Iucunda sane (Wortlaut)

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Enzyklika
Iucunda sane

unseres Heiligen Vaters
Pius X.
durch göttliche Vorsehung Papst
an alle Ehrwürdigen Brüder, die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe
und die andere Ordinarien; welche in Gnade und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle leben
zum 1300jährigen Jubiläum des Heimganges Papst Gregor des Großen

12. März 1904

(Quelle: Rundschreiben unseres Heiligen Vaters Pius X., Herder Verlagsbuchhandlung, Erste Sammlung 1909, Lateinischer und deutscher Text (in deutscher Sprache mit gebrochenen Buchstaben), Autorisierte Ausgabe. S. 67-111 Die Nummerierung folgt der englischen Fassung [1])

Allgemeiner Hinweis: Die in der Kathpedia veröffentlichen Lehramtstexte dürfen nicht als offizielle Übersetzungen betrachtet werden, selbst wenn die Quellangaben dies vermuten ließen. Nur die Texte auf der Vatikanseite können als offiziell angesehen werden (Schreiben der Libreria Editrice Vaticana vom 21. Januar 2008).


Ehrwürdige Brüder !
Gruß und apostolischen Segen

Inhaltsverzeichnis

Einleitung: Gedächtnis des Papstes Gregor

1 Im Verlaufe dieses Jahres erfüllen sich dreizehn Jahrhunderte seit dem Tode des heiligen Papstes Gregor, des ersten dieses Namens. Freudig wenden Wir uns, Ehrwürdige Brüder, der Erinnerung an den großen und unvergleichlichen Mann (1) zu, um sein Andenken in feierlichem Jubiläum zu begehen. In den fast unzähligen Sorgen Unseres apostolischen Amtes, bei den vielen Kümmernissen, welche die zahlreichen und so schweren Pflichten der Regierung der ganzen Kirche Uns bereiten, geleitet von der gewissenhaften und drückenden Bestrebung, euch, Ehrwürdige Brüder, die Ihr zur Teilnahme an Unserer apostolischen Aufgabe berufen seid, und allen Unserer Verantwortung anvertrauten Gläubigen in bester Weise gerecht zu werden, sehen Wir eine besondere Fügung Gottes, der tötet und belebt, der erniedrigt und erhöht (2), darin, dass Wir im Anfange Unserer Regierung auf diesen heiligen und hehren Vorgänger, diese glanzvolle Zierde der Kirche Unser Auge heften müssen. Sein so mächtiger Schutz bei Gott gereicht Uns zu großer, zuversichtlicher Ermutigung, und schon in der Erinnerung an seine erhabenen lehramtlichen Vorschriften und sein heiliges Wirken fühlen Wir uns gestärkt. Seine segensreichen Grundsätze und sein eindrucksvolles Tugendbeispiel haben in der Kirche Gottes so weithin, so tief und so unverwischbar ihre Spuren eingeprägt, dass die Zeitgenossen und die Nachwelt ihn mit Recht den „Großen“ nannten und noch heute, nach so vielen Jahrhunderten, auf ihm passt, was seine Grabschrift ihm nachrühmt: immer und überall lebt er durch seine zahllosen guten Taten (3). Daher ist es fürwahr unmöglich, dass diejenigen, welche sein wundervolles Beispiel nachahmen, mit Hilfe der göttlichen Gnade, soweit menschliche Kräfte reichen, ihre Pflichten nicht sollten erfüllen können.

Gregor und sein Pontifikat in der Kirche

Gregors Zeitverhältnisse

2 Es ist kaum nötig, die aus der Geschichte allgemein bekannten Geschehnisse aufzählen. Als Gregor das höchste Priesteramt antrat, befand sich das öffentliche Leben in großer Verwirrung. Die alle Gesittung war fast erstorben, alle äußeren Gebiete des hinsinkenden Römerreiches waren der Barbarei verfallen. Von den byzantinischen Kaisern im Stiche gelassen, war Italien selbst die Beute der Langobarden geworden, die, während ihre eigenen Verhältnisse einer Regelung entbehrten, da und dorthin eindrangen, alles mit Feuer und Schwert verwüsteten und mit Trauer und Blut alles völlig bedecken. Rom selbst ward von außen dem Feinde heftig bedroht, im Innern wütete Pest, Überschwemmung und Hungersnot. So weit stieg die Not in der Stadt, dass man kaum noch wusste, wie man die Bürger, geschweige denn die in die Stadt geflüchteten Volksmassen retten sollte. Denn Menschen jeden Geschlechtes und aller Stände, Bischöfe und Priester mit den der Plünderung entrafften Gefäßen, Mönche, Christus geweihte Jungfrauen waren da zu sehen, welche geflohen waren, um sich vor dem Schwert der Feinde oder vor der schmählichen Vergewaltigung durch verrohte Menschen zu retten. Die Kirche Roms aber nennt gerade Gregor ein altes, stark beschädigtes Schiff; von allen Seiten dringen die Wogen in es ein, und in den täglichen heftigen Stürmen gebrochen und morsch geworden, drohen die Planken den Untergang (4). Aber Gott hatte einen Leiter für es erweckt, der eine starke Hand besaß. Das anvertraute Steuerruder lenkend, verstand er es nicht nur, aus den schäumenden Stürmen den Hafen zu gewinnen, sondern auch das Schiff gegen künftige Unwetter sicherzustellen.

Gregors Pontifikat

3 Wunderbar sind die Erfolge seines kaum dreizehnjährigen Pontifikates. Das christliche Leben erfuhr auf allen Gebieten durch ihn eine Erneuerung; die Gläubigen wusste er wieder für den Geist der Frömmigkeit zu wecken, die Mönche für die klösterliche Zucht, die Geistlichkeit für den standesmäßigen Wandel, die Bischöfe zur Wachsamkeit über ihre Herden. Als kluger Hausvater Christi (5) hütete er die Güter der Kirche und vermehrte sie, während zugleich das dürftige Volk, die christliche Gesellschaft wie die einzelnen Kirchen in ihrer Notlage reiche und ausgiebige Hilfe bei ihm fanden. Ein echter Verwalter Gottes (6), ließ er seiner tatkräftigen Schaffenslust durch die Mauern Roms keine Grenzen setzen und stellte alle seine Kräfte in den Dienst der bürgerlichen Wohlfahrt. Die byzantinischen Kaiser stellten unbillige Forderungen, mutig erhob er Widerspruch. Die Exarchen und kaiserlichen Statthalter mit ihren Anmaßungen wichen vor seiner Festigkeit zurück, und ihr schmutziger Geiz musste von seinem Halt erfahren, dass der sozialen Gerechtigkeit ein öffentlicher Vorkämpfer erstanden. Die trotzigen Langobarden lernten von ihm Milde. Wie es der große Papst Leo vor Attila getan, so trat er an den Toren der Stadt ohne Scheu dem Langobardenkönig Agilulf entgegen, um ihn von der Belagerung abzuhalten; nicht eher ließ er nach mit Bitten und Vorstellungen, nicht eher stand er ab von klugen Verhandlungen, als bis er sah, dass das gefürchtete Volk endlich beruhigt sei, und es unter Aufnahme einer gerechteren Volksverfassung zu dem katholischen Glauben übertrat. Gregors geistliche Tochter in Christus, die Königin Theodolinde, war es, die insbesondere hierfür wirkte. Daher darf er mit Recht den Ehrennamen eines Retters und Befreiers Italiens für sich beanspruchen, seines Landes (7) wie er selbst es voll Liebe nannte.

