusammenzutreffen, nach der Eucharistiefeier von heute morgen auf dem großen Mutterlandsplatz. Voll Zuneigung grüße ich jeden von euch und danke euch für den Eifer und das Opfer, mit denen ihr zum Wiedererstarken der Kirche in diesen Gebieten beitragt, die an der Grenze zwischen zwei Kontinenten liegen.

Die katholische Kirche hier ist nur ein kleines Pflänzchen, aber voller Hoffnung aufgrund des Vertrauens, das sie in die Macht der göttlichen Gnade setzt. Die langen Jahre der kommunistischen Diktatur, in denen so viele Gläubige in die hier errichteten Gulags deportiert wurden, haben Leiden und Trauer mit sich gebracht. Wie viele Priester, Ordensleute und Laien haben ihre Treue zu Christus mit unerhörten Leiden und auch mit dem Opfer ihres Lebens bezahlt! Der Herr hat das Gebet dieser Martyrer erhört, deren Blut die Erdschollen eures Landes getränkt hat. Wieder einmal war »das Blut der Christen ein Same« (vgl. Tertullian, Apol. 50,13). Daraus sind als neuer Sproß eure christlichen Gemeinschaften entstanden, die jetzt voll Zuversicht in die Zukunft blicken.

Christus, der gute Hirt, spricht auch zu euch und zu dem eurer Hirtensorge anvertrauten Volk: »Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben« (Lk 12,32). Und wie einst dem Petrus ruft er euch zu: »Fahr hinaus auf den See! Dort werft eure Netze zum Fang aus!« (Lk 5,4). Es ist der Fischfang der Evangelisierung, zu dem wir alle berufen sind. Ebenso wie den Aposteln nach seiner Auferstehung gibt Jesus euch die Weisung: »Geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern« (Mt 28,19).

2. Die Geschicke der kleinen christlichen Gemeinde in Zentral-Asien, die den Kommunismus überlebt hat, und ihre heutige ausgeprägte Minderheitensituation erinnern an das Gleichnis vom Sauerteig, der den Teig durchsäuert (vgl. Mt 13,33). Der Sauerteig scheint etwas ganz Geringes zu sein, besitzt aber die Kraft, alles umzuwandeln. Das ist die Überzeugung, die auch eurer Pastoralarbeit zugrundeliegen und die große, schwierige Aufgabe der »plantatio Ecclesiae« in diesen Gebieten stützen muß, die wieder offen sind für das Evangelium. Die vorrangigen pastoralen Zielsetzungen eurer apostolischen Sendung sollen sein: die Verkündigung und Verbreitung des Evangeliums mit Nachdruck fortzusetzen und die kirchliche Organisation unermüdlich zu festigen.

Die jüngste Errichtung der Apostolischen Administraturen und der Missionen »sui iuris«, mit denen die Kirche sichtbare Form angenommen hat, ist der Anfang einer verheißungsvollen Zeit der Evangelisierung. Deshalb möchte ich euch, liebe Ordinarien, meine Dankbarkeit und Bewunderung für eure Anstrengungen aussprechen. Ich danke auch den Priestern und Ordensleuten, die ihre Heimat verlassen haben, um sich im Geist wahrer kirchlicher Solidarität für die Missionssendung in diesem Land zur Verfügung zu stellen. Es bleibt zu wünschen, daß der hochherzige kirchliche Einsatz aller durch das Reifen einer reichen Ernte an Gutem gefestigt wird. Meine Lieben, nie verlasse euch das Bewußtsein, ein Zeichen der Liebe Gottes unter diesen Völkern zu sein, die so reich sind an jahrhundertealten kulturellen und religiösen Traditionen.

3. »Liebt einander«, lautet der Leitspruch dieses meines Pastoralbesuches. Im Namen unseres gemeinsamen Herrn und Meisters richte ich heute an euch diese Einladung: »Liebt einander.« Eure Sorge sei, unter euch immer jene Einheit zu bewahren, die Christus uns als sein Testament hinterlassen hat (vgl. Joh 17,21.23).

Wie in den Anfängen der Verkündigung des Evangeliums wird die Kirche in die Herzen der Menschen Eingang finden, wenn sie als aufnahmebereites Haus erscheint, in dem man in brüderlicher Gemeinschaft lebt. Seid zu allererst unter euch einig, liebe Hirten dieser Kirchen. Obwohl ihr noch keine Bischofskonferenz im Vollsinn bildet, trachtet danach, mit allen Mitteln eine Form der wirksamen Zusammenarbeit zu finden, damit jede pastorale Hilfe genutzt wird.

In diesem wertvollen Werk unterstützt euch die Solidarität der universalen Kirche. Der Nachfolger Petri, der euch heute tief bewegt umarmt, begleitet euch mit seiner Zuneigung. Obwohl geographisch weit entfernt, seid ihr im Herzen des Papstes, der eure mühevolle apostolische Arbeit hochschätzt.

4. Kasachstan hat seit zehn Jahren die langersehnte Unabhängigkeit erlangt. Aber muß man nicht die Atmosphäre des Werteverlustes berücksichtigen, die das vergangene Regime hinterlassen hat? Der lange Winter der kommunistischen Herrschaft hat durch den Anspruch, Gott aus den Herzen des Menschen herauszureißen, die geistlichen Inhalte der Kulturen dieser Völker abgetötet. Deshalb ist ein Mangel an Idealen festzustellen, der die Menschen angesichts der aus dem Westen eingeführten Mythen des Konsumismus und Hedonismus besonders anfällig macht. Daraus ergeben sich soziale und geistliche Herausforderungen, die viel Mut und missionarischen Eifer verlangen.

Wie mein verehrter Vorgänger, der Diener Gottes Paul VI., betont hat, beginnt die Kirche, die zur Evangelisierung berufen ist, »sich selbst am Evangelium auszurichten«. Als Gemeinschaft gelebter und geteilter Hoffnung »muß die Kirche unablässig selbst vernehmen, … welches die Gründe ihrer Hoffnung sind.« Die Kirche hat es immer nötig, selbst evangelisiert zu werden, »wenn sie ihre Lebendigkeit, ihren Schwung und ihre Stärke bewahren will, um das Evangelium zu verkünden«. Es bedarf einer Kirche, »die sich durch eine beständige Bekehrung und Erneuerung selbst unter das Evangelium stellt, um es der Welt glaubwürdig verkünden zu können« (Evangelii nuntiandi, 15).

Die Missionsarbeit muß mit angemessener Bildung, tiefer Gebetserfahrung und einem von Brüderlichkeit und Dienstbereitschaft geprägten Verhalten verbunden sein. Ihr müßt gewaltige Anstrengungen unternehmen, um die verschiedenen Bereiche zu evangelisieren, in denen die örtlichen Traditionen Ausdruck finden, unter besonderer Berücksichtigung des Universitätsbereichs und der sozialen Kommunikationsmittel. Vertraut auf Christus! Seine Gegenwart festige euch. Seine Verheißung: »Seid gewiß: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt« (Mt 28,20) stärke und ermutige euch.

5. Damit ihr die euch aufgetragene Sendung erfüllen könnt, sorgt für eine gute Ausbildung der Kandidaten für das Priesteramt und das Ordensleben. Widmet euch mit Liebe den Priestern, euren engsten Mitarbeitern, indem ihr sie mit väterlichem Herzen begleitet und stützt.

In dieser Hinsicht möchte ich meine lebhafte Freude über die Errichtung des Priesterseminars von Karagandà ausdrücken, das für die Zukunft viel Gutes verspricht. Als einziges Priesterseminar in ganz Zentral-Asien ist es ein Zeichen wirksamer Zusammenarbeit zwischen euren Kirchen. Bemüht euch mit allen Kräften, daß den Priesteramtskandidaten in diesem Seminar eine gründliche menschliche und geistliche Bildung, verbunden mit einer soliden theologischen und pastoralen Vorbereitung, geboten wird. Ich wünsche von Herzen, daß ihr mit guten Ausbildern, sachkundigen Lehrern und beispielhaften Zeugen des Evangeliums rechnen könnt.

6. Widmet der Ausbildung und dem Apostolat der Laien besonders viel Raum. Nehmt neben den älteren Vereinigungen das Geschenk des Heiligen Geistes an die nachkonziliare Kirche, die kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften, mit klarer Unterscheidung und weitem Herzen an.

Ihre Anwesenheit, ihre Initiative und die besonderen Charismen, deren Träger sie sind, stellen einen Reichtum dar, den es zu nutzen gilt. Der Ordinarius muß mit pastoraler Klugheit ihre Tätigkeit lenken und leiten; er muß sie einladen, den kirchlichen Gemeinschaften unter Achtung der bestehenden Strukturen und ihrer ordentlichen Arbeitsweise zu helfen. Die Mitglieder der Bewegungen und Vereinigungen sollen ihrerseits mit Offenheit und fügsamer Bereitschaft ihren Einsatz verstärken und mit den Hirten dieser jungen Kirchen im Einklang zusammenarbeiten. Ihre Mühe im Dienst der Neuevangelisierung wird so zum Zeugnis für die gegenseitige Liebe, die aus der treuen Zustimmung zu dem einen und selben Herrn erwächst.

7. Liebe Brüder, zum Schluß möchte ich euch ermutigen, den ökumenischen Dialog zu fördern. Eure Pastoralarbeit entfaltet sich im engen Kontakt mit den Brüdern der orthodoxen Kirche, die denselben Glauben an Christus und zum Großteil den Reichtum derselben kirchlichen Tradition teilen. Die gegenseitigen Beziehungen sollen herzlich und achtungsvoll sein im Gedenken an das Wort des Herrn: »Liebt einander.« Zu Beginn des neuen Jahrtausends hegen wir noch stärker die Hoffnung, daß die Jünger Christi zwar nicht zur vollen Einheit gefunden haben, aber wenigstens einander näher sein können, auch durch ihre Erfahrung des Großen Jubiläums des Jahres 2000.

Verstärkt auch die Achtung und den Dialog gegenüber der muslimischen Gemeinschaft, den Anhängern der anderen Religionen und den sich bekennenden Nichtglaubenden. Auf diese Weise können alle das Geschenk eures in Nächstenliebe gelebten Glaubens hochschätzen und das Herz zu höheren Lebensdimensionen erheben.

Ich vertraue diese eure pastorale Sendung Maria, Stern der Evangelisierung und Königin des Friedens, an. Ihr verehrt sie in der Bischofskirche von Astana als Mutter der immerwährenden Hilfe. In ihre mütterlichen Hände lege ich eure tägliche Arbeit, eure Erwartungen und Pläne, damit sie eure Schritte führe und stütze.

Mit diesen Empfindungen im Herzen erteile ich allen meinen besonderen Apostolischen Segen zum Unterpfand des apostolischen Eifers und der Gnaden für euch und für alle, die eurer Hirtensorge anvertraut sind.

Höflichkeitsbesuch beim Präsidenten der Republik - Präsidentenpalast, Astana

Von Herzen danke ich dem Herrn Präsidenten für seine Worte. Noch einmal möchte ich der Vorsehung danken, weil sie es ermöglichte, daß ich hierherkommen und heute unter euch sein darf. Während der letzten Tage hielten dies einige Personen wegen der tragischen Ereignisse in den Vereinigten Staaten für ausgeschlossen. Wie man jedoch sieht, war es möglich – Gott sei gedankt dafür!

