Lamentabili sane exitu (Wortlaut)

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Dekret
Lamentabili sane exitu

Kongregation des Heiligen Offiziums
im Pontifikat von Papst
Pius X.
(Der so gen. Kleine Syllabus Papst Pius X.)
3. Juli 1907

(Offizieller lateinischer Text ASS XL [1907] 470-478)

(Quelle: Papst Pius X. Ein Bild kirchlicher Reformtätigkeit, Anhang S. 251-255, von D. Dr. Alexander Hoch, Leipzig, G. Müller-Mann´sche Verlagsbuchhandlung, mit kirchlicher Druckerlaubnis. Die Rechtschreibung ist der gegenwärtigen Form angeglichen; mögliche Quelle: Franz Heiner: Der neue Syllabus Pius´X. vom 3. Juli 1907 dargestellt und kommentiert, Kirchheim Verlag Mainz 1908, 330 Seiten).

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Es ist eine traurige Tatsache, dass unsere Zeit jeder Leitung überdrüssig, bei der Erforschung der höchsten Fragen nicht selten dem Neuen so nachjagt, dass sie das Erbgut der Menschheit preisgibt und den schwersten Irrtümern anheimfallt. Diese Irrtümer werden um so gefährlicher sein, wenn es sich um die heiligen Wissenschaften handelt, um die Erklärung der Heiligen Schrift, um die vorzüglichsten Glaubensgeheimnisse. Es ist aber sehr zu bedauern, dass sich auch unter den Katholiken nicht gerade wenige Schriftsteller finden, welche die von den Vätern und von der Heiligen Kirche selbstgesetzten Grenzen überschreiten und unter dem Schein einer höhern Einsicht und im Namen der geschichtlichen Auffassung einen Fortschritt der Dogmen anstreben, der in Wahrheit ihre Zersetzung ist. Damit aber derartige Irrtümer, die täglich unter den Gläubigen verbreitet werden, in ihrem Herzen keine Wurzel fassen und die Glaubensreinheit beeinträchtigen, hat es dem Heiligen Vater Pius X. gefallen, dass die Heilige römische und allgemeine Inquisition die vorzüglichsten derselben kennzeichne und verurteile. Darum haben die erlauchten Herren Kardinäle, die in Sachen der Glaubens- und Sittenlehre Generalinquisitoren sind, nach vorheriger sorgfältiger Untersuchung und nach Einholung des Gutachtens der Konsultoren ihr Urteil dahin abgegeben, dass folgende Sätze zu verurteilen und zu verfolgen sind, wie es durch folgendes Generaldekret geschieht.

1. Das kirchliche Gesetz, welches vorschreibt, dass Bücher über die göttlichen Schriften einer vorherigen Zensur zu unterwerfen seien, erstreckt sich nicht auf diejenigen, welche sich mit der Kritik oder wissenschaftlichen Erklärung der Bücher des Alten und des Neuen Testaments beschäftigen.

2. Die kirchliche Auslegung der heiligen Bücher ist zwar nicht zu verachten, unterliegt jedoch dem genaueren Urteil und der Verbesserung der Exegeten.

3. Aus den gegen die freie und wissenschaftliche Exegese erlassenen kirchlichen Urteilen und Zensuren lässt sich schließen, dass der von der Kirche vorgetragene Glaube der Geschichte widerspricht und dass die katholischen Dogmen sich mit den eigentlichen Anfängen der christlichen Religion nicht vereinigen lassen.

4. Das Lehramt der Kirche kann nicht einmal durch dogmatische Definitionen den wahren Sinn der Heiligen Schriften feststellen.

5. Da im Schatze des Glaubens nur offenbarte Wahrheiten enthalten sind, kommt es in keiner Beziehung der Kirche zu, Urteile über die Sätze der menschlichen Wissenschaften zu fällen.

6. Bei Feststellung der Wahrheiten arbeiten die lernende und die lehrende Kirche so zusammen, dass die lernende weiter nichts zu tun hat, als die allgemein angenommenen Ansichten der lehrenden gut zu heißen.

7. Wenn die Kirche Irrlehren verdammt, kann sie nicht von den Gläubigen eine innere Zustimmung verlangen, wodurch sie die von ihr erlassenen Urteile annehmen.

8. Als von jeder Schuld frei sind die zu betrachten, die den von der heiligen Indexkongregation und anderen heiligen römischen Kongregationen erteilten Tadel für nichts achten.

9. Eine allzu große Einfalt oder Unwissenheit tragen die zur Schau, die glauben, dass Gott in Wahrheit der Urheber der Heiligen Schrift sei.