4 Seiner unablässigen Hirtensorge verdanken Italien und Afrika das Erlöschen der letzten Spuren irrtümlicher Lehren, Gallien die Ordnung der kirchlichen Zustände, Spanien den Fortschritt der zuvor begonnenen Bekehrung der Westgoten, das edle Volk der Briten, welches in seinen entlegenen Sitzen noch damals am Kult von Holz und Stein abergläubisch festhielt, (8) die Einführung in den wahren christlichen Glauben. Die Kunde von diesem kostbaren Gewinn war für Gregor eine Freudenbotschaft, gleich der väterlichen Begrüßung des heimkehrenden Lieblingssohnes. Allen Erfolg schrieb er Jesus dem Erlöser zu und sagte: Aus Liebe zu ihm suchten wir in Britannien Brüder, die wir nicht kannten; durch seine Gnaden haben wir sie gefunden, die wie unbekannt suchten (9). Das englische Volk aber nannte in treuer Dankbarkeit den Papst hinfort seinen Lehrer, seinen Apostel, seinen Papst, seinen Gregor, und betrachtete sich als das Siegel seines Apostolates. Für die Größe seiner Tatkraft und den Segen seines Wirkens überhaupt ist der beste Maßstab das Andenken, welches seine Taten tief in den Herzen der späteren Generationen gefunden haben. Insbesondere das Mittelalter hat gleichsam von ihm den Geist eingehaucht erhalten, von seinem Worte gleichsam sich genährt und nach seinem Beispiel in Leben und Sitte sich gerichtet, als die römische Kultur nach jahrhundertelangem Bestande dem gänzlichen Untergang verfallen war und an ihrer Stelle die christliche Gesellschaftsordnung den Erdkreis eroberte.

5 Die Hand des Höchsten hat diesen Wandel der Dinge bewirkt (!) so dürfen Wir wohl zutreffend Gregors Überzeugung aussprechen, dass nur Gottes Macht diese Verhältnisse geschaffen. Denn gegenüber dem heiligen Mönche Augustin wendet er selbst auf die Bekehrung Britanniens diese Worte an, welche fürwahr auch von den andern Erfolgen seines apostolischen Wirkens gebraucht werden können. Wer hat das vollbracht, so sagte er, wenn nicht jener, der spricht: Mein Vater wirket bis jetzt und ich wirke auch? (10) Um zu zeigen, dass nicht Menschenweisheit, sondern seine Kraft die Bekehrung der Welt bewirke, wählte er Prediger und sandte sie, die keine Wissenschaft besaßen, in die Welt aus. Diesen Weg schlug er auch ein, da er im Volke der Engländer Großes durch schwache Diener zu bewirken sich würdigte. (11) Wir allerdings dürfen nicht übersehen, was für den von sich so bescheiden denkenden Papst ganz außer Betracht blieb; das ist seine praktische Erfahrung, sein Scharfsinn bei der Durchführung unternommener Pläne, die bewundernswerte Klugheit seiner Maßnahmen, die rege Wachsamkeit und unermüdliche Sorgfalt. Dabei ist es jedoch gewiss, dass er, der auf dem höchsten Gipfel bischöflicher Würde zuerst den Titel Diener der Diener Gottes annahm, nicht wie die Fürsten dieser Welt mit Macht und Gewalt vorgegangen ist, dass er nicht nur durch natürliche Wissenschaft oder durch die Überredungskünste menschlicher Weisheit (12) sich seinen Weg bereitet hat. Nicht Ratschlüsse politischer Klugheit allein, nicht nach langer Vorbereitung erdachte und endlich durchgeführte soziale Theorien waren seine Leitung, noch hat er, was insbesondere unserer Bewunderung wert ist, einen Plan sich ausgesteckt, um ihn auf vorausbestimmtem langen Weg in seiner apostolischen Amtstätigkeit nach und nach durchzuführen; im Gegenteil hatte sich ja in seinen Gedanken die Meinung befestigt, dass das Ende der Welt vor der Türe stehe und dass nur noch wenige Zeit zu großen Taten übrig sei. Sein Körper war schwach und kränklich, gebeugt von langwierigen Leiden und oft dem Tode nahe; dennoch blieb dem Geist eine erstaunliche Kraftfülle, welche vom lebendigen Glauben an Christi sichere Offenbarung und seine göttlichen Verheißungen immer neue Nahrung empfing. Das größte Vertrauen setzte er auch auf die göttliche Bevollmächtigung der Kirche, durch welche er zur Verwaltung seines Amtes auf Erden instand gesetzt war.

6 Seine Aussprüche und Taten beweisen dementsprechend im einzelnen, dass er in seinem ganzen Leben diesen Glauben und diese Zuversicht in sich zu stärken und in andern auch lebendig zu entfachen suchte und bis zum letzten Augenblick nach Möglichkeit das Beste anstrebte. Dieser Gesinnung entsprang der entschiedene Wille, mit welchem er zum Besten aller den reichen Schatz himmlischer Gaben, die unfehlbare Wahrheit der Offenbarungslehre, die eindringliche Verkündigung derselben auf dem ganzen Erdkreis, die geistliche Belebung und Stärkung der Seele durch die Sakramente, endlich das Unterpfand des Schutzes von oben, das Gebet im Namen Christi in Anwendung zu bringen suchte.

7 Die Erinnerung an alles dies, Ehrwürdige Brüder, stärkt Uns außerordentlich. Wenn wir von den hohen Mauern des Vatikans Umschau halten, können wir der Furcht, wie sie Gregor erfüllte, sowenig, ja noch weniger wie er uns entschlagen; ringsum ziehen sich drohende Wetter zusammen und lasten über Uns; bewaffnet umdrängen Uns die Feinde in wohlgeordneten Reihen. Wir aber sind dabei so sehr allen menschlichen Schutzes beraubt, dass Wir nicht wissen, wie Wir jene verscheuchen und diese in ihrem Ungestüm aufhalten könnten. Doch im Gedanken daran, auf welchem Boden Wir stehen und welche Stelle der päpstliche Stuhl einnimmt, fühlen Wir Uns sicher in der Burg der Heiligen Kirche.

