Exsultet iam angelica turba caelorum (Wortlaut)

Aus Kathpedia
Wechseln zu: Navigation, Suche
Osterpredigt
Exsultet iam angelica turba caelorum

von Papst
Pius XII.
in der vatikanischen Basilika
über die religiöse Wiedergeburt als Voraussetzung der gesellschaftlichen Erneuerung
24. März 1940

(Offizieller lateinischer Text: AAS 32 [1940] 146-150 )

(Quelle: Arthur Fridolin Utz OP, Joseph-Fulko Groner O.P, Hrsg.: Aufbau und Entfaltung des gesellschaftlichen Lebens, Soziale Summe Pius' XII. (1939-1958), Übersetzerkollegium: Herausgeber und Franz Schmal u. H. Schäufele, Paulus Verlag Freiburg/Schweiz 1954; Imprimatur Friburgi Helv., die 5. Maii 1954 N. Luyten O.P. Imprimatur Friburgi Helv., die 29. Junii 1954 R. Pittet, v.g.; Band I, S. 275-280; Nrn. 613-620)

Allgemeiner Hinweis: Was bei der Lektüre von Wortlautartikeln der Lehramtstexte zu beachten ist


Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne!

«Frohlocket, all ihr seligen Scharen der Engel! Frohlocket, ihr himmlischen Chöre! Erfreue dich, Erde, überflutet vom Strahl aus der Höhe» (Röm. Messbuch, Karsamstag). Es schweigen die traurigen Klagelieder der heiligen Seher, und die Gotteshäuser haben abgelegt ihre Trauer und erstrahlen in feierlichem Gesang und festlichem Schmuck; und selbst das Zeichen des Kreuzes ziert die Siegespalme. Der göttliche Erlöser ist als Sieger über den ganz und gar überwundenen Tod erstanden und hat uns als heiliges Erbe gebracht Leben, Frieden und Heil.

Inhaltsverzeichnis

1. Erneuerung des Einzelmenschen in Christus

Wenn heute fast alle Völker entweder durch den wütenden Krieg aufgeschreckt sind oder die Gefahren der Zukunft fürchten und so unter einer ängstlichen Unruhe leiden, so ruft doch die Osterfeier die Herzen der Sterblichen zu himmlischen Freuden auf und lässt die Tugenden des christlichen Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, deren wir so sehr bedürfen, neu aufleben und sich mehren. O möchten doch, ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, so wie heute durch diese Tugenden die himmlische, hohe Freude Unseren und Euren Geist durchdringt, allüberall auf Erden die Menschen insgesamt die heilige, mahnende Stimme dieses Tages hören und von jener heiligen Freude erfüllt werden, die einzig die Schmerzen dieses Lebens lindern, die Tränen trocknen und die Ängste beruhigen kann. An jene denken Wir mit tiefster Wehmut, deren Geist das Licht der göttlichen Wahrheit nicht leuchtet, und denen es nicht gegeben ist, in den sie ängstigenden Sorgen von oben her untrügliche Hoffnung zu schöpfen und wahren Trost. Dass daher der Sieger über den Tod sie alle mit seinem himmlischen Lichte erleuchte, darum beten Wir, und dass er durch seine herzbezwingende Gnade die so Erneuerten stärke, damit auch sie der österlichen Freuden, des Unterpfandes der ewigen Seligkeit, teilhaft werden. Für jeden einzelnen möge die heilige Auferstehung Jesu Christi, die wir heute festlich begehen, Anfang der geistigen Erneuerung sein, wie aus ihr nach dem klaren Zeugnis der Geschichte tatsächlich eine neue Ordnung der Jahrhunderte hervorging.

