Generalaudienz vom 18. März 1992

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Generalaudienz

unseres Heiligen Vaters
Johannes Paul II.
Die Kirche als priesterliche Gemeinschaft der Gläubigen
18. März 1992

(Quelle: Der Apostolische Stuhl 1992, S. 44-47)
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


1. In der vorausgegangenen Katechese sahen wir, daß nach den Briefen von Petrus und Paulus und der Offenbarung des Johannes Christus, unser Herr, "der aus den Menschen ausgewählte Hohepriester" (vgl. Hebr 5, 1 EU), "uns zu Königen gemacht [hat] und zu Priestern vor Gott, seinem Vater" (Offb 1,6 EU; vgl. 9-10 EU). So verwirklicht sich die "Gemeinschaft" in der Heiligkeit Gottes entsprechend der von ihm bereits an das alte Israel gerichteten Forderung, die für das neue Volk noch verpflichtender wurde: "Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig" (Lev 19,2 EU). Die "Gemeinschaft" in der Heiligkeit Gottes wurde als Frucht des Erlösungsopfers Christi vollzogen, kraft dessen wir teilhaben an der Liebe, die "ausgegossen [ist] in unsere Herzen durch den Heiligen Geist" (Röm 5,5 EU). Das Geschenk des heiligmachenden Geistes bewirkt in uns "ein heiliges Priestertum", das, wie Petrus sagt, uns befähigt, "durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen"(1 Petr 2,5 EU). Es gibt also ein "heiliges Priestertum". Wir können deshalb in der Kirche eine priesterliche Gemeinschaft erkennen in dem Sinn, den wir jetzt erklären wollen.

2. Wir lesen in einem Text des II. Vatikanischen Konzils, der den ersten Petrusbrief zitiert: "Durch die Wiedergeburt und die Salbung mit dem Heiligen Geist werden die Getauften zu einem geistigen Bau und einem heiligen Priestertum geweiht, damit sie in allen Werken eines christlichen Menschen geistige Opfer darbringen und die Machttaten dessen verkünden, der sie aus der Finsternis in sein wunderbares Licht berufen hat (vgl. 1 Petr 2,4-10 EU)" (Lumen gentium, Nr. 10).

In diesem Text verbindet das Konzil dann das Gebet, durch das die Christen Gott verherrlichen, mit ihrem "Sich-selbst-Darbringen als lebendiges und heiliges Opfer, das Gott gefällt" (vgl. Röm 12,1 EU), und mit dem Zeugnis, das für Christus abzulegen ist. So sehen wir die Berufung aller Getauften zusammengefaßt als Teilhabe an der messianischen Sendung Christi, der Priester, Prophet und König ist.

3. Die universale Teilhabe am Priestertum Christi, auch Priestertum der Gläubigen (sacerdotium universale fidelium) genannt, wird vom Konzil in ihrem besonderen Bezug zum Priestertum des Dienstes betrachtet: "Das gemeinsame Priestertum der Gläubigen aber und das Priestertum des Dienstes, das heißt das hierarchische Priestertum, unterscheiden sich zwar dem Wesen und nicht bloß dem Grade nach. Dennoch sind sie einander zugeordnet: das eine wie das andere nämlich nimmt je auf besondere Weise am Priestertum Christi teil" (Lumen Gentium, Nr. 10). Das hierarchische Priestertum als "Amt" (officium) ist ein besonderer Dienst, dank dessen das allgemeine Priestertum der Gläubigen sich so verwirklichen kann, daß die Kirche die Fülle der "priesterlichen Gemeinschaft" nach dem Maß der Ausspendung von seiten Christi ist. "Wer so dann unter den Gläubigen die heilige Weihe empfängt, wird im Namen Christi dazu bestellt, die Kirche durch das Wort und die Gnade Gottes zu weiden" (Lumen gentium, Nr. 11).

4. Das Konzil unterstreicht, daß das allgemeine Priestertum der Gläubigen und das (hierarchische) Priestertum des Dienstes einander zugeordnet sind. Es bekräftigt zugleich, daß zwischen ihnen ein wesentlicher Unterschied "und nicht bloß dem Grade nach" besteht (Lumen gentium, Nr. 10). Das hierarchische Priestertum des Dienstes ist kein "Produkt" des allgemeinen Priestertums der Gläubigen. Es erwächst nicht aus einer Wahl oder einem Auftrag der Gemeinschaft der Glaubenden, sondern aus einer besonderen göttlichen Berufung: "Und keiner nimmt sich eigenmächtig diese Würde, sondern er wird von Gott berufen, so wie Aaron" (Hebr 5,4 EU). Ein Christ wird Träger dieses Amtes aufgrund eines besonderen Weihesakramentes.

5. "Der Amtspriester nämlich - so lehrt das Konzil - bildet kraft seiner heiligen Gewalt, die er innehat, das priesterliche Volk heran und leitet es; er vollzieht in der Person Christi das eucharistische Opfer und bringt es im Namen des ganzen Volkes Gott dar" (Lumen gentium, Nr. 10).

