Nell´ alba (Wortlaut)

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Weihnachtsrundfunkansprache
Nell´ alba

von Papst
Pius XII.
über die Gefahren für einen dauerhaften Frieden
24. Dezember 1941

(Offizieller italienischer Text AAS 34 [1942] 10-21)

(Quelle: Gerechtigkeit schafft Frieden, Reden und Enzykliken des Heiligen Vaters Pius XII., Herausgegeben von Wilhelm Jussen SJ, Hansa Verlag Josef Toth Hamburg 1946, S. 47-65 mit Sachregister, Kirchliche Druckerlaubnis Osnabrück am 9. Juli 1946 der bischöfliche Generalvikar Dr. Selig; auch in: Emil Marmy (Hrsg.), Mensch und Gemeinschaft in christlicher Schau, Dokumente, Paulus Verlag Freiburg/Schweiz 1945, S. 769-785; Imprimatur Friburgi Helv., die 21. Augusti 1945 L. Clerc, censor).

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen guten Willens. (Lk 2,14 EU)

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Wir stehen in dem Dämmerlicht, das dem heiligen Weihnachtsfest voraus leuchtet, jenem Fest, das immer mit so lebendiger, freudiger und inniger Sehnsucht erwartet wird, wo jedes Haupt sich anschickt sich zu neigen und jedes Knie sich in Anbetung zu beugen vor dem unaussprechlichen Geheimnis der Barmherzigkeit und Güte Gottes, Der in Seiner unendlichen Liebe der Menschheit Seinen Eingeborenen Sohn als größtes und erhabenstes Geschenk geben wollte. Da weitet sich Unser Herz, geliebte Söhne und Töchter auf dem weiten Erdenrund, zu euch hin und erhebt sich und dringt in den Himmel ein, ohne die Erde zu verlassen.

2 Der Stern, der den Weg zu der Krippe des neugeborenen Erlösers zeigt, strahlt auch heute noch nach 20 Jahrhunderten wundersam am Himmel der Christenheit. "Mögen die Heiden tollen, und die Nationen sich verschwören gegen Gott und Seinen Gesalbten (Ps 2, 1. 2), dieser Stern hat inmitten der Stürme der Menschheitsgeschichte noch keinen Untergang gekannt, er kennt ihn auch heute nicht und wird ihn nie kennen. Ihm gehören Vergangenheit Gegenwart und Zukunft. Er ermahnt uns nie zu verzweifeln. Er strahlt über den Völkern, auch wenn auf der Erde wie auf sturmtosendem Meere die dunklen Wirbelstürme sich verstärken, die Unglück und Leid bringen. Das Licht dieses Sternes ist ein Licht der Kraft, der Hoffnung unerschütterlichen Glaubens; ein Licht des Lebens und der Gewissheit des Endsieges des Erlösers; ein Licht, das als Stern des Heiles übergehen wird in den inneren Frieden und die Himmelsherrlichkeit für alle, die, zur übernatürlichen Gnadenordnung erhoben, die Macht erhalten haben, Kinder Gottes zu werden, da sie aus Gott geboren sind.

Das Leid des Krieges und seine Ursachen

In diesen leidvollen Zeiten kriegerischer Verwirrung sind Wir gepeinigt durch eure Pein und schmerzerfüllt mit eurem Schmerz. Wir leben wie ihr unter dem furchtbaren Alpdruck einer Geißel, die schon im dritten Jahr die Menschheit zerfleischt. Da wollen Wir am Vorabend dieses Hochfestes aus bewegtem Vaterherzen das Wort an euch richten, um euch zu mahnen, dass ihr fest steht im Glauben; um euch die Kraft jener wahren, überströmenden göttlichen Hoffnung und Gewissheit zu vermitteln, die von der Wiege des neugeborenen Erlösers ausstrahlt.

