Franz Ehrle

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Franz Kardinal Ehrle
Wappen von Kardinal Ehrle

Franz Kardinal Ehrle SJ (* 17. Oktober 1845 in Isny; † 31. März 1934 in Rom) war Kardinal der Hl. Römischen Kirche und Mediävist.

Inhaltsverzeichnis

Biografie

Franz Ehrle wurde als drittes von sieben Kindern eines ebenso heißenden Amtsarztes geboren. Er besuchte im Allgäu die Schule. Er trat 1861 bei den Jesuiten ein. Sein Ausbildungsweg führte über Feldkirch in Vorarlberg, Friedrichsburg bei Münster und Maria Laach in der Eifel nach England, wo die Jesuiten während des Kulturkampfes ein theologisches Studienhaus in Ditton Hall bei Liverpool unterhielten. Er empfing 1876 die Priesterweihe. Es folgten weitere theologischen Studien. In den Jahren 1877 bis 1878 war Ehrle im pastoralen Dienst in Liverpool tätig. 1878 wurde er Mitarbeiter der katholischen Zeitschrift Stimmen aus Maria Laach. Ebenfalls 1878 übersiedelte er nach Brüssel, wo er bis 1880 sowohl als Wissenschaftler als auch in der Pastoral tätig war. Danach wurde er 1880 Mitarbeiter der Vatikanischen Bibliothek. Papst Leo XIII. machte 1880/81 das Vatikanische Geheimarchiv der Forschung frei zugänglich und löste damit ein regelrechtes »Goldfieber« in der europäischen Geschichtswissenschaft aus. In Rom kreuzten sich die Wege Ehrles mit denen des dominikanischen Gelehrten Heinrich Denifle (1845-1905); zwischen ihnen entwickelte sich eine dauerhafte wissenschaftliche Zusammenarbeit und eine dauerhafte Freundschaft. Während Denifle im Vatikanischen Archiv als Unterarchivar arbeitete, wurde die Vatikanische Bibliothek zur Lebensaufgabe Ehrles. Denifle und Ehrle begründeten und führten gemeinsam die Fachzeitschrift »Archiv für Literatur- und Kirchengeschichte des Mittelalters«.

Er publizierte 1890 eine Darstellung der päpstlichen Bibliotheksgeschichte vom Pontifikat Bonifaz’ VIII. (1294-1303) bis zur Zeit Martins V., Historia bibliothecae Romanorum Pontificum tum Bonifatianae tum Avenionensis, ließ damit die wissenschaftliche Fachwelt aufhorchen und wies künftigen Forschungen Wege und Perspektiven. Er verfasste Beiträge zum Großen Abendländischen Schisma, insbesondere zu Benedikt XIII., dem Papst der avignonesischen Obödienz, zu dessen Pontifikat ihm eine von der Forschung aufgegriffene Neubewertung gelang.

1890 wurde er in den Verwaltungsrat der Vatikanischen Bibliothek aufgenommen, von 1895 bis 1914 war er Präfekt derselbigen. Ab 1918 lehrt er Paläographie am Päpstlichen Bibelinstitut sowie Geschichte der Scholastik an der Gregoriana. Ehrle war in dieser Zeit auch der Hauptorganisator der päpstlichen Forschungsbibliothek Leonina.

Papst Pius XI., den Ehrle selbst gefördert hatte, indem er den Lombarden Achille Ratti, den damaligen Präfekten der Ambrosianischen Bibliothek in Mailand, als seinen Stellvertreter nach Rom geholt und ihn auch zu seinem Nachfolger an der Spitze der Vatikanischen Bibliothek aufgebaut hatte, erhob ihn am 11. Dezember 1922, gleich im ersten Konsistorium, zum Kardinaldiakon mit der Titeldiakonie San Cesareo in Palatio. Am 17. April 1929 stieg Ehrle zum Bibliothekar und Archivar der Römischen Kirche auf. Kardinal Franz Ehrle war Sachwalter des Prozesses der Heiligsprechung des Kirchenlehrers Albert des Großen (vgl. In thesauris sapientiae). Ehrle war Kardinalprotektor des Campo Santo Teutonico und wurde auf dem Friedhof Campo Verano bestattet.

