Kreuzzüge

Aus Kathpedia
Wechseln zu: Navigation, Suche
Kreuzzug

Inhaltsverzeichnis

Begriff

Der Begriff "Kreuzzug" findet in den letzten Jahren wieder häufiger Verwendung, wenn von "Kreuzzügen für die Freiheit" die Rede ist oder politische Kampagnen durch die Bezeichnung "Kreuzzug" in ihrer ungewöhnlichen Vehemenz und Schärfe treffend beschrieben werden sollen. Die Verwendung ist dabei teils affirmativ, teils kritisch bis spöttisch, in jedem Fall soll sie an das vermeintliche Verständnis der historischen Kreuzzügler erinnern und entsprechende Gefühle auslösen: Wer einen Kreuzzug führt, will in der Annahme, er sei im Besitz absoluter Wahrheit, gewaltsam und rücksichtslos seine Ideen durchzusetzen, und zwar dort, wo sie nicht von sich aus überzeugen. Paradigma ist dabei die mittelalterliche römische Kirche, die vom 11. bis 13. Jahrhundert in diesem Sinne Krieg führte, eben jene sieben Kreuzzüge unternahm, die als solche in die Kirchengeschichte eingegangen sind.

Geschichte

Ursache

Die Ursache der Kreuzzüge ist dabei im Machtvakuum des Römischen Reiches zu sehen, das seit dem 5. Jahrhundert dazu geführt hatte, den Papst als einzige konstante Institution des Okzidents immer mehr in die weltliche Pflicht zu drängen (in der Ostkirche gab es dementsprechend keine Kreuzzüge).

Wesen

Bei den Kreuzzügen ging es nie um Imperialismus, Kolonialismus oder Zwangsmissionierung, sondern um das Überleben der Christen im Südosten Europas, in der Türkei und im Nahen Osten sowie um die Sicherheit der Pilger nach Jerusalem. Eine Verweigerung des Kreuzzugs wäre einer unterlassenen Hilfeleistung gegenüber dem Notruf des christlichen Bruderlandes gleichgekommen. Die Kreuzzüge haben ursächlich also den Charakter einer "humanitären Intervention".

Die christliche Glaubenslehre kennt ein Naturrecht auf Notwehr und Selbstverteidigung. Das ist keine Perversion der Friedensbotschaft Christi, sondern ihre praktische Umsetzung. Die Aufforderung Jesu zum radikalen Gewaltverzicht in der Bergpredigt (Mt 5, 38ff.) bezieht sich nicht auf konkrete Handlungen, sondern auf die innere Haltung des Menschen, die praeparatio cordis (Haltung des Herzens), wie Augustinus es nannte. Die innere Haltung des Christen sagt ihm: Krieg ist ein Übel, auf das nur nach Ausschöpfung aller friedlichen Mittel zurückgegriffen werden darf. Die Voraussetzung eines Krieges ist immer die Verfehlung des Anderen, denn „nur die Ungerechtigkeit der Gegenpartei nötigt dem Weisen gerechte Kriege auf“ (Augustinus). Dieses Übel kommt in einem eschatologischen Sinne auch dem ungerechten Gegner zugute, da er so in die von ihm verlassene Ordnung zurückkehren kann. Mit dieser erzwungenen Umkehr orientiert man den Kriegsauslöser wieder auf Gott hin und trägt damit letztlich dadurch dem Gebot der Feindesliebe Rechnung. Ließe man den Ungerechten gewähren, entfernte er sich in dem Irrglauben, seine Ungerechtigkeiten würden sich lohnen, mehr und mehr von Gott, dessen letztem Urteil er sich jedoch nicht entziehen kann.

Bei den Kreuzzügen mischt sich christliche Wallfahrtstradition und dieser frühmittelalterliche bellum iustum-Topos zu einem Verständnis von „bewaffneter Pilgerreise“, die für den freien Zugang zu heiligen Stätten des Christentums, die damals unter islamischer Herrschaft standen, insbesondere zum Schutz der Wege ins Heilige Land, auf militärische Gewalt als Mittel der Durchsetzung zurückgriff. Es ging nicht um Mission oder Eroberung, sondern um Beistand für die christliche Minderheit im Heiligen Land und die Sicherheit der Jerusalem-Pilger.

