Pastoralbesuch von Papst Franziskus nach Pompeji und Neapel am 21. März 2015

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Worte beim
Pastoralbesuch in Pompeji und Neapel

von Papst
Franziskus

21. März 2015
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Inhaltsverzeichnis

Hintergrund

Der Papst flog um 7 Uhr im Hubschrauber vom vatikanischen Heliport ab und landete eine Stunde später auf dem "Meeting-Areal" des Marienheiligtums von Pompeji. Er betete im Marienheiligtum. Als Geschenk für die Heilige Jungfrau legte er einen kostbaren Rosenkranz auf den Altar und betete in der Kapelle in welcher Bartolo Longo begraben liegt. Er flog im Hubschrauber in das Sportstadion von Scampia in Neapel. …
Um 18.15 flog er im Hubschrauber vom Hafen von Neapel ab und landete um 19.00 Uhr auf dem vatikanischen Heliport.

9:30 Unr Ansprache bei der Begegnung mit der Bevölkerung von Scampia auf der "Piazza Giovanni Paolo II."

Liebe Brüder und Schwestern,
guten Tag!

Es war mir ein Anliegen, meinen Besuch in Neapel hier, in dieser Peripherie, zu beginnen. Ich grüße euch alle und danke euch für den herzlichen Empfang! Man sieht wirklich, dass die Neapolitaner alles andere als kühl sind! Ich danke eurem Erzbischof, der mich eingeladen, ja, mir fast schon »gedroht« hat, ich solle es mir nur ja nicht einfallen lassen, nicht nach Neapel zu kommen, für seinen Willkommensgruß. Danke auch allen, die stellvertretend für die Realität der Migranten, der Arbeiter und der Justizbeamten das Wort ergriffen haben.

Ihr gehört zu einem Volk, das eine lange Geschichte hat, die von komplexen und dramatischen Ereignissen durchzogen ist. In Neapel war das Leben noch nie leicht, aber es war auch nie trist! Und genau das ist eure große Ressource: die Freude, der Frohsinn. Der Alltag dieser Stadt mit seinen Schwierigkeiten, seiner Mühsal und manchmal so harten Prüfungen bringt eine Kultur des Lebens hervor, die hilft, dass man nach jedem Fall wieder aufsteht und dass das Böse nie das letzte Wort hat. Das ist eine schöne Herausforderung: niemals zuzulassen, dass das Böse das letzte Wort hat! Die Hoffnung – und das wisst ihr nur zu gut – ist euer großes Erbe, der »Antrieb der Seele«, der so wertvoll, aber auch so leicht Übergriffen und Dieberei ausgesetzt ist. Wir wissen: Wer freiwillig den Weg des Bösen einschlägt, raubt ein Stück Hoffnung; er macht einen kleinen Profit, raubt aber sich selbst, den anderen, der Gesellschaft, Hoffnung. Der Weg des Bösen ist ein Weg, der immer Hoffnung raubt, und er raubt sie auch den ehrlichen, fleißigen Leuten – und auch dem guten Ruf der Stadt, ihrer Wirtschaft.

Ich möchte unserer Schwester antworten, die im Namen der Einwanderer und jener gesprochen hat, die ohne festen Wohnsitz sind. Sie hat um ein Wort gebeten, das die Migranten als Kinder Gottes, als Bürger, ausweist. Aber ist es wirklich notwendig, soweit zu gehen? Sind Migranten denn Menschen zweiter Klasse? Müssen wir unseren Migranten-Brüdern und -Schwestern wirklich versichern, dass sie Bürger sind, dass sie wie wir Kinder Gottes sind – Migranten wie wir, die wir doch alle Migranten sind auf dem Weg in eine andere Heimat, in der wir hoffentlich alle ankommen. Dass auf dem Weg nur ja niemand verloren geht! Wir sind alle Migranten, Kinder Gottes, der uns alle in Bewegung gesetzt hat. Man kann nicht sagen: »Die Migranten sind so… Wir aber sind…« Nein! Wir sind alle Migranten, wir sind alle auf dem Weg. Und dieses Wort, dass wir alle Migranten sind, steht in keinem Buch geschrieben. Es ist in unser Fleisch geschrieben, in unseren Lebensweg, der uns versichert, dass wir in Jesus alle Kinder Gottes sind, geliebte Kinder, gewollte Kinder, gerettete Kinder. Denken wir daran: Wir sind alle Migranten auf dem Weg des Lebens, keiner von uns hat eine feste Wohnstatt auf dieser Erde, wir alle müssen dereinst gehen. Und wir alle müssen zu Gott gehen: der eine früher, der andere später, oder wie jener schlaue alte Mann gesagt hat: »Ja, ja, alle! Geht schon mal vor, ich komme als letzter nach!« Wir müssen alle gehen.

Dann war da noch der Beitrag des Arbeiters. Und ich danke auch ihm, weil er natürlich diesen besonderen Punkt ansprechen wollte, der ein negatives Zeichen unserer Zeit ist: das Fehlen von Arbeit für die jungen Menschen. Denkt nur: Mehr als 40 Prozent der jungen Menschen unter 25 haben keine Arbeit! Das ist schlimm! Was macht ein junger Mensch ohne Arbeit? Was für eine Zukunft hat er? Welchen Weg wird er einschlagen? Diese Verantwortung obliegt nicht nur der Stadt, nicht nur dem Land, sondern der ganzen Welt!

Warum? Weil es da ein Wirtschaftssystem gibt, das Menschen »aussortiert«, und jetzt sind die jungen Leute dran, jetzt werden sie aussortiert – die jungen Arbeitslosen. Das ist schlimm! »Aber es gibt doch die wohltätigen Werke, die Freiwilligendienste, die Caritas; es gibt doch jenes Zentrum, jenen Club, der Essen ausgibt …« Das Problem ist nicht das Essen! Das größte Problem ist es, nicht die Möglichkeit zu haben, das tägliche Brot nach Hause zu bringen, es zu verdienen! Und wenn man nicht sein tägliches Brot verdienen kann, dann verliert man seine Würde! Dieses Fehlen von Arbeit raubt uns die Würde. Darum müssen wir kämpfen, wir müssen unsere Würde als Bürger, als Männer, als Frauen, als junge Menschen verteidigen. Das ist das Drama unserer Zeit. Wir dürfen nicht schweigen. Ich denke auch an die Arbeit, die man nur »halb« hat. Was ich damit meine? Die Ausbeutung der Menschen in der Arbeit. Vor ein paar Wochen hat ein junges Mädchen, das Arbeit suchte, einen Job in einem Touristikunternehmen gefunden. Zu folgenden Bedingungen: täglich elf Arbeitsstunden, 600 Euro im Monat, ohne Rentenversicherung. »Aber das ist wenig für elf Stunden am Tag!« »Wenn es dir nicht passt, auch gut. Schau dir die Schlange der Leute an, die Arbeit suchen! « Das nennt man Sklaverei, das nennt man Ausbeutung, das ist nicht menschlich, und es ist auch nicht christlich! Und wenn sich jemand, der so etwas tut, als Christ bezeichnet, dann ist er ein Lügner und sagt nicht die Wahrheit: er ist kein Christ! Auch die Ausbeutung der Schwarzarbeit – du arbeitest ohne Vertrag und ich zahle dir, was ich will – ist Ausbeutung der Person. »Ohne Rentenversicherung und Krankenkasse?« »Interessiert mich nicht!« Ich verstehe dich gut, mein Bruder, und ich danke dir für das, was du gesagt hast. Wir müssen den Kampf um unsere Würde wieder aufnehmen. Den Kampf, eine Möglichkeit zu suchen, unser tägliches Brot nach Hause zu bringen, diese Möglichkeit zu finden, wieder zu finden! Das ist unser Kampf!

Und hier denke ich an den Beitrag des Präsidenten des Appellationsgerichtshofes. Er hat den schönen Ausdruck »Weg der Hoffnung« gebraucht und an das auf die Kinder und Jugendlichen bezogene Motto des heiligen Don Bosco erinnert: »gute Christen und ehrliche Bürger«. Der Weg der Hoffnung für die Kinder – die, die heute hier sind, und alle Kinder – ist vor allem die Bildung, aber eine echte Bildung. Der Weg, zukunftsorientiert zu bilden: das sorgt vor und hilft dabei, weiterzugehen. Der Richter hat ein Wort gebraucht, das ich gerne aufgreifen möchte – ein Wort, das man heute oft hört: »Korruption«. Doch sagt mir: Wenn wir den Migranten die Tür weisen, wenn wir den Leuten Arbeit und Würde nehmen – wie nennt man das? Man nennt es Korruption, und wir alle haben die Möglichkeit, korrupt zu sein, keiner von uns kann sagen: »Ich werde niemals korrupt sein.« Nein! Es ist eine Versuchung, die bedeutet, dass man dem Traum vom »leichten Geld« nachgibt, in die Kriminalität abgleitet, ins Verbrechen, die Ausbeutung der Personen. Wie viel Korruption gibt es auf der Welt! Ein hässliches Wort, wenn man es genau bedenkt: etwas Korruptes – Verdorbenes – ist etwas Schmutziges! Wenn wir einen verwesenden Tierkadaver finden, dessen Fleisch »verdorben« ist, dann ist das nicht nur ein hässlicher Anblick, es stinkt auch! Die Korruption stinkt! Die korrupte Gesellschaft stinkt! Ein Christ, der Korruption bei sich zulässt, stinkt!

