Fulgens radiatur (Wortlaut)

Aus Kathpedia
Wechseln zu: Navigation, Suche
Enzyklika
Fulgens radiatur

unseres Heiligen Vaters
Pius XII.
an alle Ehrwürdigen Brüder, die Patriarchen, Primaten, Erzbischöfe, Bischöfe
und die anderen Oberhirten, welche in Gnade und Gemeinschaft mit dem Apostolischen Stuhle leben
zum 1400. Jahrestag des Heimganges des heiligen Benedikt von Nursia.
21. März 1947 [1]

(Offizieller lateinischer Text: AAS XXXIX [1947] 137-155)

(Quelle: Heilslehre der Kirche, Dokumente von Pius IX. bis Pius XII. Deutsche Ausgabe des französischen Originals von P. Cattin O.P. und H. Th. Conus O.P. besorgt von Anton Rohrbasser, Paulus Verlag Freiburg Schweiz 1953, S. 1121-1140; Imprimatur Friburgi Helv., die 22. maii 1953 L. Weber V. G. Die Nummerierung folgt der englischen Fassung [1]

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Ehrwürdige Brüder !
Gruß und apostolischen Segen

Inhaltsverzeichnis

Einleitung: Der heilige Benedikt: ein leuchtender Stern im Umbruch der Zeiten

1 Gleich einem Stern in finsterer Nacht erstrahlt Benedikt von Nursia in hellem Glanz, eine Zierde nicht nur Italiens, sondern der ganzen Kirche. Wer sein hehres Leben betrachtet und den Zeugnissen der Geschichte über die düsteren und stürmischen Zeiten, in denen er lebte, nachgeht, wird zweifellos die Wahrheit des göttlichen Versprechens erkennen, das Christus seinen Aposteln und der von ihm gegründeten Gemeinschaft gegeben hat: Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.[2]

Dieses verheißungsvolle Wort verliert zu keiner Zeit seine Geltung, es gilt vielmehr für den ganzen, gottgelenkten Ablauf der Jahrhunderte. Und gerade wenn die Feinde heftiger gegen das Christentum anstürmen, wenn das geheimnisvolle Schifflein Petri von gewaltigeren Wogen geschüttelt wird, wenn schließlich alles zu wanken scheint und keine Hoffnung auf menschliche Hilfe mehr in Aussicht steht, dann zeigt sich Christus als Bürge, als Tröster und als Kraftspender von oben; dann ruft er neue Kämpfer auf den Plan, um die katholische Sache zu schützen, wiederherzustellen und ihr mit huldvoller Hilfe der göttlichen Gnade sogar zu größerem Gedeihen zu verhelfen.

2 In der Schar dieser Gottesstreiter strahlt in hellem Glanze Sankt Benedikt, „gesegnet der Gnade und dem Namen nach“.[3] Gemäß dem Ratschluss der göttlichen Vorsehung trat er in jenem dunklen Jahrhundert auf, in dem Bestand und Schicksal der Kirche wie der gesellschaftlichen und menschlichen Kultur äußerst gefährdet waren. Das Römische Reich, das zu solcher Ruhmeshöhe emporgestiegen war und so viele Stämme, Völker und Nationen durch weise Rechtsordnung und Billigkeit derart in seinem Schoße zusammengeschlossen hatte, dass man es „zutreffender einen Welt-Schutzstaat denn ein Imperium hätte nennen können“,[4] hatte sich, wie alle irdischen Dinge, seinem Untergange zugeneigt. Innerlich geschwächt und zersetzt, von außen her zerschlagen durch die Angriffe der Barbaren, die aus dem Norden anstürmten, bot es in seinen westlichen Teilen das Bild eines gewaltigen Zusammenbruchs.

3 Wo leuchtete in diesem verheerenden Sturm und allgemeinen Untergang noch ein Hoffnungsstern für die zivilisierte Welt, wo fand sie Hilfe und Schutz, um wie aus einem Schiffbruch wenigstens sich selbst und einige Überreste ihrer Habe zu retten? In der katholischen Kirche! Alle irdischen Unternehmungen und Einrichtungen nämlich, die sich nur auf menschliche Weisheit und Macht stützen, lösen im Laufe der Zeiten einander ab, gelangen zu einem Höhepunkt und sinken dann naturgemäß kläglich wieder herab, zerfallen und brechen zusammen. Die Gemeinschaft aber, die Unser Erlöser gegründet hat, verdankt es ihrem göttlichen Stifter, dass sie immerwährendes Leben und Kraft von oben besitzt. Dadurch genährt und gestützt, bleibt sie dermaßen siegreich im Kampf gegen die Widerwärtigkeit der Zeiten, Dinge und Menschen, dass sie es vermag, aus deren Verfall und Untergang eine neue und glücklichere Zeit heraufzuführen und durch die christliche Lehre und Gesinnung eine neue Gesellschaft der Bürger, Völker und Nationen zu gestalten.

4 In diesem Rundschreiben, ehrwürdige Brüder, möchten Wir in gedrängter Übersicht darlegen, welchen Anteil Benedikt an diesem Wiederaufbau und an dieser Erneuerung hatte. Es trifft sich ja, dass in diesem Jahre gerade vierzehn Jahrhunderte vergangen sind, seitdem er, nach zahllosen Mühen zur Ehre Gottes und zum Heil der Seelen, glückselig die irdische Verbannung mit der himmlischen Heimat vertauscht hat.

Leben und Werk des heiligen Benedikt

Der heilige Eremit:

Herkunft, Umwelt und Jugend

5 Der Heilige, der „einem freien Geschlecht der Provinz Nursia entstammte,[5] „war erfüllt vom Geiste aller Gerechten“[6] und hat die christliche Welt in außergewöhnlicher Weise durch seine Tugend, Klugheit und Weisheit gefördert. Seine Zeit war durch Laster altersschwach geworden, Italien und Europa boten das überaus traurige Schauspiel sich zerfleischender Völker, und selbst das Mönchswesen, von Erdenstaub entstellt, war zum Widerstand und Kampf gegen die Lockungen der Sittenverderbnis weniger imstande, als es nötig gewesen wäre. Sankt Benedikt hat durch seine hervorragende Tat und Heiligkeit die immerwährende Jugendkraft der Kirche bezeugt; er hat durch seine Lehre und sein Beispiel die Sittenstrenge erneuert und hat die Heimstätten des religiösen Lebens mit festeren und heiligeren Gesetzen umhegt. Mehr noch: in eigener Person und durch seine Jünger hat er die Barbarenstämme aus ihren rauen Lebensgewohnheiten zu einer bürgerlichen und christlichen Kultur emporgeführt, hat sie zu Tugend, Arbeit und friedlicher Pflege der Künste und Wissenschaften angeleitet und sie in brüderlicher Eintracht und Liebe untereinander verbunden.

