Oecumenicum concilium (Wortlaut)

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Apostolischer Brief
Oecumenicum concilium

von Papst
Johannes XXIII.
Anruf zum Gebet für das Ökumenische Konzil.
28. April 1962

(Offizieller lateinischer Text: AAS 54 [1962] 241-247)

(Quelle: Rudolf Graber/Anton Ziegenaus: Die marianischen Weltrundschreiben der Päpste von Pius IX. bis Johannes Paul II., Herausgabe im Auftrag des Institutum Marianum e.V.; Schnell & Steiner Verlag Regensburg 1997; 3. erweiterte und überarbeitete Auflage, S. 275-280 [Nn. 276-280]).

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Rosenkranz als Herz.jpg

Inhaltsverzeichnis

Im Blick auf das Zweite Vatikanische Konzil

1 Je näher das Ökumenische Konzil kommt, um so dringlicher ruft es die Christgläubigen zur würdigen geistigen Mitfeier. Darum hat sich in diesen letzten Monaten, insbesondere seit der Veröffentlichung von Humanae salutis, die Gefühle Unseres Herzens in vielfältigen Dokumenten zum Ausdruck brachten, die gerade die Bereitung des geistlichen Klimas für das große Ereignis beabsichtigen - manche dieser Dokumente tragen feierlichen, andere mehr familiären Charakter, sie sind ja alle wohl bekannt und haben, wie Uns berichtet wurde, bei den Katholiken eine begeisterte, überall sonst eine achtungsvolle Aufnahme gefunden.

Der Geist, der Unser Papstwort beseelt und bestimmt, ist immer der ganz gleiche: einerseits möchten Wir die Seelen dem Wirken der Gnade eröffnen, andererseits die Bereitschaft wecken, im Licht der ewigen Wahrheiten, in der gewissenhaften und hochherzigen Anwendung der Lehre Jesu zu leben und zu wirken.

Für das österliche Auferstehungsfest haben Wir Unseren ehrwürdigen Mitbrüdern und geliebten Söhnen, die Mitglieder der Päpstlichen Konzils-Zentralkommission sind -Kardinälen, Bischöfen, Prälaten und Ordensmännern, die die ganze Erde repräsentieren - und durch sie allen Völkern die Goldene Rose als Glückwunsch überreicht: diese Goldene Rose symbolisiert in ihrem Duft den Schmuck an Tugenden und Schönheit, mit dem sich das christliche Leben schmücken soll: Das ist das Zeichen, welches durch jene Goldene Rose unseres Vorgängers Innozenz III. prächtig zum Ausdruck gebracht ist, die in Liebe rötlich glänzt und angenehm vom Wohlgeruch aller christlichen Tugenden duftet. Dies soll allen Mut machen, um die hervorragende Gestalt der Heiligkeit beispielhaft zu pflegen[1].

Wie mehrmals schon angekündigt, kommen Wir jetzt aber mit vertrauensvoller Sorge erneut zur ganzen katholischen Welt - und wie Wir gern hinzufügen möchten, zu allen Menschen guten Willens und rechter Gesinnung - im Namen Mariens, der Mutter Jesu und unserer Mutter. Und Wir laden alle zu noch vermehrtem Gebet ein dafür, dass sich die Horizonte religiösen Eifers weiten in der Verpflichtung zugleich zum noch größeren Eifer in der Heiligkeit des Lebens, in Vorsätzen, wie das Ökumenische Konzil sie fordert und nahe legt.

