Pacem Dei munus (Wortlaut)

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Enzyklika
Pacem Dei munus

von Papst
Benedikt XV.
an alle Ehrwürdigen Brüder, die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe
und anderen Ordinarien, die in Frieden und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle stehen
über den Völkerfrieden
23. Mai 1920 [1]

(Offizieller lateinischer Text: AAS XII [1920] 209-218)

(Quelle: Heilslehre der Kirche, Dokumente von Pius IX. bis Pius XII. Deutsche Ausgabe des französischen Originals von P. Cattin O.P. und H. Th. Conus O.P. besorgt von Anton Rohrbasser, Paulus Verlag Freiburg Schweiz 1953, S. 610-625; Imprimatur Friburgi Helv., die 22. maii 1953 L. Weber V. G. Die Nummerierung folgt der englischen Fassung).

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Inhaltsverzeichnis

Einleitung: Kein Frieden ohne Liebe

1 Der Friede ist Gottes schönstes Geschenk. « Nichts ist im allgemeinen, wie der heilige Augustinus sagt, auch im Bereich des Irdischen und Vergänglichen unseren Ohren willkommener, nichts unserem Herzen erwünschter, nichts Besseres endlich lässt sich finden als der Friede ».[2] Der Völkerfriede, den das sehnliche Verlangen aller Gutgesinnten, die innigen Gebete der frommen Seelen und die heißen Tränen der Mütter während mehr als vier Jahren erfleht haben, ist endlich angebrochen. Darüber freuen Wir Uns vor allen anderen von ganzem Herzen. Allein, noch allzu viel Leid und Kummer stört diese Freude Unseres Vaterherzens; denn wenn auch der Krieg fast überall in irgendeiner Weise zum Stillstand gekommen ist und Friedensverträge unterzeichnet wurden, so sind doch die Keime der alten Feindseligkeiten nicht ausgerottet. Auch seid ihr euch im klaren darüber, ehrwürdige Brüder, dass es trotz langwieriger und mühevoller Verhandlungen, trotz der heiligsten Garantien keinen dauerhaften Frieden und keinen lebensfähigen Friedensvertrag geben kann, solange nicht Hass und Feindschaft auf Grund einer Wiederversöhnung im Geiste der gegenseitigen Liebe zugleich zur Ruhe gekommen sind; Daher wollen Wir über diese für das Gesamtwohl äußerst wichtige Angelegenheit zu euch, ehrwürdige Brüder, sprechen und eure Völker nachdrücklich ermahnen.

2 Seitdem Wir nämlich durch Gottes geheimnisvollen Ratschluss zur Papstwürde erhoben wurden, haben Wir Uns während der ganzen Dauer des Krieges mit allen Uns zu Gebote stehenden Mitteln unablässig bemüht, alle Völker des Erdkreises so bald wie möglich zur Wiederaufnahme friedlicher Beziehungen untereinander zu führen. Mit inständigen Bitten, wiederholten Ermahnungen und Vorschlägen zur Wiederversöhnung der Völker haben Wir alles versucht, um mit Gottes Hilfe den Menschen den Weg zu bahnen zu einem gerechten, ehrenvollen und dauerhaften Frieden. Inzwischen haben Wir Uns in väterlicher Liebe tatkräftig bemüht, den schweren Leiden und Drangsalen jeder Art, die das grausame Völkerringen mit sich brachte, doch einigermaßen Linderung zu verschaffen.

3 Dieselbe Liebe Jesu Christi, die Uns seit den schwierigen Anfängen Unseres Pontifikates veranlasst hat, um die Rückkehr des Friedens und die Milderung der Kriegsgräuel besorgt zu sein, drängt Uns nun, da endlich ein gewisser Friede zustande gekommen ist, alle Söhne der Kirche und die Menschheit insgesamt aufzufordern, den schon allzu lange genährten Hass aus den Herzen zu bannen und zur Eintracht und gegenseitigen Liebe zurückzukehren.

