Generalaudienz vom 25. März 1992

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Generalaudienz

unseres Heiligen Vaters
Johannes Paul II.
In der Taufe unauslöschlich wieder geboren
25. März 1992

(Quelle: Der Apostolische Stuhl 1992, S. 49-53)
Allgemeiner Hinweis: Die in der Kathpedia veröffentlichen Lehramtstexte dürfen nicht als offizielle Übersetzungen betrachtet werden, selbst wenn die Quellangaben dies vermuten ließen. Nur die Texte auf der Vatikanseite können als offiziell angesehen werden (Schreiben der Libreria Editrice Vaticana vom 21. Januar 2008).


1. Wir lesen in der Konstitution Lumen gentium des II. Vatikanischen Konzils: "Das heilige und organisch verfaßte Wesen dieser priesterlichen Gemeinschaft vollzieht sich sowohl durch die Sakramente wie durch ein tugendhaftes Leben" (Lumen gentium, Nr. 11). Das heißt, dass die Ausübung des allgemeinen Priestertums an die Sakramente gebunden ist, die gewiss im christlichen Leben eine grundlegende Rolle spielen. Aber das Konzil verbindet die Sakramente mit den Tugenden. Diese bezeichnende Verbindung weist darauf hin, dass einerseits das sakramentale Leben nicht auf Worte und rituelle Zeichen beschränkt werden kann: Die Sakramente sind Ausdruck des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. Andererseits unterstreicht sie, dass die Entwicklung dieser und aller anderen Tugenden im christlichen Leben von den Sakramenten bewirkt wird. Wir können deshalb sagen, dass die Spendung der Sakramente nach katholischem Verständnis ihre natürliche Fortsetzung in einem gelungenen christlichen Leben findet.

Das Konzil nimmt vor allem Bezug auf das Taufsakrament, das den Menschen zum Glied der Kirche macht und in diese priesterliche Gemeinschaft einführt. Wir lesen: "Durch die Taufe der Kirche eingegliedert, werden die Gläubigen durch das Prägemal zur christlichen Gottesverehrung bestellt, und, wieder geboren zu Söhnen Gottes, sind sie gehalten, den von Gott durch die Kirche empfangenen Glauben vor den Menschen zu bekennen" (ebd.). Es ist ein inhaltsreicher Text, der die Lehre wiedergibt, die aus dem Neuen Testament hervorgegangen ist und von der Tradition der Kirchenväter und -lehrer weiterentwickelt wurde. In der heutigen Katechese wollen wir ihre wesentlichen Punkte erfassen.

2. Das Konzil erinnert zu Beginn daran, dass die Taufe der Eintritt in die Kirche, in den Leib Christi, ist. Es ist ein Nachklang des heiligen Paulus, der schrieb: "Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen" (1 Kor 12,13 EU).

Es ist wichtig, die Rolle und die Bedeutung zu unterstreichen, die die Taufe für den Eintritt in die kirchliche Gemeinschaft hat. Auch heute fehlt es nicht an denen, die diese Rolle verkennen, indem sie die Taufe besonders der Kinder vernachlässigen oder verzögern. Aber nach der bekräftigten Tradition der Kirche nimmt das christliche Leben nicht einfach durch menschliche Verfügungen seinen Anfang, sondern durch ein mit göttlicher Wirksamkeit ausgestattetes Sakrament. Die Taufe als Sakrament, das heißt als sichtbares Zeichen der unsichtbaren Gnade ist der Zugang, durch den Gott in der Seele - auch in der des Neugeborenen - wirkt, um sie in Christus und in der Kirche mit sich zu vereinen. Er läßt sie an der Erlösung teilhaben. Er pflanzt in sie das "neue Leben" ein. Er reiht sie in die Gemeinschaft der Heiligen ein. Er öffnet ihr den Zugang zu allen anderen Sakramenten, die die Aufgabe haben, das christliche Leben zur vollen Entfaltung zu bringen. Deshalb ist die Taufe wie eine Wiedergeburt, durch die ein Menschenkind zu einem Gotteskind wird.

3. In der Tat nennt das Konzil die Getauften "wieder geboren zu Kindern Gottes". Wir hören hier den Widerhall der Worte des Apostels Petrus, der Gott, unseren Vater, preist, der "uns in seinem großen Erbarmen neu geboren" hat (1 Petr 1,3 EU), und wir stoßen auf die Lehre Jesu selbst, die vom Apostel Johannes in dem Bericht über das Gespräch mit Nikodemus wiedergegeben wird: "Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen" (Joh 3,5 EU).

