Inscrutabili Dei consilio (Wortlaut)

Aus Kathpedia
Wechseln zu: Navigation, Suche
Antrittsenzyklika
Inscrutabili Dei consilio

von Papst
Leo XIII.
an die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe
der katholischen Welt, welche in Gnade und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle steben,
über die katholische Religion als Fundament echter Zivilisation
21. April 1878

(Offizieller lateinischer Text: ASS X [1877-1878] 585-592)

(Quelle: Die katholische Sozialdoktrin in ihrer geschichtlichen Entfaltung, Hsgr. Arthur Fridolin Utz + Birgitta Gräfin von Galen, II 260-279, Scientia humana Institut Aachen 1976, Imprimatur Friburgi Helv., die 2. decembris 1975 Th. Perroud, V.G. Die Nummerierung folgt der englischen Fassung. Die Überschriften sind fast gänzlich übernommen aus: Leo XIII. - Lumen De Caelo. Erweiterte Ausgabe des "Leo XIII. der Lehrer der Welt". Praktische Ausgabe der wichtigsten Rundschreiben Leo XIII. und Pius XI. [in deutscher Sprache mit gebrochenen Buchstaben] mit Übersicht und Sachregister. Herausgegeben von Carl Ulitzka, Päpstlicher Hausprälat, Ratibor 1934, S. 66-75; Mit kirchlicher Druckerlaubnis)

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Ehrwürdige Brüder,
Gruß und apostolischen Segen
Papst Leo XIII.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Die Übel der Zeit sind groß

1 Durch den unerforschlichen Ratschluss Gottes ohne Unser Verdienst zur höchsten, nämlich der Apostolischen Würde erhoben, fühlten Wir Uns alsbald gedrängt, Uns in einem Schreiben an Euch zu wenden, nicht nur, um Euch Unsere aufrichtige Liebe zum Ausdruck zu bringen, sondern auch, um Euch, die Ihr berufen seid, an Unserer Hirtensorge Anteil zu nehmen, kraft des von Gott Uns anvertrauten Amtes zu stärken zum Kampf, den Ihr mit Uns in diesen Zeiten für die Kirche Gottes und das Heil der Seelen besteht.

2 Denn gleich bei Beginn Unseres Pontifikats sehen Wir vor Unseren Augen das traurige Bild der Übel, die auf dem menschlichen Geschlecht überall lasten: die weit verbreitete Untergrabung der höchsten Wahrheiten, auf denen, wie auf einem festen Fundament, der Bestand der menschlichen Gesellschaft ruht; die Verwegenheit der Geister, die keine rechtmäßige Gewalt über sich dulden; die ewig brodelnde Zwietracht, aus der Kampfe im Innern und wilde, blutige Kriege entstehen; die Verachtung der Gesetze, welche die Sitten regeln und die Gerechtigkeit beschützen; die unersättliche Gier nach vergänglichen Gütern und das Vergessen der ewigen Güter bis zu jener wahnsinnigen Wut, in der so viele Unglückliche allenthalben ohne Scheu Hand an sich selbst legen; die leichtsinnige Verwaltung der öffentlichen Güter, deren Vergeudung und Unterschlagung; die Unverschämtheit jener, welche, während sie am meisten betrogen, sich so gebärden, als seien sie die Vorkämpfer des Vaterlandes, der Freiheit und des Rechts überhaupt; jene gewissermaßen todbringende Seuche endlich, welche die menschliche Gesellschaft bis ins Mark angreift, sie nicht zur Ruhe kommen läst und in ihr stets neue Umwälzungen mit unheilvollem Ausgang erzeugt.

