Ansprachen Papst Pius' XII., welche in den AAS veröffentlicht sind

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Ansprachen Papst Pius' XII., welche in den Acta Apostolicae Sedis veröffentlicht sind. Diese werden chronologisch dargeboten. Quellen sind vor allem die Soziale Summe Pius' XII. und der Herder-Korrespondenz. Ausnahmen bilden die Weihnachtsansprachen oder sehr lange bzw. wichtige Ansprachen z. B. Vegliare con sollecitudine.

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Inhaltsverzeichnis

13. Juni 1943

Ansprache
La vostra gradita presenza

von Papst
Pius XII.
an etwa 20 000 italienische Arbeiter, die dem Heiligen Vater zum 25. Bischofsjubiläum gratulierten
über die Lösung der Arbeiterfrage in Eintracht und Ordnung
13. Juni 1943, Pfingsten

(Offizieller italienischer Text: AAS 35 [1943] 171-179)

(Quelle: Arthur Fridolin Utz OP, Joseph-Fulko Groner O.P, Hrsg.: Aufbau und Entfaltung des gesellschaftlichen Lebens, Soziale Summe Pius' XII. (1939-1958), Übersetzerkollegium: Herausgeber und Franz Schmal u. H. Schäufele, Paulus Verlag Freiburg/Schweiz 1954; Imprimatur Friburgi Helv., die 5. Maii 1954 N. Luyten O.P. Imprimatur Friburgi Helv., die 29. Junii 1954 R. Pittet, v.g.; Band I, S. 317-328; Nrn. 679-701)

Die Freude des Vaters der Christenheit beim Anblick der Arbeiter

Eure willkommene Gegenwart, geliebte Söhne und Töchter, die Ihr Eure Stunden und Tage bei der Arbeit zum Erwerb des Brotes für Euch und Eure Familie zubringt, weckt in Uns einen großen Gedanken und ein großes Geheimnis: den Gedanken, dass die Arbeit von Gott dem ersten Menschen nach dem Sündenfall auferlegt wurde, um der Erde mit dem Schweiß seines Antlitzes das Brot abzuringen; das Geheimnis, dass der Sohn Gottes zur Erlösung der Welt vom Himmel herabstieg, Mensch wurde und sich selbst diesem Gesetze der Arbeit unterwarf, seine Jugend in Nazareth verbrachte, zusammen mit seinem Pflegevater in mühevollem Schaffen, sodass man in ihm den «Sohn des Zimmermanns» sah und ihn so nannte 1. Erhabenes Geheimnis, dass er zuvor arbeitete, dann lehrte, zuvor unbeachtet unter dem schaffenden Volke leben, dann erst Lehrmeister aller Völker sein wollte 2.

Ihr seid zu Uns gekommen, zu Eurem Vater, der um so lieber mit seinen Söhnen sich unterhält, je härter und pausenloser ihr tägliches Mühen ist, je schwieriger und sorgenvoller ihr Leben verläuft. Ihr seid zu Uns gekommen, zum Stellvertreter Christi, der in sich vermöge unaussprechlicher Teilnahme an der göttlichen Vollmacht für immer jenes Gefühl des Verständnisses und Erbarmens dem Volk gegenüber empfindet, das unsern Erlöser eines Tages zum Ausruf bewog: « Misereor super turbam » - « es erbarmt mich des Volkes» 3. Ihr seid zu Uns gekommen, zum Hirten, der auf Euch und über Euch hinaus seinen Blick richtet auf jenen weit größeren Teil der ihm von Gottes Liebe anvertrauten Herde, zum Hirten, dem Ihr Eure Anhänglichkeit und Eure Ergebenheit als treue Stellvertreter der Gefühle, der Wünsche und der Liebe so vieler Söhne aus weiter Ferne entgegenbringt.

Von ganzem Herzen danken Wir Euch für die innige Freude, die Ihr Uns bereitet und womit Ihr Uns Gelegenheit gebt, ein Wort herzlichen Wohlwollens und des Trostes an Euch zu richten, ein Wort, das Euch Führung sein möge, Aufrichtung und Stärke in diesen von Sorge und Leid gequälten Tagen.

Dringlichkeit der Arbeiterfrage

Die große Schar der Arbeiter fühlt den Druck und die Not der harten Gegenwartslage mehr als andere. Sie leidet allerdings nicht allein. Jede Bevölkerungsschicht hat ihre Last zu tragen, bald mehr, bald minder fühlbar und drückend. Nicht nur die soziale Lage der Arbeiter und Arbeiterinnen fordert Abhilfe und Neuordnung, sondern der ganze verwickelte Aufbau der Gesellschaft, der in seinem Gefüge tiefgehend erschüttert ist, heischt neue Ausrichtung und Besserung. Doch wer könnte verkennen, dass die Arbeiterfrage infolge der Schwierigkeit und Mannigfaltigkeit der mit ihr gegebenen Probleme und infolge der gewaltigen Zahl der von ihr Betroffenen von solcher Art, Dringlichkeit und Wichtigkeit ist, dass sie aufmerksamere, wachsamere und weitblickendere Sorge verlangt? Eine heikle Frage wie kaum eine, sozusagen der neuralgische Punkt am Gesellschaftskörper, bisweilen freilich auch ein schwankender, unsicherer Boden für Wahngebilde und eitle, wirklichkeitsfremde Hoffnungen von Menschen, welche die vom Gesetz Gottes und von der Stimme der Kirche verkündete Lehre von Gerechtigkeit, Billigkeit und Liebe, von Rücksichtnahme und Gemeinschaftsgeist nicht zum Richtpunkt ihres Denkens und Wünschens machen.

Die Kirche als Beschützerin der gerechten Forderungen des arbeitenden Volkes

Es ist Euch sicher wohlbekannt, liebe Söhne und Töchter, dass die Kirche Euch innig liebt. Nicht erst seit heute beschäftigt sie sich mit Eifer, mit mütterlichem Herzen, und mit wachem Wirklichkeitssinn mit den Fragen, die Euch besonders berühren. Unsere Vorgänger und Wir selbst haben keine Gelegenheit vorübergehen lassen, um mit wiederholtem Lehrwort bei allen Menschen Verständnis für Eure Bedürfnisse, Eure persönlichen Nöte und die Eurer Familien zu wecken. Wir haben als grundlegende Forderungen sozialer Gerechtigkeit jene Erwartungen aufgestellt, die Euch so sehr am Herzen liegen: einen Lohn, der die Existenz der Familie gewährleistet, der den Eltern die Erfüllung ihrer naturrechtlichen Pflicht, eine gesunde Nachkommenschaft zu ernähren, zu kleiden und zu erziehen, ermöglicht, eine Wohnung, die der Würde der menschlichen Persönlichkeit entspricht, die Möglichkeit, den Kindern eine ausreichende Bildung und angemessene Erziehung zu verschaffen, endlich weitblickende Vorsorge für die Zeiten der Not, der Krankheit und des Alters. Diese Vorbedingungen sozialer Fürsorge müssen verwirklicht werden, sofern man will, dass die menschliche Gesellschaft nicht bei jedem Wechsel durch geheime Gärstoffe und gefährliche Zuckungen erschüttert werde, sondern sich beruhige und fortschreite zu Eintracht, Frieden und gegenseitiger Liebe.

Gewiss, lobenswert sind gar manche Vorkehrungen und Zugeständnisse der öffentlichen Hand, sowie die Gefühle der Menschlichkeit und Freigebigkeit, von denen nicht wenige Arbeitgeber beseelt sind. Doch wer könnte in Wahrheit behaupten und beweisen, dass solche Absichten überall schon verwirklicht worden seien?

Warnung vor Überstürzung

Die Arbeiter und Arbeiterinnen, die sich ihrer großen Verantwortung gegenüber dem Gemeinwohl bewusst sind, fühlen das ganze Gewicht ihrer Verpflichtung, den Druck der außergewöhnlichen Schwierigkeiten, dem sich die Völker ausgesetzt sehen, nicht noch dadurch zu vermehren, dass sie ihre Ansprüche in dieser Stunde allgemeiner gebieterischer Notwendigkeiten etwa mit lauten Kundgebungen und übelberatenen Aufzügen geltend machen. Sie bleiben bei ihrer Arbeit und harren darin in Selbstzucht und Ruhe aus. Sie leisten damit einen unschätzbaren Beitrag zur Beruhigung und zum Vorteil für alle im sozialen Zusammenleben. Solch Frieden bringender Eintracht spenden Wir Unsere Anerkennung und bitten und mahnen Euch, dabei in Festigkeit und Würde zu verharren. Dadurch möge sich jedoch, wie Wir schon in Unserer letzten Weihnachtsbotschaft erklärten, niemand zur Annahme verleiten lassen, als sei nun schon jegliche soziale Frage als gelöst zu betrachten.

Die falschen Propheten

Die Kirche als Hüterin und Lehrerin der Wahrheit bejaht und vertritt mutvoll die Rechte des schaffenden Volkes. Dabei musste sie jedoch schon wiederholt irrigen Auffassungen entgegentreten und davor warnen, sich von dem Blendwerk verlockender und oberflächlicher Anschauungen und Aussichten auf künftiges Glück täuschen zu lassen, von jenen trügerischen Lockspeisen und Reizmitteln falscher sozialer Glückspropheten, die das Schlechte gut und das Gute schlecht nennen, sich auf ihre Liebe zum Volk berufen und dabei doch nichts wissen wollen von jener gegenseitigen Verständigung zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, die allein die soziale Eintracht zum Fortschritt und zum Nutzen des Gemeinwohls verbürgen und fördern. Solche «Volksfreunde» habt Ihr kennengelernt auf den öffentlichen Plätzen, in den Klubs und auf Kongressen. Ihr habt ihre Verheißungen auf den Flugblättern gelesen, habt sie gehört in ihren Gesängen und Liedern. Doch wann haben je ihren Worten die Taten entsprochen, wann die Wirklichkeit den lächelnden Hoffnungen? Trug und Enttäuschung haben Völker und Einzelmenschen erfahren, die ihnen glaubten und auf Wegen gefolgt sind, welche anstatt zu einer Verbesserung nur zu einer Verschlimmerung und Erschwerung der Lebensbedingungen und des materiellen und moralischen Fortschritts führen konnten. Solch falsche Hirten wollen glauben machen, das Heil müsse von der Revolution kommen, die den sozialen Bestand umstürze und dabei vielleicht noch nationalen Charakter trage.

Warnung vor sozialer Revolution

Die soziale Revolution pocht darauf, die Arbeiterklasse zur Macht zu bringen. Eitle Rede, hohler Schein einer unmöglichen Wirklichkeit! In Wahrheit seht Ihr ja, dass das schaffende Volk gebunden, unterjocht und verschrieben bleibt der Macht des Staatskapitalismus. Dieser erdrückt und unterwirft sich alle, die Familien wie die Gewissen, und verwandelt die Arbeiterschaft in eine ungeheure Arbeitsmaschine. Genau wie andere Sozialsysteme und Einrichtungen, die er zu bekämpfen vorgibt, formt er alles mit Zwang zu einem einzigen schauerlichen Werkzeug des Krieges, das nicht bloß das Blut und die Gesundheit, sondern auch die Güter und den Wohlstand des Volkes verschlingt. Wenn ihre Leiter stolz sind auf den oder jenen Vorteil oder Fortschritt im Bereich der Arbeit, den sie mit lautem Lärm prahlerisch verkünden, so kann solch materieller Gewinn nie einen gleichwertigen Ersatz für die dem einzelnen aufgezwungenen Verzichtleistungen bedeuten, die die Persönlichkeitsrechte verletzen: die Freiheit in der Leitung der eigenen Familie, in der Ausübung des Berufes, in der bürgerlichen Stellung und ganz besonders in der Ausübung der Religion, ja der innersten Gewissenspflichten.

Nein, nicht in der Revolution liegt Euer Heil, liebe Söhne und Töchter. Wenn man auch nur an den eigenen materiellen Vorteil, der jedoch immer unsicher bleibt, denkt, ist dies klar.

Es widerspricht aber auch dem echten und aufrechten Christenbekenntnis, auf eine Revolution hinzusteuern, deren Ausgangspunkt Ungerechtigkeit und Auflehnung gegen den Staat ist, und sich traurige Mitschuld aufzuladen am Blut der eigenen Mitbürger und an der Vernichtung des allgemeinen Wohlstandes. Wehe dem, der vergisst, dass eine wahrhaft nationale Gemeinschaft die soziale Gerechtigkeit mit einschließen muss und eine gerechte und billige Beteiligung aller an den Gütern des Landes verlangt. Sonst müsste schließlich, das seht Ihr, das Wort Nation zur sentimentalen Schminke, zum leeren Vorwand, zum Deckmantel einzelner Schichten werden, womit man sich den zur Erreichung des Gleichgewichts und Friedens der Gemeinschaft unumgänglichen Opfern entziehen möchte. Dann würdet Ihr sehen, wie nach Untergrabung der gottgeschenkten Würde, die sich mit dem Begriff der nationalen Gemeinschaft verbinden muss, die innern Kämpfe und Fehden für alle zur furchtbaren Gefahr würden.

Vielmehr Entwicklung in Eintracht und Ordnung

Nicht im Umsturz, sondern in der Entwicklung in Eintracht liegt Heil und Gerechtigkeit. Gewalt hat immer nur niedergerissen, nie aufgebaut, die Leidenschaften entfacht, nie beruhigt. Sie hat Menschen und Klassen immer nur in die harte Notwendigkeit gestürzt, nach leidvollen Prüfungen auf den Ruinen der Zwietracht zum mühevollen Wiederaufbau zu schreiten. Nur eine fortschreitende, planvolle Entwicklung, die mutig und naturgemäß sich weisen und leiten lässt von den heiligen Normen christlicher Gerechtigkeit und Billigkeit, kann zur Erfüllung der berechtigten Wünsche und Bedürfnisse des Arbeiters führen.

Nicht zerstören also, sondern bauen und festigen! Nicht das Privateigentum abschaffen, das Grundlage für den Bestand der Familie ist, sondern bedacht sein, es auszuweiten als Frucht gewissenhaften Schaffens jedes Arbeiters und jeder Arbeiterin. Dann werden gerade durch den Privatbesitz allmählich die Massen der Unruhigen und Verwegenen sich mindern, die bald aus finsterer Verzweiflung, bald aus blindem Trieb von jedem Wind trügerischer Lehren oder von den heimtückischen Kniffen verantwortungsloser Hetzredner sich hin- und hertreiben lassen.

688 Nicht das Privatkapital zerreißen, sondern auf dessen klug überwachte Planung bedacht sein als Mittel und Halt zur Erreichung und Förderung des wahren Gesamtwohls des Volkes.

Die Industrie nicht erdrücken und nicht ausschließlich bevorzugen, sondern ihre harmonische Abstimmung herbeiführen mit dem Handwerk und mit der Landwirtschaft, die dem Boden der Nation seine vielfältigen und unentbehrlichen Schätze abringt.

Beim Streben nach technischem Fortschritt nicht einzig auf den größtmöglichsten Gewinn abzielen, sondern mit seinen Ergebnissen dazu beitragen, die persönliche Lage des Arbeiters zu heben, sein Schaffen weniger mühevoll und hart zu gestalten, die Arbeiterfamilie in ihrem Zusammenhalt zu stärken durch den Boden, auf dem sie wohnt, die Arbeit, von der sie lebt.

Nicht auf völlige Abhängigkeit des Lebens der Einzelmenschen von der Willkür des Staates hinarbeiten, sondern vielmehr bestrebt sein, dass der Staat, dessen Pflicht die Förderung des Gemeinwohls ist, mit sozialen Einrichtungen wie Versicherungen und sozialen Hilfswerken aushelfend, unterstützend und ergänzend die Tätigkeit der Arbeiterverbände kraftvoll fördere, ganz besonders hinsichtlich der Familienväter und -mütter, die mit ihrer Hände Arbeit für sich und die Ihrigen den Lebensunterhalt sicherstellen.

Der Glaube an Christus und die Treue zur Kirche, die Wurzeln wahrer Verbrüderung

Vielleicht wendet Ihr ein, das sei ja ein recht herrliches Bild künftiger Wirklichkeit, doch wie es in die Tat umsetzen und wie es lebendig werden lassen im Volke? - Not tut vor allem große Redlichkeit des Wollens und vollkommene Aufrichtigkeit des Planens und Handeins im Gang und in der Führung des öffentlichen Lebens, von Seiten der einzelnen wie von Seiten der Obrigkeit. Not tut, dass wahre Brudergesinnung und Eintracht alle beseele, Vorgesetzte und Untergebene, Leiter und Arbeiter, Große und Kleine, mit einem Wort alle Klassen des Volkes.

Euer Erscheinen vor Uns, geliebte Söhne und Töchter, dem die Tatsache besondere Weihe verleiht, dass Ihr von Euren verschiedenen Arbeitsgebieten als Vertreter aller Arbeitergruppen hierher ins gemeinsame Vaterhaus gekommen seid, zeigt und beweist Uns, dass Ihr erkennt, versteht und begreift, wo die Wurzeln liegen für die gottgewollte echte soziale Gesinnung von « Brüdern, die gebunden sind an den gleichen Vertrag », « alle geschaffen nach dem Bilde des Einzigen», « Söhne alle eines einzigen Loskaufs». Jene Wurzeln liegen in der gemeinsamen heiligen Religion, demselben Bekenntnis des Glaubens an den Erlöser aller Menschen Jesus Christus, in der gleichen Treue gegen seine heilige Kirche und seinen Stellvertreter auf Erden. Wir senden Unser glühendes Flehen zu Gott, das ganze gewaltige Volk der Arbeiter und Arbeiterinnen möge teilhaben an Eurem Glauben, auf dass mit Gottes Gnade durch all die Verschiedenheiten in Meinungen und Mitteln ein Weg sich bahne in Gerechtigkeit und Liebe zu jenem friedlichen und wohltätigen Fortschritt, den Wir so heiß ersehnen, dass der Herr Italien glücklich und stark mache in unerschütterlicher und christlicher Ordnung.

Antwort auf unerhörte Verleumdungen

Aber Wir wissen es wohl - und Ihr selbst habt die Erfahrung machen können -, wie in diesen drückenden und für das häusliche und öffentliche Leben so schwierigen Zeiten die menschlichen Leidenschaften die Gelegenheit wahrnehmen, um ihr Haupt zu erheben und durch Verdächtigung und Entstellung von Worten und Taten Unheil zu wirken. So verbreitet eine religionsfeindliche Propaganda unter dem Volke, vor allem in der Arbeiterklasse, der Papst habe den Krieg gewollt, der Papst erhalte den Krieg aufrecht und gebe das Geld zu seiner Fortsetzung, der Papst tue nichts für den Frieden. Niemals wurde vielleicht eine so ungeheuerliche und sinnlose Verleumdung ausgestreut wie diese! Wer weiß denn nicht, wer sieht denn nicht und wer kann sich nicht selbst davon überzeugen, dass niemand so nachdrücklich wie Wir auf jede nur mögliche Weise sich dem Ausbruch des Krieges und dann seiner Fortsetzung und Ausbreitung entgegengestellt haben, dass niemand mehr als Wir unaufhörlich gebeten und gemahnt hat: Friede, Friede, Friede! dass niemand mehr als Wir seine Schrecken zu mildern gesucht haben? Die Geldsummen, die Uns die Liebe der Gläubigen zur Verfügung stellt, sind nicht dafür bestimmt und dienen nicht dazu, um den Krieg zu schüren, sondern um die Tränen von Witwen und Waisen zu trocknen, um Familien zu trösten, die angstvoll um ihre fernen oder vermissten Angehörigen bangen, um die Leidenden, die Armen und Hilfsbedürftigen zu unterstützen. Zeugen all dessen sind Unser Herz und Unser Mund, die sich nicht einander widersprechen, denn Wir verleugnen nicht durch die Tat, was Wir mit dem Munde sagen, und Wir haben das Bewusstsein von der Falschheit all dessen, was die Feinde Gottes auf hinterhältige Weise verbreiten, um die Arbeiter und das Volk zu verwirren und aus den Mühen des Lebens, die sie ertragen, Stoff zu Anschuldigungen gegen den Glauben und gegen die Religion zu ziehen. Und doch ist die Religion die einzige Tröstung und die einzige Hoffnung, die den Menschen in Schmerz und Unglück auf Erden aufrecht erhält.

Nein! Unsere Ansprachen und Unsere Botschaften wird niemand in ihrer Absicht und in ihrem wesentlichen Gehalt auszulöschen oder zu verdrehen imstande sein. Alle haben sie hören können als Wort der Wahrheit und des Friedens, als machtvolle Äußerungen Unseres Bemühens um den Frieden der Welt und die Erleuchtung der Machtinhaber. Sie sind unwiderlegliche Zeugnisse der heißen Wünsche, die sich Unserem Herzen entringen, damit auf dieser Erde, die dem Menschen als Herberge für den Übergang zu einem besseren und unvergänglichen Leben gegeben wurde, Ordnung und Eintracht herrsche im ganzen Menschengeschlecht.

Die Kirche fürchtet nicht das Licht der Wahrheit, weder für die Vergangenheit noch für die Gegenwart noch für die Zukunft. Wenn die Zeitverhältnisse und die menschlichen Leidenschaften die Herausgabe von heute noch unveröffentlichter Dokumente über die beständige Friedenstätigkeit des Heiligen Stuhles, der sich während dieses entsetzlichen Krieges auch durch Weigerungen und Widerstände nicht einschüchtern ließ, gestatten oder erfordern werden, dann wird klarer als im hellsten Tageslicht die Torheit solcher Anklagen erscheinen. Diese haben ja ihren Ursprung weniger in Unwissenheit als vielmehr in jener Religionslosigkeit und Verachtung der Kirche, die nur Wurzeln fasst in einigen Menschenherzen, die leider mehr dazu geneigt und bereit sind, die rechten und gütigen Absichten, von denen die Braut Christi beseelt ist, zu verdrehen, als das Volkswohl zu fördern, die Lebensschwierigkeiten zu mindern und zu mildern und die Geister inmitten der schwierigen Verhältnisse der gegenwärtigen Stunde zu unterstützen. Sagt den Verleumdern der Kirche, dass die Wahrheit siegreich leuchten wird, wie sie jetzt schon leuchtet in Euren Herzen und in all denen, die vernünftig sich dem beugen, was sie als gut erkennen, und der Lüge und Verleumdung keinen Glauben schenken. Durch die offensichtliche Wirklichkeit der Tatsachen und durch Unser Werk werden alle die beschämt werden, die durch ihr verführerisches Gerede sich bemühen, auf den Papst die Verantwortlichkeit abzuwälzen für all das Blut der Schlachten zu Lande, der Trümmerhaufen in den Städten, der Kämpfe in der Luft und in den Abgründen der Meere.

