Grazie, venerabili fratelli (Wortlaut)

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Aus der Weihnachtsansprache
Grazie, venerabili fratelli

von Papst
Pius XII.
über einen dauernden Völkerfrieden
24. Dezember 1940

(Offizieller italienischer Text AAS 33 [1941] 5-14)

(Quelle: Gerechtigkeit schafft Frieden, Reden und Enzykliken des Heiligen Vaters Pius XII., Herausgegeben von Wilhelm Jussen SJ, Hansa Verlag Josef Toth Hamburg 1946, S. 37-45 mit Sachregister, Kirchliche Druckerlaubnis Osnabrück am 9. Juli 1946 der bischöfliche Generalvikar Dr. Selig).

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen guten Willens. (Lk 2,14 EU)

Inhaltsverzeichnis

Einleitend

1 Mit tragischer und schicksalsschwerer Konsequenz schreitet der einmal losgebrochene Konflikt seinen blutigen Weg. Er häuft Ruinen, schont nicht ehrwürdige Tempel, nicht berühmte Denkmäler und Heimstätten der Liebe. Im Vergessen der Gesetze der Menschlichkeit und in der Missachtung der Sitten und Kriegsbestimmungen wird es auch dieses Mal geschehen, dass eines Tages eine minder zerwühlte Zeit als die unsere die Ereignisse auf die schmerzreichsten und dunkelsten Blätter der Geschichte einträgt. Angstvoll eilt Unser Gedanke dem Augenblick entgegen, an dem die heute nicht oder nur zum Teil bekannte, traurige Chronik voll offenbar wird; die Chronik von zerrissenen Leibern und schmerzzerwühlten Seelen, von Erschlagenen, Gefangenen und Flüchtlingen, von Hungernden.. Leidenden, und Verlorenen. Doch schon was Wir heute wissen, genügt, um das Herz zu bedrängen und zu zerreißen. Aus mehr als aus nur einem Lande scheint Uns der furchtbare Schrei der Frauen und Mütter zu schallen, von dem der Prophet in der Liturgie der Weihnachtsoktav spricht: eine Stimme ward in Rama laut, Weinen und Wehegeschrei. Rachel beweint ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen, denn sie sind nicht mehr.

Päpstliche Hilfsaktionen für Kriegsgefangene, Flüchtlinge, Verschleppte

2 In allem Unglück, das diesem unmenschlichen Krieg entspringt, hat eines sofort in besonderer Weise Unser Herz bedrückt und bedrückt es noch: es ist das Unglück der Kriegsgefangenen. Dies Leid ist für Uns umso brennender, je geringere Möglichkeit Unserm Vaterherzen zugestanden wird, die große Aufgabe in Angriff zu nehmen und je größer die Zahl jener ist, deren Elend wirksame Hilfe und Ermunterung fordert. Im Gedanken an das, was Wir ernst im Namen des Papstes Benedikt XV., seligen Andenkens, während des vorhergehenden Krieges tun durften, um das materielle und moralische Elend vieler Kriegsgefangenen zu lindern, hoffen Wir, es werde auch diesmal der religiösen und caritativen Tätigkeit der Kirche ein Weg offen stehen. Wenn auch in einigen Ländern Unser Bemühen fruchtlos blieb, so ist doch Unsere Anstrengung nicht ganz umsonst geblieben. Konnten Wir doch wenigstens einem Teil der polnischen Gefangenen etliche materielle und geistige Zeichen Unseres Interesses für sie zukommen lassen. Noch mehr konnten Wir für die gefangenen und internierten Italiener tun, besonders in Ägypten, in Australien und Kanada. Wir wollten nicht, dass der Weihnachtstag auf Erden erscheine, ohne dass Wir durch die Vermittlung Unserer Vertreter den englischen und französischen Gefangenen in Italien, den deutschen in England, den griechischen in Albanien und den italienischen, die im ganzen englischen Empire zerstreut sind, besonders in Ägypten, in Palästina, in Indien etwas zukommen lassen, das ihnen Unser ermutigendes und segnendes Gedenken kundtue. Wir waren ferner bemüht, das Unsere zu tun, um die Sorgen der Familien zu erleichtern, die um das Los ihrer fernen und unglücklichen Angehörigen bangten. Mit nicht geringer Mühe haben Wir das Werk begonnen und setzen es entfaltend fort, um soweit als möglich und erlaubt ist, Nachrichten zu erhalten und zu übermitteln. Wir taten das nicht nur für viele Gefangene, sondern auch für Flüchtlinge und für viele, die das gegenwärtige Unglück trauriger Weise von Heimat und Herd trennt. So spürten Wir an Unserm Herzen tausende von Herzen schlagen; bald in der Aufwallung ihrer innersten Gefühle, bald in der schweren Bedrängnis der Ungewissheit, in der überströmenden Freude wiedergewonnener Sicherheit und im tiefen Schmerz oder in gefasster Ergebung ob dem Schicksal ihrer Lieben. Ein nicht geringer Trost ist es für Uns, dass Wir durch den moralischen und geistigen Beistand Unserer Vertreter oder durch das Scherflein Unserer Unterstützung eine große Menge Flüchtlinge, Heimatloser, Emigranten, auch unter den "Nichtariern" trösten können. Besonders reich konnten Wir den Polen helfen, sowie jenen, denen die Liebe Unserer Söhne aus den Vereinigten Staaten Unsere besondere väterliche Anteilnahme möglich machte.