Nachdem Christus der Herr «nach Überwindung des Stachels des Todes» (Ambros. Lobgesang) den Glaubenden das Himmelreich erschlossen hat, erstrahlte dem ganzen Menschengeschlecht eine neue und glücklichere Zeit. Wie in der Morgenfrühe die über den höchsten Bergesgipfeln aufgehende Sonne die Nebel und das Dunkel zerstreut und Licht, Wärme und Leben zurückführt, so bannt Jesus Christus, der lebend aus dem Grabe erstand, «die Frevel, wäscht ab die Schuld, schenkt den Sündern wieder die Unschuld und den Trauernden die Freude; weit vertreibt er den Hass und eint die Herzen» (Röm. Messbuch, Karsamstag). Die Apostel, die zuvor furchtsam und zitternd ihren Meister im Stiche ließen, haben, nachdem sie voller Staunen seinen Sieg über die Gewalt der Hölle geschaut, ihren schwankenden Glauben gefestigt und die fast erloschene Flamme der göttlichen Liebe in ihren Herzen neu entfacht. Ausgerüstet mit der Kraft von oben und mit Hilfe der himmlischen Gnade schickten sie sich an, an dem neuen geistlichen Leben, das sie aus Jesus Christus schöpften, mit allen übrigen teilzunehmen und den gesamten Erdkreis nicht mit tödlichen Waffen, sondern durch Wahrheit und Liebe zu unterwerfen. Daher «eilt ihr Schall über die ganze Erde, und bis zu den Enden des Erdenrundes geht, was sie sagen» (Ps. 18, 5; Röm. 10, 18). Dörfer, Landstädte und die bevölkertsten Großstädte, aufgeweckt durch das neue, nahende Licht und zum Leben gekommen durch den neuen Hauch der Liebe, wurden der Erneuerung inne. Und wo immer in aller Welt dieselben Apostel ihre heiligen Spuren lassen, da erblüht ein neuer Frühling, es öffnen sich die Blüten einer wunderbaren Heiligkeit und verbreiten einen angenehmen Duft: unbesiegte Bekenner und Herolde des christlichen Glaubens, reine Jungfrauen, welche die Lilien ihrer Keuschheit unberührt bewahren, starkmütige Martyrer, welche durch Vergießen ihres eigenen Blutes die Siegespalmen weihen. Wir denken an jene vielen Martyrer, die gerade in dieser ehrwürdigen Stadt, dem Haupt des Römischen Reiches und des christlichen Namens, die Fundamente der katholischen Kirche mit ihrem Blut gefestigt haben, und die glühend von Sehnsucht nach Tod und Sieg sich so unerschrocken den brüllenden Löwen stellten, dass des hl. Ignatius, des Bischofs der Kirche von Antiochia, großartiges Wort einem jeden von ihnen zugebilligt werden kann: «Brotkorn Christi bin ich; von den Zähnen der wilden Tiere möchte ich zermalmt werden, um als reines Brot erfunden zu werden» (Brief an die Röm. 2,1 ; vgl. St. Hieronymus, De viris illustr., c. 16).

Wenn aber, wie Wir sagten und wie es auch die Annalen der Kirche rühmend erwähnen, der Triumph Jesu Christi über den Tod eine ganz und gar wunderbare Wiederherstellung und Erneuerung der ganzen Welt bewirkt hat, dann müssen wir heute, die wir in den Fußstapfen des göttlichen Erlösers bleiben wollen, das Bild dieser geistigen Erneuerung wissend und uns mühend in uns selbst tragen. Dies ist zwar, wie wir alle aus eigener Erfahrung wissen, keine leichte Sache; denn eine derartige Erneuerung wird nur durch die christliche Tugend erreicht; die Tugend aber, der die menschliche Schwäche entgegensteht, verlangt Anstrengung und heißt jeden, sein eigenes Leben durch sie formen lassen.

Christus der Herr gab uns aber, ehrwürdige Brüder, und geliebte Söhne, nicht nur Gebote; auch hat er diese Gebote nicht nur durch das wunderbare Beispiel seines Lebens bestätigt, sondern er hat uns Hilfe von oben versprochen und, wenn wir nur demütig und beharrlich darum bitten, schenkt er sie uns immerdar mit der größten Güte. Für die Jünger Jesu Christi ist daher nichts schwierig, wenn sie nur wollen; ja sogar, wie die eigene Erfahrung lehrt, je härter der Kampf sein wird gegen «die Macht der Finsternis» (Vgl. Lk. 22, 53; Eph 6, 12), um so herrlicher, um so willkommener der Sieg. Darum müssen wir uns in jeder Weise und mit allem Nachdruck mühen, « dass wir, wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters vom Tode auferstand, auch unserseits in dem neuen Leben wandeln» (Röm. 6, 4), und dass wir « das Gottwidrige und die Begierden der Welt verleugnen und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben » (Tit. 2, 12). So zwar, dass « das Ausziehen des alten Menschen mitsamt seinen Werken und das Anziehen des neuen, der wieder jung wurde in Erkenntnis: des Menschen nach dem Bilde dessen, der ihn geschaffen» (Kol. 3, 9-10), wirklich erfolgreich geschehe, « so dass die Lebenden nicht mehr für sich selber leben, sondern ihm, der für sie gestorben ist und auferstand » (2 Kor. 5, 15).

Wenn wir auf solche Art und Weise, die, wie wir sehen, der Völkerapostel so klar lehrt und nachdrücklichst empfiehlt, unser Leben umformen, so wird die heilige Osterfeier jedem einzelnen und uns allen dazu verhelfen, dass wir in nimmermüder Arbeit das lebendige Bild Jesu Christi in unserer Lebensweise in uns selbst zur Darstellung bringen, und dass wir so in den Stürmen und Unwettern, wovon heute die Welt so furchtbar aufgewühlt wird, wie auch in den Kümmernissen jeglicher Art, unter denen das Leben der Menschen von heute so leidet, des überirdischen Friedens uns erfreuen, von der Hoffnung auf unvergängliche Güter erquickt und von himmlischem Trost erfüllt werden. Denn « wenn wir mit ihm gestorben sind, werden wir auch mit ihm leben» (2 Tim. 2, 11-12); « wenn wir mit ihm leiden, werden wir auch mit ihm verherrlicht werden» (Vgl. Röm. 8, 17).

