Già per la (Wortlaut)

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Weihnachtsansprache
Già per la

von Papst
Pius XII.
über die Kirche und den Frieden
24. Dezember 1951

(Offizieller italienischer Text: AAS 44 [1952] 5-15)

(Quelle: Herder-Korrespondenz, Herder Verlag, 6. Jahrgang 1951/52; Viertes Heft, Januar 1952, S. 160-164: Römische Übersetzung)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen guten Willens. (Lk 2,14 EU)

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Ein trautes Fest

Bereits das dreizehnte Mal gewährt Uns der Ewige Hohepriester die Gnade, zur Wiederkehr des Weihnachtsfestes von diesem ehrwürdigen Sitz aus Unser Wort an den katholischen Erdkreis zu richten. Jahr für Jahr bietet Uns die holde Feier Gelegenheit, allen Gläubigen der Welt Unseren väterlichen Gruß zu entbieten in dem tiefen Bewusstsein des geheimnisvollen Bandes, das zu Füßen der Krippe des neugeborenen Heilands die von Christus Erlösten in Glaube, Hoffnung und Liebe eint. Wo irdische Einrichtungen in so großer Zahl zusammenbrechen und so viel hinfällig-menschliches Planen misslingt, erhält der Geist Gottes seine Braut, die Kirche, und schenkt ihr, mit der Kraft sich unaufhörlich erneuernder Jugend, eine Überfülle des Lebens, dessen Äußerungen immer leuchtender ihren übernatürlichen Charakter offenbaren: ein unaussprechlicher Trost für jeden Gläubigen, ein unlösbares Rätsel für die Feinde des Glaubens.

Und doch, wie groß auch Unsere Freude sein mag, Uns in der weihnachtlichen Begegnung mit den Gläubigen aller Erdteile - und auch mit allen, die im Glauben an Gott mit Uns eins sind - verbunden zu wissen, die harte Wirklichkeit der Stunde lässt auf die frohe Feststimmung den dunklen Schatten der Wolken fallen, die noch immer drohend über der Welt hängen.

Beitrag der Kirche zur Sache des Friedens

Wir wissen wohl um die tiefe Genugtuung und die unbedingte Bereitschaft, mit der Unsere treuen Söhne immer die Stimme des gemeinsamen Vaters hören. Ebenso gut wissen Wir aber auch um die bange Erwartung, mit der sie wiederum ein Wort von ihm über das große Anliegen des Friedens wünschen, das die Geister bewegt und beunruhigt, ein bündiges und sachliches Wort vor allem über den Beitrag der Kirche zum Frieden, und zwar: worin ein solcher Beitrag nicht bestehen kann; worin er bestehen kann und soll; worin er wirklich besteht. Der Vater im Himmel, der zur Geburt seines Sohnes Engelchöre sandte, den Frieden auf Erden zu künden, möge sich herablassen, Unser Wort mit seinem Geist zu erfüllen.

I. Worin kann der Beitrag der Kirche für den Frieden nicht bestehen?

So genannte politische Neutralität der Kirche

Die gegenwärtige Lage verlangt von Uns ein offenes und ehrliches Wort zu den Tatsachen. Diese Tatsachen haben sich dermaßen zugespitzt, dass Wir die Welt in zwei einander entgegenstehende Lager gespalten, die Menschheit selbst so vollständig in zwei Gruppen getrennt sehen müssen, dass diese schwerlich bereit sind, es irgendjemandem in irgendeiner Weise freizustellen, zwischen den gegnerischen Parteien die Haltung politischer Neutralität zu wahren.

Die nun, die zu Unrecht die Kirche für eine irdische Macht, für eine Art Weltreich halten, lassen sich leicht verleiten, auch von ihr, wie von den andern, den Verzicht auf Neutralität, die endgültige Entscheidung für die eine oder die andere Seite zu verlangen. Doch für die Kirche kann es sich gar nicht darum handeln, auf politische Neutralität zu verzichten, aus dem einfachen Grund, weil sie sich nicht in den Dienst rein politischer Interessen stellen kann.