Historische Hintergründe

Diese Sicherheit war unter den politischen Verhältnissen im Nahen Osten des Hochmittelalters nicht mehr gegeben. Es gilt dabei zu beachten, dass bereits Karl der Große im 9. Jahrhundert mit Harun Al Raschid, dem Kalifen von Bagdad, ein Abkommen zum Schutz der christlichen Pilger geschlossen hatte. Die sich im 10. und 11. Jahrhundert mehrenden Übergriffe auf Pilger entlang der Route ins Heilige Land und dort selbst waren somit schlicht und ergreifend Verletzungen früher „völkerrechtlicher“ Verträge.

Im 10. Jahrhundert kam es im Heiligen Land zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Christen und Muslimen. 966 kam es nach der Rückeroberung von Teilen Syriens durch die Byzantiner zu Übergriffen der Muslime auf Christen in Jerusalem. 969 drangen die Fatimiden, Berber aus Marokko, in Ägypten, Syrien und Palästina ein. Bei der Eroberung Jerusalems durch den Fatimiden-Kalifen Ibn Moy (979) wurde die Auferstehungskirche in Brand gesetzt, ihre Kuppel stürzte ein, der Patriarch kam in den Flammen ums Leben. Unter dem Fatimiden-Kalifen Abu Ali al-Mansur al-Hakim (996-1021) gerieten die Christen immer stärker unter Druck: öffentliche Prozessionen wurden verboten, Christen zur Annahme des Islam gezwungen und etwa 30.000 Kirchen enteignet, viele davon geplündert und zerstört, darunter die Auferstehungskirche. 1056 wurden 300 Christen aus Jerusalem ausgewiesen und europäischen Pilgern verboten, die Grabeskirche zu betreten. Als 1065 der Erzbischof Siegfried I, von Mainz und der Bischof Bischof Wilhelm I. von Utrecht, Bischof Gunther von Bamberg und Otto von Riedenburg, Bischof von Regensburg zu einer Pilgerreise ins Heilige Land aufbrachen, war dies nur noch mit bewaffneter Begleitung möglich. Die Pilgerwege waren nicht mehr sicher, Übergriffe auf friedliche Wallfahrer an der Tagesordnung.

Der konkrete Anlass

Die Kreuzzüge begannen, so wird häufig gesagt, mit der berühmt-berüchtigten "Deus lo volt"-Rede Urbans II. zum Abschluss der Synode von Clermont-Ferrand am 27. November 1095. Das stimmt so nicht. Abgesehen von der langen Vorgeschichte, zu den Kreuzzügen kam es erst nach der Besetzung Byzanz durch die Seldschuken, auf die der Hilferuf Ost-Roms folgte. Die Seldschuken, ein Steppenvolk aus dem Gebiet des heutigen Turkmenistan, Vorfahren der heutigen Türken, brachen mordend, plündernd und brandschatzend über den Orient herein. Obwohl sie selber Muslime waren, fielen sie Anfang 1055 in Persien ein und stürzten am Ende desselben Jahres den Kalifen von Bagdad. 1071 schlugen sie die Byzantiner, nahmen bei ihrem Sieg bei Mantzikert (heute Malazgirt) Kaiser Romanus IV. gefangen und besetzten fast ganz Kleinasien. 1076 eroberten sie Syrien und 1077 Jerusalem.

Die Rede Urbans war eine Reaktion auf diesen Hilferuf aus Byzanz. Er rief also nicht willkürlich zu einem Kreuzzug auf, etwa um die Muslime zu missionieren oder deren Gebiete zu erobern, sondern forderte das, was wir heute in der Tat eine "humanitäre Intervention" nennen.

