Für eine Kulturpastoral

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Schreiben

Päpstlicher Rat für die Kultur
unseres Heiligen Vaters
Johannes Paul II.
für eine Kulturpastoral
23. Mai 1999
(Offizieller lateinischerText AAS [1996] )

(Quelle: Die deutsche Fassung auf der Vatikanseite
Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Inhaltsverzeichnis

EINLEITUNG: Neue kulturelle Situationen, neue Felder für die Evangelisierung

1. "Der Prozess der Begegnung und Auseinandersetzung mit den Kulturen ist eine Erfahrung, welche die Kirche von den Anfängen der Verkündigung des Evangeliums an erlebt hat" (Fides et ratio, Nr. 70), denn "in der Person des Menschen selbst liegt es begründet, dass sie nur durch die Kultur [...] zur wahren und vollen Verwirklichung des menschlichen Wesens gelangt" (Gaudium et spes, Nr. 53). In diesem Sinn erreicht die Frohe Botschaft, das Evangelium Christi für jeden Menschen und für den ganzen Menschen, der "zugleich Kind und Vater der Kultur ist, in der er eingebunden ist" (Fides et ratio, Nr. 71), den Menschen in seiner Kultur, die sein Glaubensleben durchdringt und ihrerseits schrittweise vom Glauben umgestaltet wird. "In unserer heutigen Zeit, in der das Evangelium nach und nach mit Kulturräumen in Berührung kommt, die sich bisher außerhalb des Verbreitungsbereiches des Christentums befunden hatten, eröffnen sich für die Inkulturation neue Aufgaben" (ebd., Nr. 72). Zur gleichen Zeit befinden sich traditionell christliche Kulturen oder Kulturen mit jahrtausendealten religiösen Traditionen in einer Krise. Es geht folglich nicht nur darum, Kulturen mit dem Glauben zu veredeln, sondern auch darum, einer entchristlichten Welt, in der die einzigen christlichen Bezüge kultureller Natur sind, neues Leben zu schenken. Die neuen kulturellen Situationen in der Welt bieten der Kirche auf der Schwelle zum dritten Jahrtausend viele neue Felder zur Evangelisierung.

Angesichts dieser Herausforderungen unserer Zeit, die "zugleich etwas Dramatisches und Faszinierendes an sich hat" (Redemptoris Missio, Nr. 38) möchte der Päpstliche Rat für die Kultur verschiedene Überzeugungen und konkrete Vorschläge für eine neue Kulturpastoral weitergeben, da die Kultur ein bevorzugter Ort für die Begegnung mit der Botschaft Christi ist. "Jede Kultur ist [nämlich] ein Bemühen, über das Geheimnis der Welt und insbesondere des Menschen nachzudenken; sie ist eine Weise, die transzendente Dimension des menschlichen Lebens zum Ausdruck zu bringen. Das Herz jeder Kultur ist ihr Streben, dem größten aller Geheimnisse, dem Geheimnis Gottes, näher zu kommen".[1] Der springende Punkt der Kulturpastoral ist daher: "Wenn der Glaube nicht Kultur wird, ist er nicht vollends angenommen, nicht ganz durchdacht und nicht treu gelebt".[2] Die folgenden Überzeugungen und Vorschläge sind das Ergebnis zahlreicher Gespräche und vor allem der konstruktiven Zusammenarbeit mit den Bischöfen, den Hirten der Diözesen, und ihren Mitarbeitern auf diesem Apostolatsfeld.

Der Päpstliche Rat für die Kultur möchte so dem eindringlichen Appell nachkommen, den Papst Johannes Paul II. an ihn gerichtet hat: "Sie sollen der Kirche helfen, auf die für die zeitgenössischen Kulturen grundlegenden Fragen zu antworten: Wie ist die Botschaft der Kirche den neuen Kulturen, den heutigen Formen des Verständnisses und der Empfindung zugänglich? Wie kann sich die Kirche Christi beim modernen Geist Gehör verschaffen, der so stolz auf seine Leistungen und zugleich so ängstlich besorgt um die Zukunft der Menschheit ist? Wer ist Jesus Christus für die Männer und Frauen von heute?".[3]

I. GLAUBE UND KULTUR: ORIENTIERUNGSLINIEN

2. Als Verkünderin der Botschaft Christi, des Erlösers des Menschen, ist sich die Kirche in unserer Zeit erneut der kulturellen Dimension der Person und der menschlichen Gemeinschaften bewusst geworden. Das II. Vatikanische Konzil, insbesondere die Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute und das Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche, die Bischofssynoden über die Evangelisierung in der Welt von heute und über die Katechese in unserer Zeit, die sich in den Apostolischen Schreiben Evangelii nuntiandi Pauls VI. und Catechesi tradendae Johannes Pauls II. niedergeschlagen haben, legen in dieser Hinsicht eine ergiebige Lehre vor, welche die folgenden Sonderversammlungen der Bischofssynode für die verschiedenen Kontinente und die Nachsynodalen Apostolischen Schreiben des Heiligen Vaters näher ausgeführt haben. Die Inkulturation des Glaubens war zudem Gegenstand eingehender Überlegungen der Päpstlichen Bibelkommission[4] und der Internationalen Theologenkommission.[5] Johannes Paul II. zitiert in seiner Enzyklika Redemptoris Missio das Schlussdokument der Außerordentlichen Bischofssynode 1985 anläßlich des zwanzigsten Jahrestags des Abschlusses des II. Vatikanischen Konzils und erklärt: "Inkulturation "bedeutet die innere Umwandlung der authentischen kulturellen Werte durch deren Einfügung ins Christentum und die Verwurzelung des Christentums in den verschiedenen Kulturen" (Außerordentliche Versammlung 1985, Schlussbericht, II, C 6)" (Nr. 52). Der Papst hat in vielen Ansprachen im Laufe seiner Apostolischen Reisen ebenso wie die Lateinamerikanische Bischofskonferenz in Puebla und Santo Domingo[6] die Pastoral der Kirche unserer Zeit im Hinblick auf diese neue Dimension aktualisiert und konkretisiert, um die Menschen in ihrer Kultur zu erreichen. Die aufmerksame Analyse der verschiedenen Kulturbereiche, die das Dokument durchführt, zeigt den Umfang dessen, was Kultur ist, nämlich jene besondere Weise, in der Menschen und Völker ihre Beziehungen zur Natur und ihresgleichen, zu sich selbst und zu Gott pflegen, um zur vollen Verwirklichung des menschlichen Lebens zu gelangen (vgl. Gaudium et spes, Nr. 53). Es gibt nur eine Kultur des Menschen, durch den Menschen und für den Menschen. Sie ist die ganze Tätigkeit des Menschen, sein Denken und Fühlen, seine Sinnsuche, seine Bräuche und ethischen Grundsätze. Die Kultur entspricht so sehr der Natur des Menschen, dass sich die Natur nur in der menschlichen Kultur vollendet und nach außen zeigt. Ziel der Kulturpastoral ist es daher, den Menschen, der nach dem "Abbild Gottes" (Gen 1,26) geschaffen ist, wieder zur Fülle seines Wesens zurückzuführen. Die Kulturpastoral will ihn vor der anthroprozentrischen Versuchung bewahren, sich von seinem Schöpfer unabhängig zu erklären. Deshalb ist es nicht zu leugnen - und diese Feststellung ist für die Kulturpastoral entscheidend -, "dass sich der Mensch immer in einer bestimmten Kultur befindet, aber ebenso wenig lässt sich bestreiten, dass sich der Mensch in dieser jeweiligen Kultur auch nicht erschöpft. Im übrigen beweist die Kulturentwicklung selbst, dass es im Menschen etwas gibt, das alle Kulturen transzendiert. Dieses "Etwas" ist eben die Natur des Menschen: Sie gerade ist das Maß der Kultur und die Voraussetzung dafür, dass der Mensch nicht zum Gefangenen irgendeiner seiner Kulturen wird, sondern seine Würde als Person dadurch behauptet, dass er in Übereinstimmung mit der tiefen Wahrheit seines Wesens lebt" (Veritatis splendor, Nr. 53).

Die Kultur entspringt in ihrer wesentlichen Beziehung zur Wahrheit und zum Guten nicht allein den Noterfahrungen, Interessenschwerpunkten oder Grundbedürfnissen. "Die erste und grundlegende Dimension der Kultur ist", wie Johannes Paul II. vor der UNESCO betont, "ihre gesunde Moral: also die moralische Kultur".[7] "Wenn die Kulturen tief im Humanen verwurzelt sind, tragen sie das Zeugnis der typischen Öffnung des Menschen für das Universale und für die Transzendenz in sich" (Fides et ratio, Nr. 70). Da die Kulturen in der Spannung auf ihre Vollendung hin von den dynamischen Kräften der Menschen und ihrer Geschichte geprägt sind (vgl. ebd., Nr. 71), haben sie auch an der Sünde teil. Deshalb müssen die Christen eine entsprechende Gabe der Unterscheidung besitzen. Da das Wort Gottes in der Menschwerdung die menschliche Natur in ihrer konkreten, geschichtlichen Dimension angenommen, aber nicht gesündigt hat (vgl. Hebr 4,15), hat es sie gereinigt und zu ihrer Fülle im Heiligen Geist geführt. Gott offenbart sich dem Menschen "in Wort und Tat, die innerlich miteinander verknüpft sind" (Dei Verbum, Nr. 2) und öffnet ihm sein Herz. Er offenbart den Menschen in ihrer Sprache das Geheimnis seiner Liebe, "um sie in seine Gemeinschaft einzuladen und aufzunehmen" (ebd.).

Die Frohe Botschaft des Evangeliums für die Kulturen

3. Um sich dem Menschen zu offenbaren, mit ihm ins Gespräch zu kommen und ihn zum Heil zu berufen, hat Gott sich aus dem reichen Spektrum jahrtausendealter Kulturen, die der menschliche Geist hervorgebracht hat, ein Volk erwählt, dessen ursprüngliche Kultur er durchdrungen, gereinigt und fruchtbar gemacht hat. Die Geschichte des Bundes ist die Geschichte von der Entstehung einer Kultur, die Gott selbst in seinem Volk erweckt hat. Die Heilige Schrift ist das von Gott gewollte und gebrauchte Werkzeug, um sich zu offenbaren. Deshalb transzendiert sie die Kultur. "Zur Abfassung der Heiligen Bücher hat Gott Menschen erwählt, die ihm durch den Gebrauch ihrer eigenen Fähigkeiten und Kräfte dazu dienen sollten" (Dei Verbum, Nr. 11). In der Heiligen Schrift, dem Wort Gottes, das die ursprüngliche Inkulturation des Glaubens an den Gott Abrahms darstellt, "sind Gottes Worte, durch Menschenzunge formuliert, menschlicher Rede ähnlich geworden" (ebd. Nr. 13). Die in der heiligen Geschichte enthaltene Botschaft der Offenbarung besitzt immer eine kulturelle Hülle, von der sie sich nicht trennen lässt, insofern diese Hülle ein unerläßlicher Bestandteil der Botschaft der Offenbarung ist. Die Bibel, Gottes Wort im Menschenwort, stellt den Archetyp der fruchtbaren Begegnung zwischen dem Wort Gottes und der Kultur dar.

In dieser Hinsicht ist die Berufung Abrahams bezeichnend: "Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus" (Gen 12,1). "Aufgrund des Glaubens gehorchte Abraham dem Ruf, wegzuziehen in ein Land, das er zum Erbe erhalten sollte; und er zog weg, ohne zu wissen, wohin er kommen würde. Aufgrund des Glaubens hielt er sich als Fremder im verheißenen Land wie in einem fremden Land auf und wohnte [...] in Zelten; denn er erwartete die Stadt mit den festen Grundmauern, die Gott selbst geplant und gebaut hat" (Hebr 11,8-10). Die Geschichte des Volkes Gottes beginnt mit einer Glaubenszustimmung, die gleichzeitig ein Bruch mit der Kultur ist, um im Kreuz Christi ihren Höhepunkt zu finden. Dieses Kreuz ist ein wahrer Bruch, die Erhöhung von der Erde, aber auch der Anziehungspunkt, der die Geschichte der Welt auf Christus ausrichtet und die verstreuten Kinder Gottes in Einheit versammelt: "Wenn ich über die Erde erhöht bin, werde ich alle zur mir ziehen" (Joh 12,32).

Der Bruch mit der Kultur, mit dem die Berufung Abrahams, "des Vaters im Glauben", beginnt, bringt das zum Ausdruck, was sich in der Tiefe des menschlichen Herzens ereignet, wenn Gott in seine Existenz einbricht, um sich ihm zu offenbaren und von ihm die bindende Zusage seines ganzen Seins verlangt. Gott hat Abraham aus seiner geistigen und kulturellen Umwelt herausgerissen, um ihn im Glauben in das verheißene Land einzupflanzen. Ja, dieser Bruch macht den grundlegenden, wesenhaften Unterschied zwischen Glauben und Kultur deutlich. Im Gegensatz zu den Götzen, die Frucht der Kultur sind, ist der Gott Abrahams der ganz Andere. Durch die Offenbarung tritt er in Abrahams Leben ein. Die zyklische Zeit der alten Religionen ist überholt: Mit Abraham und dem jüdischen Volk beginnt eine neue Zeit, die zur Geschichte der Menschen auf dem Weg zu Gott wird. Nicht mehr das Volk schafft sich einen Gott, sondern Gott erwählt sich ein Volk und macht es zu seinem Volk, zum Volk Gottes.

In der biblischen Kultur spielt dieser Umstand eine große Rolle. Sie ist eine Kultur des Volkes Gottes, in dessen Mitte er Mensch geworden ist. Die an Abraham ergangene Verheißung erreicht in der Verherrlichung des gekreuzigten Christus ihren Höhepunkt. Der Vater im Glauben, der nach der Erfüllung der Verheißung strebt, verkündet das Opfer des Gottessohnes am Holz des Kreuzes. In Christus wird die ganze Schöpfung vereint, in ihm ruft Gott in seiner Liebe alle Menschen auf, ihm ähnlich zu werden. Gott, der ganz Andere, hat sich in Jesus Christus, der ganz einer von uns war, geoffenbart: "Des ewigen Vaters Wort ist durch die Annahme menschlich-schwachen Fleisches den Menschen ähnlich geworden" (Dei Verbum, Nr. 13). Auch der Glaube besitzt die Kraft, das Herz jeder Kultur zu erreichen, sie zu reinigen, fruchtbar zu machen, zu bereichern und zu einer Entwicklung zu befähigen, die der maßlosen Liebe Christi entspricht. Die Annahme der Botschaft Christi erweckt so eine Kultur, deren zwei wesentliche Bestandteile in völlig neuer Hinsicht die Person und die Liebe sind. Die erlösende Liebe Christi enthüllt - über die natürlichen Grenzen der Personen hinaus - ihren hohen Wert, der im Stand der Gnade, der Gabe Gottes, aufleuchtet. Christus ist die Quelle dieser Zivilisation der Liebe, nach der sich die Menschen seit dem Sündenfall im Garten Eden sehnen. Nach Paul VI. ruft uns Johannes Paul II. unermüdlich auf, diese Zivilisation zusammen mit allen Menschen guten Willens konkret zu verwirklichen. Denn die grundlegende Verbindung des Evangeliums, das heißt Christi und der Kirche, mit dem Menschen in seinem Menschsein, ist prinzipiell kulturbildend. Indem die Kirche nach dem Evangelium lebt - und die zweitausendjährige Geschichte bezeugt dies - erhellt sie den Sinn und Wert des Lebens; sie weitet den Horizont der Vernunft und bekräftigt die Grundlagen der Moral. Der richtig gelebte christliche Glaube offenbart die Würde der menschlichen Person in ihrer ganzen Tiefe sowie die Erhabenheit ihrer Berufung (vgl. Redemptoris hominis, Nr. 10). Das Christentum zeichnet sich seit seinen Ursprüngen durch sein Glaubensverständnis und sein kühnes Denken aus. Davon zeugen Pioniere wie der heilige Justin und der heilige Klemens von Alexandrien, Origenes und die Kappadokier. Auf diese fruchtbare Begegnung des Evangeliums mit den Philosophien bis in unsere Zeit hinein hat Johannes Paul II. in seiner Enzyklika Fides et ratio (vgl. Nr. 36-48) hingewiesen. "Die Begegnung des Glaubens mit den verschiedenen Kulturen hat tatsächlich eine neue Wirklichkeit ins Leben gerufen" (Fides et ratio, Nr. 70); sie hat so in den verschiedensten Kontexten eine eigenständige Kultur geschaffen.

Evangelisierung und Inkulturation

4. Die Evangelisierung im eigentlichen Sinn besteht in der expliziten Verkündigung des Heilsgeheimnisses Christi und seiner Botschaft, denn Gott "will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen" (1 Tim 2,4). "So ist es nötig, dass sich alle zu ihm, der durch die Verkündigung der Kirche erkannt wird, bekehren sowie ihm und seinem Leib, der Kirche, durch die Taufe eingegliedert werden" (Ad gentes, Nr. 7). Die unaufhörlich sprudelnde Neuheit der Offenbarung Gottes "in Wort und Tat, die innerlich miteinander verknüpft sind" (Dei Verbum, Nr. 2), macht die Wahrheit über Gott und das Heil des Menschen kund und wird durch den in der Kirche wirkenden Geist Christi mitgeteilt. Die Verkündigung Christi, "der zugleich der Mittler und die Fülle der ganzen Offenbarung ist" (ebd.), bringt die semina Verbi ans Licht, die in den Kulturen verborgen und manchmal gleichsam begraben sind; sie entfaltet sie nach Maßgabe ihrer Ausrichtung auf das Unendliche, die der Schöpfer in sie hineingelegt hat und in der wunderbaren Herablassung der ewigen Weisheit (vgl. Dei Verbum, Nr. 13) befriedigt, indem sie deren Sinnentwurf auf die Transzendenz hin umgestaltet, und macht jene festen Erwartungen zu Ansatzpunkten für die Aufnahme des Evangeliums. Durch das ausdrückliche Zeugnis ihres Glaubens durchdrangen die Jünger Jesu die vielfältigen Kulturen mit dem Evangelium.