Der Fels Petri und die Kirche

Denn wer wüsste nicht, so schrieb einst Gregor an den Patriarchen Eulogius von Alexandrien, dass die Heilige Kirche auf dem Festen Felsen der Apostel erbaut ist, dessen Unerschütterlichkeit schon sein Name verkündet, indem er Petrus von petra – der Fels – genannt wird. (13) Die göttliche Gewalt weicht zu keiner Zeit von der Kirche, noch haben die Verheißungen Christi die Erwartungen getäuscht; wie sie einst Gregor aufgerichtet haben, so besitzen sie heute ihre Kraft; ja bestätigt durch die Erfahrungen vieler Jahrhunderte, erprobt in den Umwälzungen einer langen Vergangenheit müssen sie Uns umso mehr bestärken.

8 Königreiche und Kaisertümer sind dahingesunken. Einst hochberühmte und mit allen Segnungen menschlicher Kultur ausgezeichnete Völker sind dem Untergang verfallen. Nicht selten haben die Völker gleichsam vom Alter gebeugt sich verloren. Die Kirche hingegen ist unvergänglich; unlösbar ist das Band, welches sie mit ihrem himmlischen Bräutigam verbindet. Nicht wie eine hinfällige Jugendblüte ist ihre Kraft. Fortwährend ist sie von derselben Lebensfrische beseelt, mit der sie aus Jesu durchstochenem Herzen nach seinem Tode am Kreuze hervorging. Die Mächtigen der Erde haben sich gegen sie erhoben. Sie verschwanden, aber jene blieb. Ruhmredige Philosophen haben in fast unübersehbarer Mannigfaltigkeit Theorien ersonnen und die Lehre der Kirche gewähnt entkräftet, die Hauptstücke des Glaubens widerlegt und alle Dogmen als unhaltbar erwiesen zu haben. Die Geschichte aber zählt heute diese Philosophen alle zu den vergessenen und gänzlich abgetanen Erscheinungen, während das Licht der Wahrheit vom Felsen Petri noch immer im gleichen Glanze strahlt, den Jesus ihm gegeben und vor dem Erbleichen durch sein göttliches Wort schützt: Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen (14).

9 Gehoben durch diesen Glauben, gestützt auf diesen Felsen fühlen Wir wohl die ganze Schwere der höchsten Stellung, aber durch Geist und Gemüt strömt zugleich eine von Gott ausgehende Stärke, und ruhig erwarten Wir das verstummen des vielseitigen Geschreis, es sei vorbei mit der Katholischen Kirche, für immer seien ihre Lehren abgetan, bald werde sie sich gezwungen sehen, entweder nach den Forderungen der Gott entfremdeten Wissenschaft und Kultur sich zu richten oder aus der menschlichen Gesellschaft auszuscheiden. Jedoch drängt es Uns dennoch, inzwischen mit Gregor hoch und nieder daran zu erinnern, wie sehr man nötig hätte, bei der Kirche Zuflucht zu suchen. Ist es doch, die uns in stand setzt, die Freuden des ewigen Heiles und die Wohlfahrt im irdischen Leben zu finden.

Die Kirche und der Staat

Der Friede im Staat hängt vom Frieden in der Kirche ab

10 Lenket daher, um ein Wort des heiligen Papstes zu gebrauchen, Denken und Forschen nach wie vor auf den festen Felsen, auf welchen, ihr wisst es, unser Erlöser die Kirche für die ganze Welt begründet hat; so wird aufrichtiger Sinn nicht durch Irrwege vom rechten Pfad abgelenkt werden (15). Die Liebe zur Kirche und der Anschluss an sie können allein Getrenntes einen, Verworrenes ordnen, Ungleiches verbinden, Unvollendetes vervollkommnen (16). Es ist unentwegt festzuhalten, dass niemand ein guter Leiter irdischer Angelegenheit sein kann, der nicht gelernt hat, wie das Göttliche zu behandeln ist, und dass der Friede im Staat vom Frieden der allgemeinen Kirche abhängt (17). Daraus ergibt sich, dass durchaus notwendig eine vollkommene Eintracht zwischen der geistlichen und bürgerlichen Gewalt bestehen muss, welche Gott gegenseitig aufeinander angewiesen hat, auf dass sie einander unterstützen. Dazu ist nämlich vom Himmel Gewalt über alle Menschen gegeben, dass das Streben nach dem Guten seinen Helfer finde, der Weg zum Himmel leichter zugänglich werde, und die irdische Gewalt dem himmlischen Reiche sich dienstbar zeige. (18)

11 Diese Grundsätze gaben Gregor jene unbesiegliche Stärke. Mit Gottes Hilfe wollen Wir ihr nachstreben und nehmen Uns vor, auf jede Weise die Befugnisse und Vorrechte, deren Hüter und Schützer das römische Papsttum ist, vor Gott und den Menschen gegen jede Beeinträchtigung und Gefährdung zu schützen. Im Streit um die Rechte der Kirche schrieb in diesem Geiste Gregor an die Patriarchen von Alexandrien und Antiochien: Noch im Tode müssen zeigen, dass wir zum Nachteil der Allgemeinheit nicht den eigenen Vorteil suchen (19). An den Kaiser Mauritius waren die Worte gerichtet: Wer in eitler Ruhmsucht sich gegen Gott und die Satzungen der Väter auflehnt, der wird, das sage ich im Vertrauen auf Gott den Allmächtigen, mich selbst nicht mit dem Schwerte beugen (20). Und dem Diakon Sabinianus erklärte er: Eher bin ich bereit zu sterben, als dass die Kirche des heiligen Petrus in meinen Tagen verfalle. Du kennst meine Art gut genug und weißt, dass ich lange dulde. Habe ich aber mich einmal entschlossen, etwas nicht länger zu ertragen, dann gehe ich freudig allen Gefahren entgegen (21).

12 Bedeutsam sind diese Ermunterungen, die mir Gregor verdanken. Jene, an die sie einst gerichtet waren, leisteten ihnen auch Gehorsam. Während Völker und Fürsten ihnen ein williges Ohr liehen, kehrte die Welt auf der Bahn des wahren Heiles zurück und eilte einer glänzenden und glücklichen Zeit der Gesittung entgegen, die um so größer war, je kräftigere Grundlagen sie schützten. Jetzt wurden die geistigen Kräfte wieder würdig eingesetzt, die gute Sitte blühte wieder auf; die göttliche Offenbarungslehre und die Gebote des Neuen Bundes gaben ihr alle Stärke.

Das übernatürliche Leben enthält in sich die Lebenskräfte der natürlichen Ordnung

13 Die Völker jener Zeit waren wohl roh, ungebildet und ungesittet, aber sie verlangten nach Leben. Das aber konnten sie nirgends empfangen als bei Christus in der Kirche: Ich bin gekommen, dass sie das Leben haben und es in Fülle haben (22). Und wahrlich, sie fanden das Leben, und zwar in reichem Strome. Denn wenn von der Kirche nur übernatürliches Leben ausgehen kann, so enthält dies doch auch in sich die Lebenskräfte der natürlichen Ordnung und bringt sie zur Entfaltung. Ist die Wurzel heilig, sagt Paulus zu den Heiden, dann sind es auch die Zweige; du aber bist als wilder Ölbaum eingepfropft in jene und teilhaftig geworden der Wurzel und der Fettigkeit des edlen Ölbaumes (23).