Liebe Freunde, meine Anwesenheit hier soll euch Ansporn sein, einen bereits begonnenen Weg der Hoffnung, der Erneuerung und der Heilung weiterzugehen. Ich weiß um den großzügigen und tatkräftigen Einsatz der Kirche, die mit ihren Gemeinschaften und ihren Diensten mitten im Leben der Realität von Scampia präsent ist. Und ich weiß auch um die ständige Mobilisierung der Gruppen von Freiwilligen, die es an ihrer Hilfe nicht fehlen lassen. Ermutigenswert ist auch die Präsenz und das tatkräftige Engagement der Bürgerinitiativen, weil eine Gemeinschaft ohne ihre Unterstützung nicht vorankommen kann, vor allem in Momenten der Krise und schwierigen, ja manchmal extremen sozialen Situationen. Die »gute Politik« ist ein Dienst an den Menschen, der in erster Linie auf lokaler Ebene ausgeübt wird, wo die Last der nicht eingehaltenen, hinausgezögerten oder ganz und gar unterlassenen Maßnahmen am direktesten spürbar ist und am meisten schmerzt. Die gute Politik ist eine der höchsten Ausdrucksformen der Nächstenliebe, des Dienstes, der Liebe. Macht gute Politik, aber indem ihr alle an einem Strang zieht: Politik macht man gemeinsam! Gemeinsam an einem Strang ziehen – so macht man gute Politik!

Neapel ist immer bereit, wieder aufzustehen, weil es aus einer Hoffnung schöpft, die von tausend Prüfungen geschmiedet wurde und die so zu einer echten und konkreten Ressource wird, auf die man sich in jedem Moment stützen kann. Sie ist tief in der Seele der Neapolitaner verwurzelt, vor allem in ihrer Freude, ihrer Religiosität, ihrer Frömmigkeit! Ich wünsche euch, dass ihr den Mut habt, voranzuschreiten mit dieser Freude, dieser Wurzel; mit dem Mut, die Hoffnung weiterzutragen, niemals jemandem die Hoffnung zu rauben, den Weg des Guten zu gehen, und nicht den des Bösen, auch weiter großherzig jeden aufzunehmen, der nach Neapel kommt, egal, aus welchem Land: Mögen sie alle Neapolitaner sein und den neapolitanischen Dialekt lernen, der so sympathisch, so schön ist!

Ich hoffe, dass ihr weiter nach Möglichkeiten sucht, Arbeit zu schaffen, damit allen die Würde zuteil wird, ihr Brot zu verdienen; dass ihr weitermacht mit der Reinigung eurer Herzen, der Reinigung eurer Stadt, der Reinigung der Gesellschaft, damit der Gestank der Korruption beseitigt wird! Ich wünsche euch das Beste, geht voran, und möge euch der heilige Januarius, euer Schutzpatron, beistehen und euer Fürsprecher sein. Euch alle segne ich von Herzen, ich segne eure Familien und euer Viertel, ich segne die Kinder, die hier bei euch sind. Und tut ihr mir bitte den Gefallen, das Gebet für mich nicht zu vergessen. »A Maronna v’accumpagne!« [neapolitanisch für: Die Gottesmutter begleite euch!]

11.00 Uhr Predigt bei der Eucharistischen Konzelebration auf der "Piazza Plebiscito"

Der Abschnitt aus dem Evangelium, den wir gehört haben, stellt uns eine Szene vor Augen, die sich im Tempel von Jerusalem abspielt, auf dem Höhepunkt des jüdischen Laubhüttenfestes, nachdem Jesus eine große Prophezeiung ausgesprochen und sich als Quelle des »lebendigen Wassers«, also des Heiligen Geistes, offenbart hat (vgl. Joh 7,37-39). Da beginnen die Menschen, tief beeindruckt, über ihn zu diskutieren. Auch heute diskutieren die Menschen über ihn. Einige sind begeistert und sagen: »Er ist wahrhaftig der Prophet« (V. 40). Einige sagen sogar: »Er ist der Messias« (V. 41). Andere jedoch widersetzen sich, denn – so sagen sie – der Messias kommt nicht aus Galiläa, sondern aus dem Geschlecht Davids, aus Betlehem. Und auf diese Weise bestätigen sie, ohne es zu wissen, die Identität Jesu. Die Hohenpriester hatten Gerichtsdiener geschickt, um ihn gefangen zu nehmen, wie man es in Diktaturen macht, aber diese kehren mit leeren Händen zurück und sagen: »Noch nie hat ein Mensch so gesprochen« (V. 45). Das ist die Stimme der Wahrheit, die in jenen einfachen Menschen erklingt.

Das Wort des Herrn, gestern wie heute, ruft stets eine Spaltung hervor: Das Wort Gottes spaltet, immer! Es ruft eine Trennung hervor zwischen denen, die es annehmen, und denen, die es ablehnen. Manchmal entzündet sich ein innerer Gegensatz auch in unserem Herzen. Das geschieht, wenn wir die Anziehungskraft, die Schönheit und die Wahrheit der Worte Jesu spüren, sie aber gleichzeitig zurückweisen, weil sie uns in Frage stellen, uns in Schwierigkeiten bringen und es uns zuviel kostet, sie zu befolgen. Heute bin ich nach Neapel gekommen, um gemeinsam mit euch zu verkünden: Jesus ist der Herr! Aber das will ich nicht nur allein sagen: Ich will es von euch hören, von allen, jetzt, alle zusammen: »Jesus ist der Herr!« Noch einmal: »Jesus ist der Herr!« Niemand spricht wie er! Er allein hat Worte der Barmherzigkeit, die die Wunden unseres Herzen heilen können. Er allein hat Worte des ewigen Lebens (vgl. Joh 6,68).

Das Wort Christi ist mächtig: Es hat nicht die Macht der Welt, sondern die Macht Gottes, der stark ist in der Demut, auch in der Schwäche. Seine Macht ist die Macht der Liebe: Das ist die Macht des Wortes Gottes! Eine Liebe, die keine Grenzen kennt, eine Liebe, mit der wir die anderen noch vor uns selbst lieben. Das Wort Jesu, das heilige Evangelium lehrt, dass die wahren Seligen jene sind, die arm sind vor Gott, die keine Gewalt anwenden, die Barmherzigen, die Frieden und Gerechtigkeit stiften. Das ist die Kraft, die die Welt verändert! Das ist das Wort, das Kraft schenkt und in der Lage ist, die Welt zu verändern. Es gibt keinen anderen Weg, die Welt zu verändern.

Das Wort Christi will alle erreichen, insbesondere jene, die in den Randgebieten der Existenz leben, damit alle in ihm den Mittelpunkt ihres Lebens und den Quell der Hoffnung finden. Und wir, die wir die Gnade erhalten haben, dieses Wort des Lebens zu empfangen – es ist eine Gnade, das Wort Gottes zu empfangen! –, sind aufgerufen aufzubrechen, aus unseren Umzäunungen herauszugehen und mit brennendem Herzen allen die Barmherzigkeit, die zärtliche Liebe, die Freundschaft Gottes zu bringen: Diese Aufgabe kommt allen zu, insbesondere aber euch Priestern. Barmherzigkeit bringen, Vergebung bringen, Frieden bringen, Freude in den Sakramenten und im Zuhören bringen. Möge das Gottesvolk in euch barmherzigen Männern wie Jesus begegnen. Gleichzeitig möge jede Pfarrgemeinde und jede kirchliche Wirklichkeit zum Heiligtum werden für den, der Gott sucht, und zum Haus, das die Armen, die alten Menschen und alle Notleidenden aufnimmt. Hingehen und annehmen: So schlägt das Herz der Mutter Kirche und aller ihrer Kinder. Geh hin, empfange! Geh hin, suche! Geh hin, bring Liebe, Barmherzigkeit, Zärtlichkeit!

Wenn die Herzen sich öffnen für das Evangelium, dann beginnt die Welt, sich zu verändern, und die Menschheit ersteht wieder auf! Wenn wir jeden Tag das Wort Jesu annehmen und leben, erstehen wir mit ihm auf! Die Fastenzeit, in der wir uns befinden, lässt in der Kirche diese Botschaft erklingen, während wir auf Ostern zugehen: Im ganzen Gottesvolk entzündet sich wieder die Hoffnung, mit Christus, unserem Retter, aufzuerstehen. Möge die Gnade dieses Osterfestes nicht vergebens kommen für das Gottesvolk dieser Stadt! Ein jeder von euch möge die Gnade der Auferstehung annehmen, damit Neapel erfüllt sein möge von der Hoffnung auf Christus, den Herrn! Die Hoffnung: »Der Hoffnung Raum geben« lautet das Motto meines Besuchs. Das sage ich zu allen, insbesondere zu den jungen Menschen: Öffnet euch für die Macht des auferstandenen Christus, und ihr werdet Früchte des neuen Lebens in diese Stadt hineintragen – Früchte des Miteinanders, der Versöhnung, des Dienens, der Brüderlichkeit. Lasst euch von seiner Barmherzigkeit umfangen, umarmen, von der Barmherzigkeit Jesu, jener Barmherzigkeit, die nur Jesus uns bringt. Liebe Neapolitaner, gebt der Hoffnung Raum und lasst euch die Hoffnung nicht rauben! Gebt nicht den Verlockungen des leichten Verdienstes oder unehrlicher Einkünfte nach! Reagiert standhaft gegen die Organisationen, die den jungen Menschen, den Armen und den Schwachen Schaden zufügen, durch den zynischen Drogenhandel und andere Verbrechen! Lasst euch nicht die Hoffnung rauben! Lasst nicht zu, dass eure Jugend von diesen Leuten ausgebeutet wird! Die Korruption und das Verbrechen dürfen das Angesicht dieser schönen Stadt nicht entstellen!