Man denke nicht, dass dies ein bloßes Spiel mit Worten und Begriffen sei. Die elementarsten Kenntnisse über das Fundament, auf dem die Kirche als Gemeinschaft ruht, genügen, um Uns ohne weitere Erklärung zu verstehen. Der göttliche Erlöser hat die Kirche gegründet, um durch sie der Menschheit seine Wahrheit und Gnade mitzuteilen bis zum Ende der Zeiten. Die Kirche ist sein "mystischer Leib". Sie ist ganz Christi, Christus aber Gottes (1 Kor 3, 23).

Politiker, ja sogar Männer der Kirche, wollen bisweilen die Braut Christi zu ihrer Verbündeten oder zum Werkzeug ihrer nationalen oder internationalen Pläne machen. Aber sie würden damit an das innere Wesen der Kirche rühren, sie in ihrem ureigenen Leben schädigen. Mit einem Wort, sie würden sie auf die gleiche Ebene herabziehen, auf welcher der Streit um irdische Angelegenheiten ausgetragen wird. Das ist und bleibt wahr, auch wenn es um an sich guter Zwecke und Interessen willen geschieht.

Wer darum die Kirche von ihrer so genannten Neutralität abbringen wollte; wer in der Friedensfrage einen Druck auf sie ausüben oder ihr Recht beeinträchtigen wollte, frei zu bestimmen, ob, wann und wie sie in den verschiedenen Streitfällen Partei ergreifen soll, würde ihre Mitarbeit am Friedenswerk nicht erleichtern; denn eine solche Parteinahme von seiten der Kirche kann auch in Fragen der Politik nie eine rein politische sein; sie muss immer "sub specie aeternitatis", im Blick der Ewigkeit stehen, im Licht des Gesetzes Gottes, seiner Ordnung, seiner Werte und Maßstäbe.

Der Fall ist nicht selten, dass rein irdische Mächte und Organisationen ihre Neutralität aufgeben, um heute in dieses, morgen vielleicht in das andere Lager zu gehen. Es ist das ein Spiel von Überlegungen, das seine Erklärung in dem unaufhörlichen Auf und Ab zeitlicher Interessen findet. Die Kirche aber hält sich fern von solchen veränderlichen Gruppierungen. Wenn sie ein Urteil fällt, so ist das für sie nicht ein Heraustreten aus einer bisher gewahrten Neutralität; Gott ist ja niemals neutral gegenüber den menschlichen Dingen, gegenüber dem Lauf der Geschichte; darum kann es auch die Kirche nicht sein. Wenn sie spricht, dann tut sie es kraft ihrer gottgewollten Sendung. Wenn sie über die Fragen des Tages spricht und urteilt, so geschieht es in dem klaren Bewusstsein, in der Kraft des Heiligen Geistes das Urteil vorwegzunehmen, das am Ende der Zeiten ihr Herr und Haupt, der Richter des Weltalls, bestätigen und bekräftigen wird.

Dies ist die wesenseigene und über das Menschliche hinausreichende Aufgabe der Kirche in Sachen der Politik. Welchen Sinn hat dann aber noch das inhaltlose Wort von einer Neutralität, auf welche die Kirche verzichten solle?

Die Kirche urteilt nicht nach ausschließlich politischen Gesichtspunkten

Andere wiederum verlangen gerade Neutralität von der Kirche zum Besten des Friedens; doch auch sie haben keinen richtigen Begriff von dem Standort, den die Kirche im Ablauf der großen Weltereignisse einnimmt. Die Kirche kann nicht aus der hohen übernatürlichen Sphäre herabsteigen, die keine politische Neutralität in dem Sinn, in dem dieser Begriff auf die irdischen Mächte angewandt wird - kennt. Aber das schließt die Teilnahme der Kirche an der Angst und Not ihrer getrennt im einen und anderen Lager stehenden Glieder und auch ihren Kummer über den Gegensatz der Meinungen und Wünsche in ihren eigenen Reihen nicht aus, sondern vertieft ihn nur. Die Kirche kann sich nicht dazu herbeilassen, ihr Urteil nach ausschließlich politischen Gesichtspunkten zu bilden; sie kann die religiösen Belange nicht an Programme binden, die von rein irdischen Zielen bestimmt sind; sie kann sich nicht der Gefahr eines berechtigten Zweifels an ihrem religiösen Charakter aussetzen; sie kann nicht vergessen, selbst nicht für einen Augenblick, dass sie als Stellvertreterin Gottes auf Erden in menschlichen Dingen auch nicht für noch so kurze Zeit unentschieden zwischen "Gut" und "Böse" stehen darf. Würde ein solches Ansinnen an sie gestellt, so müsste sie es zurückweisen, und die Gläubigen auf der einen und der anderen Seite müssten kraft ihres übernatürlichen Glaubens und Hoffens diese ihre Haltung verstehen und achten.