Es bedarf wahrlich nicht vieler Beweise dafür, dass es der ganzen Menschheit zum schweren Nachteil gereichen würde, wenn nach Friedensschluss die geheimen Feindschaften und eifersüchtigen Spannungen unter den Völkern dennoch fortdauerten. Dabei reden Wir gar nicht von den Schäden auf all jenen Gebieten, die den Fortschritt des bürgerlichen Lebens sicherstellen und begünstigen, wie Handel und Gewerbe, Kunst und Wissenschaft, deren Gedeihen auf zwischenvölkische Beziehungen und ruhige Verhältnisse angewiesen ist. Noch weit folgenschwerer wäre die Wunde, die dem Geist und der Gestaltung des christlichen Lebens geschlagen würde, dessen ganze Kraft in der Liebe beruht, da ja die Predigt des christlichen Gesetzes selbst als Evangelium des Friedens[3] bezeichnet wird.

Die christliche Nächstenliebe

Ihre Vorrangstellung

Christi Gebot

4 Wie ihr nämlich wisst, und wie Wir schon mehrmals an anderer Stelle betont haben, hat Jesus Christus seinen Jüngern nichts so oft und so nachdrücklich eingeschärft als dieses Gebot der Nächstenliebe, das ja alle anderen in sich schließt. Und zwar bezeichnete es Christus als neu und als sein Gebot und wollte es den Christen zum Kennzeichen geben, woran sie leicht von anderen unterschieden werden könnten. Schließlich hat er es vor seinem Tod den Seinen als Vermächtnis hinterlassen und dafür gebetet, dass sie einander lieben und durch die Liebe jene unaussprechliche Einheit nachzubilden sich bemühen, die den göttlichen Personen in der Dreifaltigkeit eigen ist: ... Dass alle eins seien ..wie auch wir eins sind. .., dass sie vollkommen eins seien.[4]

Lehre der Apostel

5 In den Fußstapfen des göttlichen Meisters wandelnd und in vollem Einklang mit seinem Wort und seinen Geboten, wurden daher die Apostel nicht müde, die Gläubigen mit wunderbarer Beflissenheit diesbezüglich zu ermahnen: Vor allen Dingen pflegt immer die gegenseitige Liebe zueinander.[5] Vor allem wahret die Liebe, die das Band der Vollkommenheit ist.[6] Geliebte, lasst uns einander lieben, denn die Liebe stammt aus Gott.[7]

Beispiel der ersten Christen

6 Und unsere Brüder der Frühzeit sind der Aufforderung Christi und der Apostel gewissenhaft nachgekommen; obwohl sie aus verschiedenen Völkern stammten, die unter sich uneins waren, sahen sie freiwillig über alle Zwistigkeiten hinweg und lebten in der vollkommensten Eintracht. Fürwahr, ihre harmonische Herzens- und Gesinnungsgemeinschaft bildete einen erstaunlichen Gegensatz zu den tödlichen Feindschaften, die damals die Menschheit entzweiten.

Ihre Forderungen

Verzeihung der Beleidigungen

7 Die soeben angeführten. Schriftstellen, die das Gebot der Nächstenliebe einschärfen, gelten ebenso sehr vom Verzeihen der Beleidigungen. Der Meister besteht nicht weniger ausdrücklich auf diesem Gebot: Ich aber, sage euch, liebet eure Feinde, tut, Gutes denen, die euch hassen, und betet für jene, die euch verfolgen und verleumden, damit ihr Kinder eures Vaters seid, der im Himmel ist, der seine Sonne aufgehen lässt über Gute und Böse.[8] So ist auch das tiefernste Wort des Apostels Johannes zu verstehen: Jeder, der seinen Brüder hasst, ist ein Mörder. Ihr wisst aber, dass kein Mörder das ewige Leben in sich trägt.[9] Schließlich müssen wir im Gebet des Herrn auf Anleitung Christi hin vor Gott erklären, dass wir für uns in dem Maß Verzeihung erwarten, als wir auch andern verzeihen: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigem.[10] Und falls uns je die Befolgung dieses Gebotes allzu hart dünkt und schwer fällt, dann steht uns zur Überwindung jeder Schwierigkeit der göttliche Erlöser der Menschheit nicht nur mit. der nötigen Gnadenhilfe bei, sondern auch mit seinem eigenen Beispiel. Als er am Kreuze hing, legte er für seine ungerechten und schändlichen Peiniger beim Vater Fürbitte ein: Vater, verzeihe ihnen, denn sie wissen nicht, was .sie tun.[11]