Die Ursache der Übel ist die Verachtung der Autorität der Kirche

3 Die Ursache dieser Übel aber liegt, wie Wir überzeugt sind, darin, dass jene heilige und erhabene Autorität der Kirche verachtet und hintangesetzt wurde, welche im Namen Gottes dem Menschengeschlecht vorsteht und jedwede rechtmäßige Autorität schützt. Da die Feinde der öffentlichen Ordnung dies wohl einsahen, hielten sie in der Absicht, die Fundamente der Gesellschaft zu untergraben, nichts für geeigneter, als die Kirche Gottes in hartnäckigem Kampfe anzugreifen, sie schamlos zu verleumden mit dem Vorwurf, sie sei der wahren Zivilisation und Kultur hinderlich, Missgunst und Hass gegen sie zu erregen, ihre Autorität und ihren Einfluss stetig durch neue Wunden zu schwächen, die oberste Gewalt des Römischen Papstes zu untergraben, der Schirm und Hort der ewigen und unwandelbaren Grundsätze von Sitte und Gerechtigkeit ist. Daher stammen denn auch jene zu Unserem Bedauern in den meisten Ländern erlassenen Gesetze, welche die göttliche Verfassung der Katholischen Kirche erschüttern sollen; daher die Missachtung der bischöflichen Gewalt, die Hindernisse, die man der Ausübung des geistlichen Amtes entgegenstellt, die Auflösung der religiösen Genossenschaften, die Einziehung der Güter, welche den Dienern der Kirche und den Armen Unterhalt gaben; daher ist es gekommen, dass die öffentlichen, der christlichen Liebe und Mildtätigkeit gewidmeten Anstalten der heilsamen Leitung durch die Kirche entzogen wurden; daher jene zügellose Freiheit, alles, was nur immer schlecht ist, zu lehren und zu veröffentlichen, während dagegen das Recht der Kirche auf den Unterricht und die Erziehung der Jugend in jeglicher Weise verletzt und unterdrückt wird. Und dahin zielt auch die Besitznahme der weltlichen Herrschaft, welche die göttliche Vorsehung vor vielen Jahrhunderten dem Römischen Papst verliehen hat, damit er frei und ungehindert die ihm von Christus gegebene Gewalt zum ewigen Heile der Völker ausübe.

Die Kirche ist keine Feindin der wahren Kultur

4 Diese Menge von schweren Sorgen haben Wir vor Euch, Ehrwürdige Brüder, ausgebreitet, nicht um Euren Schmerz zu mehren, den diese höchst unselige Lage der Dinge von selbst Euch bereitet, sondern weil Ihr hieraus, wie Wir wissen, ermessen werdet, wie groß und wichtig die Angelegenheiten sind, die die Unser aller Amt und Unsern Eifer in Anspruch nehmen, und mit welch großer Hingebung wir uns bemühen müssen, die Kirche Christi und die Würde dieses Apostolischen Stuhles gegen die vielen verleumderischen Angriffe, zumal in dieser schweren Zeit, nach Kräften zu verteidigen und abzusichern.

Die Kirche hat diese Kultur den Völkern zuerst gebracht

5 Klar und über allen Zweifeln erhaben ist es, Ehrwürdige Brüder, dass die bürgerliche Gesellschaft keine sicheren Fundamente mehr hat, wenn sie nicht auf den ewigen Grundsätzen der Wahrheit und den unwandelbaren Gesetzen des Rechts und der Gerechtigkeit ruht und wenn nicht aufrichtige Liebe die Menschen untereinander verbindet und ihre wechselseitigen Pflichten ordnet. Wer möchte es nun abstreiten, dass die Kirche es war, welche durch die Predigt des Evangeliums unter den Heiden das Licht der Wahrheit den verwilderten und von schändlichem Aberglauben befangenen Völkern gebracht und in ihnen die Anerkennung des göttlichen Urhebers aller Dinge und die Selbsterkenntnis geweckt hat; welche durch Aufhebung der unseligen Sklaverei den Menschen den alten Adel ihrer natürlichen Würde wiedergeben, in allen Lindern nach Aufrichtung des Zeichens unserer Erlösung Kunst und Wissenschaft eingeführt oder geschützt, die vorzüglichsten Anstalten christlicher Barmherzigkeit zur Hilfe in jeder Not gegründet und unter ihre Leitung genommen hat, dass also die Kirche es war, die die Menschheit allüberall im privaten wie im öffentlichen Leben gebildet, vom Schmutze geläutert und mit Hingebung zu einer der menschlichen Würde und Hoffnung entsprechenden Lebensform erhoben hat?

