Gespräch mit Papst Benedikt XVI. beim VII. Weltfamilientreffen am 2. Juni 2012

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Fest mit Glaubenszeugnissen im Bresso-Park in Mailand am 2. Juni 2012

Die Familie muss auf ihrem Weg begleitet werden
Quelle: Benedikt XVI., Gespräch mit dem Papst beim VII. Weltfamilientreffen (Mailand, 2. Juni 2012), L’Osservatore Romano (dt.) Jg. 42, (15. Juni 2012), S. 12.

Heiliger Vater: Liebe Freunde, danke für dieses Zeugnis, das mich und uns alle mitten ins Herz getroffen hat. Was können wir antworten? Worte sind nicht genug. Wir müßten etwas Konkretes tun, und wir alle leiden darunter, daß wir unfähig sind, etwas Konkretes zu tun. Betrachten wir zuerst die Politik: mir scheint, daß der Sinn für Verantwortung in allen Parteien wachsen müßte, damit sie nicht Dinge versprechen, die sie nicht halten können, nicht nur Stimmen für sich selbst sammeln, sondern verantwortlich sind für das Wohl aller, und damit sie verstehen, daß verstehen, daß Politik immer auch eine menschliche, moralische Verantwortung Gott und den Menschen gegenüber beinhaltet. Denn sonst leiden die einzelnen natürlich und müssen, oft ohne jede Möglichkeit, sich zu verteidigen, die Situation akzeptieren, so wie sie ist. Dennoch können wir auch hier sagen: sehen wir zu, daß jeder sein Möglichstes tut, daß er an sich, seine Familie, an die anderen denkt mit großem Verantwortungbewußtsein und in dem Wissen, daß Opfer notwendig sind, um weiterzukommen. Dritter Punkt: Was können wir tun? Das ist meine Frage, in diesem Moment. Ich denke, daß Partnerschaften zwischen Städten, Familien, Pfarreien hilfreich sein könnten. In Europa haben wir derzeit ein ganzes Netz von Partnerschaften, aber es handelt sich um einen kulturellen Austausch, der zwar gut und sehr nützlich ist - was wir aber brauchen, ist vielleicht eine andere Art von Partnerschaft: daß eine Familie aus dem Westen, aus Italien, Deutschland, Frankreich ... wirklich die Verantwortung übernimmt, einer anderen Familie zu helfen. Und das gilt auch für die Pfarreien, die Städte: sie müßten wirklich Verantwortung übernehmen, konkrete Hilfe leisten. Und ihr könnt sicher sein: ich und viele andere beten für euch, und dieses Beten ist nicht nur das Sprechen von Worten, sondern es öffnet das Herz für Gott und schafft so auch Raum für die Kreativität, die uns Lösungen finden läßt. Hoffen wir, daß uns der Herr helfe, daß euch der Herr immer helfe! Danke.

Familie Rerrie (eine Familie aus Amerika)

Jay: Wir leben in der Nähe von New York. Ich heiße Jay, stamme aus Jamaica und bin Buchhalter. Das ist meine Frau Anna, sie ist Supplenzlehrerin. Und das hier sind unsere sechs Kinder, die zwei bis zwölf Jahre alt sind. Sie können sich also sicher leicht vorstellen, Heiliger Vater, daß unser Leben ein ständiger Wettlauf gegen die Zeit ist, daß es an Mühen, an Komplikationen, beileibe nicht fehlt. .. Auch bei uns in den Vereinigten Staaten hat es oberste Priorität, den Arbeitsplatz nicht zu verlieren. Das aber erfordert eine Flexibilität bei den Arbeitszeiten, die oft zu Lasten der Familie geht.

Anna: Ja, es ist nicht immer einfach ... Man hat den Eindruck, Heiliger Vater, daß die Institutionen und Firmen einem das Abstimmen der Arbeitszeit auf die Zeit für die Familie nicht gerade leichtmachen. Heiliger Vater, wir können uns gut vorstellen, daß es auch für Sie nicht einfach ist, bei ihren zahlreichen Verpflichtungen noch Zeit für die Ruhe zu finden.