6 In früher Jugend wurde er zur Aneignung höheren Wissens nach Rom geschickt;[7] dort aber musste er zu seinem größten Schmerze sehen, wie Häresien und Irrtümer aller Art sich breit machten und den Geist vieler Menschen täuschten und verbildeten; er musste sehen, wie die privaten und öffentlichen Sitten verkamen und sehr viele, namentlich junge Menschen, verweltlicht und verweichlicht, sich kläglich im Schmutz der Laster wälzten, so dass man von der damaligen Gesellschaft in Rom wirklich behaupten konnte: „Sie stirbt dahin und lacht. Und es folgen in fast allen Teilen der Welt Tränen auf unser Gelächter“.[8] Benedikt jedoch, dem Gottes Gnade zuvorkam, „schenkte sein Herz keiner dieser Lustbarkeiten ..., sondern, da er ... viele auf den abschüssigen Wegen der Laster sah, hielt er seinen Schritt an, der ihn gewissermaßen an die Schwelle der Welt geführt hatte. ... Er gab das Studium der Wissenschaften auf, verließ das väterliche Haus und Gut und suchte, in dem Wunsche, Gott allein zu gefallen, nach einer heiligen Lebensart.[9]

Büßer und Beter in Subiaco

Bereitwillig gab er nicht nur den Bequemlichkeiten des Lebens und den Lockungen einer verkommenen Welt den Abschied, sondern auch den für ein künftiges Lebensglück vielversprechenden und ehrenvollen Ämtern, die er hätte erstreben können; er verließ Rom und suchte waldige und einsame Gegenden auf, um sich dort der Beschauung höherer Dinge widmen zu können. So kam er nach Subiaco, zog sich daselbst in eine enge Höhle zurück und begann ein mehr himmlisches als menschliches Leben zu führen.

7 Mit Christus in Gott verborgen,[10] bemühte er sich dort drei Jahre lang mit bestem Erfolg, nach der Vollkommenheit und Heiligkeit des Evangeliums zu streben, wozu er sich auf göttliche Anregung hin berufen fühlte. Sein ganzes Streben ging dahin, alles Irdische zu fliehen und nur überirdische Güter leidenschaftlich zu suchen, Tag und Nacht Zwiesprache mit Gott zu halten und innige Bitten für sein eigenes und seiner Nächsten Heil an Ihn zu richten, den Leib durch freiwillige Abtötung in Schranken und Zucht zu halten und die ungeordneten Regungen der Sinne zu zügeln und zu beherrschen. Aus dieser Lebens- und Handlungsweise schöpfte er so tiefen Seelentrost, dass alle Freuden, die er vordem etwa in irdischen Dingen und Behaglichkeiten gefunden hatte, ihm nun äußerst schal wurden und in Vergessenheit fielen. Als aber der Feind der Menschheit ihn einmal mit heftigen Versuchungen der Wollust quälte, widerstand er edlen und tapferen Sinnes mit starkem Willen; er stürzte sich in Dorngestrüpp und in Brennnesseln und so beschwichtigte und löschte er die innere Glut durch selbstgesuchte Qualen; auf diese Weise Sieger über sich selbst geworden, wurde er zum Lohn in der göttlichen Gnade befestigt. „Von jener Zeit an - wie er selber später seinen Schülern berichtete – war nämlich der Anreiz der Sinnlichkeit so in ihm getilgt, dass er nie wieder etwas Derartiges verspürte. .. Frei von der Versuchung zum Laster, wurde er füglich nunmehr Lehrmeister der Tugenden.“[11]

8 So blieb also der Heilige in der langen Zeit seines verborgenen und einsamen Lebens unbekannt in der Höhle von Subiaco, gewöhnte sich an heiligste Zucht und Selbstbeherrschung und legte damit jene festen Grundlagen christlicher Vollkommenheit, auf denen er später einen mächtigen Bau von erhabener Höhe aufrichten konnte. Wie euch, ehrwürdige Brüder, wohlbekannt ist, bleiben die Werke heiligen Seeleneifers und Apostolates unbestreitbar kraftlos und unfruchtbar, wenn sie nicht aus einem Geiste kommen, der mit jenen christlichen Gaben ausgestattet ist, durch die allein jedes menschliche Unternehmen mit Hilfe der Gnade von oben geradewegs zur Ehre Gottes und zum Heil der Seelen geleitet werden kann. Davon war Sankt Benedikt durchdrungen und überzeugt. Bevor er sich deshalb an die Ausführung der hohen Pläne und Absichten machte, zu denen er durch göttliche Eingebung berufen war, strebte er mit aller Kraft danach, und bat er Gott in inständigem Gebete darum, dass er die nach der Lehre des Evangeliums gestaltete Form der Heiligkeit klar in sich selbst auspräge, die er andern zu vermitteln wünschte.