Aufmunterung zur Pflege des religiösen Lebens

Christliche Arbeiter und Arbeiterinnen, erhebt Euch mit dem Denken Eures Geistes und dem Fühlen Eures Herzens im heiligen Glauben, stärkt und erneuert Euch in der Tröstung des Gebetes, das Euren Arbeitstag beginnen, heiligen und schließen möge. Solches Denken und Fühlen möge Euch erleuchten und erwärmen, besonders in der Ruhe der Sonn- und Festtage, sie mögen Euch begleiten und führen bei der Feier der heiligen Messe. Auf dem Altar, dem unblutigen Calvaria, erneuert unser Heiland - der sich in seinem irdischen Leben zu einem Arbeiter gemacht hat gleich Euch und der bis zu seinem Tode gehorsam war gegenüber dem Vater - ständig das Opfer seiner selbst zum Heile der Welt. Dort macht er sich zum Spender der Gnaden und des Lebensbrotes für die Seelen, die ihn lieben und in ihren Mühseligkeiten zu ihm hineilen, um erquickt zu werden. Vor dem Altar, in der Kirche, möge jeder christliche Arbeiter seinen Willen erneuern, zu arbeiten im Gehorsam gegen das göttliche Gesetz der Arbeit, welcher Art diese auch sein mag, Geistes- oder Handarbeit, er möge seinen Willen erneuern, mit seinen Mühen und Entsagungen das Brot für seine Lieben zu beschaffen, nach dem sittlichen Ziel des Lebens hienieden und nach der ewigen Seligkeit im Jenseits zu streben, seine Absichten mit denen des Heilands in Einklang zu bringen und seine Arbeit zu einem Lobgesang auf Gott zu gestalten.

Sittliche Sauberkeit in den Fabriken

In jeder Sache und zu jeder Zeit, geliebte Söhne und Töchter, schützt und bewahrt Eure persönliche Würde! Der Stoff, den Ihr bearbeitet, ist von Gott am Anfang der Welt geschaffen und durch die Tätigkeit der Jahrhunderte von ihm im Inneren und an der Oberfläche der Erde durch Überschwemmungen, Gärungen, Ausbrüche und Umbildungen gestaltet worden, um für den Menschen und seine Arbeit die geeignete Stätte zu bereiten. Dieser Stoff sei Euch eine beständige Erinnerung an die Schöpferhand Gottes und erhebe Euer Gemüt zu ihm, dem höchsten Gesetzgeber, dessen Anordnungen auch im Fabrikleben zu beobachten sind.

Vielleicht arbeiten an Eurer Seite und zusammen mit Euch Jungen und Mädchen. Denkt daran, dass den Kindern und Unschuldigen eine große Ehrfurcht gebührt und dass Christus von dem, der ihnen Ärgernis gibt, erklärt hat, es wäre besser für ihn, wenn ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde. Väter und Mütter, welche Ängste begleiten nicht die Schritte Eurer Söhne und Töchter zu den Arbeitsstätten, welche Besorgnisse! Ihr Arbeiter vertretet deren Stelle in der schützenden Wacht über die Unschuld und Reinheit jenes jugendlichen Alters, wenn es durch den Beruf und die Not der Familie gezwungen wird, sich vom liebevollen Blick der Eltern zu entfernen. Von den Älteren und ihrem Beispiel, von dem festen und entschlossenen Willen der Fabrikleitung in der Forderung einer anständigen Disziplin hängt es ab, ob die Jugend sich auf der Arbeitsstätte körperlich und moralisch gesund erhält oder ob sie, durch Sittenlosigkeit, Genusssucht und Verschwendung verdorben, selbst das Wohl der kommenden Generation aufs Spiel setzt. Kein Wort, kein Witz, keine Neuigkeit komme über Eure Lippen, die das Ohr Eurer jugendlichen Zuhörer beleidigen könnte. Im Klerus, in den weiblichen Ordensgenossenschaften, in den Mitgliedern der Katholischen Aktion möge die Arbeiterjugend ihre Helfer finden, die in Zusammenarbeit mit den leitenden Stellen und mit dem ganzen Aufwand ihrer physischen und moralischen Kraft sich für sie einsetzen, auch in dem täglichen Leben auf den Arbeitsstätten. Doch möge auch die gegenseitige Zuneigung und Hochachtung, das gute Beispiel, das mahnende und ermutigende Wort und die, wenn auch bescheidene, gegenseitige Hilfe unter den Arbeitern selbst niemals erlahmen.

Arbeiten in der Kraft der Gnade Gottes

Gestattet denn zum Schluss, dass Unser Wort wieder dort anknüpfe, wo es seinen Ausgang genommen hat, und Euch von neuem auf das göttliche Vorbild des christlichen Arbeiters hinweise, auf Christus, den Zimmermann in der Werkstatt von Nazareth, den Sohn Gottes und Wiederbringer der durch Adam verlorenen Gnade. Er möge über Euch jene Kraft, jene Geduld und jene Tugend ausgießen, die Euch groß macht vor ihm, dem erhabensten Bild des Arbeiters, das Ihr bewundern und anbeten dürft. Auf Euren Werkstätten und Arbeitsplätzen, am hellen Sonnenlicht auf den Feldern und im Zwielicht der Gruben, zwischen den Gluten der Hochöfen und in der Kälte der Eiskeller, überall, wohin das Wort des Arbeitsleiters, Euer Handwerk oder das Bedürfnis der Mitmenschen, des Vaterlandes, des Friedens, Euch rufen, möge auf Euch herabsteigen die Fülle der Gnaden von ihm, der Euch Hilfe, Rettung und Trost sei und die harte Arbeit, in der Ihr hienieden Euer Leben verzehrt und hinopfert, umforme zum Verdienst für ein jenseitiges Glück. Zweifelt nicht daran: Christus ist immer bei Euch! Denkt daran, ihn zu sehen an den Stätten Eurer Arbeit, wie er mitten unter Euch wandelt, Eure Mühen beobachtet, Eure Reden hört, Eure Herzen tröstet, Eure Unstimmigkeiten ausgleicht, und Ihr werdet sehen, wie sich die Arbeitsstätte verwandelt in das Heiligtum von Nazareth und wie auch unter Euch jenes Vertrauen, jene Ordnung und Eintracht herrschen, die ein Abglanz der Segnung des Himmels sind, der Segnung, die hier auf Erden die Gerechtigkeit und den guten Willen begründet und aufrecht erhält, in Menschen, die stark sind im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe Gottes.

Indem Wir den göttlichen Schutz herabrufen auf Euch, liebe Arbeiter und Arbeiterinnen, auf Eure Familien, auf alle, die Euch in der Arbeit leiten und führen, selbst auf Eure Arbeitsstätte, damit sie der Herr vor jeder Gefahr und jedem Schaden bewahre, erteilen Wir Euch aus ganzem Herzen als Unterpfand der auserkorensten Gnaden Unsern väterlichen Apostolischen Segen.

2. Juni 1947

Ansprache
Ancora una volta

von Papst
Pius XII.
an das Kardinalskollegium, anlässlich der Glückwünsche zu seinem Namenstag
über die hauptsächlichsten sozialen Anliegen der heutigen Welt
2. Juni 1947

(Offizieller italienischer Text: AAS 39 [1947] 258-266)

(Quelle: Arthur Fridolin Utz OP, Joseph-Fulko Groner O.P, Hrsg.: Aufbau und Entfaltung des gesellschaftlichen Lebens, Soziale Summe Pius' XII. (1939-1958), Übersetzerkollegium: Herausgeber und Franz Schmal u. H. Schäufele, Paulus Verlag Freiburg/Schweiz 1954; Imprimatur Friburgi Helv., die 5. Maii 1954 N. Luyten O.P. Imprimatur Friburgi Helv., die 29. Junii 1954 R. Pittet, v.g.; Band I, S. 232-241; Nrn. 523-548)

Einleitung: Das Jahr 1947

Schon wieder bietet uns die Feier des Festes Unseres heiligen Vorgängers und himmlischen Patrons Gelegenheit zu einer kurzen Aussprache mit Euch, ehrwürdige Brüder, über die großen Fragen und das gewaltige Geschehen der gegenwärtigen Stunde wie über die der ganzen Welt drohenden Gefahren. Dieses Eröffnen Unseres Denkens und Empfindens wie die ihm entsprechenden Gedanken und Gefühle, die Euer verehrter Dekan Uns so wohltuend bekundet hat, mögen für jeden von Euch, Unsere engsten Berater und treuen Mitarbeiter, und für Uns selber ein Ansporn sein, mit erneutem Vertrauen, mit verdoppelter Spannkraft, mit beschwingter Hingabe das Werk des Apostolates weiterzuführen, das heute mehr denn je auf allen Arbeitern im Weinberg des Herrn, auf allen Dienern des Heiligtums lastet.

Das Jahr 1947! Wie wird das Urteil lauten, das die kommenden Zeiten darüber fällen werden? Es ist beinahe zur Hälfte abgelaufen, und bis zur Stunde, bis zu diesem Augenblick, da Wir zu Euch sprechen, hat es da vielleicht der Welt etwas anderes beschert als den scheinbar unversöhnlichen Zwiespalt zwischen der beängstigenden Anhäufung der zu lösenden Probleme, in denen es versinkt und sich verstrickt, und der beschämenden Armseligkeit ihrer Lösungen?

Das Urteil der Geschichte wird den Ergebnissen entsprechen, welche die Ereignisse und Beratungen in den noch restlichen Monaten des Jahres hervorbringen werden.

Die zukünftigen Geschlechter werden es segnen oder verwünschen, je nachdem es für die große Menschheitsfamilie darstellen wird entweder den Ausgangspunkt zum Wiedererwachen eines Brudersinns, der sich in einer menschenwürdigen, allen heilsamen und für alle erträglichen Rechts- und Friedensordnung auswirkt, oder aber ein fortschreitendes Abgleiten in die sumpfigen Gewässer der Zwietracht und Gewalt, aus deren Schlamm nur die pestartige und verderbliche Giftluft neuen und unberechenbaren Unheils aufsteigen kann.

Zuverlässige Sicherung vor kommendem Krieg, Mahnung an die Siegerstaaten

Die durch den Krieg verursachten Wunden sind noch nicht vernarbt; im Gegenteil haben sich bestimmte von ihnen vertieft und verschärft.

Hat man je so viel von der allgemeinen Sicherheit gesprochen, die die Frucht des Sieges sein sollte? Wo ist sie? Ist der Eindruck der Unsicherheit, die Furcht vor dem Kriege vielleicht verschwunden oder wenigstens vermindert? Wenn man die Dinge betrachtet, wie sie in Wirklichkeit sind, muss man zugeben, dass es auch beim besten Willen nicht möglich ist, jetzt schon jene Sicherheit zu schaffen, die die Menschheit so heiß ersehnt.

Aber dann treffe man doch nicht Nachkriegs- und Friedensmaßnahmen, die nichts zu tun haben mit der Bestrafung der Kriegsverbrecher, die aber doch bitterste Enttäuschung hervorrufen gerade bei jenen, die keine Verantwortung tragen für die Schuld vergangener Systeme, die von diesen im Gegenteil selbst verfolgt und bedrückt wurden! Oder glaubt man vielleicht, den Aufbau der allgemeinen Sicherheit zu fördern, indem man in ihrem Unterbau weithin Ruinen anhäuft, nicht nur materielle, sondern auch von lebenden Menschen? Wie könnte sich ein Europa sicher fühlen, dessen Glieder der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung preisgegeben wären, diesen dunklen und düsteren Mächten der Zersetzung, deren sich leicht die Verführer von morgen zu ihren Zwecken bedienen werden, wie es die von gestern getan haben?

Wir kennen leider den Umfang und die Schwere des namenlosen Grauens und der Verwüstung, womit das Antlitz Europas von einem besiegten System bedeckt worden ist, und Wir wollen die Anhäufung von dessen Schuld gewiss nicht verkleinern. Aber wie können die siegreichen Völker ihrerseits die Methoden des Hasses und der Gewalt anwenden oder dulden, aus denen jenes System lebte und handelte; wie können sie Waffen gebrauchen, deren Benützung durch andere ihre gerechte Entrüstung hervorrief? Und wer könnte je vernünftigerweise im Zusammenbruch und in der Verelendung des Nachbarn eine Garantie für die eigene dauerhafte Sicherheit suchen?

Deshalb möchten Wir die Völker noch einmal mahnen und warnen: Die Sicherheit kann, so weit sie überhaupt in dieser Welt erreichbar ist, keine andere zuverlässige Grundlage haben als physische und sittliche Volkskraft, geordnete innerstaatliche Verhältnisse und nach außen normale gutnachbarliche Beziehungen. Nun ist es auch nach dem zweiten Weltkrieg immer noch möglich, solche normale Beziehungen wieder anzuknüpfen. Mögen die Staatslenker die Gelegenheit sich nicht entgehen lassen: sie könnte (wolle Gott es verhüten) die letzte sein.

Wohlstand der einzelnen Nation ohne Rücksicht auf die andern Volkswirtschaften nicht möglich

Man hat auch so viel von der allgemeinen Prosperität gesprochen, die ebenfalls als Frucht des Sieges reifen sollte. Wo ist sie? Ganz gewiss gibt es Länder, in denen die Maschinen ohne Unterbrechung auf hohen Touren laufen. Produktion über Produktion! Der Zauberschlüssel zum Sesamgold, das Geheimnis, die Untaten des Krieges bis zur letzten Spur auszumerzen, alle die Abgründe auszufüllen, die er hinterlassen hat! Aber der Wohlstand der Völker kann nicht zuverlässig gesichert sein, wenn er nicht das gemeinsame Los aller ist. Und so könnte es kommen, dass die Arbeitslosigkeit und mangelnde Tauschfähigkeit, zu denen sich bestimmte Völker verurteilt sehen, in nicht allzu ferner Zukunft Wirtschaftskrisen und Arbeitslosigkeit auch bei den anderen mit sich bringen.

Die Freiheit, die wahre Demokratie

Man hat dann so viel gesprochen von der Ordnung der Freiheit, die ebenfalls die edle Frucht des Sieges sein werde, Freiheit, die triumphieren sollte über Willkür und Gewalt. Aber Freiheit kann nur gedeihen, wo Recht und Gesetz herrschen und die Achtung vor der Würde des einzelnen wie der Völker wirksam sichern.

Unterdessen wartet die Welt noch darauf und verlangt, dass Recht und Gesetz für die einzelnen und die Gesellschaft feste Verhältnisse schaffen; unterdessen leben immer noch Millionen von Menschen unter Willkür und Zwang. Nichts ist ihnen sicher: Weder ihr Heim noch ihre Habe, weder ihre Freiheit noch ihre Ehre; so erlischt in ihnen der letzte Rest von Daseinsfreude, der letzte Funke des Willens zum Leben.

In Unserer Weihnachtsansprache von 1944 haben Wir Uns an eine Welt gewandt, die ganz begeistert war für die Demokratie und sie überall verbreiten wollte. Wir legten darauf an, die sehr hohen sittlichen Anforderungen einer richtigen und gesunden demokratischen Ordnung auseinanderzusetzen. Heute fürchten nicht wenige, das Vertrauen in eine solche Ordnung möchte gemindert sein infolge des verletzenden Gegensatzes zwischen der «Demokratie in Worten» und der nackten Wirklichkeit. Wenn Wir in diesem Augenblick Unsere Stimme erheben, so geschieht es nicht, um all den guten Willen zu entmutigen, der sich schon ans Werk gemacht hat, oder um das minder zu bewerten, was bereits erreicht worden ist; es geschieht nur aus dem Verlangen, beizusteuern, soweit es an Uns liegt, zu einer Besserung der gegenwärtigen Lage. Es ist noch nicht zu spät dazu, dass die Völker der Erde in gemeinsamem Bemühen die Bedingungen schaffen, die unerlässlich sind für wahre Sicherheit, für allgemeinen Wohlstand oder wenigstens für die Sicherung einer erträglichen Lebenshaltung, sowie für eine segenbringende Ordnung der Freiheit.

Jugend in Not

Ein Wert allererster Ordnung macht solch gemeinsames Bemühen einfachhin notwendig: Es ist das Wohl der Jugend und der Familie ...

Die Kirche als besorgte Mutter ist es aber nicht allein, die um das Wohl der Jugend zu fürchten hat. In einer Reihe von Ländern leiden die jugendlichen Generationen von frühen Jahren, von der Kindheit an, unter Verelendung, unter körperlicher und seelischer Blutleere als Folge leiblicher Armut mit allen ihren traurigen Begleiterscheinungen, als Folge ungenügenden oder gänzlich fehlenden Familienlebens, mangelhafter Erziehung und Ausbildung oder endlich als Folge vielleicht langer Jahre der Gefangenschaft und Fremde. In den dagegen besser gestellten Völkern bedrohen Gefahren anderer Art - oft gerade aus übersteigertem Wohlleben und Vergnügungssucht heraus, und um wie viel trauriger! - die leibliche und sittliche Gesundheit des jungen Menschen. Was aber noch ernster ist und das Übel noch schwerer heilbar macht: Das unbestimmt lange Andauern der verworrenen allgemeinen Lage mit den Zerrüttungen, die sie hervorruft, mit der verhängnisvollen Ungewissheit um die Zukunft, die sie mit sich bringt, pflanzt in die Herzen der heranwachsenden Jugend das Misstrauen gegen die ältere Generation, die sie für all die Übel, an denen sie leidet, verantwortlich macht; sie pflanzt in sie den Zweifel an allen von der letzteren so hoch gepriesenen und überlieferten Grundsätzen und Werten.

Es besteht ernste Gefahr, dass viele Jugendliche, angesteckt von diesen Krankheitskeimen, schließlich einem reinen Nihilismus verfallen. Wehe den Völkern, wenn eines Tages in ihrer Jugend das heilige Feuer des Glaubens, der Ideale, der Opferwilligkeit, der einsatzbereiten Hingabe erlischt ! Wenn eine solche Lage der Dinge auch nur kurze Zeit andauert - was mag ihr Ende sein?

Die Familie in schwerster Gefahr

In einem ähnlichen Zustand völliger Unsicherheit, einem Zustand, der sich verewigen zu wollen scheint, schwebt auch die Familie, diese naturgemäße Pflanz- und Bildungsstätte, in der der Mensch von morgen heranwächst und sich aufs Leben vorbereitet. Was wird ihr Schicksal sein? Herzzerreißend sind die Berichte, die aus den am schwersten heimgesuchten Gebieten an Uns gelangen über die Frau. Erschütternd ist vor allem die Lage jener Familien - wenn man herumirrende Menschengruppen überhaupt so nennen kann -, auf welche die Treue der Gatten zu Gottes Gebot den Segen einer reichen Kinderschar herabgezogen hatte. Nach ihren im Vergleich zu andern sehr oft besonders schweren Blutopfern im Kriege müssen sie nun noch den allgemeinen Mangel an Wohnung und Nahrung mit seinen Folgen ganz besonders spüren.

Nun wird Gott zu seinem Worte stehen, ganz im Gegensatz zu dem, was die höhnischen Bemerkungen der Egoisten und Lebemänner unterstellen; aber Unverstand, Herzlosigkeit, Übelwollen von außen machen den Helden der Ehepflichten das Leben fast unerträglich schwer. Tatsächlich kann nur ein wahres, von der göttlichen Gnade getragenes Heldentum in den Herzen der jungen Gatten das Verlangen nach einer zahlreichen Kinderschar und die Freude an ihr erhalten. Aber welche Erniedrigung liegt für die Welt darin, so tief gefallen zu sein in soziale Verhältnisse, die dermaßen naturwidrig sind! Vor Gott und vor der schmerzlichen Wahrheit der Tatsachen rufen Wir mit all Unserer Kraft um beschleunigte Abhilfe; Wir vertrauen darauf, dass Unser Notruf bis an die Grenzen der Erde gehört werde und ein Echo bei denen finde, die das öffentliche Leben verantwortlich leiten und wissen müssen, dass ohne die gesunde und lebenstüchtige Familie Volk und Nation verloren sind. Es gibt vielleicht nichts, was so dringend die Befriedung der Welt verlangt wie die unsagbare Not der Familie und der Frau!

Überwindung der Furcht aus christlichen Vertrauen

Wie sieht es in Wirklichkeit aus? Wer wagte zu behaupten, dass die beiden seit der Beilegung der Feindseligkeiten verflossenen Jahre bemerkenswerte Schritte vorwärts auf dem Wege der Wiederherstellung und der sozialen Aufwärtsentwicklung zu verzeichnen gehabt hätten? Bei diesem Sich-Hinziehen einer Reihe ununterbrochener oder verschobener Verhandlungen verlieren die in ihrer Sehnsucht nach Ordnung, Frieden und Wiederaufbau enttäuschten Völker schließlich das Vertrauen und die Geduld.

Wir wollen nicht anklagen. Wir haben ein höheres Ziel vor Augen als über die Vergangenheit ein Urteil zu fällen. Was Wir erstreben, ist neuen und noch schwereren Übeln in der nächsten oder einer ferneren Zukunft vorzubeugen.

In Zeiten tiefer Verwirrung der Geister und der Verhältnisse setzen Wir all Unser Vertrauen in Gott, den Vater unseres Herrn Jesus Christus, den Herrn der Herrschenden (2 Kor. 1,3; 1 Tim. 6, 15), und nach Gott in die Gläubigen der ganzen Welt. Daher richten Wir an sie das Wort, das der göttliche Meister so oft an seine Jünger richtet: Habt keine Furcht!

Wenn heute etwas zu fürchten ist, so ist es die Furcht selbst. Sie ist die schlechteste Beraterin, besonders in Lagen wie der gegenwärtigen. Sie taugt zu nichts als zu verwirren, blind zu machen, von dem rechten und sicheren Weg der Wahrheit und Gerechtigkeit abgleiten zu lassen.

Propheten des Irrtums tragen mit List und Gewalt Welt- und Staatsauffassungen vor, die, weil naturwidrig, widerchristlich und gottlos, von der Kirche verurteilt worden sind, besonders in der Enzyklika Quadragesimo anno Unseres großen Vorgängers Pius XI. Lasst Euch weder durch die augenblicklichen Schwierigkeiten noch durch das Trommelfeuer jener Propaganda einschüchtern oder verleiten!

Die Furcht, die sich vor sich selber schämt, weiß sich ausgezeichnet zu tarnen. Manchmal hüllt sie sich in das trügerische Gewand angeblicher Liebe zu den Unterdrückten; als ob den notleidenden Völkern mit Unwahrheit und Ungerechtigkeit, mit demagogischer Taktik und mit nie einlösbaren Versprechungen gedient wäre!