Nun ist der Monat Mai gekommen. Die Seelen spüren ganz spontan, die Gottesmutter im besonderen Zeugnis der Liebe zu verehren - und die Feiern in den Kirchen der katholischen Welt, von den berühmtesten Marienheiligtümern bis zu den schlichten Kapellen der Bergdörfer und Missionsländer, wie auch die innige Andacht im Kreis der christlichen Familien sind eine ergreifende Bestätigung der universalen Anziehungskraft, die die heilige Jungfrau auf ihre Kinder ausübt. Es ist darum Unser lebhaftes Verlangen, dass man diesen Maimonat wie in einem kindlichen Gespräch mit Unserer lieben Frau, der heiligsten Gottesmutter, durchschreitet, gleichsam um sie zu begleiten auf den Wegen, die zum Berge der Himmelfahrt Christi (heuer 31. Mai) führen. Der Marienmonat kulminiert ja in diesem Jahr im großen Fest der Himmelfahrt, das seit den ältesten Zeiten der Kirche des Morgen- und Abendlandes mit besonderer Innigkeit begangen wurde. Und ist es nicht ein milder Herzenstrost voller Ermutigung, Uns zu bereiten zum ergreifenden Abschiedsgruß an Jesus, der zum Vater zurückkehrt, um zugleich seine letzten Vermächtnisse und Anweisungen zu empfangen, in Begleitung seiner benedeiten Mutter und seinen Aposteln geeint, um den Eifer des Abendmahlssaales gleichsam heute nochmals zu erneuern, in dem alle "einmütig versammelt waren in beharrlichem Gebet mit Maria, der Mutter Jesu"[2].

Es soll unterstrichen sein, dass diese Unsere Mahnung zur frommen und fruchtbaren Feier des Marienmonats selbstverständlich in erster Linie sich an die Priester richtet. Es wird dann ihre Aufgabe sein, sie den Gläubigen nicht nur weiterzugeben, sondern sie ihnen auch so darzulegen und zu erläutern, dass sie damit eingeladen werden, ihre Gebete, Fürbitten und Opfer für den glücklichen Ausgang des Ökumenischen Konzils aufzuopfern, damit dieses grandiose Ereignis ein neues Pfingsten werde und der Heilige Geist noch einmal in wunderbarer Weise den Reichtum seiner Gaben über die Kirche ausgießt.

Wir möchten gern drei Gedanken darlegen, die den Priestern Stoff für Predigt und Verkündigung, den erlesensten Seelen Gegenstand zur Betrachtung, und jedem, der an der Feier des Konzils nicht unbeteiligt bleiben will, einen Strahl neuen Lichtes bieten. Wir wählen aus der inspirierten Erzählung der Apostelgeschichte Kap. 1 die letzten Worte Jesu: Was Jesus wirkte und lehrte bis zu dem Tage, da er den Aposteln, die er sich erwählt hatte, durch den Heiligen Geist seine Aufträge erteilte und in den Himmel aufgenommen ward. Diesen hatte er nach seinem Leiden viele Beweise dafür gegeben, dass er lebe: 40 Tage hindurch war er ihnen erschienen und hatte mit ihnen über die Angelegenheiten des Reiches Gottes gesprochen. Während er mit ihnen zu Tische war, gebot er ihnen, von Jerusalem nicht wegzugehen, sondern die Verheißung des Vaters abzuwarten. "Davon habt ihr ja (sagte er) aus meinem Munde gehört. Ihr werdet in wenigen Tagen mit dem Heiligen Geiste getauft werden... ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommt."[3]

Die Gegenwart Jesu

2 I. Vor allem zeigt sich Jesus 40 Tage lang den Aposteln und bestärkt sie mit seiner Gegenwart - so beweist er ihnen, dass er lebt.

Doch auch in den Himmel zurückgekehrt, wo er zur Rechten des Vaters sitzt, fährt Jesus fort, sich mitten unter uns lebendig zu zeigen. Er ist bei uns geblieben: "Siehe ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung der Zeiten"[4]. Jesus ist gegenwärtig in seiner Kirche, die hier seine Sendung fortsetzt und ausbreitet; er ist gegenwärtig in der Menschheitsgeschichte, die ganz auf ihn hin orientiert ist und, auch wo die Menschen dessen nicht gewahr werden, seinen Zielen der Erlösung und des Heiles dient; er ist gegenwärtig in den einzelnen Seelen mit der Ausstrahlung seiner Gnade und der Eucharistie.

