Homilie und Audienzansprache zur Heiligsprechung des seligen Nikolaus von der Flüe

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Homilie Papst Pius XII. zur Heiligsprechung des seligen Nikolaus von der Flüe am 15. Mai 1947 und
Audienzansprache an Pilger

Homilie[1]

Bei der Heiligsprechung des seligen Nikolaus von der Flüe am 15. Mai hielt der Hl. Vater auf lateinisch folgende kurze Homilie:

Heute ist Christus in den Himmel aufgefahren, er, der den Tod überwand und siegreich auferstanden ist. Er hat uns durch sein Beispiel den Weg bereitet, auf dem wir alle zur ewigen Seligkeit gelangen können. Dieser Weg ist, ihr wißt es, ehe der Blitz des himmlischen Lichts ihn erhellt, mühsam, steil und rauh; wenn wir aber an den Preis denken, den unser Streben nach dem höchsten Ziel uns einst einträgt, wenn wir in Ehrfurcht auf unsern Erlöser und auf die unübersehbare Schar seiner Gefolgschaft blicken, die uns auf dem Weg aus dieser irdischen Verbannung zur himmlischen Heimat vorangegangen sind, so wird uns der Aufstieg ohne Zweifel leichter, ja freudvoll erscheinen, und wir erfahren die Wahrheit seines göttlichen Wortes: "Mein Joch ist sanft und meine Bürde ist leicht". (Matth. 11,30).

In diese himmlische Schar der Heiligen ist Nikolaus von der Flüe eingereiht worden. Wer den Ruhm seiner mannigfachen Tugenden betrachtet und zumal jenen höchsten Gipfel der Askese bedenkt, zu dem ihn in seinen letzten Lebensjahren eine Lebensweise führte, die eher die eines Engels als eines Menschen war, der wird von tiefster Bewunderung für ihn erfüllt werden.

Als untadeliger Bürger liebte er sein Volk mit wahrer Vaterlandsliebe; als einsichtiger und kluger Ratsmann wurde er weithin durch die Geschicklichkeit seiner Amtsführung rühmlichst bekannt; im Kriegsdienst kämpfte er für die Freiheit und Einheit seines Landes, doch ließ er sich nie von Haß oder Abneigung bestimmen, sondern folgte stets nur dem unparteiischen Rat seines strengen Pflichtbewußtseins.

Er hielt die Heiligkeit einer keuschen Ehe hoch; und da Gott ihm eine zahlreiche Nachkommenschaft gegeben hatte, erzog er seine Kinder nicht so sehr durch seine Autorität als durch sein Beispiel zu Frömmigkeit und Fleiß und zur freudigen Erfüllung aller häuslichen, bürgerlichen und religiösen Pflichten.

Als er sich aber durch einen überirdischen Trieb, eine Gnade von oben zu Höherem berufen fühlte, da verließ er als hochherziger und entschiedener Mann sofort sein Vaterhaus, die geliebte Gattin, die Kinder, die seinem Herzen teuer waren, und alles andere; er legte eine grobe Kutte an, rüstete sich einzig mit dem Pilgerstab und nahm von allem Abschied, um dem Willen Gottes zu folgen und ihn freudig zu erfüllen.

Er zog sich nun in die Einsamkeit zurück, löste sich ohne Zögern von allen irdischen Dingen und gab alles preis, um einzig Gott anzuhangen, und allen, die ihn sahen, schien er mehr einem Engel als einem Menschen gleich. Er vergaß nicht nur alle Bequemlichkeiten, sondern auch alle Bedürfnisse, denen wir, solange wir dieses sterbliche Leben führen, nachzugeben genötigt sind, und er bändigte durch freiwillige Kasteiungen und Züchtigungen seinen Leib derart und brachte ihn so in Dienstbarkeit, schwächte ihn so durch ständiges Fasten, dass er keine Last mehr für die Seele darstellte, sondern nur noch einen durchsichtigen Schleier, den die göttliche Liebe verzehrte, und gleichsam das geringe Gewicht von Flügeln, die ihn nur umso leichter und schneller zum Himmel trugen. Ungefähr zwanzig Jahre lang lebte er als Einsiedler im Gebet, in der Betrachtung der himmlischen Dinge und in glühender Liebe. So konnte er das große Wort des Völkerapostels wahrhaft auf sich anwenden: "Ich lebe, doch nicht ich: Christus lebt in mir" . (Gal. 2,20).

Vom Rufe seiner Heiligkeit angezogen, kamen die Leute von nah und fern, einzeln und in Scharen, zu ihm und obwohl es ihm hart war, von der göttlichen Zwiesprache und der geliebten Einsamkeit abgezogen zu werden, so empfing er doch alle liebreich und erquickte sie durch seine heilsamen Ratschläge und Ermahnungen und durch sein Beispiel. Und so erschien jene wilde Einöde als das Heiligtum der Schweiz, von welchem Licht für die verdunkelten Geister ausging und eine wunderbare Mahnung zu Frieden, Eintracht und christlicher Tugend aufstieg.