Ritter als Verrichtungsgehilfen

Ausführen sollte diese Intervention ein Ritterheer. Die Kreuzritter waren nicht friedliche Menschen, die die Kirche mit Heilsversprechungen erst zum Krieg hätte verführen müssen, sondern „Raufbolde“, die ohnehin meinten, ihren Anteil am Heil nur im Kampf erlangen zu können. Es war die auch von der heutigen Geschichtswissenschaft ihren Gründen nach nicht vollständig erklärte Begeisterung französischer, normannischer und flandrischer Ritter, die selbst Urban überraschte. Sie waren es, die „Deus lo volt!“ riefen und Urban nahm es erstaunt auf. Der Papst terminierte den ersten Kreuzzug auf den 15. August 1096 (Mariä Himmelfahrt), die Ritter waren nicht zu halten und gingen schon im April.

Pogrome

Auf dem Weg nach Byzanz kam es in zahlreichen deutschen Städten zu Pogromen gegen Juden. Ausschlaggebend waren auch hier die Kreuzritter, nicht die Kirche. Die jeweils zuständigen Bischöfe versuchten vergeblich, die Ritter zu zügeln. Nur in Köln fand man eine Lösung: Die Juden wurden bei befreundeten Christen versteckt. Diese Rettungsaktion wurde von der Kirche organisiert, nicht jedoch das Pogrom! Das war die Idee einzelner Ritter, die völlig unorganisiert handelten. Diese mangelnde Organisation durchzieht die gesamte Kreuzzugsgeschichte und führte bekanntlich zu zahlreichen militärischen Katastrophen.

Kritik

Bereits bei zeitgenössischen Theologen gab es wegen der Übergriffe Kritik an den Kreuzzügen. Selbst der Papst, in seiner weltlichen Rolle als Garant der Sicherheit der Christen in der Diaspora, hat Gewaltexzesse scharf kritisiert, vor allem, wenn es nicht mehr um diese Sicherheit ging, sondern um andere, etwa wirtschaftliche Interessen. Der Vierte Kreuzzug endete 1204 mit der Eroberung und Plünderung Konstantinopels, der damals größten christlichen Stadt der Welt, durch Kreuzritter, die damit den Schiffstransport durch die Flotte Venedigs „bezahlten“; der Papst, der sich angesichts der Gräueltaten der Kreuzfahrer darüber im Klaren war, dass damit eine Kirchenunion mit der Orthodoxie praktisch unmöglich wurde, verurteilte diese Aktion auf das Schärfste, was jedoch faktisch ohne Wirkung blieb.

Wirkung

Die Kreuzzüge haben – ihren humanitären Absichten zum Trotz – viel brutale Gewalt hervorgebracht, die das Verhältnis von Okzident und Orient bis heute erheblich belasten. Doch sie brachten auch die Ritterorden hervor (Johanniter, Templer, Deutschritter), von denen die verbliebenen Johanniter noch heute wichtige humanitäre und soziale Dienste verrichten. Im frühen 13. Jh. mischte sich zudem ein Kreuzfahrer ohne Waffen unter das Heer der Pilger: Franz von Assisi, der 1219 den Sultan von Ägypten, al-Kamil bekehren wollte und einen tiefen Eindruck hinterließ. In diesem Sinne ist der interkulturelle Dialog heute fortzusetzen.

Literatur

  • Michael Hesemann: Die Dunkelmänner. Mythen, Lügen und Legenden um die Kirchengeschichte. Augsburg 2007
  • Armin Maalouf: Der Heilige Krieg der Barbaren. Diederichs, München, 1996.
  • Hans Eberhard Mayer: Geschichte der Kreuzzüge. Stuttgart 2005
  • Cay Rademacher: Blutige Pilgerfahrt. Der erste Kreuzzug ins Heilige Land. Piper, München, 2004.
  • Jonathan Philipps: Heiliger Krieg. Eine neue Geschichte der Kreuzzüge. Deutsche Verlagsanstalt, München, 2011.
  • Jonathan Riley Smith: DieKreuzzüge. Heerder,Freiburg, 1999.
  • Martin Tamcke: Christen in der islamischen Welt. München 2008.
  • Peter Thorau: Die Keuzzüge. Beck Wissen, München, 2004.
  • Thomas E. Woods: Sternstunden statt dunkles Mittelalter. Die katholische Kirche und der Aufbau der abendländischen Zivilisation. Aachen 2006.

Weblinks

Meine Werkzeuge