9 Schließlich wurde aber der Ruf seiner außerordentlichen Heiligkeit weithin bekannt und verbreitete sich zusehends immer mehr. Darum wünschten nicht nur Mönche, die in der Umgebung hausten, sich seiner Leitung zu unterstellen; auch die Bewohner der Städte begannen in Scharen zu ihm zu pilgern, beseelt vom Wunsche, seine milden Predigtworte zu hören, seine hervorragende Tugend zu bewundern und die Wunder zu sehen, die von ihm durch Gottes Huld nicht selten gewirkt wurden. So verbreitete sich jenes lebendige Licht, das aus der dunklen Höhle von Subiaco ausstrahlte und sogar in ferne Gegenden drang. Deshalb „begannen damals auch die Adeligen und Frommen aus der Stadt Rom ihn aufzusuchen und ihm ihre Söhne anzuvertrauen, damit er sie für den Allmächtigen erziehe.“[12]

Ordensgründung; Monte Cassino

10 So begriff der Heilige, dass die von Gottes vorsorgendem Ratschluss bestimmte Zeit für ihn gekommen sei, um eine Familie von Ordensleuten zu gründen und sie mit allen Mitteln zur Vollkommenheit des Evangeliums heranzubilden. Das geschah mit bestem Anfangserfolg. Viele nämlich „wurden von ihm am gleichen Orte zum Dienste des allmächtigen Gottes ... versammelt, so dass er mit Hilfe des allmächtigen Herrn Jesus Christus ebendort zwölf Klöster errichtete, die er mit je zwölf Mönchen unter bestimmten Oberen besetzte; einige wenige, von denen er annahm, dass sie besser in seiner Gegenwart zu erziehen seien, behielt er bei sich.“[13]

11 Während nun das Unternehmen einen glücklichen Verlauf nahm und bereits reichliche und heilsame Frucht zeitigte und für die Zukunft noch größere Erfolge versprach, musste Benedikt zu seinem größten Schmerz wahrnehmen, wie sich ein Sturm gegen die wachsende Saat erhob, der durch niederträchtigen Neid und das Verlangen nach irdischen Gütern entfesselt worden war. Da jedoch Benedikt sich nicht von menschlichem, sondern vom göttlichen Ratschluss leiten ließ, und damit der zumeist gegen ihn gerichtete Hass den Seinen nicht zum Schaden gereiche, „wich er dem Neide und übergab alle von ihm gegründeten Oratorien nach Einsetzung von neuen Oberen den versammelten Brüdern; er selber aber verlegte mit einigen wenigen Mönchen seinen Sitz anderswohin.“[14] So zog er im Vertrauen auf Gottes allgegenwärtige Hilfe nach dem Süden und kam zur Burg, „die Cassino heißt, und am Abhang eines hohen Berges liegt. ..; dort war noch ein uralter Tempel, in dem von unwissendem Bergvolk nach altheidnischem Brauch Apollo verehrt wurde. Ringsum gab es auch Haine mit Dämonenkult, in denen noch zu jener Zeit Scharen verruchter Heiden sakrilegische Opfer darbrachten. Dort angekommen, zertrümmerte er das Götzenbild, stieß den Altar um, zündete die Haine an, erbaute anstelle des Apollotempels eine Kapelle zu Ehren des seligen Martin und anstelle des heidnischen Altars ein Oratorium des heiligen Johannes. Die Bevölkerung der Umgebung lud er durch unablässige Predigt zur Annahme des Glaubens ein.“[15]

12 Cassino war bekanntlich der Hauptsitz des heiligen Patriarchen und der vornehmlichste Schauplatz seiner Tugend und Heiligkeit. Während ringsumher Unwissenheit und Laster alles verdunkelten und verschütteten, strahlte von jener Bergeshöhe ein neues Licht aus, das nicht nur durch die Weisheit der alten Kultur und Zivilisation, sondern auch durch die christliche Lehre genährt wurde, die irregeleiteten Völker und Stämme erleuchtete und sie wieder zur Wahrheit und auf den rechten Weg zurückführte. So kann man mit vollem Recht sagen, dass jenes Kloster heilige Zufluchtsstätte und Bollwerk der höchsten Wissenschaften und Tugenden wurde und in den damaligen überaus traurigen Zeiten „gleichsam die Säule der Kirche und die Schutzwehr des Glaubens“[16] war.

Der weise Ordensvater:

Vater des abendländischen Mönchtums

13 Hier gab Benedikt dem monastischen Leben jene vollendete Form, nach der er zuvor lange in Gebet, Betrachtung und Übung gestrebt hatte. Die göttliche Vorsehung scheint ihm besonders die Aufgabe zugedacht zu haben, nicht so sehr die in den östlichen Ländern übliche mönchische Lebensweise nach dem Westen zu verpflanzen, als sie vielmehr der Denkart, den Bedürfnissen und Verhältnissen Italiens und der übrigen Völker Europas in glücklicher Form anzupassen. So fügte er zu der erhabenen östlichen Aszese das tätige Leben hinzu, nach dem Grundsatz: „Das Betrachtete andern vermitteln“, [17] um nicht nur aus unbebautem Land irdische Früchte, sondern durch apostolische Anstrengungen auch geistlichen Segen zu gewinnen. Das einsame Leben brachte wohl harte Bußstrenge mit sich, die nicht für alle geeignet[18] und zuweilen für manche sogar gefährlich war: aber die Härte wurde gemildert durch das brüderliche Zusammenleben in der benediktinischen Familie, in der die selige Ruhe im Verein mit Gebet, Arbeit, Gottesdienst und Pflege der Wissenschaft weder Müßiggang noch Überdruss kennt, wo Tätigkeit und Arbeit Geist und Gemüt weder ermüden noch zerstreuen und auch nicht zu unnützem Zeitvertreib verführen, sondern sie verklären, befestigen und zu Höherem erheben. Denn keine übermäßige Strenge in der Ordenszucht wird gefordert, noch allzu harte Kasteiung, sondern vor allem die Liebe zu Gott und eine alle umfassende tätige, brüderliche Liebe. In der Weise nämlich „hat er die Regel gestaltet, dass die Starken mehr zu tun begehrten, und die Schwachen vor ihrer Strenge nicht zurückschreckten ... Er war aber bestrebt, die Seinen eher mit Liebe zu regieren, als sie durch Furcht zu beherrschen“18. Als er eines Tages einen Einsiedler traf, der sich selbst Fesseln angelegt und in eine enge Höhle eingeschlossen hatte, um nicht mehr zum früheren Sünden- und Weltleben zurückkehren zu können, sagte er zu ihm mit gütigem Tadel: „Wenn du ein Diener Gottes bist, soll dich nicht eine eiserne Kette, sondern die Kette Christi fesseln.“ [19]

Hauptpunkte der benediktinischen Regel

14 So löste die benediktinische Mönchsregel die besondern Normen der Eremiten und ihre einzelnen Vorschriften ab, die bis dahin nicht fest umschrieben waren und oft von der Willkür der Zönobitenvorsteher abhingen. Die Regel ist ein hervorragendes Denkmal der römischen und christlichen Weisheit, wonach die Rechte, Pflichten und Aufgaben der Mönche mit evangelischer Milde und Liebe geordnet werden, und die auf diese Weise viele zum Streben nach Tugend und Heiligkeit angespornt hat und immer noch anspornt.