8 Und da Wir, wenn auch ohne jedes Verdienst, Christi Stellvertreter sind, obliegt es Uns vor allem, seine Barmherzigkeit und Güte nachzuahmen; daher verzeihen Wir nach seinem Beispiel Unsere Feinden von ganzem Herzen, allen insgesamt und jedem einzelnen, wie sehr sie auch wissentlich oder unwissentlich Unsere Person oder Unser Werk mit kränkenden Beleidigungen verletzt haben und noch verletzen. Wir schließen sie alle mit liebevoller Güte an Unser Herz und versäumen keine Gelegenheit, sie soweit immer möglich mit Wohltaten zu überhäufen. Das ist auch die Pflicht aller Christen, die dieses Namens würdig sind, jenen gegenüber, die ihnen während des Krieges Unrecht zugefügt haben.

Wohltätige Hilfsbereitschaft

9 Denn die christliche Liebe erschöpft sich nicht darin, dass wir unsere Feinde nicht hassen und sie wie Brüder lieben; sie fordert überdies, dass wir ihnen Wohltaten erweisen gemäß dem Beispiel des Erlösers, der Gutes tuend umherzog und alle vom Teufel Besessenen heilte.[12] Und nachdem er während seines ganzen irdischen Daseins den Menschen die größten Wohltaten gespendet hatte, vollendete er sein Leben, indem er für sie sein Blut vergoss. Daher sagt Johannes: Daran erkennen wir die Liebe Gottes, dass er sein Leben für uns dahingab. So müssen auch wir das Leben für unsere Brüder hingeben. Wenn einer die Güter dieser Welt besitzt und seinen Bruder Not leiden sieht und doch sein Herz vor ihm verschließt, wie kann in einem solchen noch die Liebe Gottes wohnen? Kinder, nicht mit Worten lasst uns lieben, nicht mit der Zunge nur, sondern in Tat und Wahrheit.[13]

Ihre Notwendigkeit zur Heilung der Kriegsschäden

10 Niemals war es jedoch nötiger, das Kraftfeld der Liebe weiter zu spannen, als gerade in unsern Tagen, in dieser äußerst schweren Notlage, die uns alle hart bedrückt; und vielleicht bedurfte die Menschheit zu keiner andere Zeit so sehr wie heute der allgemeinen Wohltätigkeit, die aus aufrichtiger Liebe zu den Mitmenschen entspringt und sich in großmütiger Hilfeleistung äußert. Denn halten wir Umschau in irgendeinem vom Krieg durchtobten Gebiet: überall sehen wir unermessliche Ländereien, wo Verödung und Verwüstung herrschen, wo alle Felder unbebaut und verlassen sind. Die Not der Bevölkerung ist so groß, dass sie selbst der Nahrung, der Kleidung und des Obdaches entbehrt. Unglaublich hoch ist die Zahl der Unterernährten, meistens Kleinkinder und Jugendliche, deren abgezehrte Gestalten die Grausamkeit dieses Krieges bezeugen.

Beim Anblick dieses gewaltigen Elendes, das die Menschheit heimsucht, kommt Uns von selbst jener Wanderer des Evangeliums[14] in den Sinn, der von Jerusalem nach Jericho hinunterging und unter die Räuber fiel, die ihn ausplünderten, mit Schlägen misshandelten und halbtot liegen ließen. Welche Ähnlichkeit zwischen bei den Schicksalen! Von Mitleid gerührt, trat ein Samariter zu jenem hin, verband seine Wunden, goss Öl und Wein hinein, führte ihn zur Herberge und trug Sorge für ihn. So muss auch zur Heilung der Menschheitswunden Jesus Christus Hand anlegen, dessen Stelle jener Samariter vertrat.

