In plurimis (Wortlaut)

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Enzyklika
In plurimis

von Papst
Leo XIII.
an die Bischöfe Brasiliens
anlässlich der Aufhebung der Sklaverei im brasilianischen Reich
5. Mai 1888

(Offizieller lateinischer Text: ASS XX [1887] 545-559)

(Quelle: Die katholische Sozialdoktrin in ihrer geschichtlichen Entfaltung, Hsgr. Arthur Fridolin Utz + Birgitta Gräfin von Galen, III 23-37, Scientia humana Institut Aachen 1976, Imprimatur Friburgi Helv., die 2. decembris 1975 Th. Perroud, V.G. Die Nummerierung folgt der englischen Fassung; auch in: Emil Marmy (Hrsg.), Mensch und Gemeinschaft in christlicher Schau, Dokumente, Paulus Verlag Freiburg/Schweiz 1945, S. 352-372; Imprimatur Friburgi Helv., die 21. Augusti 1945 L. Clerc, censor)

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Ehrwürdige Brüder,
Gruß und apostolischen Segen

Inhaltsverzeichnis

Einleitung: Freude über Freilassung von Sklaven in Brasilien anlässlich des 50-jährigen Priesterjubiläums Leos XIII.

1 Unter den zahlreichen und großen Erweisen kindlicher Liebe, welche Uns fast alle Völker brachten und noch täglich bringen, um Uns zum fünfzigjährigen Priesterjubiläum zu beglückwünschen, hat einer Uns ganz besonders gerührt. Er kam aus Brasilien. Dort empfingen nämlich anlässlich dieses freudigen Ereignisses nicht wenige von denen, die in diesem ausgedehnten Reich unter dem Joch der Sklaverei seufzen, die rechtliche Anerkennung der Freiheit. - Dieses erhabene Werk christlicher Liebe haben im Verein mit der Geistlichkeit wohltätige Männer und Frauen Gott dargebracht, dem Urheber und Spender alles Guten, als Ausdruck ihres Dankes dafür, dass er Uns so gnädig langes Leben und Gesundheit geschenkt hat. - Für Uns aber war diese Tat eine um so größere Freude, als sie Uns in der Überzeugung bestärkte, dass man in Brasilien die grausame Sklaverei aufheben und vollständig ausrotten wolle. Diesem Willen des Volkes kamen der Kaiser und seine erlauchte Tochter mit besonderem Eifer entgegen, wie auch hohe Persönlichkeiten der Regierung und schließlich auch gewisse gesetzliche Bestimmungen, die zu diesem Zweck erlassen worden waren. Welch großen Trost Wir hieraus empfingen, haben Wir im verflossenen Monat Januar dem Gesandten des Erlauchten Kaisers an Unserem Apostolischen Stuhle persönlich kundgegeben. Wir fügten die Bemerkung hinzu, dass Wir selbst in Sachen der unglücklichen Sklaven ein Schreiben an die Bischöfe Brasiliens richten werden.[1]

Die Menschwerdung Gottes als Befreiung der Menschen aus der Knechtschaft der Sünde

2 Wir sind ja für alle Menschen Stellvertreter Christi, des Sohnes Gottes, welcher das Menschengeschlecht in solcher Liebe umfing, dass er nicht nur sich nicht weigerte, durch Annahme unserer Natur unter uns zu weilen, sondern sich sogar mit Vorliebe den Namen "Menschensohn" gab. Vor aller Welt tat er es kund, dass er deswegen unter uns Menschen verkehrte, "um den Gefangenen ihre Erlösung zu künden",[2] um durch die Befreiung des Menschengeschlechts aus der schlimmsten Knechtschaft, nämlich der Sünde, "alles, was im Himmel und auf Erden ist, in sich zu erneuern"[3] und endlich die gesamte Nachkommenschaft Adams aus dem tiefen Abgrund allgemeinen Verderbens wieder auf die ursprüngliche Höhe ihrer Würde zu erheben. Treffend spricht in dieser Beziehung Gregor der Große: "Da unser Erlöser, der Schöpfer des Weltalls, deshalb das menschliche Fleisch erbarmend annehmen wollte, um durch die Gnade seiner Gottheit die Fesseln der Knechtschaft, die uns gefangen hielten, zu sprengen und uns zur früheren Freiheit zurückzuführen, so ist es ein heilsames Werk, wenn jenen Menschen, welche zu Anfang die Natur frei geboren, die aber das Völkerrecht unter das Joch der Knechtschaft gebeugt hat, durch die Wohltat der Freilassung wieder die Freiheit zurückgegeben wird.“[4]- Darum ziemt es sich, und es entspricht ganz Unserem Apostolischen Amt, nachdrücklich alles das zu begünstigen und zu fördern, was sowohl dem einzelnen wie der Gesellschaft dienen mag zur Behebung der vielfachen Leiden, die wie Früchte eines verdorbenen Baumes aus der Schuld der Stammeltern hervorgegangen sind; welcher Art diese Hilfeleistungen auch immer sein mögen, sie wirken nicht bloß mächtig zugunsten des Kulturfortschritts, sondern tragen auch nicht wenig bei zu jener vollständigen Erneuerung der Dinge, die der Erlöser der Menschen, Jesus Christus, beabsichtigt und gewollt hat.

Die Sklaverei, eine Einrichtung gegen die Anordnung Gottes und gegen die Ordnung der Natur

3 Tief beklagenswert aber unter all dem vielen Elend erscheint die Sklaverei, die seit vielen Jahrhunderten auf einem nicht geringen Teil der menschlichen Familie lastet; dieser liegt darnieder in Schmutz und Unrat, ganz gegen die ursprüngliche von Gott und der Natur gesetzte Ordnung. Denn so hatte er, der höchste Schöpfer aller Dinge, es geordnet, dass der Mensch königlich herrsche über die Tiere der Erde, des Wassers und der Luft, nicht aber, dass er Herr sei der Menschen, die seinesgleichen sind. "Nach seinem Bilde, mit Vernunft begabt, sollte er", nach einem Gedanken Augustins, "nur den unvernünftigen Wesen gebieten; nicht der Mensch dem Menschen, sondern der Mensch dem Tier".[5] Hieraus ergibt sich, dass "die Lebensbedingung der Sklaverei mit Recht als dem Sünder auferlegt erscheint. Darum lesen wir nirgends in der Heiligen Schrift das Wort Sklave, ehe mit diesem Worte Noe, der Gerechte, die Sünde seines Sohnes strafte. Der Sünde Folge ist darum dieses Wort, nicht der Natur."[6]