Es ist das erste Mal, daß ich mich an diesem Punkt des Erdballs, in Zentralasien, befinde. Die erste Informationsquelle über Kasachstan war für mich der hier gut bekannte Pater Bukowinski. Während des Zweiten Weltkriegs wurde er als polnischer Priester in die Sowjetunion deportiert, wo er dann sein ganzes Leben verbrachte. Hier, in Karaganda, ist er gestorben, und hier befindet sich auch seine Grabstätte. Seit jener Zeit habe ich einiges über Kasachstan erfahren. Aber nun ist es das erste Mal, daß ich es mit meinen eigenen Augen, »oculis propriis«, sehe. Wie schade, daß ich Karaganda und das Grab von Pater Bukowinski nicht besuchen kann.

Ich sehe, daß Astana eine moderne Stadt ist. All diese Begegnungen, all diese Eindrücke veranlassen mich zu einem noch inständigeren Gebet für euer Land, für eure Bevölkerung und für Sie, Herr Präsident. Es freut mich, daß mein Besuch mit dem 10. Jahrestag eurer Unabhängigkeit zusammenfällt, denn ich bin davon überzeugt – und dies ist auch Lehre der Kirche –, daß jede Nation ein Recht auf Souveränität hat. Diese nationale Unabhängigkeit bringt die politische Rolle einer Nation voll und ganz zum Ausdruck. Allen und insbesondere Ihnen, Herr Präsident, wünsche ich, daß diese Unabhängigkeit dauerhaft, fruchtbringend und stets vollkommen in allen Bereichen des nationalen Lebens – im wirtschaftlichen, politischen und kulturellen – zum Tragen kommen möge. Das ist sehr wichtig.

Ich hoffe, daß die Katholiken in Kasachstan ihren Beitrag für das Gemeinwohl des Landes leisten. Sie bilden nur eine kleine Gruppe, eine Minderheit, aber auch in geringer Zahl können und werden sie mit den Fähigkeiten, die ihnen eigen sind, zum gemeinsamen Wohl von Kasachstan beitragen.

Nach dem Apostolischen Segen fügte Johannes Paul II. noch folgende Worte hinzu:

Das wünsche ich Ihnen, Herr Präsident, und Ihrem ganzen Volk. Gott segne Sie alle!

Treffen mit Jugendlichen - Aula der Eurasia-Universität, Astana

Liebe Jugendliche!

1. Mit großer Freude begegne ich euch und danke euch aufrichtig für diesen herzlichen Empfang. Einen besonderen Gruß richte ich an den Rektor und die akademischen Vertreter dieser neuen und doch schon namhaften Universität. Der Name »Eurasia« selbst verweist auf die besondere Aufgabe der Universität sowie eures großen Landes, das als Schnittpunkt zwischen Europa und Asien liegt: Es ist ein Verbindungsglied zwischen zwei Erdteilen, zwischen den jeweiligen Kulturen und Traditionen, zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen, die hier im Laufe der Jahrhunderte zusammengetroffen sind.

Tatsächlich erstrahlen in eurem Land das Miteinander und die Eintracht zwischen verschiedenen Völkern der Welt als beredtes Zeichen der Berufung aller Menschen, im Frieden, in der gegenseitigen Kenntnis und Annahme, in der zunehmenden Entdeckung und in der Aufwertung der Traditionen eines jeden zusammenzuleben. Kasachstan ist ein Land der Begegnung, des Austauschs, der Erneuerung;ein Land, das in jedem einzelnen das Interesse für Neuentdeckungen anregt und die Menschen dazu bringt, Unterschiede nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung zu erleben.

In diesem Bewußtsein, liebe Jugendliche, richte ich meinen Gruß an jeden von euch. Euch allen rufe ich als Freund zu: Der Friede sei mit euch, der Friede erfülle eure Herzen! Fühlt euch aufgerufen, Baumeister einer besseren Welt zu sein. Wirkt für den Frieden, denn eine fest auf den Frieden gegründete Gesellschaft hat die Zukunft vor sich.

2. Bei der Vorbereitung dieser Reise habe ich mich gefragt, was die kasachischen Jugendlichen vom römischen Papst hören möchten, was sie ihn fragen möchten. Ich kenne die jungen Menschen und weiß, daß sie den Fragen auf den Grund gehen. Wahrscheinlich ist die erste Frage, die ihr an mich richtet, folgende: »Wer bin ich, deiner Meinung nach, Papst Johannes Paul II., nach dem Evangelium, das du verkündest? Welchen Sinn hat mein Leben? Was ist meine Bestimmung?« Meine Antwort, liebe Jugendliche, ist einfach, aber von enormer Tragweite: Du bist ein Gedanke Gottes, du bist ein Herzschlag Gottes. Das zu sagen bedeutet, daß du in gewissem Sinne einen unendlichen Wert hast und daß du für Gott in deiner unwiederholbaren Individualität so viel bedeutest.

So versteht ihr, liebe junge Menschen, warum ich euch heute abend mit Achtung und Erwartung begegne und mit großer Zuneigung und Vertrauen auf euch schaue. Ich freue mich über dieses Treffen mit euch, Nachkommen des edlen kasachischen Volkes, die ihr so stolz seid auf euren unbezähmbaren Drang nach Freiheit, der so grenzenlos ist wie die Steppe, in der ihr geboren seid. Ihr habt verschiedene Lebenserfahrungen hinter euch, und an Leid hat es nicht gemangelt. Nun sitzt ihr hier, einer neben dem anderen, und fühlt euch als Freunde, nicht weil ihr das Böse, das es in eurer Geschichte gegeben hat, vergessen hättet, sondern weil ihr zu Recht eher am Guten interessiert seid, das ihr zusammen aufbauen könnt. Es gibt nämlich keine wahre Versöhnung, die nicht hochherzig in einen gemeinsamen Einsatz münden würde.

Seid euch des einzigartigen Werts jedes einzelnen von euch bewußt und akzeptiert einander in euren jeweiligen Überzeugungen; sucht dabei aber auch gemeinsam nach der vollen Wahrheit. Euer Land hat die demütigende Gewalt der Ideologie erfahren. Möge es euch erspart bleiben, jetzt zu Opfern der nicht weniger zerstörerischen Gewalt des »Nichts« zu werden! Welch erdrückende Leere entsteht, wenn es im Leben nichts gibt, das zählt, wenn man an nichts glaubt! Das Nichts ist die Leugnung des Unendlichen, an das eure grenzenlose Steppe machtvoll erinnert, jener Unendlichkeit, nach der das Menschenherz unaufhörlich strebt.

3. Man hat mir gesagt, daß man im Kasachischen, in eurer wundervollen Sprache, »ich liebe dich« mit den Worten sagt: »mien seiné jaksè korejmen«; diesen Ausdruck könnte man übersetzen mit: »Ich schaue gütig auf dich, ich richte einen gütigen Blick auf dich.« Die Liebe des Menschen, aber noch zuvor die Liebe Gottes zum Menschen und zur Schöpfung entspringt einem gütigen Blick, einem Blick, der das Gute sehen läßt und dazu anspornt, Gutes zu tun: »Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut«, steht in der Bibel (Gen, 1,31). Ein solcher Blick ermöglicht, alles Positive in der Wirklichkeit um uns herum zu erkennen, und führt – jenseits aller Oberflächlichkeit – zur Betrachtung der Schönheit und des Reichtums jedes Menschen, dem wir begegnen.

Spontan erhebt sich die Frage: »Was macht das menschliche Wesen groß und schön?« Hier ist die Antwort, die ich euch vorschlage: Was den Menschen groß macht, ist das Abbild Gottes, das er in sich trägt. Nach dem Bibelwort ist er als Gottes Abbild und Gott ähnlich geschaffen (vgl. Gen, 1,26). Gerade aus diesem Grund ist das Herz des Menschen nie zufrieden: Es will immer das Bessere, es will mehr, es will alles. Keine endliche Wirklichkeit befriedigt und beruhigt es. Augustinus von Hippo, der berühmte antike Kirchenvater, sagte: »Du hast uns auf dich hin geschaffen, und ruhelos ist unser Herz, bis es ruhet in dir« (Confessiones 1,1,1). Er gibt sich aus derselben Empfindung vielleicht nicht auch die Frage, die euer großer Denker und Dichter Ahmed Jassavi in seinen Versen mehrmals stellt: »Wozu dient das Leben, wenn nicht um geschenkt zu werden, dem Allerhöchsten geschenkt zu werden?« 

4. Liebe Freunde! Dieses Wort von Ahmed Jassavi enthält eine bedeutende Botschaft. Sie erinnert an das, was die religiöse Überlieferung als »Berufung« bezeichnet. Wenn Gott dem Menschen das Leben schenkt, gibt er ihm damit eine Aufgabe und erwartet von ihm eine Antwort. Die Meinung, das Leben des Menschen mit seinen Ereignissen, seinen Freuden und Schmerzen sei dazu bestimmt, »dem Allerhöchsten geschenkt zu werden«, ist keine Einschränkung und kein Verzicht. Es ist vielmehr die Bestätigung der allerhöchsten Würde des menschlichen Wesens: Nach dem Abbild und Gleichnis Gottes geschaffen, ist er aufgerufen, zum Mitarbeiter Gottes bei der Weitergabe des Lebens und der Beherrschung der Schöpfung zu werden (vgl. Gen, 1,26 – 28).

Der Papst von Rom ist gekommen, um euch genau das zu sagen: Es gibt einen Gott, der euch erdacht und das Leben geschenkt hat. Er liebt euch persönlich und vertraut euch der Welt an. Er weckt in euch den Freiheitsdrang und den Wissensdurst. Erlaubt mir, vor euch mit Bescheidenheit und Stolz den Glauben der Christen zu bekennen: Jesus von Nazaret, der vor zweitausend Jahren Mensch gewordene Sohn Gottes, ist gekommen, um uns durch seine Person und seine Lehre diese Wahrheit zu offenbaren. Nur in der Begegnung mit ihm, dem menschgewordenen Wort, findet der Mensch Selbstverwirklichung und Glück in Fülle. Ohne eine Erfahrung staunenden Entdeckens und der Gemeinschaft mit dem Gottessohn, der zu unserem Bruder wurde, reduziert sich sogar die Religion auf eine Reihe von Grundsätzen, die immer schwerer zu verstehen, und Regeln, die immer schwerer zu ertragen sind.

5. Liebe Freunde! Ihr ahnt, daß keine irdische Wirklichkeit euch voll ausfüllen kann. Ihr seid euch bewußt, daß die Öffnung zur Welt nicht ausreicht, euren Lebensdurst zu stillen, und daß Freiheit und Frieden nur von einem Anderen kommen können, der zwar unendlich größer ist als ihr, euch aber dennoch vertrauensvoll nahe steht.

Erkennt, daß ihr nicht eure eigenen Herren seid, und öffnet euch demjenigen, der euch aus Liebe geschaffen hat und euch zu würdigen, freien und schönen Persönlichkeiten machen möchte. Ich ermutige euch in dieser Haltung vertrauensvoller Aufgeschlossenheit: Lernt, in der Stille die Stimme Gottes zu hören, die im Innersten jedes Menschen spricht; gebt dem Aufbau eures Lebensgebäudes solide und sichere Grundlagen; fürchtet euch nicht vor Verpflichtung und Opfern, die heute großen Kräfteeinsatz verlangen, aber eine Gewähr für den Erfolg von morgen sind. So werdet ihr die Wahrheit über euch selbst entdecken, und ständig werden sich vor euch neue Horizonte eröffnen.

Liebe junge Leute! Diese Thematik mag euch etwas ungewöhnlich erscheinen. Ich meine jedoch, daß sie aktuell und wesentlich ist für den modernen Menschen, der sich manchmal einbildet, allmächtig zu sein, weil er es zu großen wissenschaftlichen Fortschritten gebracht hat und es ihm in gewissem Maße gelingt, die komplizierte Welt der Technologie zu kontrollieren. Aber der Mensch hat ein Herz: Die Intelligenz leitet die Maschinen, aber das Herz schlägt für das Leben! Gebt eurem Herzen lebenswichtige Ressourcen, erlaubt Gott, in euer Dasein einzudringen: Dann wird es von seinem göttlichen Licht erhellt werden.