II. Worin besteht der Beitrag, den die Kirche für die Sache des Friedens leisten kann und soll?

Wenn nun aber dieser Beitrag nicht rein politischer Art sein kann, wenn die Kirche ihren normalen Platz und ihre eigentliche Aufgabe nicht dort hat, wo die Staaten, Freunde, Gegner oder Neutrale, sich mit ihren Auffassungen und konkreten politischen Zielen ständig treffen - was soll dann ihr Beitrag zum Frieden sein? Welches ist der Rechtstitel und die Eigenart ihres Beitrags?

Der Rechtstitel und die Natur der Friedenssendung der Kirche

Ihr Rechtstitel? Schaut! Nirgends findet ihr ihn so deutlich und gleichsam greifbar wie an der Krippe von Bethlehem. Das Kind dort ist der menschgewordene ewige Sohn Gottes, sein Name ist "Princeps pacis", Friedensfürst. Fürst und Friedensstifter, das ist das Wesen des Heilands und Erlösers des gesamten Menschengeschlechts. Seine hohe göttliche Sendung ist es, Frieden zu stiften zwischen jedem Einzelmenschen und Gott, zwischen den Menschen untereinander und zwischen den Völkern. Diese Sendung, dieser Friedenswille aber, haben ihren Ursprung nicht in Kleinmut und Schwäche, die dem Bösen und den Übelwollenden nur Ergebung und Geduld entgegenzusetzen vermögen. In der Zartheit des Kindes von Bethlehem liegt verhaltene Majestät und Kraft, und nur die Liebe lässt beides zurücktreten, um die Menschenherzen zu befähigen, den Frieden Wurzel fassen zu lassen und zu erhalten, und ihnen die Kraft zu geben, alles niederzuzwingen und zu zerstreuen, was seine Sicherheit in Frage stellen könnte.

Der göttliche Erlöser ist aber auch das unsichtbare Haupt der Kirche; darum besteht und gilt seine Friedenssendung weiter in der Kirche. Jedes Jahr lässt die Wiederkehr des Weihnachtsfestes in ihr das innerste Bewusstsein ihres Anspruchs wiederaufleben, zum Werk des Friedens beizutragen: ein einzigartiger Anspruch, der alles Irdische Übersteigt und unmittelbar von Gott kommt, ein Wesensbestandteil ihrer Natur und religiösen Gewalt.

Auch dieses Jahr wirft sich die Kirche an der Krippe nieder und nimmt vom göttlichen Kinde die Sendung des Friedensfürsten entgegen. In seiner Nähe atmet sie den Hauch der im vollsten Sinne des Wortes wahren Menschlichkeit, denn es ist die Menschlichkeit Gottes selbst, ihres Schöpfers, Erlösers und Wiederherstellers. Die Augen liebend auf das Antlitz des unendlich liebenswürdigen Friedensfürsten gerichtet, fühlt die Kirche die Schläge seines Herzens, die von der alle Menschen umfassenden Liebe künden, und sie erglüht in brennendem Eifer für die Friedenssendung ihres Herrn und Hauptes, die auch die ihrige ist.

Das Bewusstsein dieser Friedensaufgabe hat sich in der Kirche immer lebendig und wirksam erwiesen, besonders in den Päpsten, ihren sichtbaren Oberhäuptern. Mit Recht hat deshalb Unser großer Vorgänger Leo XIII. den Völkern jene Betätigung der Päpste für den Frieden in Erinnerung gerufen, als er im Jahre 1899, am Vorabend der ersten Friedenskonferenz, die Worte sprach: "Was sie (nämlich die Päpste) antrieb, war das Bewusstsein eines ganz hohen Auftrags, war der Antrieb einer geistigen Vaterschaft, die zu Brüdern macht und Rettung bringt" (Ansprache an das Kardinalskollegium am 11. April 1899; Leonis XIII P. M. Acta, vol. XIX, Romae 1900, pag. 271). Auch heute gilt das gleiche, wie Wir schon sagten.