Und noch mehr: Sie dürfen die Freude eures neapolitanischen Herzens nicht entstellen! Den Verbrechern und allen ihren Komplizen sage ich heute demütig, als Bruder, noch einmal: Bekehrt euch zur Liebe und zur Gerechtigkeit! Lasst euch von der Barmherzigkeit Gottes finden! Seid euch bewusst, dass Jesus euch sucht, um euch zu umarmen, um euch zu küssen, um euch noch mehr zu lieben. Mit der Gnade Gottes, der alles vergibt und immer vergibt, ist es möglich, zu einem ehrlichen Leben zurückzukehren. Darum bitten euch auch die Tränen der Mütter von Neapel, vermischt mit den Tränen Marias, der himmlischen Mutter, die in Piedigrotta und in vielen Kirchen Neapels verehrt wird. Diese Tränen mögen die Härte der Herzen erweichen und alle auf den Weg des Guten zurückführen.

Heute beginnt der Frühling, und der Frühling bringt Hoffnung: Zeit der Hoffnung. Und das Heute Neapels ist die Zeit der Befreiung für Neapel: Das ist mein Wunsch und mein Gebet für eine Stadt, die viele geistliche, kulturelle und menschliche Qualitäten in sich trägt, und vor allem viel Fähigkeit zu lieben. Die Obrigkeiten, die Institutionen, die verschiedenen sozialen Wirklichkeiten und die Bürger, alle gemeinsam und einträchtig, können eine bessere Zukunft aufbauen. Und die Zukunft Neapels liegt nicht darin, sich resigniert in sich selbst zurückzuziehen: Das ist nicht eure Zukunft! Sondern die Zukunft Neapels ist es, sich vertrauensvoll zur Welt hin zu öffnen, der Hoffnung Raum zu geben. Diese Stadt kann in der Barmherzigkeit Jesu, der alle Dinge neu macht, die Kraft finden, mit Hoffnung voranzugehen, die Kraft für viele Existenzen, viele Familien und Gemeinschaften. Hoffen bedeutet bereits, dem Bösen zu widerstehen. Hoffen bedeutet, die Welt mit dem Blick und dem Herzen Gottes anzuschauen. Hoffen bedeutet, auf die Barmherzigkeit Gottes zu setzen, der Vater ist und immer vergibt und alles vergibt.

Gott, der Quell unserer Freude und Grund unserer Hoffnung, lebt in unseren Städten. Gott lebt in Neapel! Seine Gnade und sein Segen mögen unseren Weg im Glauben, in der Liebe und in der Hoffnung, eure guten Vorhaben und eure Pläne zur sittlichen und sozialen Befreiung stützen. Alle gemeinsam haben wir Jesus als den Herrn verkündet. Sagen wir es noch einmal zum Schluss: »Jesus ist der Herr!« Alle dreimal: »Jesus ist der Herr!« [In neapolitanischem Dialekt fügte der Papst hinzu:] »E ca ‘a Maronna v’accumpagne!« (»Und die Gottesmutter möge euch begleiten! «)

13.00 Uhr Ansprache beim Besuch in der Haftanstalt "Giuseppe Salvia" im Stadtteil Poggioreale und Mittagessen mit Häftlingen

Es freut mich, anlässlich meines Besuchs in Neapel bei euch zu sein. Ich danke Claudio und Pasquale, die in euer aller Namen das Wort ergriffen haben. Diese Begegnung gibt mir Gelegenheit, euch meine besondere Nähe zum Ausdruck zu bringen, und ich will das tun, indem ich euch das Wort und die Liebe Jesu bringe, der in die Welt gekommen ist, um unsere Hoffnung zu erfüllen. Er ist am Kreuz gestorben, um jeden einzelnen von uns zu retten.

Es kommt mitunter vor, dass man sich enttäuscht, entmutigt und von allen verlassen fühlt: aber Gott vergisst seine Kinder nicht, er lässt sie nie im Stich! Er ist immer an unserer Seite, vor allem in den Stunden der Prüfung; er ist ein Vater »voll Erbarmen« (Eph 2,4), der seinen gütigen und wohlwollenden Blick stets auf uns gerichtet hält, der uns immer mit offenen Armen erwartet.

Das ist eine Gewissheit, die uns mit Trost und Hoffnung erfüllt, gerade in schwierigen und traurigen Augenblicken. Selbst wenn wir im Leben Fehler begangen haben, wird der Herr uns doch unermüdlich den Weg zur Umkehr und zur Begegnung mit ihm aufzeigen. Die Liebe, die Jesus einem jeden von uns entgegenbringt, ist Quell des Trostes und der Hoffnung. Von dieser grundlegenden Gewissheit sind wir beseelt: Nichts kann uns jemals von der Liebe Gottes trennen! Nicht einmal die Gitterstäbe eines Gefängnisses. Das Einzige, was uns von ihm trennen kann, ist unsere Sünde. Aber wenn wir sie mit aufrichtiger Reue erkennen und bekennen, dann wird gerade diese Sünde zum Ort der Begegnung mit ihm, da er barmherzig ist.

Liebe Brüder, ich kenne eure schmerzlichen Lebensumstände: ich erhalte viele Briefe – von denen einige wahrlich bewegend sind – aus Strafanstalten in aller Welt. Allzu oft leben die Strafgefangenen unter menschenunwürdigen Bedingungen, und hinterher gelingt es ihnen nicht, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern.

Aber Gott sei Dank habt ihr auch Anstaltsleiter, Gefängnisseelsorger, Erzieher und Pastoralarbeiter, die es verstehen, euch auf die richtige Art und Weise nahe zu sein. Und es gibt auch gute und bedeutsame Beispiele für die Wiedereingliederung. Daran muss man arbeiten, diese positiven Erfahrungen fördern, die eine andere Einstellung seitens der bürgerlichen Gesellschaft und auch in der Gemeinschaft der Kirche wachsen lassen. Dieses Engagement gründet in der Überzeugung, dass die Liebe die menschliche Person immer von Grund auf zu ändern vermag. Und dann kann ein Ort der Ausgrenzung, wie es das Gefängnis, negativ verstanden, sein kann, zu einem Ort der Integration und des Ansporns für die gesamte Gesellschaft werden, um gerechter zu sein, um den Menschen mehr Aufmerksamkeit zu schenken.

Ich lade euch ein, jeden Tag, jeden Augenblick in der Gegenwart Gottes zu leben, in dessen Hand die Zukunft der Welt und des Menschen liegt. Das ist die Hoffnung des Christen: die Zukunft liegt in Gottes Hand! Die Geschichte hat einen Sinn, weil die Güte Gottes ihr innewohnt. Deshalb dürfen wir selbst inmitten zahlreicher und auch schwerwiegender Probleme nicht die Hoffnung auf die grenzenlose Barmherzigkeit Gottes und seine Vorsehung verlieren. Bereiten wir uns, getragen von dieser sicheren Gewissheit, auf die unmittelbar bevorstehenden Ostertage vor, indem wir unser Leben entschlossen auf den Herrn ausrichten und die Flamme seiner Liebe in uns wach halten.

15.00 Uhr Verehrung der Blutreliquie des hl. Januarius und Begegnung mit dem Klerus, den Ordensleuten und Ständigen Diakonen im Dom

Vom Heiligen Vater aus dem Stegreif gehaltene Ansprache

Ich habe eine Ansprache vorbereitet, aber Ansprachen sind langweilig. Ich übergebe sie dem Kardinal und lasse sie dann im Bulletin veröffentlichen. Ich möchte lieber auf einige Dinge antworten. Man schlägt mir vor, im Sitzen zu sprechen, damit ich mich etwas ausruhe. Eine Ordensschwester, die hier ist – sie ist hochbetagt – ist ganz schnell gekommen, um mir zu sagen: »Erteilen Sie mir den Segen ›in articulo mortis‹. « »Aber warum, Schwester?« »Weil ich in die Mission gehen muss, um einen Konvent zu eröffnen…« Das ist der Geist des Ordenslebens. Diese Schwester hat mich nachdenklich gemacht.

Da ist sie, sehr betagt, aber sie sagt: »Ja, ich bin ›in articulo mortis‹, aber ich muss hingehen, um einen Konvent zu erneuern oder neu zu errichten«, und geht. Daher bin auch ich jetzt gehorsam und spreche im Sitzen. Das ist eines der Zeugnisse, die du erbeten hast: immer auf dem Weg zu sein. Der Weg im geweihten Leben ist die Nachfolge Christi; auch das geweihte Leben überhaupt, auch für die Priester bedeutet es, Jesus nachzufolgen – mit dem Willen, für den Herrn zu arbeiten. Einmal – ich knüpfe an das an, was die Schwester gesagt hat – sagte mir ein alter Priester: »Für uns gibt es kein Rentenalter, und wenn wir ins Altersheim gehen, arbeiten wir weiter durch das Gebet, durch die kleinen Dinge, die wir tun können, aber mit derselben Begeisterung, Jesus nachzufolgen.« Das Zeugnis, auf den Wegen Jesu zu gehen!