"Evangelisieren besagt für die Kirche, die Frohbotschaft in alle Bereiche der Menschheit zu tragen und sie durch deren Einfluss von innen her umzuwandeln und die Menschheit selbst zu erneuern [...] Für die Kirche geht es [...] darum, [...] zu erreichen, dass durch die Kraft des Evangeliums die Urteilskriterien, die bestimmenden Werte, die Interessenpunkte, die Denkgewohnheiten, die Quellen der Inspiration und die Lebensmodelle der Menschheit, die zum Wort Gottes und zum Heilsplan im Gegensatz stehen, umgewandelt werden. [...] Es gilt - und zwar nicht nur dekorativ wie durch einen oberflächlichen Anstrich, sondern mit vitaler Kraft in der Tiefe bis zu ihren Wurzeln - die Kultur und die Kulturen des Menschen im vollen und umfassenden Sinn, den diese Begriffe in Gaudium et spes haben, zu evangelisieren, wobei man immer von der Person ausgeht und dann stets zu den Beziehungen der Personen untereinander und mit Gott fortschreitet.

Das Evangelium und somit die Evangelisierung identifizieren sich natürlich nicht mit der Kultur und sind unabhängig gegenüber allen Kulturen. Dennoch wird das Reich, welches das Evangelium verkündet, von Menschen gelebt, die zutiefst an eine Kultur gebunden sind, und kann die Errichtung des Gottesreiches nicht darauf verzichten, sich gewisser Elemente der menschlichen Kultur und Kulturen zu bedienen. Unabhängig gegenüber den Kulturen, sind Evangelium und Evangelisierung jedoch nicht notwendig unvereinbar mit ihnen, sondern fähig, sie alle zu durchdringen, ohne sich einer von ihnen zu unterwerfen.

Der Bruch zwischen Evangelium und Kultur ist ohne Zweifel das Drama unserer Zeitepoche [...]. Man muss somit alle Anstrengungen machen, um die Kultur, genauer die Kulturen, auf mutige Weise zu evangelisieren. Sie müssen durch die Begegnung mit der Frohbotschaft von innen her erneuert werden" (Evangelii nuntiandi, Nr. 18-20). Dafür ist es notwendig, das Evangelium in der Sprache und in der Kultur der Menschen zu verkündigen. Die Frohbotschaft richtet sich an die menschliche Person in ihrer geistigen und moralischen, wirtschaftlichen und politischen, kulturellen und sozialen Ganzheit und Komplexität. Die Kirche scheut sich daher nicht, von einer Evangelisierung der Kulturen, das heißt der Anschauungen, Sitten und Gebräuche, zu sprechen. "Die Neuevangelisierung erfordert eine hellsichtige, ernsthafte und geordnete Bemühung, um die Kultur zu evangelisieren" (Ecclesia in america, Nr. 70).

Während die Kulturen, die als ganze aus uneinheitlichen Elementen bestehen, sich ständig wandeln und vergehen, sind der Vorrang Christi und die Universalität seiner Botschaft eine unversiegbare Quelle des Lebens (vgl. Kol 1,8-12; Eph 1,8) und der Gemeinschaft. Die Missionare des Evangeliums bringen Christus als absolute Neuheit in die Kulturen ein und gehen unaufhörlich über die Grenzen jeder Kultur hinweg, ohne sich dabei für irdische Vorstellungen von einer besseren Welt vereinnahmen zu lassen. "Da aber das Reich Christi nicht von dieser Welt ist (vgl. Joh 18,36), so entzieht die Kirche oder das Gottesvolk mit der Verwirklichung dieses Reiches nichts dem zeitlichen Wohl irgendeines Volkes. Vielmehr fördert und übernimmt es Anlagen, Fähigkeiten und Sitten der Völker, soweit sie gut sind. Bei dieser Übernahme reinigt, kräftigt und erhebt es sie aber auch" (Lumen gentium, Nr. 13). Wer das Evangelium verkündet, dessen Glaube ist selbst an eine Kultur gebunden. Er muss den einzigartigen Platz Christi, die Sakramentalität seiner Kirche, die Liebe seiner Jünger zu jedem Menschen und zu allem, "was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist" (Phil 4,8), immer klar bezeugen. Das impliziert, dass er alles zurückweist, was in den Kulturen Ursache von Sünde und Folge von Sünde ist.

5. "Ein weiteres Problem ergibt sich aus der heute stark vernehmbaren Forderung nach Evangelisierung der Kulturen und nach der Inkulturation der Glaubensbotschaft" (Pastores dabo vobis, Nr. 55). Beide gehen einher, vollziehen sich im gegenseitigen Austausch, der ständig eine genaue Prüfung und Unterscheidung im Licht des Evangeliums verlangt. Es gilt, die in den Kulturen vorhandenen Werte und Anti-Werte zu erkennen, um auf den ersten aufzubauen und die zweiten energisch zu bekämpfen. "Durch die Inkulturation macht die Kirche das Evangelium in den verschiedenen Kulturen lebendig und führt zugleich die Völker mit ihren Kulturen in die Gemeinschaft mit ihr ein und überträgt ihnen die eigenen Werte, indem sie aufnimmt, was in diesen Kulturen an Gutem ist, und sie von innen her erneuert. Ihrerseits wird die Kirche durch die Inkulturation ein immer verständlicheres Zeichen von dem, was geeigneteres Mittel der Mission ist" (Redemptoris Missio, Nr. 52). "Für notwendig und wesentlich gehalten" (Pastores dabo vobis, Nr. 55) und sowohl von nostalgischem Archäologismus als auch von intramondäner Nachahmung weit entfernt, soll die Inkulturation "die Kraft des Evangeliums mitten in die Kultur und die Kulturen einbringen". "Bei dieser Begegnung wird den Kulturen nichts aberkannt; sie werden sogar ermuntert, sich dem Neuen zu öffnen, das die Wahrheit des Evangeliums enthält, um daraus Ansporn zu weiteren Entwicklungen zu gewinnen" (Fides et ratio, Nr. 71).

Im Einklang mit den objektiven Forderungen des Glaubens und dem Evangelisierungsauftrag trägt die Kirche folgender Grundgegebenheit Rechnung: Die Begegnung des Glaubens mit den Kulturen ereignet sich zwischen zwei Wirklichkeiten, die nicht zur gleichen Ordnung gehören. Ebenso bilden die Inkulturation des Glaubens und die Evangelisierung der Kulturen gleichsam eine Zweiheit, die jede Form von Synkretismus ausschließt[8]: Das ist "der authentische Sinn der Inkulturation: Sie will angesichts der verschiedensten und manchmal gegensätzlichen Kulturen, die es in den verschiedenen Teilen der Welt gibt, gehorsam gegenüber dem Gebot Christi sein, allen Völkern bis an die äußersten Grenzen der Erde das Evangelium zu verkünden. Ein solcher Gehorsam bedeutet weder Synkretismus noch einfache Anpassung der Verkündigung des Evangeliums, sondern meint die Tatsache, dass das Evangelium voller Lebenskraft in die Kulturen eindringt, in sie hineinwächst, indem es deren kulturelle Elemente, die mit dem Glauben und mit dem christlichen Leben nicht vereinbar sind, überwindet und ihre Werte in das Heilsmysterium, das von Christus kommt, integriert" (Pastores dabo vobis, Nr. 55). Die Bischofssynoden betonten unaufhörlich die besondere Bedeutung dieser Inkulturation im Lichte der großen Heilsgeheimnisse Christi für die Evangelisierung: seine Menschwerdung, seine Geburt, seine Passion und seine glorreiche Auferstehung sowie das Geschehen am Pfingsttag, durch das jeder kraft des Geistes Gottes große Taten in seiner Muttersprache hört.[9] Die am Pfingsttag versammelten Nationen haben in ihrer Muttersprache nicht eine Rede über ihre eigenen menschlichen Kulturen gehört, sondern waren darüber erstaunt, dass jeder die Apostel in der eigenen Sprache die Großtaten Gottes verkünden hörte. "Einerseits kann man die Botschaft des Evangeliums nicht einfach und schlechthin von der Kultur trennen, in der sie sich zuerst eingeprägt hat; ebenso kann man sie auch nicht ohne schwerwiegende Verkürzungen von jenen Kulturen trennen, in denen sie sich schon im Verlauf der Jahrhunderte ausgeprägt hat; andererseits wirkt die Kraft des Evangeliums überall umgestaltend und erneuernd" (Catechesi tradendae, Nr. 53). "Die Verkündigung des Evangeliums in den verschiedenen Kulturen verlangt von den einzelnen Empfängern das Festhalten am Glauben; sie hindert die Empfänger aber nicht daran, ihre kulturelle Identität zu bewahren. [...] wodurch die Weiterentwicklung des in ihr implizit Vorhandenen hin zu seiner vollen Entfaltung in der Wahrheit begünstigt wird" (Fides et ratio, Nr. 71).

"In Anbetracht der engen, organischen Beziehung, die zwischen Jesus Christus und dem von der Kirche verkündeten Wort besteht, kann die Inkulturation der geoffenbarten Botschaft gar nicht umhin, der dem Geheimnis der Erlösung eigenen "Logik" zu folgen. [...] Diese Selbstentäußerung, diese Kenosis, derer es für die Verherrlichung bedarf, der Weg Jesu und jedes seiner Jünger (vgl. Phil 2, 6-9) ist Leuchtkraft für die Begegnung der Kulturen mit Christus und seinem Evangelium. Jede Kultur muss von den Werten des Evangeliums im Lichte des Ostergeheimnisses umgewandelt werden" (Ecclesia in Africa, Nr. 61). Der Säkularismus, der als vage Dominante die Kulturen durchzieht, idealisiert oft mit der suggestiven Wirkung der Medien Lebensmodelle, die im Gegensatz zur Kultur der Seligpreisungen und der Nachfolge des armen, keuschen, gehorsamen und von Herzen demütigen Christus stehen. Es gibt in der Tat große kulturelle Leistungen, die von der Sünde inspiriert sind und zur Sünde verleiten können. "Wenn die Kirche die Frohbotschaft verkündet, verurteilt sie auch gleichzeitig die in den Kulturen anwesende Sünde und befreit sie davon. Sie prangert die Anti-Werte an und bannt sie. Sie ist demnach kulturkritisch, götzenkritisch, das heißt, sie kritisiert die zu Götzen erhobenen Werte oder Werte, die eine angebliche Kultur für absolut erklärt".[10]

Eine Kulturpastoral

6. Im Dienst der Verkündigung der Frohen Botschaft und demzufolge der Bestimmung des Menschen im Plan Gottes entfaltet die Kulturpastoral - in erneuter Wahrnehmung der an sie gestellten Anforderungen - die Sendung der Kirche in der Welt von heute, die das II. Vatikanische Konzil und die Bischofssynoden zum Ausdruck gebracht haben. Das erwachte Bewusstsein von der kulturellen Dimension der menschlichen Existenz bringt eine besondere Aufmerksamkeit für diesen neuen Bereich der Pastoral mit sich, dessen Grundlagen die christliche Anthropologie und Ethik sind. Die Kulturpastoral verfolgt ein christliches Kulturprojekt, nach dem Christus, der Erlöser des Menschen und die Mitte des Kosmos und der Geschichte (vgl. Redemptor hominis, Nr. 1), das ganze Leben der Menschen erneuert, indem sie "die weiten Bereiche der Kultur [...] seiner rettenden Macht öffnet".[11] In diesem Bereich gibt es praktisch unendlich viele Wege, denn die Kulturpastoral widmet sich konkreten Situationen, um sie für die universelle Botschaft des Evangeliums zu öffnen. Im Dienst der Evangelisierung, welche die wesentliche Sendung der Kirche, ihre Gnade, ihre eigentliche Berufung und ihre tiefste Identität ist (vgl. Evangelii nuntiandi, Nr. 14), greift die Pastoral - auf der Suche nach den "geeignetsten und wirksamsten Weisen zur Mitteilung der Botschaft des Evangeliums an die Menschen unserer Zeit" (ebd. 40) - komplementäre Mittel zurück: "Die Evangelisierung ist [...] ein vielschichtiges Geschehen mit verschiedenen Elementen: Erneuerung der Menschheit, Zeugnis, ausführliche Verkündigung, Zustimmung des Herzens, Eintritt in die Gemeinschaft, Empfang der Zeichen und Einsatz im Apostolat. Diese Elemente können als gegensätzlich, ja sogar einander ausschließend erscheinen. In Wirklichkeit ergänzen und bereichern sie sich jedoch gegenseitig. Man muss jedes einzelne von ihnen stets in einer integrierenden Funktion zu den anderen sehen" (ebd., Nr. 24).

Eine dank einer abgestimmten Pastoral inkulturierte Evangelisierung ermöglicht es der christlichen Gemeinschaft, ihren Glauben zu empfangen, zu feiern, zu leben und in der eigenen Kultur zum Ausdruck zu bringen, und zwar in "Vereinbarkeit mit dem Evangelium und der Gemeinschaft mit der Gesamtkirche" (Redemptoris Missio, Nr. 54). Sie bringt zugleich die absolute Neuheit der Offenbarung in Jesus Christus zum Ausdruck sowie die Forderung zur Umkehr, die der Begegnung mit dem einzigen Retter entspringt: "Seht, ich mache alles neu" (Offb 21,5).

Daraus ergibt sich, wie wichtig die Sorge der Theologen und Bischöfe um das richtige Glaubensverständnis und die pastorale Prüfung und Unterscheidung ist. Sie müssen auf die Kulturen wohlwollend zugehen, um die Botschaft Christi "in der Vorstellungswelt und Sprache der verschiedenen Völker" (Gaudium et spes, Nr. 44) auszusagen; dies dispensiert sie aber nicht von der erforderlichen Prüfung angesichts der großen und ernsthaften Probleme, die bei einer objektiven Analyse der heutigen Kulturphänomene zutage treten. Die Hirten sind sich deren Gewichtigkeit sehr wohl bewusst, stehen doch die Bekehrung von Menschen - und durch sie die der Kulturen - sowie die Christianisierung des Ethos der Völker (vgl. Evangelii nuntiandi, Nr. 20) auf dem Spiel.

II. HERAUSFORDERUNGEN UND ANSATZPUNKTE

Eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte (Gaudium et spes, Nr. 54)

7. Die Lebensbedingungen des modernen Menschen haben sich in den letzen Jahrzehnten des zweiten Jahrtausends so tief gewandelt, dass das II. Vatikanische Konzil ohne Zögern von "einer neuen Epoche der Menschheitsgeschichte" (Gaudium et spes, Nr. 54) spricht. Für die Kirche gibt es einen Kairos, eine günstige Zeit für eine Neuevangelisierung, in der die neuen Züge der Kultur viele Herausforderungen und Ansatzpunkte für eine Kulturpastoral darstellen.

Die Kirche unserer Zeit ist sich dessen, nicht zuletzt durch die Anstöße der Päpste, lebhaft bewusst. Letztere haben - von Rerum novarum (1891) bis Centesimus annus (1991) - die Soziallehre der Kirche entfaltet und aktualisiert. Die Bischofskonferenzen, ihre Unionen und die Bischofssynode nehmen sie zur Grundlage für praktische Initiativen, die auf die besonderen Situationen der verschiedenen Länder abgestimmt sind. Mitten in dieser Vielfalt zeichnen sich aber dennoch einige gemeinsame Züge ab.

In der heute in verschiedenen Teilen der Welt herrschenden Kultur überwiegt der Subjektivismus als Wahrheitsmaßstab und Wahrheitskriterium (vgl. Fides et ratio, Nr. 47). Die positivistischen Vorstellungen über den Fortschritt der Wissenschaften und der Technik sind fraglich geworden. Nach dem spektakulären Scheitern des atheistischen, kollektivistischen Marxismus und Leninismus erweist sich auch der Liberalismus als unfähig, das Glück des Menschengeschlechts in Verantwortung gegenüber der Würde jeder Person zu schaffen. Anthroprozentrischer praktischer Atheismus, zur Schau getragene religiöse Gleichgültigkeit, überhandnehmender hedonistischer Materialismus grenzen den Glauben aus: In einer "heute überwiegend naturwissenschaftlichen und technischen Kultur" (Veritatis splendor, Nr. 112) ist er am Verschwinden, ja ohne Beständigkeit und kulturelle Relevanz, heißt es. "Die von denselben Gläubigen übernommenen Beurteilungs- und Entscheidungskriterien stellen sich im Rahmen einer entchristlichten Kultur tatsächlich oft so dar, als hätten sie mit den Kriterien des Evangeliums nichts zu tun oder stünden sogar im Widerspruch zu ihnen" (ebd., Nr. 88). Der Papst macht fünfundzwanzig Jahre nach der Promulgation der Konzilskonstitution über die Liturgie erneut darauf aufmerksam: "Die Anpassung an die Kulturen verlangt auch eine Bekehrung des Herzens und - falls notwendig - ebenso einen Bruch mit althergebrachten Gewohnheiten, die mit dem katholischen Glauben unvereinbar sind. Es erfordert eine ernsthafte theologische, geschichtliche und kulturelle Ausbildung wie auch ein gesundes Urteilsvermögen, um zwischen dem, was notwendig, nützlich oder auch unnütz und gefährlich für den Glauben ist, zu unterscheiden" (Vicesimus quintus annus, Nr. 16).

