Militantis ecclesiae (Wortlaut)

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Enzyklika
Militantis ecclesiae

von Papst
Leo XIII.
an die Erzbischöfe und Bischöfe, Österreichs, Deutschlands und der Schweiz
anlässlich des 300. Jahres des Heimganges des seligen Petrus Kanisius
über die intellektuelle Ausbildung im christlichen Geist
1. August 1897

(Offizieller lateinischer Text: ASS XXX [1897-1898] 1897-1898)

(Quelle: Rundschreiben Leo XIII., Fünfte Sammlung, Lateinischer und deutscher Text, Herder´sche Verlagsbuchhandlung, übersetzt durch den päpstlichen Hausprälaten Professor Hettinger, Freiburg im Breisgau 1904; Die Nummerierung und Überschriften folgen der englischen Fassung)

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Ehrwürdige Brüder !
Gruß und apostolischen Segen

Inhaltsverzeichnis

Leben und Wirken des seligen Petrus Kanisius

1 Zum Segen nicht minder als zur Ehre der Streitenden Kirche empfiehlt es sich, öfter das Andenken jener feierlicher Weise zu begehen, welche durch hervorragende Tugend und Frömmigkeit zu hoher Herrlichkeit in der triumphierenden Kirche gelangt sind. Denn diese Gnadenbezeigungen erwecken die Erinnerung an die Beispiele heiligen Lebens vergangener Zeiten, die gewiss immer segensreich war, besonders aber in den Tagen der Feindseligkeit gegen Tugend und Glauben die heilsamsten Wirkungen. Nun verleiht Uns auch in diesem Jahre die Güte der göttlichen Vorsehung die Gunst, in Freuden die dreihundertjährige Wiederkehr des Tages zu feiern, an welchem der selige Petrus Kanisius zur ewigen Herrlichkeit eingegangen ist, jener heilige Glaubensheld, welcher so segensreich für die christliche Gesellschaft gewirkt hat, dass Wir seine Vorkehrungen nur mit größtem Nachdruck der Gutgesinnten als anregendes Beispiel vor Augen stellen können.

2 Hat doch die Gegenwart in vielen Beziehungen gewisse Ähnlichkeit mit jenem Zeitalter, in welchem Kanisius lebte, als die Sucht nach Neuerungen und die um sich greifende Willkür gegenüber der Glaubenslehre einen Abfall vom Glauben und ein Verderbnis der Sitten im ungeheuren Maße hervorriefen. Als zweiter Apostel Deutschlands, als ein anderer Bonifatius, suchte er voll Besorgnis diesen zweifachen Herd des Verderbens von allen, besonders aber von der Jugend fernzuhalten, nicht nur durch zeitgemäße Predigten oder scharfsinnige Disputationen, sondern vorzüglich durch die Gründung von Schulen und die Herausgabe trefflicher Bücher.

Die Wissenschaft als Waffe unserer Epoche

3 Viele tatkräftige Männer Eures Volkes sind seinem Beispiele gefolgt, haben gegenüber einem keineswegs ungebildeten Feinde zu denselben Waffen gegriffen und nicht mehr nachgelassen , zum Schutz und Preis der Religion gerade die edelsten Gebiete der Wissenschaft zu fördern und mit Feuereifer den ehrbaren Künsten jede Pflege angedeihen zu lassen. Die römischen Päpste, deren lebhafteste Sorge es immer war, den alten Ruhm der Wissenschaft befestigt zu sehen und die Hebung der Menschheit auf allen Gebieten fort und fort durch neue Segnungen zu steigern, haben diese Bestrebungen mit Wohlgefallen gutgeheißen. Und auch Wir haben, wie Euch, Ehrwürdige Brüder, nicht unbekannt geblieben ist, die Aufgabe, die Jugend recht und heilsam zu erziehen, allenthalben, soweit es Uns gestattet war, gewiss sorgfältig ins Auge gefasst; ja wenn irgend etwas, so war sie für Uns der Gegenstand angelegentlichster Fürsorge.

4 Gerne aber ergreifen Wir jetzt wieder die Gelegenheit, das Beispiel des Petrus Kanisius, des wackern Führers, denjenigen vor Augen zu stellen, welche im Heerlager der Kirche für Christus kämpfen, damit sie die Sache der Religion schärfer und glücklicher zu verteidigen vermögen, in der Erkenntnis, dass mit den Waffen der Gerechtigkeit auch die Waffen des Wissens verbunden werden müssen.