Segen der christlichen Bildung

14 Unser Jahrhundert genießt den Segen der christlichen Bildung in einem Maße, dass es in keiner Weise mit dem Zeitalter Gregors verglichen werden kann. Aber es scheint, als wolle es des Lebens überdrüssig werden, aus welchem vor allem, ja oft ganz allein so viele Güter nicht nur der Vergangenheit, sondern auch der Gegenwart zu erklären sind. Nicht zufrieden, durch längst entstandene Irrtümer und Spaltungen wie ein unnutzer Zweig vom Baume abgeschnitten zu sein, richtet die Welt heute ihre Angriffe selbst gegen die tiefste Wurzel, d.h. die Kirche und sucht, um für die Zukunft das Sprossen neuer Schösslinge ganz sicher zu verhindern, ihr den Lebenssaft abzuschneiden und sie zum Zerfallen zu bringen.

15 Dieser Irrtum der heutigen Zeit, der verhängnisvollste von allen, bereitet so vielen Menschen den ewigen Untergang und fügt der Religion so große Verluste zu. Und noch müssen wir weitere fürchten, wenn keine Heiligung versucht wird. Man leugnet, dass außer der Natur etwas existiert, man leugnet Gott den Schöpfer der Dinge, seine allwaltende Vorsehung und die Möglichkeit der Wunder. Damit wird aber der christlichen Religion notwendigerweise die Grundlage entzogen. Die Beweise für das Dasein Gottes werden einer auflösenden Kritik preisgegeben, welche im Widerspruch mit den höchsten Grundgesetzen des Denkens, den Schluss von den Wirkungen auf die Ursache, auf den unendlichen Gott und seine Eigenschaften, Unglaublicherweise zu verwerfen sich erkühnt. Und doch ist das Unsichtbare an ihm seit der Erschaffung der Welt in den erschaffenen Dingen kennbar und sichtbar, nämlich seine ewige Kraft und Gottheit. (24) Auf diese Weise können aber auch die gröbsten andern Irrtümer im Widerspruch zur Vernunft und mit Gefährdung der guten Sitten leichthin Eingang finden.

Das Übernatürliche und der Staat

Die Leugnung des Übernatürlichen

16 Die leichtfertige Leugnung des Übernatürlichen, dies Kennzeichen einer fälschlich sogenannten Wissenschaft (25), führt zu einer gleich falschen Methode geschichtlicher Kritik. Denn ohne jede Prüfung wird nun alles aus den Blättern der Geschichte gestrichen, was irgendwie an das übernatürliche Gebiet streift, sei es, dass es ihm wesentlich zugehört, sei es, dass es mit ihm zusammenhängt, es voraussetzt oder nur durch dasselbe erklärt werden kann. Auf diese Weise fällt der Glaube an die Gottheit Christi, seine Menschwerdung durch die Wirkung des Heiligen Geistes, seine Auferstehung von den Toten in eigener Kraft, schließlich alle übrigen Hauptstücke des christlichen Glaubens. Wo die Wissenschaft einmal diesen falschen Weg eingeschlagen hat, da weiß sie sich an kein Gesetz der Kritik mehr gebunden, und was nicht passen will, was dem Forschungsziel widerspricht, das wird einfach aus den Heiligen Schriften weggedeutet. Wird nicht mehr mit dem Übernatürlichen gerechnet, dann muss die Entstehungsgeschichte der Kirche auf ganz andere Grundlagen gestellt werden. Daher ist die Erscheinung, dass der Vertreter dieser neuen Schule sich die Urkunden nach Willkür zurechtlegen und sie nicht nach dem Sinn ihrer Verfasser, sondern nach ihren Belieben auslegen.

Falsche philosophische Prinzipien verderben unabwendbar alles

17 Durch das große gelehrte Rüstzeug und den Aufputz der Beweisgründe haben sich viele so sehr blenden lassen, dass sie vom Glauben abfielen oder doch sehr darin erschüttert sind. Andere, die ihrem Glauben treu blieben, erheben nun gegen die wissenschaftliche Kritik überhaupt zürnend den Vorwurf, als sei sie eine Zerstörerin, obschon sie selbst an sich ihn nicht verdient und richtig angewandt der Forschung die glücklichsten Dienst leistet. Auf beiden Seiten lässt man außer acht, dass Behandlungsart und Voraussetzungen falsch sind, und in diesem Verfahren die fälschlich sogenannte Wissenschaft vor uns steht. Wer von ihr ausgeht, muss freilich mit Notwendigkeit zu falschen Ergebnissen kommen. Falsche philosophische Prinzipien verderben eben unabwendbar alles. Diese Irrtümer zu widerlegen ist eine Änderung der Angriffsweise unumgänglich geboten. Man muss die Irrenden zwingen, aus der Burg ihrer kritischen Voraussetzungen, hinter denen sie sich sicher glauben, in das Feld vernünftiger philosophischer Auseinandersetzungen herabzusteigen, das zu verlassen für sie der Anfang des Irrtums war.

18 Nur mit Widerstreben wendet man inzwischen auf Männer so scharfen Geistes und von der Energie den Tadel des Apostel Paulus gegen jene an, die von den sichtbaren Dingen dieser Welt nicht zum Übersinnlichen aufsteigen wollten: Sie wurden eitel in ihren Gedanken, und ihr unverständiges Herz war verfinstert. Sie geben sich für Weise aus, sind aber Toren geworden (26). Und doch ist jeder ein Tor zu nennen, welcher seine Geisteskräfte aufbraucht, um auf Sand zu bauen.

Ohne Gott gibt es keine Ehrfurcht vor den Staatsgesetzen und keine Ehrfurcht vor noch so nötigen Einrichtungen

19 Ebenso beklagenswert sind die Verheerungen, welche diese Leugnung des Übernatürlichen in dem sittlichen Leben und in den Zuständen der bürgerlichen Gesellschaft angerichtet haben. Mit dem Sinken des Glaubens an das göttliche Wesen außerhalb der sichtbaren Natur sinken auch alle Schranken, welche zuvor die schimpflichen Regungen der Begierlichkeit zurückgehalten haben, und von ihnen erfasst, sahen sich ihre Opfer aller Verworfenheit verantwortet. So überließ sie Gott den Lüften ihres Herzens, der Unreinigkeit, so dass sie ihre Leiber an sich selbst schändeten (27). Es ist euch, Ehrwürdige Brüder, am wenigsten verborgen geblieben, wie weitum diese Pest die Sitten verdorben hat; und werden nicht die Hilfsmittel der oben genannten höheren Ordnung ernstlich ergriffen, so wird keine polizeiliche Gewalt des Verderbens Herr werden. Nicht einmal zur Heilung der andern Schäden wird menschliche Autorität ausreichen, solange man den göttlichen Ursprung aller Gewalt nicht mehr bedenkt oder gar leugnet. Als einziger Zaum bleibt so der menschlichen Autorität der Zwang übrig. Er soll alles bemeistern und wird doch weder immer gebraucht noch vermag man immer ihn anzuwenden; die ‚Folge davon ist die Erschlaffung des Volkes an verborgener Krankheit, allgemeiner Überdruss, Verwechslung der Willkür mit dem Recht, Empörung, Aufruhr und Umsturz, Verwirrung aller göttlichen und menschlichen Anordnungen. Ohne Gott gibt es keine Ehrfurcht vor den Staatsgesetzen und keine Ehrfurcht vor noch so nötigen Einrichtungen, die Gerechtigkeit verfällt der Verachtung, selbst die naturrechtliche Freiheit wird unterdrückt; der Zersetzungsprozess ruht nicht, bis er auch das Band der Familie, die erste und festeste Grundlage der bürgerlichen Gesellschaft vernichtet hat. Darum erklären sich in diesen Christus feindseligen Zeiten die großen Schwierigkeiten gegen die Anwendung der geeigneten Heilmittel, welche der Erlöser seiner Kirche gegeben hat, um die Völker in der Pflichttreue zu erhalten.