Die christliche Liebe als Grundlage des Wiederaufbaus

Sendung und Auftrag der Kirche

11 Diese Tätigkeit beansprucht die Kirche, die den Geist Jesu Christi als sein Erbe hütet, als ihre eigene Aufgabe; die Kirche, sagen Wir, deren ganze Geschichte als ein wunderbares Gewebe von Wohltaten jeder Art erscheint. Denn sie, «die wahre Mutter der Christen, pflegt die Nächstenliebe in dem Maß, dass ihr für jedes der mannigfaltigen Leiden, an denen die Seelen um ihrer Sünden willen kranken, ein Heilmittel zur Verfügung steht»; daher «ist sie kindlich mit den Kindern, fest mit der Jugend, gelassen mit den Greisen und richtet sich in ihrem Verhalten und in ihrer Belehrung nicht nur nach dem Alter, sondern auch nach der Fassungskraft eines jeden ».[15] Der Beitrag, den diese Werke der christlichen Wohltätigkeit durch Besänftigung der Gemüter zur Wiederherstellung der öffentlichen Ruhe leisten, ist geradezu unglaublich.

Daher bitten und beschwören Wir euch, ehrwürdige Brüder, um der Liebe Christi willen, bemüht euch mit der größten Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit, alle eurer Obhut Anvertrauten nicht nur dazu anzuhalten, dass sie den Hass ablegen und das Unrecht verzeihen, sondern sie auch nachdrücklich dazu aufzumuntern, dass sie alle jene Werke der christlichen Wohltätigkeit fördern, die den Notleidenden eine Hilfe, den Trauernden ein Trost, den Schwachen eine Stütze sind und schließlich allen schwer geschädigten Kriegsopfern in jeder Beziehung nach Bedürfnis beistehen.

Gewissensbildung durch Seelsorge und Presse

12 Vor allem aber wünschen Wir, dass ihr eure Priester, die Diener des christlichen Friedens, zur Beharrlichkeit ermahnt in dieser wichtigen Angelegenheit des christlichen Lebens, nämlich in der Empfehlung der Liebe zum Nächsten, selbst den Feinden gegenüber. Ja, sie sollen in dem Grade allen alles werden,[16] dass sie den andern mit ihrem Beispiel vorangehen, dem Hass und der Feindschaft den Krieg erklären und ihn überall unerbittlich führen zur größten Freude des liebevollsten Herzens Jesu und dessen, der auf Erden trotz seiner Unwürdigkeit Christi Stelle vertritt.

In diesem Zusammenhang gilt es auch, die katholischen Schriftsteller, Redaktoren und Mitarbeiter von Zeitschriften und Zeitungen zu ermahnen und inständig zu bitten, dass sie als Auserwählte Gottes, als Heilige und Geliebte sich mit herzlichem Erbarmen und mit Güte wappnen[17] und diese Gesinnung auch in ihren Schriften an den Tag legen, indem sie sich nicht nur vor falschen und unbedachten Anschuldigungen hüten, sondern auch jede leidenschaftliche und verletzende Ausdrucksweise vermeiden, die ja im Widerspruch steht zum Gebot des Christentums und doch nur kaum vernarbte Wunden wieder aufreißt, zumal da ein eben genesenes Herz schon der geringsten Beleidigung gegenüber äußerst empfindlich ist.

Die Wiederversöhnung der Völker

Gebot Christi und Forderung der Vernunft

13 Die Mahnung zur Liebespflicht, die Wir soeben jeden einzelnen gerichtet haben, gilt Gleicherweise für die Völker, die in den langwierigen Krieg verwickelt waren. Möchten sie doch die Konfliktgründe nach Möglichkeit aus dem Wege räumen und - natürlich unter Wahrung der Forderungen der Gerechtigkeit - wieder friedliche Beziehungen untereinander aufnehmen. Denn das Evangelium unterscheidet nicht zwischen einem Gesetz der Liebe für die Einzelmenschen einerseits und für die Staaten und Völker anderseits, die ja letzten Endes ihre Entstehung und ihren Bestand nur dem Zusammenschluss von Einzelmenschen verdanken. Nach Beendigung des Krieges scheinen ferner die Verhältnisse nicht bloß auf Grund der Liebe, sondern fast zwangsläufig zu einer allgemeinen Versöhnung der Völker untereinander zu drängen; denn das natürliche Band der gegenseitigen Abhängigkeit wie auch der Hilfsbereitschaft scheint sie jetzt infolge eines verfeinerten Kulturbewusstseins und dank der großartigen Entwicklung der Verkehrswege enger aneinander zu schließen.