Bestrebungen um eine Neuordnung

3 Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne ! Vor einem Jahr haben Wir an dieser Stelle einige wichtige Leitsätze für einen gerechten, billigen, ehrenvollen und dauerhaften Frieden ausgesprochen. Wenn auch der Gang der Ereignisse die Verwirklichung dieser Leitsätze noch weit hinausgeschoben hat, so haben dennoch die damals geäußerten Gedanken nichts von ihrer innern Wahrheit, Wirklichkeitsnähe und moralischen Verpflichtungskraft eingebüßt. Wir stehen heute vor einer Tatsache von großer, symptomatischer Bedeutung. Aus den leidenschaftlichen Äußerungen der Kriegsparteien über die Kriegsziele und die Gestaltung des Friedens taucht immer klarer eine "opinio communis", eine gemeinsame Auffassung herauf, die besagt, dass das Vorkriegseuropa und seine staatlichen Einrichtungen sich in einem so tiefgreifenden Umformungsprozess befinden, dass sich eine neue Weltzeit ankündigt. Man sagt, Europa und seine Staatsordnung werden nicht mehr so sein wie früher. Etwas Neues, Besseres, organisch Gewordenes müsse an die Stelle des Alten treten, um die Mängel und Schwächen zu vermeiden, die im Lichte des neuen Geschehens offenbar wurden. Es ist wahr: die verschiedenen Parteien sind in ihren Auffassungen und Zielen uneins. Aber in einem stimmen sie alle über ein: sie erstreben eine neue Ordnung und halten eine einfache und schlichte Rückkehr zu den früheren Verhältnissen für unmöglich. Solche Geisteshaltung lässt sich nicht genügend aus einer "rerum novarum cupiditas" (Neuerungssucht) erklären. Es sind vielmehr neue, aus der Zeitnot und aus dem Druck der von ihr geforderten Opfer geborene Erkenntnisse, die Geister und Herzen in ihren Bann ziehen. Es ist die klare Erkenntnis, dass das Heute versagt hat; ein entschiedenes Streben nach einer Ordnung, die die Rechtsgrundsätze des staatlichen und internationalen Lebens sichert. Dass dieses vorwärtsdrängende Streben sich mit besonderer Heftigkeit in den weiten Kreisen des werktätigen Volkes kundgibt, das in Krieg und Frieden am meisten die Bitterkeit der wirtschaftlichen Störungen im eigenen und im internationalen Leben verkosten muss, ist nicht zu verwundern. 4 "Die Kirche, die gemeinsame Mutter aller, hat für diesen Aufschrei der Volksseele ein tiefes Verständnis. Die Kirche ist nicht berufen, unter den verschiedenen, entgegengesetzten, zeitgebundenen Systemen Partei zu ergreifen. In den Schranken, des allgemein Individuum und Volk verpflichtenden göttlichen Rechts besteht ein weiter Spielraum für freie Ausgestaltung verschiedenster