Die Sklaverei im heidnischen Altertum

4 Wie alle anderen Übel, so folgte auch diese ungeheuerliche Verkehrtheit aus der Erbsünde, dass es nämlich Menschen gab, welche sich über das Bewusstsein der ursprünglichen brüderlichen Verbundenheit hinwegsetzten, auf die Stimme der Natur nicht mehr hörten und, statt gegenseitig sich mit Wohlwollen und Achtung zu begegnen, anfingen, andere Menschen als niedriger stehende Wesen zu erachten und sie wie für das Joch geborene Lasttiere zu behandeln. So geschah es, dass, ohne jede Rücksicht auf gemeinsame Natur, noch auf menschliche Würde, noch auf göttliche Ebenbildlichkeit in den entbrannten Streitigkeiten und Kriegen, jene, die durch rohe Gewalt als Sieger hervorgingen, die Besiegten völlig unterjochten. Und auf solche Weise spaltete sich die durch ein und denselben Ursprung eine Menschheit allmählich in zwei Lager, in Sieger als Herren, Besiegte als Sklaven. –

5 Ein beklagenswertes Schauspiel gibt uns in dieser Beziehung die Geschichte des Altertums bis hin zur Zeit unseres Herrn und Heilandes; das Elend der Sklaverei hatte über alle Völker sich ausgebreitet, so dass die Zahl der Freien geringer war als jene der Sklaven und der Dichter einen Cäsar das harte Wort sprechen ließ: "Nur für wenige lebt das menschliche Geschlecht"[7] Und selbst bei jenen Völkern war die Sklaverei eingeführt, die durch allseitige Bildung hervorragten, bei den Griechen und Römern, wo nur wenige über viele herrschten; und so gewalttätig und grausam verfuhr man dabei, dass diese Sklavenherden nur als ein Besitztum, als eine Sache, nicht als Personen betrachtet wurden, und sie so völlig rechtlos waren, dass nicht einmal ihr Leben ihnen gehörte. "Die Sklaven sind nach dem Völkerrecht in der Gewalt ihrer Herren, denn bei allen Völkern können wir in gleicher Weise beobachten, dass die Herren Gewalt haben über Leben und Tod ihrer Sklaven, und was immer die Sklaven erwerben, erwerben sie für ihre Herren.“[8] - Auf Grund solch verkehrter Anschauung konnte der Herr seine Sklaven tauschen, verkaufen, vererben, schlagen, töten, sie zu Ausschweifungen und Aberglauben missbrauchen, und alles dies ungestraft und in aller Öffentlichkeit. - Ja, sogar jene hervorragenden Philosophen, die unter den Heiden als die Weisesten galten und in Rechtsfragen sehr bewandert waren, wagten es, der allgemein menschlichen Überzeugung zum Trotz, sich und die anderen zu bereden, es sei die Sklaverei nichts anderes als eine notwendige, in der Natur begründete Einrichtung; auch schämten sie sich nicht, auszusprechen, das Geschlecht der Sklaven stehe jenem der Freien weit nach, sowohl hinsichtlich des Erkenntnisvermögens als auch körperlicher Qualitäten, weswegen die Sklaven gleich vernunftlosen und der Überlegung unfähigen Werkzeugen jedem Willen ihrer Herren blindlings und nicht in der Weise, wie es einem Menschen ziemt, zu dienen hätten. Höchst verabscheuenswert ist solche Unmenschlichkeit und solche Ungerechtigkeit. Wird sie einmal angenommen, gibt es keine Bedrückung der Menschen, mag sie noch so unmenschlich und gottlos sein, die sich nicht schamlos in einen gewissen Schein von Gesetz und Recht hüllen würde. - Welch eine Schmutzquelle von Schandtaten dies wurde, welche Seuche, welche Verderben daraus in die Staaten sich ergossen, davon sind die Geschichtsbücher voll der Beispiele. In den Herzen der Sklaven loderten die Flammen des Hasses, während die Herren von argwöhnischer Furcht beklemmt waren. Die einen sannen auf Rache, die anderen erschwerten noch grausamer das Joch. Die Masse der einen, die Macht der andern erschütterten das Gleichgewicht der Staaten und brachten sie an den Rand des Untergangs. Aufruhr und Empörung, Raub und Brand, Mord und Krieg lösten sich unaufhörlich ab.

Die christliche Lehre als Lehre der Brüderlichkeit

6 So tief waren fast alle Sterblichen gesunken, und um so tiefer sind sie gesunken, als sie von finsterem Aberglauben verblendet waren. Als nun die Zeit herangekommen war, die Gott in seinem Ratschluss bestimmt hatte, da leuchtete ein wunderbares Licht vom Himmel herab, und die Gnade Christi, unseres Erlösers, wurde allen Menschen in Fülle zuteil; er hat jene erbarmungsvoll aus der Erniedrigung und dem Elend der Sklaverei erhoben und alle Menschen aus der hässlichen Knechtschaft der Sünde zu der erhabenen Würde der Kinder Gottes zurückgeführt. - Denn von Anbeginn der Kirche wurde außer andern höchst heiligen Lebensregeln auch das von den Aposteln überliefert und eingeschärft, was wir mehr als einmal in den Briefen Pauli an die Neugetauften lesen: "Ihr alle seid Kinder Gottes durch den Glauben, der da ist in Christus Jesus; denn alle, die ihr in Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Da ist weder Jude noch Grieche, weder Sklave noch Freier, weder Mann noch Weib; denn ihr alle seid eins in Christus Jesus".[9] "Da ist nicht Heide noch Jude, nicht Beschneidung noch Vorhaut, nicht Barbar und Skythe, nicht Knecht und Freier, sondern alles und in allem Christus",[10] "Denn durch einen Geist sind wir alle zu einem Leibe getauft, Juden oder Heiden, Knechte oder Freie, und alle sind wir mit einem Geiste getränkt."[11] - Wahrhaftig goldene, höchst würdige und heilbringende Lehren, die dem menschlichen Geschlecht seinen ursprünglichen Adel nicht nur wieder zu verleihen und zu erhöhen imstande sind, sondern auch alle ohne Unterschied des Landes oder der Sprache oder des Standes unter sich zu einen und durch die Bande brüderlicher Verwandtschaft aufs engste miteinander zu verbinden vermögen. Der heilige Apostel Paulus hat diese drängende Christusliebe aus dem Herzen des Erlösers selbst geschöpft, der allen und jedem sich in unendlicher Barmherzigkeit hingegeben und allen, ohne auch nur einen einzigen auszunehmen oder hintanzusetzen, in seiner Person einen solchen Adel verlieh, dass er sie zur Teilnahme an der göttlichen Natur erhob. Diese Liebe war das durch Gottes Hand eingepflanzte Reis, welches, wunderbar heranwachsend, zu aller Völker Hoffnung und Glück emporblühte. Denn im Laufe der Zeiten erstand dank dem unermüdlichen Wirken der Kirche eine neuverjüngte Völkergemeinschaft, ähnlich einer Familie, christlich und frei.