3 Wenn Unser Blick nicht über die materielle Welt hinausschaute, würde man kaum einen Trostgrund finden. Wohl verkünden die Glocken die Frohbotschaft von Weihnachten; wohl strahlen Kirchen und Kapellen und erfreuen die religiösen Harmonien die Geister; wohl sind die Gotteshäuser festlich geschmückt; aber die Menschheit hört nicht auf, sich in einem Vernichtungskrieg zu zerfleischen. Im Gottesdienst klingt aus dem Munde der Kirche die wunderbare Antiphon, auf: "Der Friedenskönig hat sich herrlich geoffenbart; alle Welt sehnt sich danach, Sein Antlitz zu schauen." Aber sie erklingt in schreiendem Gegensatz zu den Ereignissen, die über Berge und Täler hin schrecklich wüten, Haus und Heimat weithin verwüsten und Millionen von Menschen und ihre Familien in Not und Elend und Tod stürzen. Sicher, bewundernswert ist das vielfältige Schauspiel unbezwinglicher Tapferkeit bei der Verteidigung des Rechtes und des Heimatlandes, der Ergebenheit im Schmerz, der Seelen, die als Opferflammen leben für den Sieg der Wahrheit und der Gerechtigkeit. Aber mit drückender Angst schauen Wir wie im Traum die furchtbaren blutigen Kämpfe des jetzt endenden Jahres, das unglückliche Los der Verwundeten und Gefangenen, das körperliche und seelische Leid, die verheerenden Verwüstungen, die der Luftkrieg in großen, reich bevölkerten Städten, in weiten Industriegebieten anrichtet. Wir denken an die vergeudeten Reichtümer der Staaten, an die Millionen von Menschen, die der ungeheure Kampf und die harte Gewalt in Hunger und Elend stürzen.

4 Kraft und Gesundheit der reifenden Jugend werden erschüttert durch die Entbehrungen, welche die gegenwärtige Notzeit auferlegt. Die Ausgaben und Lasten des Krieges steigen auf zu schwindelnden Höhen. Sie verursachen eine Einengung der Produktivkräfte im bürgerlichen und sozialen Bereich und geben so Anlass zu begründeter Unruhe für die, welche mit besorgtem Blick in die Zukunft schauen. Der Machtgedanke erdrosselt und verdirbt die Rechtsnorm. Gebt Individuen und sozialen oder politischen Gruppen, die freie Möglichkeit, Gut und Leben anderer zu verletzen; lasst zu, dass auch alle anderen sittlichen Zerstörungen die bürgerliche Atmosphäre verwirren und in Brand setzen! Und Ihr werdet sehen, wie die Begriffe von Gut und Böse, von Recht und Unrecht ihre scharfen Umrisse verlieren, wie sie stumpfer werden, durcheinander geraten und zu verschwinden drohen. Wer kraft seines Hirtenamtes den Weg in die Tiefe der Herzen findet, weiß und sieht, wie viel Schmerz und Unruhe auf vielen Gemütern liegt und, noch immer sich vermehrt; wie es Lebenswillen und Arbeitsfreude verringert, den Geist erstickt, stumm und träge macht, argwöhnisch und fast ohne Hoffnung angesichts der Ereignisse und Nöte. Das sind Störungen des Seelenlebens, die keiner leicht nehmen darf, wenn ihm wirklich das wahre Wohl der Völker am Herzen liegt und er eine nicht allzu ferne Rückkehr zu normalen und geordneten Lebensverhältnissen anbahnen will. Aus solcher Schau der Gegenwart steigt eine tiefe Bitterkeit in die Seele, umso mehr als heute noch keine Verständigungsmöglichkeit zwischen den kriegführenden Parteien sich zu eröffnen scheint. Ihre wechselseitigen Kriegsziele und Programme scheinen vielmehr in unvereinbarem Gegensatz zu stehen.