Wenn sich aber die Kirche und ihr Oberhaupt von der trauten, friedvollen und das Herz erwärmenden Nähe des Kindes von Bethlehem zur Welt wenden, die fern von Christus lebt, so schlägt ihnen ein eisiger Lufthauch entgegen. Jene Welt spricht zwar immer von Frieden, aber sie hat keinen Frieden. Sie beansprucht für sich alle möglichen und unmöglichen Rechtstitel zur Herstellung des Friedens, sie kennt oder anerkennt jedoch nicht die Friedenssendung, die unmittelbar von Gott ausgeht, die Friedenssendung nämlich, die in der religiösen Autorität der Kirche liegt.

Arme, kurzsichtige Menschen, deren enges Blickfeld nicht über die feststellbaren Möglichkeiten der augenblicklichen Stunde und nicht über die Zahlen des militärischen und wirtschaftlichen Potentials hinausgeht! Wie sollten sie sich auch nur die geringste Vorstellung machen können vom Gewicht und der Bedeutung der religiösen Autorität für die Lösung des Friedensproblems? Oberflächliche Geister, unfähig, den Wert und die schöpferische Kraft des Christentums in seiner ganzen Wahrheit und Fülle zu sehen, wie sollten sie es fertigbringen, nicht skeptisch und geringschätzig gegenüber der Friedensmacht der Kirche zu bleiben? Doch die anderen - und gebe Gott, dass sie die Mehrheit seien! - werden, mehr oder weniger bewusst, gewahr werden, dass die tragische Lage der verwirrten modernen Welt noch verschlimmert worden ist dadurch, dass man der religiösen Autorität der Kirche die Voraussetzungen für eine wirksame Bemühung um den Frieden entzieht.

Zu diesem fast unerträglichen Exzess hat der Abfall so vieler Menschen vom christlichen Glauben geführt. Ja, man möchte sagen, dass Gott auf das schwere Vergehen des Abfalls von Christus geantwortet hat mit der Geißel einer ständigen Friedensbedrohung und mit dem qualvollen Zustand der Angst vor dem Kriege. Unvergleichlich wie der Rechtstitel der Kirche für das Friedenswerk ist auch der Wert ihres Beitrages zum Frieden.

Beziehungen der Kirche zu den Staaten

Die Kirche ist keine politische, sondern eine religiöse Gesellschaft. Das hindert sie jedoch nicht, mit den Staaten nicht allein in äußeren, sondern auch in inneren und lebendigen Beziehungen zu stehen. Die Kirche ist ja von Christus gestiftet worden als sichtbare Gesellschaft, und als solche trifft sie sich mit den Staaten auf dem gleichen Gebiete, umfasst sie mit ihrer Sorge die gleichen Menschen und bedient sie sich in mannigfacher Form und unter verschiedenen Gesichtspunkten der gleichen Güter und Einrichtungen.

Zu diesen äußeren und gleichsam natürlichen Beziehungen auf Grund des menschlichen Zusammenlebens kommen andere, innere und lebendige, dIe Ausgang und Ursprung in der Persönlichkeit Jesu Christi haben, insofern er das Haupt der Kirche ist. Indem nämlich der Sohn Gottes sich zum Menschen, und zwar zu einem wahren Menschen machte, trat er in eine neue, wahrhaft vitale Beziehung zum sozialen Körper der Menschheit, zum Menschengeschlecht sowohl in seiner Einheit, die die gleiche persönliche Würde aller Menschen besagt, wie in seinen vielfältigen besonderen Gemeinschaften, zumal jenen, die im Schoße dieser Einheit notwendig sind, um die äußere Ordnung und die rechte Organisation zu gewährleisten oder ihr wenigstens eine größere natürliche Vervollkommnung zu geben.