Ein sprechendes und lebendiges Zeugnis dieser Gegenwart Jesu wird gerade auch das kommende Ökumenische Konzil sein, weil die Arbeit zur Zeitanpassung des Lebens der Kirche, die Gesamtheit der verschiedenen Gesetze und Anweisungen, die bei den feierlichen Sitzungen erlassen oder überprüft werden, ja gar nichts anderes erstrebt als dies, dass Jesus erkannt, geliebt, mit stets wachsender Hochherzigkeit nachgeahmt und ihm nachgefolgt werde. "Er muss herrschen": Er allein muss regieren und das ständige Streben unseres Lebens sein, auch in den bescheidensten Dingen und Diensten - mit ihm allein müssen wir leben, denn er hat "Worte des ewigen Lebens"[5]. Die Feier des Konzils, und vor allem die geistige Erneuerung, die ihm durch Gottes Gnade folgen muss, hat keinen anderen Zweck. Darum sei schon von jetzt an der Glaube eines jeden an den göttlichen Erlöser immer noch überzeugter und wirksamer in einer tiefen und ehrlichen Treue der Seele zu seiner Lehre, in der erhebenden Gewissheit seiner Gegenwart.

Das Reich Gottes

3 II. Jesus spricht ferner in den Tagen vor seiner Himmelfahrt zu den Aposteln vom Reiche Gottes: loquens de regno Dei. Das war ja seine Sendung: das Reich des Vaters in den Herzen der Menschen zu festigen und es auch in äußeren Formen auszubreiten in der Familie der Gläubigen. Dieses Reich bezieht sich nun einmal hauptsächlich auf die geistigen Werte, die Vorbereitung und Verheißung des himmlischen Reiches sind. Das Reich Christi ist ja, auch wenn es hier seinen Anfang nahm, nicht von dieser Welt: regnum me um est non hinc[6].

Nur so erlangt man eine Gesamtansicht, und nicht nur eine Teilsicht der Bedürfnisse des Menschen, dessen unsterbliche Seele sich bereitet, nach der irdischen Prüfung ihre ewige Bestimmung zu erreichen. Das aber legt sowohl dem einzelnen Menschen als auch der Gesellschaft, in der er lebt, ernste schwere Verpflichtungen auf. Die Interessen dieser Zeit dürfen ja die Wahrheit, die Gerechtigkeit, die Billigkeit in den Beziehungen zum Nächsten nicht zerstören. Man löscht das helle Licht des Himmels gleichsam aus, wenn man jede Existenz Gottes leugnet oder wenn man die Menschen, die ja alle unsere Brüder sind, in irgendeiner Weise vernichtet, oder indem man ihre unveräußerlichen natürlichen Rechte verachtet, die sich aus ihrer Natur, die ja frei ist und aus der Bestimmung und Würde des christlichen Lebens ergeben.

Die Erwartung und Vorbereitung des Ökumenischen Konzils verlangt darum eine noch viel entschlossenere Bemühung um die individuelle und soziale Gerechtigkeit, eine viel hochherzigere Verpflichtung zur Liebe, ein frohes Geben seiner selbst für das Gemeinwohl, damit die ausgewogenste Ordnung in den familiären, sozialen und internationalen Beziehungen vorankommen kann im Fortschritt und zum Vorteil der ganzen Menschheit.

Die Kraft des Heiligen Geistes

4 III. Schließlich verheißt der Herr die Gabe von oben, den Beistand und Tröster, herab gesandt von ihm und vom Vater: accipietis virtutem supervenientis Spiritus Sancti in vos [7]. Das große Thema, die gewaltige Kraft, unsere einzige wahre Hilfe ist diese Gotteskraft, die der Geist ausgießt in den Herzen - nämlich die Heiligmachende Gnade, vorbereitet und begleitet von zahllosen helfenden Gnaden. Das ist das, was letztlich zählt, was gilt: die innere Erneuerung der Seelen in einer wahren christlichen Wiedergeburt. Wenn das fehlte, könnte auch das Ökumenische Konzil keine Frucht bringen: darum also die Notwendigkeit noch viel eifrigeren Betens, eines häufigen Sakramentenempfanges, dass die Gnade alle Lebensformen durchdringen kann, alles auf das Übernatürliche ausrichten, Geist und Willen, Urteile und Vorsätze, all die verschiedenen vielfältigen Äußerungen menschlichen Wirkens mit der Kraft des Geistes, der göttlichen Kraft zu erfüllen vermag - ob in freien oder unselbständigen Berufen, im Kulturschaffen oder bei der Handarbeit. Es gilt immer noch und allzeit die christliche Sicht der Welt, wie sie von Unserem Vorgänger, dem heiligen Gregor dem Großen, so gut zusammengefasst ist in den Worten: "Das himmlische Vaterland ersehnen; die Lüste des Fleisches zähmen; den Ruhm der Welt meiden; fremdes Gut nicht begehren; vom Eigenen gerne austeilen"[8].