5 Wenn man nach den Ursachen der heutigen Ruinen forscht, vor denen die betrachtende Menschheit erschüttert steht, wagt, man nicht selten zu behaupten, das Christentum habe versagt. Von wem und woher kommt diese Anklage? Vielleicht von den Aposteln, die der Ruhm Christi sind, den heroischen Eiferern für Glauben und Gerechtigkeit? Von den Hirten und Priestern, den Herolden des Christentums, die durch Verfolgungen und Martyrium hindurch die Barbarei veredelten und sie in Andacht vor den Altar Christi beugten; die die christliche Kultur einführten, die Überreste der Weisheit und Kunst Athens und Roms retteten, die Völker im christlichen Namen einten, Wissen und Tugend verbreiteten, das Kreuz auf den luftigen Zinnen und Gewölben der Kathedralen errichteten, diesen Bilder!! des Himmels, Denkmälern des Glaubens und der Frömmigkeit, die noch immer ihr ehrwürdiges Haupt über den Ruinen Europas erheben? Nein, das Christentum, dessen Kraft von Dem kommt, Der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, steht und wird stehen mit Ihm bis zum Ende der Zeiten. Es hat seine Aufgabe erfüllt. Aber die Menschen haben sich gegen das wahre, christustreue Christentum und seine Lehre aufgelehnt. Sie haben sich ein Christentum nach ihrer Art geformt, ein neues Idol, das nicht rettet, das den Leidenschaften fleischlicher Begierlichkeit, der Sucht nach Gold und Silber; die das Auge blendet, der Hoffart des Lebens nicht widerspricht, eine neue Religion ohne Seele oder eine Seele ohne Religion, eine Maske toten Christentums, ohne den Geist Christi; und dann haben sie proklamiert, das Christentum habe seine Sendung nicht 6 erfüllt. Dringen wir vor auf den Grund des Gewissens der modernen Gesellschaft, suchen wir die Wurzel des Übels! Wo liegt sie? Selbstverständlich wollen Wir hier nicht das schuldige Lob der Weisheit jenen Regierungen vorenthalten, die die Werte der christlichen Kultur in den Beziehungen zwischen Kirche und Staat, im Schutz der Heiligkeit der Ehe, in der religiösen Erziehung der Jugend, zum Vorteil des Volkes entweder immer begünstigten oder aber wieder zu Ehren zu bringen suchten. Daher wir können die Augen nicht schließen vor der traurigen Schau der fortschreitenden Entchristianisierung des Einzelnen und der Gesellschaft, die von der Lockerung der Sitten übergegangen ist zur Abschwächung und offenen Leugnung der Wahrheit und der Kräfte, die bestimmt sind, den Geist über Gut und Böse zu erleuchten, das Familienleben, das Privatleben, das staatliche und öffentliche Leben zu stärken. Eine religiöse Blutarmut, gleichsam eine Seuche; die um sich greift, hat so viele Völker Europas und, der Welt betroffen und in den Seelen eine derartige religiöse Leere verursacht, dass kein Religionsersatz und keine nationale oder internationale Mythologie sie füllen könnte. Was wußte man denn seit Jahrzehnten und Jahrhunderten Besseres und Schlechteres zu tun, als mit Wort und Tat und Maßnahmen den Glauben aus den Menschenherzen zu reißen, von der Kindheit bis zum Greisenalter? Den Glauben an Gott, den Schöpfer und Vater aller, den Lohner des Guten und den Rächer des Bösen? Man hat Erziehung und Unterricht verfälscht. Man hat, auf alle Art und Weise, durch Rede und Presse, unter Missbrauch von Wissenschaft und Macht; die Religion und die Kirche Christi bekämpft und unterdrückt.

Versagen der Menschen

7 Der Geist wurde Gott und dem christlichen Leben entfremdet und so in einen moralischen Abgrund gestürzt. Da blieb nichts anderes übrig, als dass Gedanken, Pläne, Ausrichtung, Wertung der Dinge, Tätigkeit und Arbeit der Menschen sich ganz der materieIIen Welt zuwandten. Man mühte sich schwer ab, um sich im Raum weiter auszudehnen, um mehr als je grenzenlos im Erwerb von Reichtum und Macht zu wachsen, um zu wetteifern in der schnellen, größeren und besseren Herstellung der Dinge, die der materielle Fortschritt zu fordern schien. Daher rührt in der Politik das Vorherrschen eines zügellosen Expansionszwanges und die Geltung eines ausschließlich politischen Ansehens, das sich nicht um die Moral kümmert; im Wirtschaftsleben die Herrschaft der großen und gigantischen Unternehmen und Konzerne; im Gesellschaftsleben der Zustrom und die Anhäufung der Volksmassen in belastendem Übermaß in den Großstädten und den Industrie- und Handelszentren; damit verbunden jene Unbeständigkeit, die einer Menschenmenge folgt und sie begleitet, wenn sie Haus und Wohnsitz, Land und Beruf, Neigung und Umgang wechselt.

Lösung aller Bindungen

8 Daraus ergibt sich ferner, dass die wechselseitigen Beziehungen des sozialen Lebens einen ausschließlich physischen und mechanischen Charakter annahmen. Unter Missachtung jeder vernünftigen Rücksichtnahme setzt sich die Herrschaft des äußeren Zwanges, des reinen Machtbesitzes über die Normen der Ordnung hinweg, die das menschliche Zusammenleben lenken. Diese Normen, die von Gott stammen, stellen fest, welche natürlichen und übernatürlichen Beziehungen zwischen Recht und Liebe in Bezug auf den Einzelnen und die Gemeinschaft gelten. Die Majestät und Würde der menschlichen Person und der einzelnen Gemeinschaften wurden ertötet, herab gemindert und unterdrückt von der Idee der Gewalt, die das Recht schafft. Das Privateigentum wurde bei den einen zur Macht für die Ausbeutung der Arbeit; bei den anderen zeugte es Eifersucht, Ungeduld und, Hass. Die Organisation, die daraus folgte, wandelte sich in eine starke Kampfwaffe, um Parteiinteressen durchzusetzen. In einigen Staaten fesselte eine atheistische oder antichristliche Staatsauffassung in ihren weit gesponnenen Fäden derart das Individuum, dass sie ihm fast die Unabhängigkeit im privaten wie im öffentlichen Leben raubte.