Darum muss Jesus der Mittelpunkt des Lebens sein. Wenn im Mittelpunkt des Lebens – ich übertreibe… es geschieht zwar andernorts, aber bestimmt nicht in Neapel – die Tatsache steht, dass ich gegen den Bischof oder gegen den Pfarrer oder gegen irgendeinen Priester bin, dann ist mein ganzes Leben von diesem Kampf vereinnahmt. Das bedeutet aber, das Leben zu verlieren.

Keine Familie zu haben, keine Kinder zu haben, keine eheliche Liebe zu haben, die so gut und so schön ist, um am Ende mit dem Bischof, mit den Brüdern im Priesteramt, mit den Gläubigen zu streiten, mit »essigsaurem Gesicht«, das ist kein Zeugnis. Das Zeugnis ist Jesus, der Mittelpunkt ist Jesus. Und wenn Jesus der Mittelpunkt ist, dann gibt es trotzdem diese Schwierigkeiten, es gibt sie überall, aber man begegnet ihnen anders. In einem Konvent mag ich vielleicht die Oberin nicht, aber wenn mein Mittelpunkt die Oberin ist, die ich nicht mag, dann ist das Zeugnis nicht in Ordnung. Wenn mein Mittelpunkt dagegen Jesus ist, dann bete ich für diese Oberin, die ich nicht mag, ich toleriere sie und tue alles, damit die anderen Oberen die Situation kennenlernen.

Aber die Freude nimmt mir niemand: die Freude, Jesus nachzufolgen. Ich sehe hier die Seminaristen. Ich sage euch eines: Wenn bei euch nicht Jesus im Mittelpunkt steht, dann verschiebt die Weihe. Wenn ihr nicht sicher seid, dass Jesus der Mittelpunkt eures Lebens ist, dann wartet noch etwas, um sicher zu sein. Denn sonst werdet ihr einen Weg beginnen, von dem ihr nicht wisst, wie er enden wird. Das ist das erste Zeugnis: dass man sieht, dass Jesus im Mittelpunkt steht. Der Mittelpunkt ist nicht der Klatsch und auch nicht der Ehrgeiz, diesen oder jenen Posten zu haben, und auch nicht das Geld – über das Geld will ich nachher sprechen –, sondern der Mittelpunkt muss Jesus sein. Wie kann ich sicher sein, immer mit Jesus auf dem Weg zu sein? Seine Mutter führt uns zu ihm.

Ein Priester, ein Ordensmann, eine Ordensfrau, die die Gottesmutter nicht lieben, nicht zur Gottesmutter beten, ich würde auch sagen, den Rosenkranz nicht beten … wenn sie die Mutter nicht wollen, dann wird die Mutter ihnen nicht den Sohn schenken. Der Kardinal hat mir ein Buch des heiligen Alfons Maria von Liguori geschenkt, ich weiß nicht, ob Die Herrlichkeit Mariens … In diesem Buch lese ich gern die Geschichten der Gottesmutter, die hinter jedem Kapitel stehen: In ihnen sieht man, dass die Gottesmutter uns stets zu Jesus führt. Sie ist Mutter, der Mittelpunkt des Daseins der Gottesmutter ist es, Mutter zu sein, Jesus zu bringen. Und Pater Rupnik, der so schöne und so kunstvolle Gemälde und Mosaiken anfertigt, hat mir eine Ikone der Gottesmutter geschenkt, mit Jesus vor sich. Jesus und die Hände der Gottesmutter sind so positioniert, dass Jesus herabsteigt und mit der Hand den Umhang der Gottesmutter ergreift, um nicht zu fallen. Sie ist es, die Jesus zu uns herabsteigen ließ; sie ist es, die uns Jesus schenkt. Zeugnis geben von Jesus – und um Jesus nachzufolgen, ist die Mutter eine gute Hilfe: Sie ist es, die uns Jesus schenkt. Das ist eines der Zeugnisse.

Ein weiteres Zeugnis ist der Geist der Armut; auch für die Priester, die kein Armutsgelübde ablegen, aber den Geist der Armut haben müssen. Es ist schlecht, wenn sich in der Kirche, sowohl unter den Priestern als auch unter den Ordensleuten, die Geschäftemacherei einschleicht. Ich erinnere mich an eine großartige Ordensfrau, eine tüchtige Frau, eine großartige Ökonomin, die ihre Arbeit gut machte. Sie befolgte die Regeln, hing aber mit dem Herzen am Geld und wählte die Menschen unbewusst danach aus, wie viel Geld sie hatten. »Der gefällt mir besser, er hat viel Geld.« Sie war Ökonomin in einem großen Internat und hat wichtige Bauarbeiten durchgeführt, eine großartige Frau, aber man sah, dass sie diese Grenze hatte. Und die letzte Demütigung, die diese Frau erlitt, war öffentlich. Mit etwa 70 Jahren war sie in einem Lehrerzimmer in einer Schulpause, wo sie einen Herzschlag hatte und zu Boden fiel. Man gab ihr Ohrfeigen, um sie wieder zu Bewusstsein zu bringen, aber sie kam nicht wieder zu sich. Und eine Lehrerin sagte: »Halte ihr doch einen Geldschein unter die Nase, dann sehen wir, ob sie darauf reagiert.« Die Ärmste war bereits tot, aber das war das letzte Wort, das über sie gesagt wurde, als man noch nicht wusste, ob sie tot war oder nicht. Ein schlechtes Zeugnis.

Gottgeweihte – seien es Priester, Ordensschwestern oder Ordensmänner – dürfen nie Geschäftemacher sein. Der Geist der Armut ist jedoch kein Geist des Elends. Ein Priester, der kein Armutsgelübde abgelegt hat, kann seine Ersparnisse haben, aber auf ehrliche und auch vernünftige Weise. Wenn er aber jene Habgier besitzt und sich auf Geschäfte einlässt … Wie viele Skandale gibt es in der Kirche und wie viel Mangel an Freiheit wegen des Geldes: »Ich müsste diesem Menschen eigentlich einmal die Leviten lesen, aber das kann ich nicht, weil er ein großer Wohltäter ist.« Die großen Wohltäter führen das Leben, das sie wollen, und ich habe nicht die Freiheit, es ihnen zu sagen, weil ich am Geld hänge, das sie mir geben. Ihr versteht also, wie wichtig die Armut, der Geist der Armut, ist, wie es in der ersten Seligpreisung heißt: »Selig, die arm sind vor Gott.«

Wie gesagt, ein Priester kann seine Ersparnisse haben, aber er darf sein Herz nicht dort haben, und es müssen vernünftige Ersparnisse sein. Wenn Geld im Spiel ist, macht man Unterschiede zwischen den Menschen. Daher bitte ich alle, das Gewissen zu prüfen: Wie ist es um mein Leben in Armut bestellt – um das, was auch aus den kleinen Dingen kommt? Und das ist das zweite Zeugnis. Das dritte Zeugnis – und hier spreche ich ganz allgemein für die Ordensleute, für die geweihten Personen und für die Diözesanpriester – ist die Barmherzigkeit. Wir haben die Werke der Barmherzigkeit vergessen. Ich würde gerne danach fragen – ich werde es nicht tun, würde es aber gerne tun –, ich würde gerne danach fragen, die leiblichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit zu nennen. Wie viele von uns haben sie vergessen!

Wenn ihr nach Hause kommt, dann nehmt den Katechismus und ruft euch die Werke der Barmherzigkeit ins Gedächtnis – jene Werke, die die alten Frauen und die einfachen Menschen in den Stadtteilen, in den Pfarrgemeinden üben, denn Jesus nachzufolgen, hinter Jesus herzugehen ist einfach. Ich nenne ein Beispiel, das ich immer gebe. In den großen Städten, in noch christlichen Städten – ich denke an die Diözese, die ich früher hatte, aber ich glaube, dass wenigstens in Rom dasselbe geschieht, ich weiß nicht, ob in Neapel, aber in Rom sicher –, gibt es getaufte Kinder, die nicht das Kreuzzeichen machen können. Und wo ist das Werk der Barmherzigkeit, das in diesem Fall gelehrt werden muss? »Ich lehre dich, das Zeichen des Glaubens zu machen.« Das ist nur ein Beispiel. Die Werke der Barmherzigkeit, sowohl die leiblichen als auch die geistlichen, müssen jedoch wieder aufgenommen werden. Wenn ich zuhause in meiner Nachbarschaft eine Person habe, die krank ist und sie besuchen möchte, aber der Augenblick, den ich dafür zur Verfügung habe, mit dem Augenblick der Telenovela zusammenfällt und ich mich bei der Wahl zwischen der Telenovela und dem Werk der Barmherzigkeit für die Telenovela entscheide, dann ist das nicht in Ordnung.