10. Die Inspiration der Bücher des Alten Testaments besteht darin, dass die israelitischen Schriftsteller religiöse Lehren von einem besonderen, den Heiden wenig oder gar nicht bekannten Standpunkt dargelegt haben.

11. Die göttliche Inspiration erstreckt sich nicht so auf die ganze Heilige Schrift, dass sie alle ihre einzelnen Teile vor jedem Irrtum schützt.

12. Wenn der Exeget mit Nutzen biblische Studien treiben will, so muss er vor allen Dingen jede vorgefasste Meinung über den übernatürlichen Ursprung der Heiligen Schrift ablegen und darf diese nicht anders auslegen als andere, rein menschliche Dokumente.

13. Die evangelischen Gleichnisse haben die Evangelisten selbst und die Christen der 2. und 3. Generation künstlich hergestellt und sind dadurch Veranlassung zu dem geringen Erfolg der Predigt Christi bei den Juden gewesen.

14. In mehreren Erzählungen haben die Evangelisten nicht so sehr das, was wahr ist, berichtet, als das, was sie, wenn es auch falsch war, doch nützlicher für ihre Leser glaubten.

15. Die Evangelien wurden bis zur definitiven Festsetzung des Kanons fortwährend durch Zusätze und Korrekturen vermehrt. Daher, blieb in ihnen von der Lehre Christi nur eine schwache und unsichere Spur zurück.

16. Die Erzählungen des Johanries sind nicht eigentlich eine Geschichte, sondern eine mystische Betrachtung des Evangeliums. Die in seinem Evangelium enthaltenen Predigten sind theologische Meditationen über das Mysterium des Heils und ermangeln der historischen Wahrheit.

17. Das 4. Evangelium übertrieb die Wunder nicht allein, um sie außerordentlicher erscheinen zu lassen, sondern auch damit sie geeigneter wurden, das Werk und den Ruhm des Fleisch gewordenen Wortes darzustellen.

18. Johannes nimmt allerdings die Eigenschaft eines Zeugen von Christo für sich in Anspruch; in Wahrheit jedoch ist er nur ein hervorragender Zeuge des christlichen Lebens oder des Lebens Christi in der, Kirche am Ausgang des 1. Jahrhunderts.

19. Die heterodoxen Exegeten haben den wahren Sinn der Schriften treuer wiedergegeben, als die katholischen Exegeten.

20. Die Offenbarung konnte nichts anderes sein als das vom Menschen erworbene Bewusstsein seiner Beziehung zu Gott.

21. Die Offenbarung als Gegenstand des katholischen Glaubens war, mit den Aposteln nicht vollendet.

22. Die Dogmen, welche die Kirche als Offenbarungen hinstellt, sind keine vom Himmel gefallenen Wahrheiten, sondern eine Auslegung der religiösen Tatsachen, welche sich der menschliche Verstand mit mühsamer Anstrengung errungen hat.

23. Bestehen kann und es besteht wirklich ein Gegensatz zwischen den in der Heiligen Schrift erzählten Tatsachen und den darauf gestützten Dogmen der Kirche, sodass der Kritiker Tatsachen als falsch verwerfen kann, welche die Kirche für sehr sicher hält.

24. Der Exeget ist nicht tadelnswert, der Voraussetzungen konstruiert, aus denen folgt, dass Dogmen historisch falsch oder zweifelhaft sind, wenn er nur nicht direkt die Dogmen selbst leugnet.

25. Die Zustimmung des Glaubens beruht im letzten Grunde auf einer Häufung von Wahrscheinlichkeiten.

26. Die Glaubenssätze sind nur nach ihrem praktischen Sinn zu betrachten, d. h. als verpflichtende Richtschnur für das Handeln, nicht jedoch als Richtschnur für den Glauben.

27. Die GÖTTLICHKEIT Christi ist aus den Evangelien nicht zu erweisen, sondern sie ist ein Dogma, welches das christliche Bewusstsein aus dem Begriff des Messias abgeleitet hat.

28. Als Jesus Sein Lehramt ausübte, redete er nicht, um zu zeigen, dass er der Messias sei, und auch seine Wunder hatten nicht den Zweck, dies zu beweisen.

29. Man kann zugeben, dass der Christus, der die Geschichte darbietet, weit unter dem Christus steht, der Gegenstand des Glaubens ist.