Als sich jedoch der Staat selber in schwerer Gefahr befand und die Schweizer schon drauf und dran waren, sich in entgegengesetzte, ja feindliche Parteien zu spalten, war er es allein, der die Gemüter beruhigte, die geeigneten Heilmittel in dieser furchtbaren Gefahr fand und so seinem Vaterland die Einheit in wunderbarer Weise rettete. Daher leuchtet Nikolaus von der Flüe mit hellstem Glanz unter jenen Helden des katholischen Glaubens hervor, die nicht nur aufs beste für ihr ewiges Heil besorgt waren, nicht nur einzelnen Bürgern, die zu ihnen ihre Zuflucht nahmen, heilsame Ratschläge gaben, sondern die ihrem ganzem Volk zu höchstem Nutzen und größtem Heil gereichen, wofern es nur in der Not ihren Ratschlägen und Befehlen freiwillig und tatkräftig folgt.

Heute aber, da Wir Nikolaus von der Flüe auf göttliche Eingebung hin mit den Strahlen der Heiligkeit schmücken dürfen, hoffen wir, dass alle mit noch größerer Bewunderung auf ihn blicken mögen, in erster Linie unser geliebtes Schweizervolk, das ihn als Patron und Schutzherrn verehrt. Daß diese hingebende Verehrung heilsame Früchte zeitigen möge, wünschen Wir aus väterlichem Herzen und erflehen Wir voll Gott in inständigem Gebet; denn es ist unendlich wichtig, nicht nur das Lob der himmlischen Heiligen zu verkünden, sondern vor allem ihre Tugenden, je nachdem sie den besonderen Lebensumständen eines jeden entsprechen, so weit und so treu wir möglich in unserm täglichen Lehen zu verwirklichen.

Gebe Gott, dass, wie jener heilige Einsiedler sein von wirren Unruhen und Parteiungen bedrohtes und schon fast dem Untergang geweihtes Vaterland beruhigen, wieder aufrichten und festigen konnte, so auch heute die gesamte Völker- und Menschheitsgemeinschaft durch sein leuchtendes Beispiel und seine unschätzbare Fürbitte jene brüderliche Eintracht, jenen Frieden wiederfinden möge, die einzig und allein in den christlichen Grundsätzen ein sicheres Fundament finden können. Gebe Gott, dass alle Bürger jeden Ranges sich verehrungsvoll an ihn wenden und von ihm lernen, die vergänglichen irdischen Dinge, von denen sie sich nur zu oft unheilvoll behindern und verstricken lassen, durch die Bereitschaft und Hochherzigkeit ihrer Seele umzuwandeln in Stufen zur Erlangung dessen, was droben ist und ewig währt. Amen.

Audienzansprache[2]

Bei der Audienz der Pilger aus der Welsch-Schweiz, die sich zur Heiligsprechung des seligen Nikolaus von der Flüe in Rom eingefunden hatten, hielt der HeilIge Vater folgende Ansprache in französischer Sprache:

"Nikolaus von der Flüe verkörpert in sich auf wunderbare Weise die Einheit zwischen natürlicher irdischer Freiheit und himmlicher übernatürlicher Freiheit. Gerade darin besteht die vollkommene Einheitlichkeit seines anscheinend so vielfältigen und wechselvollen Lebens. Daher ist er der authentische Schweizer des 15. Jahrhunderts, der nach Erziehung, Leben und Charakter mittelalterliche Mensch, dennoch würdig, allen Christen und besonders auch den Menschen unserer Zeit als Beispiel und Vorbild vorgestellt zu werden.

Man hört oft Mittelalter und katholische Zivilisation gleichsetzen. Diese Gleichsetzung ist nicht ganz zutreffend. Das Leben eines Volkes, einer Nation bewegt sich in einem sehr vielfältigen Raum, der den Bereich der rein religiösen Lebensäußerung überschreitet. Sobald eine Gesellschaft aus Ehrfurcht vor den Rechten Gottes es sich in der ganzen Breite dieses weiten Bereiches versagt, die Grenzen zu überschreiten, die durch die Lehre und Ethik der Kirche gezogen sind, kann sie sich mit Recht christlich und katholisch nennen. Aber keine Kultur dürfte sich im Ganzen als hervorragend christlich und katholisch ausgeben, nicht einmal die mittelalterliche Kultur, ganz abgesehen davon, dass diese eine ständige Entwicklung durchmachte und sich gerade in jener Zeit einem neuen mächtigen Einstrom antiker Kultur öffnete.