Die Gemeinschaft der Staaten

Zu diesen Gemeinschaften gehören an erster Stelle die Familie, der Staat und auch die Gemeinschaft der Staaten; denn das Gemeinwohl, der Wesens zweck eines jeden von ihnen, kann weder bestehen noch gedacht werden ohne deren innere Beziehung zur Einheit des Menschengeschlechts. Unter diesem Gesichtspunkt ist die unauflösliche Vereinigung der Staaten eine natürliche Forderung, sie ist eine Tatsache, die sich ihnen aufdrängt und der sie sich, wenn auch zuweilen zögernd, wie der Stimme der Natur unterwerfen, und sie bemühen sich, ihrer Vereinigung auch eine dauerhafte äußere Regelung, eine Organisation zu geben.

Der Staat, die Gemeinschaft der Staaten mit ihrer Organisation sind also - kraft ihrer Natur und der sozialen Anlage des Menschen und trotz aller Schatten, wie die Erfahrung der Geschichte bezeugt - Formen der Einheit und der Ordnung unter den Menschen, unentbehrlich für das menschliche Leben und förderlich für dessen Vervollkommnung. Schon ihr Begriff besagt die Ruhe in der Ordnung, jene »tranquillitas ordinis", die der hl. Augustinus als Wesensinhalt des Friedens bezeichnet. Sie sind also wesentlich Friedensordnung.

Mit ihnen als Friedensordnung ist Jesus Christus, der Fürst des Friedens, - und mit ihm die Kirche, in der er fortlebt - in eine neue, innere Beziehung lebensvoller Erhöhung und Bekräftigung eingetreten. Dies ist die Grundlage des einzigartigen Friedensbeitrags, den die Kirche ihrer Natur nach leistet, vorausgesetzt, dass ihr Dasein und Wirken unter den Menschen den ihm zukommenden Platz einnimmt.

Und wie soll sich dies alles auch verwirklichen, wenn nicht durch den ständigen, erleuchtenden und stärkenden Einfluss der Gnade Christi auf das Denken und Wollen der Staatsbürger und ihrer Oberhäupter, damit sie die vom Schöpfer auf allen Gebieten des menschlichen Zusammenlebens gewiesenen Ziele erkennen und verfolgen, sich bemühen, die Zusammenarbeit der Einzelnen und der Völker auf diese Ziele hinzu lenken, und die soziale Gerechtigkeit und Liebe sowohl im Innern der Staaten wie in ihren gegenseitigen Beziehungen ausüben?

Wenn die Menschheit in Gleichförmigkeit mit dem göttlichen Willen das sichere Heilmittel anwendet, das in der vollkommenen christlichen Ordnung der Welt besteht, so wird sie bald sehen, wie tatsächlich sogar die Möglichkeit des Krieges, selbst des gerechten, verschwindet; denn er wird kein Daseinszweck mehr haben, sobald die Tätigkeit der Gemeinschaft der Staaten als wahre Friedensordnung verbürgt ist.

III. Was ist der praktische Beitrag der Kirche für die Sache des Friedens?

Die christliche Ordnung als Grundlage und Bürge des Friedens

Unsere letzten Worte bringen Unsere Gedanken zu dieser Frage klar zum Ausdruck. Auch heute, wie schon öfters, sehen Wir uns an der Krippe des göttlichen Friedensfürsten genötigt zu erklären: die Welt ist weit entfernt von jener gottgewollten Ordnung in Christus, die einen echten und dauerhaften Frieden verbürgt. Man wird vielleicht sagen, dass es sich dann doch nicht lohne, die großen Linien jener Ordnung aufzuzeigen und gerade in ihr den grundlegenden Beitrag der Kirche zum Werk des Friedens zu sehen. Man wird einwenden, dass Wir damit nur den Zynismus der Skeptiker reizen und die Entmutigung der Freunde des Friedens noch vertiefen, wenn er nicht anders als mit dem Rückgriff auf die ewigen Werte des Menschen und der Menschheit verteidigt werden kann. Man wird Uns endlich entgegenhalten, dass Wir damit tatsächlich dem recht geben, der das letzte und entscheidende Wort der Friedensfrage im "bewaffneten Frieden" sieht, also in einer Lösung, die erdrückend für die wirtschaftlichen Kräfte der Völker und aufreibend für ihre Nerven ist.