6. Ich bin gekommen, euch zu ermutigen. Wir stehen am Anfang eines neuen Jahrtausends: Es ist eine wichtige Zeit für die Welt, weil sich in den Gemütern der Leute die Überzeugung verbreitet, daß wir nicht auf immer getrennt leben können. Einerseits wird die Kommunikation jeden Tag einfacher, andererseits werden Unterschiede oft auf dramatische Weise erlebt. Ich ermutige euch, für eine einträchtigere Welt zu arbeiten und dies im täglichen Leben zu verwirklichen, indem ihr den kreativen Beitrag eines erneuerten Herzen darin einbringt.

Euer Land zählt auf euch und erwartet für die kommenden Jahre viel von euch: Mit euren Entscheidungen werdet ihr den Weg bestimmen, den euer Land einschlagen wird. Das Kasachstan von morgen wird eure Züge tragen! Seid mutig und unerschrocken, und ihr werdet nicht enttäuscht.

Es begleite euch der Schutz und Segen des Höchsten, den ich auf jeden von euch, auf eure Lieben und auf euer ganzes Leben herabrufe!

Montag, den 24. September 2001

Heilige Messe mit Priestern, Ordensleuten und Seminaristen - Kathedrale "Mutter der immerwährenden Hilfe", Astana

Das Volk »soll nach Jerusalem in Juda hinaufziehen und das Haus des Herrn, des Gottes Israels, aufbauen« (Esra 1,3).

1. Mit diesen Worten befahl der Perserkönig Kyrus, als er dem »Rest von Israel« die Freiheit schenkte, den Verschleppten, die heilige Stätte in Jerusalem wieder aufzubauen, wo der Name Gottes angebetet werden konnte. Es war ein Auftrag, den die Verbannten voll Freude aufnahmen, so daß sie sich rasch auf den Weg machten in das Land ihrer Väter.

Wir können uns die Aufregung vorstellen, die eiligen Vorbereitungen, die Freudentränen, die Dankeslieder, die die Verbannten bei ihrer Rückkehr in die Heimat begleiteten. Nach den Klagen im Exil konnte »der Rest von Israel« wieder lächeln, als es sich nach Jerusalem, der Stadt Gottes, aufmachte. Es konnte endlich Dankeslieder anstimmen für die großen Taten, die der Herr unter ihnen vollbracht hatte (vgl. Ps 125,1 – 2).

2. Wir empfinden ähnliche Gefühle heute, während wir die Eucharistie zu Ehren der allerseligsten Jungfrau Maria, der Königin des Friedens, feiern. Nach der kommunistischen Unterdrückung könnt auch ihr – gleichsam als Exilanten – wieder den gemeinsamen Glauben bekennen. Während ihr an die in den vergangenen zehn Jahren überwundenen Schwierigkeiten zurückdenkt, lobpreist ihr heute nach zehn Jahren der wiedererlangten Freiheit die Barmherzigkeit des Herrn, der seine Kinder auch in Zeiten der Prüfung nicht verläßt. Seit langem habe ich das heutige Treffen herbeigewünscht, um eure Freude teilen zu können.

Ich grüße mit brüderlicher Zuneigung den Bischof von Karagandà, Msgr. Jan Pawel Lenga, der in diesem Jahr sein zehnjähriges Bischofsjubiläum feiert. Ich danke ihm für die an mich gerichteten freundlichen Worte, und gemeinsam mit ihm lobpreise ich Gott für das Gute, das er für die Kirche getan hat. Ich hätte auch gern seine Diözese besucht, aber die Umstände haben es nicht erlaubt. Mit gleicher Herzlichkeit grüße ich den Apostolischen Administrator von Astana, Msgr. Tomasz Peta; den Apostolischen Administrator von Almaty, Msgr. Henry Theophilus Howaniec;und den Apostolischen Administrator von Atyrau, den Hochwürdigen Herrn Janusz Kaleta. Ich grüße die Oberen der Missionen »sui iuris« und alle lieben geistlichen Würdenträger, die hier anwesend sind. Großherziger Einsatz in einem weiten Gebiet

Einen herzlichen Gruß richte ich an euch, liebe Priester, Ordensleute und Seminaristen von Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan, Kirgisistan und Turkmenistan. Ich umarme euch alle mit aufrichtiger Hochschätzung für den großherzigen Einsatz, mit dem ihr eure Aufgaben erfüllt. Durch euch möchte ich eure Gemeinschaften und die einzelnen Christen erreichen, die ihnen angehören. Liebe Schwestern und Brüder! Steht in Treue zum Herrn des Lebens, und baut gemeinsam seinen lebendigen Tempel auf, der die in diesem weiten eurasischen Gebiet verbreitete kirchliche Gemeinschaft ist.

3. Den Tempel des Herrn wieder aufbauen: Das ist die Sendung, zu der ihr berufen und für die ihr geweiht seid. Ich denke in diesem Moment an eure Gemeinschaften, die zerstreut und bedrängt waren. Im Geist und im Herzen sind die unsäglichen Prüfungen derer gegenwärtig, die nicht nur das körperliche Exil und Gefängnis erlitten haben, sondern auch die öffentliche Verhöhnung und Gewalt, weil sie ihren Glauben nicht verleugnen wollten.

Ich möchte hier u. a. an den sel. Oleks Zarytsky, den Priester und Martyrer, erinnern, der im Gulag von Dolynka gestorben ist;an den sel. Msgr. Mykyta Budka, gestorben im Gulag von Karadzar;an Msgr. Alexander Chira, der über zwanzig Jahre lang der beliebte und hochherzige Oberhirte von Karangandà war und in seinem letzten Brief schrieb:»Ich übergebe meinen Leib der Erde, meinen Geist dem Herrn, und mein Herz, das schenke ich Rom. Ja, mit dem letzten Atemzug meines Lebens will ich meine volle Treue zum Stellvertreter Christi auf Erden bekennen.« Ich denke noch an P. Tadeusz Federowicz, den ich persönlich kenne und der als »Initiator« einer neuen Art der Seelsorge an den Deportierten bezeichnet werden kann.

In dieser Eucharistiefeier gedenken wir ihrer aller in Dankbarkeit und Liebe. Auf ihren Leiden, vereint mit dem Kreuz Christi, ist das neue Leben eurer christlichen Gemeinschaft erblüht.

4. Wie die nach Jerusalem zurückgekehrten Juden werdet auch ihr »Brüder finden, die euch in jeder Weise unterstützen« (vgl. Es 1,6). Meine Anwesenheit heute unter euch soll euch der Solidarität der universalen Kirche versichern. Dieses nicht leichte Vorhaben ist – getragen von der unerläßlichen Hilfe Gottes – eurer Klugheit, eurem Einsatz und eurer Sensibilität anvertraut. Ihr seid berufen, selbst Handwerker, Schmiede, Maurer und Arbeiterschaft des geistlichen Tempels zu sein, den es aufzubauen gilt.

Liebe Priester, das geistliche Klima der Gemeinschaft und echten Zusammenarbeit, das ihr unter euch und mit den gläubigen Laien erzeugt, ist der Schlüssel für das Gelingen dieser interessanten und schweren Aufgabe. Im täglichen Dienst sei das neue Gebot für euch richtungweisend, das Christus am Vorabend vor seinem Leiden uns gegeben hat: »Liebt einander!« (Joh 13,34). Dieses Thema habt ihr passenderweise für meinen Pastoralbesuch gewählt. Es verpflichtet euch, das Geheimnis der Gemeinschaft konkret zu leben in der Verkündigung des lebendigen Wortes, in der Belebung der Liturgie, in der Sorge für die jungen Generationen, in der Heranbildung der Katechisten, in der Förderung der katholischen Verbände und Vereine, in der Aufmerksamkeit für die Menschen in materieller oder geistlicher Not. So könnt ihr in Einheit mit euren Ordinarien und zusammen mit den Ordensleuten den Tempel des Herrn aufbauen!

5. In diesen zehn Jahren der wiedererlangten Freiheit wurde viel geschaffen, dank des unermüdlichen Evangelisierungseifers, der euch auszeichnet. Aber alle äußeren Strukturen müssen einem soliden inneren Fundament entsprechen. Deshalb ist es wichtig, die theologische, asketische und pastorale Bildung derer zu pflegen, die der Herr in seinen Dienst ruft.

Ich freue mich über das in Karagandà neueröffnete Priesterseminar, das die Seminaristen der zentralasiatischen Republiken aufnehmen soll. Ihr wolltet es zusammen mit dem Diözesanzentrum einem tüchtigen Priester, P. Wladyslaw Bukowinski, widmen, der während der schweren Jahre des Kommunismus sein Dienstamt in dieser Stadt ununterbrochen ausgeübt hat. »Wir wurden nicht zu dem Zweck geweiht, daß wir uns schonen« – schrieb er in seinen Memoiren –, »sondern daß wir, wenn nötig, unser Leben für die Schafe Christi hingeben.« Ich hatte das Glück, ihn persönlich zu kennen und seinen tiefen Glauben, seine weisen Worte und sein unerschütterliches Vertrauen auf die Macht Gottes hochzuschätzen. Ihm und allen anderen, die unter Entbehrungen und Verfolgungen ihr Leben hingaben, möchte ich heute im Namen der ganzen Kirche die Ehre erweisen.

Diese treuen Arbeiter des Evangeliums sind Vorbild und Ermutigung auch für euch, liebe geweihte Männer und Frauen. Ihr seid berufen, Zeichen der Unentgeltlichkeit und Liebe im Dienst am Reich Gottes zu sein. »Das Leben der Kirche und der Gesellschaft« – betonte ich im nachsynodalen Apostolischen Schreiben Vita consecrata – »hat Menschen nötig, die fähig sind, sich ganz Gott und aus Liebe zu Gott den anderen zu widmen« (105). Von euch wird verlangt, jene seelische Fülle anzubieten, die die Welt so dringend braucht.

6. Der Verkünder muß zuallererst glaubwürdiger Zeuge des Evangeliums sein. Die politische und soziale Atmosphäre hat sich jetzt von der Last der totalitären Unterdrückung befreit, und es ist zu wünschen, daß keine Macht mehr die Freiheit der Gläubigen einschränken wird. Jetzt ist es notwendig, daß jeder Jünger Christi Licht der Welt und Salz der Erde ist (vgl. Mt 4,13 – 14). Ja, es ist noch notwendiger auf Grund der geistlichen Verwüstung, die der militante Atheismus hinterlassen hat, wie auch auf Grund der Gefahren, die dem Hedonismus und Konsumismus von heute innewohnen.

Mit der Kraft des Zeugnisses, liebe Brüder und Schwestern, sollt ihr die Freundlichkeit des Dialogs verbinden. Kasachstan ist ein Land, in dem Menschen unterschiedlicher Herkunft und verschiedener Religionszugehörigkeit wohnen, die Erben hochentwickelter Kulturen und einer reichen Geschichte sind. Der weise Abai Kunanbai, ein bedeutender Vertreter der kasachischen Kulturwelt, bekräftigte mit Offenherzigkeit: »Gerade weil wir Gott vollkommen anbeten und an ihn glauben, haben wir nicht das Recht, die anderen zu zwingen, an ihn zu glauben und ihn anzubeten« (Sprüche, Kap. 45).