Ein anderes Mal hüllt sie sich in den Schein der christlichen Klugheit und bleibt unter diesem Vorwand stumm, wenn die Pflicht es verlangt, den Reichen und Mächtigen unerschrocken « Es ist nicht erlaubt » zu sagen, sie offen zu mahnen:

Es ist nicht erlaubt, aus Gewinn- oder Herrschsucht abzuweichen von der geraden Linie der für das soziale und politische Leben entscheidenden christlichen Grundsätze, welche die Kirche wiederholt und mit aller Deutlichkeit der Menschheit von heute verkündet hat. An Euch vor allem ist der Aufruf gerichtet, rückhaltlos mitzuarbeiten an der Herbeiführung einer Gesellschaftsordnung, die einen möglichst hohen Grad wirtschaftlicher Gesundheit und sozialer Gerechtigkeit verwirklicht, so dass den Ausbeutern der Klassengegensätze die Möglichkeit genommen wird, die Enttäuschten und Enterbten dieser Welt anzulocken, dadurch, dass sie den christlichen Glauben und die katholische Kirche nicht als freundschaftlichen, sondern als feindlichen Faktor darstellen.

Der Einsatz des Katholiken für den Frieden

Gegenüber der traurigen Wirklichkeit der unheilvollen und mannigfaltigen Gegensätze, die so bitter die Welt von heute zerfleischen und ihr den Zugang zum Frieden verbauen, wäre es Gleicherweise unverantwortlich, die Augen zu schließen, um nicht zu sehen, oder die Arme zu kreuzen, um nicht zu handeln, mit der Entschuldigung, dass ja doch nichts mehr zu machen sei. Nichts mehr zu machen? Wo doch gerade die Christen der zermürbenden und lähmenden Unentschlossenheit jene Furchtlosigkeit entgegensetzen können, die mehr als die glückliche Überfülle einer reichen Natur der Ausfluss einer übernatürlichen, aus den göttlichen Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe genährten Kraft ist. Diese Kraft wird eine mächtige Strömung reiner Luft durch die Welt leiten und so die Atmosphäre von Panik und Katastrophenstimmung, die sie zu vergiften droht, verflüchtigen. Die Augen werden sich der klaren Erkenntnis der Wahrheit und Gerechtigkeit weit öffnen. Die Ausweglosen werden, wenn sie nur ehrlichen und guten Willens sind, den Weg entdecken, um aus einer fast unerträglich gewordenen Lage herauszufinden und zum Ausgleich der scheinbar unüberwindlichen Gegensätze zu gelangen. Denn für jene, welche die Dinge im Lichte der göttlichen Weltordnung sehen, besteht kein Zweifel, dass es auch für die schwersten menschlichen und staatlichen Interessenkämpfe einen friedlichen Ausgleich gibt.

Liegt nicht vielleicht hier die Sendung des Christen, des Katholiken in die sozialen und politischen Wirren der Gegenwart hinein? Gerade deshalb nähren ja alle jene, die von den Gegensätzen und von der Zwietracht leben und sie noch eigens schüren, einen solchen Hass gegen die Kirche. Sie spüren wohl instinktiv, dass die Kirche, der von Gott gesetzte Hort der Brüderlichkeit und des Friedens, sich nicht vertragen kann mit denen, deren Götze die rohe Gewalt, der innere und äußere Machtkampf ist.

Diese Beobachtung müsste genügen, um Euch Katholiken mit heiligem Stolz zu erfüllen, denn der Hass, mit dem die Kirche verfolgt wird, zeugt für ihre geistige und sittliche Größe und die Größe ihrer Leistung zum Wohle der Menschheit.

Seid Euch dieser Größe bewusst! Sie bedeutet Sendung, Aufgabe, Verantwortung! Nicht umsonst hat die göttliche Vorsehung es gefügt, dass heute vielleicht tiefer als je zuvor das Bewusstsein der machtvollen Zusammengehörigkeit in demselben mystischen Leib alle Glieder der Kirche auf dem weiten Erdenrund erfüllt. Mag heute auch weltweit das Wühlen der dunklen Mächte der Zersetzung, der Entzweiung und der Zerstörung sein, um so überwältigender sollen sich der Einsatz der Christen, ihre Kräfte der Einheit, der Ordnung und des Friedens auswirken.

Wie könnte ein echter Katholik glauben, sich einer so dringenden Aufgabe entziehen zu dürfen? Geht also alle mit innerer Glut ans Werk. Furchtlos unter den Furchtsamen, gläubig unter den Glaubenslosen, hoffend unter den Hoffnungslosen, liebend unter den Liebeleeren.

Aufruf zu christlicher Liebe

Eure Liebe ist stark und weit wie die Welt. Wir kennen sie aus Erfahrung und können sie in etwa ermessen aus der bewunderungswürdigen Hochherzigkeit, mit der die Katholiken der wohlhabend gebliebenen Länder beitragen, um der Not der mehr verelendeten Volksmassen zu steuern. Ja, sie haben unvergleichlich mehr gegeben als die in gewissen Ländern veröffentlichten Zahlen erkennen lassen. Mit dem erneuten Ausdruck Unserer Dankbarkeit gegenüber allen Gebern verbinden Wir auch diesmal Unseren inständigen Ruf: Lasst Eure Liebe nicht erkalten, sondern zu neuer Tat ausholen!

Es gibt noch viele Gebiete, von denen ein Not- und Hilfeschrei zum Himmel steigt. Der Himmel hört diesen Notschrei, aber er will ihn erhören durch Euer Liebeswerk. Das Wort Christi « Was immer ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan » (Mt. 25, 40) gilt auch umgekehrt: Das Gute, das jeder von Euch dem notleidenden Mitbruder getan hat, hat Christus getan. Christus selbst hilft in Euch und durch Euch den Armen und Verlassenen.

In der beseligenden Gewissheit, dass Christus in jedem von uns lebt und wirkt, rufen Wir allen Unseren Söhnen und Töchtern über die Welt hin zu: Resistite fortes in fide! Widersteht stark im Glauben! Die Zukunft gehört den Glaubenden, nicht den Ungläubigen und Zweiflern.

Die Zukunft gehört den Mutigen, die stark hoffen und handeln, nicht den Kleinmütigen und Unentschlossenen. Die Zukunft gehört den Liebenden, nicht den Hassenden. Die Sendung der Kirche in die Welt, weit davon entfernt beendet zu sein, geht neuen Bewährungen und Zielen entgegen.

Die Euch von der Vorsehung in dieser entscheidungsvollen Stunde gestellte Aufgabe ist nicht, einen faulen Angstfrieden mit der Welt zu schließen, sondern einen vor dem Angesicht Gottes und der Menschheit wahrhaft würdigen Frieden für die Welt zu schaffen.

Diesen Frieden - den die Menschheit aus ihren eigenen Kräften nicht erreichen kann - von der göttlichen Barmherzigkeit der zerrissenen und zerquälten Erde zu erflehen, ist eine Pflicht, der alle, Hirten und Herde, mit brennendem Eifer obliegen müssen, besonders in diesem dem Herzen des Erlösers geweihten Monat.

Beseelt von einem unerschütterlichen Vertrauen auf die Kraft dieses Bittflehens und als Unterpfand seiner Wirksamkeit erteilen Wir Euch, ehrwürdige Brüder, und allen Unseren geliebten Söhnen und Töchtern über dem Erdenrund hin aus der Fülle des Herzens den Apostolischen Segen.

7. September 1947

Ansprache
Conforto, letizia e giusto

von Papst
Pius XII.
an die Männer der Katholischen Aktion Italiens anläßlich des 25jährigen Jubiläums der Vereinigung
Die religiös-sozialen Aufgaben des katholischen Mannes
7. September 1947

(Offizieller italienischer Text: AAS 39 [1947] 425-431)

(Quelle: Arthur Fridolin Utz OP, Joseph-Fulko Groner O.P, Hrsg.: Aufbau und Entfaltung des gesellschaftlichen Lebens, Soziale Summe Pius' XII. (1939-1958), Übersetzerkollegium: Herausgeber und Franz Schmal u. H. Schäufele, Paulus Verlag Freiburg/Schweiz 1954; Imprimatur Friburgi Helv., die 5. Maii 1954 N. Luyten O.P. Imprimatur Friburgi Helv., die 29. Junii 1954 R. Pittet, v.g.; Band I, S. 132-140; Nrn. 301-329)

Einleitung

Trost, Freude und berechtigte Genugtuung erfüllen Unser Herz, geliebte Söhne, da Wir Euch heute hier in gedrängten Scharen vor Uns versammelt sehen; eine eindrucksvolle Schar, gleich einem wogenden Meer, dessen Wellen bis an den Vorraum des größten Tempels der Christenheit branden.

Uns, die Wir Euch mit väterlicher Freude grüßen, erscheint Ihr wie die Personifizierung eines Rufes der Dankbarkeit, der aus der Tiefe Eures Herzens zum allmächtigen Gott emporsteigt für all das Gute, das er in den letzten fünfundzwanzig Jahren vermittels der Männer der Katholischen Aktion gewirkt hat. Es genügt ein schneller Blick auf die Ziele Eurer Vereinigung: religiöse und sittliche Vervollkommnung der Mitglieder und deren soziale und staatsbürgerliche Schulung gemäß den Lehren der Kirche, Förderung des christlichen Lebens und Verteidigung der Kirche in allen ihren Äußerungen, Wiederherstellung des Reiches Christi in der Familie, in der Schule, in den öffentlichen Einrichtungen, im ganzen wirtschaftlichen und sozialen Leben. Ein solcher Blick, sagen Wir, auf Euer Programm genügt, um die Erinnerung wachzurufen an all das, was Ihr im Geiste lebendigen Glaubens unter Überwindung von Schwierigkeiten und unter Auseinandersetzungen mit Widerwärtigkeiten gewagt, geschafft und erreicht habt.

Euer Dank gilt nächst Gott auch Euren Führern sowohl aus der kirchlichen Hierarchie wie aus dem Laienstande, vor allem Unserem unvergesslichen Vorgänger Pius XI., dem Gründer und Vater Eurer Organisation, dann auch den andern, den Lebenden und hier Gegenwärtigen nicht minder wie den bereits Verstorbenen. Ihr kennt ihre Namen, welche die Annalen der Katholischen Aktion immer ehrenvoll festhalten werden und die mit den drei Euch so wohlbekannten Worten gekennzeichnet sind: Männer des « Gebetes », des reichen religiösen Innenlebens, Männer der « Tat », des unermüdlichen Einsatzes für die katholische Sache, Männer des « Opfers », der hochherzigen Hingabe an Christus, an die Kirche, an das Papsttum.

Aber mehr noch als die Bezeugung Eurer Dankbarkeit und Eurer Genugtuung für das schon Erreichte ist diese Eure Zusammenkunft der Ausdruck eines zähen Willens, hart wie Granit, einer Bereitschaft, welche Gegenwart und Zukunft umfasst und aus starken Grundsätzen, klarer Sicht, festen Entschlüssen hervor wächst. Euer fünfundzwanzigster Jahrestag ist für Euch nicht bloß ein erreichtes Ziel, das zu befestigen ist, sondern eine Schwelle zu neuem Vorwärtsschreiten, einem weiteren und umfassenderen Gesichtskreise entgegen. Ein solcher Wille ist wahrhaft notwendig in der gegenwärtigen Stunde.

Wir haben vor fünf Jahren, ebenfalls im Monat September, ausführlich über den Mann der Katholischen Aktion und seine Mitarbeit an der religiösen Wiedergeburt der Gesellschaft, über seinen Einfluss auf die Familie, auf das Berufsleben und auf die Außenwelt gesprochen. Die Pflichten, die Wir damals behandelten, stellen sich Euch auch heute mit einer Dringlichkeit, die man sich schwerlich größer vorstellen könnte. Jede dieser Pflichten - und es sind nicht wenige - drängt gebieterisch und fordert ihre gewissenhafteste Erfüllung, nicht selten durch wahrhaft heldenmütige Taten. Es ist keine Zeit zu verlieren.

Die Zeit des Überlegens und des Planens ist vorüber. Die Stunde des Handelns hat geschlagen. Seid Ihr bereit?

Die einander gegenüberstehenden Fronten auf religiösem und sittlichem Gebiet zeichnen sich immer klarer ab. Die Stunde der Bewährung ist da. Der harte Wettstreit, von dem der hl. Paulus spricht, ist entbrannt. Die Stunde verlangt die Anspannung aller Kräfte. Selbst wenige Augenblicke können den Sieg entscheiden. Schaut auf Euer Mitglied Gino Bartali, ein Mitglied der Katholischen Aktion: Schon wiederholt hat er das begehrte « Band » errungen. Laufet auch Ihr in diesem Wettstreit der Ideen so, dass Ihr einen viel edleren Siegespreis erkämpfet: « Sic currite, ut comprehendatis » - « Laufet so, dass ihr ihn erlangt » (1 Kor. 9, 24).

I. Die fünf wichtigsten Punkte der Bewährung des Mannes in der Zeit

Welches sind für Euch Männer der Katholischen Aktion die wichtigsten Punkte in dieser Bewährung, die hauptsächlichen Kampfplätze Eures Wirkens? Wir glauben vor allem folgende fünf kurz angeben zu sollen:

1. Religiöse Bildung

Tiefe, gediegene Kenntnis des katholischen Glaubens, seiner Wahrheiten, seiner Geheimnisse und seiner göttlichen Kräfte. Man hat den Ausdruck von der « Blutarmut des religiösen Lebens » geprägt. Er ertönt wie ein Alarmruf. Diese Blutarmut, die in allen Schichten herrscht, sowohl bei den Gebildeten wie bei den Handarbeitern, rührt in erster Linie von einer häufig vollständigen Unkenntnis in religiösen Dingen her. Diese Unkenntnis muss bekämpft, ausgerottet und überwunden werden. Diese Aufgabe kommt vorzüglich dem Klerus zu, und deshalb beschwören Wir Unsere ehrwürdigen Brüder im Episkopat, nichts zu unterlassen, damit die Priester einer so schweren Verpflichtung gerecht werden.

Aber dann ist es auch Eure Sache, geliebte Söhne, die Kirche bei dieser Arbeit zu unterstützen. Nähret vor allem selbst Geist und Herz mit der wesentlichen Nahrung des katholischen Glaubens, so wie er sich Euch darbietet in der ganzen lebendigen Lehre der Kirche, in den Heiligen Schriften, deren Urheber der Heilige Geist selbst ist, in der heiligen Liturgie, in den approbierten Andachten und in der gesamten gesunden religiösen Literatur. Tragt also die Wahrheit dieses Glaubens hinaus und verbreitet sie in jeder Stadt, in jedem Dorf, in jedem, auch dem entlegensten Winkel Eures schönen Landes, so wie die Luft des Lebens, die überall hindringt und alles umfasst und umhüllt. Verbreitet sie besonders unter denen, die durch unglückliche Umstände in Unglauben gefallen sind.

2. Heiligung der Sonn- und Feiertage

Der Sonntag muss wieder der Tag des Herrn, der Anbetung und der Verherrlichung Gottes, des heiligen Messopfers, des Gebetes, der Ruhe, der Sammlung und der Besinnung, des heiteren Zusammenseins im Familienkreise werden. Eine schmerzliche Erfahrung hat gezeigt, dass für nicht wenige, auch unter denen, die während der ganzen Woche ehrlich und unverdrossen arbeiten, der Sonntag zum Tag der Sünde geworden ist.

Macht Euch demnach mit allen Euren Kräften für die Abwehr stark, damit ein grober Materialismus, die Sucht nach weltlichen Vergnügungen, die roheste sittliche Verderbnis in Schriften und Darbietungen sich nicht des Sonntags bemächtigen, um von seinem Antlitz das göttliche Siegel auszulöschen und die Seelen in Sünde und Irreligiosität zu stürzen. Wahrhaftig, der Ausgang des Kampfes zwischen dem Glauben und dem Unglauben wird großenteils davon abhängen, was die eine und die andere der widerstreitenden Fronten aus dem Sonntag zu machen verstehen. Wird er weiter auf seiner Stirn klar und leuchtend den heiligen Namen des Herrn tragen oder wird er gottlos verdunkelt und vernachlässigt werden? Hier wartet Euer ein weites Arbeitsfeld. Geht tapfer ans Werk und tragt dazu bei, den Sonntag Gott, Christus, der Kirche, dem Frieden und dem Glück der Familie wiederzugeben.

3. Die Rettung der christlichen Familie

Italien muss das erhalten werden, was immer sein Stolz und seine Kraft war die christliche Mutter. Die christliche Erziehung der Jugend muss erhalten bleiben und folglich auch die christliche Schule. Gewahrt bleiben muss das christliche Heim, der Fels der Gottesfurcht, der unverbrüchlichen Treue, der Zucht, der Liebe und des Friedens, wo jener Geist herrscht, von dem in Nazareth das Haus Josephs, Eures himmlischen Patrons, erfüllt war.

Die christliche Familie retten, das gerade ist die vorwiegende Sendung des katholischen Mannes. Vergesst nicht: von dem, was er ist und von dem, was er will, hängt nicht weniger als von der Frau selbst, das Schicksal der Mutter und der italienischen Familie ab.

4. Soziale Gerechtigkeit

Wir bekräftigen das, was Wir noch jüngst darüber gelegentlich ausgeführt haben. Für die Katholiken ist der Weg, den sie bei der Lösung der sozialen Frage zu befolgen haben, klar von der Lehre der Kirche vorgezeichnet und der Segen Gottes wird auf Eurer Arbeit ruhen, wenn Ihr Euch keinen Schritt von diesem Wege entfernt. Ihr habt es nicht nötig, Scheinlösungen zu ersinnen und mit leicht hingeworfenen und hohlen Phrasen Scheinerfolgen nachzujagen. Wonach Ihr aber streben müsst und könnt, ist eine gerechtere Verteilung des Reichtums. Das ist und bleibt ein programmatischer Punkt der katholischen Soziallehre.

Gewiss bringt der natürliche Lauf der Dinge es mit sich, - und das ist weder wirtschaftlich noch sozial anormal -, dass die Güter der Erde innerhalb gewisser Grenzen ungleich verteilt sind. Aber die Kirche widersetzt sich einer Anhäufung dieser Güter in den Händen von verhältnismäßig wenigen übermäßig Reichen, während weite Kreise des Volkes zu Armut und zu einer menschenunwürdigen wirtschaftlichen Lage verurteilt sind.

Eine gerechtere Verteilung des Reichtums ist deshalb ein hohes soziales Ziel, würdig Eurer Anstrengungen. Seine Erreichung setzt jedoch voraus, dass die einzelnen und die Gemeinwesen für die Rechte und Bedürfnisse der anderen das gleiche Verständnis zeigen, das sie für ihre eigenen Rechte und Bedürfnisse besitzen. Diesen Sinn in Euch zu pflegen und auch bei den anderen zu erwecken, ist eine der vornehmsten Aufgaben der Männer der Katholischen Aktion.

5.

Im gleichen Geiste muss ein anderes sittliches Empfinden seine Erneuerung erfahren: Die Rechtschaffenheit und Wahrhaftigkeit im menschlichen Zusammenleben, das Bewusstsein der Verantwortung für das Gemeinwohl. Es ist beunruhigend zu sehen, bis zu welchem Grade als Folge der unglaublichen Erschütterungen des Krieges und der Nachkriegszeit Treue und Glauben im wirtschaftlichen und sozialen Leben verloren gegangen sind. Was sich auf diesem Gebiete zeigt, ist nicht nur ein äußerlicher Charakterfehler, sondern eine schwere innere Krankheit, eine geistig-sittliche Vergiftung, die auch großenteils die Ursache der religiösen Blutarmut ist.

Das wirtschaftliche und finanzielle Chaos, das von jeder großen Katastrophe hervorgerufen wird, hat die Gier nach Gewinn, die zu üblen Machenschaften und Spekulationen zum Schaden der ganzen Bevölkerung führt, angereizt und verschärft. Wir haben stets solche Machenschaften, woher sie auch kommen mochten, getadelt und verurteilt, ebenso wie jeden unerlaubten Handel, jede Fälschung, jede Nichtbeachtung der gerechten, vom Staat zum Besten des Gemeinwohls erlassenen Gesetze.

Es ist deshalb Aufgabe der Männer der Katholischen Aktion, an der Heilung dieses Übels mit Wort und Beispiel mitzuarbeiten, vor allem durch das persönliche Beispiel und dann auch durch stärkere Beeinflussung der öffentlichen Meinung.

II. Weisungen für die Zukunft ***

Wir glauben, diese Eure Absichten, für deren Durchführung Ihr schon mit Eifer arbeitet, nicht besser zusammenfassen zu können als mit dem Leitspruch, den Ihr Euch selbst erwählt habt: « Kirche, Familie, Arbeit », ein Motto, das Euch in den nächsten fünfundzwanzig Jahren Eurer Verbandstätigkeit und darüber hinaus begleiten wird. Inzwischen prägt bei Beginn dieser zweiten Periode Euren Herzen die nachfolgenden Mahnungen ein:

1. Seid großherzig! Wo immer Ihr einem aufrichtigen guten Willen, Tätigkeit, Einsicht, Eignung für die Sache Christi und der Kirche begegnet, sei es in Euren eigenen Reihen, sei es außerhalb der Katholischen Aktion, auch wenn sie unter neuen, aber gesunden Formen des Apostolates erscheinen, freut Euch daran, hindert sie nicht, sondern haltet gute Freundschaft mit ihnen und unterstützt sie, wo immer Eure Unterstützung möglich und erwünscht ist oder erwartet wird. Die Bedürfnisse, für welche die Kirche in der Gegenwart sorgen muss, sind so zahlreich und dringend, dass jede Hand willkommen ist, die ihre edelmütige Mitarbeit anbietet.

2. Tragt stets lebendig in Geist und Herz das Ideal, dessen Größe aus dem kraftvollen Rhythmus Eures « Hymnus » widerklingt: Nicht nur Verteidigung, sondern auch Eroberung. Zweifellos ist der Schutz und die Erhaltung des augenblicklichen Bestandes der katholischen Kräfte in Eurem Volk schon an sich ein verdienstliches Unternehmen. Man pflegt indessen zu sagen, dass derjenige, der sich nur immer auf die Verteidigung beschränkt, langsam verliert. Und in der Tat will die Katholische Aktion mehr als ein bloßer Zusammenhalt der treuen Katholiken sein. Ihr letztes Ziel ist, das Verlorene wiederzugewinnen und auf neue Eroberungen auszugehen. Ihr dürft Euch deshalb nicht zufrieden geben, bis die Kreise der Gebildeten und der Teil der Arbeiter, die durch unglückliche Umstände sich von Christus und der Kirche entfernt haben, den Weg der Heimkehr gefunden haben.