Dennoch halten Wir es für unumgänglich nötig, den Blick auf die heute von allzu vielen aus dem Auge verlorene christliche Ordnung zu heften, wenn wir den Kern des Problems sehen wollen, wie es sich heute darbietet, und wenn wir uns nicht bloß theoretisch, sondern auch praktisch Rechenschaft geben wollen über den Beitrag, den alle und an erster Stelle die Kirche wirklich leisten können, auch in ungünstigen Verhältnissen und trotz der Zweifler und Schwarzseher.

Vor allem wird jener Blick jeden unvoreingenommenen Beobachter davon überzeugen, dass der Kernpunkt der Friedensfrage heute geistig-sittlicher Ordnung ist, dass er in einem seelischen Mangel oder Fehler liegt. Allzu spärlich ist in der heutigen Welt der tief christliche Sinn, allzu gering ist die Zahl der wahren und vollkommenen Christen. Dadurch legen die Menschen selbst der Verwirklichung der gottgewollten Ordnung Hindernisse in den Weg.

Es ist notwendig, dass jeder sich von diesem geistig-sittlichen Charakter der Kriegsgefahr überzeugt. Diese Überzeugung zu wecken ist in erster Linie Aufgabe der Kirche, ist heute ihr erster Beitrag zum Frieden.

Die modernen Waffen

Auch wir beklagen - und das mehr als irgendein anderer - die ungeheuerliche Grausamkeit der modernen Waffen. Wir beklagen sie und hören nicht auf zu beten, dass sie niemals zur Anwendung kommen mögen. Aber ist es anderseits nicht vielleicht eine Art von praktischem Materialismus und oberflächlicher Sentimentalität, wenn man beim Friedensproblem einzig oder hauptsächlich an das Vorhandensein und die Drohung jener Waffen denkt, während man das Fehlen der christlichen Ordnung, die doch die wahre Gewähr des Friedens wäre, einfach übergeht?

Daher kommen, um von andern Gründen abzusehen, die Meinungsverschiedenheiten und auch die Ungenauigkeiten über Erlaubtheit oder Unerlaubtheit des modernen Krieges; daher gleicherweise die Selbsttäuschung von Politikern, die allzu sehr auf das Vorhandensein oder Verschwinden jener Waffen bauen. Der Schrecken, den diese einflößen, verliert wie jeder andere Schrecken auf die Dauer seine Wirkung. Wenigstens würde er gegebenenfalls nicht genügen, um der Entfesselung eines Krieges Einhalt zu tun, besonders dort, wo die Gefühle der Bürger keinen genügenden Einfluss auf die Entscheidungen ihrer Regierungen haben.

Die Abrüstung

Die Abrüstung anderseits, d. h. die gleichzeitige und beiderseitige Einschränkung der Rüstungen, die von Uns immer verlangt wurde, zu der Wir immer aufgerufen haben, ist eine wenig zuverlässige Gewähr für einen dauerhaften Frieden, wenn sie nicht begleitet ist von der Ablegung der Waffen des Hasses, der Begehrlichkeit und der maßlosen Geltungssucht. Mit anderen Worten, wer die Frage der materiellen Waffen zu eng mit jener des Friedens verquickt, begeht den Fehler, dass er die entscheidende sittliche Seite jeder Kriegsgefahr nicht beachtet. Sein Blick geht nicht über Zahlen hinaus und ist überdies notwendig auf den Augenblick beschränkt, in dem der Kampf auszubrechen droht. Ein solcher Freund des Friedens kommt immer zu spät zu dessen Rettung. Wenn man den Krieg wirklich verhindern will, muss man vor allem der seelischen Blutarmut der Völker abzuhelfen suchen, dem Nichtwissen um die eigene Verantwortung vor Gott und den Menschen für das Fehlen der christlichen Ordnung, die allein den Frieden zu gewährleisten vermag. Darauf sind jetzt die Bemühungen der Kirche gerichtet.