Die Kirche will den anderen ihren Glauben nicht aufzwingen. Dennoch steht fest, daß das die Jünger des Herrn nicht davon entbindet, den anderen das große Geschenk zu vermitteln, an dem sie teilhaben: das Leben in Christus. »Wir brauchen uns nicht zu fürchten, daß das eine Beleidigung für die Identität des anderen sein könnte, was frohe Verkündigung eines Geschenkes ist:eines Geschenkes, das für alle bestimmt ist und das allen mit größter Achtung der Freiheit eines jeden angeboten werden soll. Es ist das Geschenk der Verkündigung des Gottes, der Liebe ist« (Novo millennio ineunte, 56). Je mehr man sie bezeugt, um so mehr wächst die Liebe Gottes im Herzen.

7. Liebe Brüder und Schwestern, wenn eure apostolische Mühe von Tränen benetzt wird und wenn der Weg steiler und schwieriger wird, dann denkt an das Gute, das der Herr durch eure Hände, euer Wort und euer Herz vollbringt. Er hat euch als Geschenk für den Nächsten hierher gestellt. Seid dieser Sendung gewachsen.

Und du, Maria, Königin des Friedens, stütze diese deine Kinder. Dir vertrauen wir sie heute mit neuer Zuversicht an. Mutter der immerwährenden Hilfe, du umfängst von dieser Kathedrale aus die ganze kirchliche Gemeinschaft: Hilf den Gläubigen, sich hochherzig in ihrem Glaubenszeugnis zu engagieren, damit das Evangelium deines Sohnes an jedem Ort dieses geliebten, unermeßlichen Landes verkündet werde. Amen.

Treffen mit Vertretern aus der Welt der Kultur, Kunst und Wissenschaft - Auditorium des Kongreßpalastes, Astana

Herr Staatspräsident,
verehrte Damen und Herren!

1. Mit Freude treffe ich heute abend mit euch zusammen. Allen entbiete ich meinen respektvollen und herzlichen Gruß, und ich danke für die edlen Worte, die im Namen aller Anwesenden an mich gerichtet wurden. Gerne habe ich eure Einladung angenommen, um erneut die Aufmerksamkeit und das Vertrauen zum Ausdruck zu bringen, die die katholische Kirche und der Papst den Vertretern der Kultur entgegenbringen. Ich bin mir durchaus des unersetzbaren Beitrags bewußt, den ihr durch das aufrichtige Suchen und die wirkungsvolle Darstellung des Wahren und Guten für den Stil und Inhalt des menschlichen Lebens leisten könnt.

Geehrte Vertreter der Kultur, der Kunst und der Wissenschaft! Kasachstan ist Erbe einer Geschichte, die aufgrund komplexer und oft schmerzlicher Ereignisse durch verschiedene Traditionen bereichert worden ist, welche das Land heute zu einer beispielhaften multiethnischen, multikulturellen und multikonfessionellen Gesellschaft machen. Seid stolz auf eure Nation, und seid euch jener großen Aufgabe bewußt, die ihr bei der Vorbereitung ihrer Zukunft erwartet. Insbesondere denke ich an die Jugendlichen, die berechtigterweise ein Zeugnis des Wissens und der Weisheit von euch erwarten, das ihr ihnen durch die Lehrtätigkeit und vor allem durch ein beispielhaftes Leben vermittelt.

2. Kasachstan ist ein großes Land, das im Lauf der Jahrhunderte eine lebendige Kultur entwickelt hat, die reich an verschiedensten Impulsen ist. Hierzu haben auch Vertreter der russischen Kultur beigetragen, die das totalitäre Regime hierhin verbannt hatte.

Wie viele Menschen haben euer Land durchquert!Insbesondere möchte ich an das Tagebuch des venezianischen Reisenden und Händlers Marco Polo erinnern, der bereits im Mittelalter voll Bewunderung die hohe Moral und die reichen Traditionen der Steppenbevölkerung beschrieben hat. Die grenzenlose Weite eurer Ebenen, das durch die entfesselten Naturgewalten hervorgerufene Bewußtsein der menschlichen Schwäche, die Wahrnehmung des Geheimnisses, das sich hinter den sinnlich erfaßbaren Phänomenen verbirgt:all das fördert die Offenheit eures Volkes, sich mit den grundlegenden Fragen der Menschheit und der Suche nach gehaltvollen Antworten für die universale Kultur auseinanderzusetzen.

Geehrte Damen und Herren, eure Aufgabe ist es, die reiche kulturelle Tradition Kasachstans in der Welt zu verbreiten:eine schwierige aber zugleich auch faszinierende Aufgabe, die von euch abverlangt, deren grundlegende Elemente zu entdecken und sie in harmonischer Synthese zu vereinen.

Ein großer Denker eures Landes, Abai Kunanbai, brachte dies folgendermaßen zum Ausdruck: »Der Mensch kann nicht Mensch sein, wenn er nicht fähig ist, die sichtbaren und unsichtbaren Geheimnisse des Universums wahrzunehmen, ohne nach einer Erklärung für alles zu suchen. Derjenige, der hierauf verzichtet, unterscheidet sich in nichts von den Tieren. Gott unterschied den Menschen vom Tier, indem er ihm eine Seele gab …« (Worte Abais, Kap. 7).

3. Kann uns die tiefe Weisheit dieser Worte entgehen, die gewissermaßen die beunruhigende Frage Christi aus dem Evangelium zu kommentieren scheinen:»Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt?«(Mk 8,36). Im Herzen des Menschen gibt es Fragen, denen wir nicht ausweichen können;sie zu ignorieren bedeutet keineswegs größere Freiheit, sondern eher eine größere Schwäche des Menschen, der oft zum Opfer seiner eigenen Instinkte und der Rücksichtslosigkeit anderer wird.

»Wenn das Herz nach nichts mehr verlangt « – schreibt Abai Kunanbai –, »wie kann dann der Geist geweckt werden? … Wenn die Vernunft der Begierde ausgeliefert ist, verliert sie jegliche Tiefe … Kann ein Volk, das dieser Bezeichnung würdig sein will, ohne die Vernunft bestehen?« (Gedichte 12).

Fragen wie diese sind wesensmäßig religiöser Natur, denn sie verweisen auf jene höchsten Werte, die letztlich auf Gott gründen. Die Religion muß sich ihrerseits mit diesen existentiellen Fragen auseinandersetzen, wenn sie den Bezug zum Leben nicht verlieren will.

4. Christen wissen, daß in Jesus von Nazaret, den wir Christus nennen, eine erschöpfende Antwort auf die Fragen zu finden ist, die der Mensch im Herzen trägt. Die Worte Jesu, seine Taten und schließlich sein Ostergeheimnis offenbaren ihn als Erlöser des Menschen und Retter der Welt. Als demütiger und überzeugter Zeuge dieser »Botschaft«, die seit zweitausend Jahren unzählige Menschen überall in der Welt weitergegeben haben, steht der römische Papst heute vor euch mit tiefer Hochachtung gegenüber den Menschen guten Willens, die auf verschiedenen Wegen auf der Suche nach der Wahrheit sind. Jemand, der die Wahrheit in ihrer strahlenden Schönheit gefunden hat, kann dem Bedürfnis nicht widerstehen, auch andere daran teilhaben zu lassen. Für den Gläubigen handelt es sich nicht lediglich um eine normative Verpflichtung, sondern vor allem um das Bedürfnis, das Wertvollste seiner Existenz mit allen zu teilen.

Im Kontext einer gesunden konfessionellen Neutralität des Staates, dessen Aufgabe es ist, jedem Bürger – ungeachtet seines Geschlechts, seiner Rasse oder Nationalität – das Grundrecht auf Gewissensfreiheit zu gewährleisten, muß das Recht des Gläubigen auf das freie Bekenntnis seines Glaubens bekräftigt und verteidigt werden. Wahre Religiosität darf weder auf die Privatsphäre noch auf Grenz- oder Randbereiche der Gesellschaft beschränkt sein. Die Schönheit der Gotteshäuser, die man fast überall im neuen Kasachstan erblicken kann, ist ein wertvolles Zeichen spiritueller Wiederbelebung, das eine vielversprechende Zukunft vorausahnen läßt.

5. Auch die Bildungs- und Kultureinrichtungen können von der Bereitschaft, die lebhaftesten und bedeutsamsten religiösen Erfahrungen in der Geschichte der Nation kennenzulernen, nur profitieren. In meiner Botschaft zum Weltfriedenstag am 1. Januar 2001 habe ich vor der »willfährigen Angleichung« der westlichen Kultur gewarnt, indem ich betonte, daß »die Kulturmodelle des Westens […] wegen ihrer ausgeprägten wissenschaftlichen und technischen Bedeutung faszinierend und anziehend [erscheinen]; leider lassen sie aber immer deutlicher eine fortschreitende Verarmung in humanistischer, geistiger und moralischer Hinsicht erkennen. Die Kultur, die diese Modelle hervorbringt, ist von dem dramatischen Anspruch geprägt, das Wohl des Menschen unter Ausschaltung Gottes, der das höchste Gut ist, verwirklichen zu wollen« (9).

Hören wir erneut die Worte des großen Abai Kunanbai: »Der Beweis für die Existenz des einen und allmächtigen Gottes ist die Tatsache, daß die Menschen seit mehreren Jahrtausenden in verschiedenen Sprachen von dieser Existenz sprechen und alle, welcher Religion sie auch immer angehören mögen, bezeichnen ihn als Gott der Liebe und Gerechtigkeit. Jener, der sich durch Liebe und Gerechtigkeit auszeichnet, ist wahrhaft weise« (Worte Abais, Kap. 45).

In diesem Kontext, und gerade hier in diesem für Begegnung und Dialog offenen Land und vor einer so qualifizierten Versammlung, bekräftige ich die Achtung der katholischen Kirche gegenüber dem Islam, dem wahren Islam: dem Islam, der betet und solidarisch ist mit den Notleidenden. Angesichts der auch in jüngster Vergangenheit begangenen Fehler müssen sich alle Gläubigen gemeinsam dafür einsetzen, daß Gott niemals zum Gefangenen menschlicher Ambitionen werde. Haß, Fanatismus und Terrorismus entweihen den Namen Gottes und entstellen das wahre Bild des Menschen.

6. Verehrte Damen und Herren, es ist mir eine Freude, in euch diejenigen zu sehen und zu begrüßen, die auf der Suche nach der Wahrheit sind und danach streben, den neuen Generationen dieses Landes Werte zu vermitteln, auf denen sie ihre persönliche und soziale Existenz aufbauen können. Ohne feste Verwurzelung in diesen Werten ist das Leben wie ein dichtbelaubter Baum, den der Wind der Prüfung leicht schütteln und ausreißen kann. Ich danke Ihnen, Herr Präsident, sowie den Vertretern der Kulturwelt Kasachstans. Am Ende dieses Treffens, das gewissermaßen auch meinen Besuch in eurem faszinierenden Land beendet, möchte ich euch der im Rahmen meiner Möglichkeiten stehenden Mitarbeit versichern sowie des aufrichtigen Gebets des Papstes und der gesamten katholischen Kirche zum höchsten und allmächtigen Gott, damit Kasachstan seiner natürlichen eurasiatischen Berufung entsprechend auch weiterhin ein Land der Begegnung und der Aufnahme sein möge, in dem die Menschen der beiden großen Kontinente dauerhaft in Wohlstand und Frieden leben mögen.

Zum Abschluß der Begegnung sagte der Papst folgende Dankesworte auf italienisch:

Herzlich möchte ich euch für diese Begegnung mit der kasachischen Kultur danken. Das Treffen mit der Kulturwelt ist immer der Mittelpunkt der Begegnung mit einem Volk. Ich danke euch, daß ihr mir am Ende meines Besuchs in eurem Land euer Herz – nämlich eure Kultur – geöffnet habt.