Denn im benediktinischen Gesetz paart sich höchste Klugheit mit Einfalt, christliche Demut mit seelenstarker Tugend; die Strenge wird durch Milde gemäßigt, der notwendige Gehorsam durch gesunde Freiheit geadelt; die Zurechtweisung geschieht mit Festigkeit, die aber durch Nachsicht und Güte gelindert ist; die Vorschriften haben ihre volle Gültigkeit, aber der Gehorsam verleiht Ruhe dem Verstand und Friede dem Gemüt; das klösterliche Stillschweigen gefällt durch seinen Ernst, doch das Gespräch ist heiter und anmutig; die Autorität wird voll ausgeübt, es fehlt jedoch dem Schwachen nicht an notwendiger Hilfe.[20]

15 Wir wundern uns also keineswegs, wenn alle Ernstdenkenden heute die Regel, die Benedikt, „der Mann Gottes, ... für die Mönche mit hervorragender Unterscheidungsgabe in lichtvoller Sprache geschrieben“,[21] mit höchstem Lob bedenken. Wir möchten daher ihre Leitgedanken kurz darstellen und ins rechte Licht rücken, in der Hoffnung, dies werde nicht nur der sehr zahlreichen Ordensfamilie des heiligen Patriarchen, sondern dem gesamten Klerus und dem christlichen Volk willkommen und nützlich sein.

16 Die klösterliche Gemeinschaft ist nach dem Vorbild eines christlichen Hauses aufgebaut. Ihr steht ein Abt oder Zönobiarch wie ein Familienvater vor, von dessen väterlicher Autorität alle abhängig sein müssen. „Wir erkannten es als nützlich - sagt Benedikt selber -, um des Friedens und der Liebe willen die Leitung des Klosters von des Abtes Urteil abhängen zu lassen.“ [22] Daher müssen ihm alle und jeder einzelne aus Gewissenspflicht pünktlich gehorchen[23] und in ihm die göttliche Autorität selbst sehen und verehren. Er hat die Aufgabe, die Mönche zu leiten und sie zur evangelischen Vollkommenheit zu führen; dabei soll er aber immer wieder bedenken und ernsthaft erwägen, dass er einst über sie dem höchsten Richter Rechenschaft ablegen muss;[24] deswegen soll er sich in dieser sehr schweren Aufgabe so verhalten, dass er den gerechten Lohn dafür empfange, wenn „beim furchtbaren Gericht Gottes das Verhör stattfinden wird.“[25] Außerdem hat er jedes Mal, wenn in seinem Kloster wichtige Angelegenheiten zu verhandeln sind, alle Mitglieder zusammenzurufen, ihre frei vorgetragenen Ansichten anzuhören und sorgfältig zu überdenken, bevor er die bestmögliche Entscheidung fällt.[26]

17 Eine große Schwierigkeit und heikle Frage tauchte gleich zu Beginn auf, als es zu entscheiden galt, welche Kandidaten aufzunehmen und welche abzuweisen seien. Es suchten nämlich Leute aus den verschiedensten Familien, Völkern und sozialen Schichten um Aufnahme in die Klöster nach: Römer und Barbaren, Freie und Sklaven, Sieger und Besiegte, nicht wenige aus dem Patriziat und dem niederen Volk. Benedikt regelte die ganze Frage in großzügigem Geiste und in brüderlicher Liebe: „Weil wir alle“, so sagte er, „ob Sklaven oder Freie, in Christus eins sind, und unter dem einen Herrn den gleichen Kriegsdienst leisten..., soll ... auch für alle die gleiche Liebe gelten und für alle, wie es sich geziemt, die gleiche Zucht“.[27] Denen, die seiner Lebensregel folgen, verordnet er, dass „allen alles gemeinsam sei“,[28] nicht durch Gewalt oder durch irgendeinen Zwang, sondern durch freien und hochherzigen Entschluss. Alle sollen zudem durch die Gemeinsamkeit des religiösen Lebens in den Räumen des Klosters zusammengehalten werden, und zwar so, dass sie nicht nur dem Chorgebet und dem Studium, sondern auch der Bebauung der Felder, ja sogar der Handwerksarbeit[29] und auch der Ausübung des Apostolates obliegen können. Denn „der Müßiggang ist der Feind der Seele, und deswegen sollen die Brüder sich zu bestimmten Zeiten mit Handarbeit beschäftigen ... .[30] Das soll allen die Hauptsache sein, das sollen alle mit größter Sorgfalt anstreben, dass „nichts dem Dienste Gottes vorgezogen werde“.[31] Denn obwohl „wir wissen, dass Gott überall gegenwärtig ist, sollen wir dies vor allem ohne jeden Zweifel glauben, wenn wir das Lob Gottes singen. Seien wir uns also bewusst, wie man sich im Angesichte Gottes und der Engel zu benehmen hat, und wir wollen am Psalmengebet so teilnehmen, dass unsere Gedanken mit unserer Stimme im Einklang. Stehen“.[32]

18 In diesen hauptsächlichsten Weisungen und Grundsätzen, die wir aus der Regel des heiligen Benedikt hervorheben wollten, vermag man die Weisheit dieser Ordensregel, ihre Zweckmäßigkeit, ihre erstaunliche harmonische Übereinstimmung mit der menschlichen Natur und somit auch ihre Bedeutung, ihre hohe Wichtigkeit klar zu erkennen und richtig zu bewerten. Denn während in jener dunklen und von Unruhen erfüllten Zeit Ackerbau, Handwerk, heilige und weltliche Wissenschaft verachtet und fast von allen aufgegeben war, erstand in den Klöstern des heiligen Benedikt eine fast unzählbare Schar von Ackerbauern, Handwerkern und Gelehrten, die alles daran setzten, die Denkmäler der alten Kultur zu erhalten, und überdies die alten wie die neuen Völker, die oft miteinander im Kampfe lagen, erfolgreich aufriefen zu Friede, Eintracht und fleißiger Arbeit. Sie haben eben diese Völker aus Barbarei, Verwüstungen und Trümmerfeldern mit Erfolg zurückgeführt zu milderen, menschlich-christlichen Sitten, zu Arbeitswilligkeit, zum Licht der Wahrheit und zum Wiederaufbau eines von Weisheit und Liebe beherrschten öffentlichen Lebens.