30. In allen evangelischen Texten, bedeutet der Name ”Sohn Gottes” lediglich ”Messias“; durchaus nicht aber bedeutet er, dass Christus der wahre und natürliche Sohn Gottes sei.

31. Die Lehre, welche Paulus, Johannes und die Konzilien von Nicäa, Ephesus und Chalcedon über Christus aufstellen, ist nicht die, welche Jesus gelehrt hat, sondern die, welche das christliche Bewusstsein von Jesus empfangen hat.

32. Der natürliche Sinn der evangelischen Texte ist unvereinbar mit dem, was unsere Theologen über das Bewusstsein und das unfehlbare Wissen JESU Christi lehren.

33. Für jeden, der nicht vorgefassten Meinungen folgt, ist es klar, dass entweder Jesus einen Irrtum bezüglich der nahe bevorstehenden messianischen Wiederkunft ausgesprochen hat, oder dass der größte Teil Seiner Lehre, wie sie in den synoptischen Evangelien enthalten ist, der Authentizität ermangelt.

34. Der Kritiker kann Christus ein unbegrenztes Wissen nur unter der Voraussetzung, die historisch undenkbar ist und dem sittlichen Gefühl widerstrebt, zugestehen, dass Christus als Mensch das Wissen Gottes hatte und trotzdem Seinen Jüngern und der Nachwelt die Kenntnis so vieler Dinge nicht mitteilen wollte.

35. Christus hat nicht immer das Bewusstsein seiner messianischen Würde gehabt.

36. Die Auferstehung des Erlösers ist nicht eigentlich eine Tatsache von historischem Range, sondern eine Tatsache von rein übernatürlichem Range, weder bewiesen, noch beweisbar, die das christliche Bewusstsein allmählich aus anderen Tatsachen abgeleitet hat.

37. Der Glaube an die Auferstehung Christi betraf anfangs nicht so sehr die Tatsache der Auferstehung selbst, als das unsterbliche Leben Christi bei Gott.

38. Die Lehre vom Sühnetod Christi ist nicht evangelisch, sondern nur paulinisch.

39. Die Meinungen über den Ursprung der Sakramente, von denen die tridentinischen Väter erfüllt waren, und die ohne Zweifel Einfluss hatten auf ihre dogmatischen Kanones, sind weit entfernt von jenen, die heute mit Recht bei den historischen Erforschern des Christentums vorherrschen.

40. Die Sakramente hatten ihren Ursprung darin, dass die Apostel und ihre Nachfolger irgendeine Idee und irgendeine Absicht Christi unter dem Antrieb und Einfluss der Umstände und Tatsachen interpretierten.

41. Die Sakramente haben nur den Zweck, dem Menschen die immer segensreiche Gegenwart des Schöpfers ins Gedächtnis zu rufen.

42. Die christliche Gemeinschaft führte die Notwendigkeit der Taufe ein, indem sie sie als notwendigen Brauch annahm und mit ihr die Verpflichtungen des christlichen Bekenntnisses verband.

43. Die Einführung der Kindertaufe war eine disziplinarische Entwicklung, die eine der Gründe dafür wurde, dass sich das Sakrament in zwei Teile teilte, nämlich in die Taufe und die Buße.

44. Nichts beweist, dass das Sakrament der Firmung von den Aposteln ausgeübt wurde. Die formale Unterscheidung aber von zwei Sakramenten, nämlich dem der Taufe und dem der Firmung, gehört nicht der Geschichte des Urchristentums an.

45. Nicht alles das, was Paulus von der Einsetzung der Eucharistie erzählt (1. Kor. 11, 28 bis 25), ist als historisch zu betrachten.

46. In der ersten Kirche gab es den Begriff des durch die Autorität der Kirche wieder ausgesöhnten christlichen Sünders nicht, sondern die Kirche gewöhnte sich nur sehr langsam an diesen Begriff, vielmehr auch nachdem die Buße als Einrichtung der Kirche anerkannt war, wurde sie nicht als Sakrament bezeichnet, weil sie als ein schimpfliches Sakrament betrachtet worden wäre.

47. Die Worte des Herrn : Nehmet hin den Heiligen Geist. Welchen ihr die Sünden erlasset, denen sind sie erlassen, und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten” (Joh. 20, 22 und 28), beziehen sich nicht auf das Sakrament, der Buße, was auch die Tridentinischen Väter immer behaupten mögen.