9 Wer kann sich heute wundern, wenn eine solche radikale Opposition gegen die Grundsätze der christlichen Lehre schließlich in einen leidenschaftlichen Zusammenstoß innerer und äußerer Spannungen ausmündete, der zu jener Vernichtung von Menschenleben und Zerstörung von Gütern führte, wie wir sie heute sehen und mit tiefem Schmerz miterleben ? Als verhängnisvolle Folge der eben beschriebenen sozialen Verhältnisse bietet der Krieg ihrem Einfluss und ihrer Entwicklung durchaus keinen Einhalt, sondern fördert, beschleunigt und erweitert sie, je länger er dauert, da er die Katastrophe noch allgemeiner macht.

10 Aus Unserem Wort gegen den Materialismus des letzten Jahrhunderts und der Gegenwart würde einen falschen Schluss ziehen, wer daraus eine Verurteilung des technischen Fortschritts folgerte. Nein wir verdammen nicht was Gottesgeschenk ist, Der das Brot aus der Scholle wachsen lässt, im tiefsten Schoß der Erde in den Tagen der Schöpfung Schätze von Feuer, von Metall und kostbaren Steinen verbarg, die die Hand des Menschen für seinen Bedarf, seine Werke, seinen Fortschritt ausgraben sollte. Die Kirche, Mutter so vieler Universitäten Europas, die noch immer die kühnsten Lehrer der Wissenschaft, die Naturforscher ehrt und eint, weiß jedoch wohl, dass man von jedem Gut, sogar von der Willensfreiheit lobens- und lohnenswerten, aber auch tadelns- und verdammenswerten Gebrauch machen kann, So ist es gekommen, dass der Geist und die Tendenz, so oft der technische Fortschritt gebraucht wurde, bewirkten, dass in der gegenwärtigen Stunde die Technik ihren Irrtum sühnen und gleichsam sich selbst strafen muss, indem sie Werkzeuge des Ruins schafft, die heute zerstören, was sie gestern erbaut hat.

Heilmittel Rückkehr zum Glauben

11 Angesichts der Ausdehnung der Katastrophe, die durch die aufgezeigten Irrtümer verursacht wurde, gibt es nur ein Heilmittel: die Rückkehr zu den Altären, zu deren Stufen ungezählte Generationen von Gläubigen sich schon den Segen und die sittliche Kraft holten für die Erfüllung der eigenen Pflichten; zu dem Glauben, der Einzelne und Gemeinschaft erleuchtete und die Rechte und Pflichten eines jeden lehrte; zu den weisen und unerschütterlichen Normen einer sozialen Ordnung, die im nationalen wie im internationalen Bereich eine wirksame Schranke gegen den Missbrauch der Freiheit wie auch gegen den Missbrauch der Macht errichten. Aber der Aufruf zu diesen Segensquellen muss laut, dauernd, allgemein erhoben werden in dieser Stunde, wo die alte Ordnung verschwindet und eine neue an ihre Stelle tritt.

12 Der zukünftige Wiederaufbau wird wertvolle Möglichkeiten bieten können, um das Gute zu fördern, aber auch nicht frei sein von der Gefahr, in Irrtum zu fallen und mit dem Irrtum das Böse zu begünstigen. Er bedarf klugen Ernstes und reifen Nachdenkens, nicht allein wegen der gigantischen Schwierigkeit des Werkes; sondern auch wegen der schweren Folgen, die sein Misslingen in materieller und geistiger Hinsicht haben würde. Er erfordert einen weitblickenden Geist und einen festen Willen, mutige und tätige Menschen, aber vor allem gewissenhafte Menschen, die in ihren Plänen, Überlegungen und Handlungen beseelt, bewegt und getragen werden von einem lebendigen Gefühl der Verantwortlichkeit und sich nicht weigern, vor den heiligen Gesetzen Gottes sich zu beugen; denn, wenn mit der schöpferischen Kraft in der materiellen Ordnung nicht höchste Überlegung und ernstes Wollen in der sittlichen Ordnung verbunden ist, wird sich ohne Zweifel der Satz des heiligen Augustinus verwirklichen: "Sie laufen gut, aber auf dem Weg laufen sie nicht. Je, mehr sie laufen, desto mehr irren sie, weil sie vom Weg abweichen."