2. Erneuerung der Gesellschaft in Christus

Der sittliche und materielle Werte vernichtende Krieg

Es ist jedoch, ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, noch ein anderer Grund, weshalb Wir Euch und allen Menschen eine solche geistige Erneuerung und Wiederherstellung durch Christus so sehr ans Herz legen. Diese notwendige Leistung verlangt nämlich nicht nur das private Leben des einzelnen und sein persönliches Wohlergehen, sondern das Gemeinwohl der menschlichen Gemeinschaft insgesamt. Und dies besonders in der augenblicklichen, gefahrvollen Gegenwart, wo die traurigsten Ereignisse sich vor aller Augen abspielen und noch schrecklichere für die Zukunft befürchtet werden. Ihr wisst ja, welche Zeit uns zugefallen ist. Die Einigkeit unter den Völkern liegt erbärmlich zerbrochen darnieder; eingegangene Verträge, die durch beiderseitiges Treuversprechen feierlich bestätigt wurden, werden ohne vorherige gegenseitige Verhandlungen und endgültige Vereinbarungen immer wieder einseitig abgeändert oder einfachhin gebrochen; und es schweigt die Stimme brüderlicher Liebe und brüderlicher Verbundenheit. Was immer der Menschengeist tastend und versuchend hervorbringt, was immer an Kraft, Vermögen und Reichtum noch vorhanden ist, das wird fast alles zur Kriegsführung oder zu der von Tag zu Tag immer mehr sich steigernden Kriegsrüstung verwendet. Was zum Wohlstand der Völker und zum immer größeren Fortschritt geschaffen wurde, dient jetzt unter Umkehr jeglicher Ordnung dem Verderben und dem Ruin. Es stockt der friedliche Handel, der durch allerlei Hemmnisse unterbunden wird; dadurch leiden gerade die ärmeren Klassen Not. Und außerdem - was schlimmer ist -, während Hass und Feindschaft die Gemüter umdunkeln, werden vielerorts Länder, Meere und selbst der Himmel, das erhabene Bild der ewigen Heimat, durch Brudermord geschändet. Und selbst das Recht, das die gegenseitigen Beziehungen der Kulturvölker festlegt, sehen Wir mit tiefer Trauer nicht nur einmal verletzt: so geschah es in bemitleidenswerter Weise, dass nichtbefestigte Städte, Bauerndörfer und Ortschaften durch Bomben aufgeschreckt, durch Brand vernichtet und durch Ruinen verwüstet werden; dass wehrlose Bürger und selbst Kranke, hinfällige Greise und unschuldige Kinder von Heim und Herd vertrieben wurden und nur allzu oft umkamen.

Wiederherstellung der menschlichen und göttlichen Ordnung nur durch Christus und in Christus möglich

620 Wie viel Hoffnung wird bei der immer größer werdenden Not auf eine Abhilfe noch bestehen, wenn nicht jene, die von Christus kommt, von seinem belebenden Hauch, von seiner Lehre, die sich in den Blutstrom der staatlichen Gemeinschaft heilsam ergießt? Als einziger vermag Christus durch sein Gesetz und seine Gnade wie die privaten, so auch die öffentlichen Sitten zu erneuern und auf den ursprünglichen Stand zu bringen, das richtige Gleichgewicht von Rechten und Pflichten wiederherzustellen, dem maßlosen Hunger nach Macht Einhalt zu gebieten, die Leidenschaft zu dämmen und die verletzte Gerechtigkeit durch das Verströmen seiner Liebe zu ergänzen und zu vollenden. Jener eine nämlich, der den Winden und Wettern gebieten konnte, der die Wellen des stürmenden Meeres beruhigen und besänftigen konnte, vermag nicht weniger den Willen der Menschen zur Eintracht und zur brüderlichen Liebe zu führen; er vermag auch dahin zu wirken, dass nach unerwarteter, glücklicher Beilegung aller Gegensätze unter den Nationen, nicht durch Gewalt, sondern in Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe, den Händen die Schwerter und Waffen entfallen, welche sich nun endlich zu freundschaftlichem Bunde vereinen.

So bitten Wir nun, die Wir zu allen väterliche Gesinnung im Herzen tragen und an der Trauer und Angst unserer Söhne mitleidend teilnehmen, an diesem hohen Festtag den göttlichen Erlöser flehentlich, er wolle den Königen und Fürsten und dem ganzen christlichen Volke Frieden, Eintracht und Einigkeit verleihen (Vgl. Allerheiligenlitanei). Amen.

Meine Werkzeuge