Galoppierende Verstädterung und kulturelle Entwurzelung

8. Unter verschiedenen Zwängen wie der Armut, ja der Unterentwicklung der ländlichen Gebiete, wo es an unentbehrlichen Gütern und Dienstleistungen fehlt, aber auch in bestimmten Ländern, wo Millionen von Menschen wegen bewaffneter Konflikte zum Verlassen ihrer Familie und ihres kulturellen Umfelds gezwungen sind, erleben wir einen großen Exodus aus den ländlichen Gebieten, der die großen städtischen Ballungszentren maßlos anwachsen lässt. Zu diesen wirtschaftlichen und sozialen Zwängen kommen Faszination, Wohlstand und Vergnügen, welche die Stadt bietet und mit denen die sozialen Kommunikationsmittel locken. Wegen fehlender Planung bilden sich am Stadtrand bzw. in den Vorstädten oft sogenannte Gettos, riesige Ansammlungen von gesellschaftlich entwurzelten, politisch ungebildeten, wirtschaftlich ausgegrenzten und kulturell einsamen Menschen.

Die kulturelle Entwurzelung, die vielfältige Ursachen hat, macht im Kontrast dazu die fundamentale Rolle der kulturellen Wurzeln deutlich. Der haltlose Mensch, dessen kulturelle Identität angeschlagen oder verlorengegangen ist, neigt leichter zu unmenschlichem Handeln. Der Mensch hat im 20. Jahrhundert wie nie zuvor so viele Fähigkeiten und Begabungen erkennen lassen. Gleichzeitig wurde aber die menschliche Würde noch nie zuvor in der Geschichte so oft verneint und verletzt, was die bittere Folge der Leugnung oder Ablehnung Gottes ist. Wenn die Werte in die Privatsphäre verbannt werden, steht die Moral auf dem Kopf, und das geistliche Leben ist geschwächt. Der grauenhafte Begriff "Kultur des Todes" prangert eine Anti-Kultur an, die den unheimlichen Widerspruch zwischen erklärtem Lebenswillen und hartnäckiger Ablehnung Gottes, der Quelle allen Lebens (vgl. Evangelium vitae, Nr. 11-12 und 19-28) deutlich hervortreten lässt.

"Die städtische Kultur zu evangelisieren, stellt für die Kirche eine riesige Herausforderung dar. So wie sie es im Laufe der Jahrhunderte verstanden hat, die ländliche Kultur zu evangelisieren, ist sie auch heute aufgerufen, durch die Katechese, Liturgie und die Gestaltungsweise ihrer pastoralen Strukturen eine methodische und engmaschige Evangelisierung der Stadt durchzuführen" (Ecclesia in america, Nr. 21).

Soziale Kommunikationsmittel und Informationstechnologie

9. "Ein solcher erster Areopag der neuen Zeit ist die Welt der Kommunikation, die die Menschheit immer mehr eint und - wie man zu sagen pflegt - zu einem "Weltdorf" macht. Die Mittel der sozialen Kommunikation spielen eine derartig wichtige Rolle, dass sie für viele zum Hauptinstrument der Information und Bildung, der Führung und Beratung für individuelles, familiäres und soziales Verhalten geworden sind. [...] Es handelt sich um eine weitaus tiefere Angelegenheit, da die Evangelisierung der modernen Kultur selbst zum großen Teil von ihrem Einfluss abhängt. [...] Die Botschaft selbst muss in diese, von der modernen Kommunikation geschaffene "neue Kultur" integriert werden. Es ist ein komplexes Problem, da diese Kultur noch vor ihren Inhalten aus der Tatsache selbst entsteht, dass es neue Arten der Mitteilung in Verbindung mit einer neuen Sprache, mit neuen Techniken und mit neuen psychologischen Haltungen gibt" (Redemptoris Missio, Nr. 37). Die Ausbreitung dieser richtigen Kulturrevolution mit der Wandlung der Sprache, die vor allem das Fernsehen hervorruft, und den Modellen, die es verkündet, treibt "nämlich die grundlegende Umgestaltung der Elemente [voran], wodurch der Mensch die ihn umgebende Welt erfaßt und seine Wahrnehmung überprüft und ihr Ausdruck verleiht. [...] Die Medien können in der Tat genauso dazu verwendet werden, das Evangelium zu verkünden, wie es aus den Herzen der Menschen zu verdrängen".[12] Die Medien, die den direkten Zugang zur Information bieten, heben die räumliche und zeitliche Distanz auf und verwandeln vor allem die Wahrnehmung der Dinge: Die Wirklichkeit tritt hinter das zurück, was gezeigt wird. Infolgedessen wird die anhaltende Wiederholung von ausgewählten Informationen zum entscheidenden Faktor für die Meinungsbildung, die dann als Öffentlichkeit betrachtet wird.

Der Einfluss der Medien, die sich insbesondere in der Werbung[13] spielend über die Grenzen hinwegsetzen, verlangt von den Christen eine neue Kreativität, damit sie die Millionen von Menschen erreichen können, die täglich eine bedeutende Zeit vor dem Fernseher sitzen oder Radio hören. Die Medien sind Informationsmittel und Mittel zur Förderung von Kultur sowie zur Evangelisierung derer, die in den säkularisierten Gesellschaften keine andere Möglichkeit haben, das Evangelium und die Kirche kennenzulernen. Die Kulturpastoral muss auf die Frage Johannes Pauls II. eine positive Antwort geben: "Gibt es in den herkömmlichen Massenmedien noch einen Platz für Christus?".[14]

Die erstaunlichste Innovation auf dem Gebiet der Kommunikationstechnik ist sicherlich das Internet. Wie jede neue Technik, so löst auch diese Befürchtungen aus, die durch schlechten Umgang traurigerweise gerechtfertigt sind, und macht ständige Wachsamkeit und seriöse Information erforderlich. Es geht nicht nur um den rechten Gebrauch des Internets, sondern auch um radikal neue Folgen, die dieser nach sich zieht: Verlust des "spezifischen Gewichts" der Informationen, Angleichung der Botschaften, die auf reine Informationen verkürzt werden, fehlende sachdienliche Reaktionen auf die Botschaften im Internet durch verantwortungsbewusste Personen, Abschreckungseffekt, was die zwischenmenschlichen Beziehungen angeht. Es besteht kein Zweifel, dass die immensen Möglichkeiten des Internets eine beachtliche Hilfe für die Verbreitung der Frohen Botschaft sein können, wie einige vielversprechende kirchliche Initiativen zeigen; sie machen aber eine kreative und verantwortungsbewusste Entwicklung auf diesem "neuen Grenzgebiet der Sendung der Kirche" (Christifideles laici, Nr. 44) erforderlich.

Das Problem ist gewaltig. Wieso sollte man nicht in den Informationsnetzen, dessen Schirme mittlerweile die Haushalte bevölkern, präsent sein und sie nicht nutzen, um in sie die Werte und Botschaft des Evangeliums einzubringen?

Nationale Identität und nationale Minderheiten

10. Alle Menschen sind aufgrund der Einheit der Natur Glieder ein und derselben großen Gemeinschaft; aufgrund des geschichtlichen Charakters des Menschseins sind sie jedoch zwangsläufig innerlich enger mit besonderen Gruppen verbunden, die von der Familie bis zur Nation reichen. Das Menschsein steht daher in der Spannung zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen, und diese lebenswichtige Spannung ist besonders fruchtbar, wenn sie in Ausgeglichenheit und Harmonie gelebt wird.

Das Fundament des Völkerrechts ist ausschließlich die menschliche Person. In diesem Sinn ist das Völkerrecht nichts anderes als die Übertragung der Menschenrechte auf das Gemeinschaftsleben. Das erste dieser Rechte ist das Recht auf Leben. "Niemand also - weder ein Staat, noch eine andere Nation, noch eine internationale Organisation - ist je zu der Ansicht berechtigt, dass eine einzelne Nation nicht wert sei, zu existieren".[15] Das Recht auf Leben impliziert natürlich für jede Nation das Recht auf eine eigene Sprache und Kultur, durch die ein Volk seine Souveränität artikuliert und verteidigt.

Während das Völkerrecht die Ansprüche der Besonderheit zum Ausdruck bringt, gilt es andererseits auch, die Bedürfnisse der Allgemeinheit zu betonen, das heißt die Pflichten, die jede Nation gegenüber jeder anderen und der ganzen Menschheit hat. Die erste dieser Pflichten ist sicherlich der Wille zum friedlichen, respektvollen und solidarischen Zusammenleben mit den anderen Nationen. Die jungen Generationen zu lehren, ihre eigene Identität in der Verschiedenheit zu leben, ist eine vorrangige Aufgabe der Erziehung zur Kultur, zumal Interessengruppen die Religion oft für politische Ziele mißbrauchen, die dieser allerdings völlig fremd sind.

Im Gegensatz zum Nationalismus, der Misstrauen, ja sogar Abneigung gegen andere Nationen und Kulturen auslöst, ist der Patriotismus die legitime, bevorzugte, aber nicht ausschließliche Liebe zum eigenen Land und seiner Kultur, in deren Dienst man sich stellt; echtem Patriotismus liegt Kosmopolitismus ebenso fern wie Kulturnationalismus. Jede Kultur ist durch ihre guten Seiten offen für das Allgemeine. Auf der anderen Seite soll sie sich aber auch von ihrem sündigen Erbe reinigen, das in bestimmten Vorurteilen, dem Evangelium widersprechenden Sitten und Bräuchen besteht, den Beitrag des Glaubens integrieren und "die Gesamtkirche selbst in ihren verschiedenen Lebensbereichen an Ausdrucksformen und Werten" (Redemptoris Missio, Nr. 52; vgl. Slavorum Apostoli, Nr. 21) bereichern.

Zur gleichen Zeit stützt sich die Kulturpastoral auf die Gabe des Geistes Jesu und auf seine Liebe, "die jedem Volk und allen Völkern und Kulturen gilt, um sie nach dem Beispiel der vollkommenen Einheit des einen und dreifaltigen Gottes untereinander zu vereinen" (Ecclesia in america, Nr. 70).

Neue Areopage und herkömmliche Kulturbereiche: Umwelt, Naturwissenschaft, Philosophie und Bioethik

11. Mit der Entwicklung des Umweltschutzes zeichnet sich ein neues Bewusstsein ab. Für die Kirche ist es aber keine Neuheit: Das Licht des Glaubens erhellt den Sinn der Schöpfung und der Beziehungen des Menschen zur Natur. Der heilige Franz von Assisi und der heilige Philipp Neri sind Zeugen und Symbole für die Achtung vor der Natur, die sich aus dem christlichen Verständnis der geschaffenen Welt ergibt. Diese Achtung entspringt dem Umstand, dass die Natur nicht Eigentum des Menschen ist; sie gehört Gott, ihrem Schöpfer, der sie dem Menschen zur Verwaltung anvertraut hat (vgl. Gen 1,28), damit er sie achtet und mit ihr seinen berechtigten Unterhalt bestreitet (vgl. Centesimus annus, Nr. 38-39).

Die allgemein verbreiteten wissenschaftlichen Erkenntnisse bewegen den Menschen oft, seine Stellung im unermeßlichen Kosmos zu behaupten und vor Entzücken über die eigenen Fähigkeiten und über das Universum außer sich zu geraten, ohne auch nur im geringsten daran zu denken, dass Gott ihr Urheber ist. Die Herausforderung für die Kulturpastoral besteht darin, den Menschen zur Transzendenz zu führen, ihn zu lehren, wieder den Weg, der von seiner geistigen und menschlichen Erfahrung ausgeht und zur Erkenntnis des Schöpfers führt, zu gehen und dabei in Weisheit die guten Errungenschaften der modernen Wissenschaften im Licht der rechten Vernunft zu gebrauchen. Auch wenn die Wissenschaft aufgrund ihres Prestiges die zeitgenössische Kultur durchtränkt, kann sie weder die menschliche Erfahrung in ihrer Substanz noch die eigentliche Wirklichkeit der Dinge erfassen. Eine kohärente Kultur, die in der Transzendenz und der Überlegenheit des Geistes über die Materie gründet, erfordert Weisheit, damit sich die wissenschaftliche Erkenntnis in einem Horizont metaphysischer Überlegungen entfaltet. Auf der Erkenntnisebene sind Glaube und Wissenschaft nicht kongruent, und deshalb empfiehlt es sich, die Methoden und Prinzipien nicht zu vermischen, sondern sauber zu trennen, um jenseits der Sinnzersplitterung durch die abgekapselten Wissensbereiche eine harmonische Synthese und den einheitlichen Sinn des Gesamten wiederzufinden, die eine vollkommen menschliche Kultur kennzeichnen. In unserer zersplitterten Kultur, welche die große Ansammlung von Wissen, die wunderbaren Entdeckungen der Wissenschaften und die bemerkenswerten Beiträge der modernen Techniken nur mit Mühe integrieren kann, setzt die Kulturpastoral zwangsläufig eine philosophische Reflexion voraus, die sich mit der Organisation und Strukturierung des gesamten Wissens befaßt und dabei die Wahrheitsfähigkeit der Vernunft und ihre Regulierungsfunktion in der Kultur bestätigt.

"Da die Bruchstückhaftigkeit des Wissens eine fragmentarische Annäherung an die Wahrheit mit der sich daraus ergebenden Sinnzersplitterung mit sich bringt, verhindert sie die innere Einheit des heutigen Menschen. Sollte sich die Kirche etwa nicht darüber Sorgen machen? Diese der Weisheit geltende Aufgabe erwächst den Bischöfen direkt aus dem Evangelium; sie können sich der Verpflichtung nicht entziehen, dieser Aufgabe nachzukommen" (Fides et ratio, Nr. 85).

12. Aufgabe qualifizierter Philosophen und Theologen ist es auch, in der herrschenden Kultur der Technik und Wissenschaft fachkundig die Herausforderungen und die Ansatzpunkte für die Verkündigung des Evangeliums auszumachen. Dies macht eine Erneuerung der philosophischen und theologischen Vorlesungen erforderlich, insofern eine dem Geschenk des Glaubens vollkommen treue Theologie Voraussetzung für jeden Dialog und jede Inkulturation ist. Die Kulturpastoral bedarf ebenso katholischer Wissenschaftler, die es als Pflicht empfinden, ihren Beitrag zum Leben der Kirche zu leisten, indem sie ihre persönliche Erfahrung in der Begegnung zwischen Wissenschaft und Glauben weitergeben. Der Mangel an theologischer Bildung und wissenschaftlicher Fachkenntnis macht die Präsenz der Kirche in der aus wissenschaftlichen Forschungen und deren technischen Anwendungen entstandenen Kultur aleatorisch. Und deshalb ist die Zeit für den Dialog zwischen Naturwissenschaften und Glaube besonders günstig.[16]

13. Wissenschaft und Technik haben sich hervorragender Mittel bedient, um das Wissen, die Fähigkeit und den Wohlstand der Menschen zu vergrößern. Für einen verantwortungsbewussten Umgang mit Wissenschaft und Technik ist die ethische Dimension der wissenschaftlichen Fragen jedoch unumgänglich. Oft stellen die Wissenschaftler bei der Suche nach der Wahrheit selbst diese Fragen; sie zeigen die Notwendigkeit eines Dialogs zwischen Wissenschaft und Ethik. Diese Suche nach der Wahrheit, welche die Sinneserfahrung übersteigt, bietet neue Möglichkeiten für eine Kulturpastoral, die auf die Verkündigung des Evangeliums im wissenschaftlichen Umfeld zielt.

Ganz offensichtlich ist die Bioethik - und dies zeigt ihr Umfang - wegen ihrer kulturellen, sozialen, politischen und rechtlichen Auswirkungen, denen die Kirche größte Bedeutung beimißt, mehr als eine wissenschaftliche Disziplin. Die Entwicklung der Gesetzgebung im Bereich der Bioethik hängt in der Tat von der Wahl der ethischen Grundsätze ab, auf die sich der Gesetzgeber beruft. Die Grundfrage ist und bleibt unerbittlich: Wie sollen die Beziehungen zwischen moralischen Normen und dem bürgerlichen Gesetz in einer pluralistischen Gesellschaft aussehen? (vgl. Evangelium vitae, Nr. 18 und 68-74). Wenn man die ethischen Grundfragen einer späteren Gesetzgebung überlässt, läuft man dann nicht Gefahr, das zum Gesetz zu erheben, was moralisch inakzeptabel ist?

Die Bioethik ist einer jener sensiblen Bereiche, die zur Suche der Grundlagen der Anthropologie und der Sittlichkeit auffordern. Die Rolle der Christen ist hierbei unersetzlich. In einem respektvollen und anspruchsvollen Dialog tragen sie zur Bildung des Gewissens und des Bürgersinns in der Gesellschaft bei. Diese kulturelle Situation macht eine gründliche Ausbildung der Priester und Laien, die in diesem entscheidenden Bereich, der Bioethik, wirken, erforderlich.

Familie und Erziehung

14. "Die Familie als Gemeinschaft von Personen ist daher die erste menschliche "Gesellschaft". Sie entsteht, wenn der bei der Trauung geschlossene eheliche Bund sich verwirklicht, der die Eheleute für eine dauernde Liebes- und Lebensgemeinschaft öffnet und sich im vollen und eigentlichen Sinn mit der Zeugung von Kindern vervollständigt: Mit der "Gemeinsamkeit" der Eheleute beginnt diese grundlegende "Gemeinschaft" der Familie" (Brief an die Familien, Nr. 7).