Jesus lehrt uns, dass die Wiedergeburt vom Geist hervorgerufen wird. Dies unterstreicht der Brief an Titus, nach dem Gott uns gerettet hat "durch das Bad der Wiedergeburt und der Erneuerung im Heiligen Geist. Ihn hat er in reichem Maß über uns ausgegossen durch Jesus Christus, unseren Retter" (Tit 3,5-6 EU). Schon Johannes der Täufer hatte die Taufe mit dem Heiligen Geist angekündigt (vgl. Mt 3,11 EU). Und Jesus sagt uns, dass der Heilige Geist "lebendig macht" (Joh 6,63 EU). Wir bekennen den Glauben an diese offenbarte Wahrheit, wenn wir mit dem nizäno-konstantinopolitanischen Credo sprechen: "et in Spiritum Sanctum Dominum et vivificantem". Es handelt sich um das neue Leben, durch das wir Kinder Gottes im Sinn des Evangeliums sind. Und Christus ist es, der den Glaubenden seine Gottessohnschaft durch die Taufe mitteilt, die von ihm als Taufe mit dem Geist eingesetzt wurde.

Durch sie erlangt man die geistige Wiedergeburt zum neuen Leben, das Frucht der erlösenden Menschwerdung ist: Das Sakrament bewirkt, dass der Mensch dasselbe Leben des auferstandenen Christus lebt. Es ist die soteriologische Dimension der Taufe, über die der heilige Paulus schreibt, dass "wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind ... und wie Christus ... von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben" (Röm 6,3-4 EU). Dieser Abschnitt aus dem Römerbrief verdeutlicht gut den priesterlichen Aspekt der Taufe. Er zeigt, dass das Empfangen der Taufe heißt, persönlich mit dem Ostergeheimnis Jesu vereint zu werden, das das einzige wirkliche, vollkommene Opfer ist, das Gott gefällt. Aus dieser Vereinigung erwächst für jeden Getauften die Fähigkeit, das ganze eigene Leben zu einem priesterlichen Opfer, vereint mit dem Opfer Christi, zu machen (vgl. Röm 12,1 EU; 1 Petr 2,4-5 EU).

4. Die Taufe pflanzt in der Seele mit dem Leben Christi seine Heiligkeit ein als neue Bedingung der Zugehörigkeit zu Gott durch die Befreiung und Reinigung, wie der heilige Paulus an die Korinther schreibt: "Ihr seid rein gewaschen, seid geheiligt, seid gerecht geworden im Namen Jesu Christi, des Herrn, und im Geist unseres Gottes" (1 Kor 6,11 EU). Nach der Lehre des Apostels wird die ganze Kirche von Christus gereinigt, "um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen": Sie wird "heilig und makellos" in ihren Gliedern, insofern sie die Taufe empfangen (vgl. Eph 5,26 EU), die die Befreiung von der Sünde auch zum Wohl der ganzen Gemeinschaft ist, in der Taufe einen fortschreitenden Weg geistlichen Wachstums begründet (vgl. Eph 2,21 EU). Es ist klar, dass aus der heiligmachenden Taufe in den Christen - den Einzelnen und den Gemeinschaften - die Möglichkeit und Pflicht zu einem heiligen Leben erwächst. Nach dem heiligen Paulus sind die Getauften "für die Sünde tot" und dürfen nicht mehr in der Sünde leben (vgl. Röm 6,2 EU). Er schreibt: "So sollt auch ihr euch als Menschen begreifen, die für die Sünde tot sind, aber für Gott leben in Christus Jesus" (Röm 6,11 EU). In diesem Sinn läßt die Taufe am Tod und an der Auferstehung Christi, an seinem Sieg über die Macht des Bösen teilhaben. Das bedeutet der Taufritus, bei dem man den Täufling fragt: "Widersagst du dem Satan?" und von ihm das persönliche Bemühen um totale Befreiung von der Sünde und damit von der Macht des Satans fordert: die Verpflichtung, während des ganzen Lebens auf Erden die Verlockungen Satans zu bekämpfen. Es wird ein "heftiger Kampf', der den Menschen seiner himmlischen Berufung würdiger, aber auch als Mensch vollkommener macht. Aus diesem zweifachen Grund sollen die Bitte und die Annahme der Verpflichtung auch bei der Taufe des Kindes vollzogen werden, das mit Hilfe seiner Eltern und Taufpaten antwortet. Durch das Sakrament wird es gereinigt und geheiligt vom Geist, der in ihm das neue Leben als Teilhabe am Leben Christi einpflanzt.

5. Außer der lebendig- und heiligmachenden Gnade des Geistes empfängt man bei der Taufe ein Siegel, ein sogenanntes Prägemerkmal, von dem der Apostel zu den Christen spricht: "Ihr habt das Siegel des verheißenen Heiligen Geistes empfangen" (vgl. Eph 1,13 EU; 4,30 EU; 2 Kor 1,22 EU).

Das Merkmal (in griechisch sfragis) ist Zeichen der Zugehörigkeit: Der Getaufte wird tatsächlich Eigentum Christi, Eigentum Gottes, und in dieser seiner Zugehörigkeit verwirklicht sich seine grundlegende und endgültige Heiligkeit, weshalb der heilige Paulus die Christen "Heilige" nannte (Röm 1,7 EU; 1 Kor 1,2 EU; 2 Kor 1,1 EU usw.). Es ist die Heiligkeit des gemeinsamen Priestertums der Glieder der Kirche, in der sich auf neue Weise die alte Verheißung erfüllt: "Ihr aber sollt mir als ein Reich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören" (Ex 19,6 EU). Es handelt sich um eine endgültige, ständige Heiligung, die durch die Taufe gewirkt und mit einem unauslöschlichen Merkmal besiegelt wird.