Dann fuhr der Papst auf polnisch fort:

Dieser Besuch in Kasachstan wird in meiner Erinnerung und in meinem Herzen stets lebendig bleiben. Ich bin euch dankbar für all das, was ihr für mich getan habt, für alles, was der Herr Präsident und seine Mitarbeiter geleistet haben. Kasachstan, seinem Volk und seiner Gesellschaft, den Vertretern der Regierung, der Kirche Kasachstans und allen religiösen Gemeinschaften wünsche ich den Segen Gottes für viele Jahre – in einer erneuerten Zukunft.

Abschließend sagte der Papst auf russisch:

Ich wünsche dem Präsidenten, den Vertretern und dem ganzen Volk noch viele Jahre.

Dienstag, den 25. September 2001

Abschiedsansprache - Internationaler Flughafen, Astana

Herr Präsident,
verehrte Mitbrüder im Bischofsund Priesteramt, <vbr> meine Damen und Herren!

1. Die drei denkwürdigen Tage, die mir ermöglicht haben, hier in Astana zahlreiche Personen zu treffen und viele lebendige Kräfte der Bevölkerung Kasachstans aus nächster Nähe kennenzulernen, gehen nun dem Ende zu. Lange Zeit noch wird mich die Erinnerung an meinen Aufenthalt in dieser edlen Nation begleiten, die so reich an Geschichte und kulturellen Traditionen ist.

Vielen Dank für den freundlichen und herzlichen Empfang. Ich danke Ihnen, Herr Präsident, für Ihre hervorragende, auf vielfache Weise zum Ausdruck gebrachte Gastfreundschaft! Ferner danke ich den Vertretern der administrativen, militärischen und religiösen Autoritäten wie auch denjenigen, die meinen Besuch vorbereitet und sich den organisatorischen Details gewidmet haben: Allen und jedem einzelnen möchte ich meinen aufrichtigen Dank aussprechen.

Einen tiefen Eindruck hinterlassen die Worte, die ich bei den verschiedenen gemeinsam erlebten Momenten gehört habe. Deutlich bewußt sind mir die Hoffnungen und Erwartungen dieses geliebten Volkes, das ich nun eingehender kennen- und schätzenlernen konnte. Ein Volk, das lange Jahre harter Verfolgung erdulden mußte, aber dennoch nicht zögert, voll Eifer den Weg seiner Entwicklung wieder aufzunehmen. Ein Volk, das entschlossen ist, eine ruhige und solidarische Zukunft für seine Kinder aufzubauen, weil es den Frieden liebt und sucht.

2. Kasachstan, Nation jahrhundertealter Geschichte, du bist dir sehr wohl bewußt, wie wichtig und dringend der Friede ist! Aufgrund deiner geographischen Lage bist du zugleich ein Land der Grenzen und der Begegnung. Hier, in der unendlichen Weite dieser Steppen, trafen und treffen sich im Zeichen des Friedens Menschen unterschiedlicher ethnischer, kultureller und religiöser Zugehörigkeit.

Kasachstan, mögest du mit Gottes Hilfe in Eintracht und Solidarität wachsen! Mit diesem herzlichen und aufrichtigen Wunsch knüpfe ich erneut an den Leitgedanken meines Besuchs an: »Liebt einander«! (Joh 13,34). Diese anspruchsvollen, kurz vor seinem Tod am Kreuz gesprochenen Worte Jesu haben die Stationen meiner Pilgerreise erleuchtet und ihren Rhythmus bestimmt.

»Liebt einander«! Dieses Land, in dem Menschen verschiedener Abstammung leben, braucht festes Einvernehmen und stabile soziale Beziehungen. Es ist keineswegs übertrieben zu sagen, daß euer Land eine ganz besondere Berufung hat: die Berufung, sich in zunehmendem Maß seiner Stellung als Brücke zwischen Europa und Asien bewußt zu sein. Möge das eure Entscheidung als Bürger und als Gläubige sein; seid eine Brücke von Menschen, die wiederum anderen Menschen entgegengehen; Personen, die die Fülle des Lebens und der Hoffnung übermitteln.

3. Während ich mich von dir verabschiede, liebe kasachische Bevölkerung, versichere ich dir, daß die Kirche stets an deiner Seite sein wird. In enger Zusammenarbeit mit anderen Religionsgemeinschaften und mit allen Menschen guten Willens werden die Katholiken dich immer unterstützen, um zusammen eine stets größere und gastfreundlichere Gemeinschaft aufzubauen.

Das Bemühen um Dialog und Eintracht hat hier seit der Zeit des türkischen Khanats in der unendlichen Weite eurer Steppen die Beziehungen zwischen Christentum und Islam geprägt und dem Land erlaubt, über die Seidenstraße zum Bindeglied zwischen Ost und West zu werden. Auch die neuen Generationen müssen dieser Linie mit neuem Eifer treu bleiben.

»Liebt einander.« Unsere Glaubwürdigkeit als Christen hängt von diesen Worten des Herrn ab. Jesus selbst ermahnt uns: »Daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt« (Joh 13,35).

4. Das große Jubeljahr 2000 war nicht nur ein an alle Christen gerichteter Aufruf zu intensiver spiritueller Erneuerung, sondern auch eine Aufforderung, als Zeugen der Liebe den Herausforderungen des dritten Jahrtausends zu begegnen. Möget auch ihr ohne Unterlaß solche Zeugen sein! Seid bereit, jenen notwendigen »Frieden zu realisieren, der immer wieder durch den Alptraum katastrophaler Kriege bedroht ist« (vgl. Novo millennio ineunte, 51). Seid wachsame Hüter, die sich »für die Achtung des Lebens eines jeden Menschen« (ebd.) einsetzen.

Möget auch ihr Zeugen der Liebe sein, Männer und Frauen anderer Religionen, denen das Schicksal eures Volkes am Herzen liegt! Die Frage, die sich Abai Kunanbai stellte, ist an uns alle gerichtet: »Wenn ich als Mensch bezeichnet werde, kann ich dann aufhören zu lieben?« (Gedicht 12). Diese Frage möchte auch ich stellen, während ich mich von euch verabschiede: Kann ein Mensch aufhören zu lieben?

Während ich als Nachfolger des Apostels Petrus im Geiste an jene zahlreichen Ereignisse zurückdenke, die das vergangene Jahrhundert geprägt haben, sage ich euch noch einmal: Schaut voll Zuversicht in die Zukunft! Als Pilger der Hoffnung bin ich zu euch gekommen, und nun trete ich tief bewegt und sehnsuchtsvoll die Heimreise an. Die Erinnerung an diese Tage wird mich begleiten ebenso wie die Gewißheit, daß ihr, die Menschen Kasachstans, stets eure Mission der Solidarität und des Friedens erfüllen werdet.

Gott segne und behüte euch immerfort!

Begrüßungsansprache in Armenien - Internationaler Flughafen Zvartnotz, Eriwan

Herr Präsident,
Heiligkeit,
liebe armenische Freunde!

1. Mein Dank gilt dem allmächtigen Gott, weil sich der Bischof von Rom heute zum ersten Mal auf armenischem Boden befindet, in diesem jahrtausendealten und geliebten Land, das euer großer Dichter Daniel Varujan folgendermaßen besingt: »Von den Dörfern bis zum Horizont / erstreckt sich die Mütterlichkeit eures Landes« (vgl. Der Ruf des Landes). Seit langem habe ich diesen Augenblick der Gnade und Freude erwartet, insbesondere seit den Besuchen im Vatikan Ihrerseits, Herr Präsident, und Ihrerseits, Heiligkeit, Oberster Patriarch und Katholikos aller Armenier.

Ich bin Ihnen zutiefst dankbar, Herr Präsident, für die freundlichen Willkommensworte, die Sie im Namen der Regierung und der Einwohner Armeniens an mich gerichtet haben. Auch danke ich den Vertretern der zivilen und militärischen Autoritäten und dem in Armenien akkreditierten Diplomatischen Korps für ihren heutigen Empfang. Wenn ich mich an Sie wende, Herr Präsident, möchte ich den Ausdruck meiner Wertschätzung und Freundschaft nicht nur an Ihre in der Heimat wohnenden Mitbürger richten, sondern auch an die Millionen Armenier, die über die ganze Welt verstreut leben; sie bleiben ihrem Erbe und ihrer Identität treu und schauen heute auf ihr Herkunftsland mit neuem Stolz und tiefer Freude. Auch in ihrem Herzen pulsieren die Empfindungen, die Varujan in einem Gedicht niederschrieb: »Es ist köstlich für mein Herz, in die leuchtende blaue Welle einzutauchen und – wenn nötig – in den himmlischen Feuern unterzugehen; neue Sterne kennenzulernen, die alte, verlorene Heimat, von wo aus meine gefallene Seele immer noch die Sehnsucht nach dem Himmel beweint« (vgl. Nacht auf der Tenne).

2. Eure Heiligkeit Katholikos Karekin! Mit brüderlicher Liebe im Herrn umarme ich Sie und die Kirche, der Sie vorstehen. Ohne Ihre Ermutigung wäre ich heute nicht hier, als Pilger auf einer geistlichen Reise zu Ehren des einzigartigen christlichen Lebenszeugnisses, das die Armenische Apostolische Kirche viele Jahrhunderte lang abgelegt hat, vor allem im 20. Jahrhundert, das für euch eine Zeit unsagbaren Terrors und Leids gewesen ist. Zum 1700. Jahrestag der Verkündigung des Christentums als offizielle Religion dieses so geliebten Landes teilt die ganze katholische Kirche eure tiefe Freude und die aller Armenier.

Ich umarme auch meine Brüder, die Bischöfe, und alle Gläubigen der katholischen Kirche in Armenien und den Nachbarregionen und freue mich, euch in der Liebe zu unserem Herrn Jesus Christus sowie im Dienst für den Nächsten und für euer Land zu bestärken.

3. Tief bewegt bin ich, wenn ich an die glorreiche Geschichte des Christentums in dieser Gegend denke, das – laut Überlieferung – auf die Predigttätigkeit der Apostel Thaddäus und Bartholomäus zurückgeht. Später wurde durch das Zeugnis und Wirken des hl. Gregorios des Erleuchters das Christentum erstmalig zum Glauben einer ganzen Nation. Die Annalen der Universalkirche werden auf ewig bestätigen, daß die Armenier die ersten waren, die sich als ganzes Volk zur Gnade und Wahrheit des Evangeliums unseres Herrn Jesus Christus bekannten. Seit jenen epischen Zeiten hat eure Kirche nie aufgehört, Gott-Vater zu lobpreisen, das Geheimnis des Todes und der Auferstehung seines Sohnes Jesus Christus zu feiern und den Beistand des Heiligen Geistes, des Trösters, zu erflehen. Sorgfältig pflegt ihr das Andenken an eure zahlreichen Märtyrer, und eigentlich war das Martyrium ein Wesensmerkmal der armenischen Kirche und des armenischen Volkes.

4. Die Vergangenheit Armeniens ist untrennbar mit seinem christlichen Glauben verbunden. Die Treue zum Evangelium Jesu Christi wird ebenfalls zur Zukunft beitragen, die diese Nation nach den Verwüstungen des vergangenen Jahrhunderts gegenwärtig aufbaut. Herr Präsident, liebe Freunde! Ihr habt vor kurzem den zehnten Jahrestag eurer Unabhängigkeit gefeiert. Dies war ein bedeutsamer Schritt auf dem Weg zu einer gerechten und einträchtigen Gesellschaft, in der sich alle ganz zuhause fühlen und ihre legitimen Rechte geachtet sehen können. Alle, vor allem die Verantwortlichen für die öffentlichen Belange, sind heute zu einem aufrichtigen Einsatz für das Gemeinwohl in Gerechtigkeit und Solidarität aufgerufen;dabei sollen sie den Fortschritt des Volkes vor jedes Eigeninteresse stellen. Das trifft auch auf die dringende Suche nach Frieden in dieser Region zu. Der Frieden kann nur auf dem soliden Fundament der gegenseitigen Achtung, der Gerechtigkeit in den Beziehungen zwischen unterschiedlichen Gemeinschaften und des Großmuts seitens der Starken aufgebaut werden.