politischer Ansichten. Die praktische Bejahung des einen oder des andern politischen Systems hängt oft in weitem und entscheidendem Maß von Umständen und Faktoren ab, die in sich selbst betrachtet, mit dem Ziel und der Aktion der Kirche nichts zu tun haben. Als Hüterin und Bannerträgern der Grundsätze des Glaubens und der Moral hat die Kirche das einzige Interesse und das alleinige Bestreben, mit ihren erzieherischen und religiösen Mitteln alle Völker ohne Unterschied an die klaren Quellen des christlichen Erbgutes und des christlichen Lebens zu führen, damit jedes Volk seiner Eigenart gemäß sich der ethischen und. religiösen Werte des Christentums erfreue und sich so eine menschenwürdige und geistig gehobene Gemeinschaft schaffe, aus der sein Wohlergehen erblüht. Die Kirche hat mehr als einmal schon tauben Ohren gepredigt, nun predigt auf ihre Weise die harte Notwendigkeit und ruft "Erudimini !" "Lasst euch belehren!". Ihr öffnen sich die Ohren, die der mütterlichen Stimme der Braut Christi so lange verschlossen blieben. Notzeiten sind oft reicher an wahren und tiefen Lehren als Zeiten des Wohllebens und das Leid ist oft ein tüchtigerer Lehrer, als der spielende Erfolg. "Die Bedrängnis allein schafft Verständnis für das Gehörte" ( Is 28,19). Wir hoffen zu Gott, dass die ganze Menschheit und jedes Volk gesondert weiser, erprobter und gereifter aus dieser heutigen schmerzlichen und blutigen Schule hervorgehe. Dass sie klaren Auges die Wahrheit vom trügerischen Scheine unterscheiden könne und lerne auf die angenehme oder unangenehme Stimme der Vernunft zu hören und nicht auf die hohle Rhetorik des Irrtums. Wir hoffen, dass die leidgeprüfte Menschheit ihr Urteil nach der Wirklichkeit bilde und ernsthaft sich um Recht und Gerechtigkeit bemühe, aber nicht nur dann, wenn es sich um eigene, sondern auch, wenn es sich um fremde Interessen handelt.

5 Nur mit solcher Herzensgesinnung kann man dem verführerischen Ausdruck "Neuordnung" einen schönen, würdigen und dauerhaften Inhalt geben, der sich auf die Gesetze der Sittlichkeit stützt. Nur so ist die Gefahr gebannt, dass die Neuordnung wie ein äußerer Mechanismus einfach mit Gewalt aufgezwungen wird ohne Aufrichtigkeit und freie Zustimmung, ohne Freude und Frieden, ohne Würde und Wert. Dann kann der Menschheit eine neue Hoffnung gegeben werden, die sie beruhigt, und ein Ziel, das ihrem edlen Streben entspricht. Dann werden die geheimen und offenen, niederdrückenden und verderblichen Mächte der chronischen Zwietracht, die gegenwärtig die Welt bedrückt, ausgeschaltet.