19 Das ist jedoch nicht alles. Denn Hauptsache im Lebensideal des Benediktinerordens ist es, dass alle bei der Arbeit ihrer Hände oder ihres Geistes vor allem danach trachten, beständig Christus vor Augen zu haben und ihm in Liebe ergeben zu sein. Denn die irdischen Dinge, und wäre es die ganze Welt, vermögen das Herz des Menschen nicht zu erfüllen, den Gott geschaffen hat, auf dass er Ihn gewinne. Ihre gottgewollte Bestimmung ist es vielmehr, uns stufenweise empor zu führen und aufwärts zu weisen, damit wir Ihn erringen. Daher eben tut es dringend Not, „der Liebe Christi nichts voranzustellen“,[33] « nichts Lieberes als Christus zu kennen“,[34] „Christus durchaus nichts vorzuziehen, der uns zum ewigen Leben führen möge“.[35]

20 Dieser glühenden Liebe zum göttlichen Erlöser muss aber auch die Liebe zu den Mitmenschen entsprechen. Wie Brüder müssen wir sie alle innig umfangen, ihnen behilflich sein, so gut wir es vermögen. Als Hass und Streit die Menschen aufeinander hetzten, als Raub, Mord, Not und Elend ohne Maß und Zahl aus jenem gewaltigen Umbruch des Völkerlebens sich ergaben, schrieb Benedikt für seine Jünger als heilige Regel folgendes vor: „Mit ganz besonderer Sorgfalt nehme man die Armen und die Fremden auf, denn vornehmlich in ihnen wird ja Christus aufgenommen“.[36] „Jeden Gast, der kommt, nehme man wie Christus auf, denn er wird einmal sprechen: Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen“.[37] „Die Sorge für die Kranken gehe allem vor und über alles. Man soll ihnen demnach wie Christus dienen, dem man ja wirklich dient in ihnen, hat er doch gesagt: Ich war krank und ihr habt mich besucht“. [38]

Tod des heiligen Benedikt

Beseelt also und angetrieben von dieser vollkommensten Gottes- und Nächstenliebe hat Benedikt sein Werk zum Abschluss gebracht und vollendet. Und als er schon, voll Freude und an Verdiensten reich, die Himmelsluft ewiger Seligkeit verspürte, da ließ er, bereits im Vorgeschmacke ihrer Köstlichkeiten, „sechs Tage vor dem Hinscheiden ... das Grab für sich öffnen. Kurz darauf vom Fieber ergriffen, wurde er, von dessen heißer Glut verzehrt, schwächer und schwächer, und als die Krankheit täglich ernster wurde, ließ er sich von den Jüngern in die Hauskapelle tragen und stärkte sich für seinen Heimgang durch den Empfang des Leibes und des Blutes seines Herrn. Dann stand er da, gestützt auf seine Jünger die schwachen Glieder aufrechthaltend, und hauchte - die Hände zum Himmel erhoben - unter Gebeten seine Seele aus“.[39]

Sendung und Einfluss des Benediktinerordens

In der Vergangenheit

21 Nach dem frommen Tode und der Heimkehr des heiligen Patriarchen in den Himmel, erlitt der von ihm gegründete Orden keinen Rückgang noch gar einen Zusammenbruch; vielmehr erwies er sich jederzeit als vom lebendig gegenwärtigen Beispiel seines Stifters geführt, genährt, gebildet und überdies durch seinen himmlischen Schutz gestützt und gestärkt und verbreitete sich mächtig weiter im Laufe der Jahrhunderte.

Rettung der abendländischen Kultur

22 Den gewaltigen und wohltätigen Einfluss, den das Benediktinertum auf die Welt von damals ausübte, sowie den vielfältigen Segen, den es in den folgenden. Jahrhunderten ausstreute, müssen alle anerkennen, die ohne Vorurteil das menschliche Geschehen überblicken und die geschichtlichen Tatsachen objektiv beurteilen. Denn abgesehen davon, dass, wie schon gesagt, die Benediktiner fast allein es waren, die in dunkler Zeit, inmitten all der Unwissenheit der Menschen und des allgemeinen Umbruchs, die Handschriften der Philosophie und der Dichtung gerettet haben und sie sorgfältig abschrieben und kommentierten, waren sie es vor allem auch, die der Kunst, der Wissenschaft und dem Unterricht oblagen und sie in jeder Hinsicht förderten. Man kann darum geradezu behaupten: Wie die katholische Kirche in den ersten drei Jahrhunderten ihres Bestehens vor allem durch das heilige Blut ihrer Märtyrer wunderbar gefestigt und gemehrt wurde, und wie in derselben und der nachfolgenden Zeit die Unversehrtheit ihrer gottgeschenkten Lehre gegen den Ansturm und die Trugschlüsse der Irrlehrer durch das kraftvolle und weise Wirken der heiligen Väter wiederhergestellt, beschützt und bewahrt wurde, so wurden der heilige Benedikt und seine blühenden Niederlassungen nicht ohne ein besonderes Walten der Vorsehung ins Leben gerufen, damit beim Zusammenbruch des Römischen Reiches und beim allseitigen Einbruch wilder, kriegerischer Völkerschaften die Christenheit die eigenen Wunden wieder heile und überdies die neuen Völker, gebändigt durch die Wahrheit und Liebe des Evangeliums, in klugem, unablässigem Bemühen zu brüderlicher Eintracht führe, zu fruchtbringender Arbeit und zu jenem Tugendleben, das sich nach den Geboten unseres Erlösers richtet und sich von seiner Gnade nährt.