Schließt Euch also nicht innerlich ab, sondern dringt vor in fremde Reihen, um die Augen der Irregeleiteten und Betrogenen für die Reichtümer des katholischen Glaubens zu öffnen. Bisweilen trennen nur Missverständnisse, häufiger aber noch eine vollständige Unwissenheit sie von Euch. Nicht wenige unter ihnen erwarten vielleicht von Euch ein liebevolles Herz, eine offene Klärung, ein befreiendes Wort. In der Kunst der Menschengewinnung könnt Ihr auch von Euren Gegnern einiges lernen. Besser noch, lernet von den Christen der ersten Jahrhunderte ! Nur so, durch stets neue Methoden des Eindringens in die Heidenwelt, konnte die Kirche aus kleinen Anfängen wachsen und fortschreiten, manchmal unter unaussprechlichen Mühsalen und Martyrien, dann wieder durch Jahrzehnte größerer oder geringerer Ruhe und mehr oder minder freien Aufatmens, bis sich nach drei Jahrhunderten das mächtige Imperium besiegt erklären und mit der Kirche Frieden schließen musste.

Das ist wohl wahr, wird mancher sagen, aber die Kirche war damals jung. - Die Kirche ist stets jung ! Sie, die Macht und Kraft Gottes, die immerwährende Hüterin und Ausspenderin des Göttlichen in der Welt, kann nicht im Laufe der Zeiten dem Alter erliegen, sondern sie lebt, unbefleckt von jedem Irrtum, ein unzerstörbares Leben und gewinnt stets von neuem nach dem Willen und mit der Gnade desjenigen, der ihr bis zur Vollendung der Zeiten zur Seite steht, ihre Jugendkraft wieder.

Aber die unsterbliche Jugend der Kirche offenbart sich in wunderbarer Weise besonders im Leiden. Sie ist « Blutbraut » (Vgl. Ex. 4, 25). Im Blute liegen ihre Kinder und Diener, verleumdet, eingekerkert, getötet und hingemetzelt. Wer hätte es je in diesem Jahrhundert nach so großen Fortschritten der Zivilisation, nach so vielen Erklärungen der Freiheit für möglich gehalten, dass es so viele Unterdrückungen, so viele Verfolgungen, so viele Gewalttaten geben würde? Aber die Kirche hat keine Furcht. Sie will Blut- und Leidensbraut sein, um das Bildnis ihres göttlichen Bräutigams in sich abzubilden, um zu leiden, zu kämpfen und zu triumphieren mit ihm.

Schlusswort

Ihr wollt, geliebte Söhne, die Menschen für Christus und die Kirche zurückgewinnen. - Für Christus: Es hat keinen Mann gegeben, der dem Erlöser durch häusliche Bande, durch täglichen Umgang, in seelischer Harmonie und durch das göttliche Leben der Gnade so nahe gestanden hat wie Joseph, aus dem Stamme Davids und doch nur ein einfacher Handarbeiter. - Für die Kirche: Er ist der Patron der allgemeinen Kirche. Wie hättet also auch Ihr ihn nicht zu Eurem himmlischen Beschützer erwählen sollen? Ihr habt vor Uns das Banner Eures Verbandes entfaltet. Wir vertrauen Euch und Eure Arbeit, Eure Bewährungsproben und Eure Hoffnungen der väterlichen Liebe des heiligen Joseph an, nicht minder wie der machtvollen Fürbitte seiner Braut, der reinsten Jungfrau und Gottesmutter Maria.

Wir empfehlen gleichzeitig Euch und Eure Zukunft Euren beiden Landsleuten an, die Wir im vergangenen Frühjahr unter die Seligen aufgenommen haben, Contardo Ferrini und Maria Goretti. Contardo Ferrini ist das Vorbild des katholischen Mannes unserer Tage. Mafia Goretti hat das Herz des Volkes gewonnen, nicht nur der Frauen und der jungen Mädchen, sondern gleichzeitig auch der Männer und der Jünglinge, ohne Zweifel auch deshalb, weil ihr kurzes irdisches Leben das Los von Millionen braver Italiener widerspiegelt ein Los, das man wiederum in drei Worte zusammenfassen kann: Kirche, Familie, Arbeit; vor allem aber deshalb, weil sie mit ihrem eigenen Blute ihre Treue zu Gottes Gebot und ihre Liebe zu Christus besiegelt hat. Möge die jugendliche Märtyrin für Euch Mut, Standhaftigkeit und Sieg in dieser schweren und entscheidungsvollen Stunde erflehen.

Der Fürbitte der Gottesmutter und der Heiligen vertrauen Wir endlich jenes Gut an, nach dem sich alle, das ganze italienische Volk und die große Familie der Nationen mit so innigem und sorgenvollem Verlangen sehnen: den Frieden. Nicht nur einen scheinbaren und juristischen Frieden, sondern den wirklichen und gerechten Frieden. Wir selbst haben stets - so sehr auch die Feinde des Papsttums, denen dennoch Unsere Liebe und Unser Segenswunsch gilt, Unsere Absichten und Unsere Worte entstellen - der Sache des wahren Friedens gedient und werden ihr immer dienen bis zum letzten Atemzug. Werdet auch Ihr, Männer der Katholischen Aktion, Vorkämpfer dieser heiligen Sache. Dem Frieden dienen heißt der Gerechtigkeit dienen. Dem Frieden dienen heißt den Interessen des Volkes, besonders der einfachen Leute und der Enterbten des Schicksals dienen. Dem Frieden dienen heißt sicheren und festen Auges in die Zukunft schauen. Dem Frieden dienen heißt den Tag beschleunigen, an dem alle Völker ohne Ausnahme ihre Rivalitäten und ihre Streitigkeiten begraben und sich brüderlich vereinigen. Dem Frieden dienen heißt die Zivilisation retten, heißt die menschliche Familie vor unsäglichem neuen Unglück bewahren. Dem Frieden dienen heißt die Geister zum Himmel erheben und sie der Herrschaft des Satans entreißen. Dem Frieden dienen heißt das überragende Gesetz Gottes, das ein Gesetz der Güte und der Lieb ist, verwirklichen.

Mit diesem Wunsche erteilen Wir Euch, geliebte Söhne und allen Männern der Katholischen Aktion, Euren Familien und denen, die Eurer Fürsorge anvertraut sind, aus der Fülle Unseres Herzens Unseren Apostolischen Segen.

12. September 1948

Ansprache
Nel vedere

von Papst
Pius XII.
An die Jungmänner der Katholischen Aktion Italiens anlässlich des 80jährigen Jubiläums der Jugendorganisation der Katholischen Aktion Italiens
Dreifache Aufgabe des katholischen Jungmannes im geistigen Ringen der heutigen Welt
12. September 1948

(Offizieller italienischer Text: AAS 40 [1948] 409-414)

(Quelle: Arthur Fridolin Utz OP, Joseph-Fulko Groner O.P, Hrsg.: Aufbau und Entfaltung des gesellschaftlichen Lebens, Soziale Summe Pius' XII. (1939-1958), Übersetzerkollegium: Herausgeber und Franz Schmal u. H. Schäufele, Paulus Verlag Freiburg/Schweiz 1954; Imprimatur Friburgi Helv., die 5. Maii 1954 N. Luyten O.P. Imprimatur Friburgi Helv., die 29. Junii 1954 R. Pittet, v.g.; Band I, S. 141-147; Nrn. 330-348)

Einleitung

Der Anblick Eurer gewaltigen Scharen, über die der Himmel sein strahlendes Lächeln ausgießt, erfüllt Uns, geliebte Söhne, mit größter Freude. Dieser Glanz strahlt aus Euren Augen wider, in denen das Feuer berechtigter Freude und jugendlicher Begeisterung glüht. War aber vielleicht die Kundgebung der Mädchenjugend, Eurer Schwestern, am vergangenen Sonntag, bei wolkenbedecktem Himmel und bei strömendem Regen, weniger schön und glanzvoll? Oberflächliche und kurzlebige Stimmungen weichen und vergehen, sobald sich die ersten Wolken zeigen. Die Scharen zerstreuen sich und lassen den Führer allein, wie schon der alte lateinische Dichter gesungen: « Tempora si fuerint nubila, solus eris » - « Wenn sich der Himmel mit Wolken bedeckt, bleibst du allein » (Ovid. Trist. I 9, 6). Aber jene braven Töchter haben ausgehalten, ohne zu bewegen oder unruhig zu werden. Manche von ihnen knieten sogar auf dem nassen Pflaster des Petersplatzes. Sie wollten das Wort des gemeinsamen Vaters anhören und ihm mit einer solchen spontanen Begeisterung antworten, dass sich Unsere Rede gegen Ende in ein vom Glauben getragenes Zwiegespräch verwandelte. Wir zweifeln keinen Augenblick daran, dass auch Ihr unter ähnlichen Verhältnissen das gleiche Schauspiel dargeboten hättet. Eure Schwestern haben wirklich durchgehalten und es gereicht ihnen zur Ehre, zur Freude und zum Segen.

Aus ganzem Herzen grüßen Wir Euch, liebe Jungmänner der Katholischen Aktion, anlässlich der achtzigsten Jahresfeier Eurer Vereinigung. Aus Euren Reihen, denen sich zahlreiche Vertreter vieler Länder angeschlossen haben, erhebt sich ein mächtiger Ruf. Er dringt hinaus in alle Welt, über Länder und Meere, Täler und Berge, gleich einem Schwur, der aufsteigt zum Himmel: Wir bekennen uns als katholische Jugend! Es ist die Äußerung eines machtvollen Willens und einer eisernen Entschlossenheit: Wir wollen unser Leben nach dem katholischen Glauben gestalten, wir wollen, dass unserer Heimat die christliche Zivilisation erhalten bleibe.

Ihr habt in den vergangenen Jahren schon wiederholt Beweise Eures Ernstes und der Festigkeit Eures Bekenntnisses und Eures Willens an den Tag gelegt. Wir sind Euch dafür dankbar. Ihr seid Unsere Freude und Unser Stolz. Wir können Euch nur in Euren frommen Vorsätzen bestärken, indem Wir Euch die goldenen Worte des Apostels Johannes ins Gedächtnis rufen: « Dies ist der Sieg, der die Welt überwindet, euer Glaube » ( 1 Joh. 5, 4).

Ein dreifacher Sieg ist notwendig

Dreifach soll dieser Sieg sein:

1. Er muss ein Sieg über die Gottlosigkeit sein und diese aus der Welt vertreiben.

In den religiösen Auseinandersetzungen unserer Zeit handelt es sich nicht mehr, wie in der Vergangenheit, um die eine oder andere Glaubenswahrheit, den einen oder anderen Artikel des katholischen Credos. Heute werden die funda-mentalen Grundlagen der Religion, die Kirche, das Gottmenschentum Christi, Gott selber angegriffen und geleugnet.

Es mag unverständlich und absurd erscheinen, dass es so ist. Hat es je eine Zeit gegeben, in der die Gegenwart Gottes sich der menschlichen Vernunft so eindringlich - man könnte fast sagen: so sichtbar - bezeugt hat wie in der Gegenwart? Die Naturwissenschaften machen erstaunliche Fortschritte und jede ihrer Entdeckungen nötigt dem Menschen den Ausruf ab: hier ist ein Schöpfer am Werk.

Die wachsende Kenntnis des periodischen Systems der chemischen Elemente, die Entdeckung der korpuskulären Strahlung der radioaktiven Elemente, unsere Kenntnisse über die kosmischen Strahlen und den Verlust der freien Energie des Atoms in der Elektronensphäre und im Kern, das alles und noch vieles andere beweist mit einer kaum Überbietbaren Klarheit die Veränderlichkeit des Kosmos, des Universums als solchen bis zu den subatomarischen Konstituentien des Atomkerns. Die Welt ist gezeichnet mit dem Zeichen der Veränderlichkeit, des Anfangs und des Endes der Zeit, und verkündet mit mächtiger und unüberhörbarer Stimme einen Schöpfer, der von der Welt selber vollkommen verschieden und seiner innersten Natur nach unveränderlich ist. Daher waren Wir nicht erstaunt zu lesen, dass kürzlich einer der führenden nichtkatholischen Wissenschaftler, Max Planck, kurz vor seinem Tode erklärt hat, dass die Welt der Physik ihn zur Anerkennung eines persönlichen Gottes geführt habe.

Und hat es je eine Zeit gegeben, da die katholische Kirche so sehr wie heute als « signum levatum in nationes» (Jes. 11, 12) erschienen ist? Wir sind heute Zeugen ungeheurer Umwälzungen, vielleicht folgenschwerer als der Untergang des alten Römischen Reiches. Die politischen Kräfte haben sich von Grund auf gewandelt, sowohl innerhalb der einzelnen Völker wie in ihren Beziehungen untereinander. Viele alte Dynastien sind eine nach der anderen verschwunden. Diktatoren, die von einer Weltherrschaft für ein Jahrtausend geträumt haben, sind gestürzt worden; ganze Kontinente befinden sich im Niedergang oder im Aufstieg. Die gesellschaftlichen Ordnungen machen tiefgehende Umwälzungen durch. Aber eine Institution bleibt unverändert, immer sich selber gleich und doch immer neu und der Wirklichkeit jeder Zeit angepasst: die Kirche Christi in der Kraft der Wahrheit und Gnade, deren Hüterin, Verkünderin und Ausspenderin sie ist, in der Unerschütterlichkeit des Glaubens und der Standhaftigkeit ihrer Kinder.

Katholische Jungmänner, Ihr wollt wirklich und im vollen Sinn des Wortes Katholiken sein. Der Irreligiosität und Ungläubigkeit, von der Ihr umgeben seid, stellt Ihr Euren festen lebendigen, tätigen Glauben entgegen. Fest und leuchtend kann Euer Glaube nur dann sein, wenn Ihr ihn kennt und zwar nicht nur oberflächlich und verworren, sondern klar und gründlich. Lebendig ist er, wenn Ihr nach seinen Vorschriften lebt und die Gebote Gottes beobachtet. Der junge Mann, der trotz aller Schwierigkeiten und Mühen die Festtage heiligt, der oft zum Tisch des Herrn geht, der aufrichtig und zuverlässig, hilfsbereit gegenüber den Bedürftigen ist, der das junge Mädchen und die Frau achtet und die Kraft besitzt, Augen und Herz vor alldem zu schließen, was in Büchern, Bildern Filmen unrein ist, der beweist wirklich, dass er einen lebendigen Glauben hat. Und beachtet wohl, dass der Glaube, wenn er nicht lebendig ist, auch nicht wirksam sein kann. Wenn sich andere oft die größte Mühe bei den Unternehmungen des Bösen geben, wie viel größer muss dann Euer Eifer für die Sache Gottes, Christi und der Kirche sein!

2. Euer Sieg muss ein Sieg über die Materie sein, um diese mit dem Geist zu versöhnen.

Man pflegt unsere Zeit das «Jahrhundert der Technik» zu nennen. Mit dem Fortschritt der Naturwissenschaften dräng die Technik, deren Wesen zur Anwendung und zur Benutzung der Naturkräfte bestimmt ist, in rascher und unwiderstehlicher Bewegung dazu, Raum und Zeit immer mehr zu überwinden und ihre Eroberungen in jeder Richtung immer mächtiger auszugestalten. Kein Wunder daher, dass sie nur zu oft das Auge besonders der Jugend blendet, einer Jugend, die ihrem Zauber ganz erliegt und so Gefahr läuft, Blick und Sinn für alles, was geistig, übersinnlich und innerlich, für alles, was religiös, übernatürlich und ewig ist, zu verlieren.

Und doch haben gerade die Menschen des Jahrhunderts der Technik die schützenden und ausgleichenden Kräfte der Religion mehr denn je nötig. Denkt an das Feuer. Gezähmt und gelenkt ist es eine Wohltat, eine unentbehrliche Hilfe für den Menschen. Ist es aber einmal seiner Herrschaft entronnen, so bringt es in zerstörerischer Feuersbrunst Vernichtung und Tod in Stadt und Land. Das gleiche gilt von der Technik. Von Natur ein Geschenk Gottes, wird die Übermächtige heutige Technik in den Händen von gewalttätigen Menschen, von Parteien, die mit der Brutalität der Gewalt herrschen, von allmächtigen Unterdrückerstaaten ein furchtbares Werkzeug von Ungerechtigkeit, Sklaverei, Grausamkeit und steigert in den modernen Kriegen die Schmerzen und Qualen der Völker bis ins Unerträgliche. Wird sie dagegen von einer menschlichen Gesellschaft, die Gott fürchtet, seine Gebote erfüllt und die geistigen, sittlichen und ewigen Werte unvergleichlich höher als die materiellen schätzt, gehalten und geleitet, so kann sie jene Wohltaten spenden, zu denen sie nach den Plänen des Schöpfers berufen ist.

Hört also, geliebte Söhne, den Ruf, der sich von allen Seiten zu den jungen Generationen erhebt: Ihr sollt in das Leben, in das Ihr eintretet, in den Staat, an dessen Gestaltung Ihr mitarbeiten sollt, eine solche Energie wahren religiösen Glaubens mitbringen, dass die von Gott, dem Schöpfer und Erlöser, gesetzte Ordnung der Werte, der zufolge die Materie nicht herrscht, sondern dient, gewissenhaft beobachtet und die Technik gemäß dem göttlichen Willen der Würde und Freiheit, dem Frieden und dem irdischen, vor allem aber dem ewigen Glück der Menschen untergeordnet werde.

3. Euer Sieg muss ein Sieg über das soziale Elend sein und dieses durch die Kraft der Gerechtigkeit und der Liebe Überwinden.

Die soziale Frage, geliebte Söhne, ist zweifellos auch eine wirtschaftliche Frage, aber doch weit mehr noch eine Frage, welche die geregelte Ordnung des menschlichen Zusammenlebens betrifft und im tiefsten Grunde eine sittliche und darum auch eine religiöse Frage. Als solche kann man sie folgendermaßen umreißen: Besitzen die Menschen - vom einzelnen über das Volk bis zur Gemeinschaft der Völker - die sittliche Kraft, solche öffentliche Verhältnisse zu schaffen, dass im sozialen Leben kein einzelner und kein Volk bloßes Objekt ist, das heißt ohne jedes Recht und der Ausbeutung durch andere ausgeliefert, sondern dass vielmehr alle auch Subjekt sind, das heißt rechtmäßig teilnehmen an der Gestaltung der sozialen Ordnung und dass alle entsprechend ihrem Handwerk oder ihrem Beruf ruhig und glücklich leben können mit hinreichenden Mitteln zum Unterhalt, wirksam geschützt gegen die Übergriffe einer egoistischen Wirtschaft, in einer nur vom Gemeinwohl begrenzten Freiheit und in einer menschlichen Würde, die jeder in den andern ebenso achtet wie bei sich selbst?

Wird die Menschheit imstande sein, die sittliche Kraft für die Verwirklichung einer solchen sozialen Ordnung aufzubringen? Eines ist sicher: diese Kraft kann nur aus einer Quelle geschöpft werden, aus dem katholischen Glauben, wenn er bis zu seinen letzten Folgerungen gelebt und von den übermenschlichen Strömen der Gnade gespeist wird, die der göttliche Erlöser mit dem Glauben selber der Menschheit spendet. Nur ein Geschlecht, das so glaubt, kann der Menschheitsfamilie den ersehnten Frieden schenken. Das sei Euer Stolz, katholische Jungmänner !

Schluss

Ihr habt nun, geliebte Söhne, drei große Aufgaben und Pflichten des Katholiken in der gegenwärtigen Zeit vor Augen.

Ihr werdet diese Pflichten, auch insofern sie das irdische Leben betreffen, nur dann erfüllen, wenn Ihr Menschen übernatürlichen Geistes seid, für die die Vereinigung mit Christus, die glorreiche Auferstehung und das ewige Leben mehr sind als alle menschlichen Dinge. Die katholische Welt trägt in sich eine unerschöpfliche Quelle von Wohlfahrt und Glück auch für das irdische Leben, gerade weil sie das Ewige schlechthin über das Zeitliche stellt. Wäre es nicht mehr so, dann wäre ihre Kraft erloschen.

Ihr werdet diese Pflichten nur erfüllen, wenn Ihr betet. In der Tat, nur wenn Ihr betet, seid Ihr imstande, im Glauben fest zu bleiben und gemäß dem Glauben in allen Lebenslagen zu handeln. Nur eine Schar von Betern kann in dem gegenwärtigen erbitterten Kampf zwischen Wahrheit und Irrtum, zwischen Gut und Böse, zwischen Gottesglaube und Gottesleugnung den Sieg erringen. Nur eine Schar von Betern kann den sozialen Frieden bringen.

Ihr werdet diese Pflichten nur mit einer großen Liebe erfüllen können. Macht Front gegen den Hass, den nationalen ebenso wie den Klassenhass. Der Hass kann nur zerstören. Die Liebe baut auf. An den Kräften der Geduld und der Liebe, die aus dem Glauben an Christus und der Liebe zu ihm entspringen, werden die Gottlosigkeit, der brutale Egoismus und der Klassenhass endlich zerschellen.

In unserer Zeit hat die Menschheit die Botschaft von der Umwertung aller Werte gehört. Diese Botschaft hat sich weitgehend im Bereiche der rein irdischen Werte bewahrheitet.

Aber auch nicht weiter. Gerade in diesen Jahren wirtschaftlicher und sozialer Umwälzungen haben die religiösen und ewigen Werte machtvoll ihre absolute Unzerstörbarkeit bewiesen: Gott und sein Naturgesetz; Christus und sein Reich der Wahrheit und Gnade; die sich stets gleichbleibende Familie, immerdar Rückgrad und Richtmaß jeder wirtschaftlichen und öffentlichen Ordnung; die beseligende und sichere Hoffnung auf das Jenseits, auf die Auferstehung und das ewige Leben.

Ihr kennt, geliebte Söhne, die geheimnisvollen Reiter, von denen die Apokalypse spricht. Der zweite, der dritte und der vierte sind der Krieg, der Hunger und der Tod. Wer ist der erste Reiter auf dem weißen Rosse? « Auf ihm saß einer, der einen Bogen führte und es wurde ihm ein Kranz gegeben und er zog als Sieger aus » (6, 2). Es ist Jesus Christus. Der Seher-Evangelist sah nicht nur die von Sünde, Krieg, Hunger und Tod geschaffenen Ruinen. Er sah an erster Stelle den Sieg Christi. Und in der Tat ist der Weg der Kirche durch die Jahrhunderte zwar wohl ein Kreuzweg. Aber er ist in jeder Zeit auch ein Triumphzug. Die Kirche Christi, die Menschen des Glaubens und der christlichen Liebe sind immer die, welche der Menschheit ohne Hoffnung das Licht, die Erlösung und den Frieden bringen: « Jesus Christus, gestern und heute, er auch in Ewigkeit » (Hebr. 13, 8).

Christus ist Euer Führer von Sieg zu Sieg. Folget ihm. Dass Ihr ihm immer treu bleibt, spenden Wir Euch, der ganzen katholischen Jugend Italiens und der Welt, aus ganzem Herzen Unseren väterlichen Apostolischen Segen.