Diese Pflicht der Volker, Beleidigungen zu verzeihen und sich brüderlich zu versöhnen, ist somit ein heiliges Gebot Jesu Christi und zugleich eine Forderung des menschlichen und bürgerlichen Gemeinschaftslebens. Dieses Gesetz hat der Apostolische Stuhl, wie Wir oben dargelegt haben, während der Dauer des Krieges niemals zu betonen unterlassen, noch geduldet, dass es je durch irgendwelche Spannungen und Gehässigkeiten in Vergessenheit gerate. Nachdem nun die Friedensverträge geschlossen sind, bestehen Wir mit noch größerem Nachdruck darauf. Beweis dafür sind die Schreiben, die Wir erst neulich an alle Bischöfe Deutschlands[18] und an den Kardinalerzbischof von Paris[19] gerichtet haben.

Beispiel und Anspruch des Heiligen Stuhles

14 Nun aber wird diese Eintracht unter den zivilisierten Völkern gewährleistet und mächtig gefördert durch gegenseitige Besuche und Konferenzen der Machthaber und Staatsmänner, die zur Erledigung wichtiger Geschäfte heute immer mehr in Übung kommen. Fassen Wir daher alles ins Auge, sowohl die veränderten Verhältnisse wie auch die tiefgreifenden Wandlungen der allgemeinen Weltlage, wären Wir nicht einmal abgeneigt, zur Begünstigung dieser Annäherung zwischen den Völkern die Strenge jener Bedingungen etwas zu mildern, die Unsere Vorgänger infolge der Vernichtung der weltlichen Macht des Apostolischen Stuhles mit Recht aufgestellt haben, um die offiziellen Besuche katholischer Staatsoberhäupter in Rom zu erschweren:

15 Wir erklären jedoch vor aller Öffentlichkeit, dass dieses Entgegenkommen in Unserem Verhalten, das Uns durch die außergewöhnlich ernste Gegenwartssituation nahegelegt, ja sogar gefordert scheint, keineswegs als stillschweigender Verzicht auf die heiligen Rechte des Apostolischen Stuhles gedeutet werden darf, als hätte er sich etwa mit dem abnormalen Zustand, in dem er sich gegenwärtig befindet, endlich abgefunden. Wir benützen vielmehr diese Gelegenheit, um die Ansprüche, «die Unsere Vorgänger nicht aus menschlichen Beweggründen, sondern im Bewusstsein ihrer heiligen Amtspflicht zu wiederholten Malen erhoben haben, nämlich zur Verteidigung der Rechte und Würde des Apostolischen Stuhles, auch Unserseits aus denselben Gründen erneut zu betonen », indem Wir abermals und noch feierlicher fordern, dass nach Abschluss des Weltfriedens auch « das Oberhaupt der Kirche nicht in dieser unziemlichen Lage belassen werde, die gerade dem Völkerfrieden in mehr als einer Hinsicht sehr zum Schaden gereicht».[20]