Verbreitung des Christentums

Wie nämlich im voraufgegangenen Zeitalter die römischen Legionen auf den Konsularstraßen auszogen, um der Herrschaft ihrer erhabenen Stadt alle Völker untertan zu machen, so wurden damals ungezählte Mönchsscharen, gewappnet nicht mit Waffen des Fleisches, sondern mit der Macht Gottes,[40] vom Papste entsandt, damit sie nicht mit Schwert, Gewalt und Blut, sondern mit Kreuz und Pflug, mit Wahrheit und Liebe die Friedensherrschaft Jesu Christi bis an die Grenzen der bewohnten Erde segenstiftend verbreiteten.

Wo immer aber diese waffenlosen Scharen, bestehend aus Predigern der christlichen Lehre, aus Handwerkern und Landarbeitern und aus Lehrern der menschlichen und göttlichen Wissenschaften, ihren Fuß hinsetzten, dort wurde Wald- und Brachland umgepflügt, erstanden Heimstätten für Handwerk und Kunst, wurden Menschen aus Wäldern und Wildheit zu gesittetem Zusammenleben und zur Pflege der Kultur emporgeführt. Als Ideal leuchtete ihnen dabei das Licht der Lehre und der Tugendübung, wie sie das Evangelium verkündet. Zahllose von übernatürlicher Liebe entflammte Apostel durchzogen die noch unerschlossenen und ruhelosen Gebiete Europas, begossen sie mit viel Schweiß und Blut, befriedeten die einheimischen Völkerschaften und brachten ihnen das Licht katholischer Wahrheit und Heiligkeit, und das alles in einem Ausmaß, dass man mit Recht behaupten kann: Mochte auch Rom, in vielen Siegen groß geworden, seinen Herrschaftsanspruch zu Wasser und zu Land vorangetragen haben, „weniger war noch, was ihm die Waffen untertänig machten, als was ihm Christi Frieden unterwarf“.[41]

Große Gestalten der Kirchengeschichte

Sind es doch nicht nur die Länder der Briten, Gallier, Bataver, Friesen, Germanen und Skandinavier, sondern dazu noch zahlreiche slavische Völker, die sich des apostolischen Wirkens dieser Mönche rühmen können, in ihnen ihre Zierden erblicken und die verehrten Gründer ihrer Kultur. Wie groß ist doch die Zahl der Bischöfe aus dem Benedikterorden, die schon bestehende Kirchensprengel weise verwalteten oder neue schufen und mit ihrer Arbeit befruchteten; wie groß die Zahl der Lehrer und hervorragenden Gelehrten, die berühmte Heimstätten der Wissenschaft und Kunst erstehen ließen und nicht nur ungezählte im Irrtum befangene Geister erleuchteten, sondern ganz allgemein den Fortschritt der weltlichen und heiligen Wissenschaften förderten; wie groß endlich die Zahl glänzender Heiligengestalten, die als Söhne des heiligen Benedikt zur evangelischen Vollkommenheit gelangten und durch das Beispiel ihres Tugendlebens, durch Predigten und Wunderzeichen, die sie durch Gottes Gnade wirkten, zur Ausbreitung des Reiches Jesu Christi ihren vollen Beitrag leisteten! Unter ihnen befinden sich, wie ihr ja wisst, ehrwürdige Brüder, sehr viele, welche die bischöfliche Würde trugen oder sogar im hehren Glanz der Tiara erstrahlten. Es würde zu weit führen, wollten Wir im einzelnen hier die Namen dieser apostolischen Männer, Bischöfe, Heiligen und Päpste aufzählen, die in den Annalen der Kirche mit goldenen Lettern eingetragen sind. Sie strahlen übrigens in so hellem Glanz, so mächtig war ihr Eingreifen in die Geschichte, dass sie leicht zu erkennen sind.

In Gegenwart und Zukunft

23 So halten Wir es denn für sehr angebracht, dass die Tatsachen, die Wir in Unserem Schreiben kurz dargelegt haben, anlässlich dieser Jahrhundertfeier aufmerksame Beachtung finden und in hellem Licht vor aller Augen neu erstehen, damit alle nicht nur diese Ruhmesblätter der Kirchengeschichte preisen, sondern auch freudigen und bereitwilligen Herzens verwirklichen, was sich aus ihnen an Vorbildern und an Weisungen zu einem heiligeren Leben schöpfen lässt.

Durch Selbstheiligung und Apostolat

24 Denn nicht nur längst vergangene Zeiten haben vom Ordensstifter Benedikt und von seinem Werk Wohltaten empfangen, sondern auch unser Zeitalter hat viel und Wichtiges von ihm zu lernen. Zuallererst sollen - woran Wir übrigens nicht zweifeln - die Mitglieder seiner zahlreichen Ordensfamilie täglich noch eifriger seinen Spuren folgen und im eigenen Leben verwirklichen, was er an Tugend und an Heiligkeit gelehrt und ihnen vorgelebt hat. Das wird zur Folge haben, dass sie dem Ruf vom Himmel, dem sie einst aus übernatürlichem Antrieb folgten, als sie ihr Ordensleben antraten, weiterhin durch Taten entsprechen und nicht nur die heitere Ruhe ihres Gewissens und vor allem das Heil ihrer eigenen Seele sicherstellen, sondern überdies befähigt werden, zum Nutzen der ganzen Christenheit und zur größeren Ehre Gottes reiche Früchte zu zeitigen.

Durch Ausstrahlung des christlichen Geistes

25 Auch alle anderen Stände werden, wenn sie lernbegierig und aufmerksam das Leben des heiligen Benedikt, seine Anweisungen und seine Großtaten betrachten, sich dem milden und machtvollen Wehen seines Geistes nicht entziehen können, und sie werden unwillkürlich sehen, dass auch unsere Zeit, erschüttert und geängstigt durch all die furchtbaren Verheerungen an irdischen Gütern und in den Menschenseelen, durch Gefahren und Verluste, die notwendigen Heilmittel von ihm erhalten kann. Vor allem aber mögen sie bedenken und ernstlich in Erwägung ziehen, dass die erhabenen Grundsätze und sittlichen Forderungen der Religion die zuverlässigsten und stärksten Grundlagen der menschlichen Gesellschaft bilden. Sind sie zerstört oder auch nur geschwächt, dann muss es innerlich notwendig dahin kommen, dass alle Stützen, eine nach der anderen, zusammenbrechen, auf denen rechte Ordnung, Friede und Glück der einzelnen und Völker ruhen.