Können Sie uns einen Rat geben, wie wir diese notwendige Harmonie finden können? Wie kann man den Familien in dieser Flut von Anreizen, die in unserer heutigen Gesellschaft auf uns eindringen, helfen, die Feiertage nach dem Herzen Gottes zu feiern?

Heiliger Vater: Das ist eine gute Frage, und ich glaube, dieses Dilemma zwischen den beiden Prioritäten verstanden zu haben: die Priorität des Arbeitsplatzes ist von grundlegender Bedeutung, und dann ist da noch die Priorität der Familie. Wie kann man diese beiden Prioritäten unter einen Hut bringen? Ich kann nur versuchen, Ihnen den ein oder anderen Rat zu geben. Erster Punkt: Es gibt Firmen, die Familien - an Geburtstagen, usw. - gewisse Zugeständnisse machen, also versuchen, etwas Freiheit zu gewähren. Am Ende zahlt sich das auch für die Firma aus, weil es die Liebe zur Arbeit, zum Arbeitsplatz, verstärkt. Hier möchte ich also die Arbeitgeber auffordern, an die Familie zu denken und auch nicht zu vergessen, dabei zu helfen, daß diese beiden Prioritäten in Einklang miteinander gebracht werden können. Zweiter Punkt: Mir scheint, daß man natürlich auch eine gewisse Kreativität zeigen muß, und das ist nicht immer einfach. Man könnte der Familie wenigstens einmal am Tag eine Freude, eine Überraschung machen, den eigenen Willen zurückstecken, um gemeinsam Familie zu sein; die Bereitschaft zeigen, die Nächte, die Dunkelheit zu überwinden, die wir bereits angesprochen haben, und an dieses große Gut zu denken, das die Familie ist. So kann man auch in der größten Sorge jeden Tag etwas Gutes geben, die beiden Prioritäten miteinander in Einklang bringen. .

Und dann ist da schließlich der Sonntag, der Feiertag: ich hoffe, daß der Sonntag in Amerika eingehalten wird. Der Sonntag scheint mir also sehr wichtig zu sein, der Tag des Herrn, und als solcher auch »Tag des Menschen«, weil wir frei sind. Das war im Schöpfungsbericht die ursprüngliche Absicht des Schöpfers: daß an einem Tag alle frei sein sollten. In dieser Freiheit des einen für den andern, für sich selbst, ist man frei für Gott. Und so denke ich, dass wir so die Freiheit des Menschen verteidigen, indem wir den Sonntag und die Feiertage als Tage des Herrn und somit als Tage für den Menschen verteidigen. Alles Gute! Danke.‚

Familie Araujo (eine brasilianische Familie aus Porto Alegre)

Maria Marta: Heiliger Vater, wie überall auf der Welt nimmt auch in Brasilien die Zahl der gescheiterten Ehen immer mehr zu.

Ich heiße Maria Marta, mein Mann Manoel Angelo. Wir sind seit 34 Jahren verheiratet und bereits Großeltern. Als Ärzte und Familientherapeuten begegnen wir vielen Familien und können feststellen, daß es Paaren, die in einer Krise stecken, immer schwerer fällt, zu vergeben und Vergebung zuzulassen. In verschiedenen Fällen konnten wir aber auch den Wunsch sehen, eine neue Verbindung einzugehen, etwas, das von Dauer ist, auch für die Kinder, die aus dieser neuen Verbindung hervorgehen.

Manoel Angelo: Einige dieser wiederverheirateten Paare würden sich gerne wieder an die Kirche annähern, aber wenn sie sehen, daß man ihnen die Sakramente verweigert, ist ihre Enttäuschung groß. Sie fühlen sich ausgeschlossen, durch ein unwiderrufliches Urteil gebrandmarkt. Dieses große Leid verletzt die Betroffenen zutiefst; es schlägt Wunden, die auch Teil der Welt werden, und es sind auch unsere Wunden, Wunden der gesamten Menschheit.