20 Dennoch ist in keinem andern Heil als in Christus. Denn es ist kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, wodurch wir selig werden sollen (28). Zu ihm müssen wir zurückkehren, ihm müssen wir uns zu Füßen werfen, von seinem göttlichen Munde Worte des ewigen Lebens empfangen; er allein kann uns den Weg zeigen, das Heil wieder zu gewinnen, er allein die Wahrheit lehren, er allein wieder das Leben erwecken, der von sich gesagt hat: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben (29). Man hat es nun wieder versucht, die irdischen Dinge ohne Christus zu ordnen, man hat es gewagt, den Eckstein zu verwerfen, wie es Petrus den Juden vorwerfen musste, die Jesus gekreuzigt hatten, und so zu bauen begonnen. Nun seht, zum zweiten Male stürzen die aufgeschichteten Waffen zusammen und zermalmen ihre stolzen Erbauer. Jesus aber ist, immer noch da, der Eckstein der menschlichen Gesellschaft, und zum zweiten Male ist die Wahrheit bekräftigt, dass nur in ihm das Heil ist: Dieser ist der Stein, der von euch Bauleuten verworfen wurde, der zum Eckstein geworden ist, und es isst in keinem andern Heil (30).

Rettung durch die Barmherzigkeit Gottes erflehen

21 Diese Tatsachen zeigen es klar, Ehrwürdige Brüder, wie notwendig es ist, dass ein jeder von uns seine ganze Geisteskraft anspanne und alle Mittel aufbiete, um in allen Ständen der menschlichen Gesellschaft, angefangen vom untersten Arbeiter, der im Schweiß seines Angesichtes das tägliche Brot erwirbt, bis hinauf zu den mächtigen Gebietern der Erde, das Übernatürliche Leben zu wecken. Vor allem muss im privaten und öffentlichen Gebeten die Barmherzigkeit Gottes erfleht werden. Seine Hilfe muss uns Rettung bringen wie einst den Aposteln, als sie, vom Sturm auf dem Meere bedrängt, riefen: Herr, hilf uns, oder wir gehen unter (31).

Widerlegung der verkehrten Zeitmeinungen und Einschärfung der Sittengesetze Christi

22 Jedoch ist das noch nicht alles. Gregor machte es einst einem Bischofe zum Vorwurf, weil er aus heiligem Streben zur Zurückgezogenheit und aus Gebetseifer nicht auf den Kampfplatz trat, um für das Recht des Herrn mannhaft einzustehen. Er sagte von ihm geradezu: Umsonst führt er den bischöflichen Namen (32). Und so ist es auch. Die Gläubigen bedürfen der Belehrung durch regelmäßige und oftmalige Predigt und scharfe Widerlegung der verkehrten Zeitmeinungen. Diese muss auf ernstem und gediegenem philosophischen und theologischen Wissen beruhen und soll alle Errungenschaften echter geschichtswissenschaftlicher Forschung zu Rate ziehen. Angemessener Einschärfung der Sittengesetze Christi muss überdies den Christen wieder die Herrschaft über sich selbst geben, die Begiereden zügeln lehren, die Aufwallung des Stolzes zurückhalten, pflichtmäßigen Gehorsam und Liebe zur Gerechtigkeit wecken. Aus Christi Sittengesetz muss die allgemeine Nächstenliebe erwachen, welche im bürgerlichen Leben die Härten und Ungleichheiten des Schicksals in christlichem Wohlwollen lindert; die Gemüter müssen sich an ihm über das Irdische erheben lernen, mit dem von der Vorsehung gegebenen Lose sich zufrieden geben, seine Besserung auf dem Wege treuer Pflichterfüllung anstreben und in der Hoffnung auf den ewigen Lohn sich des künftigen Lebens würdig zu machen suchen. Die größte Sorge aber muss die sein, die Seelen tiefinnerlich und williglich für das Leben wahrer, wohlgegründeter und tiefer Frömmigkeit vorzubereiten und alle für eine tatkräftige Erfüllung der Menschen- und Christenpflichten zu gewinnen; ermutigt sollen sie mit kindlichem Vertrauen zur Kirche und ihren Dienern die Zuflucht nehmen, die Verzeihung der Sünden und die Stärkung der Sakramente durch ihre Vermittlung suchen und so das Leben nach dem Geist des Christentums einrichten.

Das geistliche Amt

23 Bei der Ausübung dieser vorzüglichsten Obliegenheiten des geistlichen Amtes muss immer die Liebe Christi obwalten. In ihrem Geiste sollen wir jeden Gefallenen aufzurichten, jeden Betrübten zu trösten, jeden Notleidenden zu unterstützen wissen. Dieser Liebe müssen wir ganz gehören, alles muss hinter sie zurücktreten, jeder eigene Vorteil, jede eigene Bequemlichkeit; allen alles geworden (33), sollen wir aller Heiligung anstreben, und selbst das eigene leben darf uns dafür nicht zu teuer sein; so lehrt uns Christi Beispiel: es verlangt von den Trägern des kirchlichen Hirtenamtes die Befolgung des Wahlspruches: Der gute Hirt gibt sein Leben für seine Schafe (34).

24 Die Schriften, die Gregor uns hinterlassen hat, sind erfüllt von herrlichen Belehrungen über die Aufgabe, die uns um so mächtiger ergreifen müssen, als er in seinem bewunderungswürdigen Leben mit vielfachen Beweisen ihrer Erfüllung uns ein Vorbild geworden ist.