Die Kirche hat durch diese Kultur die Völker glücklich gemacht

Wenn darum ein Mensch mit gesundem Verstand diese Zeit, in der wir leben, die der Religion und Kirche Christi so feindselig ist, mit jenen glücklichen Jahrhunderten vergleicht, da die Kirche wie eine Mutter von den Völkern geehrt wurde, so muss er zur unerschütterlichen Gewissheit gelangen, dass unsere von zerstörerischen Umwälzungen so erfüllte Zeit geradezu dem Verderben entgegeneilt, dass hingegen jene Jahrhunderte durch vortreffliche Einrichtungen, Ruhe des Lebens, Wohlfahrt und Gedeihen um so mehr blühten, je mehr die Völker sich von der Kirche leiten ließen und ihren Gesetzen Ehrfurcht zollten. Wenn darum alle diese erwähnten Segnungen, die dem Dienst und der heilsamen Hilfe der Kirche zu verdanken sind, in Wahrheit Werke und Zierden der menschlichen Kultur und Zivilisation sind, so kann die Kirche die Zivilisation folgerichtig nicht verschmähen oder missbilligen, vielmehr kann sie sich nur rühmen, deren Pflegerin, Lehrerin und Mutter zu sein.

Die unchristliche Kultur richtet die Völker zugrunde

6 Aber gerade jene Art von Zivilisation und Kultur, welche zu den heiligen Lehren und Gesetzen der Kirche in Widerspruch steht, hat als Trugbild wahrer Zivilisation und leerer Name ohne Inhalt zu gelten. Hierfür liefern einen offenkundigen Beweis jene Völker, denen das Licht des Evangeliums nicht geleuchtet hat, in deren Leben sich zwar ein gewisser Schein von Kultur zeigte, doch ohne die Güter echter Kultur. Es kann doch wahrhaftig in keiner Weise ein Zeugnis von Kultur sein, wenn jegliche rechtmäßige Gewalt dreist verachtet wird; noch ist als wahre Freiheit zu bezeichnen, wenn unter diesem Namen nur ungehinderte Verbreitung von Irrtümern, hemmungslose Entfesselung jeglicher bösen Begierde, Straflosigkeit von Schandtaten und Lastern, Unterdrückung der besten Bürger jeden Standes grassieren. Denn da all dies irrig, verderblich und töricht ist, hat es auch nicht die Macht, die Menschheitsfamilie zu vervollkommnen, ihr Glück und Gedeihen zu bringen, „denn die Sünde macht die Völker elend" (Spr 14, 34); vielmehr kann eine solche Freiheit und Kultur nur Sinn und Herz verderben und die Völker immer mehr in die Tiefe ziehen, jede Ordnung erschüttern und so die Staatsverfassung und die öffentliche Ruhe früher oder später vollständig vernichten.

Das Papsttum als Initiator der Kultur

7 Wenn man auf das Walten des Römischen Papsttums blickt, was kann ungerechter sein als zu leugnen, dass die Römischen Bischöfe sich große Verdienste um die gesamte bürgerliche Gesellschaft erworben haben? Fürwahr, niemals haben unsere Vorgänger, wenn es um das Wohl der Völker ging, gezögert, jede Art Kampf aufzunehmen, schwere Mühsale zu ertragen und Bedrängnisse zu erdulden; das Auge zum Himmel gewandt, haben sie weder vor den Drohungen der Bösen das Haupt gebeugt, noch in verwerflicher Nachsicht durch Schmeicheleien oder Versprechungen sich zur Untreue gegenüber ihrer Pflicht verführen lassen.