Wo ich gerade über Telenovelas spreche, komme ich zum Geist der Armut zurück. In der Diözese, die ich vorher hatte, gab es ein Internat, das von Ordensschwestern geführt wurde, ein gutes Internat, sie haben viel gearbeitet, aber in dem Haus, wo sie innerhalb des Internats wohnten, gab es einen Teil, der die Wohnung der Schwestern war. Das Haus, in dem sie wohnten, war schon etwas alt und musste renoviert werden, und sie haben es gut renoviert, zu gut und luxuriös: In jedes Zimmer kam auch ein Fernseher. Wenn die Telenovela lief, fand man im Internat keine Schwester… Diese Dinge sind es, die uns den Geist der Welt bringen, und hier kommt noch etwas, das ich ansprechen möchte: die Gefahr der Weltlichkeit. Weltlich leben. Mit dem Geist der Welt leben, den Jesus nicht wollte! Denkt an das hohepriesterliche Gebet Jesu, als er zum Vater betete: »Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie vor dem Bösen bewahrst« (Joh 17,15). Die Weltlichkeit geht gegen das Zeugnis, während der Geist des Gebets ein Zeugnis ist, das man sieht: Man sieht, welcher geweihte Mann und welche geweihte Frau betet, und ebenso erkennt man, wer aus Formalität betet, aber nicht mit dem Herzen. Das sind Zeugnisse, die die Menschen sehen.

Du hast über den Mangel an Berufungen gesprochen, aber das Zeugnis ist eines der Dinge, die Berufungen anziehen. »Ich will so sein wie jener Priester, ich will so sein wie jene Ordensschwester.« Das Zeugnis des Lebens. Ein bequemes Leben, ein weltliches Leben hilft uns nicht. Der Vikar für den Klerus hat das Problem, die Tatsache – ich nenne es ein Problem – der priesterlichen Brüderlichkeit hervorgehoben. Auch das gilt für das geweihte Leben. Das Leben soll gemeinschaftlich sein sowohl im geweihten Leben als auch im Presbyterium, im diözesanen Leben, dem Charisma der Diözesanpriester, im Presbyterium zusammen mit dem Bischof. Diese »Brüderlichkeit« voranzutragen ist nicht einfach, weder im Konvent noch im geweihten Leben noch im Presbyterium. Der Teufel versucht uns immer mit Eifersucht, Neid, inneren Kämpfen, Abneigungen, Sympathien, mit vielen Dingen, die uns nicht helfen, eine wahre Brüderlichkeit herzustellen, und so geben wir ein Zeugnis der Spaltung untereinander.

Für mich ist das Zeichen, dass keine Brüderlichkeit vorhanden ist – sowohl im Presbyterium als auch in den Ordensgemeinschaften –, die Tatsache, dass getratscht wird. Und ich gestatte mir, diesen Ausdruck zu gebrauchen: der Terrorismus des Klatsches, denn wer klatscht, ist ein Terrorist, der eine Bombe wirft, er zerstört von außen her. Wäre er wenigstens ein Kamikaze! Stattdessen zerstört er die anderen. Der Klatsch zerstört und ist ein Zeichen dafür, dass keine Gemeinschaft vorhanden ist. Wenn man auf ein Presbyterium trifft, das seine unterschiedlichen Ansichten hat, weil es Unterschiede geben muss, dann ist das normal, dann ist das christlich, aber diese Unterschiede müssen sich mit dem Mut zeigen, sie dem anderen ins Gesicht zu sagen. Wenn ich dem Bischof etwas zu sagen habe, gehe ich zum Bischof und kann ihm auch sagen: »Sie sind mir unsympathisch«, und der Bischof muss den Mut haben, sich nicht zu rächen. Das ist Brüderlichkeit!

Oder wenn du etwas gegen jemanden hast und statt zu ihm zu gehen zu jemand anderem gehst. Sowohl im Ordensleben als auch im priesterlichen Leben gibt es Probleme, die man angehen muss, aber nur zwischen zwei Personen. Wenn das nicht gehen sollte – denn manchmal kann man es nicht –, dann sage es einer anderen Person, die als Vermittler wirken kann. Aber man darf nicht schlecht über den anderen reden, denn der Klatsch ist der Terrorismus der diözesanen Brüderlichkeit, der priesterlichen Brüderlichkeit, der Ordensgemeinschaften. Außerdem, wo wir über Zeugnisse sprechen, die Freude. Die Freude meines Lebens ist in Fülle vorhanden: die Freude, eine gute Entscheidung getroffen zu haben, die Freude, dass ich jeden Tag sehe, dass der Herr mir treu ist. Die Freude besteht darin zu sehen, dass der Herr allen immer treu ist. Wenn ich dem Herrn nicht treu bin, empfange ich das Sakrament der Versöhnung. Die schlecht gelaunten geweihten Personen oder Priester, die Bitterkeit im Herzen haben, traurig sind, haben etwas, das nicht in Ordnung ist, und müssen einen guten geistlichen Berater aufsuchen, einen Freund, und sagen: »Ich weiß nicht, was in meinem Leben geschieht.« Wenn keine Freude vorhanden ist, dann ist etwas nicht in Ordnung. Das Gespür, von dem der Erzbischof heute gesprochen hat, sagt uns, dass etwas fehlt.

Ohne Freude ziehst du niemanden zum Herrn und zum Evangelium. Das sind die Zeugnisse. Ich möchte mit drei Dingen abschließen. Erstens, die Anbetung. »Betest du?« – »Ja, ich bete.« Ich bitte, ich danke, ich lobe den Herrn. Aber betest du den Herrn an? Wir haben den Sinn für die Anbetung Gottes verloren: Man muss die Anbetung Gottes wieder aufnehmen. Zweitens: Du kannst Jesus nicht lieben, ohne seine Braut zu lieben. Die Liebe zur Kirche. Wir haben viele Priester kennengelernt, die die Kirche liebten, und man sah, dass sie sie liebten. Drittens, und das ist wichtig, der apostolische Eifer, also die missionarische Dimension. Die Liebe zur Kirche veranlasst dich, dafür zu sorgen, dass man sie kennenlernt, sie veranlasst dich, aus dir selbst herauszugehen, um nach draußen zu gehen und die Offenbarung Jesu zu verkündigen, aber sie drängt dich auch, aus dir selbst herauszugehen, um zur anderen Transzendenz zu gehen, das heißt zur Anbetung. Im Bereich der missionarischen Dimension glaube ich, dass die Kirche etwas mehr auf dem Weg sein muss, sich mehr bekehren muss, denn die Kirche ist keine NRO, sondern sie ist die Braut Christi, die den größten Schatz besitzt: Jesus. Und ihre Sendung, der Grund ihres Daseins ist eben dieser: evangelisieren, also Jesus bringen. Anbetung, Liebe zur Kirche und die missionarische Dimension. Diese Dinge sind mir spontan in den Sinn gekommen.

Nach der Verehrung der Reliquie:

Der Erzbischof hat gesagt, dass das Blut zur Hälfte verflüssigt ist: Man sieht, dass der Heilige uns zur Hälfte liebt. Wir müssen uns alle etwas bekehren, damit er uns mehr liebt. Vielen Dank, und bitte vergesst nicht, für mich zu beten.

Vom Heiligen Vater vorbereitete Anspraqche

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Ich danke euch für euren Empfang an diesem symbolischen Ort des Glaubens und der Geschichte Neapels: der Kathedrale. Danke, Herr Kardinal, dass Sie unsere Begegnung eingeleitet haben; und ich danke unseren beiden Brüdern, die im Namen aller die Fragen gestellt haben. Ich möchte bei dem schönen Wort beginnen, das der Vikar für den Klerus gesagt hat: »Priester zu sein ist schön.« Ja, es ist schön, Priester zu sein, und es ist auch schön, Gott geweiht zu sein. Ich wende mich zunächst an die Priester und dann an die geweihten Personen.

Ich teile mit euch die stets neue Überraschung, vom Herrn berufen zu sein, ihm nachzufolgen, bei ihm zu sein, zu den Menschen zu gehen, um sein Wort, seine Vergebung zu bringen… Es ist wirklich eine große Sache, die an uns geschehen ist, eine Gnade des Herrn, die sich jeden Tag erneuert. Ich kann mir vorstellen, dass man sich in eine schwierige Wirklichkeit wie Neapel, mit alten und neuen Herausforderungen, kopfüber hineinstürzt, um den Nöten vieler Brüder und Schwestern entgegenzukommen, und so Gefahr läuft, völlig vereinnahmt zu werden. Wir müssen stets die Zeit finden, vor dem Tabernakel zu verweilen, dort in der Stille zu bleiben, um den Blick Jesu auf uns zu spüren, der uns erneuert und uns neu beseelt. Und wenn das Verweilen vor Jesus uns ein wenig beunruhigt, ist es ein gutes Zeichen, es wird uns guttun! Es gehört zum Gebet, uns zu zeigen, ob wir auf dem Weg des Lebens oder auf dem Weg der Lüge gehen, wie es im Psalm heißt (vgl. 139,24), ob wir als gute Arbeiter tätig sind oder ob wir zu »Angestellten« geworden sind, ob wir offene »Kanäle« sind, durch die die Liebe und die Gnade des Herrn fließen, oder ob wir uns selbst in den Mittelpunkt stellen und am Ende zu einer »Abschirmung« werden, die nicht zur Begegnung mit dem Herrn beiträgt.