22. Januar 1949

Ansprache
All'alba della storia desila Chiesa

An die italienischen Frauen der christlichen Wiedergeburt
von Papst
Pius XII.
über die Aufgaben des Apostolates
22. Januar 1949

(Offizieller italienischer Text AAS 39 [1947] 58-63)

(Quelle: Pius XII., Ruf an die Frau, Aus den Rundschreiben, Ansprachen, Briefen und Konstitutionen des Heiligen Vaters, Zusammengestellt von Dr. Käthe Seibel-Royer, Mit kirchlicher Druckgenehmigung des bischöflichen Seckauer Ordinariates zu Graz am 20. August 1956, Zl. 4082, und Segen Pius XII., Styria Verlag Österreich 1956, S. 155-160; 2. Auflage; fast die ganze Ansprache)

Hintergrund

Am 22. Jänner 1947 empfing Pius XII. die italienischen Frauen der "Renovatio Christiana" (Christliche Wiedergeburt) in Audienz und sprach zu ihnen über die Aufgaben des Apostolats. Im Jahre 1943 hatten Damen des römischen Adels diese Bewegung der "Renovatio Christiana" gegründet, die dem modernen Heidentum Kampf ansagte und in der Einstellung der Katholischen Aktion sich der echten christlichen Nächstenliebe widmete. Die kleine Gruppe von geistig und religiös tief gebildeten Damen stellt an sich selbst hohe Anforderungen und versucht durch "Liebe und Dienen" Einfluss auf die religiöse Vertiefung ihrer Umwelt zu erlangen. Die Ansprache zeigt ganz besonders lehrreich, wie der Papst sich ein wirksames Apostolat gebildeter Frauen erhofft; die Rede soll daher nahezu vollständig wiedergegeben werden.

Die Ansprache

,In den Zeiten, in denen es Gegenstand des Hasses der Welt ist, bedarf das Christentum nicht überzeugender Worte, sondern der Größe.' (ad Romanos 3, 3)

Heute bedarf es der Größe eines in seiner Fülle und unerschütterlichen Beharrlichkeit gelebten Christentums; es bedarf der mutigen und tüchtigen Schar derer, die, seien es nun Männer oder Frauen, mitten in der Welt leben, aber jeden Augenblick bereit sind, für ihren Glauben, für das Gesetz Gottes, für Christus zu kämpfen. Ihre Augen müssen sich fest auf ihn als das Vorbild richten, das sie nachahmen, als den Führer, dem sie in ihrer Arbeit und ihrem Apostolat folgen wollen. Diese Norm habt ihr, geliebte Töchter, euch gesetzt.

Vor allem anderen wollt ihr Seelen von vollem und uneingeschränktem katholischem Glauben sein. Es ist dem Christentum kürzlich auch der Rat gegeben worden, wenn es noch eine gewisse Bedeutung behalten, wenn es den toten Punkt überwinden wolle, sich dem modernen Leben und Denken, den wissenschaftlichen Entdeckungen und der außerordentlichen Macht der Technik anzupassen, denen gegenüber seine geschichtlichen Formen und seine alten Dogmen nur noch der Nachglanz einer fast erloschenen Vergangenheit seien. Welch ein Irrtum und wie sehr enthüllte er die eitle Selbsttäuschung oberflächlicher Geister! Sie wollen die Kirche in den engen Rahmen rein menschlicher Organisationen wie in ein Prokrustesbett pressen. Als ob die neue Auffassung von der Welt, der gegenwärtige Bereich der Wissenschaft und der Technik, das ganze Feld beherrschte und keinen freien Raum mehr übrig ließe für das übernatürliche Leben, das nach allen Seiten darüber hinausgeht! Sie ist nicht imstande, es zu vernichten oder zu absorbieren: vielmehr bezeugen die wunderbaren wissenschaftlichen Entdeckungen (die die Kirche fördert und begünstigt) nur noch kraftvoller und wirksamer als früher die ,ewige Macht Gottes' (Röm 1, 20). Aber das moderne Denken und Leben müssen zu Christus zurückgeführt und wiedererobert werden. Christus, seine Wahrheit, seine Gnade sind der Menschheit unserer Zeit nicht weniger notwendig als derjenigen von gestern und vorgestern und aller vergangenen und zukünftigen Jahrhunderte. Die einzige Quelle des Heils ist der katholische Glaube; aber nicht ein verstümmelter, blutloser, versüßlichter Glaube, sondern ein Glaube in seiner ganzen Fülle, Reinheit und Kraft. Gewiss können manche Leute diesen Glauben für eine ,Torheit' halten; das ist nichts Neues; es war schon zur Zeit des Apostels Paulus so. Für euch dagegen ist er ,Kraft Gottes' (1 Kor 1, 18), und es drängt euch dazu, ihn eurem Jahrhundert mitzuteilen in demselben Glauben an den Sieg, der die Herzen der ersten Christen erfüllte. Wir loben eure Absichten. Möge der Herr sie durch die Fülle seines Segens fruchtbar machen. Mit der Unerschütterlichkeit des Glaubens vereint ihr den Mut, die Beobachtung der Gebote Gottes und des ganzen Gesetzes Christi und seiner Kirche ernst zu nehmen. In der Tat ist das kein geringes Verdienst, zumal unter den gegenwärtigen Umständen. Wenn man die Verhältnisse, unter denen ihr lebt, die modernen Ideen und Lebensgewohnheiten, die moderne Welt mit ihrem Elend und Unglück, doch auch mit ihrer Verführung und ihrem fast diabolischen Zauber, dem tyrannischen Druck von Organisationen mit einer ungeheuerlichen Macht ernstlich ins Auge fasst, so muss man zugeben, dass es, um immer und überall ohne Rückhalt und Kompromiss den Geboten Gottes treu zu bleiben, tatsächlich einer Selbstbeherrschung, einer unausgesetzten Anstrengung, einer Selbstüberwindung bedarf, die sich oft bis zu jenem Heldentum steigert, dessen charakteristischstes Zeichen das Blutzeugnis ist.

Wir haben gesagt: ohne Rücksicht und ohne Kompromiss; denn wer könnte behaupten, dass eine Seele treu Gott dient, wenn sie bei der Erfüllung der christlichen Praxis einen offenkundig weltlichen Sinn verrät, wenn sie ihre Gedanken der Selbstsucht, der Eitelkeit, der Sinnlichkeit mit in die Kirche bringt; wenn sie glaubt, sie könne ein oberflächliches und profanes Leben rechtfertigen und heiligen, indem sie ein paar Übungen einer völlig oberflächlichen Frömmigkeit einschiebt, wenn es nicht sogar kindische und abergläubische Andachtsübungen sind. Mit Recht fragt ihr darum gerade heraus: Gilt das Wort Christi: ,Wenn einer mir nachfolgen will, dann verleugne er sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach' (Lk 9, 23) auch heute noch ebenso wie früher? Ja? Dann muss es für uns zur Lebensregel werden. Und ist der Mensch, die Frau ebenso wohl wie der Mann, in seiner Lebensführung, sowohl in privater Hinsicht wie in sozialen Beziehungen, vielleicht frei, sich selber willkürlich und nach eigenem Gutdünken zu regieren? Oder muss er vielleicht in jedem Bereich anerkennen, dass es Fragen gibt, deren Lösung immer von den unveränderlichen Geboten Gottes abhängt? In diesem Falle weg mit allem Kleinmut, aller unnützen Furcht! Wenn Gott befiehlt, versäumt er nie, mit der Vorschrift zugleich auch die Hilfe zu verleihen, sie zu erfüllen. Daher euer Entschluss: den Weg des Herrn zu bereiten, seinem Willen einen geraden Pfad; vor allem in eurem eigenen Leben, dann aber auch in dem des Nächsten. Wir segnen eure Absicht! Gott möge sie mit dem himmlischen Tau seiner Gnaden beleben.

Doch die Festigkeit des Glaubens, der Mut des HandeIns genügen euren Wünschen noch nicht; vielmehr soll sich in eurem Herzen eine leuchtende und glühende Flamme des Eifers entzünden. Da ihr entschlossen seid, in eurem Leben als junge Mädchen, als Ehefrauen, als Mütter das heilige Gesetz Gottes in seinem ganzen Umfange zu verwirklichen, sollt ihr daran mitarbeiten, in dem Bereich und unter den Umständen, die die Vorsehung euch bereitet und in die sie jede einzelne von euch gestellt hat, die Seelen zu dem einzigen Herrn und Meister zurückzuführen, ihnen in der Unterwerfung unter den göttlichen Willen, in der Aufnahmebereitschaft für die unfehlbare Lehre, in der Heiligung durch die Gnade die einzige wahre Freiheit zu bringen, die sie von der erniedrigenden Knechtschaft des Irrtums und des Bösen befreit. Das ist der Sinn des ganzen Erlösungswerkes, und jedes Apostolat, in welcher Form es auch ausgeübt wird, ist nur eine Teilnahme am Erlösungswerk Christi ...

Bei eurem Apostolat befolgt ihr die Worte des göttlichen Meisters: ,Das Reich Gottes kommt nicht so, dass ,es die Blicke auf sich zieht' (Lk 17, 20); ihr wollt nicht durch Zurschaustellung öffentlicher Kundgebungen wirken; überhaupt soll im allgemeinen alles, was die Organisation anbetrifft, bei euch im Schatten bleiben und sich auf das Allernotwendigste beschränken. Wir haben zu Beginn von euch als von einer Sturmtruppe gesprochen, aber eure Gegenoffensive wird nicht mit Lärm und Aufregung vorbereitet und ausgeführt, sondern in Ruhe und Sammlung, im stillen Gebet, durch Beispiel, durch das nachdrückliche Bekenntnis eurer festen Überzeugungen und der christlichen Grundsätze im Kreise von Personen, die anders denken und handeln, durch eine langsame, ständig fortschreitende Einwirkung auf diese, um sie ganz allmählich zu Christus zurückzuführen. Zweifellos kann kein Werk, was es auch sei, ohne ein Minimum von Organisation Festigkeit und Dauer haben. Immerhin bleibt diese, so unerlässlich sie auch ist, doch immer nur ein Mittel des Apostolates, und nichts weiter. Ebenso haben öffentliche Kundgebungen ihren Wert, ja in gewissen Fällen können sie notwendig sein, zumal da, wo sich der Gegner ihrer mit einem großen Apparat zu Propagandazwecken bedient. Doch um das Ziel zu erreichen, das sich eure Bewegung gesetzt hat, habt ihr die schlichte Methode der Arbeit gewählt; der Weg, den ihr eingeschlagen habt, ist sicher, und ihr könnt ihn mit Vertrauen weiter beschreiten. Die Bescheidenheit, die Unaufdringlichkeit, mit der ihr euren Eifer betätigt, sind keineswegs mit Passivität oder ermüdender Eintönigkeit gleichzusetzen. Im Gegenteil! Jede von euch, die sich dem gemeinsamen Werk einordnet, muss sich doch mit ihrem eigenen Charakter, mit ihrem eigenen Temperament, ihren Gaben, ihren persönlichen Mitteln einsetzen. Gerade das Zusammentreffen dieser so verschiedenen Eigenschaften gibt eurer freundschaftlichen Zusammenarbeit ihre Harmonie und ihre besonderen Merkmale. Ihr alle könnt und sollt das Apostolat eines vorbildlichen Lebens, des Gebets und des Opfers zur Geltung bringen. Aber gerade hier bleibt jenseits dessen, was für jeden Gläubigen streng verpflichtend ist, ein weites Gebiet, in dem die physischen Möglichkeiten, die bei jeder einzelnen ganz verschieden sind, und die Großmut des Herzens, mit der ihr - immer ein gesundes Urteil und die gute Absicht vorausgesetzt - dem Antrieb der Gnade antwortet, das richtige und angemessene Maß eures Handelns bestimmen müssen.

Diese Verschiedenheiten im Maß und in der Form des Mutes finden ihre Anwendung sowohl auf materiellem wie auf geistigem Gebiet. Denen von euch, denen die wirtschaftlichen Verhältnisse oder andere günstige Umstände oder eine besondere Freigiebigkeit es erlauben, das Apostolat der Liebe gegenüber dem Notleidenden auszuüben, sagen Wir mit dem hl. Paulus ,Lasst euch nicht besiegen durch das Böse, sondern besiegt das Böse durch das Gute' (Röm 12, 21). Dem Geist der Verleumdung, des niedrigen Klatsches, des Neides, des Hasses, der Grausamkeit, der Unterdrückung sollt ihr unermüdlich Güte und Liebe entgegensetzen, die Liebe des Herzens und des Wortes, die Liebe der Werke eurer Hände ...

Wir müssen noch das Apostolat im genauen Wortsinn betrachten, das Apostolat der persönlichen, unmittelbaren Einwirkung auf den Nächsten, um ihn für Christus zu gewinnen. Das ist nicht etwas, was jedem liegt. Dazu gehören besondere Eigenschaften, eine Vorbereitung, eine Ausbildung, die nur das Privileg einer Elite sein können. Doch auch dann ist die Befähigung zu einem solchen religiösen Apostolat je nach der Person sehr verschieden. Bemüht euch also, euch selber zu erkennen, um, jede nach ihrer Art, Bote Gottes zu werden. Aber welches auch die Art und Weise und sozusagen der persönliche Zug jeder einzelnen sein wird, das beherrschende Merkmal, das ihr euch allen aufdrücken müsst, ist jene geistige Größe, die der Märtyrer Ignatius so herrlich gepriesen hat. "

25. September 1949

Ansprache
De grand coeur

von Papst
Pius XII.
an die Teilnehmer des Internationalen Kongresses für humanistische Studien
über das Naturgesetz als Grundnorm
25. September 1949

(Offizieller französischer Text: AAS 41 [1949] 555-556)

(Quelle: Arthur Fridolin Utz OP, Joseph-Fulko Groner O.P, Hrsg.: Aufbau und Entfaltung des gesellschaftlichen Lebens, Soziale Summe Pius' XII. (1939-1958), Übersetzerkollegium: Herausgeber und Franz Schmal u. H. Schäufele, Paulus Verlag Freiburg/Schweiz 1954; Imprimatur Friburgi Helv., die 5. Maii 1954 N. Luyten O.P. Imprimatur Friburgi Helv., die 29. Junii 1954 R. Pittet, v.g.; Band I, S. 152-155; Nrn. 356-361)

Begrüßung. Notwendigkeit richtiger Philosophie für die Gestaltung der Welt

Von Herzen gerne beantworten Wir, meine Herren, Ihre auserlesene Ehrung mit einem warmen Willkommgruß. Und es bedeutet dieser Gruß mehr als ein einfaches Zeichen allgemeinen Wohlwollens und Dankes für Ihr Kommen. Ihre Zusammenkünfte haben in Unserem Geiste tatsächlich ein lebhaftes Interesse geweckt. Wenn es wahr ist - wie man es treffend gesagt hat - dass die Gedanken - gute oder schlechte - die Welt regieren, so darf man daraus auf die Bedeutung des Meinungsaustausches unter den Philosophen schließen, um einen Lichtstrahl auf eine so große Anzahl von aktuellen Fragen zu werfen, über die viele Leute - vor allem die am wenigsten zuständigen - mit Sicherheit und Entschiedenheit reden. Man bräuchte sich daran nicht zu kehren, wenn die Folge davon nicht Verwirrung der Geister und Verbreitung von Irrtümern wäre, vor allem bei dieser herrlichen intellektuellen Jugend, die berufen ist, morgen die heraufkommende Generation zu führen.

Kein Gegensatz zwischen Humanismus und Christentum

« Humanismus und Wissenschaft der Politik », so lautet das Thema Ihrer Arbeiten. Der Humanismus steht heute auf der Tagesordnung. Ohne Zweifel ist es schwierig, aus dem Verlauf seiner geschichtlichen Entwicklung einen klaren Begriff von seiner Natur abzuleiten und zu umreißen. Jedenfalls aber steht es zum wenigsten fest - obwohl der Humanismus lange behauptet hat, ausdrücklich mit dem vorangegangenen Mittelalter in Widerspruch zu stehen -, dass sein ganzer Gehalt an Wahrheit, an Gutem, an Großem und Ewigem der geistigen Welt des größten mittelalterlichen Geistes angehört, des heiligen Thomas von Aquin. In seinen Grundzügen bleibt sich der Begriff von Mensch und Welt, so wie er in der christlichen und katholischen Denkrichtung in Erscheinung tritt, im Wesentlichen gleich: so beim hl. Augustinus wie beim hl. Thomas oder bei Dante. Ebenso auch in der zeitgenössischen christlichen Philosophie. Die Unklarheit einiger philosophischer und theologischer Fragen, die allmählich im Lauf der Jahrhunderte erhellt und gelöst wurden, tut der Wirklichkeit dieser Tatsache keinen Abbruch.

Ohne auf Tagesmeinungen einzugehen, die in verschiedenen Zeitaltern hervortraten, hat die Kirche den Wert dessen, was menschlich und der Natur entsprechend ist, bejaht: ohne Zögern suchte sie ihn zur Entfaltung zu bringen und ins Licht zu rücken. Sie gibt nicht zu, dass der Mensch vor Gott nichts anderes sei als Verderbnis und Sünde. Im Gegenteil! In ihren Augen hat die Erbsünde seine Veranlagungen und Kräfte nicht im Innern getroffen, sie hat sogar das natürliche Licht seines Verstandes und seine Freiheit wesentlich unangetastet gelassen. Der mit dieser Natur begabte Mensch ist durch die drückende Erbschaft einer gefallenen und seiner übernatürlichen und außernatürlichen Gaben beraubten Natur zweifelsohne verwundet und geschwächt; es bedarf großer Anstrengung, um das Naturgesetz zu beobachten - und dies mit Hilfe der allmächtigen Gnade Christi - und um so zu leben, wie es die Ehre Gottes und die eigene Würde als Mensch verlangen.

Das Naturgesetz als Fundament der kirchlichen Soziallehre

Das Naturgesetz! Dies ist das Fundament, auf dem die Soziallehre der Kirche ruht. Gerade ihr christlicher Begriff von der Welt hat die Kirche im Aufbau dieser Lehre auf einem solchen Fundament angeregt und gestützt. Die Kämpfe, die sie führt, um ihre eigene Freiheit zu erlangen oder zu verteidigen, sind ebenso geführt für die wahre Freiheit und für die Grundrechte des Menschen. In ihren Augen sind diese grundlegenden Rechte so unverletzlich, dass gegen sie keine Staatsraison, kein Vorwand des Gemeinwohls in die Waagschale geworfen werden kann. Sie stehen geschützt hinter einer unüberschreitbaren Schranke. Diesseits davon kann das Gemeinwohl nach Wohlgefallen seine Gesetzgebung ausüben; jenseits nicht. An diese Rechte darf es nicht rühren, denn sie gehören zum Kostbarsten im Gemeinwohl. Würde man diesen Grundsatz beachten, wie viel tragischen Katastrophen und drohenden Gefahren wäre dann Einhalt getan! Er allein könnte das soziale und politische Gesicht der Erde erneuern. Doch wer wird diese bedingungslose Achtung vor den Menschenrechten haben, wenn nicht der, welcher bewusst unter den Augen eines persönlichen Gottes handelt?

Die gesunde Menschennatur vermag vieles, wenn sie sich der ganzen Fülle des christlichen Glaubens öffnet. Sie kann den Menschen vor dem Zwang der « Technokratie » und des Materialismus retten.

Schlussgedanken

Wir gedachten, meine Herren, Ihnen diese Gedanken zur Betrachtung vorzulegen. Wir wünschen, sie könnten Ihre Forschungen und Ihre philosophische Lehrtätigkeit in eine ähnliche Richtung leiten. Nein, die Bestimmung des Menschen besteht nicht im « Geworfensein » - im « Délaissement » « Aufgegebensein ». Der Mensch ist Geschöpf Gottes: er lebt dauernd unter der Führung und Wachsamkeit seiner väterlichen Vorsehung. Arbeiten wir daran, in der neuen Generation das Vertrauen in Gott zu entfachen, in ihr selbst, in der Zukunft, um das Kommen einer erträglicheren und glücklicheren Ordnung der Dinge möglich zu machen.

Möge Gott, der Anfang und das Ende aller Dinge, das Alpha und das Omega, Ihr Bemühen segnen und ihm eine wohltätige Fruchtbarkeit verleihen!

13. November 1949

Ansprache
Con vivo compiacimento

von Papst
Pius XII.
an die S. Romana Rota anlässlich der Eröffnung des neuen Gerichtsjahres
Der Rechtspositivismus und das richtige Recht
13. November 1949

(Offizieller italienischer Text: AAS 41 [1949] 604-608)

(Quelle: Arthur Fridolin Utz OP, Joseph-Fulko Groner O.P, Hrsg.: Aufbau und Entfaltung des gesellschaftlichen Lebens, Soziale Summe Pius' XII. (1939-1958), Übersetzerkollegium: Herausgeber und Franz Schmal u. H. Schäufele, Paulus Verlag Freiburg/Schweiz 1954; Imprimatur Friburgi Helv., die 5. Maii 1954 N. Luyten O.P. Imprimatur Friburgi Helv., die 29. Junii 1954 R. Pittet, v.g.; Band I, S. 163-169; Nrn. 374-391)

Begrüßung

Mit lebhafter Freude begrüßen Wir Euch, geliebte Söhne, die Ihr wiederum um Uns versammelt sind. Wir haben aus dem Munde Eures verehrten Dekans den Bericht über Eure Tätigkeit während des Rechtsjahres 1948/49 vernommen, ein Bericht, der mit der nüchternen und zugleich leuchtenden Beredsamkeit der Tatsachen zu den vielen anderen einen neuen Beweis für den hohen Wert und die untadelige Geradheit dieses Gerichtshofes erbringt.

Die Arbeit der Sacra Romana Rota, die Wir im Verlaufe des letzten Jahrzehntes unmittelbarer verfolgen konnten, hat Uns in die Lage versetzt, ihre rückhaltlose Achtung vor der Wahrheit der Tatsachen und vor den Gesetzen des göttlichen Rechtes geziemend zu schätzen, besonders in dem, was die Heiligkeit der Ehe und die Begründung der Familie angeht. Sie flößt Uns auch gleichzeitig die feste Zuversicht ein, dass alle ihre Mitglieder immer treu die schon von Uns verkündeten Normen beobachten, die Wir in Erfüllung der Pflichten Unseres apostolischen Lehramtes, besonders in den Ansprachen vom 3. Oktober 1941, vom 1. Oktober 1942 und vom 2. Oktober 1944 angegeben haben. Das ist ein um so größerer Trost für Uns in den gegenwärtigen Verhältnissen, die sicherlich nicht überall, aber doch in weitem Ausmaße - in der Handhabung der Justiz das Schauspiel einer Krise bieten, welche das übliche Versagen des christlich-sittlichen Gewissens übersteigt.