Was - wie gesagt - die Geschichte des Benediktinerordens einleuchtend dartut, das hat schon im heidnischen Altertum ein auserlesener Geist erkannt, als er sich wie folgt äußerte: „Ihr Priester befestigt die Stadt mit Gottesfurcht besser als mit Mauern“.[42] Und ferner: „Sind sie (heilige Scheu nämlich und Gottesfurcht) beseitigt, dann ergibt sich als Folge die Beunruhigung des ganzen Daseins und ein großes Durcheinander; und mir will scheinen, mit der Ehrfurcht vor den Göttern verschwinden auch Treue und Glauben aus der menschlichen Gemeinschaft und die vorzüglichste aller Tugenden, die Gerechtigkeit.“[43]

Gottesfurcht und Gottesliebe

26 Das Erste und Wichtigste ist es, Gott den Allerhöchsten zu verehren, seinen heiligen Geboten im privaten und öffentlichen Leben zu gehorchen; werden diese missachtet, hat keine menschliche Gewalt mehr Zügel genug, um die entfesselten Leidenschaften der Massen zu bändigen und zu besänftigen. Denn die Religion allein vermag Recht und Sittlichkeit zu stützen.

27 Eine andere mahnende Lehre noch, deren unsere Zeit so sehr bedarf, gibt der heilige Patriarch: Gott nicht bloß zu verehren und anzubeten, ihn vielmehr mit restloser Hingabe wie einen Vater zu lieben. Diese Liebe ist heute leider erkaltet und erstarrt; daher trachtet die Großzahl der Menschen mehr nach irdischen als nach überzeitlichen Gütern, und zwar in ungeordnetem Wettstreit, der nicht selten Unruhen und Feindschaft gebiert und leidenschaftlichen Hass schürt. Da nun der ewige Gott der Urheber unseres Lebens ist und uns ungezählte Wohltaten zukommen lässt, ist es unsere dringende Pflicht, ihn über alles zu lieben sowie mit allem, was wir sind und haben, uns ihm zuzuwenden.

Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft

Aus dieser Gottesliebe muss dann die brüderliche Liebe zu den Mitmenschen quellen, die wir alle, welcher Rasse, Nation und Kultur sie auch seien, als Brüder in Christus betrachten sollen, damit aus allen Völkern und sozialen Schichten eine einzige christliche Familie erstehe, die nicht ein unheilvoller Egoismus zerreißt, sondern gegenseitige Hilfsbereitschaft freundschaftlich verbindet.

28 Wenn diese Leitsätze, durch die einst Benedikt die zerbröckelnde, aufgewühlte Gesellschaft seiner Zeit erleuchtet, gestärkt, aufgerichtet und zu besseren Sitten zurückgeführt hat, heute wieder allgemein in Übung kommen und zur Geltung gelangen, dann wird sich auch unser Zeitalter zweifellos von seinem furchtbaren Schiffbruch leichter erholen, die materiellen und geistigen Wunden heilen sowie der ungeheuren Not sichere und wirksame Abhilfe schaffen.

Adel und Sinn der Arbeit

29 Außerdem, ehrwürdige Brüder, lehrt uns der Gesetzgeber des Benediktinerordens - es wird dies heute zwar gern öffentlich verkündet, aber nur allzu oft nicht so, wie es sich geziemt, in die Tat umsetzt -, dass nämlich die menschliche Arbeit nicht etwas Unwürdiges, Hassenswertes und Lästiges ist, sondern etwas Liebenswertes, Ehrenvolles und Erfreuliches. Denn ein Leben der Arbeit, ob es sich nun um Ackerbau, Gewerbe oder Wissenschaft handelt, erniedrigt den Menschen nicht, sondern adelt ihn, es führt ihn nicht zur Knechtschaft, es macht ihn vielmehr zum Herrn und Lenker: der ihn umgebenden, mühsam gemeisterten Dinge. Der Jüngling Jesus selbst verschmähte es nicht, als er noch verborgen im häuslichen Umkreis weilte, in der Werkstatt seines Nährvaters das Handwerk des Zimmermanns auszuüben. Nicht nur jene, .die den Geisteswissenschaften obliegen, sondern auch jene, die sich durch ihrer Hände Werk den täglichen Lebensunterhalt verdienen, mögen also wissen, dass sie etwas sehr Edles tun, mit dem sie ihren eigenen Bedürfnissen wie dem Wohle der gesamten bürgerlichen Gemeinschaft dienen. Sie sollen es jedoch, wie der Patriarch Benedikt mahnt, mit zum Himmel erhobenem Geist und Herzen tun, nicht aus Zwang, sondern aus Liebe, und wenn sie ihre eigenen Rechtsansprüche verteidigen, so soll es nicht aus Neid auf andere, nicht ungeregelt und revolutionär, sondern mit Ruhe und in gehöriger Ordnung geschehen. Sie seien des göttlichen Ausspruches eingedenk: Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen;[44] diesem Befehl müssen alle Menschen um des Gehorsams und der Sühne willen nachleben.

30 Dabei ist das Wichtigste nicht zu vergessen, dass wir nämlich von den irdischen, hinfälligen Dingen, ob sie nun durch die Kraft des Geistes erforscht und ausgebaut oder mit mühsamer Hände Werk bezwungen werden, unter beständigem, täglich wachsendem Einsatz uns zu den dauerhaften ewigen Gütern empor ringen müssen; erst wenn wir diese erlangt haben, wird es uns gestattet sein, des wahren Friedens, verklärter Ruhe und des ewigen Glückes uns zu erfreuen.