Folgen der sogenannten „Reformation“ in Deutschland

5 Welch bedeutsame Aufgabe dieser vortreffliche Mann der Treue gegen den katholischen Glauben in Hinsicht auf die Interessen des Staates und der Kirche auf seine Schulten genommen, das erkennen diejenigen leicht, welche betrachten, was für ein Anblick Deutschland beim Beginn der lutherischen Auflehnung bot. Die Sitten verschlechterten sich und gerieten täglich mehr in Verfall, und so standen dem Irrtum die Tore offen. Der Irrtum selbst brachte das Verderbnis der Sitten zur letzten Reife. Allmählich fielen infolge davon immer mehr vom katholischen Glauben ab; bald durchdrang das schlimme Gift fast alle Provinzen; Leute aus allen Ständen und Berufskreisen erlagen der Ansteckung, und schon setzte sich in vielen Herzen der Glaube fest, dass in jenem Reiche die Sache der Religion auf äußerste gefährdet und kaum noch ein Mittel übrig sei, die Krankheit zu heilen. Und es wäre wirklich um die größten Güter geschehen gewesen, wenn nicht Gottes Hilfe raschen Beistand geleistet hätte.

6 Zwar waren in Deutschland noch Männer, die am angestammten Glauben festhielten, hervorragend durch ihr Wissen wie durch ihren Eifer für die Religion. Noch waren da die Fürsten aus dem Hause Bayern und dem Hause Österreich, vor allem der römische König Ferdinand, der erste dieses Namens, die unerschütterlich daran festhielten, die katholische Sache zu schützen und zu verteidigen. Aber Gott gewährte in diesen Gefahren für Deutschland noch einen neuen und weitaus den wirksamsten Schutz, die Gesellschaft des Vaters Loyola, die zu rechter Zeit in jenen Stürmen erstand und der von den deutschen zuerst Petrus Kanisius beitrat.

Kanisius als Lehrer

7 Es kann hier nicht im einzelnen ausgeführt werden, mit welchem Eifer dieser heilige Mann das durch Zwist und Aufruhr zerrüttete Vaterland zur Einmütigkeit und zur alten Eintracht zurückzuführen suchte, mit welchem Feuer er in Disputationen mit den Lehrern des Irrtums eintrat, wie er in Predigten die Geister entflammte, wie er die Mühsale ertrug, wie viele Länder er durchwanderte, welch schwierige Gesandtschaften er um des Glaubens willen unternahm. Wie standhaft aber, um daran zu erinnern, hat er die Waffen des Wissens geführt, wie trefflich, wie klug, wie schlagfertig! Als er von Messana zurückgekehrt war, wohin er sich als Lehrer der Rhetorik begeben hatte, oblag er der Verwaltung des theologischen Lehramtes auf den Universitäten in Köln, in Ingolstadt, in Wien in ruhmvoller Weise und erschloss den Deutschen den hohen Wert der scholastischen Theologie, indem er selbst die königliche Straße der erprobten Lehrer der christlichen Schule einhielt. Da die Feinde des Glaubens zu jener Zeit aufs entschiedenste von der Scholastik sich wegwandten, weil durch sie hauptsächlich die katholische Wahrheit gestützt wurde, führt er diese Methode des Studiums öffentlich in den Lyzeen und Kollegien der Gesellschaft Jesu ein, zu deren Errichtung er mit so viel Mühe und Fleiß beigetragen hatte.