Die Ursachen der Krise in der weltlichen Justiz

Die unmittelbaren Ursachen dieser Krise müssen in erster Linie im Rechtspositivismus und im Staatsabsolutismus gesucht werden, zwei Erscheinungen, die ihrerseits auseinander hervorgehen und voneinander abhängen. Wenn dem Recht die Grundlage entzogen wird, die es im göttlichen natürlichen und positiven Recht besitzt und die eben darum unveränderlich ist, bleibt in der Tat nichts anderes übrig, als es auf das Gesetz des Staates als eine oberste Norm zu gründen und damit ist das Prinzip des absoluten Staates aufgestellt. Umgekehrt wird dieser absolute Staat notwendig versuchen, alle Dinge seiner Willkür zu unterwerfen und besonders das Recht seinen eigenen Zwecken dienstbar zu machen.

Der Rechtspositivismus und der Staatsabsolutismus haben das edle Antlitz der Justiz, deren wesentliche Grundlagen das Recht und das Gewissen sind, verändert und entstellt. Diese Tatsache ruft eine Reihe von Erwägungen hervor, die sich auf zwei Punkte zurückführen lassen: die objektiven Normen des Rechts und ihre subjektive Auffassung. Für heute wollen Wir Uns darauf beschränken, von dem ersten Punkt zu sprechen, während Wir das Studium des zweiten auf eine andere Gelegenheit verschieben, so es dem Herrn gefällt.

DIE OBJEKTIVEN NORMEN DES RECHTS

Die Frage nach dem richtigen Recht

In der Rechtswissenschaft wie in der Rechtspraxis kehrt ständig die Frage nach dem wahren und gerechten Recht wieder. Gibt es also auch ein anderes? Ein falsches und illegitimes Recht? Zweifellos stoßen und widersprechen sich wesentlich diese beiden Termini (= Ausdrücke) in der Zusammenstellung. Darum ist es jedoch nicht weniger wahr, dass der von ihnen bezeichnete und zu ihnen gehörende Begriff im Rechtsempfinden, selbst dem der klassischen Heiden immer lebendig war. Keiner von ihnen hat ihm wohl einen tieferen Ausdruck verliehen als Sophokles in seiner Tragödie Antigone (v. 23-24). Er lässt seine HeIdin sagen, dass Eteokles auf Bemühen Kreons begraben wurde σύν δίχη δίχία (Mit gerechtem Recht). Δίκαιος (Gerecht) ist derjenige, welcher seine Pflicht gegen Gott und gegen die Menschen erfüllt, der gerecht, fromm, ehrbar, rechtschaffen, menschlich ist. δίχη δίκαιίκαι entspricht daher dem, was wir wahres und gerechtes Recht nennen, während χειροδίκης; oder χειροδίκαιος (Das Faustrecht anwendend) den Gewalttätigen bezeichnet, welcher das Recht des Stärkeren anwendet und den Menschen des falschen und ungerechten Rechtes verrät.

Die ganze Krise, auf die Wir hingewiesen haben, lässt sich in den Antagonismus zwischen dem wahren und dem falschen Recht zusammenfassen. Das Interesse, mit dem sich ernste und scharfsinnige Juristen dem Studium dieser Frage gewidmet haben, scheint Uns ein glückliches Vorzeichen für die Lösung der Krise. Aber dazu muss man den Mut haben, ihre Wurzeln klar zu sehen und ehrlich anzuerkennen.

Wo also sollen Wir diese suchen, wenn nicht im Gebiet der Rechtsphilosophie ?

Der ordnende Wille Gottes als Erstursache des Rechts

Es ist unmöglich, die körperliche und geistige, physische und moralische Welt aufmerksam zu betrachten, ohne von Bewunderung ergriffen zu sein bei dem Schauspiel der Ordnung und Harmonie, die auf allen Stufen der Leiter des Seins herrscht. Im Menschen werden diese Ordnung und diese Harmonie bis zu jener Grenzlinie, an die seine unbewusste Aktivität reicht und bei der sein bewusstes und freies Handeln beginnt, streng nach den Gesetzen verwirklicht, die der Schöpfer in das existierende Sein gelegt hat. Jenseits jener Linie gilt noch der ordnende Wille Gottes; jedoch sind seine Verwirklichung und seine Entfaltung der freien Entscheidung des Menschen überlassen, welche dem göttlichen Wollen entsprechend oder widersprechend sein kann.

In diesem Bereich des bewussten menschlichen Handelns, des Guten und des Bösen, der Vorschriften, des Erlaubten und des Verbotenen, bekundet sich der ordnende Wille des Schöpfers vermittels des sittlichen, in der Natur und in der Offenbarung niedergelegten Gebotes Gottes, wie auch vermittels der Vorschrift oder des Gesetzes der rechtmäßigen menschlichen Autorität in der Familie, im Staat und in der Kirche. Wenn das menschliche Handeb sich an diese Normen hält und sich nach ihnen richtet, so bleibt es von selbst in Einklang mit der allgemeinen, vom Schöpfer gewollten Ordnung.

Die bloße Tatsache genügt nicht als Norm

Hierin findet die Frage nach dem echten und dem falschen Recht ihre Antwort. Die bloße Tatsache, dass etwas von der gesetzgebenden Macht zur verpflichtenden Norm des Staates erklärt worden ist, genügt allein und an sich noch nicht, um wahres Recht zu schaffen. Das «Kriterium der bloßen Tatsache» genügt nur bei dem, der der Urheber und die oberste Norm alles Rechts ist, Gott. Es auf den menschlichen Gesetzgeber ohne Unterscheidung und endgültig zu übertragen, als ob sein Gesetz die oberste Norm des Rechts ausmachte, das ist der Irrtum des Rechtspositivismus im eigentlichen und technischen Sinn des Wortes; ein Irrtum, der dem Staatsabsolutismus zugrunde liegt und der einer Vergöttlichung des Staates gleichkommt.

Die folgenschwere Entwicklung des Rechtspositivismus

Das neunzehnte Jahrhundert trägt die schwere Verantwortung für den Rechtspositivismus. Wenn seine Folgen in ihrer ganzen Schwere sich nur langsam in der Gesetzgebung fühlbar gemacht haben, so ist dies der Tatsache zu verdanken, dass die Kultur noch von der christlichen Vergangenheit durchdrungen war und dass die Vertreter des christlichen Denkens noch fast überall ihre Stimme in den gesetzgebenden Versammlungen zu Gehör bringen konnten. Es musste erst der totalitäre Staat antichristlicher Prägung kommen, der Staat, der grundsätzlich oder wenigstens tatsächlich jede Zügelung durch ein oberstes göttliches Recht sprengte, um vor der Welt das wahre Gesicht des Rechtspositivismus zu enthüllen.

Muss man wohl weit in der Geschichte zurückgehen, um ein sogenanntes « gesetzliches Recht » zu finden, das dem Menschen jede persönliche Würde nimmt, das ihm jedes Grundrecht auf Leben und Unantastbarkeit seiner Glieder entzieht und das eine wie das andere der Willkür der Partei und des Staates ausliefert, das dem Individuum das Recht auf Ehre und guten Namen nicht zuerkennt, das den Eltern das Recht über ihre Kinder und die Verpflichtung zu deren Erziehung abspricht, das vor allem die Anerkennung Gottes, des obersten Herrn, und die Abhängigkeit des Menschen von ihm als für den Staat und für die menschliche Gemeinschaft belanglos betrachtet? Dieses « gesetzliche Recht » im eben dargelegten Sinn hat die vom Schöpfer errichtete Ordnung umgestürzt, hat die Unordnung Ordnung, die Tyrannei Autorität, die Sklaverei Freiheit und das Verbrechen vaterländische Tugend genannt.

Solcher Art war und ist noch, Wir müssen es sagen, an einigen Orten das « gesetzliche Recht ». Wir alle sind Zeuge gewesen, wie einige, die nach diesem Recht gehandelt hatten, dann zur Rechenschaft vor der menschlichen Justiz gezogen worden sind. Die Prozesse, die sich so abgewickelt haben, haben nicht nur wirkliche Verbrecher ihrem verdienten Los zugeführt, sie haben auch die unerträgliche Lage offen dargelegt, in die eine staatliche Gesetzgebung, die durch und durch vom Rechtspositivismus beherrscht ist, einen öffentlichen Beamten bringen kann, der sonst seiner Natur gemäß und wenn er frei seinem Empfinden hätte folgen können, ein rechtschaffener Mann geblieben wäre.

Man hat festgestellt, wie auf Grund der Grundsätze dieses Rechtspositivismus diese Prozesse mit ebensoviel Freisprechungen hätten enden müssen, auch in Fällen von Verbrechen, die das menschliche Empfinden anwidern und die Welt mit Abscheu erfüllen. Die Angeklagten waren sozusagen vom « geltenden Recht » gedeckt. Wessen waren sie wirklich schuldig, wenn nicht, dass sie das getan hatten, was dieses Recht vorschrieb oder erlaubte?

Wir wollen gewiss die wahren Schuldigen nicht entschuldigen. Aber die größere Verantwortung fällt auf die Propheten, die Vorkämpfer, die Schöpfer einer Kultur, einer Staatsmacht und einer Gesetzgebung zurück, die Gott und seine obersten Rechte nicht anerkennt. Wo immer diese Propheten am Werk waren und noch sind, muss mit der Erneuerung und der Wiederherstellung des wahren rechtlichen Denkens begonnen werden.

Erneute Einschärfung des wahren Kriteriums echten Rechts: des Gesetzes Gottes

Die rechtliche Ordnung muss sich wieder an die sittliche Ordnung gebunden fühlen und darf sich nicht erlauben, deren Grenzen zu überschreiten. Nun ist aber die sittliche Ordnung wesentlich in Gott begründet, in seinem Willen, in seiner Heiligkeit, in seinem Sein. Auch die tiefste und scharfsinnigste Rechtswissenschaft könnte kein anderes Kriterium aufzeigen, um die ungerechten Gesetze von den gerechten, das bloß gesetzliche Recht vom wahren Recht zu unterscheiden, als jenes, das schon mit dem bloßen Licht der Vernunft aus der Natur der Dinge und des Menschen selbst wahrnehmbar ist, das Kriterium des vom Schöpfer in das Herz des Menschen geschriebenen (Vgl. Röm. 2, 14-15) und durch die Offenbarung ausdrücklich bestätigten Gesetzes. Wenn das Recht und die Rechtswissenschaft nicht auf den Führer verzichten wollen, der einzig imstande ist, sie auf dem rechten Weg zu bewahren, dann müssen sie die « ethischen Verpflichtungen » als objektive, auch für die Rechtsordnung gültige, Normen anerkennen.

Das Recht der katholischen Kirche

Die rechtliche Organisation der katholischen Kirche ist niemals durch eine solche Krise gegangen und ist auch nicht in Gefahr, jemals hindurchzugehen. Wie könnte es anders sein? Ihr Alpha und Omega ist das Wort des Psalmisten: « In Ewigkeit, Herr, gilt dein Wort, fest gegründet wie der Himmel. «Beständigkeit ist deines Wortes Eigenart, und ewig gilt jede Weisung deiner Gerechtigkeit» (« In aeternum, Domine, est verbum tuum, stabile ut caelum ... Verbi tui caput constantia est, et aeternum est omne decretum iustitiae tuae.» Ps. 118, 89.160). Dies gilt für das ganze göttliche Recht, ebenfalls für jenes, welches der Gottmensch zum Fundament seiner Kirche gemacht hat. In der Tat hat er von Anfang an, bereits in seinen ersten großen Verheißungen (Mt. 16, 16-20) seine Kirche als eine rechtliche Gesellschaft eingesetzt. Blind müsste wahrhaft der sein, der vor dieser Wirklichkeit die Augen verschlösse.

Die Wissenschaft und die Praxis des kanonischen Rechts anerkennen selbstverständlich kein gesetzliches Recht, das nicht zugleich auch wahres Recht wäre; ihr Amt ist es, in den vom göttlichen Recht festgesetzten Grenzen das rechtliche System der Kirche stets voll und ganz auf das Ziel der Kirche selber, das im Heil und im Wohl der Seelen besteht, auszurichten. Diesem Ziel dient in vollkommener Weise das göttliche Recht. Diesem Ziel muss auch das kirchliche Recht in bestmöglicher Weise zustreben.

Froh im Wissen, dass Ihr, geliebte Söhne, als einzelne und als Gesamtheit, Euer hohes Richteramt in diesem Geiste ausübt, erteilen Wir Euch zum Unterpfande der reichsten himmlischen Gnaden von Herzen Unseren Apostolischen Segen.

6. August 1950

Ansprache
A Nos chers Fils et chères Filles

An Unsere geliebten Söhne und Töchter beim Weltkongress der Pax Romana!
von Papst
Pius XII.
Akademiker und Studenten werden zu eifriger Mitarbeit in der apostolischen Arbeit aufgerufen
6. August 1950

(Offizieller französischer Text AAS 42 [1950] 635-637)

(Quelle: Pius XII., Ruf an die Frau, Aus den Rundschreiben, Ansprachen, Briefen und Konstitutionen des Heiligen Vaters, Zusammengestellt von Dr. Käthe Seibel-Royer, Mit kirchlicher Druckgenehmigung des bischöflichen Seckauer Ordinariates zu Graz am 20. August 1956, Zl. 4082, und Segen Pius XII., Styria Verlag Österreich 1956, S. 210-214; 2. Auflage)

Hintergrund

Vom 19. bis 27. August 1950 tagte in Amsterdam der XXI. Weltkongress der Pax Romana. Papst Pius XII. sandte den Teilnehmern am 6. August ein Schreiben, worin er die Akademiker und die Studenten zu eifriger Mitarbeit in der apostolischen Arbeit aufruft.

Die Ansprache

Mit Freuden kommen Wir zu euch, geliebte Söhne und Töchter, die ihr euch unter dem Vorsitz des Kardinal-Erzbischofs von Utrecht in der altehrwürdigen Stadt Amsterdam zum XXI. Weltkongress der Pax Romana versammelt habt. Unser erstes Wort möchte die übervollen Gnaden des Lichtes und der Kraft auf euer feierlich begonnenes Werk herab rufen.

In der heutigen Zeit lastet in der Tat auf euch als katholischen Studenten und Akademikern eine Verantwortung wie noch selten im Verlauf der Geschichte. Aus diesem Grund ermahnen Wir euch, in friedlichem Kampf um die Verteidigung und die Ausstrahlung der Wahrheit nach den Worten des Apostels ,auszuharren im selben Geiste, gemeinsam und einmütigen Herzens für den Glauben der Frohbotschaft zu streiten, ohne euch einschüchtern zu lassen durch Widersacher' (Phil 1, 27.28). Wenn es hierzu noch eines Beweises bedürfte, so würde Uns das Programm eurer verschiedenen Zusammenkünfte Zeugnis dafür sein, dass ihr euch weder den Problemen verschließt, die sich dem modernen Denken aufdrängen, noch den besonderen Aufgaben, die den christlichen Denkern zur Lösung gestellt sind. Nehmt hierfür Unsere Segenswünsche entgegen; und diese Wünsche eures gemeinsamen Vaters mögen euch Unterpfand sein zu einer brüderlichen und fruchtbaren Arbeit.

In der Einheit eurer beiden internationalen Verbände (M. I. I. C. [Mouvement International des Intellectuels Catholiques] und M. I. E. C. [Mouvement International des Etudiants Catholiques]) seid ihr in Unseren Augen nicht nur ein Sinnbild für die Vielfalt der wissenschaftlichen Berufe, die sich zur Gesamtheit geistiger Tätigkeit zusammenfügen, sondern auch für den Reichtum ehrwürdiger Überlieferung, die einem jeden Lande eurer Herkunft eigen sind. Allein schon eure Gegenwart bezeugt die beharrlichen Anstrengungen so vieler Priester und Laien, die in jeder Stadt, in jeder Universität diese Gruppen katholischer Aktion aufgebaut haben, deren Lebenskraft Bedingung und Garantie bleibt für die Bedeutung eures Kongresses. Bei diesem Gruß an den Kongress der Pax Romana sehen Wir auch an eurer Seite die unermessliche Zahl Unserer Söhne schreiten, der katholischen Studenten und der Akademiker aus aller Welt; wie euch so erinnern Wir sie alle an die gebieterische Forderung dieser beiden Aufgaben: Offensein für das Denken der Zeit und Dienst an der Kirche.

So seid denn überall dabei, an der vordersten Front des geistigen Kampfes, zu einer Stunde, in der die Wissenschaft sich anschickt, die Frage nach den Menschen und nach der Natur in nunmehr völlig neuen Ausmaßen zu stellen. Sicher täuscht sich niemand über die mannigfachen Klippen, die heute dem menschlichen Geist in der unendlichen Weite der aufgeworfenen Probleme drohen. Und dennoch, können die Söhne der Kirche vom Suchen und geistigen Bemühen ablassen, wenn gerade die ungeordnete Anwendung der Wissenschaft und der falsche Glanz des philosophischen Relativismus in schwankenden und unruhigen Geistern die grundlegendsten Gesetze und die wesentlichsten Werte erschüttern ?

Möge eure Gegenwart auf diesem Schauplatz geistigen Kampfes im Gegensatz dazu Zeugnis ablegen von Festigkeit und Klugheit. Der wissenschaftliche Fortschritt als solcher kann keine Verwirrung stiften unter den Gläubigen, die ihm vielmehr zu dienen wünschen und die in jeder Entdeckung eine überzeugende Kundgebung der Weisheit und Größe des Schöpfers begrüßen. Aber angesichts der verführerischen neuen Systeme ist es gerade für die Zukunft des geistigen Schaffens mehr denn je notwendig, die Grundlagen einer gesunden Philosophie zu sichern und die Überzeitlichkeit der Wahrheit zu bekräftigen; andernfalls kann sich die menschliche Vernunft nur in Ratlosigkeit verlieren, wenn sie nicht gar sich selbst zum höchsten Gesetz erhebt und dabei die Herrscherrechte Gottes missachtet.

Möge eure Gegenwart auf diesem Schauplatz geistigen Kampfes auch ein Zeugnis der Liebe und der Einheit sein. Ohne Zweifel verlangt die Fülle des heutigen Wissens künftighin ein Zusammenwirken, das allein schon im technischen Bereich leider zu oft durch Überlegungen gelähmt wird, die dem Suchen nach Wahrheit fremd sind. Aber mehr noch, die drängenden menschlichen Probleme, die sich unserer Generation stellen, rufen alle rechtschaffenen und ehrlichen Geister auf zu gemeinschaftlichem Bemühen in gegenseitigem Verständnis. Studenten aus allen Ländern, katholische Akademiker aus allen Berufen, vervielfacht unter euch und um euch den fruchtbaren Austausch und die Beziehungen, die dem Frieden dienen!

Solches Handeln und solches Zeugnis von Katholiken, die sich ob ihres fachlichen Könnens und ihrer gewissenhaften Arbeit allgemeiner Achtung erfreuen, ist in der Tat schon echter Dienst an der Kirche.

Doch werdet ihr diesen Dienst noch viel besser erfüllen, wenn ihr durch eure Erfahrungen und eure Bildung im Rahmen eures Berufes zur notwendigen Ausbreitung des christlichen Gedankengutes beitragt. In der heutigen Stunde müssen die katholischen Theologen auf unsere Söhne zählen können, seien sie Forscher oder Ingenieure, Philosophen oder Juristen, Historiker, Soziologen oder Ärzte, damit ihr Wirken durch erprobtes profanes Wissen unterstützt und ergänzt wird. Das ist eure besondere Sendung im Schoße der Kirche und in eurer Eigenschaft als Akademiker.

Und deshalb werdet ihr diesen Dienst erfüllen im Wissen um eure Verantwortung, aber auch mit ergebenem Herzen und offenem Vertrauen. Die Lehren, die euch die Kirche gibt, die Weisungen, die sie euch erteilt, die Klugheit, die sie manchmal von euch fordert, bedeuten für euer Bemühen eine unerschöpfliche Quelle der Fruchtbarkeit, eine zuverlässige Gewähr der Sicherheit, eine feste Bürgschaft wahrer Freiheit. Wir wünschen aus ganzem Herzen, dass ihr bei der Erfüllung eurer beruflichen Pflichten täglich besser erkennt, mit welcher Hochschätzung und Aufmerksamkeit die mütterliche Kirche eure Anstrengungen in diesen schweren Zeiten unterstützt.

Unter diesen Voraussetzungen werdet ihr, christliche Studenten und Akademiker, gemäß eurer ureigenen Berufung am Werk der Erlösung teilnehmen, in einer Welt, die vor unseren Augen im Werden ist. In der Tat, verlangt nicht die Mitwirkung an diesem Werk des Heiles - dem ihr das Hauptthema eures Kongresses gewidmet habt -, dass ihr euch mitten hineinstellt in den geistigen Kampf unserer Zeit, nach dem Vorbild Christi, der uns, außer der Sünde, in allem ähnlich ist? Und verlangt sie nicht ebenso, dass ihr erfüllt seid von den fruchtbringenden Heilsgnaden Christi, des einzigen Erlösers, dessen Leben uns in der Kirche mitgeteilt wird?

Setzt also eure Anstrengungen fort, beseelt vom selben Geiste, gestärkt von derselben Hoffnung, in sicherem Wissen um das Vertrauen, das euch die Kirche und ihr Oberhaupt schenken. Als Unterpfand Unseres väterlichen Wohlwollens und Unserer Segenswünsche spenden Wir euch aus vollem Herzen Unseren reichen Apostolischen Segen, Quelle übervoller Gnaden für euch und euer Wirken."

16. August 1950

Ansprache
Ihr findet euch

von Papst
Pius XII.
an die Gläubigen der deutschen Sprache im Heiligen Jahr
über den Materialismus und das Gebet
16. August 1950

(Offizieller deutscher Text und Quelle: AAS 42 [1950] 729-734; auch in: Soziale Summe Pius' XII., Band I.: S. 92-97; Nr. 213-218)


Geliebte Söhne und Töchter des katholischen Deutschlands!

Ihr findet euch in wenigen Tagen zu eurer jährlichen Heerschau in der altehrwürdigen Bischofsstadt Passau ein. Mit Betonung sprechen Wir von der « altehrwürdigen Bischofsstadt ». Die Stadt ist so alt wie das Christentum, wenn nicht noch älter. Das Bistum Passau schaut auf eine schon mehr als zwölfhundertjährige Geschichte zurück und kann sich rühmen, einstmals die spätere Kaiserstadt Wien in seinen Grenzen eingeschlossen zu haben. Die Stadt selbst wie das umgebende Land — Wir denken besonders an die herrlichen Ufer der Donau gen Regensburg zu — sind reich an Kirchen und anderen Stiftungen, wo lebendige Frömmigkeit und feinster Sinn für das Edle und Schöne sich zusammengetan haben, um Kulturwerke hohen Wertes zu schaffen, die heute um so kostbarer sind, als an vielen anderen Orten vergleichbares Kulturgut der Vernichtung durch den Krieg anheimfiel.