25 Aus der Natur der christlichen Offenbarungsprinzipien und aus dem innersten Wesen unseres Apostolates ergibt sich, Ehrwürdige Brüder, diese uns gestellte Aufgabe. So lebt ihr, dass es ein großer Irrtum ist, zu glauben, man mache sich um die Kirche verdient und arbeite erfolgreich für das ewige Heil des Menschen, wenn man im Geiste weltlich kluger Rücksichtnahme an die fälschlich sogenannte Wissenschaft allerhand Zugeständnisse macht in der eitlen Hoffnung, so die Irrenden besser gewinnen zu können, während man vielmehr sich, selbst der Gefahr des Unterganges aussetzt. Es gibt nur eine Wahrheit, sie kann nicht geteilt werden; ewig bleibt sie, unberührt von dem Wechsel der Zeit: Jesus Christus gestern und heute und in Ewigkeit derselbe (35).

26 Einer großen Täuschung geben sich auch jene hin, welche bei der öffentlichen Vergebung von Unterstützungen, besonders in Vertretung der Bedürfnisse der unteren Volksklassen, die Anforderungen für das leibliche Wohl mit größtem Ernste durchzusetzen suchen, aber an den wichtigsten Bedürfnissen der Wohlfahrt der Seelen und den schwersten Verbindlichkeiten des Christentums stillschweigend sich vorbeidrücken. Mitunter scheuen sich solche nicht, sogar die obersten Gebote des Evangeliums gleichsam zu verschleiern, aus Furcht, sonst weniger Gehör oder gar keinen Beitritt zu finden. Es kann ja die Klugheit verlangen, auch bei Vortrag der Wahrheit die Schroffheit zu vermeiden, wo es sich um Gegner handelt, die gegen unsere Kirche mit Vorurteilen erfüllt und ganz dem Unglauben ergeben sind. Geschwüre, welche aufgeschnitten werden müssen, soll man zuvor zart mit der Hand betasten, sagte Gregor (36). Doch wird dieses Bestreben in die Klugheit des Fleisches umschlagen, sobald es zur festen und allgemeinen Regel wird; um so mehr als dies Vorgehen der Geringschätzung göttlicher Gnade gleicht, die nicht nur im Priestertum und seinen Trägern wirksam ist, sondern allen Christgläubigen gegeben wird, damit unser Wort und Beispiel ihnen zu Herzen dringe. Eine solche Klugheit kannte Gregor nicht. Weder in seiner Predigttätigkeit noch bei seinen großartigen Maßnahmen zur Linderung der Not des Mitmenschen verrät sich ihrer Spur. Seine Wegweiser waren die Apostel, welche, als sie die Welt durchzogen, um Christus zu verkünden, sich an den Grundsatz hielten: Wir predigen Christus den Gekreuzigten, der den Juden zwar ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit ist (37); und diese Richtung hielt er treulich fest. Sicherlich wäre damals die Zeit gewesen, nach den Vorsichtsmaßregeln menschlicher Klugheit sich einzurichten, wenn es jemals eine solche gibt, da die Gemüter jeglicher Vorbereitung für die Annahme einer Lehre entbehrten, die ganz neu, den gewöhnlichen Wünschen entschieden widersprach und zur blühenden Zivilisation der Römer und Griechen in offenen Gegensatz stand. Gleichwohl haben die Apostel es verschmäht, in dieser Art klug zu sein und Gottes Weg in dem Beschluss erkannt: Es gefiel Gott, durch eine törichte Predigt diejenigen selig zu machen, die glauben (38). Diese Torheit ist, wie es zu allen Zeiten, so auch heute denen, die zum Heile gelangen, d.h. uns, die Kraft Gottes. (39) Im Kreuz, dem Gegenstand des Ärgernisses, werden, wie einst, so künftighin von allen Waffen die mächtigsten zu finden sein; wie ehedem, so wird künftighin in diesem Zeichen der Sieg sein.

Heilsame Strenge

27 Dennoch, Ehrwürdige Brüder, wird es Fälle geben, wo diese Waffen alle Schärfe verlieren und nichts helfen. Diese werden dann eintreten, wenn jene von Leuten gehandhabt werden, welche kein inneres Leben gemeinschaftlich mit Christus leben und ohne wahre, feste Frömmigkeit, ohne Eifer und Feuer sind für die Mehrung seines Reiches. Weil Gregor gerade darin ganz notwendige Erfordernisse erkannte, gab er sich sorgfältig Mühe zu Bischöfen und Priestern solche Christen zu erheben, welche von einem großen Verlangen nach der Ehre Gottes und dem wahren Heile der Mitmenschen erfüllt waren. Er spricht dies als seinen Grundsatz aus in dem Buch, welches den Titel Regula pastoralis (Leitfaden der Seelenführung) führt, und worin er nicht nur für seine Zeit, sondern noch heute gültige Regeln für die richtige Ausbildung der Geistlichkeit und die bischöfliche Amtsführung niedergelegt hat. Wie mit Argusaugen, sagt seine Lebensbeschreibung, hat er den weiten Erdkreis als wachsamer Hirte gehütet (40), um sofort in seiner Rüge zur Stelle zu sein, wo er im Klerus die Gefahr der Lasterhaftigkeit oder Pflichtvergessenheit drohen sah. Schon der bloße Gedanke an die Gefahr, dass gemeine Strömungen und verderbliche Neigungen auf die sittliche Haltung des Klerus Einfluss gewinnen könnten, erfüllte ihn mit Furcht und Zittern. Hatte er aber vollends erfahren müssen, dass das kirchliche Gesetz tatsächlich verletzt worden war, so erfüllte ihn das mit einer Beängstigung, die sich kaum wieder beruhigen ließ. Da musste man sehen, mit welchem Eifer er ermahnte, zur Besserung lenkte, mit kirchlichem Strafen den Übeltätern drohte, ja diese wirklich verhängte und unverzüglich, ohne Ansehen der Personen oder Verhältnisse, die Unwürdigen vom Amt entfernte.

Der Bote der Wahrheit muss sittlich leben

28 Außerdem erhob er oft seine mahnende Stimme. Noch klingt sie in seinen Schriften fort, wo der Leser oft Sätzen, wie den folgenden begegnet: Wie kann sich jemand in die Stellung eines Mittlers für das Volk bei Gott hineindrängen wollen, dem kein verdienstreiches Leben bezeugt, dass er teilhabe an der göttlichen Gnade? (41) Wer in seinen Werken sich von der Leidenschaft beherrschen lässt und so im Angesicht die Wunden der Seele gleichsam offen trägt, wie kann er sich dem Verletzten ohne Anmaßung als Arzt aufdrängen wollen? (42) – Welche Früchte können in den Christgläubigen erhofft werden, wenn die Boten der Wahrheit durch ihr sittenloses Leben bekämpfen, was sie mit Worten predigen? (43) – Fürwahr, umsonst sucht die Sünde in andern zu verhindern, wer selbst von eigenen Sünden verwüstet ist (44).