8 Und er scheute sich nicht von der höchsten Stufe der Philosophie herabzusteigen zu den Anfängen der Wissenschaft, Knaben in den Unterricht zu nehmen und zu ihrem Gebrauche Lehrbücher und Grammatiken zu verfassen. Wie er ferner von den Höfen der Fürsten, für welche er Vorträge gehalten hatte, oft zurückkehrte, um vor dem Volke zu predigen, so wandte er sich von der Behandlung der größten Fragen aus dem Gebiete der theologischen Kontroverse oder der Sittenlehre weg der Abfassung kleiner Bücher zu, die den Glauben des Volkes bestärken oder die Frömmigkeit wecken und nähren sollten. Bewunderungswürdig ist vollends der Erfolg, den er errang, als er, um die Unerfahrenen vor den Fallstricken der Irrlehren zu schützen, seine Summe der katholischen Lehre herausgab, ein gedrängtes, kurzes Werk, ausgezeichnet durch ein glänzendes Latein und nicht unwürdig, mit dem Stile der Kirchenväter verglichen zu werden. Dieses vortreffliche Werk wurde fast in allen Ländern Europas von den Gelehrten mit großem Beifalle aufgenommen. Nur am Anfang, nicht aber an Nützlichkeit stehen ihm jene beiden hochberühmten Katechismen nach, welche zum Gebrauche der unreifern Jugend von dem Seligen verfasst wurden, der eine für den Unterricht der Kinder in der Religion, der andere zur religiösen Belehrung der studierenden Jünglinge. Kaum erschienen, erwarben sich beide sehr die Gunst der Katholiken, dass sie fast in den Händen aller angetroffen wurden, welche die Anfangsgründe der christlichen Wahrheit lehrten, und nicht allein in den Schulen gleichsam als Milch für die Kinder verwendet, sondern auch öffentlich in den Kirchen zum Nutzen aller erklärt wurden. So geschah es, dass Kanisius dreihundert Jahre hindurch für den gemeinsamen Lehrer der Katholiken Deutschlands galt, und den Kanisius kennen im Volksmund heißt als: die christliche Wahrheit innehaben.

Die Beziehung zwischen Glaube und Kultur

9 Zur Genüge weisen diese Lehren des heiligen Mannes allen Guten den Weg, den sie einschlagen sollen. Wir wissen zwar, Ehrwürdige Brüder, dass Euer Volk den herrlichen Ruhm besitzt, mit Weisheit und großem Glück Talent und Studium aufzubieten zu Förderung der vaterländischen Ehre und zum Nutzen des privaten und öffentlichen Wohles. Die wichtige Aufgabe jedoch aller Gelehrten und Gutgesinnten unter Euch ist die, für die Religion mannhaft zusammenzustehen. Zu ihrer Ehre und zu ihrem Schutze soll jede Erleuchtung des Talentes, sollen alle Kräfte der Wissenschaft beitragen. Zum gleichen Ziele soll auch jeder glückliche Fortschritt, welcher irgendwie auf dem Gebiete der Kunst oder Wissenschaft gemacht wird, ohne Verzug ergriffen und zum geistigen Eigentum erworben werden.

10 Denn wenn es jemals eine Zeit gab, in welcher man zur Verteidigung der katholischen Sache Wissenschaft und Bildung im weitesten Sinne bedurfte, so ist es unsere Zeit, wo ein gewisser Vorsprung im Streben nach jeglicher menschlichen Ausbildung den Feinden des christlichen Namens mitunter Gelegenheit zum Angriff auf den Glauben bietet. Gleiche Kräfte also sind nötig, um diesem Angriff zu begegnen: man muss zum voraus sich des Gebietes bemächtigen, dem Feind die Waffen entreißen, mit denen er versucht, jede Verbindung des göttlichen und Menschlichen abzubrechen.

11 Wenn katholische Männer so geistig vorbereitet und, wie es Not tut, ausgerüstet sind, dann wird es gelingen, durch die Tat zu zeigen, dass der göttliche Glaube nicht nur in keinem Widerspruch zur menschlichen Bildung steht, sondern geradezu deren Gipfel und Krönung ist; dass derselbe auch in den scheinbar einander fernliegenden, ja widersprechenden Lehren dennoch mit der Philosophie so innig verbunden und verknüpft sei, dass sie durch gegenseitige Beleuchtung immer hellere Klärung erfahren; dass die Natur kein Feind, sondern Begleiterin und Dienerin der Religion ist; dass aus ihrer Fülle nicht nur jede Art von Kenntnis reichen Gewinn zieht, sondern dass die Wissenschaft und die Künste aus ihr am meisten Kraft und Leben schöpfen. Wie viel Glanz und Würde hinwieder der heiligen Wissenschaft die profanen Wissenschaften verleihen, kann leicht erkannt werden, wenn man die menschliche Natur betrachtet; zeigt sie doch größere Hinneigung zu dem, was auf die Sinne einen gefälligen Eindruck macht. Daher findet bei denjenigen Völkern, welche zumeist wegen ihrer Bildung geschätzt sind, ohne wohlgebildete Darstellung das Wissen kaum Beachtung, und von den Gelehrten wird am ehesten vernachlässigt, was den Schmuck gefälliger Formen nicht an sich trägt. Nun sind wir den Weisen Schuldner nicht minder als den Unweisen, so dass wir jenen im Geisteskampfe begegnen, diese aber vom Falle aufrichten und kräftigen müssen.