Das neue Verhältnis zwischen Diener und Herr

7 Von Anfang an ging das sorgfältige Bestreben der Kirche dahin, dem christlichen Volk auch in dieser so wichtigen Frage die reine Lehre Christi und der Apostel zu verkünden und tief einzuprägen: dass nämlich durch Christus, den neuen Adam, ein Bruderbund geschlossen sei zwischen dem einzelnen Menschen und zwischen den Völkern; dass, wie es im Natürlichen nur einen Ursprung gibt, so auch im Übernatürlichen nur einen Ursprung des Heiles und des Glaubens; dass alle in gleicher Weise aufgenommen seien zur Kindschaft unseres Gottes und Vaters, da er alle um denselben hohen Preis erlöst hat; dass alle Glieder seien an demselben Leibe und alle teilhaben an demselben göttlichen Mahle; dass die Reichtümer der Gnade allen offen stehen, ebenso allen die Reichtümer des unsterblichen Lebens. - Auf Grund dieser fundamentalen Lehren war die Kirche bestrebt, die Last und Schmach der Sklaverei einer guten Mutter gleich einigermaßen zu mildern; darum hat sie die gegenseitigen Pflichten zwischen Herren und Sklaven, wie sie in den Briefen der Apostel ausgesprochen sind, bestimmt und eingeschärft. - Die Apostelfürsten mahnten nämlich die Sklaven, die sie Christus einverleibt hatten, mit folgenden Worten: "Ihr Knechte, seid untertan mit aller Ehrfurcht den Herren, nicht allein den gütigen und milden, sondern auch den mürrischen.“[12] "Gehorcht den leiblichen Herren mit Furcht und Zittern, in der Einfalt eures Herzens gleichwie Christo; nicht als Augendiener, um Menschen zu gefallen, sondern als Sklaven Christi, die den Willen Gottes tun von Herzen und mit gutem Willen dienen, gleichsam dem Herrn und nicht den Menschen; weil ihr wisset, dass jeder, was er Gutes tut, vom Herrn zurückempfängt, sei er Knecht oder Freier.“[13] Derselbe Paulus schreibt seinem Timotheus: "Alle Sklaven, die unter dem Joche sind, sollen ihre Herren aller Ehre wert halten, die aber gläubige Herren haben, sollen sie nicht verachten, weil sie Brüder sind, sondern um so mehr ihnen dienen, weil sie Gläubige sind und Geliebte, die dem Wohl tun ergeben sind. Dieses Lehre und schärfe ein.“[14] Ebenso befahl er dem Titus, die Sklaven zu mahnen, "dass sie ihren Herren untertänig, in allem gefällig seien, nicht widersprechen, nichts entwenden, sondern in allem sich als vollkommen treu erweisen, damit sie der Lehre Gottes, unseres Heilandes, zur Zierde seien in allem".[15]

8 Jene ersten Jünger des christlichen Glaubens hatten wohl erkannt, dass diese brüderliche Gleichheit aller in Christus keineswegs dem Gehorsam, der Ehrfurcht, der Treue, noch irgend welchen anderen Pflichten, die sie ihrem Herrn gegenüber schulden, Eintrag tut oder dieselben löst, dass sie vielmehr diese Pflichten fester begründet, ihre Erfüllung leichter und angenehmer und für die ewige Herrlichkeit verdienstvoller macht. Denn ihren Herren erwiesen sie Hochachtung und Ehre als Menschen, welche von Gott ihre Autorität empfangen haben, von dem alle Gewalt stammt; nicht Furcht vor Strafen bewog sie, noch berechnende Schlauheit, noch die Hoffnung auf Gewinn, sondern ihre Gewissenspflicht und die Macht der Liebe. Den Herren hinwiederum galt die gerechte Mahnung des Apostels, dass sie Dank wissen sollten den Sklaven für ihr gutes Verhalten: "Doch auch ihr Herren handelt ihnen gegenüber ebenso! Lasset das Drohen! Ihr wisst ja: Geradeso wie sie habt ihr im Himmel einen Herrn; bei diesem gibt es kein Ansehen der Person";[16] dass sie bedenken möchten: gleichwie der Sklave mit seinem Lose zufrieden sein soll, da er "ein Freigelassener des Herrn sei", so sei es ebenso auch dem Freien nicht erlaubt, der "Christi Sklave sei",[17] überheblich zu sein und stolz zu befehlen. Hiermit war den Herren geboten, in ihren Sklaven den Menschen zu sehen und zu ehren, der von Natur aus kein anderer ist als sie selbst, durch die Religion vielmehr ihnen gleich, nämlich Mitsklaven zu Gottes, des gemeinsamen Herrn, Ehre. - In der Beobachtung dieser auf die Ordnung der Glieder der häuslichen Gesellschaft so passend zugeschnittenen Gesetze gingen die Apostel mit ihrem Beispiele voran. Paulus war hierfür ein hervorragendes Beispiel, indem er wohlwollend sich erzeigte für Onesimus, den flüchtigen Sklaven des Philemon, für den er einen Brief schrieb und den er mit folgender höchst liebevollen Empfehlung an diesen zurücksandte: "Du aber nimm ihn auf, als wäre er mein Herz ... und nicht mehr als Sklaven, sondern statt eines Sklaven als vielgeliebten Bruder ... nach dem Fleische sowohl als im Herrn. ..; hat er dir aber Schaden zugefügt oder ist er dir etwas schuldig, so rechne dies mir an.“[18]