Und dann gibt es die Schönheit der Brüderlichkeit, der Tatsache, gemeinsam Priester zu sein, dem Herrn nicht allein, nicht individuell, sondern gemeinsam nachzufolgen, in der großen Vielfalt der Gaben und der Persönlichkeiten, und all das in der Gemeinschaft und in der Brüderlichkeit zu leben. Auch das ist nicht einfach, es ist nicht unmittelbar und selbstverständlich, denn auch wir Priester leben inmitten der subjektivistischen Kultur von heute, die das Ich verherrlicht bis hin zu seiner Vergötzung. Außerdem gibt es auch einen gewissen pastoralen Individualismus, der die Versuchung mit sich bringt, allein voranzugehen oder mit der kleinen Schar jener, die »so denken wie ich«… Wir wissen jedoch, dass alle berufen sind, zusammen mit dem Bischof die Gemeinschaft in Christus im Presbyterium zu leben.

Man kann, ja man muss sogar immer neue konkrete, zeitgemäße und der Wirklichkeit des Territoriums entsprechende Formen finden, aber diese pastorale und missionarische Suche muss in einer gemeinschaftlichen Haltung geschehen, in Demut und Brüderlichkeit. Und vergessen wir nicht die Schönheit, mit dem Volk auf dem Weg zu sein. Ich weiß, dass eure Diözesangemeinschaft seit einigen Jahren einen anspruchsvollen Weg der Neuentdeckung des Glaubens unternimmt, im Kontakt mit einer städtischen Wirklichkeit, die sich wieder erheben will und der Zusammenarbeit aller bedarf. Ich ermutige euch daher, hinauszugehen, um dem anderen entgegenzugehen, die Türen zu öffnen und die Familien, die Kranken, die Jugendlichen, die älteren Menschen dort zu erreichen, wo sie leben, indem ihr sie aufsucht, sie begleitet, sie stützt, um mit ihnen die Liturgie des Lebens zu feiern. Insbesondere wird es schön sein, die Familien zu begleiten in der Herausforderung, Kinder zur Welt zu bringen und zu erziehen. Die Kinder sind ein »diagnostisches Zeichen«, um die Gesundheit der Gesellschaft zu erkennen. Die Kinder dürfen nicht verwöhnt, sondern müssen geliebt werden! Und wir Priester sind aufgerufen, die Familien zu begleiten, damit die Kinder zum christlichen Leben erzogen werden.

Der zweite Beitrag nahm Bezug auf das geweihte Leben und hat Licht und Schatten erwähnt. Es gibt immer die Versuchung, die Schatten hervorzuheben, zum Nachteil des Lichts. Das führt jedoch dazu, uns in uns selbst zurückzuziehen, ständig zu jammern, stets die anderen anzuklagen. Besonders in diesem Jahr des geweihten Lebens wollen wir jedoch in uns und in unseren Gemeinschaften die Schönheit unserer Berufung hervortreten lassen, damit wahr ist: »Wo Ordensleute sind, da ist Freude.« In diesem Geist habe ich das Schreiben an die geweihten Personen verfasst, und ich hoffe, dass es euch auf eurem persönlichen und gemeinschaftlichen Weg hilft. Ich möchte euch fragen: Wie ist die »Atmosphäre« in euren Gemeinschaften? Gibt es diese Dankbarkeit, gibt es diese Freude Gottes, die euer Herz erfüllt? Wenn das vorhanden ist, dann wird mein Wunsch verwirklicht, dass es unter uns keine traurigen Gesichter, keine unzufriedenen und unbefriedigten Menschen geben soll, denn »eine Nachfolge in Traurigkeit ist ein Trauerzug« (ebd., II,1).

Liebe geweihte Brüder und Schwestern, ich wünsche euch, mit Demut und Einfachheit zu bezeugen, dass das geweihte Leben ein kostbares Geschenk für die Kirche und für die Welt ist. Ein Geschenk, das man nicht für sich behalten darf, sondern das geteilt werden muss, indem man Christus in jeden Winkel dieser Stadt trägt. Möge eure tägliche Dankbarkeit Gott gegenüber Ausdruck finden in dem Wunsch, die Herzen zu ihm zu ziehen und sie auf dem Weg zu begleiten. Sowohl im kontemplativen als auch im apostolischen Leben mögt ihr die Liebe zur Kirche stark in euch verspüren und durch euer besonderes Charisma zu ihrer Sendung beitragen, das Evangelium zu verkünden und das Gottesvolk in der Einheit, in der Heiligkeit und in der Liebe zu erbauen. Liebe Brüder und Schwestern, ich danke euch. Gehen wir voran, beseelt von der gemeinsamen Liebe zum Herrn und zur heiligen Mutter Kirche. Ich segne euch von Herzen. Und bitte vergesst nicht, für mich zu beten.

16.15 Uhr Begegnung mit Kranken in der Basilika "Gesù Nuovo"

Es ist nicht leicht, sich einem Kranken zu nähern. Die schönsten und die traurigsten Dinge des Lebens rufen unser Schamgefühl auf den Plan; man verbirgt sie lieber. Die größte Liebe versucht man aus Schamgefühl zu verbergen; und auch die Dinge, die unsere menschliche Hinfälligkeit zeigen, versuchen wir aus Schamgefühl zu verbergen. Daher muss man, um einen Kranken zu besuchen, zu ihm gehen – weil ihn das Schamgefühl des Lebens verbirgt. Kranke besuchen. Und wenn Krankheiten das ganze Leben begleiten, wenn wir an Krankheiten leiden, die ein ganzes Leben prägen, dann ziehen wir es vor, sie zu verbergen, weil Kranke besuchen so ist, als ginge man die eigene Krankheit besuchen – die Krankheit, die wir in uns tragen. Es bedeutet, dass man den Mut hat, zu sich selbst zu sagen: wenn ich eine Krankheit im Herzen, in der Seele, im Geist trage, dann bin auch ich in geistiger Weise ein Kranker.

Gott hat uns geschaffen, damit wir die Welt ändern, damit wir effizient sind, die Schöpfung beherrschen: das ist unsere Aufgabe. Wenn wir aber mit einer Krankheit konfrontiert werden, dann sehen wir, dass diese Krankheit all das unmöglich macht: dieser Mann, diese Frau, die so geboren wurden, deren Körper so geworden sind, scheinen gleichsam »nein« zu sagen zu der Sendung, die Welt zu verändern. Das ist das Geheimnis der Krankheit. Man kann sich einer Krankheit nur im Geist des Glaubens nähern. Wir können uns einem Mann, einer Frau, einem Kind, die krank sind, nur dann nähern, wenn wir auf Ihn blicken, der alle unsere Krankheiten auf sich genommen hat; wenn wir uns daran gewöhnen, auf den gekreuzigten Christus zu blicken. Darin liegt die einzige Erklärung für diese »Niederlage«, diese menschliche Niederlage, die Krankheit, die das ganze Leben begleitet. Die einzige Erklärung liegt im gekreuzigten Christus.

Euch Kranken möchte ich zurufen: wenn ihr den Herrn nicht verstehen könnt, dann bitte ich ihn, dass er euch in euren Herzen erkennen lassen möge, dass ihr das Fleisch Christi, der gekreuzigte Christus in unserer Mitte seid – die Brüder und Schwestern, die Christus so nah sind. Es ist eine Sache, auf ein Bild des Gekreuzigten zu blicken, und eine andere, auf einen Mann, eine Frau, ein Kind zu blicken, die krank, also in ihrer Krankheit gekreuzigt sind: sie sind das lebendige Fleisch Christi!

Euch freiwilligen Helfern vielen Dank! Vielen Dank dafür, dass ihr eure Zeit darauf verwendet, das Fleisch Christi zu liebkosen, dem gekreuzigten, lebendigen Christus zu dienen. Danke! Und auch euch Ärzten und Krankenpflegern gilt mein Dank. Danke dafür, dass ihr diese Arbeit tut; danke dafür, dass ihr aus eurem Beruf kein Geschäft macht. Danke den vielen unter euch, die dem Beispiel des Heiligen folgen, der hier ist, der hier in Neapel gewirkt hat: zu dienen, ohne sich am Dienst zu bereichern. Wenn die Medizin zum Kommerz, zum Geschäft wird, dann ergeht es ihr, wie es dem Priestertum ergeht, wenn es sich auf diese Weise verhält: der Kern der Berufung geht verloren.

Euch Christen dieser Diözese Neapel bitte ich, nicht zu vergessen, worum uns Jesus gebeten hat und was auch im »Protokoll« geschrieben steht, nach dem wir dereinst gerichtet werden: Ich war krank, und du hast mich besucht (vgl. Mt 25,36). Danach werden wir gerichtet werden. Die Welt der Krankheit ist eine Welt des Schmerzes. Die Kranken leiden, sie spiegeln den leidenden Christus wider: wir dürfen keine Angst davor haben, uns dem leidenden Christus zu nähern. Vielen Dank für alles, was ihr tut. Und beten wir darum, dass dies allen Christen der Diözese besser bewusst wird und der Herr euch und den vielen freiwilligen Helfern die nötige Ausdauer in diesem Dienst schenken möge, das leidende Fleisch Christi zu liebkosen. Danke.

17.00 Uhr Begegnung mit den Jugendlichen an der Uferpromenade Caracciolo

(Bianca, eine junge Frau)

Im Namen aller jungen Menschen heiße ich Sie herzlich in Neapel willkommen! Heiliger Vater, Sie lehren uns, dass ein Apostel bemüht sein soll, ein höflicher, gelassener, begeisterter und fröhlicher Mensch zu sein, der überall Freude verbreitet. Das trifft ganz gewiss auf uns zu! Doch auch der Hunger nach Träumen und Hoffnung in unseren Herzen ist groß, und das macht es manchmal schwer, die christlichen Werte, die wir in uns tragen, mit den schrecklichen Dingen, den Problemen und der Korruption, die uns jeden Tag umgeben, in Einklang zu bringen. Heiliger Vater, wie soll es uns inmitten dieses so häufigen »Schweigens Gottes« gelingen, Samen der Freude und Samen der Hoffnung zu säen, damit der Boden der Authentizität, der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der wahren Liebe, die jede menschliche Grenze übersteigt, Frucht tragen kann?