Es hat im Mittelalter die Völker vor der Barbarei bewahrt

Dieser Apostolische Stuhl war es, der die Reste der verfallenen alten Gesellschaft gesammelt und wieder geeint hat, er, die Fackel, die den christlichen Epochen in freundschaftlicher Weise den Weg zur Kultur erhellte, der Anker des Heils in den wütenden Stürmen, von welchen das Menschengeschlecht hin- und hergeworfen wurde, das heilige Gemeinschaftsband, das die voneinander entfernten und an Sitten verschiedenen Nationen unter sich einte, endlich der gemeinsame Mittelpunkt, von wo aus sowohl die Lehre des Glaubens und der Religion als auch Anweisungen und, Ratschläge für den Frieden und zur Lösung von strittigen Fragen begehrt wurden. Doch, was bedarf es vieler Worte? Es gereicht den Päpsten zum Ruhm, dass sie mit unerschütterlicher Standhaftigkeit wie eine Mauer und ein Bollwerk sich allem entgegenstellten, wodurch die menschliche Gesellschaft in den alten Aberglauben und die Barbarei hätte zurückfallen können.

Zum Beweise dient das Morgenland

8 Wäre doch diese heilsame Autorität niemals hintangesetzt oder zurückgewiesen worden! Dann hätte wahrhaftig weder die bürgerliche Gewalt jenen erhabenen und heiligen Schmuck verloren, den sie als Geschenk der Religion an sich trug, und der allein das Untertanenverhältnis menschenwürdig gestaltet und veredelt; noch wären so viele Empörungen und Kriege entbrannt, welche die Länder mit Unheil und Mord heimsuchten; noch würden die ehedem so blühenden Reiche, vom Gipfel ihres Glückes herabgestürzt, von der Wucht der Drangsale niedergedrückt werden. Zum Beweis hierfür dienen auch die Völker des Orients, welche nach Zerreißung der milden Bande, durch die sie mit diesem Apostolischen Stuhle verknüpft waren, den Glanz ihres ursprünglichen Adels, den Ruhm in allen Wissenschaften und Künsten und die Würde ihrer Herrschaft verloren.

Italien verdankt den Päpsten seinen Ruhm

9 Die vortrefflichen Wohltaten aber, welche, wie die berühmten Denkmäler aller Zeiten dartun, vom Apostolischen Stuhle in alle Länder der Erde ausgegangen sind, hat ganz besonders dieses Land Italien erfahren, das im Vergleich zu anderen Ländern reichere Früchte von ihm erntete, entsprechend seiner größeren Nähe zu ihm. Ohne Zweifel hat Italien den Römischen Päpsten den dauerhaften Ruhm und das Ansehen zu verdanken, wodurch es unter den übrigen Völkern hervorragte. Ihre Autorität und väterliche Fürsorge hat es mehr als einmal vor dem Angriff der Feinde geschützt und ihm Hilfe und Beistand geleistet, damit der katholische Glaube jederzeit in den Herzen der Italiener unversehrt bewahrt werde.

10 Diese Verdienste Unserer Vorfahren bezeugt, um andere Zeugnisse zu übergehen, besonders die Geschichte der Zeiten des heiligen Leo des Großen, Alexanders III., Innozenz' III., Pius' V., Leos X. und anderer Päpste, durch deren Bemühung oder unter deren Schutz Italien vor vollständigem Untergange, der ihm von den Barbaren her drohte, gerettet wurde, unversehrt den alten Glauben bewahrte, in einem verhältnismäßig noch finsteren und unkultivierten Zeitalter die lichtvollen Wissenschaften und die schönen Künste nährte und lebendig erhielt. Das bezeugt diese Unsere erhabene Stadt, der Sitz der Päpste, welchen sie den einzigartigen Vorzug verdankt, dass sie nicht bloß die stärkste Burg des Glaubens ward, sondern auch als Asyl der schönen Künste und Wohnstätte der Weisheit die Bewunderung und Ehrfurcht der ganzen Welt gewann. Da diese so großartigen Tatsachen durch geschichtliche Urkunden zum ewigen Gedächtnis überliefert worden sind, lässt sich leicht erkennen, dass dem gegenüber nur die böswillige und verleumderische Absicht, die Welt durch Wort und Schrift zu täuschen, die Behauptung aufstellen konnte, der Apostolische Stuhl sei ein Hindernis für die Kultur und das Glück Italiens.