13 Es wäre nicht das erste Mal, dass Menschen, die sich mit den Lorbeeren kriegerischer Siege schmücken wollen, davon träumten, der Welt eine neue Ordnung zu geben, indem sie neue Wege zeigten, die nach ihrer Ansicht zu Wohlstand, Glück und Fortschritt führten. Aber immer wieder, wenn sie der Versuchung nachgaben, ihre Pläne gegen den Spruch der Vernunft, der Mäßigung, der Gerechtigkeit und der edlen Menschlichkeit zu verwirklichen, fanden sie sich enttäuscht und überrascht bei der Betrachtung der Trümmer ihrer Hoffnungen und misslungenen Pläne. So lehrt die Geschichte, dass Friedensverträge, die in einem Geist und unter Bedingungen abgeschlossen wurden, die im Widerspruch stehen zu den, sittlichen Grundsätzen wie auch zu einer richtigen politischen Weisheit, nur ein trauriges und kurzes Leben hatten. Sie stellen so klar heraus und bezeugen einen Rechnungsfehler, der zwar menschlich ist, aber darum nicht weniger verhängnisvoll. Nun sind aber die Ruinen dieses Krieges zu gewaltig, als dass man noch die Täuschung eines Scheinfriedens hinzufügen dürfte. Und um ein so großes Unheil zu verhüten, müssen mit aufrichtigem Willen und Tatkraft, mit dem Vorsatz großmütiger Beisteuer nicht nur diese oder jene Partei; nicht nur dieses oder jenes Volk, sondern alle Völker, ja die ganze Menschheit, zusammenarbeiten. Es ist ein allgemeines Unternehmen für das Gemeinwohl, das die Zusammenarbeit der Christenheit fordert wegen der religiösen und sittlichen Gesichtspunkte des Neubaus, den man errichten will.

14 So machen Wir Gebrauch von Unserem Recht oder besser, Wir erfüllen Unsere Pflicht, wenn Wir heute am Vorabend von Weihnachten, der göttlichen Morgenröte der Hoffnung auf den Weltfrieden, mit der Autorität Unseres apostolischen Amtes und aus dem warmen Antrieb Unseres Herzens die Aufmerksamkeit und die Gedanken der ganzen Welt auf die Gefahren lenken, die einen Frieden bedrohen, der die passende Grundlage eine wahren Neuordnung ist und der sehnsüchtigen Erwartung der Völker auf eine ruhigere Zukunft entspricht,

Wir fassen nun das zusammen und ergänzen, was Wir bei anderen Gelegenheiten auseinandersetzten, und weisen mit besonderem Nachdruck auf einige wesentliche Voraussetzungen einer internationalen Ordnung hin, die allen Völkern einen gerechten und dauerhaften Frieden sichert und einen blühenden Wohlstand zeitigt.

Fünf Gefahren für den Frieden

15 1. Im Rahmen einer sittlich begründeten neuen Ordnung ist kein Platz für Verletzung der Freiheit, Unversehrtheit und Sicherheit anderer Nationen, welcher Art auch ihre territoriale Ausdehnung oder ihre Verteidigungsmöglichkeiten sein mögen. Wenn es unvermeidlich ist, dass die großen Staaten wegen ihrer größeren Möglichkeiten und ihrer Macht den Weg vorzeichnen für die Bildung von Wirtschaftsgruppen mit den kleineren und schwächeren Nationen, so ist doch unbestreitbar das Recht aller auf Achtung ihrer Freiheit im politischen Bereich; auf den wirksamen Schutz jener Neutralität in Konflikten zwischen den Staaten, die ihnen auf Grund des Natur- und Völkerrechts zukommt; auf Schutz ihrer wirtschaftlichen Entwicklung. Nur so vermögen sie ja entsprechend das Gemeinwohl, den materiellen und geistigen Wohlstand des eigenen Volkes zu erreichen.

16 2. Im Rahmen einer sittlich begründeten neuen Ordnung ist kein Platz für die offene und hinterlistige Unterdrückung der kulturellen und sprachlichen Eigenarten der nationalen Minderheiten durch die Behinderung und Beschränkung ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, durch die Begrenzung oder Vernichtung ihrer natürlichen Fruchtbarkeit. Je gewissenhafter die zuständige Staatsautorität die Rechte der Minderheiten achtet, desto sicherer und wirksamer kann sie von ihren Gliedern die loyale Erfüllung ihrer Bürgerpflichten verlangen, die ihnen mit den anderen Staatsbürgern gemeinsam sind.