6. Das Konzil von Trient, Interpret der christlichen Tradition, bestimmte, dass das Merkmal "ein geistiges und unauslöschliches Zeichen" ist, das der Seele von den drei Sakramenten: Taufe, Firmung, Weihe (vgl. DS 1609) eingeprägt wird. Das heißt nicht, dass es sich um ein sichtbares Zeichen handelt, auch wenn in vielen Getauften gewisse Auswirkungen sichtbar sind, wie der Sinn für die Zugehörigkeit zu Christus und zur Kirche, der sich in den Worten und Werken der wirklich gläubigen Christen - Priester und Laien - kundtut.

Eine dieser Ausdrucksformen kann der Eifer für den Gottesdienst sein. Nach der schönen, vom II. Vatikanischen Konzil genannten und bekräftigten christlichen Tradition sind die Gläubigen tatsächlich vom Prägemal her zum Gottesdienst der christlichen Religion bestimmt, das heißt zur Gottesverehrung in der Kirche Christi. Das hatte aufgrund jener Tradition der heilige Thomas von Aquin unterstrichen, nach dem das Prägemal eine "geistige Kraft" ist (Summa theologiae, III,q.63,a.2), die befähigt, am Gottesdienst der Kirche als ihre anerkannten und zur Versammlung berufenen Glieder teilzuhaben, besonders am eucharistischen Opfer und am ganzen sakramentalen Leben. Und diese Fähigkeit ist unauslöschlich und kann nicht genommen werden, weil sie von einem unauslöschlichen Prägemal stammt. Es ist eine Freude, diesen weiteren Aspekt des Geheimnisses des "neuen Lebens" zu entdecken, das durch die Taufe, die erste sakramentale Quelle des "gemeinsamen Priestertums", begonnen wurde, dessen Hauptaufgabe die Gottesverehrung ist.

In diesem Augenblick jedoch drängt es mich hinzuzufügen, dass die mit dem PrägemaI verbundene Fähigkeit eine Sendung und folglich eine Verantwortung mit sich bringt: Wer die Heiligkeit Christi empfangen hat, muss sie "in seinem ganzen Leben" vor der Welt kundtun (vgl. 1 Petr 1,15 EU) und durch die Sakramente, vor allem durch die Teilnahme am eucharistischen Mahl nähren.

7. Das Prägemal wird durch die mit der Taufe eingegossene Gnade des Heiligen Geistes mit Leben erfüllt. Sie bringt durch ihre Dynamik das Leben Christi, des Hohenpriesters, in uns zur Entfaltung: des Christus, der dem Vater in der Menschwerdung, am Kreuz und im Himmel den vollkommenen Gottesdienst darbringt und den Christen an seinem Priestertum in der Kirche teilhaben läßt, die gestiftet wurde, damit sie in der Welt vor allem seinen Opfertod erneuert.

Und wie Christus auf Erden sein ganzes Leben den Erfordernissen des priesterlichen Opfers entsprechend gestaltet hat, so sind auch seine Anhänger - als Einzelne und als Gemeinschaft - gerufen, die mit dem Prägemal empfangene Opferfähigkeit in einem Verhalten zu entwickeln, das dem Geist des gemeinsamen Priestertums entspricht, zu dem sie durch die Taufe zugelassen wurden.

8. Das Konzil unterstreicht insbesondere die Entwicklung des Glaubenszeugnisses: Wieder geboren zu Kindern Gottes, sind sie [die Getauften] gehalten, den von Gott durch die Kirche empfangenen Glauben vor den Menschen zu bekennen."

In der Tat hat die Taufe, wie der heilige Paulus sagt, erleuchtende Wirkung: "Christus wird dein Licht sein" (Eph 5,14 EU; vgl. Hebr 6,4 EU; 10,32 EU). Die Getauften, der früheren Nacht entronnen, sollen in diesem Licht leben: "Denn einst wart ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr durch den Herrn Licht geworden. Lebt als Kinder des Lichts!" (Eph 5,8 EU).

Dieses Leben im Licht setzt sich auch um in das von Jesus gewünschte öffentliche Bekennen des Glaubens: "Wer sich nun vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen" (Mt 10,32 EU). Es ist ein persönliches Bekenntnis, das der Christ durch die Taufgnade ablegt: ein Bekenntnis des "von Gott durch die Kirche" empfangenen Glaubens, wie das Konzil sagt (Lumen gentium, Nr. 11). Es fügt sich also in das Credo der Gesamtkirche ein, die jeden Tag gemeinsam "in Tat und Wahrheit" (1 Joh 3,18 EU) ihren Glauben bekennt.

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