Daraus ergeben sich folgende Pflichten

11 Wenn darum alle Hoffnungen Italiens und des ganzen Erdkreises sich auf diesen, dem allgemeinen Nutzen und Wohl so heilsamen Einfluss, den die Autorität des Apostolischen Stuhles ausübt, und auf das enge Band stützen, das alle Christgläubigen mit dem Römischen Papst eint, so erkennen Wir, dass Uns nichts wichtiger sein muss, als dem Römischen Stuhle seine Würde unversehrt zu bewahren und die Verbindung der Glieder mit dem Haupt, der Söhne mit dem Vater, mehr und mehr zu kräftigen.

Für den Papst: er muss für die Würde und die Rechte des römischen Stuhles eintreten

12 Um daher vor allem in der Uns möglichen Weise die Rechte und Freiheit dieses Heiligen Stuhles zu wahren, werden Wir Uns stets dafür einsetzen, dass Unserer Autorität der gebührende Gehorsam geleistet und die Hindernisse beseitigt werden, welche die volle Freiheit Unseres Amtes und Unserer Gewalt hemmen, und Wir jene Stellung wieder gewinnen, welche der Ratschluss der göttlichen Weisheit den Römischen Päpsten vor langer Zeit gegeben hatte. Was Uns, Ehrwürdige Brüder, antreibt, diese Wiederherstellung zu fordern, ist weder Ehrgeiz noch Herrschsucht, sondern die Rücksicht auf Unser Amt und die heiligen Bande des Eides, die uns hierzu verpflichten; und außerdem nicht bloß deswegen, weil diese weltliche Herrschaft notwendig ist, um die volle Freiheit der geistlichen Gewalt zu schützen und zu bewahren, sondern auch, weil ohne jeden Zweifel mit der weltlichen Gewalt des Apostolischen Stuhles zugleich auch das öffentliche Wohl und Heil der gesamten menschlichen Gesellschaft verbunden ist. Darum können Wir nicht unterlassen, wie es Unsere Pflicht erfordert, die Uns die Rechte der Kirche zu wahren gebietet, alle jene Erklärungen und Proteste, welche Unser Vorgänger Pius IX. seligen Andenkens sowohl gegen die Besitznahme der weltlichen Herrschaft wie gegen die Verletzung aller der Römischen Kirche zustehenden Rechte öfters verkündet und erneuert hat, in diesem Unserem Schreiben sämtlich zu wiederholen und zu bestätigen. Gleichzeitig aber erheben Wir Unsere Stimme zu den Fürsten und Führern der Völker und beschwören sie wieder beim heiligsten Namen des Allerhöchsten, dass sie den Beistand der Kirche, der ihnen in diesen schwierigen Zeitverhältnissen angeboten wird, nicht zurückweisen, und dass sie in einträchtigem Bemühen sich um diese Quelle der Autorität und des Heils in Freundschaft sammeln und sich mehr und mehr durch die Bande der Liebe und Ehrfurcht mit ihr vereinigen. Gebe Gott, dass sie die Wahrheit dessen, was Wir gesagt haben, einsehen und bei sich erwägen, dass, wie Augustinus sagte, die Lehre Christi, wenn sie befolgt wird, „dem Staate zu großem Heile gereicht“ (Augustinus, cp. 138, alias 5, ad Marcellinum n. 15) und mit der Wohlfahrt der Kirche und dem ihr geleisteten Gehorsam zugleich auch die Wohlfahrt und Ruhe des Staates gegeben ist; gebe Gott, dass sie ihr Denken und Wollen auf die Behebung der Übelstände richten, von denen die Kirche und ihr sichtbares Haupt betroffen werden, damit die Völker, über welche sie gesetzt sind, endlich in Gerechtigkeit und Frieden ein glückliches Zeitalter des Wohlstandes und Ruhmes erleben.