17 3. Im Rahmen einer sittlich begründeten neuen Ordnung ist kein Platz für enge, selbstsüchtige Berechnungen, die auf eine derartige Aneignung der gemeinnützigen wirtschaftlichen Hilfsquellen und Rohstoffe abzielen, dass die weniger von der Natur begünstigten Nationen davon ausgeschlossen bleiben. In dieser Hinsicht ist es Uns ein sehr großer Trost zu beobachten, wie die Notwendigkeit einer Teilnahme aller an den Gütern der Erde auch bei den Nationen bejaht wird, die bei der Verwirklichung dieses Grundsatzes zur Klasse der Gebenden und nicht der Empfangenden gehören würden. Aber es ist billig, dass eine Lösung dieser weltwirtschaftlich entscheidenden Frage in planvollem Fortschritt und unter den nötigen Sicherungen vor sich gehe, und dass sie aus den Mängeln und Versäumnissen der Vergangenheit ihre Lehre ziehe. Wollte man im kommenden Friedenswerk nicht mutig diesen Punkt ins Auge fassen, so bliebe in den Beziehungen unter den Völkern ein tiefgehender und weit ausgreifender Wurzelstock zurück, aus dem bittere Spannungen, neidgeladene Gegensätze und schließlich neue Konflikte hervorsprießen müssten. Es ist indes zu bemerken, dass die befriedigende Lösung dieses Problems innig zusammenhängt mit einem anderen Grundpfeiler der Neuordnung, von dem Wir im folgenden Punkt sprechen.

18 4. Im Rahmen einer sittlich begründeten neuen Ordnung ist, wenn einmal die gefährlichsten Brandherde bewaffneter, Konflikte ausgeschieden sind, kein Platz für einen totalen Krieg und für eine hemmungslose Aufrüstung. Man darf nicht zulassen, dass das Grauen eines Weltkrieges mit seiner wirtschaftlichen Not, seinem sozialen Elend und seinen sittlichen Verirrungen zum dritten Mal über die Menschheit komme. Damit sie lange vor einer solchen Geißel bewahrt bleibe, muss man mit Ernst und Ehrlichkeit an eine gradweise und entsprechende Abrüstung herangehen. Das Missverhältnis zwischen einer übertriebenen Rüstung der mächtigen Staaten und der mangelnden Rüstung der schwachen schafft eine Gefahr für die Erhaltung der Ruhe und des Friedens der Völker, und rät zu einer weitgehenden und entsprechenden Begrenzung in der Herstellung und im Besitz von Angriffswaffen.

19 Entsprechend dem Maß, in welchem die Abrüstung verwirklicht wird, sind geeignete, für alle ehrenvolle und wirksame Mittel festzusetzen, um der Norm "pacta sunt servanda", "Verträge müssen beobachtet werden", die lebenswichtige, sittliche Aufgabe wiederzugeben, die ihr in den rechtlichen Beziehungen der Staaten zukommt. Diese Norm, die in der Vergangenheit ernste Krisen und nicht zu leugnende Einbrüche erfahren hat, findet gegen sich ein fast unheilbares Misstrauen der verschiedenen Völker und ihrer Lenker. Damit das gegenseitige Vertrauen wieder ersteht, müssen Einrichtungen geschaffen werden, die sich die allgemeine Achtung erwerben und sich der edlen Aufgabe widmen, die aufrichtige Erfüllung der Verträge zu garantieren, aber auch passende Verbesserungen und Revisionen nach den Grundsätzen von Recht und Billigkeit zu fördern.

20 Wir sind Uns klar über die Menge von Schwierigkeiten, die es zu überwinden gilt und über die fast übermenschliche Kraft an gutem Willen, die von allen Seiten gefordert wird, damit es zu einer glücklichen Lösung der bezeichneten doppelten Aufgabe kommt. Aber diese gemeinsame Arbeit ist so wesentlich für einen dauernden Frieden, dass nichts die verantwortlichen Staatsmänner zurückhalten darf, sie in Angriff zu nehmen und mit gutem Willen mit zuarbeiten; auf das zukünftige Gute zu schauen, so die schmerzlichen Erinnerungen an missglückte Versuche der Vergangenheit zu überwinden und sich nicht abschrecken zu lassen von der gigantischen Kraft, die für eine solche Aufgabe gefordert wird.