Die lange Lerntradition der Kirche

12 Und hier fürwahr nennt die Kirche ein sehr weites Gebiet ihr eigen. Denn sowie nach den langen Verfolgungen die Ruhe geistigen Forschens wiederkehrte, haben denselben Glauben, den zuvor mutige Männer mit ihrem Blute besiegelt hatten, Gelehrte mit ihrem Geist und Wissens beleuchtet. Zu solchem Ruhme wirkten zuerst die Väter so kraftvoll zusammen, dass es nicht besser geschehen könnte. Sie taten es in einer meistenteils wohlgebildeten, des römischen und griechischen Ohres würdigen Sprache.

13 Gleichsam angestachelt durch die Wissenschaft und Beredsamkeit derselben warfen sich andere mit voller Kraft auf das Studium der heiligen Dinge und sammelten das so reiche Erbgut christlicher Weisheit, in welchem jederzeit die übrigen Mitglieder der Kirche die Mittel finden sollten, alten Aberglauben auszurotten und dem Unwesen neuer Irrlehren den Boden zu entziehen. Alle Jahrhunderte wetteifern durch die Fruchtbarkeit an solchen Lehren, auch jene Zeit nicht ausgenommen, als alles Schöne dem Raub der Barbaren anheimfiel und in Missachtung und Vergessenheit geriet. Und wenn man heute die antiken Wunderwerke des menschlichen Geistes und der menschlichen Hand, welche einst bei Griechen und Römern das ehrenvollste Ansehen genossen, nicht gänzlich untergegangen sind, so ist ihre Erhaltung nur dem unverdrossenen Fleiße der Kirche zu danken.

14 Hellen Lichtglanz verbreitet also das Studium der Wissenschaften und Künste über die Religion. Deshalb ist es nötig, dass diejenigen, welche ihre ganze Kraft auf diese Gebiete werfen, nicht auf stilles Forschen ihre Geschicklichkeit verwenden, sondern damit ebenso auf das Leben einwirken, damit ihre wissenschaftliche Erkenntnis nicht vereinsame und unfruchtbar bleibe. Es mögen die Gelehrten ihre Studien dem Nutzen der christlichen Gesellschaft, ihre private Muße den allgemeinen Angelegenheiten dienstbar machen, damit ihr Wissen nicht gewissermaßen wie ein vollendeter Ansatz erscheine, sondern auf die Gestaltung der Verhältnisse sich wirksam zeige. Diese Tätigkeit muss offenbar schon bei der Jugend geweckt werden. Sie ist so wichtig, dass die größte Mühe und Sorge ihr zum Opfer gebracht werden muss.

Die Wichtigkeit katholischer Schulen

15 Aus diesem Grunde ermahnen Wir Euch, Ehrwürdige Brüder, vor allem sorgfältig zu wachen, dass die Schulen auf dem Boden des unverfälschten Glaubens erhalten bleiben, oder wo es nötig ist, auf ihn zurückgeführt werden, mögen es von den Vorfahren errichtete oder neu gegründete sein, und zwar nicht nur die Elementarschulen, sondern auch die sogen. Mittel- und Hochschulen. Die Katholiken Eures Landes mögen im Übrigen zuvörderst danach streben und darauf hinwirken, dass in der Erziehung der Kinder die Rechte der Eltern wie der Kirche geachtet und geschützt werden.

16 In dieser Angelegenheit ist vorzüglich darauf zu sehen, dass erstens die Katholiken besonders für die Knaben nicht gemischte Schulen haben, sondern allenthalben eigene, und dass zu Lehrern die besten und erprobtesten Kräfte ausgesucht werden. Denn diejenige Erziehung, in welcher die Religion entstellt oder gar nicht zur Geltung kommt, ist voll von Gefahren. In den sogen. gemischten Schulen sehen wir aber oft eines von beiden eintreten. Und es soll sich niemand einreden, dass die Pflege der Frömmigkeit ohne Schaden vom Unterricht getrennt werden könne. Denn wen man auf keinem Gebiete des menschlichen Lebens, weder in öffentlichen noch in privaten Angelegenheiten, der Religion entraten kann, so darf von ihrer Betätigung noch viel weniger ein Lebensalter ausgeschlossen werden, dem die ruhige Überlegung mangelt, dessen Lebensmut voll Feuer und das so vielen verderblichen Versuchungen ausgesetzt ist.