Kluges Vorgehen der Kirche bei der Abschaffung der Sklaverei

9 Wer einen Vergleich anstellen will über die Behandlung der Sklaven bei den Heiden auf der einen, den Christen auf der andern Seite, der wird gern zugestehen, dass die eine hart war und schändlich, die andere höchst milde und sittlich, und er dürfte es nicht wagen, der Kirche, die so viel Liebe walten ließ, das verdiente Lob abzustreiten. - Und dies um so mehr, wenn er die Sanftmut und Klugheit ins Auge fasst, mit welcher die Kirche diese so hässliche Pestbeule der Sklaverei ausschnitt und entfernte. - Sie wollte nämlich die Freilassung der Sklaven und ihre Beschenkung mit voller bürgerlicher Freiheit nicht übereilen, was ganz sicher nicht ohne Aufruhr, nicht ohne Beeinträchtigung der Sklaven selbst und nicht ohne Schädigung des Staates geschehen konnte. Ihre erste Sorge ging dahin, die Herzen der Sklaven durch ihre mütterliche Zucht zur christlichen Wahrheit heranzubilden und durch die Taufe zur christlichen Sittlichkeit zu führen. Wenn darum unter der Menge der Sklaven, welche sie in ihren Schoß aufgenommen hatte, einige, von der Hoffnung, ihre Freiheit zu erlangen, verlockt, auf Aufruhr und Gewalttätigkeit sannen, so war sie es, welche dergleichen ungeordnetes Gebaren immer verwarf und unterdrückte, indem sie durch ihre Diener auf das Heilmittel der Geduld verwies. Sie sollten fest überzeugt sein, dass sie um des erhabenen Lichtes des heiligen Glaubens willen, das ihnen Christus geschenkt, an Würde hoch über ihren heidnischen Herren stehen, dass sie aber von dem Urheber und Spender des Glaubens selbst um so gewissenhafter verpflichtet seien, sich nichts gegen dieselben herauszunehmen und auch nicht im mindesten weniger ehrfurchtsvoll und gehorsam sich ihnen gegenüber zu erzeigen; da sie sich auserwählt wussten zum Reiche Gottes, mit der Freiheit seiner Kinder beschenkt und zu unvergänglichen Gütern berufen, so sollten sie nicht zu sehr durch die Niedrigkeit und die Mühsale ihres vergänglichen Lebens sich bedrücken lassen, sondern Augen und Herz zum Himmel erheben und so sich trösten und in ihren heiligen Vorsätzen sich festigen. Die Sklaven vor allem redete der Apostel Petrus an, da er schrieb: "Das ist wohlgefällig, wenn einer bewusst um Gottes willen das Leid erträgt, das man ungerechterweise auf sich nehmen muss. Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus für uns gelitten und euch ein Beispiel hinterlassen hat, damit ihr seinen Fußstapfen nachfolget„.[19]

10 Noch mehr Ruhm aber als durch diese ebenso maßvolle als sorgsame Tätigkeit hat die Kirche dadurch sich erworben, dass sie den Gemütern so vieler, auch der niedrigsten Sklaven einen so erhabenen und unbesiegbaren Starkmut einflößte und denselben immerdar in ihnen aufrecht hielt. Wahrhaftig eine bewundernswerte Tatsache! Dieselben, welche für ihre Herren ein Muster des sittlichen Lebens waren und für sie alle Mühen höchst geduldig auf sich nahmen, konnten in keiner Weise dahin gebracht werden, die ungerechten Befehle derselben den heiligen Geboten Gottes vorzuziehen; vielmehr ertrugen sie mit ruhigem Gemüte und ruhiger Miene die grausamsten Qualen. Eusebius feiert zum Gedächtnis unbesiegbarer Standhaftigkeit den Namen der Jungfrau Potamiäna, die unerschrocken lieber in den Tod ging, als dass sie ihres unlautern Herrn Lüsten nachgegeben hätte, und, indem sie ihr Blut vergoss, Jesus Christus die Treue wahrte. Ähnliche bewunderungswürdige Beispiele bieten uns andere Sklaven, welche bis zum Tode ihren Herren beharrlichsten Widerstand leisteten, wenn diese die Freiheit ihrer Seelen und die Gott gelobte Treue anzutasten versuchten; von christlichen Sklaven aber, die aus anderen Ursachen sich ihren Herren widersetzt oder Verschwörungen und staatsgefährlichen Aufruhr angezettelt hätten, weiß die Geschichte nichts zu berichten.

Die Lehre der Kirchenväter

Als hierauf für die Kirche ruhige Zeiten gekommen waren, haben in bewundernswerter Weisheit die heiligen Väter die Lehren der Apostel über den heiligen Bruderbund aller Christen erläutert und mit gleicher Liebe die Anwendung hiervon zum Vorteile der Sklaven aufgezeigt; sie waren dabei bemüht, nachzuweisen, dass den Herren ihr rechtmäßiger Anspruch auf die Arbeit der Sklaven nicht genommen werden solle, keineswegs aber ihnen unumschränkte Gewalt über ihr Leben und unmenschliche Grausamkeit erlaubt sei. Unter den Griechen ragt in dieser Beziehung Chrysostomus hervor, der diese Frage häufig behandelte, der freudig mit Herz und Mund bekannte, es habe die Sklaverei im strengen Sinne der früheren Zeit, dank dem christlichen Glauben, aufgehört, so dass unter den Jüngern des Herrn sie nur dem bloßen Namen nach zu bestehen scheine und wirklich auch nur so bestehe. Da nämlich Christus (dies ist kurz gefasst sein Gedanke) in höchster Erbarmung die Erbsünde von uns genommen, habe er auch die vielfachen Schäden geheilt, welche durch dieselbe die verschiedenen Schichten der menschlichen Gesellschaft erlitten; wie darum durch ihn der Tod seine Schrecken verloren und nur noch eine friedliche Wanderung ist zum ewigen Leben, so höre nun auch die Sklaverei auf. Ein Christ, solange er nicht von neuem der Sünde Knecht wird, könne nicht Sklave genannt werden; alle, die da wiedergeboren sind in Christus und aufgenommen von ihm, seien Brüder; unser Ruhm bestehe nicht in dem Glanz der Herkunft, sondern in dieser neuen Geburt und Aufnahme in Gottes Familie; wahre Würde verleihe uns nicht die Abstammung, sondern die Wahrheit; damit aber eben diese besondere evangelische Brüderlichkeit reichere Früchte trage, so müsse selbst in den äußeren Lebensverhältnissen wechselseitig ein liebevolles Entgegenkommen herrschen, so dass die Sklaven fast ebenso gehalten würden wie die Hausgenossen und Familienglieder, und der Hausvater ihnen nicht bloß reiche, was zur Notdurft des Lebens gehöre, sondern auch alles, was zum religiösen Unterricht dienlich ist. Dem besondern Gruß des Apostels Paulus an Philemon, mit dem er Gnade erfleht und Frieden "für die Kirche, die in deinem Hause ist",[20] entnimmt er die für die christlichen Herren und Sklaven Gleicherweise geltende Lehre, dass, da eine Gemeinschaft des Glaubens unter ihnen bestehe, auch in der Liebe eine solche bestehen müsse.[21]