Heiliger Vater, wir wissen, daß diese Situationen und diese Personen der Kirche sehr am Herzen liegen: was können wir ihnen sagen, welche Zeichen der Hoffnung können wir ihnen geben?

Heiliger Vater: Liebe Freunde, danke für eure so kostbare Arbeit als Familientherapeuten. Danke für alles, was ihr tut, um diesen leidgeprüften Menschen zu helfen. In Wahrheit ist dieses Problem der wiederverheirateten Geschiedenen heute eines der großen Leiden der Kirche. Und wir haben keine Patentrezepte. Das Leiden ist groß, und wir können nur die Pfarreien, die einzelnen dabei unterstützen, diesen Personen zu helfen, das Leid ihrer Scheidung zu tragen. Ich würde sagen, daß es natürlich sehr wichtig wäre, vorzubeugen, also schon ab dem Beginn der Verliebtheit zuzusehen, daß diese zu einer gut überlegten, reifen Entscheidung wird. Wichtig ist auch die Betreuung während der Ehe, damit die Familien nie allein sind, sondern auf ihrem Weg wirklich begleitet werden. Und dann müssen wir, was diese Personen betrifft, sagen - wie Sie es bereits getan haben -, daß die Kirche sie liebt, daß sie diese Liebe aber sehen und fühlen müssen. Es scheint mir eine große Aufgabe einer Pfarrei, einer katholischen Gemeinde zu sein, wirklich alles nur Mögliche zu tun, damit sie sich geliebt und akzeptiert fühlen, damit sie spüren, daß sie keine »Außenstehenden« sind, auch wenn schon die Absolution bei der Beichte nicht möglich ist, ein ständiger Kontakt mit einem Priester, mit einem geistlichen Begleiter, wichtig, damit sie sehen können, daß sie begleitet, geführt werden. Sehr wichtig ist es auch, daß sie spüren, daß die Eucharistie wahr ist, daß sie an ihr Anteil haben, wenn sie wirklich in Gemeinschaft mit dem Leib Christi treten. Auch ohne den »leiblichen« Empfang des Sakraments können wir mit Christus in seinem Leib geistlich vereint sein. Das zu verstehen zu geben, ist wichtig. Daß sie tatsächlich einen Weg finden, ein Leben des Glaubens zu führen, mit dem Wort Gottes, mit der Gemeinschaft der Kirche, und daß sie sehen, daß ihr Leiden ein Geschenk an die Kirche ist, weil sie so allen dienen, auch um die Stabilität der Liebe, der Ehe zu verteidigen; und daß dieses Leiden nicht nur eine körperliche und psychische Qual ist, sondern auch ein Leiden in der Kirchengemeinschaft für die großen Werte unseres Glaubens. Ich denke, daß ihr Leiden, wenn es wirklich innerlich angenommen wird, ein Geschenk an die Kirche sein kann. Sie müssen wissen, daß sie gerade so der Kirche dienen, im Herzen der Kirche sind. Danke für euren Einsatz.

Dann erinnerte der Heilige Vater noch an die Opfer der Erdbeben in Norditalien. Er sagte:

Liebe Freunde, wie ihr wißt, können wir euren Schmerz, euer Leid zutiefst nachempfinden; ich bete vor allem jeden Tag darum, daß dieses Erdbeben endlich aufhören möge. Wir alle wollen zusammenarbeiten, um euch zu helfen: seid versichert, daß wir euch nicht vergessen, daß jeder alles in seiner Macht Stehende tun wird, um euch zu helfen - die Caritas, alle Organisationen der Kirche, des Staates, die verschiedenen Gemeinschaften: jeder von uns will helfen, sowohl spirituell in unserem Gebet - im Herzen miteinander verbunden -, als auch konkret, und ich bete ständig für euch. Gott helfe euch, er helfe uns allen! Alles Gute, der Herr segne euch!

(Orig. ttal. in OR 4./5. Juni 2012)

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