Inzwischen ist Armenien Mitglied des Europarats geworden: Das belegt euren Willen, euch entschlossen und mutig für die Umsetzung demokratischer Reformen in den staatlichen Institutionen einzusetzen, die nötig sind, um die Achtung der Menschen- und Bürgerrechte der Einwohner zu gewährleisten. Es sind schwierige Zeiten, aber auch Zeiten, die die Nation herausfordern und ihr Mut einflößen. Jeder muß den festen Entschluß fassen, seine Heimat zu lieben und sich für eine echte Entwicklung sowie für das geistige und materielle Wohlergehen des eigenen Volkes aufzuopfern!

Gott segne das armenische Volk mit Freiheit, Wohlstand und Frieden!

Gebet in der Katholischen Kathedrale, Etschmiadzin

Hochwürdigster Bruder,
Oberster Patriarch und Katholikos aller Armenier,
liebe Brüder und Schwestern in Christus!
Der Segen Gottes sei mit euch allen!

1. Meine Schritte als Pilger haben mich nach Armenien geführt, um Gott zu loben für das Licht des Evangeliums, das sich vor 700 Jahren in diesem Land und von diesem Ort aus verbreitet hat, wo der hl. Gregorios der Erleuchter die himmlische Erscheinung des Sohnes Gottes in Form des Lichtes empfing. Der heilige Etschmiadzin erhebt sich als großes Symbol des Glaubens Armeniens an den eingeborenen Sohn Gottes, der vom Himmel herabgekommen und gestorben ist für unsere Erlösung von der Sünde und dessen Auferstehung den Anfang für den neuen Himmel und die neue Erde setzt. Der Etschmiadzin bleibt für alle Armenier ein Unterpfand der Standhaftigkeit in diesem Glauben trotz der Leiden und des Blutvergießens von gestern und heute, das eure leidvolle Geschichte als Preis für eure Treue gefordert hat. An diesem Ort möchte ich bezeugen, daß euer Glaube auch unser Glaube an Jesus Christus – wahrer Gott und wahrer Mensch – ist: »Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe« (Eph 4, 5).

Hier im heiligen Etschmiadzin erwidere ich mit freuderfülltem Herzen den Friedensgruß, den Eure Heiligkeit mir im November des vergangenen Jahres am Grab des Apostels Petrus in Rom ausgesprochen hat. Mit tiefer Ergriffenheit grüße ich Sie, die Erzbischöfe und Bischöfe, die Mönche, Priester und die Gläubigen der geliebten Armenischen Apostolischen Kirche. Als Bischof von Rom verneige ich mich voll Bewunderung vor dem himmlischen Geschenk der Taufe eures Volkes und bezeige meine Ehrerbietung gegenüber diesem Gotteshaus, das Symbol der Nation ist und seit den Anfängen gemäß der Vision des hl. Gregorios an seinen Säulen das Mal des Martyriums trägt.

2. Danke, Heiligkeit, daß Sie mich in Ihrem Haus aufgenommen haben. Erstmals wohnt der Papst von Rom während seines ganzen Aufenthaltes in einem Land im Haus seines Bruders, der einer ruhmreichen Kirche des Orients vorsteht und mit ihm unter einem Dach den Lebensalltag teilt. Danke für dieses Zeichen der Zuneigung, das mich tief bewegt und den Herzen aller Katholiken Zeugnis gibt von der tiefen Freundschaft und brüderlichen Liebe.

Ich denke in diesem Augenblick an Ihre ehrwürdigen Vorgänger. Ich beziehe mich auf Katholikos Vasken I., der sich so sehr darum bemühte, daß sein Volk das verheißene Land der Freiheit erblicken konnte, und der zu Gott gerade zu dem Zeitpunkt heimging, als die Unabhängigkeit erlangt wurde. Ich denke an den unvergeßlichen Katholikos Karekin I., der für uns wie ein Bruder war. Weil sich sein Gesundheitszustand verschlechterte, konnte der geplante Besuch nicht durchgeführt werden, obwohl ich es von ganzem Herzen erhofft hatte. Dieser Wunsch erfüllt sich heute hier mit Eurer Heiligkeit, der Sie uns ein ebenso geliebter und geschätzter Bruder sind. Ich freue mich auf die kommenden Tage, wenn ich mit Ihnen Seite an Seite dem armenischen Volk begegnen kann und wir gemeinsam Gott dem Allmächtigen danken für die 700 Jahre der Treue zu Christus.

3. Jesus Christus, Herr und Erlöser, gib, daß wir die wunderbare Wahrheit erfassen, die der hl. Gregorios an diesem Ort gehört hat: daß »die Pforten deiner Liebe für seine Geschöpfe offen sind … daß das Licht, das die Erde erfüllt, die Verkündigung deines Evangeliums ist«.

Herr, mach uns der Gnade dieser Tage würdig. Nimm an unser gemeinsames Gebet; nimm an den Dank der ganzen Kirche für den Glauben des armenischen Volkes. Inspiriere uns zu Worten und Gesten, die die Liebe des Bruders zum Bruder bezeigen. Darum bitten wir dich auf die Fürsprache Marias, der großen Mutter Gottes, der Königin Armeniens, und des hl. Gregorios, dem hier das göttliche Wort in Form des Lichtes erschienen ist. Amen.

Mittwoch, den 26. September 2001

Besuch am Tzitzernagaberd-Denkmal, Eriwan

Richter der Lebenden und der Toten, erbarme dich unser!

Herr, höre die Klage, die von diesem Ort aufsteigt, die Stimme der Toten aus dem Abgrund des »Metz Yeghérn«, den Schrei des unschuldigen Blutes, das schreit wie das Blut Abels, wie Rachel, die um ihre Kinder weint, die nicht mehr sind. Herr, höre die Stimme des Bischofs von Rom, in der die Bitte seines Vorgängers Papst Benedikt XV. nachklingt, der im Jahr 1915 seine Stimme erhob zum Schutz »des schwer bedrängten armenischen Volkes, das an den Rand der Vernichtung gebracht wurde«.

Schau auf das Volk dieses Landes, das seit so langer Zeit in dich sein Vertrauen setzt, schwere Bedrängnisse durchgemacht und nie die Treue zu dir verringert hat. Trockne die Tränen in seinen Augen und gib, daß sein Leiden im 20. Jahrhundert Raum schaffe für eine Ernte des ewigen Lebens.

Tief bedrückt durch die schreckliche Gewalt, die dem armenischen Volk angetan wurde, fragen wir uns bestürzt, wie es möglich ist, daß die Welt noch so unmenschliche Verirrungen erfahren muß. Herr, indem wir unsere Hoffnung auf deine Verheißung erneuern, bitten wir für die Verstorbenen um die ewige Ruhe in Frieden und um Heilung der noch offenen Wunden durch die Macht deiner Liebe. Unsere Seele sehnt sich nach Dir, Herr, mehr als der Wächter nach dem Morgen, während wir die Vollendung der am Kreuz errungenen Erlösung erwarten, das Osterlicht, das die Morgenröte eines unbesiegbaren Lebens ist, die Herrlichkeit des neuen Jerusalem, wo kein Tod mehr sein wird.

Richter der Lebenden und der Toten, erbarme dich unser!

Herr, erbarme dich, Christus, erbarme dich, Herr, erbarme dich.

Ökumenische Feier in der neuen Kathedrale des hl. Gregorios, Eriwan

»Seht doch, wie gut und schön ist es, wenn Brüder miteinander in Eintracht wohnen« (Ps 133,1).

Gelobt sei Jesus Christus!

1. Am vergangenen Sonntag hatten Eure Heiligkeit und das gesamte Katholikat von Etschmiadzin die Freude, diese neue Kathedrale des hl. Gregorios des Erleuchters einzuweihen als würdiges Gedächtnis an die 1700jährige Treue Armeniens zu unserem Herrn und Erlöser Jesus Christus. Dieses herrliche Gotteshaus zeugt von dem Glauben, den eure Väter euch weitergegeben haben, und spricht zu uns allen von der Hoffnung, die heute das armenische Volk bewegt, mit neuer Zuversicht und mutiger Entschlossenheit in die Zukunft zu blicken.

Für mich persönlich ist es eine große Freude, mit Eurer Heiligkeit diese ökumenische Liturgie zu leiten. Sie ist gleichsam die Fortsetzung unseres gemeinsamen Gebets vom vergangenen Jahr in der Petersbasilika in Rom. Dort haben wir zusammen die Reliquie des hl. Gregorios des Erleuchters verehrt, und der Herr gewährt uns heute, hier in Eriwan dieselbe Geste zu wiederholen. Ich umarme Eure Heiligkeit mit derselben brüderlichen Zuneigung, mit der Sie mich während Ihres Besuchs in Rom begrüßt haben.

Ich danke Seiner Exzellenz dem Präsidenten der Republik für seine Anwesenheit bei diesem ökumenischen Treffen zum Zeichen unserer gemeinsamen Überzeugung, daß die Nation durch die gegenseitige Achtung und die Zusammenarbeit aller ihrer Institutionen blühen und gedeihen wird. Ich denke in diesem Augenblick an Seine Heiligkeit Aram I., den Katholikos des Großen Hauses von Kilikien, wie auch an die armenischen Patriarchen von Jerusalem und Konstantinopel: Ich sende ihnen einen Gruß in der Liebe des Herrn. Herzlich grüße ich die geehrten Mitglieder aller zivilen und religiösen Autoritäten und die heute abend hier vertretenen Gemeinschaften.

2. Als sich König Tiridates III. durch die Predigt des hl. Gregorios bekehrte, wurde die lange Geschichte des armenischen Volkes von einem neuen Licht erhellt. Die Universalität des Glaubens verband sich unauflöslich mit eurer nationalen Identität. Der christliche Glaube faßte für immer Wurzeln in diesem Land um den Berg Ararat, und das Wort des Evangeliums beeinflußte sehr stark die Sprache, das Familienleben, die Kultur und die Kunst des armenischen Volkes.

Während die armenische Kirche ihre eigene Identität bewahrte und weiterentfaltete, bemühte sie sich, auch den Dialog mit anderen christlichen Traditionen zu pflegen und aus deren geistlichem und kulturellem Erbe zu schöpfen. Schon von den Anfängen an wurden nicht nur die Heiligen Schriften, sondern auch die Hauptwerke der syrischen, griechischen und lateinischen Väter ins Armenische übersetzt. Die armenische Liturgie ließ sich von den liturgischen Traditionen der Kirche des Orients und des Okzidents inspirieren. Dank dieser außergewöhnlichen geistigen Öffnung war die armenische Kirche im Lauf der Geschichte besonders empfänglich für das Anliegen der Einheit der Christen. Heilige Patriarchen und Kirchenlehrer wie Isaak der Große, Babghèn von Otmus, Zacharias von Dzag, Nerses Snorhali, Nerses von Lambron, Stefan von Salmasta, Jakob von Julfa u. a. waren bekannt für ihren Eifer im Hinblick auf die Einheit der Kirche.