Für dieses geistige Lebensprogramm ist die Kraft des Heiligen Geistes notwendig, die den Seelen die treue Entsprechung gegenüber den himmlischen Anregungen eingießt (sie fähig, bereit, geneigt macht, dazu beschwingt). Und wenn alle Unsere geliebten Kinder sich in dieser brennenden Verpflichtung auszeichnen möchten, kann es für Uns keinen Zweifel geben, dass das Konzil wahrhaftig das neue Pfingsten wird, der wunderbare Gnadenfrühling, den Unser Herz im voraus schon ahnend erwartet.

Ehrwürdige Mitbrüder und geliebte Kinder!

5 Der Monat Mai bietet gerade günstige Gelegenheit zu einer solch ernsten und intensiven Vorbereitung. In der Erneuerung der einhelligen Gebetsgemeinschaft mit Maria, der Mutter Jesu, sei dieser Mai durchschritten mit besonderer Innigkeit der Liebe und Hingabe in allen so vielfältigen Formen, in denen sich die Volksfrömmigkeit in den einzelnen Gegenden ausdrückt. "Und der marianische Rosenkranz, o, welch schöner Strauß herrlicher Blüten wäre gerade er allzeit in den vielfältigen Äußerungen zarter Liebe wie aller Betrübnis der Herzen, in der frommen Betrachtung und Anrufung der lieben himmlischen Mutter"[9].

Aber der gebenedeite Rosenkranz Unserer lieben Frau ist vor allem gerade die charakteristische Eigenandacht der Priester, und Wir möchten ihnen als nachahmenswertes Beispiel hier den heiligen Johannes Maria Vianney, den Pfarrer von Ars, vorstellen, den Wir selber so gern ganz ergriffen betrachten, wie der Rosenkranz in einzigartiger Andacht und Frömmigkeit durch seine Hände geht. Möchten die Priester von diesem Vorbild sich doch aneifern lassen zur Erlangung einer ihrer Berufung würdigen Heiligkeit - einer Berufung, die Gott dafür gab, das Heil der Seelen zu wirken.

So sei der Rosenkranz also der friedvolle Herzenstrost ganz besonders Unserer geliebten Priester, wie ferner auch der in einem Leben vollkommener Keuschheit, und steter Liebe gottgeweihten Seelen, all der guten christlichen Familien, bei denen das Gesetz Gottes noch im Mittelpunkt der Gedanken, Empfindungen und Wünsche steht; der Rosenkranz falte und umschlinge die Hände unserer Kleinen, er flechte sich um die Hände der Leidenden, er weihe die Mühen der Eltern in der AIItagsarbeit und werte diese damit zugleich auf - der Rosenkranz ströme Glut und Duft jener herzinnigen Frömmigkeit aus, die von der himmlischen Mutter die erlesensten Gnaden herabfleht auf das kommende Konzil.

In der frohen Hoffnung, dass diese Unsere Worte die Seelen inspirieren zur Andacht und Tiefe der Betrachtung und zur hochherzigen Lebensanwendung, erteilen Wir euch, ehrwürdige Mitbrüder, sowie allen einzelnen Priestern und Gläubigen, die eurer Hirtensorge anvertraut sind, Unseren liebevollen Apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom, bei St. Peter, am 28. April 1962,
im vierten Jahre Unseres Pontifikates
Johannes XXIII. PP.

Anmerkungen

  1. Vgl. AAS 54 (1962) 222
  2. Apg 1,14 EU
  3. Apg 1,2-5.8 EU
  4. Mt 28,20 EU
  5. Joh 6,69 EU
  6. Joh 18,36 EU
  7. Apg 1,8 EU
  8. Vgl. Hirtenwort Johannes XXIII. an seine Diözese Rom zum kommenden Konzil, CR 12.4.62.
  9. Ebd.

Weblinks

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