Ein Völkerbund auf christlicher Grundlage

16 Somit sprechen Wir den Wunsch aus, ehrwürdige Brüder, dass nach Wiederherstellung des Friedens und Wiederaufrichtung einer Ordnung der Gerechtigkeit und Liebe zwischen allen Völkern sämtliche Staaten hüben und drüben allen Argwohn ablegen und gewissermaßen zu einer einzigen Gemeinschaft oder vielmehr zu einer Völkerfamilie zusammenwachsen, um die Freiheit jedes einzelnen zu schützen und zugleich die soziale Ordnung zu sichern. Die Gründung eines solchen Völkerbundes wird, abgesehen von vielen anderen Gesichtspunkten, durch die allgemein anerkannte Notwendigkeit nahegelegt, alles ins Werk zu setzen, um die Rüstungsauslagen zu streichen oder wenigstens herabzusetzen, deren erdrückende Last für die Staaten untragbar geworden ist, sowie um in Zukunft solch verhängnisvolle Kriege zu vermeiden oder doch eine derartige Gefahr soweit als möglich abzuwenden und jedem Volk die Unabhängigkeit und Unversehrtheit seines Gebietes innerhalb gerechter Grenzen zu sichern.

17 Einem Völkerbund auf christlicher Grundlage wird die Kirche zu all seinen Bemühungen im Geiste der Gerechtigkeit und Liebe weder ihr Interesse noch ihre Unterstützung verweigern. Sie ist ja das vollendetste Vorbild einer weltumfassenden Gemeinschaft und verfügt dank ihrer Organisation und kraft ihrer Einrichtungen über eine wunderbare Macht, um die Menschen einander Näherzubringen, nicht nur im Hinblick auf ihr ewiges Heil, sondern auch zur Sicherung der irdischen Wohlfahrt; denn sie hält sie zu einem derartigen Gebrauch der zeitlichen Güter an, dass sie darob der ewigen nicht verlustig gehen.

18 Wir wissen übrigens aus der Geschichte, dass die barbarischen Völkerschaften des alten Europas nach ihrer geistigen Umgestaltung durch das Wirken der Kirche allmählich die große Vielfalt der trennenden Artunterschiede überbrückten, die feindselige Gesinnung überwanden und schließlich zu einer einheitlichen, gleichgearteten Gemeinschaft zusammenwuchsen. So entstand das christliche Europa, das unter der Führung und dem Schutz der Kirche die Verschiedenartigkeit der Völker wahrte und zugleich eine gewisse Einheit anstrebte, die Wohlstand und Ruhe begünstigte.

19 Vortrefflich bemerkt dazu der heilige Augustinus : «Dieser übernatürliche Staat beruft während seiner irdischen Pilgerschaft seine Bürger aus allen Völkern und sammelt seine Pilgergesellschaft aus allen Sprachgebieten, unbekümmert um die Unterschiede in Lebensgewohnheiten, Gesetzen und Einrichtungen, wodurch der irdische Frieden begründet oder aufrechterhalten wird. Ohne irgend etwas davon zu unterdrücken oder zu vernichten, schätzt und schützt er vielmehr die bei aller nationalen Verschiedenheit doch auf ein und dasselbe Ziel des Friedens auf Erden hinstrebenden Eigenheiten, wofern sie nur der Religion nicht abträglich sind, welche die Verehrung des höchsten und wahren Gottes lehrt ».[21] Daher wendet sich derselbe Kirchenlehrer mit folgenden Worten an die Kirche: « Du verbindest Bürger mit Bürgern, Völker mit Völkern und durch die Erinnerung an die gemeinsamen Stammeltern die Menschen überhaupt nicht nur zur Gesellschaft, sondern sogar zu einer brüderlichen Gemeinschaft».[22]

Schluss: Aufruf - Nächsten- und Feindesliebe in Gesinnung und Tat

20 Damit stehen Wir wieder beim Ausgangspunkt Unseres Schreibens. In väterlicher Liebe bitten und beschwören Wir zuerst alle Unsere Söhne abermals im Namen Unseres Herrn Jesus Christus, sie möchten sich doch dazu aufraffen, alle gegenseitigen Feindseligkeiten und Kränkungen in freiwilliger Vergessenheit zu begraben und das Band der christlichen Liebe, die weder Feinde noch Fremde kennt, untereinander zu knüpfen. Sodann richten Wir an die Nationen insgesamt die eindringliche Mahnung, aus christlichem Verständigungswillen einen wahren Frieden zu schließen, indem sie auf dem Boden der Gerechtigkeit zu einem dauerhaften Bündnis zusammentreten.