Als Wiege des Lebens und der Liebe ist die Familie auch Quelle von Kultur. Sie nimmt das Leben an, und in dieser Schule der Menschlichkeit lernen die zukünftigen Eheleute am besten, verantwortliche Eltern zu werden. Der Wachstumsprozeß, den sie in einer Lebensund Liebesgemeinschaft gewährleisten, geht in einigen Zivilisationen über den elterlichen Kern hinaus, um beispielsweise in Afrika in eine Großfamilie zu münden. Auch wenn materielle, kulturelle und moralische Armut die Ehe als Institution untergräbt und die Lebensquellen zu versiegen drohen, ist die Familie dennoch der bevorzugte Ort zur Personen- und Gesellschaftsbildung. Die Erfahrung lehrt: Die gesamten Zivilisationen und der Zusammenhalt der Völker hängt vor allem von der menschlichen Qualität der Familien ab, und insbesondere von der komplementären Teilhabe beider Elternteile mit ihren jeweiligen Rollen als Vater und Mutter an der Kinderziehung. In einer Gesellschaft, in der die Zahl der Familienlosen wächst, gestalten sich die Erziehung und die Vermittlung einer durch das Evangelium gestalteten Volkskultur schwieriger.

Die schmerzlichen persönlichen Situationen verdienen Verständnis, Nächstenliebe und Solidarität. Was sich aber als tragisches Scheitern der Familie erwiesen hat, darf keinesfalls zum neuen Gesellschafts- und Lebensmodell erhoben werden. Die Meinungsmache und die familienfeindlichen oder geburtenfeindlichen Politiken sind ebenfalls Versuche, das Familienverständnis zu verändern und es seinem Wesen nach zu entleeren. In diesem Kontext eine Lebens- und Liebesgemeinschaft zu bilden, die die Eheleute untereinander und mit ihrem Schöpfer verbindet, ist der beste kulturelle Beitrag, den christliche Familien in der Gesellschaft leisten können.

15. Mehr als in jeder anderen Epoche hat die spezifische Rolle der Frau in den zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Beziehungen zu Überlegungen und Initiativen geführt. In vielen zeitgenössischen Gesellschaften, die von Kinderfeindlichkeit geprägt sind, wird das Kind als Last empfunden; es beeinträchtigt die Autonomie der Frau und ihre Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung. Damit wird die reiche Bedeutung der Mutterschaft sowie der weiblichen Persönlichkeit verdunkelt. Die grundsätzliche Gleichheit von Mann und Frau, die nach dem Abbild Gottes geschaffen sind (Gen 1,27), ist in der biblischen Botschaft begründet und wird ungeachtet der unangenehmen Überraschungen in der Geschichte und der Kultur der christlichen Nationen gefördert; sie wird durch das jahrhundertealte Kunsterbe der Kirche veranschaulicht und verlangt von der Kulturpastoral, dass sie der tiefen Umwandlung des Frauseins in unserer Zeit Rechnung trägt: "In jüngerer Zeit versuchten einige Strömungen der Frauenbewegung - in der Absicht, die Emanzipation der Frau zu fördern -, sie in allem dem Mann anzugleichen. Aber die in der Schöpfung bekundete göttliche Absicht will zwar die Frau in Würde und Wert dem Mann gleichstellen, weist aber zugleich ganz klar ihre Verschiedenheit und Besonderheit auf. Die Identität der Frau kann nicht darin bestehen, eine Kopie des Mannes zu sein".[17] Die Besonderheit und Eigentümlichkeit jedes Geschlechts erschließt sich in der Zusammenarbeit zur gegenseitigen Bereicherung, wobei die Frauen als erste zum Aufbau einer menschlicheren Gesellschaft beitragen.

16. "Erste und wesentliche Aufgabe jeder Kultur"[18] ist die Erziehung; sie ist seit der christlichen Antike - auf religiöser und kultureller sowie auf persönlicher und gesellschaftlicher Ebene - einer der vorzüglichsten Bereiche der Seelsorge der Kirche. Heute aber ist sie so entscheidend und komplex wie nie zuvor. Sie unterliegt grundsätzlich der Verantwortung der Familien, bedarf aber der Hilfe der ganzen Gesellschaft. Die Welt von morgen hängt von der Erziehung von heute ab, und diese lässt sich nicht auf eine einfache Wissensvermittlung beschränken. Sie bildet Personen und bereitet sie auf die Integration in das Gesellschaftsleben vor. Sie unterstützt ihre psychologische, intellektuelle, kulturelle, moralische und spirituelle Reifung.

Die Herausforderung, Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Schule und an der Universität das Evangelium zu verkünden, erfordert ein angemessenes Bildungsprogramm. Die Erziehung in der Familie, in der Schule oder an der Universität stellt "nicht nur eine tiefgreifende Beziehung zwischen Erzieher und zu Erziehendem her, sondern lässt diese beiden an der Wahrheit und an der Liebe teilhaben, dem Endziel, zu dem jeder Mensch von Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist berufen ist" (Brief an die Familien, Nr. 16). Sie macht zu Beziehungen fähig, die auf der Wahrung der Rechte und Pflichten gegründet sind. Sie bereitet auf ein Leben in Aufnahmebereitschaft und Solidarität vor sowie auf den maßvollen Umgang mit dem Besitz und den Gütern, um für alle und überall gerechte Lebensbedingungen zu garantieren. Die Zukunft der Menschheit geht über die ganzheitliche und solidarische Entwicklung jeder Person: jedes Menschen und des ganzen Menschen (vgl. Populorum progressio, Nr. 42). Familie, Schule und Universität sind - jeweils ihrer Natur entsprechend - aufgerufen, die Kulturen des dritten Jahrtausends mit dem Sauerteig des Evangeliums zu durchsäuern.

Kunst und Freizeit

17. In einer vom Primat des Habens, von krampfhaftem Streben nach sofortiger Befriedigung, von Gewinnsucht und Profitgier geprägten Kultur stellt man erstaunlicherweise nicht nur ein ständiges, sondern auch steigendes Interesse für das Schöne fest. Die Formen, die dieses Interesse annimmt, bringen offenbar das bleibende, ja sogar stärker werdende Streben nach "etwas anderem" zum Ausdruck, das die Existenz bezaubert und sie vielleicht sogar öffnet und transzendiert. Die Kirche hat dies schon von Anfang an intuitiv erkannt und in Jahrhunderten christlicher Kunst wunderbar illustriert: Das echte Kunstwerk ist eine potentielle Eingangstür zur religiösen Erfahrung. Erkennt man die Bedeutung der Kunst für die Inkulturation des Evangeliums, dann erkennt man, dass der Geist und das Empfinden des Menschen mit der Wahrheit und Schönheit des göttlichen Geheimnisses wesensverwandt sind. Die Kirche hat eine große Achtung vor den Künstlern unabhängig von ihren religiösen Überzeugungen, weil das Kunstwerk gleichsam das Siegel des Unsichtbaren trägt - wohl wissend, dass die Kunst wie jedes andere menschliche Schaffen nicht absolutes Ziel in sich, sondern auf die menschliche Person hingeordnet ist.

Die christlichen Künstler stellen für die Kirche ein außergewöhnliches Potential dar, um neue Formulierungen auszufeilen und neue Symbole oder Metaphern zu schaffen, wenn sie jenem liturgischen Geist entspringen, der mit einer starken kreativen, in der Tiefe der katholischen Vorstellungswelt seit Jahrhunderten verwurzelten Kraft ausgestattet ist und die Fähigkeit besitzt, die Allgegenwart der Gnade zum Ausdruck zu bringen. Auf allen Kontinenten gibt es Künstler, deren deutliche christliche Inspiration Gläubige aller Religionen wie auch Ungläubige durch die Ausstrahlung des Schönen und Wahren anziehen können. Durch christliche Künstler erreicht das Evangelium als fruchtbare Quelle der Inspiration zahlreiche Menschen, die mit der Botschaft Christi noch nie in Berührung gekommen sind.

Gleichzeitig zeugt das Kulturerbe der Kirche von einer fruchtbaren Verschmelzung von Kultur und Glauben. Es stellt ein ständiges Mittel für die kulturelle und katechetische Unterweisung dar, das die Glaubenswahrheit mit echter Schönheit verbindet (vgl. Sacrosanctum Concilium, Nr. 122-127). Diese Kult- und Kulturgüter der Kirche sind Frucht einer christlichen Gemeinschaft, die ihren Glauben in Hoffnung und Liebe intensiv gelebt hat und lebt; sie sind imstande, der menschlichen und christlichen Existenz auf der Schwelle zum dritten Jahrtausend Impulse zu geben.

18. Die Welt der Freizeit und des Sports, des Reisens und des Tourismus stellt neben der Berufswelt unbestritten eine wichtige Dimension der Kultur dar, in der die Kirche schon lange Zeit präsent ist. Sie ist daher im Vollsinn einer der Areopage der Kulturpastoral. Die Arbeitskultur hat tiefgreifende Umwandlungen erfahren, die nicht ohne Folgen für die Freizeit und die kulturelle Tätigkeit bleiben. Für die meisten Menschen ist die Arbeit Mittel zum Erwerb des täglichen Brots (vgl. Laborem exercens, Nr. 1); sie ist aber in gleicher Weise wie die kulturellen Beschäftigungen auch ein Mittel, um das unaufhörliche und deutliche Verlangen nach persönlicher Entfaltung zu befriedigen. In einem Umfeld der Spezialisierung, des technischen und wirtschaftlichen Fortschritts gehen die neuen Formen der Arbeitsorganisation gleichwohl oft mit steigender Arbeitslosigkeit in allen Gesellschaftsschichten einher. Letztere ist nicht nur Ursache von materiellem Elend, sondern sät in den Kulturen auch Zweifel, Unzufriedenheit, Erniedrigung, ja sogar Kriminalität. Die prekären Lebensbedingungen und die unumgängliche Sorge um das Lebensnotwendige führen oft dazu, dass man die Kultur der Kunst und der Literatur als etwas Überflüssiges betrachtet, das einer begünstigten Elite vorbehalten ist.

Der Sport ist hingegen praktisch universell geworden und hat zweifellos im christlichen Kulturverständnis seinen Platz. Er kann zugleich die Gesundheit des Leibes und zwischenmenschliche Beziehungen fördern, insofern er Beziehungen schafft und zur Bildung von Idealen beiträgt. Er kann aber auch durch geschäftliche Interessen entstellt und zu einem Grund für nationale oder rassistische Rivalitäten werden, zu Gewaltausschreitungen Anlaß geben, welche die Spannungen und Widersprüche in der Gesellschaft aufdecken, und sich so in eine Anti-Kultur verwandeln. Der Sport ist ebenfalls ein wichtiger Ort für eine moderne Kulturpastoral. Sport und Freizeit sind eine vielfältige und komplexe Wirklichkeit voller Symbole und Vermarktungen. Sport und Freizeit schaffen nicht nur eine Atmosphäre, sondern eine Kultur, eine Verhaltensweise, ein Bezugssystem. Eine angemessene Pastoral muss darin die wahren pädagogischen Werte gleichsam als Sprungbrett erkennen, um den vielfältigen Reichtum der Gottebenbildlichkeit des Menschen zu feiern und nach dem Beispiel des Apostels Paulus das Heil in Jesus Christus zu verkünden (vgl. 1 Kor 9,24-27).

Kulturelle Verschiedenheit und religiöse Pluralität

19. Heutzutage übt die Kirche ihre evangelisierende Sendung in einer Welt aus, die von verschiedenen kulturellen Situationen und religiösen Horizonten geprägt ist. Der Austausch zwischen den Kulturen und den Religionen im Weltdorf läuft heute immer schneller ab, und von diesem Phänomen sind alle Länder und Kontinente betroffen.

Die Sonderversammlung für Afrika der Bischofssynode hat dies hervorgehoben. Auf dem afrikanischen Kontinent sind die herkömmlichen Religionen nach der Begegnung mit dem Christentum und dem Islam auch weiterhin lebendig und prägen die Kultur und das Leben der Menschen und Gemeinschaften. "Die Afrikaner haben einen tiefen Sinn für das Religiöse, einen Sinn für das Heilige, für die Existenz des Schöpfergottes und einer spirituellen Welt. Die Realität der Sünde in ihren individuellen und sozialen Formen ist im Bewusstsein jener Völker sehr gegenwärtig, und empfunden wird auch das Bedürfnis nach Reinigungs- und Sühneriten" (Ecclesia in Africa, Nr. 42; vgl. Nr. 30-37). Die von den traditionellen Kulturen überlieferten Werte wie Familiensinn, Liebe und Achtung vor dem Leben, Ehrfurcht vor älteren Menschen und Verehrung der Vorfahren, Solidaritätssinn und Gemeinschaftsleben, Respekt vor dem Vorgesetzten, feierliche Dimension des Lebens sind feste Ansatzpunkte für die Inkulturation des Glaubens, durch die das Evangelium alle Aspekte der Kultur durchdringt und zu ihrer vollen Entfaltung bringt (vgl. ebd. Nr. 59-62). Die von der Tradition vorgegebenen, dem Evangelium widersprechenden Haltungen werden hingegen kraft der Frohbotschaft Christi des Erlösers und der Seligpreisungen des Evangeliums (Mt 5,1-12) entschieden bekämpft.

20. Immense Regionen auf der Welt, vor allem die Länder in Asien mit antiken Kulturen sind von nichtchristlichen Religionen und Weisheiten geprägt, wie dem Hinduismus, dem Buddhismus, Taoismus, Schintoismus, Konfuzianismus. Es lohnt sich, sie aufmerksam zu betrachten, zumal die Botschaft Christi dort wenig Anklang findet. Liegt es vielleicht daran, dass das Christentum nur allzu oft als fremde, nicht hinreichend in den örtlichen Kulturen integrierte, assimilierte und gelebte Religion wahrgenommen wird? Diese Frage macht die ganze Bandbreite der Kulturpastoral in diesem speziellen Kontext deutlich.

Die in diesen Kulturen vorhandenen zahlreichen moralischen und spirituellen, ja sogar mystischen Elemente wie Heiligkeit, Askese, Keuschheit, Tugend, alles umfassende Liebe, Friedfertigkeit, Gebet, Kontemplation, Seligkeit in Gott, Anteilnahme sind für den Glauben an den Gott Jesu Christi offen. Der Papst weist darauf hin, wenn er schreibt: "Den Christen von heute, vor allem jenen in Indien, fällt die Aufgabe zu, aus diesem reichen Erbe die Elemente zu entnehmen, die mit ihrem Glauben vereinbar sind, so dass es zu einer Bereicherung des christlichen Denkens kommt" (Fides et ratio, Nr. 72). Als Ausdrucksformen des Menschen auf der Suche nach Gott offenbaren die fernöstlichen Kulturen in ihrer Vielfalt die Universalität des menschlichen Geistes und seine spirituelle Dimension (vgl. Nostra aetate, Nr. 2). In einer Welt, die der Säkularisierung zum Opfer gefallen ist, bestätigen sie die gelebte Erfahrung des Göttlichen und die Wichtigkeit der Spiritualität als lebendiger Kern der Kulturen.

Für die Kulturpastoral ist dies eine riesige Herausforderung. Es geht darum, die Menschen guten Willens, die mit ihrem Verstand die Wahrheit suchen, zu begleiten. Dabei gilt es, die reichen kulturellen Traditionen, wie die jahrtausendealte chinesische Weisheit, zum Ansatzpunkt zu nehmen und ihre Suche nach dem Göttlichen auf die Offenbarung Gottes zu lenken, der durch die Gnade des Heiligen Geistes die Menschen Jesus Christus, dem einzigen Erlöser, einverleibt.

21. Wie die Sonderversammlung für Amerika der Bischofssynode erklärt hat, leben andere große Regionen in einer von der Botschaft des Evangeliums zutiefst geprägten Kultur. Gleichzeitig sind sie dem penetranten Einfluss von Moden, materialistischen und säkularistischen Denkund Lebensweisen zum Opfer gefallen. Ein Zeichen hierfür ist, dass sich vor allem die Mittelschicht und gebildete Menschen von der Religion abgewandt haben. Die Kirche, welche die Würde der menschlichen Person bekräftigt, ist bemüht, die Wunden des Gesellschaftslebens zu heilen: Gewalt, soziale Ungerechtigkeit, Mißbräuche, deren Opfer Straßenkinder sind, Drogenhandel, usw. Vor diesem Hintergrund bekräftigt die Kirche ihre Vorliebe für die Armen und Randgruppen und fördert auf allen Ebenen des Gesellschaftslebens eine Kultur der Solidarität: in den Regierungsstellen, in den öffentlichen Einrichtungen und Privatorganisationen. Indem sie eine größere Einheit unter den Menschen, den Gesellschaften und Nationen anstrebt, vereinigt sie sich mit den Bemühungen der Menschen guten Willens, um eine immer menschenwürdigere Welt zu errichten. Wenn sie dies tut, trägt sie "zur Verringerung der negativen Folgen der Globalisierung, das heißt der Herrschaft der Stärkeren über die Schwächeren, vor allem im wirtschaftlichen Bereich, und des Wertverlusts der örtlichen Kulturen zugunsten einer falsch verstandenen Vereinheitlichung" (Ecclesia in america, Nr. 55) bei.

Heutzutage fördert die fortwährende religiöse Unwissenheit verschiedene Formen von Synkretismus zwischen alten und heute erloschenen Kulten, neuen religiösen Bewegungen und dem katholischen Glauben. Die sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und moralischen Mißstände dienen neuen synkretistischen Ideologien, die in verschiedenen Ländern verbreitet sind, als Rechtfertigung. Die Kirche erkennt diese Herausforderungen - insbesondere im Hinblick auf die Armen - fördert die soziale Gerechtigkeit und evangelisiert die traditionellen Kulturen, aber auch die neuen, die in den Metropolen aufkommen.[19]

22. Die islamischen Länder bilden gleichsam ein Kulturuniversum eigener Gestalt, auch wenn diese in den arabischen Ländern vielseitiger ist als in den anderen Ländern Afrikas und Asiens. Der Islam erweist sich als Gesellschaft mit eigener Gesetzgebung und Überlieferung, die als ganzes eine weite Gemeinschaft (umma), mit eigener Kultur und eigenem Zivilisationsprojekt darstellt.