Es besteht jedoch kaum die Gefahr, dass die reiche Geschichte des Bodens, auf dem ihr tagt, euren Blick banne und der Vergangenheit so sehr verhafte, dass ihr die graue Wirklichkeit übersähet. Die beiden voraufgehenden Katholikentage in Mainz und Bochum mit ihren ausführlichen und umfassenden Entschliessungen haben bewiesen, dass ihr euch eurer Gegenwartsaufgabe sehr wohl und sehr lebendig bewusst seid. Und wenn ihr dieses Jahr in ausgesprochen ländlicher Kultur tagt, so wisst ihr doch, dass auch auf dem Land sich die Verhältnisse von Grund aus geändert haben.

Aber ebenso seid ihr euch bewusst, dass ohne die befruchtenden Wasser des Gebets und des persönlichen Opfers die sorgsam gestreute Saat nicht Wurzel fassen und aufspriessen kann. Ihr seid euch bewusst,. dass alle guten Ansätze verkümmern, dass alles Wollen und Tun wie gelähmt und wie tot bleiben muss, wenn nicht die Gnade Jesu Christi und das machtvolle Wehen des Heiligen Geists Leben, Kraft und tiefgehende Wirkung verleihen. Ihr seid euch bewusst, dass, so notwendig Organisation ist, mit dem Organisieren allein noch nicht viel getan ist, dass das Entscheidende vielmehr der persönliche, fest im Glauben,, stehende und aus dem Glauben handelnde Christ ist.

Deshalb wolltet ihr die Tage in Altötting und Passau dem religiösen Leben und der inneren Erneuerung weihen. Es sollte ganz der Katholikentag des Heiligen Jahres, des Jahres der inneren Einkehr, des Gebets und der Busse sein. Wir loben euren Entschluss und möchten zu dessen Förderung euch drei Erwägungen ans Herz legen :

1) Ihr könnt das Los, das euer Vaterland getroffen •— Wir denken in erster Linie an die Millionen der Ostvertriebenen, wenn auch nicht an sie allein — seelisch nicht meistern, wenn ihr es nicht schaut in gläubigem Aufblick zur göttlichen Vorsehung. Was in den verflossenen Jahrzehnten, vor allem im letzt verflossenen vor sich gegangen, ist, hoch über allen, wenn auch noch so sehr Antwort heischenden Fragen von Recht und Gerechtigkeit, eine jener Heimsuchungen Gottes, eine jener Abrechnungen, die auf die Geschichte und die Verstrickungen, auch die schuldbeladenen, ganzer Jahrhunderte zurückgreifen. Tragt euer Los in demütiger Hinnahme. Gebt ihm ein christliches Gepräge, indem ihr jenes Los von Gott entgegennehmt als Sühne, wenn nicht für eigene Schuld, so für die schwere, in ihren Auswirkungen erschütternd unheilschwangere Schuld anderer des eigenen Volks und fremder Völker. Bleibt aber auch dabei nicht stehen. Schicksalswendungen solchen Ausmasses sind, ganz unabhängig von dem Auf und Ab der weltlichen Geschichte eines Volks, immer Heimsuchungen Gottes im eigentlichen Sinn des Wortes, also Zeiten weit gespannter Möglichkeiten für das Reich Gottes, Zeiten stärksten Anrufs der Wahrheit und Gnade an alle Kinder und Schichten des Volks, aber nicht ohne euer Zutun und euer Mitwirken, geliebte Söhne und Töchter. Und der Kern, die innere Kraft eures Mitwirkens möge die bereitwillige Hinnahme eures Loses sein, wie es der Herrgott gefügt hat und wie er es fügen wird, als Sühne, als Busse, als Opfer, aus dem, in Vereinigung mit dem Opfer Jesus Christi, eurem Volk und anderen Völkern Erbarmen, Segen und Heil werden möge, vielleicht auf Wegen, die euch augenblicklich unausdenkbar sind, die aber immer zum Guten führen werden ; denn « die Gesamtheit dessen, was Gott geschaffen hat, lenkt und leitet Er durch seine Vorsehung, vom einen Ende zum anderen alles machtvoll erfassend und aufs beste anordnend. Liegt doch alles bloss und offen vor seinen Augen auch die zukünftigen freien Handlungen seiner Geschöpfe » (Conc. Vat., Sess. III, e. 1; Denz. 17S4. Cfr. Sap., S, 1; Hebr.., 4, 33.). 
2) Ihr habt auf das Programm eurer Tagung den Kampf gegen den Materialismus gesetzt. Der Materialismus ist fortschreitendes Abwerten und Absetzen des Übersinnlichen und Überirdischen, Geistigen und Religiösen bis zur ausgesprochenen Gottlosigkeit; er lässt nur gelten was das Experiment, die Erfahrung der Sinne bestätigt, was mit Mass, Zahl und Gewicht erfassbar ist. Die unerhörten, sich überstürzenden Entdeckungen der Naturwissenschaften, die in Wahrheit ebensoviele Offenbarungen Gottes sind, und die Fortschritte der Technik missbraucht der Materialismus, um die Menschen zu blenden, dass sie das Übersinnliche, Übernatürliche und Ewige daneben übersehen und vergessen, und er erfüllt sich im Kult des « Stoffes », des Leibes und der Leibeskraft, des Geldes und der Macht. Kaum eine Zeit hat so wie die gegenwärtige das Wort der Schrift wahr gemacht, dass alles in der Welt (1 Io., 2, 16.) « Fleischeslust, Augenlust und Hoff art des Lebens » ist. Die organisierte und in der Rüstung politischer Macht einherschreitende Gottlosigkeit wäre weniger gefährlich, wenn sie nicht als Rückhalt und Zukunftshofrnung alle die vielen für sich buchen könnte, die, ohne sich zu ihr zu bekennen, ja vielleicht vermeinend, noch gläubige Menschen und Christen zu sein, in der Wirklichkeit des Alltags ganz so leben, als ob es keinen Herrgott gäbe.

Einen Damm gegen den Materialismus zu bilden ist Aufgabe der Katholiken auf der ganzen Welt. Diese Aufgabe ist nicht hoffnungslos. Die Katholiken zählen gleichfalls nach Hunderten von Millionen und stellen auch eine Macht dar. Es ist nicht wahr und kann lediglich aus einseitiger zu eng begrenzter Erfahrung erklärt werden, was vor kurzem geäussert wurde, dass nämlich die Katholiken nur noch zu einer nicht bedeutenden Minderheit mit innerer Freude ihrem Glauben anhangen. Die Erfahrung der Weltkirche ist eine andere. Und mit den Katholiken steht, Wir wagen es zu sagen, immer noch auf Seiten Gottes die Mehrzahl der Menschen. Es gibt Länder, die gleichfalls nach Hunderten von Millionen zählen und deren Volk vor allem Religiösen eine Ehrfurcht hat, dass sie selbst manchen Katholiken beschämen könnte. « Gott ist der Herr auch unserer Zeit ». Wenn wir an die Christen der ersten Jahrhunderte denken, so ist der Kampf gegen den Materialismus, vielleicht wie keine der Kirche inzwischen gewordene Aufgabe, jener vergleichbar, vor die sie sich gestellt sahen : die alte heidnische Weltanschauung und Lebensordnung zu überwinden. Wie damals verlangt ein solcher Kampf den vollen Einsatz des katholischen Menschen, den geistigen und sittlichen.

Den geistigen: Nur solche, die den katholischen Glauben wirklich erfasst haben und seine Kenntnis dem Grad ihrer intellektuellen Reife entsprechend immer wieder vertiefen, denen der Glaube also persönliches Eigentum geworden ist, werden unter euren Verhältnissen sich und andere vor der Ansteckung durch den Religionsschwund bewahren. Das katholische Deutschland konnte sich seinerzeit der zuverlässigen religiösen Schulung rühmen, die es seinen Söhnen und Töchtern mit auf den Weg ins Leben gab. Lasst dies auch heute euren Stolz sein. Beachtet dabei ein Doppeltes : Haltet euch in dem, was ihr über die Welt des Religiösen sagt und schreibt, immer auf dem Weg, der durch die sichere katholische Glaubenslehre abgegrenzt wird. Nur so seid ihr geschützt vor Verirrung und vor dem Absturz in die Tiefe. Was sodann Glaube und Wissen angeht, ist erkenntnismässig ein Widerspruch zwischen ihnen innerlich unmöglich. Die damit aufgeworfenen Fragen hat die katholische Wissenschaft eingehend behandelt und wird sie weiter eingehend behandeln. Nur sollen dann auch ihre Ergebnisse Gemeingut der Gläubigen, besonders jener der führenden Berufe werden. Alle, welche die Jugend in die Glaubenswahrheiten einführen; diejenigen, welche die zukünftigen Priester und führenden Laien ausbilden; die Priester, die das Wort Gottes verkünden; endlich die Männer und Frauen des gesamten katholischen Schrifttums erinnern Wir eindringlich an die überaus schwere Verantwortung, die ihnen heute der Be- ruf der Glaubensverkündigung auferlegt.

Der Kampf gegen den Materialismus fordert den sittlichen Einsatz des katholischen Menschen. In den Schlusskapiteln seiner Briefe, da wo der Völkerapostel von der Praxis des christlichen Lebens spricht, stellt er an den gewöhnlichen Gläubigen Anforderungen, die für Heilige bemessen scheinen. Aber nicht allein die Grösse der damals zu meisternden Aufgabe, schon das « Christ sein » an sich verlangte eine solche Höhe des sittlichen Strebens. Das galt immer ; nur hat der Kampf gegen den Materialismus die Gläubigen von heute besonders hellsichtig dafür gemacht. Ein jeder fühlt, dass er den Materialismus erst einmal in sich selber überwinden muss. In seinen Grundsätzen und in seinem Handeln, am Tag des Herrn wie im Alltag, im häuslichen Kreis wie im Beruf, allein wie in der Gemeinschaft und im öffentlichen Leben, ob ledig oder in der Ehe, in Vergnügen und Sport, beim Griff zur Presse, zur Illustrierten und zum Buch, beim Besuch der Bühne und des Films, immer und überall steht der Katholik unter dem Gebot Gottes und dem Gesetz Christi. Niemand kann ihn davon entbinden. Der Gegensatz gegen den Materialismus hat im Christen das Bewusstsein geschärft, dass Gott im Mittelpunkt alles Seins steht, Gott, der einzig unbedingte Wert, an dem alles Geschaffene zu messen ist. Wo der Christ dies unterlässt, hat er sich schon auf die Seite des Gegners gestellt.

Christ sein verlangt also gebieterisch Tugend und Opfer. Es hat sie immer verlangt, es verlangt sie aber heute ganz besonders und nicht selten heroische Tugend und heroische Opfer. Wer den Kampf gegen den Materialismus aufnehmen will, darf vor dieser Tatsache, dieser Folgerung nicht einen Augenblick zurückschrecken.

3) Ihr habt, geliebte Söhne und Töchter, den diesjährigen Katholikentag eingetaucht in die begnadigende Atmosphäre des Gebetes. Ihr habt gut daran getan. Denn wenn das, was heute vom katholischen Menschen verlangt wird, fast übermenschlich erscheint — das Gebets- leben gibt die Kraft, es zu meistern.

Die deutschen Katholiken haben sich immer ausgezeichnet durch Organisation und Leistung auf den verschiedensten Gebieten des kirchlichen Lebens. Mögen sie sich ebenso auszeichnen als ein Volk von Betern.

Wir rufen den Priestern zu : Betet. Betet mehr. Seid euren Gläubigen das Vorbild frommer Beter!

Wir rufen den Familien in Stadt und Land zu : Pflegt nach Vätersitte das Gebet im häuslichen Kreis! Es bringt Segen, stärkt den Glauben, schafft Gottesfurcht und Gottvertrauen, gegenseitige Ehrfurcht und Liebe und Starkmut in schweren Tagen.

Wir rufen eurer Jugend zu : Lernt beten — nicht nur in der Gemeinschaft, sondern ebenso jeder und jede für sich, damit ihr auch auf euch selbst gestellt in der Gefahr zu bestehen vermögt und auf jeden Ruf Gottes bereit seid.

Wir rufen den katholischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu : Tragt die Fragen und Schwierigkeiten, die zwischen euch liegen, auch im Gebet aus. Wir wissen, wie verwickelt die Verhältnisse oft liegen und wie schwer Lösungen zu finden sind. Aber Programme, Gesetze und Schiedssprüche allein schaffen überhaupt noch nicht den sozialen Frieden. Selbst hervorragende Arbeiterführer in anderen Lagern gestehen, dass er letztlich nur werden kann aus christlichem Geist und christlicher Liebe der Beteiligten auf beiden Seiten. Betet viel um diesen Geist und diese Liebe! 
Euch allen rufen Wir zu: Hebt die Herzen und Hände zu Gott empor! Die Zukunft ist unsicher und dunkel. Betet, dass Gott in gnadenvoller Vorsehung alles zum Besten lenke.

Ihr habt eure Tagung unter den Schutz der Mutter Gottes von Altötting gestellt. Im segensvollen Zeichen ihres Gnadenbilds entfalten sich eure Beratungen am Gnadenort selbst und vollziehen sich eure Kundgebungen in Passau. In wehmütig froher Erinnerung gedenken Wir der Stunden, da Wir selbst am Altöttinger Gnadenaltar das heilige Opfer darbrachten und uns erbauten an der Inbrunst, mit der die frommen Pilger Maria ihre Hingabe erzeigten und ihre Bitten vortrugen. Drei kostbare Güter haben Deutschlands Katholiken die Jahrhunderte hindurch besonders treu gehütet und gepflegt : den tiefen Glauben an das Heiligste Sakrament des Altars, die innige Verehrung der Gottesmutter und die lebendige Verbindung mit dem Stellvertreter Christi auf Erden, die jetzt im Heiligen Jahr wieder so selbstverständlichen Ausdruck gefunden hat. Mögen eure Priester sich der hohen Verantwortung bewusst bleiben, diese drei Quellen religiöser Kraft ihren Gläubigen in voller Reinheit und Stärke zu erhalten.

Als Unterpfand dessen erteilen Wir, den ganzen Reichtum der Gnade Jesu Christi und der mütterlichen Liebe Marias auf euch herabflehend, den in Passau anwesenden Oberhirten, Unseren Ehrwürdigen Brüdern, dem Klerus und den Gläubigen, allen Unseren Söhnen und Töchtern in deutschen Landen und eurem ganzen Volk aus der Fülle des Herzens den Apostolischen Segen.

Den 16. August 1950.
PIUS PP. XII

1. Mai 1953

Ansprache
Ci mancano

von Papst
Pius XII.
an italienische Arbeitergruppen
über die Arbeitslosigkeit
1. Mai 1953

(Offizieller italienischer Text: AAS 45 [1953] 290-293)

(Quelle: Arthur Fridolin Utz OP, Joseph-Fulko Groner O.P, Hrsg.: Aufbau und Entfaltung des gesellschaftlichen Lebens, Soziale Summe Pius' XII. (1939-1958), Übersetzerkollegium: Herausgeber und Franz Schmal u. H. Schäufele, Paulus Verlag Freiburg/Schweiz 1954; Imprimatur Friburgi Helv., die 5. Maii 1954 N. Luyten O.P. Imprimatur Friburgi Helv., die 29. Junii 1954 R. Pittet, v.g.; Band I, S. 336-340; Nrn. 717-723)

1. Begrüßung verschiedener Arbeitergruppen

Geliebte Söhne! Fast fehlen Uns die Worte, um Euch auszudrücken, wie bewegt Unser Inneres ist, und welche Freude Unser väterliches Herz bei dem einzigartigen Schauspiel empfindet, das Ihr Unseren Augen bietet.

Die allerseligste Jungfrau Maria, die gegen Uns immer so voll mütterlicher Güte ist, hat Uns am ersten Tag dieses ihr geweihten Monats ein Geschenk machen wollen, das Uns eines der liebsten ist: sie hat Uns durch Euren Besuch, geliebte Arbeiter, erfreut, die Ihr aus den verschiedensten Gegenden Italiens nach Rom gekommen seid.

Euch alle heißen Wir herzlich willkommen, die einzelnen Personen und die kleineren Gruppen, die Ihr die Gelegenheit wahrgenommen habt, um Euch um Uns zu scharen und Unseren Segen zu empfangen. Unser erster Gruß aber gilt den zweitausend Arbeitern, die zum Großteil aus der starken und christlichen Erde von Frosinone stammen.

Als Wir erfuhren, dass zu Gunsten der schlimmsten Notstandsgebiete Süditaliens ein großzügiges Arbeitsprogramm geplant sei, waren Wir darüber sehr erfreut, und zwar nicht allein, weil man damit ein konkretes und mutiges Werk zur Wiedergeburt jener Gebiete durch Urbarmachung, Verbesserung der Güter, Staubecken im Gebirge, Wasserleitungen und Straßen begann, sondern ebenso wegen der sich daraus ergebenden besseren Beschäftigungsmöglichkeit, die mit der Arbeit Zufriedenheit und Wohlstand in Eure Familien bringen würde.

Nur Gott kennt Unsere Sorgen und Wir möchten fast sagen Unsere bis zum Tod gehende Trauer, die Wir bei dem Gedanken empfinden, dass so vielen Unserer arbeitslosen Söhne das fehlt, was sie für einen angemessenen Unterhalt nötig hätten!

Einen weiteren Sondergruß möchten Wir sodann an die fünfzehnhundert Arbeiter aus Reggio Emilia richten. In diesem Land, das Unserem Herzen besonders teuer ist - das so viele Märtyrer des Blutes und des Schweigens zu den Seinen rechnet - und wo es gewiss nicht an dunklen Schatten fehlt, dort leuchtet heute ein Licht christlicher Wiedergeburt durch das Wirken mutiger und einträchtig zusammenarbeitender Priester und Gläubigen. Sie bebauen mit glühendem Eifer jene Teile des Weinberges Christi, die so sehr durch kalte Gleichgültigkeit und dornenreiche Gegensätzlichkeit bedroht werden, wo man aber auch schon neue kraftvolle Ansätze durchbrechen sieht, deren verheißungsvolle Entwicklung auch kein gegnerisches Unwetter mehr wird aufhalten können.

Wir wissen, dass auch Euer verehrter Oberhirte großzügig auf Unsere Aufforderung zur Mithilfe am Aufbau der ersehnten Erneuerung der Welt geantwortet hat und sprechen daher ihm wie allen, die mit ihm an diesem Werk der Erneuerung und Rettung mittätig sein wollen, von ganzem Herzen Unseren Dank aus. Mit nicht geringerer Genugtuung begrüßen Wir die Wiederaufnahme der Arbeit in den Werkanlagen von Reggio, die für Eure Industriestadt eine Quelle von Arbeitsmöglichkeit und Wohlstand bedeutet.

2. Sinngehalt des ersten Mai («Fest der Arbeit»)

Die Welt feiert heute am ersten Mai das «Fest der Arbeit». Wer wäre mehr dazu berufen, diesem Tag einen tiefen Sinn zu geben als der wahre Christ? Für ihn ist es ein Tag, an dem er nur um so glühender den Gottmenschen, unseren Herrn Jesus Christus, verehrt und anbetet, der, um unser Vorbild, unser Trost und unsere Heiligung zu sein, den größten Teil seines Lebens in der Ausübung eines Handwerks wie ein einfacher Arbeiter zubrachte (Vgl. Mt. 13, 55; Mk. 6, 3). Es ist der Tag, an dem alle, denen es vergönnt ist, durch ihre Arbeit sich und den Ihrigen ein ruhiges und friedliches Leben zu sichern, Gott Dank sagen; es ist der Tag, an dem sich der Wille bezeugt, Klassenkampf und Klassenhass zu besiegen durch die Kraft, die aus der Verwirklichung der sozialen Gerechtigkeit, aus der gegenseitigen Achtung und dem brüderlichen Wohlwollen um der Liebe Christi willen hervorgeht; es ist schließlich der Tag, an dem die gläubige Menschheit feierlich verspricht, durch die Arbeit ihres Geistes und ihrer Hände eine Kultur zur Ehre Gottes zu schaffen, eine Kultur, die den Menschen keineswegs von Gott entfernt, sondern ihn vielmehr ihm näher und näher bringt.

3. Die Arbeitslosigkeit

=Problem ganz Europas =

Doch darf das «Fest der Arbeit» nicht dazu verleiten, das Problem der Arbeit selbst aus dem Blickfeld zu verlieren. Nur zu viele sind immer noch von der Geißel der Arbeitslosigkeit betroffen, und viele, die zwar augenblicklich beschäftigt sind, leben doch in ständiger Furcht davor. Wir dürfen auch die nicht vergessen - sie sind besonders zahlreich unter den Tagelöhnern -, die unter ihrem Zustand der Halbbeschäftigung leiden, die mit der begrenzten Zahl oder dem Rückgang der Arbeitsstunden dem Arbeiter nicht genügend Lohn einbringt, um die notwendigsten Bedürfnisse für sich und seine Familie zu befriedigen. Gerne erkennen Wir die zahlreichen Maßnahmen an, die in jüngster Zeit zum Nutzen der Arbeiter ergriffen wurden, doch wie viel bleibt noch zu tun! Und Wir möchten Euch, geliebte Söhne, sagen können, in welchem Maße Wir an Euren und an den Sorgen Eurer Lieben teilnehmen !

Doch wenn Italien schwer unter der Arbeitslosigkeit leidet, so ist diese, und besonders die ständige Bedrohung durch sie, kein Übel, das nur Italien trifft, sondern es lastet mehr oder weniger auf allen Völkern Europas. Und es ist auch jedem unvoreingenommenen Beobachter klar, dass der Mangel an Arbeit, zum mindesten im gegenwärtigen Augenblick, nicht nur vom bösen Willen oder vom Missbrauch der Macht derjenigen abhängt, die etwas dagegen unternehmen könnten. Das ist um so wahrer, als einige wichtige Bedingungen, die während mehr als hundert Jahren der wirtschaftlichen Entwicklung günstig gewesen waren, sich heute vollständig gewandelt haben.

=Europäische Lösung =

Gewiss, die Kirche bleibt auch heute wie immer auf der Seite des Arbeiters, wenn er unter einem ungerechten Arbeitsvertrag leidet, oder wenn Kollektivverträge nicht eingehalten werden, oder wenn seine rechtliche, wirtschaftliche und soziale Lage ohne Schaden für die Rechte eines anderen verbessert werden könnte. Heute jedoch ist das Problem der Arbeit eine umfassendere Frage geworden, in der ganz Europa solidarisch ist. Die gegenwärtigen Bemühungen, Europa zu einer Einheit zu formen - wie immer das geschehen mag, wenn es sich nur als wirksam erweist -, erfordern auch die Schaffung neuer Bedingungen für seinen wirtschaftlichen Fortschritt; nur dann kann man hoffen, das Problem der Arbeit zu lösen. Wer glaubt, den Interessen des Arbeiters mit den alten Methoden des Klassenkampfes zu dienen, befindet sich im Irrtum, und es täuscht sich noch mehr, wer zudem noch meint, seine darauf abzielenden Bemühungen rechtfertigen zu müssen, als seien sie das einzige Mittel, noch einen religiösen. Einfluss auf die Welt der Arbeit ausüben zu können.