11 Unter den Lateinern erwähnen wir mit gutem Recht den heiligen Ambrosius, der in derselben Frage sorgfältig nach allen Seiten hin das gegenseitige Verhältnis von Herr und Sklave darlegte und in voller Entsprechung zu den evangelischen Gesetzen beiden Ständen ihre Pflichten vorschrieb, dass es niemand besser hätte tun können. Es ist nicht nötig zu sagen, wie vollkommen seine Lehren mit denen des heiligen Chrysostomus übereinstimmen.[22] Es waren dies zweifelsohne höchst gerechte und zweckmäßige Vorschriften; aber sie wurden auch, was die Hauptsache ist, von den ältesten Zeiten an genau und gewissenhaft beobachtet überall dort, wo das Christentum blühte. - Wäre dem nicht so gewesen, so hätte Lactantius, dieser hervorragende Verteidiger der Religion, nicht ohne Bedenken also bezeugen können: "Man mag da entgegnen: Gibt es nicht auch unter euch Arme und Reiche, Sklaven und Herren? Besteht nicht ein Unterschied der Personen? Nein; gerade darum geben wir uns gegenseitig den Namen Brüder, weil wir uns alle gleich erachten; denn da wir alles Menschliche nicht nach dem Leibe, sondern nach dem Geiste beurteilen, so haben wir keine Sklaven, wenngleich die Leiber so verschieden beschaffen sind; wir nennen und halten sie vielmehr für unsere Brüder im Geiste, Mitsklaven in der Religion'“.[23]

Die Sorge der Kirche für die Sklaven

12 Noch weiter erstreckt sich die Fürsorge der Kirche für die Sklaven; sie versäumte keine Gelegenheit und war darauf bedacht, wie sie ihnen vollständige Freiheit verschaffen könnte, was auch für ihr ewiges Heil sehr von Nutzen war. - Die Geschichte des christlichen Altertums beweist, dass ihre Bemühungen nicht ohne Erfolg blieben. Edle, von Hieronymus hochgefeierte Frauen waren besonders bestrebt, dieses Anliegen zu fördern; wie Salvianus erzählt, kam es häufig vor, dass man in christlichen Familien, obgleich sie nicht sehr begütert waren, den Sklaven großmütig die Freiheit gab. Aber von einem noch viel herrlicheren Beispiel christlicher Liebe hat schon lange vorher Klemens berichtet, indem nämlich einige Christen stellvertretend für andere sich in die Sklaverei begaben, wenn sie jene auf andere Weise nicht befreien konnten.[24] - Daher fand die Freilassung der Sklaven nicht bloß in den Gotteshäusern statt, sondern man fing auch an, sie ganz allgemein als ein frommes Werk zu betrachten; die Kirche empfahl sie allen Gläubigen bei Abfassung von letztwilligen Verfügungen als eine Gott wohlgefällige und sehr verdienstliche Handlung, die ihnen zu großem Lohne gereiche; daher die Ausdrücke, mit welchen den Erben die Freigebung anbefohlen wurde: "Zu Gottes Ehre, zum Heil oder zur Erlösung meiner Seele." Auch sparte man nichts, wenn es galt, Gefangene freizukaufen; Kirchengüter wurden veräußert, heilige Gefäße von Gold und Silber eingeschmolzen, Weihgeschenke und Kirchenschmuck dahingegeben, wie es Ambrosius, Augustinus, Hilarius, Eligius, Patritius und viele andere heilige Männer mehr als einmal getan haben.

13 Wohl am meisten setzten sich die Römischen Päpste zum Wohle der Sklaven ein, sie, die jederzeit die Beschützer der Schwachen und die Anwälte der Unterdrückten waren. Der heilige Gregor der Große verschaffte die Freiheit so vielen, als er nur konnte, und bestimmte auf der Kirchenversammlung zu Rom im Jahre 597, dass alle die Freiheit erlangen sollten, welche beschlossen hatten, in den Mönchsstand einzutreten; Hadrian I. kämpfte für die Freiheit der Eheschließung unter den Sklaven, selbst gegen den Willen ihrer Herren; Alexander III. erklärte im Jahre 1167 offen dem maurischen König von Valencia, er dürfe keinen Christen zum Sklaven machen, da kein Mensch von Natur aus Sklave sei, alle aber von Gott die Freiheit empfangen hätten. Innozenz III. gab seine Gutheißung und bestätigte im Jahre 1198 auf Bitten der Stifter Johannes von Matha und Felix von Valois den Orden von der allerheiligsten Dreifaltigkeit zur Erlösung der Christen, die in die Gewalt der Türken gefallen waren. Ein ähnlicher Orden der heilige Maria von der Erlösung wurde von Honorius III. und hierauf von Gregor IX. gutgeheißen; Petrus Nolaskus hatte ihn gestiftet zugleich mit der schweren Verpflichtung, dass seine Mitglieder sich selbst in Sklaverei zu begeben haben für die von den Tyrannen in Sklaverei festgehaltenen Christen, wenn sie sie nur auf solche Weise befreien konnten. Derselbe Papst Gregor erließ, um noch mehr die Freiheit zu fördern, ein Gesetz, wonach die der Kirche hörigen Sklaven nicht verkauft werden durften, und er fügte die Aufforderung an die Christgläubigen bei, zur Buße für ihre Sünden Gott und den Heiligen ihre Sklaven zu schenken.