17 Wer demgemäss dem Unterricht so ordnet, dass er von der Verbindung mit der Religion ganz losgelöst ist, der wird auch die Saatkörner des Schönen und Ehrbaren vernichten, dem Vaterlande keinen Schutz, wohl aber über das menschliche Geschlecht Verheerung und Verderben bringen. Denn was wird die Jugend noch in den Banden der Pflicht festhalten, was die vom guten Pfad der Tugend abgeirrten und auf die abschüssigen Bahnen des Lasters geratenen zurückrufen können, wenn man ihnen Gott genommen hat?

Frömmigkeit und Lernen

18 Daraus folgt notwendig, dass man nicht nur in bestimmten Stunden der Jugend Religionsunterricht erteilen muss, sondern dass auch die ganze sonstige Schulung den Geist der christlichen Frömmigkeit atmen soll. Wenn dieser fehlt, wenn dieser heilige Hauch nicht die Seelen der Lehrenden und Lernenden erbauend durchdringt, wird jeglicher Unterricht nur spärliche Segnung hervorbringen, oft aber nicht geringen Schaden zufügen. Hat doch fast ein jeder Unterrichtszweig seine eigenen Gefahren, und die Jünglinge werden ihre Klippen nicht vermeiden können, wenn ihr Geist und Herz nicht vom Zügel göttlicher Leitung regiert wird. Deshalb verhüte man recht sehr, dass dasjenige, was die Hauptsache ist, die Pflege der Gerechtigkeit und Frömmigkeit, an die zweite Stelle zurückgedrängt werde; dass nicht die Jugend, einseitig für die Dinge begeistert, welche in die Augen fallen, die Kräfte der Tugend alle einbüße; dass sich die Lehrer nicht, während sie die Mühen und Beschwerden des Unterrichts tragen und über Silben und Striche grübelnd sich abquälen, selbst der geringsten Sorge für jene Weisheit entschlagen, deren Anfang die Furcht Gottes ist und nach deren Geboten der Lebenswandel in jeder Beziehung geregelt werden muss. Die Erkenntnis vieler Dinge soll daher mit der Sorge für die Ausbildung des Geistes verbunden werden, die Religion soll aber jeden Unterrichtszweig, welcher es auch immer sei, innerlich beleben und beherrschen und ihn mit ihrer Hoheit und Anmut so durchdringen, dass sie in den Gemütern der Jugend sozusagen den Sporn anregender Eindrücke zurücklasse.

19 Wenn nun aber die Kirche immer an dem Plane festhielt, dass alle Gebiete des Studiums besonders auf die religiöse Unterweisung der Jünglinge Bezug nehmen sollen, so ist es notwendig, dass diesem Felde des Unterrichtes nicht nur seine Stelle, und zwar eben eine hervorragende Stelle, zugewiesen werde, sondern dass dieses so wichtigen Lehramtes niemand walte, der für dasselbe nicht geeignet und durch das Urteil und die Sendung der Kirche für berufen erklärt ist.

Die höhere Katholische Ausbildung

20 Jedoch fordert die Religion nicht nur bei den Elementarschulen ihre Rechte. Es gab eine Zeit, da durch die Gesetze aller Akademien, besonders der Pariser, Vorsorge getroffen war, dass alle Studienfächer sich so an die Theologie anschlossen, dass niemand für ein vollendeter Gelehrter gehalten wurde, wenn er nicht die Laurea dieser Disziplin erworben hatte. Leo X. aber, der Wiederhersteller eine Augustäischen Zeitalters, und die übrigen Päpste nach ihm, Unsere Vorgänger, wollten, dass das römische Athenäum und die andern sogen. Studienuniversitäten beim Entbrennen des gottlosen Krieges gegen die Religion feste Burgen seien, wo unter Anführung und Befehl der christlichen Weisheit die Jünglinge ihren Unterricht empfangen sollten. Diese Studienordnung, welche Gott und den Heiligen zuerst diente, trug hervorragende Früchte; sicher hat sie die also erzogene Jugend besser auf den Boden der Pflichttreue festgehalten. Dieses Glück wird für Euch wiederkehren, wenn Ihr mit allen Kräften danach strebt, dass auf den sogen. Mittelschulen, den Gymnasien, Lyzeen und Akademien der Religion ihre Rechte gewahrt bleiben.