Das Wirken und Ansehen Ehrles als Bibliothekar

Zu den bleibenden Verdiensten Ehrles gehört es, dass er eine große Konsultationsbibliothek einrichtete, die Handschriftenkatalogisierung entscheidend vorantrieb, umfangreiche und wichtige Buchbestände (wie die Borghese-Bibliothek und die Biblioteca Barberini) erwarb, neue Buchreihen gründete, von denen die Studi e Testi – bis heute sind mehrere hundert Bände erschienen – die bedeutendste ist. Er ergriff Initiativen zu Schutz und Restaurierung der Bücher beziehungsweise der Handschriften, darunter eine internationale Konferenz, die am 30. September 1898 unter dem Vorsitz des Althistorikers Theodor Mommsen im schweizerischen Sankt Gallen begann, und kümmerte sich persönlich um technische Details. Auf seine Veranlassung hin wurde eine Restaurierungswerkstatt in der Vatikanischen Bibliothek eingerichtet – damit war sie mit führend in Europa. Für die Erforschung der Handschriften gründete Ehrle unter anderem die Buchreihe Codices e vaticanis selecti phototypice expressi (mit Photoreproduktionen, wie der Name schon sagt).

Ehrle leistete sowohl als Reorganisator der Vatikanischen Bibliothek wie als Wissenschaftler Bahnbrechendes für die Erforschung der Philosophie und Theologie des Mittelalters.

Ehrle genoss großes Ansehen in der europäischen Wissenschaft über Konfessions- und Landesgrenzen hinaus. Dies zeigt die stattliche Anzahl an Ehrenpromotionen und Berufungen in Akademien. Die Universitäten in Oxford und Cambridge, in Löwen und Münster, Köln und Bonn, München und Tübingen verliehen ihm den Doktor honoris causa, Akademien wie diejenigen in Berlin, München, Göttingen, Barcelona und Paris, dort die Académie des Inscriptions et Belles-Lettres, wählten ihn zum Mitglied beziehungsweise korrespondierenden Mitglied. Damit endeten noch nicht die Auszeichnungen Ehrles, dessen persönliche Stärken eine starke Arbeitsdisziplin, eine hohe Konzentrationsfähigkeit, gewandtes, gleichwohl bescheidenes Auftreten und eine im direkten Gespräch gewinnende Ausstrahlung waren.

Grundlegend für Franz Ehrle war es, dass er sein historisches wie bibliothekarisches Wirken als Dienst, als ministerium, verstand an Kirche und Gesellschaft, zum Wohle beider in Bindung an seinen Orden der Gesellschaft Jesu und sein Priestertum. Die Vaticana als moderne Forschungsbibliothek ist wesentlich Franz Ehrle zu verdanken. In seiner Zeit hat er eine beachtliche Rolle in dem Beziehungsgeflecht zwischen Deutschland und dem Heiligen Stuhl gespielt, die über Kirche, Kultur und Wissenschaft hinausreichte.

Mit Bezug auf das Subsidiaritätsprinzip plädierte der schwäbische Jesuit für das einträchtige Zusammenwirken von Kirche und Staat sowie für den konfessionellen Frieden im sozialcaritativen Agieren.

Werke

  • Beiträge zur Geschichte und Reform der Armenpflege Herder Verlag 1881.
  • Archiv für Literatur und Kirchengeschichte des Mittelalters (zusammen mit Heinrich Denifle), 7 Bände, Freiburg 1885-1900.
  • Hist. Bibliothecae Romanorum Pontificum, turn Bonifatianae, turn Avenionensis, Bd. 1, Rom 1890.
  • Der Sentenzen-Kommentar Peters von Candia des Pisaner Papstes Alexanders V. Münster 1925.
  • I piil antichi statuti della facolta teologica dell'Universita di Bologna (Untersuchung der Statuten der theologischen Fakultät der Universität Bologna), Rom 1932.
  • Die Scholastik und ihre Aufgaben in unserer Zeit, Freiburg 1933.

Literatur

  • Die europäische Gelehrtenwelt ehrte Franz Ehrle mit einer fünfbändigen Festschrift (dazu ein »Album«), als dieser in sein 80. Lebensjahr eintrat.
  • Martin Grabmann, Heinrich Denifle OP und Kardinal Franz Ehrle SJ: Philosophisches Jahrbuch der Görres-Gesellschaft 56 (1946) 9-26.
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