In seinem Brief an den byzantinischen Kaiser beschrieb Nerses Snorhali einige Grundprinzipien des ökumenischen Dialogs, die immer noch voll gültig sind. Bei seinen vielen intuitiven Erkenntnissen besteht er auch darauf, daß die Suche nach der Einheit Aufgabe der ganzen Gemeinschaft ist und man deshalb nicht zulassen darf, daß innerhalb der Kirchen Spaltungen entstehen. Er lehrt weiter, daß eine Heilung der Erinnerungen notwendig ist, um den Groll und die Vorurteile der Vergangenheit zu überwinden; unerläßlich sind auch gegenseitige Achtung und Sinn für Gleichheit unter den Gesprächspartnern, die die einzelnen Kirchen vertreten; er sagt auch, daß die Christen tief davon überzeugt sein müssen, daß die Einheit grundlegend ist, nicht wegen eines strategischen Vorteils oder politischen Verdienstes, sondern im Interesse der Verkündigung des Evangeliums, wie es Christus uns aufträgt. Die Erkenntnisse dieses großen armenischen Lehrers sind Frucht einer außerordentlichen pastoralen Klugheit, und ich mache sie mir zu eigen, während ich heute unter euch bin.

3. »Seht doch, wie gut und schön ist es, wenn Brüder miteinander in Eintracht wohnen« (Ps 133,1). Als Papst Paul VI. und Katholikos Vasken I. im Jahr 1970 den Friedenskuß tauschten, setzten sie den Anfang für eine neue Epoche brüderlicher Kontakte zwischen der Kirche von Rom und der armenischen Kirche. Diesem Treffen folgten weitere wichtige Besuche. Ich selbst habe in besonders guter Erinnerung die Besuche Seiner Heiligkeit Karekin I. in Rom, zuerst als Katholikos des Großen Hauses von Kilikien, dann als Katholikos von Etschmiadzin. Nachdem er als Beobachter am II. Vatikanischen Konzil teilgenommen hatte, nutzte Katholikos Karekin I. jede Gelegenheit, um brüderliche Beziehungen und praktische Zusammenarbeit unter den Christen des Ostens und des Westens zu fördern. Ich hätte ihn sehr gern hier in Armenien besucht, aber sein schlechter Gesundheitszustand und dann sein vorzeitiger Tod verhinderten es. Ich danke dem Herrn, daß er uns diesen großen Mann der Kirche geschenkt hat, ein kluges und mutiges Vorbild der Einheit der Christen.

Eure Heiligkeit, es freut mich, Ihren Besuch, den Sie mir mit einer Delegation von armenischen Bischöfen und Gläubigen in Rom abstatteten, erwidern zu können. Ich verstand damals Ihre hochherzige Einladung, Armenien und den heiligen Etschmiadzin zu besuchen, als ein echtes Zeichen der Freundschaft und kirchlichen Liebe. Jahrhundertelang waren die Kontakte zwischen der armenisch-apostolischen Kirche und der Kirche von Rom eng und herzlich, und der Wunsch nach der vollen Einheit verlosch nie ganz. Mein Besuch heute bezeugt unsere geteilte Sehnsucht, zur vollen Einheit zu gelangen, die der Herr für seine Jünger gewollt hat. Wir befinden uns in der Nähe des Ararat, wo nach der Überlieferung Noahs Arche landete. Wie die Taube mit dem Ölzweig des Friedens und der Liebe zurückkehrte (vgl. Gen 8,11), so bitte ich, daß mein Besuch gleichsam eine Weihe der schon unter uns bestehenden reichen und fruchtbaren Zusammenarbeit ist.

Zwischen der katholischen Kirche und der Kirche Armeniens besteht eine wahre und enge Einheit, weil beide die apostolische Nachfolge bewahrt und gültige Sakramente haben, insbesondere die Taufe und die Eucharistie. Dieses Bewußtsein muß uns anspornen, noch eifriger zu wirken und unseren ökumenischen Dialog zu verstärken. In diesem Dialog des Glaubens und der Liebe darf keine noch so schwierige Frage außer Acht gelassen werden. Im Bewußtsein der Bedeutung des Amtes des Bischofs von Rom bei der Suche nach der Einheit der Christen bat ich – in meiner Enzyklika Ut unum sint – die Bischöfe und die Theologen unserer Kirchen, nachzudenken, um »Formen zu finden, in denen dieser Dienst einen von den einen und anderen anerkannten Dienst der Liebe zu verwirklichen vermag« (95). Das Beispiel der ersten Jahrhunderte des Lebens der Kirche kann uns bei dieser Unterscheidung hilfreich sein. Mein inniges Gebet ist, daß dieser »Gabenaustausch«, von dem die Kirche des ersten Jahrtausends ein so schönes Beispiel gegeben hat, wieder Wirklichkeit wird. Die Erinnerung an die Zeit, in der die Kirche mit »beiden Lungen« atmete, soll die Christen des Ostens und des Westens anspornen, gemeinsam in der Einheit des Glaubens und in Achtung der legitimen Verschiedenheit fortzuschreiten, indem sie einander als Glieder des einen Leibes Christi annehmen und stützen (vgl. Novo millennio ineunte, 48).

4. Einmütig schauen wir auf Christus, unsern Frieden, der das vereinigt hat, was einst getrennt war (vgl. Eph 2,14). Die Zeit drängt wirklich, und es ist unsere heilige und dringende Pflicht. Wir müssen allen Menschen unserer Zeit die frohe Botschaft von der Erlösung verkünden. Nachdem sie die geistige und geistliche Leere des Kommunismus und Materialismus erfahren haben, suchen sie den Weg des Lebens und der Glückseligkeit: Sie dürsten nach dem Evangelium. Wir haben ihnen gegenüber eine große Verantwortung, und sie erwarten von uns ein überzeugendes Zeugnis der Einheit im Glauben und in der gegenseitigen Liebe. Weil wir die volle Gemeinschaft zum Ziel haben, sollten wir so viel wie möglich von dem gemeinsam machen, was wir nicht getrennt tun müssen. Arbeiten wir zusammen in voller Achtung unserer verschiedenen Identität und Traditionen. Nie wieder Christen gegen Christen, nie wieder Kirche gegen Kirche! Gehen wir vielmehr gemeinsam Hand in Hand, damit die Welt des 21. Jahrhunderts und des neuen Jahrtausends glaubte.

5. Die Armenier hegten immer große Verehrung für das Kreuz Christi. Im Laufe der Jahrhunderte, zur Zeit der Prüfung und des Leidens, war das Kreuz ihre unerschöpfliche Quelle der Hoffnung. Kennzeichnend für dieses Land sind die vielen Kreuze in Form des »Katchkar«, die eure feste Treue zum christlichen Glauben bezeugen. In dieser Zeit des Jahres feiert die armenische Kirche eines ihrer Hochfeste: die Kreuzerhöhung.

Über die Erde erhöht am Holz des Kreuzes, zieht Jesus Christus, unser Heil, Leben und Auferstehung, alle zu sich (vgl. Joh 12,32).

O Kreuz Christi, unsere wahre Hoffnung! Wenn die Sünde und menschliche Schwachheit ein Grund zur Trennung sind, gib uns die Kraft, einander zu vergeben und uns miteinander zu versöhnen. O Kreuz Christi, sei unsere Stütze, während wir uns bemühen, die volle Gemeinschaft wiederherzustellen unter denen, die auf den gekreuzigten Herrn als unseren Erlöser und unseren Gott blicken. Amen.

Ich danke für eure Aufmerksamkeit und rufe den Segen Gottes auf unsere Schritte auf dem Weg zur vollen Einheit herab.

Donnerstag, den 27. September 2001

Heilige Messe im lateinischen Ritus - Großer Altar im Garten der Kathedrale von Etschmiadzin

Liebe Brüder und Schwestern,
ich begrüße und segne Euch alle!

"Der Herr ist mein Licht und mein Heil" (Ps 26, 1)

1. Diese Worte des Psalmisten erklangen in den Herzen der Armenier, als vor 7 Jahrhunderten der christliche Glaube, der in dieser Gegend zum ersten Mal von den Aposteln Bartholomäus und Thaddäus verkündet worden war, zur Religion der gesamten Nation wurde. Seit jener Zeit lebten und starben die armenischen Christen in der Gnade und Wahrheit (vgl. Joh, 7) unseres Herrn Jesus Christus. Das Licht und Heil des Evangeliums haben euch in jedem Abschnitt eurer Pilgerreise durch die Jahrhunderte angespornt und gestützt. In der heutigen Eucharistiefeier wollen wir der Treue Armeniens zu Jesus Christus ehrerbietig gedenken: Seine Heiligkeit Katholikos Karekin II. hat mich mit brüderlicher Liebe eingeladen, sie auf der heiligen Erde zu feiern, wo der Gottessohn eurem Vater im Glauben, dem hl. Gregorios dem Erleuchter, erschienen ist.

Wie sehnlich hat der Bischof von Rom diesen Tag erwartet! Mit großer Freude grüße ich Seine Heiligkeit den Katholikos, seine Mitbrüder die Erzbischöfe und Bischöfe sowie alle Gläubigen der Armenischen Apostolischen Kirche. Herzlich begrüße ich Erzbischof Nerses Der Nersessian und den Erzbischof-Koadjutor Vartan Kechichian; durch sie richtet sich mein Gruß an Seine Seligkeit Patriarch Nerses Bedros XIX. und an die armenisch-katholischen Bischöfe und Gläubigen, die auf der ganzen Welt leben. Ich umarme die Priester, die Ordensmänner und Ordensfrauen und euch alle, Söhne und Töchter der Armenischen Katholischen Kirche. Ich heiße Bischof Giuseppe Pasotto, den lateinischen Apostolischen Administrator für den Kaukasus, willkommen und alle, die aus Georgien und anderen Teilen des Kaukasus angereist sind.

2. Viele Jahre lang erklang die Stimme des Priesters in euren Kirchen nicht mehr, doch die Stimme des Glaubens eures Volkes – voller Hingabe und Ergebenheit gegenüber dem Nachfolger des Apostels Petrus – vernahm man weiterhin.

Als Menschen mit bösem Herzen auf das Kreuz des Glockenturms in Panik schossen, versuchten sie damit, jenen Gott zu beleidigen, an den sie nicht glaubten. Ihre Gewalt war aber in erster Linie gegen das Volk gerichtet, das die Steine zum Bau eines Gotteshauses gesammelt hatte; gegen euch, die ihr in jenen Kirchen das Geschenk des Glaubens im Taufwasser und die Gabe des Heiligen Geistes durch die Firmung erhalten habt; gegen euch, die ihr dort zusammenkamt, um am Tisch der Eucharistie das himmlische Mahl zu teilen; gegen euch, deren Eheschließungen an diesen Orten des Gebets gesegnet worden waren, damit eure Familien heilig seien; dort hattet ihr auch euren Lieben das letzte Geleit gegeben in der sicheren Hoffnung, sie eines Tages im Paradies wiederzufinden.

Sie eröffneten das Feuer gegen das Kreuz; trotzdem habt ihr weiter das Lob des Herrn gesungen und das Priestergewand eures letzten Seelsorgers als Erinnerung an seine Gegenwart unter euch aufbewahrt und verehrt. Ihr sangt eure Hymnen in dem sicheren Bewußtsein, daß sich seine Stimme aus dem Himmel mit eurer vereinte zum Lob Christi, des ewigen Hohenpriesters. Ihr habt eure Gotteshäuser geschmückt, so gut ihr konntet;neben den Darstellungen Jesu und seiner Mutter Maria stand oft auch das Bild des Römischen Papstes zusammen mit dem des Katholikos der Armenischen Apostolischen Kirche. Ihr hattet verstanden, daß überall dort, wo Christen litten – auch wenn sie voneinander getrennt waren – schon eine tiefe Einheit bestand. .