21 5. Im Rahmen einer sittlich begründeten neuen Ordnung ist kein Platz für die Verfolgung der Religion und der Kirche. Von einem lebendigen Glauben an einen persönlichen, überweltlichen Gott strömt eine echte und dauerhafte sittliche Kraft aus, die den ganzen Lebenslauf durchformt; denn der Glaube ist nicht allein eine Tugend, sondern das göttliche Tor, durch das in den Tempel der Seele alle Tugenden einziehen und wodurch jener starke und zähe Charakter begründet wird, der nicht wankt bei den Fährnissen des Urteilens und des Rechtsempfindens. Das gilt immer, aber besonders muss der Glaube seine Leuchtkraft zeigen, wenn wie vom Staatsmann so auch vom letzten der Bürger das Höchste an Mut und sittlicher Stärke verlangt wird, um ein neues Europa und eine neue Welt auf den Ruinen wieder aufzubauen, die der Weltkonflikt mit seiner Gewalt, seinem Hass, seiner Spaltung der Geister angehäuft hat. Was die soziale Frage angeht, die am Ende des Krieges noch brennender sein wird, so haben unsere Vorgänger und auch Wir Grundsätze zur Lösung aufgezeigt. Dabei muss man jedoch beachten, dass sie nur dann ganz befolgt werden können und volle Frucht bringen, wenn Staatsmänner und Völker, Arbeitgeber und Arbeitnehmer beseelt sind vom Glauben an einen persönlichen Gott, den Gesetzgeber und Richter, Dem sie für ihr Tun Rechenschaft schuldig sind. Denn während der Unglaube, der sich gegen Gott, den Ordner des Weltalls stellt, der größte Feind einer gerechten Neuordnung ist, ist jeder, der an Gott glaubt, ihr mächtiger Förderer und Hüter. Wer an Christus glaubt, an Seine Gottheit, Sein Gesetz, Sein, Werk der Liebe und Verbrüderung der Menschen, trägt besonders wertvolle Bausteine zum sozialen Wiederaufbau bei. Das gilt in noch höherem Maße für die Staatsmänner, wenn sie sich bereit zeigen, weit die Tore zu öffnen und den Weg zu ebnen für die Kirche Christi, damit sie frei und ohne Störung ihre übernatürlichen Kräfte in den Dienst der Verständigung der Völker und des Friedens stellen und mit ihrer eifernden Liebe an dem gewaltigen Werk der Heilung der Wunden, des Krieges mitarbeiten kann.

22 Es ist deshalb unerklärlich, wie in einigen Gegenden vielfältige Maßnahmen den Weg der Botschaft des christlichen Glaubens versperren, während sie einer Propaganda, die ihn bekämpft, weitgehend freie Bahn lassen. Man entzieht die Jugend dem segensreichen Einfluss der christlichen Familie und entfremdet sie der Kirche; man erzieht sie in christus-feindlichem Geist, indem man ihr antichristliche Begriffe, Grundsätze und Lebenshaltung einflößt; man erschwert und behindert die Seelsorge und die caritative Tätigkeit der Kirche; man verkennt und lehnt ihren moralischen Einfluss auf den Einzelnen und die Gesellschaft ab: alles Maßnahmen, die im Laufe des Krieges durchaus nicht gemildert oder abgeschafft sind, sondern vielmehr unter mancher Rücksicht sich noch verschärften. Dass alles dieses und noch anderes fortgesetzt werden kann im Leid der gegenwärtigen Stunde, ist ein trauriges Zeichen des Geistes, in dem die Feinde der Kirche den Gläubigen inmitten aII der anderen nicht leichten Opfer die kummervolle Last bitterer Sorge auferlegen, die das Bewusstsein beschwert.

23 Wir lieben, dessen ist Gott, Zeuge, mit gleicher Liebe alle Völker ohne irgendeine Ausnahme, um auch nur den Anschein des Parteigeistes zu vermeiden, haben Wir Uns bis jetzt die größte Zurückhaltung auferlegt; aber die Maßnahmen gegen die Kirche und die Ziele, die sie verfolgen, sind derartig, dass wir Uns im Namen der Wahrheit verpflichtet fühlen ein Wort zu sagen, auch damit nicht unheilvolle Verwirrung unter den Gläubigen entsteht.

Wir blicken heute auf den Gottmenschen, Der in einem Stalle geboren ward, um den Menschen zu jener Größe zu erheben, von der ihn seine eigene Schuld herabgestürzt hatte; ihn wieder einzusetzen in die Kronrechte der Freiheit, Gerechtigkeit und Ehre, die ihm die Jahrhunderte des Götzendienstes verweigert hatten. Die Grundlage dieser Würde wird Kalvaria sein, ihr Schmuck nicht Gold und Silber, sondern Christi Blut, göttliches Blut, das seit zwei Jahrtausenden die Welt entsühnt und die Wangen Seiner Braut, der Kirche rötet und ihre Kinder reinigt, weiht, heiligt und verherrlicht mit himmlischem Glanz.