Für die Bischöfe

In den Gläubigen die Liebe zur Religion zu entflammen

13 Damit die Eintracht der gesamten katholischen Herde mit ihrem obersten Hirten von Tag zu Tag mehr befestigt werde, wenden Wir Uns nun in besonderer Zuneigung an Euch, Ehrwürdige Brüder, und ermahnen Euch inständig, dass Ihr Eurem priesterlichen Eifer und Eurer oberhirtlichen Wachsamkeit entsprechend in den Euch anvertrauten Gläubigen die Liebe zur Religion entflammt, damit sie um so inniger und fester diesem Sitze der Wahrheit und Gerechtigkeit verbunden seien, alle seine Lehren mit Verstand und Willen tief in sich aufnehmen und jener öffentlichen Meinung unbedingt widerstehen, von der sie wissen, dass sie den Lehren der Kirche entgegengesetzt ist.

Die Irrlehren zu bekämpfen

In dieser Beziehung haben Unsere Vorgänger, die Römischen Päpste, und zuletzt noch Pius IX. seligen Andenkens besonders auf dem Vatikanischen Konzil, treu dem Wort des heiligen Paulus (Kol 2, 8) „Sehet zu, dass euch niemand verführe durch Weltweisheit und leeren Trug nach der Überlieferung der Menschen, nach der Kindheitslehre der Welt und nicht nach Christus", es nicht unterlassen, die um sich greifenden Irrtümer, so oft es notwendig war, zu verwerfen und durch Apostolische Zensur zu brandmarken. Dem Beispiel Unserer Vorgänger folgend bestätigen und wiederholen Wir von diesem Apostolischen Lehrstuhl der Wahrheit aus alle diese Apostolischen Verurteilungen und bitten zugleich inständig den Vater des Lichtes, dass alle Gläubigen, Uns geistig vollkommen verbunden, dasselbe mit Uns denken und nach außen kundtun. Eures Amtes aber ist es, Ehrwürdige Brüder, eifrig dafür zu sorgen, dass der Same der göttlichen Lehren weithin über den Acker des Herrn verbreitet werde, und dass die Wahrheiten des katholischen Glaubens, frühzeitig den Seelen der Gläubigen eingepflanzt, tiefe Wurzeln in ihnen fassen und vor verderblichen Irrtümern bewahrt werden.

Das Studium, besonders der christlichen Philosophie zu pflegen

Je gewaltigere Anstrengungen die Feinde der Religion machen, um unerfahrenen Menschen und besonders der Jugend solche Lehren vorzutragen, die den Geist verdunkeln und die Sitten verderben, desto eifriger ist dafür zu sorgen, dass nicht bloß eine entsprechende gründliche Unterrichtsmethode angewandt werde, sondern besonders der Unterricht selbst in den verschiedenen wissenschaftlichen Fächern in voller Übereinstimmung mit der katholischen Lehre stehe, ganz besonders aber in der Philosophie, von der die richtige Auffassung der übrigen Wissenschaften großenteils abhängt, und die nicht darauf abzielt, die göttliche Offenbarung zu untergraben, sondern vielmehr bereitwillig ihr den Weg bahnt und sie den Angreifern gegenüber in Schutz nimmt, wie dies durch ihr Beispiel und ihre Schriften der große Augustinus und der Englische Lehrer sowie die übrigen Meister der christlichen Weisheit dargetan haben.