(Heiliger Vater)

Bitte entschuldigt, dass ich sitze, aber ich bin wirklich müde, ihr Neapolitaner haltet mich ganz schön auf Trab… Gott, unser Gott, ist ein Gott der Worte, ein Gott der Gesten, ein Gott des Schweigens. Wir wissen, dass er ein Gott der Worte ist, weil die Worte Gottes in der Bibel stehen: Gott spricht zu uns, er sucht uns. Der Gott der Gesten ist ein Gott, der hinausgeht. Denken wir an das Gleichnis vom Guten Hirten, der uns sucht, uns beim Namen ruft, uns besser kennt, als wir selbst uns kennen; der immer auf uns wartet, uns immer verzeiht, uns sein Verständnis mit zärtlichen Gesten zu zeigen versteht.

Und dann ist da noch der Gott des Schweigens. Denkt nur an die großen Momente des Schweigens in der Bibel: zum Beispiel das Schweigen im Herzen Abrahams, als er mit seinem Sohn fortging, um ihn zu opfern. Zwei Tage stiegen sie den Berg empor, und er wagte es nicht, zu seinem Sohn etwas zu sagen, obwohl der Sohn, der nicht dumm war, ohnehin alles verstanden hatte. Und Gott schwieg. Aber das größte Schweigen Gottes betrifft das Kreuz: Jesus hat das Schweigen des Vaters gespürt, es sogar als »Verlassenwerden« bezeichnet: »Vater, warum hast du mich verlassen?« Und dann geschah dieses Wunder Gottes, dieses Wort, diese großartige Geste: die Auferstehung. Unser Gott ist auch ein Gott des Schweigens; und es gibt Momente des Schweigens Gottes, die man nicht erklären kann, wenn man nicht aufs Kreuz blickt. Warum zum Beispiel müssen Kinder leiden? Wie erklärst du mir das? Wo findest du ein Wort Gottes, das erklärt, warum Kinder leiden müssen? Das ist einer der großen Momente des Schweigens Gottes. Ich sage ja nicht, dass man das Schweigen Gottes »verstehen« kann, aber wir können dem Schweigen Gottes näherkommen, wenn wir auf den gekreuzigten Christus blicken; den Christus, der stirbt, den verlassenen Christus, vom Ölberg bis zum Kreuz. Das sind die Momente des Schweigens. »Aber Gott hat uns doch geschaffen, damit wir glücklich sind!« – »Ja, das stimmt.« Aber oft schweigt er. Und das ist die Wahrheit. Ich kann dich nicht täuschen, indem ich sage: »Nein, halte fest am Glauben, dann wird alles gut, dann wirst du glücklich sein, Glück haben, Geld…«: Nein, unser Gott schweigt auch. Vergiss nicht: er ist der Gott der Worte, der Gott der Gesten und der Gott des Schweigens, diese drei Dinge musst du in deinem Leben vereinen. Das ist das, was mir dazu einfällt. Ein anderes »Rezept« habe ich nicht.

(Erminia, eine 95-jährige Dame)

Heiliger Vater, ich heiße Erminia und bin 95 Jahre alt. Ich danke Gott für das Geschenk eines langen Lebens. Und ich danke auch Ihnen, weil sie keine Gelegenheit versäumen, das Leben zu verteidigen. Das ist so dringend notwendig! In unserer Gesellschaft ist es nämlich ein Geschenk, das fast schon Angst zu machen scheint; das oft abgelehnt und »aussortiert« wird. Mit den Jahren, als ich nach dem Tod meines Mannes auf mich allein gestellt war, bin ich gebrechlicher geworden, auf Hilfe angewiesen. Ich hatte Angst, mein Zuhause zu verlieren, in irgendeinem Heim zu landen – einem dieser »Abstellplätze für Alte«, von denen Sie gesprochen haben. Alte Menschen müssen sich deshalb manchmal unweigerlich fragen, ob ihr Leben überhaupt noch einen Sinn hat. Mir wurde die Gnade zuteil, einer engagierten christlichen Gemeinschaft zu begegnen, die Liebe und Unentgeltlichkeit lebt. So sind mir auf meine alten Tage »Engel« begegnet – anders kann ich sie nicht nennen: junge und weniger junge, die mir helfen, die mich besuchen, mir in der Mühsal des Alltags zur Seite stehen. Die Freundschaft mit ihnen hat mir viel Kraft und Mut gegeben. Auch das gemeinsame Gebet hat mir sehr geholfen: Ich bin schwach, aber wenn ich für die Armen bete, für die Kranken, für die Nöte dieser Welt, für den Frieden, für das Wohl der Kirche, und auch für den Papst, dann gibt mir das die Kraft, den anderen zu helfen und sie zu beschützen. So bilden die, die helfen, und die, denen geholfen wird, eine einzige Familie: junge und alte Menschen zusammen. Wie könnten wir besser als Kirche leben, die die Familie aller Generationen ist, die alte Menschen nicht »aussortiert«, sondern ihnen das Gefühl gibt, Teil der Gemeinschaft zu sein?

(Heiliger Vater)

Bitte setzen Sie sich doch…, denn wenn ich höre, dass Sie 95 Jahre alt sind, möchte ich fast sagen: Wenn Sie 95 sind, dann bin ich Napoleon! Kompliment, man sieht Ihnen Ihr Alter nicht an! Sie haben ein Schlüsselwort unserer Kultur angesprochen: »aussortieren«. Alte Menschen werden aussortiert, weil die Gesellschaft wegwirft, was nicht mehr gebraucht wird: alles richtet sich nach dieser »Wegwerfmentalität «. Kinder bringen keinen Nutzen: Warum also Kinder haben? Besser man hat keine. Und für die Liebe, die ich zu geben habe, tut es auch ein Hund oder eine Katze. So ist unsere Gesellschaft: Wie viele Leute ziehen es vor, die Kinder auszusortieren und sich mit einem Hund oder einer Katze zu trösten! Kinder werden aussortiert, alte Menschen werden aussortiert, sich selbst überlassen. Wir alten Menschen sind gebrechlich, haben Probleme. Wir bereiten den anderen Probleme, und vielleicht sortiert man uns wegen unserer Gebrechen aus, weil wir nicht mehr gebraucht werden. Dann ist da noch diese Gewohnheit, alte Menschen – vergebt mir den Ausdruck – sterben zu lassen. Und weil wir ja so gerne Beschönigungen gebrauchen, haben wir sogar einen Fachbegriff dafür: Euthanasie. Aber nicht nur die Euthanasie mit der Spritze, sondern auch die verborgene Euthanasie, die so funktioniert, dass man dir keine Medikamente gibt, dich nicht pflegt, so dass dein Leben traurig wird, man sich schließlich aufgibt und stirbt.

Der Weg, von dem Sie uns berichten, ist das beste Rezept für ein langes Leben: Nähe, Freundschaft, Zärtlichkeit. Manchmal frage ich Kinder, die betagte Eltern haben: Steht ihr euren alten Eltern zur Seite? Und wenn man sie in ein Altenheim gegeben hat – denn das kann passieren, wenn beide arbeiten, Vater und Mutter –, geht ihr sie dann auch besuchen? Als ich in einer anderen Diözese Altenheime besuchte, habe ich die alten Menschen dort gefragt: »Und eure Kinder?« »Gut, gut, alles in Ordnung.« »Kommen sie euch besuchen?« Die Antwort blieb aus, und da war mir alles klar… »Wann waren sie das letzte Mal hier?« »Zu Weihnachten«: aber mittlerweile war es August… Sie lassen ihre Eltern dort, ohne Liebe, wo Liebe doch die wichtigste Medizin für einen alten Menschen ist!

Wir alle brauchen Liebe, im Alter sogar noch mehr. Euch Kinder mit Eltern, die schon alt sind, bitte ich: erforscht euer Gewissen. Wie haltet ihr es mit dem vierten Gebot? Geht ihr sie besuchen? Schenkt ihr ihnen Liebe? Widmet ihr eurem alten Vater, eurer alten Mutter Zeit? Ich erzähle gern eine Geschichte, die man mir zuhause erzählt hat. Sie handelt von einem Großvater, der bei seinem Sohn, der Schwiegertochter und den kleinen Enkeln wohnte. Doch als er immer älter wurde, war der Ärmste am Ende so unbeholfen, dass er jedes Mal, wenn er Suppe aß, ein wenig davon verschüttete, sich bekleckerte. Und da beschloss der Sohn eines Tages, den Großvater nicht mehr mit der Familie gemeinsam am Tisch essen zu lassen, weil es kein schöner Anblick war, sie keine Freunde einladen konnten. Er ließ einen Tisch kaufen, und der Großvater aß nun allein in der Küche. Einsamkeit ist für alte Menschen das größte Gift. Als der Vater eines Tages von der Arbeit nach Hause kam, sah er seinen vierjährigen Sohn mit Holzstücken, Nägeln und einem Hammer spielen: »Was baust du denn da?«, fragte er ihn. »Einen Tisch – an dem kannst du essen, wenn du einmal alt bist!« Was man sät, das wird man ernten! Euch Kindern lege ich das vierte Gebot ans Herz. Schenkt ihr euren Eltern Zuneigung? Umarmt ihr sie? Sagt ihr ihnen, dass ihr sie lieb habt? Wenn sie viel Geld für Medikamente ausgeben, macht ihr ihnen dann Vorwürfe? Macht eine gründliche Gewissenserforschung. Liebe ist die beste Medizin für uns alte Menschen. Dieses Zeugnis, das Sie uns hier gegeben haben, mit Ihren Freunden – wirklich guten Menschen! –, müssen Sie oft erzählen, damit auch andere angeregt werden, es ihnen nachzutun. Niemals einen alten Menschen »aussortieren «! Niemals!