Der wahre Priester

29 Das Abbild eines wahren Priesters, wie er es denkt, beschreibt er in der nachfolgenden Weise: Allen Leidenschaften des Fleisches abgestorben, lebt er nur mehr im Geiste. Das Glück der Welt gilt ihm als Nebensache. Er fürchtet keine Widrigkeit. Nur nach Innerlichem verlangt er. ... Er fühlt keine Begierde nach dem, was andern gehört, sondern gibt selbst das Eigene weg. Herzliches Erbarmen macht ihn rasch zur Versöhnung bereit, wenngleich er auch beim Verzeihen die richtigen Grenzen mit Würde einhält und vom festen Boden der Gerechtigkeit nicht abweicht. Nie tut er selbst, was verboten ist, was aber von andern verbrochen wird, beklagt er wie das eigene Verderben. Sein Herz schlägt von Mitleid mit den Schwächen des Nebenmenschen, wo er bei ihnen aber Gutes sieht, freut er sich wie über einen versöhnlichen Fortschritt. In allem, was er tut, ist er so ein Vorbild für die andern und braucht vor niemand, nicht einmal über längst Vergangenes, zu erröten. Sein Wandel ist von dem Grundsatz geleitet, immer der Aufgabe zu entsprechen, durch das Wort des Lebens auch abgestandene Herzen der Mitmenschen tief zu ergreifen und zu rühren. Längst hat er an sich selbst erfahren, dass er durch das Gebet vom Herrn erlangen kann, um was er ihn anrufen muss (45).

Die Verantwortung der Weihezulassung durch den Bischof

30 Wie ernstlich muss der Bischof daher, Ehrwürdige Brüder, mit sich selbst und Gott zu Rate gehen, wenn er vor der Entscheidung steht, Kandidaten des geistlichen Amtes die Hände aufzulegen. Weder Gunst noch Bitten irgend jemandes, sagt Gregor, darf ihn zum Wagnis bewegen, andere zu den heiligen Weihen zuzulassen als solche, welche in Leben und Tat den Beweis ihrer Tüchtigkeit und Würdigkeit erbracht haben (46). Wie reiflich muss er es überlegen, ehe er neugeweihten Priestern die Ausübung des Apostolates anvertraut! Wer nicht unter sorgfältiger Obhut erfahrener Priester im angemessenen Dienstkreis sich bewährt hat, wer über seine bisherige Aufführung keine vollgültigen Würdigkeitszeugnisse vorlegen, sich über den Besitz einer guten religiösen Veranlagung, über bereitwillige Erprobung der Unterwerfung unter alle durch die Gewohnheit in der Kirche eingeführten, oder durch die Erfahrung erprobten und von den Bischöfen, welche der Heilige Geist zur Leitung der Kirche eingesetzt hat (47), vorgeschriebenen Maßnahmen nicht ausweisen kann, würde das Priesteramt nicht zum Heile, sondern zum Verderben des christlichen Volkes ausüben. Mit den Streitigkeiten, welche solche verursachen werden, durch ihre mehr oder weniger offene Auflehnung verschulden sie es, dass das Volk beim Anblick unseres Verhaltens den traurigen Eindruck gewinnt, als herrschte in unseren Kreisen helle Uneinigkeit, während in der Tat nur der Stolz und Trotz einiger weniger diesen beklagenswerten Schein hervorruft. O möchten solche Zwietrachtstifter doch jedem kirchlichen Dienste ganz und gar fernbleiben. Die Kirche kann solche Apostel nicht gebrauchen, und sie selbst üben ja nicht für Christus am Kreuz das apostolische Amt aus, sondern dienen in ihm nur sich selber.

31 Noch schwebt uns das Bild Gregors vor Augen, wie er im Lateran umgeben ist von den überall her zur Beratung versammelten Bischöfen, und der gesamte Klerus von Rom vor ihm steht. Wie machtvoll fließt aus seinem Munde das Wort der Mahnung über die Pflichten der Kleriker! Welch ein Eifer erfüllt sein ganzes Wesen! Wie ein Blitz zermalmt seine Rede scharf treffend die Böswilligen. Jedes Wort ist ein Geißelhieb, der die Trägen aufrüttelt, und doch wieder von göttlicher Liebe flammend, bieten sie auch den Eifrigen noch erquickende Anregung. Leset, Ehrwürdige Brüder, diese merkwürdige Ansprache des heiligen Papstes und leget sie eurem Klerus zur Lesung und zur Betrachtung bei den jährlichen heiligen Übungen vor (48).

32 Mit großer Trauer klagte er unter anderem darin insbesondere: Siehe, die Welt ist voll von Priestern, und doch finden sich für die Ernte Gottes so wenige Arbeiter; wir haben eben wohl die geistlichen Pflichten übernommen, aber die Erfüllung der Pflicht verabsäumen wir (49). Auch heute führwahr, wie diese Kräfte ließen in der Kirche sich aufbieten, wenn sie so viele Arbeiter zählte als Priester. Wie würde der Reichtum der Früchte anwachsen, welche die Kirche für die Menschheit in göttlicher Kraft aussäet, wenn sich jeder Priester bemühte für die Entfaltung des kirchlichen Lebens? Gregor musste während seines Lebens eine solche Schaffensfreude kräftig zu wecken und gab den Anstoß, dass sie auch in den folgenden Jahrhunderten sich erhielt. Man kann deshalb das Mittelalter geradezu den gregorianischen Zeitraum nennen. Denn auf diesen Papst sind fast alle Maßnahmen zurückzuführen, welche die Leitung des Klerus, die Übung der Nächstenliebe und der öffentlichen Wohltätigkeit nach den verschiedenen Gesichtspunkten, die Anleitung zur höheren Vollkommenheit, die Organisation des geistlichen Lebens, den Ritus und gottesdienstlichen Gesang ordnen.

Die Schätze der Offenbarung beeinflussen die Kunst

33 Gewiss die Zeit ist mittlerweile eine ganz andere geworden. Aber, wie Wir schon oft gesagt haben, im Leben der Kirche hat sich nichts geändert. Sie besitzt aus dem Erbe ihres göttlichen Stifters die Kraft, in allem Wandel der Zeiten nicht nur für das Wohl der Seelen zu sorgen, wie es ihre nächste Aufgabe ist, sondern auch für den Fortschritt der wahren, menschlichen Gesittung reichlich beizutragen, wie das mit der Natur ihres Berufes innig zusammenhängt.

34 Die von der Kirche anvertrauten Schätze der Offenbarung können ja unmöglich ohne großen Einfluss auf die Förderung alles Wahren, Guten und Schönen in den irdischen Verhältnissen bleiben und das am wenigsten dort, wo man in denselben mit Gott, dem Urquell der Wahrheit, Güte und Schönheit, in beständiger Beziehung bleibt.

35 Große Vorteile gewinnt durch die göttliche Belehrung neuer Tatbestände auch auf dem natürlichen Gebiete, sie zeigt der Forschung richtige Wege, hält zurück von Irrtum in der Anwendung des Erkannten und in den Entdeckungsversuchen. So ist sie einem Leuchtturm am Hafeneingang zu vergleichen, welchen den Seefahrern im Dunkel der Nacht Licht spendet, Verborgenes enthüllt und warnend auf die Klippen aufmerksam macht, an welchen sonst die Fahrzeuge Schiffbruch leiden müssten.