14 Hierzu kommen noch viele andere wohltätige Bestimmungen der Kirche in gleicher Angelegenheit. Sie pflegte den Sklaven Schutz zu gewähren vor Zornausbrüchen und ungerechten Gewalttaten ihrer Herren, indem sie diese mit harten Strafen belegte; in den Gotteshäusern fanden sie einen Zufluchtsort, der sie der rohen Gewalt entzog; die Freigelassenen stellte sie unter ihre Obhut und schritt strafend gegen jene ein, welche durch List einen freien Menschen wieder zum Sklaven zu machen suchten. Noch viel mehr aber begünstigte sie die Freiheit jener Sklaven, welche zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten ihr angehörten; teils bestimmte sie nämlich, dass die Bischöfe diejenigen freilassen sollten, welche eine Zeitlang sich durch ein sittliches Leben erprobt hatten, teils überließ sie es den Bischöfen, durch eigenen Beschluss ihre Hörigen freizulassen. Es ist der Wirkkraft der von Mitleid beseelten Kirche zu verdanken, dass das harte Los der Sklaven auch im bürgerlichen Gesetz wenigstens in etwa gemildert wurde; es gelang der Kirche, dass die von Gregor der Große empfohlenen Milderungen auch nach dem bürgerlichen Gesetz Rechtskraft erhielten. Solches geschah besonders auf Betreiben Karl der Große, der dieselben in seine Capitularien, ebenso wie nachher Gratian in sein Dekret aufnahm. Die Urkunden endlich, Gesetze und Einrichtungen bezeugen vor aller Welt, dass die Kirche ohne Unterlass durch die Jahrhunderte hindurch in der edelsten Weise Sorge getragen hat für die Sklaven, dass sie dieselben in ihrer traurigen Lage niemals ohne Schutz ließ, vielmehr in jeglicher Weise ihnen zu Hilfe kam. - Daher kann man der katholischen Kirche nicht genug Lob und Dank sagen, weil sie durch Christi unseres Erlösers überfließendes Erbarmen die Sklaverei aufgehoben, die wahre Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit unter den Menschen hergestellt und so um das Wohl der Völker sich hoch verdient gemacht hat.

Die Reaktion der Kirche gegen den Sklavenhandel in der Kolonialzeit

15 Als zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts die christlichen Völker nahezu gänzlich den traurigen Schandfleck der Sklaverei getilgt hatten und die Staaten mehr und mehr die evangelische Freiheit zu befestigen und ihre Herrschaft weiter auszubreiten strebten, da hat dieser Apostolische Stuhl angelegentlichst vorgesorgt, damit nirgends die Keime dieses Übels von neuem auflebten. Mit wachsamem Auge beobachtete er die neu entdeckten Länder in Afrika, Asien und Amerika; es hatte sich nämlich das Gerücht verbreitet, es machten die Führer dieser Entdeckungszüge, obgleich Christen, einen unrechten Gebrauch von der Überlegenheit ihres Geistes und ihrer Waffen, um schuldlose Völker unter das Joch der Sklaverei zu bringen. Um den noch unbebauten Boden zu bearbeiten und die metallreichen Bergwerke in Betrieb zu setzen, bedurfte es kräftiger Hände; so verfiel man denn auf einen ungerechten und unmenschlichen Plan. Man begann mit Sklaven, die zu diesem Zwecke aus Äthiopien herübergebracht wurden, einen Handel, welcher in der Folgezeit unter dem Namen "Negerhandel' sich weit und breit über diese Kolonien ausdehnte. Mit gleichem Unrecht legte man ein der Sklaverei gleiches Joch auf die Eingeborenen (gemeinhin Indianer genannt).

16 Als Papst Pius II. Kunde hiervon erhielt, erließ er sogleich am 7. Oktober des Jahres 1462 ein Schreiben an den Bischof von Rubicon, in welchem er dieses ungerechte Verfahren verwarf und verdammte. Einige Zeit nachher verwandte Leo X. seinen ganzen Einfluss und sein Ansehen bei den Königen von Portugal und von Spanien, damit diese Sorge trügen für vollständige Unterdrückung solcher Gewalttätigkeiten, die der Religion ebenso wie der Humanität und Gerechtigkeit zur Schande gereichten. Nichtsdestoweniger dauerte dieser unglückselige Zustand ungehindert fort, da die unersättliche Habgier blieb, die ihn geschaffen. Da war es Papst Paul lII., der, voll väterlicher Liebe um das Los der Indianer und der maurischen Sklaven ängstlich besorgt, folgende äußerste Maßnahmen ergriff. In einem feierlichen Dekret verkündete er laut und im Angesicht aller Völker, dass allen diesen Menschen eine dreifache Freiheit eigentümlich sei und von Rechts wegen zukomme, dass nämlich ein jeder über sich selbst verfügen könne, dass sie in gesellschaftlichem Verbande nach ihren eigenen Gesetzen leben, dass sie Eigentum erwerben und besitzen können. Zudem verhängte er in einem Schreiben an den Kardinal-Erzbischof von Toledo die Strafe des Interdiktes über die Widersetzlichen, von dem sie nur durch den Römischen Papst gelöst werden konnten.[25]

17 Mit derselben Sorgfalt und Standhaftigkeit nahmen andere Päpste die Sache der Indianer und Mauren wahr, für deren Freiheit, ob sie Christen waren oder noch nicht, sie aufs schärfste eintraten, besonders Urban VIII., Benedikt XIV., Pius VII., der auf dem Wiener Fürstenkongress die Beratungen der Herren auch auf diese Frage hinlenkte, damit der von Uns erwähnte Negerhandel, der vielerorts bereits abgeschafft war, vollständig unterdrückt würde. Auch Gregor XVI. unterließ nicht, jene ernstlich zu mahnen, die noch immer gegen Gesetz und Menschlichkeit sich verfehlten; er erinnerte an die Bestimmungen und Strafdrohungen des Apostolischen Stuhles und war angelegentlichst bestrebt, die auswärtigen Nationen anzueifern, damit auch sie dem von den Europäern gegebenen Beispiel der Milde folgten und voll Abscheu die Schmach und Grausamkeit der Sklaverei unterdrückten.[26] Höchst willkommen ist es Uns nun, dass Wir den Fürsten und Regierungen Glück wünschen können, da durch deren standhafte Bemühungen den unablässigen und gerechten, von der Natur und der Religion diktierten Klagen Genugtuung geworden ist.