Mit dieser Einschränkung ist es richtig, dem Mittelalter und seiner Mentalität ein wahrhaft katholisches Merkmal zuzubilligen: die unbestrittene Gewissheit, dass Religion und Leben in ihrer Vereinigung ein unlösbares Ganzes bilden. Ohne die Welt zu verlassen, ohne den wahren Sinn für das Leben zu verlieren, richtet es die ganze menschliche Existenz auf ein einziges Ziel hin:

"Gott anzuhängen", "Gott nahe zu sein" (Psalm 72.28), darauf, in Berührung mit Gott zu bleiben, Gottes Freundschaft zu genießen in der Überzeugung, dass es ohne dies keinen sicheren Frieden weder für das menschliche Herz noch für die Gesellschaft noch für die Gemeinschaft der Völker geben könne.

Daß es schwierig ist, ein so hohes Ziel zu erreichen, ist klar, und das Mittelalter macht sich in dieser Hinsicht keine Illusionen. Nikolaus von der Flüe hat es jedoch erreichen können, indem er in seiner Person die Synthese von Religion und Leben vollzogen hat. Das hat er zweifellos mit allen anderen Heiligen gemein. Was aber an ihm besonders eindrucksvoll ist, das ist seine providenlielle Aktualität. Er gehört zu denen, die, obwohl sie aufs engste mit den konkreten Gegebenheiten ihrer Zeit verbunden sind, dennoch so sehr mit Gott vereint sind, dass die Kirche sie zu den Ehren der Altäre erhoben hat. Hat es jemals einen mit seinem Vaterland enger verbundenen Bürger, einen liebevolleren Ehemann, einen um die Erziehung seiner Kinder besorgteren Vater einer zahlreichen Familie, einen um die Interessen selnes Vaterlandes ernstlicher bemühten Mann des öffentlichen Lebens gegeben? Und gerade durch die Ausübung aller dieser häuslichen, bürgerlichen, sozialen Tugenden hat Nikolaus von der Flüe ebenso wie durch die Strenge seines Einsiedlerlebens mit Riesenschritten die steilen Stufen erklommen, die zum Gipfel der Liebe und der Vollkommenheit führen, und sich im Glanz der göttlichen Nachfolge als der Freund Gottes erwiesen, der zu sein er so glühend verlangte.

Begreift ihr, liebe Söhne und Töchter? den furchtbaren Ernst der gegenwärtigen Stunde und die erschütternde Antithese, die sie uns vor Augen führt: auf der einen Seite feiern wir die Glorie der mittelalterlichen Heiligen, der Heiligen, die in sich die Einheit von Religion und Leben, die "Hingabe an Gott" verwirklicht haben, auf der andern Seite, am entgegengesetzten Pol, sehen wir einen nur allzugroßen Teil der Welt die "Hingabe an die Welt", den Götzendienst der Welt bis zur Leugnung Gottes, Ja bis zum Bekenntnis des vollkommensten Atheismus verwirklichen.

Was wird praktisch die Lösung sein, soweit es euch anbetrifft, die ihr mitten im Umsturz der höchsten geistigen und sittlichen Werte lebt? Eine Rückkehr zum Mittelalter? Niemand denkt daran. Doch wohl eine Rückkehr zu jener Synthese von Religion und Leben. Sie ist keineswegs ein Monopol des Mittelalters: alle zeitlichen Zufälligkeiten unendlich weit hinter sich lassend, ist sie immer aktuell, weil sie der unerläßliche Schlüssel der ganzen Zivilisation, weil sie die Seele ist, aus der jede Kultur leben muß, wenn sie sich nicht eigenhändig zerstören und in den Abgrund der menschlichen Bosheit verstricken will, der sich unter ihren Schritten öffnet, sobald sie beginnt, von Gott abzufallen und sich von ihm abzuwenden.

Für euch ergibt sich die Folgerung, dass jeder und jede sich in diesem Augenblick verpflichten muß, aus seinem persönlichen Leben ein dauerndes Opfer der Anbetung und Hingabe im Dienste Gottes zu machen, alle ihm zu Gebote stehenden Mittel zu benutzen, um die, die ihn umgeben, auf den Weg zurückzuführen, der zu Gott führt und um in ihnen diese Einheit wieder herzustellen. Möge der heilige Nikolaus der Zeuge eures Gelöbnisses und euer Beschützer sein, damit ihr diesem Gelöbnis treu bleibt.

Anmerkungen

  1. Herder-Korrespondenz, Herder Verlag Freiburg im Breisgau, 1. Jahrgang, Heft 11/12, Juli/August 1947, S. 526.
  2. Herder-Korrespondenz, Herder Verlag Freiburg im Breisgau, 1. Jahrgang, Heft 11/12, Juli/August 1947, S. 527.
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