Frühdatierung der Evangelien

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Die päpstliche Bibelkommission hat immer an der Frühdatierung der Evangelien festgehalten, sich in späteren Jahren jedoch nicht mehr explizit dazu geäußert. Seit J.A.T. Robinson (Redating the New Testament, 1976) ist in der Bibelwissenschaft die Frage wieder heftig in der Diskussion. Zu unhaltbar erscheint es für viele, die Entstehung der Evangelien zwanghaft hinter das Jahr 70 n. Chr. (Eroberung Jerusalems) zu verlegen. Diese Datierung hängt im Wesentlichen von dem Urteil ab, dass Jesus keine "Prophezeihung" des Untergangs Jerusalems ausgesprochen habe, diese ihm vielmehr von den Evangelisten bzw. der mündlichen Überlieferung in den Mund gelegt worden sei.

Auch die Spätdatierung des Johannesevangelium wird von einigen Exegeten und Historikern immer mehr in Zweifel gezogen, so etwa von Klaus Berger. Für eine Frühdatierung hat sich auch der Archäologe Carsten Peter Thiede ausgesprochen. Gerade die historischen Wissenschaften böten immer mehr Anlass dazu.

Allerdings datieren Rudolf Schnackenburg in seinem großen vierbändigen Johannes-Kommentar (Herder 1965-1973) und im Anschluß an ihn vorsichtiger (und unverbindlich) auch Benedikt XVI. im 1. Band seines Jesusbuchs (Herder 2007, s.u.) seine Entstehung in letzter Fassung auf spätestens das Ende des 1. Jahrhunderts hin. [Benedikt XVI.: "Papyrusfunde aus Ägypten, die zu Beginn des 2. Jahrhunderts zu datieren sind, machten klar, daß das Evangelium noch im 1. Jahrhundert, wenn auch an dessen Ende, entstanden sein muss." (A.a.O., S. 261.)] Die von Klaus Berger (Im Anfang war Johannes. Datierung und Theologie des vierten Evangeliums, Gütersloh 2003) seit einigen Jahren vertretene These, das Johannesevangelium sei (wenn auch nicht in der Endfassung) das älteste der Evangelien, ist in der deutschsprachigen Theologie nach wie vor eine Außenseitermeinung.


Entscheidungen der Bibelkommission

  • Matthäusevangelium (19. Juni 1911): Der Apostel Matthäus hat nach glaubwürdiger Überlieferung als erster ein Evangelium, nicht bloß eine Redesammlung, in der Landessprache von Palästina geschrieben. Dieses aramäische Evangelium ist im Wesentlichen dasselbe wie das griechische kanonische Evangelium. Es ist geschichtlich ganz glaubwürdig und nicht erst nach dem Jahr 70 entstanden.
  • Markusevangelium (26. Juni 1912): Äußere und innere Gründe erhärten die Echtheit des Evangeliums. (....) Außer der Predigt des hl. Petrus hat Markus noch andere Quellen benutzt und ist in seinen Angaben durchaus glaubwürdig. Das Evangelium ist vor 70 entstanden.
  • Lukasevangelium (26. Juni 1912): Äußere und innere Gründe beweisen die Echtheit (....) Das Magnifikat stammt von Maria. Lukas hat außer der Predigt des hl. Paulus noch andere Quellen benutzt und ist in seinen Mitteilungen durchaus glaubwürdig. Sein Evangelium ist das dritte und ist vor dem Ende der ersten römischen Gefangenschaft des hl. Paulus geschrieben.
  • Johannesevangelium (29. Mai 1907): Die äußeren geschichtlichen Zeugnisse und die inneren Merkmale des vierten Evangeliums verbürgen die Echtheit. Insbesondere die Reden des Herrn seien nicht bloß theologische Kompositionen des Evangelisten.

Die o.g. Entscheidungen der Bibelkommission sind heute im Licht der weiteren lehramtlichen Entwicklung (insb. Dei verbum, 1965) zu lesen. Als wissenschaftliche Urteile sind sie nicht als lehramtliche Entscheidungen anzusehen. Sie sind aber nicht einfach durch einzelne Hypothesen "widerlegt". Insbesondere argumentierte die Kommission damals schon sorgfältiger und offener für echte Erkenntnisfortschritte als ihr die Kritik einräumte.

Zitiert nach:

Das neue Testament, übersetzt und erläutert von Konstantin Rösch, Paderborn 1953.

Literatur

  • Michael Hesemann: Gottes Sohn? In: Die Dunkelmänner, Augsburg 2007. S. 66-81.
  • Carsten Peter Thiede: Jesus. Der Glaube. Die Fakten, Augsburg 2004.
  • Ders.: Der unbequeme Messias. Wer Jesus wirklich war (dt.) Basel (Brunnen), 2006 (Original engl. Jesus. Man or Myth?, 2005).
  • Joseph Ratzinger/Benedikt XVI.: Jesus von Nazareth, Freiburg 2007
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