Der beklagenswerte Menschenhandel durch die Mohammedaner in Afrika

18 Wir sind jedoch noch voll Besorgnis wegen einer ähnlichen Angelegenheit, die Unsere Aufmerksamkeit dringend in Anspruch nimmt. Der schändliche Menschenhandel zur See hat zwar aufgehört, zu Land aber dauert er noch fort, und zwar in höchst grausamer Weise, namentlich in einigen Gegenden von Afrika. Da die Mohammedaner die Ansicht haben, die Äthiopier und andere, diesen ähnliche Menschen seien kaum besser als Tiere, so erlauben sie sich ihnen gegenüber jede List und unmenschliche Grausamkeit, vor der uns schaudert. Plötzlich überfallen sie auf ihren Raubzügen einzelne Stämme, die solches nicht ahnen, stürmen die Dörfer, Gehöfte, Hütten, zerstören, verwüsten, rauben alles, nehmen Männer, Frauen, Kinder ohne Unterschied mit leichter Hand gefangen, um sie gewaltsam wegzuschleppen und mit ihnen auf den Sklavenmärkten einen scheußlichen Handel zu treiben. Ägypten, Zanzibar, zum Teil auch der Sudan sind die Standorte, von wo diese abscheulichen Raubzüge auszugehen pflegen; mit Ketten beladen, äußerst kärglich genährt und unter vielfachen Misshandlungen werden die Männer zu weiten Wanderungen gezwungen; wer zu schwach ist, um solche Mühsale auszuhalten, wird getötet; jene, die mit Not davonkommen, werden mit den andern in Gruppen mürrischen und schamlosen Menschen zum Kauf angeboten. Die nun durch Kauf in das Eigentum eines solchen Menschen übergegangen sind, werden unbarmherzig von ihren Frauen, Kindern, Eltern gerissen, um in unaussprechlich harter und schmählicher Sklaverei ihr Leben hinzubringen, und selbst gezwungen, die Lehre Mohammeds anzunehmen. Solches wurde Uns vor noch nicht langer Zeit zu Unserem tiefsten Schmerz von einigen berichtet, welche nicht ohne Tränen solch ein schändliches und abscheuliches Schauspiel mit ansahen. Mit ihren Aussagen stimmen die Berichte überein, welche neuere Forscher Äquatorialafrikas gemacht haben. Ja, durch das glaubwürdige Zeugnis dieser Männer steht fest, dass jedes Jahr gegen viermal hunderttausend Menschen in Afrika Tieren gleich verkauft zu werden pflegen, dass ungefähr die Hälfte derselben auf diesen höchst beschwerlichen Reisen aus Erschöpfung zusammensinkt und zu Grunde geht, ja, dass - es ist entsetzlich solches zu berichten - die dort Reisenden den Weg mit den Gebeinen derer bezeichnet sehen, die auf solche Weise umgekommen sind.

19 Wen sollte der Gedanke an so viel Elend nicht rühren? Wir vermögen es kaum auszusprechen, wie groß Unser Mitleid ist mit jenen so unglücklichen Völkerschaften, wie groß die Liebe, mit der Wir sie umfangen, wie sehnlichst Wir verlangen, ihnen alle nur immer mögliche Linderung und Hilfe zu bringen, auf dass sie, zugleich mit der Sklaverei, in die sie die Menschen geschleppt, auch von der Sklaverei des Aberglaubens befreit, unter dem milden Joch Christi dem einen und wahren Gott endlich dienen und so mit Uns das Erbe des Himmels erlangen. Sind Wir doch Stellvertreter Christi, des von Liebe erfüllten Heilandes und Erlösers aller Völker, und voller Freude wegen der so vielen und höchst glorreichen Verdienste der Kirche im Kampf gegen jegliches Elend. Möchten alle jene, welche die Macht und Gewalt in Händen haben, und jene, die die Rechte der Menschheit und Völker heilig gehalten wissen wollen oder denen die Ausbreitung der katholischen Religion am Herzen liegt, mögen alle Unseren Ermahnungen und Bitten Folge leisten und mit allen Kräften zur Unterdrückung, Verhinderung und Ausrottung dieses überaus unsittlichen und verbrecherischen Handels mitwirken!

20 Während durch den stets wachsenden Fortschritt von Wissenschaft und Technik neue Reisemöglichkeiten nach den Ländern Afrikas und neue Handelsbeziehungen eröffnet werden, mögen apostolisch wirkende Männer dahin trachten, dass für das Wohl der Sklaven und ihre Freiheit immer mehr Sorge getragen werde. Solches werden sie wirklich nur erreichen, wenn sie sich, durch Gottes Gnade stark, ganz der Ausbreitung und zunehmend der Pflege unseres heiligen Glaubens hingeben; denn das ist dessen herrliche Frucht, dass er wunderbar jene Freiheit in sich heranreifen lässt und gebiert, mit welcher "Christus uns befreit hat".[27] Mögen sie sich darum, so mahnen Wir, gleich einem Spiegel apostolischer Tugend das Leben und die Taten des Petrus Claver vor Augen halten, dem Wir jüngst die Krone der Heiligkeit zuerkannt haben; auf ihn sollen sie blicken, der sich ununterbrochen vierzig Jahre hindurch mit äußerster Standhaftigkeit für die erbarmungswürdigen Sklavenherden der Schwarzen eingesetzt hat, den Wir daher mit Recht als Apostel preisen, ihn, der sich selbst ihren "Sklaven auf ewig" nannte und sich ganz für sie hingab. Jene, die diesem Manne in seiner Liebe und Geduld nachfolgen und ähnlich zu werden streben, sind in der Tat würdige Diener des Heils, Spender des Trostes, Boten des Friedens; sie sind es, welche die Einöden, wüste und wilde Gegenden mit Gottes Hilfe umzuwandeln vermögen in frisch blühende Stätten der Religion und Kultur.

Freude über die Sklavenbefreiung in Brasilien, Ermahnung an die Bischöfe, zugleich an die freigesetzten Sklaven