Die christliche Familie und die Ehe zu schützen

14 Eine wahrhaft gute Erziehung der Jugend im Sinne der Stärkung im wahren Glauben und in der Religion sowie der Sittenreinheit muss vom frühesten Alter in der Familie ihren Anfang nehmen, welche, heutzutage in beklagenswerter Weise zerrüttet, auf keinem andern Wege zu ihrer Würde wieder zurückgeführt werden kann als durch jene Gesetze, die der göttliche Urheber selbst erlassen hat, als er sie in der Kirche gründete. Indem derselbe den Ehebund, durch den er seine Verbindung mit der Kirche Versinnbilden wollte, zur Würde eines Sakramentes erhob, hat er der ehelichen Gemeinschaft nicht bloß eine höhere Heiligung verliehen, sondern auch für Eltern wie Kinder die wirksamsten Hilfsmittel bereitet, durch die sie in wechselseitiger Erfüllung ihrer Pflichten das zeitliche wie auch das ewige Glück leichter erreichen können. Nachdem aber gottlose Gesetze unter Verachtung des religiösen Charakters dieses großen Sakramentes die Ehe auf gleiche Stufe mit den rein bürgerlichen Verträgen gesetzt haben, ergab sich als traurige Folge, dass in Verletzung der Würde der christlichen Ehe die Staatsbürger die Ehe durch das legalisierte Konkubinat ersetzten, die Eheleute die Pflichten der gegenseitigen Treue vernachlässigten, die Kinder den Eltern Ehrfurcht und Gehorsam verweigerten, die Bande der häuslichen Liebe gelockert wurden und, was das schlechteste Beispiel gibt und den öffentlichen Sitten am meisten schadet, oft infolge einer ungeordneten Liebe verderbliche und unheilvolle Trennungen eintraten. Diese traurigen und beklagenswerten Tatsachen, Ehrwürdige Brüder, müssen Euern Eifer entflammen und antreiben, angelegentlichst die Eurer Obhut anvertrauten Gläubigen zu mahnen, dass sie den Lehren von der Heiligkeit der christlichen Ehe williges Gehör schenken und den Gesetzen gehorchen, durch welche die Kirche die Pflichten der Eheleute und Kinder regelt.

Daraus fließt der Segen für alle

15 Hieraus wird als höchst glückliche Folge sich ergeben, dass auch Sitte und Lebensweise der Einzelnen sich neu gestalten; denn wie ein kranker Stamm mit schlechten Zweigen auch ungesunde Früchte trägt, so geht der krankhafte Zustand, der die Familien verdirbt, durch unselige Ansteckung auf die einzelnen Bürger zu ihrem Schaden und Verderben über. Ist dagegen die häusliche Gemeinschaft im Sinn der christlichen Lebensnorm geordnet, dann werden die einzelnen Glieder daran gewöhnt, Religion und Frömmigkeit zu lieben, falsche und verderbliche Lehren zu fliehen, die Tugend zu üben, den Vorgesetzten zu gehorchen und jenen unersättlichen Trieb nach eigenem, privatem Vorteil zu mäßigen, der die menschliche Natur so tief erniedrigt und entnervt. Im Hinblick darauf wird es gewiss sehr nützlich sein, so viel wie möglich jene frommen Vereine zu fördern, welche gerade in unserer Zeit zum großen Gedeihen der katholischen Sache gegründet worden sind.

V. Ausblick in die Zukunft

Die Völker sind nicht unheilbar

16 Groß ist dies alles und menschliche Kräfte überragend, was Wir hoffen und wünschen, Ehrwürdige Brüder. Da aber Gott die Nationen des Erdkreises heilbar geschaffen, da er die Kirche zum Heile der Völker gegründet und ihr seinen Beistand bis zum Ende der Tage verheißen hat, so hegen Wir das feste Vertrauen, das Menschengeschlecht werde unter Eurer Mitwirkung die Lehren beherzigen, die es durch so viele Übel und Widerwärtigkeiten empfangen, und schließlich im Gehorsam gegen die Kirche und das unfehlbare Lehramt des Apostolischen Stuhles sein Glück und Heil suchen.

Die Einheit der Bischöfe ist ein gutes Zeichen

17 Ehe wir Unser Schreiben beenden, halten wir es für angebracht, Ehrwürdige Brüder, Euch Unsere Freude über die bewunderungswürdige Einmütigkeit und Eintracht zum Ausdruck zu bringen, die Euch untereinander und mit diesem Apostolischen Stuhle in Einheit verbunden hat. Diese vollkommene Einheit ist nach Unserem Dafürhalten nicht bloß ein unüberwindliches Bollwerk gegen die anstürmenden Feinde, sondern auch ein glückliches und segenverheißendes Vorzeichen, das uns bessere Zeiten für die Kirche ankündet; indem sie einerseits Unserer Schwäche spürbaren Trost bietet, richtet sie andererseits Unseren Geist mächtig auf, in dem schwierigen Amt, das Wir übernommen haben, alle Mühsalen und alle Kämpfe für die Kirche Gottes mutig durchzustehen.