48. In seiner Epistel (5, 14 – 15) hatte Jakobus nicht die Absicht, ein Sakrament Christi zu verkünden, sondern einen frommen Gebrauch zu empfehlen und, wenn er in diesem Gebrauch vielleicht ein Gnadenmittel sieht, so nimmt er das nicht in jenem strengen Sinne, wie Theologen, welche den Begriff und die Zahl der Sakramente festsetzten.

49. Indem das christliche Abendmahl allmählich die Eigenschaft einer liturgischen Handlung annahm, erlangten diejenigen, welche dem Abendmahl gewöhnlich vorstanden, priesterlichen Charakter.

50. Die Ältesten, die bei den Versammlungen der Christen das Amt der Überwachung ausübten, waren als Priester und Bischöfe von den Aposteln eingesetzt, um für die nötige Organisation der wachsenden Gemeinden zu sorgen und nicht eigens, um die apostolische Sendung und Vollmacht ständig zu erhalten.

51. Die Ehe konnte erst spät Sakrament des neuen Gesetzes in der Kirche werden, da, bevor die Ehe als Sakrament betrachtet werden konnte, die volle theologische Entwicklung der Lehre über die Gnade und die Sakramente voraufgehen musste.

52. Es lag dem Geiste Christi fern, die Kirche auf Erden, als, dauernde Gesellschaft, für eine lange Reihe von Jahrhunderten zu errichten; vielmehr stand nach der Auffassung Christi das Himmelreich, zugleich mit dem Ende der Welt, unmittelbar bevor.

58. Die organische Verfassung der Kirche ist nicht unveränderlich, sondern die christliche Gesellschaft ist ebenso wie die menschliche einer ununterbrochenen Entwicklung unterworfen.

54. Die Dogmen, die Sakramente, die Hierarchie, sind sowohl dem Begriff wie der Tatsache nach nur Auslegungen und Entwicklungen des christlichen Bewusstseins, welche den kleinen, im Evangelium verborgenen Keim mit äußeren Zutaten vermehrt und ausgebildet haben.

55. Simon Petrus hat niemals auch nur geahnt, dass ihm von Christus der Primat in der Kirche anvertraut sei.

56. Die römische Kirche ist nicht durch Anordnung der göttlichen Vorsehung, sondern lediglich durch politische Umstände das Haupt aller Kirchen geworden.

57. Die Kirche zeigt sich den Fortschritten der Naturwissenschaft und der Theologie feindlich.

58. Die Wahrheit ist nicht unveränderlicher als der Mensch selbst, weil sie sich mit ihm, in ihm und, durch ihn entwickelt.

59. Christus hat nicht einen für alle Zeiten und alle Menschen anwendbaren fest bestimmten Lehrgang aufgestellt; vielmehr hat er eine religiöse Bewegung begonnen, die verschiedenen Zeiten und Orten angepasst ist oder angepasst werden kann.

60. Die christliche Lehre war in ihren Anfängen jüdisch, aber in fortschreitender Entwicklung wurde sie erst paulinisch, dann johanneisch, schließlich hellenisch und universell.

61. Man kann ohne Widerspruch sagen, dass kein Kapitel der Schrift, vom ersten der Genesis bis zum letzten der Apokalypse eine Lehre enthält, die gänzlich identisch wäre mit jener, die die Kirche in derselben Frage überliefert lehrt, und dass daher kein Kapitel der Schrift denselben Sinn für den Kritiker hat wie für den Theologen.

62. Die Hauptartikel des Apostolikums hatten für die Christen der ersten Zeiten nicht dieselbe Bedeutung wie für die Christen unserer Zeit.

63. Die Kirche zeigt sich unfähig, die christliche Sittenlehre wirksam zu bewahren, weil sie hartnäckig an unveränderlichen,. mit den heutigen Fortschritten unverträglichen Lehrbegriffen hängt.

64. Der Fortschritt der Wissenschaften verlangt eine Reform der christlichen Lehre von Gott, von der Schöpfung, der Offenbarung, der Person des Fleisch gewordenen WORTES, der Erlösung.

65. Der heutige Katholizismus lässt sich mit der wahren Wissenschaft nicht vereinigen, wenn er nicht in ein undogmatisches Christentum, das heißt in einen erweiterten und freien Protestantismus, sich umwandelt.

Am folgenden Donnerstag desselben Monats und Jahres, nachdem Sr. Heiligkeit Papst Pius X. über dies alles genau Bericht erstattet worden, hat S. Heiligkeit das Dekret der hochwürdigsten Väter, bestätigt und bekräftigt und angeordnet, dass alle und jeder einzelne der oben gekennzeichneten Sätze von allen als verworfen und proscribiert zu betrachten sind.

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