24 O christliches Rom, dieses Blut ist Dein Leben; durch dieses Blut bist Du groß und verklärst mit dieser Deiner Größe selbst die Ruinen Deines heidnischen Glanzes, reinigst und weihst die Bücher der Rechtsweisheit Deiner Prätoren und Cäsaren. Mutter wardst Du einer höheren und menschlicheren Gerechtigkeit, die Dich ehrt und Deinen Thron und die, die Dich hören. Du bist ein Leuchtturm der Gesittung, und das zivilisierte Europa und die Welt verdanken Dir das Höchste, was an Weihe und Heiligkeit, an Weisheit und Sittlichkeit ihre Völker und deren Geschichte verklärt. Du bist eine Mutter der Liebe. Deine Annalen, Deine Denkmäler, Deine Hospize, Klöster und Konvente, Deine Helden und HeIdinnen, Deine Reisen im Dienste der Missionen, Deine Zeitalter und Deine Jahrhunderte mit ihren Schulen und Universitäten sind Triumphzeugen Deiner Liebe, die alles umfasst, alles leidet, alles hofft, alles unternimmt, um Allen alles zu werden, Alle zu trösten und zu stärken, Alle zu heilen und zur Freiheit aufzurufen, die Christus den Menschen geschenkt hat, um sie zu jener Ruhe, jenem Frieden zu führen, der die Völker zu Brüdern und die Menschen aller Zonen, so verschieden sie sein mögen in Sprache und Sitte, zu einer einzigen Familie, die Welt zu einem gemeinsamen VaterIand macht.

25 Aus diesem, Rom, dem Mittelpunkt, der Grundfeste und der Lehrmeisterin der Christenheit, der Stadt, die mehr durch Christus als durch die Cäsaren die ewige ist, in der Zeit, richtet sich unser ganzes Sinnen und Denken auf das wahre Wohl der Einzelvölker und der ganzen Menschheit. Wir können an euch alle nur dem sehnlichen Wunsch und der beschwörenden Mahnung Ausdruck verleihen, es möge der Tag nicht mehr fern sein, an dem überall da, wo heute die Feindschaft gegen Gott und Christus die Menschen zeitlichem und ewigem Unglück zutreibt, tieferes Erfassen der Religion und neues Wollen wachsen; der Tag, da über der Wiege der "Neuen Ordnung" der, Stern von Bethlehem steht als Sinnbild und Künder eines neuen Geistes; eines Geistes, der wieder mit den Engeln das Gloria in excelsis Deo anstimmt und endlich allen Völkern das "Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind," als Himmelsgeschenk verkünden kann. Wenn dieser Tag angebrochen ist, dann können die Völker und ihre Lenker ohne Sorge vor heimtückischen neuen, Konflikten daran gehen, aus den Schwertern, die so furchtbare Wunden geschlagen haben, die Pflugscharen zu schmieden, durch deren friedliche Arbeit unter der Sonne des göttlichen Segens die Furchen gezogen werden sollen, um das Brot zu schaffen, das zwar mit Schweiß, doch nicht mehr mit Blut und Tränen benetzt ist.

Schluss

26 In dieser Erwartung, mit diesem Gebetswunsch auf den Lippen geht Unser Gruß und Segen zu allen Unseren Söhnen und Töchtern auf dem weiten Erdenrund, Unser Segen steige besonders reich herab auf jene Priester, Ordensleute und Laien, die um ihres Glaubens willen Qual und Not erdulden müssen. Er steige auch über jene herab, die zwar nicht zum sichtbaren Leib der Katholischen Kirche gehören, die aber durch den Glauben an Gott und Christus uns nahestehen und mit Uns über die Friedensordnung und ihre wesentlichen Ziele übereinstimmen. Er steige in besonderer Liebe herab über alle, welche die Hauptleidträger dieser Notzeit sind; er sei Schild allen, die unter den Waffen kämpfen, Arznei den Kranken und Verwundeten, Trost den Kriegsgefangenen, den von der eigenen Scholle Verjagten, von der Familie Weggerissenen, den Verbannten und Verschickten, all den Millionen armer Menschen, die Tag für Tag mit dem entsetzlichen Hunger kämpfen; er sei Balsam für jeglichen Schmerz und jegliches Unglück; er sei Stärkung und Ermutigung für alle Verhärmten und Notleidenden, die auf ein freundliches Wort warten, das in ihren Herzen Kraft und Mut, das wohltuende Bewusstsein brüderlich helfenden Mitgefühls wecke. Unser Segen ruhe endlich auf jenen mitleidvollen Herzen und Händen, deren nie versagende Opferwilligkeit Uns trotz der Knappheit Unserer Mittel immer wieder in den Stand gesetzt hat, die Tränen Vieler zu trocknen, die Not Vieler, gerade der Ärmsten und Verlassensten unter den Kriegsopfern zu lindern und sie innewerden zu lassen, dass die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, deren große, unaussprechliche Offenbarung das Kind in der Krippe ist (Tit 3,4); das Kind, das uns mit seiner Armut reich machen wollte, zu jeder Zeit, in jeder Not in Seiner Kirche weiterlebt und weiterwirkt ….

Pius XI. PP.
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