Die Liebes- und Ergebenheitsbeweise geben Mut

18 Zu diesen Ursachen der Hoffnung und Freude, die Wir Euch dargelegt haben, rechnen Wir auch jene Beweise der Liebe und Ehrfurcht, die Ihr, Ehrwürdige Brüder, und zugleich mit Euch so viele Geistliche und Gläubige zu Beginn Unseres Pontifikats Uns gegeben, die durch Rundschreiben, gesammelte Liebesgaben, auch durch Pilgerfahrten und andere Werke der Ehrerbietung dargetan haben, dass die Hingebung und Liebe, welche sie Unserem hochverdienten Vorgänger bewiesen haben, so fest, dauernd und unverändert geblieben ist, dass sie auch gegenüber der Person des ihm so ungleichen Erben nicht erkaltet ist. Für diese so glanzvollen Zeugnisse katholischer Liebe danken Wir in Demut Gott, der gut und barmherzig ist, und sprechen Euch, Ehrwürdige Brüder, und allen geliebten Söhnen, von denen Wir sie empfangen haben, von Grund Unseres Herzens vor aller Welt Unsern innigsten Dank aus, zugleich in der vollen Zuversicht, es werde in diesen schwierigen und bedrängten Zeiten Eure und der Gläubigen Anhänglichkeit und Liebe Uns niemals fehlen. Auch zweifeln Wir nicht, dass diese vorzüglichen Beispiele kindlicher Ehrfurcht und christlicher Tugend sehr viel vermögen, dass der allerbarmende Gott, durch diese sittlichen Anstrengungen bewogen, gnädig auf seine Herde herabsehe und der Kirche Frieden und Sieg verleihe. Da Wir aber vertrauen, dass dieser Friede und Sieg uns eher und leichter zuteil werde, wenn die Gläubigen unaufhörlich darum beten, so ermahnen Wir Euch angelegentlichst, Ehrwürdige Brüder, dass Ihr den Eifer und die Andacht der Gläubigen hierzu entflammt, unter Anrufung Unserer Mittlerin bei Gott, der unbefleckten Himmelskönigin, und durch die Fürbitte des heiligen Joseph, des himmlischen Patrons der Kirche, und der heiligen Apostelfürsten Petrus und Paulus, deren aller mächtigem Schutze Wir Uns und alle Ordnungen der kirchlichen Hierarchie und die gesamte Herde des Herrn demütig anempfehlen.

Christus ist unsere Hoffnung

19 Im übrigen wünschen Wir, es möchten diese Tage, an denen Wir das feierliche Gedächtnis der Auferstehung des Herrn begehen, für Euch, Ehrwürdige Brüder, und für die ganze Herde des Herrn glücklich, heilsam und heiliger Freude voll sein, und bitten den barmherzigen Gott, dass durch das Blut des unbefleckten Lammes, durch welches der Schuldbrief, der gegen uns war, getilgt wurde, unsere Sünden, die wir begangen haben, hinweggenommen und die Strafen, denen wir wegen derselben verfallen sind, in Gnade erlassen werden.

Die Gnade Unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen, Ehrwürdige Brüder; einem jeden Einzelnen von Euch und allen zumal, sowie den geliebten Söhnen, dem Klerus und den Gläubigen Eurer Kirchen, erteilen Wir zum Zeichen Unseres besonderen Wohlwollens und als Unterpfand des himmlischen Schutzes von ganzem Herzen Unsern Apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom bei St. Peter, am Osterfest, 21. April des Jahres 1878,

dem ersten Unseres Pontifikats.

Leo XIII. PP.

Weblinks

Meine Werkzeuge