Zweifellos besteht der Vorteil einer europäischen Wirtschaft nicht einfach in der Vereinheitlichung eines ausgedehnten Raumes, in dem der sogenannte Marktmechanismus die Produktion und den Konsum regeln würde. Noch wichtiger ist es, dass innerhalb der Konkurrenz zugleich mit dem Aufbau der europäischen Wirtschaft die Stabilisierung eines wirklich sozialen Lebens, die gesunde Entwicklung der Familie von Generation zu Generation angestrebt wird, und dass in dieser Hinsicht und mit diesem Ziel die natürlichen Kriterien einer Organisierung der Produktion in Raum und Zeit und eines vernünftigen Konsums zur Geltung gebracht werden.

Das ist die einzige Art und Weise, in der Völker mit einer großen Anzahl von kinderreichen Familien, wie Italien, für die europäische Wirtschaft den wichtigen Beitrag ihres Reichtums an Arbeitskräften und ihrer Konsumkraft leisten können.

Schlusswort: Vertrauen auf Gottes Vorsehung

Ehe Wir Euch entlassen, geliebte Söhne, möchten Wir Euch noch ein Wort sagen, das Uns am Herzen liegt. Wir entnehmen es dem Evangelium, das Wir in der heutigen heiligen Messe gelesen haben.

Nach dem letzten Abendmahl sagte Jesus zu seinen Aposteln, und Wir wiederholen es Euch allen gegenüber: « Euer Herz lasse sich nicht verwirren » (Joh. 14, 1).

Wenn Ihr in Ängsten seid um Euch selbst; wenn Ihr an das Los Eurer Lieben denkt; wenn in Euch die Besorgnis darüber aufsteigt, was in der Welt geschehen könnte: « Non turbetur cor vestrum ! » - « Euer Herz verzage nicht!» Es sieht wohl so aus, als ob der Wille von ein paar Mächtigen und Anmaßenden die Geschicke der Menschen beherrsche und die Dinge und Ereignisse lenke; doch in Wahrheit liegt alles in den Händen Gottes, und nichts kann sich seiner starken und väterlichen Vorsehung entziehen. Gewiss sind die Zeiten, welche die Welt mitmacht, nicht so, dass sie denen Ruhe geben könnten, die ohne einen lebendigen Glauben ihr ganzes Vertrauen auf die Menschen und menschliche Berechnungen setzen. Anders jedoch Ihr, geliebte Söhne! Zwar müsst Ihr mit Fleiß und Mut arbeiten, und zuweilen seid Ihr gezwungen zu kämpfen, um Euer Recht auf Leben und Arbeit zu verteidigen. Aber das darf die Heiterkeit Eures Geistes nicht trüben, denn immer werdet Ihr auch bei den täglichen Sorgen und Nöten Euer Vertrauen auf den Vater setzen, der im Himmel ist.

19. Juli 1953

Ansprache
C'est avec

von Papst
Pius XII.
an folkloristische Gruppen aus verschiedenen Ländern
über die soziale Bedeutung des Brauchtums
19. Juli 1953

(Offizieller französischer Text: AAS 45 [1953] 503-505)

(Quelle: Arthur Fridolin Utz OP, Joseph-Fulko Groner O.P, Hrsg.: Aufbau und Entfaltung des gesellschaftlichen Lebens, Soziale Summe Pius' XII. (1939-1958), Übersetzerkollegium: Herausgeber und Franz Schmal u. H. Schäufele, Paulus Verlag Freiburg/Schweiz 1954; Imprimatur Friburgi Helv., die 5. Maii 1954 N. Luyten O.P. Imprimatur Friburgi Helv., die 29. Junii 1954 R. Pittet, v.g.; Band I, S. 209-213; Nrn. 485-492)

Begrüßung der verschiedenen Volkstumsgruppen

Mit ganz besonderem Interesse begrüßen Wir heute die Gruppen, die nach ihrer Teilnahme an den internationalen Festveranstaltungen für Folklore hierher gekommen sind, um Uns ihre ergebene Huldigung zu erweisen.

Internationale Kongresse religiösen, sozialen oder wissenschaftlichen Charakters kann man in dieser Stadt Rom nicht gerade selten erleben, und sonst begegnet man hier aus allen Teilen der Erde Pilgern, die je nach Zusammentreffen diese oder jene Seite ihres Herkunftslandes darbieten. Man hat jedoch weniger Gelegenheit, jener Art von Kundgebungen beizuwohnen, zu der Sie eingeladen sind. Weckt eine derartige Festveranstaltung - vor allem wo sie von den « Etats-Généraux du Folklore» organisiert wird - nicht den Gedanken an eine wirklich angenehme Begegnung zwischen den so verschiedenen Völkern und Stammesgruppen, die stolz sind auf ihre an geschichtlicher und kultureller Vergangenheit so reichen nationalen oder regionalen Überlieferungen? Man kann dann bewundern, was die Volkskunst an Ursprünglichstem und bisweilen an Tiefstem sowie an Meisterwerken der Feinheit und Anmut hervorgebracht hat zur Freude und zum Nutzen der Teilnehmer oder mehr noch jener, die ihren aktiven Beitrag dazu leisten.

So bringen Sie nach Rom einige der besten Traditionen des kulturellen Erbes von England, den Antillen, von Spanien, Frankreich, der Französischen Union und Italien. Wir beglückwünschen Sie dazu, weil Sie Uns so viele Völker vor Augen führen, die Uns teuer sind, und weil Sie sich keine Mühe gespart haben, Ihrem Vaterland alle Ehre zu erweisen.

Die volkstumsfeindliche moderne Zivilisation

Kommt die Rede auf das Thema Brauchtum, so denken viele nur an ein gewisses Überleben alter Zeiten, das zwar schon ohne Zweifel würdig sei, bei außerordentlichen Anlässen in seiner Bedeutung unterstrichen zu werden, für das jedoch das Leben von heute kein großes Interesse besitze. Dass eine derartige Auffassung so weitgehend verbreitet ist, kennzeichnet nur eine der bedauerlichsten Folgeerscheinungen der Zivilisation unseres Jahrhunderts. Zu oft reißt die moderne Gesellschaft den Menschen aus seiner natürlichen Umgebung heraus, um ihn in die Stadt zu verpflanzen oder aus seiner Heimat zu vertreiben. Sie stellt ihn den ungeheuren Industrieunternehmungen oder dem Riesenbetrieb der Verwaltung zur Verfügung. Sie versetzt ihn in unorganische Menschenansammlungen, je nach der örtlichen Lage der Produktionsmittel. Selbst wenn sie die Familie nicht zerstückelt, nimmt sie sie aus dem Boden, in den die vorangegangenen Generationen sie hineingesenkt hatten.

Folklore als Ausdruck inneren Reichtums

Zweifellos handelt es sich hier um eine Wirklichkeit, mit der sich die Gesellschaft, vorläufig wenigstens, abfinden muss. Wir haben jedoch schon zu Beginn dieses Jahres in Unserer Ansprache an die Schüler der Volksbildungsanstalten betont, dass der Beruf und seine Anforderungen nicht allein das Wesentliche der menschlichen Betätigung ausmachen. Über den Beruf hinaus gibt es andere Aufgaben, die Anforderungen an den persönlichen Reichtum von Geist und Herz stellen und die tiefsten Gefühle ansprechen, die mit den großen Ereignissen des Menschenlebens und auch mit jenen Freuden und Leiden verbunden sind, deren Wechsel den Episoden unserer täglichen Mühen ihren Rhythmus geben. Diese Gefühle drängen danach, sich nach außen kundzutun, sich der Gemeinschaft mitzuteilen. Doch die Zivilisation, die dem Menschen die Gesetze der Maschine auferlegt, droht auch den normalen Lauf seiner Freizeit zu vergewaltigen; sie schafft zu leicht das künstliche, egoistische, banale Vergnügen, das gebrauchsfertige Vergnügen, das keine Anstrengung, keinen Unternehmungsgeist erfordert, und bei dem sich der einzelne in sich selbst zurückzieht, anstatt sich der Gemeinschaft hinzugeben.

Die soziale Bedeutung des Volkstums

Hier nun erhält die Folklore ihre wahre Bedeutung. In einer Gesellschaft, welche die gesundesten und fruchtbarsten Traditionen vergessen hat, bemüht sie sich, eine nicht von außen aufgedrängte, sondern aus der tiefsten Seele der Generationen entsprungene Kontinuität lebendig zu erhalten, in der die Generationen den Ausdruck ihrer eigenen Sehnsüchte, Überzeugungen, Wünsche und Trauer, die glorreichen Erinnerungen der Vergangenheit und die Zukunftshoffnungen wiedererkennen. Der innerliche Reichtum eines Volkes pflanzt sich ganz natürlich im Gesamt seiner Bräuche, in Erzählungen, Legenden, Spielen und Aufzügen fort, wo sich die Pracht der Kleider und die Originalität der Gruppen und Gestalten entfaltet. Die Seelen, die in dauernder Berührung mit den harten Forderungen des Lebens stehen, besitzen häufig instinktmäßig einen künstlerischen Sinn, der aus einfachem Material großartige Leistungen herauszuholen vermag. Bei diesen Volksfesten, wo das gediegene Brauchtum seinen gebührenden Platz einnimmt, freut sich ein jeder des gemeinsamen Erbes und bereichert sich dabei noch mehr, wenn er sich dazu versteht, seinen Teil beizutragen.

Brauchtum und Religion

Wir dürfen aber nicht vergessen, dass in den christlichen oder ehemals christlichen Ländern der religiöse Glaube und das Volksleben eine Einheit bildeten, die man mit der Einheit von Leib und Seele vergleichen kann. Wo diese Einheit sich heute aufgelöst hat, wo der Glaube schwach geworden ist, können da die volkstümlichen Überlieferungen, die ihres Lebensprinzips beraubt sind, sich erhalten oder künstlich wiederbelebt werden? In den Gegenden, in denen diese Einheit noch besteht, ist das Brauchtum aber kein merkwürdiges Überbleibsel einer vergangenen Zeit, sondern eine Äußerung des Lebens von heute, das erkennt, was es der Vergangenheit schuldet, und es zu bewahren und der neuen Lage geschickt anzupassen versucht. Dank der Tätigkeit folkloristischer Gruppen werden kostbare Bräuche erhalten oder neu belebt. Und Wir können die nur loben, die sich mit Fachkenntnis und Hingabe bemühen, ihnen zu helfen, ihre Bemühungen zu leiten, ihren Unternehmungsgeist anzuspornen sowie alle, die einen unmittelbaren Beitrag dazu leisten. Möchten Sie doch die ganze Tragweite Ihrer sozialen Rolle erkennen: den von den so häufig falschen, mechanisierten Vergnügungen übersättigten Menschen den Geschmack an Entspannungen wiederzugeben, die reich an ursprünglichsten menschlichen Werten sind.

Volksverbindende Kraft der Folklore

Ohne Zweifel erfordert dies ein wirkliches und andauerndes Bemühen. Doch ist dies nicht das Mittel, in die Fülle und den Reichtum Ihrer örtlichen oder nationalen Überlieferungen einzudringen? Sie helfen so dazu, den durch die geduldige Arbeit Ihrer Vorgänger angesammelten Schatz zum größten Nutzen Ihrer Zeitgenossen zu vermehren und zu verbreiten. Sie halten die Seele Ihres Volkes wach, indem Sie sie vor kultureller Trägheit bewahren, diesem Zerfallszeichen eines sozialen Organismus. Zugleich stärken Sie sich Ihre Fähigkeit, die Eigenformen anderer Kulturen zu schätzen, in ihnen den tiefen Sinn zu erahnen und ihren ursprünglichen Wert zu erkennen. Die gegenseitige Achtung, die aus einer solchen Haltung hervor wächst, wird sicherlich die Anstrengungen jener mächtig fördern, welche die Einheit der Völker durch wirtschaftliche, soziale und politische Verträge und Abmachungen sicherzustellen suchen.

Die göttliche Vorsehung walte schützend über Ihnen und Ihren Unternehmungen, über Ihren Familien und allen, die Ihnen teuer sind.

8. September 1954

Ansprache
C'est une grande joie

von Paps
Pius XII.
an den Weltkongress der Marianischen Kongregationen
Um die innere Erneuerung der Marianischen Kongregationen
8. September 1954

(Offizieller französischer Text: AAS 46 [1954] 529-536)

(Quelle: Pius XII., Ruf an die Frau, Aus den Rundschreiben, Ansprachen, Briefen und Konstitutionen des Heiligen Vaters, Zusammengestellt von Dr. Käthe Seibel-Royer, Mit kirchlicher Druckgenehmigung des bischöflichen Seckauer Ordinariates zu Graz am 20. August 1956, Zl. 4082, und Segen Pius XII., Styria Verlag Österreich 1956, S. 155-160; 2. Auflage; mit Auslassungen)

Hintergrund' Einen der Höhepunkte des Marianischen Jahres bildete Anfang September 1954 der Weltkongress der Marianischen Kongregationen. Am 8. September richtete Papst Pius XII. eine Ansprache an die Teilnehmer, in der er zum Thema des Kongresses Stellung nimmt und über das dreifache Ziel, nämlich sorgfältigere Auswahl der Mitglieder, stärkere Bindung an die Hierarchie und eine größere Zusammenarbeit mit anderen apostolischen Verbänden spricht:

'Die Ansprache

" ... Eure Pilgerfahrt ist nicht nur ein Akt kindlicher Liebe, sondern sie beweist darüber hinaus euren Willen, immer mehr auf dem Wege zur christlichen Vollkommenheit, nach der ihr strebt, voranzukommen; auch erwartet ihr von Uns Ermutigung und Richtlinien, um euer Ideal der Liebe und des Apostolates besser zu verwirklichen.

Der Kongress, welcher heute eröffnet wird, muss in der Tat der Ausgangspunkt einer geistlichen Erneuerung für alle Kongregationen der Welt werden. Sein Thema lautet: ,Der größte Ruhm Gottes durch eine sorgfältige Auswahl, stärkere Bindung an die Hierarchie und eine größere Zusammenarbeit mit anderen apostolischen Verbänden.' ...

Wir werden heute nur auf die drei Punkte des Programms eingehen, die Wir soeben erwähnt haben: ...

1. Sorgfältigere Auswahl

Der erste Punkt ist wesentlich für die Sicherung der erwünschten Erneuerung. Die Kongregationen sind nicht einfach fromme Vereinigungen, sondern Schulen der Vollkommenheit und des Apostolates. Sie wenden sich an Christen, die nicht damit zufrieden sind, etwas mehr als notwendig zu tun, sondern die sich entschlossen haben, den Anregungen der Gnade großherzig zu entsprechen und gemäß ihrem Lebensstand ganz nach dem Willen Gottes zu suchen und ihn zu erfüllen. Deshalb sollte niemand aufgenommen werden nur aus irgendeiner Tradition, um der Kongregation Ehre anzutun oder selbst durch sie zu Ansehen und Würde zu kommen. Es zählt nur das Verlangen nach größerer Vervollkommnung und nach einem christlichen Leben, das von persönlicher apostolischer Glut erfüllt ist. Die Räte, die zur Abgabe ihres Urteils berufen sind, und besonders der Direktor, der allein die Verantwortung für die Aufnahme trägt, mögen diese wesentlichen Punkte ernsthaft betrachten.

Die Eignung des Kandidaten wird sich in seiner Treue beim Besuch der Versammlungen, seiner Liebe zum Gebet, sei-nem Eifer im Empfang der Sakramente der Buße und der Eucharistie erweisen, mit einem Wort, in seinem Bemühen um das unaufhörliche Wachstum in der Liebe zu Gott, der Grundlage des Seeleneifers. Dieser bedarf wirklich einer übernatürlichen Tugend, um Bestand zu haben und Früchte zu bringen. Nun sind aber weder der Glaube noch die Hoffnung noch die Liebe nur das Ergebnis einer glücklichen Charakterveranlagung oder eines willkürlichen Tuns. Sie sind Gaben Gottes, die man demütig und beharrlich erflehen und sorgfältig pflegen muss.

Wer danach trachtet, ein Kongreganist zu sein, der dieses Namens würdig ist, verpflichtet sich eindeutig zum Kampf gegen seine minder guten Neigungen. Er ist entschlossen, sich vollständig von der Herrschaft der Sünde zu befreien, und fasst die immer treuere Nachahmung Jesu, des sanften und demütigen Menschensohnes, ins Auge. Gleich ihm brennt er darauf, die geringsten Wünsche seines Vaters zu erfüllen und ihm in allem und trotz allem zu gefallen. Möge dieses verlockende und strenge Ideal für jeden von euch, liebe Söhne und Töchter, zur Quelle wirklicher geistlicher Erneuerung werden und zur Grundlage für ein Streben, das still und langsam ist wie das Leben, aber unaufhaltsam wie das Wirken Gottes.

2. Der Anschluss an die Hierarchie

Die Vereinigung mit der Hierarchie, das sichtbare Zeichen der aufrichtigen Anhänglichkeit an Christus, wird auch der Prüfstein für die Reinheit des Seeleneifers sein. Wenn Wir Wert darauf legten, die Marianischen Kongregationen, wie sie die Konstitution ,Bis saeculari' definiert, unter die eigentlichsten Formen der Katholischen Aktion einzureihen, geschah es deshalb, weil sie ausdrücklich darauf hinarbeiten, ihre Mitglieder in den Geist der Kirche, das ,Sentire cum Ecclesia', einzuführen. Diese Haltung ist die einzig angemessene, wenn man beansprucht, mit dem Apostolat der Hierarchie zusammenzuarbeiten. Aus der Verantwortung für die Ehre Gottes auf Erden und als Treuhänderin der göttlichen Gewalten weist die Hierarchie jedem, der sich freiwillig anbietet, um das Werk Christi fortzusetzen, seine Aufgabe zu.

Um ihr wirksam zu helfen, genügt es nicht, eine jede bestehende Einrichtung oder neue Initiative ihrer Billigung zu unterstellen. Man muss sich ihren Geist zu eigen machen, ihre Absichten verstehen, ihren Wünschen zuvorkommen. Das setzt Demut und Gehorsam, Hingabe und Selbstverleugnung voraus, echte Tugenden, die die ernste Bildung von Kongregationen nicht zu entwickeln versäumt. Weil die Kongregationen von dem Willen beseelt sind, um jeden Preis zu dienen, machen sie niemals den Versuch, sich zu isolieren oder gewisse Bereiche für sich allein zu beanspruchen, sondern sie sind im Gegenteil dazu bereit, da zu arbeiten, wohin die Hierarchie sie sendet. Sie dienen der Kirche nicht wie einer fremden Macht, nicht einmal wie einer menschlichen Familie, sondern wie der Braut Christi, die vom Heiligen Geist selbst beseelt und geführt wird und deren Interessen auch diejenigen Jesu sind. Der Apostel Paulus litt schon darunter, dass er feststellen musste, dass einige - alle, sagte er bitter -, ,alle ihre eigenen Interessen und nicht diejenigen Jesu Christi verfolgen' (Phil 2, 21). Möge eine solche Bemerkung euch wachhalten. Vergesst euch selbst, seid bereit, jede enge Sicht von euch zu weisen, und nehmt die Ratschläge der Kirche hin, als kämen sie von eurem göttlichen Oberhaupt. So werdet ihr mit dem Apostel sprechen können: ,Am Tage Christi ... werden mein Laufen und meine Bemühungen nicht vergeblich gewesen sein.' (Phil 2, 16).

3. Zusammenarbeit mit anderen apostolischen Vereinigungen

Das Thema eures Kongresses fasst auch eine größere Zusammenarbeit mit den anderen apostolischen Vereinigungen ins Auge. Außer seiner praktischen Seite ist dieser Zusammenschluss der Kräfte ein eindeutiges Zeichen der Gegenwart Christi inmitten derer, die in der Aktion wie im Gebet der gleichen Eingebung gehorchen. ,Dass sie eins seien', bat Jesus in seinem hohepriesterlichen Gebet inständig seinen Vater, ,wie Du, Vater, in mir und ich in Dir bin, dass sie eins in Uns seien, damit die Welt glaube, dass Du mich gesandt hast' (Joh 17, 2 1). Das Apostolat hat in gewisser Weise an der göttlichen Sendung Jesu Anteil. Es offenbart den Menschen die Liebe des Vaters und des Sohnes in der Gabe ihres einzigen Geistes. Ihr erinnert euch zweifellos, wie die Apostelgeschichte, diese wunderbare Frucht des Heiligen Geistes, an dem Tage nach Pfingsten hervorhebt: ,Die Menge der Gläubigen hatte nur ein Herz und eine Seele. Niemand nannte das, was ihm gehörte sein, sondern sie hatten alles miteinander gemeinsam. Mit großer Macht legten die Apostel Zeugnis ab von der Auferstehung des Herrn Jesus, und sie standen alle in großem Ansehen' (Apg 4, 32-34). Die außerordentliche apostolische Strahlungskraft in der ersten christlichen Gemeinde hat sich in den verschiedensten Formen in der Geschichte der Kirche wiederholt, besonders in kritischen Stunden, wo nur die lebendige Wucht junger Kräfte von ungebrochener Überzeugung in gewaltigem Aufschwung anscheinend unüberwindliche Hindernisse zu beseitigen vermochte. Ist es nicht ein Zeugnis von dieser Art, das die gegenwärtige Zeit ganz besonders von euch erwartet? So viele edle Unternehmungen verzetteln sich auf auseinanderstrebenden Gleisen, wissen nichts voneinander und geraten leider manchmal sogar in Gegensatz zueinander. Unterdessen schreitet das Böse ohne Waffenruhe in seiner Eroberung fort, und, mangels guten Einvernehmens und Zusammenarbeitens der Guten, dringt es überall ein.

Wie in den Anfängen der Kirche die mächtige Fürbitte Mariens der Gemeinde von Jerusalem die vollkommene Eintracht in der Liebe verdiente, so wünschen Wir lebhaft, dass die Königin der Apostel euch alle, liebe Söhne und Töchter, die ihr hier versammelt seid, und alle eure Mitsodalen aus der ganzen Welt, die ihr hier bei uns vertretet, mit einem Geist aufrichtiger Zusammenarbeit erfülle. Möge man von euch in Abwandlung des Wortes des hI. Paulus, das Wir soeben zitierten, sagen können: ,Niemand verfolgte seine eigenen Interessen, sondern einzig die von Jesus Christus.' ... "

Bezüglich der Schlussworte des Papstes

Der Papst beschließt seine Ansprache mit dem Wunsch, alle Kongressteilnehmer möchten die Erinnerung an einen "Pfingsthauch" in ihre Heimat mitnehmen und den Willen, großherzig auf so viele Gnaden, die sie unter der Schutzherrschaft der Unbefleckten Jungfrau empfingen, durch die Tat zu antworten.

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