Bedingungen für eine neue wahre und dauerhafte Ordnung

6 Die unumgänglichen Voraussetzungen einer guten "Neuordnung" sind folgende:

1. Der Sieg über den Hass, der heute die Völker entzweit, und deshalb der Verzicht auf Systeme und Praktiken, die den Hass immer neu nähren. Gegenwärtig aber sieht man in verschiedenen Ländern eine hemmungslose Propaganda am Werk, die sich selbst offensichtlich gegen die Wahrheit versündigt und die täglich, ja stündlich die öffentliche Meinung der Völker falsch, ja verheerend beeinflusst. Wer das wahre Wohl des Volkes will, darf nicht die geistigen Grundlagen einer künftigen Völkerzusammenarbeit untergraben, sondern muss es als seine heilige Pflicht betrachten, unter den Menschen die natürlichen Ideale der Wahrhaftigkeit, der Gerechtigkeit, Höflichkeit, der Zusammenarbeit im Guten zu fördern, und vor allem das von Christus der Welt gepredigte übernatürliche Gebot der Bruderliebe zu ehren.

7 2. Der Sieg über das Misstrauen, das heute schwer das internationale Recht niederdrückt und jede Übereinkunft unmöglich macht. Es muss wieder der Grundsatz gelten: "Die Schwester der Gerechtigkeit ist die makellose Treue" (Horaz). Man muss also zur Treue in der Beobachtung der Verträge zurückkehren. Ohne diese ist jedes geordnete Zusammenleben der Völker und vor allem ein Nebeneinander von schwachen und mächtigen Völkern undenkbar. Die alte römische Weisheit verkündete ja: das Fundament der Gerechtigkeit ist die Treue, d. h. die Beständigkeit und Aufrichtigkeit in Versprechungen und Verträgen (Cicero, de off. 1,7,23.)

8 3. Der Sieg über den unheilvollen Grundsatz; dass Nützlichkeit die Grundlage des Rechtes ist, und dass die Gewalt Recht setzt. Dieser Grundsatz wirft jede internationale Ordnung um. Er fügt vor allem jenen Staaten großen Schaden zu, die entweder traditionell friedlichen Methoden anhängen oder die infolge ihrer kleineren Kriegsstärke mit den andern nicht wetteifern können oder wollen. Es ist unumgänglich nötig, dass man zu einer ernsten und tiefen Moralität im Zusammenleben der Völker zurückkehrt. Das schließt natürlich nicht aus, dass einzelne Staaten auf ehrliche Weise das ihnen Nützliche erstreben; noch dass sie einen angemessenen und rechtmäßigen Gebrauch ihrer Machtmittel machen, wenn es gilt, durch Gewalt verletzte Rechte zu schützen oder Angriffe abzuwehren.

9 4. Der Sieg über jene Konfliktskeime, die aus allzu großer Verschiedenheit auf weltwirtschaftlichem Gebiete entstehen. Es ist notwendig, durch immer fortschreitende Entwicklung und entsprechende Garantien zu einer Ordnung zu kommen, die allen Staaten die Mittel gibt, den Bürgern aller Stände eine angemessene Lebensmöglichkeit zu verschaffen.

10 5. Der Sieg über den kalten Eigennutz, der sich nur auf die eigene Kraft stützt und der darum leicht die Ehre und die Souveränität der andern Staaten und die gerechte, gesunde, geordnete und disziplinierte Freiheit der Bürger verletzt. Dieser Eigennutz muss ersetzt werden durch eine ehrliche, rechtliche und wirtschaftliche Solidarität und eine durch das göttliche Gesetz geforderte brüderliche Zusammenarbeit der Völker, die sich dabei ihrer Selbständigkeit und Unabhängigkeit sicher wissen. Solange noch, bedingt durch die harten Notwendigkeiten des Krieges, die Waffen sprechen, können wir kaum bestimmte Aktionen erwarten, die die Wiederherstellung der moralisch und juristisch unverjährbaren Rechte zum Ziele haben. Doch wäre es zu wünschen, bereits jetzt eine prinzipielle Erklärung zu erhalten, durch welche diese Rechte anerkannt würden. Durch eine solche Erklärung würde die Unruhe und die Verbitterung derjenigen behoben, die sich in ihrer Existenz oder in ihren freien Entwicklungsmöglichkeiten bedroht fühlen ...

Pius XI. PP.
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