(Familie Russo)

Heiliger Vater, Sie haben uns unlängst gesagt, dass man die Schönheit der Familie vermitteln soll, da sie der privilegierte Ort der Begegnung mit dem Ungeschuldetsein der Liebe ist. Diese Herausforderung erfordert Zeit, Kenntnis und Widerstand gegen gegensätzliche Strömungen; sie macht es erforderlich, dass man mutige Entscheidungen trifft, die den wahren Sinn der Familie als Ressource der Gesellschaft und privilegiertes Mittel der Weitergabe des Glaubens verteidigen. Sie fordern uns auf, uns »nicht die Hoffnung rauben zu lassen«. Aber wie können wir in einer Stadt wie Neapel – Heimat vieler Heiliger, aber auch Ort großen Leids und großer Widersprüche, wo sich die Familie so vielen Angriffen ausgesetzt sieht – eine Familienpastoral schaffen, die hinausgeht, offensiv handelt und nicht in sich selbst verschlossen bleibt, sondern vielmehr allen erzählt, wie schön die Familie ist? Wie können wir unsere übertriebene Weltbezogenheit mit der Spiritualität in Einklang bringen und uns von den Worten unseres Erzbischofs – »Raum zu schaffen für die Hoffnung« – inspirieren lassen?

(Heiliger Vater)

Die Familie durchlebt eine Krise: das stimmt; das ist nichts Neues. Die jungen Leute wollen nicht mehr heiraten; sie ziehen es vor, zusammenzuleben, unbesorgt und unverbindlich. Und wenn dann ein Kind kommt, heiraten sie gezwungenermaßen. Heiraten ist heute nicht mehr »in«! Wie oft habe ich Brautpaare in der Kirche gefragt: »Willst du dich hier trauen lassen, weil du wirklich mit deinem Bräutigam, mit deiner Braut, das Sakrament empfangen möchtest, oder bist du nur hier, weil es die Gesellschaft von dir erwartet?« Vor einiger Zeit hatte ein Paar nach langem Zusammenleben beschlossen zu heiraten. »Und wann?« »Das wissen wir noch nicht, wir müssen erst eine Kirche finden, die zum Kleid passt, am besten mit einem Restaurant gleich daneben; die ›Bonbonnieren‹ mit den Hochzeitsmandeln sind auch noch nicht fertig, usw.…« »Sag mir: Mit welchem Glauben heiratest du eigentlich?« Die Krise der Familie ist eine soziale Realität. Es gibt auch die ideologischen Kolonialisierungen der Familie, verschiedene Wege und Vorschläge, die es in Europa gibt und die auch aus Übersee kommen. Und dann gibt es noch den in den Köpfen der Menschen entstandenen Irrtum der Gender-Theorie, die für viel Verwirrung sorgt. Die Familie ist also tatsächlich Angriffen ausgesetzt. Was soll man tun in dieser Situation, in der die Säkularisierung bereits am Werk ist? Was tun mit diesen ideologischen Kolonialisierungen? Was tun in einer Kultur, die sich nicht für die Familie interessiert, für die die Ehe keine Option ist? Ich habe kein Rezept. Die Kirche ist sich dessen bewusst, und der Herr hat die Inspiration zur Einberufung einer Bischofssynode über die Familie gegeben, mit den vielen Problemen, die damit verbunden sind – zum Beispiel dem der Vorbereitung auf die kirchliche Trauung. Wie werden Paare auf die Ehe vorbereitet?

Manchmal machen sie drei Vorbereitungskurse… Doch ist das wirklich genug, um den Glauben zu überprüfen? Es ist nicht leicht. Die Vorbereitung auf die Ehe ist keine Frage eines Lehrgangs, wie es ein Sprachkurs sein kann: Ehemann und Ehefrau werden in acht Lektionen! Die Vorbereitung auf die Ehe ist etwas anderes. Sie muss zuhause beginnen, mit den Freunden, von der Jugend, der Verlobungszeit an. Die Verlobung hat ihre heilige Bedeutung des Respekts verloren. Heute sind Verlobung und Zusammenleben fast schon ein und dasselbe. Nicht immer, es gibt noch schöne Beispiele… Was kann man tun, damit eine Beziehung in der Verlobungszeit reift? Wenn die Beziehung nämlich gut ist, dann kommt auch der Punkt, an dem man heiraten muss, weil die Beziehung gereift ist. Es ist wie bei einer Frucht: Wenn du sie nicht erntest, solange sie reif ist, ist sie nicht mehr gut. Alles erlebt eine Krise, und ich bitte euch, viel zu beten. Ich kann euch kein Patentrezept geben. Aber das Zeugnis der Liebe ist wichtig, das Zeugnis dafür, wie sich die Probleme lösen lassen.

In der Ehe gibt es auch Streit … da kann schon mal ein Teller zu Bruch gehen. Ich gebe hier immer einen praktischen Rat: streitet, soviel ihr wollt, aber lasst keinen Tag ausklingen, ohne dass ihr euch wieder vertragt. Dafür muss man nicht vor dem anderen auf die Knie gehen – eine zärtliche Geste genügt; denn wenn man streitet, bleibt doch immer ein bisschen Groll zurück, wenn man aber sofort wieder Frieden schließt, dann ist es gut. Den erkalteten Groll vom Vortag wird man nur schwer wieder los, und deshalb müsst ihr noch am selben Tag wieder Frieden schließen. Das ist ein Rat. Und dann ist es auch wichtig, den anderen immer zu fragen, ob ihm etwas recht ist oder nicht: ihr seid zu zweit, das »ich« hat in einer Ehe keine große Gültigkeit – was zählt, ist das »wir«. Es stimmt auch, was man über die Ehe sagt: geteilte Freude ist dreifache Freude; geteiltes Leid und geteilter Schmerz sind halbes Leid und halber Schmerz. So sollte das Eheleben sein, und man tut dies mit dem Gebet, viel Gebet, und mit dem Zeugnis, damit die Liebe nicht erlischt. Denn das Leben hält immer schwere Prüfungen bereit, man darf sich nicht der Illusion hingeben, jemand anderen zu finden und zu sagen: »Ah, wenn ich die oder den früher getroffen hätte, dann hätte ich die oder den geheiratet. « Aber du hast ihn nicht früher getroffen, er ist spät gekommen. Mach die Tür sofort zu! Achtet auf diese Dinge und gebt weiter euer Zeugnis – und hier komme ich wieder auf meinen Anfangsgedanken zurück: die Familie erlebt eine Krise, und es ist nicht leicht, eine Antwort zu finden, wichtig aber sind das Zeugnis und das Gebet.

(Zum Abschluss der Begegnung sagte der Heilige Vater)

Ich danke euch für den herzlichen Empfang und eure Zeugnisse. Und ich bitte euch, für mich zu beten. Ich bitte euch, für die jungen Menschen zu beten: heute ist der erste Frühlingstag, der Tag der Hoffnung, der Tag der Jugend. Vielleicht ist es jeden Frühling so, dass man den Weg der Jugend wieder einschlägt, neu erblüht. Den jungen Menschen kann ich nur immer wieder sagen: Verliert die Hoffnung nicht, immer wieder weiter zu gehen!

Den alten Menschen: Kultiviert die Weisheit des Lebens! Die alten Menschen sind wie Wein, der mit dem Alter immer besser wird. Und im guten Wein liegt etwas Gutes, das jungen wie alten Menschen dient. Den jungen und alten Menschen zusammen: die Jungen haben die Kraft, die Alten die Erfahrung und die Weisheit. Ein Volk, das sich nicht um die jungen Menschen kümmert, ihnen keine Arbeit gibt, und das sich nicht um seine alten Menschen kümmert, hat keine Zukunft. Wenn wir wollen, dass unser Volk eine Zukunft hat, müssen wir uns um die jungen Leute kümmern, ihnen Arbeit beschaffen, für sie nach Auswegen aus dieser Krise suchen, indem wir ihnen Werte vermitteln. Und wir müssen uns um die alten Menschen kümmern, die die Träger der Lebensweisheit sind. Beten wir nun zur Muttergottes und zum heiligen Josef, dass sie die jungen und die alten Menschen, die Familien, beschützen mögen

Der Papst betete dann mit den Jugendlichen ein »Gegrüßet seist Du, Maria…« und sagte abschließend: »Ich verabschiede mich jetzt von Neapel, um nach Rom zurückzukehren! Ich wünsche euch das Beste und ‘ca Maronna v’accumpagne! [neapolitanisch für: die Muttergottes begleite euch].

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