Instruktion vom 1. Juli 1958

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Instruktion

der Studienkongregation
im Pontifikat von Papst
Pius XII.
an die Bischöfe, die Oberen der Lehrorden und den Verband der der kirchlichen Obrigkeit unterstehenden Lehrinstitute Italiens
über die Methoden des Philosophiestudiums in der Oberstufe der höheren Lehranstalten

1. Juli 1958

(Quelle: Herder-Korrespondenz Herder Verlag Freiburg im Breisgau, 13. Jahrgang, Heft 2, November 1958, S. 78-79; nach NCWC News Service, 29. August 1958)

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Entsprechend unserer besten Schultradition soll das Studium der Philosophie den Geist der Studenten zur Erfassung der bedeutendsten Fragen des individuellen und sozialen Lebens in ihrer echt menschlichen und christlichen Bedeutung befähigen. Aus sorgfältigen Untersuchungen ergibt sich jedoch, dass die heutige Lehrmethode der Philosophie, die sich fast vollständig im Historischen erschöpft, diesen hohen Zweck nicht mehr erfüllt, sondern statt dessen für die Studenten viele Schwierigkeiten mit sich bringt. Da den jungen Studenten eine ausreichende geistige Vorbereitung und sichere Normen fehlen, die ihnen ein Urteil über die Konsistenz der verschiedenen Philosophiesysteme ermöglichen, sind sie von drei Gefahren bedroht:

a) Sie verlieren jeden Glauben an die Möglichkeit, dass die menschliche Vernunft auf irgendeine Weise die Wahrheit finden könne, und verfallen dadurch einem Relativismus, oder einem nicht minder zerstörerischen Skeptizismus.

b) Sie übernehmen blindlings die Sicht ihrer Lehrer, allerdings ohne Überzeugung und in einem mehr oder weniger oberflächlichen und dienstbeflissenen Abhängigkeitsverhältnis.

c) Zumeist aber verlieren die Studenten schließlich alles Interesse an der Philosophie und an ihrer Zielsetzung, die Wahrheit zu suchen.

Im ersten Kapitel der Summa Contra Gentiles erinnert St. Thomas bei der Behandlung der Aufgabe des Weisen, d. h. des Philosophen, daran, dass die Göttliche Weisheit selbst erklärt, sie sei in die Welt gekommen, um die Wahrheit zu offenbaren (]oh. 18,37). St. Thomas führt seinen Gedankengang so weiter, dass auch Aristoteles feststellt, die Philosophie sei die "Wissenschaft von der Wahrheit", jedoch nicht von jeder Wahrheit, sondern von dem, "was der Ursprung aller Wahrheit ist, d. h. von dem, was vom ersten Prinzip alles Seins handelt". Diese einfache und tiefe Betrachtung, die uns zur Existenz Gottes, des Urgrunds aller Dinge, führt, erzeugt auch das klare Verständnis für die ernsten Konsequenzen, die die oben erwähnte Situation im Hinblick auf die Religion und den Religionsunterricht in der Schule haben kann und oft auch hat.

Die Studienkongregation ist sich genauso wie die Direktoren der der kirchlichen Obrigkeit unterstehenden Lehrinstitute der schwerwiegenden Bedeutung dieses Problems bewußt. Deshalb fordert die Kongregation die Direktoren auf, folgende als gut und richtig befundene Mittel zu untersuchen, zu übernehmen und anzuwenden:

1. Die Auswahl der Professoren, Lehrbücher und Lektüre.

Für die Auswahl der Professoren sollen folgende Qualifikationsmomente ausschlaggebend sein: Festigkeit und Sicherheit in der Doktrin, vorzugsweise Ausbildung an katholischen Universitäten, Bekenntnis einer aufrichtigen religiösen Gesinnung, ein aufrechtes Gewissen, Pflichtbewußtsein sowie Liebe und Respekt, die die Jugend braucht.

Als Lehrbücher kommen nur Werke katholischer Autoren in Frage, die durch Erfahrung geprüft und bewährt sind. Von dIeser Regel kann nicht ohne schwerwiegende Verfantwortung und Schaden abgewichen werden. Da die Lehrprogramme eine Auswahl heidnischer und christlicher Lektüre erlauben, kann und muß diese so überwacht werden, dass sie organisch in weitem Maße mit unsern Bildungszielen gleichläuft und diese fördert. Der wertvollste Beitrag zu diesen Zielen soll von den engen und herzlichen Beziehungen zwischen Philosophie- und Religionslehrern kommen. Das ist einer der größten Vorteile und der Ruhm unserer Institutionen sowie der Grund, warum cristliche Familien es vorziehen, ihre Kinder diesen Institutionen anzuvertrauen. Ihr Vertrauen und ihren Glauben zu verraten, wäre eine sehr schwer zu tragende Verantwortung.

2. Die Lehrmethoden.

Selbst im Rahmen und in den Grenzen der historischen Methode, die dem jugendlichen Geist gefällt und ihn interessiert, kann ein erfahrener Philosophielehrer leicht und vollkommen das Erziehungsziel erreichen, das ihm eln Herzensanliegen sein muß. Wenn eine solche Methode durch den staatlichen Lehrplan gefordert wird und deshalb nicht unterlassen werden kann, so besteht doch eine allgemeine Voraussetzung, die dem Philosophielehrer eine gewissenhafte Bemühung und eine einfühlende und verantwortungsbewußte Entwicklung der Philosophievorlesung ermöglicht.

In dieser Voraussetzung steckt die Möglichkeit, die Philosophievorlesungen durch eine Einleitung zu eröffnen, deren Ziel die Darlegung dessen ist, dass "Philosophie nicht etwas vom Leben Getrenntes, sondern das Leben selbst ist, das sein Selbstverständnis sucht, um schrittweise den Fortschritt zur Freiheit zu bewerkstelligen". Diese Worte erhalten ihren vollen Wert erst im Lichte der "philosophia perennis", deren eigentliche Aufgabe im Suchen und Erobern der Wahrheit besteht, die "frei macht", und dem Leben seinen wahren und vollen Sinn gibt.

Es ist ebenfalls zulässig, auf die besonderen Merkmale der Philosophie, die sie von den anderen Disziplinen unterscheidet, und auf die klaren Verbindungen, die sie mit ihnen verknüpft, hinzuweisen: Gehört diese großartige Möglichkeit der Synthese und Harmonie, durch die das All der Geister und Dinge Ruhe findet und sich selbst in Gott, der Urwahrheit und Urliebe, verliert, nicht vordringlich und ausschließlich zu einer "philosophia perennis" ?

Zusätzlich zu den Systemen der verschiedenen Philosophien, die in den gewöhnlichen Schulvorlesungen behandelt werden, sollten auch die großen Texte der Philosophie sowie im Lichte der "philosophia perennis" und in Treue zu Italien und zum Christentum die bedeutendsten Tagesprobleme durchgesprochen werden ...

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