Der Islam breitet sich gegenwärtig stark aus, und diese Ausbreitung hängt vor allem mit den neuen Migrationsbewegungen in Ländern mit starkem Bevölkerungswachstum zusammen. Die traditionell christlichen Länder, die, sieht man einmal von Afrika ab, einen nur leichten Anstieg oder sogar einen Rückgang der Bevölkerung verzeichnen, nehmen heute oft die vermehrte Präsenz von Moslems wahr und betrachten dies als soziale, kulturelle, ja sogar religiöse Herausforderung. Die muslimischen Ausländer begegnen, zumindest in einigen Ländern, großen soziokulturellen Integrationsschwierigkeiten. Außerdem führt die Entfernung von der herkömmlichen Gemeinschaft oft zur Aufgabe bestimmter religiöser Übungen und zu einer kulturellen Identitätskrise. Dies gilt allerdings nicht nur für den Islam, sondern auch für die anderen Religionen. Eine aufrichtige Zusammenarbeit mit Moslimen auf kultureller Ebene kann zur Aufnahme konstruktiver - wahrhaft wechselseitiger - Beziehungen in den islamischen Ländern sowie zu den muslimischen Gemeinschaften in den traditionell christlichen Ländern führen. Eine derartige Zusammenarbeit dispensiert die Christen aber nicht davon, vor Gläubigen anderer monotheistischer Religionen für ihren Glauben an Christus und an die Heilige Dreifaltigkeit Rechenschaft zu geben.

23. Die säkularisierten Kulturen üben in verschiedenen Teilen der Welt, die von den zunehmend schnelleren und komplexeren kulturellen Umwandlungen geprägt sind, einen starken Einfluss aus. In Ländern mit antiker christlicher Tradition entstanden, ist die säkularisierte Kultur mit ihren Werten wie Solidarität, freigebige Hingabe, Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit von Mann und Frau, Aufgeschlossenheit und Gesprächsbereitschaft, Umweltbewusstsein, noch immer von eigentlich christlichen Werten geprägt, die im Lauf der Jahrhunderte die Kultur durchdrungen haben. Ihre Säkularisierung hat sich positiv in der Zivilisation ausgewirkt und die philosophische Reflexion gefördert. Auf der Schwelle zum dritten Jahrtausend offenbaren die Wahrheits-, die Wert-, die Seins- und die Sinnfrage, die mit der menschlichen Natur verbunden sind, die Grenzen der Säkularisierung. Denn trotz allem wird "die geistliche Dimension des Lebens als Heilmittel gegen Entmenschlichung [noch immer] gesucht. Dieses sogenannte Phänomen der "Rückkehr zur Religion" ist nicht ohne Zweideutigkeit, enthält aber auch eine Einladung. [...] Auch das ist ein Areopag, auf dem das Evangelium zu verkündigen ist" (Redemptoris Missio, Nr. 38).

Wenn die Säkularisierung zum Säkularismus wird (vgl. Evangelii nuntiandi, Nr. 55), mündet sie in eine schwere kulturelle und geistige Krise. Ein Zeichen dafür ist, dass die Achtung vor der menschlichen Person verlorengegangen ist und sich eine Art anthropologischer Nihilismus breit gemacht hat, der den Menschen auf seine Triebe und Neigungen verkürzt. Dieser Nihilismus, der eine ernste Krise um die Wahrheit (vgl. Veritatis splendor, Nr. 32) heraufbeschwört, "findet eine Art Bestätigung in der schrecklichen Erfahrung des Bösen, die unser Zeitalter gezeichnet hat. Der Dramatik dieser Erfahrung gegenüber vermochte der rationalistische Optimismus, der in der Geschichte den fortschreitenden Sieg der Vernunft als Quelle von Glück und Freiheit sah, nicht standzuhalten, so dass eine der ärgsten Bedrohungen am Ende dieses Jahrhunderts die Versuchung der Verzweiflung ist" (Fides et ratio, Nr. 91). Mißt man der vom Glauben erleuchteten Vernunft wieder den ihr gebührenden Stellenwert bei und anerkennt man Christus als Eckstein des menschlichen Lebens, dann wird die evangelisierende Kulturpastoral die christliche Identität stärken und den Menschen und Gemeinschaften helfen, auf allen Wegen dieses Lebens hin zur Begegnung mit dem Herrn, der kommen wird, und zum Leben der neuen Welt (Offb 21-22) ihre Lebensgründe wiederzufinden.

Die Länder, die nach langer Zeit der Unterdrückung durch den herrschenden atheistischen Marxismus bzw. Leninismus ihre Freiheit wiedererlangt haben, leiden heute noch unter einer gewaltsamen "De-Kulturation" des christlichen Glaubens: die menschlichen Beziehungen wurden künstlich verändert, die Abhängigkeit der Schöpfung von ihrem Schöpfer geleugnet, die dogmatischen Wahrheiten der christlichen Offenbarung und ihre Ethik bekämpft. Auf diese "Dekulturation" folgte eine radikale Infragestellung der christlichen Grundwerte. Die durch den Säkularismus verursachten und Ende der sechziger Jahre in Westeuropa verbreiteten Verkürzungen trugen zur Zerstörung der Kultur in den mittel- und osteuropäischen Ländern bei.

Andere, traditionell demokratische und pluralistische, Länder erfuhren auf der massiven Grundlage sozialer Zustimmung zur Religion den Druck von Strömungen aus einer Mischung von Säkularismus und Formen der Volksreligiosität, die durch die Migrationsströme eingeführt worden waren. Aus diesem Grund hat die Sonderversammlung für Amerika der Bischofssynode ein neues missionarisches Bewusstsein geweckt.

Sekten und neue religiöse Bewegungen[20]

24. Die Gesellschaft, in der eine neue Suche nach Spiritualität - mehr noch als vielleicht nach Religion - in vielfältigen Formen zutage tritt, erinnert unweigerlich an einen der Schauplätze der Verkündigung des Apostels Paulus, an den Areopag in Athen (vgl. Apg 17,22-31). Die Sehnsucht nach einer spirituellen Dimension, die außerdem einen Lebenssinn vermittelt, sowie das tiefe Verlangen nach einem Netz von affektiven und gesellschaftlichen Beziehungen, das zumindest in einigen Ländern oft wegen der zunehmenden Instabilität der Familie als Institution zerrissen ist, äußert sich in einem neuen "Rivival" im Christentum, aber auch in mehr oder weniger synkretistischen Gebilden, die auf eine bestimmte umfassende Einheit jenseits der einzelnen Religionen zielen.

Unter der mehrdeutigen Bezeichnung Sekten können zahlreiche, sehr unterschiedliche Gruppen rangieren: gnostische oder esoterische, augenscheinlich christliche oder christus- und kirchenfeindliche. Sie entsprechen oft einer unbefriedigten Sehnsucht, und dies begründet ihren Erfolg. Zahlreiche unserer Zeitgenossen finden in ihnen einen Ort der Zugehörigkeit, der Kommunikation, der Affektivität und Geschwisterlichkeit, ja dem Anschein nach sogar des Schutzes und der Sicherheit. Dieses Gefühl vermitteln großenteils auf den ersten Blick einleuchtende Lösungen - wie der "Gospel of succes" -, de facto aber trügerische Lösungen, welche die Sekten scheinbar für die komplexesten Fragen liefern, sowie eine pragmatische Theologie, deren Grundlage oft die Verherrlichung des von der Gesellschaft so schlecht behandelten Ichs ist. Die Sekten verbreiten sich oft dank ihrer angeblichen Antworten auf die Bedürfnisse von Menschen auf der Suche nach Heilung, Kindern, wirtschaftlichem Erfolg. Das gleiche gilt für esoterische Religionen, die dank der Unwissenheit und Leichtgläubigkeit von wenig oder schlecht gebildeten Christen leichtes Spiel haben. In vielen Ländern gibt es Menschen, die im Leben Schiffbruch erlitten haben, links liegen gelassen werden und - vor allem in der Anonymität der städtischen Kultur - die schmerzliche Erfahrung einer Randexistenz machen. Für eine Anschauung, die ihnen die verlorene Harmonie zurückgibt und ihnen das Gefühl einer leiblichen und seelischen Heilung vermittelt, sind sie bereit, alles zu akzeptieren. Darin zeigt sich die Komplexität und der transversale Charakter des Sektenphänomens, das sich die Unzufriedenheit mit dem Leben und die Ablehnung des institutionellen Charakters der Religion zunutze macht und in verschiedenartigen religiösen Formen und Äußerungen zutage tritt.

Die Verbreitung der Sekten ist aber auch eine Reaktion auf die Kultur des Säkularismus und eine Folge der gesellschaftlichen und kulturellen Umwälzungen, bei denen die traditionellen religiösen Wurzeln verlorengegangen sind. Die Menschen, die in das Netz der Sekten geraten sind oder in Gefahr stehen, von ihnen angeworben zu werden, zu erreichen, um ihnen Jesus Christus zu verkündigen, der sie im Herzen anspricht, ist eine Herausforderung, der sich die Kirche stellen muss.

Von einem Kontinent zum anderen bestätigt sich, dass ein "neues Zeitalter der Menschheitsgeschichte" angebrochen ist, wie das II. Vatikanische Konzil bereits festgestellt hat. Diese Erkenntnis macht eine Kulturpastoral erforderlich, die diese neuen Herausforderungen bewältigt in der Überzeugung, die Johannes Paul II. zur Gründung des Päpstlichen Rates für die Kultur bewogen hat: "Daraus ergibt sich für die Kirche, die dafür die Verantwortung trägt, die Bedeutung eines gewissenhaften und weitblickenden pastoralen Wirkens im Hinblick auf die Kultur, insbesondere im Hinblick auf das, was man als lebende Kultur bezeichnet, also die Gesamtheit der Grundsätze und Werte, die das Ethos eines Volkes ausmachen" (Schreiben an Kardinalstaatssekretär Agostino Casaroli zur Gründung des Päpstlichen Rates für die Kultur, 20. Mai 1982).

III. KONKRETE VORSCHLÄGE

Vorrangige Ziele der Pastoral

25. Eine inkulturierte Evangelisierung muss von den Kulturen ausgehen, die das Christentum in zweitausend Jahren geprägt hat, und von den Ansatzpunkten, die mitten in den neuen Kulturareopagen erkannt worden sind. Die neuen Herausforderungen, denen sie sich stellen muss, erfordern eine neue Form der Verkündigung der christlichen Botschaft, die in der lebendigen Tradition der Kirche verankert und vom echten Lebenszeugnis der christlichen Gemeinschaften getragen ist. Es kommt hauptsächlich darauf an, alles von der Neuheit des Evangeliums her, das in einer neuen und überzeugenden Weise verkündet wird, zu überdenken. In Hinblick auf eine dem Evangelium gemäße Vorbereitung besteht das vorrangige Ziel der Kulturpastoral darin, den Sauerteig des Evangeliums unter die Kulturen zu mischen, um das Menschen- und Gesellschaftsverständnis, welche die Kultur prägen, das Verständnis von Mann und Frau, von der Familie und der Erziehung, von der Schule und der Universität, von Freiheit und Wahrheit, Arbeit und Freizeit, Wirtschaft und Gesellschaft, Wissenschaft und Kunst im Licht der Offenbarung von innen heraus zu erneuern und zu verwandeln.

Um gehört zu werden, genügt es aber nicht, nur zu reden. Solange der Adressat noch wegen seiner traditionell vom Christentum geprägten Kultur grundsätzlich mit der Botschaft einverstanden und durch den ganzen sozio-kulturellen Kontext für sie grundsätzlich vorbereitet war, konnte er aufnehmen und verstehen, was ihm verkündet wurde. In der heutigen Kulturvielfalt muss man neben der Verkündigung auch die Bedingungen ihrer Annahme bedenken.

Das Gelingen dieses großen Unternehmens macht eine ständige Prüfung und Unterscheidung im Licht des im Gebet erflehten Geistes erforderlich. Um Männer und Frauen aller Kulturen zu erreichen, sind neben einer angemessenen Vorbereitung und geeigneten Ausbildung auch einfache pastorale Mittel - Predigt, Katechismus, Volksmission, Schulen zur Evangelisierung - in Verbindung mit den modernen Kommunikationsmitteln notwendig. Die Bischofssynoden machen Priester, Ordensleute und Laien seit dem II. Vatikanischen Konzil mit zunehmendem Nachdruck darauf aufmerksam. In dieser Hinsicht besitzen die Bischofskonferenzen in den Bischöflichen Kommissionen für die Kultur eine vorzügliche Schaltstation. Wo es noch keine solche Kommission gibt, wäre es wichtig, eine einzurichten, da sie geeignet ist, die Präsenz der Kirche in den verschiedenen Bereichen, wo Kultur entsteht, zu fördern und dort jene vielfältige Kreativität zu wecken, die aus dem Glauben hervorgeht, ihn zum Ausdruck bringt und trägt. "Um das zu tun, sollte jede Ortskirche ein Kulturprojekt haben, wie es schon in diesem oder jenem Land der Fall ist".[21] Das ist der ganze Gegenstand einer Kulturpastoral, die vielleicht komplexer ist als eine erste Evangelisierung nichtchristlicher Kulturen.

Die Religionen und das "Religiöse"

26. In ihrer Sendung, den Menschen aller Kulturen das Evangelium zu verkünden, begegnet die Kirche, vor allem in Afrika und Asien den traditionellen Religionen.[22] Die Ortskirchen sind aufgerufen und ermutigt, die Kulturen und traditionellen religiösen Übungen ihrer Region zu untersuchen: nicht um sie abzusegnen, sondern um die Werte, Bräuche und Riten zu prüfen, die geeignet sind, eine tiefere Verwurzelung des Christentums in den örtlichen Kulturen zu fördern (vgl. Ad gentes, Nr. 19 und 22).

Die "Rückkehr" oder das "Wiedererwachen" des Religiösen im Westen erfordert sicherlich eine gründliche Prüfung. Auch wenn es sich dabei eher um die Rückkehr des religiösen Empfindens als um den persönlichen Glauben an Gott in der Glaubensgemeinschaft der Kirche handelt, lässt sich doch nicht bestreiten, dass Männer und Frauen in steigender Zahl einer Dimension der menschlichen Existenz ihre Aufmerksamkeit widmen, die sie je nachdem spirituell, religiös oder sakral bezeichnen. Vor allem unter jungen Menschen und unter Armen ist ein Phänomen zu beobachten, auf das es sorgfältig zu achten gilt. Sie kehren bald zu einem Christentum zurück, das sie ein bißchen enttäuscht hat, wenden sich bald anderen Religionen zu, geben bald dem Drängen der Sekten oder sogar den Täuschungen des Okkultismus nach.

Überall auf der Welt bieten sich der Kulturpastoral neue Möglichkeiten und Felder, damit das Evangelium Christi in den Herzen aufleuchtet. Es gibt zahlreiche Punkte, in denen der christliche Glaube den herrschenden Kulturen zugänglicher gemacht und dementsprechend besser zum Ausdruck gebracht werden sollte, um der steigenden Konkurrenz durch eine verbreitete und reiche Religiosität gewachsen zu sein.

Die Suche des Dialogs und die damit verbundene Notwendigkeit, das spezifisch Christliche besser zu bestimmen, stellen ein immer wichtigeres Überlegungs- und Handlungsfeld dar für die Verkündigung des Glaubens in den Kulturen. Angesichts der Herausforderungen der Sekten (vgl. Ecclesia in america, Nr. 73) passt die Kulturpastoral in dieses Bild, denn die kulturellen Wirkungen, die sie hervorrufen, sind zuinnerst mit ihrem "spirituellen" Gerede verbunden. Diese Situation macht eine gründliche Erörterung darüber erforderlich, wie in unseren Gesellschaften Toleranz und Religionsfreiheit zu leben sind (vgl. Dignitatis humanae, Nr. 4). Es ist sicherlich notwendig, Priester und Laien besser auszubilden, um ihnen Sachkenntnis und Urteilsvermögen zu vermitteln, was die Frage der Sekten und ihren Erfolg angeht. Dabei darf man aber nicht aus dem Blick verlieren, dass die Qualität des kirchlichen Lebens das eigentliche Mittel gegen die Sekten ist. Daher ist eine entsprechende Vorbereitung der Priester notwendig, damit sie die Herausforderungen der Sekten erkennen und den Gläubigen beistehen, wenn diese in Gefahr stehen, aus der Kirche auszutreten und vom Glauben abzufallen.

Gewöhnliche Orte der Glaubenserfahrung, Volksfrömmigkeit, Pfarrei

27. In den christlichen Ländern hat sich von Generation zu Generation allmählich ein bestimmter Modus herausgebildet, den Glauben zu verstehen und zu leben. Mit der Zeit hat der Glaube schließlich die Existenz und das Zusammenleben der Menschen geprägt: Ortsfeste, Familientraditionen, verschiedene Feiern, Wallfahrten, usw. So ist eine Kultur entstanden, an der alle teilhaben und in die der Glaube als wesentliches, ja integrierendes Element hineinpasst. Diese Art Kultur ist vom Säkularismus offenbar besonders bedroht. Es kommt darauf an, die echten Bemühungen zur Wiederbelebung dieser Traditionen zu unterstützen. Diese dürfen nämlich nicht zum Alleingut von Folkloristen oder Politiken werden, deren Absichten dem Glauben manchmal fremd sind, wenn sie ihm nicht sogar widersprechen. Vielmehr sollten sich ihnen auch Verantwortliche der Pastoral, christliche Gemeinschaften und qualifizierte Theologen anschließen.