Das Konzil behandelt diesen Punkt noch ausführlicher im Dekret über Dienst und Leben der Priester: "Damit die Gläubigen zu einem Leib, in dem ,nicht alle Glieder denselben Dienst verrichten' (Röm 12,4), zusammenwachsen, hat der gleiche Herr einige von ihnen zu amtlichen Dienern eingesetzt. Sie sollten in der Gemeinde der Gläubigen heilige Weihevollmacht besitzen zur Darbringung des Opfers und zur Nachlassung der Sünden und das priesterliche Amt öffentlich vor den Menschen in Christi Namen verwalten ... Dieses zeichnet die Priester durch die Salbung des Heiligen Geistes mit einem besonderen Prägemal und macht sie auf diese Weise dem Priester Christus gleichförmig, so dass sie in der Person des Hauptes Christus handeln können" (Presbyterorum ordinis, Nr. 2; vgl. Thomas von Aquin, Summa theologiae, III, q.63, a.3). Mit dem Prägemal wird ihnen die für eine würdige Ausübung ihres Amtes notwendige Gnade verliehen: "Da die Priester für ihren Teil am Amt der Apostel teilnehmen, wird ihnen von Gott die Gnade verliehen, Diener Jesu Christi unter den Völkern zu sein, die das heilige Amt des Evangeliums verwalten" (Presbyterorum ordinis, Nr. 2).

6. Wie wir sagten, wurde das hierarchische Priestertum des Dienstes in der Kirche gestiftet, um alle Quellen des allgemeinen Priestertums der Gläubigen auszuschöpfen. Das Konzil bekräftigt dies an verschiedenen Stellen und besonders dort, wo es die Teilnahme der Gläubigen an der Eucharistiefeier behandelt.

Wir lesen: "In der Teilnahme am eucharistischen Opfer, der Quelle und dem Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens, bringen sie das göttliche Opferlamm Gott dar und sich selbst mit ihm; so Übernehmen alle bei der liturgischen Handlung ihren je eigenen Teil, sowohl in der Darbringung wie in der heiligen Kommunion, nicht unterschiedslos, sondern jeder auf seine Art. Durch den Leib Christi in der heiligen Eucharistiefeier gestärkt, stellen sie sodann die Einheit des Volkes Gottes, die durch dieses hocherhabene Sakrament sinnvoll bezeichnet und wunderbar bewirkt wird, auf anschauliche Weise dar" (Lumen gentium, Nr. 11).

Nach dieser Lehre, die zur ältesten christlichen Tradition gehört, beschränkt sich die "Tätigkeit" der Kirche nicht auf das hierarchische Hirtenamt, so als ob die Laien passiv bleiben müßten. Die ganze, von den Laien zu aller Zeit entfaltete christliche Tätigkeit und besonders das moderne Laienapostolat gibt Zeugnis von der konziliaren Lehre, nach der das Priestertum der Gläubigen und der priesterliche Dienst der kirchlichen Hierarchie "einander zugeordnet sind".

7. "Denn die Amtsträger, die mit heiliger Vollmacht ausgestattet sind - so sagt das Konzil-, stehen im Dienst ihrer Brüder, damit alle, die zum Volk Gottes gehören und sich daher der wahren Würde eines Christen erfreuen, in freier und geordneter Weise sich auf das nämliche Ziel hin ausstrecken und so zum Heile gelangen" (Lumen gentium, Nr. 18).

Deshalb hat das Priestertum der Hierarchie Amtscharakter. Eben deshalb sind die Bischöfe und die Priester in der Kirche die Hirten. Ihre Aufgabe ist, den Gläubigen zu dienen wie Jesus Christus, der gute Hirt, der eine, universale Hirt der Kirche und der gesamten Menschheit, der von sich sagt: "Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele" (Mt 20,28 EU). Im Licht der Lehre und des Beispiels des guten Hirten ist die Kirche, die an der vom Heiligen Geist dem ganzen Leib Christi zugeteilten Erlösungsgnade teilhat, eine priesterliche Gemeinschaft und wirkt als solche.

In deutscher Sprache sagte der Papst:

Liebe Schwestern und Brüder!

Die Glaubenswahrheit von der Teilhabe der Getauften an Gottes Heiligkeit, die wir zuletzt betrachtet haben, wird im Petrusbrief weiter ergänzt und vertieft: "Laßt euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft, um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen" (1 Petr 2,5 EU).

Das Zweite Vatikanische Konzil spricht ausdrücklich von einem gemeinsamen, allumfassenden und allgemeinen Priestertum der Gläubigen. Von diesem unterscheidet sich zwar das Priestertum des Dienstes, das heißt das hierarchische Priestertum, dem Wesen und nicht bloß dem Grade nach; dennoch sind beide einander zugeordnet, "das eine wie das andere nämlich nimmt je auf besondere Weise am Priestertum Christi teil" (Lumen gentium, Nr. 10).

Ja, das hierarchische Priestertum ist in der Kirche eingesetzt worden, um alle Möglichkeiten des allgemeinen Priestertums der Gläubigen zu verwirklichen. Der Amtspriester bildet kraft seiner heiligen Gewalt das priesterliche Volk heran und leitet es. Das heilige und organisch verfaßte Wesen der priesterlichen Gemeinschaft der Getauften vollzieht sich sowohl im Empfang der Sakramente wie auch durch ein tugendhaftes Leben im Gebet, in der Danksagung, in der Bezeugung des Glaubens und in tätiger Liebe (vgl. Lumen gentium, Nr. 10).

Eingedenk Euer aller Erwählung, liebe deutschsprachige Pilger und Besucher, als Volk Gottes am Priestertum Christi teilzuhaben, grüße ich Euch sehr herzlich. Zugleich wünsche ich Euch - besonders in diesen 40 Tagen der Buße und Umkehr-, Euch durch das Zeugnis eines heiligen Lebens dieser Berufung würdig zu erweisen. Dazu erteile ich Euch, Euren lieben Angehörigen in der Heimat sowie den mit uns über Radio Vatikan und das Fernsehen verbundenen Gläubigen von Herzen meinen Apostolischen Segen.

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