Die christliche Ordnung eine Ordnung der Freiheit

Dabei stößt sie jedoch auf eine besondere Schwierigkeit, die in der Form der gegenwärtigen sozialen Verhältnisse liegt: ihre Mahnung zur christlichen Ordnung als dem Hauptelement der Friedensordnung ist zugleich ein Ansporn zum rechten Verständnis der wahren Freiheit. Die christliche Ordnung als Friedensordnung ist ihrem Wesen nach Ordnung der Freiheit. Sie ist das solidarische Zusammenwirken von freien Menschen und Völkern, um in allen Lebensbereichen die von Gott der Menschheit gewiesenen Ziele fortschreitend zu verwirklichen. Es ist aber eine schmerzliche Tatsache, dass man heute die wahre Freiheit nicht mehr schätzt oder sie nicht mehr besitzt. Unter solchen Umständen ist das menschliche Zusammenleben als Friedensordnung innerlich entnervt und blutlos, äußerlich jeden Augenblick gefährdet.

Jene zum Beispiel, die im wirtschaftlichen und sozialen Bereich alles, auch die Lenkung und Sicherung ihrer Existenz, der Gesellschaft überantworten möchten, oder jene, die heute ihre geistige Nahrung immer weniger von sich selbst, von den eigenen Überzeugungen, dem eigenen Wissen, immer mehr von Presse, Rundfunk, Film, Fernsehen, schon gut zubereitet, erwarten, wie sollten sie die wahre Freiheit erfassen, schätzen und wünschen können, wenn in ihrem Leben kein Platz mehr für sie ist?

Sie sind ja nur mehr einfache Rädchen in den verschiedenen Gesellschaftskörpern, nicht mehr freie Menschen, die fähig wären, einen Teil der Verantwortung für die öffentlichen Angelegenheiten bewusst auf sich zu nehmen. Wenn sie darum heute rufen: Nie wieder Krieg! - wie könnte man sich auf sie verlassen? Es ist ja gar nicht ihre Stimme; es ist die anonyme Stimme der Gesellschaftsgruppe, in die sie einbezogen sind.

Das ist die traurige Lage, ein Hemmnis auch für die Kirche in ihren Friedensbemühungen, ihren Mahnungen, sich der wahren menschlichen Freiheit bewusst zu sein, diesem nach christlicher Auffassung unentbehrlichen Bestandteil der sozialen Ordnung, insofern sie Friedensordnung ist. Vergeblich würde sie ihren Anruf an Menschen, denen jenes Bewusstsein fehlt, vervielfachen, und noch nutzloser richtete sie ihn an eine Gesellschaft, in der alles automatisch geworden wäre.

Das ist die leider weit verbreitete Schwäche einer Welt, die sich gern mit Nachdruck "die freie Welt" nennt. Sie täuscht sich oder kennt sich selbst nicht: in der wahren Freiheit liegt ihre Kraft nicht. Dieser Zustand bildet eine neue Gefahr für den Frieden, die im Licht der christlichen Sozialordnung aufgezeigt werden muss. Daher stammt bei nicht wenigen führenden Männern der so genannten "liberalen Weh" eine Abneigung gegen die Kirche, gegen diese unwillkommene Mahnerin an etwas, das man nicht hat, aber zu haben vorgibt, und das man, in sonderbarer Verkehrung der Begriffe, zu Unrecht gerade der Kirche abstreitet, nämlich Achtung und Ehrfurcht vor der echten Freiheit.

Der Ruf der Kirche findet aber im entgegengesetzten Lager noch weniger Anklang. Hier beansprucht man, wirklich im Besitz der wahren Freiheit zu sein; denn hier schwankt das soziale Leben nicht als Spielball des haltlosen Trugbilds vom autonomen Einzelmenschen, noch macht es die öffentliche Ordnung möglichst gleichgültig gegenüber Werten, die für absolut ausgegeben werden; vielmehr ist alles genau festgelegt und hingeordnet auf den Bestand und das Wachstum einer bestimmten kollektivistischen Gesellschaft.