Um das Herz der Menschen zu erreichen, bedarf es für die Verkündigung des Evangeliums vor jungen Menschen und Erwachsenen sowie für die Feier des Heils in der Liturgie nicht nur eines eingehenden Wissens und der Glaubenserfahrung, sondern auch einer gründlichen Kenntnis ihrer Umwelt und Kultur. Wenn ein Volk seine Kultur, die vom Christentum geprägt ist, liebt und als Wesenselement seines Lebens betrachtet, bekennt und lebt es seinen Glauben in dieser Kultur. Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laien müssen ein Gespür für diese Kultur entwickeln, um sie zu schützen, wenn es notwendig ist, und sie im Licht der Werte des Evangeliums fördern, besonders wenn es sich dabei um die Kultur einer Minderheit handelt. Diese Aufmerksamkeit kann den am meisten Benachteiligten in ihrer großen Verschiedenheit einen Zugang zum Glauben bieten und in der Kirche zur Verbesserung der Qualität des christlichen Lebens führen. Tiefgründige Menschen mit einer gut integrierten Erziehung und Bildung sind lebendige Zeugen, dank derer viele die christlichen Wurzeln ihrer Kultur entdecken können.

28. Die Religion ist auch Gedächtnis und Überlieferung, und die Volksfrömmigkeit ist und bleibt eine der wichtigsten Ausdrucksformen einer richtigen Inkulturation des Glaubens. In ihr harmonieren Glaube und Liturgie, Empfinden und Kunst und äußert sich das Bewusstsein der eigenen Identität in den örtlichen Traditionen. So "hat Amerika, das im Laufe seiner Geschichte ein Schmelztiegel von Völkern war und bleibt, im Mestizengesicht der Jungfrau von Tepeyac, Unserer lieben Frau von Guadelupe, das große Beispiel von vollkommen inkulturierter Evangelisation erkannt" (Ecclesia in america, Nr. 11). Die Volksfrömmigkeit zeigt, dass die erneuernde Dynamik der Botschaft des Evangeliums und die verschiedensten Bestandteile einer Kultur sich gegenseitig vollkommen durchdrungen haben. Die Volksfrömmigkeit ist ein vorzüglicher Ort für die Begegnung des Menschen mit dem lebendigen Christus. Eine ständige pastorale Prüfung wird darin die echten geistlichen Werte entdecken, um sie zu ihrer Vollendung in Christus zu führen, "damit diese Religiosität zu einer ehrlichen Verpflichtung zur Umkehr und zu einer konkreten Erfahrung von Nächstenliebe führen kann" (ebd., Nr. 16). Die Volksfrömmigkeit ermöglicht es einem Volk, seinen Glauben, seine Beziehungen zu Gott und seiner Vorsehung, zu Maria und den Heiligen, zum Nächsten, zu den Verstorbenen, zur Schöpfung zum Ausdruck zu bringen und seine Zugehörigkeit zur Kirche zu festigen. Die Ausdrucksformen der Volksfrömmigkeit zu reinigen und zu katechisieren, kann in bestimmten Regionen zum entscheidenden Element für eine tiefgreifende Evangelisierung werden, ein richtiges Gemeinschaftsbewusstsein im gemeinsamen Glauben aufrechterhalten und entwickeln, und dies insbesondere durch religiöse Veranstaltungen des Volkes Gottes wie die großen Feiern an Festtagen (vgl. Lumen gentium, Nr. 67). Mit diesen bescheidenen Mitteln, die für alle greifbar sind, bringen die Gläubigen ihren Glauben zum Ausdruck, stärken sie ihre Hoffnung und bezeigen sie ihre Liebe. In vielen Ländern prägt ein tiefer Sinn für das Sakrale das gesamte Leben und den Alltag. Eine angemessene Pastoral versteht es, die sakralen Orte, Heiligtümer und Wallfahrten, Gebetswachen und Anbetungsstunden sowie den Sakramentenempfang, die heiligen liturgischen Zeiten und Gedenktage zu fördern und zur Geltung zu bringen. Bestimmte Diözesen und Hochschulgemeinden veranstalten - nach dem Beispiel der Juden, die sich freuten, wenn sie bei der Ankunft in Jerusalem die Lobgesänge auf den Berg Zion anstimmen konnten - wenigstens einmal pro Jahr eine Wallfahrt zu einem Heiligtum. Die Volksfrömmigkeit verlangt von Natur aus nach künstlerischen Ausdrucksformen. Die Verantwortlichen der Pastoral verstehen es, die Kunst in allen Bereichen zu fördern: Riten, Musik, Gesänge, dekorative Kunst, usw. und wachen über ihre gute kulturelle und religiöse Qualität.

"Wenn die Pfarrei Kirche mitten unter den Häusern der Menschen ist" (Christifideles laici, Nr. 27), ist sie eine der wichtigsten Errungenschaften in der Geschichte des Christentums und bleibt für die große Mehrheit der Gläubigen der bevorzugte Ort der alltäglichen Glaubenserfahrung. Eine lebendige Pfarrei, die im selben Glauben geeint ist und sich zur Feier der Eucharistie versammelt, gibt Zeugnis vom gelebten Glauben und von der Liebe Christi und ist Ort einer zutiefst menschlichen religiösen Erziehung. In vielfältigen Formen, je nach Alter und Fähigkeit der Gläubigen, bietet die Pfarrei eine konkrete, inkulturierte Darstellung des bekannten und gefeierten Glaubens der Glaubensgemeinschaft. Diese erste in der Pfarrei empfangene Bildung ist entscheidend; sie führt in die Tradition ein und legt die Grundlagen für einen lebendigen Glauben und ein tiefes sentire cum ecclesiae.

Im komplexen und manchmal gewalttätigen Umfeld der Stadt, erfüllt die Pfarrei als Ort der christlichen Initiation und der inkulturierten Evangelisierung eine unersetzliche pastorale Funktion. Verschiedene Menschengruppen finden dort ihre Einheit in der festlichen Feier desselben Glaubens und im Apostolat, dessen Seele die Liturgie ist. Als vielgestaltige Gemeinschaft ist die Pfarrei - dank religiös und kulturell gut ausgebildeter Priester und Laien (vgl. Christifideles laici, Nr. 27) - ein bevorzugter Ort für eine konkrete Kulturpastoral, die auf Zuhören, Dialog, Unterstützung des Nächsten ausgerichtet ist.

Bildungseinrichtungen

29. "Die Erziehung ist ein bevorzugter Bereich, um die Inkulturation des Evangeliums zu fördern" (Ecclesia in america, Nr. 71). Die Erziehung, die das Kind und dann den Jugendlichen zur Reife führt, beginnt in der Familie, die ihr entscheidender Ort bleibt. Die gesamte Kulturpastoral und die ganze Evangelisierung stützen sich letztlich auf die Erziehung und nehmen die Familie als "ersten Ort der Erziehung der Person" (ebd.) zum Ausgangspunkt.

Die Familie muss sich aber oft mit den verschiedensten Schwierigkeiten auseinandersetzen und kann deshalb keine ausreichende Erziehung gewährleisten. Daraus ergibt sich die zunehmende Bedeutung der Bildungseinrichtungen. In vielen Ländern leitet die Kirche in Treue gegenüber ihrer zweitausendjährigen Sendung im Bereich der Erziehung und Lehre viele Einrichtungen: Kindergärten, Schulen, Internate, Gymnasien, Universitäten, Forschungszentren. Aufgabe dieser katholischen Einrichtungen ist es, die Werte des Evangeliums in die Kultur einzubringen. Um dies zu tun, müssen die Leiter dieser Einrichtungen die Botschaft Christi studieren und der Lehre der Kirche den Kern ihrer Lehrpläne entnehmen. Um ihre Sendung richtig erfüllen zu können, bedürfen diese Institutionen entsprechender Mittel, die oft nur schwerlich zusammenzubringen sind. Dessen muss man sich bewusst werden, um diese Herausforderung anzunehmen: Die Kirche ist es sich schuldig, einen bedeutenden Teil ihrer Mittel für Personal und Lehrmittel einzusetzen, um die von Christus empfangene Sendung zu erfüllen, nämlich das Evangelium zu verkünden. Ein Erfordernis bleibt auf jeden Fall: Es gilt, die Sorge um eine solide menschliche und christliche Ausbildung mit der Sorge um eine gute Schulausbildung zu verbinden.[23] Denn eine Vielzahl von Jugendlichen, welche die Bildungseinrichtungen der verschiedenen Länder besuchen, kann - oft trotz des guten Willens und der Fachkenntnis der Lehrer - teilweise dekulturiert sein, obwohl ihnen eine vollkommene Schulausbildung zuteil wird.

Die Universitäten, Internate und katholischen Forschungszentren haben den Auftrag, den Studenten eine entsprechende Ausbildung zu vermitteln, die diese zu Recht erwarten. Im Lichte einer globalen Kulturpastoral sorgen sie sich zudem um eine fruchtbare Begegnung zwischen dem Evangelium und den verschiedenen Ausdrucksformen der Kultur. Die genannten Einrichtungen sind so ein vorzüglicher Ort für eine Verschmelzung von Glaubensleben und Geistesleben und tragen in eigenständiger und unersetzlicher Weise zu einer echten Ausbildung in den kulturellen Werten bei. In dieser Hinsicht ist es angemessen und empfehlenswert, den Fächern Philosophie, Geschichte und Literatur als wesentlicher Ort der Begegnung zwischen Glauben und Kultur eine besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Die Präsenz der Kirche an der Universität und in der universitären Kultur[24] bedarf konkreter Initiativen, die geeignet sind, die Präsenz wirksam zu gestalten; daher sind eine gründliche Prüfung und ständig erneuerte Bemühungen erforderlich, um eine neue christliche Kultur zu fördern, die von den hervorragenden Errungenschaften in allen Bereichen des Universitätslebens zehrt.

Für diese menschliche und christliche Formation braucht es gut ausgebildete Priester, Ordensleute und Laien. Ihre gemeinsame Arbeit erlaubt es den katholischen Bildungseinrichtungen, auf die didaktischen Mittel sowie auf die Kulturexperten Einfluss auszuüben, und fördert in einer richtigen Erziehungs- und Bildungsgemeinschaft die Verbreitung eines christlichen Beziehungsmodells zwischen Lehrern und Schülern bzw. zwischen Professoren und Studenten. Die harmonische Ausbildung der Person ist eines der Hauptziele der Kulturpastoral.

30. Die Schule ist per definitionem einer der Orte der kulturellen Initiation und in bestimmten Ländern und seit Jahrhunderten einer der bevorzugten Orte für die Vermittlung einer vom Christentum geprägten Kultur. Während "die religiöse Unterweisung" in einigen Ländern in der Schule ihren Platz hat, so gilt dies nicht in gleicher Weise für die Mehrzahl der säkularisierten Länder. In der einen oder anderen Situation stellt sich sogar grundsätzlich die Frage der Beziehung zwischen religiöser Bildung und Katechese. Die Befürchtung, dass die allgemeine Pflicht zur Teilnahme am Religionsunterricht das Lehrpersonal faktisch zwingt, nur eine einfache religiöse Bildung zu vermitteln, ist nicht unbegründet. Wenn nämlich die Zahl derer, die regelmäßig am Religionsunterricht teilnehmen, abnimmt und die religiöse Bildung nicht anderweitig gewährleistet ist, besteht kurzfristig die Gefahr, dass sie bei den meisten jungen Menschen immer weiter zurückgeht. Daraus ergibt sich die Dringlichkeit, die Beziehung zwischen religiöser Bildung und Religionsunterricht neu zu erörtern und die Verbindung zwischen der Notwendigkeit, den Schülern und Schülerinnen eine genaue und objektive religiöse Information zu bieten, die manchmal völlig fehlt, und der entscheidenden Bedeutung des Glaubenszeugnisses in neuer Weise zum Ausdruck zu bringen. Daraus ergeben sich auch die unentbehrliche Komplementarität von Pfarrei und Schule und die Notwendigkeit, Lehrer und Lehrerinnen einzustellen, die imstande sind, aus diesen Einrichtungen Schulen zur geistigen und kulturellen Reifung zu machen. Dies sind die Voraussetzungen für den Erfolg dieser vielversprechenden und anspruchsvollen Pastoral.

Theologische Bildungszentren

31. Darüber hinaus muss man sich aber noch eines anderen Umstands bewusst werden. Während früher in vielen Ländern allen Kindern aus christlichen Familien eine angemessene religiöse Bildung zuteil wurde, so fehlt diese heute einer steigenden Zahl von Jugendlichen völlig. Einige von ihnen verspüren das Bedürfnis nach einer wirklichen theologischen Bildung. Diese neue Suche ist aus wenigstens drei Gründen ermutigend: Erstens, weil viele anderweitig gebildete Christen im Glauben nur treu sein und Fortschritte erzielen können, wenn ihre religiöse Bildung das gleiche Niveau erreicht hat wie ihre profane Bildung. Dies gilt vor allem, was die Bereiche ihres Berufslebens betrifft; zweitens, weil sie eher imstande sind, sich in den Dienst der Kirche zu stellen, wenn sie besser für die Verteidigung des Glaubens gerüstet sind. Und die Kirche braucht sie in folgenden Bereichen: Liturgie, Religionsunterricht, Krankendienst, Sakramentenvorbereitung, vor allem bei der Tauf- und bei der Ehevorbereitung; drittens, weil die Integration des christlichen Glaubens in den Beruf es ihnen nur langfristig ermöglicht, ihre Sendung als Laien in der Welt vollkommen zu erfüllen, wenn die beiden Dimensionen ihres Lebens richtig verschmolzen sind.

Eine gründliche theologische Bildung ist heute immer notwendiger, denkt man an die neuen Herausforderungen, von religiöser Gleichgültigkeit bis hin zu agnostizistischem Rationalismus, die es zu bewältigen gilt. Die gründliche Kenntnis der Glaubensgrundlagen ist vor allem für eine richtige Evangelisierung unumgänglich. Dieses intellektuelle, im Gebet verinnerlichte und in der Liturgie gefeierte Wissen müssen die Gläubigen sich persönlich aneignen und begreifen, um von der Person Jesu Christi und von seiner Heilsbotschaft Zeugnis geben zu können. Der zudem von fundamentalistischen Strömungen geprägte Kontext bedroht die wahre Volksfrömmigkeit und die Kultur unserer Zeit. Eine angemessene theologische Bildung ist daher sicherlich das beste Mittel, diese ernste Gefahr zu bewältigen. Die auf die Evangelisierung der Kultur und die Inkulturation des Glaubens zielende Pastoral setzt eine zweifache Fachkenntnis voraus: eine theologische und eine pastorale. Eine theologische Bildung - anfänglich und fortwährend, allgemein oder so speziell, dass ein kirchlicher Abschluß erworben werden kann - sollte nach dem Wunsch des II. Vatikanischen Konzils (vgl. Gaudium et spes, Nr. 7) dort, wo es noch nicht geschehen ist, in weitem Maße in der Kirche angeboten werden. Sie ist zweifellos einer der besten Orte der Verständigung zwischen der heutigen Kultur und dem christlichen Glauben. Sie bietet dem Glauben daher gute Möglichkeiten, die heutige Kultur zu durchdringen. Voraussetzung ist allerdings, dass die empfangene Ausbildung und das Glaubensverständnis, das durch Studium des Wortes Gottes und der Tradition der Kirche gefestigt wird, den ganzen Alltag inspirieren.

Katholische Kulturzentren

32. Die katholischen Kulturzentren, die es überall dort gibt, wo ihre Errichtung möglich war, sind eine entscheidende Hilfe für die Evangelisierung und Kulturpastoral. In ihrem Umfeld gut integriert, besteht ihre Aufgabe in der Erörterung der dringlichen und komplexen Fragen der Evangelisierung der Kultur und der Inkulturation des Glaubens. Dabei gehen sie nach dem Geist des Völkerapostels (1 Thess 5,21-22) von den Ansatzpunkten aus, die eine offene und umfassende Diskussion mit allen bieten, die Kultur schaffen und fördern sowie in diesem Bereich tätig sind.

Die katholischen Kulturzentren sind äußerst vielfältig, was ihre Bezeichnung (Kulturzentrum, Akademie, Universität, Bildungshäuser), ihre Ausrichtung (theologisch, ökumenisch, naturwissenschaftlich, pädagogisch, künstlerisch, usw.), die behandelten Themen (kulturelle Strömungen, Werte, Dialog der Kulturen und Religionen, Wissenschaften, Kunst, usw.), die entfalteten Tätigkeiten (Konferenzen, Diskussionen, Kurse, Seminare, Veröffentlichungen, Bibliotheken, Ausstellungen, usw.) angeht. Selbst der Begriff "katholisches Kulturzentrum" beinhaltet die Vielfalt und den Reichtum verschiedener Situationen eines Landes: Es handelt sich entweder um an kirchliche Strukturen (Pfarrei, Diözese, Bischofskonferenz, Orden, usw.) gebundene Einrichtungen oder um private Initiativen von Katholiken in Gemeinschaft mit der Kirche. Alle Zentren bieten kulturelle Veranstaltungen an in der ständigen Sorge um die Beziehung zwischen Glauben und Kultur, um die Förderung der von christlichen Werten inspirierten Kultur, und zwar durch Dialog, wissenschaftliche Forschung und Ausbildung sowie durch die Förderung einer vom Glauben an Christus befruchteten, inspirierten, belebten und bewegten Kultur.