21 An Euch nun, Ehrwürdige Brüder, richten Wir freudig unsere Gedanken in Unserem Schreiben, um wiederholt vor Euch und im Verein mit Euch der Befriedigung Ausdruck zu geben wegen der Beschlüsse, welche in diesem Reiche in der Sklavenfrage von Staats wegen gefasst worden sind. Da gesetzlich die Bestimmung getroffen worden ist, dass allen bisherigen Sklaven das Recht und die Stellung freier Menschen gegeben werden soll, so begrüßen Wir dies nicht bloß als eine gute, glückverheißende und heilsame Tat, sondern Wir halten es auch für ein Unterpfand, das Uns Hoffnungen gewährt auf gedeihliches Erblühen des staatlichen und religiösen Lebens in diesem Reiche. Mit Recht wird der Name des Kaisertums Brasilien bei den auf höchster Kulturstufe stehenden Nationen rühmlich genannt und auch jener des Kaisers zugleich gefeiert werden; war er es ja, der das herrliche Wort gesprochen, dass er keinen heißeren Wunsch hege, als dass so bald als möglich jede Spur der Sklaverei in seinem Reiche verschwinde. – Während nun diese Gesetze durchgeführt werden, nehmet Euch, dies ist Unsere inständige Bitte, aufs wärmste und sorgfältigste dieser Sache an, bei der wahrhaft viele Schwierigkeiten zu überwinden sind. Eure Bemühungen müssen unbedingt dahin gehen, dass Herren und Sklaven in bester Eintracht und in besten Treuen miteinander verkehren, dass sie nicht von der Milde oder von der Gerechtigkeit abweichen, sondern dass sie alle gegenseitigen Verhandlungen den Gesetzen gemäß, ruhig und in christlichem Geiste führen; die Abschaffung der Sklaverei soll, was ja alle wünschten, ein Werk besonderen Segens werden, ohne jedwede Verletzung göttlichen oder menschlichen Rechts, ohne Unruhen im Volke, und eben dadurch zum wahren Heil der Sklaven selbst gereichen, in Geren Interesse sie stattfindet.

22 Einem jeden von denen, welche schon frei geworden sind oder in Bälde es werden, legen Wir angelegentlichst und mit väterlichem Wohlwollen einige heilsame Mahnungen ans Herz, geschöpft aus den Lehren des großen Völkerapostels. Mögen sie in dankbarer Liebe derjenigen eingedenk sein und diese Liebe zu ihnen auch unverhohlen nach außen kundgeben, deren Rat und Tat sie ihre Freiheit zu verdanken haben. Mögen sie nie sich dieser Wohltat unwürdig erweisen und die Freiheit mit Zügellosigkeit der Begierden verwechseln; mögen sie von ihr Gebrauch machen, wie es sich wohlgesinnten Bürgern ziemt, in fleißiger Erwerbstätigkeit, zum Wohl und zur Zierde der Familien wie des Staates. Nie sollen sie die Achtung und die Ehrfurcht vergessen, die sie der Majestät der Fürsten schuldig sind, den Gehorsam gegen die Obrigkeit, die Unterwürfigkeit unter die Gesetze, aber alles dieses nicht aus Furcht, sondern um Gottes willen; mögen sie die Versuchung, andere wegen ihrer Habe und ihrer Stellung zu beneiden, von sich weisen; so viele aus den ärmsten Schichten sind Bedauernswerterweise täglich ihr ausgesetzt, sie liefert darum den Feinden der gesellschaftlichen Ordnung und Sicherheit die gefährlichsten Waffen. Zufrieden mit dem, was sie haben, und mit ihrem sozialen Status, sollen sie nichts mehr vor Augen haben und nach nichts eifriger streben, als nach dem Besitz der himmlischen Güter, wegen derer Gott sie geschaffen und Christus sie erlöst hat; mit kindlicher Ehrfurcht sollen sie Gottes, ihres Herrn und Erlösers, eingedenk sein, aus allen Kräften ihn lieben und seine Gebote gewissenhaft halten. Sie sollen sich freuen, seiner Braut, der heiligen Kirche, Kinder zu sein, als solche sich würdig bezeugen und ihre Liebe nach Kräften mit Gegenliebe vergelten. Höret Eurerseits nicht auf, Ehrwürdige Brüder, solche Lehren den Freigelassenen zu verkünden und sie von ihrer Wahrheit zu überzeugen, auf dass die Abschaffung der Sklaverei für die Religion vor allem in den weiten Gebieten dieses Kaisertums reiche und nachhaltige Frucht bringe. Dies soll ja Unser und Euer und aller Gutgesinnten höchster Wunsch sein.

Segen

23 Damit dies alles sich in glücklicher Weise verwirkliche, bitten und flehen Wir zu Gott um den Beistand seiner reichen Gnade und um die mütterliche Hilfe der unbefleckten Jungfrau. Als Unterpfand himmlischer Güter und zum Zeugnis Unseres väterlichen Wohlwollens erteilen Wir Euch, Ehrwürdige Brüder, Eurem Klerus und dem gesamten Volke von ganzem Herzen den Apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom, bei St. Peter, am 5. Mai des Jahres 1888,

dem elften Unseres Pontifikats

Leo XIII. PP.

Anmerkungen

  1. „Anlässlich Unseres Jubiläums ... wollen Wir Brasilien ein besonderes Zeichen Unserer väterlichen Zuneigung erweisen im Hinblick auf die Befreiung der Sklaven". (Antwort auf die Ansprache des brasilianischen Gesandten de Souza Correa).
  2. Jes 61,1 EU; Lk 4,19 EU.
  3. Eph 1,10 EU.
  4. Gregor der Große, Epist. VI 12, PL LXXVII 803.
  5. Augustinus, De Genesi ad litteram III 19, PL XXXIV 291.
  6. Augustinus, De Gen. ad litt. I 25, Noe c. XXX.
  7. Lucanus, Phars. V 343.
  8. Justinian, Inst. I tit. 8 n. 1.
  9. Gal 3,26-28 EU.
  10. Kol 3,11 EU.
  11. 1 Kor 12,13 EU.
  12. 1 Petr 2,18 EU.
  13. Eph 6,5-8 EU.
  14. 1 Tim 6,1-2 EU.
  15. Tit 2,9-10 EU.
  16. Eph 6,9 EU.
  17. 1 Kor 7,22 EU.
  18. Phlm 12-18 EU.
  19. 1 Petr 2,19-21 EU.
  20. Phlm 5,2 EU.
  21. Johannes Chrysostornus, Hom. XXIX in Gen., or. in Laz., PG LIII 259; Hom. XIX, in ep. I ad Cor., PG LXI 151; Hom. I in ep. ad Philem., PG LXII 701.
  22. Ambrosius, De Abr., PL XIV 417; De Jacob III, PL XIV 517; De Joseph IV, PL XIV 641; Exhort. virg. I, PL XVI 335.
  23. Lactantius, Oivinae Institutiones V 16, PL VI 559.
  24. Clemens, 1 Ep. ad Cor. 55, 2.
  25. Paul III., Bulle Veritas ipsa, 2. Juni 1537.
  26. Gregor XVI., In supremo apostolatus fastigio, 3. Dezember 1839.
  27. Gal 4,31 EU.

Weblinks

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