36 Was das sittliche Leben angeht, so empfangen wir von ihr kraftvolle Antriebe, das in alle Menschenherzen eingegrabenes Gesetz gründlicher und vollkommener beobachten. Der Einzelne, die Familie, ja selbst die gesamte menschliche Gesellschaft wird dadurch auf eine höhere Stufe des Glückes geleitet. Könnte das auch anders sein, nachdem der Erlöser selbst uns als höchstes Vorbild im sittlichen Wandel gerade die göttliche Güte, seinen himmlischen Vater (50) genannt hat. So gekräftigt, hat sie die Barbaren aus ihrer Wildheit herausgerissen und kultiviert, der Frau die verlorene Würde wieder zurückzugeben, das Joch der Sklaverei zerbrochen, die bürgerliche Ordnung auf Grundlage der Billigkeit zwischen den verschiedenen aufeinander angewiesenen Ständen hergestellt, das Recht erneuert, die wahre Geistesfreiheit verkündet und den häuslichen und bürgerlichen Frieden gesichert.

37 Die Künste vollends schauen zum Urbild aller Schönheit, zu Gott, empor, von wo alle Gestalten und Urbilder ausgegangen, welche in der Natur Verwirklichung gefunden haben; leichter hebt sich im Glauben die Empfindung über die Grenze des Gewöhnlichen empor, die im Geiste erfasste Idee, die Seele der Kunst, gelangt weit kräftiger zum Ausdruck. Der Vorteil, welchen die Verwendung der Künste im Dienste der Religion den letzteren gebracht hat, kann kaum hoch genug angeschlagen werden. Denn für die Gottheit wird hier das Würdigste als Opfer gefordert, was die Künste an Fülle und Reichtum, an Anmut und Formenschönheit zu bieten vermögen. Dieser Geist rief die religiöse Kunst ins Leben, und jede weltliche Kunst ist erst auf dieser Grundlage entstanden und stützt sich heute noch auf sie. Wir haben diesen Punkt erst jüngst in dem Motu proprio über die Wiederherstellung des alten römischen Kirchengesanges und die religiöse Musik berührt. Die übrigen Künste haben, jede in ihrer Art, dieselben Gesetze. Was zum Gesang gilt, ist deshalb auch von der Malerei, der Skulptur und der Baukunst zu sagen. Auch auf diesem Gebiete hat die Kirche immer den menschlichen Geist zu den edelsten und glänzendsten Schöpfungen angeregt und befruchtet. So zu hoher Bildung und seinem Geschmack erhoben, errichten die Menschen überall machtvolle Tempelbauten, und in ihnen, dem Haus Gottes, gleichsam heimisch, erschwingen sich unter reicher Entfaltung aller Künste bei erhabener Feierlichkeit der Zeremonien und den süßen Klang der Musik die Seelen zum Himmel.

38 Solche Wohltaten seiner Zeit und der Nachwelt zu erweisen, war, wie Wir gesagt haben, Gregor berufen. Auch in unserer Zeit werden wir dieselben genießen können, wenn wir nur das uns mit Gottes Gnade verliehene Gute mit allem Eifer hüten, das schwach Gewordene und Entartete in Christus erneuern (51). Noch besitzen wir diese feste Grundlage zum Fundament, und die nötigen Mittel zur Tat sind in unsere Hand gegeben.

Schluss

39 Wir schließen dieses Schreiben mit denselben Worten, welche Gregor am Ende seiner denkwürdigen Ansprache in der lateranensischen Synode sprach: Überlegt das sorgfältig, Brüder, schärft das euren Nächsten ein. Ihr müsst vor dem allmächtigen Gott Früchte der übernommenen Amtswaltung zeigen können. Bereitet euch darauf vor. Doch was wir hier verkünden, werden wir besser durch das Gebet als durch Reden erreichen. Lasset uns beten: O Gott, der du uns zu Hirten in deinem Volke bestellt hast, gib, dass wir in deinen Augen zu sein vermögen, als was wir von den Menschen bezeichnet werden (52).

40 Indem Wir hoffen, dass Gott auf die Fürbitte des heiligen Gregor in Gnade Unser demütiges Flehen erhören wolle, erteilen Wir als Unterpfand der göttlichen Gnaden und zum Zeugnis Unseres väterlichen Wohlwollens Euch, Eurem Klerus und Volk in aller Liebe den Apostolischen Segen.

Gegeben in Rom, bei Sankt Peter am 12. März 1904,
am Feste des heiligen Papstes und Kirchenlehrers Gregor I.,
im ersten Jahr Unseres Pontifikates
Papst Pius X.

Anmerkungen

(1) Römisches Martyrologium 3. September.

(2) 1 Sam 2,6f.

(3) Johannes Diakonus, Leben Gregors 4, 68.

(4) Register 1, 4 an Bischof Johannes von Konstantinopel.

(5) Johannes Diakonus, Leben Gregors 2, 51.

(6) Grabschrift.

(7) Register 5, 36 (40) an den Kaiser Mauritius.

(8) Register 8, 29 (30) an Eulogius, Bischof von Alexandrien.

(9) Ebd. 11, 36 (28)an Augustin, Bischof der Angelsachsen.

(10) Joh 5,17.

(11) Register 11, 36 (28).

(12) 1 Kor 2, 4.

(13) Register 7, 37 (28).

(14) Mt 24, 35.

(15) Register 8, 24 an den Bischof Sabinian.

(16) Register 5, 58 (53) an den Bischof Virgilius.

(17) Ebd. 5, 37 (20) an den Kaiser Mauritus.

(18) Ebd.3, 61 (65) an den Kaiser Mauritus.

(19) Ebd. 5, 41 (43).

(20) Ebd. 5, 37 (20).

(21) Register 5, 6 (4, 47).

(22) Joh 10, 10.

(23) Röm 11, 16.17.

(24) Röm 1, 20.

(25) 1 Tim 6, 20.

(26) Röm 1, 21.22.

(27) Röm 1, 24.

(28) Apg 4, 12.

(29) Joh 14, 6.

(30) Apg 4, 11.12.

(31) Mt 8, 25.

(32) Register 6, 63 (30); vgl. Pastoralregel 1,5.

(33) 1 Kor 9, 22.

(34) Joh 10, 11.

(35) Hebr. 18, 8.

(36) Register 5, 44 (18) an Bischof Johannes

(37) 1 Kor 1,23.

(38) Ebd. 1, 21.

(39) Ebd. 1, 18.

(40) Johannes Diakonus 2, 55.

(41) Pastoralregel 1, 10.

(42) Ebd. 1, 9.

(43) 1, 2.

(44) Ebd. 1, 11.

(45) Pastoralregel 1, 10.

(46) Register 5, 63 (58) an alle Bischöfe Griechenlands.

(47) Apg 20, 28.

(48) Hom. Zu den Evang. 1, 17.

(49) Ebd. N.3.

(50) Mt 5, 48.

(51) Ebd. 1, 10.

(52) Hom. N. 18.