"Die katholischen Kulturzentren bieten der Kirche einzigartige Möglichkeiten für ihre Präsenz und Wirksamkeit auf dem Gebiet der kulturellen Veränderungen. Sie stellen in der Tat öffentliche Foren dar, die durch den kreativen Dialog die weitreichende Verbreitung der christlichen Anschauungen über den Menschen, die Familie, die Arbeit, die Wirtschaft, die Gesellschaft, die Politik, über das internationale Leben und über die Umwelt ermöglichen" (Ecclesia in Africa, Nr. 103).

Der Päpstliche Rat für die Kultur hat hauptsächlich auf der Grundlage der von den Bischofskonferenzen erhaltenen Informationen eine Liste dieser Zentren veröffentlicht.[25] Diese erste internationale Dokumentation über die katholischen Kulturzentren soll die Beziehung und den Austausch fördern und der Arbeit in der Kulturpastoral dienen, bei der auch von den neuen Kommunikationsmitteln Gebrauch zu machen ist.

Soziale Kommunikationsmittel und religiöse Information

33. Ein Umstand weckt ganz besonders das Interesse der Verantwortlichen der Pastoral: Die Kultur wird unter dem Einfluss der Medien und der Informationstechnik immer globaler. Zwar standen die Kulturen zu allen Zeiten irgendwie miteinander in Beziehung. Doch heute sind nicht einmal mehr die nur ganz spärlich verbreiteten Kulturen isoliert. Sie profitieren von dem steigenden Austausch, leiden aber auch unter dem Druck einer starken Uniformation - ein extremes Beispiel hierfür ist die Verbreitung von Formen des Materialismus, des Individualismus und des Immoralismus. Gewalt und Sex werden durch Videokassetten, Filme, Fernsehen und Internet billig verbreitet und drohen auch die Erzieher mitzureißen. Die sozialen Kommunikationsmittel verbreiten zudem eine Vielfalt von extrem unterschiedlichen religiösen Meinungen, alten oder modernen Ursprungs, die sich fortan in derselben und Zeit und am selben Ort begegnen.

Auf der Ebene der sozialen Kommunikation spielen die, wenn auch kleinen, katholischen Fernseh- und Rundfunkanstalten bei der Evangelisierung der Kultur und der Inkulturation des Glaubens eine unbestreitbare Rolle. Sie erreichen Menschen in ihrem gewöhnlichen Alltag und tragen so wirksam zur Entwicklung ihrer Lebensweisen bei. Wo es möglich ist, sie einzurichten, ermöglichen die katholischen Rundfunkanstalten es den Diözesen ohne große Mittel nicht nur, von den technischen Mitteln der reicheren zu profitieren, sondern sie regen auch den kulturellen Dialog unter den christlichen Gemeinschaften an. Das Engagement der Christen, nicht nur in den religiösen, sondern auch in den staatlichen oder privaten Medien ist eine Priorität, weil die Kommunikationsmittel sich von Natur aus an die ganze Gesellschaft wenden und es der Kirche ermöglichen, Menschen außerhalb ihres Einzugsgebiets zu erreichen. In einigen Ländern, wo die Medien für religiöse Botschaften offen sind, veranstalten die Diözesen regelrechte Kampagnen und strahlen Programme und sogar Werbespots aus, um die für eine wirklich menschliche Kultur wesentlichen christlichen Werte zu verbreiten. Außerdem verleihen verschiedene katholische Einrichtungen Kulturpreise für hervorragende Leistungen im Bereich der Medien. Gute und ernsthafte Beiträge in den Medien können zur Verbreitung der Botschaft des Evangeliums beitragen und eine dementsprechend inspirierte Kultur fördern.

Die Tagespresse und regelmäßig erscheinenden Zeitschriften sowie das Verlagswesen haben nicht nur im Leben der Ortskirche, sondern auch im Gesellschaftsleben ihren Platz, weil sie oft schon seit Jahrhunderten von der Vitalität des Glaubens und dem spezifischen Beitrag von Christen zum kulturellen Leben zeugen. Um diese beachtliche Chance, Einfluss auszuüben, zu nutzen, bedarf es Journalisten, Autoren, Verleger mit christlichen Grundsätzen, die sich im weiten Horizont der Kultur engagieren. In den Ländern, wo es neben den offiziellen noch traditionelle Sprachen gibt, geben bestimmte Diözesen eine Zeitschrift oder zumindest einige Artikel in der traditionellen Sprache heraus, um eine unvergleichlich größere Zahl von Familien zu erreichen.

Die außerordentlichen Möglichkeiten der sozialen Kommunikationsmittel, die Botschaft des Evangeliums in der ganzen Welt zu verbreiten und der Kultur eine Seele zu geben, macht die Ausbildung von katholischen Fachkräften erforderlich: "Für eine wirksame Neuevangelisierung ist eine eingehende Kenntnis der aktuellen Kultur notwendig. In ihr haben die sozialen Kommunikationsmittel einen großen Einfluss" (Ecclesia in america, Nr. 72). Die Präsenz von Katholiken in den Medien ist um so wirksamer als die Bischöfe im Laufe ihrer Ausbildung für diese Kommunikationsmittel sensibel gemacht wurden. Ihr wohlüberlegtes und verantwortungsbewusstes Engagement ist allein imstande, die Klippen der Medien zu meistern und die Herausforderungen zu bewältigen.

34. Die Kulturpastoral verlangt die besondere Aufmerksamkeit der Journalisten von Presse, Fernsehen und Radio. Ihre Fragen sind manchmal unangenehm und enttäuschend, wenn sie dem Wesen der Botschaft, die wir vermitteln müssen, nur wenig entsprechen. Diese verwirrenden Fragen sind aber oft die Fragen der meisten unserer Zeitgenossen. Um die Kommunikation unter den verschiedenen Instanzen der Kirche und den Journalisten zu verbessern, aber auch um die Inhalte, die Begründer und die Methoden der kulturellen und religiösen Sender besser kennenzulernen, ist es wichtig, einer ausreichenden Zahl eine angemessene Ausbildung im Umgang mit den Kommunikationstechniken zu gewähren, angefangen bei den jungen Menschen in den Seminaren und Ordenshäusern. Viele junge Laien wenden sich den Medien zu. Aufgabe der Kulturpastoral ist es daher, sie auf eine aktive Präsenz in den Medien vorzubereiten: im Radio, Fernsehen, Buch- und Zeitschriftenwesen, das heißt in jenen Informationsträgern, die den täglichen Bezugspunkt der meisten unserer Zeitgenossen bilden. Durch offene und achtbare Medien können gut vorbereitete Christen eine missionarische Rolle auf erster Ebene spielen. Deshalb ist es wichtig, sie gut auszubilden und zu unterstützen.

Um Schöpfungen von hohem moralischem, geistigem und künstlerischem Niveau anzuregen, veranstalten viele Ortskirchen Film- und Fernsehfestivals und verleihen nach dem Beispiel des katholischen Filmpreises entsprechende Auszeichnungen. Um die Qualität der Information durch eine angemessene Ausbildung zu fördern, haben einige Berufsgenossenschaften und Journalismusgewerkschaften eine ethische Mediencharta, einen Verhaltenskodex für Journalisten erstellt oder einen ethischen Medienrat eingerichtet. Andere haben Arbeitsgemeinschaften von Medienfachleuten gegründet, um Konferenzen zu ethischen, religiösen, kulturellen Fragen sowie Einkehrtage zu veranstalten.

Naturwissenschaften, Technik, Bioethik und Ökologie

35. Trotz aller Mißverständnisse haben die Kirche und die ganze Gesellschaft seit Jahrhunderten von den qualifizierten Arbeiten versierter Christen in den exakten und in den experimentellen Wissenschaften profitiert. Nach der Prüfung des Szientismus, dessen Postulate heute in der Regel abgelehnt werden, muss die Kirche auf die Beiträge bzw. neuen Fragen und Herausforderungen der Naturwissenschaften, Technik und neuen Biotechniken achten. Es ist daher nicht nur wichtig, die laufende Entwicklung der Paradigmen der Ars Medica zu verfolgen, sondern es gilt auf einem für die menschliche Person so grundlegenden Gebiet vor allem auch, sich auf die Arbeiten von anerkannten Fachleuten und verläßliche Moraltheologen zu stützen. Die Entwicklung einer interdisziplinären und kohärenten Lehre hilft, ein für den in den letzten Jahrzehnten begonnenen Dialog zwischen Naturwissenschaft und Glaube günstiges Terrain zu schaffen. Der Erfolg der Kulturpastoral hängt in dieser Hinsicht ab von:

- der Ausbildung qualifizierter Berater, die sich nicht nur in Physik, Chemie und Biologie auskennen, sondern auch in Theologie und Philosophie, damit sie zu Beiträgen im Internet, im Radio oder im Fernsehen imstande sind und sich zu Streitfragen und Auseinandersetzungen, die zwischen dem Glauben und den Naturwissenschaften bestehen, äußern können: creatio ex nihilo und creatio continua, Evolution, dynamische Natur der Welt, Auslegung der Heiligen Schrift und wissenschaftliche Studien, Stellung und Rolle des Menschen im Kosmos, Beziehung zwischen dem Ewigkeitsbegriff und der raum-zeitlichen Struktur des physikalischen Universums, unterschiedliche Erkenntnislehren, usw.

- einer Einführung der Seminaristen und ständigen Fort- und Weiterbildung der Priester, die ihnen hilft, fundiert auf die Fragen der Gläubigen zu antworten, die ihre Kenntnis von der Lehre der Kirche vertiefen wollen, um in einem oft fremden, wenn nicht sogar feindlichen kulturellen Kontext bestehen zu können.

- Kommunikationsnetzen unter katholischen Gelehrten, die in höheren katholischen Bildungseinrichtungen, staatlichen Universitäten, privaten Einrichtungen und privaten Forschungszentren lehren, sowie unter wissenschaftlichen Akademien, Fachverbänden und Bischofskonferenzen.

- der Gründung von Akademien für das Leben oder speziellen Arbeitsgemeinschaften in diesem Bereich, zu denen anerkannte und kirchentreue katholische Fachleute gehören.

- einer weit verbreiteten katholischen Presse und von katholischen Veröffentlichungen in Zusammenarbeit mit qualifizierten Fachleuten auf diesen Gebieten.

- katholischen Buchhandlungen, die fachkundig durch die vielen Sammlungen, Zeitschriften und wissenschaftlichen Veröffentlichungen führen können.

- Pfarrbibliotheken und Pfarrvideotheken, die in Fragen zur Beziehung von Naturwissenschaft, Technik und Glauben konsultiert werden können.

- einer Pastoral, welche die Wissenschaftler zu einem tiefen geistlichen Leben führt oder sie darin bestärkt.

Kunst und Künstler

36. Die Verknüpfung der Ästhetik mit dem Streben nach dem Gutem und der Suche nach dem Wahrem ist sicherlich ein vorzügliches Feld der Kulturpastoral, um das Evangelium unter Berücksichtigung der Zeichen der Zeit zu verkünden. Die Künstlerpastoral erfordert ein ästhetisches Gespür sowie eine nicht minder große christliche Sensibilität. In unserer Kultur, die von einer Flut von oft banalen und brutalen Bildern, die Fernsehen, Film und Videos täglich zeigen, geprägt ist, weckt das fruchtbare Bündnis zwischen Evangelium und Kunst neue Epiphanien der Schönheit, die bei der Betrachtung Christi, des menschgewordenen Gottessohnes, bei der Meditation seiner Geheimnisse und ihrer Ausstrahlung im Leben Marias und der Heiligen (vgl. Johannes Paul II., Brief an die Künstler, 4. April 1999) entstehen. Auf institutioneller Ebene machen steigende Diversifizierung und Zersplitterung einen neuen Dialog der Kirche mit den verschiedenen Kunsteinrichtungen oder Kunstverbänden erforderlich. Von der Pfarr- bis zur Kategorialseelsorge, von den Diözesen bis zu den Bischofskonferenzen, von den Seminaren bis zu den Ausbildungszentren und Universitäten fördert diese Pastoral Verbände, die geeignet sind, einen konstruktiven Dialog mit Künstlern und der Welt der Kunst einzufädeln. Für die Ortskirchen, die manchmal ihnen gegenüber auf Distanz gegangen sind, kann dieser dank geeigneter Orte der Begegnung neu hergestellte Kontakt nur von Vorteil sein.

Auf kreativer Ebene hat die Erfahrung gelehrt: Unter politischen Bedingungen, die für die wahre Kultur, welche die Freiheit voraussetzt, ungünstig waren, hat sich die Kirche zur Verfechterin und Beschützerin von Kunst und Kultur gemacht. Viele Künstler haben daher in ihrer Mitte einen vorzüglichen Ort zur Entfaltung ihrer persönlichen Kreativität gefunden. Diese Haltung und Rolle der Kirche gegenüber der Kultur und den Künstlern sind höchst aktuell - vor allem im Bereich der Architektur, Malerei und Kirchenmusik. Ruft man die Künstler zur Beteiligung am Leben der Kirche auf, fordert man sie gleichzeitig zur Erneuerung der christlichen Kunst auf. Eine vertrauensvolle Beziehung zu den Künstlern, das heißt ihnen zuhören und mit ihnen zusammenarbeiten, ermöglicht die Aufwertung all dessen, was den Menschen bildet und seinem Menschsein ein höheres Niveau verleiht, und zwar durch eine intensive Teilhabe am Geheimnis Gottes, dem schönsten und höchsten Gut. Um konstruktiv zu sein, darf sich die Beziehung von Glaube und Kunst nicht auf die Annahme der Kreativität beschränken. Vorschläge, Konfrontationen und Unterscheidungen sind notwendig, denn Glaube ist Treue zur Wahrheit. Die Liturgie stellt in dieser Hinsicht dank ihrer inspirativen Kraft und vielfältigen Möglichkeiten, die sie den Künstlern in ihrer Unterschiedlichkeit bietet, um die Weisungen des II. Vatikanischen Konzils zu verwirklichen, ein außergewöhnliches Umfeld dar. Es ist wichtig, eine einheimische und zugleich katholische Ausdrucksform des Glaubens unter Beachtung der liturgischen Vorschriften anzuregen.[26] Die Notwendigkeit, neue Kirchen zu bauen und auszustatten, macht eine eingehende Reflexion über die Kirche als sakraler Ort und über die Bedeutung der Liturgie erforderlich. Die Künstler sind aufgerufen, diesen spirituellen Werten Ausdruck zu verleihen. Ihre Kreativität soll die Entwicklung von Malereien und musikalischen Kompositionen ermöglichen, die eine größtmögliche Zahl ansprechen, um ihnen die Transzendenz der Liebe Gottes zu offenbaren und um sie ins Gebet einzuführen. Das II. Vatikanische Konzil war sich in diesem Punkt sofort klar, und seine Weisungen sind stets zu verwirklichen: "Durch angestrengtes Bemühen soll erreicht werden, dass die Künstler das Bewusstsein haben können, in ihrem Schaffen von der Kirche anerkannt zu sein, und dass sie im Besitz der ihnen zustehenden Freiheit leichter zum Kontakt mit der christlichen Gemeinde kommen. Auch die neuen Formen der Kunst, die gemäß der Eigenart der verschiedenen Völker und Länder den Menschen unserer Zeit entsprechen, sollen von der Kirche anerkannt werden. In das Heiligtum aber sollen sie aufgenommen werden, wenn sie in einer dafür angepassten Aussageweise den Erfordernissen der Liturgie entsprechen und den Geist zu Gott erheben" (Gaudium et spes, Nr. 62).

Auf der Ebene der Ausbildung: Eine auf die Kunst und die Künstler zielende Pastoral setzt eine angemessene Ausbildung voraus,[27] um die Schönheit der Kunst und die Epiphanie des Geheimnisses zu erfassen. Die Verantwortlichen einer solchen Einführung in die Kunst in Verbindung mit der theologischen, liturgischen und spirituellen Ausbildung sollen Priester und Laien aussuchen, denen sie die Künstlerpastoral anvertrauen mit der Aufgabe, in der christlichen Gemeinschaft klare Urteile zu fällen und begründete Beurteilungen über die Botschaft der zeitgenössischen Kunst abzugeben.

Die Handlungsmöglichkeiten in diesem Bereich sind zahlreich und vielfältig. Verbände, Genossenschaften von Künstlern, Schriftstellern und Akademikern zeigen, wie wichtig die Rolle von Menschen mit katholischer Kultur ist, und können einen konstruktiveren Dialog zwischen Kirche und Kunst fördern. Verschiedene Formulierungen wie Kulturwoche oder Woche der christlichen Kultur weisen auf regelmäßige Kulturveranstaltungen mit spezifisch christlichen Angeboten hin, die für eine größtmögliche Zahl offen ist. Ein internationales oder nationales Festival der sakralen Kunst oder ein internationaler oder nationaler Preis für sakrale Kunst erlaubt es, der Kirchenmusik, dem Film und dem religiösen Buch eine besondere Bedeutung zu verleihen.

Kulturerbe und religiöser Tourismus

37. Im Kontext der Freizeitgestaltung und der Entwicklung des religiösen Tourismus erlauben zahlreiche Initiativen es, das bestehende kulturelle und religiöse Erbe zu erhalten, zu restaurieren und zur Geltung zu bringen sowie den jüngeren Generationen den Reichtum der christlichen Kultur zu vermitteln,[28] die Frucht einer harmonischen Synthese von christlichem Glauben und Geist der Völker ist. In diesem Sinn scheint es wünschenswert, einige Zielsetzungen zu fördern und zu ermutigen:

- Einführung einer Tourismus- und Freizeitpastoral sowie einer Kunstkatechese in die gewöhnlichen konkreten Aktivitäten einer Diözese.

- Erstellung von Wallfahrtswegen in einer Diözese oder Region mit den Glaubensorten, die das geistliche und kulturelle Erbe bilden, als Stationen.

- Offenere und einladendere Kirchen unter Betonung von manchmal bescheidenen, aber bedeutenden Elementen.