Doch das Ergebnis des Systems, von dem Wir hier sprechen, ist kein glückliches, noch hat es das Wirken der Kirche erleichtert; denn hier ist der wahre Begriff der Freiheit und der persönlichen Verantwortung noch weniger gesichert. Und wie könnte es anders sein, da dort Gott nicht an oberster Stelle steht, Leben und Wirken der Welt nicht um ihn kreisen, ihn nicht zum Mittelpunkt haben? Die Gesellschaft ist nichts als eine riesige Maschine mit einer nur scheinbaren Ordnung, weil sie nicht mehr die Ordnung des Lebens, des Geistes, der Freiheit und des Friedens ist. Wie bei einer Maschine vollzieht sich ihre Tätigkeit nur materiell, die menschliche Würde und Freiheit vernichtend.

In einer solchen Gesellschaft findet der Beitrag der Kirche zum Frieden und ihre Mahnung zu wahrer Ordnung in wahrer Freiheit sehr ungünstige Bedingungen. Allerdings können die angeblich absoluten sozialen Werte eine bestimmte Jugend in einer wichtigen Spanne des Lebens begeistern, während im andern Lager nicht selten eine andere Jugend durch bittere Erfahrungen vorzeitig enttäuscht, zweifelsüchtig geworden ist, müde und unfähig, am öffentlichen und sozialen Leben Anteil zu nehmen.

Die guten Dienste des HI. Stuhles für die friedliche Lösung der Streitfragen

Der Friede kann - wir Wir sagten - nicht gesichert werden, wenn Gott nicht herrscht in der von ihm festgesetzten Weltordnung, in der rechtmäßig gegliederten Gemeinschaft von Staaten, in welcher jeder von ihnen nach innen die Friedensordnung freier Menschen und ihrer Familien, nach außen die der Völker tätigt, eine Friedensordnung, die die Kirche in ihrem Wirkungsbereich und ihrer Sendung entsprechend schützt. Dies ist stets das Verlangen großer und weiser Männer, auch außerhalb der Kirche, gewesen, zuletzt noch bei Gelegenheit des Vatikanischen Konzils (Conc. Vat. Postulata Patrum, de re militari et bello. Coll. Lac. t. 7 n. 9 p. 861 bis 866).

Inzwischen leistet die Kirche ihren Friedensbeitrag, indem sie das praktische Verständnis des geistig-sittlichen Kerns der Frage weckt und belebt; treu dem Geiste ihres göttlichen Stifters und ihrer Sendung der Liebe, bemüht sie sich, ihren Möglichkeiten entsprechend, ihre guten Dienste überall anzubieten, wo ein Streit unter den Völkern aufzuflammen droht. Vor allem dieser Heilige Stuhl hat sich einer solchen Pflicht nie entzogen, noch wird er sich ihr je versagen.

Die "Kirche des Schweigens"

Wir wissen wohl und beklagen mit tiefer Trauer, dass Unser Ruf zum Frieden in weiten Gebieten der Welt nur ohnmächtig eine "Kirche des Schweigens" erreicht. Millionen von Menschen können ihre Verantwortung vor Gott für den Frieden nicht offen bekennen. In ihren Heimen, in ihren Kirchen ist selbst der altehrwürdige, innigtraute Brauch der Weihnachtskrippe von der despotischen Willkür der Mächtigen ausgerottet worden. Millionen von Menschen sind nicht in der Lage, ihren christlichen Einfluss für die sittliche Freiheit, für den Frieden einzusetzen, weil diese Worte - Freiheit und Friede -das angemasste Monopol berufsmäßiger Unruhestifter und Anbeter der Gewalt geworden sind.

Trotzdem, wenn auch mit gebundenen Händen und geschlossenem Mund, antwortet die "Kirche des Schweigens" in herrlicher Weise auf Unseren Ruf. Sie weist mit dem Blick auf die noch frischen Gräber ihrer Blutzeugen, auf die Ketten ihrer Bekenner, in dem festen Vertrauen, dass ihr stummes Opfer und ihre Leiden der stärkste Beitrag zum Frieden seien; denn sie bilden die lauteste Anrufung und den mächtigsten Anspruch, vom göttlichen Friedensfürsten Gnade und Erbarmen zu empfangen in der Vollbringung seiner Sendung. Da pacem, Domine, in diebus nostris! Gib Frieden, o Herr, in unseren Tagen!

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