21 Endlich rufen Wir alle Menschen und Völker auf, sich in ihren Gedanken und Gesinnungen der Katholischen Kirche anzuschließen und durch die Kirche sich Christus, dem Erlöser der Menschheit, hinzugeben, damit Wir Uns mit den Worten des Apostels Paulus an die Epheser in voller Wahrheit an alle wenden können: Nun seid ihr, die ihr einst fern standet, in Christus Jesus nahegebracht worden durch Christi Blut. Denn, er ist unser Friede, er hat beide Teile vereinigt und die trennende Scheidewand niedergerissen. .., indem er in seiner Person die Feindschaft vernichtete. So kam er und verkündete Frieden euch, die ihr fern standet, und Frieden denen, die nahe waren.[23] Ebenso zutreffend ist der Aufruf desselben Apostels an die Kolosser: Belügt einander nicht! Ihr habt ja den alten Menschen samt seinen Werken ausgezogen und den neuen angezogen, der nach dem Bilde seines Schöpfers umgestaltet wird zur vollen Erkenntnis. Da heißt es nicht mehr Heide und Jude, Beschnittener und Unbeschnittener, Barbar und Skythe, Sklave lind Freier, sondern in jeder Beziehung und bei allen nur Christus.[24]

Im Vertrauen auf den Schutz der unbefleckten Jungfrau Maria, deren Anrufung unter dem Titel «Königin des Friedens» Wir jüngst angeordnet haben, sowie der drei Heiligen[25] denen Wir kürzlich die Ehre der Altäre verliehen haben, flehen Wir inzwischen den Heiligen Geist demütig an, « er möge seiner Kirche die Gaben der Einheit und des Friedens gnädig verleihen »[26] und durch eine neue Ausgießung seiner Liebe das Angesicht der Erde zum Heile der ganzen Menschheit erneuern.

Als Unterpfand dieses göttlichen Gnadengeschenkes und als Erweis Unseres Wohlwollens erteilen Wir euch, ehrwürdige Brüder, eurem Klerus und Volk in herzlicher Liebe den Apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom bei St. Peter, am 23. Mai, Pfingsten 1920,

im sechsten Jahr Unseres Pontifikates

Benedikt XV. PP.

Anmerkungen

  1. Benedikt XV., Rundschreiben über den Völkerfrieden. AAS XII (1920) 209-218.
  2. Augustinus, De civitate Dei XIX, Kap. XI. CV 40, 2, 389; PL 41, 637.
  3. Eph 6,15 EU.
  4. Joh 7,21-23 EU,
  5. 1 Petr 4,8 EU
  6. Kol 3,14 EU.
  7. 1 Joh 4,7 EU.
  8. Mt 5,44-45 EU.
  9. 1 Joh 3,15 EU.
  10. Mt 6,12 EU.
  11. Lk 23,34 EU.
  12. Apg 10,38 EU.
  13. 1 Joh 3,16-18 EU.
  14. Vgl. Lk 10,30-35 EU.
  15. Augustinus, De moribus Ecclesiae catholicae I, Kap. XXX. PL 32, 1336.
  16. 1 Kor 9,22 EU.
  17. Kol 3,12 EU.
  18. Vgl. Benedikt XV., Apostolisches Schreiben «Diuturni» vom 15. Juli 1919. AAS XI (1919) 305-306.
  19. Vgl. Benedikt XV., Schreiben „Amor ille singularis“ vom 7. Oktober 1919. AAS XI (1919) 412-414.
  20. Benedikt XV., Rundschreiben Ad beatissimi Apostolorum Principis vom 1. November 1914. AAS VI (1914) 581.
  21. Augustinus, De civitate Dei XIX, Kap. XVII. CV 40, 2, 404; PL 41, 646.
  22. Augustinus, De moribus Ecclesiae catholicae I, Kap. XXX. PL 32, 1336.
  23. Eph 2,13-17 EU.
  24. Kol 3,9-11 EU.
  25. Margareta Maria Alacoque, Gabriel dell' Addolorata, Jeanne d'Arc.
  26. Römisches Missale, Sekreta von Fronleichnam.
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