3. Das ist der Grund, weshalb eure jüngste Geschichte nicht von den traurigen Gegensätzen zwischen den Kirchen geprägt ist, die die Christen in anderen Gegenden nicht fern von hier heimgesucht haben. Ich erinnere mich noch an die Zeit, als der Winter des ideologischen Atheismus vorüber war und der verstorbene Katholikos Vazken I. an den Hl. Stuhl in Rom die Einladung richtete, einen Priester für die Katholiken Armeniens zu schicken. Damals wählte ich für euch Pater Komitas, einen der geistigen Söhne von Abt Mechithar. Dieses Jahr feiert die Gemeinschaft der Mechitharisten ihr 300jähriges Bestehen. Danken wir dem Herrn für das wundervolle Zeugnis, das die Mönche gegeben haben, und sprechen wir ihnen unsere Dankbarkeit aus für alles, was sie für die Erneuerung der armenischen Kultur tun!

Obwohl er nicht mehr jung war, willigte Pater Komitas sofort und begeistert ein, sich euch in der schwierigen Aufgabe des Wiederaufbaus anzuschließen. Er zog nach Panik und restaurierte dort das Kreuz, das man mit Feuerwaffen zerstören wollte. Mit brüderlicher Einstellung gegenüber dem Klerus und den Gläubigen der Armenischen Apostolischen Kirche setzte er sich für die Wiedereröffnung und Verschönerung der Kirche für die Katholiken ein, die sie so lange verteidigt hatten. Jetzt ruht er an ihrer Seite und ist so auch im Tode seinem Volk nah, während er die Auferstehung der Gerechten erwartet.

4. Im brüderlichen Einvernehmen mit Katholikos Vazken, der im Nationalen Parlament die Rechte der Katholiken in Armenien verteidigte, war ich danach in der Lage, euch als Hirten einen weiteren Mechitharisten zu senden: Pater Nerses, den ich in der Peterskirche zum Bischof weihte. Er ist der Sohn eines Bekenners des Glaubens, der seine Treue zu Christus in den kommunistischen Gefängnissen bezahlte. An Erzbischof Nerses möchte ich ein besonderes Wort des Dankes richten. Als er darum gebeten wurde, verließ er sofort seine geliebte Mechitharisten-Gemeinschaft auf der Insel San Lazzaro bei Venedig, um seinen Dienst unter euch als treu sorgender Vater und geachteter Lehrer anzutreten. Nun wird er von Erzbischof Vartan, einem weiteren geistigen Sohn von Abt Mechithar, unterstützt. Auch ihm wünsche ich ein langes und fruchtbringendes Hirtenamt.

Zusammen mit seinem vorigen Weihbischof, der dann Bischof der armenischen Katholiken im Iran wurde, und jetzt mit dem Erzbischof-Koadjutor, mit den Priestern und den Ordensschwestern, die ihre Tatkraft aus Liebe zum Evangelium so selbstlos einsetzen, hat euch Erzbischof Nerses gelehrt und gezeigt, daß die katholische Kirche in diesem Land keine Rivalin ist. Unsere Beziehungen sind von brüderlichem Geist beseelt. So wie ihr in den Jahren des Schweigens das Bild des Papstes neben das des Katholikos gestellt hattet, so werden wir heute in dieser Liturgie nicht nur für die katholische Hierarchie, sondern auch für Seine Heiligkeit Karekin II., den Katholikos aller Armenier, beten.

In ihrem großen Entgegenkommen haben Sie, Heiligkeit, den Bischof von Rom eingeladen, die Eucharistie mit der katholischen Gemeinschaft in der heiligen Stadt Etschmiadzin zu feiern, und Sie beehren uns mit Ihrer Anwesenheit zu diesem freudigen Anlaß. Ist dies etwa nicht ein wunderbares Zeichen unseres gemeinsamen Glaubens? Und bringt dies nicht auch den leidenschaftlichen Wunsch vieler Brüder und Schwestern zum Ausdruck, die von uns erwarten, daß wir rasch auf dem Weg der Einheit vorangehen? Mein Herz sehnt sich danach, das Kommen jenes Tages zu beschleunigen, an dem wir das göttliche Opfer, das uns alle eins werden läßt, gemeinsam feiern werden. An diesem Ihrem Altar, Heiligkeit, bitte ich den Herrn, unsere vergangenen Verfehlungen gegen die Einheit zu vergeben und uns zur Liebe zu führen, die alle Hindernisse überwindet.

5. Liebe katholische Brüder und Schwestern! Ihr seid zu Recht stolz auf dieses geschichtsträchtige Land eurer Väter, und ihr selbst seid Erben seiner Geschichte und Kultur. In der katholischen Kirche erhebt sich aus vielen Völkern und in vielen Sprachen ein Lobgesang an Gott.

Diese Verschmelzung verschiedener Stimmen zu einer einzigen Melodie schmälert in keiner Weise eure Identität als Armenier. Ihr sprecht die sanfte Sprache eurer Ahnen. Ihr singt eure Liturgie, so wie sie euch von den heiligen Vätern der armenischen Kirche beigebracht wurde. Mit euren Brüdern und Schwestern der Apostolischen Kirche gebt ihr Zeugnis für denselben Herrn Jesus, der unteilbar ist. Ihr gehört weder Apollos noch Kephas, noch Paulus: »Ihr aber gehört Christus, und Christus gehört Gott« (1 Kor 3, 23).

6. Als Armenier mit den gleichen Rechten und Pflichten aller anderen Armenier helft ihr, die Nation wiederaufzubauen. Ich bin sicher, daß bei dieser so wichtigen Aufgabe unsere Brüder und Schwestern der Armenischen Apostolischen Kirche die Mitglieder der katholischen Gemeinschaft als Kinder derselben Mutter betrachten, nämlich des gesegneten Landes Armenien, ein Land der Märtyrer und Mönche, der Gelehrten und Künstler. Die aufgetretenen Spaltungen haben die Wurzeln unberührt gelassen. Wir müssen miteinander wetteifern, jedoch nicht, indem wir neue Spaltungen hervorrufen oder uns gegenseitig beschuldigen, sondern indem wir für die Liebe zueinander Zeugnis geben. Der einzig mögliche Wettstreit zwischen den Jüngern des Herrn besteht darin, festzustellen, welcher von ihnen die größte Liebe zu geben vermag! Erinnern wir uns an die Worte eures bedeutenden Bischofs Nerses von Lambron: »Es gibt keine Möglichkeit, im Frieden mit Gott zu sein, und zwar für niemanden, wenn man nicht vorher Frieden mit den Menschen geschaffen hat […] Wenn wir lieben und die Liebe unser Maß ist, dann wird uns Liebe zuteil; wenn aber Groll und Haß unser Maß sind, dann erwarten uns auch Groll und Haß.« 

Heute erwartet Armenien von allen seinen Söhnen und Töchtern engagierte Bemühungen und neue Opferbereitschaft. Es ist für Armenien dringend notwendig, daß sich all seine Kinder von ganzem Herzen für das Gemeinwohl einsetzen. Nur das wird gewährleisten, daß der ehrliche und hochherzige Dienst der Personen, die im öffentlichen Leben tätig sind, mit dem Vertrauen und der Wertschätzung des Volkes belohnt wird. Mögen die Familien einig und treu sein; möge jedes Menschenleben vom Augenblick seiner Zeugung an liebevoll aufgenommen und auch in Krankheit und Armut fürsorglich gepflegt werden. Wo aber könnt ihr die Kraft für diesen großen gemeinsamen Einsatz finden? Ihr werdet sie dort entdecken, wo das armenische Volk seit jeher den Impuls gefunden hat, seinen hohen Idealen treu zu bleiben und sein kulturelles und spirituelles Erbe zu verteidigen: im Licht und im Heil, das von Jesus Christus zu euch kommt.

Armenien hungert und dürstet nach Jesus Christus, für den viele eurer Vorfahren ihr Leben gaben. In diesen schweren Zeiten sind die Menschen auf der Suche nach Brot. Wenn sie es aber gefunden haben, dann möchte ihr Herz mehr, es möchte einen Daseinsgrund und eine Hoffnung, die ihnen in ihrer täglichen, harten Arbeit Halt gibt. Wer wird sie dazu bringen, ihr Vertrauen auf Jesus Christus zu setzen? Ihr, Christen Armeniens, ihr alle zusammen!

7. Alle armenischen Christen schauen gemeinsam auf das Kreuz Jesu Christi als einzige Hoffnung der Welt und als wahres Licht und Heil Armeniens. Ihr alle seid am Kreuz aus der durchbohrten Seite Christi geschaffen (vgl. Joh 9, 34). Das Kreuz ist euch so wichtig, weil ihr wißt, daß es Leben und nicht Tod, Sieg und nicht Niederlage bedeutet. Ihr wißt dies, weil ihr die vom hl. Paulus den Philippern verkündete Wahrheit gelernt habt: Seine Gefangennahme diente allein der Verbreitung des Evangeliums (vgl. 1, 12). Schaut auf eure bitteren Erfahrungen, die ebenfalls auf ihre Art eine Form von Gefangennahme waren: Ihr habt euer Kreuz auf euch genommen (vgl. Mt 6, 24), und seine Last hat euch nicht erdrückt! Im Gegenteil: Es hat euch auf geheimnisvolle und wunderbare Weise neu geschaffen. Aus diesem Grunde könnt ihr nach 700 Jahren mit den Worten des Propheten Micha bestätigen: »Freu dich nicht über mich, meine Feindin! Zwar liege ich am Boden, doch ich stehe wieder auf. Zwar sitze ich in der Finsternis, aber der Herr ist mein Licht« (7, 8). Christen Armeniens! Nach der großen Prüfung ist nun die Zeit des Wiedererstarkens gekommen! Ihr sollt mit demjenigen auferstehen, der zu jeder Zeit euer Licht und euer Heil gewesen ist!

8. Ich hatte mir von Herzen gewünscht, auf dieser ökumenischen Pilgerreise auch die Orte zu besuchen, in denen die katholischen Gläubigen in großer Zahl leben. Ich hätte gerne an den Gräbern der Opfer des schrecklichen Erdbebens von 1988 gebetet, denn ich weiß, daß viele noch heute unter dessen tragischen Folgen leiden. Auch wünschte ich, persönlich das Krankenhaus »Redemptoris Mater« zu besuchen, zu dem ich selbst mit Freude meinen Beitrag geleistet habe, als Armenien sich in Schwierigkeiten befand; ich weiß, daß es wegen der dort geleisteten Arbeit – dank der unermüdlichen Arbeit der Kamillianer und der Kleinen Schwestern Jesu – sehr angesehen ist. Leider war aber nichts von alledem möglich. Ihr sollt wissen, daß ihr alle einen Platz in meinem Herzen und in meinen Gebeten habt.

Liebe Brüder und Schwestern! Wenn ihr von diesem heiligen Ort heimkehrt, sollt ihr euch daran erinnern, daß der Bischof von Rom gekommen ist, dem Glauben des armenischen Volkes die Ehre zu erweisen, und für ihn seid ihr ein besonders geschätzter Teil dieses Volkes. Er ist gekommen, um eure Treue und euren Mut zu ehren und Gott zu loben, der euch gewährte, den Tag der Freiheit zu sehen. Hier, an diesem wunderbaren Altar, gedenken wir der Menschen, die für diesen Tag gekämpft haben, ihn jedoch nicht erlebten, sondern jetzt in der ewigen Herrlichkeit des Gottesreiches schauen.

Die große Gottesmutter, die ihr so tief verehrt, wache über ihre armenischen Kinder und bewahre sie alle – Kinder, Jugendliche, Familien, Alte und Kranke – auf immer unter ihrem schützenden Mantel.

Armenia semper fidelis! Der Friede Gottes sei allezeit mit euch! Amen.

Gemeinsame Erklärung Seiner Heiligkeit Johannes Paul II. und Seiner Heiligkeit Karekin II., Apostolische Kathedrale, Etschmiadzin

Abschiedsansprache auf dem internationalen Flughafen Zvartnotz, Eriwan[1]

Anmerkungen

  1. Die englische Fassung auf der Vatikanseite

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