- Planung einer Pastoral in häufig aufgesuchten Kirchen und Kapellen, um den Besuchern ihre Botschaft zu vermitteln. Dazu mögen einfache und klare Broschüren dienen, die mit den zuständigen Organen ausgearbeitet und veröffentlicht werden sollen.

- Errichtung von Organisationen für katholische Touristenführer, die imstande sind, Touristen einen guten, vom Glaubenszeugnis beseelten kulturellen Dienst anzubieten. Solche Initiativen können auch zur Schaffung neuer, wenn auch vielleicht befristeter Arbeitsplätze für jugendliche oder auch ältere Arbeitslose beitragen.

- Ermutigung von internationalen Verbänden wie der Bund der Kathedralen in Europa (Association des Cathédrales d'Europe).

- Einrichtung und Gestaltung von Museen für sakrale Kunst und religiöse Anthropologie, die sich bevorzugt um die Qualität der Ausstellungsstücke sowie die pädagogisch lebendige Präsentation kümmern und dabei das Interesse für den Glauben und für die Geschichte verbinden und vermeiden, dass die Museen zu Lagern von toten Gegenständen werden.

- Einrichtung und Vermehrung von Fonds, insbesondere für Bibliotheken, die auf das profane und christliche Kulturerbe jeder Region spezialisiert sind und einer größtmöglichen Zahl breite Kontaktmöglichkeiten mit diesem Erbe bieten.

- Einrichtung und Ermutigung von katholischen Buchhandlungen - vor allem in Pfarreien und an Wallfahrtsorten - mit qualifiziertem Personal, das imstande ist, nützliche Ratschläge zu erteilen - und dies trotz aller Schwierigkeiten im Verlagswesen und auf dem Büchermarkt in vielen Ländern.

Die Jugend

38. Die Kulturpastoral erreicht die jungen Menschen mit einer Methode, die die Person in ihrem Innersten berührt, in den verschiedenen Bereichen der Lehre, Ausbildung, der Freizeit. Wenn die Familie der wesentliche Ort für die traditio fidei bleibt, so verstehen es die Pfarreien, Diözesen, katholischen Internate und Universitäten sowie die verschiedenen kirchlichen Bewegungen, die in den verschiedenen Lebens- und Lehrbereichen präsent sind, ihrerseits konkrete Initiativen zu ergreifen. Sie dienen der Förderung von:

- Orten, wo sich junge Menschen gern treffen und Freundschaften entstehen. Sie bilden ein Umfeld, das den Jugendlichen in seinem Glauben trägt.

- dem jeweiligen Bildungsniveau angepassten Vortrags- und Reflexionsreihen zu aktuellen Themen des christlichen Lebens, die von gemeinsamem Interesse sind.

- kulturellen oder soziokulturellen Verbänden, offenen Bildungs- und Freizeitveranstaltungen, wie Gesang, Theater, Filmclub, usw.

- Kultursammlungen wie Bücher und Videokassetten, die eine christliche kulturelle Information und Bildung sowie einen Austausch mit anderen Jugendlichen oder Gleichaltrigen ermöglichen.

- der Vorstellung von nachahmenswerten Modellen, denn es geht letztlich darum, junge Erwachsene heranzubilden, die ihren Glauben in ihrem kulturellen Umfeld leben, sei es nun an der Universität oder in der Forschung, am Arbeitsplatz oder in der Kunst.

- Wallfahrtswegen, die einer kleinen Meditationsgruppe oder einer großen Festversammlung in einer Atmosphäre ansteckender, strahlender Inbrunst kulturelle Impulse für die gelebte Spiritualität geben. Alle diese Initiativen fügen sich in eine globale Pastoral ein, mit der die Kirche "eine neue Form des Dialogs" führt, "die es möglich macht, die Eigenart der evangelischen Botschaft in die heutigen Denk- und Anschauungsweisen hineinzutragen. Wir müssen also die apostolische Kreativität und die prophetische Kraft der ersten Jünger wiederfinden, um den neuen Kulturen begegnen zu können. Das Wort Christi muss in seiner ganzen Frische den jungen Generationen vermittelt werden, deren Haltung für traditionelle Geister manchmal schwer zu verstehen ist, die aber den geistlichen Werten gegenüber keineswegs verschlossen sind".[29] Die Jugend ist die Zukunft der Kirche und der Welt. Die Jugendseelsorge und die Studentenseelsorge sowie die Betriebsseelsorge sind Zeichen der Hoffnung auf der Schwelle zum dritten Jahrtausend.

SCHLUSS : Für eine in der Kraft des Heiligen Geistes erneuerte Kulturpastoral

39. Die im Zuge des II. Vatikanischen Konzils (Gaudium et Spes, Nr. 53-62) in einem weiteren Sinn zu verstehende Kultur erweist sich für die Kirche an der Schwelle zum dritten Jahrtausend als Grunddimension der Pastoral, und "eine wirkliche Kulturpastoral [...] ist für die Neuevangelisierung von entscheidender Bedeutung".[30] Bei ihrem energischen Einsatz für eine Neuevangelisierung, die Geist und Herz erreicht und alle Kulturen befruchtet, prüfen und beurteilen die Hirten im Licht des Heiligen Geistes die aufkommenden Herausforderungen von dem Glauben gegenüber gleichgültigen, ja sogar feindlichen Kulturen sowie die kulturellen Gegebenheiten, welche die Ansatzpunkte für die Verkündigung des Evangeliums bilden. "Denn das Evangelium führt die Kultur zu ihrer Vollkommenheit, und die wirkliche Kultur ist für das Evangelium aufgeschlossen".[31]

Zahlreiche Begegnungen mit Bischöfen und Gelehrten aus verschiedenen Bereichen - Wissenschaft, Technik, Pädagogik, Kunst - haben die Themen einer solchen Pastoral, ihre Voraussetzungen und Erfordernisse, Hindernisse und Ansatzpunkte, primären Ziele und vorzüglichen Mittel deutlich gemacht. Die ungeheure Weite dieses Apostolatsfelds in "dem überaus weitläufigen Areopag der Kultur" (Redemptoris Missio, Nr. 37), in der Verschiedenheit und Komplexität der Kulturbereiche macht eine Zusammenarbeit auf allen Ebenen, von der Pfarrei bis zur Bischofskonferenz, von einer Region bis zu einem Kontinent erforderlich. Der Päpstliche Rat für die Kultur bemüht sich seinerseits im Rahmen seiner Sendung,[32] eine solche Zusammenarbeit zu unterstützen und anregende Gespräche und geeignete universitäre, geschichtliche, philosophische, theologische, wissenschaftliche, künstlerische und intellektuelle Initiativen vor allem auf der Ebene der römischen Dikasterien, der Bischofskonferenzen, der Internationalen Katholischen Organisationen sowie der Päpstlichen Akademien[33] und Katholischen Bildungszentren[34] zu fördern.

"Geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe" (Mt 28, 19-20). Auf diesem Weg, den der Herr gewiesen hat, erfolgt die Kulturpastoral in enger Verbindung mit dem persönlichen und gemeinschaftlichen Glaubenszeugnis von Christen; sie fügt sich als vorzügliches Mittel zur Evangelisierung der Kulturen und zur Inkulturation des Glaubens in die Sendung ein, die Frohbotschaft des Evangeliums den Menschen aller Zeiten zu verkünden. "Diese hat als Erfordernis den gesamten geschichtlichen Weg der Kirche geprägt, ist aber heute besonders wichtig und dringlich. Der Prozess der Einfügung der Kirche in die Kulturen der Völker verlangt viel Zeit. [...] Sie ist also ein tiefgreifender, umfassender und schwieriger Prozess" (Redemptoris Missio, Nr. 52). Wer sieht auf der Schwelle zum dritten Jahrtausend darin nicht das Thema für die Zukunft der Kirche und der Welt? Die Verkündigung des Evangeliums Jesu Christi drängt uns, lebendige Glaubensgemeinschaften zu bilden, die in den verschiedenen Kulturen integriert sind und Hoffnung bringen, um eine Kultur der Wahrheit und der Liebe zu fördern, in der jeder seine Berufung als Kind Gottes verwirklichen, das heißt "Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen" (Eph 4,13) kann. Auf der Schwelle zum dritten Jahrtausend nach Christus, dem Sohn Gottes und Sohn Marias, dessen Botschaft der Liebe und der Wahrheit das wesentliche Bedürfnis jeder menschlichen Kultur über alle Erwartungen hinaus erfüllt, ist die Kulturpastoral äußerst dringlich; die Aufgabe ist gigantisch, die Modalitäten sind vielfältig und die Möglichkeiten immens. "Der Glaube an Christus schenkt den Kulturen eine neue Dimension, nämlich die der Hoffnung auf das Reich Gottes. Die Christen sind dazu berufen, diese Hoffnung auf eine neue Erde und einen neuen Himmel in das Herz der Kulturen einzupflanzen. [...] Weit davon entfernt, sie zu gefährden oder zu verarmen, bringt das Evangelium ihnen ein Mehr an Freude und Schönheit, an Freiheit und Sinn, an Wahrheit und Güte".[35]

Die Kulturpastoral verfolgt in ihren vielfältigen Ausdrucksformen letztlich nur ein Ziel: Sie will der ganzen Kirche helfen, ihre Sendung zu erfüllen, nämlich das Evangelium zu verkünden. Auf der Schwelle zum dritten Jahrtausend hilft sie kraft des Wortes Gottes, das "Inspiration des ganzen christlichen Daseins" (Tertio millennio adveniente, Nr. 36) ist, dem Menschen, das Drama des atheistischen Humanismus zu überwinden und einen "neuen Humanismus" (Gaudium et spes, Nr. 55) zu schaffen, der imstande ist, überall auf der Welt durch das Wunder der Neuheit Christi verwandelte Kulturen zu schaffen: "Dazu ist das Wort Gottes Mensch geworden und der Sohn Gottes zum Menschensohn, damit der Mensch das Wort in sich aufnehme und, an Kindesstatt angenommen, zum Sohn Gottes werde".[36]</ref> Er erneuert den Menschen nach dem Bild seines Schöpfers (vgl. Kol 3,10) und damit alle Kulturen durch die schöpferische Kraft seines Geistes, der in alle Ewigkeit sprudelnden Quelle der Schönheit, Liebe und Wahrheit, nach dem "neuen Menschen, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist" (Eph 4,24).

Vatikanstadt, Pfingsten, 23. Mai 1999

Paul Kardinal Poupard

Präsident

Bernard Ardura, O. Praem.

Sekretär

Anmerkungen

  1. Johannes Paul II., Ansprache vor den Vereinten Nationen zum 50-jährigen Bestehen der Weltorganisation, 5. Oktober 1995, Nr. 9.
  2. Johannes Paul II., Schreiben zur Errichtung des Päpstlichen Rates für die Kultur, 20. Mai 1982, in: AAS 74 (1982) 683-688.
  3. Johannes Paul II., Ansprache vor dem Päpstlichen Rat für die Kultur, 15. Januar 1985, Nr. 2.
  4. Päpstliche Bibelkommission, Glaube und Kultur im Licht der Bibel, 1981.
  5. Internationale Theologenkommission, Glaube und Inkulturation, 1989.
  6. Puebla: Die Evangelisierung Lateinamerikas in Gegenwart und Zukunft, Schlussdokument der 3. Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe 1979, Nr. 385-436 (Hrsg. Deutsche Bischofskonferenz, Stimmen der Weltkirche 8 [1979]); Santo Domingo: Neue Evangelisierung - Förderung des Menschen - Christliche Kultur, Schlussdokument der 4. Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe 1992, Nr. 228-286 (Hrsg. Deutsche Bischofskonferenz, Stimmen der Weltkirche 34 [1992]).
  7. Vgl. Johannes Paul II., Ansprache vor der UNESCO, 2. Juni 1980, Nr. 12.
  8. Vgl. Indiferentismo y sincretismo. Desafíos y propuestas pastorales para la Nueva Evangelización de América Latina, Symposium, San José de Costa Rica, 19.-23. Januar 1992, Bogotà, Celam, 1992.
  9. Vgl. Santo Domingo: Neue Evangelisierung - Förderung des Menschen - Christliche Kultur, a.a.O., Nr. 230.
  10. Puebla: Die Evangelisierung Lateinamerikas in Gegenwart und Zukunft, a.a.O., Nr. 405.
  11. Johannes Paul II., Predigt bei der heiligen Messe zur Amtsübernahme, 22. Oktober 1978, Nr. 5.
  12. Päpstlicher Rat für die sozialen Kommunikationsmittel, Pastoralinstruktion Aetatis novae, 1992, Nr. 4.
  13. Päpstlicher Rat für die sozialen Kommunikationsmittel, Ethik in der Werbung, 22. Februar 1994.
  14. Johannes Paul II., Botschaft zum 31. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel, 24. Januar 1997.
  15. Johannes Paul II., Ansprache vor den Vereinten Nationen zum 50-jährigen Bestehen der Weltorganisation, 5. Oktober 1995, Nr. 8.
  16. Après Galilée. Science et foi. Nouveau Dialogue, Paris 1994.
  17. Johannes Paul II., Ansprache bei der Generalaudienz, 6. Dezember 1995, Nr. 1.
  18. Johannes Paul II., Ansprache vor der UNESCO, Nr. 11.
  19. Vgl. 4. Lateinamerikanische Bischofskonferenz, Santo Domingo, a.a.O., Nr. 228-286; Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in america, 22. Januar 1999, Nr. 64.
  20. Vgl. Außerordentliches Kardinalskonsistorium in Rom (4.-6. April 1991): Die Sekten - Herausforderung an die Pastoral der Kirche, Vatikan 1986; Sekten und neue religiöse Bewegungen. Anthologie der Texte der katholischen Kirche 1986-1994, Paris 1996.
  21. Johannes Paul II., Ansprache vor dem Päpstlichen Rat für die Kultur, 14. März 1997, Nr. 4.
  22. Vgl. zwei Schreiben des Päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog, Pastoral Attention to African Traditional Religion, in Bulletin 68 [1988] XXIII2, 102-106; Pastoral Attention to Traditional Religions, in ebd. 84 [1993] XXVIII3, 234-240.
  23. Vgl. Kongregation für das katholische Bildungswesen, Der katholische Laie - Zeuge des Glaubens in der Schule, 15. Oktober 1982; Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Christifideles laici über die Berufung und Sendung des Laien in der Kirche und in der Welt, Nr. 44.
  24. Vgl. Kongregation für das katholische Bildungswesen, Päpstlicher Rat für die Laien, Päpstlicher Rat für die Kultur, Die Präsenz der Kirche an der Universität und in der universitären Kultur (1994).
  25. Päpstlicher Rat für die Kultur, Centres Culturels Catholiques, Vatikanstadt 21998; Päpstlicher Rat für die Kultur - Kommission der Italienischen Bischofskonferenz für katholische Bildung, Kultur, Schule und Universität, I Centri Culturali Cattolici. Idea, esperienza, missione. Elenco e indirizzi, Rom 21998.
  26. Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, Römische Liturgie und Inkulturation, 4. Instruktion Varietates legitimae über die richtige Anwendung der Konzilskonstitution über die Liturgie (1994), Nr. 37-40.
  27. In dieser Hinsicht sind die Vorlesungszyklen an der Universität hervorzuheben, die der Ausbildung zukünftiger Verantwortlicher für das kulturelle Erbe der Kirche gewidmet sind. Solche Vorlesungszyklen gibt es beispielsweise an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, am Institut Catholique in Paris und an der Katholischen Universität in Lissabon; vgl. Päpstliche Kommission für die Kulturgüter der Kirche, Rundschreiben Il santo padre über die Ausbildung in den Kulturgütern in den Seminaren, 15. Oktober 1992.
  28. Vgl. Johannes Paul II., Ansprache vor der ersten Vollversammlung der Päpstlichen Kommission für die Kulturgüter der Kirche (1995).
  29. Johannes Paul II., Ansprache vor dem Päpstlichen Rat für die Kultur, 18. Januar 1983, Nr. 3.
  30. Johannes Paul II., Ansprache vor dem Päpstlichen Rat für die Kultur, 14. März 1997, Nr. 4.
  31. Ebd., Nr. 5.
  32. Ebd.: "Ich habe den Päpstlichen Rat für die Kultur gegründet, um der Kirche dabei zu helfen, den heilbringenden Auftrag zu leben, wo die Inkulturation des Evangeliums mit der Evangelisierung der Kulturen Hand in Hand geht".
  33. Papst Johannes Paul II. hat den Koordinationsrat der Päpstlichen Akademien am 6. November 1995 eingerichtet mit dem Ziel, deren Beitrag zum christlichen Humanismus an der Schwelle zum neuen Jahrtausend zu fördern. Bei der ersten öffentlichen Sitzung des Rates am 28. Novembre 1996 unter seinem Vorsitz hat der Heilige Vater die jährliche Verleihung des Preises der Päpstlichen Akademien angekündigt. Dieser Preis soll die Talente und Initiativen zur Förderung des christlichen Humanismus, seine theologischen, philosophischen und künstlerischen Äußerungen tragen. Papst Johannes Paul II. hat diesen Preis zum ersten Mal bei der zweiten öffentlichen Sitzung der Päpstlichen Akademien am 3. November 1997 verliehen.
  34. Vgl. die Sendung und Aufgaben des Päpstlichen Rates für die Kultur: Johannes Paul II., Schreiben zur Gründung des Päpstlichen Rates für die Kultur, 20. Mai 1982 und Motu proprio Inde a pontificatus, 25. März 1993.
  35. Johannes Paul II., Ansprache vor dem Päpstlichen Rat für die Kultur, 14. März 1997, Nr. 5.
  36. Athanasius, De incarnatione, 54,3 (PG, 25,92).
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