Eintracht im Geiste

'21 Und niemals möge vergessen werden, dass die besten Absichten vereitelt und die Arbeit umsonst unternommen wird, wenn es an Übereinstimmung der Herzen fehlt und an Eintracht im Vorgehen.

22 Denn was vermöchten die zersplitterten Kräfte der Gutgesinnten gegen einen gemeinsamen Angriff der Feinde? Oder was sollte die Tüchtigkeit der Einzelnen nützen, wo die einheitliche Disziplin fehlt? Deswegen ermahnen Wir ernstlich, dass Ihr alle unzeitgemäßen Streitfragen und allen Zwist der Parteien, der so leicht die Gemüter entzweit, zurückstellt und alle einstimmig für das Wohl der Kirche sorgt, mit vereinigten Kräften diesem einen Ziele zusteuert, und „bemüht, die Einheit der Gesinnung im Bande des Friedens zu bewahren“ (Eph 4,3), alle vom gleichen Willen beseelt seid.

Ahmt Kanisius nach

23 Zu dieser Ermahnung bewegt Uns das Andenken und die Erinnerung des so heiligen Mannes; möchte sein herrliches Beispiel in den Herzen dauernd wohnen und eine Liebe zur Wahrheit gleich der seinen erwecken, welche nie ablässt von der Sorge für das Heil der Menschen und dem Schutze für die Würde der Kirche.

24 Wir vertrauen aber, Ehrwürdige Brüder, wie es auch Euere angelegentlichste Sorge ist, dass Ihr bei dieser ruhmvollen Arbeit recht viele Genossen und Teilnehmer unter den gelehrten Männern erhaltet. Die beste Mitarbeit an der edlen Sache werden diejenigen leisten können, welche immer durch Gottes Vorsehung zum vortrefflichen Amte der Leitung des Unterrichtes der Jugend berufen sind.

25 Sie ist sozusagen recht eigentlich der Gegenstand ihrer Sorge. Mögen sie sich des Wahrspruches der Alten erinnern, dass Wissenschaft ohne Gerechtigkeit eher Schlauheit genannt zu werden verdient als Weisheit, mögen sie, noch besser, sich ins Herz eingraben die Worte der Heiligen Schrift: „Eitel sind ... alle Menschen, in welchen die Wissenschaft Gottes nicht wohnt“ (Weish 13.1); dann werden sie lernen, die Waffen des Wissens nicht so sehr zu ihrem privaten Vorteile als zum gemeinsamen Wohle zu führen. Die Früchte, welche einst Petrus Kanisius in seinen Kollegien und Anstalten erntete, werden dann auch sie als Lohn ihres Fleißes und ihrer Mühen zu pflücken hoffen dürfen, nämlich dass sie die Jünglinge gelehrig und willfährig finden, geziert mit dem Ehrenschmuck der Sittenreinheit, voll ängstlicher Scheu vor dem Beispiele gottloser Menschen, für Wissenschaft und Tugend gleichermaßen begeistert. Schlägt in ihren Seelen die Frömmigkeit tiefere Wurzeln, dann wir fast jede Furcht verschwinden, dass sie durch verkehrte Ansichten irregeleitet oder von der alten Tugendhaftigkeit abgelenkt werden. Auf solche baut die Kirche, auf solche die bürgerliche Gesellschaft die beste Hoffnung, dass sie einmal zu vortrefflichen Bürgern werden, durch deren Einsicht, Klugheit und Gelehrsamkeit die Ordnung der bürgerlichen Angelegenheiten und die Ruhe des häuslichen Lebens zu segensreichem Bestande gelangen kann.

26 Im Übrigen lasst uns zu Gott beten, welcher der Herr der Wissenschaft ist, und zu seiner jungfräulichen Mutter, welche der Sitz der Weisheit genannt wird, unter der Fürbitte des Petrus Kanisius, der sich durch seine Gelehrsamkeit um die katholische Kirche so hoch verdient gemacht hat, damit Wir die Gelübde mögen erfüllen können, welche Wir für das Wachstum der Kirche und das Heil der Jugend niedergelegt haben.

In dieser Hoffnung erteilen Wir jedem von Euch, Ehrwürdige Brüder, dem Klerus und Eurem ganzen Volke, als Wahrzeichen der himmlischen Gnaden und Zeugen Unseres väterlichen Wohlwollens, in aller Liebe den Apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom bei St. Peter, am 1. August 1897,

dem zwanzigsten Jahr Unseres Pontifikates

Papst Leo XIII.

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