Schluss: Aufruf zum Wiederaufbau des Klosters Monte Cassino

31 Als der kürzlich beendete, wütende Krieg in die Gegenden der Campagna und des Latiums vorgetragen wurde, umtobte er leider auch, wie ihr wisst, ehrwürdige Brüder, die heiligen Höhen von Monte Cassino. Wir haben zwar durch Rat, Mahnung und beschwörende Bitten alles getan, damit der Religion, der Kunst und auch der menschlichen Kultur nicht eine unermessliche Schmach angetan werde; jene berühmte Stätte der Wissenschaft und Frömmigkeit, die wie eine siegreiche Fackel in der Finsternis die Fluten der Jahrhunderte überstrahlt hatte, wurde trotzdem zerstört und vernichtet. Als die Städte, Ortschaften, Burgen und Dörfer ringsum in Schutt und Asche sanken, da war es, als sollte auch das Kloster Cassino, das Mutterhaus des Benediktinerordens, gleichsam an der Trauer seiner Söhne und an ihrem Unglück teilhaben. Fast nichts blieb verschont als die ehrwürdige Gruft, wo die Überreste des heiligen Patriarchen ehrfurchtsvoll aufbewahrt werden.

32 Heute starren dort, wo einst herrliche Kunstdenkmäler standen, nur mehr zerschlagene Mauern, Trümmer und Ruinen, überwachsen von wildem Gestrüpp, und einzig eine kleine Behausung für die Mönche ist neuestens in der Nähe wieder erstellt worden. Doch jetzt, da wir des 1400. Jahres gedenken, seit jener heilige Mann, nach Schaffung eines so großen Werkes, in die himmlische Seligkeit eingegangen ist, - warum sollten Wir da nicht zu hoffen wagen, dass dank der Zusammenarbeit aller Gutgesinnten, namentlich jener, die mit Reichtum gesegnet und von Großmut erfüllt sind, dieses uralte Kloster so rasch wie möglich in seiner ursprünglichen Schönheit wieder erstehen werde? Das schuldet gewiss dem heiligen Benedikt die gesamte zivilisierte Welt, die es zum großen Teil ihm und seiner arbeitsamen Gefolgschaft zu verdanken hat, dass sie vom hellen Licht der Wissenschaft erleuchtet ist und sich freuen darf, die Zeugnisse der antiken Kultur bewahrt zu haben. Deshalb vertrauen Wir darauf, dass die baldige Verwirklichung dieses Anliegens Unseren Wünschen und Hoffnungen entsprechen werde. Dieses Unternehmen sei nicht nur ein Werk des Wiederaufbaus, sondern der Auftakt zu einer besseren Zeit, wo der Geist des Benediktinertums und seine mehr denn je zeitgemäßen Lehren ständig wachsenden Einfluss gewinnen mögen.

33 Beseelt von dieser festen Hoffnung, erteilen Wir jedem einzelnen von euch, ehrwürdige Brüder, der gesamten, eurer Obsorge anvertrauten Herde, der ganzen Mönchsfamilie, die diesen Gesetzgeber ruhmvoll ihren Lehrer und Vater nennt, als Unterpfand himmlischer Gnaden und als Beweis Unseres Wohlwollens, von ganzem Herzen den Apostolischen Segen.

Gegeben zu Rom bei St. Peter am 21. März,

dem Feste des heiligen Benedikt, im Jahre 1947,
dem neunten Unseres Pontifikates

Papst Pius XII.

Anmerkungen

  1. Pius XII., Rundschreiben zum 1400. Todestag des heiligen Benedikt von Nursia. AAS XXXIX (1947) 137-155.
  2. Mt 28,20 EU.
  3. Gregorius Magnus, Lib. Dial. u, Prol. PL 66, 126.
  4. Cicero, De offiiciis II 8, 27.
  5. Gregorius Magnus, Lib. Dial. II, Prol. PL 66, 126.
  6. Gregorius Magnus, Lib. Dial. II, 8. PL 66, 150.
  7. VgI. Gregorius Magnus, Lib. Dial. II, Prol. PL 66, 126.
  8. Salvian, De gub. mundi, VIII. 1 PL 53, 130.
  9. Gregorius Magnus, Lib. Dial. II, ebd.
  10. Kol 3,3 EU.
  11. Gregorius Magnus, Lib. Dial. II 3. PL 66, 132.
  12. Gregorius Magnus, Lib. Dial. II 3. PL 66, 140.
  13. Ebd.
  14. Gregorius Magnus, Lib. Dial. II 8. PL 66, 148.
  15. Ebd., II 8. PL 66, 152.
  16. Pius X., Apostolisches Schreiben Archicoenobium Casinense vom 10. Februar 1913. AAS V (1913) 113.
  17. Thomas von Aquin, Sum. theol. II-II q. 188 a. 6.
  18. Mabillon, Annales Ord. S. Bened. (Lucca 1739) Bd. I, S.107.
  19. Gregorius Magnus, Lib. Dial. III 16. PL 77, 261.
  20. Vgl. Bossuet, Panégyrique de saint Benoit. (Euvres complétes (Paris 1863) Bd. XII, S. 165.
  21. Gregorius Magnus, Lib. Dial. II 36. PL 66, 200.
  22. Regel des heiligen Benedikt, Kp. 65.
  23. Vgl. ebd., Kp.3.
  24. Vgl. ebd., Kp.2.
  25. Ebd., Kp.2.
  26. Vgl. ebd., Kp. 3.
  27. Ebd., Kp. 2.
  28. Ebd., Kp. 33.
  29. Regel des heiligen Benedikt, Kp. 48 und 57.
  30. Ebd., Kp. 48.
  31. Ebd., Kp. 43.
  32. Ebd., Kp. 19.
  33. Regel des heiligen Benedikt, Kp. 4.
  34. Ebd., Kp. 5.
  35. Ebd., Kp. 72.
  36. Ebd., Kp. 53.
  37. Ebd., Kp. 53; Mt 25,35 EU.
  38. Ebd., Kp. 36; Mt 25,36 EU.
  39. Gregorius Magnus, Lib. Dial. II 37. PL 66, 202.
  40. 1 Kor 10,4 EU.
  41. Leo Magnus, Sermo I in natali Ap. Pefri et Pauli. PL 54, 423.
  42. Cicero, De nat. deorum III 40, 94.
  43. Cicero, De nat. deorum I 2, 3.
  44. Gen 3,19 EU.
Meine Werkzeuge